Skizzen
zum persönlichen Glaubensleben in den lutherischen Bekenntnisschriften, in
erster Linie der Apologie
Roland
Sckerl
Immer wieder ist, nicht zuletzt durch den
Pietismus und die Evangelikalen, der Eindruck erweckt worden, das Luthertum,
zumindest bis zum Pietismus und der Erweckungszeit im 19. Jahrhundert, habe
keinen so großen Wert auf das persönliche Glaubensleben gelegt, sondern mehr
auf den historischen Glauben, auf die reine Lehre. Nun ist es völlig richtig,
dass die reine Lehre, wie Gott sie in der Bibel vorgegeben hat, für das
Luthertum immer eine herausragende Rolle gespielt hat, wovon auch die
bedeutenden theologischen Werke nicht nur der lutherischen Orthodoxie, sondern
auch davor und danach zeugen, nicht zuletzt auch die lutherischen
Bekenntnisschriften. Aber es ist völlig verkehrt, wenn man meint, dass das
persönliche Glaubensleben deshalb zurückgetreten sei. Wer Luther aufmerksam
liest, der wird immer wieder feststellen, dass es ihm gerade darum geht,
nämlich dass der einzelne Mensch zur rechten Sündenerkenntnis und dann zum
rechtfertigenden Glauben an Jesus Christus kommt und dann durch den Heiligen
Geist auch erneuert wird zu einem neuen Leben mit guten Werken. Der persönliche
Glaube, die persönliche Heilsgewissheit waren Luther eminent wichtig, hatte er
doch selbst jahrelang darum gerungen. Und auch die lutherischen
Bekenntnisschriften sind eigentlich eine gute Anleitung für das persönliche
Glaubensleben, sowohl dazu, wie ein Mensch zum Glauben kommt, als auch dazu,
wie wir im Glauben leben sollen.
Schon die lutherische Orthodoxie hat nach
ihrer goldenen Zeit in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts am Anfang
des 17. Jahrhunderts anscheinend den Eindruck gehabt, man müsse auch mehr dem
persönlichen Glaubensleben sich zuwenden, was an sich ja nicht verkehrt war –
und hat dann leider einen Irrweg eingeschlagen. Anstatt auf Luther und die
lutherischen Bekenntnisschriften zurückzugehen und die großen Schätze, die dort
für das persönliche Christenleben bereit liegen, zu heben und entsprechend darzubieten,
ist sie entweder auf die Mystik, auch römisch-katholische Mystik, und die
Theosophie verfallen (Arndt) oder hat puritanische Literatur ins Land geholt,
die lutherischer Frömmigkeit vielfach ganz fremd ist und hat so, ungewollt, den
Weg zum Pietismus geebnet.
Hier soll nun versucht werden, einige
Wegweisungen für das persönliche Glaubensleben aus der Apologie und anderen
Bekenntnisschriften aufzugreifen, vor allem aus dem dritten und vierten Artikel
sowie aus dem Artikel über die Buße, einem für Luther und die lutherische
Theologie gerade im Blick auf das Glaubensleben eminent wichtigen Thema.
Die
Buße (im weiteren Sinn), gewirkt vom Heiligen Geist durch Gesetz und Evangelium
Grundlegend für das rechte Verständnis der
Schrift und für ein entsprechend aus der Schrift erwachsendes Glaubensleben ist
die klare Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. „Die ganze
Schrift, beide, Alten und Neuen Testaments, wird in die zwei Stücke geteilt und
lehrt diese zwei Stücke, nämlich Gesetz und göttliche Verheißung. Denn an
etlichen Orten hält sie uns vor das Gesetz, an etlichen bietet sie Gnade an
durch die herrlichen Verheißungen von Christus.“ (Apol. IV,5.)
Nun ist es ganz wichtig, das Gesetz richtig
zu verstehen, eben nicht nur äußerlich, oberflächlich, wie die Vernunft die
zehn Gebote auffasst, das natürliche Gesetz, das uns auch ins Herz geschrieben
ist, und dann meint, durch das Gesetz könne man Vergebung der Sünden erlangen
(Apol. IV,7-8). „Die Zehn Gebote aber fordern nicht allein ein äußerlich
ehrbares Leben oder gute Werke, welche die Vernunft etlichermaßen
vermag zu tun, sondern fordern etwas viel Höheres, welches über alle
menschlichen Kräfte, über alles Vermögen der Vernunft ist, nämlich will das
Gesetz von uns haben, dass wir Gott sollen mit ganzem Ernst von Herzensgrund
fürchten und lieben, ihn in allen Nöten allein anrufen und sonst auf nichts
einigen Trost setzen. Ebenso will das Gesetz haben, dass wir nicht weichen noch
wanken sollen, sondern aufs allergewisseste im Herzen schließen, dass Gott bei
uns sei, unser Gebet erhört, und dass unser Seufzen und Bitten Ja sei. Ebenso,
dass wir von Gott noch Leben und allerlei Trost erwarten sollen mitten im Tod,
in allen Anfechtungen seinem Willen uns gänzlich anheimgeben, im Tod und
Trübsal nicht von ihm fliehen, sondern ihm gehorsam sein, gerne alles tragen
und leiden, wie es uns geht.“ (Apol. IV,7-8.) Da wird deutlich: Gottes
Gesetz geht es um unsere Herzenshaltung, geht es darum, wie wir zu Gott stehen,
dass wir ihn von ganzem Herzen über alles fürchten, lieben und vertrauen, von
ihm alles erwarten und erhoffen (wie es Luther auch in der Erklärung zum ersten
Gebot im Kleinen und Großen Katechismus dargelegt hat). Luther hat gerade in
den beiden Katechismen in den Geboten das Gesetz Gottes klar dargelegt, im
Kleinen Katechismus in knapper Form, im Großen Katechismus sehr ausführlich.
(Im „Betbüchlein“ hat er außerdem, als Hilfestellung
auch für die Selbstprüfung, etwa vor dem Gang zum Abendmahl, vor der Beichte,
die zehn Gebote durch helfende Fragen erläutert.) Daran macht der Heilige Geist
durch das Gesetz unsere Sünde, ja, unsere abgrundtiefe Verdorbenheit,
unser Getrenntsein von Gott nach unserem natürlichen Menschen deutlich, nämlich
dass wir eben genau diese Forderungen des Gesetzes gar nicht erfüllen können.
Und das macht wieder deutlich: Durch eigene Anstrengungen, durch eigene gute
Werke können wir Gott nicht zufrieden stellen, können wir nicht seine
Vergebung, seine Gerechtigkeit erlangen. Denn: Könnten wir es, wozu hätte
Christus dann in diese Welt kommen müssen, wozu hätte er dann für uns leiden
und blutig am Kreuz sterben müssen (Apol. IV,12-14)? Denn es wäre zu wenig, nur
eine „erste Gnade“ durch ihn zu bekommen, um dann aus eigener Kraft weiter zu
arbeiten, um sich den Himmel zu verdienen. Jemand, der tot ist in Sünden und
Übertretungen, der kann das nicht. Denn wie soll die verfinsterte Vernunft
entsprechende Werke hervorbringen? Daran werden unsere Verdorbenheit und Verlorenheit
vor Gott so recht deutlich. Denn das ist ja unser natürlicher Zustand, so
werden wir schon geboren: völlig untüchtig zu Gottes Sachen, können Gott nicht
von Herzen fürchten, lieben und vertrauen. „In diesem erscheint genug, dass
wir von allen, so aus dem Fleisch geboren sind, sagen, dass sie untüchtig sind
zu allen Gottes Sachen, Gott nicht herzlich fürchten, ihm nicht glauben noch
vertrauen können. Da reden wir von angeborener böser Art des Herzens, nicht
allein von der actuali culpa oder von wirklicher
Schuld und Sünden. Denn wir sagen, dass in allen Adamskindern eine böse Neigung
und Lust sei und dass niemand sich selbst ein Herz könne oder vermöge zu
machen, das Gott erkenne oder Gott herzlich vertraue, herzlich fürchte.“
(Apol. II,3.) „Darum nennen wir es auch nicht allein eine böse Lust, sondern
sagen auch, dass alle Menschen in Sünden, ohne Gottesfurcht, ohne Glauben
geboren werden. … nämlich dass wir Menschen alle so von Art geboren werden,
dass wir Gott oder Gottes Werk nicht kennen, nicht sehen noch merken, Gott
verachten, Gott nicht ernstlich fürchten noch vertrauen, seinem Gericht oder
Urteil feind sind.“ (Apol. II,7 ff.) Darum ist es unmöglich, dass wir aus
eigener Kraft gerecht werden oder auch nur irgendetwas zu unserer Errettung
beitragen könnten. Denn so heißt es schon in Psalm 14 und Psalm 5, von Paulus
in Römer 3 zitiert: „Da ist keiner, der gerecht sei, auch nicht einer; da
ist keiner, der nach Gott frage, da ist keiner, der Gute tue, auch nicht einer.
(14,3) Ihr Schlund ist ein offenes Grab, Otterngift ist unter ihren Lippen. Es
ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen. (5,10)“ (Apol. II,13.) Bedenke
auch: Reinigkeit, Heiligkeit gemäß der Bibel meint ja
nicht nur die guten Werke nach der zweiten Tafel – und selbst die kann ein
Mensch nur oberflächlich tun, nie im Blick auf das vollkommene Herz, das dabei
gefordert wird –, sondern gerade auch die Werke nach der ersten Tafel, was
besonders das erste Gebot meint, Gott von Herzen fürchten, lieben, sich auf ihn
verlassen. Das ist ja auch mit der ursprünglichen Gottebenbildlichkeit Adams
und Evas gemeint gewesen, klare Erkenntnis Gottes, rechte Gottesfurcht, rechte
herzliche Liebe und unbedingtes Vertrauen von Herzen in allen Dingen (vgl. Apol.
II,15-17.22). Diese abgrundtiefe Verdorbenheit, das ist es ja, was mit der
Erbsünde und dem aus ihr folgendem Erbverderben gemeint ist, die böse Lust und
der völlige Mangel an der ursprünglichen Gerechtigkeit. „Die natürliche Lust
sei, dass natürlich wider Gottes Wort all unser Sinn, Herz und Mut steht, da
wir nicht allein suchen allerlei Wollust des Leibes, sondern auch auf unsere
Weisheit und Gerechtigkeit vertrauen und dagegen Gott vergessen und wenig, ja
gar nichts, achten.“ (Apol. II,26-27.) Weshalb ja auch Paulus 1. Korinther
2,14 sagt: ‚Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geist Gottes und kann es
nicht verstehen, denn es muss geistlich erkannt sein.‘ (vgl. Apol. II,30.) Diese
abgrundtiefe Verdorbenheit zu erkennen, das ist das erste Ziel des Wirkens des
Heiligen Geistes durch das Gesetz, da nur so ein Sehnen und Verlangen nach der
Gnade im Herzen entstehen kann.
Denn es sind in unserem natürlichen
Menschen nach dem Fall keinerlei Kräfte natürlicherweise übrig geblieben, mit
denen wir uns zur Gnade schicken könnten oder die, angeregt durch die Gnade,
mit der Gnade zusammenwirken könnten, sich zur Gnade bereiten, sich für Jesus
entscheiden könnten. „Die reinen Lehrer Augsburgischer Konfession haben
gelehrt und gestritten, dass der Mensch durch den Fall unserer ersten Eltern so
verderbt ist, dass er in göttlichen Sachen, unsere Bekehrung und Seelen
Seligkeit anbelangend, von Natur blind ist, wenn Gottes Wort gepredigt wird,
dasselbe nicht verstehe noch verstehen könne, sondern für eine Torheit halte,
auch aus sich selbst sich nicht zu Gott nähere, sondern ein Feind Gottes sei
und bleibe, bis er mit der Kraft des Heiligen Geistes durch das gepredigte und
gehörte Wort aus lauter Gnade ohne alles sein Zutun bekehrt, gläubig,
wiedergeboren und erneuert werde.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl. II,5.) „Unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis
ist wie folgt: Dass nämlich in geistlichen und göttlichen Sachen des unwiedergeborenen Menschen Verstand, Herz und Wille aus
eignen natürlichen Kräften ganz und gar nichts verstehen, glauben, annehmen,
gedenken, wollen, anfangen, verrichten, tun, wirken oder mitwirken könne,
sondern sei ganz und gar zum Guten erstorben und verdorben, so dass in der
Menschen Natur, nach dem Fall vor der Wiedergeburt, nicht ein Fünklein der geistlichen Kräfte übrig geblieben noch
vorhanden sei, mit welchem er aus sich selber sich zur Gnade Gottes bereiten
oder die angebotene Gnade annehmen, noch derselben für und von sich selbst
fähig sein oder sich dazu applizieren oder schicken könne oder aus seinen
eigenen Kräften etwas zu seiner Bekehrung, weder zum Ganzen noch zum halben
oder zu einigem dem wenigsten oder geringsten Teil, helfen tun, wirken oder
mitwirken vermöge, von sich selbst, als von sich selbst, sondern sei der Sünden
Knecht, Joh. 8, und des Teufels Gefangener, davon er getrieben wird, Eph. 2,2;
2. Tim. 2,26. Daher der natürliche freie Wille seiner verkehrten Art und Natur
nach allein zu demjenigen, das Gott missfällig und zuwider ist, kräftig und
tätig ist.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,6-7.)
Wohl weißt du natürlicherweise, dass ein
Gott sei, aus der Schöpfung und aus deinem Gewissen, aber wer er wirklich ist,
wie er ist, wie er zu dir steht, das weißt du darum nicht (vgl. Konk.Formel, Ausf.Darl., II, 9). „Je
größeren Fleiß und Ernst sie anwenden und diese geistlichen Sachen mit ihrer
Vernunft begreifen wollen, je weniger sie verstehen oder glauben, und solches
alles allein für Torheit oder Fabeln halten, ehe sie durch den Heiligen Geist
erleuchtet und gelehrt werden, 1. Kor. 2,14: ‚Der natürliche Mensch vernimmt
nichts vom Geist Gottes, denn es ist ihm eine Torheit und kann es nicht
begreifen, denn es wird geistlich ergründet.“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., II,10.) Du bist ganz und gar geistlich
tot und bedarfst einer geistlichen Auferweckung, Lebendigmachung.
„Wie nun der Mensch, so leiblich tot ist, sich nicht kann aus eigenen
Kräften bereiten oder schicken, dass er das zeitliche Leben wieder bekomme: So
kann der Mensch, so geistlich tot ist in den Sünden, sich nicht aus eigener
Macht zur Erlangung der geistlichen und himmlischen Gerechtigkeit und Lebens
schicken oder wenden, wenn er nicht durch den Sohn Gottes vom Tod der Sünden
frei und lebendig gemacht wird.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl. II,11.) Ja, es ist noch schlimmer um uns nach
unserer Natur bestellt, nämlich dass wir nicht nur erstorben sind zu allem
Guten, sondern vielmehr unser Herz geneigt ist zu allem Bösen. „Zum anderen
zeugt Gottes Wort, dass des natürlichen, unwiedergeborenen
Menschen Verstand, Herz und Wille in Gottes Sachen ganz und gar nicht allein
von Gott abgewandt, sondern auch gegen Gott zu allem Bösen gewendet und
verkehrt sei. Ebenso nicht allein schwach, unvermögend, untüchtig zum Guten
erstorben, sondern auch durch die Erbsünde so jämmerlich verkehrt, durchgiftet
und verderbt sei, dass er von Art und Natur ganz böse und Gott widerspenstig
und feind und zu allem, das Gott missfällig und zuwider ist, allzu kräftig,
lebendig und tätig sei. 1. Mose 8,21: ‚Das Dichten und Trachten des
menschlichen Herzens ist nur böse von Jugend auf.‘ Jer. 17,9: ‚Des Menschen
Herz ist trotzig und verzagt‘ oder verkehrt und voll Elends, das nicht
auszugründen ist. Diesen Spruch erklärt Sankt Paulus Röm. 8,7: ‚Des Fleisches
Sinn ist eine Feindschaft gegen Gott.‘“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., II,17.)
Jeder muss sich daher fragen, ob der
Heilige Geist diese rechte Sünden- und Verdorbenheits- und
Verlorenheitserkenntnis schon in ihm gewirkt hat und er sich unter dieses
Urteil des Heiligen Geistes, unter den Zorn Gottes und sein Verdammungsurteil
auch gebeugt hat oder zwar um das alles weiß und doch weiter dem Wirken des
Heiligen Geistes widerstrebt und dadurch verloren geht. „Dies Stück aber
eigentlich und richtig zu lehren und was die Erbsünde sei oder nicht sei, ist
gar hoch vonnöten, und kann niemand sich nach Christus, nach dem
unaussprechlichen Schatz göttlicher Huld und Gnade, welche das Evangelium
vorträgt, herzlich sehnen oder danach Verlangen haben, der nicht seinen Jammer
und Seuche erkennt, wie Christus sagt Matth. 9,12; Mark. 2,17: ‚Die Gesunden
bedürfen des Arztes nicht.‘ Alles heilige, ehrbare Leben, alle guten Werke, so
viel immer ein Mensch auf Erden tun kann, sind vor Gott eitel Heuchelei und Greuel, wir erkennen denn erst, dass wir von Art elende
Sünder sind, welche in der Ungnade Gottes sind, Gott weder fürchten noch
lieben. So sagt der Prophet Jer. 31,19: ‚Dieweil du mir es gezeigt hast, bin
ich erschrocken.‘ Und der 116. Psalm: ‚Alle Menschen sind Lügner‘, das ist, sie
sind nicht recht gesinnt vor Gott.“ (Apol. II, 33-34.) Und was ist die
Folge dieser Verdorbenheit? Das ist unsere Verlorenheit, dass Gott uns
gerichtet hat und wir natürlicherweise dem Reich des Teufels unterworfen sind. „Denn
da wird die menschliche Natur nicht allein verurteilt zum Tod und anderen
leiblichen Übeln, sondern dem Reich des Teufels unterworfen. Denn da wird dies
schreckliche Urteil gefällt: ‚Ich will Feindschaft zwischen dir und dem Weib,
zwischen ihrem Samen und deinem Samen setzen‘ usw. Der Mangel der ersten
Gerechtigkeit und die böse Lust sind Sünde und Strafe. Der Tod aber und die
anderen leiblichen Übel, die Tyrannei und Herrschaft des Teufels sind
eigentlich die Strafen und poenae der Erbsünde. Denn
die menschliche Natur ist durch die Erbsünde unter des Teufels Gewalt dahin
gegeben und ist so gefangen unter des Teufels Reich. … Wir können uns aus
eigenen Kräften aus diesem Gefängnis auch nicht helfen. … So uns nun Christus
darum gegeben ist, dass er diese Sünden und schweren Strafen der Sünden
wegnehme, die Sünde, den Tod, des Teufels Reich uns zugut überwinde, kann
niemand herzlich sich freuen des großen Schatzes, niemand die überschwänglichen
Reichtümer der Gnaden erkennen, er fühle denn zuerst diese Last, unser
angeborenes großes Elend und Jammer.“ (Apol. II,46-50.)
Wie aber kann der abgrundtief verdorbene
und eigentlich verlorene Sünder vor Gott gerecht werden, Vergebung erlangen? „Denn
sie [die römisch-katholischen Theologen] verschweigen gar, dass wir
lauter aus Gnaden ohne Verdienst Vergebung der Sünden durch ihn [Christus]
erlangen, … so doch die ganze Schrift sagt, dass wir das Gesetz nicht vermögen
zu erfüllen oder zu halten. Und so die Vernunft am Gesetz nichts ausrichtet,
als dass sie allein äußerliche Werke tut, im Herzen aber fürchtet sie Gott
nicht: So glaubt sie auch nicht, dass Gott sie wahrnehme. Und wiewohl dass sie
von dem habitu so redet, so ist es doch gewiss, dass
ohne den Glauben an Christus rechte Liebe in keinem Herzen sein kann, so kann
auch niemand verstehen, was Gottes Liebe ist, ohne den Glauben.“ (Apol.
IV,18.) Denn diese äußerlichen Werke der Vernunft sind fleischlich, können
daher Gott nicht gefallen. Sie haben zwar ihren Wert für das äußere
Zusammenleben der Menschen und sind insofern wichtig und werden von Gott durch
leibliche Gaben in diesem Leben belohnt – aber Vergebung der Sünden erlangen
sie nicht (Apol. IV,22-24).
„Ihr habt Christus verloren, die ihr
durch des Gesetzes Werke gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen.
Denn ihr erkennt die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachtet, eure
eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und seid der Gerechtigkeit die vor Gott
gilt, nicht untertan. Denn wie Christus des Gesetzes Ende ist, so ist auch der
Heiland der verderbten Natur Christus. Ebenso Joh. 3,36: ‚So euch der Sohn frei
macht, seid ihr recht frei.‘ Deshalb können wir durch die Vernunft oder unsere
guten Werke nicht frei werden von den Sünden oder Vergebung der Sünden
verdienen. Ebenso Joh. 3,5 steht geschrieben: ‚Wenn jemand nicht von neuem
geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes
kommen.‘ So nun das dazu gehört, dass wir durch den Heiligen Geist müssen neu
geboren werden, so werden uns unsere guten Werke oder eigenen Verdienste nicht
gerecht machen vor Gott, so können wir das Gesetz nicht halten noch erfüllen. …
Ebenso Röm. 8,7.8: ‚Fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft gegen Gott,
da sie dem Gesetz nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht; die aber
fleischlich gesinnt sind, können Gott nicht gefallen.‘ … Ist nun die Vernunft
und fleischlich gesinnt sein eine Feindschaft gegen Gott, so kann kein Mensch
ohne den Heiligen Geist herzlich Gott lieben. Ebenso: Ist fleischlich gesinnt
sein eine Feindschaft gegen Gott, so sind wahrlich die besten Werke unrein und
Sünde, die immer ein Adamskind tun mag. Ebenso: Kann das Fleisch Gottes Gesetz
nicht untertan sein, so sündigt wahrlich auch ein Mensch, wenn er gleich edle,
schöne, köstliche gute Werke tut, die die Welt groß achtet.“ (Apol. IV,33
ff.) Damit werden uns Menschen nach unserem natürlichen Zustand alle
Möglichkeiten konsequent abgeschnitten, aus eigenem Vermögen oder Mittun etwas
zu unserer Vergebung, zu unserem ewigen Heil, unserer Gerechtigkeit vor Gott
beizutragen. Das ist der Punkt, an den der Heilige Geist durch das Gesetz uns
Menschen bringen will und muss, dass wir unsere abgrundtiefe Verdorbenheit und
Verlorenheit vor Gott wahrhaft erkennen, dass wir erfassen, dass wir Gott gar
nichts bringen können und nur mit Sünden beladen vor ihm stehen, dass
natürlicherweise also Gottes Zorn und Verdammungsurteil über uns steht und
dadurch nun das Herz und Gewissen zutiefst erschreckt und zerbrochen werden. So
bereitet der Heilige Geist den Boden für die frohe Botschaft, das Evangelium
der Rettung allein durch Jesus Christus.
„Dieweil denn kein Mensch aus seinen
Kräften Gottes Gesetz zu halten vermag, und sind alle unter der Sünde, schuldig
des ewigen Zorns und Todes, so können wir durch das Gesetz die Sünde nicht los
noch vor Gott fromm werden, sondern es ist verheißen Vergebung der
Sünde und Gerechtigkeit durch Christus, welcher für uns gegeben ist, dass er
die Sünde der Welt bezahlt, und ist der einige Mittler und Erlöser. Und
diese Verheißung lautet nicht so, durch Christus habt ihr Gnade, Heil usw., so
ihr’s verdient, sondern lauter aus Gnade bietet er an Vergebung der Sünde, wie
Paulus sagt: ‚So aus den Werken Vergebung der Sünde ist, so ist’s nicht Gnade.‘
Und an einem anderen Ort: ‚Diese Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist ohne
Gesetz offenbart‘, das ist, umsonst wird Vergebung der Sünde angeboten. Und
darum liegt’s nicht an unserem Verdienst, dass wir Gott versöhnt werden.“
(Apol. IV,40-42.) Das ist’s nun, wie allein wir für Zeit und Ewigkeit gerettet
werden können: Nicht durch eigene Werke, eigene Anstrengungen, eigene
Mitarbeit, sondern allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst willen, der
durch seinen blutigen Gehorsam, Leiden und Sterben für unsere Sünden vor Gott
genuggetan, sie völlig bezahlt hat und uns nun seine Gerechtigkeit, die
Vergebung der Sünden anbietet, dass wir sie durch den Glauben empfangen,
ergreifen und uns dabei Vergebung und ewiges Leben zusagt. „Deshalb lehrt,
rühmt, predigt und preist das Evangelium die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben
kommt an Christus, welche nicht eine Gerechtigkeit des Gesetzes ist. … Denn das
Gesetz fordert von uns gute Werke und will haben, dass wir inwendig im Herzen
gottesfürchtig und ganz rechtschaffen sind. Aber die göttliche Zusage, die
bietet uns an, als denjenigen, die von der Sünde und Tod überwältigt sind,
Hilfe, Gnade und Versöhnung um Christi willen, welche Gnade niemand mit Werken
fassen kann, sondern allein durch den Glauben an Christus. Derselbe
Glaube bringt noch schenkt Gott dem HERRN kein Werk, kein eigenes Verdienst,
sondern baut bloß auf lauter Gnade und weiß sich nichts zu trösten noch zu
verlassen als allein auf Barmherzigkeit, die verheißen ist in Christus.
Derselbe Glaube nun, da ein jeder für sich glaubt, dass Christus für
ihn gegeben ist, der erlangt allein Vergebung der Sünde um Christi willen
und macht uns vor Gott fromm und gerecht. Und dieweil derselbe in
rechtschaffener Buße ist, unsere Herzen auch im Schrecken der Sünde und des
Todes wieder aufrichtet, so werden wir durch denselben neu geboren und kommt
durch den Glauben der Heilige Geist in unser Herz, welcher unser Herz erneuert,
dass wir Gottes Gesetz halten können, Gott recht lieben, gewiss fürchten, nicht
wanken noch zweifeln, Christus sei uns gegeben, er erhöre unser Rufen und
Bitten, und dass wir in Gottes Willen uns fröhlich ergeben können auch mitten
im Tod. … Derselbe Glaube ist eine rechte Erkenntnis Christi. Wer so glaubt,
der erkennt die große Wohltat Christi und wird eine neue Kreatur; und ehe ein
solcher Glaube im Herzen ist, kann niemand das Gesetz erfüllen.“ (Apol. IV,
43-47.) Hier wird es noch einmal ganz klar: Das Gesetz kann nur fordern, aber
es gibt uns nichts, diese Forderung auch erfüllen zu können. Christus aber
schenkt uns alles aus Gottes erbarmender Liebe: Vergebung der Sünden,
Gerechtigkeit vor Gott und damit das ewige Leben. Und diese Zusage des
Evangeliums haben wir nicht anders als allein durch den Glauben an Christus,
der das eben als für sich ganz persönlich relevant erfasst, ergreift, indem er
Christus als seinen alleinigen Retter, seinen Erlöser, seinen Mittler ergreift
– und das gegen alle Anfechtungen durch Sünde, Leid, Tod. Da, wo der Heilige
Geist dies durch das Evangelium in einem Menschen gewirkt hat, da hat er den
Menschen neu geboren, ist in sein Herz eingezogen mit dem Vater und dem Sohn,
und erneuert nun, als Frucht, als Folge der Wiedergeburt, Rechtfertigung, des
Menschen Herz, Sinn, Wollen, Tun, Lassen und macht so aus ihm eine neue
Kreatur. All das ist also Gottes des Heiligen Geistes Werk durch das
Evangelium, einschließlich des Glaubens, den er wirkt – und der Erlöste glaubt
nun auch wahrhaft, persönlich, unter normalen Umständen auch bewusst und lebt
dies neue Leben – in aller Schwachheit, Angefochtenheit,
in täglicher Sündenerkenntnis, Reue, Umkehr, Vergebung.
Was also ist der rechtfertigende Glaube?
Er ist nicht bloß historischer Glaube, also der Glaube der den historischen
Berichten in der Bibel zustimmt, sie für richtig, für so geschehen anerkennt.
Das gehört gewiss mit dazu. Aber das ist zu wenig. Das glaubt der Teufel auch.
Nein, rechtfertigender Glaube ist das gewisse Vertrauen im Herzen, das sich
ganz und gar an Gottes Zusage in Jesus Christus hält, nämlich dass ich durch
ihn, den Retter, den Mittler, Vergebung der Sünden, Gnade und ewiges Heil habe.
Und das heißt: Der rechtfertigende Glaube empfängt das Geschenk Gottes in
Christus von Herzen, dankbar, und lebt von diesem Geschenk. Er muss nichts dazu
tun, um gerettet zu werden, das wäre Gesetz, wäre Werkgerechtigkeit. „Darum,
der Glaube, welcher vor Gott fromm und gerecht macht, ist nicht allein dieses,
dass ich wisse die Geschichten, wie Christus geboren, gelitten usw. (das wissen
die Teufel auch), sondern ist die Gewissheit oder das gewisse, feste Vertrauen
im Herzen, da ich mit ganzem Herzen die Zusage Gottes für gewiss und wahr
halte, durch welche mir angeboten wird ohne mein Verdienst Vergebung der
Sünden, Gnade und alles Heil durch den Mittler Christus. … und ist nicht mein
Tun, nicht mein Schenken und Geben, nicht mein Werk oder Bereiten, sondern dass
ein Herz sich des tröstet und ganz darauf verlässt, dass Gott uns schenkt, uns
gibt und nicht wir ihm, dass er uns mit allem Schatz des Evangeliums in
Christus überschüttet.“ (Apol. IV,49.) Das heißt also: Da ist Gottes Wort,
Gottes Evangelium, Gottes Zusage in Christus – und dieser Zusage vertraut der
Glaube, die nimmt er so an, wie sie lautet. „Deshalb muss die Gerechtigkeit
durch den Glauben komme, auf dass die Verheißung fest bleibe. (Röm. 4,16.)“
(Apol.IV,50.)
Was ist es also um den rechtfertigenden
Glauben? Da ist zunächst das Evangelium, die Zusage Gottes in Christus, dann
dass diese Zusage aus lauter Gnade, erbarmender Liebe, ohne unser Verdienst
angeboten, dargereicht wird – und dass diese Zusage versiegelt ist durch
Christi blutigen Gehorsam, Leiden und Sterben für uns. Das sind die Grundlagen,
worauf unser Glaube ruht. Darum muss er nicht im Nebel stochern, darum ist er
nicht ungewiss, sondern er hält sich an die von Gott vorgegebenen Zusagen. „Daher,
so oft wird reden von dem Glauben, der gerecht macht oder fide iustificante, so sind
allezeit diese drei Stücke oder obiecta beieinander:
Erstlich die göttliche Verheißung, zum anderen, dass dieselbe
umsonst, ohne Verdienst, Gnade anbietet, zum dritten, dass Christi Blut
und Verdienst der Schatz ist, durch welchen die Sünde bezahlt ist. Die
Verheißung wird durch den Glauben empfangen; dass sie aber ohne Verdienst Gnade
anbietet, da gehen all unsere Verdienst und Würdigkeit unter und zu Boden und
wird gepriesen die Gnade und große Barmherzigkeit.“ (Apol. IV,53.)
Damit aber der Heilige Geist diesen
rechtfertigenden Glauben wirken kann, lässt Christus zunächst predigen Buße,
das heißt, der Heilige Geist straft durch das Gesetz die Sünde, dass sie uns
recht als Sünde erscheine, verdammungswürdig, und so den Schrecken im Gewissen
vor Gottes gerechtem Zorn bewirkt, dass wir Sünder recht unsere Verdorbenheit
und Verlorenheit vor Gott erkennen, um dann den Trost im Evangelium zu suchen,
nämlich die Vergebung der Sünden, Versöhnung mit Gott, Gerechtigkeit durch
Christus – und das frei, umsonst, empfangen, ergriffen allein durch den
Glauben, den der Heilige Geist durch das Evangelium wirkt und damit die neue
Geburt schenkt und als Folge, Frucht damit ein neues Leben, eine neue Kraft im
Herzen, Sinn und so einen anderen, neuen, Gott wohlgefälligen Menschen aus uns
macht, durch den der Heilige Geist, der mit dem Vater und dem Sohn dann im
Herzen dieses wiedergeborenen Menschen wohnt, gute Frucht wirkt. Das heißt aber
zugleich, dass solch ein neuer Mensch aus der Kraft des Heiligen Geistes eine
willentliche, bewusste Trennung von der Sünde vollzogen hat. All das, und
das ist ganz wichtig, wirkt der Heilige Geist allein durch Gottes Wort. Nur
durch das Wort kann ein Sünder zum Glauben und damit zu Gott, zu Christus
kommen, denn nur durch das Wort zieht der Vater zum Sohn. Darum ist es so
unerlässlich, die Bibel regelmäßig zu lesen, die Predigt zu hören, der
Auslegung in der Bibelstunde zu folgen – und das Wort als für sich persönlich
geltend anzunehmen. „Christus befiehlt durch Lukas im letzten Kapitel, zu
predigen Buße und Vergebung der Sünden. Das Evangelium auch straft alle
Menschen, dass sie in Sünden geboren seien und dass sie alle schuldig des
ewigen Zorns und Todes seien, und bietet ihnen an Vergebung der Sünden und
Gerechtigkeit durch Christus. Und dieselbe Vergebung, Versöhnung und Gerechtigkeit
wird durch den Glauben empfangen. Denn die Predigt von der Buße oder diese
Stimme des Evangeliums: Bessert euch, tut Buße, wenn sie recht in die
Herzen geht, erschreckt sie die Gewissen und ist nicht ein Scherz, sondern ein
großer Schrecken, da das Gewissen seinen Jammer und Sünde und Gottes Zorn
fühlt. In dem Erschrecken sollen die Herzen wieder Trost suchen. Das geschieht,
wenn sie glauben an die Verheißung von Christus, dass wir durch ihn Vergebung
der Sünden haben. Der Glaube, welcher in solchem Zagen und Schrecken die
Herzen wieder aufrichtet und tröstet, empfängt und empfindet Vergebung der
Sünde, macht gerecht und bringt Leben; denn derselbe starke Trost ist eine
neue Geburt und ein neues Leben. … So wir aber von einem solchen Glauben reden,
welcher nicht ein müßiger Gedanke ist, sondern ein solches neues Licht, Leben
und Kraft im Herzen, welche Herz, Sinn und Mut erneuert, einen anderen Menschen
und neue Kreatur aus uns macht, nämlich ein neues Licht und Werk des Heiligen
Geistes, so versteht ja männiglich, dass wir nicht von solchem Glauben reden,
dabei Todsünde ist, wie die Widersacher vom Glauben reden. Denn wie will Licht
und Finsternis beieinander sein? Denn der Glaube, wo er ist und dieweil er da
ist, gebiert er gute Frucht.“ (Apol.
IV,62-63.64-65.) „Nun kann man mit Gott doch je nicht handeln; so lässt sich
Gott nicht erkennen, suchen noch fassen, als allein im Wort und durchs Wort,
wie Paulus sagt: ‚Das Evangelium ist eine Kraft Gottes allen, die daran
glauben.‘ Ebenso an die Römer im 10. Kapitel: ‚Der Glaube ist aus dem Gehör.‘“
(Apol. IV,68.) Darum muss das Wort Gottes im Zentrum unseres persönlichen
Glaubenslebens wie auch der Gemeinde/Kirche stehen. Jeder, der wahrhaft und
entschieden Christ sein will, muss sich daher auch fragen, ob der Heilige Geist
denn bei ihm rechte Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis gewirkt hat, ob er
recht erkannt hat, dass er ein Sünder ist, der Gott nichts bringen kann, und ob
er darum, hervorgebracht durch den Heiligen Geist mittels des Evangeliums, bewusst
sich an die Gnade Christi als seines Retters hält und nur durch dessen
Gerechtigkeit selig wird. Denn das, was einst, wenn die Person als Säugling
getauft wurde, in der Taufe geschenkt und im (noch unbewussten) Glauben
empfangen wurde, das gilt es dann auch später im bewussten Glauben für sich
persönlich zu ergreifen, um dann auch, bewirkt und geleitet durch den Heiligen
Geist, bewusst und willentlich Christus nachzufolgen im neuen Leben. Dabei gilt
es aber im Auge zu haben, dass die Buße nicht eine einmalige Angelegenheit ist,
sondern, wie Luther auch in der erste der 95 Thesen es ausdrückte und auch im
Hauptstück von der Taufe (s. Abschnitt „Das neue Leben“), sich unser ganzes
Leben durchzieht. Allerdings gilt es, dass zunächst durch das Werk des Heiligen
Geistes klar wird, welchen Weg wir gehen, ob wir zu Jesus Christus als unserem
Heiland gehören oder nicht (grundlegende Buße oder Bekehrung). Grundsätzlich
ist aber der Vorgang der Buße immer gleich und brauchen wir tägliche
Sündenerkenntnis, Traurigkeit über die Sünde, Umkehr, Glauben, Vergebung, nur
dass beim Gläubigen die Buße nicht nur aus dem Erschrecken über das Gesetz
kommen sollte, sondern auch aus der Liebe zu Gott, der durch die Sünde
beleidigt wurde. Buße ist daher ein zentrales Thema genuin lutherischer
Theologie und lutherischer Frömmigkeit.
Die
Bekehrung des Sünders durch den Heiligen Geist mittels des Evangeliums
Wie oben schon dargelegt (Konk.Formel, Ausf.Darl., II,11),
sind wir natürlicherweise tot in Übertretungen und Sünden, geistlich gänzlich
tot und erstorben, und bedürfen daher einer neuen Geburt, einer Geburt von
oben, einer geistlichen Auferweckung, Lebendigmachung
durch Christus und seinen Geist, wenn wir nicht ewig sollen verloren gehen. „Also
nimmt die Schrift des natürlichen Menschen Verstand, Herzen und Willen alle
Tüchtigkeit, Geschicklichkeit, Fähigkeit und Vermögen, in geistlichen Sachen
etwas Gutes und Rechtes zu denken, zu verstehen, können, anfangen, wollen,
vornehmen, tun, wirken oder mitwirken, als von sich selbst, 2. Kor. 3,5. ‚Wir
sind nicht tüchtig, etwas zu denken, als von uns selber, sondern dass wir
tüchtig sind, ist von Gott.‘ Röm. 3,12: ‚Sie sind allesamt untüchtig.‘ … Viel
weniger wird er dem Evangelium wahrhaft glauben oder das Jawort dazu geben und
für Wahrheit halten können. Röm. 8,7: ‚Des Fleisches oder natürlichen Menschen
Sinn ist eine Feindschaft gegen Gott, da er dem Gesetz Gottes nicht untertan
ist, denn er vermag es auch nicht.‘“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., II,12.13.) Der natürliche Mensch lebt
also in der Finsternis und Unwissenheit der Sünde, im Gefängnis des Teufels und
des Todes und kommt nur dann frei, wenn Gottes Sohn ihn frei macht, nämlich ihn
durch die Taufe und den Heiligen Geist wiedergebärt und erleuchtet. (vgl. Konk.Formel, Ausf.Darl., II,15.)
Darum ist es so nötig, dass, sobald du auch
nur erweckt bist, dass du Interesse am Christentum, dass du etwas
Sündenerkenntnis bekommen hast, ein Interesse, Gottes Wort zu lesen, so bitte
Gott, dass er durch seinen Geist dir sein Wort aufschließe, wie ja auch
diejenigen, die schon wiedergeboren sind, ihn immer wieder darum bitten, dass
er ihren Verstand erleuchte, damit sie das Wort verstehen, die göttliche Lehre
recht fassen und lernen können (vgl. Konk.Formel, Ausf.Darl., II,15). Und so bitte auch du immer um rechte,
lebendige Erkenntnis deiner Sünden, deiner abgrundtiefen Verdorbenheit, deiner
Verlorenheit ohne Christus, auch um eine rechte, lebendige Erkenntnis und
Erfahrung der erbarmenden Liebe Gottes in Jesus Christus, dass du ihn als
deinen Retter, Heiland erkennst und im Glauben ergreifst.
Denn da ist nichts, gar nichts, das wir zu
unserer Bekehrung, Wiedergeburt, Erlösung beitragen könnten, weil unser Herz
hart ist wie Stein und nur widerstrebt. „Dass der freie Wille aus seinen
eigenen natürlichen Kräften nicht allein nichts zu seiner eigenen Bekehrung,
Gerechtigkeit und Seligkeit wirken oder mitwirken, noch dem Heiligen Geist, so
ihm durch das Evangelium Gottes Gnade und die Seligkeit anbietet, folgen,
glauben oder das Jawort dazu geben kann, sondern aus angeborener, böser,
widerspenstiger Art Gott und seinem Willen feindlich widerstrebt, wenn er nicht
durch Gottes Geist erleuchtet und regiert wird. Deshalb auch die Heilige
Schrift des unwiedergeborenen Menschen Herz einem
harten Stein, so dem, der ihn anrührt, nicht weicht, sondern widersteht, und
einem ungehobelten Block und wildem unbändigem Tier vergleicht, nicht, dass der
Mensch nach dem Fall nicht mehr eine vernünftige Kreatur sei oder ohne Hören
und Betrachtung des göttlichen Wortes zu Gott bekehrt werde oder in äußerlichen
weltlichen Sachen nichts Gutes oder Böses verstehen oder freiwillig tun oder
lassen könne.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,18-19.)
Es ist aber der Wille des in Christus
liebenden, gnädigen, erbarmenden Gottes, dass wir bekehrt werden durch das
Wirken des Heiligen Geistes mittels des Evangeliums. „Und da Gott, nach
seinem gerechten strengen Gericht, die gefallenen bösen Geister gänzlich in
Ewigkeit verworfen, hat er doch aus besonderer lauterer Barmherzigkeit gewollt,
dass die arme gefallene menschliche Natur wiederum der Bekehrung, der Gnade Gottes
und des ewigen Lebens fähig und teilhaftig werden und sein möchte, nicht aus
eigener, natürlicher, wirklicher Geschicklichkeit, Tüchtigkeit oder Fähigkeit
(denn es ist eine widerspenstige Feindschaft gegen Gott), sondern aus lauter
Gnaden, durch gnädige, kräftige Wirkung des Heiligen Geistes.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., II,22.)
Dieses Werk der Bekehrung aber kann kein
Sünder selbst tun, weder vollständig noch zu irgendeinem noch so geringen Teil,
sondern das Werk der Bekehrung oder Wiedergeburt des Sünders ist völlig und
ganz das Werk des Heiligen Geistes durch Gesetz (Sündenerkenntnis, Reue,
Abscheu vor der Sünde) und Evangelium (Glauben an Christus). „Wie dann zum
dritten die Heilige Schrift die Bekehrung, den Glauben an Christus, die
Wiedergeburt, Erneuerung und alles, was zu derselben wirklichem Anfang und
Vollziehung gehört, nicht den menschlichen Kräften des natürlichen freien
Willens, weder zum Ganzen noch zum Halben noch zu einigem, dem wenigsten oder
geringsten Teil zugelegt, sondern in solidum, das
ist, ganz und gar, allein der göttlichen Wirkung und dem Heiligen Geist
zuschreibt, wie auch die Apologie sagt. Die Vernunft und freier Wille vermögen etlichermaßen äußerlich ehrbar zu leben; aber neu geboren
werden, inwendig ein anderes Herz, Sinn und Mut bekommen, das wirkt allein der
Heilige Geist. Der öffnet den Verstand und das Herz, die Schrift zu verstehen
und auf das Wort Acht zu geben, wie Luk. 24,27 geschrieben: ‚Er öffnet ihnen
das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.‘ Ebenso Apg. 16,14: ‚Lydia
hörte zu, welcher tat der Herr das Herz auf, dass sie darauf Acht hatte, was
von Paulus geredet ward.‘ ‚Er wirkt in uns beides, das Wollen und das
Vollbringen.‘ Phil. 2,13. Gibt Buße, Apg. 5,31; 2. Tim. 2,25; wirkt den
Glauben, Phil. 1,29: ‚Euch ist von Gott gegeben, dass ihr an ihn glaubt.‘ Eph.
2,8: ‚Gottes Gabe ist es.‘ Joh. 6,29: ‚Das ist Gottes Werk, dass ihr an den
glaubt, den er gesandt hat.‘ Gibt ein verständiges Herz, sehende Augen, hörende
Ohren, 5. Mose 29,4: Matth. 13,15. Der Heilige Geist ist ein Geist der
Wiedergeburt und Erneuerung, Tit. 3,5.“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., II,25-26.) „In diesen Worten gibt D.
Luther, seligen und heiligen Gedenkens, unserem freien Willen keine einige
Kraft, sich zur Gerechtigkeit zu schicken oder danach zu trachten, sondern
sagt, dass der Mensch, verblendet und gefangen, allein des Teufels und was Gott
dem Herrn zuwider ist, tue. Darum ist hier kein Mitwirken unseres Willens in
der Bekehrung des Menschen, und muss der Mensch gezogen und aus Gott neu
geboren werden; sonst ist kein Gedanke in unserem Herzen, der sich zu dem
heiligen Evangelium, dasselbe anzunehmen, von sich selbst werden könnte.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., II,44.)
Wenn also jemand wirklich von Herzen das
Gute will und tut, so ist das nicht aus seinem eigenen Willen, sondern das ist
dann schon eine Frucht des Werkes des Heiligen Geistes (s.a. Eph. 2,10; vgl. Konk.Formel, Ausf.Darl. II,29).
Heißt das aber nun, dass du sozusagen im
Stuhl oder Sessel sitzen und warten sollst, bis der Heilige Geist dich mit
Gewalt bekehrt? Nein, keineswegs. Denn der Heilige Geist handelt
ordentlicherweise nicht ohne Mittel an dir, um dich zu bekehren, sondern
verwendet dazu das mündliche (oder geschriebene) Wort und die heiligen
Sakramente. Denn es ist durch Gottes Wort, dass der Heilige Geist rechte
Sünden-, Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis, rechte Buße, rechten
Glauben an Christus wirkt. Darum ruft Gott der HERR einen jeden auf, Gottes
Wort zu lesen und zu hören. Auch der unbekehrte Mensch kann äußerlich das Wort
hören und lesen, darin, in diesen äußerlichen Dingen hat er ja noch einen
freien Willen. Denn durch das Wort bricht Gott den widerstrebenden Willen und
die harten Herzen, zieht dich zu Christus, wirkt den Glauben und zieht so der
Heilige Geist in das Herz ein. „Deshalb lässt Gott aus unermesslicher Güte
und Barmherzigkeit sein göttliches ewiges Gesetz und den wunderbaren Rat von
unserer Erlösung, nämlich das heilige, allein seligmachende Evangelium von
seinem ewigen Sohn, unserem einigen Heiland und Seligmacher Jesus Christus,
öffentlich predigen, dadurch er sich eine ewige Kirche aus dem menschlichen
Geschlecht sammelt und in der Menschen Herzen wahre Buße und Erkenntnis der
Sünden, wahren Glauben an den Sohn Gottes, Jesus Christus, wirkt, und will Gott
durch dieses Mittel, und nicht anders, nämlich durch sein heiliges Wort, so man
dasselbe predigen hört oder liest, und die Sakramente, nach seinem Wort
gebraucht, die Menschen zur ewigen Seligkeit berufen, zu sich ziehen, bekehren,
wiedergebären und heiligen. 1. Kor. 1,21: ‚Dieweil die Welt durch ihre Weisheit
Gott nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch törichte Predigt selig zu
machen die, so daran glauben.‘ Apg. 10,5.6: ‚Petrus wird dir das Wort sagen,
dadurch du und dein ganzes Haus selig wirst.‘ Röm. 10,17: ‚Der Glaube kommt aus
der Predigt, das Predigen aber durch Gottes Wort.‘ … Diese Predigt sollen nun
alle die hören, die da wollen selig werden. Denn die Predigt des Wortes Gottes
und das Hören desselben sind des Heiligen Geistes Werkzeug, bei, mit und durch
welche er kräftig wirken und die Menschen zu Gott bekehren und in ihnen beides,
das Wollen und das Vollbringen, wirken will. Dieses Wort kann der Mensch, so
auch noch nicht zu Gott bekehrt und wiedergeboren ist, äußerlich hören und
lesen; denn in diesen äußerlichen Dingen, wie oben gesagt, hat der Mensch auch
nach dem Fall etlichermaßen einen freien Willen, dass
er zur Kirche gehen, der Predigt zuhören oder nicht zuhören kann. Durch dieses
Mittel, nämlich die Predigt und Hören seines Worts, wirkt Gott und bricht
unsere Herzen und zieht den Menschen, dass er durch die Predigt des Gesetzes
seine Sünde und Gottes Zorn erkennt und wahrhaftigen Schrecken, Reue und Leid
im Herzen empfindet, und durch die Predigt und Betrachtung des heiligen
Evangeliums von der gnadenreichen Vergebung der Sünden in Christus ein Fünklein des Glaubens in ihm angezündet wird, die Vergebung
der Sünde um Christi willen annimmt und sich mit der Verheißung des Evangeliums
tröstet; und wird so der Heilige Geist (welcher dieses alles wirkt) in das Herz
gegeben..“ (Konk.Formel, Ausf.
Darl., II,50-51.52-54.)
Einerseits zwingt Gott dabei nicht einen
Menschen, denn Gottes Wirken durch die Gnadenmittel kann widerstanden werden
(Matth. 23,37), aber andererseits ist es auch allein Gott der den Widerstand
überwindet und dabei einen Menschen zu Sohn zieht (Joh. 6,44) und den
verfinsterten Verstand erleuchtet, aus dem widerspenstigen Willen einen
gehorsamen Willen macht und so ein neues Herz erschafft. „Und wiewohl Gott
den Menschen nicht zwingt, dass er müsse fromm werden (denn welche allezeit dem
Heiligen Geist widerstreben und sich für und für auch der erkannten Wahrheit
widersetzen, wie Stephanus von den verstocken Juden redet Apg. 7,51, die werden
nicht bekehrt), jedoch zieht Gott der Herr den Menschen, welchen er bekehren
will, und zieht ihn so, dass aus einem verfinsterten Verstand ein erleuchteter
Verstand und aus einem widerspenstigen Willen ein gehorsamer Wille wird. Und
das nennt die Schrift ‚ein neues Herz erschaffen‘ (Ps. 51,12).“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., II,60.)
Da, wo auch nur ein Funke des Glaubens
entzündet ist im Herzen durch den Heiligen Geist, da wird dann dieser
geschenkte Glaube auch aktiv, empfängt, ergreift die Vergebung der Sünden um
Christi willen und tröstet sich des Evangeliums. Denn es ist ja dann allerdings
der vom Heiligen Geist bekehrte Sünder, der glaubt, nicht der Heilige Geist
glaubt für ihn. Das heißt, wenn du von Herzen die Vergebung der Sünden annimmst
und deinen Trost auf Jesus Christus und seine Gerechtigkeit setzt, dann bist du
bereits bekehrt, dann ist der Heilige Geist in dir aktiv, dass du nun den
Glauben lebst (vgl. Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,54).
Dass so etwas an einem Menschen geschieht,
das lässt sich nicht unbedingt an begleitenden Gefühlen, Regungen ablesen, die
dabei sein können, die Gottes Geist schenken kann – aber sie müssen nicht sein.
Danach richte sich nur niemand, auf die sei nur niemand aus, sondern halte sich
allein an die Verheißung des Wortes, du fühlst etwas oder auch nicht. „Denn
von der Gegenwärtigkeit, Wirkung und Gaben des Heiligen Geistes soll und kann
man nicht allweg ex sensu, wie und wann man’s im
Herzen empfindet, urteilen; sondern, weil es oft mit großer Schwachheit
verdeckt wird und zugeht, sollen wir aus und nach der Verheißung gewiss sein,
dass das gepredigte gehörte Wort Gottes sei ein Amt und Werk des Heiligen
Geistes, dadurch er in unserem Herzen gewiss kräftig ist und wirkt, 2. Kor.
2,14 ff.; 3,5 f.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., II,56.)
So macht also der Heilige Geist in der
Bekehrung durch das Evangelium aus Widerspenstigen und Unwilligen Willige (denn
des Menschen Verstand und Wille in der Bekehrung, da geistlich tot und
verfinstert, nichts dazutun können, sondern rein zu bekehrendes Subjekt sind),
die dann aber, eben nach der Wiedergeburt und daraus folgender Erneuerung in
täglicher Buße leben. „Es ist … offenbar, dass die Bekehrung zu Gott allein
Gottes des Heiligen Geistes Werk sei, welcher der rechte Meister ist, der
allein solches in uns wirkt, dazu er die Predigt und das Hören seines heiligen
Worts als sein ordentliches Mittel und Werkzeug gebraucht; des unwiedergeborenen Menschen Verstand und Wille ist nichts
anderes, als allein subiectum convertendum,
das ist, der bekehrt werden soll, als eines geistlich toten Menschen Verstand
und Wille, in dem der Heilige Geist die Bekehrung und Erneuerung wirkt, zu
welchem Werk des Menschen Wille, so bekehrt werden soll, nichts tut, sondern
lässt allein Gott in ihm wirken, bis er wiedergeboren ist und alsdann auch mit
dem Heiligen Geist in anderen nachfolgenden guten Werken wirkt, was Gott
gefällig ist.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,99.) „Wie aber Gott in der Bekehrung aus Widerspenstigen und Unwilligen
durch das Ziehen des Heiligen Geistes Willige mache, und dass nach solcher
Bekehrung des Menschen wiedergeborener Wille in täglicher Übung der Buße nicht
müßig gehe, sondern in allen Werken des Heiligen Geistes, die er durch uns tut,
auch mitwirke, ist droben genugsam erklärt worden.“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., II,88.)
Wenn also Gott der Heilige Geist so sein
Werk an einem Menschen getan hat, dass er ihn bekehrt und damit erleuchtet,
seinen Willen erneuert hat, dann will der wiedergeborene Mensch auch Gutes, hat
Lust an Gottes Wort, so lange er sich dem Geist Gottes aussetzt. Aber, und das
ist auch zu bedenken (siehe auch unten beim „neuen Leben“), dass der
wiedergeborene Mensch nicht nur Wiedergeborener ist, sondern der alte, sündige
Mensch noch da ist, weshalb ein steter Kampf auszufechten ist, der bis zum
leiblichen Tod (oder, wenn dies zuvor geschieht, Christi Wiederkunft) andauert.
„Wenn aber der Mensch bekehrt worden und also erleuchtet ist und sein Wille
erneuert, alsdann so will der Mensch Gutes (so fern
er neu geboren oder ein neuer Mensch ist) und hat ‚Lust am Gesetz des Gottes,
nach dem innerlichen Menschen‘, Röm. 7,22, und tut forthin so viel und so lang
Gutes, so viel und lang er vom Geist Gottes getrieben wird, wie Paulus sagt:
‚Die vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Gottes Kinder.‘ (Röm. 8,14.) Und
ist solcher Trieb des Heiligen Geistes nicht eine coactio
oder Zwang, sondern der bekehrte Mensch tut freiwillig Gutes, wie David sagt:
‚Nach deinem Sieg wird dein Volk willig opfern.‘ (Ps. 110,3.) Und bleibt
gleichwohl auch in den Wiedergeborenen, das St. Paulus geschrieben Röm. 7,22
ff.: ‚Ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen, ich sehe
aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in
meinem Gemüt, und nimmt mich gefangen in der Sünden Gesetz, welches ist in
meinen Gliedern.‘ Ebenso (V. 25): ‚So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz
Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.‘ Ebenso Gal. 5,17: ‚Das
Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch; dieselben
sind gegeneinander, dass ihr nicht tut, was ihr wollt.‘“ (Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,63-64.)
Wenn daher der Heilige Geist sein Werk am
Sünder getan hat, dass er ihn wiedergeboren, den rettenden Glauben an Christus
gewirkt und somit in das Herz des Wiedergeborenen eingezogen, ihm ein neues
Herz, einen neuen Sinn, einen neuen Verstand, einen neuen Willen gegeben hat,
dann gilt es für den Christen, nun auch mit dem Heiligen Geist, wenn auch
vielleicht noch in großer Schwachheit, mitzuwirken, nämlich auch tatsächlich
den Glauben zu leben, Gott für seine Gnadentat zu danken, sich bewusst von der
Sünde ab- und Christus zuzukehren und, eben als Folge, Frucht der Bekehrung,
Rechtfertigung, sich Christus hinzugeben, sich ihm als dem Retter und HERRN zu
weihen und ihm in der Kraft des Heiligen Geistes im Gehorsam nachzufolgen. „Daraus
dann folgt, alsbald der Heilige Geist, wie gesagt, durchs Wort und heilige
Sakramente solches sein Werk der Wiedergeburt und Erneuerung in uns angefangen
hat, so ist es gewiss, dass wir durch die Kraft des Heiligen Geistes mitwirken
können und sollen, wiewohl noch in großer Schwachheit, solches aber nicht aus
unseren fleischlichen, natürlichen Kräften, sondern aus den neuen Kräften und
Gaben, so der Heilige Geist in der Bekehrung in uns angefangen hat, wie S.
Paulus ausdrücklich und ernstlich ermahnt, dass wir ‚als Mithelfer die Gnade
Gottes nicht vergeblich empfangen‘ (2. Kor. 6,1), welches dann anders nicht als
so soll verstanden werden, dass der bekehrte Mensch so viel und lange Gutes
tue, so viel und lange ihn Gott mit seinem Heiligen Geist regiert, leitet und
führt; und sobald Gott seine gnädige Hand von ihm abzöge, könnte er nicht einen
Augenblick in Gottes Gehorsam bestehen. Da es aber so wollte verstanden werden,
dass der bekehrte Mensch neben dem Heiligen Geist dergestalt mitwirkte, wie
zwei Pferde miteinander einen Wagen ziehen, könnte solches ohne Nachteil der
göttlichen Wahrheit keineswegs zugegeben werden.“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., II,65-66.) Das heißt, man darf sich
dieses „Mitwirken“ nicht so vorstellen, dass der gerechtfertigte Sünder nun
sozusagen selbständig, wie ein aufgezogenes Uhrwerk, mit der ihm geschenkten
Kraft wirke, sondern vielmehr so wie eine Maschine, die nur aufgrund der
Verbindung mit der Kraftquelle (z.B. Steckdose) überhaupt laufen kann.
Dies stellt aber dann auch an jeden, der
Christ sein will, die Frage, wie es denn damit steht, ob er diesen neuen Sinn,
den neuen Verstand, den neuen Willen hat, ob er darum sich wirklich abgekehrt
hat von der Sünde und Christus bewusst zugekehrt, um ihm nachzufolgen, ob er
wirklich ein neues Leben führt, mit neuem Denken, Wollen, Zielen, Interessen,
ob er im täglichen Kampf mit der Sünde steht, täglich Gottes Wort unter Gebet
liest, um zu lernen, es aufzunehmen, zu bewahren und danach zu leben, in betender
Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott steht, in einer rechtgläubigen
Ortsgemeinde, um durch Gottes Wort unterwiesen, korrigiert, gestärkt zu werden
und durch das heilige Abendmahl gestärkt den Weg Christi zu gehen? „Denn das
ist einmal wahr, dass in wahrhaftiger Bekehrung müsse eine Änderung, neue
Regung und Bewegung im Verstand, Willen und Herzen geschehen, dass nämlich das
Herz die Sünde erkenne, vor Gottes Zorn sich fürchte, von der Sünde sich
abwende, die Verheißung der Gnade in Christus erkenne und annehme, gute
geistliche Gedanken, christlichen Vorsatz und Fleiß habe und gegen das Fleisch
streite. Denn wo der keines geschieht oder ist, da ist auch keine wahre
Bekehrung. Weil aber die Frage ist de causa efficiente,
das ist, wer solches in uns wirke und woher der Mensch das habe, und wie er
dazu komme, so berichtet diese Lehre: Dieweil die natürlichen Kräfte des
Menschen dazu nichts tun oder helfen können, 1. Kor. 2; 2. Kor. 3, dass Gott
aus unermesslicher Güte und Barmherzigkeit uns zuvorkomme und sein heiliges
Evangelium, dadurch der Heilige Geist solche Bekehrung und Erneuerung in uns
wirken und ausrichten will, predigen lasse und durch die Predigt und
Betrachtung seines Worts den Glauben und andere gottselige Tugenden in uns
anzündet, dass es Gaben und Wirkungen des Heiligen Geistes allein sind, und
weist uns diese Lehre zu den Mitteln, dadurch der Heilige Geist solches
anfangen und wirken will, erinnert auch, wie dieselben Gaben erhalten, gestärkt
und gemehrt werden und ermahnt, dass wir dieselbe Gnade Gottes an uns nicht
sollen lassen vergeblich sein, sondern fleißig üben, in Betrachtung, wie
schwere Sünde es sei, solche Wirkung des Heiligen Geistes zu hindern und zu
widerstreben.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,70-72.) So, wie der Heilige Geist die Bekehrung, Wiedergeburt gewirkt und
die Erneuerung angefangen hat, so allein kann er sie auch erhalten, nämlich
dass wir die von Gott seiner Kirche geschenkten Gnadenmittel, Wort und
Sakrament, auch fleißig, regelmäßig mit wahrhaftigem Ernst gebrauchen. Und dies
umso mehr, als der Wiedergeborene weiß, dass sein alter Mensch immer noch da
ist, nicht besser wird und Gottes Geist immer widerstreben wird. „Der
Wiedergeborene aber hat Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen,
sieht aber gleichwohl in seinen Gliedern der Sünden Gesetz, welches widerstrebt
dem Gesetz im Gemüt: Darum so dient er mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber
mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde (Röm. 7,25).“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., II,85.)
Wer aber Gottes Wort verachtet, wer es
nicht lesen oder hören will oder, wenn er es schon liest oder hört, doch nicht
im Herzen behält, doch nicht erwägt, betrachtet, doch nicht es lernt und auf
sich anwendet, der ist selbst schuld, dass er ewig verloren geht. „Da aber
ein solcher Mensch verachtet des Heiligen Geistes Werkzeug und will nicht
hören: So geschieht ihm nicht Unrecht, wenn der Heilige Geist ihn nicht
erleuchtet, sondern in der Finsternis seines Unglaubens stecken und verderben
lässt, davon geschrieben steht: ‚Wie oft habe ich deine Kinder versammeln
wollen, wie eine Henne versammelt ihre Jungen unter ihre Flügel, und ihr habt
nicht gewollt?‘ Matth. 23,37.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., II,58.s.a. 83.)
Wie steht es aber mit denen, die als
Säuglinge getauft sind? Bedürfen sie auch einer Bekehrung, haben sie nicht
vielmehr schon Christus angezogen und sind frei gemacht? Ja, das ist
grundsätzlich in der Taufe geschehen. Aber wie bei der natürlichen Geburt, so
ist auch die Wiedergeburt erst der Anfang des neuen Lebens, das nun Stück für
Stück entfaltet werden muss, wozu der Säugling, wenn er heranwächst, auch
entsprechend erzogen werden muss, dass er aus der Taufe lebt, und das heißt ja
letztlich, im täglichen In-den-Tod-Geben des alten und Auferstehen des neuen
Menschen und der Nachfolge Christi in Gerechtigkeit und Reinigkeit
(s. Kl. Kat., IV,12). Aber wie oft handeln auch die Getauften gegen ihr
Gewissen, fallen in Sünde, ja, bei vielen wird die Sünde wieder
herrschend, so dass sie den Heiligen Geist betrübt und verloren haben. Darum
brauchen auch die Getauften, wenn sie in der Gnade verblieben sind, auf jeden
Fall zum einen die klare Erkenntnis, warum sie überhaupt getauft wurden, was
wiederum klare, lebendige Sünden-, Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis
ohne Christus einerseits und lebendige Christuserkenntnis, bewusstes Empfangen,
Ergreifen Christi und seiner Gerechtigkeit andererseits meint. Zum anderen aber
müssen sie ja in der täglichen Buße oder Bekehrung stehen, die fortgeht, bis
wir sterben. Da aber, wo die Sünde wieder herrschend geworden ist, der Heilige
Geist verloren ging, da ist allerdings eine erneute Bekehrung nötig. „Da
aber die Getauften gegen das Gewissen gehandelt, die Sünde in ihnen herrschen
lassen, und so den Heiligen Geist in ihnen selbst betrübt und verloren [haben]:
Dürfen sie zwar nicht wieder getauft, sondern müssen wiederum bekehrt werden.“
(Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,69.)
Der
rechtfertigende Glauben, gewirkt vom Heiligen Geist durch das Evangelium
Grundlage allen rechten Glaubens ist also,
dass wir unsere Sünde, unsere Sündennot, Verdorbenheit und Verlorenheit ohne
Christus vor Gott recht erkennen, dass wir aus eigener Kraft den Willen Gottes,
wie er in den Zehn Geboten dargelegt ist, nicht vollbringen können. „Kein
Mensch kann es so weit bringen, dass er eins von den Zehn Geboten halte, wie es
zu halten ist, sondern noch der Glaube und das Vaterunser zu Hilfe kommen
müssen (wie wir hören werden), dadurch man solches suche und bitte und ohne
Unterlass empfange.“ (Gr. Kat. I,316.)
Glauben heißt also festhalten, dass
Christus unser einziger Mittler und Versöhner ist und wir so durch den
Glauben allein gerecht werden ohne Werke. „Das heißt nun glauben: Also
vertrauen, also sich getrösten des Verdienstes Christi, dass um seinetwillen
Gott gewiss uns wolle gnädig sein.“ (Apol. IV,70.) Dabei ist der Glaube
nicht nur der Anfang, sozusagen eine Vorbereitung auf Christus, wozu dann müsse
noch die Liebe hinzukommen, die dem Glauben erst die rechte Kraft gäbe und wir
so erst dadurch vor Gott angenehm würden. Das aber hieße ja wieder, menschliche
Werke, menschliche Vernunft, menschliche Kraft hineinmengen in das Werk, dass
Christus doch vollkommen vollbracht hat (Apol. IV,71-72). „Das Wort ‚aus
Gnaden‘ schließt Verdienst und alle Werke aus, wie sie Namen haben. Und durch
das Wort SOLA, wenn wir sagen: allein der Glaube macht fromm. Schließen
wir nicht aus das Evangelium und die Sakramente, dass darum Gottes Wort und die
Sakramente sollten vergeblich sein, so es der Glaube alles allein tut, wie die
Widersacher uns alles gefährlich deuten, sondern unsern Verdienst daran
schließen wir aus. … Die Liebe und Werke sollen dem Glauben folgen.“
(Apol. IV,74.)
Worum geht es also im rechtfertigenden
Glauben? Es geht um die Versöhnung mit Gott durch Christus, unserem Mittler, es
geht, letztlich, um die Vergebung der Sünden, weil wir alle in Sünden geboren
sind und täglich, auch als Christen, viel sündigen und darum täglich viel
Vergebung nötig haben (s. auch Luthers Erklärung zur 5. Bitte im Vaterunser). „Vergebung
der Sünden erlangen und haben, dasselbe heißt, vor Gott gerecht und fromm
werden, wie der 32. Psalm sagt: ‚Wohl dem, dem die Übertretung vergeben ist.‘ Allein
aber durch den Glauben an Christus, nicht durch die Liebe, nicht um der
Liebe oder Werke willen, erlangen wir Vergebung der Sünden, wiewohl die Liebe
folgt, wo der Glaube ist. Deshalb muss folgen, dass wir allein durch den
Glauben gerecht werden. Denn gerecht werden heißt ja, aus einem Sünder
fromm werden und durch den Heiligen Geist neu geboren werden.“ (Apol.
IV,76-78.) „Erst ist das gewiss, dass wir Vergebung der Sünde nicht
empfangen weder durch die Liebe noch um der Liebe willen, sondern allein durch
den Glauben um Christi willen. Denn allein der Glaube im Herzen sieht auf
Gottes Verheißung, und allein der Glaube ist die Gewissheit, da das Herz gewiss
drauf steht, dass Gott gnädig ist, dass Christus nicht umsonst gestorben sei
usw. Und derselbe Glaube überwindet allein den Schrecken des Todes und der
Sünde. Denn wer noch wankt oder zweifelt, ob ihm die Sünde vergeben sei, der
vertraut Gott nicht und verzagt an Christus, denn er hält seine Sünde für
größer und stärker als den Tod und das Blut Christi; so doch Paulus sagt zu den
Römern im Kap. 5,20: ‚Die Gnade ist mächtiger als die Sünde‘, das ist,
kräftiger, reicher und stärker. So nun jemand meint, dass er darum Vergebung
der Sünde will erlangen, dass er die Liebe hat, der schmäht und schändet
Christus, und wird am letzten Ende, wenn er vor Gottes Gericht stehen soll,
finden, dass solch Vertrauen vergeblich ist.“ (Apol. III,26-28.) Denn den Schrecken des Gewissens, wenn es
den Zorn Gottes über die Sünde, unsere Verdorbenheit, fühlt, kann nicht die
Liebe überwinden, nicht ein gutes Werk. „Gottes Zorn kann nicht versöhnt
noch gestillt werden durch unsere Werke, sondern allein Christus ist der
Mittler und Versöhner, und um seinetwillen allein wird uns der Vater gnädig.
Nun kann Christus niemand als einen Mittler fassen durch Werke, sondern allein,
dass wir dem Wort glauben, welches ihn als einen Mittler predigt. Darum
erlangen wir allein durch den Glauben Vergebung der Sünde, wenn unser Herz
getröstet und aufgerichtet wird durch die göttliche Zusage, welche uns um
Christi willen angeboten wird. Ebenso Paulus an die Römer, Kap. 5,2: ‚Durch ihn
haben wir den Zugang zum Vater‘, und sagt klar dazu ‚durch den Glauben‘. Also
werden wir nun, und nicht anders, dem Vater versöhnt, also erlangen wir
Vergebung der Sünden, wenn wir aufgerichtet werden, fest zu halten an der
Zusage, da uns Gnade und Barmherzigkeit verheißen ist durch Christus. … Paulus
lehrt klar, dass wir einen Zutritt haben, das ist, Versöhnung Gottes, durch
Christus. Und dass er anzeige, wie dasselbe geschehe, so setzt er dazu: ‚Durch
den Glauben haben wir den Zutritt, durch den Glauben empfangen wir Vergebung
der Sünden aus dem Verdienst Christi‘, und können Gottes Zorn nicht stillen als
durch Christus. So ist leicht zu verstehen, dass wir nicht Vergebung verdienen
durch unsere Werke oder Liebe.“ (Apol. IV,80-81.) „Zum andern ist’s
gewiss, dass die Sünden vergeben werden um des Versöhners Christus willen, Röm.
3,25: ‚Welchen Gott dargestellt hat zu einem Gnadenstuhl‘ oder zu einem
Versöhner, und setzt klar dazu: ‚durch den Glauben‘. So wird uns der Versöhner
nun also nütze, wenn wir durch den Glauben fassen das Wort, dadurch verheißen
wird Barmherzigkeit, und dieselbe halten gegen Gottes Zorn und Urteil.“
(Apol. IV,82.) Glauben ist also immer glauben an die Zusage der erbarmenden
Liebe Gottes in Christus, ist glauben aufgrund des Wortes, ist glauben der
Zusage, der Verheißung und damit fest sich halten an Christus, dem einzigen
Mittler, Versöhner, Retter. „Denn die Verheißung kann man nicht fassen, noch
derselben teilhaftig werden, als allein durch den Glauben, Röm. 4,13: ‚Deshalb
muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden
und die Verheißung fest bleibe.‘“ (Apol. IV,84.)
So sind wir allein durch den Glauben Gottes
Kinder, das aber dann auch gewiss. „So wir nun allein durch den Glauben
Vergebung der Sünden erlangen und den Heiligen Geist, so macht allein der
Glaube vor Gott fromm. Denn diejenigen, so mit Gott versöhnt sind, die sind
vor Gott fromm und Gottes Kinder, nicht um ihrer Reinigkeit
willen, sondern um Gottes Barmherzigkeit willen, so sie dieselbe fassen und
ergreifen durch den Glauben. Darum zeugt die Schrift, dass wir durch den
Glauben vor Gott fromm werden.“ (Apol. IV,86.) „So halten wir es
nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den
Glauben. Röm. 3,28.“ (Apol. IV,87.) Immer wieder betont Paulus
das, etwa Eph. 2,8, Röm. 4,3-5.9 (vgl. Apol. IV,87-102). „Nun ist das der
Glaube, der sich verlässt auf Gottes Barmherzigkeit und Wort, nicht auf eigene
Werke.“ (Apol. III,32.) „Denn so wir auf unsere Werke vertrauen, so wird
Christus seine Ehre genommen, so ist Christus nicht der Versöhner noch Mittler
und werden doch endlich erfahren, dass solch Vertrauen vergeblich sei, und dass
die Gewissen dadurch nur in Verzweiflung fallen. Denn so wir Vergebung der
Sünde und Versöhnung Gottes nicht ohne Verdienst erlangen durch Christus, so
wird niemand Vergebung der Sünde haben, er habe denn das ganze Gesetz gehalten.
Denn das Gesetz macht niemand gerecht vor Gott, so lange es uns anklagt. Nun
kann sich ja niemand rühmen, dass er dem Gesetz genug getan habe. Darum müssen
wir woanders Trost suchen, nämlich bei Christus.“ (Apol. III,36-37.)
Vertiefung:
Die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst
willen, allein durch den Glauben
Christus ist unsere Gerechtigkeit, nach
seiner göttlichen wie seiner menschlichen Natur, denn der ganze Christus hat
das Gesetz für uns erfüllt, der ganze Christus hat für uns gelitten, ist für
uns gestorben und wieder auferstanden und hat uns durch seinen wirkenden und
seinen leidenden Gehorsam erlöst, Vergebung der Sünden, Versöhnung mit Gott
erworben, die wir allein durch den Glauben empfangen, denn sie wird dem Glauben
zugerechnet, allein aus Gnaden. „Wider welche beiden Teile einhellig von den
anderen Lehrern der Augsburgischen Konfession gepredigt, dass Christus unsere
Gerechtigkeit nicht allein nach der göttlichen Natur, auch nicht allein nach
der menschlichen Natur, sondern nach beiden Naturen sei, welcher als Gott und
Mensch uns von unseren Sünden durch seinen vollkommenen Gehorsam erlöst,
gerecht und selig gemacht hat: Dass also die Gerechtigkeit des Glaubens sei
Vergebung der Sünden, Versöhnung mit Gott, und dass wir zu Kindern Gottes
angenommen werden um des einigen Gehorsams Christi willen, welcher allein durch
den Glauben, aus lauter Gnaden, allen Rechtgläubigen zur Gerechtigkeit
zugerechnet und sie um desselben willen von aller ihrer Ungerechtigkeit
absolviert werden. (Konk.Formel, Ausf.Darl., III,4.)
Das heißt, und das ist zentral, dass wir
Sünder gerecht werden ohne irgendein menschliches Zutun, weder vor dem Glauben
noch danach, allein aus Gnaden, um der Gehorsams Christi willen, dessen
Gehorsam uns zur Gerechtigkeit zugerechnet wird. „Von der Gerechtigkeit des
Glaubens vor Gott glauben, lehren und bekennen wir einhellig, vermöge des
vorgefassten summarischen Begriffs unseres christlichen Glaubens und
Bekenntnisses: Dass ein armer sündiger Mensch vor Gott gerechtfertigt, das ist,
absolviert, los und ledig gesprochen werde von allen seinen Sünden und von dem
Urteil der wohlverdienten Verdammnis, auch angenommen werde zur Kindschaft und
Erbschaft des ewigen Lebens ohne einig unser Verdienst oder Würdigkeit, auch
ohne alle vorhergehende, gegenwärtige oder auch folgenden Werke, aus lauter
Gnaden, allein um des einigen Verdienstes, des ganzen Gehorsams, bitteren
Leidens, Sterbens und Auferstehung unseres Herrn Christus willen, des Gehorsam
uns zur Gerechtigkeit zugerechnet wird.“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., III,9.) Allein der Glaube empfängt,
ergreift diese Güter, nimmt sie als mir persönlich geltend in Anspruch als eine
Gabe Gottes. „Welche Güter uns in der Verheißung des heiligen Evangeliums
durch den Heiligen Geist vorgetragen werden, und ist allein der Glaube das
einige Mittel, dadurch wir sie ergreifen, annehmen und uns applizieren und
zueignen, welcher ist eine Gabe Gottes, dadurch wir Christus, unseren Erlöser,
im Wort des Evangeliums recht erkennen und auf ihn vertrauen, dass wir allein
um seines Gehorsams willen, aus Gnaden, Vergebung der Sünden haben, für fromm
und gerecht von Gott dem Vater gehalten und ewig selig werden.. Demnach für
eins gehalten und genommen, wenn Paulus spricht, dass wir ‚durch den Glauben
gerecht werden‘, Röm. 3,28, oder dass der ‚Glaube uns zur Gerechtigkeit
gerechnet werde‘, Röm. 4,5. … Denn der Glaube macht gerecht, nicht darum und
daher, dass er so ein gutes Werk und schöne Tugend, sondern weil er in der
Verheißung des heiligen Evangeliums den Verdienst Christi ergreift und annimmt,
denn derselbe muss uns durch den Glauben appliziert und zugeeignet werden, wenn
wir dadurch gerecht sollen werden, dass also die Gerechtigkeit, die vor Gott
dem Glauben oder den Gläubigen aus lauter Gnade zugerechnet wird, ist der
Gehorsam, Leiden und Auferstehung Christi, da er für uns dem Gesetz genug getan
und für unsere Sünde bezahlt hat.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., III,10-14.) Der Glaube rechtfertigt also allein
als Werkzeug, denn er ist Gottes Gabe, kein Werk, keine Tugend, die wir Gott
vorweisen könnten. Allein Christi Gehorsam, sein Leiden, Sterben und
Auferstehen ist der Grund, weshalb Gott den Glaubenden für gerecht ansieht. Dem
Glauben wird es angeboten, dargereicht mittels des Evangeliums in Wort und
Sakrament, und bringt die Rechtfertigung mit sich die ganze Fülle des Heils:
Versöhnung mit Gott, Vergebung der Sünde, Gottes Gnade, Gotteskindschaft,
ewiges Leben. „Solche Gerechtigkeit wird durchs Evangelium und in den
Sakramenten von dem Heiligen Geist uns vorgetragen und durch den Glauben
appliziert, zugeeignet und angenommen, daher die Gläubigen haben Versöhnung mit
Gott, Vergebung der Sünden, Gottes Gnade, Kindschaft und Erbschaft des ewigen
Lebens.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl.,
III,16.)
Die Rechtfertigung, und das ist ganz
wichtig, ist also keine Gerechtmachung, keine Umschöpfung, sondern eine Gerechtsprechung:
Der Sünder, derjenige, der qualitativ tatsächlich Sünder ist, wird um Christi
Verdienst willen gerecht gesprochen, die Sünden werden ihm nicht mehr
zugerechnet. Die Erneuerung, die fortschreitende, aber in diesem Leben nie
vollendete, Gerechtmachung ist dann eine Frucht, eine
Folge der Rechtfertigung, gehört aber nicht in diese hinein, ist streng von ihr
zu unterscheiden. „Demnach das Wort (rechtfertigen) hier heißt gerecht und
ledig von Sünden sprechen und derselben ewigen Strafe ledig zählen um der Gerechtigkeit
Christi willen, welche von Gott dem Glauben zugerechnet wird (Phil. 3,9). …
Dieweil aber zuzeiten das Wort regeneratio,
Wiedergeburt, für das Wort iustificatio,
Rechtfertigung, gebraucht [wird], ist vonnöten, dass solches Wort eigentlich
erklärt [wird], damit die Erneuerung, so der Rechtfertigung nachfolgt, nicht
mit der Rechtfertigung des Glaubens vermengt, sondern eigentlich voneinander
unterschieden werden.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., III,17.18.) „Wenn wir aber lehren, dass
durch die Wirkung des Heilligen Geistes wir neu geboren und gerecht werden, hat
es nicht die Meinung, dass den Gerechtfertigten und Wiedergeborenen keine
Ungerechtigkeit nach der Wiedergeburt im Wesen und Leben sollten mehr anhangen,
sondern dass Christus mit seinem vollkommenen Gehorsam alle ihre Sünde zudeckt,
die doch in der Natur in diesem Leben noch stecken.“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., III,22.) Denn die alte sündige Natur ist
ja immer noch da, will auch immer wieder die Herrschaft übernehmen, gegen den
neuen Menschen, weshalb zum Glauben kommen, bekehrt werden, eben dann auch
heißt, Buße tun, bekehrt werden, als Folge sich bessern, der Sünde nicht mehr
folgen. „Wie es denn wiederum die Meinung nicht hat, als dürften oder
sollten wir ohne Buße, Bekehrung und Besserung den Sünden folgen, darin bleiben
und fortfahren.“ (ebd.) „Denn wahre Reue muss vorhergehen, und die so,
wie gesagt, aus lauter Gnaden, um des einigen Mittlers Christi willen, allein
durch den Glauben, ohne alle Werke und Verdienst vor Gott gerecht, das ist, zu
Gnaden angenommen werden, denen wird auch der Heilige Geist gegebene, der sie
erneuert und heiligt, in ihnen Liebe gegen Gott und gegen den Nächsten. Jedoch
weil die angefangene Erneuerung in diesem Leben unvollkommen und die Sünde im
Fleisch auch bei den Wiedergeborenen wohnt, so steht die Gerechtigkeit des
Glaubens vor Gott in gnädiger Zurechnung der Gerechtigkeit Christi, ohne Zutun
unserer Werke, dass uns unsere Sünden vergeben und zugedeckt sind und nicht
zugerechnet werden, Röm. 4,6 ff. Aber hier muss mit besonderem Fleiß darauf gar
gute Acht gegeben werden, wenn der Artikel von der Rechtfertigung rein bleiben
soll, dass nicht dasjenige, was vor dem Glauben hergeht und was demselben
nachfolgt, zugleich mit in den Artikel der Rechtfertigung, als dazu nötig und
gehörig, eingemengt oder eingeschoben werde, weil nicht eins oder gleich ist
von der Bekehrung und von der Rechtfertigung zu reden. Denn nicht alles, was
zur Bekehrung gehört, auch zugleich in den Artikel der Rechtfertigung gehört,
in und zu welchem allein gehört und vonnöten ist Gotts Gnade, der Verdienst
Christi, der Glaube, so solches in der Verheißung des Evangeliums annimmt,
dadurch uns die Gerechtigkeit Christi zugerechnet wird, daher wir erlangen und
haben Vergebung der Sünden, Versöhnung mit Gott, die Kindschaft und Erbschaft
des ewigen Lebens.“ (Konk.Formel, Ausf. Darl. III,23-25.)
Dass die Buße (im engeren Sinn) von der
Rechtfertigung getrennt ist, heißt nicht, dass sie nicht nötig sei, aber sie
ist keine von uns zu erbringende Vorbedingung, eine Vorleistung. Aber es gibt
keine Rechtfertigung des Sünders ohne vorhergehende Buße. Ebenso gibt es keine
wahre Rechtfertigung, der nicht auch die Frucht folgt, nämlich die guten Werke.
Aber weder die Reue noch die Werke gehören in den Artikel von der
Rechtfertigung. Das ist unbedingt wichtig, weil sonst das Heil und vor allem
die Heilsgewissheit gefährdet ist und die Gnade Gottes verdunkelt wird. „Also
ist wahrer, seligmachender Glaube nicht in denen, so ohne Reue und Leid sind
und einen bösen Vorsatz haben, in Sünden zu bleiben und zu beharren, sondern
wahre Reue geht vorher und rechter Glaube ist in oder bei wahrer Buße. Es ist
auch die Liebe eine Frucht, so dem wahren Glauben gewiss notwendig folgt. Denn
wer nicht liebt, das ist eine gewisse Anzeige, dass er nicht gerechtfertigt
sondern noch im Tod sei, oder die Gerechtigkeit des Glaubens wieder verloren
habe, wie Johannes sagt 1. Joh. 3,14. Aber wenn Paulus spricht: ‚Wir werden
durch den Glauben gerecht ohne Werke (Röm. 3,28), zeigt er damit an, dass weder
vorhergehende Reue noch folgende Werke in den Artikel oder Handel der Rechtfertigung
des Glaubens gehören. Denn gute Werke gehen nicht vor der Rechtfertigung her,
sondern folgen derselben, und die Person muss erst gerecht sein, ehe sie gute
Werke tun kann. Gleichfalls auch, wiewohl die Erneuerung und Heiligung auch
eine Wohltat des Mittlers Christus und ein Werk des Heiligen Geistes ist,
gehört sie doch nicht in den Artikel oder in den Handel der Rechtfertigung vor
Gott, sondern folgt derselben, weil sie von wegen unseres verderbten Fleisches
in diesem Leben nicht ganz rein und vollkommen ist.“ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., III,26-28.) Dass erst die Rechtfertigung
geschehen sein muss, ehe es zur Erneuerung kommen kann, meint nicht, dass es
einen Glauben geben kann, der eine Zeitlang ohne gute Werke wäre, sondern hier
geht es nur um die logische Ordnung, denn wenn der Heilige Geist den Glauben
wirkt, zieht er auch in das Herz ein und wirkt die Erneuerung. „Welches
nicht so verstanden werden soll, als ob die Rechtfertigung und Erneuerung von
einander geschieden, dermaßen, dass ein wahrhaftiger Glaube zuweilen eine
Zeitlang neben einem bösen Vorsatz sein und bestehen könnte, sondern es wird
hiermit allein die Ordnung angezeigt, wie eines dem anderen vorgehe oder
nachfolge. Denn es bleibt doch wahr, was Dr. Luther recht gesagt hat: ‚Es
reimen und schicken sich fein zusammen der Glaube und die guten Werke; aber der
Glaube ist es allein, der den Segen ergreift, ohne die Werke, doch nimmer und
zu keiner Zeit [er] allein ist.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., III,41.) Weder die vorhergehende Reue
noch die folgende Liebe, gute Werke dürfen daher in irgendeiner Weise in die
Rechtfertigung hineingemengt werden. Die Gerechtigkeit des Glaubens ist allein
die Vergebung der Sünden, allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst
willen, empfangen eben allein durch den Glauben. Der verlässt sich darum auch
allein auf Gottes Gnade und Christi Verdienst, nicht auf vorhergehende Reue
oder folgende Liebe, Werke. „Deswegen und auf dass
betrübte Herzen einen beständigen gewissen Trost haben, auch dem Verdienst
Christi und der Gnade Gottes seine gebührende Ehre gegeben werde, so lehrt die
Schrift, dass die Gerechtigkeit des Glaubens vor Gott bestehe allein in
gnädiger Versöhnung oder Vergebung der Sünden, welche aus lauter Gnaden, um des
einigen Verdiensts des Mittlers Christus willen, uns geschenkt, und allein
durch den Glauben an die Verheißung des Evangeliums empfangen wird. Also auch
verlässt sich der Glaube in der Rechtfertigung vor Gott weder auf die Reue noch
auf die Liebe oder andere Tugenden, sondern allein auf Christus und in
demselben auf seinen vollkommenen Gehorsam, damit er für uns das Gesetz
erfüllt, welcher den Gläubigen zur Gerechtigkeit zugerechnet wird. Es sind auch
weder Reue oder Liebe oder andere Tugenden, sondern allein der Glaube [ist] das
einige Mittel und Werkzeug, damit und dadurch wir Gottes Gnade, das Verdienst
Christi und Vergebung der Sünden, so uns in der Verheißung des Evangeliums
vorgetragen werden, empfangen und annehmen können. Es wird auch recht gesagt,
dass die Gläubigen, so durch den Glauben an Christus gerecht geworden sind, in
diesem Leben erstlich die zugerechnete Gerechtigkeit des Glaubens, danach auch
die angefangene Gerechtigkeit des neuen Gehorsams oder der guten Werke haben.
Aber diese beiden dürfen nicht ineinander gemengt oder zugleich in den Artikel
der Rechtfertigung des Glaubens vor Gott eingeschoben werden. Denn weil diese
angefangene Gerechtigkeit oder Erneuerung in uns, von wegen des Fleisches, in
diesem Leben unvollkommen und unrein [ist], kann damit und dadurch die Person
vor Gottes Gericht nicht bestehen, sondern allein die Gerechtigkeit des
Gehorsams, Leidens und Sterbens Christi, so dem Glauben zugerechnet wird, kann
vor Gottes Gericht bestehen: Also dass allein um dieses Gehorsams willen die
Person (auch nach ihrer Erneuerung, wenn sie schon viele gute Werke hat und im
besten Leben ist) Gott gefalle und angenehm werde, und sei zur Kindschaft und
Erbschaft des ewigen Lebens angenommen. “ (Konk.Formel,
Ausf.Darl., III,30-32.)
Auch die einwohnende Gerechtigkeit, also
dass der dreieinige Gott mit seiner wesentlichen Gerechtigkeit in denen wohnt,
die glauben, darf nicht mit der errettenden Gerechtigkeit, die allein zur
Seligkeit vor Gott gilt, vermischt werden. Sie ist nicht die Gerechtigkeit des
Glaubens, sondern vielmehr ebenfalls eine Frucht, eine Folge dieser rettenden
Gerechtigkeit. „Gleichsam muss auch die Disputation von der Einwohnung der
wesentlichen Gerechtigkeit Gottes in uns recht erklärt werden. Denn obwohl
durch den Glauben in den Auserwählten, so durch Christus gerecht geworden und
mit Gott versöhnt sind, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, der die ewige und
wesentliche Gerechtigkeit ist, wohnt (denn alle Christen sind Tempel Gottes des
Vaters, Sohns und Heiligen Geistes, welcher sie auch treibt, recht zu tun): So
ist doch solche Einwohnung Gottes nicht die Gerechtigkeit des Glaubens, davon
S. Paulus handelt, und sie iustitiam Dei, das ist die Gerechtigkeit Gottes, nennt, um welcher
willen wir vor Gott gerecht gesprochen werden, sondern sie folgt auf die
vorhergehende Gerechtigkeit des Glaubens, welche anders nicht ist, als die
Vergebung der Sünden und gnädige Annahme der armen Sünder allein um Christi
Gehorsam und Verdienst willen.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., III,54.)
Das
neue Leben, hervorgebracht vom Heiligen Geist im Christen durch Evangelium und
Gesetz
Wenn der Heilige Geist den rechtfertigenden
Glauben in einem Sünder gewirkt und dadurch nun mit dem Vater und dem Sohn
Wohnung in ihm gemacht hat, dann will er auch in und durch den Sünder das
neue Leben wirken, das heißt, dass der gerechtfertigte Sünder nun anfängt,
von Herzen, mit Freuden, Gottes Gesetz zu halten, wenn es auch in diesem
Leben nie vollkommen sein wird. „Danach, wenn die Person gerechtfertigt ist,
so wird sie auch durch den Heiligen Geist erneuert und geheiligt, aus welcher
Erneuerung und Heiligung alsdann die Früchte der guten Werke folgen.“ (Konk.Formel, Ausf.Darl., III,41.)
„Diese und dergleichen Sprüche [Röm. 2,13; Matth. 19,17; Röm. 3,31; 1. Kor.
13,3] zeigen an, dass wir das Gesetz halten sollen, wenn wir durch den
Glauben gerecht geworden sind, und so je länger je mehr im Geist zunehmen. Wir
reden aber hier nicht von den Zeremonien Moses, sondern von den Zehn Geboten,
welche von uns fordern, dass wir von Herzensgrund Gott recht fürchten und
lieben sollen. Dieweil nun der Glaube mit sich bringt den Heiligen Geist und
ein neues Licht und Leben im Herzen wirkt, so ist es gewiss und folgt
notwendig, dass der Glaube das Herz erneuert und verändert. Und was das für
eine Neuerung des Herzens sei, zeigt der Prophet an, da er sagt: ‚Ich will mein
Gesetz in ihre Herzen geben.‘ Wenn wir nun durch den Glauben neu geboren sind
und erkannt haben, dass uns Gott will gnädig sein, will unser Vater und Helfer
sein, so heben wir an, Gott zu fürchten, zu lieben, ihm zu danken, ihn zu
preisen, von ihm alle Hilfe zu bitten und zu erwarten, ihm auch nach seinem
Willen in Trübsalen gehorsam zu sein. Wir heben alsdann auch an, den Nächsten
zu lieben; da ist nun inwendig durch den Geist Christi ein neues Herz, Sinn und
Mut.“ (Apol. III,2-4.)
Ohne den Heiligen Geist ist es unmöglich,
Christus zu erkennen, das Gesetz Gottes zu erfüllen. Deshalb kann es auch keine
vor Gott guten Werke geben vor dem Glauben, ohne den Glauben. Nicht die Werke,
die Liebe machen den Glauben, sondern umgekehrt, aus dem Glauben kommen dann
die Liebe und die guten Werke. „Dieses alles kann nicht geschehen, ehe wir
durch den Glauben gerecht werden, ehe wir neu geboren werden durch den Heiligen
Geist. Denn erstlich kann niemand das Gesetz halten ohne Christi Erkenntnis, so
kann auch niemand das Gesetz erfüllen ohne den Heiligen Geist. Den Heiligen
Geist aber können wir nur durch den Glauben empfangen, wie zu den Galatern in
Kap. 3,14 Paulus sagt, dass wir ‚die Verheißung des Geistes durch den Glauben
empfangen‘. Ebenso, es ist unmöglich, dass ein Menschenherz allein durch das
Gesetz oder sein Werk Gott liebe. Denn das Gesetz zeigt allen an Gottes Zorn
und Ernst, das Gesetz klagt uns an und zeigt an, wie er so schrecklich die
Sünde strafen wolle beide mit zeitlichen und ewigen Strafen. … Die höchsten
Stücke des göttlichen Gesetzes, wie das ganze Herz zu Gott zu kehren, von
ganzem Herzen ihn groß zu achten, welches in der ersten Tafel und im ersten
höchsten Gebot gefordert wird, niemand vermag ohne den Heiligen Geist.“
(Apol. III,5-9.)
So wirkt also der Heilige Geist mit der Rechtfertigung,
als deren logische Frucht, Folge, Wirkung auch das neue Leben, durch das wir
anfangen, das Gesetz zu erfüllen, was uns zuvor unmöglich war. „Christus ist
uns aber dazu dargestellt, dass um seinetwillen uns Sünde vergeben und der
Heilige Geist geschenkt wird, der ein neues Licht und ewiges Leben, ewige
Gerechtigkeit in uns wirkt, dass er uns Christus im Herzen zeigt, wie Johannes
16,15 geschrieben: ‚Er wird von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.‘ Ebenso
wirkt er auch andere Gaben, Liebe, Danksagung, Keuschheit, Geduld usw. Darum
vermag das Gesetz niemand ohne den Heiligen Geist zu erfüllen, darum sagt
Paulus: ‚Wir richten das Gesetz auf durch den Glauben und tun’s nicht ab‘; denn
so können wir erst das Gesetz erfüllen und halten, wenn der Heilige Geist uns
gegeben wird.“ (Apol. III,11-12.) Dann aber, wenn der Heilige Geist durch
das Evangelium einen Sünder neu geboren hat, dann ist es nur die natürliche
Frucht und Folge, dass das neue Leben anfängt, dass er aus der Kraft des
Heiligen Geistes beginnt, das Gesetz zu halten. Was Gottes Willen ist, wird
gerade bei der Auslegung der Gebote im Kleinen und Großen Katechismus
ausführlich dargelegt. „Darum sagen wir auch, dass man muss das Gesetz
halten, und ein jeder Gläubiger fängt es an zu halten und nimmt je länger je
mehr zu in Liebe und Furcht Gottes, welches ist recht Gottes Gebot erfüllt.“
(Apol. III,15.) „Denn gute Werke soll und muss man tun, denn Gott will sie
haben; so sind es Früchte des Glaubens, wie Paulus zu den Ephesern in 2,10
sagt: ‚Denn wir sind geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken.‘ Darum
sollen gute Werke dem Glauben folgen als Danksagungen gegen Gott, ebenso dass
der Glaube dadurch geübt werde, wachse und zunehme, und dass durch unser
Bekenntnis und guten Wandel andere auch erinnert werden.“ (Apol. III,68.) „Wir
sagen, wo rechte Buße, Erneuerung des Heiligen Geistes ist im Herzen, da folgen
gewiss gute Früchte, gute Werke, und ist nicht möglich, dass ein Mensch sollte
sich zu Gott bekehren, rechte Buße tun, herzliche Reue haben, und sollten nicht
folgen gute Werke, gute Früchte. Denn ein Herz und Gewissen, das recht seinen
Jammer und Sünde gefühlt hat, recht erschrocken ist, das wird nicht viel
Wollüste der Welt achten oder suchen. Und wo der Glaube ist, da ist er Gott
dankbar, achtet und liebt herzlich seine Gebote. Auch ist inwendig im Herzen
gewiss keine rechte Buße, wenn wir nicht äußerlich gute Werke, christliche
Geduld erzeigen. Und so meint’s auch Johannes der Täufer, da er sagt: ‚Erzeigt
rechte Früchte der Buße.‘ Ebenso Paulus, da er sagt zu den Römern 6,19: ‚Begebt
eure Glieder zu Waffen der Gerechtigkeit.‘“ (Apol. VI,34 f.) „Was rechte
gute Werke seien, lehren die Zehn Gebote, nämlich Gott den Herrn wahrlich und
von Herzen am höchsten groß achten, fürchten und lieben, ihn in Nöten fröhlich
anrufen, ihm allezeit danken, sein Wort bekennen, dasselbe Wort hören und
andere dadurch trösten, lehren, Eltern und Obrigkeit gehorsam sein, seines
Amtes und Berufs treu warten, nicht bitter, nicht gehässig sein, nicht töten,
sondern tröstlich, freundlich sein dem Nächsten, den Armen nach Vermögen
helfen, nicht huren, nicht ehebrechen, sondern das Fleisch allenthalben im Zaum
halten. Und dies alles nicht, um für den ewigen Tod oder ewige Pein genug zu
tun, welches Christus allein gebührt, sondern so zu tun, damit dem Teufel nicht
Raum gegeben werde und Gott erzürnt und der Heilige Geist betrübt und verunehrt
werde. Diese Früchte und gute Werke hat Gott geboten, haben auch ihre Belohnung
und um Gottes Ehre und göttlichen Gebots willen sollen sie auch geschehen.“ (Apol.
VI,77.) „Außen den Zehn Geboten kein Werk noch Wesen gut oder Gott gefällig
kann sein, es sei so groß und köstlich vor der Welt, wie es wolle.“ (Gr.
Kat. I,311.) Und die guten Werke sollen unser ganzes Leben über währen (vgl.
Apol. III,212). Ohne den Heiligen Geist aber ist es unmöglich, etwa Hass, Neid,
Zank, Grimm, Zorn, Geiz, Hang zum Ehebruch zu überwinden (vgl. Apol. III,18).
Darum frage sich jeder, der wahrhaft ein Christ sein will, wie es denn mit der
Frucht der Buße, des Glaubens in seinem Leben steht, damit er erkenne, falls
sein Glaube tatsächlich nur ein Wahn, eine Einbildung, eine intellektuelle
Vorstellung ist, aber kein wirkliches Vertrauen des Herzens auf Christus.
Jeder Wiedergeborene weiß dabei, dass er
das Gesetz in diesem Leben nie vollkommen halten kann und dass Gott diese
unvollkommenen Werke nur um Christi und des Glaubens an ihn willen annimmt.
Denn die heilige Taufe nimmt zwar die Erbschuld und alle Sünde weg, aber das
Material der Sünde, die böse Neigung und Lust bleiben (vgl. Apol. II,35). Und
diese böse Lust ist auch wahrhaft weiter Sünde, wie Paulus Röm. 7,7.23 sagt:
‚Die Sünde erkannte ich nicht außer durch das Gesetz, denn ich wusste nicht von
der Lust, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Lass dich nicht gelüsten. … Ich
sehe ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in
meinem Gemüt und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen
Gliedern.‘ (Apol. II,39.) Das ist auch die Erfahrung eines jeden wahrhaftigen
Christen. „Denn weil wir in diesem Leben allein die Erstlinge des Geistes
empfangen und die Wiedergeburt [gemeint hier als Erneuerung] nicht
vollkommen, sondern in uns allein angefangen: Bleibt der Streit und Kampf des
Fleisches wider den Geist auch in den Auserwählten und wahrhaft wiedergeborenen
Menschen, da unter den Christen nicht allein ein großer Unterschied gespürt,
dass einer schwach, der andere stark im Geist, sondern es befindet’s auch ein
jeder Christ bei sich selbst, dass er zu einer Zeit freudig im Geist, zur
anderen Zeit furchtsam und erschrocken, zu einer Zeit brünstig in der Liebe,
stark im Glauben und in der Hoffnung, zur anderen Zeit kalt und schwach sich befindet.“
(Konk.Formel, Ausf.Darl.,
II,68.) „Denn alle erfahrenen christlichen Herzen wissen, dass diese Stücke
leider uns in der Haut stecken, angeboren sind, nämlich dass wir Geld, Gut und
andere Sachen größer als Gott achten, sicher dahin gehen und leben. Ebenso,
dass wir immer nach Art fleischlicher Sicherheit so denken, Gottes Zorn und
Ernst sei nicht so groß über die Sünde, wie er doch gewiss ist. Ebenso, dass wir
den edlen, unaussprechlichen Schatz des Evangeliums und Versöhnung Christi
nicht herzlich so teuer und edel achten, wie sie sind. Ebenso, dass wir gegen
Gottes Werk und Willen murren, dass er in Trübsalen nicht bald hilft und
macht’s, wie wir wollen. Ebenso, wir erfahren täglich, dass es uns weh tut, wie
auch David und alle Heiligen geklagt, dass es den Gottlosen in dieser Welt wohl
geht. Darüber fühlen alle Menschen, wie leicht ihr Herz entbrennt, jetzt mit
Ehrgeiz, dann mit Grimm und Zorn, dann mit Unzucht.“ (Apol. II,42-43.) „Darum,
so lehren wir nicht allein, wie man das Gesetz halte, sondern auch, wie es Gott
gefalle alles, was wir tun, nämlich nicht dass wir in diesem Leben das Gesetz
so vollkommen und rein halten können, sondern dass wir in Christus sind, wie
wir hernach sollen sagen. … Und wir setzen noch dazu, dass es unmöglich sei,
dass rechter Glaube, der das Herz tröstet und Vergebung der Sünden empfängt,
ohne die Liebe Gottes sei. Denn durch Christus kommt man zum Vater, und wenn
wir durch Christus Gott versöhnt sind, so glauben und schließen wir denn erst
recht gewiss im Herzen, dass ein wahrer Gott lebe und sei, dass wir einen Vater
im Himmel haben, der auf uns allzeit sieht, der zu fürchten sei, der um so
unsägliche Wohltat zu lieben sei, dem wir sollen allzeit herzlich danken, ihm
Lob und Preis sagen, welcher unser Gebet, auch unser Sehnen und Seufzen erhört,
wie denn Johannes in seiner ersten Epistel sagt, 1. Joh. 4,19; ‚Wir lieben ihn,
denn er hat uns zuvor geliebt.‘ UNS nämlich, denn er hat seinen Sohn für uns
gegeben und uns Sünde vergeben. Da zeigt Johannes genug an, dass der Glaube
also vorgehe und die Liebe alsdann folge. Ebenso, dieser Glaube ist in denen,
da rechte Buße ist, das ist, da ein erschrockenes Gewissen Gottes Zorn und
seine Sünde fühlt, Vergebung der Sünde und Gnade sucht. Und in solchem
Schrecken, in solchen Ängsten und Nöten beweist sich erst der Glaube, und muss
auch so bewährt werden und zunehmen. Darum kann der Glaube nicht sein in
fleischlich sicheren Leuten, welche nach des Fleisches Lust und Willen
dahinleben. Denn so sagt Paulus Röm. 8,1: ‚So ist nun nichts Verdammliches an
denen, die in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern
nach dem Geist.‘ Ebenso V. 12.13: ‚So sind wir nun Schuldner, nicht dem
Fleisch, dass wir nach dem Fleisch leben. Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt,
so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist des Fleisches
Geschäfte tötet, so werdet ihr leben.‘ Deshalb kann der Glaube, welcher allein
in dem Herzen und Gewissen ist, denen ihre Sünden herzlich leid sind, nicht
zugleich neben einer Todsünde sein, wie die Widersacher lehren. So kann er auch
nicht in denjenigen sein, die nach der Welt fleischlich, nach des Satans und
des Fleisches Willen leben.“ (Apol. III,19-23.) Damit ist auch gesagt, dass
das neue Leben eine stete Abtötung des alten Adams, des sündigen
Fleisches ist, der alte Mensch, wie Luther im Kleinen Katechismus sagt, „durch
tägliche Reue und Buße muss ersäuft werden mit allen Sünden und bösen
Lüsten und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der
in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott lebe.“
(Kl. Kat. IV,12.) Dies ist der tägliche Vollzug dessen, was grundsätzlich in
der Taufe geschehen und begonnen ist und nun das ganze Christenleben hindurch
läuft bis zu unserem Tod. So ist das Christenleben eigentlich nichts anderes
als ein ständiges Leben in der Taufe und aus der Kraft der Taufe und tägliches Zurückkriechen
in der Buße in die Taufe. Das gilt, unabhängig davon, ob du als Säugling
getauft wurdest und dann, wenn du heranwächst, durch des Heiligen Geistes
Wirken zur Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis und so zur Buße und dann zum
rechtfertigenden Glauben kommst, um danach täglich in der Buße zu leben, oder
ob du erst als Erwachsener durch des Heiligen Geistes Wirken durch lebendige Sünden-,
Verdorbenheits- und Christuserkenntnis zum rechtfertigenden Glauben und zur
Taufe gekommen bist, um dann in täglicher Buße zu wandeln. Christliches Leben
ist Kampfesleben, in dem der Heilige Geist gegen das Fleisch kämpft, um es
unten zu halten, um es zu kreuzigen, und so dann wahrhaft ein Gott
wohlgefälliges Leben, mit Gott wohlgefälligen Werken zu wirken (tägliche Buße
oder Bekehrung). „Denn in diesem Leben können auch Christen und die Heiligen
selbst Gottes Gesetz nicht vollkommen halten; denn es bleiben immer böse
Neigung und Lüste in uns, wiewohl der Heilige Geist denselben widersteht.“
(Apol. III,25.) „Zum andern ist’s gewiss, dass auch diejenigen, so durch den
Glauben und Heiligen Geist neu geboren sind, doch gleichwohl noch, so lange
dies Leben währt, nicht gar rein sind, auch das Gesetz nicht vollkommen halten.
Denn wiewohl sie die Erstlinge des Geistes empfangen, und wiewohl sich in ihnen
dass neue, ja, das ewige Leben angefangen, so bleibt doch noch etwas von der
Sünde und böser Lust und findet das Gesetz noch viel, dass es uns anzuklagen
hat. Darum, obschon Liebe Gottes und gute Werke in Christen sollen und müssen
sein, sind sie dennoch vor Gott nicht gerecht um solcher ihrer Werke willen,
sondern um Christus willen durch den Glauben. Und Vertrauen auf eigene
Erfüllung des Gesetzes ist eitel Abgötterei und Lästerung Christi und fällt
doch zuletzt weg und macht, dass die Gewissen verzweifeln. Deshalb soll dieser
Grund fest stehen bleiben, dass wir um Christi willen Gott angenehm und gerecht
sind durch Glauben, nicht von wegen unserer Liebe und Werke.“ (Apol.
III,39-40.) Wenn wir also als Christen ehrlich sind vor Gott und uns selbst, so
müssen wir immer wieder feststellen, dass unsere Werke, unsere Liebe, unsere
Reue, unser Glaube nicht rein sind und wir über allem täglich viel Vergebung
brauchen (vgl. Apol. III,40). Darum gilt es auch für den Christen, dass er
täglich allein aus der Vergebung, der Rechtfertigung leben kann, dass er über
diesen Punkt nie hinauskommen wird, weil er immer auch ein armer Sünder bleibt,
aber eben ein solcher, der um Christi willen, an den er sich im Glauben hält,
Vergebung hat.
Aber gerade auch dann gilt, dass Christus
allein unser Erlöser, Versöhner, Retter ist. Es ist nicht so, dass er nur eine
erste Gnade erworben habe, mit deren Hilfe man selbst mitarbeiten müsse, um das
ewige Leben zu erlangen. Nein, auch für den neu geborenen Christen ist Christus
allein der Retter. „Christus bleibt nichtsdestoweniger vor- wie nachher der
einige Mittler und Versöhner, wenn wir in ihm also neu geboren sind. Darum
irren diejenigen, die da erdichten, dass Christus allein uns primam gratiam oder die erste
Gnade verdiene, und dass wir hernach durch unsere eigenen Werke und Verdienst
müssten das ewige Leben verdienen. Denn er bleibt der einige Mittler, und wir
sollen des gewiss sein, dass wir um seinetwillen allein einen gnädigen Gott
haben; ob wir es auch gleich unwürdig sind, wie Paulus sagt: ‚Durch ihn haben
wir einen Zugang zu Gott. Denn unsere besten Werke, auch nach empfangener Gnade
des Evangeliums (wie ich gesagt) sind noch schwach und nicht gar rein.“
(Apol. III,41-42.) Bedenke: Auch als Christ wirst du Gott nie so lieben,
fürchten, ihm vertrauen, wie du sollst, bist ihm auch nicht so gehorsam, wie er
verlangt. „Wie denn die ganze heilige christliche Kirche, alle Heiligen,
allezeit bekannt haben und noch bekennen. Denn so sagt Paulus zu den Römern in
7,19: ‚Das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich
nicht will, das tue ich‘ usw. Ebenso: ‚Mit dem Fleisch diene ich dem Gesetz der
Sünden‘ usw. Denn es ist keiner, der Gott den Herrn so von ganzem Herzen
fürchtet und liebt, wie er schuldig ist, keiner, der Kreuz und Trübsal in
ganzem Gehorsam gegen Gott trägt, keiner, der nicht durch Schwachheit oft
zweifelt, ob auch Gott sich unser annehme, ob er uns achte, ob er unser Gebet
erhöre. Darüber murren wir oft aus Ungeduld gegen Gott, dass es den Gottlosen
wohl geht, den Frommen übel. … Von den Sündern sagt der Psalm [32,6]: ‚Dafür
werden bitten alle Heiligen zu rechter Zeit.‘ Da sagt er, dass alle Heiligen
müssen um Vergebung der Sünden bitten. Deshalb sind diejenigen gar stockblind,
welche die böse Lust im Fleisch nicht für Sünde halten, von welchen Paulus
sagt: ‚Das Fleisch strebt wider den Geist, und der Geist strebt wider das
Fleisch.‘“ (Apol. III,46-48.)
Wir stehen immer wieder auch in der Gefahr,
nachzulassen mit den guten Werken, kalt zu werden in der Liebe und dadurch den
Geist Gottes zu betrüben und aus der Gnade zu fallen. Das heißt aber nicht,
dass die Liebe uns rettet, sondern nur, dass wir den Glauben nicht mehr
praktizieren. Denn allein der Glaube, nicht die Liebe, erlangt Vergebung der
Sünden, überwindet den Schrecken der Sünde und des Todes und Gottes Zorn, nicht
die Liebe (vgl. Apol. III,97 ff.). „Der Glaube aber macht gerecht, nicht um
unseres Tuns willen, sondern allein deshalb, dass er Barmherzigkeit sucht und
empfängt, und will sich auf kein eigenes Tun verlassen, das ist, wir lehren,
das Gesetz macht nicht gerecht, sondern das Evangelium, das glauben heißt, dass
wir um Christi willen, nicht um unseres Tuns willen einen gnädigen Gott haben.“
(Apol. III,107.)
Der
Christ in der Gemeinde und im Gottesdienst
Wenn Gott einen Menschen durch Taufe oder
Bekehrung wiedergebärt, so versetzt er ihn aus dem Reich des Teufels in das
Reich Christi (Kol. 1,13), das heißt, er macht ihn zu einem Glied in der
(verborgenen) Gemeinschaft der an Christus Gläubigen. Was aber kennzeichnet den
an Christus Gläubigen? Dass er seines Hirten Stimme hört. „Denn es weiß,
Gott Lob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen
Gläubigen und Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören. Denn so beten die
Kinder: ‚Ich glaube eine heilige christliche Kirche.‘ Diese Heiligkeit steht
nicht in Chorhemden, Platten, langen Röcken und anderen ihrer Zeremonien, durch
sie über die Heilige Schrift erdichtet, sondern im Wort Gottes und rechtem
Glauben.“ (Schm.Art. III, XII,2-3.) Wie aber
können wir Christen unseres Hirten Stimme hören? Zum einen natürlich dadurch,
und das ist täglich wichtig, dass wir selbst die Bibel lesen. „Und zwar wir
Christen sollen immerdar solchen Feiertag halten, eitel heilig Ding treiben,
das ist, täglich mit Gottes Wort umgehen und solches im Herzen und Mund
tragen.“ (Gr. Kat. I, III,89.) Aber das ist hier jetzt nicht zuerst
gemeint. Sondern gerade auch dadurch, dass wir das durch das vom Dienst, den
der dreieinige Gott eingesetzt hat, gepredigte Wort hören und uns zu Herzen
gehen lassen, ganz unser Herz prägen lassen und dadurch auch gute Frucht
bringen und so uns als rechte Christen erweisen. Diesen Dienst aber finden wir
da, wo wir die Eine heilige christliche Kirche in Bewegung, in der Ausübung der
ihr anvertrauten Funktionen, also der Gnadenmittel, finden, also zuerst und vor
allem in der rechtgläubigen christlichen Ortsgemeinde, in die der Heilige Geist
einen Christen hineinsetzt, (wenn sie geographisch erreichbar ist). Dabei
bedenke aber: Die bloße äußere Gliedschaft in einer
Gemeinde macht dich nicht zu einem wahren Christen, errettet dich nicht, denn
auch die Heuchler und Scheinchristen gehören zu der äußeren Gemeinschaft der
Namen und Ämter. „Wir bekennen und sagen auch, dass die Heuchler und Bösen
auch können Glieder der Kirche sein, in äußerlicher Gemeinschaft des Namens und
der Ämter, und dass man von Bösen könne das Sakrament recht empfangen,
besonders, wenn sie nicht verbannt sind. … Aber die christliche Kirche steht
nicht allein in Gesellschaft äußerlicher Zeichen, sondern steht vornehmlich in
Gemeinschaft inwendig der ewigen Güter im Herzen, wie des Heiligen Geistes, des
Glaubens, der Furcht und Liebe Gottes. Und dieselbe Kirche hat doch äußerliche
Zeichen, dabei man sie kennt, nämlich wo Gottes Wort rein geht und wo die
Sakramente demselben gemäß gereicht werden, da ist gewiss die Kirche, da sind Christen
und dieselbe Kirche wird allein genannt in der Schrift Christi Leib. Denn
Christus ist ihr Haupt und stärkt und erhält sie durch seinen Geist. … Darum,
in welchen Christus durch seinen Geist nicht wirkt, die sind nicht Gliedmaße
Christi.“ (Apol. VII/VIII,3-6.) „Was die Kirche heißt, nämlich den
Haufen und die Versammlung, welche ein Evangelium bekennen, gleich eine
Erkenntnis Christi haben, einen Geist haben, welcher ihr Herz erneuert, heiligt
und regiert.“ (Apol. VII/VIII, 8.) „Deshalb sind allein die nach dem
Evangelium Gottes Volk, welche die geistlichen Güter, den Heiligen Geist,
empfangen, und dieselbe Kirche ist das Reich Christi, unterschieden von dem
Reich des Teufels. Denn es ist gewiss, dass alle Gottlosen in der Gewalt des
Teufels sein und Gliedmaße seines Reichs, … wiewohl sie in diesem Leben,
dieweil das Reich Christi noch nicht offenbart ist, unter den rechten Christen
und in der Kirche sind, darinnen auch Lehramt und andere Ämter mit haben.“ (Apol.
VII/VIII,16.17.) Darum prüfe dich, ob du wahrhaft ein rechtes, lebendiges Gliedmaß an Christi Leib bist, ob Christus dich durch
seinen Geist mittels des Worts erleuchtet und neu geboren hat und nun in deinem
Herzen regiert (vgl. Apol. VII/VIII,13), und bitte darum, dass er dich durch
seinen Geist mittels Wort und Sakrament dabei erhält und halte dich darum auch
zu denen, bei denen Gottes Wort rein gepredigt und die Sakramente schriftgemäß
verwaltet werden, also zur Kirche des reinen Wortes und der unverfälschten
Sakramente. Und das lass dir auch angelegen sein. wie ebenso die erste Bitte
des Vaterunsers es beinhaltet (siehe unten), dass diese wahre Einheit, nämlich
im reinen Wort und Sakrament, erhalten bleibe und alles Schriftwidrige
ausgeschieden. „Es sei genug zu Einigkeit in der Kirche, dass einerlei
Evangelium, einerlei Sakrament gereicht werden, und ist nicht not, dass die
Menschensatzungen allenthalben gleichförmig seien.“ (Apol. VII/VIII,30.)
In dieser Gemeinde also sollen wir als
Christen dann auch regelmäßig zusammenkommen, um Gottes Wort zu hören, zu
lernen, Gott zu loben, zu singen und zu beten, wozu die Kirche einen Tag
ausgesondert hat, damit alles ordentlich zugeht. „Danach allermeist darum,
dass man an solchem Ruhetag (weil man sonst nicht dazu kommen kann), Raum und
Zeit nehme, Gottesdienst zu halten, also dass man zusammen komme, Gottes Wort
zu hören und behandeln, danach, Gott zu loben, singen und beten. Solches aber
(sage ich) ist nicht so an Zeit gebunden wie bei den Juden, dass es müsse eben
dieser oder jener Tag sein; denn es ist keiner an sich selbst besser als der
andere; sondern sollte wohl täglich geschehen, aber weil der Haufen nicht
kommen kann, muss man je zum wenigsten einen Tag in der Woche dazu aussondern.
Weil aber von Alters her der Sonntag dazu gestellt ist, soll man’s auch dabei
bleiben lassen, auf dass es in einträchtiger Ordnung gehe und niemand durch
unnötige Neuerung eine Unordnung mache.“ (Gr. Kat. I, III,84-85.) Denn
dadurch allein wird der Tag geheiligt: durch Gottes Wort und dass du es recht
hörst, bedenkst, zu Herzen nimmst und trachtest, danach zu leben, nicht durch
Nichtstun. „Wie geht denn nun solches Heiligen zu? Nicht so, dass man hinter
dem Ofen sitze und keine grobe Arbeit tue oder einen Kranz aufsetze und seine
besten Kleider anziehe, sondern (wie gesagt), dass man Gottes Wort handle und
sich darin übe.“ (Gr. Kat. I, III,88.)
Wichtig, wie schon oben gesagt: Der wahre
Christ ist nicht nur am Sonntag Christ, sondern jederzeit, geht daher alle Tage
mit Gottes Wort um, dass er alle Tage davon geprägt werde. „Und zwar wir
Christen sollen immerdar solchen Feiertag halten, eitel heilig Ding treiben,
das ist, täglich mit Gottes Wort umgehen und solches im Herz und Mund umtragen. Aber weil wir (wie gesagt) nicht alle Zeit und
Muße haben, müssen wir die Woche über etliche Stunden für die Jugend oder zum
wenigsten einen Tag für den ganzen Haufen dazu gebrauchen, dass man sich allein
damit bekümmere und eben die Zehn Gebote, den Glauben und Vaterunser treibe und
so unser ganzes Leben und Wesen nach Gottes Wort richte. … Gottes Wort ist der
Schatz, der alle Ding heilig macht, dadurch sie selbst, die Heiligen, alle sind
geheiligt worden. … Deshalb sage ich allezeit, dass alle unser Leben und Werk
in dem Wort Gottes gehen müssen, sollen sie Gott gefällig oder heilig heißen.“
(Gr. Kat. I, III,89.91.92.) Darum frage dich selbst, wie du mit Gottes Wort
umgehst und ob du kommst, um zu hören (Pred. 4,17)
und dich korrigieren, trösten, leiten lässt durch Gottes Wort. Denn Gottes Wort
allein kann dich heilig machen (vgl. Gr. Kat. I, III,94). Oder kommst du nur
aus Gewohnheit, liest du nur aus Gewohnheit Gottes Wort? Oder meinst du, du
hast schon genug davon, weißt alles schon und betrügst dich so selbst? „Darum
wisse, dass es nicht allein ums Hören zu tun ist, sondern soll auch gelernt und
behalten werden, und denke nicht, dass es in deiner Willkür stehe oder nicht
große Macht dran liege, sondern dass Gottes Gebot ist, der es fordern wird, wie
du sein Wort gehört, gelernt, geehrt hast. … Denn das lass dir gesagt sein, ob
du es gleich aufs Beste könntest und aller Dinge Meister wärest, so bist du
doch täglich unter des Teufels Reich, der weder Tag noch Nacht ruht, dich zu
beschleichen, dass er in deinem Herzen Unglauben und böse Gedanken gegen die
vorigen und alle Gebote anzünde. Darum musst du immerdar Gott Wort im Herzen,
Mund und vor den Ohren haben. Wenn aber das Herz müßig steht und das Wort nicht
klingt, so bricht er ein und hat den Schaden getan, ehe man’s gewahr wird.
Wiederum hat es die Kraft, wo man’s im Ernst betrachtet, hört und handelt, dass
es nimmer ohne Frucht abgeht, sondern allezeit neuen Verstand, Lust und Andacht
erweckt, reines Herz und Gedanken macht, denn es sind nicht faule noch tote,
sondern geschäftige, lebendige Worte.“ (Gr. Kat. I, III,98.100-101.)
Das
Leiden im Christenleben
Leiden, Trübsale im Christenleben
sind nicht, das ist ganz wichtig, im Allgemeinen Folgen von Sünden (im
konkreten Fall kann so etwas sein, etwa aufgrund eines fahrlässig
herbeigeführten Unfalls, als Folgen von Drogeneinnahmen, Rauchen, starkem
Alkoholkonsum, Extremsportarten). Vielmehr sind sie eine Weise Gottes, an uns
zu arbeiten, uns zu erziehen. „Darum sind die Trübsale und Anfechtungen
nicht allzeit Zeichen göttlichen Zorns, sondern man muss die Gewissen fleißig
unterrichten, dass sie die Trübsal lernen gar viel anders ansehen, nämlich als
Gnadenzeichen, dass sie nicht denken, Gott habe sie von sich gestoßen, wenn sie
in Trübsalen seien. Man soll die anderen rechten Früchte des Kreuzes ansehen,
nämlich dass Gott uns angreift und darum ein fremdes Werk tut, wie Jesaja sagt,
damit er sein eigenes Werk in uns haben möge, wie er denn davon eine lange
tröstliche Predigt macht im 28. Kapitel. Und da die Jünger fragten von dem
Blinden Joh. 9, sagt Christus, dass weder des Blinden Eltern noch er gesündigt
haben, sondern Gottes Ehre und Werke müssen offenbar werden. Und so sagt auch
Jeremia, der Prophet: ‚Diejenigen, so nicht Schuld dran haben, sollen auch den
Kelch trinken‘ usw. So sind die Propheten erwürgt, so ist Johannes Baptista
getötet worden und andere Heilige. Darum sind die Trübsale nicht allzeit
Strafen oder Pönen für die vorigen Sünden, sondern sind Gottes Werke, auf
unseren Nutzen gerichtet, dass Gottes Stärke und Kraft in unserer Schwachheit
desto klarer erkannt werde, wie er mitten im Tod helfen kann usw. So sagt
Paulus [1. Kor. 12,5.9]: ‚Gottes Kraft und Stärke lässt sich in Schwachheit
erfahren und sehen.‘ Darum sollen wir unsere Leiber opfern in Gottes Willen,
unseren Gehorsam und Geduld zu erzeigen, nicht, um von dem ewigen Tod oder
ewiger Pein uns zu erlösen.“ (Apol. VI,61-63.)
Des
Christen Gebetsleben
Das Gebet ist ein ganz wichtiger
Teil des Christenlebens, denn im Gebet üben wir als Christen in intensiver
Weise unsere Beziehung zu dem dreieinigen Gott. Im Gebet beten wir ihn an,
rühmen, loben und preisen wir ihn für all das, was er für uns getan hat und
tut. Aber im Gebet treten wir auch ein zum einen für uns selbst, unser
Glaubensleben, für die alltäglichen Dinge, die wir brauchen, reden wir zu
unserem HERRN in Freude wie in Not und Trübsal. „Wir haben nun gehört, was
man tun und glauben soll, darin das beste und seligste Leben steht. Folgt nun
das dritte Stück, wie man beten soll. Denn weil es so mit uns getan ist, dass
kein Mensch die Zehn Gebote vollkommen halten kann, ob er gleich angefangen hat
zu glauben, und sich der Teufel mit aller Gewalt samt der Welt und unserem
eigenen Fleisch dagegen sperrt: Ist nichts so nötig, als dass man Gott immerdar
in den Ohren liege, rufe und bitte, dass er den Glauben und Erfüllung der Zehn
Gebote uns gebe, erhalte und mehre, und alles, was uns im Weg liegt und daran
hindert, hinwegräume.“ (Gr. Kat. III,1-2.) Im Gebet aber treten wir auch
ein für unsere Angehörigen, für die Gemeinde, nehmen Teil an der Mission, am
Ergehen der Kirche, bringen auch die Obrigkeiten vor ihn. Darum frage sich ein
jeder, der wahrhaft Christ sein will, wie es mit seinem Gebetsleben steht?
Betest du regelmäßig, hast du dir feste Zeiten markiert dafür in deinem
Tagesablauf?
Gerade die Katechismen Luthers helfen uns
in unserem Gebetsleben. Im Kleinen Katechismus reicht er uns mit den Morgen-
und Abend- sowie den Tischgebeten Hilfsmittel dar, die uns anleiten, wie wir
die festen Teile des Tages mit Gott begehen, wie wir den Tag mit Gott beginnen
und abschließen, wie wir unsere Mahlzeiten als seine guten Gaben erkennen
lernen und ihm dafür danken.
Vor allem aber ist das Vaterunser mit den
Erklärungen Luthers eine große Hilfe zu einem intensiven und umfassenden
Gebetsleben. Zunächst leitet er uns an, dass wir doch bedenken, mit wem wir
reden, und dass der allmächtige Gott gerade in Jesus Christus unser lieber
Vater geworden ist. „Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er
sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, auf dass wir getrost und
mit aller Zuversicht ihn bitten sollen, wie die lieben Kinder ihren lieben
Vater.“ (Kl. Kat. III,2.) Dann stellt er uns die Heiligkeit, die Ehre,
Majestät Gottes in seinem Namen vor und wie wir sie recht ehren: durch die
reine Lehre und das schriftgemäße Leben. „Wo das Wort Gottes lauter und rein
gelehrt wird und wir auch heilig als die Kinder Gottes danach leben. Das hilf
uns, lieber Vater im Himmel.“ (Kl. Kat. III,5.) Damit macht er deutlich,
was unsere Herzensanliegen sein sollen: Zum einen die reine, unverfälschte
biblische Lehre. Sie allein hat Berechtigung in der Kirche Christi, die eine
Kirche des reinen Wortes und der unverfälschten Sakramente sein soll. Darum
bitte dafür, dass die Gemeinde und Kirche erhalten bleibe bei dem reinen Wort
und Sakrament und aller falschen Lehre, die sich so vielfältig von allen Seiten
zeigt, gewehrt wird. Und bitte auch, dass du selbst auch ein rechtes Interesse
an der einen Lehre hast, sie lernst aus guten lutherischen Dogmatiken, und dass
du selbst auch fest wirst in Gottes reinem Wort. Dann aber geht es auch um das
heilige, Gott wohlgefällige Leben, wodurch ebenfalls Gottes Name geehrt wird,
während ein sündhaftes Leben ihn entehrt. Gewiss, im Unterschied zur Lehre wird
unser Leben nie vollkommen sein – die Lehre kann und muss es sein, denn nur
durch sie kann dann auch das Leben immer wieder korrigiert werden –, aber als
wahrhaftiger Christ ringst du darum, dass du Gott immer wohlgefälliger wirst in
deinem Leben. Gerade auch das sei dir ein Gebetsanliegen.
Dann richtet Christi Vaterunser den Blick
auf Gottes Reich – in uns und bei anderen. Da geht es darum, dass dir Gottes
Wort ein rechtes herzliches Anliegen ist. Welche Bedeutung hat es für dich? Das
zeigt sich darin, ob du regelmäßig zum Gottesdienst deiner Gemeinde gehst,
regelmäßig das Sakrament empfängst und auch regelmäßig Gottes Wort liest – und
das alles nicht nur als pflichtmäßige Werke, sondern von Herzen. Und darum
bitte, dass du kommst unter das Wort, um zu hören, und dass du hörst, um zu
glauben und dann auch danach zu leben. „Gottes Reich kommt wohl ohne unser
Gebet von sich selbst; aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns
komme. Wie geschieht das? Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist
gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und göttlich
leben, hier zeitlich und dort ewiglich.“ (Kl. Kat. III,7-8.) Es will uns
aber auch den Blick weiten für die, die noch nicht im Glauben stehen, dass wir
auch für sie eintreten, dass auch sie zum rettenden Glauben kommen – und wir
unserem Gebet auch Taten folgen lassen durch Unterstützung der Mission,
Evangelisation und auch selbst Christus bezeugen, wo es möglich ist.
Dann zielt Christus auf darauf, dass Gottes
Willen uns groß werde, und dass wir die Feinde des Willens Gottes, den Teufel,
die Welt und unser Fleisch, ins Visier nehmen, um im täglichen Kampf durch
Gottes Gnade und Kraft ihnen widerstehen zu können. Vor allem aber gilt es
damit, dass Gottes Wille zum Zug kommt – gerade auch in unserem eigenen Leben,
was mit täglichem Kampf, täglichem Sterben des alten Menschen verbunden ist.
Diese Bitte stellt uns auch die Frage, wie es bei uns mit Hingabe, Selbstverleugnung,
Beugen unter Gottes Wegen steht? Denn worum sollen wir da beten? „Wenn Gott
allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, so uns den Namen Gottes nicht
heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, als da sind des Teufels,
der Welt und unseres Fleisches Wille; sondern stärkt und behält uns fest in
seinem Wort und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein guter und gnädiger
Wille.“ (Kl. Kat. III,11.)
Wenn wir einen Augenblick innehalten und
diese ersten drei Bitten betrachten, dann stellen wir fest, dass sie sich alle
zuerst und vor allem um Gott und sein Reich und Willen drehen und dass wir dem
immer mehr konform werden, es geht also zuerst um diese geistlichen Dinge. Das
sollte uns zu denken geben: nämlich dass wir nicht zuerst und vor allem unsere
alltäglichen Dinge, so wichtig und bedeutend sie auch sein mögen, anbringen,
sondern dass uns Gott und sein Reich und unser geistliches Leben darinnen die
wichtigsten Anliegen sein sollen.
Dann kommt allerdings auch das, was uns
sonst eher zuerst in den Blick fällt, nämlich unser alltägliches Leben mit
allen seinen Bezügen: Essen und Trinken, Kleidung und Wohnung, Arbeit, Nahrung
und Finanzen, Familie und Obrigkeiten, Wetter, Nachbarn, Gesundheit, Friede,
Freunde und was sonst uns da bewegen mag. Einerseits drängen sie sich, wenn wir
beten, oft sogleich in den Vordergrund; andererseits aber neigen wir auch dazu,
vieles davon, wenn nicht alles, irgendwie als selbstverständlich hinzunehmen oder
zu meinen, dass wir hier mit unserm Handeln am Zug sind. Christus aber lehrt
uns, dass alle unsere Lebensbereiche wir aus seiner Hand nehmen sollen, unter
ihm leben und ihm daher anbefehlen – und nichts für selbstverständlich nehmen. „Gott
gibt täglich Brot, auch wohl ohne unsere Bitte, allen bösen Menschen; aber wir
bitten in diesem Gebet, dass er es uns erkennen lasse, und wir mit Danksagung
empfangen unser täglich Brot. Was heißt denn täglich Brot? Antwort: Alles, was
zur Leibes Nahrung und Notdurft gehört, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuhe,
Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, frommen Gemahl, fromme Kinder, fromme
Mitarbeiter, fromme und treue Amtsleute, gutes Regiment, gutes Wetter, Friede,
Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, treue Nachbarn und desgleichen.“
(Kl. Kat. III,13-14.)
Dann gilt es wieder, den Blick auf unser
tägliches Glaubensleben zu lenken, und zwar auf den täglichen geistlichen Kampf
– und da wieder darauf, dass wir täglich viel sündigen, dass der alte Mensch,
der alte Adam uns täglich überwältigt und wir daher täglich die Reinigung von
unseren Sünden benötigen, tägliche Vergebung. Das ist eine Anfrage an einen
jeden von uns: Wie steht es mit der täglichen Sündenerkenntnis, dem täglichen
Sündenbekenntnis, der täglichen Umkehr, Reinigung und Erneuerung? Und dabei zugleich
die Ermahnung, dass wir, als solche, die aus der Vergebung leben, auch denen
von Herzen vergeben, die an uns schuldig geworden sind, sie suchen, wollen sie
Vergebung oder auch nicht, damit wir nicht zu Schalksknechten
werden und durch Überhebung, geistlichen Hochmut zu Selbstgerechtigkeit kommen
und so aus der Gnade fallen. „Wir bitten in diesem Gebet, dass der Vater im
Himmel nicht ansehen wollt unsere Sünde, und um derselben willen solche Bitte
nicht versagen; denn wir sind der keines wert, das wir
bitten, haben es auch nicht verdient; sondern er wollt es uns alles aus Gnaden
geben; denn wir täglich viel sündigen und wohl eitel strafe verdienen. So
wollen wir auch wiederum herzlich vergeben und wohltun denen, die sich an uns
versündigen.“ (Kl. Kat. III,16.)
Tägliches Glaubensleben ist täglicher
Kampf, das gilt es immer im Blick zu haben. Daher ist die geistliche
Waffenrüstung so wichtig (Eph. 6,10-18). Täglich sind wir vielfältigsten
Versuchungen ausgesetzt durch falsche Lehre, durch Anreizung, Verleitung zur
Sünde, sei es durch den Teufel direkt, unsere Mitmenschen, Medien, durch unser
Fleisch, durch die Gefahr, so aus dem Glauben zu fallen, zu verzweifeln an
Gott, am Glauben durch Unglück, Trübsal, Ängste. Auch gegen all das gilt es im
Gebet zu kämpfen, mit dem Ziel, dass wir den von Christus schon errungenen Sieg
schließlich, wenn vielleicht auch nach manchem Fallen, erlangen. „Gott
versucht zwar niemand, aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott wollte
behüten und erhalten, auf dass uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht
betrügen noch verführen in Missglauben, Verzweifeln
und andere große Schande und Laster, und ob wir damit angefochten würden, dass
wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.“ (Kl. Kat. III,18.)
Schließlich aber erinnert Christus uns
daran, dass wir nie den Tod aus dem Sinn verlieren dürfen, sondern stets
bedenken, dass diese Erde nur eine Durchgangsstation ist, dass wir hier nur
Pilger, Fremdlinge sind, die, wenn sie ihr Christsein ernst nehmen, durchaus
diese Welt als ein Jammertal erkennen und sich, wie Paulus, nach der ewigen
Herrlichkeit sehnen. Aber es gilt, uns auch auf unseren Tod schon frühzeitig
geistlich vorzubereiten, nämlich um ein seliges Ende, einen Übergang einst in
die Herrlichkeit, zu bitten, dass wir also in der Gnade Christi beharren bis an
unseren Tod. „Wir bitten in diesem Gebet, als Zusammenfassung, dass uns der
Vater im Himmel von allerlei Übel Leibes und der Seele, Gutes und Ehre erlöse,
und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit
Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehme in den Himmel.“ (Kl. Kat.
III,20.)
Und wenn wir beten, dann ist es ganz
wichtig, dass wir im Glauben beten, in der Gewissheit, dass wir um Christi
willen erhört werden, dass wir uns also berufen und verlassen auf die
Verheißungen, die Christus uns gegeben hat, und nicht zweifeln, denn dann
erlangen wir nichts. Und es soll uns ernst sein mit unserem Gebet, nicht das
Ableisten einer christlichen Pflicht, sondern Vorbringen wirklicher Anliegen.
„Amen“ soll ja unsere Gewissheit unterstreichen, mit der wir beten: „Dass
ich soll gewiss ein, solche Bitten sind dem Vater im Himmel angenehm und
erhört; denn er selbst hat uns geboten, so zu beten, und verheißen, dass er uns
will erhören. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, es soll so geschehen.“ (Kl.
Kat. III,21.)
Die
Beichte oder das Bekenntnis der Sünden
Die Beichte selbst ist keine göttliche,
sondern eine gute kirchliche Einrichtung, ein Angebot an den Sünder, der durch
den Heiligen Geist seine Sünde erkannt hat, von ihr bedrückt ist und nicht
weiß, wie er sie los bekommen soll. Denn das Hauptstück in ihr ist, neben dem
Bekenntnis der Sünde, die Absolution, die Lossprechung von den Sünden durch
Gottes Wort. „Denn die Beichte behalten wir auch um der Absolution willen,
welche ist Gottes Wort, dadurch uns die Gewalt der Schlüssel los spricht von
Sünden. Darum wäre es gegen Gott, die Absolution aus der Kirche abzutun usw.
Diejenigen, so die Absolution verachten, die wissen nicht, was Vergebung der
Sünde ist oder was die Gewalt der Schlüssel ist. Von dem Erzählen aber der
Sünden haben wir oben in unserem Bekenntnis gesagt, dass wir halten, es sei
nicht von Gott geboten. … Denn die Absolution ist schlicht der Befehl,
loszusprechen, und ist nicht ein neues Gericht, Sünde zu erforschen. Denn Gott
ist der Richter, der hat den Aposteln nicht das Richteramt, sondern die
Gnadenexekution befohlen, diejenigen los zu sprechen, so es begehren, und sie
auch zu entbinden und zu absolvieren von Sünden, die uns nicht einfallen. Darum
ist die Absolution eine Stimme des Evangeliums, dadurch wir Trost empfangen,
und ist nicht ein Urteil des Gesetzes.“ (Apol. VI,2-8.) Das ist also ganz
wichtig: Es geht in der angebotenen Beichte nicht darum, alles minutiös
aufzuzählen, umso weniger, als niemand sich überhaupt aller Sünden bewusst ist,
denn der Pastor oder Beichtvater ist ja kein Richter, sondern es gilt, das zu
beichten, was einem auf dem Herzen liegt, auch allgemein die unerkannten
Sünden, so man will, und dann vor allem die Absolution, die Lossprechung als
von Gott gemäß seines Wortes gegeben, im Glauben an dies Wort Christi empfange
und festhalten.
Die erste und unbedingt notwendige Beichte
ist diejenige vor Gott selbst. Dem sollen und müssen wir alle Sünden, die uns
bewusst werden, und auch allgemein die unerkannten Sünden bekennen und seine
Vergebung erbitten (denn es gibt nirgends einen Befehl Gottes, dass man alle
Sünden erzählen müsse, vgl. Apol. VI,13). Dies geschieht recht, wenn es von
Herzen geschieht, mit rechter Traurigkeit über die Sünde und Erkennen und
Anerkennen des Zornes Gottes und seines Urteils über die Sünde, ihm, dem HERRN,
also Recht geben. „Es wird an etlichen Orten in den Psalmen gedacht des
Wortes confessio, wie im 32. Psalm: ‚Ich will dem
Herrn meine Übertretung bekennen wider mich.‘ Dasselbe Beichten und Bekennen,
das Gott geschieht, ist die Reue selbst. Denn wenn wir Gott beichten, so müssen
wir im Herzen uns als Sünder erkennen, nicht allein mit dem Mund wie die
Heuchler, die die Worte allein nachreden. So ist dieselbe Beichte, die Gott
geschieht, eine solche Reue im Herzen, da ich Gottes Ernst und Zorn fühle, Gott
recht gebe, dass er billig zürnt, dass er auch mit unserem Verdienst nicht
könne versöhnt werden, und da wir doch Barmherzigkeit suchen, nachdem Gott hat
Gnade in Christus zugesagt. So ist das eine Beichte im 51. Psalm: ‚An dir
allein habe ich gesündigt, dass du recht erfunden werdest, wenn du gerichtet
wirst.‘ Das ist: Ich bekenne mich einen Sünder, und dass ich verdient habe
ewigen Zorn, und kann mit meinen Werken, noch mit meinem Verdienst deinen Zorn
nicht stillen. Darum sage ich, dass du gerecht bist und billig uns strafst. Ich
gebe dir recht, obgleich die Heuchler dich richten, du seist ungerecht, dass du
ihren Verdienst und gute Werke nicht ansiehst. Ja, ich weiß, dass meine Werke
vor deinem Urteil nicht bestehen, sondern so werden wir gerecht, so du uns für
gerecht schätzt durch deine Barmherzigkeit.“ (Apol. VI,10-12.) Dabei kann
es hilfreich sein, sich an den zehn Geboten zu orientieren, gerade auch in
ihrer Auslegung im Großen Katechismus Luthers oder seinen Fragen im „Betbüchlein“, in denen er konkrete Sünden zu den einzelnen
Geboten anspricht. Das kann und soll helfen, Sünde als Sünde zu erkennen. Aber
eine reine oder vollständige Beichte ist nie möglich und auch nirgends
gefordert (vgl. Apol. VI,14 f.).
Genugtuung für unsere Sünden aber können
wir nicht bringen, das ist auch nicht nötig, denn Christus hat durch seinen
Gehorsam und sein blutiges Leiden und Sterben bereits eine vollständige
Genugtuung erbracht. „Denn diese Lehre muss vor allen Dingen erhalten werden
und stehen bleiben, dass wir durch den Glauben Vergebung der Sünde erlangen,
nicht durch unsere Werke, die davor oder danach geschehen, wenn wir bekehrt
oder neu geboren sind in Christus.“ (Apol. VI,19.) Denn „wenn die Sünde
vergeben ist, so ist auch der Tod weggenommen und das ewige Leben gegeben. Auch
so redet der Text: ‚Was ihr auflöst’ usw., nicht von Strafe auferlegen, sondern
dass auf denjenigen die Sünden bleiben, die sich nicht bekehren.“ (Apol.
VI,41.) „Darüber, so ist es gewiss, dass Christi Tod eine Genugtuung ist
nicht allein für die Schuld gegen Gott, sondern auch für den ewigen Tod, wie
klar der Spruch Hoseas lautet: ‚Tod, ich will dein
Tod sein.‘“ (Apol. VI,43.)
Das
heilige Abendmahl
Das heilige Abendmahl ist ein wichtiger
Bestandteil des Evangeliums und daher ein bedeutender Teil des christlichen
Lebens zur Stärkung des Glaubens an Christus, dessen Leib und Blut uns ja im
Sakrament unter Brot und Wein übernatürlicherweise
gegeben wird. Der aber empfängt das heilige Abendmahl nicht zu dem von Christus
verheißenen Nutzen, der meint, durch das bloße Werk des Empfangs sei alles
getan und er habe nun, was Christus zugesagt habe. Nein, wie bei allen
Gnadenmitteln, dem Wort, der Taufe und dem Abendmahl, ebenso wie auch bei der
Absolution, hast du das, was Christus dir zusagt, nur, wenn du von Herzen
seinem Wort glaubst. Denn so zeigt Luther zum einen im Kleinen Katechismus an,
was uns als geistlicher Nutzen im Sakrament gegeben wird: „Was nützt denn
solch Essen und Trinken? Das zeigen uns diese Worte: ‚Für euch gegeben und
vergossen zur Vergebung der Sünden.‘ Nämlich dass uns im Sakrament Vergebung
der Sünde, Leben und Seligkeit durch solche Worte gegeben wird. Denn wo
Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.“ (Kl. Kat.
VI,5-6.) Dann aber zeigt er auch an, wodurch allein du diese Gabe hast: „Wie
kann leibliches Essen und Trinken solche großen Dinge tun? Essen und Trinken
tut’s freilich nicht, sondern die Worte, so da stehen: ‚Für euch gegeben und
vergossen zur Vergebung der Sünden.‘ Welche Worte sind neben dem leiblichen
Essen und Trinken als das Hauptstück im Sakrament, und wer denselben Worten
glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nämlich Vergebung der
Sünden.“ (Kl. Kat. VI,7-8.) Darum ist das alles Entscheidende auch beim
Abendmahl der rechtfertigende Glaube an Christus. Der allein macht würdig, so
schwach er auch sein mag, nicht Reue, nicht Beichte, nicht gute Werke, die alle
unvollkommen sind. „Wer empfängt denn solches Sakrament würdig? Fasten und
leiblich sich bereiten ist wohl eine feine äußerliche Zucht, aber der ist recht
würdig und wohlgeschickt, wer den Glauben hat an diese Worte: ‚Für euch gegeben
und vergossen zur Vergebung der Sünden.‘ Wer aber diesen Worten nicht glaubt
oder zweifelt, der ist unwürdig und ungeschickt. Denn das Wort: ‚Für euch‘
fordert nichts als gläubige Herzen.“ (Kl. Kat. VI,9-10.) Daher: „Wir
haben in unserer Konfession angezeigt, dass wir halten, dass das Abendmahl oder
die Messe niemand fromm mache ex opere operato [durch den bloßen Vollzug], und dass die
Messe, so für andere gehalten wird, ihnen nicht verdiene Vergebung der Sünde,
Erlassung von Pein und Schuld. Und des Hauptstücks haben wir ganz starken,
gewissen Grund, nämlich diesen: Es ist unmöglich, dass wir sollten
Vergebung der Sünden erlangen durch
unsere Werke ex opere operato,
das ist durch getanes Werk an sich selbst sine bono
motu utensis, wenn schon das Herz keinen guten
Gedanken hat; sondern durch den Glauben an Christus muss der Schrecken der
Sünde, des Todes überwunden werden, wenn unsere Herzen aufgerichtet und
getröstet werden durch die Erkenntnis Christi, wie oben gesagt, wenn wir
empfinden, dass wir um Christi willen einen gnädigen Gott haben, also dass uns
sein Verdienst und Gerechtigkeit geschenkt wird, Röm. 5,1: ‚So wir denn sind
gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott‘ usw. Dies
ist ein solch starker, gewisser Grund, dass alle Pforten der Hölle dagegen
nichts werden können aufbringen; des sind wir gewiss.“ (Apol. XXIV,11-12.) „Das
Wort bietet uns an Vergebung der Sünde. Das äußerliche Zeichen ist wie ein
Siegel und Bekräftigung der Worte und Verheißung, wie es Paulus auch nennt.
Darum, wie die Verheißung vergeblich ist, wenn sie nicht durch den Glauben
gefasst wird, so sind auch die Zeremonien oder äußerlichen Zeichen nichts
nütze, es sei denn der Glaube da, welcher wahrhaft dafür hält, dass uns
Vergebung der Sünde widerfährt. Und derselbe Glaube tröstet die erschrockenen
Gewissen. Und wie Gott die Verheißung gibt, solchen Glauben zu erwecken, so ist
auch das äußerliche Zeichen daneben gegeben und vor die Augen gestellt, dass es
die Herzen zu glauben bewege und den Glauben stärke. Denn durch die zwei,
durchs Wort und äußerliche Zeichen, wirkt der Heilige Geist.“ (Apol.
XXIV,70.)
Darum geht es ja beim heiligen Abendmahl,
dass unser immer wieder in der Welt angefochtener Glaube gestärkt werde durch
die göttliche Zusage, und so das Herz froh wird in Christus. Dies umso mehr,
weil wir täglich im Kampf gegen die Sünde stehen, immer wieder mit Schrecken
unsere Verdorbenheit erkennen müssen und daher auch täglich viel Gnade und
Vergebung benötigen. Gerade das will uns Christus ja schenken im Sakrament und
uns stärken im täglichen Sterben des alten und Auferstehen des neuen Menschen „Und
dies ist der rechte Gebrauch des heiligen Sakraments, wenn durch den Glauben an
die göttliche Verheißung die erschrockenen Gewissen werden wieder aufgerichtet.
Und das ist der rechte Gottesdienst im Neuen Testament; denn im Neuen Testament
geht der höchste Gottesdienst inwendig im Herzen zu, dass wir nach dem alten
Adam getötet werden und durch den Heiligen Geist neu geboren werden. Und dazu
hat auch Christus das Sakrament eingesetzt, da er sagt: ‚Das tut zu meinem
Gedächtnis.‘ Denn solches zu Christi Gedächtnis tun, ist nicht ein solches
Ding, das allein mit Gebärden und Werken zugeht, allein zu einer Erinnerung und
zu einem Exempel, wie man in der Geschichte an Alexander und dergleichen
gedenkt usw., sondern heißt da, Christus recht erkennen, Christi Wohltat suchen
und begehren. Der Glaube nun, der da erkennt die überschwängliche Gnade Gottes,
der macht lebendig. Und das ist der vornehmste Gebrauch des Sakraments, daran
wohl zu merken ist, welche recht geschickt seien zu dem Sakrament, nämlich die
erschrockenen Gewissen, welche die Sünde fühlen, vor Gottes Zorn und Urteil
erschrecken und sich nach Trost sehnen. Darum sagt der Psalm [111,4.5]: ‚Er hat
ein Gedächtnis gemacht seiner Wunder, der gnädige und barmherzige Herr; er hat
Speise gegeben denen, so ihn fürchten.‘ Und der Glaube, der da erkennt solche
Barmherzigkeit, der macht lebendig, und das ist der rechte Gebrauch des
Sakraments.“ (Apol. XXIV,71-73.)
Daraus, aus diesem immer neuen Empfang der
Barmherzigkeit, der Gnade Gottes in Christus für unsere Sünden, kommt gerade
auch im Abendmahl der Dank, der Lob und Preis für Gott. „Da ist denn auch
und findet sich das Dankopfer oder Danksagung. Den wenn das Herz und Gewissen
empfindet, aus was großer Not, Angst und Schrecken es erlöst ist, so dankt es
aus Herzensgrund für so großen unsäglichen Schatz, und gebraucht auch die
Zeremonien oder äußerlichen Zeichen zu Gottes Lob und erzeigt sich, dass es
solche Gottes Gnade mit Danksagung annehme, groß und hoch achte. So wird die
Messe ein Dankopfer oder Opfer des Lobes.“ (Apol. XXIOV,75.)
Darum frage sich ein jeder auch immer
wieder, mit welcher Haltung er zum Abendmahl gehe, was es ihm überhaupt bedeute
und ob der Sakramentsempfang für ihn vielleicht zu einer bloßen Gewohnheit
geworden ist. Zur Vorbereitung auf das heilige Abendmahl helfen z.B. die Fragen
Luthers zu den zehn Geboten im „Betbüchlein“ oder
andere Fragen dazu, etwa im Gesangbuch, die uns zeigen, wo wir besonders von
Sünde angegriffen, gefährdet sind, und wie sehr wir Vergebung brauchen;
außerdem auch die „Christlichen Fragestücke“ im Anhang des Kleinen Katechismus.