Von der Summe des

 

christlichen Glaubens

 

und Wesens

 

 

Ein christliches und nötiges Gespräch

 

 

Allen jungen und einfältigen Christen

zu lernen nützlich

 

 

Paul Rebhun

 

 

Nach der Ausgabe

Leipzig: Jacob Berwaldt. 1563

 

 

Neu herausgegeben von

Roland Sckerl

 

 

 

 

Durmersheim

 

2023

 

 

 

 

 

Von der Summe des

 

christlichen Glaubens

 

und Wesens

 

 

Ein christliches und nötiges Gespräch

 

 

Allen jungen und einfältigen Christen

zu lernen nützlich

 

 

Paul Rebhun

 

 

Nach der Ausgabe

Leipzig: Jacob Berwaldt. 1563

 

 

Neu herausgegeben von

Roland Sckerl

 

Angehängt: Grundlinien des christlichen Glaubens nach Luthers Deutscher Messe;

Johann Saubert: Die Reise des Christen zu seinem himmlischen Vater

 

 

Durmersheim

 

2023

 

 

 

 

 

 

Vorrede

 

    Gnade und Friede von Gott dem Vater durch unseren HERRN und einigen Heiland Jesus Christus usw. Liebe Herren und Brüder. Während ich zu Plauen das Predigtamt verwaltete, habe ich dort neben anderen Amtsgeschäften auch die kleinen Kinder den kurzen [Kleinen] Katechismus des achtbaren und hochgelehrten Herrn D. Martin [Luther] gelehrt. Nachdem diese den Katechismus in kurzer Zeit durch Gottes Gnade auswendig gelernt hatten und damit sie sich nicht zu zeitig der Kinderzucht entäußerten, als die den Katechismus nun könnten, sondern dass sie Ursache hätten, etwas länger dabei mit Nutzen und auch ohne Verdruss zu verharren, habe ich die Zusammenfassung des christlichen Wesens in diesem folgenden Gespräch verfasst, damit sie weiter zu lernen und auch den ganzen Katechismus und die evangelische Lehre desto vernehmlicher zu richten hätten, wie sie dann auch solches mit Lust und, so Gott will, nicht ohne Nutzen haben gelernt.

    Weil mich aber nach meinem Abzug gute Freunde mit der Bitte angingen, ihnen solches in Druck zu geben zu gestatten, habe ich mich des nicht wollen weigern, am meisten aus der Bewegung, ob es etwa anderen Pfarrherrn, deutschen Schulmeistern und Hausvätern auch gefiel, ihren Kindern vorzugeben, dass sie solches auch bequem tun könnten, und ich so auch ihrer Jugend damit diene, wiewohl es ja auch den Alten nicht unnütz wäre, aus diesem Gespräch einfältig und kurz die Zusammenfassung unseres christlichen Wesens zu lernen, welche es sonst nicht besser können. Denn ich habe in etlicher kurzer Zeit, als ich mit der Seelsorge umgegangen und auch zuvor in meinem Predigtamt erfahren, dass viele der Laien, ob sie wohl 20 Jahre die evangelische Predigt gehört hatten, dennoch nicht eigentlich wissen, wie sie doch sollen selig werden, sondern gar auf einem ungewissen Wahn ohne Achtung dahin gehen. Deshalb habe ich den einfältigen Inhalt der christlichen Lehre noch kürzer gefasst und hierzu auch gedruckt zu werden bewilligt, welchen man nicht ohne Frucht etliche Sonntage nach dem Evangelium von der Kanzel könnte lesen. Zuletzt habe ich’s noch aufs Kürzeste gefasst in einem Satz, welchen man im Ton des neuen Vaterunsers singen mag, damit es ja bei dem einfältigen Laien mit Frucht möge einwurzeln. Wem nun dies oder das Vorige gefällt, der gebrauche es und gehabe sich wohl im Herren.

Paulus Rebhun Pfarr-

herr zu Oelsnitz

 

 

 

 

Frage:

    Was soll unsere wichtigste Sorge hier sein?

 

Antwort:

    Wie wir können selig [gerettet] werden.

 

Frage:

    Warum das?

 

Antwort:

    Weil wir von Gott zur ewigen Seligkeit geschaffen sind, aber nichts so leicht zu verlieren ist als eben die Seligkeit, weil er Teufel uns auf allen Seiten so hart zusetzt, damit er uns könnte davon abziehen.

 

Frage:

    Zu welcher Seligkeit sind wir denn geschaffen?

 

Antwort:

    Dass wir nach diesem kurzen Leben am Jüngsten Tag sollen wieder auferstehen und mit Leib und Seele in den Himmel kommen und dort mit Gott und allen Engeln in unaussprechlicher Freude ewig leben.

 

Frage:

    Werden denn nicht alle Menschen selig [gerettet]?

 

Antwort:

    Nein, sondern allein die, so durch Gottes Gnade fleißig nach der Seligkeit trachten. Welche aber nicht danach trachten, die bleiben in der Verdammnis.

 

Frage:

    Wie wird es dann den Verdammten gehen?

 

Antwort:

    Sie werden zwar auch nach diesem Leben am Jüngsten Tag wieder auferstehen. Aber sie werden, nachdem sie das Urteil Christi gehört haben, mit Leib und Seele samt allen Teufeln ins höllische Feuer fahren müssen und dort, von Gottes gnädigem Angesicht verstoßen, ewige Pein leiden.

 

Frage:

    Wie muss man denn nun nach der Seligkeit trachten?

Antwort:

    Man muss Gottes Wort fleißig hören, denn darin allein wird uns der Weg der Seligkeit recht abgemalt.

 

Frage:

    Was lehrt uns denn Gottes Wort, das vornehmlich zur Seligkeit zu wissen nötig ist?

 

Antwort:

    Es lehrt uns erstens, dass wir lebendig sollen erkennen und bedenken, dass wir unserethalben alle verdammt müssten sein, wenn uns nicht geholfen würde.

 

Frage:

    Wo lehrt es das?

 

Antwort:

    In den zehn Geboten [Gottes Gesetz].

 

Frage:

    Wie denn?

 

Antwort:

    Wenn wir unsere sündige Natur und Leben mit diesen Geboten rechtschaffen vergleichen, so erkennen wir, dass wir dieselben vielmals und schwer übertreten, und so nach dem gerechten Urteil Gottes, welches daran geheftet, des ewigen Todes schuldig sind, während doch wir geringen Erdenwürmer uns nicht schämen, gegen die hohe Majestät Gottes zu sündigen und seine heiligen und gerechten Gebote zu überschreiten.

 

[Frage:[1]

    Wie wirkt der Heilige Geist denn durch das Gesetz Gottes diese Sündenerkenntnis?

 

Antwort:

    Er hat da vielfältige Wege. Der eine sündigt, und es liegt ihm immer schwer auf dem Herzen und Verstand, bis er die Gnade Gottes in Christus lebendig erkennt. Eine andere sündigt und es berührt sie zunächst nicht weiter, bis sie etwa durch eigene Schicksalsschläge oder die anderer Personen aus ihrer Sicherheit aufgeweckt wird und dann mehr und mehr erkennt, dass sie gesündigt hat, ein sündiges Leben führt und dann vielleicht auch versucht, sich zu bessern, nur um dann begreifen zu müssen, dass sie zwar manche äußere Besserung bewirken kann, aber im Herzen die Wurzel der Sünde bleibt und die frühere Sünde nicht ungeschehen gemacht werden kann und so darüber zerbricht und verzweifelt, bis sie die Gnade Gottes in Christus lebendig erfasst. Wieder ein anderer wurde getauft und wird christlich erzogen und bemüht sich, auf Gottes Wegen zu gehen. Wenn er aber mit Ernst Gottes Wort liest, erkennt er mehr und mehr durch das Gesetz, dass er aus eigener Kraft Gott nicht gefallen kann, sondern abgrundtief verdorben ist und nur durch die Gnade Gottes in Jesus Christus, die er schon in der Taufe einst unbewusst empfangen, gerettet, selig wird, und ergreift diese Gnade nun im Glauben bewusst. Zuweilen muss Gott so einen Menschen aber auch in eine kräftige Sünde fallen lassen, damit er aus seiner Selbstgerechtigkeit, in der er vielleicht gefangen ist, herauskommt. Eine andere ist auch getauft worden und wurde christlich erzogen, aber es hat sie nicht weiter berührt, sie lebt dahin wie jedermann (die Welt), bis sie aus ihrer Sicherheit aufgeschreckt wird, wie oben schon beschrieben. Wie auch immer dein Zustand ist, bitte Gott, dass er durch sein Gesetz rechte Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis in dir wirke.]

 

Frage:

    Sündigen wir denn gegen alle Gebote Gottes?

 

Antwort:

    Leider ja. Wenn nicht mit der Tat, so doch mit dem Herzen, welches von Natur dem Gesetz Gottes feind ist.

 

Frage:

    Wie oft sündigen wir denn?

 

Antwort:

    Unzählige Male, wie David sagt im 19. Psalm: „Wer kann merken, wie oft er fehle?“

 

Frage:

    Können wir denn die Sünde nicht lassen?

 

Antwort:

    Aus eigenen Kräften können wir vom Grund unseres Herzens [sie] nicht lassen. Denn ob wir uns gleich aus Furcht vor der Strafe der bösen Tat etwa äußerlich enthalten, so geht es doch nicht von Herzen.

 

Frage:

    Woher kommt denn diese unsere sündige Art?

 

Antwort:

    Von unseren ersten Eltern Adam und Eva, welche zunächst von Gott gerecht geschaffen wurden, bald danach aber Gottes Gebot durch Verführung des Teufels übertreten haben, durch welche Übertretung ihre ganze Natur vergiftet worden ist, so dass sie fortan die Freiheit zum Guten verloren und aus sich selbst nichts Gutes mehr vermögen.

 

Frage:

    Was hat es denn mit uns zu schaffen, dass ihre Natur verdorben wurde?

 

Antwort:

    Sehr viel. Denn gleich wie eine Schlange von der anderen sogleich bei der Geburt das Gift mitbekommt, so ist die verderbte Natur Adams und Evas auch allen ihren Nachkommen angeboren, so viele unser auf natürliche Weise zur Welt geboren werden, so dass auch wir nun, gleich wie Adam und Eva, von uns selbst her nichts Gutes vermögen [Erbsünde und Erbverderben].

 

Frage:

    Sind denn auch die jungen Kinder bei Gott in Ungnade, welche [bewusst] weder Böses noch Gutes wirklich tun können?

 

Antwort:

    Ja, um ihrer Natur willen.

 

Frage:

    Wie geht denn das zu?

 

Antwort:

    Gleich wie man den jungen Kröten und Schlangen um ihres angeborenen Giftes willen feind ist, ob sie schon noch niemand mit ihrem Gift beschädigt haben, so ist Gott auch in unserer Kindheit unserer sündigen Natur feind, die wir vom Mutterleib mit uns bringen, wenngleich dieselbe noch nicht mit der [bewussten] Tat gesündigt hat.

 

Frage:

    Wie kannst du das beweisen?

 

Antwort:

    David spricht im 51. Psalm: „Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ Und Paulus im Brief an die Epheser im zweiten Kapitel: „Wir waren Kinder des Zorns von Natur.“ Das ist, unserer sündigen Natur nach sind wir alle in Gottes Ungnade und gehören in die Verdammnis.

 

Frage:

     Was lehrt uns denn nun die Heilige Schrift, was wir weiter tun sollen, nachdem wir unsere Sünde und Verdammnis aus Gottes Gebot erkannt haben?

 

Antwort:

    Dass wir uns sollen von Herzen lassen leid sein beides, dass wir Gott, unseren lieben Schöpfer, mit unseren Sünden so beleidigt haben, und auch, dass wir unserethalben durch Gottes Gerechtigkeit zum ewigen Tod verurteilt sind. [Aber auch das kann niemand aus eigener Kraft, sondern das ist die Wirkung des Heiligen Geistes eben durch das Gesetz, dass wir von Herzen traurig sind über das, was wir getan haben, wie wir sind, und es gerne los wären, gerne anders wären und einen Hass und Ekel gegen die Sünde bekommen. Darum gilt es, auch um diese rechte Traurigkeit über die Sünde Gott zu bitten. (Reue)]

 

Frage:

    Sollen wir aber so im Tod und der Verdammnis bleiben, da uns Gottes Gesetz dazu verurteilt?

 

Antwort:

    Keineswegs! Sondern wir sollen weiter wissen aus Gottes Wort, wie wir die Verdammnis können los werden.

 

Frage:

    Können wir uns nicht selbst daraus helfen und etwa mit guten Werken die Sünde bezahlen und den Himmel verdienen?

 

Antwort:

    Gar nicht. Denn weil wir so verdorben sind, dass wir aus eigenen Kräften nichts Gutes vermögen, so können wir uns auch aus eigenen Kräften mit Werken nicht helfen.

 

Frage:

    Wie, wenn uns aber Gott etwa Gnade gäbe, dass wir etliche gute Werke könnten tun, wäre das nicht genügend?

Antwort:

    Auch nicht. Denn gute Werke sind wir gemäß dem Inhalt der göttlichen Gebote allezeit schuldig zu tun. Darum, wen wir gleich etliche gute Werke tun, so sind wir eben dieselben auch schuldig gewesen und können damit die alte Schuld, die auf uns geerbt ist und auch die, die wir selbst hernach gemacht haben, nicht bezahlen. Ganz zu schweigen davon, dass wir noch dazu mit solchen Werken sollten das ewige Leben verdienen.

 

Frage:

    Wie müssen wir es denn nun angreifen, dass wir selig [gerettet] werden?

 

Antwort:

    An uns selbst und allen unseren Kräften müssen wir verzweifeln und ein anderes Mittel suchen, durch welches wir selig werden.

 

Frage:

    Was ist denn das für ein Mittel?

 

Antwort:

    Jesus Christus, Gottes Sohn.

 

Frage:

    Wie können wir denn durch ihn selig [gerettet] werden?

 

Antwort:

    Wenn wir an ihn glauben [gemäß der Zusage des Evangeliums].

 

Frage:

    Wie kannst du es beweisen?

 

Antwort:

    Bei Johannes im dritten Kapitel spricht Christus: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einigen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Da hören wir aus dem Mund Christi selbst, dass wir alle der Verdammnis sollen los werden und das ewige Leben erlangen, wenn wir nur an ihn glauben.

 

Frage:

    Wie glaubt man denn an ihn?

 

Antwort:

    Wenn wir ihn erkennen als unseren HERRN und Heiland und gewiss dafürhalten, dass er mit seinem Leiden und Sterben für alle unsere Sünden habe genug getan und auch damit uns das Himmelreich erworben, und so all unser Vertrauen auf ihn setzen, dass er unser alleiniger Seligmacher [Retter] sei – das heißt, an ihn glauben. [Das heißt also: Nicht bloß die Geschichte von Jesus kennen, sondern gewiss glauben und vertrauen, dass Christus auch für dich Mensch geboren wurde, auch für dich sich dem Gesetz unterwarf und es auch für dich erfüllte (aktiver Gehorsam); dass er als der völlig Reine auch deine Sünden auf sich nahm, auch für sie am Kreuz den vollen Preis bezahlte, die ganze Schuld trug und so auch für dich blutig starb und damit Gott auch mit dir versöhnt hat (passiver Gehorsam); und dass Gott, als er Christus auferweckte, auch dir damit in Christus deine Sünden grundsätzlich vergeben hat, in Christus auch für dich grundsätzlich Frieden mit Gott, Freispruch im Jüngsten Gericht und ewiges Leben ist. Das ist der rechtfertigende Glaube.]

 

Frage:

    Was hat er denn für uns gelitten?

 

Antwort:

    Die Evangelisten beschreiben uns, dass er am Ölberg vor großer Angst seines Herzens blutigen Schweiß geschwitzt habe und dann von seinem Jünger Judas verraten, von den Juden gefangen, gebunden, zu Kaiphas geführt, geschlagen, verspottet, verspeit, gelästert wurde; vor [dem Heiden] Pilatus gegeißelt, fälschlich und hart angeklagt, wurde. Dann bei Pilatus von den Kriegsknechten verhöhnt, gegeißelt, mit Dornen gekrönt und mit seinem eigenen Kreuz beladen; danach an das Kreuz mit Nägeln geheftet, zwischen zwei Mörder gehängt, mit Galle und Essig getränkt und so am Kreuz verstarb, [danach zur Vergewisserung des Todes] mit einem Speer in seine Seite gestochen und [schließlich] begraben worden sei.

 

Frage:

    Ist er denn im Grab geblieben?

 

Antwort:

    Nein, sondern am dritten Tag ist er gewaltig wieder auferstanden und hat so die Sünde, den Tod und den Teufel überwunden, dass sie weder ihm noch denen, die an ihn glauben, weiter schaden können, und ist danach zum Himmel gefahren in voller göttlicher Gewalt, von wo er am Jüngsten Tag kommen wird und uns, die wir an ihn glauben, zu sich in den Himmel nehmen, die Ungläubigen aber ins höllische Feuer verurteilen.

Frage:

    Ist es denn nun gar ausreichend zur Seligkeit, wenn man nur so an Christus glaubt?

 

Antwort:

    Ja, denn das bezeugen klar über die zuvor genannten gewissen Worte Christi viele andere Sprüche der Heiligen Schrift. [Glauben, wie schon gesagt, ist das herzliche Vertrauen auf die Zusagen des Evangeliums von Christus, also kein bloßes Kennen der Geschichte von Christus, sondern das, was Christus für uns getan hat und in der Taufe und im Wort uns schenkt, für sich persönlich zu ergreifen, auf sich persönlich zu beziehen und sich darauf verlassen, nämlich die Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, Frieden, Trost, Freude in dem Heiligen Geist, Heil, Leben und Christus selbst.]

 

Frage:

    Muss man denn keine guten Werke tun?

 

Antwort:

    Die Sünde zu bezahlen und das ewige Leben zu erwerben, da bedarf man keiner guten Werke zu. Denn weil es unsere Werke nicht haben können ausrichten, so hat es Christus alles vollkommen allein wollen tun und schenkt es nun aus Gnaden und ohne allen Verdienst denen, die solches fest glauben und sich darauf verlassen. Nichtsdestoweniger aber soll man allezeit gute Werke tun.

 

Frage:

    Wozu denn und warum, wenn es Christus alles getan hat?

 

Antwort:

    Erstens darum, weil wir durch den Glauben Kinder Gottes geworden sind, wie St. Paulus sagt im Brief an die Galater im dritten Kapitel: „Ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christus Jesus.“ Denn weil das gewiss ist, so sollen wir uns auch nun als liebe Kinder nach unserem lieben himmlischen Vater halten und auch heilig sein, wie er heilig ist, und sollen uns nicht wie Teufelskinder dem Teufel gleichmäßig erzeigen. Den wir haben ihm in der Taufe und durch den Glauben abgesagt und sind aus seinem Reich durch Christus befreit.

 

Frage:

    Was haben wir weiter für Ursache zu guten Werken?

 

Antwort:

    Weil Gott vor allem unserem folgenden Dienst so überschwängliche Liebe zu uns, die wir seine Feinde waren, getragen, dass er über alle andere unzählige uns erzeigte Wohltat auch seinen einzigen allerliebsten Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns in den Tod gegeben hat, so sollen wir wiederum aus schuldiger Liebe und Dankbarkeit ihm auch zu Lieb und Wohlgefallen gerne tun und leiden alles, das wir wissen und können, das ihm ehrlich, wohlgefällig und angenehm ist. Und sollen dagegen mit höchstem Fleiß vermeiden alles, das ihm unehrlich und zuwider ist und ihm nicht gefällt.

 

Frage:

    Woher nehmen wir denn die Kraft, Gutes zu tun?

 

Antwort:

    Christus hat uns nicht allein die Sünde vergeben und das ewige Leben erworben, sondern auch seinen Heiligen Geist gegeben, dass er uns heilige, das ist, zu neugebornen Menschen machen soll, die zu allem guten tüchtig sind. Und solcher Heilige Geist wird uns gegeben, wenn wir an Christus glauben. [Mit der neuen Geburt aus Glauben durch das Wort gibt der Heilige Geist uns ein neues Urteil, einen neuen Sinn, neue Regungen, gottselige Gesinnungen, Furcht vor Gott, Zuversicht zu Gott, Hoffnung, einen neuen Willen.]

 

Frage:

    Tun wir denn danach keine Sünden mehr, wenn wir den Heiligen Geist empfangen haben?

 

Antwort:

    Ja leider. Denn es läuft noch immer unsere sündige Art mit, welche wir nicht gar los werden, so lange wir leben. Aber wir sollen ihr nicht nachhängen, sondern täglich Widerstand tun und des sündigen Fleisches Werk von Tag zu Tag je länger je mehr austilgen und dem Geist folgen. So will uns Gott aus Gnaden durch Christus unsere täglich einfallende Schwachheit auch vergeben, wie Paulus im Brief an die Römer im achten Kapitel sagt: „So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ [tägliches Abtöten des Fleisches, tägliche Buße]

 

Frage:

    Verdienen wir denn nichts mit den guten Werken?

 

Antwort:

    Wir sollen billig nach keinem Lohn fragen, denn das ist zuvor überströmend viel, dass uns Christus Vergebung aller Sünden und das ewige Leben hat verdient, was wir mit allen unseren Werken nimmermehr hätten können verdienen. Darum nun auch wir, die wir schon zuvor als Gottes Geschöpf und Diener schuldig waren, nach Gottes Geboten zu leben, jetzt nun tausendmal mehr schuldig sind, allerlei gute Werke zu tun, ohne nach irgendeinem Verdienst zu suchen, allein aus Dankbarkeit für die vorige, unerwartete und gewisse empfangene Wohltat.

    Gleichwohl aber ist Gott so barmherzig, dass er uns auch solche guten Werke, die wir im Glauben, ihn zu ehren und aus kindlichem Gehorsam tun, nicht unbelohnt will lassen, sondern gar freundliche und gewisse Zusage tut, dass er sie beide, mit zeitlichen und ewigen Wohltaten, will reichlich belohnen. Und das unangesehen dessen, dass auch unsere guten Werke selbst aus seiner Gnade her fließen und ohne seinen Heiligen Geist nicht getan werden, auf dass er also uns auf allerlei Weise anreize, Gutes zu tun, mit vorhergehender überschwänglicher Liebe und Wohltat, mit nachfolgender reicher Belohnung und auch mit Darreichung und Mitteilung seines Heiligen Geistes.

 

Frage:

    Wie viele sind aber, die solches alles von Herzen bedenken?

 

Antwort:

    Leider wenig. Daher denn auch jetzt unter denen, so sich des Glaubens rühmen, so wenig sind, die sich guter Werke befleißigen.

 

Frage:

    Was wird aber solchen begegnen, die solches alles in den Wind schlagen und immer fortfahren, Böses zu tun? Ist es für sie ohne alle Gefahr, wie sich denken und deshalb frei sicher darauf lossündigen?

 

Antwort:

    Gewiss nicht. Denn erstens geben sie mir ihrem unbußfertigen Leben zu erkennen, dass sie noch keinen rechten Glauben haben, welchem gute Werke so gewiss folgen, so gewiss ein guter Baum gute Früchte trägt. Darum sind sie auch nicht Kinder Gottes, sondern des Teufels, und Knechte der Sünde. Zum zweiten, so gezeugt es auch der heilige Paulus, dass solche unbußfertigen und sicheren Sünder gewiss zur Verdammnis gehören, Römerbrief im 8. Kapitel: „Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen.“ Und im Galaterbrief im 5. Kapitel: „Offenbar sind die Werke des Fleisches, wie Ehebruch, Hurerei, Zauberei, Feindschaft, Neid, Zorn, Zwietracht, Saufen, Fressen und dergleichen. Von welchen ich euch habe zuvor gesagt und sage noch zuvor, dass, die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.“

 

Frage:

    Wie aber, wenn ein recht Gläubiger in eine dieser Sünden fällt: Wird er darum auch das Reich Gottes nicht erben?

 

Antwort:

    Ein recht Gläubiger setzt sich mit Ernst gegen solche Sünden, weshalb er auch nicht leicht darein fällt, wie Paulus sagt im Galaterbrief im 5. Kapitel: „Welche Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden.“ Wenn er aber je aus Schwachheit in eine solche Sünde fällt, so willigt er nicht darein, bleibt auch nicht darinnen, sondern es ist ihm von Herzen leid und er steht wieder auf. Solchem wird seine Sünde durch Christus vergeben und zur Verdammnis nicht zugerechnet. Aber im Allgemeinen wird er etwa mit einer zeitlichen Rute gestraft, wie wir an dem heiligen David sehen, dem auch sein Ehebruch und Mord nicht gereicht zur ewigen Verdammnis, aber zeitlich an ihm gestraft ist worden.

 

Frage:

    Was ist denn sonst noch mehr zu der Seligkeit [Rettung] zu wissen vonnöten?

 

Antwort:

    Die zwei heiligen Sakramente: die Taufe und das Abendmahl Christi sowie das christliche Gebet.

 

Frage:

    Wozu dienen die heiligen Sakramente?

 

Antwort:

    Zur Stärkung des Glaubens und Mehrung der Liebe gegen Gott und den Nächsten.

 

Frage:

    Wie dient die Taufe dazu?

 

Antwort:

    Wir sind durch die Taufe in das Reich Christi gebracht und zu Gottes Gnaden angenommen. Darum, so oft wir uns des erinnern, dass wir getauft sind, so bekräftigt es unseren Glauben, dass wir zu der Seligkeit gehören. Und durch Erinnerung an die Wohltaten, so uns in der Taufe widerfahren sind, werden wir bewegt, Gott um seiner Wohltaten und unseren Nächsten um Gottes willen je länger je mehr zu lieben und beiden von Herzen zu dienen.

 

Frage:

    Wie dient das Abendmahl Christi dazu?

 

Antwort:

    Uns wird darinnen gegeben der wahre Leib und Blut unseres HERRN Jesus Christus zum gewissen Zeichen, dass alles, was er mit seinem Leiden und Sterben erworben hat, unser sei. Darum, so oft wir solches empfangen gemäß der Einsetzung Christi, so versichern wir damit unser Gewissen, dass wir um unserer täglichen Sünden und Gebrechlichkeit willen von Christus nicht verstoßen werden, sondern seines Verdienstes allezeit teilhaftig bleiben. Und so auch durch Betrachtung solcher Wohltaten, die uns Gott im Sakrament tut, werden wir verursacht, Gott wiederum auch herzlich zu lieben. Und wie Christus seinen Leib und Blut nicht allein in den Tod für uns gegeben, sondern uns auch zur seligen Speise und Trank unter Brot und Wein zu essen und zu trinken verordnet, so sollen auch wir unseren Leib und Leben dem Nächsten zugut dran zu geben keine Scheu tragen.

 

Frage:

    Wozu dient das christliche Gebet?

 

Antwort:

    Dass wir damit täglich bitten um Verzeihung unserer Sünde, um Stärkung des Glaubens, um Kraft, nach Gottes Willen zu leben, um Geduld in allerlei Leiden, um Errettung vom Teufel und um alles, was uns not ist an Leib und Seele.

 

Frage:

    In welchem Gebet können wir aufs kürzeste um diese Stücke alle bitten?

 

Antwort:

    Im heiligen Vaterunser, welches uns Christus selbst hat lehren beten.

 

Frage:

    Sind denn nun das die Stücke alle, die zur Seligkeit zu wissen vonnöten sind?

 

Antwort:

    Ja, die wichtigsten aufs einfältigste und kürzeste angezeigt. Reicheren Verstand aber dieser Stücke sollen wir je länger je mehr aus den Predigten des göttlichen Wortes lernen und in der Erkenntnis Jesu Christi von Tag zu Tag zunehmen. Und im Verstand göttlicher Dinge sollen wir nicht immer Kinder bleiben, wie jetzt fast jedermann allein aus Gewohnheit sich wenig bessert und nicht danach trachtet, das Verstehen des göttlichen Wesens [das ist, der christlichen Lehre] zu mehren.

 

Frage:

    Was ist nun die kurze Zusammenfassung des alles, was du bis hierher zur Seligkeit [Rettung] als nötig erzählt hast?

 

Antwort:

    Wir sollen

a)                 uns als verdammte Sünder erkennen;

b)                 uns das von Herzen leid sein lassen;

c)                 an uns selber ganz und gar verzweifeln;

d)                 zu Gottes Gnade herzliche Zuflucht nehmen;

e)                 an Christus fest glauben, dass er uns nichts anderes unser einiger Seligmacher [Retter] sei;

f)                  in solchem Glauben aus herzlicher Liebe und Danksagung allerlei gute Werke tun, Gott zu Lob und dem Nächsten zu Nutz

g)                 und mit täglicher Erinnerung an unsere Taufe und häufigem Gebrauch des Abendmahls Christi unseren Glauben stärken, die christliche Liebe in uns mehren

h)                 und endlich mit gläubigem Gebet für allerlei Not täglich bei Gott anhalten

i)                   und in dem allen bis an unser Ende beständig bleiben, dass uns dann Gott, der barmherzige Vater durch Christus unseren HERRN und Heiland gnädig wolle verleihen die ewige Seligkeit. Amen.

 

 

Was ist zusammenfassend zur Seligkeit zu wissen und tun nötig?

 

    Nachdem wir alle in unserer Kindheit auf Christus zur Seligkeit getauft sind, soll ein jeder auch wohl wissen, wie dieselbe zu bekennen sei. Nämlich so:

    Erstens muss einer seine Sünde und Verdammnis lernen erkenn, und das aus Gottes Geboten, so dass einer seine Gedanken, Worte und Werke gegen die Gebote fleißig halte und prüfe, wie oft er die übertrete, und lasse sich solches herzlich leid sein und erkenne, dass er deshalb müsste ewig verdammt sein und mit keinen Werken seine Schuld könnte bezahlen und bei Gott gerecht werden.

    Zweitens soll er lernen aus den gnadenreichen Verheißungen des Evangeliums, dass einzig und allein Christus, Gottes Sohn, mit seinem Leiden und Sterben uns von unseren Sünden erlöst hat und dass ein jeder solcher Erlösung teilhaftig werde, wenn er fest glaubt, dass sie ihn angehe. Und um solchen Glauben zu versichern, besonders in Anfechtung durch tägliche Sünde und Gebrechlichkeit, soll ein jeder häufig sich seiner Taufe erinnern und den Leib und Blut Christi im Sakrament empfangen zum Gedächtnis an Christi Leiden und dass dasselbe auch für ihn geschehen und die gewisse Bezahlung für alle seine Sünden sei.

    Drittens. Wenn einer also mit Gott versöhnt, ein Kind Gottes geworden und durch das Verdienst Christi auch mit dem Heiligen Geist begabt ist, soll er künftig durch den Heiligen Geistes Antrieb alles teuflische Wesen meiden und ein göttliches Leben in allerlei guten Werken nach Anweisung des göttlichen Wortes aus kindlichem Gehorsam führen, Gott zur Ehre und Dank, dem Menschen zu Nutz und Besserung und sich selbst zur Übung und Erhaltung seines gerechtmachenden Glaubens, und so mit gutem Gewissen, in beständiger Hoffnung des ewigen Lebens in allerlei Leiden mit Geduld bis ans Ende beharren.

    Und weil solches nicht in unseres Fleisches Vermögen ist, soll er Gott um dies alles mit herzlichem Gebet täglich bitten, welches dann alles uns Gott durch Christus gnädig wolle verleihen. Amen.

 

Ein kurzer Gesang auf die Melodie des Vaterunsers

 

    Erkenn dein Sünd und glaub an Christ,

    Dass einzig er dein Heiland ist.

    Als Gottes Kind nach seim Gebot

    Auch göttlich leb, das bitt von Gott.

    Im Kreuz in fester Hoffnung bleib,

    So wirst selig an Seel und Leib.

 

 

 

Anhang 1

Grundlinien des christlichen Glaubens:

(von Roland Sckerl, in Anlehnung an Darlegungen Luthers in der Deutschen Messe)

 

1) Das goldene Säckchen: Der Glaube

Das goldene Säckchen hat zwei Beutel:

a) Mit dem Beutel Gesetz verkündigt dir der Heilige Geist den Willen und Maßstab Gottes, A) um der groben Sünden zu wehren; B) dir klar zu machen, dass du Sünder abgrundtief verdorben bist, tot in Übertretungen und Sünden, darum unter Gottes Zorn und in alle Ewigkeit verdammt, und du daher einen Retter brauchst, und will so Reue, Traurigkeit über die Sünde, Hass, Ekel, Abscheu gegen die Sünde wirken; C) um dir, der du an Christus als deinen Retter glaubst, zu sagen, wie Gott will, dass du aus Christi Kraft leben sollst.

1. Mose 8,21: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Eph. 2,1-3: Ihr wart tot durch Übertretungen und Sünden, in welchen ihr einst gewandelt habt nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, unter welchen wir auch alle einst unseren Wandel gehabt haben in den Lüsten unseres Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die andern.

Joh. 3,36b: Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Röm. 6,23a: Der Tod ist der Sünde Lohn.

b) Mit dem Beutel Evangelium verkündigt dir der Heilige Geist, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch in einer Person, dich erlöst hat von allen Sünden, von Tod und Verdammnis und der Gewalt des Teufels, indem er das Gesetz für dich stellvertretend erfüllt, deine Sünden auf sich genommen und an seinem Leib auf das Kreuz geopfert und dort vollkommen für dich bezahlt und so Gott mit dir völlig versöhnt hat und ruft dich zum Glauben an diese Zusage der Vergebung und des ewigen Lebens und schenkt ihn auch.

Joh. 3,16: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Gal. 4,4-5: Da aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, und wir die Kindschaft empfingen.

1. Petr. 2,24: Welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden.

1. Petr. 1,18-19: Und wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Gold oder Silber erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

Röm. 4,25: Er ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt.

2. Kor. 5,19.21: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. … Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Joh. 3,36a: Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.

 

2) Das silberne Säckchen: Das Leben

Das silberne Säckchen hat auch zwei Beutel:

Die erbarmende Liebe Gottes zu dir in Jesus Christus wirkt in dir die über alles gehende Liebe zu Gott, die sich entfaltet in der hingebenden Nachfolge Jesu Christi, denn der rechte Glaube kann nicht anders als Frucht bringen (Gal. 5,6):

a) Der Beutel Kreuz und Leid zeigt an, dass du in der hingebenden Nachfolge Jesu Christi gerade in Kreuz, Leid, Trübsal mit ihm immer gleichförmiger werden sollst, wobei aber dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sind, die an dir noch soll offenbar werden in der Ewigkeit.

Apg. 14,22: Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen.

Mark. 8,34: Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.

Röm. 8,18: Ich halte es dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbar werden.

2. Tim. 3,12: Alle, die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden.

b) Durch den Beutel Nächstenliebe ruft dich der Heilige Geist durch die erbarmende Liebe Gottes zu dir in Christus dazu, Christus, der nun in dir wohnt, Raum zu geben und ihm auch gleichförmig zu werden im hingebenden Dienst am Nächsten aus Liebe.

Matth. 22,39: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Matht. 7,12: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten.

Röm. 13,10: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

 

3) Das purpurne Säckchen: Die Gemeinschaft

Das purpurne Säckchen hat auch zwei Beutel:

Dadurch, dass der Heilige Geist dich mittels des Evangeliums versetzt hat aus dem Reich des Teufels in das Reich Christi (Kol. 1,) hat er dich zugleich gesetzt in die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott und den anderen an Christus Gläubigen (der Kirche im eigentlichen Sinn).

a) Mit dem Beutel Gottesgemeinschaft ruft dich der Heilige Geist dazu, in der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott zu bleiben durch regelmäßigen Gebrauch seines Wortes (tägliche Bibellese, Gottesdienst, Beichte, Abendmahl, Bibelstunde) und regelmäßiges sowie akutes Gebet.

Joh. 5,39: Sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeugt.

Kol. 3,16: Lasst das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit. Lehrt und ermahnt euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singt dem HERRN in eurem Herzen.

Matth. 7,7-8: Bittet, so wird euch gegeben, sucht, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan; denn wer da bittet, der empfängt, und wer da sucht, der fjndet, und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

b) Mit dem Glaubensgemeinschaft ruft dich der Heilige Geist dazu, die konkrete, direkte Gemeinschaft der Christen um Wort und Sakrament (Ortsgemeinde) nicht zu vernachlässigen oder zu verlassen, sondern mit ihr zusammen die Gaben Christi zum Glauben und Leben zu gebrauchen und zu verwalten durch Lehre, Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebet.

Apg. 2,42: Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

Kol. 3,16: Lasst das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit. Lehrt und ermahnt euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singt dem HERRN in eurem Herzen.

Hebr. 10,25: Lasst uns … nicht verlassen unsere Versammlung, wie etliche pflegen.

1. Kor. 1,10: Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch den Namen unseres HERRN Jesus Christus, dass ihr allzumal einerlei Rede führt und lasst nicht Spaltungen unter euch sein, sondern haltet fest aneinander in einem Sinn und einerlei Meinung.

Röm. 16,17: Ich ermahne aber euch, liebe Brüder, dass ihr aufseht auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und wicht von denselben!

 

4) Das blaue Säckchen: Gottes Gnadenmittel

Das blaue Säckchen enthält einen großen Beutel, der noch drei weitere Beutel enthält:

a) Christi Geist spricht zu dir und wirkt an dir durch sein Wort in Gesetz und Evangelium, um dadurch rechte Sünden-, Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis (Gesetz) und rechten lebendigen Glauben an Jesus Christus als den Retter (Evangelium) zu wirken, zu erhalten und zu stärken. Der Glaube kommt aus dem Wort und gründet sich auf das Wort und lebt daher auch aus dem Wort.

Röm. 1,16-17: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen, da darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: Der Gerechte wird seines Glaubens leben.

Röm. 10,17:  So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes.

Joh. 16,8-11: Und wenn derselbe [der Heilige Geist] kommt, der wird die Welt strafen um die Sünde und um die Gerechtigkeit und um das Gericht: um die Sünde, dass sie nicht glauben an mich; um die Gerechtigkeit aber, dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; um das Gericht, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Röm. 7,7: Die Sünde erkannte ich nur durch das Gesetz.

1. Petr. 1,23: Die da wiederum geboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewig bleibt.

Joh. 5,39: Sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeugt.

Joh. 8,32: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen; und die Wahrheit wird euch frei machen.

In seiner großen Gnade und Liebe zu uns hat Christus aber in Verbindung mit dem Wort auch noch äußere Zeichen und Handlungen gesetzt, um einem jeden persönlich die Vergebung der Sünden zuzueignen und zu vergewissern:

aa) In der Taufe wirkt er durch das Wasser den Tod des alten Menschen, Abwaschen der Sünden, Auferstehung des neuen Menschen bei allen, die seiner Verheißung und Zusage glauben. So ist auch hier das alles Entscheidende das Wort, das den Glauben wirkt, worauf der Glaube sich gründet und woraus er lebt, denn die Taufe ist nicht nur der einmalige Akt, sondern will täglich durch das Sterben des alten und Aufstehen des neuen Menschen umgesetzt, entfaltet werden.

Matth. 28,18-20: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende.

Mark. 16,15-16: Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt bis ans Ende und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

Röm. 6,3-4: Wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollt auch ihr in einem neuen Leben wandeln.

ab) Im heiligen Abendmahl schenkt Christus uns unter Brot und Wein zum mündlichen Genuss seinen Leib, den er für uns zur Vergebung der Sünden dahingegeben, und sein Blut, das er für uns zur Vergebung der Sünden vergossen hat, um uns so der Vergebung unserer Sünden im Glauben an Christus und sein Rettungswerk gewiss zu machen und zu befestigen. Während alle Teilnehmer Christi Leib und Blut unter Brot und Wein empfangen, so haben den geistlichen Segen nur die, die auch dem Wort, als dem Hauptstück neben dem Essen und Trinken, glauben.

Matth. 26,26-28: Das sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus. Das ist mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

Mark. 14,22-24: Und indem sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Neuen Testaments, das für viele vergossen wird.

Luk. 22,19-20: Und er nahm das Brot, dankte du brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Das ist der Kelch, das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

1. Kor. 11,23-25: Ich habe es von dem HERRN empfangen, das ich euch gegeben habe. Denn der HERR Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut. Solches tut, sooft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis!

1. Kor. 10,16-17: Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s, so sind wir viele ein Leib, dieweil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.

ac) In der Absolution (Lossprechnung von Sünden) schenkt Christus durch sein Wort dem Sünder, dem seine Sünden leid sind und sie ihm bekennt die Vergebung der Sünden durch den Diener am Wort oder den Christen, in dessen Gegenwart du ihm deine Sünden bekannt hast. Durch den Glauben hast du, was Christus dir zusagt.

Matth. 18,15-18: Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf dass alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn wie einen Heiden und Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, das soll auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel los sein.

Joh. 20,21-23: Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, sende ich euch. Und da er das sagte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denn sind sie behalten.

 

 

Anhang 2

 

Die Reise des Christen zu seinem himmlischen Vater

oder:

Wie ein Christ zum Vater gehe, und die innerliche Reise auf der Welt dergestalt verrichte, damit er ins ewige Leben komme[2]

 

Johann Saubert

 

    Paulus sagt recht: Die leibliche Übung ist wenig nütze, die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens. 1. Tim. 4,8. Welches alle diejenigen wohl in Acht nehmen sollen, so mehr auf das Leibliche und Vergängliche als auf das Geistliche und Unvergängliche geneigt sind, 1. Kor. 2,14. Besonders aber weil dieses Beginnen viele dahin treibt, dass sie oftmals um einer leiblichen Übung willen, welche wenig nützlich ist, fremde Länder und Städte durchwandern und allerlei Völker, Nationen und Sprachen besuchen. Dagegen sind wir vielmehr schuldig, um des ewigen Nutzens willen unseren Hingang zum Vater rechtschaffen anzustellen und zu verrichten und so (um bei dem Vergleich zu bleiben) durch die am Weg gelegenen Städte und Flecken behutsam wanden. Deswegen gebt Acht auf die Reise.

 

[In dem Abgrund Buße[3]

    Kein Mensch macht sich von sich aus auf den Weg zum himmlischen Vater. Vielmehr sind wir natürlicherweise sichere Sünder, die ohne Gott dahinleben oder, wenn sie als Kinder getauft und christlich erzogen sind, vielfach dadurch, weil sie nicht im Gebet und am Wort Gottes geblieben sind, wieder aus der Taufgnade gefallen sind und so als sichere Sünder dahinleben. Es ist Gottes vorauseilende erbarmende Liebe und Gnade, dass Gott der Heilige Geist uns zunächst durch allerlei Ereignisse in unserem Leben, durch Predigten, Evangelisation, Filme, Texte, die wir lesen, Bücher, Zeugnisse anderer, durch Unfälle, Krankheiten, Todesfälle, Katastrophen, Krisen wachrüttelt, damit aus dem sicheren Sünder zumindest erst einmal ein erweckter Sünder wird, dem er nun mit dem Gesetz Gottes, Joh. 16,8-11, begegnen kann, um so in ihm rechte Sündenerkenntnis, Röm. 3,20; 7,7, und dann, wenn er anfängt gegen die Sünde zu kämpfen, rechte Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis für den Menschen ohne Christus zu wirken, Eph. 2,1-3, und ihn damit in den Abgrund der Buße mit einem zerbrochenen Herzen und einem zerschlagenen Gemüt, Ps. 51,19; 34,19 zu führen, in dem der Sünder rechte Traurigkeit über seine Sünde empfindet, einen rechten Hass gegen die Sünde und sie gerne los wäre (Reue) und sich nach einem Helfer, einem Retter (Heiland) sehnt. Damit ist der Heilige Geist mit dem Gesetz zu seinem Ziel gekommen, Gal. 3,24, und kann ihm nun durch das heilsame Wort des Evangeliums Christus vor die Augen malen, den wahren Gott, der für uns Sünder auch zugleich wahrer Mensch wurde, Luk. 2, sich für uns dem Gesetz unterwarf, Gal. 4,4.5 und es stellvertretend für uns erfüllte, Röm. 8,3-4. Dann, als der Reine, Unschuldige, hat er die Sünden der ganzen Welt auf sich genommen, Joh. 1,29, und für sie am Kreuz die vollkommene Strafe getragen und so Gott mit der Welt, jedem Sünder, versöhnt, 2. Kor. 5,19, so dass in Christus für jeden Sünder grundsätzlich die Rechtfertigung, Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott und ewiges Leben bereit sind und er uns zuruft: Wer an den Sohn Gottes glaubt, der hat das ewige Leben. Joh. 3,36.16.18; 6,47. Durch das Evangelium zieht Christus den Sünder zu sich, zum Vater, Joh. 6,44.65 und wirkt dadurch den rechtfertigenden Glauben, der der Verheißung, dem Evangelium glaubt, sich allein an Christus als seinem Retter hält, Eph. 2,8.9, wie es im nächsten Abschnitt näher beschrieben wird. Wer als Säugling schon getauft wurde, bedarf der dort angeführten Taufe nicht mehr; er ist durch die erneute Bekehrung oder das bewusste Ergreifen der Taufgnade ja zu Gottes Gnade in der Taufe zurückgekehrt.]

 

In der Freistadt Rechtfertigung

     Zuerst und vor allen Dingen trägt uns der Weg, wenn wir zum himmlischen Vater gehen wollen, in die herrliche große Freistadt, die da heißt Justificatio, die Rechtfertigung, in welcher Stadt die geistlichen Schätze und Güter des lieben Gottes und alle Sachen zur weiteren Reise gehörig ausgeteilt werden. Das Tor, dadurch man in diese Stadt kommt, ist zweifach, nämlich das heilsame Wort des Evangeliums und dann die heilige Taufe, Tit. 3,5. Unter welchem Tor alsbald dem Wandersmann ein schönes goldenes Gefäß verehrt wird, das heißt Glaube an Christus, das feste Vertrauen auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes, in Christus uns geschenkt und im Evangelium offenbart, Hebr. 11,1. Nun ist solches Gefäß, der wahre Glaube, recht eingefasst und verbunden mit den Verheißungen und Trostsprüchen des Evangeliums, dadurch der Glaube wächst und erhalten wird, Luk. 17,5; 2. Thess. 1,11.

    O, ein nützliches und notwendiges Gefäß, ohne welches ein Wandersmann Gott, seinem Vater, nicht gefällig ist, Hebr. 11,6, und mit welchem er hingegen kann anfassen, begreifen und bewahren, was ihm in der Freistadt noch weiter geschenkt wird. Denn er fasst hinein den Hauptschatz Christus Jesus, seines Herzens Trost und Teil mit dem Ersinnen: Wenn er Christus habe, so frage er nichts nach Himmel und Erde, Ps. 73,25. Er fasst hinein mit Christus das teure Verdienst und die erworbene Gerechtigkeit desselben und zweifelt nicht, Gott der Vater habe dieselbe ihm, dem Wanderer, geschenkt und zugeeignet, Röm. 4,6 usw. Er fasst hinein die Vergebung der Sünden, wie auch die Gnade, Huld und Liebe Gottes und weiß, dass ihn niemand davon scheiden werde, röm. 8,35 usw. Er fasst hinein das Kleid des Heils und den Rock der Gerechtigkeit, Jes. 61,10, und legt hingegen ab den stinkenden Rock der Sünden, Röm. 13,12. Er fasst hinein den Heiligen Geist als einen Mahlschatz oder Unterpfand seiner zukünftigen Seligkeit, 2. Kor. 1,22. Er empfängt und fasst da auch den Brief und Siegel, dass Gott ihn zu seinem Kind aufgenommen, Joh. 1,12, dass ihn Gott zu einem Erben im Himmel und Miterben Christi eingesetzt und bestimmt hat, Röm. 8,17. Diese Briefe und Siegel kann ihm niemand abnehmen, einkassieren oder ausradieren, weil sie nicht mit Tinte auf Papier, sondern in die Tafeln des Herzens geschrieben wurden durch den Finger des Heiligen Geistes, 2. Kor. 12.22; Röm. 8,16. Er erfasst da auch die wahre Erkenntnis Gottes zum ewigen Leben, Joh. 17,3, und die Kraft des Heiligen Geistes, welche dermaßen wirkt, dass er den Dienst der Sünden ablegt oder den Sünden gleichsam abstirbt und aufersteht zu einem neuen heiligen Leben, Röm. 6,10, dass er seine böse Lust gleichsam als schadhafte Glieder, wie böse Augen, Hände und Füße ausreißt und abwirft, Matth. 18,8 ff., dagegen seinen Leib dargibt zu einem Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist, dass er sich zukünftig der Welt nicht gleichstellt, sondern seinen Sinn verändert, Röm. 12,1.2.

    Weil er nun weiter fortziehen soll, so werden ihm noch zwei besondere Dinge anbefohlen:

    1) Es wird ihm vorgetragen und geliefert das große Reisebuch, die Heilige Schrift, besonders die von Gott selbst beschriebenen Landtafeln, nämlich die heiligen zehn Gebote, darinnen ihm gezeigt wird, welche Flecken und Städte er noch auf dem Hingang zum Vater besuchen soll und ebenso, wie er nach dem Fallen in Sünde wenn er die wahre Buße und Bekehrung [tägliche Buße] nötig hätte, wieder zu dieser Stadt umkehren, wahre Buße tun und durch den Glauben die Vergebung der Sünden und die Gnade Gottes [erneut] erlangen könne.

    2) Zweitens wird er am Ende der Stadt und am Ausgang hingewiesen zum heiligen Abendmahl, wodurch er kräftig an seiner Seele gespeist und getränkt und dermaßen erquickt wird, dass er desto beherzter die übrige Reise verrichtet. Das ist die erste Stadt.

 

In der Stadt Liebe

    Indem aber der Gläubige weitergeht, wird er nicht weit davon zur linken Hand und auf dem breiten Weg eine andere Stadt sehen, Iustitiam Operum, die Stadt der Gerechtigkeit der Werke und auf den Straßen zu ihr viele Räuber und Mörder, Juden, Heiden, verstockte Papstleute und andere Werkheilige, welche Christus selbst als solche Leute genannt hat, die ihm seine Ehre stehlen, Joh.10,1 ff. Darum muss der Gläubige sich zur rechten Hand halten, da etliche hohe Grenzsteine und Säulen stehen mit solcher Inschrift: Wenn ihr alles gegeben habt, was ihr zu tun schuldig seid, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte. Luk. 17,10. Ebenso: Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist. Ps. 32,1 ff. Ebenso: Gottes Gnade ist nicht aus den Werken, damit sich nicht jemand rühme. Eph. 2,8.9.

    Bei diesem Zeichen wird er den Weg sehen durch eine Einöde und unten sehr tief die schöne Stadt Dilectionem, die Liebe, antreffen. Darin fließt ein schöner Wasserstrom, der sich in drei Flüsse teilt: der erste heißt die Liebe gegen Gott, der zweite die brüderliche Liebe und der dritte die allgemeine Liebe, 1. Petr. 1,7. Von allen dreien muss er einen Trunk tun. Die Liebe gegen Gott fließt durch einen schönen Behälter, daran viele treffliche Beispiele gemalt sind, wie das Beispiel Moses mit der Überschrift: Du sollst Gott, deinen HERRN, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele usw. 5. Mose 6,5; Matth. 22,37. Ebenso: Höre Israel, der HERR fordert von dir, dass du ihn liebst und seine Gebote haltest, 5. Mose 10,16 usw. Das Beispiel Davids mit dem Titel: Herzlich lieb habe ich dich, o HERR, usw. Ps. 18,1 ff. Das Beispiel des Paulus mit dem Titel: So jemand den HERRN Jesus nicht lieb hat, der ist anathema mahara motha, verflucht zum Tod, 1. Kor. 16,22. Das Beispiel des Johannes mit den Worten: Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott. Ebenso: Lasst uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebt, 1. Joh. 4,16.19, und anderen unzähligen vielen Namen derer, die um der Liebe willen gegen Gott allerlei Kreuz und Gefahr ausgestanden haben, eingedenk, dass auch das unvernünftige Vieh, ein Ochse, Esel oder Hund, nicht vergeblich sich lieben lässt, sondern für erwiesene Liebe die Herren fürchtet und ehrt, Jes. 1,3.

    Die brüderliche Liebe fließt allda gleichfalls durch ein schön bemaltes Haus, daran Abraham und Lot einander die Hände bieten, mit diesen Worten: Lieber, lass nicht Zank sein zwischen uns, 12. Mose 13,8; daran Joseph sich gegen seine Brüder neigt, 1. Mose 45,1; daran David und Jonathan einander um den Hals fallen, 1. Sam. 18,1; daran Christus seinen Jüngern die Füße wäscht, da man zugleich diese Worte liest: Die brüderliche Liebe bedeckt der Sünden Menge, Spr. 10,12. Wie schön und lieblich ists, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen, Ps. 133,1. Es wird hingewiesen darauf, dass auch die menschliche Weisheit uns lehrt: Drei schöne Dinge sind, die Gott und den Menschen wohl gefallen: wenn Brüder eins sind und die Nachbarn sich liebhaben und Mann und Frau miteinander wohl umgehen. (Sir. 25,1.2.) Ebenso steht dabei die Warnung, es sei die brüderliche Liebe nicht dahin gemeint, dass ein Bruder dem anderen seine Mängel ganz und gar übersehe und alles gehen lasse, wie es geht, sondern dass man, wo es Not tut, den irrenden Esel wieder zurechtweise. 5. Mose 22,1 usw.; den Ochsen, der in den Brunnen gefallen, wieder herausziehe, Luk. 14,5; das verlorene Schaf und den Groschen wieder suche, Luk. 15,4, und so sich verhalte gemäß der Erinnerung durch Christus, Matth. 18,15 ff.; Gal. 6,1. Es steht da die Warnung, dass man nicht müde werden soll, Gutes zu tun, sondern dem bedürftigen Bruder mitteilen, den Durstigen tränken, den Nackten bekleiden, den Fremdling beherbergen, Jes. 58,7; Matth. 25,35. Ebenso, dass solche Werke der Liebe nicht sollen vermengt werden mit einem pharisäischen Wahn des Verdienstes oder Ehre bei den Menschen zu erjagen, sondern soll alles geschehen aus der Liebe zu Gott, Matth. 7,21 usw.

    Die Liebe gegen den Nächsten, das ist, gegen den Fremden, fließt durch ein Haus, daran vorne die Frage steht: Wer ist denn mein Nächster? Und darauf die Antwort Christi mit dem Beispiel des Samariters, Luk. 10,29 ff. Ebenso das Beispiel Davids, welcher den König Saul unverletzt aus der Höhle ließ, 1. Sam. 24,12, und dem Simei verzeiht und vergibt, 2. Sam. 19,22. Das Beispiel der Männer Davids, die den ägyptischen Mann, ihren Feind, speisten und tränkten, 1. Sam. 30,11; das Beispiel Stephans, der für seine Feinde am letzten Ende bittet, Apg. 7,60; ja, das Beispiel Christi selbst im gleichen Fall, Luk. 23,34. Da sind denn auch die Sprüche zu lesen: Wenn du deines Feindes Ochsen oder Esel siehst irren oder unter seiner Last liegen, so sollst du ihm denselben zuführen oder sonst ihm wieder aufhelfen, 2. Mose 23,5. Ebenso: Ich sage euch, spricht Christus: Liebt eure Feinde, Matth. 5,44. Ebenso: Hungert deinen Feind, so speise ihn, dürstet ihn, so tränke ihn, alsdann wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln, Röm. 12,10; Spr. 25,21.

   

Wichtige Warnungen auf den Weg, um in der Liebe zu bleiben

    Wenn nun der geistliche Wandersmann sich wohl umgesehen und den Durst gelöscht hat, so trägt ihn der Weg noch weiter. Doch hat er abermals auf der linken Seite, nahe bei dieser Stadt, einen gefährlichen Ort zu meiden, wo etliche Raubschlösser liegen namens Zorn, Hass, Neid, Verbitterung, Feindschaft, welche vom Fürsten der Welt, dem leidigen Teufel, mit Leuten besetzt worden ist, darin bereits viele Gefangene eingebracht und getötet worden sind, wie denn daselbst die Grabstätte des Brudermörders Kain, 1. Mose 4,9, des neidischen Saul und anderer sich befinden. Darum muss ein geistlicher Wandersmann, wenn er wirklich zum himmlischen Vater gehen will, auf der rechten Seite bleiben. Abermals weisen ihm etliche Säulen und Zeichen den Weg mit solcher Überschrift: Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, 3. Mose 19,17. Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger, 1. Joh. 3,15. Zürnt, und sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, gebt nicht Raum dem Lästerer, Eph. 4,26. Und die menschliche Weisheit hebt hervor: Zorn und Wüten sind ein Greuel. Wer sich selbst rächt, an dem wird sich der HERR wieder rächen und wird ihm auch seine Sünde behalten. Ein Mensch hält gegen den anderen Zorn und will bei Gott Gnade suchen Sir. 28,3.

    Seht: Wer auf seiner Reise diese Wahrzeichen wohl in Acht nimmt, der wird auf der rechten Straße bleiben.

    [Denn die Gefahren sind groß, weil an der linken Seite der rechten Straße, ganz nah am Weg, die Häuser der Städte Augenlust, Fleischeslust und Hoffart stehen. Augenlust reizt dich zu Begehrlichkeit gegenüber Gütern dieser Welt, auch Gütern anderer, zu Neid, Habgier, Missgunst, Geiz, Geldliebe, Prachtliebe, verführt dadurch auch zu Betrug, Diebstahl, Raub, Wucher, Ausbeutung, Unterdrückung Abhängiger und will dich im Sündenelend fest machen. Fleischeslust will dir unreine Gedanken, unzüchtiges Handeln, unzüchtige Bilder und Reden einprägen, dich zu Hurerei, zu Ehebruch verführen, aber auch zu Völlerei, zu Trunkenheit, zu Drogen aller Art, überhaupt auch zu Bequemlichkeit, Vergnügungssucht, Leistungsfeindschaft dich verleiten und dadurch in den Abgrund der Sünde dich stürzen. Hoffart aber umgarnt dich mit Selbstliebe, Egoismus, Narzissmus, mit Ehrgeiz, Machtstreben, Geilen nach Ansehen bei anderen, mit Stolz, Hochmut, Arroganz.

    Darum warnen dich die Säulen an der rechten Straße eindringlich: Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust, wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit, 1. Joh. 2,15-17. Und: Offenbar aber sind die Werke des Fleisches, als da sind: Ehebruch, Hurerei, Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen; von welchen ich euch habe zuvor gesagt und sage noch zuvor, dass, die solches tun werden das Reich Gottes nicht erben. Die Frucht aber des Geistes ist´: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit (Zucht). Gegen solche ist das Gesetz nicht. Welche aber Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden, Gal. 5,19-24. Ebenso: Hurerei aber und alle Unreinigkeit oder Geiz lasst nicht von euch gesagt werden, wie den Heiligen zusteht, auch schandbare Worte und unnütze Rede oder Scherz, welche euch nicht ziemen, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger (welcher ist ein Götzendiener) Erbe hat an dem Reich Gottes und Christi, Eph. 5,3-5. Sowie: Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern was nützlich zur Besserung ist, da es not tut, dass es holdselig sei zu hören. … Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem anderen, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christus, Eph. 4,29.31-32. Deshalb: Tut nichts aus Zank oder eitler Ehre, sondern durch Demut achtet euch untereinander einer den andern höher als sich selbst. Und ein jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, was dem anderen dient, Phil. 2,3-4.][4]

 

Im offenen Markt Trübsal

    Wo aber nun weiter hin? O, lieber Christ, jetzt geht das Warn erst richtig los, jetzt musst du im Werk beweisen, was du bisher gelernt hast, denn du hast noch vor dir etliche Orte, welche Paulus in ihrer Ordnung nacheinander so erzählt: Trübsal bringt Geduld, Geduld bringt Erfahrung, Erfahrung bringt Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden, Röm. 5,4.

    Demnach musst du dich wenden zu dem offenen Flecken, der da heißt Trübsal, und der ist voller Bluthunde und Tyrannen, Epikuräer[5] und gottloser Menschen. Ja, es ist auch daselbst der Teufel selber wie ein Kettenhund vorhanden, dem bisweilen die Kette nachgelassen wird, dass er weit hervorlaufen und die Wanderleute hart anbellen und erschrecken kann. Hier musst du durch, weil es keinen anderen Weg auf der Seite gibt. Hier werden dich allerlei Anstöße und Hindernisse berühren, hier schneit und regnet es allerlei Krankheit, Schmerzen, Angst, Not, Armut, Hunger, Verachtung, Vertreibung, Verbannung, das Exil und Elend und was der Dinge mehr ist.

    Ei, sprichst du, warum kann man nicht durch einen anderen Weg zum Vater kommen und an diesem Kreuzflecken vorbei gehen? Antwort: Erstens haben unsere Voreltern den Handel durch ihre Sünde verderbt, dass uns der Weg auf beiden Seiten abgegraben und verbaut wurde, 1. Mose 3,15.17 usw. Zweitens wird die Allmacht des himmlischen Vaters hierdurch offenbar, da er erweist, wie seine Kraft in den Schwachen mächtig sein und wie er die gläubigen Wandersleute gegen alles Toben und Wüten der Feinde erretten könne, 2. Kor. 12,9 usw.  Drittens erscheint hierdurch die Güte des himmlischen Vaters, wenn er seine Söhne auf der Reise züchtigt, damit sie nicht mit der gottlosen Welt verdammt werden, 1. Kor. 11,32; Spr. 3,12; Hebr. 12,11, sondern hingegen lernen, beides, ihn (den lieben Vater) und sich selbst recht erkennen, dem Leib Christi und aller Heiligen, die auch an diesem Ort der Trübsal erprobt und bewährt worden, gleichförmig werden und zu ihrem Vater und dem Vaterland im Himmel desto größeres Verlangen bekommen, Hebr. 11,14. Was willst du dich denn hoch beschweren, mein Christ, durch diesen Flecken der Trübsal zu reisen, in Anbetracht dessen, dass die dortigen Einwohner und der ungestüme Feind mit seinem Angstwind und Kreuzregen, wie auch die höllischen Kettenhunde mit ihrem Bellen an deiner Seele dich nicht verletzen, auch dir diejenigen Schätze, welche du in der Freistadt Rechtfertigung mit dem Glauben empfangen und ergriffen hast (verstehe: die Gerechtigkeit Christi, die Vergebung der Sünden, die Huld und Gnade Gottes) nicht abnehmen und rauben können, sie stellen so heftig, wie sie immer wollen.

 

In der Stadt Geduld

    Gehe du nur gerade zu und weiche nicht, weder zur Rechten noch zur Linken, bis du zur Stadt kommst, die Geduld heißt, denn Trübsal bringt Geduld, sagt Paulus Röm. 5,3. Diese Stadt liegt gleichsam hinter einem hohen Berg, daher viele, wenn sie an diesen Berg kommen, den Mut verlieren und alle ihre geistlichen Gefäße, Wehr und Waffen von sich werfen, ja, sich auf die linke Seite machen zur unglückseligen Stadt Ungeduld, tun eben, wie die tollen Pferde, welche, so man sie mit einem Sporen ein wenig berührt, zur Seite hinauswischen. So lauf auch sie zur Zeit der Trübsal auf die unrechte Seite und kommen in die große Stadt Impatientiam, Ungeduld, da der Satan seine Regenten mit Haufen hat, welche die Wandersleute mit diesen und dergleichen Schmeichelworten aufnehmen: Man trete einen Wurm so lange, bis er sich endlich krümme. Wer sich die Leute auf die Achsel sitzen lässt, dem sitzen sie endlich auf dem Kopf. Hilf, was helfen kann. Wenn man den oberen nicht biegen kann, so bewege man den unteren. Da doch, wenn sie hineinkommen und eine Zeitlang allda verharren, ihre armen Seelen die Luft dort auf die Länge nicht vertragen können, sondern großen Schaden nehmen, wie daselbst die Begräbnisse ausweisen, nämlich der murrenden Israeliten, 2. Mose 16,2, des ungestümen Nabal, 1. Sam. 25,10. Nein, hüte dich hervor und bleibe auf der rechten Straße, welche abermals mit gewissen Säulen und Schriften vorgegeben wird, wie: Fasst eure Seelen in Geduld, Luk. 21,19. Geduld ist euch not, auf dass ihr den Willen Gottes tut und die Verheißung empfangt. Wer weichen wird, an dem wird meine Seele keinen Gefallen haben, Hebr. 10,36-38. Und die menschliche Weisheit spricht: Halte dich an Gott und weiche nicht, auf dass du immer stärker werdest. Alles, was dir widerfährt, das leide, und sei geduldig in allerlei Trübsal. Sir. 2,4.

    O, welch eine herrliche Stadt ist Patientia, die wahre Geduld, und wie wohl geschieht dem, der hineinkommt. Ich spreche von der wahren Geduld, denn direkt daneben liegt gleich ein Dorf auch dieses Namens. Das heißt: Es gibt zweierlei Geduld, eine, da der Mensch um Übeltat oder anderer bösen Ursachen willen leidet und duldet, wovor Petrus treu warnt: Niemand leide als ein Dieb oder Mörder, 1. Petr. 4,15. Und so erzeigten die Baalspfaffen ihre Geduld bei dem Götzendienst, wenn sie sich mit Pfriemen ritzten, 1. Kge 18,28, eben wie es die Geißler machten unter den Jesuiten. Die wahre Geduld aber hat zum Fundament und Grund eine gerechte Sache und ein gutes Gewissen. Leidet jemand um des Gewissens willen und erduldet es, das ist gut bei Gott, 1. Petr. 1,16.

   In dieser Stadt wirst du antreffen die Fußtapfen Abels, Abrahams, Moses, Isaaks, Jakobs, Josephs, Hiobs, Davids, aller Propheten , Apostel und Märtyrer, ja Christi selbst, dessen ganzes Leben auf Erden nichts anderes gewesen ist als patietia, die Geduld, wie Augustinus über das zweite Kapitel in dem ersten Brief des Apostels Petrus berichtet.

 

In der Stadt Erfahrung

    An diese Stadt Geduld grenzt die Stadt Experientia, die Erfahrung, daher man ohne Mühe von einem Ort zum anderen gelangen kann. Du wirst hier gar christlich gehalten werden, denn, wie die menschliche Weisheit es ausdrückt, das ist der Alten Krone, wenn sie viel erfahren, Sir. 25,8. Ein Erfahrener weiß, sich zu halten. Sir. 34,9.

   

In der Stadt Hoffnung

    Was ist aber noch übrig? Von der Erfahrung geht der Weg zur Hoffnung, und liegt diese Stadt zunächst an dem Tor des himmlischen Vaterlandes, doch so, dass vor diesem Tor ein dicker Nebel aufsteigt, wodurch man das Vaterland oder himmlische Jerusalem der Zeit nach nicht sehen kann, denn man hofft, was man noch nicht sieht, Hebr. 11,1; Röm. 8,24.25. Es hat’s ja auf dieser Welt noch kein Auge gesehen usw. 1. Kor. 2,9.

    Auf der linken Seite aber liegt ein großer Flecken, der heißt Desperatio, die Verzweiflung, darin sich allerlei Feinde zusammengefunden haben, welche ausfallen und die Wandersleute angreifen, die sich auf diesen Weg hinlenken. Es sind die römischen Kleriker, welche solche Lehrpunkte treiben, dadurch die Leute leicht in Verzweiflung gestürzt werden. Etliche locken die Wegelagerer mit guten Worten zu sich, das sind die Epikuräer, ja, der Satan selbst mit dieser seiner Anfechtung: Hoffe du eine Weile und siehe, wer dir den Himmel aufmacht. Hoffen und Harren macht manchen zum Narren. Hoffen und nicht genießen kann dich leicht verdrießen. Hoffen, bis dir eine gebratene Taube ins Maul fliegt? Es ist alles vergebens, was du hoffst, deine Sünden sind größer, als dass sie dir können vergeben werden.

    Ach, wie viele tausend Menschen sind in diesem schändlichen Ort Verzweiflung umgekommen, wie Kain, Saul, Ahitophel, Herodes, Judas, Antiochus usw. Nun hüte dich, du frommes Herz, und halte dich auf der rechten Straße zur beständigen Hoffnung, dahin dich nochmals die aufgerichteten Zeichen und Schriften weisen können: HERR, freuen sollen sich alle, die auf dich hoffen, Ps. 5,12. Wir sind selig in der Hoffnung, Röm. 8,24. Die auf den HERRN hoffen, werden nicht fallen, sondern ewig bleiben, Ps. 125,1. Und aus der Geschichte lesen wir: Bleibt in der Hoffnung des ewigen Lebens. Tob. 1,6.

    Diese Stadt ist auf den allerstärksten Pfeilern aufgebaut und rings umher mit den Bespielen der Heiligen, besonders Abrahams, geziert, samt der Überschrift: Abraham wurde nicht schwach im Glauben und zweifelte nicht durch Unglauben, sondern wusste, dass Gott tun könnte, was er verheißen. Er glaubte auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war, Rom. 4,19.20.

    Dabei ist zu merken, dass ein geistlicher Wandersmann, wenn er seine am Anfang aufgeführten Schätze mit wahrem Glauben und emsigem Gebet fest behält und mit sich fortträgt, sehr ehrlich in dieser Stadt gehalten und zu einem Beispiel und Wahrzeichen von Gott selbst aufgezeichnet wird, bis er gar aus der Hoffnung durch den besagten dicken Nebel ins ewige Leben dringt und zu seinem himmlischen Vater eingeht. Denn die Hoffnung lässt ihn wahrlich nicht zuschanden werden, sondern bringt gewiss am Tag seines Todes die Seele hindurch und dann am Jüngsten Tag den Leib samt der Seele; und das heißt hingehen zum himmlischen Vater.

    Deshalb, o liebe Menschen, die ihr mit dem Blut Jesu Christi so teuer erkauft und zu Kindern Gottes angenommen worden seid, ihr, die ihr die Kost des himmlischen Vaters täglich genießt und seine Güte und Barmherzigkeit alle Augenblicke fühlt, ihr, denen das ewige Leben und die wunderschönen Wohnungen des himmlischen Vaters so reichlich versprochen worden sind: Ach, geht, geht emsig und freudig zum Vater im Himmel, reist ohne Unterlass und geht von der herrlichen Freistadt Rechtfertigung zur Liebe, von der Liebe zur Geduld, von der Geduld zur Hoffnung, die wird euch gewiss nicht lassen zuschanden werden. Eure Freude sei größer als des Tobias Freude, der heimgezogen war, seinen alten Vater zu sehen, Tob. 11. Ach, hierher, hierher alle, die ihr fremde Nationen, Länder und Städte so gerne besucht, ach, reist ins ewige Leben zu dem himmlischen Vater, da werdet ihr haben das allerbeste, das allerbeständigste, das allerlieblichste, das allerköstlichste Kinder-Recht und weit mehr als ich euch sagen kann.

    O, wie begierig sind die unvernünftigen Tiere! Wie eilen sie dahin zu dem, was sie für gut halten, wo ihnen wohl ist. Ein jedes Junges hält sich zu seiner Mutter, eine Turteltaube, ein Kranich, eine Schwalbe eilen zum Sommer, Jer. 8,7. Wo ist ein Vogel, wenn er gefangen ist, aber den Strick oder das Garn auflösen kann, der nicht in die Höhe sich begibt und seinem Nest zueilt? Und warum sollte denn ein Mensch, ein angenommener Erbe Gottes, ein Miterbe Christi, ein bestimmter Himmelskönig, nicht begehren, hinzugehen zum himmlischen Vater und sein Leben mit der seligen und fröhlichen Hoffnung zu enden? Sollte er nicht sagen und schließen:

Ich reiß von der Gerechtigkeit

Christi zur Lieb durch alles Leid/

Von der Geduld zur Hoffnung fein/

Bis ich komm zu dem Vater mein/

Und geht ins ewig Leben ein/

Da will ich ewig bei ihm sein. Amen.

   

 



[1] Die in eckige Klammern gesetzten (und teilweise auch in kleinerer Schrift gedruckten) Teile sind vertiefende und erklärende Zusätze des Herausgebers.

[2] Entnommen aus: Johann Saubert: Currus Simeonis. Ausgabe: Nürnberg: Endter. 1643. S. 813-829

[3] Dieser Abschnitt gehört nicht zu dem Text von Johann Saubert, sondern wurde vom Hrsg. eingefügt. Die Zwischenüberschriften sind ebenfalls vom Hrsg. eingefügt.

[4] Dieser Abschnitt ist auch eine Einfügung durch den Herausgeber.

[5] Menschen, die nur an sich und ihr Vergnügen denken. Anm. d. Hrsg.