Das alttestamentliche Zeit- und Geschichtsverständnis
Roland Sckerl
Das
griechisch-europäische Zeitverständnis ist vom Raum und der Bewegung im Raum
geprägt. Das wird sehr deutlich im Blick darauf, was die Indogermanen oder
Indoeuropäer unter „Zukunft“ verstehen, nämlich das, was noch vor ihnen liegt.
Im alttestamentlich-hebräischen Zeitbegriff ist dagegen die Zukunft immer das,
was nach uns kommt.[1]
Wie bestimmt
dabei gemäß dem Alten Testament der Israelit Tages- und Jahreszeiten?
Entscheidend für ihn sind, 1. Mose 1,14, Sonne, Mond und Sterne – hier durchaus
den Griechischen ähnlich, wobei allerdings die Griechen den Schwerpunkt auf die
Sonne legen. Israel dagegen bestimmt die heiligen Zeiten und die Zeiten
überhaupt nach dem veränderlichen Mond und seinen Phasen. Sonne und Mond sind
für ihn Lampen, 1. Mose 1,14, Lichter, Ps. 136,7, womit die Funktion von Sonne
und Mond angegeben wird – und die ist für Israel entscheidend. Sie sind Licht-
und Wärmespender, und daran orientiert sich die Zeitbestimmung: Die Sonne als
Licht- und Wärmespender regiert den Tag; der Mond und die Sterne sind die
Lichter in der Nacht, 1. Mose 1,16, d.h. die Lichtzeit wird Tag genannt (denn
er wird vom Licht bestimmt), die Finsterniszeit Nacht.
Die Gestirne sind also dazu da, Tag und Nacht zu trennen und zu unterscheiden.
Licht steht dabei für das Gute, denn Gott hat es für Gott erkannt, 1. Mose 1,4,
die Finsternis für das Nicht-Gute, das Gott vom Licht abgetrennt hat. Dies hat
für Israel grundlegende Bedeutung. Licht steht auch für Glück und Segen,
Finsternis dagegen für Fluch und Verderben. Gottes Heil bringt Licht in die
Finsternis (Hiob 30,26; Ps. 27,1). Die Lichter sind daher Ausdruck der Güte
Gottes, Ps. 136,1.7-9, sind Zeichen seiner Macht und Herrlichkeit, Ps. 8,2.4,
verherrlichen Gott, Ps. 19,2.
Für Israel
ist also, gemäß Gottes Ordnung, das Leuchten der Himmelskörper wichtig, nicht
ihre Bewegung. Und sie sind, wie schon dargelegt, Ausdruck der Güte Gottes in
seiner Schöpfung, und zwar ein tägliches Zeichen, ja, eine Garantie der Güte
Gottes, wie auch der Regenbogen, der allerdings spezifischer eingegrenzt ist,
1. Mose 9,12-15. So werden auch die heiligen Zeiten nach diesen Lichtern
bestimmt, und zwar hier wieder nach dem, was das Licht mit sich bringt: Wärme
(s. Neh. 7,3: Die Stadttore waren zu öffnen, wenn die Sonne warm scheint.)[2]
Die
Zeitangaben und Zeitempfindungen sind vom Alten Testament her an einen
Rhythmus gebunden, der auch mit dem körperlichen Rhythmus der Menschen
verbunden ist. Zeitpunkte und Zeitintervalle werden also angegeben durch den
Wechsel von Hell und Dunkel, die Mondphasen, die Intensität der Sonnenwärme.
Dies gilt sowohl für den Tagesrhythmus als auch den Jahresrhythmus (s. 1. Mose
8,20) als auch für die Bewegung des Menschenlebens: Erde – Mensch – (Rückkehr
zur) Erde, d.h. er wurde aus Erde (Staub) gemacht, lebt und wird schließlich
wieder zu Erde (Staub), ein immer gleicher Rhythmus von Anfang, Fortsetzung und
Rückkehr zum Anfang. Es geht dabei um einen regelmäßigen Rhythmus. Die Jahreswende
ist daher für den Israeliten nicht das Ende des Jahreszyklus, sondern die
Rückkehr des Jahresanfangs (teshuba, Rückkehr, 2.
Sam. 11,1; 1. Kön. 20,22.26; 2. Chr. 26,10; 1. Chr. 20,1) oder auch Rundgang (tequpha, z.B. 1. Sam. 1,20). Eine Zeiteinheit hat also
einen Rhythmus, so etwa der Zeitraum Nacht und Tag der von Lichtschwäche
– Lichtstärke – Lichtschwäche oder Abend – Morgen – Abend (s. 1. Mose
1,5.8.13.19.23.31). Der siebte Tag als Ruhetag und Ende und Anfang des größeren
Rhythmus, nämlich der Woche: Ruhetag – Wochentage – Ruhetag. Der Monat
fängt mit der lichtschwächsten Phase des Mondes, dem Neumond, an und geht über
die Mondphasen dann wieder zum Neumond: Neumond – Vollmond und Mondphasen –
Neumond. Für das Jahr heißt es: Jahresanfang – die Monate – Rückkehr zum
Jahresanfang (wobei in der alten Zeit der Jahreswechsel in den Zeitraum der
abgeschlossenen Ernte fiel, also in eine Zeit, in der die Kraft des Jahres, des
Bodens abebbte. Der Sieben-Rhythmus der Woche setzt sich dann fort mit dem Sabbathjahr und dem Jobeljahr.[3]
Wichtig zum
alttestamentlich-hebräischen Zeitverständnis ist, dass für die Israeliten die
Zeit etwas Qualitatives ist, weil sie für sie mit dem Inhalt identisch ist, der
für die jeweilige Zeit prägend ist (so, wie auch wir von Kriegszeit,
Friedenszeit, Zwischenkriegszeit, Nachkriegszeit, Wirtschaftswunderzeit usw.
sprechen). Die Eindrücke, die dabei auf ihn einströmen, prägen ihn, machen sein
Bewusstsein mit aus – und so wird sein Leben zu einer Einheit, da dieses
Bewusstsein sein ganzes Leben umfasst. Die Ereignisse sind nicht rückgängig zu
machen, aber ihre Wirkungen können durch neue Taten in eine bessere oder
schlechtere Richtung geändert werden. Alle Ereignisse gehören damit zum Leben,
zum Bewusstsein des Volkes. Vergangenheit und Gegenwart treten dabei in ihrer
Bedeutung zurück, „der qualitative Unterschied der Ereignisse“ ist
entscheidender. So hat das Volk über Jahrhunderte hinweg eine Identität,
ein Leben – das Volk ist eine Einheit. Das zeigt sich übrigens auch in
dem prophetischen Segen Jakobs über seine Söhne, die zugleich identifiziert
werden mit den Stämmen, die aus ihnen erwachsen (1. Mose 49). Darum ist auch in
Adam und Eva die Geschichte und das Geschick der gesamten Menschheit verkörpert
und ist mit ihnen die gesamte Menschheit gefallen. So, wie die Geschichte des
Einzelnen eingebettet ist in die Geschichte seines Volkes und diese wieder in
die Geschichte der Menschheit, so wird alles umfasst von dem lebendigen Gott,
der allein ewig ist, während alles andere vergeht.[4]
Prägend für
die Geschichte Israels, für das Bewusstsein, die Identität Israels als Volk
Gottes, als der Geschichte Gottes mit seinem Volk ist dabei die Befreiung aus
Ägypten (an die im Passahfest erinnert wird), die Wüstenwanderung (siehe
Laubhüttenfest), die Gesetzgebung (neben anderem verbunden mit Schawuot oder
Pfingsten): Hier hat sich Gott in besonderer Weise als Israels Gott erzeigt und
kundgetan – und so tritt er immer wieder auf in der Zeit, angekündigt durch die
Propheten, der sein angekündigtes und begonnenes Erlösungswerk aus- und zu Ende
führt. Darum hat Israel gerade solche einschneidenden Befreiungs-,
Bewahrungsereignisse in neuen Festen manifestiert (Purimfest für die Rettung
aus dem drohenden Untergang durch Haman; Tempelweihe oder Chanukka für die
Befreiung durch die Makkabäer aus der Unterdrückung durch die Seleukiden). Gott
ist ein Gott, der sich in der Geschichte durch sein Reden und Handeln in der
Geschichte offenbart hat (weshalb auch die Christenheit die zentralen
Ereignisse des Erlösungshandelns Gottes in Christus im Neuen Testament
ebenfalls in entsprechenden jährlichen Festen festgehalten hat (Advent mit dem
Christfest; Passion mit Karfreitag und dem Auferstehungsfest; Christi
Himmelfahrt; Pfingsten (Geistausgießung); dann Gottes tägliches Eingreifen,
festgemacht im jährlichen Erntedankfest; der Sonntag als wöchentlicher
Gedenktag der Auferstehung Christi, von der wir herkommen; aus der Geschichte
Gottes mit seinem Volk die Märtyrertage sowie der Reformations- und der
Bekenntnistag (Augsburger Bekenntnis und Konkordienformel).[5]
Der Zeitbegriff
ist nicht so, wie bei den Indogermanen, von Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft geprägt, sondern von vollendetem und unvollendetem Geschehen.
Vollbracht ist etwas, was für die betreffende Person beendet ist, unvollendet,
was für diese Person noch nicht ausgeführt oder, als zukünftig, noch unvollführt ist. Gegenwart ist für den Hebräer dabei zuerst
die Gleichzeitigkeit, also dass man in der Situation oder der Verbindung mit
einer Person drin ist. Es geht also nicht so sehr um den Zeitpunkt als vielmehr
die Situation und ihren Inhalt.[6]
Der alttestamentlich-hebräischen Vorstellung liegt das Bild des lebenden
Menschen zugrunde auf seiner Lebenswanderung von der Wiege zum Grab, aber dabei
nicht isoliert, sondern mit der Menschheit insgesamt, aber auch eingebunden in
seine Familie, Sippe. Die Zeit, die wir als „zurückliegend“ ansehen, bezeichnen
auch wir, ganz hebräisch, als „Vorzeit“, diejenigen, die vor uns lebten, daher
als „Vorgänger“, „Vorfahren“, diejenigen, die später, nach uns kommen, als
„Nachkommen“. Die einen sind uns vorangegangen, sie liegen „vor uns“, wir
können sehen, erkennen, was geschehen ist; die anderen hinter uns, sie kommen
nach uns, wir wissen noch nicht, was da sein wird. Das ist die
psychologisch-historische Zeit, die für das alttestamentlich-hebräische
Zeitverständnis entscheidend ist, im Unterschied zum
physikalisch-astronomischen, das im westlich-griechischen Denken eher
dominiert.[7]
Der Begriff
der Gleichzeitigkeit ist für den Glauben von besonderer Bedeutung, da
der lebendige Gott sich in der Geschichte, in bestimmten Ereignissen und
besonders in Jesus Christus sogar als sehbar, hörbar,
fühlbar, direkt handgreiflich, offenbart hat (siehe auch Beginn des ersten
Johannesbriefes). Gleichzeitigkeit heißt hier nun: Das, was der Mensch in der
Bibel liest, das nimmt ihn hinein, das spricht ihn in der Weise an, dass die
Zeitspanne, die zwischen dem Einst und Jetzt liegt,
völlig überbrückt wird, er die betreffenden Geschichten als für ihn relevant
erkennt, ja, sozusagen er selbst dadurch im Glauben mit dabei ist. „Die
seelischen Inhalte …. sind identisch.“ Es geht dabei nicht um „chronologische
Zeit“, sondern um „psychologische Zeit“.[8]
Das zeigt
sich auch im alttestamentlich-hebräischen Geschichtsverständnis.
Geschichte ist Bewegung, von Gott in Gang gesetzt; Gott hat ihr auch ein Ziel
gesetzt, er überwacht den Gang, er greift ein. Diese Geschichte als Gottes
Bewegung umfasst alles, Vorzeit, Jetztzeit, Nachzeit
– alles ist verbunden miteinander und ist daher lebendig. Das hat sich, wie
schon oben angeführt, gerade auch in den Festen Israels gezeigt und sollte sich
auch in unseren christlichen Festen zeigen. Das Volk Israel war immer eine
Einheit, nicht nur in der Jetztzeit, sondern auch mit den Vorvätern, der
Vorzeit. Darum konnte es auch im ersten Gebot heißen: Ich bin der HERR, dein
Gott, der dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft, geführt hat. So
ist das Leben des Volkes also eine Einheit, die alle Zeiten umfasst, so, wie
auch im Leben des einzelnen Menschen. Das Volk wird als personale Größe
begriffen.[9]
Gottes gnädige
Wohltaten für alle Menschen, und besonders sein Volk, haben mit der Schöpfung
begonnen, Gottes großartigem Sechs-Tage-Werk durch sein allmächtiges Wort, mit
dem er unsere Wirklichkeit ins Dasein brachte. Sie ist der Anfang unserer
Geschichte. In dieser Geschichte, wie mehrfach erwähnt, zeigt sich dann Gottes
gnädiges Handeln vor allem in den Großereignissen seiner Rettungstat, vor allem
herausragend die Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten, die Zugleich
typologische Vorschattung ist auf Christi Rettungstat
auf Golgatha; dann die Befreiung aus der Gefangenschaft in Babylon, die
anknüpft an die Rettungstat aus Ägypten und ebenso ein Typos
ist auf Christi Werk, und dann der gewaltige Höhepunkt, alle Menschen
betreffend, Christi Erdenleben mit seinem furchtbaren Tod am Kreuz für die
Sünden aller Menschen aller Zeiten – und seiner siegreichen Auferstehung am
dritten Tag, die Zugleich öffentliche Bestätigung, Proklamation dessen ist,
dass Gott in Christus Jesus versöhnt ist mit allen Menschen, dass er in
Christus Jesus niemandem die Sünden zurechnet, in Christus für jeden die Vergebung
der Sünden, der Frieden mit Gott, Freispruch im Jüngsten Gericht und das ewige
Leben schon bereit ist. Parallel dazu laufen aber auch die Gerichtshandlungen
des heiligen, gerechten Gottes, die wir bald nach der Schöpfung sehen mit der
Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies, dann der Sintflut als des ersten
weltweiten Strafgerichts Gottes, der Sprachverwirrung, den Gerichten vor allem
an seinem ungehorsamen Volk, etwa in der Richterzeit, durch die Assyrer, die
Babylonier, dann die Römer, und die Gerichte, die bis in unsere Tage immer
wieder zu erkennen sind an Naturkatastrophen, Kriegen, Wirtschaftskrisen,
Verfolgungen. Das alles strebt dem gewaltigen Schlusspunkt zu, der Wiederkunft
Christi und dem damit verbundenen Jüngsten Gericht als der endgültigen Erlösung
der an Christus, den Messias Israels und Retters der Welt Gläubigen zum ewigen
Leben in der Herrlichkeit mit ihm, und dem endgültigen Gericht über alle
anderen mit deren nie endender Verdammnis, Gottesferne, Pein. In allem zeigt
sich Gottes universale allmächtige Tatkraft, die er so gerne für Gnade und Barmherzigkeit
einsetzen will, aber so oft auch zum Gericht gebrauchen muss. Gott offenbart
sich uns Menschen also durch seine Taten, zentral in der Geschichte in Jesus
Christus, und das alles vermittelt und erklärt durch sein Wort.[10]
[1]
Vgl. Thorleif Boman: Das hebräische Denken im Unterschied zum griechischen.
3., neu bearb. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 1959. S. 110 f.
[2]
Vgl. ebd. S. 111-.113
[3] Vgl. ebd. S. 114-116
[4]
Vgl. ebd. S. 117-120
[5]
Vgl. ebd. S. 122 f.
[6]
Vgl. ebd. S. 124-127
[7]
Vgl. ebd. S. 129
[8]
Vgl. ebd. S. 127 f. 141
[9]
Vgl. ebd. S. 148 f.
[10]
Vgl. dazu auch ebd. S. 149 ff. 168