Alttestamentliche Predigten Reinhold Pieper aus: „Predigten über alttestamentliche Texte“. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House 1915.

Alttestamentliche Predigt zum ersten Advent ueber 1. Mose 3,14-15: Die erste Verheißung Gottes von einem Erloeser

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag im Advent ueber 1, Mose 18,1-15: Das heilige Mahl im Hain Mamre

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag im Advent ueber Jesaja 40,9-11: Die Botschaft des neutestamentlichen Zion

Alttestamentliche Predigt zum vierten Advent ueber 1. Mose 49,10: Jakobs Weissagung über den zukuenftigen Messias

Predigt zum Heiligen Abend ueber Lukas 2,15-20: Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie an der Geburt des Heilandes haben sollten, und wodurch soll es sich bei ihnen offenbaren?

Alttestamentliche Predigt zum ersten Christtag ueber Jesaja 9,6-7: Die freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Christfesttag ueber Jesaja 11,1-5: Der Friedefuerst vom Stamm Isai

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach dem Christfest ueber Jesaja 7,10-16: Das wunderbare Zeichen, das Gott dem Koenig Ahas gab

Predigt zum Altjahrsabend ueber 1. Johannes 1, 8: Verfuehre dich nicht selbst wegen deiner Suende

Alttestamentliche Predigt zu Neujahr ueber Jeremia 3,12-15: Der gnadenvolle Ruf Gottes an sein Volk: „Kehre wieder!“

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach Neujahr ueber 1. Mose 2,18-25: Die Erschaffung der Frau

Alttestamentliche Predigt zu Epiphanias ueber 4. Mose 24,15-19: Bileams eigenartige Weissagung vom Messias

Alttestamentliche Predigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 4,3-16: Kains Brudermord

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag nach Epiphanias ueber Jesaja 6: Die Weihe des Propheten Jesaja

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 22,1-19: Isaaks Opferung

Alttestamentliche Predigt zum vierten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 28,10-22: Jakobs Traum zu Bethel

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Septuagesimae (70 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 32,24-31: Jakobs Ringen an der Furt Jabbok

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 3,1-7: Die Versuchung der ersten Menschen im Paradies

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Estomihi (Sei mir ein starker Fels; Ps. 30,3) ueber 2. Mose 3, 1-10: Die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Invocavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhoeren. Ps. 91,15) ueber Jesaja 39: Der Hochmut des Koenigs Hiskia

Predigt zum Sonntag Reminiscere (Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit, Ps. 25, 5) ueber Matthaeus 22, 1-14: Das Bild eines Scheinchristen

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Oculi (Meine Augen sehen stets auf den HERRN. Ps. 25, 15) ueber Sacharja 3, 1-7: Der Hohepriester Sacharja vor dem Richterstuhl des HERRN

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Laetare (Freuet euch mit Jerusalem, Jes. 66,10) ueber Sacharja 12, 10 – 13, 1: Die grosse Bussklage zu Jerusalem

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Judica (Gott, schaffe mir Recht! Ps. 43, 1) ueber Jeremia 7, 14-14: Der eitle Wahn, in dem sich das juedische Volk auf den Tempel des HERRN verliess

Alttestamentliche Predigt zum Palmsonntag ueber 1. Samuel 17, 45-46: Davids Kampf mit Goliath

Predigt zu Gruendonnerstag ueber 1. Korinther 11, 23-26: Die doppelte Forderung, welche an diejenigen geht, die im Abendmahl Christi Leib und Blut geniessen

Alttestamentliche Predigt zu Karfreitag ueber Jesaja 52,13-53,5: Das Bekenntnis der glaeubigen Gemeinde von der Erniedrigung des Gottesknechts

Alttestamentliche Predigt zum Ostersonntag ueber Jesaja 26, 19-21: Die Osterpredigt des Propheten Jesaja

Alttestamentliche Predigt zum Ostermontag ueber Jesaja 53,10: Die herrliche Frucht des Schuldopfers Christi auf Golgatha

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Quasimodo Geniti (Wie die neugeborenen Kindlein; 1. Petr. 2,2) ueber Sacharja 3, 8-10: Die Grundsteinlegung zu dem neutestamentlichen Tempel auf Golgatha

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Misericordias Domini (Die Erde ist voll der Guete des HERRN; Ps. 33, 5; Hirtensonntag) ueber Jesaja 1, 1-9: Gottes Klage ueber das Reich Juda

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Jubilate (Jauchzet Gott, alle Lande; Ps. 66, 1) ueber Jesaja 1, 10-20: Gottes Antwort auf die Selbstrechtfertigung des gestraften Volkes Israel

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Kantate (Sing dem HERRN ein neues Lied; Ps. 98,1) ueber Jesaja 55, 1-5: Die herzliche Einladung zu dem in dem Erloeser erschienen Heil

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Rogate (Betet!) ueber Jesaja 63, 1-6: Das Gesicht Jesajas ueber den Keltertreter

Alttestamentliche Predigt zu Christi Himmelfahrt ueber Maleachi 4,4-6: Die Sendung des Elia als Vorboten des Gerichts

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Exaudi (HERR, hoere meine Stimme; Ps. 27, 7) ueber Jesaja 64: Das Klagegebet der in Babel Gefangenen um die Offenbarung der Herrlichkeit des HERRN

Alttestamentliche Predigt zum Pfingstsonntag ueber Joel 3, 1-5: Die Weissagung von der Ausgießung des Heiligen Geistes

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Pfingsttag ueber 2. Koenige 5, 9-14: Das Mittel, durch welches der Aramaeer Naeman von seinem Aussatz gereinigt wurde

Alttestamentliche Predigt zum Trinitatisfest ueber Jesaja 65, 1-10: Die Antwort des HERRN auf das Klagegebet der Gefangenen zu Babel

Alttestamentliche Predigt zum ersten Sonntag nach Trinitatis ueber Jeremia 9, 2-11: Die tiefe Entmutigung Jeremias in seinem prophetischen Amt

 

 

 

Alttestamentliche Predigt zum ersten Advent ueber 1. Mose 3,14-15: Die erste Verheißung Gottes von einem Erloeser

 

1. Mose 3,14-15:  Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem Feld.  Auf deinem Bauch sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weib und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

 

    In Christus, dem einigen Erlöser, geliebte Zuhörer!

    Das Werk der Schöpfung war vollendet. In sechs Tagen hatte der allmächtige Gott Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer durch sein Wort aus nichts hervorgebracht. In ihrem Urzustand war die Erde, wie Mose schreibt, „wüst und leer“, eine wüste, form- und gestaltlose Masse, ein ungeschiedenes Durcheinander. Und über diesem lagerte eine undurchdringliche Finsternis; denn „es war finster auf der Tiefe“. Aber der Geist Gottes, der Heilige Geist, schwebte auf dem Wasser, wie ein Vogel über den Eiern brütet, und erfüllte die darin enthaltenen Lebenskeime mit Lebensodem und Lebenskraft.

    Darauf schied Gott die in dem gestaltlosen, wirren Durcheinander enthaltenen Teile voneinander. Durch sein erstes schöpferisches „Werde“ wurde das Licht hervorgebracht. „Es werde Licht!“ sprach er, und durch dieses Wort ließ er das Licht aus der Finsternis hervorleuchten. „Es wurde Licht.“ Gott schuf das Licht zuerst, weil ohne Licht keine Kreaturen leben und gedeihen können; er schied das Licht von der Finsternis, schuf den Wechsel zwischen Licht und Finsternis und dadurch den Unterschied zwischen Tag und Nacht.

    Das Werk der Schöpfung schritt stufenweise an den einzelnen Schöpfungstagen von den geringeren zu den höheren Geschöpfen vor. Gott schuf die Himmelsfeste, ließ das Wasser sich an besondere Örter sammeln, das Trockene, die Erde, hervortreten. Dann erhielt das Trockene, die Erde, ihren Schmuck. Sie bedeckte sich auf das Wort. „Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume“ mit dem herrlichsten Grün wie mit einem Teppich, mit Kräutern und Bäumen. Am folgenden Tag wurde die Himmelsfeste nicht minder wunderbar geschmückt. Sonne und Mond, die beiden großen Lichter, wurden als Lichtträger an die Himmelsfeste gesetzt und die zahllosen, glänzenden Sterne, lauter Wunder der Allmacht und Weisheit des Schöpfers. Sodann folgte die Belegung des Wassers mit den verschiedenartigsten lebenden Wesen, so zahlreich, dass es darin wimmelte, die Bevölkerung der Luft mit Vögeln, die unter der Feste des Himmels fliegen, darauf die Belebung der Erde mit großen und kleinen, mit vierfüßigen und kriechenden Tieren, ein jegliches nach seiner Art, wie die Vögel und Fische, sowie mit Pflanzen und Bäumen.

    Nachdem so Himmel und Erde geschaffen, geschmückt und belebt waren, hielt Gott gleichsam in seinem Schaffen inne, um Rat zu halten. Er wollte einen Herrscher über die Erde mit allen ihren Geschöpfen machen; er sprach: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ Und diesen Herrscher hat er nicht wie die anderen Geschöpfe durch sein Wort geschaffen, sondern er hat seinen Leib aufs künstlichste aus Erdenstaub geformt, diesem einen lebendigen Odem eingehaucht und ihn, den Menschen, zu einem lebendigen Wesen gemacht. Er hat ihn mit Vernunft und Sprache begabt, nach seinem Bild erschaffen, heilig und gerecht, und ihm die Herrschaft über die Geschöpfe gegeben. So hoch hat Gott den Menschen gestellt, so hoch ihn geehrt.

    Aber so hoch ihn Gott gestellt hat, so tief ist er gefallen. Anstatt sich an der ihm gegebenen Herrschaft genügen zu lassen, wollte er sein gleich wie Gott. Anstatt dem Gebot Gottes gehorsam zu sein, wurde er ungehorsam, übertrat es, gehorchte statt dem Wort seines gnädigen Schöpfers dem Wort eines Geschöpfes und erniedrigte sich unter das Geschöpf. Der Herrscher wurde zu einem Knecht der Sünde, stürzte sich selbst in das größte Elend. In diesem Elend erbarmte sich Gott seines hilflosen Geschöpfes, des Menschen, indem er ihm einen Erretter verhieß. Dies ist der Gegenstand unserer Betrachtung, nämlich:

 

Die erste Verheißung Gottes von einem Erlöser

 

    Wir sehen, dass sie

1.                 Trotz der Größe der begangenen Sünde gegeben wird;

2.                 Durch den Fluch über die Schlange hindurchtönt;

3.                 Völligen Sieg über die Schlange verkündigt.

 

1.

    Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte, mit den Worten: „Da sprach Gott zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh“ und weist uns demnach auf den Bericht über den Sündenfall, der in den vorhergehenden Versen gegeben ist, hin. Die Schlange hatte die Frau, diese ihren Mann, Adam, verführt, zum Abfall von Gott verleitet. Gott hatte den Menschen den herrlichen Garten Eden, das Paradies, als seine Wohnstätte bereitet und ihn hinein gesetzt, dass er ihn bebaute und bewahrte, und ihm alle Früchte der Bäume im Garten zur Speise gegeben mit Ausnahme der Früchte eines einzigen, des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Von diesem allein sollte er nicht essen; und Gott hatte seinem Verbot die Drohung hinzugefügt: „An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben.“ Er hatte den Menschen so herrlich geschaffen, zur Krone aller seiner Werke, zum Herrscher über sie gemacht und ihm eine so herrliche Wohnstätte bereitet, wie sie lieblicher nicht gedacht werden konnte, und ihn mit Gaben und Wohltaten überschüttet. Hätte er da nicht, der Güte Gottes eingedenk, dem einzigen Verbot Gottes gehorsam sein sollen? Aber statt dem Wort seines Schöpfers folgte er dem Wort eines niedrigen Geschöpfes, glaubte die Lüge und verwarf die Wahrheit.

    War denn die Übertretung des Verbots eine so große Sünde? Die natürliche, verblendete Vernunft erklärt sie für etwas Geringes. Wie, sagt sie: Da war ein Baum mit schönen Früchten, herrlich anzusehen, gut davon zu essen, die den Menschen lockten. Wohl war ihm verboten, davon zu essen, aber dass er doch davon nahm und aß, das ist doch keine große Sünde! Dasselbe geschieht doch jetzt noch so oft! Wie mancher isst einen Apfel oder eine andere Frucht von einem Baum, der ihm nicht gehört, und der Eigentümer macht davon kein großes Aufsehen, sondern lässt es einfach hingehen. Aber die so reden, urteilen nach dem äußeren Schein, bleiben an der Schale hängen, ohne den Kern, das Wesen zu erkennen und zu verstehen. Um eine Sünde recht zu beurteilen, müssen die Umstände, unter denen sie geschieht, wohl erwogen werden. Wir beurteilen die Tat eines Mannes ganz anders als die eines Kindes, die wissentliche Übertretung eines Gesetzes anders als die, welche in Unwissenheit geschehen ist, den Diebstahl eines Mannes, der sich in bitterer Not befindet, anders als den eines Reichen oder Wohlhabenden. War Adam einem Kind gleich? Er hatte von Gott eine so klare Erkenntnis aller Geschöpfe erhalten, wie sie seit ihm kein Mensch mehr gehabt hat, wie aus seiner Benennung der Tiere hervorgeht. Handelte er als Unwissender? Gott hatte ihm gesagt: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen.“ Kannte er die Folgen, wenn er dieses Verbot übertrat? Sie waren ihm in den Worten verkündigt: „An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben.“ Viel weniger trieb ihn die Not, denn er hatte eine Fülle der lieblichsten Früchte. Und zu welchem Zweck hatte ihm Gott dies Verbot gegeben? Nicht zu seinem Verderben, sondern um daran seinen Gehorsam gegen Gott zu bewähren. Luther nennt diesen Baum „Adams Altar und Predigtstuhl, an welchem er Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Rat und Willen erkennen und ihm danken sollte.“ Heilig und gerecht, wie der Mensch war, hatte er vollkommene Freiheit, dem Gebot Gottes gehorsam zu sein, aber freilich auch die Freiheit, es zu übertreten. An dem Baum sollte er sich selbst bestimmen. Sein Gehorsam sollte aus eigener Selbstbestimmung geschehen, ein freier, bewusster Gehorsam sein. An dem verbotenen Baum sollte er Gutes und Böses kennenlernen, wählen zwischen Gehorsam und Ungehorsam und zwischen Leben und Tod. Er übertrat Gottes klares Gebot, und der Baum wurde ihm zu einer Kenntnis von Gut und Böse, denn er erkannte, dass er alles Gute, seine Unschuld, Gerechtigkeit, Liebe zu Gott und dergleichen, verloren und sich in unsägliches Elend, Jammer und in den Tod gestürzt habe. Er hatte nun zu seinem großen Schaden erkannt, dass er nackt war; er schämte sich und fürchtete sich vor seinem Gott, floh vor ihm und war so unwissend, dass er glaubte, sich vor dem allwissenden Gott unter den Bäumen verbergen zu können und ihn zu täuschen.

    Freilich wurde er zu seinem Ungehorsam durch die Schlange, deren sich der Teufel als seines Werkzeuges bediente, verführt. Diese betrog zuerst die Frau und durch diese ihn selbst, verleitete ihn zuerst zum Zweifel an dem Wort Gottes, machte ihn nach der verbotenen Frucht lüstern und erklärte das Wort: „An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben“ für eine Lüge, indem er sagte: „Ihr werdet keineswegs sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Hätte sich der Mensch nicht fragen sollen: Woher hat die Schlange menschliche Sprache, die sie doch vorher nicht hatte? Wie kann sie unseres gütigen Gottes Wort und Wahrhaftigkeit in Zweifel ziehen, ja für Lüge erklären? Wie können wir Gott gleich werden? Wird nicht eine böse, Gott feindliche Macht durch die Schlange reden? Aber der Fall des Ungehorsams gegen Gottes Gebot begann schon dadurch, dass sich die Frau auf ein Gespräch mit der #Schlange einließ, da sie mit den ersten Worten: „Ja, sollte Gott gesagt haben?“ das Wort Gottes, sein Verbot, in Zweifel zog.

    Betrachten wir dies alles: Wie herrlich Gott den Menschen erschaffen, wie hoch er ihn über die Kreaturen gestellt, welch herrlichen Garten er ihm als Wohnstätte bereitet, welche Fülle der herrlichen Früchte er ihm zur Speise gegeben, dass er ihm ein ausdrückliches Verbot gegeben, eine so ernste Drohung hinzugefügt hat, dass er gewiss unvermeidlich sterben werde, und dass der Mensch Gott gleich sein wollte, so erkennen wir, dass dies Essen von der verbotenen Frucht wahrlich keine geringe, sondern eine große, schwere Sünde war, die den Tod verdiente.

    Aber so groß diese Sünde war, größer noch war Gottes Barmherzigkeit, und darum ließ er den Menschen nicht in seinem Elend dahingehen und verderben, sondern gab ihm, indem er die Schlange verfluchte, zugleich eine herrliche Verheißung. Dies wollen wir zweitens betrachten.

 

2.

    Nachdem Gott der HERR die Menschen zur Rechenschaft gefordert und die Frau auf seine Frage: „Warum hast du das getan“. nämlich deinen Mann verführt? Geantwortet hatte: „Die Schlange betrog mich so, dass ich aß“, da sprach der HERR zur Schlange: „Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem Feld. Auf deinem Bauch sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang.“ Das ist das Gericht über die Verführerin, als die letzte Ursache der Sünde. Gott fragt sie nicht erst, warum sie das getan hat, sondern spricht sogleich das Urteil über sie aus, verflucht sie vor, aus allen Tieren. Sie hat die Menschen verführt, sie wird verflucht. Infolge dieses Fluches soll sie hinfort auf dem Bauch gehen oder sich im Staub winden und daher Erde fressen oder Staub schlucken. Dadurch ist ihr ganzes Dasein und Leben verändert worden. Vor keinem anderen Tier empfindet der Mensch einen solchen Ekel und Abscheu wie vor der Schlange mit ihren feurigen Farben, ihrer zitternden Zunge, ihren giftigen Zähnen, ihrem schaurigen Zischen und bezaubernden Blick. Sie erscheint wie die leibhaftige, teuflische Sünde. Und ihre Gestalt und Lebensweise soll nie verändert werden, sondern immer dieselbe bleiben.

    Ob sie vor der Versuchung eines der schönsten unter den Tieren gewesen ist? Sicherlich ist sie vorher nicht auf dem Bauch gegangen, hat sich nicht im Staub gewunden, auch nicht Staub geschluckt wie jetzt. Aus dieser mit ihr vorgegangenen Veränderung ersehen wir, dass ihre Strafe der Verführung entspricht. Sie war, wie alle anderen Tiere, für den Menschen geschaffen, sollte ihm gehorchen und dienen. Stattdessen hat sie sich über den Menschen erhoben, ihn zum Gehorsam gegen sich verleitet und ihn in namenloses Elend gestürzt. Wegen dieser Überhebung wird sie von Gott aufs tiefste erniedrigt, dass sie sich ihr Leben lang im Staub winden und Staub schlucken muss.

    Aber ihre Strafe besteht ferner darin, dass fortwährende Feindschaft zwischen ihr und der Frau, zwischen ihrem Samen und dem Frauensamen bestehen, und ihr der Kopf zertreten werden soll. Diese Feindschaft „setzt“ Gott, verordnet sie. Und sie besteht bis auf den heutigen Tag und wird bis an das Ende der Tage fortbestehen. Die Schlange ist unter den Tieren dem Menschen am gefährlichsten (in heißen Ländern werden von den Schlangen mehr Menschen getötet als von allen anderen Tieren); und wiederum führt der Mensch einen unaufhörlichen Kampf gegen die Schlangen, tötet sie, wo er kann, und sucht sie auszurotten. Er zertritt, zerschmettert ihr den Kopf.

    Doch, meine Zuhörer, so gewiss die in diesen Worten verkündigte Strafe die Schlange trifft, so gewiss nicht sie allein, sondern, und zwar in höherem Sinn, den, dessen Werkzeug sie war, den Teufel. Dieser redete und versuchte durch sie die ersten Menschen. Wenn daher Gott der HERR in unserem Text spricht: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen“, so sind diese Worte zwar direkt an die Schlange, aber doch eigentlich an den Teufel gerichtet, was schon daraus hervorgeht, dass die Schlange die Worte nicht verstand. Wie der Teufel durch die Schlange redete, so redet Gott zu dem Teufel in der Schlange; er verkündigt ihm, dass zwischen ihm und dem Frauensamen und ihrem Samen immerwährende Feindschaft bestehen soll. Was ist aber unter dem Schlangen- oder Teufelssamen zu verstehen? Nicht die Sünde, auch nicht die bösen Engel noch vornehmlich die Tyrannen und Ketzer, sondern die Gottlosen, die Feinde Christi und der Kirche. So nannte Johannes der Täufer die Pharisäer und Sadduzäer Otterngezücht, da sie unter dem Schein äußerlicher Frömmigkeit voll Gift und Bosheit warn, wie die Schlangen schöne Farben und doch Giftzähne haben. So rief der HERR den boshaften Juden zu: „Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun“; und Johannes: „Wer Sünde tut, der ist vom Teufel.“ Sie sind des Teufels geistiger Same, weil sie von ihm regiert werden und voll Lüge und Mordlust sind. Der Frauensame aber ist Christus, wie Paulus Gal. 3,16 schreibt: „Er spricht nicht: durch die Samen, als durch viele, sondern durch einen, durch deinen Samen, welcher ist Christus.“ So soll denn zwischen dem Teufel und den Gottlosen und Christus und den Gläubigen unaufhörliche Feindschaft bestehen, solange diese Welt steht. Hass, Feindschaft und Verfolgung der Gläubigen ist Hass, Feindschaft und Verfolgung Christi selbst, wie er dem gegen die Jünger schnaubenden Saulus zurief: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Da nun Gott der HERR zwischen der Schlange und ihrem Samen einerseits und der Frau und ihrem Samen andererseits immerwährende Feindschaft setzt, der Same der Frau Christus ist, und dieser der Schlange den Kopf zertreten soll, während diese ihn in die Ferse stechen wird, so hat er die Verheißung des Erlösers von dem Fluch über die Schlange und den Teufel aufs innigste verwoben; mit anderen Worten, die Verheißung tönt durch den Fluch hindurch oder leuchtet wie ein strahlender Stern durch finsteres Gewölk, und dies umso mehr, als der verheißene Erlöser über den Teufel einen völligen Sieg davontragen wird.

 

3.

    Dieser Sieg ist in den letzten Worten unseres Textes: „Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferste stechen“ enthalten. War in den vorhergehenden Feindschaft zwischen dem Schlangen- und Frauensamen verkündigt, so verkündigen diese Worte zunächst Kampf zwischen beiden. Ihre Feindschaft geht in einem Kampf auf Leben und Tod, in dem es auf gegenseitige Vernichtung abgesehen ist.

    Freventlich hat die römische Kirche diese erste Weissagung von dem Erlöser verkehrt, indem sie das Wort „dieselbe“ statt „derselbe“ gesetzt hat und lehrt: „‚Dieselbe‘, nämlich die Mutter Maria, wird dir, der Schlange, dem Teufel, den Kopf zertreten.“ Aber es heißt nicht: dieselbe, sondern derselbe, nicht die Frau, sondern der Samen der Frau wird dir den Kopf zertreten, und dieser Frauensame ist kein anderer als Christus, der Sohn Gottes und der Sohn der Frau, so genannt, weil er nicht von einem Mann, sondern von dem Heiligen Geist empfangen, also nur der Samen der Frau ist. So ist in dieser ersten Verheißung schon angedeutet, dass der zukünftige Erlöser von Sünde, vom Tod und von der Gewalt des Teufels von einer Jungfrau geboren werden soll, weshalb der Prophet Jesaja weissagt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.“

    „Derselbe soll dir den Kopf zertreten“ oder zermalmen, „und du wirst ihn in die Ferse stechen“ oder ihm die Ferse zermalmen, so spricht Gott der HERR zu der Schlange. Wie bald zeigte sich diese Feindschaft der Schlange und ihres Samens, und wie bald begann dieser Kampf! Hasste nicht Kain seinen Bruder, den gerechten Abel, und ermordete ihn? Weshalb? Weil er, wie es 1. Joh. 3,12 heißt, „von dem Argen“, das heißt, vom Teufel war, und weil seine Werke böse, die seines Bruders Abel gerecht waren. So hasste und verfolgte der Same, die Nachkommenschaft Kains, den Samen, die Nachkommenschaft, Seths, Ismael den Isaak, Esau wollte seinen Bruder Jakob ermorden – und so ging diese Feindschaft fort, bis Christus, der verheißene Frauensame, in menschlicher Gestalt erschien. Wie wütete gegen ihn die alte Schlange, der Satan, durch Herodes, der ihn, als er von seiner Geburt hörte, umbringen wollte, durch die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Hohenpriester und Ältesten, die ihn zu töten suchten! Satan fuhr dem Judas Ischariot ins Herz, veranlasste ihn, Christus zu verraten, und da begann nun recht eigentlich der Kampf auf Leben und Tod, da stach die alte Schlange den Frauensame in die Ferse, zermalmte sie ihm. Das Todesringen dort in Gethsemane, das dem Frauensamen blutigen Schweiß auspresste, indem seine Seele betrübt wurde bis in den Tod, ihn so ermattete, dass ein Engel vom Himmel erschien, um ihn zu stärken, seine Gefangennahme durch die Rotte, hinter der Satan stand, seine Verurteilung als ein Übeltäter, seine Kreuzigung auf Golgatha – das war der giftige Schlangenbiss, das Zermalmen seiner Ferse, aber auch der Tritt, mit dem er der alten Schlange den Kopf zermalmte. Der Biss der Schlange ist zwar gefährlich, jedoch nicht schlechthin tödlich. Wohl starb Christus am Kreuz, aber er befahl seinen Geist in Gottes Hände, stand am dritten Tag lebendig auf dem Grab, der Burg des Todes, triumphierte über die alte Schlange und verkündete Sieg, völligen Sieg, über sie, dass er dem Tod und dem Teufel alle Macht genommen und seine Gefangenen aus seiner Gewalt befreit habe. Ja, er hat „durch seinen Tod die Macht genommen dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist, dem Teufel, und die erlöst, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten“, wie es Hebr. 2,14 heißt.

Der Held steht auf dem Grabe

Und sieht sich munter um;

Der Feind liegt und legt abe

Gift, Gall und Ungestüm.

Er wirft zu Christi Fuß

Sein Höllenreich und muss

Selbst in des Siegers Band

Ergeben Fuß und Hand.

    Und Christi, des Erlösers, Sieg ist ein Sieg für alle Erlösten, die durch den Glauben an ihm hangen, mit ihm, dem Haupt der Glieder seines Leibes, verbunden sind. In seiner Kraft kämpfen sie gegen die alte Schlange und siegen über sie, wie Johannes von den Auserwählten in der Vollkommenheit schreibt: „Sie haben überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort seines Zeugnisses.“ Sie zertreten den Satan unter ihre Füße, und an jenem großen Tag werden sie ihren Sieg in dem Triumphgesang verkünden: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren HERRN Jesus Christus.“

    Sünder, aber Erlöste, Kämpfer, aber Sieger! Der barmherzige Gott, der dem ersten Sünder, indem wir alle Sünder geworden sind, in seinem Erbarmen nachging, schenke uns wahre Sündenerkenntnis, rechten Glauben an den Erlöser, stärke uns im Kampf gegen die alte Schlange und verleihe uns völligen Sieg um Christi Jesu, unseres siegreichen Erlösers, willen! Amen.

 

 

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag im Advent ueber 1, Mose 18,1-15: Das heilige Mahl im Hain Mamre

 

1. Mose 18,1-15: Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, da er saß an der Tür seiner Hütte, da der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer ihm gegenüber. Und da er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seiner Hütte und bückte sich nieder auf die Erde und sprach: HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knecht über. Man soll euch ein wenig Wassers bringen und eure Füße waschen; und lehnt euch unter den Baum. Und ich will euch einen Bissen Brots bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt ihr fortgehen. Denn darum seid ihr zu eurem Knechte kommen. Sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast. Abraham eilte in die Hütte zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß Semmelmehl, knete und backe Kuchen. Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes gutes Kalb und gab’s dem Knaben; der eilte und bereitete es zu. Und er trug auf Butter und Milch und von dem Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und trat vor sie unter dem Baum, und sie aßen.

    Da sprachen sie zu ihm: Wo ist deine Frau Sara? Er antwortete: Drin in der Hütte. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohl betagt, also dass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen, und mein Herr auch alt ist! Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht des Sara und spricht: Meinst du, dass wahr sei, dass ich noch gebären werde, so ich doch alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht; denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht also, du hast gelacht.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Wie wunderbar hat Gott Abraham, den Vater der Gläubigen geführt! Als er aus Ur in Chaldäa nach Haran in Mesopotamien gekommen war und dort eine Zeitlang gewohnt hatte, erhielt er den Befehl: „Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Mit diesem Befehl wurde ihm aber auch die Verheißung gegeben, dass von ihm ein großes Volk entsprießen, er selbst einen großen Namen erhalten, und in ihm alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten. Das geschah, als Abraham 75 Jahre alt war. Er gehorchte diesem Befehl der HERRN, kam zuerst nach Sichem, erhielt dort die andere Verheißung: „Deinem Samen will ich das Land geben“, zog dann nach Bethel und schlug dort seine Hütte auf. An beiden Orten baute er einen Altar und predigte von dem Namen des HERRN. Aber kaum hatte er das seinen Nachkommen verheißene Land weiter nach Süden durchzogen, so trieb ihn eine große Hungersnot nach dem getreidereichen Ägypten. Von dort zurückgekehrt, kam er wieder nach Bethel, schied sich friedlich und großmütig von seinem Neffen Lot, indem er diesem den besten Teil des Landes überließ, und schlug seinen Wohnsitz im Hain Mamre bei Hebron auf, baute auch dort einen Altar und predigte von dem Namen des HERRN.

    Schon hieraus ersehen wir, anderes übergehend, wie bewegt das Leben des großen Erzvaters war. Er war 75 Jahre alt, als er Haran verließ und ins Land Kanaan kam. Er starb im Alter von 175 Jahren und hat demnach, von seinem Aufenthalt in Ägypten abgesehen, hundert Jahre in Kanaan gelebt. Unter diesen war aber das 24. – in seinem ganzen Alter das 99. – Jahr das ereignisreichste. Denn in diesem Jahr erschien ihm der HERR im Hain Mamre und sprach zu ihm: „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm!“ machte einen Bund mit ihm, wiederholte die Verheißung, dass er ein Vater vieler Völker werden solle, änderte seinen Namen Abram in Abraham, das heißt: ein Vater vieler Völker, um, verhieß ihm, dass auch Könige von ihm kommen sollten und gab ihm die Beschneidung als Zeichen des mit ihm gemachten Bundes. Mehr noch: Auch seine Frau, Sarai, sollte hinfort Sarah heißen, weil der HERR sie segnen wollte, und aus ihr Könige entsprießen sollten. Diese Verheißung war so groß, so überschwänglich, da Abraham 99, Sarah 90 Jahre alt war, dass Abraham anbetend zu Boden sank und, weil dies nach dem natürlichen Lauf in einem solchen Alter für die Vernunft unfasslich war, unwillkürlich lachen musste. Das war freilich kein ungläubiges, sondern ein heiliges Lachen, ein Lachen vor Freude. Nachdem ihm nun noch die Verheißung gegeben worden war, dass auch der ihm von Hagar geborene Ismael eine große Nachkommenschaft haben, dass aus dieser zwölf Fürsten erstehen sollten, da wurde ihm im Hain Mamre, noch eine weitere, bis dahin noch nicht dagewesene Erscheinung des HERRN zuteil. Als er nämlich eines Tages vor seinem Zelt saß, erblickte er in einiger Entfernung drei Männer. Sofort erhob er sich, lief den Männern entgegen, begrüßte sie in demütiger Weise und bat sie, bei ihm einzukehren, damit er ihnen ein Mahl bereiten könne. Davon berichtet der heutige Text. Betrachten wir daher heute aufgrund desselben:

 

Das heilige Mahl im Hain Mamre

1.                 Abraham bereitete es in gastfreundlicher Weise.

2.                 Er bewirtete dadurch hohe Gäste.

3.                 Er erhielt bei diesem Mahl eine bestimmte Verheißung.

 

 

1.

        Abraham saß eines Tages vor seinem Zelt, als der Tag am heißesten war, also um die Mittagszeit, und sah, aufblickend, unerwartet drei Männer in geringer Entfernung. Woher diese Männer gekommen waren, wusste er nicht. Aber sobald er sie sah, lief er ihnen von der Tür seiner Hütte aus entgegen und bückte sich vor ihnen nieder auf die Erde. Dass Abraham sich vor diesen Männern tief bückte, zeigt, dass er in ihnen keine gewöhnlichen, sondern Männer von außerordentlicher Erscheinung erkannte, denen er eine demütige Ehrbezeigung schuldig sei. Er selbst war ja ein angesehener Mann, der Besitzer großer Herden. Er verkehrte mit Fürsten und Königen, zum Beispiel mit dem König Abimelech zu Gerar und dem König von Sodom. Hatte er doch auch 400 kriegsgeübte Knechte, mit denen er die vier Könige schlug, die seinen Neffen Lot in Sodom gefangengenommen und mit aller seiner Habe hinweggeführt hatten. Schon als er aus Ägypten zurückkehrte, war er, wie wir 1. Mose 13,2 lesen, sehr reich an Vieh, Silber und Gold, was ihm überall, wohin er kam, bei den Fürsten großes Ansehen verlieh.

    Aber er begrüßte jene Männer nicht nur in demütiger, ehrfurchtsvoller Weise, sondern lud sie auch ein, bei ihm einzukehren; denn er sprach zu einem derselben: „HERR, habe ich Gnad gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein wenig Wasser bringen und eure Füße waschen, und lehnt euch unter den Baum. Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt ihr fortgehen. Denn darum seid ihr zu eurem Knecht gekommen“, das heißt: Denn eben deshalb, um mir Gelegenheit zu geben, euch gastfreundlich aufzunehmen, zu bewirten und zu stärken, seid ihr hier hergekommen. So gastfreundlich lud Abraham jene Männer ein. Er würde es sich als eine Ehre anrechnen, wenn sie bei ihm einkehrten und er sie bewirten könne. Und die Männer nahem die herzliche Einladung an; sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast.“

    Abraham sorgte nun für eine reichliche Bewirtung seiner Gäste. Als diese sich niedergelassen hatten, eilte er in die Hütte das Zelt, zu Sarah und sagte, sie sollte schnell von dem feinsten Mehl Kuchen, Aschkuchen, die auf heißen Steinen schnell gebacken werden konnten, herstellen. Sodann eilte er zu den Rindern, wählte eines der besten und zartesten Kälber aus und ließ es von einem seiner Knechte schlachten und zubereiten. Als diese Speisen zubereitet waren, trug er sie selbst auf, dazu Milch und Butter, und bediente seine Gäste. Er bewies sich als freigebiger Wirt und demütiger Aufwärter; denn er aß nicht mit den Gästen, sondern wartete ihnen auf. Wenig hatte er bei der Einladung versprochen: Wasser, um die Füße zu waschen, und einen Bissen Brot, viel und reichlich aber gab er: Milch und Butter, Kuchen und den besten Braten. Er war ein reicher Mann, ein Fürst, und wie ein Fürst bewirtete er sseine Gäste mit dem Besten, was er unter den Umständen, in Anbetracht der Kürze der Zeit, beschaffen konnte. Sarah, die schon von Gott den Titel einer Fürstin erhalten hatte, knetete und backte den Kuchen selbst; sie hielt sich für diese Arbeit nicht zu vornehm. Abraham selbst, der so viele Knechte unter sich hatte und in fürstlichem Ansehen unter den Bewohnern des Landes stand, ja, mit dem Gott geredet hatte, schämte sich nicht, seinen Gästen bei Tisch aufzuwarten. Das war aufrichtige und herzliche Gastfreundschaft, die der große Mann an jenen Männern übte.

    Fragen wir, warum er solche Gastfreundschaft geübt hat, so lautet die Antwort: Einmal, weil er in wahrer Gottesfurcht stand, und der Glaube sich durch die Liebe tätig erweist; sodann, weil er des Öfteren in fremden Gegenden ein Fremdling und Gast, wie bei den Philistern in Ägypten, gewesen war und gelernt hatte, wie nötig und wohltuend einem Gast aufrichtige, herzliche Gastfreundschaft ist. In der Übung der Gastfreundschaft sollen wir uns daher den großen Erzvater zum Vorbild dienen lassen, in seinen Fußstapfen wandeln, wie es der Apostel Paulus nennt. Daher auch die Ermahnungen in der Heiligen Schrift an die Gläubigen, gastfrei zu sein: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe in dein Haus; so du einen nackend siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht von deinem Fleisch“, ermahnt Jesaja Kap. 58,7; Petrus in seiner ersten Epistel (Kap. 4,9): „Seid gastfrei unter untereinander ohne Murmeln“; Hebr. 13,2: „Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn durch dasselbe haben etliche Engel beherbergt.“ Eine solche Gastfreundschaft erwiesen die Schwestern Martha und Maria dem HERRN Jesus, in deren Haus er darum gerne weilte. Und wie hoch preist er diese Tugend, da er unter den guten Werken, die er dereinst am Tag des Gerichts preisen wird, auch die Gastfreundschaft nennt, indem er Matth. 25 spricht: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich beherbergt.“ Und auf diese Frage der zu seiner Rechten Stehenden, wann sie ihm dies getan hätte, wird er antworten: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesem meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

    Aber wer waren die von Abraham in so gastfreundlicher Weise bewirteten Gäste? Das wollen wir zweitens betrachten.

 

2.

    Jene Gäste Abrahams werden „Männer“ genannt, waren also menschliche Personen, die sich dem Ansehen nach von anderen Männern nicht unterschieden. Abraham kannte sie nicht, wie aus dem vierten und fünften Vers unseres Textes hervorgeht, wo berichtet wird, dass er zu ihnen gesagt habe, er wolle ihnen Wasser bringen lassen, damit sie ihre Füße waschen könnten, und einen Bissen Brot, damit sie sich stärken und dann ihren Weg fortsetzen könnten. Aber er merkte doch an ihrer ganzen Erscheinung etwas Eigenartiges, Hohes, ja Himmlisches und Göttliches. Ihre ganze Haltung machte auf ihnen einen besonderen, einen tiefen Eindruck; daher auch seine demütige, ehrfurchtsvolle Begrüßung. Er merkte auch, dass einer der drei Männer vornehmer sein müsse als die beiden anderen, dass er etwas Gebietendes, Königliches an sich habe. Darum wandte er sich mit seiner Anrede an diesen mit den Worten: „HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht an deinem Knecht vorüber.“ Wer war der Angeredete?

    Beachten wir zunächst, dass mit Ausnahme der Frage: „Wo ist deine Frau Sarah?“ das Gespräch allein zwischen Abraham und dem von ihm Angeredeten geführt wurde, die beiden anderen sich schweigend verhalten. Schon dies weist deutlich darauf hin, dass dieser eine mehr als seine beiden Begleiter war, sodann auch, dass Abraham zu ihm sprach: „HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen“, ihn also mit HERR anredet. In der Grundsprache steht für HERR ein Wort, das ausschließlich von Gott gebraucht wird. Im 13. und 14. Vers unseres Textes wird er sogar Jahwe genannt, ein Name, der niemals in der Heiligen Schrift einem Menschen oder Engel, sondern allein Gott beigelegt wird. Daraus erkennen wir, dass der, von dem es im ersten Vers heißt: „Der HERR erschien ihm im Hain Mamre“, kein anderer als Gott selbst, und zwar der Sohn Gottes, Christus war. Wer aber waren die beiden Begleiter des HERRN? Es waren Engel; denn Kap. 19,1 lesen wir: „Die zwei Engel kamen nach Sodom“, und diese Engel waren ohne Zweifel keine anderen als die Begleiter des HERRN. Wie diese den HERRN begleitet hatten, als er zu Abraham kam, wie sie seine Verhandlung mit Abraham über den Untergang Sodoms mit angehört hatten, so waren sie auch die Boten des HERRN nach Sodom, um Lot, den Neffen Abrahams, aus der dem Untergang geweihten Stadt zu retten.

    Waren aber diese Gäste Abrahams der Sohn Gottes und die zwei Engel in menschlicher Gestalt, die sie nur vorübergehend angenommen hatten, wie konnten sie dann die ihnen vorgesetzten Speisen genießen? Es war das kein Schein-, sondern ein wirkliches Essen, und es erklärt sich teilweise daraus, dass diese himmlischen Wesen einen menschlichen Leib angenommen hatten. Aß doch auch der auferstandene HERR, wie uns Luk. 24 berichtet wird, ein Stück Fleisch und Honigsein vor seinen Jüngern. Schließlich aber ist doch das Essen leiblicher Speise seitens himmlischer Wesen ein Geheimnis.

    So hatte Abraham den auch ihm verheißenen Sohn Gottes und Messias nicht nur in menschlicher Gestalt gesehen, sondern wahrscheinlich auch in der Gestalt, die er in der Fülle der Zeit von der Jungfrau Maria annahm, und in der er unter seinen Jüngern auf Erden wandelte. Auf diese seine Erscheinung weist der HERR wohl in seiner Disputation mit den feindlichen Juden hin. Denn als er zu ihnen unter anderem sagte: „Abraham, euer Vater, wurde froh, als er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich“, und die Juden daraufhin spotteten: „Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?“ da antwortete er ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe denn Abraham wurde, bin ich.“

    War nun jenes im Hain Mamre vor dem Zelt Abrahams unter einem Baum gehaltene Mahl nicht ein heiliges Mahl? Erwägt es: Abraham, der Vater der Gläubigen, der als solcher an der Spitze aller Heiligen steht, war der gastfreundliche Wirt, der Sohn Gottes und zwei Engel in der Gestalt von Männern waren seine Gäste. Wahrlich, ein eigenartiges heiliges Mahl! Aber es hat auch für uns seine vorbildliche Bedeutung; denn es lehrt uns, dass wir auch hierin in den großen Erzvaters Fußtapfen wandeln und dessen eingedenk sein sollen, dass es ein heiliges Mahl ist, wenn wir in rechter Weise, wie Abraham dort den HERRN und die Engel, wahre Jünger des HERRN speisen, tränken und kleiden. Das sind Werke, die Gott gefallen und die er überschwänglich belohnen wird; denn er spricht Matth. 10,41 f.: „Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn empfangen; wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, der wird eines Gerechten Lohn empfangen; und wer dieser Geringsten einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbekannt bleiben!“

    Welche Ehre wurde Abraham dadurch zuteil, dass der HERR mit seinen himmlischen Begleitern bei ihm einkehrte und sich von ihm bewirten ließ! Abraham erwies ihm durch seine gastfreundliche Aufnahme und Bewirtung Ehre; noch viel größere Ehre aber erwies der HERR Abraham, indem er sich von ihm bedienen ließ. Finden wir uns nicht geehrt, wenn ein angesehener, hochgestellter Mensch bei uns einkehrt? Wenn wir einen hohen Gast erwarten, so treffen wir alle Vorkehrungen, ihn gebührend zu empfangen und zu bewirten. Wir tragen ihm das Beste auf, lassen es an nichts fehlen. Wieviel größer aber ist die Ehre, wenn Jesus, der Sohn Gottes, als Gast zu uns kommt! Und er kommt zu uns, wenn wir ihn darum bitten. „Komm, HERR Jesus, sei unser Gast und segne alles, was du uns bescheret hast!“ so lautet eins unserer täglichen Tischgebete. Und er kommt zu uns, freilich nicht in sichtbarer menschlicher Gestalt, sondern unsichtbar, aber deshalb nicht weniger wirklich und wahrhaftig. Und dann ist jedes Mahl auch ein heiliges Mahl und gesegnet, denn er kommt zu den Seinen stets in Gnaden, um sie zu segnen, ihnen das eine oder andere Gut zu bringen, wie dort bei Abraham, dem er bei dem Mahl eine große Verheißung gab.

 

3.

    Es scheint, als ob während des Mahles nicht viel geredet worden ist. Endlich aber sprachen die Männer zu Abraham: „Wo ist deine Frau Sarah?“ Diese hatte also an dem Mahl, wie es im Morgenland Sitte ist, nicht teilgenommen. Auf die Antwort, sie sei im Zelt, indem sie das Gespräch der Männer unter einem Baum gehört hatte, sprach der HERR: „Ich will wieder zu dir kommen um die Zeit, wenn sie wieder auflebt“, das heißt, wenn diese Jahreszeit wieder da ist, also übers Jahr, und „siehe, so soll Sarah, deine Frau, einen Sohn haben.“ Welch eine Verheißung war das für Abraham! Wohl war ihm schon früher verheißen worden, dass ihm von Sarah ein Sohn geboren werden sollte; und wie sehnsüchtig hatte er die Erfüllung dieser Verheißung herbeigesehnt! Als sie sich verzögerte, war er darüber in große Anfechtung geraten, so dass er, wie wir im 15, Kapitel lesen, ausgerufen hatte: „HERR, HERR, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Hausvogt, dieser Elieser von Damaskus, hat einen Sohn. Mir hast du keinen Samen gegeben, und siehe, der Sohn meines Gesindes soll mein Erbe sein.“ Nun aber sagt ihm der HERR: Über ein Jahr soll die Verheißung erfüllt sein, da soll Sarah, deine Frau, einen Sohn haben. Sarah hatte diese Worte des HERRN, als sie hinter der Tür der Hütte stand, gehört, und da beide, Abraham und Sarah, alt und wohlbetagt waren, Abraham 99 und Sarah 90 Jahre alt, so dass es Sarah nicht mehr nach der Frauen Weise ging, so lachte sie bei sich selbst und sprach: „Nun ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen, und mein Herr auch alt ist!“ Jedenfalls hatte ihr Abraham die ihm früher gegebene Verheißung mitgeteilt, und sie hatte ihm nicht geglaubt. Jetzt, da sie diese Worte aus dem Mund des HERRN selbst hörte, glaubte sie wieder nicht, denn es kam ihr lächerlich vor, dass sie noch in ihrem hohen Alter einen Sohn haben solle. Aber der HERR sah als der Allwissende dieses Lachen und sprach zu Abraham: „Warum lacht Sarah und spricht: ‚Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, so ich doch alt bin?‘ Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ Und nun wiederholte er die Verheißung: „Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, um ein Jahr, so soll Sarah einen Sohn haben.“ Sei es nun, dass Sarah selbst oder auf die Aufforderung des HERRN hervortrat: Sie leugnete und sprach: „Ich habe nicht gelacht“, denn sie fürchtete sich. Sie leugnete also aus Furcht, nicht mutwillig. Und der HERR strafte sie deswegen nicht so hart wegen dieser Schwachheit, sondern ließ es bei den Worten bewenden: „Es ist nicht so, du hast gelacht.“ Wir sehen hieraus, wie große Nachsicht der HERR mit den Schwachheiten der Seinen hat, wie freundlich er mit ihnen handelt. Auch solche Schwachheitssünden sind Sünden, aber er belegt sie deshalb nicht gleich mit der schwersten Strafte, wie wir Menschen es oft tun, die wir doch mit unseren beschränkten Augen die Gerechtigkeit Gottes in der Höhe und Tiefe so wenig erkennen können.

    Aber mochte Sarah die Erfüllung dieser Verheißung noch so unmöglich erscheinen, sie wurde erfüllt. Nach einem Jahr hatte sie einen Sohn, und Abraham nannte ihn Isaak, das heißt, „Er lacht“, weil er selbst, wie wir Kap. 17,17 lesen, vor Freude gelacht hatte, als ihm der HERR gesagt hatte, dass er ihm von Sarah einen Sohn in seinem Alter geben wolle, und auch Sarah über die Worte des HERRN bei diesem Mahl gelacht hatte. So erfuhren beide, dass bei dem HERRN nichts wunderbar, nichts unmöglich sei, und dass er, was er verheißt, gewiss hält.

    Das war der Segen und der herrliche Lohn, den Abraham für seine gastfreundliche Bewirtung des HERRN und seiner Begleiter erhielt. War es auch nicht dadurch ein gesegnetes Mahl? Wie weit lässt sich doch Gott herab, wenn wir mit heiligen Engeln bei schwachen, sündigen Menschen, zu denen auch Abraham, obwohl er einen starken Glauben hatte, gehörte, als Gast einkehrt und sich von ihnen bewirten lässt! Auch bei uns will er einkehren, wie er verheißen hat: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben; und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Er kommt zu uns durch sein Wort, will in unserem Herzen wohnen, nicht vorübergehend, sondern dauernd. Lasst uns ihn als den besten Gast in Ehrfurcht aufnehmen und ihm alles, was wir sind und haben, darbringen und damit ihn gastfreundlich bewirten, so wird er auch uns reichlich segnen. Darum:

Komm, o mein Heiland Jesus Christ,

Meins Herzens Tür dir offen ist;

Ach, zieh mit deiner Gnade ein!

Dein Freundlichkeit auch uns erschein;

Dein Heilger Geist uns führ und leit

Den Weg zur ewgen Seligkeit!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag im Advent ueber Jesaja 40,9-11: Die Botschaft des neutestamentlichen Zion

 

Jesaja 40,9-11: Zion, du Predigerin, steig auf einen hohen Berg! Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf mit Macht, heb auf und fürchte dich nicht; sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!  Denn siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; und sein Arm wird herrschen.  Siehe, sein Lohn ist bei ihm, und seine Vergeltung ist vor ihm. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte; er wird die Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen und die Schafmütter führen.

 

    Das ist ein erhabenes Wort Gottes, das wir soeben vernommen haben. Es stellt uns die hohe Aufgabe des neutestamentlichen Zion, der Kirche des Neuen Testaments, vor Augen, und zwar in einem Bild, das ebenso ernst als lieblich ist. Um dieses Bild recht zu erkennen, müssen wir zunächst auf den Zusammenhang eingehen, in welchem unser Text mit dem Vorhergehenden steht.

    Zu Anfang dieses Kapitels vernehmen wir den Zuruf: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Dieser Zuruf ergeht von Gott an seine Boten, die er zu seinem Volk sendet. Sie sollen sein Volk, sein auserwähltes Eigentum, das sich in tiefer Erniedrigung befindet, trösten. Und diese Boten treten auf und verkündigen gleichsam im Chor: Eure Ritterschaft, euer Kriegsdienst, hat ein Ende; denn eure Missetat ist vergeben; der HERR, euer Gott, naht sich euch mit Gnade und Errettung. Nun tritt ein einzelner Bote oder Herold aus der Wüste auf und verkündigt die unmittelbare Nähe des Erretters aus dem Elend und fordert sie auf, dem Nahenden den Weg zu bereiten, ihm ebene Bahn zu machen. „Bereitet dem HERRN den Weg, macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserem Gott!“ ruft er ihnen zu. Entfernt alles, was seinem Kommen hinderlich sein kann, weil durch sein Kommen die Herrlichkeit des HERRN offenbar werden soll.

    Nachdem dieser Bote seinen Auftrag ausgerichtet hat, tritt ein anderer Bote auf und ruft mit weithin schallender Stimme im Auftrag des HERRN: „Alles Fleisch ist Heu, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Feld. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Geist bläst drein. Ja, das Volk ist das Heu.“ Damit verkündigt dieser Bote die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Geschlechts und alles dessen, was ihm zugehört. Wie das Gras alsbald verdorrt, wenn es von der Sense des Schnitters getroffen wird, wie die Blume mit ihrer Schönheit dahinwelkt, so der einzelne Mensch und das ganze menschliche Geschlecht mit all seiner Herrlichkeit und seiner Kraft, wenn der Hauch des HERRN es anweht. In all dieser Vergänglichkeit, dieser Nichtigkeit, ist nichts, was nicht dahinsinkt, verwelkt und verdorrt, als „das Wort unseres Gottes“; denn dieses steht ewig und unbeweglich da.

    Beide Boten haben ihren Auftrag ausgerichtet. Sie haben, nachdem der Chor abgetreten, jener die Aufforderung, dem nahenden HERRN den Weg zu bereiten, dieser, die Vergänglichkeit und Nichtigkeit zu verkündigen, ausgerichtet. Nun ergeht in unserem Text, der sich unmittelbar daran anschließt, eine Aufforderung an Zion, die Tochter Zions oder Jerusalem; diese soll nun als Predigerin, als Botin des HERRN, auftreten, soll das tun, was ich jetzt, allerdings in einem geringeren Maß, vor euch tue. Ich stehe hier an einem erhöhten Ort vor euch, erhebe meine Stimme und bringe euch im Namen meines Gottes eine Botschaft, durch die ein Befehl an euch ergeht, den ihr ausrichten sollt. So soll Zion, Jerusalem, auf einen hohen Berg steigen, soll seine Stimme mit Macht erheben und ohne alle Furcht eine Botschaft erschallen lassen, die in allen Landen gehört wird. Und dies Zion, was ist es? Es ist die Kirche des Neuen Testaments und somit auch, da diese aus den Gemeinden an einzelnen Orten besteht, auch diese eure Gemeinde. Also auch an euch, meine Freunde, als eine Gemeinde und ein Teil der Kirche des Neuen Testaments, ergeht diese Aufforderung, dass ihr auf einen hohen Berg treten, eure Stimme mit Macht erheben und die euch übergebene Botschaft weithin in alle Lande erschallen lassen sollt. So hört denn jetzt:

 

Die Botschaft, die das neutestamentliche Zion ausrichten soll

 

    Es ist eine Botschaft, die

1.                 Ihm von Gott dem HERRN befohlen ist,

2.                 Das Kommen des HERRN verkündigt,

3.                 In alle Lande erschallen soll.

 

1.

    „Zion, du Predigerin“, so heißt es in unserem Text, „steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf mit Macht, heb‘ auf und fürchte dich nicht!“ An Zion, an Jerusalem, ergeht diese Aufforderung oder dieser Befehl. Diese wird eine Predigerin genannt und soll als solche, auf einem hohen Berg stehend, mit Macht ihre Stimme erheben, so dass diese weithin in die Ferne dringt.

    Auf dem Berg Zion stand bekanntlich der Tempel des HERRN, in dem er selbst wohnte, und von dem aus er sich offenbarte, und am Fuß des Heiligtums las die Stadt Jerusalem, die deswegen auf die Stadt Zion genannt wurde. Weil aber Jerusalem mit dem heiligen Tempel in gottesdienstlicher Beziehung den Mittelpunkt des Volkes Israel bildete, wohin es alljährlich zu den hohen Festen pilgerte, so wurde auch dieses mit dem Namen Zion benannt, wie es sonst an anderen Stellen, so auch in unserem Text, geschieht. Und da Zion, Jerusalem, ein Vorbild auf die Kirche des Neuen Testaments war, so wird diese das neutestamentliche Zion genannt. So ergeht denn an diese, die Kirche des Neuen Testaments, die in unserem Text enthaltene Aufforderung: Sie soll als Predigerin auftreten, soll als solche eine Botschaft ausrichten. Bedarf es dafür noch eines Beweises, so darf ich nur auf den Befehl des HERRN in der Zeit der Erfüllung hinweisen, den er seinen Jüngern in den Worten erteilte: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“

    Dieser Befehl ist ein göttlicher, denn er ist von Gott selbst gegeben; und somit auch die Botschaft, die sie ausrichten soll, eine göttliche, von Gott ihr gegebene. Oder redet nicht Gott in unserem Text? Spricht er nicht im ersten Vers unseres Kapitels: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott“? und in V. 5: „Der Mund des HERRN redet“? Ja, wie in dem Vorhergehenden, so redet auch in unserm Text Gott; er ist es, der spricht: „Zion, hebe deine Stimme auf mit Macht!“ Wenn diese Worte an das neutestamentliche Zion, die Kirche, gerichtet sind, so sind sie auch an mich und an euch, an alle, die zu ihr gehören, das heißt, an alle Gläubigen, die sein Volk, sein Zion sind, gerichtet. Wenn aber unser Gott redet, wer sollte nicht hören? Wenn er seine Stimme erhebt, wer sollte nicht gehorchen? Wenn ein Mensch zu uns redet, so mögen wir ihm wohl unser Ohr verschließen; wenn er uns einen Befehl erteilt, und wenn es auch ein Hochgestellter, ja ein Fürst oder König wäre, so könnten wir erst überlegen, ob wir ihn zu hören, seinem Befehl zu gehorchen haben, bedenken, ob er uns zu befehlen Recht oder Macht habe; aber wenn Gott zu uns redet, der durch sein allmächtiges Werde Himmel und Erde aus nichts ins Dasein gerufen, die Erde und alles, was darin ist, gemacht hat, der das Firmament über uns wie einen kristallenen Spiegel ausbreitet und mit Myriaden von Sternen geschmückt, der auch uns erschaffen, die zu Ohren zu hören, den Mund zu reden gegeben hat: Sollten wir sein Wort nicht hören, seinem Befehl nicht gehorchen? Ja, „hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren; denn der HERR redet!“ Mit diesen Worten begann der Prophet Jesaja das Buch seiner Weissagungen, und so müssen auch wir in Demut und Ehrfurcht sprechen, wenn der HERR zu uns redet. So lasst uns denn dessen eingedenk sein, meine Freunde, dass er in unserem Text uns gegebene Befehl uns von Gott selbst gegeben ist, und darum die Botschaft, die wir ausrichten sollen, willig und gern ausrichten. „Hebe deine Stimme auf, fürchte dich nicht!“ ruft er uns zu und ermahnt uns, die Botschaft nicht mit leiser, sondern mit lauter Stimme zu verkündigen, so dass sie weit und breit gehört werden kann, auch nicht furchtsam, sondern ohne alle Furcht, mit Unerschrockenheit, nicht mit Scham, sondern mit heiliger Freimütigkeit, wie die Apostel am Pfingstfest zu Jerusalem vor den Tausenden auftraten und redeten. Sollten wir zaghaft sein, wenn wir einen göttlichen Befehl ausrichten, uns schämen, wenn wir eine göttliche Botschaft verkündigen, uns fürchten, wenn der allmächtige Gott uns zur Seite steht? Seht, wie unerschrocken die Apostel am ersten neutestamentlichen Pfingsten, wie später Petrus und Johannes redeten, obwohl ihnen Geißelung und Gefängnis drohte, und wie Paulus ausruft: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ Die Apostel erhoben ihre Stimme mit Macht und fürchteten sich nicht. Mit derselben unerschrockenen Freimütigkeit sollen auch wir diese göttliche Botschaft ausrichten, und das umso mehr, weil es eine Botschaft ist, die das Kommen des HERRN verkündigt. Dies ist der Inhalt, und darauf lasst uns zweitens blicken.

 

2.

    „Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!“ heißt es. Eine wunderbare Botschaft, nicht wahr? „Siehe, da ist euer Gott!“ das ist der Kern, der eigentliche Inhalt der Botschaft. Wenn ihr mich fragt: Ist das die ganze Botschaft, die Zion, die auch wir ausrichten sollen, so antworte ich: Ja, das ist alles; denn die folgenden Verse unseres Textes sind nur nähere Ausführung.

    Aber nun haltet das in unserem Text gegebene Bild fest. Da steht Zion auf einem hohen Berg, weithin sichtbar, die Tochter Jerusalem in leuchtender, aufrechter Gestalt. Sie blickt mit Spannung in die Ferne. Da sieht sie den daherkommen, den sie sehnlich erwartet hat, den, der so lange Zeit5 verheißen war, der kommen sollte; und sowie sie ihn erblickt, erhebt sie ihre Stimme mit Macht, weist mit ausgestreckter Hand auf ihn hin und ruft mit einer Stimme, die weithin durch die Städte Judas bringt: „Seht, da ist euer Gott!“ Sie, die Tochter Zions, kennt den Daherkommenden, kennt ihn als den Gott der Städte Judas, und darum ruft sie diesen mit mächtiger, aber freudenvoller Stimme zu: „Seht, da ist euer Gott!“ und fügt hinzu: „Siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; seine Vergeltung ist vor ihm.“ Beachtet, dass die Tochter Zions dreimal „Siehe!“ ausruft, um ja aller Augen auf den Kommenden zu richten; denn es ist Gott, der HERR Zebaoth, und er kommt gewaltig, mit Macht, kommt, um mit seinem Arm, seiner Macht, zu herrschen.

    Wer ist der, den die Tochter Zions den Gott der Städte Judas, HERR, Jahwe, nennt, dessen Kommen sie mit so freudig erhobener, lauter Stimme verkündigt? Der, dessen Kommen in der Verheißung angekündigt war: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will. … Und dies wird sein Name sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist“; ferner: „Aber du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalems, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, am, und reitet auf einem Esel und auf einem jungen Füllen der Eselin.“ Aber kommt der mit Macht, der nicht auf stolzem Schlachtross, sondern auf einem Füllen der Eselin daherkommt, nicht an der Spitze eines mächtigen Heeres, sondern inmitten unscheinbarer Jünger? Kann und wird der herrschen? Ja, das wird er trotz seiner Niedrigkeit; denn er ist ja Gott, HERR, Jahwe, der Jungfrauensohn, aber doch auch wahrhaftig Gottes Sohn, Jesus Christus, der Held, dem die Völker anhangen sollen, der herrschen wird, den die Städte Judas als ihren Gott an- und aufnehmen sollen.

    Wie kommt er? Nicht allein gewaltig oder mit Macht, sondern auch mit seinem Lohn und mit seiner Vergeltung, die vor ihm ist. Was für ein Lohn, was für eine Vergeltung ist das? Nicht der Lohn, den er seinen Feinden gibt, nicht die gerechte Vergeltung für ihre Feindschaft, sondern der Lehn, den er seinem Zion bringt und zuführt, nämlich die durch seine mächtigen Taten Erlösten, die an ihn gläubig gewordenen, die er von der Obrigkeit der Finsternis errettet hat; es sind die Schafe aus dem anderen Stall, die Heiden, die er herführt und mit seiner Herde vereinigt. Die hat er nicht durch die Gewalt der Waffen, sondern durch sein Wort, sein Evangelium, erkämpft und gewonnen; denn dies Wort ist ein mächtiges Wort, das den Fürsten der Finsternis bezwingt, die Ketten er Sünde sprengt. Oder ist es nicht so, meine Freunde? Blickt in die Geschichte seines alt- und neutestamentlichen Reiches. Er sendet Pharao die Botschaft: „Lass man Volk ziehen!“ Dieser antwortet vermessen: „Wer ist der HERR, dessen Stimme ich gehorchen müsste?“ Er wird mit Ross und Reitern im Roten Meer ersäuft. Da steht der stolze Nebukadnezar auf seiner stolzen Burg; aber er wird auf das Feld in den Tau des Himmels geworfen. Das stockte Volk der Juden will ihn nicht über sich herrschen lassen, darum wir ihre Stadt samt dem Tempel in einen Trümmerhaufen verwandelt. Die Heiden toben gegen ihn, und die Herren lehnen sich auf gegen ihn, den Gesalbten; sie toben gegen ihn mit Feuer und Schwert. Sein Reich aber erstreckt sich heute von den Eisgestaden des Nordens bis unter die Palmen des heißen Südens; die Inseln schweigen vor ihm und huldigen ihm. Sein Arm, sein mächtiges Wort der Gnade, herrscht unter den Völkern, unter denen die Botschaft Zions: „Siehe, da ist euer Gott!“ erschollen ist und noch erfüllt.

    Darum sollen auch wir, sein neutestamentliches Zion, seine Botschaft: „Da ist euer Gott!“ wie von einem hohen Berg mit erhobener Stimme in die Städte Judas nicht allein, sondern auch in die der Heiden erschallen lassen; denn sein Arm soll und wird auch unter denen herrschen. Von welchem hohen Berg? Nicht von dem Berg Zion im gelobten Land, nicht von Sinai oder von einem anderen natürlichen Berg auf der Erde, sondern von dem Berg unseres Glaubens, des festen göttlichen Glaubens an ihn, unseren Gott und Heiland, und an die Verheißung, dass er mit seinem Arm, seinem Evangelium, herrschen wird. In und auf diesem Glauben stehend, erheben wir getrost unsere Stimme und rufen ohne Furcht und Zagen: „Seht, da ist euer Gott!“ Er kommt zu euch mit seiner Gnade, mit den Gütern des Heils, die er erworben hat, mit Vergebung der Sünden, mit Gerechtigkeit, mit Heil, mit Seligkeit; er kommt, um uns zu befreien von der Knechtschaft der Sünde, zu erretten aus der Macht Satans und aus den Schrecken des Todes. Nehmt ihn auf als euren König; denn er ist euer Gott. Dient ihm im Glauben, mit Freuden; denn er ist euer Heiland, euer Errettet, Seligmacher.

    Nehmt ihn au; denn: „Er wird seine Hede weiden wie ein Hirte und die Schafmütter führen“, so lautet der letzte Vers unserer Botschaft. Welch ein liebliches Bild, meine Zuhörer! Er, der gewaltig kommt, dessen Arm herrscht mit Macht über seine Feinde, der mit Sanftmut herrscht über die Seinen, der weidet sie, die Erlösten, wie ein Hirte, weidet sie auf den grünen Auen seines Wortes, führt sie zu den frischen Wassern seiner Gnade, erquickt ihre Seelen mit seinem Trost, führt sie auf rechter Straße, schützt sie in Nöten und Trübsalen, und die Lämmer, die Schäflein, sammelt er in seine Arme und trügt sie, nimmt sie in seiner Liebe an seinen Busen, und die Schafmütter führt er in ihrer Schwachheit sanft und milde.

    Das, meine Freunde, ist die Botschaft, die auch wir ausrichten sollen. Ist das nicht eine Botschaft des Heils, der Freude, der Seligkeit, die wir von dem hohen Berg unseres felsenfesten Glaubens aus mit lauter Stimme, ohne alle Furcht, in freudiger Zuversicht ausrichten sollen? Möge sie denn auch von uns, die wir zu Zion gehören, so erschallen hier in unserem Land, in unseren Städten und auf dem Land, auf den Bergen und in den Tälern, in den Wäldern, wo die Axt den Urwald lichtet, und auf den weiten Fluren, wo der Pflug seine Furchen zieht, ja erschallen in den entferntesten Ländern der Erde, wo die blinden Heiden zu ihren stummen Götzen flehen! Darüber lasst mich noch zum Schluss kurz reden.

 

3.

    „Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!“ Allen Städten Judas soll diese Botschaft gebracht werden, also dem ganzen Land. Wie viele in ihren Städten kennen ihren Gott und Heiland nicht, sondern sind in heidnischer Abgötterei versunken! Ephraim hatte sich, wie es beim Propheten Hosea heißt, zu den Götzen gesellt. Und zu Götzen haben sich alle gesellt, die nicht den als ihren Gott und Heiland erkannt und angenommen haben, auf den in der Botschaft: „Siehe, das ist euer Gott!“ hingewiesen wird. Denn werden Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, da der Vater in dem Sohn geehrt wird. Der Gott, den man sich ohne Christus macht, ist weiter nichts als ein Götze. So dienen denn alle, die Christus nicht als den Sohn Gottes und Heiland erkannt haben, den Götzen und gehen verloren, wenn sie ihn nicht erkennen; denn so spricht der HERR Joh. 17: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, dass du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“; und deswegen soll diese Botschaft: „Siehe, da ist euer Gott!“ in allen Landen erschallen, damit die Menschen an allen Enden der Erde ihn erkennen, glauben und selig werden.

    Lasst mich dies, meine Zuhörer, so darstellen: Gesetzt, ihr alle hättet von Christus noch nichts gehört, hättet ihn nicht erkannt, sondern der eine diente diesem, der andere einem anderen Götzen, und ich würde euch zurufen: Ihr seid alle Götzendiener; seht, der allein ist euer Gott, der Gott und Mensch in einer Person ist, Jesus Christus; an den glaubt, in ihm allein ist Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit – würde diese Botschaft nicht wie ein Blitz unter euch fallen? Aber so ist es stets gewesen, wo immer diese Botschaft Juden und Heiden verkündigt worden ist. Als sie von den Aposteln am Pfingstfest einer großen Menge verkündigt wurde, da hatten’s etliche ihren Spott, anderen ging sie durchs Herz. Ja, die Apostel haben mit dieser Botschaft, wie es Apg. 17 heißt, den ganzen Weltkreis erregt. Sie war den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit. Als sie Paulus den Athenern verkündigte, spotteten die Weltweisen: „Was uns dieser Lotterbube sagen?“ So ist es heute noch, wenn die Missionare diese Botschaft den Heiden verkündigen. Aber doch erweist sie sich überall als eine Gotteskraft, die selig macht alle, die daran glauben. Blickt auf den Apostel Paulus. Er verkündigt diese Botschaft in Thessalonich; die halsstarrigen Juden erregen zwar einen Aufruhr, aber doch wird eine große Menge gläubig und gesellt sich zu ihm. Er kommt nach Athen, wo die Weltweisheit damals ihren Sitz hatte. Er wandelt durch die Straßen, die links und rechts mit aus Marmor gemeißelten Götzenbildern besetzt sind, er ergrimmt im Geist über die abgöttische Stadt. Er verkündigt diese Botschaft, „das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung der Toten“. „Es scheint, also wollte er neue Götter verkündigen“, sprechen etliche höhnisch und spottend, andere: „Wir wollen dich davon weiter hören.“ „Etliche aber hingen ihm an und wurden gläubig.“ So überall, zu allen Zeiten. Und doch hat des HERRN Arm überall, wo diese Botschaft erschollen ist, gesiegt und geherrscht. Durch diese Botschaft hat er die Götzenbilder in Athen, in Korinth, in Thessalonich und in Rom zerschmettert und in den Staub geworfen. Mochten die Epheser bei zwei Stunden schreien: „Groß ist die Diana der Epheser!“ die große Göttin ist gestürzt, ihr Tempel zerstört, und das Kreuz, das Siegeszeichen des Gekreuzigten, ist aufgerichtet. Kaiser Julian machte es sich im vierten Jahrhundert zur Lebensaufgabe, Christi Reich in seinem weiten Reich zu zerstören und das Heidentum wieder zur Herrschaft zu bringen; aber sterbend musste er ausrufen: „Endlich, Galiläer, hast du doch gesiegt!“ Ja, das Kreuz, das Siegeszeichen dessen, der gekommen ist, steht heute noch überall in den Städten und auf dem Land, und wo es noch nicht als solches aufgerichtet ist, da solle s durch diese unsere Botschaft aufgerichtet werden, bis die Verheißung erfüllt ist: „Er wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste; und seine Feinde werden Staub lecken.“ Und sie wird erfüllt werden; sein Arm wird herrschen; denn er kommt noch immer gewaltig, so wahr er Gott, Gott ist.

    So wollen denn auch wir, meine Freunde, uns als ein Zion, auf einem hohen Berg stehend, erweisen, wollen an unserem Teil unsere Stimme mit Macht erheben, indem wir unsere Missionare und Reiseprediger überall hinsenden, den Heiden und Juden und allen Abgöttischen fort und fort zuzurufen: „Seht, da ist euer Gott, Jesus Christus, euer HERR und Heiland!“ Und die an ihn gläubig Gewordenen wird er uns als Lohn zuführen; die wird er weiden als ein Hirte, als Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen. Er selbst aber mache uns zur Ausrichtung dieser seligen Botschaft willig und geschickt! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum vierten Advent ueber 1. Mose 49,10: Jakobs Weissagung über den zukuenftigen Messias

 

1. Mose 49,10: Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.

 

    In Christus, unserem Heiland, geliebte Festgenossen!

    Lasst euch nicht befremden, dass ich die eben von euch vernommenen Worte der Heiligen Schrift unserer heutigen Betrachtung zugrunde gelegt habe. Sie führen uns allerdings, wenn wir auf den Zusammenhang achten, nicht in ein Haus, in welchem über die Geburt eines Kindes Freude herrscht, sondern in ein Haus, in welchem ein sterbender Greis auf seinem Bett liegt. Ein neugeborenes Kind und ein sterbender Greis, eine Wiege und ein Sterbebett stehen freilich im größten Gegensatz. Das Kind tritt durch seine Geburt in das Leben hinein, ein sterbender Greis tritt aus ihm hinaus. Jenes beginnt seine Pilgerschaft, dieser beschließt sie. Aber wie wunderbar! Der Greis, an dessen Sterbebett uns die verlesenen Textworte im Geist versetzen, schaut im Glauben in eine ferne Zukunft; er blickt im Licht der Verheißungen das Kommen, die Geburt eines Kindes, das der Welt das Heil bringen und daher den Mittelpunkt der Heilsgeschichte bilden soll.

    Dieser sterbende Greis ist der Erzvater Jakob. Er ist 147 Jahre alt. Wie wunderbar hatte ihn Gott auf seiner irdischen Pilgerschaft geführt, durch Tiefen und über Höhen, durch Nacht und durch Licht! Er hatte vor seinem Bruder fliehen und dem Laban 20 Jahre lang dienen müssen. Zudem hatten ihm namentlich die drei ältesten Söhne viel Kummer und Herzeleid bereitet. Sein frommer Sohn Joseph war von den Brüdern in die Sklaverei verkauft worden, und er hatte viele Jahre um ihn getrauert als um einen Toten. Endlich hatte ihn eine große Teuerung gezwungen, Kanaan zu verlassen und nach Ägypten zu ziehen. So konnte er der Wahrheit gemäß zu Pharao sagen: „Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens.“ Aber doch auch: Welch herrliche Offenbarungen hatte der HERR ihm zuteil werden lassen! Auf der Flucht nach Mesopotamien hatte er die Himmelsleiter erblickt und war von Gott selbst gesegnet worden. Auf der Rückkehr nach Kanaan waren ihm zu Mahanaim die Engel Gottes erschienen. An der Furt Jabbok hatte er mit Gott selbst gekämpft und gesiegt, war darauf gesegnet worden und hatte den Ehrennamen Israel erhalten. In Ägypten hatte er siebzehn Jahre in Ruhe und Frieden leben dürfen.

    Nun ist das Ende seiner irdischen Pilgerschaft gekommen. Alle seine Söhne sowie die beiden Söhne Josephs sind um sein Bett versammelt, auch Joseph selbst, der Fürst über ganz Ägyptenland. Und der scheidende Vater erteilt einem jeden einen besonderen Segen. Er beginnt mit dem ältesten, Ruben; aber er erteilt ihm nicht den Segen der Erstgeburt, mit dem ein doppelter Anteil ein Besitz und die Herrschaft über die jüngeren Brüder verbunden war, auch nicht dem zweiten, Simeon, noch dem dritten, Levi, sondern dem vierten Sohn, Juda, weil jene durch früher begangene Sünden sich des Segens der Erstgeburt unwürdig gemacht hatten. Zu Juda sich wendend, sprach der Vater: „Juda, du bist’s; dich werden deine Brüder loben.“ Vor dir werden deines Vater Kinder sich neigen. „Juda ist ein junger Löwe. Du bist hoch gekommen, mein Sohn, durch große Siege.“ Aber dieser Segen klingt in die prophetische Weissagung aus: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.“ Aufgrund diesesr Worte lasst mich denn jetzt zeigen:

 

Die Weissagung des Erzvaters Jakob von dem zukünftigen Messias

 

    Er weissagt

    1. von der Zeit seines Kommens,

    2. von seiner Person,

    3. von seiner Herrschaft.

 

1.

    Wie Jakob, obwohl der Jüngere, an Stelle seines Bruders Esau durch den Segen seines Vaters Isaak das Recht der Erstgeburt erhalten hatte, so erhielt nun Juda an Stelle des erstgeborenen Ruben dasselbe Recht durch den Segen Jakobs. Juda hatte sich unter den Brüdern durch Edelmut und Ritterlichkeit wiederholt hervorgetan. Er hatte es verhütet, dass Joseph von seinen Brüdern getötet worden war, hatte sich für Benjamin bei seinem Vater verbürgt und war bei Joseph in Ägypten für ihn eingetreten. Deswegen – besonders aber durch göttliche Lenkung – erhob ihn Jakob durch seinen Segen über seine Brüder zum Herrn und Gebieter und zum Stammvater des zukünftigen Messias, indem er weissagend sprach! „Es wird das Zepter das Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme.“

    Juda sollte das Zepter über seine Brüder führen. Was heißt das? Ein Zepter ist das sichtbare Zeichen oder Sinnbild der Herrschaft, die ein Fürst über sein Volk als seine Untertanen ausübt. Wenn Jakob daher weissagt, dass Juda das Zepter führen werde, so sagt er damit, dass er unter seinen Brüdern die Stellung eines Königs einnehmen werde. Und eben darum fügt er hinzu: „noch ein Meister von seinen Füßen“. Das Wort Meister heißt hier Herrscherstab, so dass Jakob mit diesen Worten ankündet, dass Juda auf dem Herrscherthron sitzen, und dass als Zeichen seiner Herrschaft der Herrscherstab zwischen seinen Füßen ruhen werde. Diese Weissagung Jakobs stellt Juda als einen König dar, der auf dem Herrscherthron sitzt und als Zeichen seiner königlichen Macht den Herrscherstab, dessen unteres Ende zwischen den Füßen ruht, in seiner Hand hält.

    Und wie Jakob weissagt hat, so ist es geschehen. Zwar berief Gott, als die Nachkommen der zwölf Söhne Jakobs in Ägypten ein großes Volk geworden waren, keinen aus den Nachkommen, dem Stamm, Juda zum Erretter derselben aus der Knechtschaft Pharaos und zum Führer durch die Wüste, sondern Mose aus dem Stamm Levi und zum Nachfolger Moses Josua aus dem Stamm Ephraim. Aber beim Auszug aus Ägypten und bei der Wanderung in der Wüste zog der Stamm Juda an der Spitze und bildete also den Vortrab, wodurch die hervorragende Stellung, die er einnehmen sollte, vorbedeutet war. Auch der erste König des israelitischen Volkes, Saul, gehörte nicht dem Stamm Juda, sondern dem Stamm Benjamin an. Als aber dieser verworfen, und zu seinem Nachfolger David zum König über das ganze Volk gesalbt wurde, da wurde die Weissagung Jakobs nach 635 Jahren erfüllt, dass Juda, einer aus dem Stamm Juda, das Zepter über das Volk Israel führen sollte. Von David, dem Heldenkönig Israels, an war stets einer aus dem Stamm Juda König, zuerst über alle und nach Trennung der zehn Stämme unter Jerobeam über die beiden Stämme Juda und Benjamin, die dem Haus Davids treu blieben.

    Nun weissagt aber Jakob, das Zepter, die königliche Herrschaft, solle von dem Stamm Juda nicht entwendet und der Herrscherstab zwischen seinen Füßen solle nicht weggenommen werden, bis der Held komme. Wer ist der, den er Held nennt? Kein anderer als der dem Volk verheißene König, der Messias. Mit anderen Worten: Wenn der Messias erscheine, dann werde keiner aus dem Stamm Juda auf dem Thron sitzen, sondern ein anderer über das Reich Juda herrschen, und daran sollten die Gläubigen erkennen, dass es die Zeit sei, in welcher der Messias, der Held, erscheinen müsse. Und diese Weissagung ist erfüllt worden. Denn vom Jahr 37 vor Christi Geburt an herrschte Herodes I. zu Jerusalem über das Reich Juda, der ein Idumäer, ein Nachkomme Esaus, war. So war denn das Zepter von dem Stamm Juda entwendet, der Herrscherstab von seinen Füßen genommen, und der Held kam, wurde von der Jungfrau Maria zu Bethlehem geboren und von Herodes in dem grausamen Kindermord zu Bethlehem umzubringen versucht, da er sich durch die Nachricht von dem neugeborenen König der Juden in seiner Herrschaft bedroht glaubte.

    Sehr da, Geliebte, so genau ist die Weissagung des Erzvaters Jakob auf seinem Sterbebett in dem Segen über Juda hinsichtlich der Zeit in Erfüllung gegangen. Durch göttliche Offenbarung blickte er in die Ferne von etwa 2.000 Jahren und verkündigte die Geburt dessen, der den ersten Eltern im Paradies als der Schlangentreter und Weibessame, Abraham, Isaak und ihm selbst als der Same verheißen war, in dem alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten, der aus dem Stamm Juda und dem Geschlecht Davids entspringen sollte und entsprossen ist, da Maria aus dem Haus und Geschlecht Davids und somit vom Stamm Juda war. So singen wir mit Recht:

Da aber kam die rechte Zeit,

Von welcher Jakob prophezeit,

Las er sich eine Jungfrau aus,

Ei’m Mann vertraut von Davids Haus,

und:

Was der alten Väter Schar

Höchster Wunsch und Sehnen war,

Und was sie geprophezeit,

Ist erfüllt in Herrlichkeit.

 

Zions Hilf und Abrams Lohn,

Jakobs Heil, der Jungfraun Sohn,

Der wohl zweigestammte Held,

Hat sich treulich eingestellt.

    Aber wie Jakob die Zeit weissagte, zu welcher der Messias geboren werden sollte, so weissagte er auch von seiner Person. Das wollen wir zweitens betrachten.

 

2.

    „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister“, der Herrscherstab, „von seinen Füßen, bis dass der Held komme“, weissagt Jakob. Er nennt den, welchen sein prophetisches Auge in ferner Zukunft erblickt, Held und kennzeichnet damit seine Person.

    Blicken wir auf die Namen, die dem verheißenen Messias in der Schrift des Alten Testaments beigelegt werden. In der ersten Verheißung wird er der Same des Weibes genannt; damit wird gesagt, dass er wahrer Mensch sein werde; aber mit den Worten: „Derselbe wird dir [der Schlange] den Kopf zertreten“ wird zugleich angedeutet, dass er, wie Jakob ihn nennt, ein Held sein werde. In den Verheißungen, die Abraham, Isaak und Jakob gegeben wurden, wird er Abrahams, Isaaks und Jakobs Same genannt. Mose nennt ihn einen Propheten; denn er spricht zu dem Volk: „Einen Propheten wie mich wird der HERR, dein Gott, dir erwecken aus dir und aus deinen Brüdern, dem sollt ihr gehorchen.“ David nennt ihn die Hilfe aus Zion, indem er sein sehnliches Verlangen nach seiner Erscheinung in den Worten ausspricht: „Ach, dass die Hilfe aus Zion käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde Jakob sich freuen und Israel fröhlich sein“, und stellt ihn damit in königlicher Majestät, Macht und Würde dar, indem er im 24. Psalm sagt: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe! Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.“ Ebenso auch Salomo in den Worten des 72. Psalms: „Gott, gib dein Gericht dem König und deine Gerechtigkeit des Königs Sohn, dass er dein Volk bringe zur Gerechtigkeit und den Elenden rette.“ Am allseitigsten aber beschreibt ihn der Prophet Jesaja, der im 7. Kapitel weissagt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“, ihn also den Sohn einer Jungfrau und Immanuel, das heißt, Gott mit uns, nennt. Sodann in der bekannten Weissagung im 9. Kapitel: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt: Wunderbar, Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und seinem Königreich.“ Der Prophet Jeremia fügt zwei weitere Namen hinzu, indem er spricht: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will; und soll ein König sein, der wohl regieren wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Und dies wird sein Name sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist [Jahwe Zedakah].“ Ein Gewächs, ein Spross Davids, nennt er ihn, weil er aus dem Geschlecht Davids nach seiner menschlichen Natur kommen und ein gerechtes Gewächs, weil er vollkommen gerecht, ohne die geringste Sünde sein wird. Aber er ist mehr als dies: auch Jahwe, HERR, unsere Gerechtigkeit, also Mensch und Gott in einer Person.

    So zahlreich diese dem zukünftigen Messias beigelegten Namen sind, so vielseitig beschreiben sie seine Person nach seinen Eigenschaften, seinem Wesen und nach der Stellung, die er einnehmen wird. Wie erhaben, alle menschliche Größe unendlich überragend, stand er nach diesen und anderen Namen durch diese Weissagung vor dem ihn erwartenden Volk da! Aber mehr oder weniger klingt in diesem Namen durch, den ihm Jakob in unserem Text beilegte, der Name Held. Er ist ein Held; denn er zertritt der alten Schlange, dem Teufel, den Kopf und nimmt ihm seine macht. Er ist ein Held; denn in ihm werden alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er ist ein Held; denn er wird die ersehnte Hilfe bringen. Er ist ein Held; denn er ist der König der Ehren, der HERR, stark und mächtig im Streit. Er ist ein Held; denn er ist der wunderbare, der starke Gott, der Ewigvater, der Friedefürst. Er ist der Held; denn er ist Immanuel und Jahwe selbst. Wer kann sich mit ihm an Kraft und Stärke messen? Wo sind die größten Helden unter den Menschen, die große Heldentaten vollbracht, mächtige Könige von ihren Thronen gestürzt, große Völker überwunden und ihrem Zepter unterworfen haben? Sie sind dahingesunken wie die Ärmsten unter den Armen; der Tod hat ihnen die Krone vom Haupt genommen und den Herrscherstab ihrer Hand entwunden. Dieser Held aber hat die Bande des Todes zerrissen. Ja:

Fürsten sind Menschen, vom Weib geboren,

Und kehren um zu ihrem Staub;

Ihre Anschläge sind auch verloren,

Wenn nun das Grab nimmt seinen Raub.

Dieser aber steht mit dem Siegeszepter auf dem Grab, hat Teufel, Tod und Hölle unter seinen Füßen, hat alle Erlöst, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten; denn er ist ein unvergleichlicher Held. Das Zepter, den Herrscherstab, der dem Stamm Juda entwendet war, hat er an sich genommen und zur vollsten Entfaltung gebracht; er wird ihm niemals entwendet werden, noch wird er seiner Hand entgleiten; denn sein Stuhl, das verkündet David im 45. Psalm, bleibt ewig, das Zepter seines Reiches ist ein gerades Zepter.

    Blicken wir nun auf die Erfüllung dieses Teil der Weissagung Jakobs in unserem Text und der späteren, die zum Teil auf ihr ruhen, sie erweitern und vervollständigen. Blicken wir auf des Messias Kommen zu der bestimmten Zeit, das heißt, auf seine Geburt zu Bethlehem, so sehen wir ein kleines Kindlein, das im Schoß seiner Mutter, der Jungfrau Maria, ruht, anscheinend nicht stark, sondern schwach, nicht mächtig, sondern ohnmächtig. Nicht in einem prächtigen Königspalast erscheint er, sondern in einem dunklen Stall, aber die himmlischen Heerscharen, die starken Helden, die Gottes Befehl ausrichten, erscheinen. Einer von ihnen verkündet den Hirten auf den Fluren Bethlehems: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Beachtet die letzten Worte: „der HERR in der Stadt Davids“; da klingt der „Held“ wieder durch. Und die ganze Schar stimmt den nie gehörten Festgesang an: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Sie verherrlichen das Kommen des Messias als das eines unvergleichlichen Helden.

    Was für eine Herrschaft aber wird er haben? Das verkündigt Jakob des weiteren, indem er seine Herrschaft in den Worten beschreibt: „Und demselben werden die Völker anhangen.“ Das lasst uns zum Schluss zu erkennen suchen.

 

3.

    Schon in den ersten Worten dieser Weissagung und in dem Namen „Held“, den Jakob dem zukünftigen Messias beilegt, ist angedeutet, dass er ein Herrscher sein werde. Wenn er nun hinzusetzt: „Und demselben werden die Völker anhangen“, so sagt er damit, was für ein Reich er haben, und welcher Art seine Herrschaft sein werde.

    „Die Völker“, sagt er, werden ihm anhangen. Diese Völker sind nicht etwa die zwölf Stämme des Volkes Israel, über die der Stamm, nämlich einer aus dem Stamm Juda, von David bis auf Rehabeam, als König herrschte; denn nicht jeder einzelne Stamm, sondern alle Stämme zusammen bilden das Volk Israel. Darum heißt es im 72. Psalm: „Er4 wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken. Die Könige am Meer und in den Inseln werden Geschenke bringen; die Könige aus Reicharabien und Seba werden Gaben zuführen. Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden ihm dienen.“ Ebenso der Prophet Jesaja: Zu dem Berg Zion „werden alle Heiden laufen, und viele Völker hingehen und sagen: Lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege, und wir wandeln auf seinen Steigen. Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ Nicht also nur über ein Volk oder ein Land, so weissagt Jakob, werde dieser Held herrschen, sondern über alle Völker, alle Länder der Erde.

    Und die Völker werden ihm „anhangen“, ihm willigen Gehorsam leisten. Das ist umso wunderbarer, da den Heiden kein Volk so verächtlich, so verhasst war wie die Juden. Und sie werden einem aus diesem Volk, mehr: einem, der von seinem eigenen Volk verworfen, gekreuzigt worden ist, freiwillig anhangen, sich vor ihm beugen, ihm als ihrem König gehorsam sein. Er wird sie sich nicht mit Gewalt unterwerfen, wie dies von weltlichen Fürsten und Herrschern geschieht, die durch Kriegsheere und Waffen ganze Länder erobern und sie zum Gehorsam zwingen, sondern sie werden von selbst, wie Jesaja sagt, freiwillig, ohne Zwang, kommen und ihm in Liebe anhangen, weil sie unter seiner Her4rschaft volle Glückseligkeit, Ruhe und Frieden genießen. So heißt es Ps. 110,3: „Zu deinem Heerzug wird dein Volk willig folgen in heiligem Schmuck.“ Denn obwohl der Held, der HERR, stark und mächtig im Streit, ist er doch der Friedefürst, der den Seinen Frieden ohne Ende bringt, und zwar den himmlischen Frieden, den Frieden mit Gott. Wie weit überragt also dieser Held alle irdischen Helden und Herrscher! Diese alle, auch die mächtigsten unter ihnen, herrschen nur über oder mehrere, keiner über alle Völker; jener aber herrscht über alle Völker bis ans Ende der Erde. Sie alle herrschen mehr oder weniger durch Zwang und Gewalt, durch Gesetz; er aber findet willigen Gehorsam, ihm hangen die Untertanen an, er herrscht durch Gnade. Das ist es, was Jakob von dem zukünftigen Messias, von seiner Herrschaft, weissagt.

    Und die Erfüllung? Sie hat es betätigt und bestätigt es noch fort und fort. Als er zu Bethlehem geboren war, da sangen die himmlischen Heerscharen nicht bloß: „Ehre sei Gott in der Höhe“, sondern auch: „und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, weil in ihm der Friedefürst erschienen war. Da jubelte der fromme Simeon: „HERR, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel.“ Und als er sein Werk hier auf Erden, die Erlösung aller Völker, vollendet hatte und sich anschickte, als der sieggekrönte Held über alle Feinde zum Himmel zu fahren, da bestätigte er, dass ich so sage, die Worte: „Demselben werden die Völker anhangen“, mit dem Befehl: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Und hangen ihm heute nicht die Völker an? Herrscht er heute nicht von einem Meer bis ans andere, von dem Wasser bis an der Welt Ende? Wo sein Wort, das Evangelium, gepredigt wird, da herrscht er mitten unter seinen Feinden, da hangen ihm die Seinen, die Gläubigen, an und dienen ihm in Liebe und willigem Gehorsam.

    Selig, wer wie der Erzvater Jakob in den letzten Stunden seiner irdischen Pilgerschaft im Glauben diesem Held, der den Tod überwunden hat, anhangt. Er gelangt zu ewigem Sieg und Frieden. Amen.

 

Predigt zum Heiligen Abend ueber Lukas 2,15-20: Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie an der Geburt des Heilandes haben sollten, und wodurch soll es sich bei ihnen offenbaren?

 

Teuerste, von Gott hochgeliebte Zuhörer!  

Solche, die gar kein Wohlgefallen an der Geburt unseres Heilandes haben sollten, gibt es in der Christenheit gewiss nur wenige. Selbst der getaufte Ungläubige bleibt von der heiligen Weihnachtsfreude der Christen nicht ganz unberührt. Er, der stolze Vernunftmensch, spottet zwar über uns Christen, dass wir in diesen Tagen laut predigen und es fest glauben, dass das Jesuskindlein der Sohn des Allerhöchsten, dass in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnhaft und mit ihm der Unsichtbare sichtbar gewesen sei; obgleich er nämlich zugibt, dass Gott unbegreiflich sei, so ist ihm doch das zu unbegreiflich, dass der wunderbare Gott ein Mensch wird; obgleich er zugibt, dass Gott allmächtig und ihm kein Ding unmöglich ist, so ist es ihm doch etwas zu Großes, dass der allmächtige Gott aus Liebe zu den Sündern ein ohnmächtiges Kindlein werden könne. Er will, spricht er, auch Geheimnisse glauben, aber wenn er sie begreifen könne; welch ein Widerspruch! Gott soll alles können, doch, sich selbst zu uns herabzulassen, um uns zu sich hinaufzuziehen, das sei undenkbar, das sei auch Gott unmöglich. Der Ungläubige glaubt also lieber einen ohnmächtigen, als einen menschgewordenen Gott; er glaubt lieber an eine unvollkommene Liebe Gottes, die uns nicht ganz helfen will, als an eine solche göttliche Liebe, die sich selbst opfert, damit ihre arme menschliche Kreatur nicht verloren gehe; lieber an eine menschlich beschränkte, als an eine unbegrenzte, also wahrhaft göttliche Liebe. Zwar ist also dem Ungläubigen das größte Wunder der ewigen Liebe Gottes und das tiefste Geheimnis seiner Weisheit, das wir Christen in diesen Tagen feiern, verborgen, ja, ein Ärgernis; zwar will er davon nichts wissen, dass der Geburtstag Jesu Christi der Anbruch des großen Erlösungstags aller Sünder, also das Wichtigste sei, das in der Welt seit ihrer Entstehung aus Nichts geschehen ist: aber dass die heilige Nacht der Geburt Jesu Christi wichtig und eine Nacht fröhlicher Botschaft für die Welt war, dieses muss selbst der Ungläubige, selbst der Spötter bekennen. Auch er kann es nicht leugnen, dass seit der Geburt Jesu Christi durch den Trost, welchen er gebracht hat, unzählige Tränen getrocknet worden sind. Er kann es nicht leugnen, dass mit Christus ein Licht aufgegangen ist auf dem ganzen Erdboden, das die undurchdringliche, trostlose Nacht des Heidentums zum Heil der Völker durchbrach. Er kann es nicht leugnen, dass allenthalben, wohin das Evangelium Christi drang, unaussprechliche leibliche und geistliche Segnungen ausgebreitet wurden, dass alle, die au ihn von Herzen glaubten, bessere Menschen wurden, die Gott fürchteten und ihre Mitmenschen als ihre Brüder und Schwestern liebten. Er kann es nicht leugnen: wenn alle Menschen nach Christi Lehre wirklich in allem handelten und wandelten, da würde schnell aller Streit zu Ende sein, kein Menschenblut würde mehr fließen, kein Elender und Unglücklicher würde klagen, dass er verlassen sei, keiner würde von dem andern übervorteilt, keiner vom Bruder gekränkt, keiner von Menschen betrübt werden; Ordnung, Friede, Freude, Segen, Wohlstand, Zufriedenheit, Hoffnung und alles Heil würde unter den Menschen einkehren; jeder Staat, jedes Land, jedes Haus, jede Familie würde glücklich sein und die Erde sich in ein Paradies, in einen Himmel verwandeln.  

Wohl ist es wahr, dass auch nach der Geburt Christi unglaubliches Elend und Verderben mitten in der Christenheit herrschte, unzählige Tränen geweint und erschreckliche Missetaten verübt worden sind; aber woran lag dies? Nicht an Christo und seinem teuren Evangelium, sondern daran, dass das Licht erschien, und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Dass aber in dem Evangelium selbst zeitliches und ewiges Heil für die Menschen verborgen liege, wie der Fruchtbaum im Samenkorn, das müssen selbst solche bekennen, die nicht daran glauben. Selbst das Herz des Ungläubigen wird daher bewegt, wenn er hört: Heut ward Christus, heut ward der Heiland geboren.  

Doch, meine Lieben, das ist das Wohlgefallen nicht, welches jene. himmlischen Boten von den erlösten Menschen allein forderten. Worin dasselbe eigentlich bestehe, das euch zu zeigen, dazu sei die gegenwärtige festliche Stunde gewidmet.  

 

Lukas 2,15-20: Und da die Engel von ihnen zum Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehöret und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 

Woran wir Menschen unser Wohlgefallen haben sollen, das haben wir gestern von den heiligen Engeln gehört, nämlich an der in der Geburt Jesu Christi geoffenbarten höchsten Liebe Gottes und an den allerseligsten) Früchten, welche dieselbe gebracht hat. Worin aber dieses Wohlgefallen bestehe und wie es sich an uns offenbaren solle, dies sehen wir heute an dem Beispiel der bethlehemitischen Hirten. Lasset mich euch daher jetzt die Frage beantworten:  

 

Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie an der Geburt ihres Heilandes haben sollen, und wodurch soll es sich bei ihnen offenbaren?

 

1. es besteht darin, dass wir, wie die Hirten, alles andere stehen lassen und das Christkindlein eilends aufsuchen und annehmen, und  

2. es soll sich dadurch offenbaren, dass wir die von uns erfahrene Gnade auch andern erzählen und darüber Gott preisen und loben.  

 

1.

Der Mensch ist, meine Lieben, von Natur so gesinnt, dass er für ein großes Geschenk ein ebenso großes, wenn nicht noch größeres Gegengeschenk begehrt. Gott aber hat uns durch die Geburt Christi seinen eingeborenen Sohn geschenkt und mit ihm eine Seligkeit, eine Hoheit, eine Herrlichkeit, die keine Zunge ausreden und kein Menschenherz fassen kann. Wäre nun Gott auch gesinnt, wie der Mensch, wer könnte sich dann seines Geschenkes wohl freuen? Denn was könnten wir Gott dafür geben? Wir armen Bettler besitzen ja nichts, was Gott nicht gehörte, als unsere Sünde!

Aber wohl uns! Gott gibt uns überschwänglich, und wenn wir fragen: was will Gott von uns dafür haben? womit sollen wir seine unaussprechliche Gabe erkaufen? so antworten uns die Engel auf Gottes Befehl: „Den Menschen ein Wohlgefallen.“ Wir sollen uns also das, was uns Gott gibt, nur herzlich wohl gefallen lassen, das ist alles, was Gott von uns fordert; mehr will er nicht. O Güte, o Menschenfreundlichkeit, o Sünderliebe Gottes, wie groß bist du! Du gibst uns deinen Sohn, du erhebest uns aus Sünde und Elend zu himmlischer, ewiger Freude, und du willst dafür von uns nichts, als dass wir uns nur freuen, dass du so gütig bist! O, dass wir dies doch alle erkennten und vor Freude weinend uns dir zu Füßen legten!

Die lieben Hirten verstanden die Engel recht wohl. Was taten sie nämlich? Sie ließen es nicht dabei bewenden, die glänzende Erscheinung zu betrachten, auf den Gesang der himmlischen Chöre zu lauschen und die Freudenbotschaft zu bewundern; sie gingen auch nicht erst hin in ihr Haus, sich Kleider zu holen, um schön geschmückt vor dem HERRN zu erscheinen; nein, kaum hatten sie gehört: „Euch ist heute der Heiland geboren; und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“, so vergaßen sie jetzt ihrer Heerde, vergaßen den Glanz der Engel und den geöffneten Himmel, besprachen sich freundlich unter einander, und verließen alles und eilten, wie sie waren, in dunkler Nacht nach Bethlehem, „die Geschichte zu sehen, die da geschehen war, die ihnen der HERR kundgetan hatte“; und siehe, was sie gesucht hatten, fanden sie. Mit welcher Freude werden sie nun das Kindlein aus seiner Krippe genommen, es geküsst, an ihr Herz gedrückt und es mit ihren Tränen benetzt haben! Da wird einer nach dem andern ausgerufen haben: O, mein Heiland, mein Heiland! auch für mich bist du gekommen, auch für mich, der ich ein Bettler und ein Sünder bin! O, wie selig bin ich nun! Nun will ich gern sterben; nun weiß ich gewiss, Gott kann mich nicht hassen, nein, er liebt auch mich, auch ich werde selig, der Himmel steht mir offen!  

Hier sehen wir, meine Lieben, an einem schönen Beispiel, worin das Wohlgefallen besteht, was Gott allein von unserer Seite fordert. Ist uns die Geburt Jesu Christi verkündigt worden, so macht uns nun das nicht selig, wenn wir uns nur über die Tiefe dieses Geheimnisses und über die Größe der darin geoffenbarten Liebe Gottes verwundern und davon bewegt und gerührt werden. Noch viel weniger sollen wir uns dann mit unseren eigenen Werken und Tugenden oder mit unserer Reue und Buße schmücken wollen, uns unserm Heilande angenehm und seiner Freundschaft und Gewogenheit würdig zu machen. Nein, wie wir sind, sollen wir dann eilends im Geiste nach Bethlehem gehen, Jesus aus seiner Krippe herausnehmen, ihn herzen und küssen, und sagen: Du bist auch mein Heiland, auch für mich erschienst du in dieser Welt, auch mir zugute wurdest du ein Kindlein.  

Hier sind wir nun bei der Hauptsache des ganzen Weihnachtsfestes. angekommen. Das ist es, worauf alles ankommt, nämlich der Glaube. Vergeblich wäre all mein Predigen, und könnte ich mit Engelzungen zu euch sprechen; vergeblich wäre all euer Zuhören, und wenn ihr in eine noch so große Freude eures Herzens und in ein noch so großes Erstaunen über Gottes anbetungswürdige Tat dabei versetzt würdet, käme es nicht mit uns dahin, dass wir daran auch glauben, dass wir nämlich mit Zuversicht sagen: Das Kindlein in der Krippe ist mein Kindlein; es ist auch zu mir gekommen; es sucht auch mich; seine Liebe auch zu mir hat es in seine Armut und Niedrigkeit herabgetrieben; auch mit mir will es tauschen; ich gebe ihm meine Sünde, und es gibt mir seine Gerechtigkeit; ich gebe ihm mein Elend, und es gibt mir seine Herrlichkeit; ich gebe ihm meine Schwachheit, und es gibt mir seine Stärke; ich gebe ihm meine Not, und es gibt mir seine Seligkeit; ich gebe ihm meine Hölle, und es gibt mir seinen Himmel.

Das ist aber bei den meisten Menschen eben der Berg, an welchem sie in den Weihnachtspredigten stehen bleiben; diesen Berg wollen nur wenige besteigen. Es ist der Berg Morija, aus welchem Isaak geopfert werden soll. Ich fürchte, dass auch mancher unter uns gerade in diesem Punkte sich selbst betrügt und, wie die Knechte Abrahams, unten am Berge bleibt. Die meisten freuen sich über das Kindlein, aber wie über ein fremdes; sie freuen sich über die liebliche Weihnachtsgeschichte, aber als ginge sie sie selbst nichts an; das heilige, fröhliche, selige Fest geht vorüber, und den meisten verstreicht es so vergeblich. O, dass dies nicht auch diesmal geschehe!  

Bedenket, Gott hat seinen Sohn nicht den Engeln, nicht den gefallenen Geistern in der Hölle oder sonst einer anderen Kreatur gesendet und geschenkt, sondern der Welt, den Menschen, eben dir und mir. Greifen wir nun nicht zu, wollen wir das süße Kindlein nicht aus seiner Krippe heben, es uns zueignen und es annehmen, wer soll es dann tun? Gott braucht es nicht, für die Engel ist es nicht--seht also, dann hat Gott den Reichtum seiner Liebe vergeblich an uns verschwendet.  

Aber, spricht unser Herz, ich bin ein Sünder; blicke ich nur zurück auf den gestrigen Tag, so höre ich schon, wie mich mein Gewissen verklagt. Wie darf ich mit meinem bösen Gewissen zu dem heiligen Kinde nahen? In meinem Innern heißt es: Zurück, Verwegener! strecke deine Hand nicht nach dieser hohen Gabe Gottes aus, die ist nicht für dich. Mach einem heiligen David, einem heiligen Petrus, einem heiligen Paulus Platz.-- Aber, meine Lieben, so redet wohl unser Herz, aber so hat sich Gottes Herz nicht gegen uns offenbart. Dürfen Sünder nicht zugreifen, wer darf es dann tun? Was war ein David, ein Petrus, ein Paulus, die sich alle rühmen, dass Jesus auch ihr Heiland sei? Waren sie nicht Sünder, nicht große Sünder? Hat nicht David einen tiefen Fall getan, nicht sogar seine Hände mit unschuldigem Blut befleckt? Hat nicht Petrus seinen HERRN dreimal verleugnet? Hat nicht Paulus, da er noch ein Saulus war, die Gemeinde Gottes verfolgt? Sind sie nicht alle erst dadurch heilig geworden, dass sie Christus ihre Sünde gaben und dafür seine Gerechtigkeit annahmen? -- Und warum ist Christus in die Welt gekommen? Geschah es nicht darum, weil wir Menschen alle Sünder sind? Darum:

Und spräch’ dein Herze lauter Nein,

Das Wort lass dir gewisser sein.

 

Aber, spricht hierbei vielleicht mancher, wohl weiß ich, dass auch große Sünder an der seligen Geburt Jesu Christi Theil haben sollen, aber sie müssen sich auch bessern, und das ist es, was mir fehlt. -- Der du so redest, sage, wo stehet das geschrieben, dass sich der Mensch erst gebessert haben müsse, ehe er zu Christo Zuflucht nehmen dürfe?-- Nirgends, als wiederum in deinem Herzen. -- Wohl soll der Sünder sich bessern, aber das ist es nicht, womit das Christentum anfängt. Erst muss der Mensch Gnade haben, ehe er sich bessern kann. Erst muss er gerecht und selig sein, ehe er gerecht wandeln und den Weg zur Seligkeit gehen kann. Nicht wir, sondern Gott muss den ersten Stein zum Werk unserer Seligkeit legen. Erst müssen wir Christum haben, dann erst können wir in Christo leben. Könnte und sollte der Mensch selbst etwas tun, dass er Gott annehmbar würde, so hätte Gott nicht, so zu sagen, seinen ganzen Himmel ausgeleert, um uns auf der Erde zu helfen, Gott hätte sich es nicht das Teuerste kosten lassen, was er selbst hatte; so wäre Gottes Sohn nicht ein Mensch geworden. Dieser aber hat alles verrichtet, er hat auch den letzten Heller bezahlt, nichts, nichts ist, was auch wir noch dazu beitragen könnten. Wir müssen zu ihm kommen als Sünder, eilends zu ihm kommen, und kommen, wie wir sind. Nichts, nichts wird von uns gefordert, als dass wir uns das Christkindlein wohl gefallen lassen und von Herzen sagen: Ich bin ein Glied dieser Welt, ich bin ein Mensch, ich bin ein Sünder, darum bin ich dein und du bist mein, unser Tausch soll ewig sein.  

O, so machet denn alle eure Herzen los von allen anderen Dingen, habt euer Wohlgefallen nicht an Gold und Silber, nicht an irdischer Lust und Herrlichkeit, überlasst das der Welt, die nach keinem Himmel und nach keiner Seligkeit fragt, die an keinen Gott und kein ewiges Leben glaubt, die da spricht: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot und dann ist alles aus. Ihr aber lasst euch unterdes das Kind wohl gefallen, das euch der himmlische Vater geschenkt hat, so hat Gott wieder an euch Wohlgefallen, so kommt ihr dahin, wo das Kind hergekommen ist; dann ist euer Leben nichts als ein kurzes Warten auf die Offenbarung eurer Seligkeit, dann seid ihr wiedergeboren zum ewigen Leben. Es gibt Leute, welche, wenn ein Gewitter naht, ein kleines Kind auf ihren Arm nehmen; sie denken, dann seien sie sicher, dass kein Blitzstrahl sie treffe; denn Gott werde ja eines unschuldigen Kindleins schonen. Aber auch unsere Kinder sind Sünder; sie können uns nicht schützen; aber das Christkindlein, das ist ohne Sünde; das ist Gottes liebes heiliges Söhnlein, an welchem er Wohlgefallen hat; tragen wir dieses auf den Armen unsers Herzens, dann sind wir sicher vor allen Gewittern; erscheinen wir, dieses Kind auf unsern Armen, in Gottes Gericht, so sind wir freigesprochen, ja, kämen wir damit in die Hölle, so würden wir auch mitten in der Hölle den Himmel haben.  

 

2.

So habt ihr denn nun gehört, worin das Wohlgefallen besteht, das wir an der Geburt Christi haben sollen; höret nun zweitens, wodurch sich dasselbe offenbaren solle.  

Auch dieses lernen wir an dem Beispiel der Hirten. Von ihnen heißt es nämlich zuerst: „Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war.“ Ihr Herz war also durch den Anblick des Kindes so voll geworden, dass auch ihr Mund davon überging. Die Freude war in ihrer Seele wie eine verschlossene Flamme, die nun in feurigen Worten mächtig herausbrach. Es heißt von ihnen nicht nur, dass sie das Geschehene und Gehörte nicht verschwiegen hätten, sondern: „sie breiteten das Wort aus“, sie warteten also nicht, bis jemand sie darnach fragte, sie eilten von Ort zu Ort, die wunderbare, fröhliche, wichtige Kunde bekannt zu machen. Was sie geglaubt hatten, das mussten sie auch bekennen. Wir können uns wohl denken, dass sie von den meisten verachtet und als törichte Schwärmer verlacht worden sind. Den schlechtesten Empfang haben sie mit ihrer Botschaft gewiss zuerst in dem gottlosen Gasthause bekommen, aus welchem man das himmlische Kind hinausgewiesen und worin man ihm kein Räumlein gegönnt hatte. Ihr seid Narren, wird der Wirth und seine Gäste ihnen zugerufen haben, euch hat geträumt, das ist ein elendes Bettelkind und nichts weiter, geht uns aus den Augen! Aber das entmutigte die Hirten dennoch nicht; sie gingen weiter und ihre Nachricht erweckte bei allen Verwunderung, vor die sie kam.  

Sehe hier, meine Lieben, was auf das rechte Wohlgefallen an dem Christkindlein folgt; dieses nämlich, dass man die erfahrene Gnade auch andern erzählt. Wird freilich die Weihnachtspredigt nur mit den Ohren gehört, da ist es kein Wunder, wenn man darüber auch gegen andere schweigt; da hat man in den heiligen Festtagen andere Dinge zu bereden, die dem armen eitlen Herzen wichtiger und angenehmer sind, da redet man von schönen neuen Kleidern, von fleischlichen Belustigungen, kurz, von den Dingen dieser Welt.   

Ist aber die himmlische Botschaft in das Herz gedrungen und hat sie uns mit innigem Wohlgefallen erfüllt, da freut man sich über andere Dinge, als freute man sich nicht, da isst und trinkt man, als äße und tränke man nicht, da kleidet man sich, als kleidete man sich nicht; da wird uns alles andere so klein, so gering, so nichtig, dass gerade dieses in der Herberge unsers Herzens keinen Raum findet. An einem solchen Fest ist dem lebendig ergriffenen Christen jedes andere Gespräch, wenn es nicht nötig ist, wie ein Misslaut in den in diesen Tagen von den Engeln für die Welt aufgeführten harmonischen Gesängen. Da wird der Vater zum Kind und lallt seinen Kindlein von dem Christkindlein vor und sucht sie durch die irdischen Geschenke auf das himmlische Christgeschenk zu lenken. Da werden Gatten vertraulich und teilen sich die im Herzen sich regende Freude mit. Da versammeln sich Freunde und Freundinnen, als wären sie versammelt in dem Stalle, wo eins nach dem andern das holde Kind auf seinen Armen wiegt und dem andern es anlobt und anpreist.  

Ja, wo das Wohlgefallen in einem Christen recht groß wird, da kann er nicht umhin, wo er nur Gelegenheit findet, auch denen, die das Kindlein noch verachten, ein feuriges Wort aus seinem brennenden Herzen in die Seele zu rufen. Da achtet man es nicht, ob man darum bei der Welt für einen schwärmerischen Thoren angesehen wird. Man kann nicht anders: weil man von Herzen glaubt, muss man auch mit dem Munde bekennen.  

Sprich nicht, lieber Zuhörer, ich bin kein Prediger, ich kann nicht predigen. Die lieben Hirten waren auch keine Prediger, sondern die einfältigsten Laien unter dem jüdischen Volke, und doch predigten sie jetzt mit apostolischer Kraft und Freudigkeit, obgleich es ihnen von keinem Engel geboten war; sie konnten nicht anders. Lass dir nur erst das Kindlein in der Krippe recht wohl gefallen und dein Herz dir nehmen, behalte, wie Maria, alle Worte, die du gehört hast, und bewege sie in deinem Herzen, dann wirst du nicht fragen: darf ich auch von Christo predigen, da ich kein Prediger bin? sondern ehe du fragest, hast du es schon mit Gebärden, Worten und Werken getan. Du wirst dann nicht klagen: O, ich kann nicht reden von solchen Dingen, sondern du wirst vielmehr ausrufen: Ich kann ja nicht schweigen von dem, das meine ganze Seele erfüllt hat.  

Doch wir hören nun endlich von unseren Hirten auch dieses: „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, das sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ Als ordentliche Prediger warfen sich also die lieben Hirten nicht auf, wie unsere jetzigen Schwärmer tun, sondern nachdem sie im Umgang mit den Leuten ihr Herz ausgeschüttet hatten, kehrten sie wieder zurück und hüteten wieder wie vorher ihrer Schafe und priesen und lobten nun Gott bis an ihr seliges Ende.  

Fragt ihr also, welche Veränderung geht dann mit einem Menschen vor, wenn er durch das Wohlgefallen an der Geburt des Christkindleins zur Wiedergeburt kommt? so ist die Antwort: Ein solcher Mensch bleibt in seinem irdischen Beruf, aber darin lobt und preist er täglich seinen Gott, dass er ihm ein Kindlein geschenkt hat, mit welchem er sich trösten kann wider seine Sünde, trösten wider alle Noth, trösten selbst wider den Tod.  

Sonst ist kein wesentlicher Unterschied zwischen einem Christen und einem Kind dieser Welt. Ein Weltkind achtet das Kindlein nicht, und danket Gott dafür nicht; dieses denkt, gäbe mir Gott Geld, so könnte er sein elendes Kindlein immer behalten. Der Christ aber spricht: 

Weg Welt, hier ist mein Schmuck, mein Gold,

Weg, hier ist mein Vergnügen,

Hier find ich, was mein Herz gewollt,

Drum lass ich alles liegen.

 

Ja, Kindlein, liebes Kindelein,

Du sollst mein Ein und Alles sein.

So oft ich lache, lach’ ich dir,

Dir fließen meine Tränen,

Mein Himmel bist du mir schon hier,

Du stillst des Herzens Sehnen.

Mein Heil, mein HERR und Gott bist du,

Bringst meinen Geist zu seiner Ruh’.

 

Drum schlägt mein Herz, drum wallt mein Blut

Mit Dank und Preis und Loben,

Dir, Vater, für das höchste Gut,

Das du mir gabst von oben.

Komm bald, mein Vater, hole mich,

So will ich ewig preisen dich.

 

Ach, wie unselig ist der, wie beklagenswert, wer in dieses Lob des neugeborenen Heilandes noch nicht einstimmen kann! Vor dem möchte heute Sonne, Mond und Sterne ihren Schein verlieren, den möchte die ganze Christenheit mit heißen Tränen beklagen, als den Elendesten unter allen Kreaturen; denn kommt ein Mensch auf dieser Welt nie zu dieser Freude, dann ist er vergeblich geschaffen, dann hat er umsonst auf dieser Erde gelebt und ihm wäre besser, er wäre nie geboren.  

Aber selig ist der, dem Gott die Gnade geschenkt hat, Bethlehem für seine rechte Vaterstadt und Jesus für sein Kindlein zu erkennen, der wohnt hier an den offenen Thoren des Himmels, ihn beneiden die höllischen Geister, ihn beglückwünschen alle Engel, und Gott selbst freut sich über ihn, dass er ihn so überschwänglich selig machen konnte.  

Dazu helfe Gott mir und euch allen, und bewahre uns darinnen zum ewigen Leben. Amen, in Jesu Namen! Amen.  

 

Alttestamentliche Predigt zum ersten Christtag ueber Jesaja 9,6-7: Die freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja

 

Jesaja 9,6-7: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbarer Rat, Starker Gott, Ewigvater, Friedefürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und in seinem Königreich, dass er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

 

    In dem neugeborenen Heiland, geliebte Zuhörer!

    Die Geburt Christi, des Weltheilandes, steht im Mittelpunkt der Weltgeschichte. Alle Weissagungen des Alten Testaments haben sie zum Inhalt oder nehmen auf sie Bezug als auf ein Ereignis, das alle anderen an Größe und Wichtigkeit weit übertrifft. Mit und in seiner Geburt soll der Welt das Heil, die Errettung kommen. Er soll der alten Schlange, dem Teufel, der durch den Sündenfall die gesamte Menschheit in seine Gewalt gebracht hat – so verkündigt die erste der Weissagungen –, den Kopf zertreten, ihm seine Macht nehmen und die sündigen Menschen aus ihrer Gefangenschaft befreien. In ihm, dem Samen Abrahams, sollen – so verkündigt eine weitere Weissagung – alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er wird der große Held sein, dem die Völker in willigem Gehorsam anhangen werden. Mit seiner Erscheinung wird eine neue Zeit beginnen, eine Wandlung eintreten, die vorher nie geschehen, wird der Lauf der Welt gleichsam in neue Bahnen gelenkt werden. Himmel und Erde, durch den Fall der Menschen getrennt, sollen durch die Geburt des Weltheilandes wieder vereinigt werden.

    Darum stehen denn auch alle Propheten des Alten Testaments als die von Gott gesandten Herolde auf den Mauern Zions, erheben ihre Stimme, weisen mit ausgestreckter Hand auf ihn und rufen dem Volk ein „Siehe“ nach dem anderen zu. „Siehe“, ruft Jesaja im siebten Kapitel aus, „eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“; im neunten Kapitel: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Land, scheint es hell“; im 60. Kapitel: „Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber dir geht auf der HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden in deinem Licht wandeln und die Könige im Glanz, der über dir aufgeht.“ Der Prophet Jeremia ruft aus: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will, und soll ein König sein, der wohl regieren wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Zu derselben Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist [Jahwe Zedaka].“ Die Finsternis der Welt soll in Licht, die Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit verwandelt, das drückende Joch soll zerbrochen werden, völlige, selige Freiheit soll an dessen Stelle treten, der Unfriede, in dem sich die Menschen verzehren, soll weichen, seliger Friede anstatt dessen zur Herrschaft gelangen; denn so lautet die Weissagung im 72. Psalm. 2Zu seinen Zeiten wird blühen der Gerechte und große großer Friede, bis dass der Mond nimmer sei.“  Diese uns ähnliche Verheißungen erhellten die Dunkelheit der Nacht, in der die Menschen einherwandelten; sie waren die hell-leuchtenden Sterne am Himmel der Kirche und lenkten die Blicke derer, denen sie leuchteten, auf das kommende große Licht, das das ganze Volk erleuchten sollte, erfüllten die Herzen der Gläubigen mit Sehnsucht auf seine Erscheinung, wie wir an den Worten Davids erkennen: „Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde Jakob fröhlich sein und Israel sich freuen.“

    Aber nicht nur mit Sehnsucht und Verlangen erfüllten die Weissagungen die Herzen der Gläubigen im Alten Testament, sondern auch mit großer Freude. So ruft Jesaja im 49. Kapitel im Hinblick auf die Erscheinung des Messias und sein Werk aus: „Jauchzt, ihr Himmel; freue dich, Erde; lobt, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“ Von solcher Freude war auch sein Herz erfüllt, als er in dem heutigen Text die Botschaft verkündigte, die wir nun näher zur heutigen Festfeier miteinander betrachten wollen, nämlich:

 

Die freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja

 

    Diese verkündigt er im Hinblick

1.                 Auf die Person,

2.                 Auf die Namen,

3.                 Auf die Herrschaft des Heilandes.

 

1.

    Dass der Prophet mit großer Freude erfüllt war, als er diese Botschaft dem Volk überbrachte, erkennen wir, wen wir auf die Worte im Vorhergehenden blicken, mit denen unser Text im innigsten Zusammenhang steht: „Vor dir aber wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn aller Krieg mit Ungestüm und blutigem Kleid wird verbrannt und mit Feuer verzehrt werden“, und als Grund dafür nun ausruft: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter.“ Also durch die Geburt dieses Kindes wird ein so friedenvoller Zustand herbeigeführt, ein Reich des Friedens errichtet werden. Aber wie sein eigenes Herz voll Freude ist, so sollen auf die Herzen des Volkes darüber voll Freude werden, denn das Kind ist nicht ihm allein, sondern allen geboren, weshalb er verkündigt: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ Und diese Freude sollen sie empfinden zunächst im Hinblick auf die Person des Kindes.

    Welch eine eigenartige Bewandtnis hat es denn mit diesem Kind? Beachtet, dass Jesaja nicht nur sagt: „Uns ist ein Kind geboren“, sondern hinzufügt: „Ein Sohn ist uns gegeben.“ Dieses Kind ist von einer Frau, und zwar, wie er schon im siebten Kapitel geweissagt hat, von einer Jungfrau geboren; denn: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Aber es ist nicht nur dieser Jungfrauen Kind, sondern auch ein von Gott gegebener Sohn, das heißt, der Sohn Gottes. Dass dies der eigentliche Sinn ist, sagt Paulus mit den Worten: „Da aber die Zeit erfüllt wurde, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“ Also der Jungfrauen und doch zugleich Gottes Sohn. Sofern er von einer Frau, einer Jungfrau, geboren ist, ist er wahrer Mensch; sofern er von Gott gegeben ist, ist er Gottes Sohn; und doch sind es nicht zwei Söhne, voneinander gänzlich unterschieden, sondern es ist nur ein Sohn, eine Person, in der die Gottheit und Menschheit unzertrennlich miteinander vereinigt sind. Die Gottheit ist nicht zur Menschheit und die Menschheit nicht zur Gottheit geworden, beide sind nicht miteinander vermischt, zu einer gottmenschlichen Natur geworden, sondern zu einer gottmenschlichen Person, die wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Der Sohn der Jungfrau ist Gottes Sohn. Das Wort ist Fleisch geworden; Gott ist durch die Geburt offenbart im Fleisch. Darum aber ist diese Weissagung des Propheten eine so freudenreiche, darum sollen wir uns freuen, große Freude empfinden.

    Weshalb? Weil wir daraus zunächst die Größe der Liebe Gottes zu uns erkennen. Wenn wir Menschen jemandem aus herzlicher Zuneigung ein Geschenk machen, so ist der Wert des Geschenkes der Wertmesser unserer Liebe zu ihm. So auch bei Gott. darum heißt es Röm. 5,8: „Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren“, und Röm. 8,32: „Welcher auch seinen eigenen Sohn nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben.“ Ja, der HERR selbst ruft voll Verwunderung aus: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Gott ist die Liebe, und darum gibt er der Welt das, was er über alles liebt: den Sohn seiner Liebe. Deshalb singen wir denn auch mit dem Dichter in inniger Weihnachtsfreude:

Sollt uns Gott nun können hassen,

Der uns gibt, was er liebt

Über alle Maßen?

Gott gibt, unserem Leid zu wehren,

Seinen Sohn aus dem Thron

Seiner Macht und Ehren.

    Dieser Sohn, lasst es mich noch einmal betonen, ist uns gegeben. Nicht den heiligen Engeln, die bedurften seiner nicht als eines Heilandes, sondern uns, den Menschen, den Sündern, den Errettungsbedürftigen, den Hassenswürdigen. Der heilige Gott, dem die Seraphim das Loblied singen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll“, der seinem Wesen nach von allem Unheiligen, Sündlichen weiter entfernt ist als der Himmel von der Erde – mehr noch, der allem Unreinen und Sündlichen gegenüber ein verzehrendes Feuer ist: Dessen Liebe zu uns sündigen Menschen ist so groß, dass er uns seinen einigen Sohn schenkt, und zwar so, dass er ihn unser Fleisch und Blut annehmen, von einer Frau geboren werden, unsern Bruder werden lässt. Ja, eben dadurch sind Himmel und Erde, Gott und die Menschen, wieder vereinigt worden! Gott ist nicht mehr fern von uns Menschen, sondern zu uns vom Himmel, von dem Thron seiner Majestät, herabgekommen und wandelte in menschlicher, sichtbarer Gestalt unter den Menschen, wie Johannes ausruft: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“; und er wohnt, wenn auch unsichtbar, noch immer unter den Gläubigen. Dessen sollen wir uns daher von Herzen freuen und mit dem Dichter fröhlich singen:

Des sollt ihr billig fröhlich sein,

Dass Gott mit euch ist worden ein;

Er ist geborn eur Fleisch und Blut;

Eur Bruder ist das ewge Gut.

   Aber wie diese Botschaft deswegen eine freudige ist, weil sie uns den Heiland in einer solchen Person verkündigt, so auch zweitens, weil sie ihm so wunderbare Namen beilegt.

 

2.

    „Und er heißt“, so lautet die Botschaft weiter, „Wunderbarer Rat, Starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Das sind vier Doppelnamen, die dieses Kind – wie die ersten Worte nach seiner Person – nach seinem Werk bezeichnen.

    Wie die letzteren Doppelnamen sind, so auch die zwei ersten, so dass wir lesen: Wunderbar an, von Rat oder ein Ratgeber. Muss er nicht ein wunderbarer Ratgeber sein, da er Gott und Mensch in einer Person ist? Und das ist er nicht nur, insofern er Gott ist, sondern auch als Mensch, da ihm die göttlichen Eigenschaften, wie die Allmacht und Allgegenwart, so auch die Allwissenheit mitgeteilt sind. Sein Verstand ist unbeschränkt, seine Weisheit ist unermesslich; vor ihm ist nichts verborgen, und seine Ratschlüsse sind unfehlbar. Daher heißt es Kol. 2,3: „In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ und 1. Kor. 1,30: „Christus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit.“ Und hat er uns nicht den ganzen Rat Gottes zur Seligkeit offenbart, den Rat, der von der Welt her ein Geheimnis war? In welcher Lage du dich auch befinden magst, frage ihn um Rat, er gibt ihn dir. Bist du in Gewissensnot, drücken dich deine Sünden, so ruft er dir zu: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Fragst du: Wie erlange ich das ewige Leben? so sagt er dir: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.“ Fragst du: Was wird mit mir im Tod? So antwortet er dir: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ Fragst du endlich: „Was geschieht mit mir nach dem Tod? So gibt er dir die tröstliche Antwort: „Das ist der Wille des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“ Siehe, solch ein wunderbarer Ratgeber ist er in diesen und in allen anderen Dingen.

    Der zweite Doppelname ist „Starker Gott“. Wie, so müssen wir ausrufen, ein Kind, das in einer Krippe gebettet ist, das von den Armen seiner Mutter aufgehoben und getragen wird – und doch stark? So ist es! Blicke auf ihn, als dieses Kind zum Mann herangewachsen sind, so siehst du, wie stark er ist! Durch ein Wort gebietet er den tosenden Wellen des Meeres, und in einem Augenblick ist es ganz still. Durch sein Wort ruft er den Jüngling zu Nain ins Leben zurück, den Lazarus aus der Verwesung des Grabes hervor, macht er die Blinden sehend, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein. Vor seinem Wort fliehen die Teufel, entschwinden sonst unheilbare Krankheiten. Und diese starke, allmächtige Kraft hat er nicht erst durch seine Taufe erhalten, sondern die hatte er schon als Kind. Das Kind, das von Maria getragen wurde, trug Himmel und Erde. Da singen wir mit Recht:

Den aller Weltkreis nie beschloss,

Der liegt in Mariens Schoß;

Er ist ein Kindlein worden klein,

Der alle Ding erhält allein.

    „Ewigvater“ lautet der dritte Name diese neugeborenen Sohnes. Auch hierbei müssen wir staunend fragen: Wie, ein eben geborenes Kind und doch „Ewigvater“? In welcher Beziehung wird es denn Vater genannt? Was liegt denn in dem Wort Vater, wie wir es im gewöhnlichen Leben gebrauchen? Dass die Person, die mit diesem Namen bezeichnet wird, kein strenger Herrscher, kein Tyrann oder Richter ist, auch nicht nach der Strenge des Gesetzes handelt, sondern den Seinen mit Liebe zugetan ist, sie erhält, bewahrt und beschützt – in diesem Sinn nennt Jesaja hier Christus Vater, dass er nämlich alle, die Gott zu seinen Kindern angenommen hat, mit inniger Liebe umfasst, sie versorgt und beschützt. Unter seinem Regiment sind wir keine Knechte, sondern Freie, Kinder des Hauses und Erben aller Güter. Aber er unterscheidet sich dadurch von irdischen Vätern, dass er „Ewigvater“ ist. Jene sind nur Väter auf kurze Zeit, dieser aber ist Vater in Ewigkeit, umfasst die Seinen mit ewiger Liebe, sorgt für sie, beschützt sie für alle Zeiten. Und da er der starke Gott ist, so will er das nicht allein, sondern kann es auch. Wie zuversichtlich können wir daher ihm vertrauen, in seiner Fürsorge uns sicher fühlen!

    Und endlich der vierte Doppelname, „Friedefürst“. Dieses Kindlein ist der Friedefürst. Er ist ein Fürst wie David, der aller seiner Feinde mächtig wurde, aber doch ein Fürst des Friedens wie Salomo, dessen Regierung sich durch Frieden auszeichnete, so dass er beide als Vorbilder auf ihn in sich vereinigt. Denn nicht durch Waffengewalt, Kriegsgetümmel und Blutvergießen begründet und erhält er sein Reich, sondern in Frieden. Nicht seiner Untertanen, sondern sein eigenes Blut hat er vergossen und dadurch zwischen dem heiligen Gott und den sündigen Menschen Frieden gemacht und den Grund zu seinem Friedensreich gelegt. Und als er seine Apostel aussandte, um sein Zepter unter allen Völkern der Erde aufzurichten, rüstete er sie nicht mit Wehr und Waffen aus, stellte sie nicht an die Spitze kriegstüchtiger Heere, sondern sprach nur zu ihnen: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Mit dieser Friedensbotschaft sandte er sie aus, um der Welt den Frieden zu verkündigen und zu bringen. Ja, dieses Kindlein hat Frieden auf die Welt gebracht, ein Friedensreich gestiftet. Das führt uns zum dritten Teil unserer Betrachtung.

 

3.

    Die in den vier Doppelnamen dem Kind beigelegten Eigenschaften: die Allweisheit, Macht, väterliche Fürsorge und Friedensliebe, sollen dazu dienen, um seine Herrschaft weit auszubreiten; denn so lautet der letzte Teil der Botschaft: „Auf dass seine Herrschaft … bis in Ewigkeit.“ Mit diesen Worten ist das Reich beschrieben, das dieses Kind aufrichten, ein Reich, dessen Grenzen sich bis an die Enden der Erde erstrecken soll, also an Umfang und Größe alle irdischen Königreiche weit übertrifft, ein Reich, in dem kein Krieg geführt, kein Blutvergießen stattfinden, sondern ein vollkommenes Friedensreich sein wird, ein Reich, in dem keine Ungerechtigkeit, sondern die Gerechtigkeit herrschen wird, darum sicher und fest gegründet, und ein Reich, das kein Ende nehmen, sondern ein ewiges Reich sein wird.

    Wir fragen: Ist diese Weissagung des Propheten erfüllt? Hat Christus ein solches reich? Übt er darin eine Herrschaft aus? Blickt, meine Festgenossen, auf die christliche Kirche; denn die ist Christi Reich. Seit seiner Gründung am ersten Pfingstfest zu Jerusalem hat sich dieses Reich fort und fort vermehrt, seine Grenzen immer weiter ausgedehnt. Die Apostel gingen mit der Friedensbotschaft des Evangeliums aus, predigten an allen Orten, und er, der HERR, selbst war mit ihnen und bekräftigte ihr Wort durch mitfolgende Zeichen. Ein Volk nach dem anderen wurde dem Evangelium gehorsam und erkannte im Glauben dieses Kind als seinen Herrscher. Durch alle Jahrhunderte ist dieses Reich immer weiter ausgebreitet worden und wird noch immer weiter ausgebreitet durch die Missionare. Es erstreckt sich bis auf die entferntesten Inseln des Meeres. – Und ist es nicht ein Reich des Friedens? Wohl haben einige unverständige Fürsten dieses und jenes Heidenvolk durch Waffengewalt zu bekehren versucht, aber vergeblich. Die Ausbreitung der Kirche ist immer nur durch die Verkündigung der Friedensbotschaft des Evangeliums geschehen. Der Glaube lässt sich durch keine Gewalt erzwingen. Und in der Kirche herrscht nicht das Gesetz mit seinen Forderungen und Drohungen, sondern das Evangelium der Gnade; sie ist das Reich der Gnade, der Vergebung und ist darum ein Reich des Friedens, in dem die Untertanen, die Gläubigen, Frieden mit Gott und unter sich haben. – Gegründet ist dieses Reich in Recht und Gerechtigkeit; denn seine Grundlage ist die Gerechtigkeit, die Christus durch seinen vollkommenen Gehorsam erworben hat, und die er allen seinen Reichsgenossen, die ihn im Glauben als ihren König annehmen, mitteilt.

    Endlich, wie Christus, der Herrscher in diesem Reich, ein ewiger Herrscher ist, so ist auch sein Reich ein ewiges Reich, das nie vergeht. Alle Reiche dieser Welt, so mächtig sie auch waren, sind vergangen; dieses Reich können auch die Pforten der Hölle nicht überwältigen, und die Untertanen in diesem Reich werden mit ihrem König leben und herrschen in Ewigkeit.

    So ist denn diese Verheißung des Propheten wahrlich eine freudenreiche, die auch uns mit großer Freude erfüllen muss, sowohl wenn wir auf die Person, wie wenn wir auf die Namen und die Herrschaft des Heilandes blicken. Zu dieser Freude fordert auch der Engel, der die Weihnachtsbotschaft den Hirten in der heiligen Nacht brachte, auf, indem er zu ihnen sprach: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Nehmen denn auch wir heute wiederum das Kind, das uns als Heiland geboren ist, mit gläubigem Herzen auf, und freuen wir uns seiner heilbringenden Geburt, so wird auch bei uns Freue sein, und wir werden in den Lobgesang der himmlischen Heerscharen einstimmen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Christfesttag ueber Jesaja 11,1-5: Der Friedefuerst vom Stamm Isai

 

Jesaja 11,1-5: Und es wird eine Rute aufgehen von dem Stamm Isais, und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf welchem wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rats und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und sein Riechen wird sein in der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten, nach dem seine Augen sehen, noch strafen, nach dem seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die Elenden im Land und wird mit dem Stab seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und der Glaube der Gurt seiner Nieren.

 

    In dem HERRN geliebte Brüder und Schwestern!

    Es ist eine der größten Weissagungen des Propheten Jesaja von Christus, die wir eben vernommen haben, die wir aber nur dann als eine solche recht verstehen können, wenn wir auf den Gegensatz blicken, in dem sie zu der Weissagung steht, die im vorhergehenden enthalten ist. Diese lautet vom 28. Vers des 10. Kapitels an: „Er kommt nach Ajat, er zieht durch Migron, er mustert sein Herr zu Michmas. Sie ziehen vor unserem Lager Gaba vorüber. Rama erschrickt! Gibea Sauls flieht! Du Tochter Gallim, schreie laut auf! Merke auf, Laisa! Du elendes Anatot! Memena weicht! Die Bürger von Gehim fliehen! Er bleibt einen Tag zu Nob! Er wird seine Hand regen gegen den Berg der Tochter Zion und gegen den Hügel Jerusalem!“ Schon diese kurzen, aneinandergereihten Sätze, die alle Ausrufe, zum Teil Warnrufe sind, zeigen, dass der Prophet, wie vor etwas Furchtbarem erschrocken, ein Ereignis schaut und verkündigt, das den von ihm genannten Orten die größte Gefahr, den Untergang, droht. Und es ist etwas Furchtbares, was er mit prophetischem Auge als schon gegenwärtig schaut. Sanherib, der König von Assyrien, befindet sich mit seinem gewaltigen Kriegsheer auf dem Marsch nach Jerusalem. Schon eine ganze Anzahl heidnischer Könige und ihre Reiche hat er sich unterworfen; nun zieht er gegen Hiskia, den König von Juda, heran, um auch diesen sich zu unterwerfen. Die auf seinem Zug liegenden Städte und Flecken werden bei seinem Herannahen von Schrecken ergriffen, ihre Einwohner ergreifen die Flucht, um sich zu retten. Schon ist er nach Nob, einer Stadt im Stadt Benjamin unweit von Jerusalem, gekommen und schickt sich an, seine Hand zu einem vernichtenden Schlag gegen die Heilige Stadt zu erheben, ihr dasselbe Schicksal wie vielen anderen Städten zu bereiten. Das ist das Bild, welches uns in den gehörten Worten des Propheten vor die Augen gestellt wird.

    Aber an dieses reiht er ein anderes, nicht weniger furchtbar als das erste; denn er fährt fort: „Aber siehe, der HERR HERR Zebaoth wird die Äste mit Macht abhauen und, was noch aufgerichtet steht, verkürzen, dass die Hohen erniedrigt werden; und der dicke Wald wird mit Eisen umgehauen, und Libanon wird fallen durch den Mächtigen.“ Mit diesen Worten schildert er das furchtbare Strafgericht, das Gott der HERR über den auf seine bisherigen Siege stolzen, auf seine große Macht pochenden Tyrannen vor Jerusalem ergehen ließ, und das 2. Kön. 19 berichtet wird. In dieser großen Gefahr wandte sich der fromme König Hiskia in flehendem Gebet zu Gott und erhielt durch den Propheten Jesaja die Antwort: „Die Jungfrau, die Tochter Zion, verachtet dich [den König Sanherib] und verspottet dich; die Tochter Jerusalem schüttelt ihr Haupt dir nach … Ich will dir einen Ring an deine Nase legen und ein Gebiss in dein Maul und will dich den Weg wieder führen, den du hergekommen bist.“ So geschah es. Denn in derselben Nacht fuhr der Herrliche, der Engel des HERRN, aus und schlug im Heer der Assyrer 185.000 Mann, so dass das Lager am Morgen voller Leichen lag. Von Grauen erfüllt, zog der am Tag vorher noch auf seine Macht pochende König davon nach seiner Hauptstadt Ninive und wurde dort im Tempel seines Götzen von seinen eigenen Söhnen ermordet. So wurden die Fürsten in seinem Heer wie die Äste der Zedern auf dem Berg Libanon mit Macht abgehauen, die Höhen verkürzt und erniedrigt wie Bäume, denen der obere Teil abgeschlagen wird, und das Heer wie ein dichter Wald niedergehauen. So fiel Sanherib, der sich, als wäre er dem mächtigen Libanon gleich, in seinem Hochmut erhoben hatte, samt seinem Heer durch den Herrlichen.

    Hieran schließt sich nun, meine Freunde, die Weissagung in unserem Text: „Aber es wird eine Rute aufgehen aus dem Stamm Isai.“ Ist die stolze Weltmacht Assyrien, die Jerusalem bedrohte, niedergehauen wie der Wald mit seinen mächtigen Zedern auf Libanon, so wird aus dem Geschlecht Davids, wenn es so weit von seiner mächtigen Höhe herabgesunken ist, dass gleichsam nur noch ein Baumstumpf von ihm übrig ist, aus diesem, aus seiner Wurzel, eine dünne Rute, ein schwaches Reis, aufsprießen, wird wunderbar wachsen, erstarken und Frucht bringen; das heißt, ohne Bild: Aus tiefster Niedrigkeit wird sich ein König erheben, der über ein weit größeres Reich herrschen wird als jener die Heilige Stadt bedrohende König von Assyrien. Auf diesen lasst mich jetzt eure Blicke richten, nämlich auf

 

Den großen Friedefürsten von dem Stamm Isai

    Ihn beschreibt uns Jesaja

1.                 Nach seinem Ursprung,

2.                 Nach seinen Gaben,

3.                 Nach seiner Regierung.

 

1.

    „Es wird aber eine Rute aufgehen von dem Stamm Isai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“, mit diesen Worten, Geliebte, beginnt der Prophet seine Weissagung in unserem Text. Es ist das eine bildliche Rede. Stellen wir uns das Bild deutlich vor Augen! Da steht ein großer Baum! Mächtig ist sein Stamm, stark sind seine Äste, ausgebreitet seine Zweige, prächtig ist sein Anblick. Aber nun ist er umgehauen. Stamm, Äste und Zweige sind hinweg, nur der Stumpf ist noch übriggeblieben. Doch dieser ist nicht gänzlich abgestorben, ein geringer Lebenssaft ist noch in ihm, und aus diesem, aus seiner Wurzel, sprießt eine dünne Rute, ein schwaches Reis hervor. So war es mit dem Geschlecht Davids. Der Stamm oder Wurzelstock war Isai, der Vater Davids, der dem Stamm Juda angehörte und in Bethlehem als ein einfacher Mann wohnte. Aber aus diesem war David entsprossen, von Samuel zum König über das Reich Israel gesalbt und als König zu großer Macht und Ehre gelangt. Schon als Jüngling hatte er in seinem Zweikampf mit dem Riesen Goliat Heldenmut bewiesen, in der Verfolgung durch Saul seinen Edelmut gezeigt und als König die zahlreichen Feinde seines Reiches siegreich überwunden. Unter allen Königen des Reiches Juda war er der größte, der Heldenkönig, einem mächtigen Stamm, seine Nachkommen aber, namentlich die, welche nach ihm den königlichen Thron innehatten, und unter diesen wieder diejenigen, welche in den Fußtapfen Davids, in Gottesfurcht, wandelten und regierten, den starken Ästen des Baumes gleich. Aber wie der größte Baum schließlich abstirbt, so auch der Stamm und das Geschlecht Davids. Mit dem Abfall des Reiches Juda, besonders durch heidnischen Götzendienst, der immer wieder eindrang, herbeigeführt, sank auch das Ansehen und die Macht des Hauses und Geschlechtes Davids dahin, so dass Maria, die Mutter des HERRN, aus dem Geschlecht Davids, die Gattin eines einfachen Zimmermanns war. So war das Geschlecht Davids herabgesunken von der königlichen Würde zu der Stellung eines Handwerkers [, denn auch Joseph war ja aus dem Geschlecht Davids]. Von dem mächtigen Baum und stamm war nur noch, wie der Prophet es ausdrückt, ein abgehauener Stumpf mit fast erstorbener Wurzel übriggeblieben.

    Aber aus dieser Wurzel wird, so weissagt der Prophet, eine Rute, ein dünner Zweig, aufgehen, das heißt, ein Sohn aus dem in solche Niedrigkeit herabgesunkenen königlichen Geschlecht geboren werden, der gar nichts von königlichem Ansehen und königlicher Würde an sich hat, ein Kind gewöhnlicher, armer Leute. So niedrig und gering wird sein Ursprung sein. Das sagt auch die Weissagung desselben Propheten Kap. 53: „Er schießt auf vor ihm wie ein Reiß und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.“ Wie wörtliche diese Weissagung erfüllt worden ist, ersehen wir aus dem Bericht des Evangelisten über die Geburt des HERRN. Zu Fuß machten Maria und Joseph infolge des kaiserlichen Gebots der Schatzung von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in Judäa. Dort angekommen, fanden sie Unterkommen nicht in einer Herberge, sondern in einem dunklen Stall, einfache Windeln waren seine erste Kleidung, eine Krippe sein Bett, Heu und Stroh das Lager dieses von Gott verheißenen Reises oder Rute aus königlichem Geschlecht. So war er wahrlich einem schwaches Reis, aus dürrem Erdreich entsprossen, gleich. Und so unscheinbar und unbeachtet seine Geburt war, so unscheinbar und unbeachtet wuchs er auch als Knabe in dem kleinen, von Hügeln eingeschlossenen und abseits gelegenen Nazareth auf, dass die Evangelisten außer seiner ersten Erscheinung im Tempel nichts weiter berichten, als dass er seinen Eltern als Knabe untertan war und an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen zunahm.

    Aber dieser schwache Zweig, sagt der Prophet weiter, wird Frucht bringen oder fruchtbar sein und verkündigt damit, dass er sich kräftig entwickeln, zu einem starken Baum heranwachsen und reiche Früchte bringen werde. Wodurch dies geschehen werde, gibt er an, indem er von den Gaben redet, mit denen dieser Zweig aus der Wurzel Isais werde geschmückt werden.

 

2.

    „Auf welchem“, so lautet die Weissagung weiter, „wird ruhen der Geist des HERRN: der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“

    Beachten wir, meine Freunde, dass der Prophet in dieser Weissagung von Christus als von einem wahren, natürlichen Menschen redet. Hat er in der Weissagung Kap. 7,14: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ besonders hervorgehoben, dass der Jungfrauensohn wahrer Gott sei, und in der anderen Kap. 9: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt wunderbarer Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst“, verkündigt, dass in der Person dieses Sohnes der wahre Gott der Welt erscheint, so beschreibt er ihn hier als den vollkommenen Menschen, auf dem der Geist des HERRN ruht, der ihn mit seinen Gaben ausrüstet und die menschlichen Kräfte und Tugenden durchdringt und vollkommen macht. Dasselbe spricht Petrus (Apg. 10) in den Worten aus: „Gott hat Jesus von Nazareth gesalbt mit dem Heiligen Geist und Kraft.“

    Diese Gaben des Heiligen Geistes sind dreifach. Die beiden ersten sind die Gaben oder Vollkommenheiten des Verstandes, nämlich die Weisheit und das Verständnis oder die Einsicht. Weisheit ist die Gabe, da der Mensch den rechten Zweck und die geeigneten Mittel, ihn zu erreichen, wählt, das Verständnis oder die Einsicht die Gabe, durch welche er göttliche und geistliche Dinge richtig erkennt und darüber nachdenkt. „Der Verstand“, sagt Luther, „ist das Urteil, welches aus der Weisheit entsteht, sodass wir wahrnehmen, was mit der Frömmigkeit streitet, sodass wir über falsche Lehren, die Nachstellungen Satans und Glauben urteilen können.“ – Ferner die Gaben des Rates und der Stärke sind die, durch welche sich jemand in allen Lagen, auch in Kreuz und Anfechtungen, als der rechte Ratgeber erweist und die Kraft besitzt, die Ratschläge auszuführen; die Kraft, die sich in Taten und Werken offenbart. Sodann die Gaben der Erkenntnis und der Furcht des HERRN, wodurch jemand eine mit der Liebe Gottes verbundene Erkenntnis des wahren Gottes nach seinem Wesen und Willen hat und ihm als dem majestätischen Gott und doch gnädigen Vater ehrerbietig dient, seinen Willen zu vollbringen sich bestrebt.

    Mit diesen Gaben des Heiligen Geistes ist Christus, der Spross aus dem Stamm Isai, in seiner Empfängnis und bei der heiligen Taufe erfüllt und ausgerüstet worden; denn so lesen wir bei Matthäus im dritten Kapitel: „Da Jesus getauft war, stieg er sofort herauf und aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm, und Johannes sah den Geist Gottes gleich wie eine Taube herabfahren und über ihn kommen.“

    Wie vollkommen Christus als wahrer Mensch oder nach seiner menschlichen Natur mit diesen Gaben des Heiligen Geistes ausgerüstet war, erkennen wir an seinem öffentlichen Auftreten in seinem Lehramt. Schon als zwölfjähriger Knabe offenbarte er im Tempel, unter den Lehrern sitzend, eine solche Weisheit und einen solchen Verstand, dass alle, die ihm zuhörten, sich seines Verstandes und seiner Antwort verwunderten. Als er einst in Nazareth lebte, verwunderten sich alle, die ihn hörten, und riefen voll Erstaunen aus: „Woher kommt diesem solche Weisheit? Ist er nicht eines Zimmermannes Sohn?“ Matth. 7,28 berichtet der Evangelist: „Das Volk entsetzte sich über seine Lehre; denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten“; und die Knechte der Pharisäer, die ausgesandt worden waren, ihn gefangen zu nehmen, kamen, ohne die Hände an ihn gelegt zu haben, zurück und sprachen: „Es hat nie ein Mensch so geredet wie dieser Mensch.“ So erfüllte sich die Weissagung durch den Propheten Jesaja Kap. 50: „Der HERR hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den Müden zu reden zur rechten Zeit.“ Seine Weisheit war größer als die des weisen Salomo. Wie oft wollten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten in seiner Rede fangen, wenn sie ihm verfängliche Fragen vorlegten! Aber immer mussten sie beschämt davongehen. Wie deckte er ihre List und Verschlagenheit auf, riss ihnen die heuchlerische Maske der Frömmigkeit vom Gesicht und widerlegte ihre falschen Lehren. Ebenso erkannte und durchschaute er die wahre Gesinnung der Menschen. Denen, die nicht aufrichtig an ihn glaubten, vertraute er sich, wie Johannes im 2. Kapitel berichtet, nicht an; „denn er kannte sie alle und bedurfte nicht, dass jemand Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn er wusste wohl, was im Menschen war“. – Nicht minder bewies er sich als der rechte Ratgeber. Den Pharisäern, die ihm die Frage vorlegten: „Ist’s recht, dass man dem Kaiser Zins gebe oder nicht?“ antwortete er: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, und dem Schriftgelehrten, der ihm die Frage vorlegte: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ riet er: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst, und als dieser fragte: „Wer ist denn mein Nächster?“ da stellte er ihm den barmherzigen Samariter als Muster vor und sagte: „Gehe hin und tue desgleichen!“ Dem reichen jungen Mann gab er den Rat: „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen und komm und folge mir nach“ und offenbarte ihm dadurch, wie wenig er die Gebote Gottes gehalten habe, während er den um ihrer Sünde willen Angefochtenen riet: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ – Wie grab war seine Kraft und Stärke! Ja, er „ging umher und machte gesund alle, die vom Teufel überwältigt waren“, öffnete den Tauben das Gehör, den Blinden die Augen und weckte die Toten auf. So bewies er sich als ein Prophet, mächtig in Taten und Worten, vor Gott und allem Volk. Erkennt ihr daraus, meine Zuhörer, mit welchen Gaben des Geistes nach seiner menschlichen Natur er ausgerüstet, wie mächtig er war, der als eine so schwache Rute aus dem Stamm Isai aufgegangen war? Aber groß ist er drittens auch nach seiner Regierung.

 

3.

    Der Prophet fährt fort: „Sein Riechen wird sein in der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten, nachdem seine Augen sehen, noch strafen, nachdem seine Ohren hören.“ Hat er den Messias bisher besonders als Propheten und Lehrer beschrieben, so stellt er ihn nun als König und Richter dar. Was heißt das: „Sein Riechen wird sein in der Furcht des HERRN“? Amos 5,21 spricht Gott: „Ich mag nicht riechen in eure Versammlungen“ oder eure Feiertage. Als Noah nach der Sintflut einen Altar baute und dem HERRN ein Brandopfer für seine Errettung aus der Flut darbrachte, roch der HERR, wie es 1. Mose 8 heißt, den lieblichen Geruch des Opfers, das heißt, er hatte Wohlgefallen daran, während er die Opfer, die ihm von seinem Volk an den großen Feiertagen zur Zeit des Propheten Amos dargebracht wurden, nicht riechen wollte, da sie nur äußerlich, ohne Gottesfurcht und Dankbarkeit, dargebracht wurden, so dass er Missfallen daran hatte. Das Wort „Riechen“ in unserem Text heißt daher, Wohlgefallen haben, so dass der Prophet sagt: Dieser Spross aus dem Stamm Isai wird sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN haben. Und weil er an dieser allein Wohlgefallen hat, darum wird er nicht richten, urteilen, nach dem, was äußerlich die Ohren hören und die Augen sehen, mit anderen Worten, nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach der gottesfürchtigen Gesinnung des Herzens. Auch wird er nicht nach dem Ansehen der Person richten, nicht gelten lassen, ob jemand mächtig, hoch, reich, geehrt ist, „sondern“, so lesen wir weiter, „wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die Elenden im Land“. Mit den Armen und Elenden sind die Untertanen seines Reiches gemeint. Jene sich die leiblich, besonders aber die geistlich Armen, wie er Matth. 5,3 spricht: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer“, die sich nicht selbstgerecht auf ihre Werke und Tugenden verlassen, sondern als arme Sünder allein auf die Gnade vertrauen; diese die Sanftmütigen, die dem Nächsten gegenüber gelinde sind, das Unrecht ertragen und sich nicht selbst rühmen. Diesen zum Besten wird er in Gerechtigkeit richten, ihnen, die oft unterdrückt werden, zum Recht verhelfen, wie es Ps. 72,4 heißt: „Er wird das elende Volk bei Recht erhalten und den Armen helfen.“ Und hast sich der HERR nicht überall der Armen und Elenden angenommen, nicht allein dadurch, dass er die Kranken gesund machte, sondern indem er auch für die eintrat, denen Unrecht geschah, wie für den von ihm sehend gemachten Blindgeborenen, den die Juden in den Bann getan hatten?

    Aber ebenso richtet er auch den Gottlosen mit Gerechtigkeit, denn er „wird mit dem Stab seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten“. Über sie wird er ein gerechtes Urteil fällen und ihnen nach ihren bösen Werken den gebührenden Lohn geben. Ein solches gerechtes Urteil war das Gericht über Jerusalem, wie er es verkündigt hatte, über seinen ungerechten Richter Pilatus, über Ananias und Sapphira, das durch Petrus gesprochen wurde. An dem letzteren sehen wir deutlich, was die Worte unseres Textes: „Mit dem Odem (oder Geist) seiner Lippen wird er den Gottlosen töte“ zu bedeuten haben, da sowohl Ananias wie seine Frau auf das bloße Wort des Petrus hin tot zu Boden fielen. Er bedient sich zu seinen Strafgerichten nicht weltlicher Waffen, sondern sein allmächtiges Wort ist der Stab, womit er schlägt, der Geist seines Mundes das Schwert, womit er tötet; und wo weltliche Waffen gebracht werden, wie bei der Zerstörung Jerusalems, da ist es doch sein Gericht, das durch seine Macht, nach seinem Wort, vollzogen wird.

    So tritt dieser seinem menschlichen Ursprung nach so Schwache als ein mächtiger und gerechter König auf, „dessen Gerechtigkeit“, wie es in der Schrift heißt, „der Gurt seiner Lenden ist und der Glaube (oder die Treue) seiner Nieren“, das heißt: wie die Vornehmen im Morgenland ihre langen Kleider mit einem kostbaren Gürtel um die Hüfte zusammenhielten, so ist er mit Gerechtigkeit und Treue oder Wahrheit umgürtet, mit diesen Tugenden geschmückt.

    Wohl allen Armen und Elenden in seinem Reich! Denn ihnen bringt und schenkt er die von ihm erworbene Gerechtigkeit und macht sie zu Königen schon hier auf Erden, die hier über Sünde und Tod, dort ewig aber mit ihm herrschen und regieren werden. Darum singen wir:

O wohl dem Land, o wohl der Stadt,

So diesen König bei sich hat!

Wohl allen Herzen insgemein,

Da dieser König ziehet ein!

Er ist die rechte Freudensonn,

Bringt mit sich lauter Freud und Wonn.

Gelobet sei mein Gott,

Mein Tröster früh und spat!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach dem Christfest ueber Jesaja 7,10-16: Das wunderbare Zeichen, das Gott dem Koenig Ahas gab

 

Jesaja 7,10-16: Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei unten in der Hölle oder droben in der Höhe. Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, dass ich den HERRN nicht versuche. Da sprach er: Wohlan, so hört, ihr vom Haus David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr die Leute beleidigt; ihr müsst auch meinen Gott beleidigen? Darum so wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel. Butter und Honig wird er essen, dass er wisse Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen zwei Königen.

 

    In Christus, unserem Immanuel, geliebte Zuhörer!

    Das eben vernommene Wort Gottes enthält eine der großen Verheißungen von Christus. Als diese Weissagung geschah, befand sich Ahas, König über das Reich Juda, in größter Not, da sich Rezin, der König von Syrien, und Pekach, der König von Samaria, gegen ihn verbündet hatten, Jerusalem belagerten und nichts Geringeres im Sinn hatten, als das Reich Juda unter sich zu teilen und den Sohn des Tabeal anstatt des Ahas zum König zu machen. Dadurch wurden der König und das ganze Volk so in Angst und Schrecken versetzt, dass sie bebten wie die Bäume im Wald, wenn ein Sturmwind durch sie dahinfährt. Da erhielt der Prophet Jesaja von Gott den Befehl, mit seinem Sohn Schear-Jaschub dem König Ahas, der sich am oberen Ende eines in Felsen gehauenen Wasserteichs befand, von dem aus die Stadt durch eine unterirdische Röhre mit Wasser versorgt wurde, entgegenzugehen und ihm zu sagen, dass er sich vor den beiden feindlichen Königen nicht fürchten, sondern unverzagt sein solle, weil ihnen ihr Plan nicht gelingen solle, da sie selbst zwei rauchende Löschbrände seien, angebrannte, rauchende Holzscheite, die ihre Reiche nicht ausbreiten, sondern in ihren Grenzen bleiben, dass das Reich Samaria aber im Lauf von 65 Jahren zerstört werden solle.

    Damit aber der König Ahas gewiss werde, dass diese tröstliche Verheißung des Propheten sich erfüllen werde, wurde er von ihm aufgefordert, sich ein Zeichen, sei es in der Hölle, sei es hoch in der Höhe, zu wählen. Ahas lehnte dies unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er damit Gott versuchen könne, ab. Das klang fromm und war doch gottlos; denn wie konnte er Gott durch Forderung eines Zeichens versuchen, da er von ihm selbst dazu aufgefordert wurde? Daher sprach der Prophet zu ihm: „Wohlan, so hört, ihr vom Haus David! Ist’s euch zu wenig, dass ihr die Leute beleidigt, ihr müsst auch meinen Gott beleidigen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.“

    Das sind die besonderen Umstände, unter denen die in unserem Text enthaltene Weissagung und Verheißung geschah. Sie wurde dem König Ahas und seinem Volk als untrügliches Zeichen gegeben, dass der Plan der beiden feindlichen Könige, das Haus David vom Thron zu stoßen, nicht ausgeführt werden solle. Betrachten wir denn jetzt in der Furcht Gottes:

 

Das wunderbare Zeichen, das Gott dem König Ahas gab

 

    Dieses Zeichen bestand darin, dass

1.                 Eine Jungfrau schwanger ist und einen Sohn gebären wird,

2.                 Dass sie diesen Sohn Immanuel nennen wird.

 

1.

    „Fordere dir ein Zeichen von dem HERRN!“ so, Geliebte, sprach Gott durch den Propheten zu dem König Ahas, „es sei unten in der Hölle oder droben in der Höhe.“ Welch eine Herablassung Gottes! Er hatte ja dem König gesagt: „Es soll nicht bestehen noch so gehen“, wie es die beiden feindlichen Könige im Sinn haben, nämlich dein Reich zu teilen, deiner Herrschaft ein Ende zu machen. Hätte ihm das nicht genug sein sollen? Des HERRN Wort ist ja wahrhaftig; was er zusagt, das geschieht und muss geschehen. Aber der HERR kennt das ungläubige Herz des Königs und lässt sich daher so weit herab, dass er ihn auffordert, zum Beweis dafür, dass die Feinde Jerusalem nicht erobern und seiner Regierung ein Ende machen werden, sich ein Zeichen zu fordern. Und noch mehr: Welche Freiheit in der Wahl des Zeichens gibt er ihm! Fordert er ein Zeichen tief unten in der Hölle, es soll geschehen; fordert er ein Zeichen hoch oben im Himmel, es soll ihm gegeben werden. Ähnlich hatte der HERR einst mit Gideon gehandelt, als dieser das Volk Israel von der Herrschaft der Midianiter befreien sollte. Dass er das schwere Werk wirklich ausführen werde, dafür erbat sich Gideon das Zeichen: Wenn er ein Fell mit Wolle auf die Tenne legen und dies über Nacht nass werde, während es auf der Erde ganz trocken sei, so wolle er daran erkennen, dass er die Befreiung seines Volkes ausführen werde. Der HERR gab ihm das Zeichen, und als Gideon, noch zweifelnd, aber demütig das gegenteilige Zeichen forderte, dass das Fell trocken bleibe, aber Tau auf der Erde sei, gewährte ihm der HERR auch das.

    Aber obwohl sich Ahas vor den beiden Königen fürchtete, und ihm zur Versicherung, dass er keine Ursache zur Furcht habe, irgendein vom ihm geforderten Zeichen angeboten wird, lehnt er das doch unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er Gott nicht versuchen wolle, ab und stößt damit die rettende Hand Gottes, die sich ihm zum letzten Mal entgegenstreckt, zurück. Er hatte, wie der Prophet sagt, nun auch Gott müde gemacht wie vorher schon den Propheten. Hatte Gott alles, aber vergeblich, getan, um den abtrünnigen König und sein Volk von ihrem Unglauben zurückzubringen, so zieht er nun seine Hand von ihnen ab und lässt sie ihrem Verderben entgegengehen.

    Indessen, hat Ahas sich geweigert, ein ihm von Gott angebotenes Zeichen zu fordern, so gibt ihm nun Gott selbst ein Zeichen, dass das Reich Juda noch nicht zugrunde gehen soll. Warum, so fragen wir, wollte ihm Gott trotz allem dafür ein Zeichen geben? Wir finden die Antwort im elften Vers des 132. Psalms: „Der HERR hat David einen wahren Eid geschworen, davon wird er sich nicht wenden: Ich will dir auf dienen Stuhl setzen die Frucht deines Leibes.“ Diese David mit einem Eid bekräftigte Verheißung lautet 2. Sam. 7,12.13: „Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leib kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen ewiglich.“ Das sin dieser Zusage nicht etwa von Salomo die Rede ist, geht deutlich daraus hervor, dass Gott diesen Samen Davids erst dann erwecken will, wenn David schon gestorben ist, mit seinen Vätern schlafen liegt. Salomo aber war schon zwanzig Jahre alt, als David starb. Dieser noch zukünftige Same war vielmehr der verheißene Messias, und dessen Königreich, so verheißt der HERR, wolle er ewig bestätigen. Nun war aber dieser Messias und König zur Zeit des Ahas noch nicht geboren, und darum konnte und durfte, so gewiss Gott den David geschworenen Eid halten musste, das Geschlecht David nicht vom Thron gestürzt und das Reich Juda nicht zerstört werden, bis die David gegebene und beschworene Verheißung erfüllt war. Also, weil Gott als der Wahrhaftige seine Verheißungen und besonders die David beschworene erfüllen musste, deshalb gab er Ahas zum Zeichen, dass das Reich Juda noch fortbestehen werde, die in unserem Text enthaltene herrliche Verheißung.

    Diese Verheißung lautet zunächst: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Eine wunderbare Verheißung! Es heißt nicht: eine Frau, auch nicht: eine junge Frau ist schwanger; denn wenn eine solche schwanger wird und einen Sohn gebiert, so ist das kein besonderes Zeichen für etwas, was geschehen oder nicht geschehen soll, weil das infolge des Segens, den Gott auf den Ehestand gelegt hat, auf natürliche Weise fort und fort geschieht. Dieses von den HERRN gegebene Zeichen soll aber etwas Wunderbares sein, etwas, was nicht nach dem natürlichen Lauf, sondern allein durch Gottes Allmacht bewirkt werden kann. Und ein solches alle Kräfte der Natur übersteigendes und der menschlichen Vernunft unbegreifliches Zeichen gibt Gott hier, indem er spricht: „Siehe eine Jungfrau ist schwanger.“ Eine Jungfrau, die von keinem Mann berührt ist, die ist durch ein von Gott gewirktes Wunder schwanger. Dies allein sagt das Wort, welches in der Grundsprache für unser Wort Jungfrau steht. Und zwar heißt es eigentlich die, das ist eine von Gott ersehene, erwählte Jungfrau, die ist schwanger und soll einen Sohn gebären. Aber war diese Verheißung bis dahin etwas ganz Neues und Unbekanntes, nicht vielmehr schon in der ersten Verheißung von dem Weibessamen enthalten und angedeutet, der der Schlange den Kopf zertreten sollte? In dieser Verheißung heißt es ja nicht: des Mannes, sondern: der Frau Same soll der Schlange den Kopf zertreten, über die Frau hatte Satan durch die Versuchung zuerst Macht bekommen, durch den Samen der Frau soll ihm nach Gottes gerechtem Gericht die Macht wieder genommen werden. Und diese schon in der ersten Weissagung enthaltene Verheißung ist in den Worten „Eine Jungfrau ist schwanger“ wiederholt, aber näher bestimmt, da gesagt wird, dass der Same der Frau nicht auf natürliche, sondern durch ein von Gott gewirktes Wunder von einer Jungfrau geboren werden wird.

    Dass dieses und kein anderes das rechte Verständnis dieser Weissagung ist, erkennen wir aus Matth. 1,18, wo es heißt: „Die Geburt Christi war aber so getan: Als Maria, seine Mutter, dem Joseph vertraut war, ehe er sie heimholte, fand sich’s, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.“ Und als Joseph sie deswegen verlassen wollte, erschien ihm der Engel des HERRN im Traum und sprach zu Ihm: „Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria dein Gemahl zu dir zu nehmen, denn was in ihr geboren ist, das ist von dem Heiligen Geist.“ Und Lukas sprach der Engel zu Maria, der zur ihr gesandt wurde, um ihr die Botschaft zu überbringen, dass sie von Gott erwählt sei, die Mutter des verheißenen Heilandes zu werden: „Siehe, du wirst schwanger werden im Leib und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. Der wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden.“ Als Maria staunend fragte: „Wie soll das zugehen, da ich von keinem Mann weiß?“ da antwortete der Engel: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.“ Daher bekennen wir den aufgrund des klaren Schriftwortes von unserem HERRN: „Empfangen von dem Heiligen Geist“ und darum nicht wie alle anderen Menschen in Sünden empfangen und geboren, sondern heilig, unschuldig, von den Sündern abgesondert. Und nur der Heilige konnte der Sünder Heiland sein; denn vor dem heiligen Gott ist alles von Sünden Befleckte verwerflich. Aber obwohl durch seine heilige Empfängnis und Geburt von den Sündern abgesondert, doch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, unser Bruder, der menschlichen Natur teilhaftig.

    Fragen wir: Wie konnte Christus als wahrer Mensch durch Wirkung des Heiligen Geistes von einer Jungfrau geboren werden? so lautet die Antwort: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Oder sollte der Gott, der Himmel und Erde durch sein Wort aus nichts hervorgebracht, der den ersten Menschen aus einem Erdenkloß so wundervoll gebildet, Eva, die Mutter aller Menschen, aus der Rippe Adams gebaut und den Leib Adams durch seinen Hauch zu einem lebenden Wesen gemacht hat, nicht auch die so wunderbare Empfängnis und Geburt des verheißenen Heilandes bewirken können? Wer kann die natürliche Empfängnis und Geburt eines gewöhnlichen Menschen begreifen? Wenn nun diese ein unbegreifliches Geheimnis und Wunder Gottes ist, wer kann dann, wenn er noch an einen allmächtigen Gott glaubt, die wunderbare Geburt des Heilandes leugnen? Konnte der Gott, der solch eine wunderbare Empfängnis und Geburt bewirkt, nicht auch die Anschläge der beiden Könige vernichten?

    Doch wir gehen zum zweiten Teil des wunderbaren Zeichens in unserem Text über, dass dieser von der Jungfrau geborene Sohn von ihr Immanuel genannt wird.

 

2.

   „Den wird sie heißen Immanuel“, setzt der Prophet hinzu. Das Zeichen besteht nicht allein darin, dass dieser Sohn von einer reinen Jungfrau geboren, sondern auch darin, dass er Immanuel, das heißt, „Gott mit uns“, genannt werden wird. Wie ist aber dieser Name Immanuel, Gott mit uns, zu verstehen, von seinem Amt oder von seiner Person? Haben wir ihn von seinem Amt oder Werk zu verstehen, so wäre damit nur gesagt: Gott ist mit uns, ist uns gnädig, er will und wird uns aus allen Nöten erretten, schützen und bewahren, denn er ist der Allmächtige; darum haben wir keine Ursache, uns zu fürchten, sondern können getrost und sicher sein, wie es Ps. 46 heißt: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ Aber wenn der Name Immanuel nur dies besagen sollte, warum musste er denn von einer Jungfrau geboren werden, warum nicht auf natürliche, sondern auf übernatürliche, wunderbare Weise? Als Gott Mose den Befehl gab, zu Pharao zu gehen, und dieser antwortete: „Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten?“ sprach der HERR nicht zu ihm: „Ich will mit dir sein“? Sprach er nicht zu Josua, als dieser an Moses Stelle treten sollte: „Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tust“? War er nicht mit Gideon, als dieser Israel von den Midianitern befreite, mit Simson gegen die Philister, mit Petrus und Johannes, als er sie durch seinen Engel aus dem Gefängnis führte? Mit diesen allen war der HERR, obwohl sie nur sündige Menschen waren. Haben nicht alle Gläubigen die Verheißung (Jes. 43): „So du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht anzünden. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir“? Wenn der Name Immanuel nur diesen Schutz, diese Hilfe, allen Gläubigen verheißen, bedeutete, wäre dann seine Geburt ein außerordentliches Zeichen, ein Zeichen aus der Tiefe und der Höhe? Wenn sie aber dieses sein sollte, wie deutlich aus dem ganzen Text hervorgeht, so kann dieser Name nur Bezeichnung der Person sein, eine Aussage, was und wer dieser Sohn der Jungfrau ist, das heißt, in diesem in so wunderbarer Weise empfangenen und geborenen Sohn der Jungfrau hat Gott selbst Fleisch und Blut angenommen, ist Gott Mensch geworden. Das war es, was der Engel Gabriel Maria sagte, als er ihr die heilige Empfängnis ankündigte: „Du wirst einen Sohn gebären, … der über das Haus Jakobs ein König sein wird ewiglich; und seines Königsreichs wird kein Ende sein.“ So singen wir mit Recht:

Des ewgen Vaters einig Kind

Jetzt man in der Krippe findt;

In unser armes Fleisch und Blut

Verkleidet sich das ewige Gut.

 

Was kann euch tun die Sünd und Tod?

Ihr habt mit euch den wahren Gott.

Lasst zürnen Teufel und die Höll,

Gotts Sohn ist worden eur Gesell.

    Diesen Immanuel beschreibt nun der Prophet in den Worten: „Butter und Honig wird er essen, dass er wisse, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen.“ Obwohl wahrer Gott, ist er doch auch wahrer Mensch; denn er wird als ein kleines Kind von der Jungfrau geboren, und als ein wahres Menschenkind hat er sich entwickelt wie gewöhnliche Kinder. Wie diese musste er wachsen, zunehmen an Erkenntnis, Verstand und Unterscheidungsvermögen, wie Lukas berichtet: „Das Kind wuchs und wurde stark im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm“ und: „Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Zu dieser natürlichen Entwicklung eines Kindesalters bedurfte er der Speise, redet der Prophet, indem er sagt, er werde Butter (oder Dickmilch) und Honig essen, wenn er das Alter erreicht habe, in dem er lerne, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. Aber soll mit dieser Angabe, dass Butter (oder Dickmilch) und Honig des Immanuels Speise werden, nur gesagt sein, dass er als wahrer Mensch auch natürlicher Speise bedürfe? Das ist doch schon damit gesagt, dass er der Jungfrau Sohn ist. Als solcher musste er, wie kleine Kinder, auch an seiner Mutter Brust liegen und ihre Milch seine Speise sein lassen und dann, größer geworden, auch härtere Speise genießen. Aber warum gerade Butter und Honig? Die Antwort lautet im folgenden Vers: „Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen Königen“, mit anderen Worten: Noch ehe der Knabe Immanuel das Alter erreicht, in dem er die Fähigkeit hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, werden die beiden Reiche Syrien und Samaria, die damals Jerusalem bedrohten, von ihren Einwohnern verlassen sein.

     Aber weissagte Jesaja nicht etwa 730 Jahre vor der Geburt des HERRN, so dass ein weiter Zeitraum zwischen Verheißung und Erfüllung lag? Und wie konnte die nach so langer Zeit erst erfolgte Geburt des Immanuel ein Zeichen dafür sein, dass jene beiden feindlichen Könige ihren Plan nicht ausführen sollten? Die Antwort lautet zunächst: Mit etwa drei Jahren fängt ein Kind an, Gutes und Böses zu unterscheiden und feste Speisen zu genießen. Und innerhalb drei Jahren waren Syrien und Samaria von ihren Königen verlassen; denn schon ein Jahr nach dieser Weissagung erschien der König von Assyrien, eroberte Samaria und führte einen großen Teil der Bewohner in die Gefangenschaft. Im dritten Jahr wurde Syrien dasselbe Schicksal von ihm bereitet, und beide Könige wurden getötet. Aber auch Ahas und das jüdische Volk bekamen die Hand des assyrischen Königs zu fühlen; sie wurden von ihm abhängig und mussten schweren Tribut zahlen. Das war die gerechte Strafe dafür, dass Ahas das ihm angebotene Zeichen nicht fordern wollte. Hätte er es gefordert, und es wäre ihm, woran kein Zweifel ist, gegeben worden, so hätte er auf die Hilfe des Königs von Assyrien verzichten müssen; das aber wollte er nicht, weil er mehr auf den als auf Gott vertraute. Er rief ihn herbei und wurde mit seinem Land von ihm bedrückt und geknechtet.

    Sodann ist wohl zu beachten, dass Jesaja nicht sagt: Sie, die Jungfrau, wird, sondern ist schwanger, also das in der Zukunft liegende als gegenwärtig erblickt, wie er ja auch von der Geburt des HERRN Kap. 9 ausruft: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben“ und ihn im 11. Kapitel als gegenwärtigen Herrscher schaut, nach dem die Heiden fragen. Wenn er daher sagt: „Ehe der Knabe lernt, Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor die graut, verlassen sein von seinen zwei Königen“, so verkündigt er damit: Wie von der Empfängnis und Geburt des Immanuel bis zu der Zeit, da er anfängt, Böses und Gutes zu unterscheiden, etwa zwei bis drei Jahre liegen, so werden die zwei Könige und deren Länder innerhalb von drei Jahren getötet und verwüstet sein – eine Weissagung, die innerhalb dieser Zeit buchstäblich durch den König von Assyrien in Erfüllung ging.

    Überblicken wir die Umstände, unter denen dem König Ahas dies wunderbare Zeichen in seiner Bedrängnis gegeben wurde, welche wichtige Lehren sind uns damit gegeben! Lasst mich nur einige herausheben. Wir sehen, schon im Alten Testament wurde in klaren Worten verkündigt, dass der Heiland der Welt wahrer Mensch und wahrer Gott in einer einigen Person, ein allmächtiger Erlöser sein wird, der uns von Sünden und Tod erlösen kann und wird. Daher bekennen wir fröhlich: Jesus Christus ist wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, mein HERR. Wir sehen ferner: Das Wort Gottes, ob Verheißung oder Drohung, fehlt nicht, sondern muss bis auf den letzten Titel erfüllt werden. Sodann: Wer sich auf Menschen und deren Macht verlässt, wie der König Ahas, stützt sich auf einen Rohrstab, der ihm die Hand durchbohrt, führt sein Unglück selbst herbei; wer aber auf den HERRN vertraut, hat wohl gebaut. Wer glaubt, der bleibt; wer nicht glaubt, bleibt nicht. Endlich: Nehmen wir es ja mit jedem Wort Gottes ernst, sei es Lehre oder Ermahnung, Trost oder Strafe! Wer dies Wort verachtet, der verderbt sich selbst; wer sich aber im Glauben daran hält, es seines Fuße Leuchte sein lässt, bleibt ewig. Der HERR aber erhalte uns bei seinem Wort um unseres hochgelobten Immanuel willen! Amen.

 

Predigt zum Altjahrsabend ueber 1. Johannes 1, 8: Verfuehre dich nicht selbst wegen deiner Suende

 

Probepredigt

des

Candidaten der Theologie

Johann Konrad Wilhelm Löhe aus Fürth,

über 1. Joh. 1, 8:

So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.

Als Predigt zum Altjahrsabend.

Entnommen aus Deinzers Biographie über Löhe, Bd. 1, S. 207 ff.


    Die Glieder einer Gemeinde sind verschieden. Etliche sind wiedergeboren, etliche sind erweckt, und viele sind, die von Wiedergeburt und Erweckung Nichts wissen, die nur mit dem äußern Ohr der Predigt zuhören, aber in ihrem Herzen die himmlische Berufung noch nicht vernommen haben. Ihnen allen soll die Predigt den nötigen Dienst leisten. Die Schlafenden und Todten sollen durchs Wort des Herrn zum neuen Leben erweckt, die Erweckten zur Wiedergeburt gefördert, und die Wiedergeborenen in dem neugeborenen Wesen gestärkt und befestiget werden. Für die Einen ist dieser, für die Anderen jener Text dienlicher, und es ist des Predigers Amt, Gottes Wort unter die Verschiedenen recht zu teilen.

    Unser Text nun gehört für Wiedergeborene, denn er ist von Johannes selbst an Wiedergeborene geschrieben: Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Gottes Geist gesalbt sind die, an welche Johannes schreibt. Auch passt der Text nur für Wiedergeborene. Er ist ein warnender Unterricht von der Verleugnung der Sünde, weil die Verleugnung der Sünde ist:

1) eine Verführung seiner selbst vom rechten Weg zum Leben und

2) ein Verlust der Wahrheit aus dem Herzen.

 

   Wer nun die Sünde nicht erkannt hat, verleugnet sie auch nicht, wenn er sagt: „Ich habe keine Sünde“; – wer nicht auf dem rechten Weg zum Leben wandelt, wird auch nicht von demselben abgeführt und verführt; – wer die Wahrheit nicht im Herzen trägt, kann sie auch nicht verlieren. Seine Sünde aber erkennen, den Weg zum Leben wandeln, die Wahrheit in sich tragen, sind lauter Zeichen der Wiedergeborenen. So gehört denn unser Text und die Auslegung desselben, mit der sich unsere Predigt beschäftigen soll, für Wiedergeborene. Die Erweckten aber, und welche erst erweckt werden sollen, mögen, was ich sagen werde, getrost mit ihres eigenen Herzens Zustand vergleichen; vielleicht gibt Gott, dass auch ihnen Etwas zur Förderung diene.

    Ihr aber, begnadigte, wiedergeborene Christen, seid ja gedemütigt durch den Geist eures Gottes und verwerfet ja auch die Lehre, Warnung und Ermahnung nicht, die euch von den Kindern dieser Welt gegeben wird. Darum werdet ihr es auch vertragen, wenn ich aus Begierde, den Text, der euch gehört, euch darzubringen, in der Predigt fehle. Denn ich kann vor euch nicht predigen, sondern nur lallen von geistlichen Dingen, weil ich euch nicht gleich bin in der Wiedergeburt. Doch ist mein Lallen aus gutem Willen, Gott zu Ehre, euch zu Liebe.

 

I.

    Johannes sagt im ersten Theil unseres Textes: So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst. Verführen heißt: vom rechten Weg, der zum bestimmten Ziele führt, abführen auf einen anderen falschen Weg, auf dem man nie zum Ziele kommt. Wer also seine Sünde verleugnet, kommt von dem rechten, sichern Wege ab, verliert die Aussicht auf das selige Ziel und Ende dieses Weges und dazu die Hoffnung es zu erreichen.

    Ihr, die ihr jetzt auf der richtigen Straße dem ewigen Ziele zu wandelt, Heilige und Geliebte, wiedergeborene mit Gottes Geist gesalbte Kinder Gottes! Ihr sehet vor euch das goldene Ziel eures Weges; ihr wisset, wohin ihr geht! – nämlich zur Stadt, die einen Grund hat von Gott erbauet, zur ewigen Heimat, mit der auch jedem von euch, der dahin gelangt, die seinige bereitet ist! Ihr kennet das Ziel! – Und den rechten sichern Weg dahin kennt ihr auch! „Ich bin der Weg“ spricht unser Herr Jesus. Ja, er ist’s auch, euer Weg, Jesus der Gesalbte, der Prophet und Priester und König, mit den reichen Segnungen seines dreifachen Amtes. Ihr wisset den Weg, ja, für jetzt wandelt ihr auch auf ihm: und eure Füße, damit ihr auf ihm wandelt, sind der Glaube. Ihr glaubt an Jesus! ihr wandelt den rechten Weg.

    Aber beharret auf diesem Weg, seid standhaft im Glauben an Jesus und Sein heiliges Verdienst: Gott mach’ euch standhaft, Sein heiliger Geist erhalte euch im Glauben! – Denn was hilft’s, eine kleine Weile auf dem rechten Pfad gewandelt, eine kurze Zeit geglaubt zu haben?

    Nur wer im Glauben, nur wer auf dem rechten Pfad bis in den Tod beharret, nur der wird das Ende seines Glaubens davon bringen, nur der das Ziel seines Weges erreichen, nämlich der Seelen Seligkeit in der ewigen Stadt.

    Wer aber nicht beharret, wer abkommt von dem einzig rechten Weg Jesu, der kommt zu diesem seligen Ziele nicht! Den Weg hat er verloren, so ist ihm das Ziel entrückt. Wie ein verlorenes Schaf weiß er nicht, wohin er geht, er gehe, welchen Weg er will. Jeder Weg, der nicht Jesus heißt, ist ein Irrweg, ohne Jesus, ohne den Weg, der Wahrheit und Leben ist, geht man immer nur der ewigen Finsternis, dem ewigen Tode zu.

    Vor solcher ewigen Finsternis, vor diesem ewigen Tode möcht’ euch euer Gott in Gnaden bewahren, möcht’ euch gerne sicher zu seiner ewigen und seligen Ruhe bringen.

    Darum hat Er auch den rechten Weg offenbaret, und euch auf ihn versetzt, darum offenbaret Er euch auch in unserem Text, worin die Verführung von dem einzig rechten Weg bestehet, damit ihr euch gegen sie mit Wachen und Beten besser rüsten könnet! Das ist die Verführung, Geliebte! dass ihr saget: „Wir haben keine Sünde“, dass ihr eure Sünde verleugnet.

    Und das ist wahr. Ja, so wahr in keinem Andern Heil, auch kein anderer Name den Menschen gegeben ist, darin sie sollen selig werden, ja so wahr Jesus der einzig wahre Weg zur Seligkeit ist, so wahr ists, dass die Verleugnung der Sünde die Verführung ist, dadurch wir diesen einzig wahren Weg verlieren.

    Gott hat alle Welt beschlossen unter die Sünde, auf dass Er sich Aller erbarme in Christus Jesus.

    Alle Menschen, die in die Welt kommen, müssen Gott darin Recht geben, dass sie Sünder sind, nur dann haben sie Teil an Jesus Christus und seinem Heil. Aus unbegreiflicher Liebe zu den Sündern, nicht zu den Gerechten, die Sünder selig zu machen von ihren Sünden, hat sich der eingeborene Sohn seiner Herrlichkeit entäußert und Knechtsgestalt angenommen.

    Die Sünde hat Er getragen in Seinem Tod am Kreuz, die Sünder vom Fluch befreiet, eingeladen zu Seinem Reich, „Sünder sind Sein Himmelreich!“

|   Ist aber Christus für Sünder in die Welt gekommen, sind Sünder Sein Himmelreich, so kann freilich an Ihm, an Seines Reiches Seligkeit keinen Anspruch machen, wer kein Sünder sein will, sondern sagt: „Ich habe keine Sünde!“ Er hat ja keine Sünde, was geht also ihn Jesus an, der Sünder Heiland? Was Jesus, die Versöhnung für unsere Sünde? Was das Lamm Gottes, um unserer Missetat willen verwundet, um unserer Sünde willen zerschlagen? Er hat keine Sünde, er ist ja selbst gerecht; wozu für ihn das blutige Sühnopfer, wozu für ihn die fremde zugerechnete Gerechtigkeit Jesu Christi, des Gerechten?

     So verwirft die Welt den einzigen Weg zur Seligkeit, den ihr Gottes höchste Weisheit selbst erfunden hat. Sie will Jesus, sie will den Weg Gottes ihren Augen nicht gefallen lassen, billig kommt sie also auch nicht zum Ziele dieses Weges, zu der ewigen seligen Ruhe Gottes in Christus Jesus.

 Dass nun die Welt der ewigen Seligkeit verlustig geht, ist nicht zu verwundern. Ihr ist kein neuer Sinn gegeben zur Erkenntnis ihrer selbst und Jesu; ihre Augen sind gehalten, ihre Sinne und ihr Herz umnebelt und gefangen vom Gotte dieser Welt, dass sie in Jesus den einzig wahren Weg nicht erkennen kann.

    Aber dass die, die schon erkannten ihre Sünde, und gewaschen waren von derselben, und versetzt durch Gnad’ und Glauben auf den rechten Weg, die schon von fern gesehen und gegrüßt hatten das herrliche Ziel des Weges und geschmeckt den Vorschmack der ewigen Seligkeit, dass die Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Seinem Geist gesalbt, dass ihr, ihr gesalbten Kinder Gottes, – ihr eure Sünde und mit ihr die Notwendigkeit des Opfers Jesu für euch wiederum verleugnen solltet; – das hätt’ ich nimmermehr für möglich gehalten, wenn nicht Johannes in unserm Texte eures Gleichen, Kinder Gottes, davor warnte!

    Weil’s aber so ist, weil der Geist, der in Johannes lehrte, jene hohen Christen, denen’s bei ihrem schmalen Weg Jesu bereits so wohl geworden war, doch noch für verführbar hält, – freilich ja! so seid auch ihr Geliebte! noch nicht so fest auf dem rechten Weg, dass ihr nicht verführbar wäret.

    Ich sah davor in euch heilige Vorbilder auf dem Weg zur Seligkeit; ich sah euch ausgerüstet mit den Gütern der Gnade Gottes, mit Kraft von oben zu beharren auf dem rechten Weg. O! dacht’ ich, dass du wärest, wie deren einer, diese werden beharren, diese kann Nichts verführen, diese gelangen gewiss zum ewigen Ziel! O, sagte ich, wie wird die Fülle der Gnade sie demütigen, wie tief werden sie dadurch gegründet werden in der Erkenntnis ihrer Unwürdigkeit und Sünde, wie werden sie Gott die Ehre geben, wie wird aus ihrem Herzen, von ihren Lippen nie das Bekenntnis weichen: Ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die du, Herr, an mir tust! „Und siehe!“ – Und siehe! Ich muss erfahren aus Gottes Wort, dass auch ihr die Warnung vor dem Fall bedürfet, – dass auch ihr Jesus und Sein Verdienst verlassen, euer Verdienst erheben, eure Sünde verkleinern, stolz, selbstgerecht werden und sagen könnet: „Wir haben keine Sünde!“ – Ja denn, wenn ihr’s tut, wenn ihr euch selbst verführt vom wohlerkannten, wohlbetretenen rechten Weg; siehe! so ist eure Verdammnis ganz recht! Ihr seid dann doppelter Streiche wert, über euch muss ein schwererer Fluch erfüllt werden, als selbst über Kapernaum, die am meisten Seiner Taten gesehen und sich doch nicht bekehret hat! denn ihr wart bekehret, ihr liefet fein auf dem lebendigen Weg, ihr hattet Kraft von oben auf ihm zu beharren, und habt ihn samt seinem ewigen Ziele nichts geachtet!

    O, so verleugnet doch eure Sünde nicht, Geliebte! Betet um Demuth, betet, dass ihr immer kleiner, immer unmündiger vor Gott werden, immer brünstiger das Bekenntnis der Gerechtigkeit allein aus Seiner Gnade vor ihm tun mögt!

    So werdet ihr doch bewahret bleiben, so werdet ihr doch entrinnen dem schrecklichen Gerichte Gottes über die Verleugnung der Sünde, dass sie ewig bleiben muss, was sie ist, eine Selbstverführung vom erkannten rechten Weg, eine immer weitere Entfernung von dem goldenen, seligen Ziel des Christenlaufs, endlich ein ewiger Verlust der seligen Ruhe Gottes in der Heimat.

 

II.

 Wir haben nun nach dem ersten Theil unseres Textes die Verleugnung der Sünde betrachtet als eine Selbstverführung. Im zweiten Theil des Textes sagt Johannes: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit nicht in uns.“ Die Verleugnung der Sünde ist sonach zweitens ein Verlust der Wahrheit aus unserm Herzen.

    Wenn Johannes von der Wahrheit redet, redet er nicht von ihr, wie die Welt von ihr redet. In der Welt hat ein Jeder seine eigenen Gedanken von der Wahrheit, Jedem gilt etwas Anderes für Wahrheit, aber kein Weltkind kennt sie selbst, keines hat sie selbst gefunden. Die Welt hat keinen Sinn für die Wahrheit. Es geht ihr wie Pilatus, sie sucht die Wahrheit, und wenn die Wahrheit endlich lebendig zu ihr kommt, fragt sie doch noch verlegen: Was ist Wahrheit? Nicht so Johannes. Er kennt die Wahrheit, er hat sie gesehen und beschauet mit seinen Augen, betastet mit seinen Händen, sein Haupt hat an ihrer Brust geruht, und mehr als das, sein Herz hat an sie geglaubt und sie geliebt. Ihr merket, was ich sagen will: „Jesus ist die Wahrheit.“

    Zwar ist Jesus nicht mehr leibhaftig auf Erden, die Wahrheit ist in Jesus aufgefahren in den Himmel. Aber durch Seinen Geist wohnet sie dennoch auf Erden, nämlich in unserm Herzen. Sein Geist lehrt uns Ihn kennen, an Ihn glauben und in Liebe mit Ihm verbunden bleiben. Sein Geist lehrt uns auch Alles, was zu seinem Reich gehört. Wo Sein Geist in einem Herzen wohnet, da ist das Herz mit Wahrheit erfüllt, da ist im Herzen die Erkenntnis göttlichen Wortes ausgegossen, wie eine köstliche Salbe, da ist das Herz mit heiliger Wahrheit gesalbt, irret und lüget nicht. Das ist die Wahrheit, die unser Text meint. Diese Wahrheit aber, dieser Geist der Wahrheit flieht, und die Salbung des Herzens höret auf, wo man wieder seine Sünde leugnet. So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit schon nicht mehr in uns.

    Wie unser Text sagt, so ist’s ihr Lieben! Denn ehe uns der Geist von der weitern Wahrheit unterrichten, ehe Er in uns die Gerechtigkeit Jesu, der zum Vater ging, und den Sieg Jesu über Teufel, Welt und Sünde verklären kann, muss Er zuerst unser eigenes Wesen in Seinem Licht uns sehen lassen, uns überzeugen, dass wir Sünde haben. Die Erkenntnis der Sünde ist der Anfangsgrund der Wahrheit.

    Ist aber die Erkenntnis der Sünde der Anfangsgrund der Wahrheit, so muss ja dem die ganze Wahrheit fehlen, der nicht ihren ersten Anfang, der nicht die Erkenntnis der Sünde in sich hat. Und wer, nachdem der König der Wahrheit mit allen seinen Gaben, mit seinem ganzen Reich in ihm eingezogen ist, nachdem die Wahrheit schon Wohnung in ihm gemacht hat durch den heiligen Geist, – wer danach den Anfang der Wahrheit, die Erkenntnis der Sünde verliert, und sagt, er habe keine Sünde, der verliert mit dem Anfang der Wahrheit die ganze Wahrheit, das ganze Reich der Wahrheit samt ihrem König Jesus aus dem Herzen.

    Hier mögen sich prüfen, die sich lassen dünken, sie wissen Wahrheit und tragen sie in sich, – die unbekehrten, weltlich-weisen Leute meine ich. Was nützt ihnen ihr Wissen, was alle tiefen und mühsamen Untersuchungen über „das Wesen der Wahrheit“, wenn sie nicht den ersten Anfangsgrund der Wahrheit gelernt, wenn sie nicht gelernt haben, dass sie in Sünden empfangen und geboren und dem Gesetz der Sünde untertan, in sich selber finster, ferne von der Wahrheit Gottes sind? Ein demütiges, zerbrochenes Herz – das ist allein der Boden, auf dem ein wahres Wissen keimet. Wisse was und so viel Du willst, wenn’s nicht auf den ersten Grundsatz alles Wissens, auf die Erkenntnis der Sünde gegründet ist, bläst es Dich und die Dich hören, doch nur auf und dient euch nicht zum Frieden.

   Das ist der Weisheit Anfang, dass ein Mensch seine Sünde erkennt und sich fürchtet vor Gott, dem Herrn. Das ist der erste Strahl des anbrechenden Tages der Wahrheit, der Dir die Nacht der Sünden mit allem ihrem Grausen offenbart. Wer aber seine Sünde leugnet, wer sagt, er habe keine Sünde, der weiß das Erste nicht, das man wissen muss, in dem ist auch der erste Strahl der Wahrheit nicht, sondern eitel finstre Nacht.

    Darum, Geliebte! die ihr jetzt noch der Wahrheit Raum gebt und dem Geiste, der euch von der Sünde in euch predigt, noch nicht widersprechet, widersprechet ihm nie! Verleugnet nie die erste Wahrheit des Heiligen Geistes, verleugnet eure Sünde nie; denn wie wir gehöret haben, wer diese Wahrheit leugnet, vertreibet alle Wahrheit aus dem Herzen.

    Zwar kommt man nicht gleich von der vollen Erkenntnis der Sünde, wie ihr sie jetzt habt, zu der gänzlichen Verleugnung derselben, mit der die Wahrheit von uns weicht. Aber nach und nach kann’s dahin kommen.

    Es ist die Verleugnung der Sünde inwendig und verborgen: noch betrübt sich Dein eignes Herz, wenn Dein alter Mensch sich wieder heben, diese oder jene Deiner alten oder neuen Sünden leugnen will; noch zeugt der Heilige Geist in Dir laut gegen diese innere Verleugnung Deiner Sünde, und Du würdest es noch nicht über Deine Lippen bringen können, zu behaupten: „Diese oder jene meiner Sünden ist keine Sünde!“ Aber gib ihr nur nach, dieser Lust, Deine Sünde zu verleugnen, o wie wird dann die Sünde der Verleugnung so schnell in Dir wachsen, wie wird ein Geist der Verleugnung in Dir Überhand gewinnen, und Dich verblenden über alle Sünde, – wie wird Dein Herz immer kecker, immer freventlicher dem Geist der Wahrheit widersprechen, immer zügelloser der Lüge sich überlassen, immer verstockter bei sich selber sprechen: „Ich habe keine Sünde! es ist nicht so arg mit der angeborenen Sünde und Sündenlust; auch hab’ ich ihr nicht so oft nachgegeben, als ich dachte; es ist vieles gar keine Sünde, das ich vor Kurzem noch für Sünde hielt!“ – Schon ist Dein Herz voll Verleugnung der Sünde, bald wird Dein Mund davon übergehen. Je lauter Du der Stimme des Geistes, die Dich straft um Deine Sünde, widersprichst, desto leiser lässt sie sich in Deinem Herzen hören. Endlich schweigt sie! Jetzt kannst Du’s ohne Störung heraussagen, was Du meinst: „Ich habe keine Sünde!“ Die Welt wird sich freuen, dass Du in ihre Losung einstimmst, sie wird Dich stärken in Deiner Behauptung. –

    Aber die Wahrheit ist entflohen, der Geist der Wahrheit ist von Dir gewichen, die Erkenntnis der Wahrheit in Dir ist Nacht, Dein Herz ist in Lügen gefangen. Das Ende der Verleugnung der Sünde ist in Dir erfüllt, der Verlust der Wahrheit ist in Dir völlig worden. Johannes hat Dir’s in unserm Text geweissagt, nun ist’s geschehen. –

    O, wenn Du Dir dann vorkämest, wie ein Engel des Lichts so hell und klar, Du bist doch ohne Licht und aller Lüge voll, wie ein Engel der Finsternis. Gott weiß es, die heiligen Engel und Deine Brüder, die in der Wahrheit geblieben sind, wissen es, und weinen über Deinen Abfall, Deinen Tod. Nur Du siehst Deine Finsternis und Deinen Tod nicht, Du bist der Welt wieder gleich worden, die auch ihre Sünde leugnet, damit sie desto ungestörter sündigen könne. Du bist, wer Du warst, ehe Du Dich bekehrtest, ja Deine Finsternis ist ärger, denn zuvor. –

    Darum, Geliebte! fürchtet solche Finsternis, wachet über eure Seelen! gebt dem ersten Gedanken, der eure Sünde verkleinern oder leugnen will, mit Abscheu und Grauen den Abschied, er ist nicht vom Geist der Wahrheit. Lasset ihn nicht aufkommen in eurer Seele! Ihr wisset nun, er ist der erste Schritt zum gänzlichen Verlust der Wahrheit!

 



   Wir haben gesehen, Geliebte: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns!“ Jetzt sind freilich Viele, welche sagen: „Wir haben keine Sünde“, – und wer seine Sünde bekennt, gilt jetzt als für verführt, in ihm ist keine Wahrheit, er ist in Aberglauben und Finsternis versunken. Man leugnet die Erbsünde und angeborene Sündenlust, die Sünde ist höchstens eine böse Gewohnheit oder Schwachheit, um deren Willen ein guter Vater in dem Himmel Keinem die ewige Seligkeit missgönne. – Aber was ist’s? Soll etwa unser Text, soll Gottes Wort deshalb Unrecht haben, weil so viele Menschen widersprechen? Nicht also! Gottes Wort bleibet wahr! Aber viele Verführte sind jetzt in der Welt, viele, in denen die Wahrheit nicht ist, – weil viele ihre Sünde leugnen. Wir, lieben Brüder! wollen unsere Sünde nicht verleugnen, weder die Erbsünde, noch die andere Sünde; wir wollen im Bekenntnis unserer Sünde bleiben und allein auf Jesus und Sein Verdienst unsere Hoffnung auf die ewige Seligkeit bauen. Am Ende unseres Laufes angekommen in der ewigen Stadt, werden wir erkennen, dass wir die Wahrheit und den rechten Weg zum Ziel erwählet haben. Der große Tag aber wird’s offenbaren vor der Welt!

Amen!

 

Alttestamentliche Predigt zu Neujahr ueber Jeremia 3,12-15: Der gnadenvolle Ruf Gottes an sein Volk: „Kehre wieder!“

 

Jeremia 3,12-15: Gehe hin und predige gegen Norden so und sprich: Kehre wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast und hin und her gelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen und habt meiner Stimme nicht gehorcht, spricht der HERR. Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR; denn ich will euch mir vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt und zwei ein ganz Land führen sollen; und will euch bringen gen Zion. Und will euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Lehre und Weisheit.

 

    In Christus, unserem Heiland, geliebte Mitpilger!

    Die Zeit unserer irdischen Pilgerfahrt ist so gar kurz. Der Apostel Jakobus antwortet auf die Frage: „Was ist euer Leben?“ „Ein Dampf ist’s, der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet er.“ Und diese Wahrheit müssen alle, die in einem höheren Alter stehen, bestätigen. Wenn sie auf ihr Leben von fünfzig oder mehr Jahren zurückblicken, so erscheint es ihnen nur ein Dampf, der schnell verschwunden ist. So auch mit dem letzten, eben vergangenen Jahr. Wie schnell ist es dahingeschwunden! Es verschwindet ein Jahr nach dem anderen, und ehe der Mensch sich dessen versieht, sieht er sich am Ende angekommen.

    Aber so kurz das menschliche Leben ist, so wichtig ist es; denn am Ende desselben steht der Richterstuhl, von dem über das Leben eines jeden ein unfehlbares Urteil gefällt wird. „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; und wisse, dass dich Gott um dies alles wird vor Gericht führen“, heißt es Pred. 11,9; und der Apostel schreibt: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.“ Der Richter ist unfehlbar und unbestechlich, ist allwissend und allmächtig, vor ihm gilt kein Verbergen, er weiß alles; vor ihm gilt kein Heucheln, denn er ist der Herzenskündiger; er beurteilt jedes Werk nach seinem wahren Wert. Manches Werk, das hier gut erscheint, verurteilt er als verwerflich, und weil er allmächtig ist, so vollstreckt er auch das Urteil. Wie viele würden anders handeln und anders leben, wenn ihnen dieser Richterstuhl und das Urteil, das ihnen bevorsteht, vor Augen stünde!

    Ist nun dem so – und wer könnte leugnen, da selbst dem Ungläubigen sein Gewissen es bezeugt – so soll dies kurze Leben für einen jeden Menschen die Vorbereitungszeit auf das jenseitige, ewige Leben sein. Wie dieses, so jenes Leben. Wer in diesem Leben von Gott geschieden ist, wird dort auch von ihm geschieden sein; wer hier der Sünde gedient hat, wird dort mit Schmach bedeckt sein; wer hier in der Finsternis der Sünde gelebt hat, wird dort in ewiger Finsternis sein; wer hier kärglich gesät hat, wird dort kärglich ernten. Den Heuchlern wird der Richter das Wort zurufen: „Ich habe euch noch nie erkannt, weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ seinen treuen Dienern aber: „Ei du frommer und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will ich über viel setzen; gehe ein zu deines HERRN Freude.“

    Diesem Richterstuhl des HERRN und seinem Urteil sind wir wieder um ein bedeutendes, um ein ganzes Jahr näher gekommen. Wer von uns weiß, ob er nicht mit dem heutigen Tag die Schwelle des letzten Jahres in diesem Leben überschritten, nicht dem Richterstuhl ganz nah gekommen ist? Der Richter will keines Sünders Tod, er möchte über einen jeden auch von uns einen gnädigen, seligsprechenden Urteilsspruch fällen, und damit dies geschehe, lässt er seinen Ruf zur Umkehr immer wieder an alle ergehen, die von dem schmalen Weg abgetreten sind. Einen solchen gnädigen Ruf vernehmen wir heute aus dem verlesenen Text. So hört denn

 

Den gnadenvollen Ruf des HERRN an sein Volk: „Kehre wieder!“

 

    Wir erkennen, dass er

1.                 An sein abtrünniges Volk gerichtet ist,

2.                 Ihm Barmherzigkeit verheißt,

3.                 Aufrichtige Erkenntnis seiner Sünde fordert.

 

1.

    „Gehe hin und predige gegen Mitternacht [Norden]“, so, Geliebte, sprach Gott der HERR zu seinem Propheten Jeremia. Er soll sich gegen Mitternacht, nach Norden, wenden, weil sich dort das Volk Israel in der assyrischen Gefangenschaft (V. 18) befand. Dieses war dem HERRN abtrünnig geworden, hatte das Wort des Propheten, den er zu ihm gesandt, verachtet und musste deswegen in der Gefangenschaft in Assyrien schmachten. Doch hat der HERR es auch dort nicht vergessen, sondern fordert es zur Umkehr von seinem gottlosen Wesen auf und verheißt ihm, wenn es umkehrt, die Heimkehr in sein Land, nach Zion. Um der Abgötterei, ihres geistlichen Ehebruchs willen hatte Gott dem Volk Israel, wie es im achten Vers dieses Kapitels heißt, einen Scheidebrief gegeben wie ein Mann der ehebrecherischen Frau; aber doch will er es nicht auf immer verstoßen, sondern, wenn es umkehrt, Buße tut, wieder annehmen und lässt ihm daher durch seinen Propheten zurufen: „Kehre wieder!“

    Worin die Sünde des Volkes Israel vornehmlich bestand, ersehen wir aus den Worten unseres Textes: „Ihr seid hin und her gelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen und habt meiner Stimme nicht gehorcht, spricht der HERR.“ Abgötterei war also die vornehmste und Grundsünde des Volkes Israel. Gott der HERR hatte es sich zu seinem Volk, zum Volk des Eigentums, erwählt, hatte es mit mächtiger Hand aus der Knechtschaft Ägyptens geführt, mit ihm auf Sinai den Bund des Gesetzes gemacht und ihm als das erste und Hauptgebot das Gebot gegeben: „Ich bin der HERR, dein Gott … Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“; und das Volk hatte gelobt: „Alles, was der HERR geredet hat, das wollen wir tun.“ Er hatte es sodann durch die Wüste in das verheißene Land, in dem Milch und Honig floss, geführt. Aber das Volk hatte alle diese Wohltaten vergessen, den mit Gott gemachten Bund schmählich gebrochen und war hingelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen. Seitdem der Tempel zu Jerusalem gebaut war, in dem sich Gott in der Lichtwolke über den Cherubim der Bundeslade als dem Volk in Gnaden gegenwärtig offenbarte, war alles Opfern an anderen Orten streng verboten. Aber immer wieder tat das Volk es den Heiden gleich, die auf den Höhen und unter den Bäumen ihre Altäre errichteten und darauf ihren Götzen opferten. Heidnische Abgötterei, die so oft mit Wollust, Fleischeslust, besonders bei dem Dienst der Göttin Astarte, verbunden war, war es, was der Prophet meint, wenn er sagt, sie seien zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen gelaufen und hätten der Stimme Gottes nicht gehorcht. Aber alle Abgötterei ist Abfall von dem einigen wahren Gott, ist die Quelle aller anderen Sünden. Wo jene geschieht, da folgen diese. Wer Gott nicht liebt, liebt etwas anderes; wer Gott nicht fürchtet, fürchtet etwas anderes; wer nicht auf Gott vertraut, vertraut auf etwas anderes. Und wie leicht schleicht sich neben Gott ein Götze ein! Zwar will man Gott nicht den Abschied geben, aber doch nicht ihm allein, sondern neben ihm noch einem anderen dienen, wie es so oft von dem Volk Israel geschah. So war es bei Laban, der neben Gott seine Hausgötzen hatte; so bei Rahel, die ihrem Vater Laban seine Hausgötzen stahl und, als dieser sie suchte, sie unter die Streu der Kamele versteckte und sich darauf setzte. Daher musste Jakob seinen Hausgenossen den Befehl geben: „Tut von euch die fremden Götter, so unter euch sind, und reinigt euch.!“ Denselben Befehl musste Josua dem Volk Israel im Land Kanaan geben. Dennoch hatte sich dieser Götzendienst wieder unter dem Volk eingeschlichen; denn 1. Sam. 7,3 sprach Samuel zu dem Volk: „So ihr euch mit ganzem Herzen zu dem HERRN bekehrt, dann tut von euch die fremden Götter und Astarot und richtet euer Herz zu dem HERRN und dient ihm allein.“ Immer mussten sie neben dem einigen wahren Gott einige Nebengötter haben trotz aller Warnung, Drohung und Strafe durch die Propheten.

    Aber dessen machen wir uns doch nicht schuldig? Sei dessen nicht zu sicher, mein Freund! Diese Art von Abgötterei geht heute noch mitten in der Christenheit im Schwang. Hat man in der römischen Kirche nicht eine ganze Anzahl Götzen in den sogenannten Heiligen neben Gott gesetzt, die angerufen werden? Und dient nicht manch anderer diesem oder jenem Götzen, der sich in sein Herz eingeschlichen hat? Die Heilige Schrift nennt manche solcher Nebengötter und warnt sehr vor ihnen: „Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert“, spricht der HERR und macht einen Hausgötzen namhaft. „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm!“ heißt es, und damit ist ein zweiter genannt. „Alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“, schreibt Johannes und warnt damit vor drei weiteren Götzen. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, spricht Christus und nennt damit den Götzen, vor dem sich die ganze Welt beugt wie Israel vor dem goldenen Kalb. Der Apostel nennt den Geizigen einen Götzendiener. Aber wer kann die Götter alle aufzählen? Um den Mammon wird selbst unter Verwandten gestritten, um ihn wird gelogen und betrogen, um des Mammons willen werden allerlei Schandtaten verübt. Die Ägypter hatten einen Stier als Götzen, den sie Apis nannten; und der Stierdienst ist heute noch nicht ausgestorben. Es gibt kaum ein Ding, das dieser und jener nicht zu seinem Abgott macht. Aber was bedarf’s weiteren Nachweises? Wir dürfen uns nur das Wort des HERRN als Spiegel vorhalten: „Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“, in diesem Spiegel unser Herz aufrichtig prüfen, so wird bald dieser oder jener Abgott zum Vorschein kommen. Darum ergeht aber auch immer wieder der Ruf Gottes: „Kehre wieder!“ Wende dich ab von deinem Abgott; kehre dich wieder zu mir! Ich dulde keine anderen Götter neben mir, „denn ich, der HERR, das ist mein Name, und will meine Ehre keinem anderen geben, noch meinen Ruhm den Götzen.“ Ich habe dich geschaffen, dir Leib und Seele, Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben; was du hast, ist alles mein, das Werk meiner Hände. So diene nicht dem Geschöpf, sondern mir, deinem Schöpfer, allein.

    Hiernach prüfe sich ein jeder, ob er im vergangenen Jahr seinem Gott ganz gelebt und gedient hat, oder ob er abtrünnig gewesen ist und also Ursache hat, den Ruf seines Gottes: „Kehre wieder!“ sich zu Herzen zu nehmen. Wohl dem, der es tut! Denn ihm wird Barmherzigkeit verheißen.

 

2.

    Es heißt weiter in unserem Text: „So will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen.“ Gott ruft sein abtrünniges Volk zur Wiederkehr, zur Buße, weil er barmherzig ist. Wenn du die Götzen von dir tust und dich wieder zu mir kehrst, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen, das heißt, nicht im Zorn auf euch herabblicken und euch strafen, wie ihr es verdient habt. Wohl ist er der Gerechte, der die Sünde nicht ungestraft hingehen lassen kann. Wohl ist er der heilige Gott, dem jede Sünde ein Greuel ist. Er ist nicht ein Gott, wie es im 5. Psalm heißt, dem gottloses Wesen gefällt; wer böse ist, der bleibt nicht vor ihm. Das hatte er dem Volk Israel bei der Gesetzgebung in den Worten gesagt: „Denn ich, der HERR; dein Gott, bin ein starker, eifriger Gott, der über die, so mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“ Das hatte auch Israel in der Wüste erfahren; denn sooft es sich der Abgötterei und anderer Sünden schuldig machte, musste es die Strafe über sich ergehen lassen. Aber er hatte auch hinzugefügt: „Und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich liebhaben und meine Gebote halten.“ So ruft er auch hier dem abtrünnigen Volk zu: „Ich bin barmherzig und will nicht ewig zürnen.“

    Ist das nicht wunderbar, ja unbegreiflich? Gott ruft das abtrünnige Volk zur Wiederkehr und versichert es seiner Barmherzigkeit! Der Schöpfer ruft sein Geschöpf, der Heilige das sündige Volk, das seinen gerechten Zorn verdient hat; dem sichert er Barmherzigkeit zu und verheißt ihm, dass er alle seine Sünden und Übertretungen vergeben wolle. „Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder!“ fügt er hinzu; „denn ich will euch mir vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt und zwei ein ganzes Land führen sollen; und will euch bringen nach Zion.“ Nicht nur barmherzig will er sich dem Volk gegenüber beweisen, ihm alle Abgötterei und Sünde vergeben, sondern er will es sich vertrauen. Was heißt das? Dies erkennen wir aus dem Zusammenhang; denn im achten Vers sagt der HERR, er habe des abtrünnigen Israels Ehebruch gestraft, sie verlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben, womit das Verhältnis Gottes zu dem Volk unter dem Bild der Ehe, als ein Verhältnis, wie es zwischen Ehegatten besteht, dargestellt wird. Wie Mann und Frau beim Eingehen der Ehe geloben, dass sie sich allein angehören und mit keiner anderen Person zu schaffen haben wollen, so hatte Israel dem HERRN gelobt, ihm allein anzugehören, seinem Wort gehorsam zu sein, ihm allein zu dienen. Dieses Gelübde hatte das Volk gebrochen, es hatte sich zu den Götzen gewandt und dadurch geistlich Ehebruch getrieben. Deswegen hatte Gott sich von ihm scheiden müssen. Nun aber verheißt er, dass, wenn es sich bekehre, die Götzen fahren lasse, er ihm nicht nur alles vergeben, sondern sich aufs neue mit ihm vertrauen, verloben, es lieben, ihm wohltun wie vorher, es auch aus der Gefangenschaft in Assyrien wieder holen und nach Zion zurückbringen wolle. Und wenn sich nur wenige, einer aus einer Stadt und zwei aus einem Stamm bekehren, die anderen aber in Unbußfertigkeit verharren, so will er selbst die wenigen annehmen und nach Zion zurückführen. Diese sollen um der Unbußfertigen willen nicht dem Verderben preisgegeben werden. Diesen will er sodann, wie es am Schluss unseres Textes heißt, Hirten nach seinem Herzen geben, die sie mit Lehre und Weisheit lehren sollen, sein Wort rein und lauter verkündigen und sie vor Abfall zu heidnischer Abgötterei und Wesen bewahren. Das ist die Barmherzigkeit, die der HERR dem Volk Israel verheißt, wenn es wiederkehrt. Er will seinen Zorn fahren lassen, ihm alles vergeben, es wieder zu Gnaden und in Liebe annehmen wie ein Mann seine verstoßene Gemahlin und ihm treue und gewissen hafte Lehrer geben.

    Die Erfüllung dieser Verheißung geschah zur Zeit des Neuen Testaments, auf welche der Prophet auch in unserem Text blickt; denn nicht von dem irdischen Zion redet er, sondern von dem geistlichen Zion, der Kirche des Neuen Testaments, zu der Juden und Heiden aus allen Völkern von dem HERRN gebracht werden sollen und noch stets gebracht werden. Sollte diese Barmherzigkeit unsers Gottes nicht auch uns zur Umkehr bewegen, wenn und wo wir bei ernster Selbstprüfung erkennen, dass wir hier und dort nicht in seinen Wegen gewandelt, seinem Wort nicht gehorsam gewesen sind? Meine Freunde, die Wiederkehr oder die Buße zu Gott ist nicht eine abgeschlossene Handlung, die einmal im Leben der Christen stattgefunden hat, sondern dauert durch das ganze Leben hindurch. Müssen wir nicht täglich bitten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“? Heißt es nicht: „Der Gerechte fällt des Tages siebenmal“? Bedeutet unsere Taufe nicht, „dass der alte Adam durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten, und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewig lebe“? Tägliches Sündigen, tägliche Reue, tägliche Wiederkehr zu dem barmherzigen Gott, der uns um Christi, unseres Heilandes willen, alle Sünden vergeben hat und täglich vergeben will, das ist das Leben der Christen. Wem verheißt er Barmherzigkeit? Denen, die in aufrichtiger Erkenntnis ihrer Missetat zu ihm kommen. Das ist der dritte Punkt unserer Betrachtung.

 

3.

    „Allein, erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast“, spricht der HERR. Das ist die einzige, aber auch unerlässliche Forderung, die Gott an das Volk Israel stellt. Es soll erkennen, dass es an dem HERRN, seinem Gott, gesündigt hat, an dem HERRN, Jahwe, mit dem es seinen Bund gemacht hat, und an dem es bundesbrüchig geworden ist. Bundesbrüchigkeit ist wahrlich keine geringe Sünde, und diese Sünde hat es gegen seinen Gott, seinen Schöpfer, begangen. Die Ehre, die allein dem allmächtigen Schöpfer gebührt, haben sie ihren eigenen Machwerken erwiesen. Das ist die Sünde aller Sünden. Oder ist’s ein Geringes, meine Geliebten, wenn dein Kind die ungehorsam ist, dich verachtet? Wirst du darüber nicht betrübt und zornig? Greifst du, wenn du kannst, dann nicht zur Strafe? Und sollte das eine geringe Sünde sein, wenn der Mensch das Wort und den Willen seines Gottes verachtet, wenn Christen, mit denen er in der heiligen Taufe den Gnadenbund gemacht, die er zu seinen Kindern aufgenommen hat, gegen ihren gnädigen und barmherzigen Gott sündigen, sein Wort verachten? Ach, dass Christen die Sünde gering achten, wohl mit ihr tändeln können!

    Darum aber fort der HERR: Allein, erkenne deine Sünde, erkenne, wie groß sie ist, wie sehr du mich dadurch betrübt, zum Zorn gereizt hast! Tue darüber von Herzen aufrichtige Buße, oder mein Zorn bleibt über dir. Und muss er nicht so mit den Unbußfertigen handeln? Wenn er ihnen auch vergeben würde, hieße das nicht, ihre Sünde billigen, ja, sie darin bestärken und zum Weitersündigen geradezu ermuntern? Dann wäre er kein heiliger und gerechter Gott. Er wäre einem Vater gleich, der, wenn seine Kinder ihm ins Gesicht schlagen, dazu lacht. Nein, ohne bußfertige Erkenntnis ist keine Barmherzigkeit, keine Vergebung. Denn:

Wahr ist’s, Gott ist wohl stets bereit

Dem Sünder mit Barmherzigkeit;

Doch wer auf Gnade sündigt hin,

Fährt fort in seinem bösen Sinn

Und seine Seele selbst nicht schont,

Der wird mit Ungnad abgelohnt.

    Könnte Gott ohne Erkenntnis der Missetat Barmherzigkeit erzeigen, wozu hätte er dann seinen einigen Sohn in die Welt gesandt, die Sünde der Welt auf ihn gelegt, ihn um der Sünde willen gestraft und gemartert, ihn am Kreuz büßen lassen? Das wäre alles unnötig, vergeblich gewesen. Aber so gewiss Christi, unseres Stellvertreters, Leiden die Strafe unserer Sünden war, so gewiss kann er nur dem, der seine Sünde bußfertig erkennt, vergeben, nur dem Gnade erzeigen, der um des Leidens Christi willen gläubig um Gnade fleht:

Zu dir flieh ich,

Verstoß mich nicht,

Wie ich’s wohl hab verdienet!

Ach Gott, zürn nicht,

Geh nicht ins Gricht!

Dein Sohn hat mich versühnet.

    Zu solcher herzlichen Erkenntnis unserer Missetat, deren wir wahrlich genug im verflossenen Jahr begangen haben, lasst uns denn, meine Brüdern und Schwestern, in das neue Jahr eintreten; dann schwebt in ihm nicht unseres Gottes Zorn wie eine finstere, drohende Wolke, sondern seine Barmherzigkeit wie das freundliche Sonnenlicht über uns; er wirft dann alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres, dass ihrer nicht mehr gedacht wird. Kein Bußfertiger darf an Gottes Barmherzigkeit zweifeln; denn wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Und wenn die Sonne der Barmherzigkeit unseres Gottes in diesem Jahr auf uns herniederscheint, mögen dann auch finstere Wolken der Trübsal sich in ihm zusammenziehen, mag es dann selbst donnern und blitzen: Seine Barmherzigkeit bricht durch sie hindurch, und wir werden gesegnet sein. Darum, wo immer du auch bist, folge dem Ruf deines Gottes: „Kehre wieder!“ Ja,

Kommt, die ihr den Bund gebrochen;

Stellt euch reuig wieder ein!

Denn der HERR hat uns versprochen:

Kehre wieder, du bist mein!

Beugt euch unter sein Gericht

Und fasst neue Zuversicht!

Wollt ihr euch mit ihm verbinden,

Sollt ihr alles wiederfinden.

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach Neujahr ueber 1. Mose 2,18-25: Die Erschaffung der Frau

 

1. Mose 2,18-25: Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. Denn als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Feld und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nannte; denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen. Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.

    Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Man wird sie Männin heißen, darum dass sie vom Mann genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und sie werden Sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

 

    In dem HERRN geliebte Zuhörer!

    Der heutige Text berichtet uns neben anderem die Benennung der Tiere, die Gott geschaffen hatte. Diese Benennung geschah nicht von Gott, sondern von Adam, dem ersten Menschen. „Denn“, so lesen wir, „als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Feld und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nannte. Denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.“

    Welch ein einzigartiger Vorgang: Die Tiere gingen an Adam paarweise vorüber! Sie kamen nicht von selbst, sondern Gott brachte sie zu ihm; aber sie kamen doch nicht gezwungen, sondern infolge der allmächtigen Lenkung Gottes, der jede von ihm erschaffene Kreatur in seiner Hand hat und sie leitet, wie er will. Verschaffte er nicht einen großen Fisch, der den Propheten Jona verschlingen und nach drei Tagen aber wieder ans Land speien musste? Lenkte nicht Christus bei dem wunderbaren Fischzug des Petrus die große Menge Fische so, dass sie in das ausgeworfene Netz gehen musste? Sind ihm nicht Wind und Meer gehorsam? Er hat Himmel und Erde und das Meer mit allen ihren Bewohnern, die er geschaffen hat, in seiner allmächtigen Hand; er gebietet ihnen, und sie sind seinem Wort gehorsam.

    Warum aber sollte Adam den Tieren ihren Namen geben? Weil Gott ihn zum Herrn über sie gesetzt hatte, und diese Vorführung der Tiere und ihre Benennung durch ihn das Verhältnis herstellte, in welchem sie zu ihm stehen, indem sie ihm dienen, er aber über sie herrschen sollte. Diese Vorführung und Benennung geschah am sechsten Schöpfungstag und erforderte keine so lange Zeit, wie es uns scheinen möchte; denn noch war der Sündenfall nicht geschehen, durch den auch das Verhältnis, in dem die Tiere zu dem Menschen standen, verändert worden ist.

    Adam erkannte auf den ersten Blick die Art und Beschaffenheit eines jeden Tieres und gab jedem einen zutreffenden Namen; denn es heißt: „Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen.“ Er erkannte die Eigenart eines jeden Tieres viel besser, als alle heutigen Naturforscher durch lange Beobachtung und Untersuchung sie kennen zu lernen imstande sein, wie Luther mit Recht sagt: „Wie ist doch in dem einigen Adam eine so treffliche, reiche Erkenntnis und Weisheit gewesen!“ Aber nicht die Namengebung war der alleinige Zweck, weshalb Gott ihm die Tiere vorführte, auch nicht, dass er damit seine Herrschaft über sie antrete, sondern er sollte dadurch sich bewusst werden, dass der Mensch allein dastehe, keine Gehilfin um sich habe, wie es im 20. Vers heißt: „Aber für den Menschen wurde keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre“, und dass das Verlangen nach einer solchen in ihm erweckt werde, ein Verlangen, das alsbald erfüllt werden sollte. Davon handelt der heutige Text, aufgrund dessen wir jetzt betrachten wollen:

 

Die Erschaffung der Frau

 

    Dies geschah

1.                 Nach göttlichem Beschluss auf Verlangen des Menschen;

2.                 Indem Gott sie aus der Rippe baute;

3.                 Indem er sie Adam selbst als eine Frau zuführte.

 

1.

    Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte, mit den Worten: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Wie Gott Adam nach einem besonderen Ratschluss geschaffen hatte, indem er sprach: „Last uns Menschen machen!“ so fasste er auch in Bezug auf die Erschaffung der Frau einen besonderen Ratschluss, da er sah, dass alle aus der Erde hervorgebrachten Geschöpfe paarweise vorhanden waren, während der Mensch, den er zum Herrscher über sie geschaffen hatte, allein dastand. Dieser Beschluss lautete: „Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Dieses Alleinsein empfang auch Adam, dessen wurde er sich recht bewusst, als die Tiere paarweise an ihm vorübergingen und er einem jeden von ihnen den Namen gab, und dies erweckte in ihm das Verlangen, eine Person, wie er war, um sich zu haben, mit der er in Gemeinschaft stehen und leben könne.

    Aber wird nicht im ersten Kapitel in den Worten: „Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer“ und: „Er schuf sie ein Männliches und ein Weibliches“ berichtet, dass die Frau mit dem Mann zugleich geschaffen wurde? Und scheint es nicht ein Widerspruch zu sein, wenn nun in unserem Text berichtet wird, dass Gott die Frau erst schuf, nachdem Adam einem jeden der ihm vorgeführten Tiere seinen Namen gegeben und dabei gesehen hatte, dass er allein keine Gehilfin hatte? Dieser scheinbare Widerspruch verschwindet sogleich, wenn wir beachten, dass Mose im ersten Kapitel einen kurz zusammengefassten Bericht über die Schöpfung Himmels und der Erde selbst, nun aber, von Kap. 2,4 an, eine Geschichte Himmels und der Erde gegeben hat oder erzählt, was auf der geschaffenen Erde geschehen ist, und da dieses vornehmlich eine Geschichte des Menschen ist, so geht Mose auf die Schöpfung des Menschen zurück, berichtet, dass Gott seinen Leib aus einem Erdenkloß bildete, ihm einen lebendigen Odem in seine Nase blies, ihn dadurch zu einem lebendigen Wesen machte, und berichtet nun auch näher die Erschaffung der Frau. Wir dürfen daher nicht etwa meinen, dass zwischen der Erschaffung Adams und der Frau ein längerer Zeitraum gelegen habe, vielmehr geschah die Schöpfung der Landtiere, des Menschen, die Vorführung und Benennung der Tiere und die Erschaffung der Frau an einem, dem sechsten, Tag.

    Wie Adam, so ist demnach Eva, die Frau, auf besonderen Beschluss Gottes nach seinem Bild geschaffen worden. Auch sie schuf Gott heilig und gerecht, auch sie hat er mit Vernunft und Sprache begabt; denn sie sollte Adams Gehilfin sein. In dieser Beziehung steht sie also hinter Adam nicht zurück. Und der Mensch bedurfte einer solchen Gehilfin, da er nach göttlichem Ratschluss die Erde füllen und über sie herrschen sollte. Wenn Gott der HERR daher sprach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, so redet er nicht, wie Luther sagt, von dem Gut, das Adams Person allein, sondern von dem allgemeinen Gut, dass das ganze menschliche Geschlecht anging, nämlich die Vermehrung des ganzen menschlichen Geschlechts. Wohl war Adam das edelste unter allen Geschöpfen, aber es mangelte ihm eins, die Gabe der Mehrung und des Segens, da er allein war. aber eine Gehilfin sollte die Frau für den Mann sein, und damit ist das Verhältnis ausgesprochen, in welchem die Frau zu dem Mann stehen sollte. Sie soll ihn umgeben, ihm dienen, nicht über ihn herrschen, keine unabhängige Stellung neben ihm einnehmen, sondern ihm untergeordnet sein; aber doch keine Sklavin sein, sondern eine Gehilfin, die überall um ihn ist, und die er liebt.

    Dieses Verhältnis der Frau zum Mann gilt es besonders zu unserer Zeit zu beachten, in welcher die sogenannte Frauenbewegung (heute: Feminismus) immer weitere Kreise zieht, viele Frauen dem Mann völlig gleichgestellt sein wollen. Sie wollen nicht nur Lehrerinnen, sondern auch Ärzte, Advokaten, im staatlichen und politischen Leben tätig, in allen Wahlen stimmberechtigt sein, kurz, im öffentlichen Leben dieselben Rechte haben wie die Männer. Damit treten sie aus der Stellung heraus, die Gott der Frau bei der Schöpfung zugewiesen und nach dem Sündenfall durch die Worte: „Dein Wille soll deinem Mann unterworfen sein“ verschärft hat. Der Wirkungskreis der Frau ist das Haus, nicht das öffentliche Leben, weshalb Paulus Tit. 2,5 schreibt, dass sie nicht nur sittig und keusch, sondern auch häuslich und dem Mann untertan sein, „häuslich“, das heißt, das Hauswesen besorgen, es wohl instand halten, dem Mann angenehm und behaglich machen soll. Dazu hat ihr Gott besondere Kräfte und Eigenschaften gegeben, die der Mann nicht hat. Luther bemerkt mit Recht: zum Kinderpflegen schicke sich der Mann wie das Kamel zum Tanz, während die Frau mit ihrer Liebe, Geduld und zarten Hand dazu besonders geschickt ist. Frauen, die sich in das öffentliche Leben drängen, in das politische Getriebe stürzen, verlieren die Zierde, die sie als liebende Hausfrauen schmückt, erniedrigen und beschmutzen sich in dem unsauberen Getriebe des politischen Lebens, vernachlässigen, ja, zerstören das häusliche Glück, das eheliche Leben. Sie sind nicht um den Mann, sondern von ihm weg.

 

2.

    „Da ließ Gott der HERR“, so heißt es weiter, „einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen; und er schlief ein. Und er nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm.“

    Einen tiefen Schlaf ließ Gott der HERR auf Adam fallen, so dass er fest schlief, ähnlich wie jetzt ein Mensch fest und tief schläft, wenn er von der Anstrengung der Arbeit ermüdet ist. Es war ein wirklicher Schlaf, aber unmittelbar in übernatürlicher Weise von Gott bewirkt; denn vor dem Sündenfall ermüdete und ermattete die Arbeit den Menschen nicht wie nach dem Fall. Sodann nahm Gott eine der Rippen des Menschen und schloss die dadurch entstandene Lücke zu, indem er Fleisch an Stelle der entnommenen Rippe setzte. Dies darf freilich nicht in grob sinnlicher Weise verstanden werden, als ob Gott wie ein Wundarzt ein scharfes Messer genommen, einen Einschnitt in den Körper des Menschen gemacht, die Rippe losgelöst und die Wunde zugenäht hätte. Wie er bei der Schöpfung der leblosen und lebenden Kreaturen und des Menschen kein anderes Mittel oder, dass ich sage, Instrument, als sein Wort gebrauchte, so geschah auch die Schaffung der Frau durchs Wort. Durch dieses entnahm er eine der Rippen Adams, durch dieses baute er aus der Rippe die Frau.

    Beachten wir aber das Wort „bauen“. Den Leib Adams bildete Gott aus einem Erdenkloß, die Frau aber ist nicht von der Erde benommen, sondern von dem Mann, aus einer seiner Rippen erbaut, nicht geschaffen. Mit dem Wort „erbauen“ ist angedeutet, wie fein und künstlich der Körper der Frau in allen seinen einzelnen Teilen von Gott gebildet, wie vollendet ihre Gestalt aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist. Unterscheidet sich doch auch das menschliche Geschlecht von den anderen Geschöpfen, dass bei diesen das männliche gewöhnlich schöner als das weibliche ist, bei den Menschen die Frau den Mann an Schönheit und Anmut übertrifft. Dass aber die Frau nicht wie der Mann von der Erde, sondern von dem Mann genommen ist, hat tiefere Bedeutung. Es deutet nämlich an, dass Mann und Frau gänzlich eins und unzertrennlich im Leben miteinander verbunden sein und innige Gemeinschaft miteinander haben sollen. Wohl hat der Mann den Vorzug, dass er das Haupt der Frau ist; denn er ist nicht von der Frau, sondern diese ist von ihm genommen; aber damit ist auch zugleich ausgesprochen, dass der Mann durch zärtliche Liebe mit einer Frau verbunden sein soll. Sie ist aus seiner Seite genommen, darum soll sie ihm zur Seite stehen, seine Gehilfin sein. Dieses Verhältnis erkannte Adam auch sogleich, so dass er, als Gott ihm, nachdem er vom Schlaf erwacht war, die Frau zuführte, bei ihrem Anblick mit freudigem Erstaunen ausrief: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen ist.“ Und wie die Frau dem Fleisch nach mit dem Mann eins ist, weil es aus der Rippe des Mannes gebaut ist, so auch dem Geist nach; denn ihr hat Gott nicht noch einen lebendigen Odem eingehaucht wie dem von der Erde gebildeten Körper des Mannes, weil dessen Rippe, aus der sie gebaut wurde, schon mit dem Hauch Gottes belebt und durchdrungen war. So völlig sind also beide nach Leib und Leben eins.

    „Wie sonderbar“, sagt dieser, „wie unglaublich“, ein anderer, „dass die Frau aus einer Rippe des Mannes von Gott gebaut sein soll!“ Ja, die heutige sogenannte Wissenschaft lehrt, dass sich der Mensch aus einem Urschleim, von selbst von Stufe zu Stufe fortschreitend, entwickelt hätte. Aber was ist eher zu glauben vernünftiger: die Lehre der Heiligen Schrift, dass der allmächtige und allweise Gott den ersten Menschen aus einem Erdenkloß und die Frau aus seiner Rippe so wunderbar geschaffen hat, oder die Lehre, dass ein schleimartiger, unvernünftiger Stoff sich von selbst zu einem mit Vernunft und Sprache begabten Menschen geformt haben soll? [Wie übrigens auch die Wissenschaft erkannt hat: Organisches Leben kann nicht aus Anorganischem entstehen, wie Louis Pasteur feststellte.] Sonst sagt die Vernunft: Je künstlicher ein Werk ist, desto größer muss der Künstler sein, der es gemacht hat. Aber das größte Kunstwerk unter allen Geschöpfen, der Mensch, gegen den auch die künstlichsten Maschinen armselige Machwerke, ja, tote Dinge sind, während der Mensch von Leben durchströmt ist, der soll keinen weisen Schöpfer haben, sondern sich von selbst blindlings aus einer Art Schleim entwickelt haben! Gilt da nicht das Wort des Apostels: „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden“? Und ist die Erschaffung der Frau aus einer Rippe Adams etwa unglaublicher als die Adams aus einem Erdenkloß oder die der Landtiere durch das Wort Gottes: „Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art“? [Auch hier hat die Wissenschaft übrigens im Nachhinein Gott bestätigen müssen: In allen Zellen des Menschen sind alle nötigen Informationen der DNA enthalten.] Wir wissen sehr wohl, dass das ganze Schöpfungswerk Gottes für die Vernunft ein unbegreifliches Geheimnis ist, aber wir wissen auch, dass die ungläubige, gottfeindliche Wissenschaft den allmächtigen und allweisen Schöpfer gerne aus seiner Schöpfung verbannen möchte.

    Nachdem Gott der HERR die Frau in so wunderbarer Weise für den Menschen geschaffen hatte, führte er sie ihm selbst als seine Gehilfin und Gefährtin zu. Das wollen wir drittens betrachten.

 

3.

    „Gott der HERR baute eine frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm“, heißt es. Wenige, aber inhaltsreiche Worte! Luther nennt sie eine feine Beschreibung der Verlobung oder des hochzeitlichen Gepränges, und mit ihnen ist allerdings die göttliche Stiftung oder Einsetzung des Ehestandes beschrieben. Denn wenn Gott die Frau nicht allein für Adam geschaffen, sondern sie ihm auch selbst zugeführt hat, damit er nicht allein sei, sondern sie als eine Gehilfin um sich habe, so ist das Verhältnis, in dem beide zueinander stehen und das wir den Ehestand nennen, ein von Gott geschaffenes und geheiligtes. Und diesen Ehestand hat Gott im Paradies, vor dem Sündenfall, eingesetzt, als beide, der Mann und die Frau, heilig, ohne jegliche böse Lust, waren. Welch ein Frevel ist es daher, wenn die Römischen den Ehestand für einen fleischlichen Stand erklären und behaupten, dass das ehelose Leben, namentlich das Mönchs- und Nonnenleben, der Stand der Vollkommenheit sei.

    Adam erkannte auch ohne besondere göttliche Offenbarung das Verhältnis, in dem die von Gott ihm Zugeführte zu ihm stand; denn er sprach mit freudigem Erstaunen, als er sie erblickte: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“; sie hat nicht nur Fleisch und Bein wie ich, sondern ist auch von meinem Fleisch und Bein gemacht; und er fügt hinzu: „Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen ist.“ Wie er die Tiere mit treffenden Namen benannt hat, so gibt er auch der Frau den treffenden Namen Männin. Er sieht in Eva sein Verlangen nach einer Gehilfin erfüllt und erkennt die Gedanken Gottes, der durch die Erschaffung der vor ihm Stehenden sein Verlangen erfüllt hat. Sie gehört ihm zu, ist mit ihm eins; darum nennt er sie Männin und setzt hinzu: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen; und sie werden sein ein Fleisch“, werden in der Ehe so innig und unzertrennlich miteinander verbunden sein, als ob sie nicht zwei, sondern ein Fleisch wären. So sprach Adam ohne alle fleischlichen, sündlichen Gedanken. Beide waren heilig; darum heißt es am Schluss des Textes: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.“ Die Scham trat erst mit der Sünde ein; durch diese wurden die gegen die Seele streitenden Begierden erweckt, die heilige Ordnung Gottes in Sinnenreiz verkehrt.

    Diese göttliche Stiftung der Ehe lehrt uns ein zweifaches: zunächst, dass Gott die Einehe eingesetzt hat, die Vielweiberei daher eine Verkehrung der Ordnung Gottes ist; sodann, welch ein Frevel die Ehescheidung ist, weil dadurch die innige Gemeinschaft zwischen Mann und Frau zerrissen wird. Wer immer daher die Ehescheidung, sei es durch Sünde gegen das sechste Gebot, sei es durch böswillige Verlassung seines Gemahls, veranlasst, der begeht eine Sünde, durch die er aus der Gnade fällt, ein Kind des Zorns und der Verdammnis wird. Wie schrecklich wird daher in unserem Land durch die zahllosen Ehescheidungen gesündigt, die Ehe, diese göttliche, heilige Ordnung, mit Füßen getreten! Umso mehr sollen die Christen sich vor dieser Sünde hüten und sich befleißigen, keusch und züchtig zu leben in Worten und Werken, und jeder, der in der Ehe lebt, soll sein Gemahl lieben und ehren. Weil es aber auch unter christlichen Eheleuten um des Fleisches willen nicht ohne mannigfache Sünden abgeht, weil besonders das liebevolle Verhältnis oft getrübt und verletzt wird, so müssen sie auch darüber in täglicher Reue und Buße stehen, im Blut ihres Heilandes, das er auch zur Büßung dieser Sünde vergossen hat, Vergebung suchen, damit sie in diesem göttlichen Stand göttlich leben. Dazu verleihe ihnen Gott der HERR seine Gnade um Jesu willen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zu Epiphanias ueber 4. Mose 24,15-19: Bileams eigenartige Weissagung vom Messias

 

4. Mose 24,15-19: Und er hob an seinen Spruch und sprach: Es sagt Bileam, der Sohn Beors; es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind; es sagt der Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis hat des Höchsten, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet: Ich werde ihn sehen, aber jetzt nicht; ich werde ihn schauen, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seths. Edom wird er einnehmen, und Seir wird seinen Feinden unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben. Aus Jakob wird der Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist von den Städten.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Die in den vernommenen Textworten enthaltene Weissagung ist in mehrfacher Beziehung eine ganz eigenartige, wenn wir auf die Umstände achten, unter denen sie verkündigt worden ist. Sie ist eine Weissagung Bileams, des Sohnes Beors; denn es heißt zu Anfang unseres Textes: „Es sagt Bileam, der Sohn Beors; es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind.“ Wer war dieser Bileam? Nach dem, was uns die Heilige Schrift über ihn berichtet, war er ein heidnischer Seher, Wahrsager und Beschwörer, dem die Macht zugeschrieben wurde, in wirksamer Weise zu segnen und zu fluchen. Als daher das Volk Israel auf seinem Zug durch die Wüste die beiden Könige der Amoriter, Sihon und Og, völlig geschlagen hatte und sich in dem Gefilde der Moabiter lagerte, wurde deren König Balak von einer solchen Furcht ergriffen, dass ihm und seinem Volk graute vor den Kinder Israel. Sie befürchteten, wie es im 22. Kapitel dieses heiß9t, dass sie alles ringsumher auffressen würden wie ein Ochse das Kraut. Sie verzweifelten daran, dem Volk Israel mit Waffengewalt widerstehen zu können, da es die beiden mächtigen Könige der Amoriter bis zur ihrer Vernichtung geschlagen hatte. In dieser Not meinte Balak, von dem Seher Bileam, der zu Pethor in Mesopotamien wohnte, Hilfe zu erlangen. Daher sandte er die Ältesten der Moabiter und Midianiter mit reichen Geschenken an Bileam, um ihn zu bewegen, dem Volk Israel zu fluchen. Er glaubte, wenn Bileam Israel verfluche, dann würde dessen Macht gebrochen, und sie von ihm überwunden werden.

    Die Gesandten kamen zu Bileam und forderten ihn auf, mit ihnen zu ziehen. Dieser bat die Gesandten, über Nacht dort zu bleiben, damit er den HERRN fragen könne, was er tun solle. Er war ein Freund Balaks, war lüstern nach den reichen Geschenken und wäre daher gern dem Ruf gefolgt, wagte es aber nicht, da er sich vor Gott fürchtete. Als nun Gott zu ihm sprach: „Gehe nicht mit ihnen, verfluche das Volk auch nicht, denn es ist gesegnet“, da erklärte er den Gesandten, dass er nicht mit ihnen ziehen könne, weil es ihm der HERR nicht gestatte. Da sandte Balak eine zweite Gesandtschaft von Fürsten an ihn mit dem Versprechen, ihn hoch zu ehren, wenn er käme und dem Volk Israel fluchte. Er antwortete: „Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so würde ich doch nicht übergehen das Wort des HERRN, meines Gottes, Kleines oder Großes zu tun.“ Aber da er gar zu gerne die reichen Geschenke gehabt hätte, lud er die Gesandten wieder ein, über Nacht bei ihm zu bleiben, da er hoffte, Gott den HERRN umstimmen zu können. Und nun erhielt er auch die Erlaubnis, mit ihnen zu ziehen, jedoch mit der Weisung, nur das zu tun, was ihm der HERR sagen werde. Da zog er mit den Gesandten. Als sich ihm aber auf der Reise der Engel des HERRN in den Weg stellte und ihn scharf strafte, wollte er umkehren, erhielt aber den Befehl: „Zieh hin mit den Männern; aber nichts anderes, als was ich dir sagen werde, sollst du reden.“ Und er musste reden, was er sollte. Viermal versuchte Balak ihn zu bewegen, Israel zu fluchen, aber viermal musste er segnen und mit dem viermaligen Segensspruch die ganze Fülle des Segens über das Volk aussprechen. Er sieht es unter der Regierung und dem Schutz Gottes unbezwingbar seinen Siegeslauf vollenden und zu königlicher Macht heranwachsen, die über die heidnischen Völker triumphiert. In dem letzten Segensspruch schaut sein Blick in die ferne Zukunft, und er verkündigt: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter.“ Betrachten wir denn vornehmlich aufgrund dieser Worte:

 

Bileams eigenartige Weissagung vom Messias

 

    Als eine solche erkennen wir sie

1.                 Aus den Umständen,

2.                 Aus ihrem Inhalt.

 

1.

    Als Bileam zu dem König Balak gekommen war, taten sie alles, ihn zu bewegen, das Volk Israel zu verfluchen. Der König führte den Seher am nächsten Morgen auf die Höhe Baal, damit er von dort aus das äußere Ende des Lagers Israel sehen könne, weil er meinte, wenn Bileams Fluch über das Volk wirksam sein solle, so müsse er es vor Augen haben. Dort baute Balak auf Geheiß Bileams sieben Altäre und opferte auf diesen sieben Stiere und sieben Widder, um Gott den HERRN sich geneigt zu stimmen und die Erlaubnis zu erhalten, den Fluch über Israel auszusprechen. Nachdem die Opfer dargebracht waren, ließ er den König mit allen Fürsten der Moabiter bei den Brandopfern zurück, während er selbst wegging, um zu erfahren, ob ihm Gott etwa begegne, das heißt, durch bedeutsame Zeichen und Erscheinungen in der Natur ihm zu erkennen gäbe, ob er fluchen oder segnen solle. Zu den Altären zurückgekehrt, hob er, wie es in Kap. 23,8.9 heißt, seine Spruch an: „Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht? Wie soll ich schelten, den der HERR nicht schilt? Denn von der Höhe der Felsen sehe ich ihn wohl, und von den Hügeln schaue ich ihn. Siehe, das Volk wird besonders wohnen und nicht unter die Heiden gerechnet werden. Wer kann zählen den Staub Jakobs und die Zahl des vierten Teils Israels? Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser Ende!“ Balak glaubte, er stehe in der Macht und im Belieben Bileams, zu segnen oder zu fluchen; dieser erklärt ihm aber durch diesen Spruch, dass er ohne Gottes Willen nicht fluchen könne und dürfe, weil das Volk Israel von allen heidnischen Völkern abgesondert und geschieden, ein von Gott reich gesegnetes und reich begnadigten Volk sei. Bileam erkannte, dass Gott sich dieses Volk zum Volk des Eigentums erwählt, mit starker Hand aus Ägypten geführt, ihm sein Gesetz gegeben und es von den Heiden abgesondert habe, dass es ein heiliges Volk, von dem HERRN gesegnet sei und darum auch von den Heidenvölkern nicht bezwungen werden könne, solange es in der Gemeinschaft mit Gott bleibe, seinen Bund halte. Anstatt unterzugehen, werde es so zahlreich werden wie der Staub; anstatt wie die heidnischen mächtigen Reiche zu zerfallen, werde es bleiben. Als Balak über diesen Segensspruch Bileams unwillig wurde, antwortete er ihm: „Muss ich nicht das halten und reden, was mir der HERR in den Mund gibt?“

    Da aber Balak glaubte, an einem anderen Ort den von ihm gewünschten Fluch erlangen zu können, führte er Bileam an einen freien Platz auf der Höhe Pisga, von wo aus er das ganze Lager des Volkes überblicken konnte. Auch dort wurden sieben Altäre gebaut und dieselben Opfer wie vorher gebracht. Aber vergeblich; denn auf die Frage Balaks an Bileam, was ihm der HERR gesagt habe, erhielt er unter anderem die Antwort: „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten? Siehe, zu segnen bin ich hergebracht; ich segne und kann’s nicht wenden. … Siehe, das Volk wird aufstehen wie ein junger Löwe und wird sie erheben wie ein Löwe; es wird sich nicht legen, bis es den Raub fresse und das Blut der Erschlagenen saufe.“ Weil diese Volk, sagt Bileam in diesem Spruch, sich nicht auf Zauberer und Wahrsager, sondern allein auf die Offenbarungen seines Gottes verlässt, von seinem Gott selbst geleitet und mit Kraft ausgerüstet wird, so ist es nicht nur unbezwingbar, sondern wird wie ein Löwe alle seine Feinde überwinden und nimmt Balak damit alle Hoffnung, das Volk zu überwinden.

    Dennoch macht Balak einen weiteren Versuch. Wohl ist er über diesen Segen Bileams entrüstet und ruft ihm zu: „Weder verfluchen sollst du es noch segnen.“ Als ihm dieser aber entgegnet, was er ihm von Anfang an gesagt hatte, dass er nichts anderes tun könne, als was Gott zu ihm reden werde, besinnt er sich und fordert ihn auf, nach einem dritten Ort mit ihm zu gehen, auf den Gipfel des Berges Peor, ob  es Gott vielleicht gefalle, von dort aus Israel zu verfluchen. Wieder werden sieben Altäre von Balak errichtet, wieder sieben Stiere und Widder geopfert. Dort erblickt Bileam das Volk nach seinen Stämmen gelagert, der Geist Gottes kommt über ihn, und sein Spruch lautet: „Wie fein sind deine Hütten, Jakob, und deine Wohnungen, Israel!“ und er weissagt: Wie sich die Gärten und die Zedern an den Wassern ausbreiten so wird Israels Same wie ein großes Wasser und sein König höher als Agag werden. Er wiederholt das in den vorigen Segenswünschen Ausgesagte und fügt hinzu: „Gesegnet sei, wer dich segnet, und verflucht, wer dir flucht!“ Nun ergrimmt Balak und sagt zu ihm: „Hebe dich an deinen Ort!“ Bileam erinnert ihn nochmals, dass er ja zu seinen Boten gesagt habe, wenn er ihm sein ganzes Haus voll Silber und Gold gäbe, müsse er doch das reden, was der HERR ihm sage. Aber ehe er den König verlässt, verkündigt er ihm den vierten und letzten Segensspruch: „Komm, ich will dir raten, was dies Volk deinem Volk tun wird zur letzten Zeit“, wie du dich zu ihm verhalten hast, wenn dieses Volk in der letzten Zeit seinem Volk Segen anstatt Fluch bringen soll: „Ich werde ihn sehen, aber jetzt nicht; ich werde ihn schauen, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth. Edom wird er einnehmen, und Seir wird seinen Feinden unterworfen sein. Israel aber wird Sieg haben. Aus Jakob wird ein Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist in den Städten.“ So hatte Bileam stufenweise einen immer größeren Segen und in dem letzten Spruch die ganze Fülle des Segens über das Volk ausgesprochen. Während Balak ihn mit allen Mitteln dazu bringen wollte, Israel zu verfluchen, musste Bileam, da der Geist des HERRN über ihn kam, es mit Segen überschütten, obwohl er, um die hohe Ehre und den reichen Lohn, den ihm Balak versprochen hatte, zu erhalten, dem Volk gerne geflucht hätte. Dieser heidnische Seher musste Gott dazu dienen, um seine Macht über die heidnischen Seher und Beschwörer zu offenbaren, zu zeigen, dass der über Israel ausgesprochene Segen unwiderruflich sei, und sein herrlicher Name unter den heidnischen Völkern kund werde.

    Ich bin, meine Zuhörer, ausführlicher auf die Umstände, unter denen diese Weissagung von Christus verkündigt worden ist, eingegangen, um zu zeigen, wie einzigartig sei in mehrfacher Beziehung ist und eben dadurch umso herrlicher und leuchtender. Bileam ist ein heidnischer Seher und Beschwörer und hat doch eine verstandesmäßige Erkenntnis des wahren Gottes; er nennt den HERRN seinen Gott und meint doch, ihn wie die Heiden mit seinen Opfern umstimmen, sich dienstbar machen zu können. Er fürchtet sich vor Gott, und doch ist sein Herz von Ehrgeiz und Habsucht erfüllt. Er ist ein unlauterer Mann, und doch redet Gott mit ihm. Gott verbietet ihm zuerst, mit den Gesandten Balaks zu ziehen, erlaubt es ihm dann und stellt sich ihm doch auf dem Weg feindlich entgegen. Bileam will dem Volk gerne fluchen, um den Lohn der Ungerechtigkeit zu erlangen, aber der Geist des HERRN kommt über ihn, und er muss segnen. Er ist trotz seiner Gotteserkenntnis ein blinder Heide, und doch öffnet ihm Gott der HERR die Augen, dass er nicht nur den Sieg des Volkes Israel über seine Feinde erblickt, sondern in ferner Zukunft den von den Propheten verheißenen großen Herrscher aus dem Volk wie einen leuchtenden Stern aufkommen sieht. So hat diese Weissagung Ähnlichkeit mit der Jakobs auf seinem Sterbebett: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme, und demselben werden die Völker anhangen“, unterscheidet sich von dieser aber dadurch, dass Jakob verkündigt, dem Helden würden die Heidenvölker anhangen, Bileam hingegen, er werde die Heidenvölker zerstören und vernichten. Ist das nicht eine einzigartige Weissagung von Christus? Aber eine solche ist sie auch ihrem Inhalt nach. Das lasst uns zweitens erkennen.

 

2.

    Bileam beginnt seinen letzten Segensspruch, der die Weissagung von dem Messias enthält, fast mit denselben Worten, mit denen er schon den dritten Segen über Israel eingeleitet hatte: „Es sagt der Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis hat des Höchsten, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet2, und bekennt damit, dass er das, was er verkündigen wird, nicht aus sich selbst, sondern aus göttlicher Offenbarung hat. Er nennt sich den Hörer göttlicher Rede, sagt, dass er die Offenbarung des Allmächtigen sieht, und dass ihm die Augen geöffnet sind, geöffnet durch den Geist, der über ihn gekommen ist. Was er mit den geöffneten Augen sieht, spricht er in den Worten aus: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahe.[1] Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“

    Wen sieht, schaut, Bileam? Den Stern, der aus Jakob aufgeht, das Zepter, das aus Israel aufkommt. Und dass mit diesem Stern und Zepter eine Person gemeint ist, sagt er im 19. Vers: „Aus Jakob wird der Herrscher kommen“; denn die drei Benennungen sagen dasselbe, nur in verschiedener Beziehung, die Eigenschaften beschreibend. Er sieht einen Stern aus Jakob aufgehen. Es war bei den alten Völkern etwas Gewöhnliches, die Geburt und Thronbesteigung großer Könige durch Erscheinungen von Sternen angezeigt zu finden. Wenn Bileam daher einen solchen Stern aufgehen sieht, so ist ihm dies das Sinnbild der Erscheinung eines großen und glänzenden Herrschers. Und dieser große und glänzende Herrscher wird aus dem Volk erstehen, das er auf Balaks Drängen verfluchen sollte. Und aus demselben Volk, aus Israel, wird ein Zepter aufkommen, ein mächtiger Herrscher aus dem Volk, dessen Lager er von der Spitze des Berges aus, auf dem er steht, überblickt, hervorgehen. Aber wie? Das sagen die Worte: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahe.“ Dieser mächtige Herrscher ist noch nicht unter dem Volk Israel, das sich unten auf dem Gefilde Moab gelagert hat, wird auch nicht in naher, sondern in ferner Zukunft, „am Ende der Tage“, erscheinen.

    Aber Bileam sagt auch, wodurch sich dieser Zukünftige als ein mächtiger Herrscher erweisen wird; denn er fährt fort: „Und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“ Dieselben Fürsten mit ihrem Volk, die damals durch den Fluch Bileams Israel vernichten wollten, die Moabiter, die Kinder des Getümmels[2], die, von Lot und seinen Töchtern (1. Mose 19,31 ff.) abstammend, mit Israel stammverwandt, ihm damals aber so feindlich gesinnt waren, die wir der künftige Herrscher zerschmettern und zerstören. Was für eine Weissagung für Balak, den damaligen König der Moabiter! Er will das Volk, vor dem ihm graut, durch Bileam verflucht haben, und dieser verkündigt ihm, dass aus demselben Volk ein Herrscher erstehen wird, der die Geschlechter seines Volks zerschmettern wird.

    Doch damit ist Bileams Weissagung noch nicht zu Ende; denn er fährt fort: „Edom wird er einnehmen und Seit wird seinen Feinden unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben.“ Auch die Edomiter, die Nachkommen Esaus und daher ebenfalls mit Israel stammverwandt, die im Lande Seir, einem Nachbarland von Moab, wohnten, werden von demselben Schicksal betroffen, sein Besitz werden, und zwar so vollständig, dass alles, was noch von den Edomitern in den Städten übrig ist, vertilgt werden wird. Und noch mächtiger wird sich dieser Herrscher aus Jakob erweisen; denn wie in den unserem Text folgenden Worten von Bileam weiter gesagt wird, werden auch die Amalekiter, die sich unter den heidnischen Völkern Israel zuerst auf seinem langen Zug durch die Wüste feindlich entgegenstellten, aber durch Josua geschlagen wurden, von seiner Macht erreicht werden. Zuletzt verkündigt Bileam den Untergang seines eigenen Volkes, er Assyrer, was ihm tief zu Herzen geht, daher er ausruft: „Wehe, wer wird leben, wenn Gott solches tun wird?“ Alle genannten Völker werden fallen, selbst die gewaltigen Weltreiche wie Assyrien werden untergehen; aber der aus Jakob aufstehende Herrscher und sein Reich werden bleiben und bestehen. Welch eine wunderbare, eigenartige Weissagung aus dem Mund eines Bileam!

    Nun aber die Frage: „Wer ist der glänzende Stern aus Jakob, das Zepter aus Israel, der mächtige Herrscher, der aus Jakob kommen wird? Wer ist es, der in einer Zukunft von mehr als tausend Jahren sich als ein solcher Herrscher erweisen wird. Wohl hat David, der Heldenkönig Israels, diese Feinde seines Volkes überwunden, so dass er 1. Chron. 24,25 sagen konnte: „Der HERR, der Gott Israels, hat seinem Volk Ruhe gegeben“; aber damit war diese Weissagung Bileams nicht erfüllt. Dieser Herrscher ist vielmehr kein anderer als der verheißene Messias, von dem Jakob g4eweissagt hat: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.“ Der wird alle Feinde Israels zerschmettern, ein ewiges Reich gründen, dem alle Reiche dieser Welt werden erliegen müssen. Als er zu Bethlehem geboren wurde, als der von Bileam geweissagte Stern aus Jakob aufging, da erschienen die Weisen aus dem Morgenland, der Heimat Bileams, und fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Der von ihnen gesehene Stern war nicht etwa der, welcher Bileam vor Augen schwebte, aber ein wunderbarer Stern, der ihnen anzeigte, dass die Weissagung Bileams erfüllt sei. Darum fragten sie nach dem neugeborenen König der Juden und sagten, dass sie gekommen seien, ihn anzubeten, weil sie nach der ihnen bekannten Weissagung glaubten, dass er über die Heidenvölker herrschen werde.

    Fragen wir nach der Erfüllung dieser Weissagung? Sie liegt vor Augen. Christus, der Herrscher aus Jakob, streckt sein Zepter über die Völker der Heiden; und die sich gegen ihn aufgelehnt haben, sind zerschmettert, zugrunde gegangen. Die Moabiter, Edomiter, Amalekiter und Keniter sind aus der Geschichte verschwunden, die größeren Weltmächte der Assyrer, Babylonier und anderer sind zugrunde gegangen. Erfüllt ist Bileams Weissagung sowie die des 2. Psalms: „Heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen, wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen“ und des 72. Psalms: „Er wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken.“

    So ist denn diese Weissagung Bileams von Christus auch ihrem Inhalt nach eine eigenartige, wunderbare, da sie ihn als einen glänzenden, über seine Feinde triumphierenden Herrscher verkündigt, dem keiner seiner Feinde widerstehen kann. Vollendet aber wird er als ein solcher offenbar werden, wenn er, umgeben von den heiligen Engeln, erscheinen, auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit sitzen und die vor ihm versammelten Völker richten wird. Wohl allen, die ihm in wahren Glauben dienen, in deren Herzen sein seligmachendes Wort als der schönste Stern leuchtet! Vor ihm wollen wir unsere Knie beugen wie die Weisen aus dem Morgenland und ihm unsere Gaben darbringen. Ja:

Du wollst in mir entzünden

Dein Wort, den schönsten Stern.

Dass falsche Lehr und Sünden

Sein von meim Herzen fern.

Hilf, dass ich dich erkenne

Und mit der Christenheit

Dich meinen König nenne

Jetzt und in Ewigkeit!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 4,3-16: Kains Brudermord

 

1. Mose 4,3-16: Es begab sich aber nach etlichen Tagen, dass Kain dem HEERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes, und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fetten. Und der HERR sah gnädig an Abel und seine Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich.

    Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du, und warum verstellt sich deine Gebärde? Ist’s nicht so? Wenn du gerecht bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht gerecht, so ruht die Sünde vor der Tür. Aber lass du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie.

    Da redete Kain mit seinem Bruder Habel. Und es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

    Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Bluts schreit zu mir von der Erde. Und nun verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort sein Vermögen nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

     Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Sünde ist größer, als dass sie mir vergeben werden könnte. Siehe, du treibst mich heute aus dem Land und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlage, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, wer ihn fände.

    So ging Kain von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits Eden, gegen Osten.

 

    In dem HERRN, geliebte Zuhörer!

    Wenn wir den Bericht über den Sündenfall im dritten Kapitel des ersten Buches Mose näher ansehen, so erkennen wir, wie es bei unseren ersten Eltern zu der Sünde, der Übertretung des göttlichen Verbots kam. Die Schlange erregte zuerst in dem Herzen Evas Zweifel an der Wahrheit des Verbots: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen“, indem sie zu ihr sprach: „Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten!“ Auf die Versicherung der Frau, dass Gott das Gebot allerdings gegeben habe, leugnete die Schlange die Wahrheit der dem Verbot beigefügten Drohung, indem sie sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben!“ Dem „Du wirst gewiss, unfehlbar, des Todes sterben“ setzt4e sie das „Keineswegs“ entgegen und erregte in der Frau die Lust nach der verbotenen Frucht, indem sie behauptete, dass durch das Essen der Frucht ihre Augen aufgetan, sie wie Gott sein und wissen würden, was gut und böse sei. Das war Wahrheit und Lüge zugleich: Wahrheit, insofern ihre Augen wirklich aufgetan wurden; Lüge, insofern sie erkannten, dass sie nackt waren und sich schämten. Diese Lüge war umso gefährlicher, als sie, mit einer gewissen Wahrheit vermischt, eine meisterhafte, satanische Zweideutigkeit war und die Beschuldigung gegen Gott enthielt, dass er ihnen die Frucht an dem Baum nicht aus Liebe, um sie vor dem Tod zu bewahren, sondern aus Neid und Missgunst, damit sie ihm durch Erkenntnis des Guten und Bösen nicht gleich würden, gegeben habe.

    Die Frau richtet ihren Blick auf den Baum. Die Frucht ist eine Lust für das Auge, lieblich anzuschauen, begehrenswert; ihr Wille stimmt der Begierde zu, sie nimmt und isst, und wie sie von der Schlange verführt ist, so verführt sie den Mann. Und wie schnell entfaltet sich die Sünde! Wie sich aus einem kleinen Samenkorn ein voller Strauch oder Baum entwickelt, aus einer kleinen Flamme ein großer Brand entsteht, so auch die Sünde. Beide haben der Lüge Satans geglaubt und sind dadurch zu Lügnern geworden. Sie versteckten sie in ihrem Schuldbewusstsein unter den Bäumen, gaben aber vor, dass sie sich nur versteckten, weil sie nackt seien, und als sie diese Unwahrheit nicht aufrechterhalten können, schob der Mann die Schuld auf die Frau, indem er zu Gott sagte: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“ Die Frau schob die Schuld auf die Schlange, die auch von Gott erschaffen war, und so wollten beide Gott selbst im letzten Grund für ihre Sünde verantwortlich machen. Wie ganz anders und hässlich ist dies Bild, das sie nun an sich tragen! Wo ist das ihnen anerschaffene Bild Gottes, die Heiligkeit und Gerechtigkeit, geblieben?

    Aber das Bild pflanzte sich auf ihre Nachkommen fort. Sie zeugten Kinder, die ihrem Bild ähnlich waren. Das erkennen wir sogleich an Kain, dem ersten ihrer Söhne. Als dieser geboren wurde, rief Eva erfreut aus: „Ich habe den Mann, den HERRN!“ Aber wie täuschte sie sich! Sie hatte den geboren, in dem sich die ganze Verderbtheit der sündlichen Natur zu erkennen gab, die Sünde sich bis zu dem grauenvollen Brudermord steigerte. Diese Sünde berichtet der verlesene Text. Betrachten wir daher jetzt:

 

Kains Brudermord

 

    Wir sehen, dass Kain seinen Bruder Abel ermordete,

1.                 Weil Gott Abels und nicht auf sein Opfer gnädig ansah,

2.                 Obwohl er ernst von Gott gewarnt worden war,

3.                 Dass er deswegen von Gott verflucht wurde.

 

1.

    Kain und Abel waren die ersten Söhne Adams und Evas. Kain war ein Ackermann, Abel ein Schäfer. Beide brachten dem HERRN ein Opfer dar, und zwar jeder ein solches, das seinem Beruf entsprach: Kain als Acker- oder Landmann von den Früchten des Feldes, Abel als Schäfer von seiner Herde. Beide taten dies aus freiem Willen; denn von einem Befehl, den ihnen Gott gegeben hätte, berichtet uns die Heilige Schrift noch nichts. Sie taten es in dem Bewusstsein, dass Gott der Schöpfer und der Geber aller guten Gaben sei, dass sie von ihm abhängig seien. Keines von beiden war ein Sühnopfer, wodurch sie eine Schuld sühnen, sondern es waren Dank- und Bittopfer, durch die sie Gott ihren Dank und ihre Bitte darbringen wollten, weil sie ohne Zweifel von Adam über die Schöpfung und die Verheißung Gottes unterrichtet worden waren. In dieser Beziehung waren also beider Opfer völlig gleich.

    Dennoch aber waren sie völlig ungleich. „Der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an“, das heißt, er blickte auf Abel und dessen Opfer mit Wohlgefallen, hingegen auf Kain und dessen Opfer mit Missfallen. Weshalb? Auf eine Verschiedenheit der beiden Opfer weist der Text hin, da er berichtet, dass Kain sein Opfer von den Früchten des Feldes, Abel aber das seine von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fetten darbrachte. Kain traf also unter den Früchten seines Feldes keine Auswahl, sonderte für seine Opfer nicht die besten Früchte aus, sondern nahm dazu irgendwelche; Abel hingegen wählte zu seinem Opfer von den Erstlingen und von den fettesten Tieren seiner Herde, die besten, welche sich in ihr fanden. Dadurch gaben beide die Gesinnung zu erkennen, in der sie opferten. Kain dachte, für Gott sei irgendetwas, Abel, für Gott sei nur das Beste gut genug, und das zeigte, dass jener ungläubig, dieser gläubig war, jener im Unglauben, dieser im Glauben sein Opfer darbrachte. Daher heißt es Hebr. 11,4: „Durch den Glauben hat Abel Gott ein größeres Opfer getan als Kain, durch welchen er Zeugnis überkommen hat, dass er gerecht sei, da Gott zeugte von seiner Gabe.“ Und weil Abel sein Opfer im Glauben darbrachte, sah es Gott gnädig, mit Wohlgefallen, Kains Opfer dagegen mit Missfallen an, weil es ein bloß äußerliches, heuchlerisches Werk war, ohne die rechte Gesinnung, ohne Dankbarkeit, ohne Glauben.

    Darüber, dass Gott sein Opfer nicht gnädig ansah, ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärden verstellten sich. Er ergrimmte in seinem Zorn, blickte finster vor sich auf die Erde[3], wie das bei solchen zu geschehen pflegt, die zornig und gehässig sind. Er wurde darüber zornig, dass Abels Opfer von Gott angenommen, das seine verworfen wurde, dann aber auch über seinen Bruder Abel, obwohl dieser ganz unschuldig war; denn was konnte Abel dafür, dass er, Kain, gottlos war? Anstatt in sich zu gehen, Buße zu tun, hasste er Abel, als wäre dieser die Ursache, dass Gott mit Missfallen auf sein heuchlerisches Opfer blickte. Und da er den in seinem Herzen aufsteigenden Hass nicht bekämpfte, sondern ihm freien Lauf ließ, so wurde dieser Hass immer größer und trieb ihn zu dem schändlichen Brudermord.

    So trat schon bei Kain die Sünde in ihrer unverhüllten, teuflischen Gestalt hervor, tränkte die Erde mit unschuldigem Bruderblut. Der Gottlose hasst den Gottesfürchtigen, hasst ihn um seiner Gottesfurcht, seiner Frömmigkeit willen. So ist’s allezeit gewesen. Seit Kain und Abel haben sich die Menschen je und je in zwei Klassen, in Gottlose und Gottesfürchtige, Ungläubige und Gläubige, geschieden. Die Nachkommen Kains schlugen die Wege ihres Vaters ein. Er baute, wie uns der zweite Teil dieses Kapitels berichtet, die erste Stadt und nannte sie nach seinem Sohn Henoch. Sein Nachkomme Lamech nahm zuerst zwei Frauen, und damit begann die Vielweiberei. Die Söhne Lamechs waren die Erfinder der Künste, besonders der Schmiedewerkzeuge und Mordwaffen, welche Lamech in einem trotzigen Lied vor seinen beiden Frauen, Ada und Zilla, besang und verherrlichte. „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal“, sang er, auf seine Kraft und Waffen pochend, in frechem Übermut. Kain, der Stammvater, hatte mit einer Mordtat begonnen, sein Nachkomme Lamech feiert die Mordwaffe mit einem Lied. Schon im siebten Glied des kainitischen Geschlechts ist alle Gottesfurcht erloschen; an Stelle der Gottesfurcht ist Pochen auf eigene Kraft, anstelle der Friedensliebe Kampfes- und Mordgier, anstelle der Keuschheit fleischliche Lust getreten; irdischer, gottloser Sinn ist zur Herrschaft gelangt. Und seit Kains Brudermord ist diese Erde mit Bruderblut getränkt, die Geschichte der Menschheit mit Blut geschrieben worden. So grauenvoll hat sich die Sünde entfaltet, dass Gott der HERR das ganze menschliche Geschlecht mit Ausnahme Noahs und seiner Familie durch die Sintflut ersäufte und von dem Erdboden vertilgte.

    Doch, meine Lieben, Kains Brudermord war eine umso schrecklichere Sünde, weil er sie beging, obwohl er von Gott so ernst gewarnt worden war. Darauf lasst uns zum anderen unsere Aufmerksamkeit richten.

 

2.

    Als Kain darüber ergrimmte, dass Gott auf Abels Opfer mit Wohlgefallen, auf das seine aber mit Missfallen blickte, sprach Gott zu ihm: „Warum ergrimmst du, und warum verstellt sich deine Gebärde? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht fromm, so ruht die Sünde vor der Tür? Aber lass du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie!“ Gott fragt ihn, warum er, voll Grimm und Zorn, so finster vor sich niederblickt. Er redet ihm ins Herz, er soll sich prüfen, ob er irgendeine Ursache hat, zornig und grimmig zu sein. Er soll, wenn er dazu Ursache hat, diese nicht bei seinem Bruder Abel, auch nicht bei ihm, Gott, sondern bei sich selbst suchen. Denn Gott sagt zu ihm: Ist es nicht so: Wen du fromm, gut bist, auf etwas Gutes sinnst oder bedacht bist, dann blickt du nicht finster vor dich nieder, sondern erhebst dein Angesicht, blickst frei und offen empor; wenn du aber auf Böses sinnst, um das auszuführen, so lauert die Sünde vor deiner Tür, um über dich zu herrschen und dich zu einer bösen Tat anzutreiben? Sie trachtet begierig danach, Macht und Gewalt über dich zu bekommen. Aber lass ihr nicht den Willen, lass sie nicht über dich herrschen, sondern herrsche du über sie! Die Sünde ist wie ein böses Tier, die dem Menschen, wie die Schlange Eva, auflauert, ihn zu überreden und in ihre Gewalt zu bekommen sucht. So eindringlich warnt Gott den Kain, seinen Zorn fahren zu lassen, damit der Zorn ihn nicht überwinde.

    Aber diese eindringliche Mahnung und Warnung war vergeblich. „Kain redete mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ Was Kain mit Abel redete, ist nicht gesagt. Es kann sein, dass er ihn aufforderte, mit ihm aufs Feld zu gehen, oder dass er ihm mitteilte, was Gott zu ihm gesagt hatte, dass Gott ihn wegen seines Zorns gestraft habe, also auch diese Strafe und Warnung Gottes, als von Abel veranlasst, diesem zur Last legen wollte. Aber was immer er gesagt haben mag: Als beide auf dem Feld waren, überfiel er Abel und tötete ihn. Trotz der Warnung Gottes lässt er die Sünde über sich herrschen und wird an seinem leiblichen, frommen Bruder zum Mörder. Er ist von dem Argen, dem Satan, hat dessen Gesinnung. Wie dieser ein Mörder von Anfang ist, so macht er Kain zum ersten Mörder unter den Menschen. Der giftige Same, der mit dem Essen von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in die menschliche Natur gepflanzt war, schießt bei dem erste Sohn Adams in Grimm, Hass und Brudermord empor. In Kain ist der natürliche, aus sündlichem Samen gezeugte Same zum Schlangensamen geworden; in seinem Brudermord tritt die furchtbare Macht des Bösen, des Menschenmörders, offen hervor.

    So steht Kain, dessen Hände mit dem Blut seines unschuldigen Bruders befleckt sind, für alle Menschen zu allen Zeiten da als ein warnendes, abschreckendes Beispiel. Hüte dich vor dem Anfang! Es ist ein gefährliches Ding um die Sünde, wenn sie genährt wird. Die bittere Wurzel gegen den Nächsten schießt schnell empor; sie wird zur Abneigung, die Abneigung zum Zorn, der Zorn zur Feindschaft, die Feindschaft zum Hass, der Hass zum tätlichen Mord. Wie mancher trägt dasselbe Gesicht wie Kain! Seine Gebärden verstellen sich, er blickt finster zu Boden, kann seinem Bruder nicht offen ins Auge sehen, obwohl er keine Ursache zum Zorn hat. Hüte dich, auch Gottes Warnung zu verachten! Zuerst spricht er zu dir wie Kain: „Zürne und sündige nicht; lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!“ Hasst du, so ermahnt er dich: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“ Verstellen sich deine Gebärden, er erinnert dich an Kain und spricht auch zu dir: „Wen du auf Gutes sinnst, so sind der Blick deiner Augen und dein Angesicht hell und freundlich; wenn du aber finster zu Boden blickst, so ruht nichts Gutes in deinem Herzen, dein Blick ist der Spiegel deines Herzens, und die Sünde lagert vor deiner Tür wie ein böses Tier.“ Und wehe denen, die solchen Mahnungen und Warnungen ihre Ohren verstopfen, die in ihrem Grimm und Hass fortfahren! Sie sind, soweit es auf ihre Gesinnung ankommt, in ihrem Herzen Brudermörder und stehen in der Gefahr, ihn wie Kain durch die äußere Tat totzuschlagen. „Wenn die Lust empfangen hat“, schreibt Jakobus, „gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod.“ Ja, auf die Sünde folgt die Strafe. Das ist das dritte, was Kains Brudermord lehrt.

 

3.

    Hatte Kain die erste Warnung Gottes verachtet, so musste er nun die gerechte Strafe hinnehmen; denn „da sprach der HERR zu Kain: ‚Wo ist dein Bruder Abel?‘ Er sprach: ‚Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?‘“ Dreierlei geht aus diesen Worten Kains hervor: zuerst, dass er in seiner Sünde so verblendet war, dass er meinte, seine schändliche Tat sei auch Gott verborgen. Aber sollte das Auge des Allsehenden sie nicht gesehen haben? Sodann log er Gott frech ins Angesicht, indem er auf die Frage, wo Abel sei, antwortete: „Ich weiß nicht.“ Drittens erkennen wir seine freche Unverschämtheit aus der Frage: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Gott fragt ihn  nicht nach dem Verbleib eines Freundes, sondern nach dem seines leiblichen Bruders. Er stellt sich, als ob ihn sein leiblicher Bruder gar nichts angehe. So steigert sich die Sünde. Adam und Eva fürchteten sich vor Gott und bekannten ihre Sünde; Kain leugnet sie frech ab und ist trotzig und unverschämt. Das wagt das Geschöpf dem Schöpfer, der Mensch dem heiligen Gott zu bieten !

    Aber Gott sagt ihm seine Sünde ins Gesicht; denn er spricht zu ihm: „Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Blut schreit zu mir von der Erde. Und nun, verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“ Dreimal gebraucht der HERR das Wort „Bruder“ und hebt damit die Abscheulichkeit des Verbrechens hervor. Bruderblut hast du vergossen, mit Bruderblut die Erde getränkt, und unschuldiges Bruderblut dazu; und dies Blut schreit zu mir im Himmel von der Erde. „Was hast du getan?“ fragt Gott und spricht damit die Abscheu vor Kains Tat aus. Ja, wenn Kain seines Bruders Hüter nicht sein wollte, Gott ist es. Er kümmert sich um seine Kinder, ihr Tod ist wert gehalten vor ihm, und sein Ohr hört die Stimme des unschuldig vergossenen Blutes, wenn des Menschen Ohren sie auch nicht hören. Enthalten diese Worte Gottes, an Kain gerichtet, die Anklage, so fällen die Worte: „Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“ das Urteil: Wie die Sünde, so die Strafe. Hat er die Erde, dass ich so sage, Bruderblut zu schlucken gegeben, so soll er auf dieser Erde verflucht sein; sie soll ihm, wenn er sie bebaut, ihr Vermögen nicht geben, sie soll unfruchtbar sein. Er soll sie nicht nur wie Adam im Schweiß seines Angesichts, sondern auch fruchtlos, vergeblich bebauen; er soll säen, aber nicht ernten, und er soll unstet und flüchtig auf ihr sein, keinen dauernden Wohnsitz auf ihr haben, sondern ruhelos von einem Ort zum anderen wandern. Das war die Strafe für den Brudermord.

    Nun verwandelt sich der freche Trotz des Brudermörders in Verzagtheit und Verzweiflung; denn er ruft aus: „Meine Sünde ist größer, als dass sie mir vergeben werden könnte“, oder: dass ich sie tragen könnte. Er meinte, unter ihrer Last vergehen zu müssen. Dennoch war er nicht bußfertig, denn nicht die Größe seiner Sünde, sondern die Größe der Strafe beklagt er, wie die folgenden Worte zeigen: „Siehe, du treibst mich heute aus dem Land, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlage, wer mich findet.“ Er fürchtet die Blutrache. Er, der mit kaltem Blut den Bruder erschlagen hat, bebt und zittert nun vor Furcht, selbst getötet zu werden; er ist zum Feigling geworden. Von seinem Gewissen geplagt, wittert er überall Gefahr, wie es heute noch von Verbrechern geschieht und Spr. 28,1 heißt: „Der Gottlose flieht, und niemand jagt ihn.“ „So ging Kain“, so schließt unser Texgt, „von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ „Nod“ heißt Flucht, Verbannung. Hatte er bisher im Land Eden, dem Wonneland, wo Gott sich den Menschen offenbarte, gewohnt, so musste er nun in der Verbannung leben, wo sich Gott nicht offenbarte und sich ihm nicht gnädig erzeigte, wo sich die Gottlosigkeit seiner Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht steigerte.

    Hätte Gott der HERR den nun feigen Brudermörder nicht sogleich mit dem Tod bestrafen sollen? Aber obwohl er unbußfertig war und nur die Strafe, Wiedervergeltung, fürchtete, ließ er ihm doch schonende Langmut zuteil werden. Zwar gab er ihm nicht die Versicherung, dass ihn niemand töten solle, sondern nur die, dass sein Tod siebenfach gerächt werden solle. Sodann machte er ein Zeichen an Kain, damit ihn keiner, der ihn finde, erschlüge. Was das für ein Zeichen war, ob ein Zittern an allen Gliedern, ein scheuer, furchtsamer Blick, wissen wir nicht. Die meisten Verbrecher haben ja einen unsteten Blick, können anderen nicht offen ins Gesicht sehen, sondern weichen dem Blick aus. Für Kain war das Zeichen ein gewisses Schutzmittel, weil es wahrscheinlich Mitleid erregte, aber auch zugleich eine Strafe, die er tragen musste. Und der HERR wollte Kain von keinem Menschen getötet haben, weil er jede Privatrache verboten, die Strafe sich selbst vorbehalten hat. „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der HERR.“ Dies Wort hatte schon damals Geltung.

    Diese Strafe Kains lehrt uns die Gerechtigkeit und Langmut Gottes. Er ist der gerechte Gott, der die Sünde straft und strafen muss. „Du bist“, spricht der Psalmist, „nicht ein Gott, dem gottloses Wesen gefällt. Wer böse ist, bleibt nicht vor dir.“ Doch eilt er nicht mit der Strafe oder vollzieht sie nicht mit der ganzen Schärfe, um dem Sünder Zeit zur Buße zu geben. Er will ja nicht des Sünders Tod, sondern dass er sich bekehre und lebe. Wird diese Gnadenzeit versäumt, gar auf Mutwillen gezogen, dann bleibt auch die volle Strafe nicht aus. Denn:

Wahr ist’s, Gott ist wohl stets bereit

Dem Sünder mit Barmherzigkeit;

Doch wer auf Gnade sündigt hin,

Fährt fort in seinem bösen Sinn

Und seine Seele selbst nicht schont,

Der wird mit Ungnad abgelohnt.

    Der treue Gott verleihe uns allen ein bußfertiges Herz, vergebe uns um Christi, seines Sohnes willen, der für alle Sünden mit seinem auf Golgatha vergossenen teuren Blut bezahlt und den Fluch gesühnt hat, alle unsere Sünden und verleihe, dass wir in wahrer Liebe zu unserem Nächsten wandeln, ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten. Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag nach Epiphanias ueber Jesaja 6: Die Weihe des Propheten Jesaja

 

Jesaja 6: In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den HERRN sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl; und sein Saum füllte den Tempel. Seraphim standen über ihm, ein jeglicher hatte sechs Flügel; mit zwei deckten sie ihr Antlitz, mit zwei deckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll! dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus wurde voll Rauchs.

    Da sprach ich: Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog der Seraphim einer zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnt sei. Und ich hörte die Stimme des HERRN, dass er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

    Und er sprach: Gehe hin und sprich zu diesem Volk: Hört es und versteht es nicht; seht es und merkt es nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren dick sein und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen. Ich aber sprach: HERR, wie lange? Er sprach: Bis dass die Städte wüst werden ohne Einwohner und Häuser ohne Leute und das Feld ganz wüst liege. Denn der HERR wird die Leute fern wegtun, dass das Land sehr verlassen wird. Doch soll noch das zehnte Teil drinbleiben; denn es wird weggeführt und verheeret werden wie eine Eiche und Linde, welche den Stamm haben, obwohl ihre Blätter abgestoßen werden. Ein heiliger Same wird solcher Stamm sein.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Das Bild, welches uns in dem verlesenen Wort Gottes vor die Augen geführt wird, ist ein ganz eigenartiges und wohl das erhabenste, das wir in der Heiligen Schrift finden. Wir erblicken in ihm zuerst Gott selbst in seinem Heiligtum, sitzend auf seinem himmlischen Thron, umgeben von den Seraphim als seinen Dienern, die mit gewaltiger Stimme durch Zu- und Gegenruf die Ehre des Heiligen in Israel verkündigen. Dies erblickt Jesaja in einem Gesicht, und davon überwältigt, wird er von #Schrcken ergriffen und ruft aus: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Da schwebt einer der hohen, heiligen Seraphim herab, berührt mit einer glühenden Kohle, die er von dem Altar genommen hat, die Lippen Jesajas und entsündigt ihn dadurch, denn er spricht zu ihm: „Deine Missetat ist von dir genommen, deine Sünde ist versöhnt.“ Der Heilige entsündigt den Sündigen, der Reine reinigt den Unreinen, ein Diener im Heiligtum des HERRN der Heerscharen einen Menschen, der dessen Diener auf Erden unter Menschen sein soll. Denn nachdem dies geschehen ist, hört Jesaja die Frage des HERRN: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ Auf diese Frage antwortet Jesaja sogleich: „Hier bin ich, sende mich!“ Und Gott nimmt dies Anbieten an und gibt ihm nicht nur den Befehl, als sein Bote zu dem Haus Juda-Israel zu gehen und ihm sein Wort zu verkündigen, sondern sagt ihm auch, welche Wirkung seine Predigt unter dem Volk haben und welch schweres Strafgericht es treffen werde.

    Doch es ist nicht meine Aufgabe, euch das im Text gegebene Bild in seinen einzelnen Zügen und in seiner einzigartigen Größe darzustellen. Ich könnte das auch nicht, denn dazu ist jede menschliche Zunge zu schwach; ich will vielmehr das hervorzuheben suchen, was dem Anlass entspricht, der uns jetzt hier zu einer besonderen Feier versammelt hat.

    Sie sind keine Männer wie Jesaja, keinen von Ihnen kommt es in den Sinn, sich dem größten unter den Propheten gleichzustellen. Aber wie Jesaja, so sollen auch Sie Gottes Boten sein. Es ist derselbe Gott, der Heilige in Israel, wie ihn Jesaja mit Vorliebe nennt, der Sie sendet. Jenen sandte er in kein entferntes Land. Wie jener, so sollen auch Sie unter einem Volk von unreinen Lippen als Gottes Boten auftreten, sollen dasselbe Wort wie er, der Evangelist des Alten Bundes, verkündigen. Sie werden, wie der große Prophe5t, wenn auch in geringerem Maß, dieselben Kämpfe zu führen haben und klagen müssen: „Wer glaubt unserer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart?“ aber auch rufen: „Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.“ Darum lasst Sie mich Ihnen jetzt mit einigen Worten darstellen:

 

Die Weihe des Propheten Jesaja

 

    Wir betrachten

1.                 Die wunderbare Gotteserscheinung,

2.                 Die Entsündigung des Propheten,

3.                 Seine Sendung zu dem Volk Israel.

 

 

1.

     Wie einst Mose durch eine wunderbare Erscheinung des HERRN im feurigen Busch zum Führer des Volkes Israel aus Ägypten, wie Jeremia und Hesekiel ebenfalls durch besondere Gotteserscheinungen zu Propheten berufen und geweiht wurden, so auch Jesaja, der größte unter allen Propheten.

    Welch eine Erscheinung! Jesaja erblickt den Heiligen in Israel in seinem Palast, sitzend auf einem erhabenen Thron, umgeben von den Seraphim. Die Säume, das heißt, die Enden seines herabwallenden Gewandes, bedecken den Boden des ganzen himmlischen Heiligtums, so dass es ganz von seiner Herrlichkeit bedeckt, erfüllt ist. Die Seraphim, die seinen Thron umgeben, sind Gestalten mit menschlichem Angesicht und menschlichen Füßen. Sie haben je drei Paar Flügel. Mit zwei bedecken sie ihre Füße, mit zwei schweben sie durch das Heiligtum dahin, mit zwei bedecken sie in ehrerbietiger, heiliger Scheu ihr Angesicht vor dem Heiligen in Israel. Sie sind leuchtende, wie vom Feuer durchglühte Wesen und stellen, wie die Cherubim die Macht, die Heiligkeit Gottes dar. Sei sind von allem Irdischen und Menschlichen, besonders von allem Unreinen und Sündlichen, unterschieden. Aber nicht schweigend schweben sie in dem himmlischen Palast dahin, sondern sie erheben ihre Stimmen, und wie Donnerhall ertönt ihr Preis- und Lobgesang: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll!“ so dass die Grundfesten von dem Hall der Rufenden erbeben, und das Haus voll Rauchs wird.

    Wozu diese einzigartige, gewaltige, ich könnte sagen, donnerartige Erscheinung bei der Weihe des Jesaja? Wozu diese Erscheinung, welche die Allherrschaft Gottes als des absoluten Königs über die ganze Welt und seine vollkommene Heiligkeit in einer Weise wie nichts anderes darstellt? Jesaja sollte aus ihr erkennen und es nie vergessen, wer der sei, in dessen Dienst er treten, als dessen Bote er zu dem sündigen Volk gehen sollte. Dessen Bote sollte er sein, der an königlicher Größe und Macht alles Irdische überragt, der in seiner unantastbaren Heiligkeit von allem Irdischen so weit unterschieden ist wie der Himmel von der Erde, der aller Unreinigkeit und Sündhaftigkeit gegenüber ein verzehrendes Feuer ist; diesen allmächtigen und allheiligen Gott sollte er unter einem durch und durch sündigen Volk als dessen Bote vertreten. Das erkannte Jesaja auch; deswegen rief er voll Erschrecken aus: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“

    Aber doch auch erhebend und tröstlich war diese Gotteserscheinung für Jesaja. Denn wenn er als Bote dieses Gottes unter das Volk trat und des Schutzes dieses Gottes versichert war, wer konnte ihn dann antasten? Mit welchem Vertrauen und welcher Freudigkeit konnte er trotz allen Widerspruchs sein Amt ausrichten!

    Ihnen, meine Freunde, ist eine solche Gotteserscheinung nicht zuteil geworden und wird Ihnen auch nicht zuteil werden. Solche Erscheinungen gehören der Patriarchen- und Prophetenzeit des Alten Bundes an. Wir haben im Neuen Testament eine, wenn auch nicht sichtbar in die Augen fallende, so doch größere und herrlichere Gotteserscheinung; denn Gott ist erschienen im Fleisch und hat seine Herrlichkeit offenbart. „Nachdem vorzeiten Gott manchmal und auf mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ In dem Wort des Sohnes und seiner Apostel haben wir die letzte, abschließende und vollkommene Offenbarung Gottes und seines Willens und sollen deshalb auch nicht nach besonderen, wunderbaren Erscheinungen und Offenbarungen ausblicken. Darum beruft Gott seine Boten nicht mehr unmittelbar, sondern mittelbar, durch seine Kirche. Aber es ist derselbe göttliche, kräftige Beruf, göttlich nach Ursache, Inhalt und Zweck, der Beruf des Heiligen in Israel, des Königs Himmels und der Erde, der in seiner Macht unbeschränkt, in seiner Heiligkeit unverletzlich ist. Ein solcher Beruf ist auch der Ihre. Ist das nicht auch für Sie erhebend, tröstlich? Können Sie nicht im Vertrauen darauf getrost ausgehen und als seine Boten auftreten, im Namen Ihres Gottes inmitten eines sündigen Volkes allen Feinden und Spöttern ohne Furcht Trotz bieten?

    Aber nun betrachten Sie zweitens, was auch für Sie von höchster Wichtigkeit ist, dass nämlich auch an Ihnen geschehen muss, was an Jesaja geschah, ehe er von Gott als sein Bote ausgesandt wurde: die Entsündigung.

 

2.

    Angesichts dieser Erscheinung des heiligen Gottes und der heiligen Seraphim rief Jesaja voll Schrecken aus: „Wehe mir, ich vergehe! … Denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Dies brachte ihn zur vollen Erkenntnis seiner Unreinigkeit und Sündhaftigkeit. Er meinte, vergehen, vernichtet werden zu müssen, weil er – denn damit begründet er den Ausruf: „Wehe mir, ich vergehe!“ – „unreiner Lippen“ war, ein sündiger Mensch. Konnte er als solcher vor dem heiligen Gott bestehen? Konnte er, der Sünder, des heiligen Gottes Bote sein? Freilich nicht, denn der dreimal Heilige kann keine Sünder als seine Boten in seinen Dienst stellen. Aber wohl dem Propheten, dass er zu solcher Erkenntnis kam! Denn alsbald schwebte einer der Seraphim mit einer glühenden Kohle, von dem heiligen Feuer, von dem Altar genommen, zu ihm hernieder, rührte dreimal seine Lippen an und sprach zu ihm: „Siehe, hiermit sind deine Lippen gerührt, dass deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnt sei.“ So wird der Sündige entsündigt durch himmlisches Feuer an den Lippen als den Organen, mit denen er den Heiligen in Israel dem Volk, das ihn nicht kannte, verkündigen sollte. Und nun war er geeignet zum Boten, geschickt, die Botschaft unter einem sündigen Volk auszurichten.

    Sind Sie, meine Freunde, entsündigt, geheiligt? Sie sind es, wenn auch Sie, auf sich selbst blickend, ähnlich wie Jesaja ausrufen: „Wehe uns, wir vergehen; denn wir sind unreiner Lippen!“ Denn nur die, welche in wahrer, lebendiger Sündenerkenntnis stehen, vor dem heiligen Gott, der in seiner Heiligkeit ein verzehrendes Feuer ist, erschrecken, können entsündigt, geheiligt werden und werden entsündigt durch den Glauben an den, der mit seinem reinen und teuren Gottesblut die Sündenschuld der ganzen Welt gebüßt und bezahlt hat. Ja, das auf dem Altar des Kreuzes vergossene Blut ist die feurige Kohle, mit der die unreinen Lippen und die sündigen Herzen noch immer gereinigt und entsündigt werden. Schreibt nicht Paulus den sündigen Korinthern: „Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des HERRN Jesus und durch den Geist unseres Gotts“? Spricht nicht Petrus: „Gott machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen und reinigte ihre Herzen durch den Glauben“? Und in seiner ersten Epistel redet er alle Gläubigen so an: „Ihr seid das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Ja, Sie sind schon durch die heilige Taufe entsündigt worden; denn „sie wirkt Vergebung der Sünden“. Und Sie sind es noch, wenn Sie in Ihrer Taufgnade, im Glauben an Christus, Ihrem Heiland, stehen; denn „das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“. „Dies Blut, der edle Saft, hat solche Stärk und Kraft, dass auch ein Tröpflein kleine die ganze Welt kann reine, ja selbst aus Teufels Rachen frei, los und ledig machen.“ Dies fließt in einem unaufhörlichen Strom auf alle bußfertigen Sünder hernieder und entsündigt sie täglich und reichlich; und das Evangelium ist der Träger dieses reinigenden Blutes, ist – im Anschluss an unseren Text – die Zange, mit der es vom Himmel herniedergebracht, mit der die Lippen berührt, die Herzen gereinigt werden.

    Nun antworten Sie auf die Frage des HERRN: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ mit Bereitwilligkeit, mit einer Freudigkeit, die alles Zögern und Zagen überwindet: „Hier bin ich, sende mich!“ Sende mich, wohin du willst, auch in die weite Ferne; ich will dein Bote sein, auch unter einem Volk von unreinen Lippen. Dann sind Sie wohl ausgerüstet zu Boten des heiligen Gottes und bereit zur Sendung. Davon noch drittens einige Worte.

 

3.

   Auf das Anerbieten des Jesaja: „Hier bin ich, sende mich!“ antwortet der HERR sogleich: „Gehe hin!“ und sandte ihn als seinen Boten aus. Aber welch einen Befehl erteilte er ihm, welch einen, ich könnte sagen, scheinbar widerspruchsvollen Auftrag gab er ihm! „Gehe hin und sprich zu diesem Volk: Hört es und versteht es nicht; seht es und merkt es nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren dich sein und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen.“ Es mangelt an Zeit, hierauf näher einzugehen. Nur einige erläuternde Worte. Sollte denn die Sendung des Propheten zur Verstockung, Verblendung, zum Verderben des Volkes dienen? Dahin lautet sein Auftrag allerdings nach den angeführten Worten. Und wenn diese in eine bloße Zulassung Gottes umgedeutet werden, so ist das rationalistische Verkehrung. Sie werden uns aber verständiger, wenn wir auf den 19. und 24. Vers im vorhergehenden Kapitel blicken, wo es heißt: „Lass eilend und bald kommen sein Werk, dass wir sehen; lass herfahren und kommen den Anschlag des Heiligen in Israel, dass wir’s innewerden!“ Es war ein Volk, dem das Wort des HERRN oft verkündigt, das oft zur Buße gerufen, dem, wenn es sich nicht bekehrte, sein unabwendbares Strafgericht angedroht worden war, das aber auf das alles nur mit Hohn, Spott, Herausforderung geantwortet hatte. Deswegen sollte es nun mit dem Gericht der Verstockung bestraft werden, das über die boshaften Lästerer des göttlichen Wortes ergeht.

    Aber diese Verstockung sollte doch nicht der Endzweck der Sendung des Propheten sein. Das erkannte er und fragte deshalb: „HERR, wie lange?“ Die Antwort lautete: „Bis dass die Städte wüst werden ohne Einwohner und Häuser ohne Leute, und das Feld ganz wüst liege. Denn der HERR wird die Leute ferne wegtun, dass das Land sehr verlassen wird.“ Aber selbst bei diesem stufenweise fortschreitenden Gericht soll es noch nicht sein Bewenden haben; denn so lauten die Worte im 13. Vers eigentlich: „Und wenn noch der zehnte Teil drin ist [im Land], so soll es wiederum weggefegt werden, so dass das Volk Israel wie eine stolze Eiche erscheint, die Blätter, Zweige und Äste verloren hat und nur der Stamm übrig ist.“ Aber dieser Stamm bleibt wie ein Nachspross, mit dem der HERR Herrliches, Großes vorhat. Das Endziel aller Wege und Werke Gottes und auch das der Sendung des Propheten ist doch das Heil aus Juda und die Erfüllung der ganzen Erde mit der Herrlichkeit des HERRN, wie die Seraphim mit ihrem Lobgesang verkündigt haben.

   Konnte der erste Teil dieses Auftrages den Propheten nicht verzagt machen? Im Gegenteil, er sollte ihn vor der Täuschung bewahren, als müsste seine Botschaft überall ungeteilten Beifall und Aufnahme finden, als könnte er durch seine Predigt das gerechte Gericht abwenden; andererseits aber sollte er auch nicht hoffnungslos werden, als ob sein Werk ganz vergeblich sein werde.

    Das sollen auch Sie sich gesagt sein lassen. Sie dürfen sich nicht der Hoffnung hingeben, dass Sie in kurzer Zeit alles ausrichten, alle Sünder bekehren und dem HERRN zu Füßen legen können. Die Botschaft des HERRN findet unter einem sündigen Geschlecht überall bei vielen Widerspruch. So ist’s zu allen Zeiten gewesen. Auch Jesaja, wie gehört, musste klagen: „HERR, wer glaubt unserer Predigt?“ und im 49. Kapitel: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und brächte meine Kraft umsonst und unnütz zu, wiewohl meine Sache des HERRN und mein Amt meines Gottes ist.“ Aber doch hat er Großes in dem HERRN getan. Das werden auch Sie tun, wenn Sie treu in dem Amt Ihres Gottes sind. Sein Wort kommt nicht leer zurück, sondern tut, wirkt, was ihm gefällt, wozu er es sendet. Werden Sie darum nicht hoffnungslos mitten im Widerspruch und Kampf und Streit, sondern seien Sie hoffnungsvoll im Vertrauen auf die Verheißung Ihres Gottes, freudig, wenn Sie keinen besonderen Erfolg sehen! Des HERRN Werk geschieht oft im Verborgenen. Sie werden nach Ihrem geringen Teil, soviel Gott Gnade gibt, dazu beitragen, dass auch das Land, wohin Sie gehen sollen, der Ehre des HERRN voll wird. Er, der Heilige in Israel, sei und bleibe mit Ihnen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 22,1-19: Isaaks Opferung

 

1. Mose 22,1-19: Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir sagen werde.

    Da stand Abraham am Morgen früh auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, davon ihm Gott gesagt, hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von fern. Und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel; ich und der Knabe wollen dorthin gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak; er aber nahm das Feuer und Messer in seine Hand, und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier sind Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott sagte, baute Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz drauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 11

    Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts! Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einigen Sohn nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter ihm in der Hecke mit seinen Hörnern hängen; und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. Und Abraham hieß die Stätte: Der HERR sieht. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berg, da der HERR sieht.

    Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR, weil du solches getan hast und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont, dass ich deinen Samen segnen und mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore seiner Feinde. Und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, darum dass du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte Abraham wieder zu seinen Knechten; und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und er wohnte dort.

 

    In Christus, dem eingeborenen Sohn des Vaters, geliebte Zuhörer!

    Schon zweimal hatte Gott der HERR Abraham einen Befehl gegeben, dessen Befolgung auch für den glaubensstarken Erzvater nicht leicht war. Der erste lautete: „Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Alles sollte Abraham verlassen, was ihm in irdischer Beziehung teuer und wert war: Vaterland, Verwandtschaft und Vaterhaus, und in ein unbekanntes Land ziehen, das ihm der HERR erst zeigen wollte. Abraham war auch ein Mensch wie jeder andere, hatte Fleisch und Blut, Gefühl und Neigungen wie andere. Er hing an seinem Vaterland, war seiner Verwandtschaft zugetan, liebte sein Vaterhaus. Von dem allem sollte er sich losreißen und in die Fremde ziehen. Das war kein geringes Opfer, es kostete ihn Entsagung. Aber Abraham besprach sich nicht mit Fleisch und Blut, sondern folgte dem Befehl Gottes, weil er dem Wort des HERRN glaubte, wie es Hebr. 11 heißt: „Durch den Glauben wurde gehorsam Abraham, da er berufen wurde, auszugehen in das Land, das er ererben sollte; und er ging aus und wusste nicht, wo er hinkäme.“

    Der andere Befehl, dem nachzukommen ihm wohl noch schwerer wurde, war der, seinen Sohn Ismael, den er von Hagar hatte, mit dieser auszutreiben. Als ihn Sarah dazu aufforderte, gefiel es ihm übel. War Ismael auch  nach dem Fleisch geboren, nicht der Sohn der Verheißung, er war doch sein Sohn, an dem er mit väterlicher Liebe hing. Aber als der HERR zu ihm sprach: „Alles, was dir Sarah gesagt hat, dem gehorche“, da kam er auch diesem Befehl sogleich nach. Da musste er Selbstverleugnung üben, seinen Willen dem Willen Gottes unterordnen und glauben lernen, glauben an das Wort seines Gottes und sich von ihm leiten lassen. Er musste auf mancherlei Weise versucht, geprüft und geläutert werden, um auf die Höhe zu kommen, auf die ihn Gott stellen wollte, um der Vater der Gläubigen zu werden. Aber durch manche Anfechtungen geläutert, wurde er nun einer Prüfung unterworfen, die weit schwerer als alle bisherigen war, so schwer, dass sie jede Menschenkraft weit zu übersteigen scheint. Er erhielt den Befehl, den Sohn der Verheißung – nicht etwa auszustoßen wie Ismael –, sondern ihn mit eigener Hand zu opfern. Da fragen wir: Wie konnte Gott ihm einen solchen Befehl geben und Abraham ihm gehorchen? Beides scheint uns gleich unmöglich zu sein; dennoch geschah beides, wie der verlesene Text berichtet. Betrachten wir denn aufgrund desselben:

 

Isaaks Opferung

 

    Diese wurde

1.                 Abraham von Gott befohlen,

2.                 Von ihm vollzogen,

3.                 Für ihn überaus segensreich.

 

1.

        Abraham befand sich in Beerscheba, dem südlichsten Ort des Heiligen Landes. Dort hatt4e er einen Bund mit Abimelech, dem König der Philister, gemacht, Bäume gepflanzt, weil er dort lange zu bleiben gedachte, und predigte dort von dem Namen des HERRN, wie es im vorhergehenden Kapitel heißt. Daraus weisen die ersten Worte unseres Textes: „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham“ hin.

    Dort zu Beerscheba rief Gott Abraham und sprach zu ihm: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und gehe in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir zeigen werde.“ Welch einen Befehl enthalten die Worte! Mussten sie dem Vater nicht wie scharfe Pfeile ins Herz dringen? Erwägen wir sie näher, um das recht zu erkennen.

    „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast“, sprach Gott zu ihm. Seinen Sohn soll er nehmen und opfern, nicht etwa das beste Tier in seiner Herde oder einen Teil derselben, nicht sonstiges Hab und Gut, wie Gold und Silber, sondern seinen Sohn, sein eigen Fleisch und Blut. Wie lange hatte er auf die Geburt dieses Sohnes von Sarah gewartet! Er war ihm verheißen worden, und als die Erfüllung der Verheißung jahrelang verzog, dass er, wie wir im 15. Kapitel lesen, klagend zu dem HERRN sprach: „HERR, Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Hausvogt, dieser Elieser von Damaskus, hat einen Sohn. Mir hat du keine Samen gegeben; und siehe, der Sohn meines Gesindes soll mein Erbe sein“, da hatte ihm der HERR auf diese Klage die Antwort gegeben, sein Same solle so zahlreich werden wie die Sterne am Himmel. Abraham glaubte, und das rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit. Er war inzwischen 99 Jahre alt geworden, und noch war der verheißene Leibeserbe nicht geboren. Da sprach der HERR abermals zu ihm: „Du sollst deine Frau Sarai nicht mehr Sarai heißen, sondern Sarah soll ihr Name sein; denn ich will sie segnen, und von ihr will ich dir einen Sohn geben.“ Diese Verheißung erfüllte ihn mit solcher Freude, dass er auf sein Angesicht fiel und vor Freude lachte. Als ihm darauf der HERR in Begleitung zweier Engel in menschlicher Gestalt im Hain Mamre erschien, ihm die bestimmte Zusage gab, dass Sarah ihm ums Jahr einen Sohn schenken werde, diese Zusage auch in Erfüllung ging, wie groß war da seine Freude!

    Aber diesen wiederholt verheißenen, so lange ersehnten Sohn sollte er nun dem HERRN wiedergeben, opfern. Und Isaak war sein einiger, einziger Sohn. Wohl war ihm von der Hagar der andere Sohn, Ismael, geboren worden, aber der war nicht mehr vorhanden, denn er hatte ihn mit seiner Mutter ausstoßen müssen. Nun soll er Isaak, der zu einem Jüngling herangewachsen war, dem HERRN zum Brandopfer darbringen. Ihm soll er das Messer ins Herz stoßen und dann seinen Leib auf dem Altar verbrennen. Das sollte er dem Sohn tun, den er, wie der Befehl noch besonders hervorhebt, liebhatte, mehr liebte als alles andere, was er hatte. Und das sollte er nicht zu Beerscheba, wo er wohnte, sogleich, sondern im Land Morija, wohin er drei Tage zu reisen hatte, tun. War dies nicht ein Befehl, so grausam, wie er nur sein konnte? Und ferner: Wenn er diesen Befehl ausführte, fielen damit nicht alle Verheißungen hin, die ihm Gott gegeben hatte: die Verheißungen, dass aus ihm viele Völker kommen, seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel werden sollten, also auch die Verheißung von dem Erlöser, dem Heiland der Welt? Führte er nicht den Todesstoß gegen Isaak, den Sohn der Verheißung, tötete er damit nicht, das ich so sage, alle Verheißungen? „Die menschliche Vernunft“, sagt Luther, „musste schlechthin schließen: Entweder lügt die Verheißung, oder der Befehl kommt nicht von Gott, sondern vom Teufel; denn es ist ein offener Widerspruch. Wenn Isaak getötet werden muss, so ist die Verheißung nicht wahr; ist sie aber wahr, so ist es unmöglich, dass dieser Befehl ein Befehl Gottes sein kann.“ Das war die schwerste Versuchung, in die Abraham durch diesen Befehl versetzt wurde.

    Und doch war es ein ausdrücklicher Befehl Gottes, nicht eine Eingebung des Teufels, auch nicht ein eigener Gedanke oder Wahn, der in Abrahams Herzen aufstieg, auf den er etwa gekommen war, weil er sah, dass die heidnischen Kanaaniter in ihrer Blindheit ihren Götzen Menschenopfer darbrachten, um sie zu versöhnen. Nein, der Befehl kam von dem persönlichen, wahren Gott. Aber wie, so fragen wir, konnte ihm Gott, der ihn bisher so wunderbar geführt, sich ihm so gnädig und barmherzig erwiesen hatte, seinen einzigen, geliebten Sohn als Opfer von ihm fordern? Die Antwort ist in dem einen Wort unseres Textes, in dem Wort „versuchte“ gegeben. „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham“, heißt es. Er versuchte ihn zur Prüfung und Bewährung seines Glaubens, ob er trotz dieses Befehls auf ihn unentwegt vertraue, an der ihm gegebenen Verheißung festhalte und seinen Glauben von den Schlacken fleischlicher Liebe zu Isaak, die sich etwa bei ihm angesetzt hatten, zu befreien suche.

   Führt Gott heute noch dieses und jenes seiner gläubigen Kinder in eine ähnliche Versuchung? Er gibt sicherlich keinem den Befehl, eines der Kinder oder gar das einzige Kind zum Brandopfer darzubringen; aber wenn es in tödlicher Krankheit auf dem Bett liegt, wenn alle menschliche Hilfe vergeblich zu sein scheint oder wirklich vergeblich ist, dann befindet sich das Elternherz in einer ähnlichen Versuchung wie Abraham, wie jeder Christ weiß, der es erfahren hat. Hat Gott nicht Leben und Tod in seiner Hand? Ist’s ihm, dem Allmächtigen, nicht ein Geringes, der Krankheit zu gebieten, das Leben zu erhalten? Scheint da der gnädige nicht ein zorniger, der liebevolle nicht ein unbarmherziger, grausamer Gott zu sein? Welch eine schwere Versuchung ist auch das! Aber wohl dem, der in solcher Versuchung am Glauben festhält, dem Willen Gottes gehorsam, sich ihm untergibt wie Abraham. Das lehrt uns der zweite Teil unserer Betrachtung.

 

2.

    Abraham säumte nicht, den Befehl auszuführen. Am Morgen stand er früh auf, spaltete selbst das Holz, dessen er zum Brandopfer bedurfte, gürtete einen Esel und machte sich mit Isaak und zwei Knechten auf den Weg. Am dritten Tag der Reise erblickte er den Ort, wo die Opferung geschehen sollte. Mit welchen Gefühlen er das Holz gespaltet, den Esel gesattelt, die Reise zurückgelegt hat, lässt sich weniger in Worten beschreiben als im Herzen empfinden. Bracht ihn nicht jeder Schritt der Opferstätte näher, an der er dem geliebten Sohn den Todesstoß geben sollte? Musste er vor der Stätte nicht Grauen empfinden? Als er an dem Berg angekommen war, sprach er zu den Knechten: „Bleibt hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“ Er hatte also weder Isaak noch den Knechten mitgeteilt, zu welchem Zweck die Reise geschehe, und die Knechte sollten nicht Zeugen des blutigen Vorgangs sein. Die letzte, kurze Strecke wurde vom Vater und Sohn allein zurückgelegt. Welch ein Gang! Der Sohn trägt das Holz auf seinem Rücken, das ihm der Vater aufgelegt hat, dieser das Feuer, mit dem das Holz angezündet, und das Messer, mit dem der Todesstoß geführt werden soll. Isaak spricht zu Abraham: „Mein Vater!“ Dieser antwortet: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Dieser sagt: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ Welch eine zärtliche Liebe zueinander geht aus diesen wenigen Worten hervor! Aber mussten die Worte des Sohnes das Herz des Vaters nicht wie ein zweischneidiges Schwert durchbohren, die Worte: „Wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ Isaak wusste es nicht, aber der Vater wusste es nur zu wohl. Doch gewinnt er es nicht über sich, dem Sohn zu sagen: Du selbst bist es, sondern er antwortet: „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ So gingen die beiden, schweigend, miteinander den Berg hinan. Dort angekommen, baut Abraham den Altar von Erde und Steinen, legt das mitgebrachte Holz darauf, bindet dann den Sohn und legt ihn oben auf das Holz. Nun wusste dieser, welches das Schaf zum Brandopfer sein sollte. Ob er sich gegen das Binden gesträubt hat? Unser Text sagt darüber nichts, aber ich glaube nicht, dass er sich gesträubt hat, sei es, dass er durch den Vorgang völlig überrascht wurde, sei es durch besondere göttliche Lenkung. Nun reckt der Vater seine Hand aus und fasst das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Eben erhebt er die Hand und will den schrecklichen Stoß in das Herz des Sohnes führen. „Abraham, Abraham!“ schallt in diesem Augenblick die stimme vom Himmel herab, „lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen.“

    Aber wozu erhielt denn Abraham den Befehl, Isaak zu opfern, wenn er nicht ausgeführt werden sollte? Wozu alle Vorbereitungen, die weite Reise? Trieb Gott der Wahrhaftige mit Abraham ein grausames Spiel? Keins von beiden. Denn Abraham hat seinen Sohn wirklich geopfert, freilich nicht äußerlich, durch die Tat, aber innerlich, in seinem Herzen. Und nichts weiteres wollte Gott von ihm als die Bereitwilligkeit, um seinetwillen auch das Liebste und Teuerste willig dahinzugeben. Diese Bereitwilligkeit hatte Abraham gezeigt, und darum erging nun der Befehl an ihn, seine Hand nicht an den Knaben zu legen, weil er bewiesen hatte, dass er Gott mehr leibte als den einzigen, geliebten Sohn. Und Gott hatte auch schon für einen Ersatz gesorgt. Denn als sich Abraham umwandte, erblickte er einen Widder mit den Hörner in einer Hecke oder einem Dickicht hängen. Da er sogleich erkannte, dass der Widder an Stelle seines Sohnes zum Opfer dienen sollte, opferte er ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. So erfüllte sich sein Wort: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“

    Seht da, meine Zuhörer, was der Glaube vermag, was Glaubensgehorsam ist. So groß die Versuchung war, Abraham bestand sie. Warum? Die Antwort gibt uns der Apostel in den Worten Hebr. 11,17: „Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, da er versuchte wurde, und dachte: Gott kann auch wohl von den Toten erwecken.“ Obwohl alle Verheißungen Gottes und Abrahams Hoffnungen auf Isaak beruhten, so war er doch im Glauben gewiss, dass Gott ihn wieder von den Toten auferwecken und die Verheißung erfüllen werde, da er als der Wahrhaftige sie erfüllen müsse.

    Wir bewundern diesen Glaubensgehorsam Abrahams. Aber Größeres als Abraham hat Gott selbst getan. Denn Abraham hat seinen einzigen geliebten Sohn Gott geopfert, von dem er unzählige Wohltaten empfangen hatte; Gott hat seinen einzigen geliebten Sohn, Jesus Christus, für uns geopfert, für die Sünder, die ihn mit ihren Sünden zum Zorn und zur Strafe gereizt hatten. Ihn hat er dort auf Golgatha auf dem Altar des Kreuzes geopfert, ihn hat er von dem Feuer seines Zorns verzehren lassen. Wie Abraham dort auf dem Berg Morija anstatt seines Sohnes einen Widder opfern musste, so hat Gott selbst seinen einzigen Sohn an unserer Statt geopfert. Wie dort Isaak das Holz selbst hinauftragen musste, so hat Gottes Sohn das Holz des Kreuzes nach Golgatha hinaufgetragen und sein Leben für uns in den Tod dahingegeben. Ja, „Gott hat seinen einzigen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben“, sachreibt Paulus Röm. 8, und im 5. Kapitel sagt er: „Darin preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. So werden wir vielmehr durch ihn behalten werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind.“

O Wunderlieb, o Liebesmacht!

Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,

Gott seinen Sohn abzwingen!

O Liebe, Liebe, du bist stark,

Du streckest den ins Grab und Sarg,

Vor dem die Felsen springen,

so müssen wir im Hinblick auf diese Liebe Gottes, die er in der Opferung seines einzigen Sohnes uns bewiesen hat, mit dem Dichter ausrufen. Lasst uns diese Liebe Gottes immer mehr erkennen, sie aber auch durch unseren Glaubensgehorsam preisen, indem wir jedem Befehl des HERRN, jedem Wort, willig Gehorsam leisten, ja, ihm uns selbst mit allem zum Opfer geben, das da lebendig, heilig und ihm wohlgefällig ist, und das umso mehr, als das auch für uns überaus segensreich ist.

 

3.

    War es für Abraham nicht schon ein Segen, dass ihm von Gott selbst seine Gottesfurcht bezeugt wurde, indem er zu ihm sprach: „Nun weiß ich, dass du Gott fürchtest“? Wie musste dies Zeugnis den Erzvater stärken und erquicken, der drei Tage lang einen solch furchtbaren Seelenkampf gekämpft hatte! Die Versuchung war ja auch nicht um Gottes, sondern um Abrahams willen, zu seinem Besten, geschehen. Da bewahrheitete sich an Abraham das Wort: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen.“

    Der eigentliche Segen bestand aber darin, dass der Engel des HERRN Abraham zum zweiten Mal vom Himmel herab rief und ihm teils die schon früher gegebenen Verheißungen wiederholte, dass er seinen Samen mehren wolle wie die Sterne am Himmel, und dass durch seinen Samen alle Geschlechter auf Erden gesegneten werden sollten, teils neue hinzugefügt wurden in den Worten: „Ich will deinen Samen mehren wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore seiner Feinde“; das heißt, er soll die Feinde und ihre Städte siegreich bewältigen, in Besitz nehmen; und endlich, dass ihm diese Verheißungen durch einen feierlichen Eid bestätigt wurden, was nur dies eine Mal bei den Patriarchen geschehen ist. Wir ersehen auch hieraus: So groß die Versuchung für Abraham war, so groß war der Segen, der ihm zuteil wurde. Ehe er wusste, welchen wunderbaren Ausgang diese Versuchung nehmen würde, während er in seinem Herzen willig den einzigen Sohn opferte, glaubte er gewiss, dass Gott ihn lebendig machen könne, „der da“, wie Paulus Röm. 4,17 in Bezug darauf schreibt, „lebendig macht die Toten und ruft dem, das nicht ist, dass es sei“.

    Und sind diese Verheißungen in Erfüllung gegangen? Freilich ist in ihnen nicht die leibliche Nachkommenschaft Abrahams gemeint. Diese ist weder so zahlreich wie die Sterne am Himmel noch wie der Sand am Ufer des Meeres geworden, sondern von dem geistlichen Samen ist die Rede, von der Zahl der Gläubigen an deren Spitze Abraham als Vater von Gott gestellt wurde. Die denselben Glauben wie Abraham haben, die sind sein Same, seine Kinder. Und wer vermag die Menge derer zu zählen, die seit Abraham durch Jahrtausende hindurch bis auf den heutigen Tag geglaubt haben, glauben und glauben werden wie er? Jeder wahrhaft Gläubige, mag er noch so gering sein, ist einer der unzählbaren Glaubenssterne, eins der Sandkörner im Meer der Seligkeit.

    Lasst uns daher, meine Teuren, in allen Versuchungen, die an uns herantreten, glauben lernen wie Abraham, auf die Verheißungen des HERRN auch dann unentwegt vertrauen, wenn es scheint, als ob sie zunichte werden müssten. Himmel und Erde vergehen, die Verheißungen des wahrhaftigen und allmächtigen Gottes müssen erfüllt werden. Dann werden auch wir reich gesegnet werden in Zeit und Ewigkeit.

    Unser Text schließt mit den Worten: „So kehrte Abraham wieder zu seinen Knechten“ (die er unten am Berg zurückgelassen hatte); „und machte sich auf und sie zogen miteinander nach Beerscheba; und er wohnte dort.“ So schwer für ihn die Hinreise war, so glücklich, selig war die Heimreise. Der HERR gebe auch uns eine selige Heimreise in die rechte Heimat, in der Brunnen lebendigen Wassers quillen, wo wir ewig wohnen sollen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum vierten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 28,10-22: Jakobs Traum zu Bethel

 

1. Mose 28,10-22: Aber Jakob zog aus von Beerscheba und reiste gen Haran. Und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an demselben Ort schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel; und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben drauf und sprach: Ich bin der HERR, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott. Das Land, da du drauf liegst, will ich dir und deinem Samen geben. Und dein Same soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen den Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag; und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.

    Da nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Mal und goss Öl oben drauf. Und hieß die Stätte Bethel; vorhin hieß sonst die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: So Gott wird mit mir sein und mich behüten auf dem Weg, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein, und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus werden; und alles, was du mir gibst, des will ich dir den Zehnten geben.

 

    Geliebte in Christus!

    Das verlesene Textwort lenkt unseren Blick auf den Erzvater Jakob. Dieser befindet sich auf der Reise nach Haran. Ein Zweifaches hatte ihn veranlasst, diese Reise anzutreten. Zunächst war es die Feindschaft seines Bruders Esau und dessen Drohung, ihn zu ermorden.

    Noch ehe die beiden Brüder geboren waren, hatte der HERR zu ihrer Mutter Rebekka gesagt: „Zweierlei Leute werden sich aus deinem Leib scheiden; und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“ Damit war ihr angekündigt worden, dass nicht der Ältere, wie es nach dem Recht der Erstgeburt hätte geschehen müssen, sondern der Jüngere der Träger der messianischen Verheißungen sein und über jenen herrschen solle; und schon bei der Geburt der Zwillingsbrüder gab sich der Unterschied zwischen den beiden zu erkennen. Der Erstgeborene war von rötlich-brauner Farbe und dicht behaart wie ein Fell, Anzeichen seiner Kraft und Wildheit, der zweite weiß und glatt. Jener erhielt den Namen Esau, das ist, „der Haarige“, und dieser, weil er bei der Geburt die Ferse des Erstgeborenen hielt, den Namen Jakob, das heißt „der Fersenhalter“ oder auch „der Listige“. Die Verschiedenheit trat, als sie heranwuchsen, deutlich hervor. Esau wurde ein Jäger und Ackermann, ein auf dem Feld Umherschweifender; Jakob aber war ein frommer Mann und blieb in den Hütten, das heißt, er hatte Gefallen am häuslichen Still-Leben. Und wie es so oft geschieht, wenn nur zwei Kinder in der Familie sind, so war es auch im Haus Isaaks: Esau war der Liebling des Vaters, Jakob der Liebling der Mutter, wodurch das Verhältnis der Brüder zueinander getrübt wurde, zumal sich Esau besonders die Gunst des Vaters zu erwerben suchte, indem er ihm von dem Wildbret brachte, das er gerne aß.

    Esau aber aß gerne eine Speise von Linsen. Als er daher einst, vom Feld kommen und hungrig, ein Linsengericht, von Jakob zubereitet, sah, verlangte er, davon zu essen. Jakob willigte unter der Bedingung ein, dass er ihm dafür das Recht der Erstgeburt verkaufe; und Esau ging ohne Besinnen auf den Handel ein, indem er sagte: „Siehe, ich muss doch sterben; was soll mir dann die Erstgeburt?“ verkaufte also seine Erstgeburt um ein Linsengericht, ein hohes Vorrecht um einen lächerlichen Preis – ein hohes Vorrecht, weil mit der Erstgeburt bei den Patriarchen die Herrschaft über die Familie und der Anspruch auf den Verheißungssegen verbunden war. So hatte Jakob ein doppeltes Anrecht auf die Erstgeburt, nämlich durch göttliche Bestimmung und durch Kauf von seinem Bruder.

    Nun war Isaak alt geworden und wollte, ehe er starb, ungeachtet der göttlichen Bestimmung und des Verkaufs der Erstgeburt an Jakob, seinem Lieblingssohn Esau den Segen der Erstgeburt erteilen. Als Rebekka das hörte, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Sie überredete Jakob, ein von ihr bereitetes Mahl seinem Vater zu bringen, zog ihm Esaus Kleider an, umwickelte seine Hände mit dem Fell des geschlachteten Böckleins und vertraute darauf, dass Isaak in solcher Verkleidung Jakob für Esau halten würde, da seine Augen dunkel geworden waren. Und die List gelang. Jakob erhielt den Segen der Erstgeburt, ehe sein Bruder von seiner Jagd auf dem Feld zurückgekehrt war. Darüber ergrimmte dieser, als er zurückkehrte und erfuhr, wie ihn Jakob überlistet hatte. Daran, dass er diesem seine Erstgeburt verkauft hatte, dachte er nicht oder wollte den Handel nun nicht gelten lassen. Er stieß die Drohung aus: „Es wird die Zeit kommen, dass mein man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob erwürgen.“ Als Rebekka von dieser Drohung hörte, überredete sie Jakob, zu ihrem Bruder Laban nach Haran zu reisen, Isaak aber dazu, seine Einwilligung dazu zu geben, indem sie vorgab, dass Jakob sich aus ihrer Familie eine Frau holen sollen, da ihr die kanaanitischen Frauen Esaus viel Herzeleid bereiteten.

    Wir sehen aus dieser Geschichte, wie auch die Kinder Gottes oft ihre eigenen, sündlichen Wege gehen, verwerfliche Mittel anwenden, um ihre Zwecke zu erreichen. Isaak wollte in seiner schwachen Vorliebe für Esau der4 göttlichen Bestimmung entgegen diesem den Segen der Erstgeburt zuwenden; Rebekka betrog ihren Gemahl, Jakob seinen Vater, und bereiteten sich damit Kummer und Herzeleid. Anstatt auf Gottes Walten zu vertrauen und zu warten, griffen sie selbst auf sündliche Weise ein. Aber wir sehen hieraus auch, dass Gott selbst die Torheiten der Menschen in seine Hand nimmt, und wie durch göttliche Weisheit und menschliche Torheit die Geschicke der Menschen gelenkt werden. Das sehen wir besonders an dem wichtigsten Ereignis, das Jakob auf seiner Reise nach Haran begegnete, und von dem unser Text handelt. Betrachten wir daher:

 

Jakobs Traum zu Bethel auf seiner Reise nach Haran

 

    Wie er

1.                 Darin eine Himmelsleiter erblickt,

2.                 Eine herrliche Verheißung erhält,

3.                 Aus Dankbarkeit ein feierliches Gelübde tut.

 

1.

    Von dem elterlichen Haus zu Beerscheba aus trat Jakob seine Reise nach Haran an, um dort, wie ihm sein Vater besonders auftrug, eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders einer Mutter zu nehmen. Isaak fertigte ihn zu dieser Reise besonders ab. Ohne ihn wegen seiner Überlistung zu strafen, da er sich selbst nicht ohne Schuld wusste, erteilt er ihm noch den Segen Abrahams, durch den ihm der Besitz des Landes Kanaan zugesichert wurde.

    So gesegnet, begab sich Jakob auf den Weg und „kam“, wie es in unserem Text heißt, „an einen Ort, da blieb er über Nacht; denn die Sonne war untergegangen“; und er nahm von den Steinen, die sich an dem Ort befanden, machte sich aus ihnen ein Kopflager[4], legte sich hin, schlief ein und hatte einen wunderbaren Traum. In diesem erblickte er eine Leiter, die von der Erde bis an den Himmel reichte, an der die Engel auf- und niederstiegen, auf deren Spitze aber Gott der HERR stand. Das war kein gewöhnlicher Traum, sondern eine neue Weise der Gottesoffenbarung. Zu Abraham war das Wort des HERRN so geschehen: Er hatte Gott den HERRN in leiblicher Gestalt im Haim Mamre gesehen und bewirtet, der HERR war ihm erschienen; auch Isaak hatte Gesichte gesehen und geweissagt (Kap. 26,2.24); aber eine Offenbarung im Traum wurde hier zum ersten Mal Jakob zuteil.

    Dass diese Himmelsleiter, von Jakob im Traum gesehen, eine hohe Bedeutung nicht allein für Jakob, sondern für alle Gläubigen hate, ist schon frühzeitig erkannt worden. Was für ein Bild stellt sie dar? Unten auf der Erde Jakob, ein einsamer Wanderer! Die Erde ist sein Bett, einige Steine sein Kopfkissen, das Dunkel der Nacht um ihn her. Er befindet sich in einem fremden, feindlichen[5], Esau befreundeten Land, vor dessen Rache er die Flucht hatte ergreifen müssen. Und hatte er sich nicht selbst durch seine List und seinen Betrug an seinem Bruder dahin gebracht? Musste er nicht umso mehr in Furcht und Bedrängnis sein? Oben auf der Spitze am Himmel steht Gott der HERR, der Heilige und Gerechte, dem Sünde ein Greuel ist, der sie straft, heimsucht, bis ins dritte und vierte Glied! Aber fast noch wunderbarer als dies: Die Engel Gottes steigen auf der Leiter auf und nieder, die Diener Gottes, die seine Befehle ausrichten, die Wächter und Beschützer der Kinder Gottes, die um ihr Sterbelagere stehen und ihre Seele im Triumph in die seligen Wohnungen des Himmels tragen. Musste das Jakob nicht andeuten, dass ihm der heilige Gott trotz seiner Schwachheitssünde, zu der er sich von seiner Mutter hatte überreden lassen, gnädig sei? Wie tröstlich musste die ganze Erscheinung für Jako sein, der sich dort in dunkler Nacht, von Furcht erfüllt, unter freiem Himmel befand! Ja, sie bedeutete für ihn das Mittel der Vereinigung zwischen Gott und ihm. Aber was bedeutet sie für uns, meine Freunde?

    Keiner von uns hat eine solche Erscheinung wie Jakob gehabt, keiner hat in einem Traum oder Gesicht eine solche Himmelsleiter gesehen; aber wir alle haben das oder den, welchen sie bedeutet: Christus, Gottes und Mariens Sohn, Gott vom Himmel und wahren Menschen, unseren Bruder. Wie die Leiter dort zu Bethel Himmel und Erde verband, so verbindet der Gottmensch Himmel und Erde; denn er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Schreibt nicht der Apostel 1. Tim. 2, 5: „Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass solches zu seiner Zeit gepredigt würde“? Bezeichnet er sich nicht selbst als die Himmelsleiter, indem er spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als durch mich“? Ja, durch ihn ist alles versöhnt und vereinigt, was im Himmel und auf Erden ist. Durch seine Vermittlung kommen die Engel Gottes vom Himmel auf die Erde hernieder, um die Heiligen und Geliebten Gottes zu schützen vor ihren Feinden, zu bewahren vor so manchen Gefahren und, wie bei Lazarus, ihre Seele in den Himmel hinaufzutragen. Ja, Christus, der Heiland, ist unsere Himmelsleiter, auf der wir durch den Glauben von dieser armen Erde zum Himmel emporsteigen, nicht das Gesetz, dessen Sprossen die Gebote sind, an denen niemand emporsteigen kann, an dessen Spitze auch nicht der gnädige und barmherzige, sondern der heilige und zürnende Gott steht. „Denn die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch.“

    Wenn du darum verlassen bist wie dort Jakob, dein Herz voll Angst und Sorge ist wie dort Jakobs; wenn deine Sünde dich bekümmert und dein Herz dich anklagt, wenn du im Staub auf der Erde liegst wie dort Jakob: dein Heiland, eine Himmelsleiter, steht bei dir und sendet dir seine Engel hernieder, und Gott der HERR offenbart sich auch dir in freundlichen, tröstlichen Worten und spricht: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst; ich will dich nicht lassen“, wie er dort zu Jakob redete. Das führt uns zum zweiten Teil unserer Betrachtung.

 

2.

    Jakob erblickte in seinem Traum nicht nur die Himmelsleiter, sondern Gott sprach auch zu ihm: „Ich bin der HERR, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott“; gab sich ihm damit zu erkennen, bestätigte alle Verheißungen, die er den Vätern gegeben hatte, und fügte eine andere hinzu. Die erste lautet: „Das Land, da du drauf liegst, will ich dir und deinem Samen geben“; die zweite: „Dein Same soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden wie der Staub auf Erden; und du sollst ausgebreitet werden gegen Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag“; die dritte: „Durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden“; die vierte: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.“ Die ersten drei sind eine Wiederholung der Verheißungen, die Gott schon Abraham und Isaak gegeben hatte, und werden hier Jakob besonders zugeeignet; denn bei seiner Berufung hatte Gott zu Abraham in Haran gesagt: „Ich will dich zum großen Volk machen; du sollst ein Segen sein, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Kap. 12), und später, wie wir 1. Mose 15, 7 lesen: „Ich bin der HERR; der dich aus Ur in Chaldäa geführt hat, dass ich dir dies Land zu besitzen gebe.“ Diese Verheißungen waren dem Anfang nach durch die wunderbare Geburt Isaaks, die in Kraft der Verheißung des HERRN geschah, erfüllt. Indem aber Gott die dritte Verheißung, dass in seinem Samen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollen, wiederholte und Jakob zueignete, bezeugte er, dass der messianische Segen, den er von seinem Vater erhalten, sein, Gottes Segen, sei, dass ich so sage, er sein göttliches Siegel unter denselben drücke. Die vierte Verheißung aber, durch die ihn Gott seines Schutzes versichert und ihm verheißt, ihn in sein Vaterland zurückzubringen, tat Jakob kund, dass er trotz seiner Schwachheitssünde doch bei ihm in Gnaden sei., Und damit er an dieser Verheißung nicht zweifle, fügte der HERR hinzu: „Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“ Welch eine große, herrliche Verheißung war das!

    Wie musste diese Verheißung und der darin ausgesprochene Segen Jakob aufrichten! Zu dem dort einsam Übernachtenden redet der HERR in seiner Freundlichkeit; der Verlassene sieht sich in Gemeinschaft der heiligen Engel, der Furchtsame die starken Helden zu seinem Schutz bereit; den, welchen sein Gewissen beunruhigt, versichert Gott seiner Gnade und Vergebung. Welche Nachsicht und Langmut beweist Gott seinen schwachen Kindern! Wie kann eine Sünde das Herz bedrücken, das Gewissen unruhig machen! Während der Ungläubige ruhig dahingeht, ja, über die Sünde lacht und scherzt, wenn sich die Stimme des Gewissens bei ihm meldet, diese alsbald wieder zum Schweigen bringt, ist der Gläubige mit Unruhe erfüllt. Seine Sünde steht, besonders in den Trübsalen, wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinem Gott; er meint, er dürfe sich seinem Gott nicht nahen. War es nicht etwa so bei Jakob dort in Bethel? Esau ruhte sicher im Zelt seines Vaters, er aber befand sich auf der Flucht in einem fremden Land. Musste es ihm da nicht scheinen, als ob der Segen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, unmöglich in Erfüllung gehen könne, dass sich Gott zürnend von ihm abgewandt habe? Aber der HERR erscheint ihm, bestätigt den Segen seines Vaters, versichert ihn seiner Gnade und seines Schutzes. Wie hat das den Schwachen gestärkt!

    Lernen wir daher aus dieser freundlichen Offenbarung Gottes, dass wir in unseren Nöten und Ängsten nicht von, sondern zu Gott fliehen sollen. Er wendet sich um unserer Schwachheit willen nicht von uns ab, wenn wir nur aufrichtig sind, unsere Sünden nicht leugnen und verdecken oder gar verteidigen wollen, sondern sie reumütig bekennen. Er spricht ja: „Wenn eure Sünden gleich blutrot sind, sollen sie doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich sind wie Rosinfarbe, sollen sie doch wie Wolle werden.“ Wiederum: „Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen. Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, er hört ihr Schreien und hilft ihnen.“ Er ist viel mehr bereit zu geben, als wir zu bitten, viel geneigter, alle Schwachheiten und Sünden zu vergeben, als wir, sie zu bekennen.

    Mehr noch: Wir haben dieselben, ja größere Verheißungen, denselben, ja größeren Segen als Jakob. Oder sind wir nicht in dem Samen Jakobs, in Christus, gesegnet? Sind wir nicht durch ihn von allen Sünden erlöst, durch den Glauben an ihn Gottes geliebte Kinder? Ruft nicht der Apostel aus: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HERRN Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus“? Ist uns nicht ein Land verheißen, viel besser und herrlicher als das irdische Kanaan, wo wir mit den heiligen Engeln in innigster Gemeinschaft leben werden, wo kein Feind droht und keine Furcht unser Herz erfüllen kann? Haben wir nicht die Verheißung, dass der HERR uns auf unserem Weg dorthin geleiten und beschützen wird? Oder heißt es nicht Ps. 32,8: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten“? Wahrlich, er will auch uns nicht lassen, bis er alles tut, was er uns geredet hat.

    Was tat Jakob im Hinblick auf die ihm gewordene Erscheinung und Verheißung? Sein Herz war so mit Dank gegen den HERRN erfüllt, dass er an jenem Ort ein feierliches Gelübde tat. Das wollen wir noch zum Schluss betrachten.

 

 

3.

    „Als nun Jakob“, so lesen wir weiter, „von seinem Schlaf erwachte, sprach er: ‚Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht.‘ Und er fürchtete sich und sprach: ‚Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.‘ Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Mal und goss Öl oben drauf und hieß die Stätte Bethel; zuvor hieß sonst die Stadt Lus.“

    Jakob wusste wohl, dass Gott allgegenwärtig sei; wenn er daher sagt, er habe nicht gewusst, dass der HERR an jenem Ort sei, so meinte er damit die besondere, die Gnadengegenwart Gottes. Nach dieser, dachte er, sei Gott nur an den Stätten in seiner Heimat, die, wie die von Abraham und seinem Vater gebauten Altäre, seinem Dienst geweiht waren, auf denen ihm Opfer dargebracht und an denen von seinem Namen gepredigt wurde. Er aber befand sich ja fern von einer solchen geweihten Stätte, an einem fremden Ort. Durch diesen Traum erfuhr er aber, dass seines Gottes Gnadengegenwart an keine Stätte, keinen Ort gebunden sei. Daher rief er voll Staunen und Verwunderung aus: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Von einem heiligen Schauer[6] ergriffen durch das göttliche Gesicht, stand er früh auf, nahm den Stein und richtete ihn zum Gedächtnis an die Erscheinung des HERRN auf, goss Öl auf die Spitze des Steines und weihte ihn dadurch zu einer Gedenksäule und nannte die Stätte Bethel, das heißt, Gottes Haus. Zugleich tat er dabei ein feierliches Gelübde, um sich für die ihm widerfahrene Gnade und Barmherzigkeit dankbar zu erweisen: „So Gott wird mit mir sein“, sprach er, „und mich behüten auf dem Weg, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein, und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus werden; und alles, was du mir gibst, davon will ich dir den Zehnten geben.“

    Das war ein dreifaches Gelübde. Zunächst gelobte Jakob, dass der HERR, Jahwe, sein Gott sein solle. Das ist nicht so zu verstehen, als ob Jakob sich von Gott ab- und einem Götzen zuwenden wolle, wenn die ihm gegebenen Verheißungen nicht erfüllt würden – denn wie hätte er angesichts der eben erhaltenen Offenbarungen daran zweifeln können! – vielmehr gelobte er ohne Rückhalt, ihn, den einigen und gnädigen Gott, allein zu ehren und ihm zu dienen. – Sodann gelobte er, dass der von ihm zum Gedächtnis aufgerichtete Stein zu einem Gotteshaus werden solle. Das heißt nicht, dass er einen Tempel oder überhaupt ein Gebäude errichten wolle, sondern dass der Ort eine Stätte sein solle zum Dienst und zur Verehrung Gottes. Hatte er doch eben die Stätte ein Gotteshaus genannt, obwohl sich kein Gebäude irgendwelcher Art da befand. Wahrscheinlich dachte er an die Errichtung eines Altars, wie Abraham und Isaak an ihren Wohnsitzen einen Altar errichteten und von dem Namen des HERRN predigten. Und dass Jakob dieses Gelübde hielt, ersehen wir aus Kap. 35,7, wo es heißt: „Jakob kam nach Lus im Land Kanaan, das da Bethel heißt, samt all dem Volk, das mit ihm war, und baute daselbst einen Altar.“ Dass er zugleich auch das Gelübde des Zehnten hielt, ist selbstverständlich, indem er Dank- und Brandopfer darbrachte.

    Folgen wir hierin dem Beispiel des frommen Erzvaters, meine Zuhörer? Beweisen wir unseren Dank für die gnädigen Führungen Gottes, dass wir ihm Dank opfern und ihm, dem Höchsten, unsere Gelübde erfüllen? Er ist, dass ich so sage, mit wenigem zufrieden, wenn es in aufrichtiger Dankbarkeit dargebracht wird. Von all den reichen Gütern, die Gott ihm verliehen hatte, gab ihm Jakob den zehnten Teil. Gott hatte ihm zehn Teile gegeben, er gab Gott davon einen Teil wieder. War das für Jakob nicht ein vorteilhaftes Nehmen und Geben? Wieviel hast du bisher deinem Gott von den Gütern, die er dir gegeben hat, wiedergegeben? Ich glaube nicht, dass nur einer unter uns ist, der sich Jakob zum Vorbild genommen hätte. Die Kollekten zeigen das! Wie gering fallen sie meistens aus! Und wenn einmal eine größere Summe gegeben wird, so geschieht es mehr aus dem „Muss“ als aus freier herzlicher Dankbarkeit. Geben doch die Ärmeren im allgemeinen doppelt, drei- und vierfach so viel wie die Wohlhabenden und Reichen. Würde heute der Zehnte, ja der Zwanzigste und Fünfzigste für das Reich Gottes, für die Mission und dergleichen, gegeben, so hätten wir anstatt des fortwährenden Mangels Überfluss. Und es ist traurig, aber leider nur zu wahr: In keiner anderen kirchlichen Gemeinschaft werden so geringe Opfer für die Zwecke des Reiches Gottes dargebracht wie in unserer, und dabei rühmen wir uns, die einzige rechtgläubige Kirchengemeinschaft zu sein! Aber bedenken wir wohl das Wort: „Welchem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern“ und das andere: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und er da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Septuagesimae (70 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 32,24-31: Jakobs Ringen an der Furt Jabbok

 

1. Mose 32,24-31: Und er blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und da er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er das Gelenk seiner Hüfte an; und das Gelenk seiner Hüfte wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist gesiegt. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob hieß die Stätte Pniel; denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Und als er vor Pniel überkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    In unserer letzten Betrachtung sahen wir den Erzvater Jakob auf seiner Reise nach Haran in Mesopotamien an einem Ort mit Namen Lus übernachten. Einsam, von Menschen verlassen, mit Furcht erfüllt, lag er da; die Erde war sein Bett, sein Stein sein Kopfkissen. Aber der HERR hatte ihn nicht verlassen, sondern offenbarte sich ihm durch ein herrliches Gesicht im Traum. An einer Leiter, deren Spitze bis an den Himmel reichte, stiegen die Engel auf und nieder, Gott redete zu ihm, bestätigte ihm den Segen, den er vor seiner Abreise von seinem Vater Isaak empfangen hatte, und verhieß ihm, ihn auf seiner Reise zu leiten und ihn in seine Heimat zurückzuführen.

    Seitdem waren zwanzig Jahre verflossen, und nun erblicken wir ihn nach dem heutigen Text auf der Heimreise aus Mesopotamien. Nicht arm, sondern reich kehrt er zurück. Dafür ist sein Herz voll Dankbarkeit; er spricht: „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knecht getan hast. Denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, da ich über den Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere geworden.“ Die ihm auf seiner Reise nach Haran gegebene Verheißung war teils erfüllt, teils in der Erfüllung begriffen. Nicht allein, einsam, kehrte er zurück, sondern mit einer großen Familie und im Besitz von zwei großen Herden. Den ihm nachziehenden Laban hat Gott gewarnt: „Hüte dich, dass du mit Jakob nicht anders als freundlich redest!“ und ihm dadurch befohlen, Jakob in Frieden seines Weges weiter ziehen zu lassen. Dieser war nun an die Furt Jabbok, an die Furt eines Flusses, der durch das Hochland Gilead fließt und sich in den Jordan ergießt, gekommen. Unterwegs waren ihm schon zu Mahanaim die Engel Gottes erschienen, die ihn nicht nur an die Engel erinnerten, die zu Lus an der Himmelsleiter auf und ab stiegen, sondern deren Erscheinung ihn auch jetzt des Geleits seines Gottes versicherte und ihm die Erfüllung der Verheißung, die ihm zu Bethel gegeben war: „Ich will dich wieder in dies Land bringen“ versichert4e.

    Und wie sehr bedurfte Jakob einer solchen Botschaft! Denn als die Boten, die er zu seinem Bruder Esau, der im Land Seir inzwischen zu einem Fürsten geworden war, gesandt hatte, um ihm seine Rückkehr zu melden, ihm meldeten, dass Esau mit 400 Mann heranziehe, fürchtete er sich sehr. Er dachte an die Drohung Esaus, ihn  ermorden zu wollen; er wusste nicht, ob er noch mit Hass gegen ihn erfüllt oder anderen Sinnes geworden sei. Da er befürchtete, dass Esau seine Rache ausführen werde, teilte er seine Leute und seine Herde in zwei Lager, damit, wenn Esau das eine überfiele, doch das andere entrinnen könne. Darauf wandte er sich im Gebet zu dem HERRN und flehte um Schutz gegen seinen Bruder, sandte diesem reichte Geschenke an Schafen, Rindern und Kamelen entgegen, um ihn günstig zu stimmen, führte dann seine Familie mit allem, was er hatte, über den Jabbok hinüber und bleib allein auf der Nordseite des Flusses zurück. Wieder war es Nacht, und wieder befand eer sich allein, und wieder hatte er dort eine wunderbare Erscheinung. Denn während er, wie wir aus Hos. 12,4.5 ersehen, betete und weinte, trat plötzlich ein Mann, ein himmlisches Wesen, zu ihm und rang mit ihm. Von diesem Ringen berichtet der verlesene Text, und darüber lasst mich denn jetzt zu euch reden. Wir betrachten daher:

 

Jakobs Ringen an der Furt Jabbok

 

    Wir sehen, dass er dort

1.                 Mit einem Mann bis zur Morgenröte rang;

2.                 Siegreich mit ihm rang;

3.                 Von ihm gesegnet wurde.

 

1.

    Nachdem Jakob seine Frauen, Mägde und Kinder samt seiner anderen Habe über das Wasser, wie es in dem unserem Text vorhergehenden Vers heißt, hinübergeführt hatte, blieb er allein an der andern Seite; und da „rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach“. Wer war dieser Mann? Dass es kein gewöhnlicher Mann, sondern ein übernatürliches Wesen war, geht aus dem Text deutlich hervor. Das erkannte auch Jakob sogleich. Aber diese Mann stellte sich nicht freundlich, sondern feindlich; denn er griff ihn an und rang, kämpfte mit ihm, als wolle er ihn töten. Das Ringen war aber nicht ein bloßes geistliches Ringen in Gedanken, im Traum oder im Gebet, sondern ein leibliches, körperliches Ringen, wie in einem Ringen zwei Personen miteinander kämpfen, bis einer den anderen zu Fall bringt und ihn überwindet. Denn der, mit dem Jakob rang, hatte ja die Gestalt eines natürlichen Menschen. Wer war also dieser Mann?

    Der Prophet Hosea nennt ihn einen Engel und Gott, indem er sagt: „Er [Jakob] hat von allen Kräften mit Gott gekämpft. Er kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat ihn.“ Dieser Mann war also kein anderer als der Engel des HERRN, die zweite Person der heiligen Dreieinigkeit, der in der Fülle der Zeit erschienen Sohn Gottes, derselbe, welcher Abraham im Hain Mamre in Begleitung zweier erschaffener Engel erschienen war und von ihm bewirtet worden war. Das Eigentümliche dieser Erscheinung des HERRN bestand aber darin, dass er sich zu Jakob nicht freundlich, sondern feindlich stellte. Wie ganz anders bei den früheren Erscheinungen! Wohl waren Abraham, Isaak und Jakob selbst bei solchen Erscheinungen des HERRN von einem heiligen Schauer, von Furcht, ergriffen worden; Jakob hatte nach der Erscheinung zu Bethel ausgerufen: „Wie heilig“ (oder vielmehr furchtbar) „ist diese Stätte!“ Aber wie freundlich hatte Gott mit und zu ihnen geredet, welch herrliche Verheißungen ihnen gegeben! Zu Abraham hatte er gesprochen: „Fürchte dich nicht, Abraham! Ich bin dein Schild und dein sehr4 großer Lohn“; zu Isaak, als er ihm zu Beerscheba erschien: „Fürchte dich nicht; denn ich bin mit dir und will dich segnen“ (Kap. 26,24); zu Jakob zu Bethel ebenso: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dieses Land; denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“ Das waren doch lauter freundliche, tröstliche Worte. Aber bei dieser Erscheinung greift er Jakob an, ringt und kämpft mit ihm, stellt sich, als wäre er sein bitterster Feind. Und es war kein Kurzer, sondern ein langer Kampf, der andauerte, bis die Morgenröte aufging. Dieser Kampf war für Jakob umso schwerer, da er sich in Not befand, mit Furcht vor seinem heranziehenden Bruder Esau erfüllt war. Dazu kam noch, dass der HERR lange Zeit nicht mit ihm redete, der Kampf also schweigend vor sich ging. Wahrlich, ein schwerer, heißer Kampf, bei dem Jakob alle Kräfte seines Leibes anstrengen musste, um nicht zu unterliegen, durch den er sicherlich sehr ermüdete, bei dem er betete und weinte.

    Kämpft, meine Freunde, der HERR heute noch so mit einem seiner Gläubigen? Freilich nicht leiblich, körperlich, wie dort mit Jakob. Aber erinnert euch an den Kampf des HERRN mit der kanaanäischen Frau. Als sie ihn anflehte, ihrer vom Teufel übel geplagten Tochter zu helfen, antwortete er ihr zuerst kein Wort. Als sie ihm nachschrie, und die Jünger fürbittend für sie eintraten, antwortete er: „Ich nicht gesandt als nur zu den verlorenen Schafen von dem Haus Israel.“ Als sie dann vor ihm niederfiel und flehte: „HERR, hilf mir!“ da sprach er das harte Wort: „Es ist nicht fein, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Wie unfreundlich stellte er sich der armen, geängstigten Frau gegenüber! So unfreundlich, scheinbar feindlich, stellt er sich gar oft den Seinen gegenüber in den Stunden der Not und Anfechtungen. Als David im 38. Psalm flehte: „HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm! Denn deine Pfeile stecken in mir, und deine Hand drückt mich. Es ist nichts Gesundes an meinem Leib vor deinem Drohen und kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“, da befand er sich in einem ähnlichen Ringen mit dem HERRN. Ja, der HERR kann sich freundlich und schrecklich offenbaren: freundlich im Evangelium, schrecklich durchs Gesetz. Alles, was dort auf Jakob eindrang, das hat Gott später in sein Gesetz gelegt. Wenn dieses die Sünde lebendig und groß macht, wenn es seine Drohungen über die Sünde ausspricht, dann kommt es bei dem Gläubigen zu einem Ringen mit Gott, da wird ihm angst und bange, da scheint sich ihm der freundliche, gnädige Gott in einen strengen Richter verwandelt zu haben. Aber wohl dem, der im Glauben feststeht, ringt und kämpft, bis die Morgenröte anbricht, wie Jakob; denn er wird wie dieser siegreich kämpfen.

 

2.

    Das Ringen Jakobs mit dem Mann war allerdings ein leiblich-körperliches Ringen, aber doch noch mehr ein geistliches im und durch den Glauben. Durch diesen erhielt er die Kraft, dass er widerstehen und überwinden konnte. Dies geht schon daraus hervor, dass er in diesem Kampf, wie Hosea schreibt, betete und weinte. Also ein leiblich-körperlicher und doch ein geistlicher Glaubenskampf.

    Ein Glaubenskampf konnte es aber nur dann sein, wenn Jakob sich an das Wort hielt, und zwar an ein bestimmtes, ihn besonders betreffendes Wort, wie es die Einzigartigkeit dieses Kampfes forderte. Wie der allen Christen gemeinsame Glaube sich an die allen gegebenen Verheißungen hält, so hält sich der Glaube in besonderen Fällen auch an eine besondere Verheißung. Wo diese fehlt, ist der sogenannte Glaube kein Glaube, sondern Schwärmerei. Das Wort Gottes und der Glaube sind unzertrennlich miteinander verbunden; wo jenes nicht ist, kann auch dieser nicht sein. So gab Gott Abraham die Verheißung, dass sein Same so zahlreich werden soll wie die Sterne am Himmel; und dieser Verheißung glaubte er. Und welches war nun die Verheißung, die in diesem Kampf Jakob glaubte, an die er sich hielt, ohne zu wanken? Er selbst sagt es uns in den Worten des neunten Verses dieses Kapitels, in dem er betete: „HERR, du hast mir zugesagt. Zieh wieder in dein Land und zu deiner Verwandtschaft; ich will dir wohltun und deinen Samen mehren wie den Sand am Meer, den man nicht zählen kann vor der Menge.“ Dies Wort war Jakobs Kraft und Stärke, dies hielt er fest; er sagte sich: Gott hat mir verheißen, dass er mich wieder in mein Vaterland und zu meiner Verwandtschaft bringen, mich zu einem großen Volk machen will, und dies Wort muss wahr werden, sollten auch Himmel und Erde fallen. Und kraft dieses Wortes siegte er, nicht durch seine natürlich leibliche Stärke, obwohl er auch diese bis aufs äußerste anstrengen musste, was deutlich daraus hervorgeht, dass der Mann endlich zu ihm sprach: „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“ Jakob wollte also noch weiter ringen, und daher sprach der Mann. „Lass mich gehen“, lass ab von mir, ich will nicht mehr mit dir ringen, worauf Jakob antwortete: „Ich lasse dich nicht du segnest mich denn.“ So rang und kämpfte er siegreich, und das bezeugte der HERR ihm in den Worten: „Du hast mit Gott und Menschen gekämpft und hast gesiegt.“

    Aber wie konnte Jakob, ein Mensch, in diesem Kampf über Gott den Sieg davontragen, der in sich Schwache über den Starken, der Ohnmächtige über den Allmächtigen, das Gebilde von Staub und Asche über den Schöpfer, obgleich er im Glauben kämpfte? War es nicht derselbe Jakob, der am eben vergangenen Tag in so großer Furcht vor seinem Bruder Esau war, als er hörte, dass dieser mit 400 Mann heranzog, der gefleht hatte: „HERR, errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus – denn ich fürchte mich vor im –, dass er nicht komme und schlage mich, die Mutter samt den Kindern!“? Dem, leiblichen Bruder gegenüber so schwach, dem HERRN gegenüber so stark, ja unüberwindlich? Nun, Geliebte, dieser siegreiche Kampf hat viel Geheimnisvolles und Wunderbares, was wir nicht begreifen können. Aber das wissen wir, dass Jakob nicht in eigener Kraft siegte, sondern durch die Kraft, die ihm der HERR selbst mitteilte; das ersehen wir daraus, dass, als der Mann Jakobs Hüftgelenk anrührte, dieses verrenkt wurde und Jakob hinkte. Daraus musste er erkennen, dass er seinen Gegner nicht mit natürlicher, mit Fleischeskraft, sondern durch Glaubenskraft, mit der er Gott festhielt, bis er von ihm gesegnet wurde, überwunden hat.

    Das aber ist die wichtige Lehre, die wir für uns aus diesem siegreichen Ringen Jakobs nehmen sollen. Auch wir sollen Gott in unserem Gebet festhalten, festhalten mit den Armen unseres Glaubens. Wie halten wir ihn so fest? Wenn wir uns fest und unentwegt an sein Wort, seine Verheißung halten, sie ihm im Gebet vorhalten, wie der Psalmist spricht: „Mein Herz hält dir vor dein Wort.“ In dem Wort seiner Verheißung fassen und halten wir Gott selbst; denn er ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss, so gewiss er wahrhaftig ist. Die Zeit, wann, der Ort, wo, die Art und Weise, wie er unser Gebet erhört, müssen wir ihm überlassen, denn wie Jakob bis zur Morgenröte ringen musste, so auch wir oft in unserem Gebet. Aber auch: Wie Jakob siegte, so auch wir. Der Mensch, welcher das Wort und in ihm Gott selbst festhält, ist so mächtig, dass er durch sein Gebetsringen den Arm des Allmächtigen in seinen Dienst stellt. Überwand nicht die arme kanaanäische Frau Christus, dass er endlich sagen musste: „O Frau, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst“? Hat nicht Elia durch sein Gebet den Himmel verschlossen, dass es nicht regnete, und ihn wieder aufgeschlossen, dass es regnete? Hat Luther nicht durch Wort und Gebet den römischen Papst überwunden? So lerne denn, mein Christ, von Jakob mit Gott ringen, kämpfen, siegen; sprich auch du wie er: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, und er wird dich segnen; denn er hat Wohlgefallen daran, von dir überwunden zu werden. Seine Augen sehen nach dem Glauben, der sich nicht abschrecken, hinwegtreiben, nicht überwältigen lässt, sondern siegt.

 

3.

    „Lass mich gehen, den die Morgenröte bricht an“, so sprach der HERR zu Jakob. Aber dieser antwortete: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Er hielt ihn fest und ließ ihn nicht los. Die eben gehörten waren die ersten Worte, die während des Ringens gesprochen wurden. Nun aber fragte der HERR: „Wie heißt du?“ Jakob nannte seinen Namen. Darauf sprach der HERR zu ihm: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel.“ Welch ein ehrenvoller Name! Denn Israel heißt Gotteskämpfer. So deutet der HERR diesen Namen selbst, indem er den Grund für die Namensänderung in den Worten angibt: „Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hat gesiegt.“ Am Ende dieses Kampfes ging Jakob das Licht der Erkenntnis wie die Morgenröte am Himmel auf; er erkannte nun an der Verrenkung seiner Hüfte durch die bloße Berührung von dem mit ihm Ringenden wie aus den eben gehörten Worten, mit wem er gerungen hatte, und da er die göttliche Person so nahe hatte, hielt er sie mit beiden Händen fest, um den Kampf nicht ohne herrliche Frucht zu beenden. Nicht mit einem Feind, sondern mit dem HERRN hatte er gerungen. Auch dadurch, dass er diese Person festhielt, bewies er sich schon bei seiner Geburt als der rechte Fersenhalter. Bei dieser hatte es sich um den Segen der Erstgeburt gehandelt, hier handelte es sich wiederum um einen besonderen Segen. Und er bekommt ihn. Wohl erhielt er auf seine Frage, die er an den Kämpfer richtete: „Sage doch, wie heißt du?“ nur die Antwort: „Warum fragst du mich?“ Aber der Segen, den er begehrte, wurde ihm zuteil; denn es heißt: „Und er segnete ihn dort.“

    Der hohe Ehrenname Israel ist von dem Erzvater als ein Vermächtnis auf seine Nachkommen übergegangen; denn nach diesem wurden sie das Volk Israel, der Einzelne Israelit genannt. Und wie stolz waren die Juden auf diesen Namen, dessen Führung sie als ein besonderes Vorrecht betrachteten. Das Volk Israel, die Gemeinde Israel, das Haus Israel, die Kinder Israel sind immer wiederkehrende Bezeichnungen der Nachkommen Jakobs. Aber mit diesen Namen wurde ihnen auch die Verpflichtung auferlegt, in den Fußtapfen des großen Erzvaters zu wandeln, gleichem Kampf zu bewahren, was ihnen vertraut war.

    Nach beendetem, siegreichen Kampf nannte Jakob den Ort, wo der Kampf stattgefunden hatte, Pniel; denn er sprach: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen und bin genesen.“ Wie er selbst dort den neuen Namen Israel von Gott erhalten hatte, so sollte der neue Name des Ortes das Gedächtnis des wunderbaren Kampfes erhalten, verewigen. Durch den Kampf an diesem Ort war seine Seele, wie er sagt, genesen, vom Tod gerettet worden. Durch ihn war mit dem Aufgang der Sonne auch die Nacht und Furcht aus seinem Herzen verschwunden. Nachdem er Gott in diesem Kampf überwunden hatte, fürchtete er sich vor seinem Bruder Esau nicht mehr, sondern zog getrost seines Weges weiter. Als ein neuer Mensch war er aus diesem Kampf hervorgegangen, der nicht mehr wie bisher öfter auf Fleisch und Blut vertraut und zu sündlichen Mitteln gegriffen hatte, sondern allein auf den HERRN vertraute. „Da hat er die alte Haut fein müssen ausziehen und sich brechen und sich gestellt auf die Wahrheit, die nicht trügen konnte.“[7]

    Wie Jakobs siegreicher Kampf ihm die Frucht eines reichen, großen Segens brachte, so, meine Teuren, bringt jeder rechte Kampf einem gläubigen Christen Segen. Er erstarkt in der Erkenntnis, im Glauben, in der Liebe. Der Kampf schwächt ihn nicht, sondern stärkt ihn. Er lernt seinen Gott und HERRN immer besser erkennen, wie freundlich, gnädig und barmherzig er ist. „Alle Züchtigung, wenn sie da ist“, schreibt der Apostel, „dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind“; und wiederum: „So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht.“ Die Frucht, der Gewinn des Kampfes soll und wird also eine Krone sein, ja, die Krone der Gerechtigkeit, eine Krone der Ehren. So werde denn, mein Freund, nicht müde in deinem Glaubenskampf! Kämpfe ihn durch in der Nacht der Angst und Trübsal und halte deinen Gott fest; denn er ist dein Heiland, dein Erretter; er kämpft mit dir, um dich zu segnen, und es wird dir die Morgenröte eines neuen Tages aufgehen, in dem du nicht mehr kämpfen, sondern ruhen wirst, ruhen in deinem Gott und schauen sein Angesicht in ewiger Seligkeit. Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 3,1-7: Die Versuchung der ersten Menschen im Paradies

 

1. Mose 3,1-7: Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten. Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt es auch nicht an, dass ihr nicht sterbt! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

    Und die Frau schaute an, dass von dem Baum gut zu essen wäre und lieblich anzusehen, dass es ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte, und nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß. Da wurden ihrer beiden Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Vor dem Sündenfall befand sich der Mensch in vollkommener Glückseligkeit. Er war, wie die Benennung der Tiere zeigt, reich an Erkenntnis aller Dinge, heilig und gerecht, ohne irgendwelche Neigung zur Sünde und zum Herrscher über alle Kreaturen gesetzt, die ihm willig, ohne Zwang, gehorchten. Durch den über ihn ausgesprochenen Segen hatte ihm Gott die Kraft mitgeteilt, sich zu mehren und die Erde zu füllen. Welch eine Wunderbare Wohnstätte hatte ihm Gott in dem Garten, den er für ihn in Eden, dem Land der Wonne, gepflanzt hatte, bereitet! Die wunderbare Schönheit dieses Gartens, des Paradieses, wie wir ihn nennen, war so groß, dass wir uns davon keine rechte Vorstellung zu machen vermögen. In ihm waren allerlei Bäume mit den herrlichsten Früchten, die den Menschen zur Speise dienten; in ihm entsprang ein Strom, von dem er bewässert wurde, und der sich bei seinem Austritt in vier Arme teilte. Wo dieser Garten einst war, wissen wir nicht. Gelehrte aller Zeiten haben sich alle Mühe gegeben, die Lage dieses Gartens zu bestimmen, aber vergeblich, da ohne Zweifel die Gestalt der Erde durch die Sintflut völlig verändert worden ist.

    In diesen Garten hatte Gott den Menschen gesetzt., um ihn zu bebauen und zu bewahren. Aber diese Arbeit minderte seine Glückseligkeit nicht, sondern vermehrte sie vielmehr; denn sie war ihm keine Last, ermüdete ihn nicht, sondern war ihm eine Lust. #wo gibt es heute auf der ganzen Erde einen Ort, der im entferntesten mit jenem Garten verglichen werden könnte? Aber unter den mancherlei Bäumen befanden sich zwei von einzigartiger Beschaffenheit: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Hätte der Mensch von jenem gegessen, so würde er bei steter Jugend erhalten worden sein und ewig gelebt haben. Kein Leiden, keine Krankheit würde ihn angerührt, kein Alter ihn geschwächt, ihn zum Greis gemacht haben. Der andere Baum war von bezaubernder Schönheit, eine Lust der Augen, lieblich anzuschauen und begehrenswert, davon zu essen. Aber gerade von diesem Baum sollte der Mensch nicht essen; denn Gott hatte zu ihm gesagt: „Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen; denn an welchem Tag du davon isst, wirst du des Todes sterben.“ Da aber nahte sich ihm der Versucher, um ihn zu verleiten, dieses Verbot Gottes zu übertreten. Dies sei der Gegenstand unserer jetzigen Betrachtung, nämlich:

 

Die Versuchung der ersten Menschen im Paradies

 

    Diese zeigt uns

    1. den Versucher,

    2. den Gegenstand,

    3. den Ausgang der Versuchung

 

1.

    Unser Text beginnt, Geliebte, mit den Worten: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott gemacht hatte, und sprach zu der Frau: ‚Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?‘“

    Die Schlange naht sich dem Menschen als Versucher. War das eine wirkliche, natürliche Schlange? Ohne Zweifel. Denn wir haben in dem ganzen Bericht über den Sündenfall keine bildliche Darstellung, sondern eine wirkliche Geschichte, in der alle Namen und Bezeichnungen nicht bildlich, sondern buchstäblich zu verstehen sind. Der Garten, die Bäume, die Menschen, die Früchte, sie alle bedeuten nicht etwas anderes als das, was wir heute im eigentlichen Sinn unter diesen Worten verstehen, sondern dasselbe, und so auch unter dem Wort Schlange nicht etwa das Böse, sondern eine natürliche Schlange, zumal hinzugefügt wird: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld.“ Aber die Schlange war das Werkzeug, dessen sich der Satan bediente. Dass dieser der eigentliche Versucher, die Schlange nur sein Werkzeug war, geht schon daraus hervor, dass sie redete, also die Fähigkeit menschlicher Rede hatte, die ihr ebenso wenig wie einem anderen Tier des Feldes von Gott gegeben war. Und die Schlange redete nicht nur in menschlicher, der Frau verständlicher Sprache, sondern auch in menschlich-vernünftiger Weise. In listiger Weise zieht sie das klare Verbot Gottes von dem Baum der Erkenntnis in Zweifel, als ob er dies Verbot aus Neid oder Missgunst, da<mit die Menschen ihm nicht gleich würden, gegeben hätte, und zeiht dann Gott geradezu der Lüge, indem sie sagt: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ So listig kann kein Tier, konnte auch damals die Schlange aus sich selbst nicht reden oder mit dem Menschen disputieren. Stets wird daher in der Schrift des Neuen Testaments, wo von der Versuchung der Menschen die Rede ist, der Satan als der Versucher bezeichnet. Offb. 12, 9 wird der Satan als die alte Schlange und der Teufel genannt, der die ganze Welt verführt. Wohl war also die Schlange eine wirkliche, natürliche Schlange, wie sie sich heute noch überall auf der Erde findet, aber sie war das Werkzeug Satans, durch die dieser böse Geist redete und die Menschen zur Sünde, zur Übertretung des göttlichen Verbots und damit zum Abfall von Gott, zu verleiten suchte.

    Dasselbe Werk treibt der böse Geist heute noch. Darum warnt Petrus die Christen: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!“ Hat er nicht Christus selbst in der Wüste versucht, nicht Judas, einen aus den zwölf erwählten Zeugen des HERRN, nicht David, den großen König Israels? Und er geht jetzt noch ebenso listig zu Werk wie damals im Paradies. Er weiß die geeignetsten Werkzeuge und Mittel zu finden und zu gebrauchen. Dort bediente er sich der Schlange, die listiger war als alle anderen Tiere auf dem Feld, die damals noch nicht auf dem Bauch ging, sich im Staub wand und dem Menschen wie heute Abscheu und Ekel einflößte, sondern eines der schönsten Tiere war. In dieser nahte er sich der Frau. So tritt er auch jetzt nicht in seiner eigenen, unverhüllten und hässlichen Gestalt an den Menschen heran, sondern versucht ihn durch geeignete Werkzeuge. Wie machen Christen versucht er durch seinen Nachbarn, seinen Freund oder sonst eine ihm nahestehende Person! Die Eva versuchte er durch die listige Schlange. Adam wieder durch seine Frau, die Eva. Wie ist schon mancher Mann durch seine Frau und manche Frau durch ihren gottlosen Mann, wie es besonders in den Mischehen unserer Tage geschieht, zur Sünde, zum Abfall vom Glauben, versucht und verleitet worden! „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist; auf Erd ist nicht seinsgleichen“, sagt Luther; und so ist es. Sei darum, mein Christ, auf deiner Hut, wenn dein Nächster, dein bester Freund oder wer dir sonst nahe steht, dich zu irgendeiner Sünde, zum Ungehorsam gegen Gottes Wort, verleiten will, indem er dir einen Gewinn vorspiegelt. Mag er sich dessen selbst auch nicht bewusst sein, es steckt gewiss Satan, der Versucher, dahinter, der dich zu Fall bringen will.

    Aber so listig der Versucher in der Wahl seines Werkzeuges in der Versuchung ist, so listig verfährt er auch in Bezug auf den Gegenstand. Das lasst uns zweitens betrachten.

 

2.

    Auf die ersten Worte des Versuchers, wodurch der das Verbot Gottes, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, in Zweifel zog, antwortete die Frau: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt’s auch nicht an, dass ihr nicht sterbt!“ Beachtet die Worte „mitten im Garten“. Dieser Baum stand in der Mitte des Gartens, bildete, dass ich so sage, seinen Mittelpunkt. Seine Früchte waren schöner, begehrenswerter als die aller anderen Bäume, und auf diese richtete Satan Evas Blicke. Und diese sah, dass er eine Lust für die Augen, lieblich anzuschauen und gut oder begehrenswert, von ihm zu essen, wäre, weil er klug machte, geeignet, um Einsicht zu erlangen. Schon hat die verführerische Rede des Versuchers Eindruck auf sie gemacht. Sie kann sich an den herrlichen Früchten gleichsam nicht satt sehen, sie üben einen anziehenden Reiz auf sie aus. Wohl hält sie dem Versucher das ausdrückliche Gebot Gottes entgegen, von diesem Baum nicht zu essen, sie übertreibt dies Verbot sogar, indem sie sagt, es sei ihnen verboten, die Früchte des Baumes auch nur anzurühren, aber durch die Vorspiegelung Satans üben sie einen bannenden Zauber auf sie aus. Wie herrlich müssen die Früchte dieses Baumes schmecken, die an Schönheit alle anderen übertreffen! Der Gegenstand, dessen sich Satan zur Versuchung bediente, war somit der schönste unter allen Bäumen im Garten, an dem sich das Verbot Gottes, so zu reden, als eine Warnungstafel befand.

    Warum aber, so fragen wir, wollte Gott gerade von diesem einen Baum nicht gegessen haben? Luther antwortet: „Weil dieser Baum für den Menschen der Altar und Predigtstuhl sein sollte, an dem er Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Wort und Willen erkennen, dabei auch Gott gegen die Anfechtung anrufen sollte.“ Gott gab ihm dies Verbot nicht zu seinem Verderben, sondern zu seinem Besten. Er sollte daran erkennen, was dem göttlichen Willen gemäß und was ihm zuwider war, lernen, das Böse zu meiden, die ihm anerschaffene Freiheit zwischen Gehorsam und Ungehorsam gegen Gottes Wort zu gebrauchen. Hätte er der Versuchung Satans widerstanden und dem Verbot Gottes Gehorsam geleistet, so würde es für ihn nicht mehr möglich gewesen sein zu sündigen. Die Möglichkeit, nicht zu sündigen, würde sich zur Unmöglichkeit zu sündigen gestaltet haben, während der Mensch nun in die Knechtschaft der Sünde gefallen ist, so dass er, wie er von Natur beschaffen ist, nichts Gutes tun, sondern nur sündigen kann, da sein Verstand verfinstert und sein Wille zum Bösen geneigt ist. Und Gott wollte von dem Menschen keinen unbewussten, sondern einen bewussten, freiwilligen Gehorsam, weil dieser es ist, der jedem Werk seinen Wert verleiht. Der Mensch ist ja keine tote Maschine, sondern ein mit Verstand und Willen ausgerüstetes Wesen, eine sich selbst bestimmende Person, und als solche von Gott, dazu heilig und gerecht, erschaffen, sollte er an dem Verbot Gottes zwischen Gehorsam und Ungehorsam wählen. Aber, wie Luther sagt, „hat es Gott so gefallen, dass sich Adam versuchen und sein Vermögen üben sollte“.

    Wenn nun auch der Gegenstand oder das, wodurch Satan jetzt die Christen versucht, kein so prächtiger Baum ist, so ist es doch etwas, was ihm besonders gefällt, worauf sich seine Wünsche und Begierden richten. Er kennt die schwache Seite des Menschen. Davies Blicke richtete er auf die Schönheit der Bathseba, Judas verblendete er durch den schimmernden Glanz der Silberlinge, Petrus brachte er durch Vermessenheit zu Fall, dem HERRN Christus zeigte er die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest“, wollte also selbst den Sohn Gottes durch Herrschsucht zum Abfall bringen. Aber wodurch er auch versucht, immer ist es etwas, was Gott verboten hat, oder ist doch die Art und Weise, in der es geschehen soll, eine sündliche. Die irdischen Güter sind an sich nicht sündlich, sondern Gottes Gaben, aber sie auf sündliche Weise, durch List und Betrug, in seinen Besitz bringen wollen, ist eine Versuchung des bösen Feindes, ebenso wie der Baum der Erkenntnis von Gott geschaffen und daher an sich ein guter Baum war; aber unsere ersten Eltern sündigten doch, weil sie gegen Gottes Gebot ihre Hände nach seiner Frucht ausstreckten. Darum hüte dich, mein Zuhörer, vor dem Blendwerk des Satans, „dass du in keine Sünde willigst, noch tust gegen Gottes Gebot“!

    Aber, so wendet die menschliche Vernunft ein, hätte Gott nicht die Versuchung der ersten Menschen verhindern können, da er wusste, dass er fallen würde? Könnte er nicht ebenso auch verhindern, dass ich versucht werde, da er weiß, wie gefährlich die Versuchung für mich ist? Diese und ähnliche Fragen werden so oft und von vielen gestellt. Die Antwort lautet: Die Versuchungen sind von Gott nicht zu unserem Schaden, sondern zum Guten gemeint. In ihnen sollen wir auch unseren Glauben und Gehorsam beweisen, soll unser Glaube bewährt und gestärkt, geläutert werden. Halte nur Gottes Wort, ob Ge- oder Verbot, fest, halte wie der HERR Christus jedem verführerischen Wort des Versuchers das wahrhaftige Wort deines Gottes entgegen, gebrauche es als das Schwert des Geistes, so kann er nichts gegen dich ausrichten; „denn selig ist der Mann, der die Anfechtung“, die Versuchung, „erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen“. Dies führt uns zum dritten Teil unserer Betrachtung, auf den Ausgang der Versuchung.

 

3.

    Unser Text berichtet uns, welchen Ausgang diese Versuchung nahm: Die Frau gehorchte nicht dem Wort Gottes, sondern dem Wort des Versuchers, glaubte der Lüge, streckte ihre Hand nach der verbotenen Frucht aus, gab ihrem Mann auch davon, er aß, und damit war der Abfall von Gott, der Sündenfall, geschehen.

    Beachtet, wie sich dieser Abfall von Gott von Stufe zu Stufe vollzog. Der Anfang begann schon damit, dass sich Eva überhaupt mit der Schlange einließ. Sie hätte daraus, dass die Schlange reden konnte, und durch ihre Worte sogleich die Wahrheit des Wortes Gottes, dass sie gewiss des Todes sterben würde, wenn sie von dem Baum essen würde, erkennen, sowie dass sie es mit einer ihrem gnädigen Schöpfer feindlichen Macht zu tun habe, und sie ohne weiteres abweisen sollen. Aber statt sofortiger Abweisung ließ sie sich mit dem Versucher auf eine Unterredung ein. Und als dieser nun das Verbot Gottes nicht mehr bloß anzweifelte, sondern zu frecher Verneinung der angedrohten Strafe überging, zu ihr sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“, damit also den Wahrhaftigen für einen Lügner erklärte, da blickte sie mit begehrlichem Auge auf die verbotene Frucht. Das Verlangen zu wissen, was gut und böse sei, Gott gleich zu sein, siegte; sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß. Also zuerst Unterredung mit der Schlange, dann Zweifel an dem Wort Gottes, sodann das Glauben der Lüge und die Tat, das Essen: So vollzog sich der Sündenfall. Und der eigentliche, wirkliche Ausgang? Den berichten die Worte unseres Textes: „Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.“

    Welch ein Ausgang! Ihre Augen waren nun allerdings aufgetan; aber was erkannten sie? Nicht, das sie gleich wie Gott, sondern dass sie nackt waren. Die selige Unwissenheit der Unschuld ist dahin, die von keiner Nacktheit wusste. Durch die Sünde sind sie zu dieser Erkenntnis gekommen; diese Erkenntnis aber wirkt Scham, und in dieser Scham flechten sie sich aus Feigenblättern Schürze, um damit die Schande ihrer Blöße zu bedecken, ihre Hüfte zu umhüllen, weil dieser Teil ihres Leibes, der bisher rein und vom Geist Gottes beherrscht wurde, nun unrein geworden und in die Macht der Sünde, des Argen, geraten ist. Die gefallenen Menschen schämen sich der Folgen der Sünde, erkennen, wie schmachvoll sie von dem Versucher betrogen worden sind durch seine Zweideutigkeit und Verkehrung des Wortes Gottes. Sie wissen nun, was gut und böse ist; aber dieses Wissen, durch Sünde erlangt, ist ein schuldvolles Wissen, das sie mit Scham vor sich selbst und mit Scham und Furcht vor Gott erfüllt.

    Wieviel ließe sich, meine Freunde, hierüber noch sagen! Möge es für heute genügen, nur das eine hervorzuheben, dass jede Sünde denselben Ausgang, dieselben Folgen hat: nicht Gewinn, sondern Verlust: Scham, Schande, böses Gewissen, Furcht vor Gott, den Tod. Ja, „wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod“. Darum, mein Christ, hüte dich vor jeder Sünde, wenn sie auch noch so gering zu sein scheint! Wie gering scheint die Sünde unserer ersten Eltern zu sein, aber wie groß war sie, wie ihre Folgen zeigen, in der Tat! Wo sollten wir bleiben, wenn wir nicht den zum Heiland hätten, der in seiner Versuchung den Satan überwunden und am Holz des Kreuzes die Schuld gesühnt, die Adam am Baum der Erkenntnis auf sich und seine Nachkommen geladen hat. Was Adam im Garten Eden gesündigt, hat er im Garten Gethsemane gesühnt. Dessen können und wollen wir uns in bußfertigem Glauben getrösten und durch seine Kraft jeder Versuchung zu widerstehen uns befleißigen. Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Estomihi (Sei mir ein starker Fels; Ps. 30,3) ueber 2. Mose 3, 1-10: Die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb

 

2. Mose 3, 1-10: Mose aber hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe hinter in die Wüste und kam an den Berg Gottes Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er sah, dass der Busch mit Feuer brannte, und wurde doch nicht verzehrt. Und sprach: Ich will dahin und besehen dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt. Da aber der HERR sah, dass er hinging zu sehen, rief ihm Gott aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land. Und sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

    Und der HERR sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volks in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie treiben; ich habe ihr Leid erkannt. Und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, nämlich an den Ort der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Kinder Israel vor mich gekommen ist und habe  auch dazu gesehen ihre Angst, wie sie die Ägypter ängstigen, so gehe nun hin, ich will dich zu Pharao senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Als Gott der HERR Jesaja zu seinem Propheten unter dem Volk Israel berief, ließ er ihm eine einzigartige und überaus erhabene Erscheinung zuteil werden. Jesaja erblickte nämlich Gott selbst als den König und Herrscher über alles in seiner Majestät, auf einem Thron in seinem himmlischen Palast, der zugleich sein heiliger Tempel ist, sitzend. Seine Umgebung bildeten die Seraphim, leuchtend und strahlend, wie von heiligem Feuer durchglüht. Sie stellten die Heiligkeit Gottes dar, nach der er allem Unreinen und Sündlichen gegenüber ein verzehrendes Feuer ist.

    Jeder der Seraphim hatte sechs Flügel. Mit zwei bedeckten sie in heiliger Scheu und Ehrfurcht vor dem dreimal heiligen ihr Angesicht, mit zwei ihre Füße und mit zwei flogen sie durch den Palast. Aber nicht stillschweigend schwebten sie durch den heiligen Raum, sondern mit einer Stimme, deren Widerhall wie Donner durch den Palast tönte, priesen sie die Heiligkeit und Herrlichkeit des majestätischen Gottes, indem sie einander zuriefen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll“, „so dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus voll Rauch wurde“, wie es wörtlich heißt. War es ein Wunder, dass Jesaja, als er diese Erscheinung hatte, von tödlichem Schrecken ergriffen wurde und ausrief: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen“? Wenn die Überschwellen des Hauses von der Stimme des Rufens erbebten, hätte da Jesaja, der sich als Sünder erkannte, nicht erbeben, zittern sollen?

    Aber nicht verderben, töten, wollte der HERR Jesaja durch diese für ihn furchtbare Erscheinung, sondern ihn vorbereiten auf die Sendung, zu der er ihn ausersehen hatte. Er sollte daraus erkennen, wer der sei, als dessen Bote er zu dem sündigen Volk gehen sollte, nämlich der Heilige, dem jede Sünde ein Greuel ist, aber auch der Allmächtige, der seinen Sendboten unter einem gottentfremdeten Geschlecht schützen könne und werde. Und Jesaja wurde nun von dem HERRN selbst zu seinem Boten geschickt gemacht. Denn auf das Bekenntnis seiner Unwürdigkeit wurde er von einem der Seraphim mit dem heiligen Feuer, das dieser vom Altar genommen hatte, an den Lippen berührt und dadurch entsündigt. So geheiligt, war er geschickt und ausgerüstet, der Bote des heiligen Gottes unter einem sündigen Volk zu sein. Deshalb wurde ihm auch sogleich der Auftrag erteilt, zu dem Volk zu gehen, die ihm aufgetragene Botschaft auszurichten.

    Das war das große Gesicht, die wunderbare Erscheinung, durch welche Jesaja zum Propheten des Volkes berufen wurde. Eine ähnliche wunderbare Erscheinung wurde Mose zuteil, als ihn Gott zum Befreier des Volkes Israel berief. Der Gegenstand unserer Betrachtung sei:

 

Die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb

 

    1. Der Busch brannte und wurde doch nicht verzehrt.

    2. Der Ort wurde zu einem heiligen Ort.

    3. Mose wurde zum Befreier Israels berufen.

 

1.

    „Mose aber“, so beginnt unser Text, „hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian; und trieb die Schafe hinter in die Wüste und kam an den Berg Gottes Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er sah, dass der Busch mit Feuer brannte und wurde doch nicht verzehrt.“ Im Dienst seines Schwiegervaters bekleidete Mose die Stellung eines Hirten, und als solcher trieb er die Herde durch eine Wüste bis an den Horeb, wo es reiche Weidetriften und Wasser die Fülle gab.

    Dort nun wurde ihm eine wunderbare Erscheinung des HERRN zuteil. Er erblickte plötzlich eine feurige Flamme aus einem Busch. Er sah, dass der Busch brannte und doch nicht verbrannte. Hätte das Feuer den Busch auch verzehrt, so würde das schon seine Aufmerksamkeit erregt haben, denn er befand sich dort allein mit seiner Herde; aber da er sah, dass der Busch nicht von der Flamme verzehrt wurde, so erregte das sein Erstaunen, seine Verwunderung umso mehr, und darum sprach er: „Ich will dahin und besehen dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt.“ Er erkannte also indem brennenden Busch ein „großes Gesicht“, eine wunderbare Erscheinung. Es war ihm sogleich gewiss, dass das Feuer kein natürliches, sondern ein wunderbares Feuer sein, dass es eine besondere Bedeutung haben müsse. Und er täuschte sich darin nicht; denn sobald er sich dem brennenden Busch näherte, erhielt er die Bestätigung seiner Annahme. Was aber bedeutete dieser brennende und doch nicht verbrennende Busch? Nichts anderes als das Volk Israel in seiner traurigen Lage in Ägypten.

    Dieses befand sich schon über 300 Jahre in Ägypten. Als der Erzvater Jakob mit seiner Familie dorthin kam, fand er Errettung in der Hungersnot, freundliche und liebevolle Aufnahme bei Pharao und wohnte dann in einem der besten, fruchtbarsten Teile des Landes, in Goschen, einem fetten Landstrich. Doch wuchs die Familie Jakobs zu einem großen Volk heran. Es wurde so zahlreich, dass Pharao befürchtete, es könnte sich, wenn ein Krieg entstünde, auf die Seite der Feinde schlagen und den Ägyptern gefährlich werden. Um dies zu verhindern, wurde die Bedrückung der Israeliten begonnen. Sie wurden mit Unbarmherzigkeit zu den schwersten Frondiensten gezwungen, mussten Ziegelsteine machen und die Städte Phiton und Raemses, die als Schatzhäuser des Landes dienen sollten, bauen. Die Kinder Israel sollten durch ihre Kräfte übersteigende Frondienste geschwächt werden. Als diese Bemühungen sich als vergeblich erwiesen, die Kinder Israel hingegen sich immer mehr vermehrten, gab Pharao den hebräischen Hebammen den Befehl, alle neugeborenen israelitischen Knäblein zu töten. Diese aber fürchteten Gott und gehorchten dem Befehl nicht; sie ließen die Knäblein leben. Aber immer trauriger wurde der Zustand der Kinder Israel in Ägypten. Sie wurden bedrückt, geplagt, zu Sklaven herabgewürdigt. „Sie seufzten über ihrer Arbeit und schrien.“ Sie befanden sich in der Gewalt ihrer Bedrücker, im Ofen der Trübsal. In dieser traurigen, ohnmächtigen Lage war das Volk Israel in Ägypten einem niedrigen Strauch oder Busch ähnlich, während Ägypten und die anderen Weltmächte wie stolze, starke Bäume dastanden. Das Feuer im Busch ist Bild der strafenden und züchtigenden Gerechtigkeit Gottes. Wohl war die Bedrückung und Verachtung des Volkes ein Werk der Ägypter, aber Gott nahm dieselbe in seine Hand, um sein Volk zu läutern. Darum sprach Mose: „Euch aber hat der HERR angenommen und aus dem eisernen Ofen, nämlich aus Ägypten, geführt.“ Dass die Bedrückung nicht ein vernichtendes, sondern ein Läuterungsfeuer war, wird auch dadurch angezeigt, dass das Feuer den Busch nicht verzehrte. Denn Gott die Seinen wohl, aber übergibt sie nicht dem Tod. So züchtigte Gott sein Volk in Ägypten, in dem Feuerofen der Trübsal, um es auf seinen hohen Beruf, ihm ein heiliges Volk, ein priesterliches Königtum zu sein, vorzubereiten.

    Einem feurigen Busch, der nicht von der Flamme verzehrt wird, ist die Kirche allezeit gleich gewesen. Sie ist niemals ein mächtiges Weltreich gewesen, sondern im Vergleich zu den weltlichen Reichen eine kleine Herde, wie der HERR selbst sie nennt. Und in welchem Feuer der Trübsal hat sie sich stets befunden! In der ersten Verfolgung, die über die Gemeinde zu Jerusalem ging, wurden ihre Glieder in Judäa und Samaria zerstreut. Und sie ist bis auf die heutige Zeit im Feuer gewesen. Unter dem grausamen Kaiser Nero begannen um das Jahr 60 nach Christi Geburt die mehr oder minder grausamen Verfolgungen der Christen und dauerten, mit oft nur geringen Unterbrechungen, bis in den Anfang des vierten Jahrhunderts fort. Dann kam der Türke, der die Christen stets, soweit seine Macht reichte, ebenso grausam wie Pharao das Volk in Ägypten bedrückt hat. Und nicht weniger der römische Papst, als dieser zur Macht gelangte. Aber gleich dem brennenden Busch ist die Kirche durch diese Verfolgungen und Bedrückungen, dieser Feuer der Hölle, nicht verzehrt, vernichtet worden. Die Pforten der Hölle konnten sie nicht überwältigen, denn der HERR war, wie dort im feurigen Busch, so in dem Feuer, so in dem Feuer der Trübsal unter seinem Volk laut der Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

    Aber wunderbar war jene Erscheinung des brennenden Busches auch deshalb, weil sie an einem heiligen Ort stattfand.

 

2.

    Als Mose dieses große Gesicht, den brennenden und doch nicht verbrennenden Busch, erblickte und sprach: „Ich will hin und sehen das große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt“, rief ihm Gott aus dem Busch und sprach: „Mose, Mose!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“ Und der HERR sprach: „Tritt nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen Fußen; denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land.“ Warum war der Ort ein heiliges Land? Weil der Engel des HERRN dort dem Mose in der feurigen Flamme aus dem Busch erschien. Aber wer war dieser Engel des HERRN? Keiner der erschaffenen Engel, nicht Gabriel oder Michael, keiner der Engelfürsten, nicht einer der Cherubim und Seraphim, sondern der unerschaffene Engel, der aus dem Wesen Gottes in Ewigkeit gezeugte Sohn Gottes selbst, der in der Heiligen Schrift der Engel des HERRN genannt wird, der schon Abraham im Hain Mamre erschien und mit ihm redete. Dass es dieser und kein erschaffener Engel war, sagen die deutlich die Worte im vierten Vers unseres Textes, wo es heißt: „Da also der HERR sah, dass er hinging zu seshen, rief ihm Gott aus dem Busch: ‚Mose, Mose!‘“ Denn im zweiten Vers heißt es: „Der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch“ und hier: „Da der HERR, Jahwe, sah, dass er hinging, rief ihm Gott aus dem Busch“, woraus deutlich hervorgeht, dass der Engel des HERRN, der HERR und Gott eine und dieselbe Person waren, nur mit verschiedenen Namen benannt. Denn allein der Sohn Gottes wird der Engel des HERRN genannt, niemals der Vater, auch nicht der Heilige Geist, viel weniger ein erschaffener Engel, sondern allein die zweite Person der Dreieinigkeit, der Sohn Gottes. Und weil in dieser wunderbaren Erscheinung der Sohn Gottes gegenwärtig war und mit Mose redete, darum war der Ort ein heiliges Land. Heißt es nicht im sechsten Vers: „Und sprach“, nämlich der Engel des HERRN: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“? Wo aber Gott auf Erden erscheint oder wohnt, da ist wahrlich eine heilige Stätte. Darum nannte Jakob Lus eine heilige Stätte, als er dort im Traum eine Leiter erblickte, die vom Himmel bis auf die Erde reichte, wo die Engel auf- und niederstiegen, oben aber Gott stand und zu ihm redete, indem er, als er erwachte, ausrief: „Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels!“ und nannte die Stätte Bethel, das heißt, Gottes Haus. Deshalb hieß auf Jerusalem die Heilige Stadt, weil Gott in dem Allerheiligsten des Tempels über der Bundeslade in der Luftwolke, als dem sichtbaren Zeichen seiner Gnadengegenwart unter dem Volk, thronte.

    Haben wir, meine Zuhörer, eine solche heilige Stätte, ein solches heiliges Land? An jedem Ort, wo sein Wort gepredigt wird. Wohl findet heute nicht mehr ein solch großes Gesicht, eine so wunderbare Erscheinung statt wie im feurigen Busch; es bedarf einer solchen wunderbaren Erscheinung auch nicht mehr, denn Gott ist offenbart im Fleisch, der Sohn Gottes ist Mensch geworden und hat unter den Menschen auf Erden in sichtbarer Gestalt gewandelt. Das ist die größte und höchste sichtbare Erscheinung Gottes auf Erden. Aber obwohl er seine sichtbare Erscheinung uns Menschen durch seine Himmelfahrt entzogen hat, ist er doch an jedem Ort, wo sein Wort verkündigt wird, gegenwärtig laut seiner Verheißung: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, bin ich mitten unter ihnen.“ Und heißt es nicht 2. Mose 20, 24: „An welchem Ort ich meines Namens Gedächtnis stiften werde, da will ich zu dir kommen und dich segnen“? Aber jede Feier des heiligen Abendmahls geschieht zum Gedächtnis des HERRN; durch sie wird des HERRN Tod verkündigt. Ja, was ist jede Predigt des Evangeliums anders als ein Gedächtnis des HERRN? So ist denn wahrlich jeder Ort, an dem dies geschieht, eine Stätte, an welcher der HERR gegenwärtig ist, ein heiliger Ort.

    Darum ergeht aber auch die an Mose gerichtete Aufforderung in unserem Text: „Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen! Denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land“ an alle, die zum Gotteshaus kommen. Da ist freilich nicht wörtlich zu verstehen wie bei Mose; aber sie sollen dessen eingedenk sein, dass die Kirche ein Gotteshaus ist, ein heiliger Ort, und sollen daher ihre irdischen Gedanken dahinten lassen, viel weniger mit sündlichen und fleischlichen Gedanken und Begierden herzukommen und sich hier über irdische Dinge unterhalten, wie das oft genug geschieht. „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Haus Gottes gehst, und komm, dass du hörst!“ Mit heiliger Scheu und Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Gott und HERRN soll daher jeder Christ im Gotteshaus erfüllt sein, wie Mose in heiliger Scheu sein Angesicht verhüllte, weil er sich fürchtete, Gott anzuschauen; denn in ihm redet Gott selbst zu ihm durch den Mund seines Dieners, wie er dort zu Mose aus dem brennenden Busch redete. „Alle unsere Kirchen“, sagt Luther, „sind darum auch heilig, dass Gottes Wort darin gepredigt und die Sakramente gereicht werden.“

    Zu welchem Zweck aber erschien der Engel des HERRN dort Mose in dem brennenden Busch? Weshalb redete er zu ihm? Um ihn dort zum Befreier des Volkes Israel zu berufen. Auch dadurch wurde die Erscheinung des HERRN eine wunderbare, was wir drittens betrachten wollen.

 

3.

    Nachdem sich der Engel des HERRN dem Mose als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekannt gegeben und ihn damit an die Verheißungen erinnert, die er den Erzvätern gegeben hatte und die er nun an deren Nachkommen, dem Volk Israel, erfüllen wolle, besonders aber die bei der Berufung Abrahams: „Deinem Samen will ich das Land“, nämlich Kanaan, das Gelobte Land, „geben“, fuhr er fort: „Ich habe gesehen das Elend meines Volkes in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie treiben; ich habe ihr Leid erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein weites und gutes Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließen. … So gehe nun hin; ich will dich zu Pharao senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.“ Damit berief der HERR Mose zum Erretter seines Volkes aus dem Diensthaus Ägypten.

    Doch wunderbar ist diese Berufung nicht nur in der Art und Weise, wie sie geschah, sondern auch, wenn wir auf Mose blicken. Wer war Mose? Er hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, war also ein Schafhirte. Und dieser Schafhirte soll Gottes Sendbote an den mächtigen, stolzen und grausamen Pharao, einen der mächtigsten Könige seiner Zeit, sein! Mose war keineswegs redegewandt, sondern sogar ein Stammler, und doch soll er Gottes Sache vor Pharao führen! Vom Hirten einer Schafherde soll er zum Hirten eines zahlreichen Volkes, vom Leiter geduldiger und folgsamer Tiere zum Führer eines widerspenstigen Volkes emporsteigen! Welch eine Aufgabe! Ist es zu verwundern, wenn Mose sich weigerte, eine solch schwere Aufgabe zu übernehmen, wenn er sprach: „Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten? Und hatte Mose nach dem Urteil der menschlichen Vernunft nicht recht? Er, ein geringer, ohnmächtiger Schafhirte, soll dem mächtigen Tyrannen gegenübertreten, soll der Befreier seines Volkes aus der Knechtschaft und der Führer während des Zuges in das verheißene Land sein! Haben sich seine Befürchtungen nicht bewahrheitet? Ja, Mose ist seit seiner Flucht aus Ägypten bis an seinen Tod stets ein Hirte gewesen, vierzig Jahre in Midian ein Hirte von Schafen, dann fast ebenso lang der Hirte des Volkes Israel, aber er hat es erfahren müssen, dass die unvernünftigen, dummen Schafe viel verständiger und vernünftiger waren als das vernünftige Volk der Juden, das sich immer wieder als ein halsstarriges Volk erwies.

    Aber so wunderbar handelt Gott. Den geringen, verachteten Schafhirten (und die Viehhirten wurden von den Ägyptern besonders verachtet) macht er zu seinem Botschafter an den großen, stolzen König und zum Führer und Fürsten seines Volkes, ja im Hinblick auf unseren Text und die Worte Richter 9, 15, wo der Dornbusch zu den hohen Bäumen sprach: „Ist’s wahr, dass ihr mich zum König salbt über euch?“ macht er Mose, einen geringen Busch, zum Herrscher über Pharao, den stolzen Baum! Aber das sind Gottes wunderbare Wege: Was die Menschen verachten, das macht er groß; den Ohnmächtigen macht er mächtig. Den Saul nahm er von den Eselinnen seines Vaters hinweg und machte ihn zum König Israels, ebenso den Hirtenknaben David, arme Fischer und Zöllner zu seinen Boten an die ganze Welt, den Verfolger Saulus zu seinem auserwählten Rüstzeug, um seinen Namen vor die Heiden und die Könige zu tragen, und den Augustinermönch Martin Luther zum Reformator seiner Kirche, zum siegreichen Bestreiter des römischen Papstes, vor dem sich die mächtigsten irdischen Herrscher beugten. Er ist, wie Luther bemerkt: „Man soll das Wort Gottes ansehen und nicht auf die Person schauen; denn Gott nimmt jetzt einen Engel, bald Petrus und Magdalena oder auch irgendeinen Esel, wie mit dem Bileam geschah, durch welchen er sein Wort redet.“ Wer konnte Mose widerstehen, da er Gottes Bote und Gott mit ihm war? Der Hirtenstab des Schafhirten Mose war mächtiger als das Zepter Pharaos.

    Das, meine Zuhörer, war die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches, die Mose am Berg Gottes Horeb erblickte. Der Busch brannte, aber verbrannte nicht; denn der HERR war das Feuer. Der Ort wurde zum heiligen Land, und Mose wurde zum Befreier des Volkes Israel berufen, um es durch die Wüste in das verheißene Land zu führen. Erkennen wir daraus die wunderbaren Wege Gottes, und gehen wir sie getrost, wenn er uns auf solchen führt; sie gehen durch mancherlei Trübsale zu einem seligen Ziel. Sprechen wir mit David: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und ob ich gleich wanderte im finsteren Tag, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Invocavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhoeren. Ps. 91,15) ueber Jesaja 39: Der Hochmut des Koenigs Hiskia

 

Jesaja 39: Zu der Zeit sandte Merodach–Baladan, der Sohn Baladans, König zu Babel, Briefe und Geschenke zu Hiskia; denn er hatte gehört, dass er krank und wieder stark geworden wäre. Des freute sich Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus, Silber und Gold und Spezerei, köstliche Salben und alle seine Zeughäuser und allen Schatz, den er hatte. Nichts war, das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem Haus und in seiner Herrschaft. Da kam der Prophet Jesaja zum Könige Hiskia und sprach zu ihm: Was sagen diese Männer und von wo kommen sie zu dir? Hiskia sprach: Sie kommen von fern zu mir, nämlich von Babel. Er aber sprach: Was haben sie in deinem Haus gesehen? Hiskia sprach: Alles, was in meinem Haus ist, haben sie gesehen; und ist nichts, das ich ihnen nicht hätte gezeigt in meinen Schätzen.

    Und Jesaja sprach zu Hiskia: Höre das Wort des HERRN Zebaoth! Siehe, es kommt die Zeit, dass alles, was in deinem Haus ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, wird nach Babel gebracht werden, dass nichts bleiben wird, spricht der HERR. Dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen werden und du zeugen wirst, nehmen, und müssen Kämmerer sein im Hof des Königs zu Babel. Und Hiskia sprach zu Jesaja: Das Wort des HERRN ist gut, das du sagst. Und sprach: Es sei nur Friede und Treue, während ich lebe!

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Unter den Sünden ist Gott der HERR besonders dem Stolz und Hochmut feind. Was ist Stolz oder Hochmut? Es ist das Vertrauen auf eigene Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Geld und Gut und dergleichen. Der Hochmut ist eigentlich nichts anderes als Abgötterei; denn der Hochmütige vertraut nicht auf Gott, sondern auf sich selbst, seine Gaben, seinen Besitz und begeht somit fort und fort die Sünde gegen das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Darum heißt es: „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und mit seinem Herzen vom HERRN weicht!“ „Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“ Wiederum Ps. 101, 5: „Ich mag den nicht, der stolze Gebärden und hohen Mut hat.

    Wie greulich der Stolz und Hochmut der Menschen vor Gott ist, erkennen wir, wenn wir dem Menschen Gott gegenüberstellen: Gott ist der Schöpfer, der Mensch sein Geschöpf, vom Staub der Erde durch Gottes Hand gebildet; Gott ist allmächtig., der Mensch ein ohnmächtiges Wesen; Gott ist allwissend, der Mensch, selbst wenn er große Kenntnisse besitzt, doch so unwissend; Gott ist Weise, der sich niemals täuscht, der Mensch irrt in der Wahl der Mittel, um ein Ziel zu erreichen, zur Rechten und zur Linken. Gott ist heilig, der Mensch ein Sünder durch und durch. Und dieser ohnmächtige, unwissende, irrende, sündige Mensch rühmt sich seiner Kraft, pocht auf sein Wissen und seine Weisheit, pocht vor Gott auf seine Gerechtigkeit, auf seine irdischen Güter, die ihm Gott gegeben hat! Der Empfänger brüstet sich mit dem, was er ist und hat, dem Geber gegenüber, von dem er alles empfangen hat! Ist das nicht ein greuliches, ja ein lächerliches Ding?

    Darum hat Gott auch je und je den Hochmut gedemütigt, den Stolzen tief erniedrigt. Der Hochmut hat den Satan, der einer der vornehmsten Engel war, aus dem Himmel in die Hölle gestürzt, unsere ersten Eltern, die durch Satans Verführung gleich wie Gott sein sollten, aus dem Paradies vertrieben, zu elenden Kreaturen gemacht, ja den Fluch über die ganze Erde gebracht. Als Pharao, auf seine Macht pochend, trotzig sprach: „Wer ist der HERR, dessen Stimme ich gehorchten müsste?“ da wurde er durch die Plagen bald inne, wie töricht es sei, dem HERRN zu widerstehen, und als er dennoch in seinem Hochmut beharrte, wurde er mit all seiner Macht im Roten Meer begraben. Als Nebukadnezar die große Stadt Babel überblickte und voll Stolz ausrief: „Das ist das große Babel, das ich erbaut habe durch meine große Macht zu Ehren meiner Herrlichkeit“, da wurde er, noch ehe er ausgeredet hatte, unter die unvernünftigen Tiere des Feldes geworfen. Ja: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und stolzer Mut kommt vor dem Fall“, heißt es Spr. 16,18.

    Dies sollen auch wir wohl bedenken, meine Zuhörer; denn der Hochmut steckt allen Menschen von Natur in den Gliedern, und solange die Christen noch den alten Adam an sich haben, müssen sie gegen den Stolz und Hochmut fort und fort kämpfen, wenn sie nicht von Gott gedemütigt und erniedrigt werden sollen. „Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Das lehrt und das verlesene Textwort, aufgrund dessen wir heute blicken auf:

 

Den Hochmut des Königs Hiskia

 

    1. Erzeigte ihn dadurch, dass er sich seiner Schätze rühmt,

    2. dass er deswegen von dem Propheten gestraft wird; aber

    3. er demütigt sich darauf bußfertig vor Gott.

 

1.

    Hiskia war ein frommer, gottesfürchtiger König, ja einer der edelsten unter den Königen Judas. Er tat, wie wir 2. Kön. 18 lesen, „was dem HERRN wohlgefiel, wie sein Vater David. … Er hing dem HERRN an und wich nicht hinten von ihm ab und hielt seine Gebote“. In seinem Eifer für die Ehre des HERRN reinigte er das Land von den heidnischen Götzenaltären und Götzen, ja selbst die eherne Schlagen, die Mose in der Wüste gemacht und die man als Reliquie aufbewahrt hatte, ließ er zerstoßen, als sie von dem abergläubigen Volk verehrt wurde.

    Nun war Hiskia todkrank gewesen, und es war ihm von dem Propheten Jesaja angekündigt worden, dass er sterben werde und deswegen sein Haus bestellen solle. Als er darauf den HERRN unter Tränen inbrünstig angerufen hatte, ihn wieder genesen und noch leben zu lassen, hatte ihm Jesaja auf Befehl des HERRN verkündigt, dass er noch fünfzehn Jahre leben und schon am dritten Tag in das Haus des HERRN gehen werde. Zum Beweis dafür war ihm noch ein besonderes Zeichen gegeben worden, indem Gott den Stundenzeiger an der Uhr des Ahas um zehn Stufen hatte zurückgehen lassen.

    Diese Wunderzeichen wurden bald weithin bekannt. Auch der König zu Babel hörte davon, und das veranlasste ihn, eine Gesandtschaft mit Geschenken an Hiskia zu senden; denn so lesen wir zu Anfang unseres Textes: „Zu der Zeit sandte Merodach Bal Adan, der Sohn Bal Adans, König zu Babel, Briefe und Geschenke zu Hiskia; denn er hatte gehört, dass er krank und wieder stark geworden wäre.“ Wie 2. Chron. 32 berichtet wird, sollten sich die Gesandten auch besonders nach dem Wunder erkundigten, das Hiskia an dem Sonnenzeiger gegeben worden war. Wahrscheinlich verfolgte aber der König zu Babel mit dieser Gesandtschaft auch einen anderen Zweck, nämlich die Freundschaft mit Hiskia noch mehr zu befestigen und ihn als Bundesgenossen gegen die Assyrer zu gewinnen.

    Über diese Gesandtschaft und die ihm dadurch erwiesene Ehre freute sich Hiskia sehr; denn so lesen wir weiter: „Des freute sich Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus, Silber und Gold und Spezerei, köstliche Salben und alle seine Zeughäuser und allen Schatz, den er hatte. Nichts war, das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem Haus und in seiner Herrschaft.“ Was veranlasste Hiskia dazu, vor den Gesandten des babylonischen Königs seinen Reichtum gleichsam zu Schau zu stellen? Wir erkennen das aus der Antwort auf die Frage des Propheten: „Von wo kommen diese Männer die zur?“ die so lautete: „Sie kommen von ferne zu mir, nämlich von Babel.“ Er fühlte sich durch diese Gesandtschaft aus weiter Ferne geschmeichelt und wollte ihr zeigen, was für einen Reichtum er besitze, und dass daher seine Freundschaft oder gar ein Bündnis mit dem König zu Babel nicht ohne großen Wert für diesen sei. Kurz, es waren Eitelkeit und Hochmut, die ihn dazu veranlassten, mit seinen Schätzen vor den Gesandten zu prunken. Das ganze war für den frommen König, wie 2. Chr. 32, 31 bemerkt wird, eine Versuchung, der er, da er nicht über sich wachte, erlag.

    Aber wie viele Christen unterliegen einer ähnlichen Versuchung, werden eitel und hochmütig, wenn ihnen Gott mehr gegeben hat oder gibt als anderen. Anstatt dadurch umso demütiger zu werden, mit Jakob, der in der Fremde reich geworden war, zu sprechen: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knecht getan hast“, werden sie stolz und hochmütig und rühmen sich ihrer Güter und Schätze. In dem Reichwerden und Reichtum liegt eine große Gefahr, weshalb es heißt: „Fällt euch Reichtum zu, so hängt das Herz nicht dran!“ und Spr. 30, 8: „Reichtum gib mir nicht; ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der HERR?“ Wie vielen wird die Wohlhabenheit oder der Reichtum zu einem Strick! Wie viele werden, je wohlhabender, desto geiziger, so dass sie für das Reich Gottes und für den Nächsten nichts mehr übrighaben. Solange sie in dürftigen oder geringeren Verhältnissen sind, halten sie sich zum Wort Gottes, aber wenn sie reich werden, kehren sie der Kirche den Rücken und meinen, ohne Gott und sein Wort fertig werden zu können. Oft wird auch ihr Verhalten gegen ihre Mitmenschen ein anderes. Sie treten selbstbewusst auf, lassen es sie fühlen, dass sie mehr haben, gemachte Leute und unabhängig sind, klingen mit ihrem Gold und Silber in den Taschen. Sie haben ihren Gott nur in der Tasche und stellen ihn auch vor den Augen der Mitmenschen zur Schau. Aber nicht bei diesen allein gibt sich der Hochmut zu erkennen. Wie viele sind stolz auf andere vergängliche Dinge! Dieser brüstet sich mit seinen Geistesgaben, seinem Verstand, seinem Wissen, jener stolziert mit einem neuen Kleid oder einem modernen Hut wie ein gespreizter Pfau einher, wieder ein anderer mit seinem hübschen Gesicht und dergleichen Dingen mehr; und sie alle wissen nicht, was für Narren sie sind. Durch das alles geben sie nur ihre Eitelkeit, ihren Hochmut zu erkennen und bedenken nicht, wie schwer sie sündigen und welche Strafe ihnen bevorsteht.

 

2.

    Es heißt in unserem Text weiter: „Da kam der Prophet Jesaja zum König Hiskia und sprach zu ihm: ‚Was sagen diese Männer, und von wo kommen sie zu dir?‘ Hiskia sprach: ‚Sie kommen von fern zu mir, nämlich von Babel.‘ Er aber sprach: ‚Was haben sie in deinem Haus gesehen?‘ Hiskia sprach: ‚Alles, was in meinem Haus ist, haben sie gesehen; und ist nichts, das ich ihnen nicht gezeigt in meinen Schätzen.‘ Da sprach Jesaja zu Hiskia: ‚Höre das Wort des HERRN Zebaoth: Siehe, es kommt die Zeit, dass alles, was in deinem haus ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, wird nach Babel gebracht werden, dass nichts bleiben wird, spricht der HERR. Dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen, nehmen und müssen Kämmerer sein am Hof des Königs zu Babel.‘“

    Hiskia sagte ganz offen heraus, dass er den Gesandten alle seine Schätze gezeigt hatte, und man merkt es seinen Worten an, dass er sich der Sünde, die er dadurch begangen hatte, kaum bewusst war. Wahrscheinlich täuschte er sich über sich selbst und war ihm die Größe seiner Sünde noch nicht zum Bewusstsein gekommen. Aber das machte seine Sünde nicht geringer und bewahrte ihn nicht vor der Strafe, die ihm Jesaja auf Befehl Gottes sogleich verkündigte. Diese Strafe entsprach durchaus der Sünde. Hatte er in seiner Eitelkeit den babylonischen Gesandten alle seine Schätze gezeigt und damit vor ihnen geprunkt, so sollen zur Strafe alle die Schätze von den Babyloniern genommen und weggeführt werden. Hatte er sich die Freundschaft des heidnischen Königs als eine besondere Ehre angerechnet, so sollen seine Nachkommen so gedemütigt, erniedrigt werden, dass sie am Hof des Königs zu Babel Kammerdienste leisten sollen. Die Strafe für seinen Hochmut sollte also tiefe Erniedrigung sein. Und wahrlich, hatte Hiskia, der König Israels, des auserwählten Volkes, irgendwelche Ursache, auf die Freundschaft des heidnischen Königs stolz zu sein? Hatte er irgendwelche Ursache, sich seiner Schätze zu rühmen, damit zu prahlen? Erst vor vier Jahren hatte er seine Schätze hergegeben, um den König von Assyrien zum Abzug zu bewegen, war nur durch die wunderbare Hilfe des HERRN vor der Eroberung Jerusalems und Gefangenschaft bewahrt worden und vor kurzen von einer tödlichen Krankheit genesen. Hätte ihm das nicht genug sein sollen, allein auf die Hilfe und den Schutz seines Gottes zu vertrauen, sich nicht auf die Freundschaft eines heidnischen Königs zu verlassen? So erniedrigte Hiskia durch sein Handeln nicht nur sich selbst, sondern beleidigte auch seinen gnädigen Gott, der ihm seine Allmacht so deutlich kundgetan hatte.

    Wie Jesaja Hiskia gedroht hatte, so geschah es, als Nebukadnezar, der König zu Babel, Jerusalem, als Jojakim zu Jerusalem war, eroberte; denn dieser nahm nicht nur alle Schätze aus dem Haus des Königs, sondern auch die kostbaren Geräte des Tempels, die Salomo hatte machen lassen, brachte er nach Babel. (2. Kön. 24, 13.) Den König Jojakim und eine Anzahl junger Männer vom königlichen Stamm und aus den vornehmsten Geschlechtern nahm er mit sich nach Babel in die Gefangenschaft, um an seinem Hof zu dienen, unter denen Daniel, Misael und Hananja besonders genannt werden (Dan. 1, 1-7). So gar entsprach diese Strafe der Sünde des Hiskia. Er fühlte sich durch die Gesandtschaft aus einem fernen Land besonders geehrt, und in demselben fernen Land mussten junge Männer aus seinem Stamm als Hofbeamte dienen.

    In derselben Weise straft Gott heute noch, straft die Menschen an dem, woran und womit sie sündigen, und – beachten wir wohl! – straft die Sünden besonders an denen, die seine Kinder sind. An diesen kann er die Sünden, besonders die Sünden der Eitelkeit und des Hochmuts, am wenigsten dulden. Das Strafgericht beginnt zuerst am Haus Gottes. Das sehen wir an dem frommen Hiskia, das sehen wir an dem gottesfürchtigen Hiob; als dieser die Wurzel der Selbstgerechtigkeit in seinem Herzen aufwachsen ließ, wurde er so von Gott heimgesucht, dass er im Sack und in der Asche sitzen musste, bis er sich vor Gott demütigte. Als David in fleischlichem Stolz das Volk zählen ließ, wurde er bald inne, dass er sich auf sein Fleisch verlassen hatte. Vertraue darum, mein Zuhörer, nicht auf deine irdischen Schätze; Gott kann sie dir bald nehmen, sie wie Spreu im Wind zerstieben lassen. Er kann auch zu dir sagen wie zu jenem reichen Mann: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und wes wird’s sein, das du bereitet hast?“ Verlass dich nicht auf deine Kraft, deine Gesundheit; der Kraftvolle kann sich, im Augenblick gebrochen, wie ein zertretener Wurm im Staub winden, der Gesunde wie eine geknickter Blume verwelken. Wir Menschen sind zerbrechliche Gefäße, ein Gebilde von Staub und Asche, die, wenn sie die Höhe ihres Alters erreicht haben, täglich abnehmen, immer gebrechlicher werden, bis sie verwelken und in den Staub dahinsinken. Haben wir uns daher der Sünde der Eitelkeit und der Hoffart schuldig gemacht, so lasst uns dafür von Herzen Buße tun, damit die Strafe nicht in aller Strenge treffe. Das führt uns zum dritten Teil.

 

3.

    Unser Text schließt mit den Worten: „Und Hiskia sprach zu Jesaja: ‚Das Wort des HERRN ist gut, das du sagst.‘ Und sprach: ‚Es sei nur Friede und Treue, solange ich lebe.‘“ Zur Erkenntnis seiner Sünde gekommen, sucht er nicht, sie zu bemänteln oder zu entschuldigen, sondern gesteht sie rückhaltlos zu und erkennt auch die ihm angekündigte Strafe als gerecht an; denn dies sagen die Worte: „Das Wort des HERRN“, nämlich das mir die Strafe verkündigt, „ist gut.“ Aber er fügt hinzu: „Wenn nur Friede und Treue ist, während ich lebe“, das heißt, wenn mir Gott nur, während ich lebe, Frieden beschert und seine Treue nicht entzieht. So demütigte sich Hiskia in aufrichtiger Buße vor dem HERRN. Er erkannte seine Sünde, nahm die ihm angekündigte Strafe als eine gerechte hin und bat nur um Milderung aufgrund der göttlichen Barmherzigkeit.

Möchte ein jeder von uns hierin, meine Zuhörer, Hiskia gleich sein, wie er im Sündigen ihm gleich ist. Eitelkeit und Hochmut waren die Sünde Hiskias; Eitelkeit und Hochmut sind die Sünden eines jeden Christen, solange er auf Erden wandelt. Wer sich einbildet, von dieser Sünde ganz frei z sein, der kennt sich nicht, und wenn er auf nichts anderes stolz ist, so ist er stolz auf seine vermeintliche Demut; und das ist der schlimmste Hochmut, den es gibt. Dann geht der Pharisäer im Zöllnergewand einher. Wer lässt sich, wenn er gesündigt hat, gern strafen? Bei wem erhebt sich da nicht, wenigstens im Herzen, Widerspruch? Wer sucht sich nicht in der einen oder anderen Weise zu entschuldigen? Wie viele murren nicht, wenn Gott sie um ihre Sünde willen straft! Was ist das aber anderes als eine Ausgeburt, ein Zeichen des Hochmuts? Werfen wir einen Blick auf unser Leben, werden wir nicht alle bekennen müssen, dass wir uns vor Gott der Sünde des Hochmuts schuldig gemacht und seine Strafe wohl verdient haben? So lasst uns denn wie Hiskia diese Sünde bußfertig erkennen, damit wir in wahrer, herzlicher Demut wandeln. Denn nur in dem Demütigen hat Gott sein Werk. „Er widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Sie allein begehren Gnade um Christi, ihres Heilandes, willen, ihnen allein wird sie zuteil, sie allein werden aber auch von Gott erhöht, denn: „Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Lasst uns alles, was wir sind, unsere Güter und Gaben, die wir haben und die er uns darreicht, nicht uns selbst und unserer Würdigkeit, sondern allein der Gnade Gottes zuschreiben, die er uns um Christi, unseres Heilandes, willen schenkt, und Christus in der Demut nachjagen. Das verleihe er uns um Jesu willen! Amen.

 

Predigt zum Sonntag Reminiscere (Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit, Ps. 25, 5) ueber Matthaeus 22, 1-14: Das Bild eines Scheinchristen

(entnommen aus: Carl Ferdinand Wilhelm Walther: Lutherische Brosamen. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House. 1897. S. 195 ff.)

 

Gnade sei mit euch, und Friede von Gott, unserem Vater, und dem HERRN Jesus Christus. Amen.

 

                        In demselben, unserem teuren Heiland, herzlich geliebte Zuhörer!

         „Meidet allen bösen Schein“, spricht St. Paulus im fünften Kapitel seines ersten Brieses an die Thessalonicher. Diese Worte legen einem jeden Christen eine große wichtige Pflicht auf. Nach denselben soll er nicht nur das Böse meiden, sondern auch den Schein des Bösen. Es ist sonach nicht genug, dass ein Christ bei seinen Handlungen sich selbst nichts Böses bewusst sei; er ist schuldig, auch darauf zu sehen, dass durch seine Handlungen auch andere nicht veranlasst werden, etwas Böses von ihm zu denken. Es ist nicht genug, dass ein Christ vor Gottes Augen recht wandele und sagen könne: Gott, der in das Herz sieht, weiß, dass ich es nicht böse meine; ein Christ soll auch vor den Augen der Menschen untadelhaft wandeln: Auch derjenige sündigt daher wider Gott, welcher etwas tut, was Gott zwar nicht ausdrücklich verboten hat, wodurch er aber seinem Nächsten zum Anstoß und Ärgernis wird. Nach diesem Gesetz der Liebe handelte selbst Christus, der doch über allen Verdacht der Menschen unendlich erhaben war. Einstmals bewies er zwar erst, dass er und seine Jünger nicht schuldig seien den Zinsgroschen zu geben, aber -- setzt er gegen Petrus hinzu: „Auf dass wir sie nicht ärgern, -- so nimm denselben, und gib ihn für mich und dich.“ So folgte denn hierin auch ein Paulus seinem HERRN und Meister, und spricht zu denen, die die heidnischen Opfermahlzeiten besucht hatten: „Ich habe es zwar alles Macht, aber es frommet nicht alles. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen, noch der Gemeine Gottes. Darum, so die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht ärgerte. So aber dein Bruder über deiner Speise betrübet wird, so wandelst du schon nicht nach der Liebe.“

            O wie viele mag es hiernach geben, die nicht nach der Liebe wandeln! Wie viele fragen nur nach ihrer Freiheit, aber nicht darnach, ob sie nicht vielleicht durch den Gebrauch derselben ihrem Nächsten zum Anstoß und Ärgernis werden! Lasst uns daher alle des Apostels Ermahnung wohl merken: „Meidet allen bösen Schein.“

            So teuer aber, meine Lieben, diese Pflicht ist, so ist jedoch hingegen auch das eine wichtige Christenpflicht, den bösen Schein, den ein anderer gibt, nicht sogleich bös auszulegen, sondern ihn zu entschuldigen, Gutes von ihm zu reden und alles zum Besten zu kehren, und nicht eher den Stab zu brechen, als bis man alles wohl erkundet hat und dazu gezwungen und gedrungen ist. Es geschieht nämlich nicht selten, dass auch auf den besten Christen ein böser Schein fällt, entweder ohne alle seine Schuld, oder weil auch ein guter Christ zu Zeiten aus Schwachheit unvorsichtig wandelt. Darum ruft uns Christus in jenem Evangelium zu: "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Was siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr?" Dieses Wort wiederholt daher auch St. Paulus und spricht: "Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn.  So wird nun ein jeglicher für sich selbst Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten."

            O wie viele Kränkungen, wie viele Seufzer, wie viele Unruhe, wie vielen Zank und Streit würde man sich ersparen, wie viele Sünden der Lieblosigkeit, des Afterredens und der Verleumdung würden in einer  Gemeinde weniger und wie viel erbaulicher, lieblicher und lockender würde die christliche Gemeinschaft überhaupt sein, wenn jeder immer an jene Worte Christi und Pauli und an den Ausspruch des Propheten Sacharja dächte: „Denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen!“ Sagt selbst: tut es uns nicht auch wohl, wenn wir einen bösen Schein gegeben haben, und wir hören, dass andere es auf das mildeste auslegen und uns gegen Splitterrichter entschuldigen und verteidigen? Gewiss! Wohlan, was wir wollen, dass uns die Leute tun sollen, das lasst uns ihnen auch tun. Doch, meine Lieben, wie es Christen gibt, die einen bösen Schein geben und doch wahre Christen sind, so gibt es hingegen noch mehr Christen, die zwar einen guten Schein haben, und doch Nichtchristen sind; und das sind die Scheinchristen, von welchen St. Paulus schreibt: „Die da haben den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie.“ Von solchen Scheinchristen ist in unserem heutigen Evangelium, die Rede; lasst mich jetzt zu unser aller Prüfung und Warnung das Bild derselben aus Gottes Wort entwerfen.

 

Matthäus 22, 1-14: Und Jesus antwortete und redete abermals durch Gleichnisse zu ihnen und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem König, der seinem Sohn Hochzeit machte. Und sandte seine Knechte aus, dass sie die Gäste zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen hin, einer auf seinen Acker, der andere zu seiner Hantierung. Etliche aber griffen seine Knechte, höhnten und töteten sie. Da das der König hörte, wurde er zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Da sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren es nicht wert. Darum geht hin auf die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet. Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute. Und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereinkommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappen; denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

 

            In dem verlesenen Text vergleicht Christus sein Gnadenreich auf Erden mit einem Hochzeitsmahle und das Evangelium von seiner Gnade mit der Einladung dazu. Das Ganze zerfällt in zwei Theile. In dem ersten Theile zeigt Christus mit seinem Gleichnis, wie die meisten Juden das Evangelium, das ihnen schon durch die Propheten verkündigt worden sei, verachtet haben und wie sie, nachdem er, der Sohn Gottes selbst, gekommen sei, ihn endlich gar töten werden. Im zweiten Theile zeigt nun Christus, wie Gott, nach Bestrafung der Juden, die Heiden in sein Gnadenreich berufen lassen werde und wie zwar eine große Menge Heiden der Einladung des Evangeliums folgen und sich äußerlich zum Christentum bekehren, aber unter den Guten auch viele Böse sich einfinden würden. Die Bösen vergleicht er nämlich mit einem Gast, der zwar bei der Hochzeit erscheine, aber ohne ein hochzeitliches Kleid. Hiermit stellt Christus niemand anderen dar, als die Scheinchristen. Lasst mich daher heute bei dem uns zunächst angehenden zweiten Theile des Evangeliums stehen bleiben und euch jetzt vorstellen:

 

Den Scheinchristen

 

1. will ich euch zu eurer Prüfung das Bild eines Scheinchristen in diesem Leben entwerfen, und

2. euch zu eurer Warnung auch sein Schicksal in jener Welt vor Augen stellen.

 

            Gott, wir wissen, dass Du das Herz prüfst, und Aufrichtigkeit ist Dir angenehm, darum bitten wir Dich, behüte uns, dass unser keiner mit bloßem Scheine des Glaubens und Christentums sich betrüge. Gib uns selbst zu erkennen, wie wir sind und wie wir mit Dir stehen, damit Du uns nicht einst, wenn wir vor Deinem Angesichte erscheinen, als unnütze Knechte von Dir weisen müssest, sondern dass wir Dir hier von ganzem Herzen dienen und einst von Dir als die Deinigen erkannt und selig werden. Erhöre uns, Du treuer Gott, um Jesu Christi, Deines lieben Sohnes, willen. Amen.

 

I.

            Soll ich euch, meine Lieben, das Bild eines Scheinchristen entwerfen, so muss ich euch zweierlei zeigen, erstlich den christlichen Schein, den ein solcher Mensch hat, und zweitens, was ihm, um ein Christ zu sein, fehle, also mit einem Worte erstens sein Äußeres und zweitens sein Inneres.

            Was nun das Erste betrifft, so beschreibt Christus den Scheinchristen in dem in unserm Evangelium enthaltenen Gleichnisse als einen solchen, welcher die Einladung zur Hochzeit angenommen und ihr Folge geleistet hat, der in den Hochzeitssaal eingegangen ist, sich unter die festlich geschmückten Gäste gemischt und sich mit an die Tafel gesetzt hat, der nun mitisst und -trinkt, und sich gänzlich wie die anderen Hochzeitsgäste gebärdet. Hiermit gibt uns Christus selbst in wenig Worten das vollständige Bild eines Scheinchristen nach seiner äußeren Gestalt.

         Hieraus sehen wir: ein Scheinchrist ist also nicht derjenige, der in offenbarem Unglauben oder in offenbaren Sünden lebt. Nein, wer nicht einmal an das Wort Christi und seiner heiligen Propheten und Apostel und überhaupt nicht an das heilige Bibelbuch glaubt, dasselbe nicht für Gottes Wort und Christum nicht für Gottes Sohn hält; daher die Gnadenmittel verachtet, nicht zur Kirche und zur Feier des heiligen Abendmahls kommt, sich des Betens schämet, Christum vor der Welt verleugnet, sich von den Christen absondert und sich zu den Spöttern hält; oder wer in Fluchen und Schwören, oder in ungebändigtem Zorn, in Unversöhnlichkeit, Feindschaft und Rachsucht, oder in unzüchtigen Worten und Gebärden und in Trunkenheit und Völlerei, oder in Betrug, Wucher und offenbarem Geiz, oder in Lügen und Verleumdung anderer und in Prahlerei und Selbstlob, und dergleichen, lebt und alle Lust und Eitelkeit der Welt offenbar mitmacht: ein solcher gehört nicht zu den Scheinchristen, sondern zu den Nichtchristen, nicht zu den Heuchlern, sondern zu den Gottlosen, nicht zu den falschen Brüdern, sondern zu den offenbar Abgefallenen, nicht zu dem leicht täuschenden Unkraut unter dem Weizen auf dem Acker Gottes, sondern zu den Dornen und Disteln.

            Der Scheinchrist hat vielmehr, wie uns Christus im Evangelium, sagt, die Einladung zur himmlischen Hochzeit auch angenommen und ihr Folge geleistet; er ist also auch ein getaufter Christ und rühmt sich seiner Taufe, er hört auf das Wort Gottes, und bekennet, dass er daran glaube, und dass er Christum für den Sohn Gottes halte, der gekommen sei, ein Himmelreich auf Erden zu stiften. Der Scheinchrist ist, wie Christus ferner sagt, auch in den Hochzeitssaal eingegangen; das heißt, er hat sich auch zu der rechten Kirche gewendet, hält es mit ihr, bekennt sich zu ihr, nimmt die reine Lehre an, hat vielleicht eine sehr gute Erkenntnis von derselben und verteidigt sie wohl auch mit großem Ernst und Eifer. Der Scheinchrist hat sich ferner, wie Christus sagt, unter die festlich geschmückten Gäste gemischt; das heißt, er hält sich nicht mehr zur Welt, sondern hält Freundschaft und Gemeinschaft mit wahren gläubigen Christen, unterredet sich mit ihnen gern über geistliche Gegenstände, besucht sie und ladet sie zu sich ein. Der Scheinchrist hat sich ferner, wie Christus sagt, mit an die Tafel gesetzt und isst und trinkt mit; das heißt, er gebraucht die Gnadenmittel, wie die wahren Christen, genießt fleißig das Brod des Lebens, hört nämlich fleißig Gottes Wort, und erscheint oft am Tische des HERRN, treibt auch wohl Gottes Wort mit den Seinigen und liest eifrig in der Schrift und anderen gottseligen Büchern. Der Scheinchrist gebärdet sich endlich, wie Christus sagt, wie die andern Hochzeitsgäste; das heißt, er lebt äußerlich, wie fromme Christen zu leben pflegen; man kann ihm keine offenbaren Sünden vorwerfen; er lebt ehrbar; seine Reden sind christlich und verraten keine Hoffart; seine Gebärden sind anständig und zeigen Bescheidenheit; seine Werke sind löblich; er eifert gegen das Unrecht; er ist freigebig, dienstfertig und nimmt sich des allgemeinen Besten, wie es Christen geziemt, an; er gibt jedem das Seine und ist kein loser Schuldner; er ist mäßig; er ist fleißig in seiner Arbeit; er zeigt  sich versöhnlich gegen seine Beleidiger und lässt sich, wo er eines Fehlers überwiesen wird, strafen. Worin besteht also die äußerliche Gestalt eines Scheinchristen? Es ist mit kurzen Worten die Gestalt eines rechtschaffenen frommen Christen.

            Aber wie? sollte es möglich sein, so christlich zu leben, und doch nur ein Scheinchrist zu sein? – Ist‘s nicht schrecklich, dass ein Mensch trotz eines solchen rühmlichen Wandels verloren gehen soll? Denn werden selbst viele, die so christlich leben, nicht selig, welche Hoffnung können sich dann die machen, die es noch nicht einmal so weit gebracht haben? Wer kann dann noch selig werden? -- So schrecklich diese Wahrheit ist, so ist sie doch eben Wahrheit, denn Christus setzt deutlich hinzu: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“        

            Was ist es nun, was allen Scheinchristen fehlt, dass sie bei allem ihrem christlichen, ehrbaren Leben, ihren guten Werken, ihren gottseligen Übungen und ihrem tätigen Eifer doch keine wahren Christen sind? - Christus sagt, es fehle ihnen das „hochzeitliche Kleid“. Was mag Christus hiermit meinen? Um Christi Meinung gewiss zu treffen, müssen wir die Heilige Schrift selbst zu Rate ziehen und dürfen nicht nach unseren eigenen Gedanken gehen. Die Heilige Schrift redet aber auch an anderen Stellen nicht selten von gewissen Kleidern, deren ein Mensch bedarf, wenn er selig werden soll. Unter anderen lässt Christus dem Bischof zu Laodicäa sagen: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das mit Feuer durchläutert ist, dass du reich werdest; und weiße Kleider, dass du dich antust, und nicht offenbarwerde die Schande deiner Blöße.“ Dahin geht, was von der Kirche Christi geschrieben steht im 19. Kapitel der Offenbarung an St. Johannes, woselbst es heißt: „Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit reiner schöner Seide“; zur Erklärung aber wird hinzugesetzt: „Die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.“ Daher spricht auch Jesaja: „Der HERR hat mich angezogen mit Kleidern des Heils, und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet.“ Am allerdeutlichsten aber wird die Meinung Christi durch den Ausspruch des St. Paulus im Briefe an die Galater: „Wie viel euer getauft sind, die haben Christum angezogen“, oder, wie er an die Römer schreibt: „Zieht an den HERRN Jesus Christus."

         Hieraus ist klar: Wenn Christus den Scheinchristen als einen Hochzeitsgast ohne ein hochzeitliches Kleid darstellt, so will er sagen: Ein Scheinchrist ist ein Mensch, der bei allem seinem herrlichen äußerlichen christlichen Schein doch den wahren Glauben, durch welchen die wahren Christen Christum und seine Gerechtigkeit wie ein Kleid anziehen, noch nicht in seinem Herzen trägt. Der Scheinchrist glänzt wohl äußerlich vor Menschen durch sein scheinbar christliches Leben, aber vor Gottes allsehenden Augen hat sein Leben eine Gestalt, die ihm nicht gefallen kann, „denn“, sagt die Schrift, „ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Der Scheinchrist ist wohl reich an sogenannten guten Werken, aber weil dieselben nicht aus der guten Quelle eines durch den wahren Glauben gereinigten Herzens fließen, so sind sie vor Gott nichts Besseres, als Sünden, „denn“, sagt die Schrift, „was nicht aus dem Glauben geht, ist Sünde“. Der Scheinchrist redet wohl schön von Christus, aber Christus ist nur auf seiner Zunge, nicht im Herzen. Der Scheinchrist trägt wohl den Namen eines Christen, aber er ist nicht, was der Name sagt, denn ein Christ heißt auf Deutsch ein Gesalbter, nämlich mit dem Heiligen Geist, und dieser wohnt nicht in seiner Seele. Der Scheinchrist ist wohl durch sein rechtgläubiges Mundbekenntnis eine Rebe am Weinstock Christo, aber eine dürre Rebe. Der Scheinchrist bringt auch wohl schön aussehende Früchte eines ehrbaren Wandels, aber die Früchte sind innerlich faul, denn er selbst ist noch ein wilder fauler Baum, der noch nicht auf den Baum des Lebens, aus Christus gepflanzt ist. Der Scheinchrist hat wohl auch eine Decke über seinen Sünden, aber es sind das die Feigenblätter seiner Einbildung, aber nicht das Kleid, welches gesponnen ist von der Wolle des Lammes Gottes, das der Welt Sünden trägt. Der Scheinchrist ist ein Grab, das äußerlich lieblich aussieht, aber im Innern ist noch der Moder des geistlichen Todes; er ist dem Bilde eines Christen gleich, das zwar große Ähnlichkeit, aber kein Wesen noch Leben hat. Der Scheinchrist ist daher wohl in der Kirche, aber nicht von der Kirche, das heißt, er gehört nicht zur Kirche, er ist kein lebendiger Stein dieses geistlichen Baues, kein lebendiges Glied dieses geistlichen Leibes.

            Ein solcher Scheinchrist war Judas. Er tat alles, was die anderen Jünger taten, aber in seinem Herzen war kein Glaube; darin herrschte der Geiz. Ein solcher Scheinchrist war auch Simon, der vormalige Zauberer; er bekannte den Glauben an Christum wohl mit dem Mund, und ließ sich taufen; aber in seinem Herzen herrschte der Stolz und die Hoffart. Ein solcher Scheinchrist war endlich auch der Bischof von Sardes; er zeigte sich lebendig in vielen christlichen Werken; aber er hatte, wie Christus sagt, mit vielen Gliedern seiner Gemeinde „seine Kleider besudelt“, d. h. er hatte durch Sünden wider das Gewissen den lebendigen Glauben aus dem Herzen verloren und somit das weiße Kleid der Gerechtigkeit und Unschuld Christi eingebüßt; daher lässt ihm Christus sagen: „Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.“

            Wie viele auch unter uns Scheinchristen sind, die zwar die äußerliche Gestalt der Christen haben, aber ohne den lebendigen Glauben, ohne den Geist, ohne das innere Leben der Christen sind, das ist Gott allein bekannt; denn die offenbar Gottlosen können wir Menschen wohl von den Frommen (Seite 202) unterscheiden, aber nicht die Scheinchristen von den wahren Christen. Sie sind das Unkraut auf dem Acker der Kirche, das wir nicht ausjäten, sondern wachsen lassen sollen bis auf den Tag der Ernte. Sie sind die Hochzeitsgäste, welche mit den Christen hier zu Tische sitzen, bis endlich der König, der die Hochzeit bereitet hat, selbst kommen wird. Was dann geschehen wird, das lasst mich euch nun zweitens zeigen, lasst mich euch nämlich nun zu eurer Warnung auch das Schicksal des Scheinchristen in jener Welt vor Augen stellen.

 

II.

            Wir folgen hierbei den Worten Christi in unserem Evangelium. Darin heißt es aber weiter also: „Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen.“ Hiernach gibt es also einen Tag, an welchem Gott, der das Hochzeitsfest seiner Gnade auf Erden gestiftet hat, eine Besichtigung aller Gäste vornehmen wird. Es wird also nicht immer so bleiben, wie es jetzt ist. Jetzt hält Gott noch keine Musterung, er lässt es geschehen, dass in seiner Kirche Tausende sich unter die Christen mischen, die für Christen gehalten werden, und die es doch nicht sind; Gott offenbaret den Scheinchristen noch nicht; er lässt ihm dieselbe Ehre wie dem wahren, er lässt ihm dieselbe Taufe erteilen, dasselbe Wort der Gnade predigen, dieselbe Absolution sprechen und denselben Leib und dasselbe Blut seines Sohnes im heiligen Abendmahl reichen. Er macht keinen Unterschied, sondern lässt Christen und Scheinchristen dahingehen, wie Weizen und Unkraut mit einander auf Einem Felde wachsen, von Einer Sonne beschienen, von Einem Regen und Tau gefeuchtet und von Einem Zaun geschützt. Es scheint daher, als wisse es Gott selbst nicht, oder als acht er es doch nicht, dass manche darunter sind, die wohl andere Werke haben, als die offenbar Ungläubigen, aber kein anderes Herz; es scheint daher, als würden einst alle, die sich christlich verhalten und hier zusammen leben, auch einst dort zusammen zu Tische sitzen an der Hochzeitstafel des ewigen Lebens. Aber so scheints nur. Es kommt ein Tag, da wird der König des Himmels alle, die sich bei ihm als „Gäste“ eingefunden haben, „besehen“. Wie? sollte ihm, der Augen hat, wie Feuerflammen, dann etwas entgehen?               

            Lasst uns weiter hören. Christus spricht nämlich ferner: „Und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an.“ Hier hören wir es. Dem Auge Gottes wird dann nichts entgehen. Was kein Mensch auf Erden sehen konnte, das wird Gott augenblicklich entdecken. Das christliche Leben, was ein Scheinchrist geführt hat, wird dann wie ein   schmutziges, zerrissenes Kleid erscheinen, das seine nackte sündhafte Seele nicht bedecken kann. Was dann auch die Scheinchristen vornehmen mögen, in der ganzen jenseitigen Welt wird es keinen Winkel geben, in welchem sie sich vor Gottes Auge verstecken, keinen Berg und keinen Hügel, mit welchem sie sich bedecken könnten. Vor Gott und allen Engeln und Auserwählten werden sie dann dastehen in der ganzen Schande ihrer Blöße.

            Was wird nun der Himmelskönig tun? Christus antwortet uns hierauf: „Und (er) sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen, und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?“ Ihr sehet, Gott wird einst die Scheinchristen auffordern, sich zu verantworten, warum sie trotz so vieler Predigten, die sie gehört, trotz so vieler Ermahnungen, Warnungen und Bestrafungen, die sie erhalten, trotz so vieler Züge und Erweckungen des Heiligen Geistes, die sie erfahren, und trotz der christlichen Gemeinschaft, in welcher sie gelebt haben, sich doch nie rechtschaffen und von Herzen bekehrt haben, doch zu keinem lebendigen Glauben und doch zu keinem neuen Herzen gekommen sind. Was werden aber dann die Scheinchristen antworten? -- Christus sagt es uns -- er spricht: -- „Er aber verstummte.“ -- Sie werden also keine Entschuldigung wissen. Ihr eignes Herz wird sie überzeugen, ihr eignes Gewissen sie verdammen, und sie werden fürchten, dass alle ihre rechtschaffenen Mitchristen, die dieselben Mittel, ja vielleicht weniger als sie, gehabt haben, wenn sie sich entschuldigen wollten, als Zeugen gegen sie auftreten würden. Sie werden daher bald vor Scham erröten, bald vor Schrecken erbleichen -- zittern -- beben und – „verstummen“.

            Wird es aber Gott etwa mit dieser verdienten Beschämung sein Bewenden haben lassen? Ach nein! Christus fährt vielmehr also fort: „Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werfet ihn in die äußerste Finsternis hinaus, da wird sein Heulen und Zähnklappen; denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ O furchtbares Urteil! dann werden dem Scheinchristen Hände und Füße gebunden; die Gnadenzeit, wo er noch Gutes tden Weg zum Himmel noch gehen kann, wird ihm also abgeschnitten. Er muss hinaus aus dem Himmel, wo Gott und das Lamm als die Sonne leuchtet; er muss hinaus in die ewige „Finsternis“, wo kein Licht des Trostes ihm wieder aufgeht, wo kein Lob Gottes mehr von seinen heuchlerischen Lippen gehört wird, sondern „Heulen und Zähnklappen“, das heißt, unerträgliche glühende Hitze und zugleich unerträgliche schaurige Kälte wird ihn peinigen. Kein wahrer Christ, der ihn hier seinen Bruder nannte, wird dann um ihn sein; seine Gemeinschaft sind die Verdammten und die Geister der Hölle; -- und das alles ohne Ende; kein Stern der Hoffnung einer einstigen Erlösung erleuchtet der Scheinchristen dunkle Nacht; sie wissen es, sie müssen ihre Qual tragen -- nicht hundert, nicht tausend Jahre -- nein! -- von Ewigkeit zu Ewigkeit. -

            Was soll ich nun, nachdem ich mit euch jetzt vor Gottes Thron gestanden bin, seinem strengen Urteilsspruch mit euch zugehört und der Vollstreckung desselben mit euch zugeschaut habe, was soll ich nun zum Schlusse sagen? -- Ich rufe euch allen zu: Ach, meine lieben teuren Brüder und Schwestern, lasset uns hierbei um Gottes willen nicht an unseren Nachbar, nicht an den und jenen denken, den unser arges Herz vielleicht für einen Scheinchristen hält, sondern lasset uns alle an uns selbst denken. Lasset uns bedenken: mit Gott und unserer Seligkeit ist nicht zu scherzen! Lasset uns diese Warnung seines Wortes nicht in den Wind schlagen. Lasset uns selbst uns prüfen, ehe der HERR kommt, uns zu besehen. Lasset uns nicht zufrieden sein mit einem bloßen Scheinchristentum, sondern uns dem HERRN darstellen, wie wir sind; lasset uns hier täglich als arme Sünder ihm zu den Füßen fallen, mit Ernst nach der Seligkeit trachten, von Herzen an Christum glauben, von Herzen Christo folgen, von Herzen ihm dienen; so wird er uns auch einst für die Seinigen erkennen, ja, wenn wir einst in die Ewigkeit eingehen, so wird man fragen: „Wer sind diese mit weißen Kleidern angetan? Und woher sind sie gekommen?“ Und der HERR selbst wird antworten: "Diese sind es, die gekommen sind aus großer Trübsal, und haben ihre Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht in dem Blut des Lammes.“ Amen. Amen.

 

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Oculi (Meine Augen sehen stets auf den HERRN. Ps. 25, 15) ueber Sacharja 3, 1-7: Der Hohepriester Sacharja vor dem Richterstuhl des HERRN

 

Sacharja 3, 1-7: Und mir wurde gezeigt der Hohepriester Josua, stehend vor dem Engel des HEERRN; und der Satan stand zu seiner Rechten, dass er ihm widerstünde. Und der HERR sprach zu dem Satan: Der HERR schelte dich, du Satan; ja, der HERR schelte dich, der Jerusalem erwählt hat! Ist dieser nicht ein Brand, der aus dem Feuer errettet ist? Und Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel, welcher antwortete und sprach zu denen, die vor ihm stunden: Tut die unreinen Kleider von ihm! Und er sprach zu ihm: Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen. Und er sprach: Setzt einen reinen Hut auf sein Haupt! Und sie setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an, und der Engel des HERRN stand da. Und der Engel des HERRN bezeugte Josua und sprach: So spricht der HERR Zebaoth: Wirst du in meinen Wegen wandeln und meiner Hut warten, so sollst du regieren mein Haus und meine Höfe bewahren; und ich will dir geben von diesen, die hier stehen, dass sie dich geleiten sollen.

 

    Geliebte in dem HERRN Christus!

    In der ganzen Heiligen Schrift wird uns die Rechtfertigung oder Vergebung der Sünden unter dem Bild einer Gerichtshandlung dargestellt, so schon in den Worten 1. Mose 15, 6: „Aram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ Der HERR hatte Abraham in seiner schweren Anfechtung die Verheißung gegeben, dass seine Nachkommenschaft so zahlreich sein werden wie die Sterne am Himmel. Das war für ihn, der schon im hohen Alter stand und noch keinen leiblichen Sohn hatte, eine unbegreifliche Verheißung. Dennoch glaubte sie Abraham, und das rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit, erklärte ihn deswegen für einen Gerechten.

    In demselben Sinn spricht David im 143. Psalm: „Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht. Denn der Feind verfolgt meine Seele.“ David erblickt sich nach diesen Worten als einen Ungerechten, einen Sünder, den Feind, den Satan, als seinen Ankläger, Gott als seinen Richter, der das Urteil über ihn zu sprechen hat, und fleht daher zu ihm, dass er nicht mit ihm ins Gericht gehen, nämlich kein verdammendes Urteil über ihn fällen möge.

    Noch vollständiger aber erscheint die Rechtfertigung als eine gerichtliche Handlung in den bekannten Worten Röm. 8: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ Da haben wir alle Personen, die in einer Gerichtsverhandlung erscheinen: die Auserwählten als die Angeklagten, den, der sie beschuldigt oder verklagt, nach Offb. 12, 10 Satan, „der sie verklagt Tag und Nacht vor Gott“; ferner den Anwalt, Christus, der die Angeklagten vor dem Richterstuhl Gottes verteidigt, und endlich Gott als den Richter, der die Angeklagten aufgrund des Todes und der Auferstehung Christi und seiner Vertretung für gerecht erklärt, ein freisprechendes Urteil über sie fällt.

    Dasselbe, und zwar ein nach allen Seiten vollständiges Bild der Rechtfertigung als einer gerichtlichen Handlung, haben wir in den verlesenen alttestamentlichen Textworten, in welchen der Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN als der Angeklagte erscheint. Der Gegenstand unserer Betrachtung sei daher:

 

Der Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN

 

    Dieser wird

    1. von dem Satan verklagt,

    2. vom dem HERRN gerechtfertigt,

    3. in seinem Amt bestätigt.

 

1.

    „Mir wurde gezeigt der Hohepriester Josua, stehend vor dem Engel des HERRN. Und der Satan stand zu seiner Rechten, dass er ihm widerstände.“ So lesen wir zu Anfang unseres Textes. Der Prophet Sacharja erblickt also den Hohenpriester Josua, den ersten Hohenpriester des Volkes, als dieses aus der Gefangenschaft in Babel nach Jerusalem zurückgekehrt war, vor dem Engel des HERRN als Angeklagten. Der Engel des HERRN ist kein anderer als der Engel des Bundes, Christus, und vor diesem war der Satan als Ankläger Josuas erschienen, denn das sagen die Worte: „dass er ihm widerstände“. Er verklagte Josua vor dem HERRN, aber nicht ihn allein für seine Person, sondern mit ihm das ganze Volk, dessen Vertreter er in seiner Eigenschaft als Hoherpriester war. Als Angeklagter stand Josua zur Linken, Satan als Ankläger zu seiner Rechten, wie es zu jener Zeit in Gerichtsverhandlungen zu geschehen pflegte.

    Weswegen verklagte Satan den Hohenpriester? Das sagen und die Worte V. 3: „Und Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel“, das heißt, er stand dort in seinen Sünden und Missetaten des Menschen, weshalb es Jes. 64, 4 heißt: „Wir sind allesamt wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid.“ Wenn aber Josua in unreinen Kleidern dastand, so ist damit nicht etwa gesagt, dass er ein besonders großer Sünder war, sich schwerer Sünden schuldig gemacht hatte. Aber er hatte sich mit den Gefangenen lange Zeit in einem heidnischen Land, in Babel, befunden, er selbst und viele andere waren darin aufgewachsen, und da hatte es denn an dieser oder jener Beteiligung, an allerlei Verschuldigungen in gottesdienstlicher Hinsicht nicht gefehlt. Dessen gab sich Josua, den die Propheten Haggai und Sacharja sonst hoch in Ehren hielten, ohne Zweifel auch schuldig; und deswegen verklagt ihn nun der Satan vor dem HERRN, dass er als ein Unreiner, mit Sünden Befleckter, nicht würdig sei, das Hohepriesteramt zu verwalten oder als ein Unreiner der Hohepriester und Vertreter des unreinen Volkes zu sein, im Heiligtum des HERRN vor Gott zu erscheinen.

    Aber wie Josua dort, so stehen auch wir, meine Zuhörer, vor dem Richterstuhl des HERRN, und wie dort Satan Josua widerstand, als sein Ankläger auftrat, so ist er auch der Ankläger eines jeden von uns, wie uns das schon vorhin aus der Offenbarung angeführte Wort, dass der Satan die Heiligen Tag und Nacht vor Gott anklagt, deutlich lehrt. Verklagte er nicht selbst den frommen und gottesfürchtigen Hiob vor Gott, indem er dessen Aufrichtigkeit anzweifelte, seine Frömmigkeit auf Eigennutz zurückzuführen suchte? Das zeigt uns, welch ein boshafter Geist der Satan ist. Zuerst versucht er die Kinder Gottes, um sie zu allerlei Sünden zu verleiten, wie er unsere ersten Eltern im Paradies versuchte und sie von Gott abfällig machte, ferner Christus selbst, um ihn zum Misstrauen, zur Verleugnung seines himmlischen Vaters und zu fluchwürdiger Abgötterei zu verleiten. Ist ihm das boshafte Werk gelungen, hat er die Gläubigen zu dieser oder jener Sünde verführt, dann ändert er seine Rolle, wird aus dem Versucher der Ankläger und macht die vorher so lieblich dargestellte Sünde so schwarz und groß, wie er nur kann, um sie wie Judas in Verzweiflung zu stürzen. Daher schreibt Petrus: „Seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!“ So ein frecher Geist ist dieser Widersacher, dass er es wagt, vor dem heiligen Gott selbst als Ankläger zu erscheinen, dass er, obwohl selbst ein Verdammter, von dem gerechten Richter es geradezu fordert, dass er über die Gläubigen das Urteil der Verdammnis ausspreche.

    Hat er Anlass, als unser Ankläger vor Gott aufzutreten? Merkt wohl, ich sage nicht: Hat er ein Recht dazu? Denn woher sollte er, der Versucher und Verführer, dieses Recht haben? Ich frage vielmehr: Hat er Anlass, uns zu verklagen? Freilich, denselben Ansatz wie bei Josua! Denn stehen wir in reinen oder unreinen Kleidern, als Sünder oder als Heilige vor Gott? Ach, wenn wir auf unsere Werke, unseren Wandel blicken, so stehen auch wir in unreinen Kleidern, mit so mancher Sünde verunreinigt, da; denn wer will einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist? Da ist kein Gebot Gottes, dessen Übertretung wir uns nicht schuldig bekennen müssen, wenn auch nicht äußerlich grober Taten, so doch im Herzen, in Gedanken und Worten. Wie so gar fehlt es, um nur das eine zu erwähnen, an der Erfüllung des ersten Gebots, dass wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen! Wie oft fürchten wir Menschen mehr als Gott; wie oft lieben wir Geld und Gut und Menschen mehr als Gott; wie oft vertrauen wir auf irdische, vergängliche Dinge mehr als auf Gott! So müssen wir denn wahrlich mit Johannes sagen: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, dann verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ und mit Hiob: „Wenn ich mich gleich mit Schneewasser wüsche und reinigte meine Hände mit dem Brunnen, so wirst du mich doch tunken in den Kot, und werden mir meine Kleider scheußlich anstehen.“ Wen wir aber dies bekennen müssen, was für ein Urteil haben wir dann von dem heiligen Richter zu erwarten? Darauf lasst uns nun zweitens nach unserem Text blicken.

 

2.

    Wir lesen nicht, dass Josua auch nur mit einer Silbe sich gegen die Anklagen Satans verantwortet hätte, sondern nur: „Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel.“ Schweigend stand er da, und sein Schweigen war das Bekenntnis seiner Schuld. Im Buch Esra wird berichtet, dass mehrere unter seinen Kindern heidnische Frauen in Babel genommen und sich dadurch gegen das ausdrückliche Gebot Gottes versündigt hatten. Im Bewusstsein seiner Schuld wagte er es nicht, auch nur ein Wort zu seiner Verteidigung vorzubringen.

    Aber stand er schuldbewusst und schweigend da, so übernahm nun der Engel des HERRN selbst seine Verteidigung; denn so heißt es weiter: „Der HERR schelte dich, du Satan; ja, der HERR schelte dich, der Jerusalem erwählt hat! Ist dieser nicht ein Brand, der aus dem Feuer errettet ist?“ Er wies also nicht bloß den Satan mit seiner Anklage ab, sondern schalt ihn aufs höchste, dass er es wagte, Josua zu verklagen, und gibt als Grund an, dass der HERR selbst Jerusalem erwählt habe, und dass Josua als ein Brand aus dem Feuer errettet worden sei. Gott der HER hatte sich aufs neue die aus der Gefangenschaft Zurückgekehrten zu seinem Volk und Erbteil und Jerusalem als den Ort erwählt, wo sein Name wohnen sollte, und dies wollte nun der Satan hindern, Josua und das Volk verworfen haben. Gott der HERR hatte besonders Josua wie einen Brand aus dem Feuer errettet, ihn aus der Gefangenschaft befreit, in der er so viele Leiden und Trübsale, Spott und Hohn wie in einem Feuer hatte erdulden müssen, dass er wie ein ins Feuer geworfenes und angebranntes Holzscheit, das aus dem Feuer herausgerissen wird, erschien. Gott selbst hatte ihn aus Barmherzigkeit herausgerissen, aus dem feurigen Ofen der babylonischen Gefangenschaft errettet, und nun wollte Satan ihn verdammt und in das ewige Feuer geworfen haben. So widerstand Satan nicht allein Josua, sondern auch Gott dem HERRN selbst, indem er den Gerechten verworfen, den Erretteten der Verdammnis überantwortet wissen wollte.

    Nachdem aber Satan mit seiner Anklage abgewiesen und gescholten war, wandte sich der HERR denen zu, die um ihn standen, das heißt, zu den heiligen Engeln, die allezeit vor seinem Thron als seine Diener stehen, damit sie seine Befehle vollziehen, und sprach zu ihnen: „Tut die unreinen Kleider von ihm!“ Und er sprach zu ihm: „Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen.“ Das Ausziehen der unreinen Kleider bezeichnet nichts anderes als Vergebung der Sünden, deren sich Josua schuldig gemacht hatte. Nicht also verurteilt, verdammt, wurde Josua von dem HERRN, sondern gerechtfertigt. Anstatt der unreinen wurden ihm Feier- oder Festkleider angezogen. Welch ein Wechsel oder Wandel ging also mit Josua vor! Mit unreinen Kleidern, als ein Sünder, war er vor dem Richterstuhl erschienen, mit festlichen, glänzenden Kleidern, als Reiner oder Heiliger, steht er jetzt da. Satan ist mit seiner Anklage zuschanden geworden; Josua ist gerechtfertigt, zu Gnaden angenommen worden.

    So, meine Zuhörer, handelt Gott der HERR noch immer in Bezug auf bußfertige Sünder. Mögen sie immerhin Sünder, mögen ihre Sünden noch so groß, und mögen ihrer noch so viele sein, mag sie Satan noch so sehr verklagen: Gott der HERR nimmt sich ihrer dennoch an, weist den Satan mit seinen Anklagen ab und vergibt ihnen um Christi, ihres Heilandes, willen, der sie von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels mit seinem heiligen und teuren Blut erlöst hat, alle ihre Sünden. Er spricht zu ihnen, wie es Jes. 1 heißt: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.“ Er zieht auch sie mit Feierkleidern an, mit dem herrlichen Verdienst Christi, und in diesen stehen sie als vollkommene Heilige da, an denen kein Flecken oder Runzel oder des etwas ist, sondern die ganz heilig und unsträflich sind.

    Fürchte dich darum, mein Zuhörer, vor den Anklagen Satans nicht, sondern halte dich in bußfertigem Glauben an Christus, deinen Heiland! Auf ihn hat Gott der HERR alle deine Sünden geworfen; er hat sie alle gebüßt, die Strafe bezahlt, das Gesetz vollkommen für dich erfüllt und dir eine vollkommene Gerechtigkeit erworben, und die rechnet Gott auch dir zu und rechtfertigt dich wie Josua. Verklagen dich deine Sünden, verklagt dich Satan so, dass du ausrufst:

Wo soll ich fliehen hin,

Weil ich beschweret bin

Mit viel und großen Sünden?

Wo soll ich Rettung finden?

Wenn alle Welt herkäme,

Mein Angst sie nicht wegnähme,

kannst du auf alle Anklagen ebenso wenig wie Josua ein Wort zu deiner Verteidigung erwidern, rufe ihm dennoch keck und kühn zu:

Wirfst du mir mein Sündgen vor?

Wo hat Gott befohlen,

Dass mein Urteil über mir

Ich bei dir soll holen?

Wer hat dir die Macht geschenkt,

Andre zu verdammen,

Der du selbst doch liegst versenkt

In der Höllen Flammen?

 

Hab ich was nicht recht getan,

Ist mir’s leid von Herzen;

Dahingegen nehm ich an

Christi Blut und Schmerzen;

Denn das ist die Ranzion

Meiner Missetaten;

Bring ich dir vor Gottes Thron,

Ist mir wohl geraten.

    Ja, so sprich in festem Vertrauen; denn der HERR wird den Satan auch als deinen Ankläger schelten, deine Missetat von dir nehmen und dich mit Feierkleidern antun, dass du mit dem Propheten Jesaja fröhlich rühmen kannst: „Ich freue mich in dem HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck geziert.“ Ja, mit priesterlichem Schmuck geziert, wie Josua dritt4ens in seinem priesterlichen Amt bestätigt wurde.

 

3.

    Josua wird nicht allein von dem HERRN gerechtfertigt, sondern auch in seinem Amt als Hoherpriester bestätigt; denn so heißt es weiter: „Und sprach: ‚Setzt einen reinen Hut auf sein Haupt!‘ Und sie setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an; und der Engel des HERRN stand da.“ Der Hut war ein Teil der Amtstracht des Hohenpriesters, die er bei seinen Amtshandlungen im Tempel anzulegen hatte. Er war mit einem Stirnband aus feinem Gold versehen, in welches die Worte: „Die Herrlichkeit des HERRN“ eingegraben waren. Außer mit diesem Hut wurde er mit den anderen hohepriesterlichen Gewändern geschmückt, so dass er in dem vollen hohepriesterlichen Ornat dastand und feierlich als Hoherpriester Gottes erklärt und bestätigt wurde. Dies bezeugte ihm der Engel des HERRN in den Worten: „Wirst du in meinen Wegen wandeln und meiner Hut warten, so sollst du regieren mein Haus und meine Höfe bewahren; und ich will dir geben von diesen, die hier stehen, dass sie dich geleiten sollen.“ Als Hoherpriester soll Josua das Haus Gottes, das heißt, die Kirche des Alten Testaments, und dessen Vorhöfe, alles, was mit ihm in Beziehung stand, bewahren und in acht nehmen, und dies dadurch, dass er in den Wegen des HERRN wandelte, seine Ordnungen bewahrte und sich in allen seinen Handlungen nach dem Wort, den Geboten, richtete. Wenn er dies treu und gewissenhaft tue, dann solle er dermaleinst auch unter denen, die dort vor dem Richterstuhl Christi standen, den heiligen Engeln, wandeln vor dem Angesicht Gottes. Solche herrliche Verheißung wurde Josua gegeben.

    Können wir dies alles auf uns anwenden? Nun, wir sind keine Hohenpriester wie Josua, aber alle Gläubigen sind geistliche Priester; denn Petrus schreibt in seinem ersten Brief an alle Christen: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums.“ Schon durch die heilige Taufe sind sie geistliche Priester geworden. Und worin besteht ihr priesterlicher Dienst? Petrus sagt es in den Worten: „dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Die Tugenden, die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, alle Wohltaten, die Gott ihnen erwiesen hat, indem er sie von der Finsternis des Unglaubens zu dem Licht seliger Erkenntnis berufen und gebracht hat, sie sollen sie lehren, anderen verkündigen, die Hausväter und Hausmütter als Priester ihre Kinder und Hausgenossen lehren, sie im Wort mit Fleiß unterrichten, mit ihnen die Opfer des Gebets darbringen. Wenn wir als gläubige Christen das tun, dann beweisen wir uns als geistliche Priester, dann wandeln wir in den Wegen Gottes, bewahren seine Ordnungen, lehren wie die Hausgemeinde Gottes.

    Dass alle Christen stets der hohen Würde, die sie als geistliche Priester besitzen, eingedenk sein und sich als solche besonders in ihrem Haus, in ihrer Familie, beweisen möchten! Wie ganz anders würde es in so vielen Häusern aussehen, wenn in ihnen das Wort Gottes gelesen und betrachtet würde, wenn das Gebet von dem Altar des Hauses emporstiege, das Opfer des Dankes dargebracht würde! Beweisen wir uns denn als solche geistlichen Priester! Lasst uns je länger je völliger im Dienst unseres Gottes und Heilandes stehen! Er hat ja auch uns in Gnaden angenommen, den Satan für uns gescholten, mit seinen Anklagen abgewiesen, uns die unreinen Kleider der eigenen Gerechtigkeit aus- und die Kleider des Heils, den Rock der Gerechtigkeit, uns angezogen und uns zu seinem königlichen Priestertum gemacht, so wird er denn auch seine Verheißung an uns erfüllen, dass wir dereinst unter den heiligen Engeln wandeln, mit ihnen vor seinem Thron in der seligen Ewigkeit stehen und seine Gnade und Barmherzigkeit ohne Unterlass preisen. Das geschehe um Christi, unseres Heilandes, willen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Laetare (Freuet euch mit Jerusalem, Jes. 66,10) ueber Sacharja 12, 10 – 13, 1: Die grosse Bussklage zu Jerusalem

 

Sacharja 12, 10-13, 1: Aber über das Haus David und über die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets; denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben, und werden ihn klagen, wie man klagt ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind. Zu der Zeit wird große Klage sein zu Jerusalem, wie die war bei Hadad–Rimon im Feld Megiddo. Und das Land wird klagen, ein jegliches Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht Simei besonders und ihre Frau besonders; also alle übrigen Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre Frauen auch besonders.

    Zu der Zeit wird das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen freien offenen Born haben wider die Sünde und Unreinigkeit.

 

    In dem gekreuzigten Heiland geliebte Zuhörer!

    Wenn wir die Weissagungen von dem Messias im Alten Testament mit der im Neuen Testament berichteten Erfüllung vergleichen, so sehen wir, dass jene nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im Einzelnen, in den scheinbar unwichtigen, den Nebenumständen, auf das genaueste in Erfüllung gegangen sind. Der Prophet Jesaja hatte geweissagt: „Siehe eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ – und von der reinen Jungfrau Maria ist der Immanuel geboren worden. Derselbe Prophet hatte verkündigt: „Er schießt auf vor ihm wie eine Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich“ und hatte damit auf die unscheinbare, niedrige Geburt Christi nach seiner menschlichen Natur hingewiesen, und Maria, seine Mutter, war, obwohl aus dem Geschlecht Davids, eine arme, niedrige Magd, die Vertraute eines einfachen Handwerkers, so dass er vor den Menschen als ein schwacher, unansehnlicher Sprössling aus einem dürren Wurzelstock erschien. Maria wohnte zu Nazareth in Galiläa, der nördlichen Provinz des gelobten Landes; aber der Prophet Micha hatte geweissagt: „Du Bethlehem-Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel HERR sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“, und damit diese Weissagung buchstäblich erfüllt werde, musste der mächtige römische Kaiser Augustus sein Gebot der Schatzung ausgehen lassen, durch das Maria veranlasst wurde, die Reise nach Bethlehem in Judäa, der südlichen Provinz des Heiligen Landes, anzutreten, damit dort von ihr der Heiland geboren werde. Nach Nazareth zurückgekehrt, wuchs der HERR dort in der Abgeschiedenheit und Stille unbeachtet auf, wurde für den Sohn eines Zimmermanns oder Baumeisters gehalten, und als er aus der Verborgenheit heraus sein öffentliches Lehramt antrat, da erfüllte sich das Wort des Propheten: „Er hatte keine Gestalt noch Schönheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.“ Die Juden hatten in dem Messias einen Mann von vornehmer Herkunft, von imponierender Gestalt, die allgemeines Aufsehen und Bewunderung hervorrufen würde, erwartet; stattdessen ging er in der Gestalt eines einfachen Lehrers einher, der in den Synagogen lehrte und das Evangelium vom Reich Gottes verkündigte. Anstatt eines glänzenden Herrschers sehen sie einen einfachen Lehrer, an dem sie kein Gefallen finden konnten. Seht da die buchstäbliche Erfüllung dieser Weissagungen in scheinbar geringfügigen Dingen.

    So auch hinsichtlich der Weissagung in unserem heutigen Text. Sie richtet den Blick auf den leidenden, ja den toten Heiland, verkündet, dass er „zerstochen“, eines gewaltsamen Todes gestorben ist, dessen Anblick denen, die ihn zerstochen haben, ins Herz schneidet, dass sie um ihn eine schmerzliche Weh- und Bußklage anstimmen, als sie erkennen, was sie getan haben. Hierauf lasst mich denn aufgrund des verlesenen Textes eure Aufmerksamkeit richten, nämlich auf

 

Die große Bußklage zu Jerusalem

 

    Wir sehen, dass sie

    1. um den geschieht, welchen sie zerstochen haben,

    2. eine allgemeine und schmerzliche ist,

    3. eine segensreiche Frucht hat.

 

1.

    „Zu der Zeit wird eine große Klage sein zu Jerusalem“, so, meine Zuhörer, heißt es in unserem Text. Fragen wir, über wen diese große Klage sein werde, so erhalten wir die Antwort von dem Propheten in den Worten: „Denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben.“

    Wer ist es, der durch den Propheten von sich sagt, dass sie ihn zerstochen oder durchbohrt haben? Derselbe, welcher im ersten Vers dieses Kapitels von sich sagt, dass er den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht, sodann, dass er Jerusalem zum Taumelbecher für alle Völker, die Schwachen und Strauchelnden unter seinen Einwohnern zu Helden wie einst David machen und alle Heiden, die feindlich gegen Jerusalem gezogen sind, vertilgen, aber über das Haus David und die Bürger zu Jerusalem den Geist der Gnade ausgießen werde. Wer breitet den Himmel aus, wer gründet die Rede, wer macht in dem Menschen den Odem, wer gießt seinen Geist der Gnade über Jerusalem aus? Das kann kein anderer sein als der einige wahre Gott, Jahwe; denn das sind lauter Werke der Allmacht, der Schöpfung, dessen, der da spricht, und es geschieht, der da gebietet, und es steht da.

    Aber dieser allmächtige Gott, der unveränderlich, ewig und unsterblich ist, sagt durch den Propheten in unserem Text von sich: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben, und werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind“, das heißt, sie werden um ihn die schmerzlichste Totenklage anstimmen. Wie! der Allmächtige soll von Ohnmächtigen getötet, der Unsterbliche gestochen werden, der Ewige soll ein Ende – und ein solches Ende – gefunden haben? Meine Freunde! Die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs oder unlösbaren Rätsels ist im Text selbst gegeben, wenn wir nur genau auf seine Worte achten. Denn während der Redende zuerst von sich selbst sagt: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben“, also von sich selbst redet, wendet er sogleich diese Rede, als gälte sie einer anderen Person, da er fortfährt: „Und werden um ihn klagen, wie klagt um ein einiges Kind.“ Aber der, welcher zuerst von sich sagt: „Sie werden mich ansehen“ und dann: „Wie werden um ihn klagen“, als um eine andere, dritte, von ihm geschiedene Person, ist doch derselbe. Er sagt es von sich und kann es von sich sagen, weil er beides, Gott und Mensch in einer Person ist, nämlich der Heiland, Jesus Christus, wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, der, sofern er wahrer Gott ist, ewig und unsterblich, aber insofern er wahrer Mensch ist, sterblich ist und zerstochen werden konnte und zerstochen worden ist. Wie? Das wissen wir alle, denn wir bekennen im zweiten Artikel: „Ich glaube an Jesus Christus, seinen einigen Sohn, unseren HERRN, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Ja, fassen wir das Wort „zerstochen“ im weiteren Sinn, so weissagt der Prophet damit das ganze unschuldige Leiden des HERRN, dessen Höhepunkt oder Letztes das Zerstechen war. Denn zerstochen, durchbohrt wurde sein Rücken, als er von den römischen Kriegsknechten so furchtbar gegeißelt wurde, durchstochen sein Haupt, als ihm die Dornenkrone mit ihren scharfen Stacheln aufs Haupt gesetzt und gedrückt wurde, durchstochen wurden seine Hände und Füße mit Nägeln, mit denen er ans Kreuz geschlagen wurde, durchstochen seine Seite, als einer der Kriegsknechte, als er sah, dass er schon gestorben war, anstatt, wie bei den beiden Übeltätern, ihm die Beine zu brechen, seine Seite mit einem Speer öffnete; und dies Letztere ist es, was der Prophet besonders mit dem Wort „zerstochen“ weissagt.

    Welch ein Bild, Geliebte, stellt uns also der Prophet bei näherer Betrachtung in den Worten: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben“ im Licht der Erfüllung vor das Auge! Ein Bild, in dem wir Gott selbst, den eingeborenen Sohn Gottes, im Fleisch erschienen, am Kreuz auf Golgatha erblicken, sein Haupt durch eine Dornenkrone zerstochen, seine Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt, seine Seite mit einem Speer geöffnet, zerstochen am Haupt, zerstochen an Händen und Füßen, zerstochen in der Seite, aus der Blut und Wasser hervorquillt. Und auf ihn, den so Zerstochenen, ist der Blick derer, die unter dem Kreuz stehen, gerichtet; sie sehen ihn an und klagen um ihn. Stehen auch wir heute im Geist unter seinem Kreuz, sehen wir ihn an als den, welchen wir zerstochen haben; sprechen wir mit dem Dichter:

O Haupt voll Blut und Wunden,

Voll Schmerz und voller Hohn!

O Haupt, zum Spott gebunden

Mit einer Dornenkron!

O Haupt, sonst schön gezieret

Mit höchster Ehr und Zier,

Jetzt aber höchst schimpfieret:

Gegrüßet seist du mir!

Dann werden auch wir in die große Klage einstimmen, von der der Prophet in unserem Text redet.

 

2.

    Der Prophet fährt fort: „Zu der Zeit“ oder, wie es eigentlich heißt, an dem Tag, „wird große Klage sein zu Jerusalem, wie die war bei Hadad-Rimon im Feld Megiddo“ und vergleicht die große Klage zu Jerusalem um den Zerstochenen mit der, welche einst bei Hadad-Rimon stattgefunden hat.

    Was das für eine Klage war, ersehen wir aus dem 35. Kapitel des 2. Buches der Chronik. Als nämlich der König Necho von Ägypten mit seinem Kriegsheer heranzog, zog ihm Josia, der König Israels, entgegen. Auf dem Feld oder im Tal Megiddo kam es zur Schlacht, und in ihr wurde Josia von einem Pfeil durchbohrt, tödlich verwundet. Er wurde aus der Schlacht geführt, nach Jerusalem gebracht und starb dort an seiner Wunde. Dieser Josia war der frömmste unter allen Königen Judas und wurde daher von dem ganzen Volk, namentlich aber von den Gottesfürchtigen, aufs schmerzlichste beklagt. Der Prophet Jeremia verfasste ein Trauerlied, Sänger und Sängerinnen klagten um ihn in Trauerliedern, die in eine Sammlung von Trauerliedern aufgenommen und lange Zeit von dem Volk gesungen wurden. Mit dieser Wehklage des ganzen Volkes vergleicht der Prophet die Wehklage um die Tötung des Messias und bezeichnet sie schon dadurch als eine allgemeine und überaus schmerzliche.

    Aber dies auch damit, dass er sagt: „Sie werden ihn beklagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind.“ Wenn Eltern das erstgeborene Kind durch den Tod verlieren, so ist der Schmerz über seinen Verlust viel größer, als wenn sie von mehreren Kindern eines verlieren. Und so groß, so schmerzlich werde, so weissagt der Prophet, die Trauer oder Klage um den zerstochenen Messias sein. Aber nicht nur überaus schmerzlich, sondern auch allgemein, denn er führt fort: „Das ganze Land wird klagen, ein jegliches Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Frauen besonders; das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Frauen besonders; das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Frauen besonders; das Geschlecht Simei besoners und ihre Frauen besonders, also alle übrigen Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre Frauen auch besonders.“ Kurz: So allgemein wird diese laute Wehklage sein, dass die königlichen und priesterlichen Geschlechter, die Männer und die Frauen, Junge und Alte, allesamt sie erheben werden.

    Ist diese Weissagung in Erfüllung gegangen, meine Freunde? Ertönt dort unter dem Kreuz auf Golgatha nicht vielmehr Hohn und Spott und Lästerung? Wohl! Aber lesen wir nicht auch, als der HERR zur Richtstätte hinausgeführt wurde: „Es folgte ihm nach ein großer Haufe Volk und Frauen, die klagten und beweinten ihn“, nicht auch, dass der Hauptmann, als er sah, was da geschah, ausrief: „Wahrlich, dieser ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen“, und dass alle, die dabei waren und zusahen, an ihre Brust schlugen? Mochte diese Klage bei vielen nur die Folge natürlicher Rührung oder natürlichen Mitleids sein, sie wurde doch laut. Und klagte nicht das ganze Land, als die Sonne ihren Schein verlor, das Land sich gleichsam in das Trauergewand der Finsternis hüllte, wodurch die Bewohner umso mehr in Furcht und Schrecken versetzt wurde, da sie eine plötzliche und wunderbare war?

    Aber damit hatte diese Bußklage kein Ende. Blickt auf jene große Versammlung zu Jerusalem am ersten neutestamentlichen Pfingsten! Da predigte Petrus den aus allen Ländern Zusammengekommenen den, welchen ihre Obersten zerstochen und getötet hatten, und rief ihnen am Schluss zu: „So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christ gemacht hat.“ Die Rede ging ihnen durchs Herz und erschütterte sie so, dass sie zu den Aposteln sprachen: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Sie erhielten die Antwort: „Tut Buße, und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ Damit wurde auch die in unserem Text enthaltene Weissagung erfüllt: „über das Haus David und die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets“, nämlich den Heiligen Geist, der in den sündigen Menschen die Erfahrung der göttlichen Gnade wirkt, so dass sie, erleuchtet mit seinen Gaben, um Gnade, Vergebung der Sünde flehen und dann erst recht erkennen, wen sie zerstochen, welche Sünde und Schuld sie dadurch auf sich geladen haben. Denn ohne die Mitteilung des Heiligen Geistes gibt es keine bußfertige Erkenntnis des gekreuzigten Heilandes und keine wahre Bußklage um ihn.

    Wird diese Bußklage heute noch gehört? Blickt, meine Zuhörer, auf den dort am Kreuz Zerstochenen! Lässt dich sein Anblick kalt? Meinst du etwa, dass du ihn nicht auch zerstochen oder durchbohrt hast? Oder musst du nicht bei seinem Anblick ausrufen:

Ich, ich und meine Sünden,

Die sich wie Körnlein finden

Des Sandes an dem Meer,

Die haben dir erreget

Das Elend, das dich schläget,

Und das betrübte Marterheer.

 

Ich bin’s, ich sollte büßen,

An Händen und an Füßen

Gebunden in der Höll.

Die Geißeln und die Banden,

Und was du ausgestanden,

Das hat verdienet meine Seel!

    Das ist die große Bußklage, die in den Herzen aller Bußfertigen im ganzen Land ertönt, da sie durch den Heiligen Geist zur Erkenntnis ihrer Sünde und Schuld gekommen sind, mit der sich aber auch das Gnadenflehen verbreitet:

Nun, was du, HERR, erduldet,

Ist alles meine Last;

Ich hab es selbst verschuldet,

Was du getragen hast.

Schau her, hier steh ich Armer,

Der Zorn verdienet hat:

Gib mir, o mein Erbarmer,

Den Anblick deiner Gnad!

 

Ich will hier bei dir stehen,

Verachte mich doch nicht!

Von dir will ich nicht gehen,

Wenn dir dein Herze bricht.

Wenn dein Haupt wird erblassen

Im letzten Todesstoß,

Alsdann will ich dich fassen

In meinen Arm und Schoß.

    Selig, die so in Buße über ihre Sünde klagen und um Gnade flehen; denn sie sind es, denen die große Verheißung am Schluss unseres Textes gilt, die wir drittens noch kurz betrachten wollen.

 

3.

    Diese Verheißung lautet: „Zu der Zeit werden das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen freien, offenen Born haben gegen die Sünde und Unreinigkeit.“ Haben das Haus David und die Bürger zu Jerusalem eine so furchtbare Schuld dadurch auf sich geladen, dass sie den Schuldlosen zerstochen, auf grausame Weise gemartert und getötet haben, so hat der barmherzige Gott ihre Tat nach seinem ewigen Rat so gewendet, dass in ihr ihnen die größte Gnade zuteil werden soll, weil ihnen nämlich von jener Zeit an ein offener Born, das heißt, eine unaufhörlich fließende Quelle, eröffnet werden wird, durch die sie von aller Sünde und Unreinigkeit gereinigt werden sollen. Und dieser Born, diese stetig fließende Quelle, welches ist sie? Es sind die Wunden, die unserem Heiland geschlagen worden sind, es ist der breite Spalt in seiner Seite, durch den Stoß des Speers geöffnet, und das aus den Wunden und dem Spalt fließende Blut und Wasser sind der reinigende Strom, der die Tatsünde wie die ganze Unreinigkeit und Sündhaftigkeit hinwegschwemmt. So verkündigt denn unser Prophet in diesen Worten dasselbe, was Jesaja verkündigt hat, indem er weissagte: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Ja, „das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“.

    Welch ein Born der Gnade! Und dieser Born fließt im Evangelium, in der Taufe und im heiligen Abendmahl wie in seinen Kanälen daher, strömt in und durch die Vergebung der Sünden auf alle herab, aus deren Herzen über die Lippen diese Bußklage in der Kirche, dem neutestamentlichen Jerusalem, ertönt. Welch selige, herrliche Frucht: volle Rechtfertigung oder Vergebung und aus ihr hervorgehend wahre Heiligung; denn wer durch diesen Born gereinigt ist und immerdar gereinigt wird, der spricht auch von Herzen mit dem Dichter:

Ach, lass deine tiefen Wunden

Frische Lebensbrunnen sein!

Wenn mir alle Kraft verschwunden,

Wenn ich schmacht in Seelenpein,

Senk in Abgrund deiner Gnaden

Alle Schuld, die mich beladen.

Ach, lass deine Todespein

Nicht an mir verloren sein!

Aber auch:

Ich will mich mit dir schlagen

Ans Kreuz und dem absagen,

Was meinem Fleisch gelüst‘.

Was deine Augen hassen,

Das will ich fliehn und lassen,

Soviel mir immer möglich ist.

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Judica (Gott, schaffe mir Recht! Ps. 43, 1) ueber Jeremia 7, 14-14: Der eitle Wahn, in dem sich das juedische Volk auf den Tempel des HERRN verliess

 

Jeremia 7, 1-14: Dies ist das Wort, welches geschah zu Jeremia vom HERRN, und sprach: Tritt ins Tor im Hause des HERRN und predige daselbst dies Wort und sprich: Hört des HERRN Wort, ihr alle von Juda, die ihr zu diesen Toren eingeht, den HERRN anzubeten. So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und Wesen, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer Leben und Wesen, dass ihr recht tut einer gegen den andern und den Fremdlingen, Waisen und Witwen keine Gewalt tut und nicht unschuldig Blut vergießt an diesem Ort; und folgt nicht nach anderen Göttern zu eurem eigenen Schaden; so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, im Land, das ich euren Vätern gegeben habe. Aber nun verlasst ihr euch auf Lügen, die nichts nütze sind. Daneben seid ihr Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige und räuchert dem Baal und folgt fremden Göttern nach, die ihr nicht kennt. Danach kommt ihr denn und tretet vor mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Es hat keine Not mit uns, weil wir solche Gräuel tun. Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Mördergrube? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der HERR. Geht hin an meinen Ort zu Silo, da vorhin mein Name gewohnt hat, und schaut, was ich daselbst getan habe um der Bosheit willen meines Volks Israel. Weil ihr denn alle solche Stücke treibt, spricht der HERR, und ich stets euch predigen lasse, und ihr wollt nicht hören, ich rufe euch, und ihr wollt nicht antworten: So will ich dem Haus, das nach meinem Namen genannt ist, darauf ihr euch verlasst, und dem Ort, den ich euren Vätern gegeben habe, eben tun, wie ich Silo getan habe.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Die eben vernommenen Textworte führen uns ein lebensvolles Bild vor das Auge. Es findet die Feier eines der hohen Jahresfeste des israelitischen Festes statt. Zu dieser Feier stellen sich die Bewohner der Stadt Jerusalem und des jüdischen Landes ein. Sie kommen in Scharen zu dem Berg Zion, um im Tempel des HERRN das Fest zu begehen. Sie wollen an der heiligen Stätte den HERRN anbeten und ihm Opfer darbringen. Da geschieht das Wort des HERRN zu dem Propheten Jeremia. Er erhält den Befehl, sich mitten in das Tor, durch welches die herankommenden Scharen das Heiligtum, den Tempel, betreten wollen, zu stellen und von dort aus ihnen eine Botschaft seines Gottes zu verkündigen. Der Prophet tut, wie ihm befohlen ist. Er tritt in das Tor am Haus des HERRN, ist dort allen Herankommenden sichtbar und ruft ihnen mit lauter Stimme zu: „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und Wesen, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer Leben und Wesen!“

    Bereitet ihnen der Prophet damit nicht einen eigentümlichen Empfang? Sie kommen in großer Menge herbei, wollen im Tempel ein hohes Fest begehen, vor dem HERRN anbeten und opfern, aber der Prophet stellt sich ihnen im Tor in den Weg, wehrt ihnen den Eingang, hält ihnen eine ernste, drohende Strafpredigt, fordert sie auf, anstatt zu feiern, ihr Leben und Wesen zu bessern, aufrichtige Buße zu tun, und droht ihnen, wenn sie in ihrem gottlosen Wesen verharren, mit völliger Vernichtung der heiligen Stätte. Warum das? Weil sie sich auf die Lügen verlassen, die lauten: „Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ und doch in Sünden dahingehen, das heißt, in dem Wahn leben, dass es wohl um sie stehe, dass sie sicher und geboren seien, weil sie den Tempel des HERRN hätten und darin ihren Gottesdienst verrichteten. Wie tief sich dieser Wahn bei dem Volk eingewurzelt hatte, zeigt uns das Verhalten des Volks in späterer Zeit.

    Aber derselbe oder doch ein ähnlicher Wahn hat sich öfter auch zur Zeit des Neuen Testaments bei einzelnen Gemeinden und bei Kirchengemeinschaften geltend gemacht. Das ist ein eitler, gefährlicher Wahn. Betrachten wir daher zur Warnung aufgrund unseres Textes:

 

Der eitle Wahn, in dem sich das jüdische Volk auf den Tempel des HERRN verließ

 

    Wir sehen, wie der Prophet

    1. diesen Wahn aufs ernstlichste straft,

    2. rechtschaffene Besserung fordert und

    3. mit völliger Zerstörung des Tempels droht.

 

1.

    „Verlasst euch nicht auf die Lügen“, ruft Jeremia dem Volk zu, „wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ Das dreimalige „Hier ist des HERRN Tempel!“ sagt uns, wie tief das eitle Vertrauen auf den Tempel bei dem Volk eingewurzelt war. Vermehrt und genährt wurde dieses eitle Vertrauen durch die falschen Propheten. Während Jeremia verkündigte, dass das Volk nur dann Segen und Frieden habe, wenn es den HERRN, seinen Gott, fürchte, in seinen Geboten wandle, lehrten und betörten jene das Volk, dass es kein Unglück und den Zorn Gottes nicht zu befürchten habe, obwohl es in Sünden dahinlebte. Jeremia rief, wie es im achten Vers des sechsten Kapitels heißt, dem Volk zu: „Bessere dich, Jerusalem, ehe sich mein Herz von dir wende, und ich dich zum wüsten Land mache!“ Die falschen Propheten lehrten das Gegenteil; denn so heißt es V. 13: „Beide, Propheten und Priester, lehren allesamt falschen Gottesdienst und trösten mein Volk in seinem Unglück, dass sie es gering achten sollen und sagen: Friede, Friede! Und ist doch kein Friede.“ Dadurch nährten und bestärkten sie den Wahn des Volks, dass es von keinem Strafgericht Gottes betroffen, von keinem Unglück würde heimgesucht werden, weil Jerusalem die heilige Stadt und der Tempel die Wohnung Gottes sei. Es hielt eine Eroberung der Stadt und vor allem eine Zerstörung des Tempels für unmöglich. Jerusalem hatte sich Gott erwählt, damit sein Name dort wohne. (2. Chron. 6, 6.) Salomo hatte auf dem Berg Zion auf besonderen Befehl Gottes den herrlichen Tempel erbaut als den gottesdienstlichen Mittelpunkt des ganzen Landes und Volkes. Im Allerheiligsten des Tempels befand sich die Bundeslade mit den Gesetzestafeln, dort thronte über den Cherubim die Herrlichkeit des HERRN in einer Lichtwolke, das sichtbare Zeichen der Gnadengegenwart Gottes unter seinem Volk. Darauf vertraute das Volk in fleischlicher Sicherheit und meinte, dass eine so heilige Stadt, ein so herrlicher Ort wie der Tempel vor jeder Zerstörung und es selbst vor allem Unglück sicher sei. Dieser Wahn war bei dem Volk zu einer fixten Idee geworden, seit Sanherib, der König von Assyrien, als er Jerusalem mit seinem starken Heer belagerte und unverrichteter Sache hatte abziehen müssen nachdem von dem Engel des HERRN 185.000 Mann seines Heeres getötet worden waren, wie Jesaja verkündigt hatte: „Er soll nicht kommen in die Stadt und soll keinen Wall um sie schütten, sondern den Weg, den er gekommen ist, soll er wiederkehren, dass er in diese Stadt nicht komme, spricht der HERR. Denn ich will diese Stadt schützen, dass ich ihr aushelfe um meinetwillen und um meines Dieners David willen.“ (Jer. 37, 33 ff.) Wie es damals geschehen war, so meinten sie, werde und müsse es immer geschehen: Gott müsse seine Stadt und sein Heiligtum schützen und könne sie den Heiden nicht preisgeben.

    Das war der eitle Wahn des Volkes, den der Prophet so ernstlich als fleischliche Sicherheit strafte. Lügen nannte er die Reden der falschen Propheten, mit denen sie das Volk in seinem Wahn bestärkten, warnte es davor, sich auf diese Lügen zu verlassen und zu pochen: Jerusalem ist die heilige Stadt, der Tempel ist Gottes Wohnung, wir sind sein auserwähltes Volk, sein Eigentum, darum sind wir vor allem Unglück sicher; er schützt seine Stadt, seinen Tempel, sein Eigentum, sein Volk.

    Findet das noch heute seine Anwendung, meine Geliebten? Sowohl auf einzelne wie auf Gemeinden und Synoden. Wenn du, mein Zuhörer, bei dir sagst: „Ich bin getauft, bin Glieder dieser christlichen Gemeinde, höre Gottes Wort, komme hier und da zum Sakrament, darum kann es mir nicht fehlen“, bist aber doch ein fleischlicher, unbekehrter Mensch, so bist du in demselben Wahn befangen wie jene Juden. Wenn in einer Gemeinde oder Synode diese oder jene Sünden ungestraft geduldet werden oder im Schwange gehen; wenn in ihnen das Wort Gottes nicht mehr Regel und Richtschnur ist, wonach man wandelt; wenn, um mit den Worten des Propheten zu reden, den Fremdlingen, Waisen und Witwen Gewalt getan wird, wenn man anderen Göttern nachfolgt, den Götzen der Weltlust, der Augenlust und des hoffärtigen Wesens opfert, in Sünden und Lüsten dahinlebt und meint, es sei alles recht und gut, wenn man sich nur zum Tempel, zur Kirche, halte und Gottes Wort äußerlich bekenne: So ruft man wie damals das jüdische Volk: „Hier ist des HERRN Tempel!“ Mag man immerhin so rufen, sich rühmen: „Wir sind eine rechtgläubige Gemeinde, eine rechtgläubige Synode, wir haben die reine Lehre“, so ist das fleischliche Sicherheit, gefährlicher Selbstbetrug. Wenn wir die reine Lehre zum Ruhekissen, das äußerliche kirchliche Wesen zum Deckmantel des fleischlichen Wesens und der Sünde machen, dann gilt heute wie damals das Wort des Propheten in unserem Text: „Danach kommt ihr denn und tretet vor mich in diesem Haus, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Es hat keine Not mit uns, weil wir solche Gräuel tun. Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinen Namen genannt ist, für eine Mördergrube? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der HERR!“ Er, der Allwissende, prüft Herzen und Nieren, lässt sich durch den Schein äußerlicher kirchlicher Rechtgläubigkeit und Frömmigkeit nicht täuschen. Was Jeremia jenen Scharen zurief, die zu den Toren des Tempels eingehen wollten, den HERRN anzubeten, das ruft er allen zu, die jenen gleich zum Gottesdienst kommen. Aber er straft solch eitlen Wahn nicht nur als fleischliche Sicherheit, sondern fordert auch zweitens zu rechtschaffener Buße auf.

 

2.

    Der Prophet ruft dem Volk im Tor des Tempels zu: „Spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und Wesen, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Sondert bessert euer Leben und Wesen, dass ihr recht tut einer gegen den anderen.“ Worin das Recht, das einer an dem anderen tun sollte, bestand, sagt er in den Worten des sechsten Verses: Sie sollen den Fremdlingen, Witwen und Waisen keine Gewalt antun, nicht unschuldiges Blut an diesem Ort vergießen und nicht anderen Götzen folgen zu ihrem eigenen Schaden.

    In Bezug auf die Fremdlinge, die Nichtisraeliten, die sich entweder nur vorübergehend oder dauernd im Land aufhielten, hatte Gott besondere Gesetze gegeben, durch die sie vor Unrecht, Bedrückung und Gewalttätigkeit geschützt werden sollten. 2. Mose 22, 21 heißt es: „Den Fremdling sollst du nicht schinden noch unterdrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägypten.“ Betreffs der Witwen und Waisen heißt es in V. 22: „Ihr sollt keine Witwen und Waisen beleidigen. Wirst du sie beleidigen, so werden sie zu mir schreien, und ich werde ich Schreien erhören, so wird mein Zorn ergrimmen, dass ich euch mit dem Schwert töte und eure Frauen zu Witwen und eure Kinder zu Waisen werden.“ Durch diese und ähnliche Gesetze hatte Gott die Witwen und Waisen in seine besonderen Schutz genommen, sie vor Gewalttätigkeit sichergestellt. Aber wie andere, so wurden auch diese Gebote übertreten, es wurde an Witwen und Waisen gefrevelt. Wie streng war aller heidnische Götzendienst verboten! Lautet doch das erste Gebot: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen; … bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ Aber immer wieder verfiel das Volk in Abgötterei und in die damit verbundenen Gräuel und Laster. Mehr noch! Der Prophet schleudert dem Volk die Worte ins Gesicht: „Ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher, Meineidige und räuchert dem Baal und folgt fremden Göttern nach, die ihr nicht kennt. Danach kommt ihr denn und tretet vor mich in diesem Haus, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Es hat keine Not mit uns, weil wir solche Gräuel tun. Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Mördergrube?“ Alle diese Sünden und Gräuel tut ihr, übertretet in grober Weise meine Gebote, und dann kommt ihr hier in den Tempel, um für eure Gräuel Ablass zu finden, mit euren Opfern, Gebeten, eurem äußerlichen Dienst genugzutun. Heißt das nicht, diesen heiligen Tempel zu einer Räuberhöhle machen, zu einer Stätte für Verbrecher, wo ihr Schutz und Ermunterung für eure Sünden findet? Aber der HERR sieht euer Treiben, durchschaut eure Heuchelei. Darum bessert euch, tut ernste, rechtschaffene Buße, bekehrt euch von eurem bösen Wesen und Leben! Dann will ich bei euch wohnen an diesem Ort, spricht der HERR Zebaoth, will euch gnädig und barmherzig sein und will diese Stadt und diesen Tempel schützen vor den Feinden. So predigte der Prophet dem Volk, das zum Tempel kam, Buße. Nicht mit Sünden beladen sollen sie in den Tempel des HERRN treten, sondern mit wahrhaft bußfertigen Herzen.

    Das Volk unseres Landes will ja im Ganzen ein christliches sein. Der Präsident fordert alle Jahre auf, einen Danksagungstag zu begehen. In welchem Land gibt es wohl mehr kirchliche Gebäude als in dem unseren? In den großen und kleinen Städten und selbst auf dem Land gibt es mehr kirchliche Gebäude als genug. Aber welche Sünden gehen im Schwange! Betrug und Diebstahl überall. Von Mord und Todschlag berichten die Tagesblätter alle Tage. In keinem anderen Land gibt es so viele Ehescheidungen und Ehebrecher. Dem Götzen Mammon wird in unerhörter Weise gedient. Und doch will man ein christliches Volk sein!

    Aber blicken wir auf die Gemeinden! Wer in dieser oder jener Sünde lebt und dabei meint, wenn er sich nur zur Kirche halte, so sei damit alles zugedeckt, es habe mit ihm keine Not, der macht auch das Gotteshaus zu einer Räuberhöhle, die Absolution zu einem Freibrief für sein gottloses Wesen und Leben. Solchen ruft der Prophe5t zu: Tu Buße, suche von Herzen im Blut Christi Vergebung und befleißige dich, ein frommes, Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Handle gerecht gegen den Nächsten, hilf den Witwen und Waisen, den Armen und Notleidenden, sonst ruft Gott dir die Worte des 50. Psalms zu: „Was verkündigst du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte hinter dich? Wenn du einen Dieb siehst, so läufst du mit ihm und hast Gemeinschaft mit den Ehebrechern. Dein Maul lässt du Böses reden, und deine Zunge treibt Falschheit. Du sitzest und redest gegen deinen Bruder, deiner Mutter Sohn verleumdest du. Das tust du, und ich schweige. Da meinst du, ich werde sein gleich wie du. Aber ich will dich strafen und will dir’s unter Augen stellen. Merkt doch das, die ihr Gott vergesst, dass ich nicht einmal hinreiße, und sei kein Retter mehr da!“ Solchen droht zeitliches und ewiges Verderben, wie der Prophet in unserem Text jenen Juden, wenn sie sich nicht besserten, mit völliger Zerstörung des Tempels droht.

 

3.

    „Geht hin“, fährt der Prophet fort, „an meinen Ort zu Silo, da zuvor mein Name gewohnt hat, und schaut, was ich daselbst getan habe um der Bosheit willen meines Volks Israel.“ Er fordert sie auf, nach Silo zu gehen. Silo war von Josua bis auf Samuel die heilige Stätte, weil sich dort die Stiftshütte mit der Bundeslade befand, und der HERR dort unter seinem Volk wohnte. Als aber das Volk in seiner Abgötterei verharrte, wurde Silo von Grund auf zerstört und eine Stätte des Fluchs. An die Stelle Silos war dann Jerusalem, wo Salomo den Tempel au dem Berg Morija erbaut hatte, und dieser an die Stelle der Stiftshütte getreten, wohin die Bundeslade überführt worden war. Aber nun fährt der Prophet fort: „Weil ihr denn alle solche Stücke treibt, spricht der HERR, und ich stets euch predigen lasse, und ihr wollt nicht hören, ich rufe euch, und ihr wollt nicht antworten, so will ich dem Haus, das nach meinem Namen genannt ist, darauf ihr euch verlasst, und dem Ort, den ich euren Vätern gegeben habe, eben tun, wie ich Silo getan habe. Und will euch von meinem Angesicht wegwerfen, wie ich weggeworfen habe alle eure Brüder, den ganzen Samen Ephraim.“ Damit droht der Prophet: Wie Silo, obwohl es eine geweihte Stätte war, um der Bosheit des Volks willen zerstört worden ist, so soll Jerusalem samt dem Tempel zerstört werden, und wie das Volk Israel in die assyrische Gefangenschaft geführt worden ist, so sollt ihr gefangen weggeführt werden. Euer Pochen auf Jerusalem und den Tempel als von Gott erwählte und heilige Stätten ist vergeblich. Er wird sie und euch nicht verschonen, wenn ihr nicht von Herzen Buße tut und euch bessert.

    Die ernste Warnung des Propheten war vergeblich. Das Volk besserte sich nicht. Da kam Nebukadnezar, der König von Babel, belagerte die Stadt, nahm sie ein, zerstörte sie und den Tempel und führte das Volk in die Gefangenschaft nach Babel, wo sie an den Wässern saßen und weinten. Noch während der Belagerung hielt das Volk an seinem Wahn fest, aber Stadt und Tempel sanken in Trümmer, und von den Einwohnern blieben nur die Geringen und Armen im Land, alle anderen wurden in die Gefangenschaft geführt. Der Tempel war eine heilige Stätte, Salomo hatte ihn auf das feierlichste eingeweiht; aber da ihn das Volk zu einer Räuberhöhle gemacht hatte, verwandelte ihn Gott durch Nebukadnezar in seinem gerechten Zorn in einen Trümmerhaufen. Ein Volk, das seines Gottes Gebote verachtet, ein sündigendes Volk an heiliger Stätte, das ist der größte Frevel, das ist Tempelschändung. Das heißt, wie Jeremia es in unserem Text nennt, das Gotteshaus zu einer Räuberhöhle machen.

    Als die Juden nach siebzig Jahren aus der babylonischen Gefangenschaft unter der Führung Serubabels und des Hohenpriesters Josua nach Jerusalem zurückkehrten, schritten sie zum Wiederaufbau des Tempels. Dieser, viel geringer als der zerstörte, wurde später von Herodes erweitert und mit einem Schmuck ausgestattet, dass darin den des salomonischen noch weit übertraf. Aber wieder war das Volk in solch gottloses Wesen und Leben versunken, dass es Christus, den ihm verheißenen Messias, kreuzigte und wiederum darauf vertraute, dass es um der Stadt und des Tempels willen sicher sei. Titus, der römische Feldherr, wollte Stadt und Tempel schonen und ließ daher die Belagerten zur Übergabe auffordern; aber ein gewisser Johannes, Befehlshaber der Stadt, rief auf diese Aufforderung: „Eroberung fürchte ich nimmermehr, denn die Stadt ist Gottes.“ Die Juden kämpften in diesem Wahn mit größter Erbitterung, aber vergeblich; Stadt und Tempel sanken in Schutt und Trümmer, und das Volk wurde in alle Länder zerstreut. Wie der HERR selbst unter Tränen verkündigt hatte, so geschah es: Es blieb nicht ein Stein auf dem anderen, der nicht zerbrochen wurde.

    Lassen wir uns dieses wiederholte Strafgericht Gottes, die Zerstörung seines heiligen Tempels, den er sich zur Wohnung erwählt hatte, zur Warnung dienen! Der heilige Gott wohnt nicht unter einem unheiligen Volk, an keiner Stätte, wo aus einem Tempel eine Räuberhöhle gemacht wird. Das Vertrauen auf äußere Stätte und Orte und auf einen nur äußerlichen, heuchlerischen Gottesdienst ist ein eitler, gefährlicher Wahn. Gott sieht das Herz an, will aufrichtige, bußfertige Herzen haben, die ihn fürchten und in seinen Geboten wandeln.

Wahr ist’s, Gott ist wohl stets bereit

Dem Sünder mit Barmherzigkeit,

Doch wer auf Gnade sündigt hin,

Fährt fort in seinem bösen Sinn

Und seine Seele selbst nicht schont,

Der wird mit Ungnad abgelohnt.

Lasst und darum zum HERRN flehen:

Hilf, o HERR Jesus, hilf du mir,

Dass ich jetzt komme bald zu dir

Und Buße tu den Augenblick,

Eh mich der schnelle Tod hinrück,

Auf dass ich heut und jederzeit

Zu meiner Heimfahrt sei bereit.

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Palmsonntag ueber 1. Samuel 17, 45-46: Davids Kampf mit Goliath

 

1. Samuel 17, 45-46: David aber sprach zu dem Philister: Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, den du gehöhnt hast. Heute wird dich der HERR in meine Hand überantworten, dass ich dich schlage und nehme dein Haupt von dir und gebe den Leichnam des Heeres der Philister heute den Vögeln unter dem Himmel und dem Wild auf Erden, dass alles Land inne werde, dass Israel einen Gott hat.

 

    In dem HERRN geliebte Zuhörer!

    Das Leben des Christen auf dieser Erde ist ein fortwährender Kampf. Es ist ein großer Irrtum, wenn ein Gläubiger meint, als Christ Ruhe haben zu können Er hat freilich Frieden mit Gott und Ruhe in Gott; denn er ist im Glauben aus dem Evangelium gewiss, dass ihm seine Sünden um Christi willen vergeben sind, dass nicht mehr Gottes Zorn, sondern Gottes Wohlgefallen auf ihm ruht, dass er ein geliebtes Kind Gottes und ein Erbe des ewigen Lebens ist. Darum schreibt der Apostel Röm. 5, 1: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HERRN Jesus Christus.“ Darum singen wir mit dem Dichter: „Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass; all Fehd hat nun ein Ende.“

    Aber so gewiss ein Christ Frieden mit Gott hat, so gewiss muss er mit den Kindern dieser Welt im Kampf stehen. Das ist Gottes Wille und Ordnung; denn es heißt 1. Mose 3, 15: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen.“ Das Wort galt zunächst dem Samen der Frau, Christus, aber es gilt auch den Christen. Wie Jesu Leben auf Erden ein ununterbrochener Kampf mit den Juden, besonders den Pharisäern und Schriftgelehrten, war, so versuchen auch die Kinder dieser Welt die Christen zu bekämpfen und zu verfolgen. Das Wort des HERRN an seine Jünger: „Wärt ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb; nun ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt erwählt, darum hasst euch die Welt“ und das andere: „Haben sie mich verfolgt, sie werden euch auch verfolgen“ hat sich zu allen Zeiten bewahrheitet, wie uns die Geschichte der Welt bezeugt. „In der Welt habt ihr Angst“, sagt der HERR; und so ist es und so wird es bleiben.

    Das gilt nun besonders auch euch, meine Konfirmanden. Ihr tretet mit eurer Konfirmation mehr oder weniger aus dem Elternhaus in die Welt hinaus oder aus der Schule in das Leben. Soll ich ein anderes Bild gebrauchen, so müsste ich sagen: Ihr seid bisher Rekruten gewesen, nun sollt ihr als Soldaten ins Feld, in den Kampf ziehen. Und dieser Kampf soll recht gekämpft werden, soll ein siegreicher Kampf sein. Darum möchte ich euch jetzt einen Kämpfer vor Augen stellen, der euch als Vorbild dienen kann, der, obwohl noch ein Knabe, gegen einen Riesen kämpfte, aber weil er im Namen des HERRN kämpfte, siegreich den Riesen überwand. Dies geschehe aufgrund des gehörten Textes. So seht denn:

 

Davids Kampf mit Goliath

 

    1. Es war scheinbar ein ungleicher Kampf, aber

    2. ein Kampf im Namen des HERRN und

    3. ein siegreicher Kampf.

 

1.

    Davids Kampf mit Goliath war erstens ein ungleicher Kampf, wenn wir auf die beiden Kämpfer blicken wie sie sich unserem Auge äußerlich darstellen. Wie verschieden, welche Ungleichheit! Goliath war ein Riese. Er war, wie aus dem Kapitel, aus dem unser Text genommen ist, berichtet wird, „ein Riese, sechs Ellen und eine Handbreit hoch“, nach unserem Maß etwa drei Meter. In dem ganzen Heer der Philister war er bei weitem der größte und stärkste unter den Kriegern. Und er war ein in Waffen, im Kriegsdienst geübter und erfahrener, gewandter Krieger. Dessen war er sich auch wohl bewusst. Im Vertrauen auf seine Stärke und Tüchtigkeit trat er aus dem Heer der Philister hervor, verhöhnte wiederholt das ganze Heer der Kinder Israel und forderte einen aus demselben zum Zweikampf auf, wie es zu jener Zeit Sitte war. Er rief ihnen zu: „Erwählt einen unter euch, der zu mir herkomme! Gebt mir einen und lasst uns miteinander streiten!“ Aber keiner wagte es, sich mit ihm in einen Zweikampf einzulassen; denn es heißt: „Da Saul und ganz Israel diese Rede des Philisters hörten, entsetzten sie sich und fürchteten sich sehr.“

    Und der andere Kämpfer – David? Er war noch ein Knabe, ein zarter junger Mann, der jüngste unter den acht Söhnen Isais. Seine drei ältesten Brüder befanden sich im Heer Sauls, um gegen die Philister zu streiten. David, als zu jung, war bei seinem Vater geblieben. Als dieser ihn zu dem Heer sandte, um zu sehen, wie es seinen Brüdern ginge, und ihnen Lebensmittel zu bringen, hörte er die Herausforderung des Philisters und die Verhöhnung des israelitischen Heeres. Sogleich war er bereit, die Herausforderung anzunehmen. Vor den König Saul gebracht, sprach er zu diesem: „Dein Knecht soll hingehen und mit dem Philister streiten.“ Der König erwiderte ihm: „Du kannst nicht hingehen gegen diesen Philister, mit ihm zu streiten; denn du bist ein Knabe, dieser aber ist ein Kriegsmann von seiner Jugend auf.“

    Wir sehen also, David war noch ein zarter junger Mann und ein einfacher Hirte, der die Schafe seines Vaters hütete, war im Kampf unerfahren und seiner Gestalt nach weder groß noch stark. Goliath hingegen stand im vollen Mannesalter, war seiner Gestalt nach ein Riese und im Kampf wohl geübt und erfahren. Dennoch nahm jener die Aufforderung an. Wie ungleich die beiden Kämpfer!

    Was für eine Anwendung kann bei dieser Geschichte auf uns gemacht werden? so werdet ihr fragen. Ich habe schon gesagt, dass jeder Christ in dieser Welt ein Kämpfer ist, und dass ihr mit dem heutigen Tag mehr oder weniger in die Welt hinaus und damit auf den Kampfplatz tretet. Diejenigen, gegen die ihr zu kämpfen haben werdet, sind die Philister dieser Zeit: die Kinder der Welt, des Unglaubens; und ihrer ist auch ein ganzes Heer. Aber wie der eigentliche Kämpfer der Riese Goliath war, so ist es hier der höllische Goliath, Satan, der Fürst dieser Welt, der sein Werk in den Kindern des Unglaubens hat, sie zum Hass, zur Feindschaft gegen die Kinder Gottes antreibt. Und er ist auch ein Riese, ein starker Gewappneter, wie ihn der HERR nennt. „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist; auf Erd ist nichts seinsgleichen.“ Er geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Und er ist kampfgeübt und kampfgerüstet. Mit diesem Riesen sollt ihr kämpfen!

    Was seid ihr dagegen? Junge Männer und junge Frauen, Knaben im zarten Alter wie David. Ich blicke nicht sowohl auf euren Körper als auf eure Geistesstärke. Seid ihr reich an Erkenntnis, stark im Glauben, geübt im Kampf, zu dem ihr berufen und verordnet seid? Ich muss und ihr selbst müsst es bekennen: Nein, nein, wir sind vielmehr arm an Erkenntnis, schwach im Glauben, ungeübt im Kampf. Wir können uns mit dem Knaben David nicht vergleichen, und unser Feid ist stärker als der, mit dem David in den Kampf ging. Und doch sollt ihr gegen diesen starken und grausamen Feind auf den Kampfplatz treten, mit ihm die Waffen kreuzen? Ist das nicht ein gänzlich ungleicher, ein aussichtsloser Kampf? So könnte es scheinen. Aber blickt auf den jungen Mann, den Knaben David. Dieser ging dem Riesen Goliath im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, entgegen, und das machte ihn getrost, freudig und voller Zuversicht im Kampf. Hiervon nun zweitens.

 

2.

    Der König Saul meinte, wenn David mit dem gerüsteten Kriegsmann kämpfen wolle, so müsste er auch die volle Rüstung eines Kriegers tragen, und ließ ihn daher seine eigene Kriegsrüstung anlegen. Welch ein Bild: der Knabe David in der Kriegsrüstung Sauls, der ein Haupt länger war als alles Volk! Er konnte sich in dieser Rüstung kaum bewegen. Hätte er so mit Goliath gekämpft, so wäre er sicherlich erschlagen worden. Sofort legte er darum die Rüstung wieder ab, zog seine gewöhnlichen Kleider an und nahm weiter nichts mit sich als seine Schleuder und fünf glatte steine aus dem Bach. So machte er sich zu dem Philister. Als dieser ihn so daherkommen sah, verachtete er ihn; denn es heißt: „David war ein Knabe, bräunlich und schön.“ Er4 sah es als eine Beschimpfung an, dass dieser Knabe ihm ohne Kriegsrüstung und Waffen entgegentrat. „Bin ich denn ein Hund“, so rief er ihm im Grimm zu, „dass du mit einem Stecken zu mir kommst?“ Und er fluchte David bei seinem Gott. Dieser erwiderte ihm in heiligem Trotz: „Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, den du gehöhnt hast.“

    Wir sehen, Goliath vertraute auf seine eigene riesige Kraft, auf seine Gewandtheit und gewaltige Rüstung. Er hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupt, einen festen Panzer um seine Brust, stählerne Schienen an den Beinen, einen ehernen Schild in seiner Linken und einen gewaltigen Spieß in seiner rechten Hand. In dieser Rüstung glaubte er, sicher zu sein. David hatte weder Helm noch Panzer, weder Spieß noch Schwert, sondern nur eine Schleuder und fünf glatte Steine in seiner Hirtentasche, eine in den Augen des Philisters verächtliche Waffe! Wohl ging er nicht ohne diese, nicht mit leeren Händen in den Kampf. Er wollte nicht etwa den Philister, gepanzert, wie er war, mit seinen schwachen Händen besiegen und erschlagen; das wäre frevelhafte Torheit gewesen. Er vertraute auch nicht auf seine Stärke, nicht auf seine Gewandtheit, obwohl er die gebrauchen wollte, sondern auf seinen Gott. „Ich komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth“, sprach er. Im Vertrauen auf seines Gottes Hilfe, Kraft und Beistand ging er in den Kampf. Um Gottes Ehre handelte es sich in dem Kampf zwischen den Philistern und Israel, zwischen Goliath und David. Den Gott Israels, den Schöpfer Himmels und der Erde, hatte der Heide Goliath gehöhnt und verlästert; dessen Ehre sollte David retten. Das ganze Land sollte erkennen, dass der wahre Gott Israels Gott sei, und wie er V. 47 hinzusetzt: „dass das ganze Volk Israel erkenne, dass der HERR nicht durch Schwert und Spieß hilft; denn der Streit ist des HERRN“. Um ihn und seine Ehre, die du verlästert hast, handelt es sich; er ist mit mir und hilft mir mit seiner Macht, gegen die deine Riesenmacht nichts als Ohnmacht ist.

    So soll auch euer Kampf, meine Konfirmanden, ein Kampf des HERRN sein gegen die Philister dieser Welt und ihren Fürsten, den höllischen Goliath. Wie David zu dem Heer Israels, dem Volk Gottes, kam, so kommt ihr heute durch euer eigenes Gelübde aufs neue zum Heer Israels, der christlichen Kirche. Ihr seid Israeliter und wollt es sein, das heißt, Gottes Streiter, und daher gilt’s, diesen Streit, diesen Kampf, auch in seinem Namen, zu seiner Ehre und im Vertrauen auf seine Macht zu führen. Ja, „der Streit ist des HERRN“, ist seine Sache. Wie es David aufs tiefste betrübte und verletzte, als Goliath den Gott Israels, seinen Gott, verhöhnte, so muss es auch euch aufs tiefste betrüben, wenn die Ungläubigen euren Gott lästern. Und wie ihn das veranlasste, gegen den Lästerer aufzutreten, so sollt auch ihr allen Lästerern gegenüber zum Kampf bereit sein und dabei nicht vertrauen auf euch selbst, eure Kraft, Klugheit und Geschicklichkeit; denn wie wir alle, so müsst auch ihr bekennen:ERHEeer IsraeHe

Mit unsrer Macht ist nichts getan,

Wir sind gar bald verloren.

Es streit für uns der rechte Mann,

Den Gott selbst hat erkoren.

 

Der Fürst dieser Welt,

Wie saur er sich stellt,

Tut er uns doch nicht,

Das macht, er ist gericht;

Ein Wörtlein kann ihn fällen.

    Das heißt denn recht, wie David gegen Goliath im Namen des HERRN kämpfen, und das heißt auch, siegreich wie David kämpfen. Das ist das dritte, was ich euch zeigen will.

 

3.

    Was tat David? Er eilte, lief dem Riesen Goliath entgegen, nahm einen der glatten Seine aus seiner Tasche, tat ihn in die Schleuder und zielte so fein, dass der Stein dem Riesen in die Stirn fuhr, und dieser, wie von einer Kugel getroffen, auf die Erde stürzte. Darauf sprang David herzu, nahm des Philisters Schwert und hieb ihm damit den Kopf ab. Das erschreckte das ganze Heer der Philister dermaßen, dass es die Flucht ergriff, worauf es von dem Heer Israels verfolgt wurde. So überwand der Knabe David den Riesen Goliath, nicht mit Schwert und Spieß, sondern mit einer Schleuder und einem Stein, nicht durch eigene Kraft, sondern durch die Kraft und Hilfe Gottes.

    Sollt und könnt ihr auch so kämpfen in eurem Kampf? Ja, so und nicht anders. Aber habt ihr eine Schleuder, eine Tasche und glatte Steine? Gewiss, wenn ihr David ähnlich seid. Welches ist denn eure Tasche? Das Wort Gottes. welches sind die glatten Steine? Die einzelnen Worte der Heiligen Schrift. Welches ist eure Schleuder? Der Glaube. Wenn die Philister, die Ungläubigen, gegen euch zu Feld ziehen, und Satan in ihnen sich naht in den mancherlei Versuchungen, Verlockungen und Verführungen, wenn sie euch geistlich töten, zum Abfall verführen wollen, dann gebraucht eure Schleuder, den Glauben, greift in die Tasche der Heiligen Schrift, nehmt daraus dieses und jenes Wort und schleudert es dem Feind entgegen, so dass es ihn wie ein glatter Stein an die Stirn trifft. Wie denn? Blickt auf den HERRN Christus in seinem Kampf mit dem Satan in der Wüste. Dieser wollte ihn zuerst zum Zweifel verführen. Der HERR aber schleuderte ihm den Stein des Wortes Gottes entgegen: „Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.“ Als er dann zur Vermessenheit versucht wurde, da traf er ihn mit diesem Stein: „Wiederum steht auch geschrieben: Du sollst Gott, deinen HERRN, nicht versuchen.“ Als Satan ihn durch Verheißung weltlicher Herrlichkeit versuchen wollte, ihn, den Satan, anzubeten, da schleuderte er ihm diesen Stein an die Stirn: „Du sollst anbeten Gott, deinen HERRN, und ihm allein dienen.“ Das waren die glatten Steine des göttlichen Wortes, die den Satan an die Stirn trafen und ihn besiegten. Ebenso machte es der Jüngling Joseph, der Potiphars Frau antwortete: „Wie sollt‘ ich so ein großes Übel tun und gegen Gott sündigen?“

    Wie Joseph, wie der HERR selbst, so sollt auch ihr die einzelnen Worte der Heiligen Schrift als glatte Steine gebrauchen. Wenn Satan euch zur Weltliebe verführen will, so schleudert ihm das Wort entgegen: „Es steht geschrieben: Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust, der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust“; wenn zur Unmäßígkeit: „Die Trunkenbolde werden das Reich Gottes nicht ererben“; wenn zur Unzucht: „Es steht geschrieben: Fliehe die Lüste der Jugend! Du sollst nicht ehebrechen“; wenn zum Betrug und Diebstahl: „Du sollst nicht stehlen“; wenn zum Müßiggang: „Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen“; wenn er in Not und Mangel euch den Glauben rauben will: „Es steht geschrieben: Wirf dein Anliegen auf den HERRN, der wird dich versorgen. Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Diese und andere Worte der Heiligen Schrift sollt ihr bei der Hand haben, wie David seine glatten Steine, recht gebrauchen in allen Versuchungen, dann werdet auch ihr, obwohl schwach, doch im Vertrauen auf den HERRN den Sieg davontragen; dem Feind fest im Glauben widerstehen.

    Und wer so siegreich kämpft, erhält, wie David, einen herrlichen Lohn: die königliche Krone der Ehre und Herrlichkeit. Darum rufe ich euch mit dem Dichter zu:

So streit denn recht, streit keck und kühn,

Dass ihr mögt überwinden!

Strengt an die Kräfte, Mut und Sinn,

Dass ihr dies Gut mögt finden.

Wer nicht will kämpfen um die Kron,

Bleibt ewiglich in Schmach und Hohn.

    Amen.

 

Predigt zu Gruendonnerstag ueber 1. Korinther 11, 23-26: Die doppelte Forderung, welche an diejenigen geht, die im Abendmahl Christi Leib und Blut geniessen

(entnommen aus: Carl Ferdinand Wilhelm Walther: Lutherische Brosamen. St. Louis, Mo.: Cocnordia Publishing House. 1897. S. 108 ff.)

 

    HERR Jesus, um uns Sünder selig zu machen, war es Dir nicht genug, uns durch Hinopferung Deines Leibes und Blutes auf dem Altare des Kreuzes mit Deinem Vater zu versöhnen, Du hast auch ein Gedächtnis dieser Deiner Wunder gestiftet, in welchem Du uns mit diesem Deinem für uns geopferten Leibe und Blute speisest und tränkest, damit niemand zweifeln könne, dass auch er Theil habe an Deiner Versöhnung.   Verwandle darum heute in uns alles tote Wissen hiervon in eine lebendige Erkenntnis und alle Gleichgültigkeit dagegen in ein heiliges Hungern und Dürsten darnach, auf dass wir allezeit als Dir angenehme Gäste an Deiner Gnadentafel erscheinen, Deinen Leib und Dein Blut allezeit würdig genießen und dadurch allezeit unser Glaube gestärkt, unsere Liebe entzündet, unsere Hoffnung befestigt, unser Leib und unsere Seele mit Freude erfüllt, erquickt, geheiligt und zugerüstet werde zur seligen Heimfahrt. Dort aber lass uns teilnehmen auch an Deinem himmlischen Hochzeitsmahl, da Freude die Fülle sein wird und liebliches Wesen zu Deiner Rechten immer und ewiglich. Amen.

 

1. Korinther 11, 23—26: Ich habe von dem HERRN empfangen, was ich euch gegeben habe. Denn der HERR Jesus in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib der für euch gebrochen wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut. Solches tut, so oft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn so oft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen, bis dass er kommt.

 

            Ich habe es von dem HERRn empfangen, was ich euch gegeben habe. ...

 

                    Geliebte Brüder und Schwestern in dem HERRN Jesus!

            So ist denn heut der Tag wiedergekehrt, an welchem Christus einst das heilige Abendmahl einsetzte. O welch ein wichtiger, heiliger, seliger Tag des ganzen Kirchenjahres ist daher der heutige Donnerstag! Welch ein Tag der Gnade! Er ist es wahrlich wert, von der ganzen Christenheit auf Erden mit tiefster Andacht, in heiliger Stille und Herzenseinkehr gefeiert zu werden.

           Leider gibt es jedoch namentlich in unseren Tagen in der Christenheit nur allzu viele, welche gerade den heutigen Tag für einen nicht eben sonderlich wichtigen ansehen und daher zur Feier desselben die Arbeiten ihres irdischen Berufes kaum auf einige Stunden zu unterbrechen sich entschließen können. Selbst unter uns Lutheranern, denen doch Gott vor anderen die reine Erkenntnis vom heiligen Abendmahl aus großer Gnade geschenkt hat, selbst unter uns zeigt sich bei nicht wenigen eine nur allzu große Geringachtung gerade des heutigen Tages. Denn, sagt selbst, warum ist heute das Haus des HERRN nicht ebenso gefüllt, als es am nächsten heiligen Ostertag gefüllt sein wird? Ohne Zweifel darum, weil man die Einsetzung des heiligen Abendmahls, welche heute begangen wird, für eine Sache von nicht eben großer Bedeutung ansieht.

            Oder großen Verblendung! O des großen, beweinenswürdigen Undanks!

            Es ist ja freilich wahr: Die Einsetzung des heiligen Abendmahls gehört nicht zu den großen Taten Gottes zur Erlösung der Sünderwelt, wie die Geburt Jesu Christi, welche zu Weihnachten, wie sein Leiden und Sterben, welches am heiligen Karfreitag, und wie seine Auferstehung von den Toten, welche am Osterfeste gefeiert wird; allein darum ist die Einsetzung des heiligen Abendmahls nicht weniger wichtig. Denn, sagt selbst, was hülfe es uns, dass Christus der ganzen Sünderwelt durch sein Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Gottes Gnade erworben hat, wenn es keine Gnadenmittel gäbe, durch die uns diese uns erworbene Gnade Gottes angeboten, zugeeignet, dargereicht und versiegelt würde? Was hülfe uns ein Heiland, der gen Himmel gefahren ist und sich zur Rechten Gottes gesetzt hat, wenn es nichts gäbe, womit er gleichsam wie mit seinen Händen seine Gnadengüter uns vom Himmel auf die Erde herab reichte? Wie könnte ohne göttliche Gebe- und Schenkungsmittel irgend ein Mensch in der Welt dessen je gewiss werden, dass Christi allgemeine Versöhnung und Erlösung sein sei? wie könnte dann irgend ein Mensch in der Welt jemals mit jenem frommen Dichter in göttlicher Gewissheit triumphierend ausrufen:

Ich weiß es, ich weiß es, und will es behalten,

So wahr Gottes Hände das Reich noch verwalten,

So wahr Gottes Sonne am Himmel noch prangt,

So wahr hab ich Sünder Vergebung erlangt! -

           

    Ihr werdet vielleicht sagen: Aber könnte der Mensch nicht auch auf sein bloßes Gebet durch den Heiligen Geist dessen ebenso gewiss werden? Ich antworte: Nein! Denn müsste dann ein Mensch nicht immer fürchten, dass er sich ja täuschen und bloße betrügliche Gefühle seines Herzens für das Zeugnis des Heiligen Geistes halten könne? Oder müsste doch ein Mensch nicht, so ist er keine Gnade mehr in seinem Herzen fühlte, dann glauben, dass er die Gnade Gottes wieder verloren habe?                  

           Darum wohl uns! Christus hat nicht nur der ganzen Welt Gottes Gnade erworben, sondern auch drei köstliche Gnadenmittel eingesetzt, mit welchen er dem Menschen die erworbene Gnade anbietet, schenkt, zueignet und versiegelt; und diese drei Gnadenmittel sind: das Wort des Evangeliums, die heilige Taufe und das hochwürdige Abendmahl. Sie sind die drei Schatzkammern aus Erden, in welche Christus alle Schätze seiner Gnade niedergelegt hat; sie sind die drei Sprossen der Himmelsleiter, auf welchen diese Gnade zu uns herabsteigt; sie sind die drei von Christo auf Erden gegrabenen und gefüllten, von Gnade überfließenden Gemeinbrunnen, aus denen alle, die darnach durstig sind, schöpfen und ihren Seelen Durst löschen sollen und können;. sie sind die drei Hände des dreieinigen Gottes, mit denen er die teuer erkaufte Gnade uns selbst von oben herab reicht; sie sind die drei göttlichen Zeugen auf Erden, die, was der Vater, Sohn und Heilige Geist unhörbar und unsichtbar von dem Heil der Sünder droben im Himmel bezeugt, hörbar und sichtbar hienieden bezeugen; sie sind die drei goldenen Himmelsschlüssel, die uns den von Christo bereiteten Himmel ewiger Seligkeit und Herrlichkeit aufschließen; sie sind der Weg und Steg, auf welchem die Gnade zu dem Menschen und der Mensch zu der Gnade kommt; das Wort ist der göttliche Gnadenbrief, die Taufe und das heilige Abendmahl seine unverbrüchlichen ewig giltigen göttlichen Siegel. Mit Recht haben wir daher soeben gesungen:

Dein Wort, dein Tauf und dein Nachtmahl

Tröst mich in diesem Jammertal,

Da liegt mein Schatz begraben.

 

Ja, ja, meine Lieben, da liegt unser Schatz begraben!              

            Wie? ist also der heutige Tag nicht ein seliger Tag, an welchem eins jener Gnadenmittel, das heilige Nachtmahl, eingesetzt worden ist? Ja, wahrlich, auch heute ist ein Tag, den der HERR gemacht hat; lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein!

           Haben wir uns nun bisher an dem heutigen sogenannten Gründonnerstag zumeist mit dem beschäftigt, was Christus im heiligen Abendmahl uns schenkt und an uns tut, so lasset uns heute auch einmal auf das unsere Andacht richten, was wir bei diesem heiligen Sakrament nach unserem Texte zu tun haben. Ich stelle euch daher jetzt vor:

 

Die doppelte Forderung, welche an alle Diejenigen ergeht, die im heiligen Abendmahle Christi Leib und Blut genießen

 

nämlich            

1. die Forderung Christi: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“, und

2. die Forderung des heiligen Apostels: „So oft ihr von diesem Brode esset und von diesem Kelche trinket, sollt ihr des HERRN Tod  verkündigen, bis dass er kommt.“

 

I.

           Wenn, meine Lieben, Christus bei Einsetzung des heiligen Abendmahls zweimal, sowohl da er seinen Leib seinen Jüngern zum Essen, als da er ihnen sein Blut zum Trinken darreichte, sprach: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“, so ersehen wir hieraus erstlich, dass es also bei dem rechten Genuss dieses heiligen Sakraments damit keineswegs abgemacht sei, dass man nur äußerlich das Werk tue, sondern dass vielmehr alles darauf ankomme, wie, in welcher Absicht und in welcher Gesinnung des Herzens man es tue. Wir sehen hieraus: wer nur darum zum heiligen Abendmahl geht, weil er dies von Jugend auf so gewohnt ist, weil er dies alle gute Christen tun sieht und weil er dies für eine gute Sitte hält, deren Beobachtung zu den Pflichten aller guten Christen gehöre; wer daher nur dadurch bewogen wird, wieder einmal zum Tisch des HERRN zu gehen, weil er es sich zur Regel gemacht hat, dies wenigstens zwei-, drei- oder viermal des Jahres zu tun; wer also nicht durch sein Herz, sondern allein durch den Verlauf einiger Monate daran erinnert wird, dass es nun wieder Zeit sei, das heilige Werk zu verrichten: ein solcher kommt der Anforderung, welche Christus bei Einsetzung des heiligen Abendmahls an seine Gäste gestellt hat, nicht nach; dessen Abendmahlsgenuss ist daher auch ein eitles, vergebliches, ihm nicht nur nichts nützen, sondern auch schädliches, ja verdammliches Werk.

            Doch, wenn Christus spricht: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“, so fordert er von seinen Abendmahlsgästen nicht nur dieses, dass sie sein heiliges Mahl nicht gedankenlos, sondern mit heiliger Herzensandacht genießen; damit sagt er ihnen auch, worin diese Andacht bestehen müsse, nämlich in seinem „Gedächtnis“. Hieraus sehen wir: nicht das ist also die Hauptsache, dass die Abendmahlsgäste sich das ganze Leiden Christi in allen seinen Einzelheiten lebendig vor die Seele stellen, um dadurch etwa zu Mitleid gegen Christum bewogen und wo möglich bis zu Tränen gerührt zu werden; nein, Christi Person selbst soll der Gegenstand, der eigentliche Mittelpunkt sein, um den sich bei dem Genuss seines heiligen Leibes und seines heiligen Blutes alle ihre Andacht, alle ihre Gedanken und Empfindungen bewegen. Mit der Religion Christi hat es also eine ganz andere Bewandtnis, als mit allen anderen Religionen in der Welt. Alle anderen Religionsstifter haben ihre Anhänger nur auf ihre Lehre und nicht auf ihre Person gewiesen, vielmehr von der letzteren abgewiesen. Alle anderen Religionsstifter haben es ihren Anhängern eingeprägt, dass es nicht sowohl darauf ankomme, wer sie lehre, sondern vielmehr nur darauf, was ihnen gelehrt werde. Gerade dessen haben sie sich als eines Beweises der Wahrheit ihrer Religion gerühmt, dass sie selbst gern vergessen sein wollten, wenn nur ihre Lehre, ihre Religion bleibe und beobachtet werde. Nicht so Christus. Immer weist er auf sich selbst, auf seine Person als auf die Hauptsache in seiner Religion hin. Er spricht nicht nur, dass seine Lehre Licht und Wahrheit bringe, den Weg zeige und das Leben gebe, sondern er spricht geradezu: „Ich bin das Licht der Welt.  Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe. Ich bin die Thür. Ich bin das Brod vom Himmel gekommen. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. So ihr nicht glaubt, dass Ich es sei, so werdet ihr sterben in euren Sünden.“ Und als nun Christus endlich in der Nacht, da er verraten ward, in jener Nacht vor seinem letzten Leiden und seinem Sterben, das heilige Abendmahl einsetzte und mit demselben sein Testament machte und seinen letzten Willen festsetzte, auch da sprach er: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ Wie also Christi Person der Kern und Stern der ganzen christlichen Religion ist, so soll sie auch der eigentliche Mittelpunkt und die wahre Seele jeder christlichen Abendmahlsfeier sein. Ein rechter Abendmahlsgast, wie Christus ihn fordert, ist daher nur der, welcher sich nicht nur von Christi Lehre, sondern vor allem von seiner Person selbst angezogen fühlt; welcher nicht nur Christi Lehre für wahr hält, sondern Christo selbst als der persönlichen Wahrheit anhängt; welcher sich nicht nur mit Christi Lehre täglich beschäftigt, sondern mit Christo selbst in stetem geheimem Verkehr steht; welcher nicht nur ein Freund der Lehre Christi, sondern so zu sagen ein persönlicher Freund Christi selbst ist. Während sein Leib zum Tisch des HERRN eilt, ist sein Geist auf Golgatha, knieet da vor Christi Kreuz, umklammert seine erbleichten Füße und trinkt da sein aus den fünf Wunden strömendes Blut. Darum soll es auch einem wahrhaft gläubigen Abendmahlsgast etwas ganz Erschreckliches sein, dass eine ganze große kirchliche Partei lehrt, im heiligen Abendmahl sei nicht Christi Leib, nicht Christi Blut, sondern nur ein Zeichen, ein Symbol davon. Damit soll einem rechten Abendmahlsgast aus diesem himmlischen Mahl der eigentliche Kern, den er sucht, herausgenommen und eine leere Schale zurückgelassen sein. Von einem Abendmahle Christi ohne Christum selbst soll er nichts wissen wollen; vielmehr soll ihm Christi Person selbst als der rechte himmlische Stern darin hell entgegen funkeln, Christi Leib das Manna in der Wüstesein, das er dazu essen, Christi Blut das Wasser aus dem Heilsfelsen, das er da zu trinken begehrt. Ein solcher soll mit jenem Liede sprechen können:

O Jesu süß, wer dein gedenkt,

Des Herz mit Freud wird überschwenkt,

Noch süßer aber alles ist,

Wo du, o Jesu, selber bist.

 

            Ist es aber, meine Lieben, nicht wunderbar, dass der demütige Heiland, der selbst von sich sagt: "Ich suche nicht meine Ehre", doch bei der Einsetzung seines heiligen Nachtmahls an alle Gäste die Forderung stellt: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“? Wollte denn Jesus, als er ein ganzes Leben voll Schmach und Verachtung hinter sich hatte, nun wenigstens für seinen Nachruhm sorgen? War denn Jesus darauf bedacht, da die Mitwelt ihn verunehrt hatte, wenigstens die Ehre der Nachwelt zu erlangen? War es denn Jesu in seinen letzten Stunden darum zu tun, dass er, wenn er auch eines schmachvollen Todes sterbe, doch nicht in der Welt in Vergessenheit gerate, sondern dass nach seinem Tode wenigstens sein Name unter den Menschen fortlebe? -- Es sind dies, meine Lieben, ganz törichte Gedanken. -- Wie hätte Christum nach der Ehre der Welt gelüsten können, die wie ein Rauch vergeht? ihn, der unter dem Lobe aller Engel wohnt, dem die Cherubim und Seraphim, ihr Antlitz ehrfurchtsvoll vor ihm bedeckend, das Dreimalheilig singen? ihn, dem Gott der Vater "einen Namen gegeben hat, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle derer Kniee, die im Himmel und auf Erden und unter der Erden sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der HERR sei, zur Ehre Gottes des Vaters"? Nein, nein, nicht um seinetwillen, sondern um der Abendmahlsgäste willen stellt Christus die Forderung an sie: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“. Wie Gott überhaupt zwar von allen Kreaturen im Himmel und auf Erden geehrt sein will, nicht, wie die Ungläubigen spotten und lästern, weil Gott von der Ehre seiner Kreaturen einen Zuwachs zu seiner Herrlichkeit erlangen wollte oder könnte, sondern allein aus Liebe zu den Kreaturen, weil diese nur dann selig sein können, wenn sie ihn, ihren Schöpfer, in seiner Herrlichkeit erkennen und ihm alle Ehre geben: so fordert auch Christus von allen Abendmahlsgästen, dass sie sein Mahl zu seinem Gedächtnis, also allerdings zu seines Namens Ehre genießen, nicht um seinetwillen, sondern allein darum, weil sie nur dann der Schätze der Gnade teilhaftig werden, die Christus in dieses Mahl gelegt hat und durch dasselbe ihnen anbietet, mittheilt, zueignet und versiegelt.                       

            Denn was ist es endlich, was Christus mit den Worten: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ eigentlich sagen will? Christus zeigt dies selbst deutlich an, indem er spricht: „Nehme, esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird“; und zum andern: „Trinkt alle daraus, das ist mein Blut des Neuen Testaments, das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden“; und indem er zu diesen beiden Anreden hinzusetzt: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“. Er will also hiermit dieses sagen: Wenn ihr meinen Leib und mein Blut genießet, sollt ihr nicht an euch selbst, noch an eure Werke, sondern an mich und mein Werk gedenken, und zwar nicht an mich, wie ich einst am jüngsten Tage als ein strenger Richter kommen werde auf den Wolken des Himmels, sondern wie ich als euer Erlöser und Heiland am Kreuz hing, wie ich da litt, starb und mein Blut vergoss, und zwar nicht für mich oder als ein Märtyrer für meine Lehre, sondern „für euch“, nämlich „zur Vergebung eurer Sünden“. Seht, vor allem dann tut also ein Kommunikant, was Christus von ihm mit den Worten fordert: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“, wenn er beim Empfang seines Leibes und Blutes sich Christi Leidens nicht nur als einer geschehenen Tatsache erinnert, sondern wenn er dabei also in seinem Herzen denkt:  O das ist der Leib, der für mich in den Tod gegeben worden ist! O das ist das Blut, das für mich vergossen worden ist! O ich seliger Mensch! nun habe ich mich weder vor meinen Sünden, noch vor Gottes Zorn, weder vor dem Tod, noch vor der Hölle zu fürchten; denn nun habe ich ja das teure vollgültige Lösegeld selbst, damit Christus die Schuld der ganzen Sünderwelt und auch meine Schuld bezahlt, Gott mit mir versöhnt und Gnade, Vergebung der Sünde, Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit mir erworben hat! Halleluja! Halleluja! Alle Zweifel an meinem Gnadenstande und an meiner Seligkeit sind nun von mir genommen! -- Sehet da, Christi Leib und Blut zu seinem Gedächtnis genießen, heißt also kurz, es nicht allein mit dem Munde, sondern zugleich geistlich genießen im Glauben.

            O des gnädigen und freundlichen Heilandes! Sein letzter Wille war also, uns ein Mahl einzusetzen, worin nicht nur er selbst die Speise und der Trank ist, sondern dabei er auch nichts von uns fordert, keine Gegengabe, kein Werk, keine Würdigkeit, sondern nur, dass wir an die Gnade glauben, die er uns damit anbietet, darreicht, zueignet und versiegelt; wie denn schon ein Jahrtausend vorher im Hohenlied unseres himmlischen Bräutigams süße Stimme erschallte: "Esset, meine Lieben, und trinket, meine Freunde, und werdet trunken."

 

II.

            Doch, meine Lieben, der heilige Apostel Paulus setzt zu Christi Worten aus Erleuchtung des Heiligen Geistes noch dieses hinzu: „Denn so oft ihr von diesem Brot esst, und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen, bis dass er kommt.“ Und hiermit gibt denn der Apostel eine zweite Forderung an, welche an alle diejenigen ergeht, die im heiligen Abendmahle Christi Leib und Blut genießen. Davon lasst mich daher nun noch zweitens kurz zu euch sprechen.

         Fordert, meine Lieben, der Apostel von allen Kommunikanten, dass sie bei ihrem Abendmahlsgenuss den Tod des HERRN auch „verkündigen“ sollen, so fordert er von ihnen offenbar erstlich dieses, dass sie das heilige Abendmahl, obwohl vor allem um ihrer selbst willen, doch auch um ihres Nächsten, um ihrer Brüder und um der Welt willen feiern, ihnen allen nämlich dadurch den Versöhnungstod des HERRN predigen und anpreisen sollen. Der Altar, an welchem das heilige Abendmahl gefeiert wird, soll also gleichsam die Kanzel der Laien sein, auf welcher auch sie als rechte geistliche Priester erscheinen sollen, zu verkündigen die Tugenden des, der sie berufen. hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.  Hat der Prediger seine Predigt auf der Kanzel geendigt, dann soll aus der Zuhörerschaft die gläubige Gemeinde auftreten, und nun sie durch den öffentlichen Genuss des heiligen Abendmahls den ihr mit Worten gepredigten gekreuzigten Christus vor aller Welt auch mit der Tat verkündigen, und damit bekunden, dass sie Christi Kirche sei. Hätte nämlich Christus nur das Amt des Predigens und nicht auch das der heiligen Sakramente eingesetzt, so könnte ja niemand wissen, wo denn die Kirche oder die Gemeinde der Gläubigen, zu der er sich zu halten habe, zu finden sei; denn die Predigt hören auch die, welche keine Gläubigen sein wollen und denen der gekreuzigte Christus noch eine Torheit und ein Ärgernis ist.  Wie daher diejenigen, die durch die Predigt des Evangeliums zum Glauben an Christum gekommen sind, schon durch die Taufe öffentlich aus der Welt heraus treten, in die Kirche der Gläubigen eintreten und Christus ewige Treue  schwören, so sollen nun auch die Getauften immer und immer wieder am Altare des HERRN erscheinen, und damit bezeugen, dass sie ihres Bundes noch eingedenk und ihm treu gebliebene Jünger des Gekreuzigten, dass also hier seine Kirche sei.

            Wie gern sollten wir daher fleißig zum heiligen Abendmahl gehen! Wie sollte gerade in unserer Unglaubenszeit uns dazu schon das antreiben, dass wir, so oft wir zum Tisch des HERRN treten, nicht nur unseren Brüdern, sondern auch der ungläubigen Welt den Tod des HERRN verkündigen, und es ihr so wissen lassen, dass die Kirche des Gekreuzigten noch nicht verschwunden, noch nicht ausgestorben, noch nicht untergegangen sei, sondern dass es noch immer Herzen gebe, die an ihn glauben, in ihm ihre Seligkeit finden und ihn lieben als ihr höchstes Gut!  Die Gesinnung, mit welcher wir zum Altare eilen, sollte also die sein, welche ein neuerer Dichter mit den Worten ausgedrückt hat:

Wenn alle untreu werden,

So bleib ich dir doch treu,

Dass Dankbarkeit auf Erden

Nicht ausgestorben sei.

 

            Doch, meine Lieben, wenn der Apostel in unserem Texte schreibt: „So oft ihr von diesem Brot esst, und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen, bis dass er kommt“, wenn er also den Abendmahlsgenuss zugleich für eine gemeinschaftliche Glaubenstat und für ein gemeinschaftliches tatsächliches Glaubensbekenntnis erklärt, so fordert er damit zugleich von uns zum andern, dass wir das heilige Abendmahl nur mit denen feiern sollen, die mit uns einen und denselben Glauben bekennen. Wäre das heilige Abendmahl nur zu dem Zweck eingesetzt, dass wir darin den wahren Leib Christi mit unserem Munde essen und sein wahres Blut mit unserem Munde trinken, so könnten und sollten wir es freilich allenthalben genießen, wo immer dasselbe nach Christi Einsetzung richtig vollzogen wird.  Aber da Paulus sagt, dass wir dadurch „den Tod des HERRN verkündigen“ d. h. bekennen sollen, so wäre es ja offenbar wider Christi Willen, wenn wir es da feiern wollten, wo unserem Glaubensbekenntnis widersprochen wird.

            Das heilige Abendmahl ist, wo immer es gefeiert werden mag, die Fahne und das Panier des Glaubens der Kirche oder Gemeinde, in deren Mitte man es genießt. Wie man sich nun auf die Seite der Armee stellt, zu deren Fahne man sich hält und um deren Friedens- und Kriegs- Panier man sich mit schart, so stellt sich auch jeder Christ auf die Seite der Gemeinde, in deren Mitte und Gemeinschaft er das heilige Abendmahl mitgenießt; bekennt nun die Gemeinde den rechten Glauben, so bekennt denselben auch der Kommunikant mit ihr, bekennt aber die Gemeinde einen falschen Glauben, so bekennt der Kommunikant auch diesen mit ihr, den rechten hingegen öffentlich tatsächlich verleugnend.

         Wohlan denn, meine teuren Brüder und Schwestern in Christus Jesus, lasst uns in dieser Zeit, in welcher so viele das selige Geheimnis des heiligen Abendmahls nicht mehr glauben und es für nichts weiter, als für eine bedeutungsvolle Zeremonie ansehen, wider alle Einwürfe unserer Vernunft fest halten an den Worten des allmächtigen und wahrhaftigen Heilandes: „Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; das ist mein Blut, das für euch vergossen wird“; aber lasst uns heut, am Tage der Stiftung dieses heiligen Mahles, auch die doppelte Forderung, welche an alle diejenigen ergeht, die in diesem Mahle Christi wahren Leib und Christi wahres Blut genießen, tief in unser Herz schreiben. Vor unserer Seele stehe daher, so oft wir uns zum Tisch des HERRN nahen, das Wort des HERRN: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“; und lasst uns daher den Genuss dieses Sakramentes nicht für ein Werk ansehen, das Gott schon gefalle, wenn wir es nur äußerlich tun, sondern dabei Christi gedenken und zwar im Glauben gedenken! Vor unserer Seele stehe aber auch dabei allezeit das Wort des Apostels: „Denn so oft ihr von diesem Brot esst, und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen“, und lasst uns daher, so oft wir dem Altare nahen, als Bekenner des Gekreuzigten vor der Welt, als rechte geistliche Priester erscheinen, die da verkündigen die Tugenden des, der sie berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte. Zugleich lasst uns aber auch um dieses Glaubenspanier nicht in der falschen Kirche, sondern nur da uns scharen, wo der wahre Christus, das ist, sein ganzes Evangelium, rein und lauter, ohne Verstümmelung und Zutat bekannt und gepredigt wird. -

            Nun, bis hierher hat der treue Gott uns sein teures wertes Abendmahl rein und lauter erhalten, o lasst uns erkennen, welchen hohen himmlischen Schatz wir darin besitzen, ihn über alles Geld und Gut der Welt teuer und wert achten, allezeit recht gebrauchen, und endlich auch unablässig gemeinschaftlich beten:

Ach bleib bei uns, HERR Jesus Christ,

Weil es nun Abend worden ist,

Dein göttlich Wort, das helle Licht,

Lass ja bei uns auslöschen nicht.

 

In dieser letz’n betrübten Zeit

Verleih uns, HERR, Beständigkeit,

Dass wir dein Wort und Sakrament

Rein b’halten bis an unser End. 

 

Amen.

 

 

Alttestamentliche Predigt zu Karfreitag ueber Jesaja 52,13-53,5: Das Bekenntnis der glaeubigen Gemeinde von der Erniedrigung des Gottesknechts

 

Jesaja 52,13-53,5: Siehe, mein Knecht wird weise tun und wird erhöht und sehr hoch erhaben sein, dass sich viele über dir ärgern werden, weil seine Gestalt hässlicher ist als anderer Leute und sein Ansehen als der Menschenkinder. Aber so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund gegen ihm zuhalten. Denn welchen nichts davon verkündigt ist, diese werden’s mit Lust sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden’s merken.

    Aber wer glaubt unserer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? Denn er schießt auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schönheit; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste, von Menschen verlassen, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Übertretung willen durchbohrt und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

 

    In dem gekreuzigten Erlöser geliebte Brüder und Schwestern!

    Was die Evangelisten des Neuen Testaments in eingehender Weise von dem Leiden des HERRN berichten, das hat der Evangelist des Alten Testaments, der Prophet Jesaja, durch göttliche Offenbarung geschaut und in großen Zügen schon etwa 750 Jahre vorher dem Volk Israel vorherverkündigt. Den Höhepunkt seiner Vorherverkündigung dieses Leidens haben wir im 53. Kapitel seines Buches, dem der eben verlesene Text entnommen ist.

    In dieser Leidensverkündigung wird von drei verschiedenen Seiten das Wort ergriffen, deren Reden sich zu einer Schilderung oder, wie sie auch genannt werden kann, einem Leidensgemälde ohnegleichen vereinigen. Gott selbst, die gläubige Gemeinde und der Prophet Jesaja reden. Die Rede Gottes bildet den Anfang und Schluss. Nachdem Gott den Anfang gemacht hat, tritt die gläubige Gemeinde mit einem bußfertigen Bekenntnis auf; darauf folgt der Prophet mit einer ergreifenden Schilderung, wie der große Dulder gelitten, wozu er gelitten hat und was mit ihm geschehen ist, und zum Schluss redet Gott nochmals und verkündigt den großen Lohn, den er seinem Knecht geben will als die überaus herrliche Frucht seines Leidens.

    „Siehe, mein Knecht wird weise tun und erhöht und sehr hoch erhaben sein, dass sich viele über ihn ärgern werden, weil seine Gestalt hässlicher ist als anderer Leute und sein Ansehen als der Menschenkinder.“ So beginnt Gott durch den Mund des Propheten. Er nennt den großen Dulder seinen Knecht. Aber ist er nicht sein Sohn, von Ewigkeit aus seinem Wesen gezeugt, mit ihm gleichen Wesens, gleicher Majestät und Herrlichkeit? Hat er nicht im zweiten Psalm zu ihm gesagt: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“? Warum nennt er ihn denn hier seinen Knecht? Weil er ihn in diese Welt gesandt, ihm das Leiden auferlegt, der Sohn dieses Leiden willig auf sich genommen und ihm, dem Vater, völligen Gehorsam geleistet hat. Daher sprach der Sohn Ps. 40,9: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und dein Gesetz habe ich in meinem Herzen.“ Daher schreibt Paulus Phil. 2: „Christus wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.“ Mit Recht lässt daher auch der Dichter den Vater zu dem Sohn sagen:

Geh hin, mein Kind, und nimm dich an

Der Kinder, die ich ausgetan

Zur Straf und Zornesruten.

Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß;

Du kannst und sollst sie machen los

Durch Sterben und durch Bluten.

Und darauf den Sohn antworten:

Ja, Vater, ja, von Herzensgrund:

Leg auf, ich will dir’s tragen.

Mein Wollen hängt an deinem Mund,

Mein Wirken ist dein Sagen.

So wurde der Gottessohn Gottes Knecht, indem er ihm gehorsam wurde, das ihm befohlene Werk willig auf sich nahm und vollbrachte, in die tiefste Tiefe der Niedrigkeit herabstieg.

    Aber diese tiefe Erniedrigung, diese Knechtsgestalt, war seinem eigenen Volk, dem Volk Gottes, unbegreiflich, ja, ein Gegenstand des Ärgernisses und Anlass, ihn zu verwerfen – mehr noch, ihn zu verabscheuen. So blind war das Volk, dass es vor Abscheu das Angesicht vor ihm verbarg. Aber die gläubige Gemeinde unter dem Volk ist zur Erkenntnis gekommen, und darum tritt sie mit einem offenen Bekenntnis auf. Dieses ist in den gehörten Textworten enthalten. Betrachten wir daher jetzt aufgrund derselben:

 

Das Bekenntnis der gläubigen Gemeinde von der Erniedrigung des Gottesknechts

 

    Sie bekennt dies

1.                 Hinsichtlich seiner Person,

2.                 Hinsichtlich seiner Leiden.

 

1.

    Wie so gar keinen Grund hatte das Volk Israel, sich an der tiefen Niedrigkeit des Knechtes Gottes, des ihm gesandten Messias, zu ärgern und ihn zu verwerfen, wenn es der von ihm durch die Propheten gehörten Predigt geglaubt, nur die Anfangsworte unseres Textes beachtet und verstanden hätte: „Siehe, mein Knecht wird weise tun und wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.“ Denn mit diesen Worten weist Gott im Voraus auf die Erhöhung, die Erhabenheit seines Knechtes, die auf seine Erniedrigung folgen werde, hin, um dem Ärgernis und der Verachtung vorzubeugen. Denn so groß wird seine Erhabenheit sein, dass, während sich viele an seiner Niedrigkeit ärgern, viele Völker vor ihm aufspringen, sich erheben, Könige seinethalben ihren Mund zuhalten werden, weil sie nämlich so Erstaunliches und Wunderbares an ihm sehen und hören, wie sie es nie gesehen und gehört haben, in ehrfürchtigem Erstaunen schweigen werden.

    Wovon die Heiden nichts gehört hatten, das war dem Volk Israel durch den Mund der Propheten verkündigt worden. Aber wer hat dieser Predigt geglaubt? Wem ist der Arm des HERRN, das heißt, das wunderbare Walten Gottes mit seinem Knecht, offenbar geworden? Die Antwort liegt in der Frage selbst, und so bekennt die nun erleuchtete gläubige Gemeinde: Wir haben alle miteinander dieser Predigt des HERRN durch die Propheten nicht geglaubt; das wunderbare Walten Gottes mit seinem Knecht, dem von ihm uns gesandten Erlöser, ist uns gänzlich verborgen geblieben.

    Und nun geben sie den Grund ihres Unglaubens, ihrer Blindheit, in den Worten an: „Denn er schießt auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schönheit; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.“ Damit weisen sie auf die Person des HERRN nach seinem menschlichen Ursprung, seiner Geburt und seiner Erscheinung oder seinem Auftreten unter ihnen hin. Sie bekennen: „Denn er schießt auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.“ Sie hatten erwartet, dass der Messias aus einem mächtigen Geschlecht, aus einem königlichen Haus, werde geboren; aber statt dessen ist er wie ein schwaches Reis und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich entsprossen. Ein Reis, ein Spross, der aus einer Wurzel emporsprießt, ist ja so schwach und unansehnlich, dass er kaum beachtet, ja verachtet wird. Ein sandiger, dürrer Boden kann keinen starken, mächtigen Baum hervorbringen; und weil der Messias als ein solches Reis entsprossen, auf einem so dürren Boden erwachsen ist, darum haben wir ihn für nichts geachtet, ihn nicht als den Knecht Gottes, den Messias und Erlöser, angesehen, sondern ihn verachtet, verworfen. Das, meine Geliebten ist das Bekenntnis der nun zur Erkenntnis gekommenen gläubigen Gemeinde hinsichtlich der Geburt Christi, des Knechtes Gottes.

   Aber war ihnen nicht auch dieser niedrige Ursprung des HERRN geweissagt, davon deutlich genug durch die Propheten geredet worden? Sind nicht die Worte unseres Textes: „Er schießt auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich“ deutlich genug? Hatte Jesaja nicht schon in 11. Kapitel geweissagt: „Es wird eine Rute aufgehen aus dem Stamm Isai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“? Was ist unansehnlicher als ein Baumstumpf und eine dünne Rute oder ein Zweig, der aus ihm noch aufschießt? So aber, verkündigt der Prophet, werde die Geburt des Messias sein. Aber diese wie auch andere dahinlautende Weissagungen verstanden sie nicht, weil sie vorgefasste, irrige Meinungen hatten.

    Geradeso war es hinsichtlich der Erscheinung, des öffentlichen Auftretens des HERRN, wovon es im Text aus: „Er hatte keine Gestalt noch Schönheit; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.“ Sie hatten ein ganz anderes Auftreten von dem Messias erwartet, ein Auftreten als mächtiger Herrscher, in königlichem Glanz und königlicher Macht. Als ein mächtiger König hatten ihn ja auch die Propheten verkündigt. Schon Bileams Weissagung lautete: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter. … Aus Jakob wird der Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist von den Städten.“ Jakob hatte geweissagt: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen“; David im zweiten Psalm: „Bitte von mir, so will ich dir die Heiden zum Erde geben und der Welt Enden zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen, wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen.“ Durch den Propheten Jeremia hatte Gott gesprochen: „Es kommt die Zeit, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will; und soll ein König sein, der wohl regieren wird und Recht und Gerechtigkeit anrichten auf Erden. Zur selben Zeit soll Juda geholfen werden und Jerusalem sicher wohnen; und man wird ihn nennen: Der HERR, der unsere Gerechtigkeit ist.“ Um nur noch eine solche Weissagung anzuführen: „Er“ (der König und Königssohn) „wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken. Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden ihm dienen.“ Darum auch der Zuruf des Propheten Sacharja: „Du Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Daher schwebte dem Volk in dem Messias ein mächtiger Herrscher, die Gestalt eines erhabenen Königs vor. Es lag in dem Irrtum befangen, dass der Messias ein weltlicher König und das von ihm zu errichtende Königreich ein weltliches, mächtiges Reich sein werde, und übersah dabei einmal, dass die Propheten auch geweissagt hatten, dass er ein Prophet sein werde, zum Beispiel Mose in den Worten: „Einen Propheten wie mich wird der HERR, dein Gott, dir erwecken aus dir und aus deinen Brüdern, dem sollt ihr gehorchen“, sowie dass er ein Wundertäter sein, der der Blinden Augen auftun, der Tauben Ohren öffnen, die Lahmen gesund machen und der Stummen Zunge reden machen werde (Jes. 35), sodann, dass er nicht wie ein weltlicher König auf stolzem Schlachtross an der Spitze eines Heeres, sondern, wie Sacharja hervorgehoben hatte, arm und auf einem Esel reitend daherkommen werde. Der Wahn von einem irdischen, mächtigen König hing ihnen wie eine Decke vor den Augen und machte sie blind. Selbst die Apostel hatten sich von diesem Wahn nicht losmachen können, so dass sie die so deutlichen Worte Christi von seinem bevorstehenden Leiden, Kreuzestod und seiner Auferstehung nicht verstehen konnten, und die beiden nach Emmaus wandelnden Jünger zum Beispiel sprachen: „Wir hofften, er sollte Israel erlösen“, nämlich von der Herrschaft der Römer befreien.

    Wie ganz aber Jesu Geburt und Erscheinung! Er wuchs in Galiläa auf, und als er dort auftrat, da hieß es: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen?“ und: „Aus Galiläa steht kein Prophet auf.“ Auch seine Apostel waren Galiläer, dazu Fischer und Zöllner, und er selbst wandelte, ohne eine hohe Schule besucht zu haben, als ein einfacher Lehrer durch die Städte und Flecken und predigte das Evangelium vom Reich Gottes. So gar hatte er weder Gestalt noch Schönheit, keine Heldengestalt, wie die Juden es erwartet hatten, keine königliche Erscheinung, die Ehrfurcht gebot, wie es ihnen gefallen hätte. Demütig, sanftmütig, ja, in armer Gestalt trat er auf, anstatt in königlicher vielmehr in Knechtsgestalt, anstatt in königlichem Glanz in Armut und Demut. „Darum“, bekennen sie, „haben wir ihn nichts geachtet.“

    Aber wie es zur Zeit Christi war, so ist es allezeit gewesen. Paulus schreibt: „Wir predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit.“ Die stolzen Weltweisen verspotteten den Apostel, als er ihnen auf dem Richtplatz zu Athen Christus predigte. Irdischer Sinn und Selbstgerechtigkeit will von einem Heiland, einem Erlöser in Knechtsgestalt nichts wissen. Die Irdischgesinnten wollen keinen himmlischen, sondern einen irdischen König, der sie mit irdischen, leiblichen Gütern versorgt; und die Selbstgerechten bedürfen eines Erlösers von der Sünde nicht. Sie ärgern sich an der Knechtsgestalt des HERRN, wie die meisten der Juden sich daran ärgerten und ihn daher verachteten. Von wie vielen geschieht das zu unserer Zeit, von denen, die sich Christen nennen, wenn es gilt, diese oder jene Sünde bußfertig zu erkennen und zu bekennen, sich diesem oder jenem Wort des HERRN demütig zu unterwerfen! Da lehnen sie sich gegen das Wort auf, fühlen sich beleidigt, in ihrem Hochmut gekränkt, kehren der Gemeinde und damit Christus selbst den Rücken und rufen: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Wie im Alten Testament und zur Zeit Christi die wahrhaft gläubige Gemeinde nur eine kleine war, so auch heute noch. Wie diese damals klagte: Wer glaubt unserer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart? Denn dieser Gottesknecht, dieser Jesus von Nazareth, hat keine Gestalt noch Schönheit; wir sehen ihn, aber er hat nichts Verehrungswürdiges, nichts Anziehendes, wie wir es begehren: So muss die Gemeinde heute noch klagen. Aber wohl allen, die so klagen, die von ihrer Blindheit geheilt sind, sich an der Niedrigkeit seiner Person nicht mehr ärgern, sondern ihn als den Schönsten unter den Menschenkindern bekennen; denn sie bekennen dies dann auch hinsichtlich seiner Leiden.

 

2.

    Von der Person des Gottesknechtes richtet sich der Blick auf sein Leiden; denn dieselbe gläubige Gemeinde bekennt auch: „Er war der Allerverachtetste, von Menschen verlassen, voller Schmerzen und Krankheit; er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg. Darum haben wir ihn nichts geachtet.“ Sie erblickt den, dessen Person für sie nichts Schönes und Anziehendes hatte, nun in der Tiefe seiner Niedrigkeit, seiner Leiden, mit Hohn überschüttet, mit Schmach bedeckt, voller Schmerzen und Krankheit, und das hat ihn für sie zu dem Allerverachtenswürdigsten und Unwertesten gemacht. Die Martergestalt hat ihn für sie zu einem Gegenstand des Ekels gestaltet, vor dem sie vor Abscheu das Angesicht verhüllt hat. Wie klar ist schon in diesem Bekenntnis das Bild gezeichnet, das der HERR darstellte, als ihn Pilatus aus dem Richthaus heraus- und dem draußen stehenden Volk mit den Worten vorführte: „Seht, welch ein Mensch!“ Ja, welch ein Mensch, von den rohen Kriegsknechten verhöhnt und verspottet als der Juden König, mit der furchtbaren Geißel geschlagen, mit einem alten Purpurmantel angetan, mit einer Dornenkrone gekrönt, mit einem Rohrzepter in der Hand, sein Angesicht mit Blut überflossen – wahrlich, voller Schmerzen, die ihm die Wunden bereiteten, voller Krankheit, eine Martergestalt ohnegleichen, vor der die draußen stehende Menge Abscheu empfindet und schreit: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ So verachtet, so nichtswürdig ist er ihnen erschienen in ihrer Blindheit. Aber wie ganz anders jetzt der gläubigen Gemeinde, nachdem sie zur rechten Erkenntnis gekommen ist; denn nun bekennt sie: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Übertretungen willen durchbohrt und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Wie ganz anders lautet dieser Teil des Bekenntnisses!

    Zunächst heißt es nochmals: „Wir hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre“, das heißt, dass ihn Gottes Zorn und Strafe als einen verabscheuungswürdigen Übeltäter getroffen, dass er das furchtbare Leiden mit seinen Sünden wohl verdient habe. So blind waren wir; aber wir erkennen nun, dass er um unserer Missetat willen verwundet, gegeißelt und gepeinigt, um unserer Übertretung willen, wie es eigentlich heißt, durchbohrt, zermalmt worden ist. Die Strafe, die wir mit unseren Sünden verdient hatten, hat er auf sich genommen und erlitten; die Wunden, die Striemen, die er sich hat schlagen lassen, haben uns Heilung gebracht.

    Dieses Bekenntnis spricht, wenn wir es näher ansehen ein Dreifaches aus. Zunächst, dass das unmenschliche Leiden des Gottesknechtes ein unschuldiges, nicht von ihm selbst durch Sünden verdientes war, was der Prophet mit den Worten des neunten Verses bestätigt: „Er hat niemand unrecht getan, noch ist ein Betrug in seinem Mund gewesen.“ Sodann ein freiwilliges. Wohl hat es ihm Gott, sein himmlischer Vater, auferlegt, aber er hat es nicht gezwungen, sondern freiwillig auf sich genommen und sich dadurch zum Gottesknecht gemacht. Was der Vater wollte und will, das wollte und will auch er, der Sohn. Ferner ein geduldiges Leiden; denn es heißt im siebten Vers: „Er ist wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut.“ Endlich ein stellvertretendes, versöhnendes Leiden, denn „die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“; denn „der HERR warf unser aller Sünde auf ihn“. Und weil es ein unschuldiges, freiwilliges und geduldiges Leiden war, darum ist es ein erlösendes und versöhnendes Leiden; denn eine Schuld kann nicht mit einer anderen Schuld bezahlt werden, wird vielmehr durch neue Schuld nur vergrößert. Ein erzwungenes Leiden und ein erzwungener Gehorsam haben keinen Wert, da es nur etwas Äußerliches ist, Gott aber das Herz ansieht. Ebenso verhält es sich auch mit einem ungeduldigen Leiden; denn Ungeduld ist nicht Ergebung in, sondern Auflehnung gegen den Willen Gottes und somit nicht Gehorsam, sondern Ungehorsam, Sünde. Welch ein herrliches Bekenntnis! Es preist den für Schuldig Gesprochenen als einen Unschuldigen, den Verachteten als den Achtungswertesten, den Verworfenen als den Erlöser, den Gegenstand des Ärgernisses als den Verehrungswürdigsten, den so tief Erniedrigten als den über alles Erhöhten, den Leidenden als den Arzt unserer Krankheit.

    Ist dies, meine Geliebten, auch unser Bekenntnis von dem einzigartigen Gottesknecht, von seinem Leiden, seinem schmachvollen Kreuzestod? Sprechen auch wir: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“?

O Lamm Gottes, unschuldig

Am Stamm des Kreuzes geschlachtet,

Allzeit funden geduldig,

Wiewohl du warest verachtet.

All Sünd hast du getragen,

Sonst müssten wir verzagen.

Erbarm dich unser, o Jesu!

Bekennen auch wir: „Er ist um unserer Übertretung willen durchbohrt und um unserer Sünde willen zerschlagen“ und


Ich, ich und meine Sünden,

Die sich wie Körnlein finden

Des Sandes an dem Meer,

Die haben dir erreget

Das Elend, das dich schläget,

Und das betrübte Marterheer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin’s, der sollte büßen,

An Händen und an Füßen

Gebunden in der Höll.

Die Geißeln und die Banden,

Und was du ausgestanden,

Das hat verdienet meine Seel.?


Bekennen wir aufrichtig: „Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ und:

Ich danke dir von Herzen,

O Jesus, liebster Freund,

Für deines Todes Schmerzen,

Da du’s so gut gemeint.

Ach gib, dass ich mich halte

Zu dir und deiner Treu,

Und wenn ich nun erkalte,

In dir mein Ende sei.?

    Wohl allen denen, die das in Buße und Glauben bekennen! Denn sie allein sind die gläubige Gemeinde, und durch des Gottesknechtes Wunden und Striemen sind sie geheilt; sie allein haben in ihm Frieden. Allen anderen aber, die noch auf ihr eigenes Tun, auf eigene Gerechtigkeit vertrauen, ohne Buße dahingehen und der Sünde, mag es sein, welche es wolle, dienen, denen ist er im Grund ihres Herzens der Verachtetste und Unwerteste, für die hat er keine Gestalt noch Schönheit, mögen sie der gläubigen Gemeinde immerhin äußerlich beigemischt sein. Was für ein Grausen wird sie erfassen, wenn der von der großen Menge seines Volkes Verachtestste und Unwerteste in seiner ganzen unverhüllten Schönheit, in seinem göttlichen Glanz erscheinen und ihnen zurufen wird: „Ich habe euch noch nie erkannt; weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ wenn der dort unschuldig Gerichtete die Schuldigen richten wird!

    Wie lautet dein Bekenntnis, dein aufrichtiges Herzensbekenntnis, mein Zuhörer? Trittst du mit mir im Geist mit bußfertigem Herzen unter sein Kreuz, hebst deinen Blick zu ihm empor und bekennt:

O Haupt voll Blut und Wunden,

Voll Schmerz und voller Hohn!

O Haupt, zum Spott gebunden

Mit einer Dornenkron!

O Haupt, sonst schön gezieret

Mit höchster Ehr und Zier,

Jetzt aber höchst schimpfieret:

Gegrüßet seist du mir!

 

Ich will hier bei dir stehen,

Verachte mich doch nicht!

Von dir will ich nicht gehen,

Wenn wir dein Herze bricht;

Wenn dein Haupt wird erblassen

Im letzten Todesstoß,

Alsdann will ich dich fassen.

In meinem Arm und Schoß!?

Er lasse dies dein aufrichtiges und freudiges Bekenntnis sein! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Ostersonntag ueber Jesaja 26, 19-21: Die Osterpredigt des Propheten Jesaja

 

Jesaja 26, 19-21: Aber deine Toten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen. Wacht auf und rühmt, die ihr liegt unter der Erde; denn dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes. Aber das Land der Toten wirst du stürzen. Gehe hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür nach dir zu; verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorübergehe. Denn siehe, der HERR wird ausgehen von seinem Ort, heimzusuchen die Bosheit der Einwohner des Landes über sie, dass das Land wird offenbaren ihr Blut und nicht weiter verhehlen, die drin erwürgt sind.

 

    In dem siegreich Auferstandenen, geliebte Festgenossen!

    Ein Triumphlied ist es, dass wir vernommen haben. Um es recht zu verstehen, müssen wir kurz auf den weiteren Zusammenhang achten. Im 24. Kapitel hatte der Prophet eine erschütternde Beschreibung des allgemeinen Weltgerichts am Ende der Tage gegeben. Wie es einst jenen Völkern und Ländern ergangen ist, die der gewalttätige König von Assyrien verwüstete, so und noch schrecklicher wird es allen Völkern auf dem Kreis des Erdbodens durch das letzte Weltgericht ergehen, weil sie die Satzungen Gottes übertraten, ihn nicht geehrt und ihm nicht gedient haben. Die mit dem Fluch um ihrer Sünde willen belastete Erde wird das Bild schauerlicher Verwüstung darbieten, und aller Jubel wird verstummen. Dies Gericht wird über die Priester und das Volk, über die Herren und Knechte, über die Frauen und Mägde, kurz, über alle ohne Unterschied ergehen. Wie es in den Tagen vor der Sintflut stand, da alles Fleisch seinen Weg verderbt hatte, die Menschen sich von dem Geist Gottes nicht mehr strafen lassen wollten, so wird es in der Zeit vor dem zweiten Weltgericht stehen. Aber noch schrecklicher als jenes wird dieses Gericht sein. Denn von jenem wurde nur die Erde mit ihren Bewohnern betroffen; wenn dieses hereinbricht, dann werden gleichsam die Säulen, die das Himmelsgewölbe tragen, krachend zusammenstürzen, Sonne und Mond ihren Schein verlieren als Zeichen, dass der Zorn Gottes über das gottlose Menschengeschlecht entbrannt ist. Dann wird, wie es am Schluss des genannten Kapitels heißt, Gott der HERR die hohe Ritterschaft und die Könige auf Erden heimsuchen, sie in ein Bündlein sammeln und im Kerker verschließen.

    Aber wie in den Tagen der Sintflut ein geringer Rest von Getreuen, Gottesfürchtigen, Noah und die Seinen, vorhanden war und durch die Flut hindurchgerettet wurde, so auch am Ende der Tage. Der Überrest aus Israel und den Heidenvölkern, die Gemeinde des HERRN, wird nicht nur durch das Gericht hindurchgerettet werden, sondern auch zu einer Herrlichkeit gelangen, vor welcher der Schein des Mondes und der Glanz der Sonne sich schämen und mit Schande bestehen müssen (24, 23). Auch der Tod wird mit allem Weh hinweggetan werden, das unzählbare Tränen ausgepresst hat; denn es heißt im 8. Vers des 25. Kapitels: „Der HERR wird den Tod verschlingen ewiglich. Und der HERR HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt.“ Freilich wird zu jener Zeit auch große Angst und Trübsal auf Erden sein, ein ängstliches Schreien wie bei einer Schwangeren, wenn sie gebären soll; denn so lauten die unserem Text unmittelbar vorhergehenden Worte: „So geht’s uns auch, HERR, vor deinem Angesicht; denn wir sind auch schwanger, und uns ist bange, dass wir kaum Odem holen.“ Aber welch eine Wandlung! Etwas völlig Neues, Wunderbares tritt ein; denn der Prophet ruft der geängstigten Gemeinde des HERRN zu: „Aber deine Toten werden leben und meine Leichname auferstehen“ und knüpft an diese Verheißung den Zuruf an die im Staub der Erde Schlafenden an: „Wacht auf und rühmt [jubelt], die ihr liegt unter der Erde; denn dein Tau ist wie der Tau des grünen Feldes.“ Auf das Schmerzensgeschrei folgt ein lautes Jubellied; die Toten jubeln. Betrachten wir den aufgrund unseres Textes:

 

Die Osterpredigt des Propheten Jesaja

 

    Diese hat drei Teile:

    1. „Deine Toten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen.“

    2. „Wacht auf und rühmt, die ihr liegt unter der Erde!“

    3. „Gehe hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür nach dir zu!“

 

1.

    Zum ersten Mal, geliebte Festgenossen, tritt uns in den Worten unseres Textes in der Schrift des Alten Testaments eine ganz deutliche Weissagung von der persönlichen Auferstehung der Toten entgegen. Nicht als ob diese Lehre nicht auch schon vorher unter dem Volk des HERRN gelehrt und geglaubt worden wäre; vielmehr geschah beides. Enthalten war diese Lehre schon in der ersten nach dem Sündenfall den Menschen gegebenen Verheißung: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ Denn ist unter dem Fersenstich das Leiden des verheißenen Heilandes zu verstehen, das ihm die Schlange verursachen werde, so muss unter dem Kopfzertreten der völlige Sieg des Heilandes über den Satan und, da ein solcher Sieg nicht ohne seine Auferstehung hätte geschehen können, auch diese mit verstanden werden. Man denke nur: Ein getöteter, im Grab gebliebener Heiland, wie hätte der der verlorenen Sünderwelt, den dem Tod verfallenen Menschen, die Erlösung von den Banden des Todes bringen können? Sind doch auch alle späteren Weissagungen der Propheten von dem Heiland keimartig in der ersten enthalten, so dass jene nur den reichen Inhalt dieser entwickeln und erklären. Das lehrt uns der Heiland selbst. Denn als ihm einst die Sadduzäer, welche die Auferstehung der Toten leugneten, eine, wie sie meinten, nicht zu beantwortende Frage in Bezug auf die Auferstehung vorlegten, sprach er: „Ihr irrt und wisst die Schrift nicht noch die Kraft Gottes. … Habt ihr nicht gelesen von der Toten Auferstehung, das euch gesagt ist von Gott, da er spricht: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs) Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen.“ Was tat er damit anderes, als dass er aus den Verheißungen, die Gott den Erzvätern gegeben hatte, die Auferstehung der Toten folgerte und bewies, weil diese in jene eingeschlossen und mitverheißen sei?

    Aber so deutlich und klar wie in unserem Text ist die Lehre von der persönlichen Auferstehung der Toten an keiner Stelle des Alten Testaments ausgesprochen, was wir erkennen werden, wenn wir die Worte genauer betrachten. „Deine Toten werden leben“, verkündigt Jesaja, „und meine Leichname auferstehen.“ Der Prophet legt diese Worte der gläubigen Gemeinde in den Mund, wie das oft, zum Beispiel in der Weissagung von dem Leiden des HERRN im 53. Kapitel, geschieht. Sie lässt er reden, und sie spricht zu Gott: „Deine Toten werden leben.“ So bekennt sie gläubig, und damit tröstet sie sich in den Trübsalen. Ihre Toten werden nicht im Tod bleiben, sondern ins Leben zurückkehren. Und sie fügt hinzu: „Meine Leichname werden auferstehen.“ Achten wir genau auf diese Worte! Sie nennt die Toten zuerst die Toten des HERRN, bezeichnet sie als solche, die sein Eigentum sind, ihm daher zu wert und teuer sind, um sie in den Banden und im Rachen des Todes lassen zu können. Sagt doch David im 116. Psalm: „Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem HERRN.“ Dass er aber nicht etwa nur von dem Leben der Toten der Seele nach bei Gott redet, sagen die folgenden Worte: „Und meine Leichname werden auferstehen.“ Die Leichname, die im Staub der Erde liegen, werden auferstehen. Diese nennt die Gemeinde ihre Leichname, da sie auch ihr zugehören. Sie sind dein, standen im Glauben mit dir in innigster Gemeinschaft, von dir erwählt und erkauft; aber es sind auch meine Toten und Leichname, denn sie waren meine Glieder, gehörten zu meiner Gemeinschaft. Aber sie sind weder dir noch mir verloren, sie werden wieder leben, ihre Leichname werden auferstehen.

    Wie wodurch wird das geschehen? Der Prophet antwortet: „Das Land der Toten wirst du stürzen“ oder mit näherem Anschluss an den Urtext: „Die Erde wird die Schatten, die Kraftlosen herausgeben.“ Diese Kraftlosen, die, weil tot, nicht die geringste Kraft, nicht die geringste Spur von Leben in sich haben, da sie im Staub der Erde liegen, selbst zum Staub geworden sind, die werden aus dem Schoß der Erde herausgehen, wenn der HERR sein in die Gräber dringendes allmächtiges Wort erschallen lassen wird. Ist das nicht dieselbe Osterpredigt wie die des HERRN in den Worten Joh. 5: „Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine [des Sohnes Gotts] Stimme hören; und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens“?

    Aber der Prophet weissagt nicht allen, sondern er beschreibt die Auferstehung der Toten näher, richtet an Stelle der Gemeinde einen ermunternden Zuruf an die Bewohner des Staubes, auf den wir zweitens näher eingehen wollen.

 

2.

    Sind die bisher betrachteten Worte unseres Textes an Gott gerichtet, so wendet sich der Prophet mit den folgenden an die Toten: „Wacht auf und rühmt, die ihr liegt unter der Erde! Denn dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes.“ Wenige, aber inhaltsreiche Worte; und welch ein liebliches Bild führen sie uns bei näherer Betrachtung vor das Auge!

    „Wacht auf“, ruft er, ihr Bewohner des Staubes! Bezeichnet er damit ihren Tod nicht als einen Schlaf, sie selbst als Schlafende? Aber nicht allein aufwachen sollen sie und aus dem Staub hervorgehen wie vom Schlaf Erweckte aus ihren Schlafkammern oder Gefangene aus ihrem Kerker, sondern rühmen sollen sie auch, laut jubeln, ein Triumph- und Siegeslied anstimmen, da sie den größten und letzten aller Feinde, den Tod, den tyrannischen Herrscher, überwunden haben. Und diesen Zuruf: 2Wacht auf und rühmt, die ihr unter der Erde liegt!“ begründet der Prophet mit den Worten: „Denn dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes.“ Ihr wisst alle, meine Festgenossen, welch einen trostlosen Anblick Felder und Wiesen im heißen Sommer nach langer, anhaltender Dürre darbieten. Der Himmel war wie verschlossen, die Sonne sandte ihre brennenden Strahlen auf die Erde nieder. Risse bildeten sich auf ihr, gleichsam als täte sie ihren Mund, dem Verschmachten nahe, auf, den Regen zu trinken, den sie so lange hat entbehren müssen. Der Erdboden ist hart und ausgedörrt, die Pflanzen lassen wie trauernd ihre Blätter hängen, das Grün des Grases ist vertrocknet, versengt. Ein trauriger Anblick, denn es scheint völlig erstorben zu sein. Da öffnen sich die Schleusen des Himmels, Regengüsse strömen hernieder, tränken die durstigen Felder und Wiesen, und welch eine Wandlung in kurzer Zeit, oft an einem Tag! Die Pflanzen richten sich auf, die Felder und Wiesen kleiden sich in prächtiges Grün! Vorher Sterben, nun Erwachen; wo Tod war, ist nun Leben. Das ist auch ein Aufwachen, ja eine Auferstehung der Natur aus dem Tod. Selbst die Vögel, die vorher den Schatten aufsuchten, lassen fröhlich ihre Stimme hören – sie jubeln.

    Ähnlich, aber freilich in unvergleichlich höherem Maß, wird es am Tag der Auferstehung der Toten sein. Was ist diese Erde seit ihrem Sündenfall anders als ein großer Totenacker, wozu die Sünde und der um der Sünde willen über sie ausgesprochene Fluch sie gemacht hat. Wieviel Blut hat sie seit dem ersten Blut des unschuldig gemordeten Abel bis auf den heutigen Tag trinken müssen! Ein Totenacker reiht sich auf ihr an den anderen, ein Grab an das andere; ungezählt sind die Millionen derer, die unter der Erde liegen, die Bewohner des Staubes. Kleine Kinder gehören zu ihnen und vom Alter gebeugte Gestalten, blühende Jünglinge und Jungfrauen, kräftige Männer und Frauen, Bettler und mächtige Fürsten auf den Thronen, die der furchtbare Schnitter, der Tod, mit seiner Sichel dahingerafft und in den Staub der Erde gelegt hat. Aber welch eine Wandlung, wenn die Stimme des allmächtigen HERRN erschallen wird: „Wacht auf, ihr Bewohner des Staubes!“ wenn, um mit den Worten unseres Textes zu reden, „sein Tau ist ein Tau des grünen Feldes“, wenn die Erde die Toten wieder gibt, der Tod seine Beute, die Schatten, wiedergeben muss, die Gräber sich öffnen, und die Bewohner aus ihnen hervorgehen werden, nicht schwach, sondern stark, nicht mit natürlichen, den Krankheiten und dem Tod nochmals unterworfenen, sondern geistlichen, verklärten, strahlenden Leibern, herrlicher als prächtig gründendes Gras nach einem belebenden, erquickenden Tau oder Regen! Ja,

Was hier kranket, seufzt und fleht,

Wird dort frisch und herrlich gehen.

Irdisch werd ich ausgesät,

Himmlisch werd ich auferstehen.

Hier geh ich natürlich ein,

Nachmals werd ich geistlich sein.

    Jener Tau, der vom Himmel auf die Totenerde herabfällt an jenem Tag, das Wort und der Geist Gottes, ist ein Tau von himmlischer Lebenskraft; er bewirkt, dass das Land der Totenschatten gleichsam gebiert[8], seine Toten herausgibt. Und die so Neugeborenen rühmen, jubeln, stimmen ein siegreiches Triumphlied an. Wie es lauten wird? Der HERR hat es uns durch seinen Apostel verkündigen lassen; der schreibt 1. Kor. 15: „Wenn dies Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche, und dies Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren HERRN Jesus Christus!“ Das, meine Freunde, ist der zweite Teil der Osterpredigt des Propheten Jesaja. Ist’s nicht eine wunderbare, herrliche Predigt, die wie ein lebensspendender Tau des Himmels in die Herzen aller derjenigen fallen muss, die in Not und Trübsalen, in dem Schlaf des Todesschatten, liegend dahinwallen oder trauernd und weinend an den Gräbern ihrer im HERRN Entschlafenen stehen? Darum:

Lacht der finstern Erdenkluft,

Lacht des Todes und der Höllen!

Denn ihr sollt euch durch die Luft

Eurem Heiland zugesellen.

Dann wird Schwachheit und Verdruss

Liegen unter eurem Fuß.

    Doch noch einen dritten Teil enthält diese Osterpredigt des Propheten, und auf den wollen wir noch kurz unseren Blick richten.

 

3.

   Dieser Teil lautet: „Gehe hin, mein Volk, in deine Kammer und schließ die Tür nach dir zu; verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorübergehe.“ Das ist eine Ermahnung, die der Prophet an die Gläubigen, das Volk des HERRN, richtet. Er ermahnt sie, sich an seinen sicheren Ort zu begeben, wenn der Zorn des HERRN in seinem Gericht über die Ungläubigen, ob sie sich in oder außer ihrer Gemeinschaft befinden, wie in Gewittersturm dahinbrausen wird. Wie sich die Menschen bei einem Gewittersturm aus dem Freien in ihre Häuser zurückziehen und die Türen schließen, um nicht davon betroffen zu werden, so sollen die Gläubigen in der Zeit der Trübsal und Angst, die, wie der HERR selbst verkündigt, dem Tag der Auferstehung und des Gerichts voraufgehen wird, gleichsam in ihre Kammer sich zurückziehen und warten, bis das Zorngericht vorüber ist. Dieser Zorn wird nur einen Augenblick, eine kurze Zeit, dauern, Gilt diese Ermahnung zunächst den Gläubigen zur Zeit des Propheten, denen noch läuternde Gerichte des HERRN bevorstanden, um sie zur Geduld, zum gläubigen Ausharren auf die Errettung des HERRN zu ermuntern, so gilt sie als prophetische Rede der gläubigen Gemeinde am Ende der Tage. Sind doch alle Gerichte, die über das Volk Israel, über die Völker der Heiden, über die Kirche und ihre Feinde zur Zeit des Neuen Testaments ergangen sind, nichts anderes als Vorläufer oder Vorspiele des Gerichts, zu dem der HERR in seiner Herrlichkeit, umgeben von allen heiligen Engeln, erscheinen, alle Völker vor seinem Thron versammeln, die Gläubigen von den Gottlosen scheiden und sie nach ihren Werken richten wird. An diesem wird, nachdem sie auferweckt sind, ihre völlige Erlösung von allem Übel, ihre gänzliche Errettung, stattfinden. Darum sollen sie in allen Trübsalen und Verfolgungen geduldig und gläubig ausharren, festes Vertrauen auf die Erfüllung der Verheißung des HERRN setzen und sich von der Welt, ihrem gottlosen Wesen und Treiben, zurückziehen, still und zurückgezogen dem HERRN dienen. Dann werden sie von dem Zorn des HERRN, der über die Welt, die in ihrer Gottlosigkeit ebenso wie zur Zeit der Sintflut beharrt und daher nicht zu retten ist, wie ein Wettersturm ergehen wird, nicht betroffen, sondern gerettet werden; sie werden mit ihrem Heiland eingehen in das Reich der Herrlichkeit, in die ewige Ruhe, den ewigen Frieden, und dort ihr Triumphlied ohne Aufhören erschallen lassen.ERR in seiner

    Der HERR aber senke diese Osterpredigt des Propheten heute tief in unsere Herzen, dass wir unentwegt auf die auch uns geltende Verheißung einer seligen Auferstehung bauen, damit wir, dereinst mit verklärten Leibern aus dem Staub hervorgegangen, fröhlich rühmen und jubeln können: „Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren HERRN Jesus Christus!“ und dass wir hier abgesondert von der Welt und ihrem Wesen, im Glauben geduldig in allen Trübsalen ausharren. Darum, meine Mitgenossen:

Nur dass ihr den Geist erhebt

Von den Lüsten dieser Erden

Und euch dem schon jetzt ergebt,

Dem ihr beigefügt wollt werden.

Schickt das Herze da hinein,

Wo ihr ewig wünscht zu sein!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Ostermontag ueber Jesaja 53,10: Die herrliche Frucht des Schuldopfers Christi auf Golgatha

 

Jesaja 53,10: Aber der HERR wollte ihn so zerschlagen mit Krankheit. Wenn er seine Seele zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben, und des HERRN Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen.

 

    In Christus, dem siegreich Auferstandenen, geliebte Festgenossen!

    Das eben vernommene Textwort ist der großen Weissagung des Propheten Jesaja von dem Leiden des zukünftigen Messias entnommen. Diese ist freilich nicht die einzige Weissagung in der Schrift des Alten Testaments, die von dem Leiden des Messias handelt. Eine solche haben wir vielmehr schon in der ersten Weissagung, die Gott den Menschen unmittelbar nach dem Sündenfall gab, in den an die Schlange gerichteten Worten: „Du wirst ihn“, nämlich den Weibessamen, „in die Ferse stechen.“ Eine eingehende Schilderung dieses Leidens haben wir im 22. Psalm, wo der leidende Messias durch den Mund des Propheten unter anderem klagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? … Ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des Volks. … Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben, und meine Zunge klebt an meinem Gaumen; und du legst mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat sich um mich gemacht; sie haben meine Hände und Füße durchgraben.“ Damit sind besonders die furchtbaren Qualen beschrieben, die der Leidende zu erdulden hatte. Aber eine so eingehende Schilderung dieses Leidens, ich möchte sagen, ein so großartiges Gemälde dieses Leidens, wie Jesaja im 53. Kapitel seines Buches gegeben hat, findet sich in keiner anderen Stelle der Schrift Alten Testaments.

    Der Prophet führt uns den Ursprung des Leidenden nach seiner menschlichen Natur vor: dass er wie ein schwaches Reis ist, aus dürrem Erdreich entsprossen; seine Gestalt, sein Ansehen unter den Menschen: die hat keine Schönheit, an der sie Gefallen finden. Er war der Allerverachtetste, voller Schmerzen und Krankheit, so verachtet, dass sie das Angesicht vor ihm verbargen. Dann sehen wir das Leiden selbst: Er wird wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt und zu Tode gemartert, aus dem Land der Lebendigen hinweggerissen, stirbt nicht eines natürlichen, sondern eines gewaltsamen Todes. Endlich will man ihm kein ehrliches, anständiges Begräbnis gewähren, sondern ihn wie einen Gottlosen ehrlos verscharren.

    Dies ist ein Gemälde in dunklen, schwarzen Farben. Und doch, wie erhaben ist die Gestalt des Leidenden! So groß sein Leiden ist, sein Mund bleibt stumm; so groß seine Schmerzen sind, keine Schmerzenslaute kommen über seine Lippen; er ist geduldig wie ein Schäflein, das vor seinem Scherer verstummt. Dies verschönt das Bild in wunderbarer Weise, wie das goldene Abendrot das dunkle Gewölk in Purpurrot verwandelt. Aber mehr noch! Wie einst bei der Schöpfung das Licht aus der Finsternis hervorleuchtete, so bricht durch dieses dunkle, finstere Leiden himmlisches Licht hindurch; denn der Prophet verkündet: „Er ist aber aus Angst und Gericht genommen; wer will eines Lebens Länge ausreden?“ Der Tote kehrt ins Leben zurück, auf die tiefe Erniedrigung folgt eine herrliche Erhöhung; er wird in ein Leben versetzt, dessen Länge niemand ausreden kann, in das ewige Leben mit seiner unaussprechlichen Herrlichkeit. Damit haben wir mitten in dieser Leidenserniedrigung eine Weissagung von der glorreichen Auferweckung des von den Menschen Verachteten. Und daran schließt sich in unserem Text die Andeutung der Frucht, die aus seinem Leiden erwächst. Das sei denn der Gegenstand unserer heutigen Betrachtung, nämlich:

 

Die herrliche Frucht des Schuldopfers Christi auf Golgatha

 

    Diese besteht darin, dass er

1.                 Samen haben,

2.                 In die Länge leben, und dass

3.                 Des HERRN Vornehmen durch seine Hand fortgehen wird.

 

1.

    „Wenn er seine Seele zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben“, oder sehen, so, Geliebte, heißt es in unserem Text. Der Messias sollte nach dem Willen seines himmlischen Vaters sein Leben zum Opfer darbringen, und zwar zum Schuldopfer, das heißt, er sollte mit seinem Opfer die Schuld bezahlen, die die Menschen bei Gott haben. Diese Schuld ist die Sündenschuld, wie wir in der fünften Bitte bitten: „Vergib uns unsere Schuld.“ Gott fordert von den Menschen die Erfüllung seiner Gebote. Werden diese nicht erfüllt, sondern übertreten, so laden sie dadurch nur Schuld bei Gott auf sich, die bezahlt werden, und wofür dadurch Ersatz geliefert werden muss. Wir Menschen konnten alle diese Schuld nicht bezahlen, und darum ist Christus an unsere Stelle getreten, hat unsere Sünde, unsere Schuld, auf sich genommen, um sie für uns zu bezahlen. Diese Bezahlung aber konnte nur durch Dahingabe des Lebens, den Tod, geschehen; denn es ist ein unabänderliches Gesetz Gottes: „Welche Seele sündigt, die soll sterben.“ Nun hat Christus sein Leben für uns in den Tod dahingegeben und dadurch die Schuld für uns bezahlt, wie Paulus Röm. 4 schreibt: „Christus ist um unserer Sünden willen dahingegeben.“ Und Jes. 5 3,8 heißt es: „Er ist aus dem Land der Lebendigen weggerissen, da er um die Missetat meines Volkes geplagt war.“

    Aber nun auch: Welch herrliche Frucht sollte dieses Schuldopfer bringen? „Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben.“ Schon in den letzten Worten ist angedeutet, dass er nicht im Tod bleiben, sondern aus ihm hervorgehen werde; denn was hätte er für einen Samen haben oder erhalten können, wenn er nicht auferstanden wäre und lebte? Was ist das aber für ein Samen? Freilich kein natürlicher Same, keine natürliche, leibliche, sondern eine geistliche Nachkommenschaft, wie Abraham der Vater der Gläubigen und diese seine geistlichen Kinder genannt werden. Ja, dieser sein Same, alle Gläubigen, sind es, von denen es im 11. Vers diese Kapitels heißt: „Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen; denn er trägt ihre Sünde“; und diese Gerechtfertigten sind die Gläubigen; es ist, wie es im 12. Vers heißt, die große Menge, die ihm als Beute gegeben wird, die Starken, die ihm zum Raub werden sollen. Das spricht auch der 110. Psalm in den Worten aus: „Nach seinem Sieg wird dir dein Volk willig opfern in heiligem Schmuck. Deine Kinder werden dir geboren wie Tau aus der Morgenröte.“ Ja, die sind sein Same, die wie wir Offb. 5,9.10 lesen, ihm das neue Lied singen: „Du bist erwürgt und hast uns Gott erkauft mit deinem Blut aus allerlei Geschlecht und Zungen und Volk und Heiden und hast uns unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht; und wir werden Könige sein auf Erden.“

    So sind sie sein Same, weil er sie durch sein Schuldopfer, sein auf Golgatha vergossenes Blut, erkauft hat, aber nicht allein erkauft, sondern sie durch seine Erkenntnis gerecht gemacht, sie durch die Predigt des Evangeliums beruft, zu seiner Erkenntnis bringt, dass er sich für sie zum Schuldopfer gegeben, für sie gestorben, sie mit seinem Blut erkauft und mit Gott versöhnt hat, den Glauben in ihnen angezündet, durch den sie ihn als ihren einigen Erlöser und Erretter ergreifen und sich sein Leben und Sterben als sein für sie gebrachtes Opfer aneignen. So macht er sie durch seine Erkenntnis gerecht und macht sie zu seinem Samen. Das alles aber aufgrund dessen, der sich zum Schuldopfer gegeben, sie, wie wir in unserem Katechismus bekennen, „erworben hat von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, damit sie sein eigen seien und in seinem Reich unter ihm leben und ihm dienen in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden von den Toten, lebt und regiert in Ewigkeit. Das ist gewiss wahr“. Welch eine herrliche Frucht seines Schuldopfers! Und selig alle, die zu diesem Samen, den Gläubigen, gehören, durch seine Erkenntnis von ihm, dem Gerechten, gerecht gemacht sind; denn dann werden sie auch mit ihm in die Länge leben. Das lasst uns zum anderen zu erkennen suchen.

 

2.

    „Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben“, weissagt Jesaja. Achtet wohl auf diese Worte, meine Festgenossen! Scheinen sie nicht einen offenbaren Widerspruch zu enthalten? Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, in den Tod gegangen, gestorben ist, dann wird er in die Länge leben, ein langes Leben haben? Der, welcher in seinem Leiden auf Golgatha zu Tode gemartert ist, der soll nun ein Leben haben? War sein Tod nicht das Ende seines Lebens? Der Prophet spricht: Nein, vielmehr wird er dann ein langes Leben haben; denn alsbald wird er (und das ist es, was der Prophet mit diesen Worten weissagt) wieder auferstehen, aus dem Tod in ein langes, ewiges Leben treten. Da haben wir also die Weissagung des Propheten von dem Messias, die wie das Licht der Sonne aus der Finsternis seines Lebens hervorbricht und sie erleuchtet.

    Aber der Prophet weissagt in diesen Worten nicht allein, dass Christus auferstehen werde aus seinem Grab, sondern bezeichnet seine Auferweckung und das damit beginnende Leben deutlich als eine Frucht seines Schuldopfers; er sagt mit anderen Worten: Infolgedessen, dass er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er in die Länge leben, so dass sein Schuldopfer für ihn selbst die Frucht seines langen Lebens gebracht hat. Was für ein Leben ist das? Das, welches nie ein Ende nimmt, das ewige Leben. Denn „dass er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben zu einem Mal“, schreibt Paulus Röm. 6,10; „dass er aber lebt, das lebt er Gott“ und V. 9.: „Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, hinfort nicht stirbt; der Tod wird hinfort über ihn nicht herrschen.“ Und ein Leben in unvergleichlicher himmlischer Herrlichkeit wird es sein; denn so spricht er zu den beiden nach Emmaus wandernden Jüngern am Tag seiner Auferstehung, da sie sich noch immer in seinen Kreuzestod nicht finden konnten: „O ihr Toren und trägen Herzens, zu glauben alle dem, das die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“ Ohne dieses Leiden wäre er nicht in seine Herrlichkeit, seine volle messianische Würde und Herrschaft, aber durch dasselbe ist er in dieselbe eingetreten und dadurch auch in ein Leben, in welchem er, zur Rechten Gottes, seines himmlischen Vaters, sitzend, mächtig über alles im Himmel und auf Erden herrscht und regiert.

    Ist’s nicht so, meine Festgenossen? Fragen wir: Wer hat sein Leben zum Schuldopfer gegeben? so lautet die Antwort: Christus, und zwar der ganze Christus, Gott und Mensch in einer Person – nicht als Gott allein, auch nicht der Mensch allein, sondern der ganze Christus nach seiner menschlichen Natur. Und dieser ganze Christus ist nach derselben menschlichen Natur durch Tod und Auferstehung in das Leben der Herrlichkeit eingegangen, sitzend, nicht allein als Gott, sondern auch als Mensch, zur Rechten Gottes, und herrscht über alles, wie David im 8. Psalm schreibt: „Du wirst ihn lassen eine kleine Zeit von Gott verlassen sein, aber mit Ehren und Schmuck wirst du ihn krönen. Du wirst ihn zum HERRN machen über deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße getan.“ So ist Christus als Mensch durch seinen Tod und seine Auferstehung in das Leben der Herrlichkeit eingegangen, das er als Gott schon von Ewigkeit hatte. Denn hätte er seinen Opfertod nicht erlitten, sein Leben nicht zum Schuldopfer gegeben, so hätte er nicht auferstehen und in die Herrlichkeit eingehen können. Da er es aber willig getan hat, so ist er als Mensch, auch nach seiner menschlichen Natur, in diese Herrlichkeit eingegangen. Der sich so tief erniedrigte, ist von Gott hoch erhöht worden. Das alles fasst der Apostel Phil. 2 in den Worten zusammen: „Darum“, nämlich weil er sich selbst erniedrigt hat und gehorsam geworden ist bis zum Tod am Kreuz, „hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen gegeben, der über allen Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der HERR sei, zur Ehre Gottes des Vaters.“

    Besonders aber hat ihn Gott der Vater, weil er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, zum HERRN, als Haupt der Gemeinde, der Kirche, gemacht. In diesem, dem Reich der Gnade, lebt und herrscht er durch den Heiligen Geist und sein Wort. Denn so heißt es Eph. 1,22: „Gott hat alle Dinge unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt zum Haupt der Gemeinde über alles, welche da ist sein Leib, nämlich die Fülle des, der alles in allen erfüllt.“ In diesem Reich der Gnade he4rrscht und regiert er unsichtbar durch die Gnadenmittel, bis er am Ende der Tage sein Amt, das ihm der Vater übergeben hat, vollendet und das Reich Gott und dem Vater überantworten wird.

    Das, Geliebte, ist das ewige, herrliche Leben, in dem Christus auch als Mensch lebt, herrscht und regiert über alles im Himmel und auf Erden und besonders über die Gläubigen in dem Reich der Gnade, weil er sein Leben zum Schuldopfer gegeben, das Leben, in welches er durch seine herrliche Auferstehung eingetreten ist.

    Wenn nun Christus sein Leben für uns zum Schuldopfer gegeben, uns erlöst hat und durch seine Auferstehung in dieses Leben eingegangen ist, so werden auch wir, wenn wir an ihn glauben, nicht im Tod bleiben, sondern durch ihn auferweckt werden und in das ewige, herrliche Leben gelangen. Denn er ist das Haupt, und wir sind seine Glieder; so kann er uns denn nicht im Tod und Grab lassen, sondern muss uns mit sich ziehen. Das sagt er uns selbst, wenn er Joh. 6,40 spricht: „Das ist aber der Wille des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag“ und Kap. 5,28: „Es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens.“ In diesem ewigen Leben sollen auf wir mit ihm herrschen und regieren. So können wir denn mit dem Dichter singen:

Es war getötet Jesus Christ,

Und sieh, er lebet wieder.

Weil nun das Haupt erstanden ist,

Stehn wir auch auf, die Glieder.

So jemand Christi Worten gläubt,

Im Tod und Grabe der nicht bleibt;

Er lebt, ob er gleich stürbe.

Und mit der Dichterin:

Jesus, er, mein Heiland lebt;

Ich werd auch das Leben schauen,

Sein, so mein Erlöser schwebt;

Warum sollte mir denn grauen?

Lässet auch ein Haupt sein Glied,

Welches es nicht nach sich zieht?

    Doch noch eine dritte herrliche Frucht des Schuldopfers nennt der Prophet in unserem Text, auf die wir zum Schluss noch kurz unsere Aufmerksamkeit richten wollen.

 

3.

    „Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, so … wird des HERRN Vornehmen durch seine Hand fortgehen.“ Was haben wir unter diesem „Vornehmen“ zu verstehen? Nichts anderes als Gottes Ratschluss zur Erlösung und Beseligung der ganzen Sünderwelt um des Opfers und Verdienstes Christi willen. Daher sprach Gott auch Jes. 49 zu Christus: „Es ist ein Geringes, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und das Verwahrloste in Israel wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an der Welt Ende. … Ich habe dich erhört zur gnädigen Zeit und habe dir am Tag des Heils geholfen und habe dich behütet und zum Bund unter das Volk gestellt, dass du das Land aufrichtest und das zerstörte Erbe einnehmest, zu sagen den Gefangenen: Geht heraus! Und zu denen in Finsternis: Kommt her!“ Das war Gottes „Vornehmen“ oder Wohlgefallen, dass die beiden Häupter Israel, die teils in heidnische Abgötterei, teils in einen rein äußerlichen, toten Buchstabendienst versunken und dadurch geistlich verwahrlost und zerstört waren, wieder zur rechten Erkenntnis und zum rechten Gottesdienst zurückgeführt würden. Aber dieses Heil sollte sich nicht allein auf diese beschränken, sondern sich auch auf alle Heiden bis an der Welt Ende erstrecken. Alle Völker sollten des Heils durch Christus teilhaftig werden. Durch ihn, dem er geholfen, den er behütet, und den er zum Bund unter das Volk gestellt hat, wollte Gott sein Vornehmen, sein gnädiges Wohlwollen, ausführen und verheißt ihm in unserem Text, dass dieses Werk durch seine Hand einen glücklichen und seligen Fortgang haben werde. Von den durch das Gesetz gebundenen und wie in einem Kerker gefangenen, verschlossenen Juden wie von den in der Finsternis sitzenden Heiden soll ihm eine große Menge zur Beute werden, selbst die Starken sollen ihm zum Raub werden. Zu jenen, den Gefangenen, soll er wieder sagen: Kommt heraus! Zu diesen: Kommt her! Und jene werden heraus-, diese herkommen. Das sollte die dritte herrliche Frucht sein.

    Und diese Frucht ist nicht ausgeblieben und wächst noch immerdar. Nachdem er selbst im ganzen galiläischen Land das Evangelium vom Reich gepredigt, sandte er seine Jünger mit dem Befehl aus: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur; wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ „Und sie gingen aus und predigten an allen Orten; und der HERR wirkte mit ihnen und bekräftige das Wort“, ihre Predigt, „durch mitfolgende Zeichen.“ Sie gründeten überall christliche Gemeinden. Paulus erfüllte von Jerusalem an bis Illyrien alles mit dem Evangelium, gründete Gemeinden in Kleinasien und Griechenland, kam nach Rom und wohl selbst nach Spanien. Zu Anfang des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt hatte sich Christi Reich, die Kirche, fast über das ganze weite römische Reich und darüber hinaus ausgebreitet. Fürsten, Könige, Kaiser waren dem Evangelium gehorsam. Und immer weiter dehnten sich die Grenzen des Reiches Christi aus. Die lateinischen, germanischen und slawischen Völker beugten sich vor dem Zepter des Evangeliums. So ging das Vornehmen, der Heilsrat Gottes, durch Christi Hand, seine mächtige Gnadenwirkung, fort. Es fand eine Auferstehung der Völker vom Sündentod statt.

    Aber diese geistliche Auferstehung findet heute noch unter den Heidenvölkern statt. Das Evangelium wird in unseren Tagen durch die Missionare in aller Welt gepredigt, und der HERR; zur Rechten Gottes sitzend, wirkt mit ihnen wie einst mit den Aposteln, gibt ihrem Wort Kraft, dass sich die Heiden bekehren von der Finsternis zum Licht und aus der Gewalt des Satans zu Gott, dass die Blinden sehend und die Gebundenen frei, die geistlich Toten lebendig werden. Endlich wird er das Vornehmen Gottes vollenden, an jenem Tag nämlich, an dem er, der Auferstandene, sichtbar erscheinen, alle Toten auferwecken und die in ihm Entschlafenen mit sich führen wird. Da werden dann die letzteren das Triumphlied anstimmen: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren HERRN Jesus Christus!“ Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Quasimodo Geniti (Wie die neugeborenen Kindlein; 1. Petr. 2,2) ueber Sacharja 3, 8-10: Die Grundsteinlegung zu dem neutestamentlichen Tempel auf Golgatha

 

Sacharja 3, 8-10: Höre zu, Josua, du Hoherpriester, du und deine Freunde, die vor dir wohnen; denn sie sind lauter Wunder. Denn siehe, ich will meinen Knecht Zemah kommen lassen. Denn siehe, auf dem einigen Stein, den ich vor Josua gelegt habe, sollen sieben Augen sein. Aber siehe, ich will ihn aushauen, spricht der HERR Zebaoth, und will die Sünde desselben Landes wegnehmen auf einen Tag. Zu derselben Zeit, spricht der HERR Zebaoth, wird einer den anderen laden unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.

 

    Durch Christus, den Gekreuzigten, teuer erlöste Zuhörer!

    Als sich der Perserkönig Darius des babylonischen Reiches bemächtigt hatte, gab er den Israeliten, die sich in der Gefangenschaft zu Babel befanden, nicht nur die Erlaubnis, in das Heilige Land zurückzukehren und die Stadt und den Tempel wieder aufzubauen, sondern er versah sie auch dazu mit reichen Mitteln. Selbst die von Nebukadnezar geraubten goldenen und silbernen Tempelgeräte ließ er aus seiner Schatzkammer hervorsuchen und den Zurückkehrenden übergeben. Mehr als 42.000 der Gefangenen nebst 7.000 Knechten und Mägden traten die Reise nach dem Gelobten Land an, an ihrer Spitze als Führer Serubabel aus dem Geschlecht Davids und Josua, der Hohepriester. Sobald die Zurückgekehrten sich einigermaßen wohnlich eingerichtet hatten, kamen sie in Jerusalem zusammen, bauten an der Stätte, wo der zerstörte Tempel gestanden hatte, einen Altar, opferten Brandopfer, feierten das Laubhüttenfest und trafen Vorbereitungen, an Stelle des zerstörten einen neuen Tempel zu bauen. (Esra 3.) Es wurden Steinhauer, Zimmerleute angestellt und Zedern vom Libanon herbeigeschafft, so dass im zweiten Jahr nach der Rückkehr mit dem Bau begonnen werden konnte.

    Die Grundsteinlegung fand in feierlicher Weise statt. Sie wurde, wie im Buch Esra berichtet wird, mit Gesang von Lobliedern unter Musikbegleitung begangen. Aber bei manchen war die Freude mit Trauer vermischt, denn so berichtet Esra: „Viele der alten Priester und Leviten und obersten Väter, die das vorige Haus gesehen hatten, und nun dies Haus vor ihren Augen gegründet wurden, weinten laut.“ Sie dachten daran, welch ein herrliches, imposantes Gebäude der zerstörte Tempel gewesen war, sahen, wie weit der neue hinter jenem zurückstehen werde, und wurden daher mit Schmerz und Wehmut erfüllt.

    Auf den Bau dieses Tempels und besonders die Grundsteinlegung zu demselben wird in unserem heutigen Text Bezug genommen. Manche von den aus der Gefangenschaft Zurückgekehrten waren in Bezug auf den Tempelbau sehr lässig. Feinde von außen her suchten sie auf allerlei Weise zu hindern; Serubabel und Josua, der Hohepriester, wollten mutlos werden. Da traten die Propheten Haggai und Sacharja auf, straften die Lässigen, ermunterten die Verzagten, verhießen den Schutz und die Hilfe des HERRN und verkündigten die Grüße und Herrlichkeit eines zukünftigen Tempels, von dem der damals zu erbauende nur ein geringer Schatten sein sollte. Haggai verkündigt: „Es ist noch ein kleines dahin, dass ich Himmel und Erde und das Meer und Trockene bewegen werde. Ja, alle Heiden will ich bewegen. Da soll dann kommen aller Heiden Trost; und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht der HERR Zebaoth. … Es soll die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer werden, als des ersten gewesen ist, spricht der HERR Zebaoth. Und ich will Frieden geben an diesem Ort, spricht der HERR Zebaoth.“ Gott der HERR selbst werde einen Tempel errichten, der an Größe und Herrlichkeit alles übertreffen, und einen Grundstein zu demselben legen, auf dem sich der Bau erheben solle, der an Köstlichkeit und Dauerhaftigkeit seinesgleichen nicht haben werde. Nicht auf dem dort gelegten Grund und dem zu erbauenden Gebäude sollten ihre Augen haften bleiben, sondern sie sollten sie auf den von Gott selbst zu legenden Grundstein richten. Diese Grundsteinlegung ist geschehen. Wann? An dem ersten Karfreitag auf Golgatha. Das ist es, wovon unser Text handelt, und darum betrachten wir jetzt:

 

Die Grundsteinlegung zu dem neutestamentlichen Tempel auf Golgatha

 

    Diese hat

    1. Gott selbst vollzogen,

    2. dadurch die Sünde an einem Tag fortgenommen,

    3. eine glückselige Zeit herbeigeführt.

 

1.

    Der erste Teil dieses Kapitels, dem unser Text entnommen ist, enthält einen Bericht über das Gesicht, in welchem der Prophet Sacharja den Hohenpriester Josua als einen vom Satan Angeklagten erblickte, aber von Gott dem HERRN gerechtfertigt und in seinem hohepriesterlichen Amt bestätigt wurde. In unserem Text verkündigt der HERR nun durch den Propheten ein Neues, nämlich eine andere, zukünftige Grundsteinlegung, denn er spricht zu ihm: „Höre zu, Josua, du Hoherpriester, du und deine Freunde, die vor dir wohnen; denn sie sind lauter Wunder. Denn siehe, ich will meinen Knecht Zemah kommen lassen. Denn siehe, auf dem einigen Stein, den ich vor Josua gelegt habe, sollen sieben Augen sein. Aber siehe, ich will ihn aushauen, spricht der HERR Zebaoth.“

    Höre zu, du Hoherpriester Josua, den ich soeben gerechtfertigt und in seinem Amt bestätigt, mit dem hohepriesterlichen Schmuck bekleidet habe, du und deine Freunde, deine Amtsgenossen, an deren Spitze zu stehst: Du und diese deine Freunde, deine Mitpriester, sind lauter Wunder oder Männer des Wunderzeichens. Warum solche? Weil sie Zeichen und Vorbilder auf etwas Außerordentliches, Wunderbares sind. Dies Wunderbare wird in den folgenden Worten: „Denn siehe, ich will meinen Knecht Zemah kommen lassen“ angegeben. Mit anderen Worten: Weil sie Vorbilder auf meinen Knecht Zemah sind, den ich kommen lassen will, darum sich sie laut er Wunder oder Männer des Wunders. Damit ist aber auch schon gesagt, dass diese zukünftige Zemah nicht ein gewöhnlicher, sondern ein einzigartiger Knecht sein wird.

    Wer ist aber mit diesem Knecht Zemah gemeint? Kein anderer als der, von dem Josua in seinem neuen hohenpriesterlichen Schmuck nur ein geringes Vorbild war, nämlich der Hohepriester der ganzen Welt, besonders des Neuen Testaments, der damals zukünftige Messias, Christus Jesus. Der Prophet nennt ihn den Knecht Gottes, insofern er den Willen Gottes vollbringen soll, und Zemah, das heißt, Gewächs, da er nach der Weissagung wie ein Spross aus dem Stamm Davids nach seiner menschlichen Natur emporsprießen sollte.

    Dieser Knecht Zemah, der Spross, das Gewächs, aus dem Stamm Davids, wird in den folgenden Worten mit einem anderen bildlichen Ausdruck bezeichnet; denn sie lauten: „Siehe, auf dem einigen Stein, den ich vor Josua gelegt habe, sollen sieben Augen sein. Aber siehe, ich will ihn aushauen, spricht der HERR Zebaoth.“ Der Stein, den der HERR vor Josua gelegt hat, legen will, und der Knecht Zemah sind ein und dasselbe; denn beide Benennungen bezeichnen Christus, den Messias. Dieser Knecht Zemah, der Messias, soll der Stein, der Grund- und Eckstein, sein, den der HERR Zebaoth selbst legen wird. Wie aber? Das sagen die Worte: „Auf dem einigen Stein sollen sieben Augen sein. Aber siehe, ich will ihn aushauen, spricht der HERR Zebaoth.“

    Was ist mit den sieben Augen, die auf diesen Stein sind oder auf ihn gerichtet sind, gemeint? Der Prophet gibt die Antwort im zehnten Vers des vierten Kapitels, wo er sie die sieben Augen Jahwehs, des HERRN, das heißt, die Augen der Vorsehung, nennt. Auf diesen Stein wird die Vorsehung Gottes in ganz besonderem, im vollkommensten Maß gerichtet sein, weil er so auserwählt, über alles köstlich ist. Aber nicht dies allein, sondern Gott wird ihn auch aushauen, zurichten, zum Eck- und Grundstein des neuen Tempels zurichten und selbst als solchen legen. Wann und wodurch aber ist dies geschehen? An dem Tag, da Christus ans Kreuz geheftet wurde und durch das unsägliche Leiden, das er an jenem Tag erduldet hat. Da wurde dieser lebendige Stein wahrlich ausgehauen. Die Steinhauer waren die Hohenpriester und Obersten der Juden wie auch Pilatus, die Hämmer und Meißel die Geißeln der Kriegsknechte, mit denen sein Rücken zerfleischt, die Dornenkrone, durch deren Stachel sein Haupt so schmerzlich verwundet und blutig überflossen, die Nägel, mit denen seine Hände und Füße durchgraben, der Speer des Kriegsknechtes, mit dem seine Seite durchstochen wurde. Ein furchtbares Aushauen dieses Steines, wie es niemals vor- und nachher stattgefunden hat! Und als dieser Steinvöllig ausgehauen und zubereitet war, als Christus im Tod erblasste, sein Haupt neigte und verschied, da hat ihn Gott zum Grundstein gelegt in einen Grund, der nie wankt, nämlich in das Blut, das aus seinen Wunden vom Kreuz auf die Erde niederfloss. Welch anderer Grund hätte auch gefunden werden könne, in den dieser köstliche Stein hätte gebettet werden können, als sein eigenes Blut, das Blut des Unschuldigen, der von keiner Sünde wusste, ja, das Blut des Sohnes Gottes selbst? Darin allein liegt er fest und unbeweglich, darauf ruht der neue Tempel fest und unbeweglich, so dass ihn auch die Pforten der Hölle nicht zerstören, ja, nicht einmal erschüttern können.

    Das ist die Grundsteinlegung zu dem neutestamentlichen Tempel, nämlich der christlichen Kirche, wie sie auf Golgatha stattgefunden hat, von der Jesaja weissagte: „Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein, der wohl gegründet ist“, und wovon Chritus selbst zu den Pharisäern und Schriftgelehrten sagte und damit die Worte des Propheten auf sich bezog: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Von dem HERRN ist das geschehen, und es ist wunderbar vor euren Augen.“ Dass aber Christus, dieser köstliche Stein, der Grund- und Eckstein des neutestamentlichen Tempels, der Kirche, ist, bezeugt der HERR selbst, indem er zu Petrus spricht: „Du bist Petros, und auf diesen Petra“, auf mich, den du als Christus, des lebendigen Gottes Sohn, bekannt hast, „will ich bauen meine Gemeinde; und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Und 1. Kor. 3, 11 bezeugt Paulus: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ und in den Worten an die Epheser: „Ihr seid erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau, ineinandergefügt, wächst zu einem heiligen Tempel in dem HERRN, auf welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist.“

    Welch eine wunderbare Grundsteinlegung – wunderbar, weil sie von Gott selbst in solcher Weise geschehen ist; wunderbar, weil der Stein ein so wunderbarer ist, kein toter, sondern ein lebendiger Stein, ein gottmenschlicher Stein. Aber ebenso wunderbar war er auch in seiner Wirkung, wie wir zweitens erkennen werden.

 

2.

    Diese Wirkung gibt der Prophet zunächst in wenigen Worten an: „Und will die Sünde desselben Landes wegnehmen auf einen Tag.“ Wie? An dem Tag dieser Grundsteinlegung soll die Sünde desselben Landes, der Welt, weggenommen sein? Das sagt der HERR selbst in den eben gehörten Worten, und darum ist es gewiss so. Wie aber? Auf diese Frage antwortet Paulus mit den Worten Röm. 4, 25: „Christus ist um unserer Sünden willen dahingegeben“ und Jesaja im 53. Kapitel: „Der HERR warf unser aller Sünde auf ihn“; und darum „trug er unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Übertretung willen durchbohrt und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Wiederum sagt der Apostel 2. Kor. 5, 21: „Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ Führen wir uns dies in dem Bild von dem Eckstein, der Grundsteinlegung und des darauf zu erbauenden Tempels der neutestamentlichen Kirche näher vor das Auge!

    Dieser Tempel es Neuen Testaments, die Kirche, ist nichts anderes als die Gemeinde der Gläubigen, alle wahren Christen, wie in den vorher angeführten Worten Paulus den Christen zu Ephesus schreibt: „Ihr seid Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen; … ihr werdet erbaut zu einer Behausung Gottes im Geist.“ Auf welchem Grundstein aber konnte dieser heilige Tempel erbaut werden und emporsteigen? Etwa auf einem rein menschlichen Grundstein, einem Menschen? Wie hätte der diesen Tempel tragen können? Auf einem der hohen Patriarchen, wie Abraham? Dann ruhte er auf einem sündlichen Grund; denn Abraham war bei all seiner Glaubensstärke ein Sünder, und auf einem sündlichen Grund konnte kein heiliger Tempel stehen, da ein solcher Grund wankt und weicht. Oder auf dem Grund der eigenen Werke, eigener Gesetzeserfüllung? Das wäre ein schlechterer als ein sumpfiger oder Sandgrund; ja, dann wäre es ein unheiliger, sündiger Tempel nach seinem Grund, seinen Mauern, den einzelnen Steinen, sündig vom Grund bis zur Spitze. Sollte dieser Tempel ein heiliger Tempel sein, so musste zuerst der Grund- und Eckstein heilig, rein und unbefleckt von Sünden sein, und das war und ist dieser von Gott gelegte Stein, denn er hat niemand Unrecht getan, auch ist kein Betrug in seinem Mund gefunden worden; er ist unschuldig, unbefleckt, von den Sündern abgesondert und höher als der Himmel; denn er ist nicht allein Mensch, sondern des lebendigen Gottes Sohn. Aber obwohl er heilig, sündlos in seiner Person war; so hat er doch für die Sünden aller Menschen, die auf ihn geworfen wurden, als der Sünder gelitten, sein Leben zum Schuldopfer dahingegeben. Weil er sich zum Sündenträger für uns gemacht hat, darum hat ihn Gott so durch Leiden, Wunden und Tod ausgehauen, um seiner Gerechtigkeit genugzutun. Aber dadurch hat er unsere Sünden gebüßt, unsere Schuld bezahlt, der Gerechtigkeit des heiligen Gottes genuggetan; darum rief er sterbend auf Golgatha aus: „Es ist vollbracht“; die Strafe ist erlitten, die Sünde gebüßt; und Gott hat, indem er ihn auferweckte, erklärt: Die Sünde des Landes, der Welt, ist durch ich an jenem Tag hinweggenommen, vollkommen bezahlt. Durch ihn, sein Leiden, Sterben, seinen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz, ist eine vollkommene Erfüllung meines Gesetzes und so vollkommene Gerechtigkeit erworben; und darum ist er ein bewährter, köstlicher, unbeweglicher Grund- und Eckstein, auf dem ein heiliger Tempel erbaut werden kann und soll. Das ist ein anderer Grundstein als der, welcher dort zur Zeit des Hohenpriesters Josua gelegt wurde, der aus einem natürlichen Felsblock bestand, und der auf ihn gegründete Tempel ein anderer als der, welcher damals errichtet wurde, kein irdisch sichtbarer, sondern ein unsichtbarer, himmlischer, kein sündlicher, sondern heiliger Tempel in dem HERR, ein Tempel, an dem nicht wie an jenem etwa 20 Jahre, sondern so lange gebaut wird, bis er am Ende der Tage völlig vollendet ist und in den Himmel versetzt wird; kein toter, sondern ein lebendiger Bau. Und die auf diesem Grund- und Eckstein miterbaut, als lebendige Steine in ihn eingefügt sind, die leben in einer glückseligen Zeit, genießen einen seligen, herrlichen Frieden. Darüber lasst mich zum Schluss reden.

 

3.

    „Zu derselben Zeit“, so lauten die Schlussworte unseres Textes, „spricht der HERR Zebaoth, wird einer den anderen laden unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.“ Der Prophet bedient sich eines lieblichen Bildes, in welchem er den glückseligen Zustand beschreibt, in dem sich alle Gläubigen befinden, die sich die Frucht des Leidens und Sterbens Christi auf Golgatha, die dadurch vollbrachte Versöhnung Gottes, durch den Glauben zueignen. Wenn in einem Land Frieden herrscht, wenn die Einwohner keinen Mangel an irdischen Gütern leiden, die Fülle und Überfluss haben, dann ladet einer den anderen ein, man setzt sich unter schattige Bäume und freut sich miteinander. Und so, sagt der Prophet, wird es bei den Gläubigen in der Kirche des Neuen Testaments in geistlicher Beziehung sein. Sie haben Frieden mit Gott und sind gewiss, dass er ihnen nicht zürnt, sondern durch Christus versöhnt ist, wie der Apostel Röm. 5, 1 schreibt: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren HERRN Jesus Christus.“ Aus diesem Frieden erwächst aber auch der Friede mit ihren Mitchristen; sie verkehren als Glieder einer Familie miteinander. Durch Christi Wunden haben sie Heilung, durch seinen Tod das Leben; sie sind, wie Paulus Eph. 1 schreibt, „gesegnet mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus“, und freuen sich dieser herrlichen Güter. Das sagt der Prophet mit den Worten: „Einer wird den anderen laden unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.“

    Wohlan, Geliebte, wir leben in der glückseligen Zeit, die der Prophet in diesen Worten beschreibt, in dem Tempel des lebendigen Gottes, der neutestamentlichen Kirche. Stehen wir im wahren Glauben, so sind wir Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen, miterbaut auf den Eckstein, den Gott selbst einst auf Golgatha gelegt, den er ausgehauen, zubereitet, wodurch er auch unsere Sünde weggenommen hat. Für diese uns erwiesene überschwängliche Gnade lasst uns von Herzen dankbar sein, aber auch wohl zusehen, dass wir durch den Glauben auf diesen köstlichen Eckstein gegründet sind und bleiben, so werden wir auch sicher wohnen unter unserem Weinstock und Feigenbaum, alle uns erworbenen Güter in seligem Frieden genießen, den Frieden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bis wir in diesem Frieden abscheiden und dort jubilieren werden:

Es ist vollbracht!

Weg Krankheit, Schmerz und Pein!

Weg Sorgen; weg Verdruss!

Dein Golgatha soll mir ein  Tabor sein;

Mein matt und müder Fuß

Wird hier auf diesen Friedenshöhen

Frei von Beschwerd und Banden gehen.

Es ist vollbracht!

 

Es ist vollbracht!

Wie wohl, wie wohl ist mir!

Wie leb ich so erfreut

In Salems Burg, …

Wo keine Feinde zu uns brechen,

Wo weder Dorn noch Disteln stechen.

Es ist vollbracht!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Misericordias Domini (Die Erde ist voll der Guete des HERRN; Ps. 33, 5; Hirtensonntag) ueber Jesaja 1, 1-9: Gottes Klage ueber das Reich Juda

 

Jesaja 1, 1-9: Dies ist das Gesicht Jesajas, des Sohns Amoz, welches er sah von Juda und Jerusalem zur Zeit Usias, Jothams, Ahas und Hiskias, der Könige Judas.

    Hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren! Denn der HERR redet: Ich habe Kinder aufgezogen und erhöht, und sie sind von mir abgefallen. Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht. O wehe des sündigen Volks, des Volks von großer Missetat, des boshaften Samens, der schädlichen Kinder, die den HERRN verlassen, den Heiligen in Israel lästern, weichen zurück! Was soll man weiter an euch schlagen, so ihr des Abweichens nur desto mehr macht? Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle bis aufs Haupt ist nichts Gesundes an ihm, sondern Wunden und Striemen und Eiterbeulen, die nicht geheftet noch verbunden noch mit Öl gelindert sind. Euer Land ist wüste, eure Städte sind mit Feuer verbrannt; Fremde verzehren eure Äcker vor euren Augen, und ist wüste, als das, so durch Fremde verheert ist. Was aber noch übrig ist von der Tochter Zion, ist wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte in den Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt. Wenn uns der HERR Zebaoth nicht ein weniges ließe überbleiben, so wären wir wie Sodom und gleichwie Gomorrha.

 

    In Christus geliebte Zuhörer!

    „Dies ist das Gesicht Jesajas, des Sohnes des Amoz, welches er sah von Juda und Jerusalem“, so lauten die Anfangssorte unseres heutigen Textes. Sie bilden die Einleitung zu dem Buch des größten unter allen Propheten des Alten Testaments. Dieser Prophet, dessen Name „Der HERR schafft Heil“ bedeutet, lebte zu Jerusalem und wirkte dort vierzig, nach anderen sogar sechzig Jahre lang, vom Todesjahr des jüdischen Königs Usija bis in das vierzehnte Jahr des Königs Hiskia, und entfaltete eine Tätigkeit, die in mächtiger Weise in die Geschichte des Königsreichs eingriff. Nach einer alten Überlieferung soll er unter dem Nachfolger Hiskias, dem gottlosen und grausamen Manasse, den Märtyrertod erlitten haben. In welch wunderbarer Weise er zum Propheten geweiht wurde, wird im sechsten Kapitel berichtet. Und wunderbar wie seine Weihe war auch seine Tätigkeit, waren seine Weissagungen und die Wirkung derselben. Er verkündigte die Strafgerichte des HERRN, die über das gottentfremdete Volk hereinbrechen sollten, aber auch wie kein anderer Prophet das nach und unter diesen Strafgerichten kommende Heil in dem verheißenen Erlöser, weshalb er der Evangelist des Alten Bundes genannt worden ist.

    Er beginnt seine Weissagungen mit einer Klage über das gottentfremdete Juda, über die schnöde Undankbarkeit des Volkes, dem Gott als liebender Vater so große Wohltaten erwiesen hat, das aber durch die erlittenen Strafen einem Menschen gleich ist, der über und über mit Wunden und Striemen bedeckt und doch nicht gebessert ist. Betrachten wir aufgrund unseres Textes:

 

Die vor Himmel und Erde erschallende Klage Gotts über das Reich Juda

 

    In dieser Klage stellt Gott dem Reich Juda vor

    1. die ihm erwiesenen Wohltaten,

    2. die dafür bewiesene Undankbarkeit,

    3. den elenden Zustand des Reiches Juda.

 

1.

    „Hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren; denn der HERR redet! Mit diesen Worten beginnt die göttliche Klage über das Reich Juda. Himmel und Erde werden zu Zeugen aufgerufen, um gegen das sündige, boshafte Volk aufzutreten. Die Klage, die sich zu einer schweren, ergreifenden Anklage gestaltet, die Gott selbst erhebt, lautet: „Ich habe Kinder aufgezogen und erhöht, und sie sind von mir abgefallen.“ Das ist die Klage eines liebenden und treuen Vaters über die Untreue und den Undank missratener Kinder, denen er so große Wohltaten erwiesen hat. Diese Wohltaten sind in den Worten „aufgezogen und erhöht“ zusammengefasst.

    Der große Gott hat sich diesem Volk gegenüber als liebender Vater erwiesen. Was es ist und hat, das hat es ihm allein zu verdanken. Schon in den Erzvätern hatte er es zu seinem Volk erwählt. Er hatte bei Abrahams Berufung zu ihm gesagt: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und will dir einen großen Namen machen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Und seine nachkommen waren zu einem großen Volk geworden. Als Jakob mit seiner Familie nach Ägypten kam, zählte diese 70 Seelen. Aber obwohl die Kinder Israel dort schwer bedrückt wurden, wuchsen sie doch unter dem Schutz und Segne Gottes zu einem großen Volk heran, so dass sie bei ihrem Auszug aus Ägypten 600.000 Mann zu Fuß zählten. Aus dem kleinen Häuflein war ein zahlreiches Volk, aus dem kleinen Kind, das ich so sage, ein starker junger Mann geworden. So hatte Gott sie sich als seine Kinder aufgezogen. Und wie wunderbar hatte sie der HERR aus der Knechtschaft Ägyptens befreit! Eine Plage nach der anderen hatte er über die Ägypter kommen lassen, bis diese sie zum Auszug drängten, um nicht von weiteren Plagen heimgesucht zu werden. Denkt an den wunderbaren Durchgang durch das Rote Meer, wodurch sie vor dem ihnen nachjagenden Pharao beschützt, an das Waser, mit dem sie getränkt wurden, an die Siege, die sie über ihre Feinde errangen und an so viele andere Wohltaten, die ihnen der HERR erwies. Denkt ferner an den wunderbaren Durchgang durch den Jordan, wie „das Wasser, das von oben herniederkam, aufgerjchtet über einem Haufen stand“, wie von einem mächtigen Damm zurückgehalten, nach unten aber zum Salzmeer abfloss, so dass die Kinder Israel trockenen Fußes durch den Fluss hindurchgehen und das Gelobte Land betreten konnten. Denkt endlich an die Einnahme des Landes, wie die Mauern der festen Stadt Jericho einfielen, als das Volk ein Feldgeschrei erhob und die Priester die Posaunen bliesen. An dem allem erkannten nicht allein sie, sondern auch die Völker der Erde die mächtige Hand des HERRN, ihres Gottes. Im Hinblick auf alle diese Wohltaten spricht der HERR in unserem Text: „Ich habe Kinder aufgezogen.“

    Aber er hatte sie nicht allein aufgezogen, sondern auch „erhöht“. Dort im gelobten fruchtbaren Land waren sie zu einem mächtigen Volk geworden. Unter dem Heldenkönig David hatten sie alle ihre Feinde ringsumher besiegt und waren als ein mächtiges Volk von den Heiden gefürchtet. Unter Salomo blühten Frieden und Reichtum. Das Volk wohnte sicher, ein jeglicher unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstock, Konnte Gott diesem Volk nicht mit Recht zurufen: „Ich habe Kinder aufgezogen und erhöht“? Hatte er es nicht mit Wohltaten überschüttet?

    Aber blicken wir von den Kindern Israel auf uns, so werden wir bekennen müssen, dass er auch uns viele Wohltaten erwiesen hat. Den auch uns hat er ein gutes und reiches Land gegeben und hat uns mit irdischen Gütern gesegnet. Aber mehr als dies: Mit uns hat er einen Bund gemacht, viel größer und herrlicher als den, welchen er mit den Kindern Israel gemacht hat, nämlich einen Bund nicht des Gesetzes, sondern der Gnade, von dem der HERR Jes. 55, 3 sagt: 2ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids“, durch den Vergebung und Tilgung der Sünde, Erlösung vom Tod und ewiges Leben gegeben wird, und Jer. 31: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund machen, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern machte, … den sie nicht gehalten haben … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben; und sie sollen mein Volk sein, so will ich ihr Gott sein. Sie sollen mich alle kennen, beide, klein und groß; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Die größte unter allen den Kindern Israel erwiesene Wohltat war die Gesetzgebung und Bundesschließung. Wenn sie den Bund hielten, so sollten sie ihm ein priesterliches Königreich und en heiliges Volk sein, ja, sein Eigentum sein unter allen Völkern, so dass diese bekennen sollten: „Wo ist so ein herrliches Volk, das so gerechte Sitten und Gebote hat wie alle dies Gesetz“?

    Wir nun sind nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade, sind nicht mehr unmündige Kinder, sondern sind mündig geworden; denn wie viele unser getauft sind, die haben Christus angezogen und sind Gottes Kinder durch den Glauben an Christus Jesus. So hat Gott als der liebreiche .und gnädige Vater uns als seine Kinder aufgezogen und erhöht; denn was kann höher sein als Kinder Gottes, des Allerhöchsten, zu heißen? Und wenn wir auf unsere Kirche blicken, so kann ich hinzufügen: Gott hat uns zu einem großen Volk gemacht wie einst das Volk Israel.

    Wie aber vergalt das Volk Israel dem HERRN alle ihm erwiesenen Wohltaten? Darauf gibt die Klage Gottes in unserem Text Antwort.

 

2.

    Diese Antwort lautet zunächst: „Sie sind von mir abgefallen“, das heißt, sie sind treulos geworden, haben alle Wohltaten vergessen, ja mit Gleichgültigkeit und Undank vergolten. Wisst ihr, was das heißt, wenn Kinder von ihrem Vater und ihrer Mutter abfallen, von denen sie mit großer Mühe und aller Sorgfalt großgezogen worden sind, wenn sie ihren Eltern schnöde Undankbarkeit erweisen, ihnen den Rücken kehren und ihnen Kummer und Herzeleid bereiten? So bewiesen sich die Kinder Israel gegen Gott. Wodurch, das ersehen wir aus 2. Kön. 16. War schon unter dem König Jotham das Verderben unter dem Volk eingerissen, so wurde es unter seinem Nachfolger, Ahas, immer schlimmer; denn nach den Gräueln der Heiden opferte er sogar seinen ältesten Sohn, opferte und räucherte auf den Höhen und unter allen grünen Bäumen, trieb heidnischen, gräulichen Götzendienst, der mit allerlei Sünden und Lastern, oft genug mit grober Unzucht verbunden war. Die Großen im Reich pflegten Recht und Gerechtigkeit nicht, sondern unterdrückten die Armen. Darum nennt sie Jesaja im 10. Vers dieses Kapitels Fürsten von Sodom und das Volk ein Volk von Gomorra und beschuldigt sie im 15. Vers, dass ihre Hände voll Blut seien. Wie tief mussten die Reichen und Mächtigen und auch das Volk gesunken sein, wenn er ihnen die Anklage ins Gesicht schleudert, dass sie den Einwohnern der lasterhaften Städte Sodom und Gomorra gleich seien, die um ihres gräulichen Lasters willen durch vom Himmel fallendes Feuer vernichtet worden waren! So waren sie von Gott abgefallen.

    Aber noch mehr! Es heißt in unserem Text: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht.“ Welch ergreifende Klage! Die mit solch väterlicher Sorgfalt und Treue erzogenen, so hoch erhöhten Kinder sind unter die unvernünftigen, ja die dümmsten Tiere herabgesunken, zeigen nicht einmal so viel Erkenntlichkeit wie die Ochsen und Esel. So dumm diese Tiere auch sind, so kennen sie doch ihren Herrn und zeigen eine gewisse Dankbarkeit, wenn ihnen ihr Herr Futter in die Krippe gibt; aber Israel, die Kinder Israel, die diesen hohen Ehrennamen nach dem Erzvater Jakob führen, der mit Gott und Menschen gerungen und gesiegt hat, die sich Gottesstreiter nennen und auf diesen Namen stolz sind, die sind von Gott abgefallen und dienen den toten, stummen Götzen der Heiden, streiten gegen Gott, sind ein sündiges Volk, ein Volk von großer Missetat geworden, eine Saat von Missetätern, schädliche, heillose Kinder; sie verlästern den Heiligen in Israel und weichen zurück. Beachtet die Worte: „die den Heiligen in Israel lästern“. Nicht einen Menschen lästern sie, sondern den Heiligen, den Gott Israels, der in seiner Heiligkeit von unnahbarer Würde, in seinem Zorn ein verzehrendes Feuer ist. Sind das nicht schädliche, heillose Kinder, die dem Heiligen gleichsam ins Gesicht schlagen, ihm seine Wohltaten mit solchem Frevel vergelten? Muss er über sie nicht das Wehe ausrufen?

    Eine ähnliche Klage hebt der HERR durch den Propheten Jeremia im achten Kapitel seines Buches in den Worten an: „Ein Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, eine Turteltaube, Kranich und Schwalbe merken ihre Zeit, wann sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des HERRN nicht wissen.“ Der Heiland musste Klagen: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind: Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ Aber wie es bei den Juden war, so ist’s auch in der christlichen Kirche gewesen. Welch ein Verderben machte sich schon im vierten Jahrhundert geltend! Bischöflicher Stolz und Hochmut traten auf den sogenannten allgemeinen Konzilen hervor, heidnisches Wesen macht sich unter Hohen und Niedrigen geltend. Man stritt fanatisch über die reine Lehre und führte dabei ein unreines Leben. Wie verderbt waren die Priester, Mönche und das Volk vor der Reformation, und wie bald waren die Wohltaten vergessen, die Gott unserem Volk durch die Reformation erwiesen hatte! Wie hat Luther über den Undank des deutschen Volkes geklagt! Und dieser Undank tritt auch in unseren Kreisen mehr und mehr hervor. Wie groß ist die Gleichgültigkeit, wie gering die Opferwilligkeit! Mit dem Wohlstand und dem Reichtum nehmen auch der Mammonsdienst und weltförmiges Wesen zu. Möchten wir uns warnen lassen! Denn Gott lässt die Undankbarkeit für die erwiesenen Wohltaten nicht ungestraft. Das ist das dritte, was wir nach unserem Text zu betrachten haben.

 

3.

    Der HERR sagt in unserm Text weiter: „Was soll man weiter an euch schlagen, so ihr des Übertretens nur desto mehr macht? Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle an bis aufs Haupt ist nichts Gesundes an ihm, sondern Wunden und Striemen und Eiterbeulen, die nicht geheftet noch verbunden noch mit Öl gelindert sind.“ Das ist eine bildliche Beschreibung des Zustandes, in welchem sich das Volk infolge der göttlichen Strafgerichte befand. Es glich einem menschlichen Körper, der mit Striemen, Wunden und Eiterbeulen, durch Schläge verursacht, bedeckt ist. Deshalb sagt der HERR; „Was soll man weiter an euch schlagen?“ Und wenn er hinzusetzt: „so ihr des Übertretens nur desto mehr macht“, so sagt er, dass diese Strafen das Volk nicht gebessert haben, sondern dass sie nur noch ärger geworden sind. Während die Strafgerichte es hätten lehren sollen, wohin die Undankbarkeit und der Abfall von Gott führen, wurde es gottloser und verstockter. Diesen elenden Zustand beschreibt der Prophet mit eigentlichen Worten, indem er sagt: „Euer Land ist wüste, eure Städte sind mit Feuer verbrannt, Fremde verzehren eure Äcker vor euren Augen, und ist wüste als das, so durch Fremde verzehrt ist.“ Wer die Feinde und die Fremden waren, die eine solche Verwüstung angerichtet haben, ersehen wir aus 2. Chron. 28, nämlich die Edomiter und Philister, die eine Anzahl der Städte erobert und das Land geplündert hatten. Nur Jerusalem war noch nicht erobert, und dieses nahm sich inmitten der Verwüstung des Landes als eine armselige Hütte in einem verödeten Weinberg aus; denn der Prophet fährt fort: „Was aber noch übrig ist von der Tochter Zion, ist wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte in den Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt“, der nach außen hin der Verkehr abgeschnitten ist. Das Land ist verwüstet, die Städte sind zerstört; es blutet aus tausend Wunden, die ihm nach Gottes gerechtem Gericht die Feinde geschlagen haben. So müssen die boshaften Kinder, die den HERRN verlassen haben, den Heiligen Israels lästern, ihren Abfall und ihre Gottlosigkeit büßen. Hätte sich der HERR Zebaoth aus Gnaden nicht ein weniges, einen geringen Rest, übrigbleiben lassen, so wären sie wie Sodom und Gomorra, das heißt, sie wären wie diese Städte gänzlich vom Erdboden vertilgt worden.ERRN v

    „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“, heißt es Spr. 14. Dieses Wort hat sich in der Geschichte der Kirche, des Reiches Gottes, zu allen Zeiten bewahrheitet. So war es zur Zeit Noahs, zur Zeit der Richter und der Könige in Juda und Israel. Fielen sie in heidnischen Götzendienst, so bediente sich Gott der Heiden, um sie zu strafen. Als sie Christus nicht als ihren König aufnahmen, sondern sich den heidnischen Kaiser erwählten, ausriefen: „Wir haben keinen König als den Kaiser!“ da kamen die Römer, zerstörten Stadt und Tempel und zerstreuten die Übergebliebenen in alle Länder der Erde. Hatten sie den HERRN von Judas um dreißig Silberlinge gekauft, so wurden sie von den Römern um einen noch geringeren Preis verkauft. Da war ein Jude sehr billig. Als die christlichen Gemeinden in Kleinasien von Gott abfielen, wurden sie Untertanen der Türken. Als Deutschland die Segnungen der Reformation vergessen hatte, musste es die furchtbare Verwüstung durch den Dreißigjährigen Krieg über sich ergehen lassen. Ist nicht auch unser Land schon durch Krieg und Verwüstung heimgesucht worden, so dass es aus klaffenden Wunden blutete? Und Gott der HERR hat Donner und Blitz, den Wind und das Waser, Pestilenz und teure Zeiten in seiner Hand, um sie als Zuchtruten über die von ihm abgefallenen Kinder zu gebrauchen. Dünke sich niemand unter uns sicher, sondern prüfen wir uns, ob Gott, der uns so geliebt hat, dass er uns seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, nicht auch Ursache hat, über uns als abgefallene, schädliche Kinder zu klagen; nehmen wir seine Klage zu Herzen, damit wir Buße tun, uns bessern und nicht auch seinen Strafgerichten verfallen. Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Jubilate (Jauchzet Gott, alle Lande; Ps. 66, 1) ueber Jesaja 1, 10-20: Gottes Antwort auf die Selbstrechtfertigung des gestraften Volkes Israel

 

Jesaja 1, 10-20: Hört des HERRN Wort, ihr Fürsten von Sodom; nimm zu Ohren unsers Gottes Gesetz, du Volk von Gomorrha! Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr hereinkommt zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von euren Händen, dass ihr auf meinen Vorhof tretet? Bringt nicht mehr Speisopfer so vergeblich! Das Räuchwerk ist mir ein Gräuel; die Neumonde und Sabbate, da ihr zusammenkommt und Mühe und Angst habt, die mag ich nicht. Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahrzeiten; ich bin derselben überdrüssig; ich bin’s müde zu leiden. Und wenn ihr schon eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine Augen von euch; und ob ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Bluts.

    Wascht, reinigt euch, tut euer böses Wesen von meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft dem Unterdrückten, schafft dem Waisen Recht und helft der Witwen Sache! So kommt dann und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden. Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen. Weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden; denn der Mund des HERRN sagt es.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Im ersten Teil dieses Kapitels hat der Prophet Jesaja dem Volk Israel seinen Abfall und seine Verderbtheit vorgehalten, hat es ein Volk von großer Missetat einen Boshaften Samen, schädliche Kinder genannt, die den HERRN verlassen und lästern, sogar in ihrer Blindheit unter die dümmsten Tiere herabgesunken sind. Selbst ein Ochse kennt seinen Herrn, aber sie kennen ihren Gott nicht, der sie als seine Kinder auferzogen hat. Selbst ein Esel zeigt eine gewisse Erkenntlichkeit dafür, wenn ihm Futter in die Krippe gegeben wird, aber sie zeigen keine Dankbarkeit für alle Wohltaten, die Gott ihnen erwiesen hat. Auch die schweren Strafgerichte, die deswegen über sie ergangen sind, haben sie nicht zur Erkenntnis gebracht. Sie sind durch diese Strafgerichte einem menschlichen Körper gleich geworden, der durch Schläge von der Fußsohle bis zum Scheitel mit Wunden, Striemen und Eiterbeulen bedeckt ist; aber sie sind nur desto verstockter geworden. Deshalb sagt der HERR zu ihnen: „Was soll man noch weiter an euch schlagen, da ihr des Abweichens nur desto macht?“ Sie können weder durch Güte noch durch Strafe zur Buße gebracht werden. Wenn sich der HERR nach seiner Barmherzigkeit nicht noch einige Gottesfürchtige übrig behalten hätte, so wären sie wie Sodom und Gomorra, das heißt, sie wären wie diese gottlosen Städte völlig in Gottlosigkeit versunken und gänzlich vernichtet worden.

    Aber so schuldbeladen das Volk war, und so schwer die Strafgerichte Gottes es getroffen hatten, so erkannte es doch seine Schuld nicht nur nicht, sondern versuchte, sich zu rechtfertigen. Es weist auf die vielen Opfer hin, die von ihm dargebracht wurden, auf die Feier der Feste und den Besuch des Tempels und will damit sagen: Werden nicht die vorgeschriebenen Opfer dargebracht, die Feste gefeiert, die Sabbate gehalten? Wie können wir daher beschuldigt werden, dass wir den Einwohnern von Sodom und Gomorra gleich seien und solche Strafe verdient hätten? Darauf antwortet der HERR durch den Propheten in dem heutigen Text. Betrachten wir daher aufgrund desselben:

 

Gottes Antwort auf die Selbstrechtfertigung des gestraften Volkes Israel

 

    In dieser Antwort wird

    1. Israels ganzer Gottesdienst als heuchlerisch verworfen, dagegen

    2. aufrichtige Buße und Bekehrung von ihm gefordert.

 

1.

    Anstatt die Anklage, dass sie in ihrem gottlosen Wesen Sodom und Gomorra gleich geworden seien, zu mildern oder gar zu widerrufen, beginnt der Prophet seine Antwort mit den Worten: „Hört des HERRN Wort, ihr Fürsten von Sodom; nimm zu Ohren unseres Gottes Gesetz, du Volk von Gomorra!“ und schleudert ihnen damit die vorher schon gegen sie erhobene Beschuldigung von neuem entgegen. Er nennt die Obersten des Volkes Fürsten von Sodom und das Volk ein Volk von Gomorra. Eine furchtbare Anklage, wenn wir bedenken, wie gottlos und lasterhaft jene durch Feuer und Schwefel von dem Erdboden vertilgten Städte waren. Dieselbe, ja eine noch schwerere Beschuldigung erhebt Gott durch den Propheten Hesekiel gegen das Volk Juda und Jerusalem im 16. Kapitel in den Worten: „Sodom, deine Schwester, samt ihren Töchtern hat nicht so getan wie du und deine Töchter“ und nennt als besondere Sünden: Hoffart, Unterdrückung der Armen und Bedürftigen, Stolz und Gräuel. Jesaja wendet sich zunächst an die Fürsten, die Obersten des Volkes, die das Richteramt führten und in ihren Sünden dem Volk vorangingen, dann aber auch an das ganze Volk, da alle mehr oder weniger schuldig waren.

    Sie weisen zunächst auf die Menge der von ihnen dargebrachten Opfer hin. Darauf antwortet ihnen der Prophet: „Was soll mir die Menge eurer Opfer? Spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.“ Mit diesen Worten sind die sogenannten blutigen Opfer gemeint, die teils ganze Opfer waren, indem die Teire ganz auf dem Altar vom Feuer verzehrt wurden, oder nur teilweise, wenn nur das Blut und die Fettstücke des Opfertieres auf dem Altar dargebracht, das übrige aber den Priestern überlassen oder bei den Opfermahlzeiten verzehrt wurde. Bei diesen blutigen Opfern kam es besonders auf das Blut an, da, wie es 3. Mose 17 heißt, „des Leibes Leben im Blut und das Blut die Versöhnung für das Leben ist“. In ihnen wurde das Blut und damit das Leben des Opfertieres für das Blut und das Leben des sündigen Menschen oder des ganzen Volkes dargebracht, während das Feuer, durch welches das Opfer verzehrt wurde, die heilige Macht Gottes darstellte, daher bei außerordentlichen Fällen das Feuer vom Himmel fiel und das Opfer verzehrte als Zeichen des göttlichen Wohlgefallens. Zu diesen Opfern wurden die genannten Tiere: Widder, Stiere, Lämmer und Böcke verwendet. Aber an diesen Opfern hatte der HERR kein Wohlgefallen; er ist ihrer satt, überdrüssig, will sie nicht annehmen, sondern wirft sie von sich.

    So auch mit den Speisopfern; denn der HERR spricht im 13. Vers unseres Textes: „Bringt nicht mehr Speisopfer so vergeblich! Das Räuchwerk ist mir ein Gräuel.“ Diese Speisopfer waren unblutige und bestanden in Opfergaben an Feldfrüchten, Mehl, Brot und dergleichen. Durch sie sollte keine Sühnung der Sünde geschehen, sondern Gott Anerkennung und Dank für den Segen an Feld- und anderen Früchten erwiesen werden, und sie wurden entweder mit dem Sühnopfer zusammen oder auch ohne dieselben allein dargebracht. Zu ihnen gehörten die Erstlingsfrüchte der Ernte und die Schaubrote, die im Heiligtum des HERRN lagen, damit sein Blick immer auf ihnen als den Gaben des Dankes seines Volkes ruhe.

    Von den Opfern wendet sich der HERR zu den von ihnen beobachteten Fest- und Feiertagen; denn er spricht weiter: „Die Neumonde und Sabbate, da ihr zusammenkommt und Mühe und Arbeit habt, die mag ich nicht.“ Der Neumond war die Feier des neu erscheinenden Mondes, der Sabbat die Feier des siebten Wochentages, die beide uralt, aber auf Sinai, besonders die letztere, streng geboten waren. Zu diesen kommen noch die „Jahrzeiten“, das Passah-, Pfingst- und Laubhüttenfest. Im Darbringen dieser blutigen, unblutigen und anderer freiwilliger Opfer, in der Feier der Sabbate und Feste waren sie fleißig. Aber sie täuschten sich sehr, wenn sie auf diese äußerlichen Werke vertrauten, damit sie dem HERRN einen Dienst zu erweisen meinten; denn er ruft ihnen zu: „Wenn ihr hereinkommt, zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von euren Händen, dass ihr auf meinen Vorhof tretet“, eigentlich: meine Vorhöfe zu zerstampfen? Die Speisopfer bringt ihr vergeblich. „Das Räuchwerk ist mir ein Gräuel; die Neumonde und Sabbate … mag ich nicht. Meine Seele ist feind euren Neumonden und Jahrzeiten; ich bin derselben überdrüssig; ich bin’s müde zu leiden.“ Verwirft er damit nicht ihren ganzen, von ihm selbst gebotenen und geordneten Gottesdienst? Warum denn? Die Antwort lautet im 15. Vers: „Wenn ihr schon eure Hände ausbreitet“, um Vergebung und Gaben von mir zu empfangen, „verberge ich doch meine Augen von euch; und ob ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut“, voll von unschuldig vergossenem Menschenblut. Neben ihrem Eifer im Opfern und Halten der Fest- und Feiertage trieben sie, wie ihnen im 29. Vers dieses Kapitels gesagt wird, Abgötterei unter den Eichen, bedrückten die Armen und vergossen unschuldiges Blut. Sie dienten äußerlich Gott, aber in gottloser Gesinnung, und meinten, ihm mit dem äußerlichen Schin und Treiben einen Gefallen zu erweisen. Aber er sagt ihnen: Alle eure Opfer und Festfeiern und Gebete sind mir ein Gräuel, ich kann sie nicht länger ertragen; denn sie sind lauter Heuchelei.

    Ist das nicht eine furchtbare Beschuldigung? Aber sie ist wahr; denn Gott selbst erhebt sie. Und wie viele trifft sie unter den sogenannten Christen heutzutage! Oder ist nicht bei vielen der ganze Gottesdienst auch nur ein rein äußerliches Ding, ohne Gottesfurcht, ohne Andacht, ohne Glauben? Sie kommen zur Kirche, aber nur mit den Füßen, nicht mit dem Herzen, aus Gewohnheit, ab er nicht aus Heilsbegierde; sie hören das Wort Gottes, aber nur mit den Ohren, nicht mit dem Herzen; sie beten mit den Lippen, aber nicht mit Andacht; sie singen mit dem Mund, aber es ist äußerliches Geplärr. Sie bringen bei weiten nicht so große und zahlreiche Opfer wie die Juden, geben die geringe Gabe oft genug mit Unwillen, manche leben im Götzendienst des Geizes, in Hass und Feindschaft und dergleichen und meinen doch gleich jenen, mit ihrem äußerlichen Tun Gott einen Dienst zu erweisen. Aber zu ihnen spricht der HERR auch: „Tut nur weg von mir das Geplärr eurer Lieder; denn ich mag euer Saitenspiel nicht hören“; ob ihr schon viel plappert wie die Heiden, so höre ich euch doch nicht. Das Räuchwerk eures Gebets ist mir ein Gräuel; „ich mag nicht riechen in eure Versammlungen“; oder wie er im 50. Psalm spricht: 2Meinst du, das sich Ochsenfleisch essen wolle oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde! Was verkündigst du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch Zucht hasst und wirfst meine Worte hinter dich? Dein Maul lässt du Böses reden, und deine Zunge treibt Falschheit. Du sitzt und redest gegen deinen Bruder, deiner Mutter Sohn verleumdest du. Das tust du, und ich schweige. Da meinst du, ich werde sein gleichwie du; aber ich will dich strafen und will dir’s unter die Augen stellen. Merkt doch das, die ihr Gott vergesst, dass ich nicht einmal hinreiße, und sei kein Retter mehr da!“ Das sind furchtbare, aber sie sind des heiligen Gottes Worte, der ein starker, eifriger Gott ist, dem alle äußerlichen, heuchlerischen Werke ein Gräuel sind.

    Prüfe sich nun ein jeder unter uns, ob sein Gottesdienst, sein Hören, Singen, Beten, Opfern ein wahrer Gottesdienst, im Geist und in der Wahrheit, oder ein bloß äußerliches, heuchlerisches Ding ist, gleich dem, von welchem Gott in unserem Text sagt, dass das Erscheinen vor ihm, nämlich das Kommen in seinen Tempel zu Jerusalem, nichts weiter sei als ein Zertreten, Zertrampeln seiner Vorhöfe. Wie selbstgerecht waren jene, wie suchten sie sich mit ihren Opfern und ihren pomphaften Festversammlungen zu rechtfertigen! Selbstgerechtigkeit und Gottlosigkeit gingen nebeneinander bei ihnen her. Aber schon jene ist Gottlosigkeit; denn der Selbstgerechte vertraut auf seine äußerlichen Werke. Er ist einer Glocke gleich, die schön klingt, aber tot ist, ohne Leben, ohne Empfindung von dem, was er tut, wie Paulus 1 Kor. 13 sagt: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“ Gott will das Herz, seine Augen sehen nach dem Glauben, nach Buße, und die fordert er in unserem Text im zweiten Teil seiner Antwort an das gestrafte Israel.

 

2.

    „Wascht euch, reinigt euch; tut euer böses Wesen von meinen Augen; lasst ab vom Bösen°!“ lautet die Forderung, die Gott zunächst an das Volk stellt. Wovon soll es sich waschen und reinigen? Das erkennen wir, wenn wir auf die Gesinnung achten, in der es seine Opfer darbrachte und vor Gott im Tempel erschien. Die Speisopfer waren Opfer der Falschheit; das Räuchwerk war ein Gräuel, ein abscheulicher, ekelhafter Geruch. Die Feier des Sabbats, der Neumonde, der Festversammlungen war Frevel, Nichtswürdigkeit, daher dem heiligen Gott unerträglich, eine Last, die er nicht mehr tragen konnte. Die Hände, die es im Gebet zu ihm ausbreitete, waren mit unschuldigem Blut besudelt. Das war das böse Wesen, das waren die Schlechtigkeiten ihrer Taten, mit denen es vor Gott erschien, die er, der Allsehende, sah; von denen sollten sie sich waschen, reinigen, die sollte es von seinen Augen hinwegtun; es sollte aufhören, Böses zu tun.

    Wodurch sollen sie sich waschen, reinigen? Dadurch, dass sie die Falschheit ihres Opferdienstes und ihrer Gebete erkennen, einsehen, dass alles, womit sie Gott dienen wollen, ihm ein Gräuel ist. Das ist das erste, was Gott von ihnen fordert. Aber sie sollen das auch wahrhaftig bereuen, darüber von Herzen Leid tragen, dass sie ihn mit dem allem erzürnt haben, anstatt ihm einen angenehmen Dienst zu erweisen, und dies damit beweisen, dass sie davon ablassen, es als ein Gräuel vor Gott meiden.

    Die andere Forderung lautet: „Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht!“ Weil sie Böses zu tun gewohnt und darin bewandert sind, so ist es für sie umso schwerer, Gutes zu tun; sie müssen es daher gleichsam erst wie Schüler lernen. Und worin dies Gute vornehmlich besteht, sagen die folgenden Worte: „Helft den Unterdrückten“ oder maßregelt den Gewalttätigen, dass er den Schwachen und Geringen nicht Gewalt antut, sondern gerecht handelt. „Schafft dem Waisen Recht und helft der Witwen Sache.“ Wir ersehen daraus, dass besonders die Oberen und Richter sich des Frevels schuldig machten, die Geringen zu vergewaltigen, die Witwen und Waisen um ihr Recht zu bringen. Da sollen sie dafür eintreten, dass den Waisen Recht gesprochen wird und sich der Witwen Sache annehmen. Halten wir diese Forderung mit dem zusammen, was ihnen der HERR über ihre Opfer und ihren ganzen heuchlerischen Gottesdienst sagt, so lauten sie: Wenn ihr eure Opfer bringt, Feste feiert und betet, so tut erst Buße, befleißigt euch, recht zu handeln und den Unterdrückten sowie den Witwen und Waisen zu helfen; lasst ab von eurem bösen Wesen und tut Gutes. Und wenn ihr dies getan habt, dann „kommt und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR“. Das heißt: Wenn ihr mit mir rechten, streiten wollt, als ob ihr die Strafen, durch die ihr voller Wunden, Striemen und Eiterbeulen geworden seid, nicht verdient habt, so tut erst aufrichtige Buße und bessert euch, und dann wollen wir miteinander rechten und sehen, ob ihr Ursache habt, euch zu rechtfertigen.

    Aber welch eine herrliche Verheißung fügt der HERR nun an diese Aufforderung, wenn er sagt: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden; und wen sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.“ Damit ist ein Zweifaches gesagt, nämlich dass sie in einem solchen Rechtsstreit mit ihm nicht schuldlos, sondern schuldig würden befunden werden, dass aber er selbst sie rechtfertigen, ihnen ihre Sünden aus Gnaden vergeben wolle, auch wenn sie noch so groß und schwer seien. Wenn, so sagt er, „eure Sünde gleich blutrot ist“, wenn ihr in derselben ausseht wie in einem Gewand, das mit Blut getränkt ist, so soll sie doch weiß wie der Schnee werden. Und wenn sie gleich wie Rosinfarbe oder Scharlach ist, so soll sie doch wie Wolle, die von Natur eine schöne weiße Farbe hat, werden. Er will ihr Sündenkleid, das sie durch ihre Freveltaten blut- und hochrot gefärbt haben, waschen und reinigen, und zwar so, dass es blendend weiß wie der Schnee, von so zarter Farbe wie die Wolle wird. Um des ihnen verheißenen Heilandes willen will er ihnen die großen, schweren Sünden alle miteinander völlig vergeben. So will er selbst sie rechtfertigen!

    Aber wie, so müssen wir hier fragen, scheint das nicht, als ob die Besserung des Lebens oder Vergebung der Sünden der Heiligung und die guten Werke der Rechtfertigung vorangehen, während die Heilige Schrift doch lehrt, dass die Heiligung und die guten Werke auf die Rechtfertigung oder Vergebung der Sünden folgen? Antwort: Die Buße und Bekehrung, die in aufrichtiger Erkenntnis der Sünde, in Reue und Leid über dieselbe und im wahren Glauben an Gottes Gnade um des Heilandes willen besteht, ist die von Gott gegebene Ordnung, in welcher der Sünder allein zur Rechtfertigung gelangen kann. Ohne wahre Herzensbuße keine Vergebung. Trat nicht der HERR selbst sein öffentliches Lehramt mit dem Zuruf an das Volk Israel an: „Die zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist herbeigekommen; tut Buße und glaubt an das Evangelium!“? Was heißt das anders als: Nur durch Buße und Glauben könnt ihr in das jetzt herbeigekommene Reich Gottes eingehen? Rief Gott nicht ebenso dem abgöttischen Volk Israel (Jer. 3, 12 f.) zu: „Kehre wieder, du abtrünniges Israel, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein, erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast“?

    Das, meine Zuhörer, ist die Antwort Gottes auf die Selbstrechtfertigung des gestraften Volkes Israel. Er zeigt ihm, dass sein ganzer Gottesdienst heuchlerisch und ihm daher ein Gräuel ist, dass es trotz seiner vielen Opfer, trotz der Beobachtung der Neumonde, des Sabbats und der Feste, trotz seiner Ausbreitung der Hände im Gebet ein verderbtes, strafwürdiges Volk ist, fordert deswegen aufrichtige Herzensbuße von ihm und verheißt ihm, wenn es Buße tut, völlige Vergebung seiner vielen und schweren Sünden und den friedlichen Genuss aller Güter des fruchtbaren Landes, droht ihm aber auch, wenn es in seiner Unbußfertigkeit verharrt, Untergang durch das Schwert. Und damit es an der Gewissheit der Verheißung wie der Drohung nicht zweifle, schließt er mit den Worten: „Denn der Mund des HERRN sagt es.“

    Ist es nötig, dies noch besonders des weiteren auf uns anzuwenden? Es gibt nur eine Ordnung des Heils: Dieselbe für uns im neuen wie für die Juden im Alten Testament. Somit gilt die Antwort Gottes in unserem Text auch einem jeden von uns. Gott widersteht den Hoffärtigen, die ihre Sünden nicht erkennen, sondern sich selbst rechtfertigen wollen; den Demütigen, die von Herzen bußfertig sind und auf Christus vertrauen, gibt er Gnade. Er schenke uns wahre und tägliche Buße, wasche und reinige uns, dass wir schneeweiß werden! Wohl uns, wenn wir mit Luther von Herzen sprechen können:

Ob bei uns sind der Sünden viel,

Bei Gott ist viel mehr Gnade;

Sein Hand zu helfen hat kein Ziel,

Wie groß auch sei der Schade.

Er ist allein der gute Hirt,

Der Israel erlösen wird

Von seinen Sünden allen.

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Kantate (Sing dem HERRN ein neues Lied; Ps. 98,1) ueber Jesaja 55, 1-5: Die herzliche Einladung zu dem in dem Erloeser erschienen Heil

 

Jesaja 55, 1-5: Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser; und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kauft und esst; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst beides, Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar, da kein Brot ist, und eure Arbeit, da ihr nicht satt von werden könnt? Hört mir doch zu und esst das Gute, so wird eure Seele in Wollust fett werden. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir; hört, so wird eure Seele leben! Denn ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids. Siehe, ich habe ihn den Leuten zum Zeugen gestellt, zum Fürsten und Gebieter den Völkern. Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst; und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen in Israel, der dich preise.

 

    In dem HERRN teure Zuhörer!

    „Was der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war, und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit“, so singen wir in der heiligen Advents- und Christfestzeit und singen so mit Recht. Denn die ganze Schar der alten gläubigen Väter wünschte uns sehne die Erscheinung des ihnen verheißenen Heils, das ihnen in dem Weibessamen zuteilwerden sollte, von Herzen herbei. Mit welcher Sehnsucht wartete Abraham auf die Geburt eines Leibeserben, nicht etwa nur deshalb, weil er einen leiblichen Nachkommen und Erben seiner irdischen Güter haben wollte, sondern weil mit der Geburt eines solchen die Verheißung von dem Weibessamen unzertrennlich verbunden war, die ihm Gott in den Worten 1. Mose 12 gegeben hatte: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Wie groß diese Sehnsucht war, sagt der HERR, wenn er spricht: „Abraham, euer Vater, war froh, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich.“

    Nicht minder groß war die Sehnsucht des Erzvaters Jakob nach der Erscheinung des Heilandes. Denn als er unmittelbar vor seinem Abschied aus diesem Leben seine um sein Lager versammelten Söhne segnete, sprach er nicht nur bei dem Segen über Juda: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme, und demselben werden die Völker anhangen“, sondern er rief auch nach dem Segen über Dan mit sehnsüchtigem Verlangen aus: „HERR, ich warte auf dein Heil!“

    Soll ich noch auf einen dritten der alten Väter hinweisen, dessen Wunsch und Sehnen ebenso groß war? Es ist der Heldenkönig Israels, David, Isais Ssohn. Obwohl auf königlichem Thron sitzend, ein mächtiger Fürst, so dass man meinen könnte, dass er alles besaß, was er für sich wünschen und ersehnen konnte, rief er doch klagend und sehnsuchtsvoll aus: „Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde Jakob sich freuen und Israel fröhlich sein.“ Obwohl selbst mächtig und Israel zu seiner Zeit ein mächtiges Reich, sieht er sich und sein Volk wie in einer Gefangenschaft, im Elend, und bittet daher um Hilfe und Erlösung, woraus deutlich hervorgeht, dass er von keiner leiblichen Gefangenschaft, sondern von einer anderen, einer geistlichen redet, aus der er sich selbst nicht befreien kann, daher er nach einem anderen, mächtigeren Helfer und Erlöser ausblickt.

    Was aber diese und andere gläubige Väter mit Inbrunst ersehnt haben, das ist in Herrlichkeit erfüllt: Der Weibessame, der Same Abrahams, der Held, ist erschienen, die Hilfe und der Erlöser aus Zion ist gekommen; denn die Hirten auf den Fluren Bethlehems haben die Botschaft des Engels gehört: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids“, und der fromme, hochbetagte Simeon hat, den Weibessamen und in ihm den Held auf seinen Armen haltend, gejubelt in großer Freude: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volks Israel.“ Und nun, da der Heiland und in ihm das Heil und die Hilfe da ist, ergeht an alle, die des Heils bedürfen, die Aufforderung, zu demselben zu kommen, um seiner teilhaftig zu werden. Das geschieht in unserem Text, aufgrund dessen ich jetzt an euch richte

 

Die herzliche Einladung zu dem in dem Erlöser erschienenen Heil

 

    Denn dieses Heil ist

    1. allen nahe;

    2. zu ihm sollen alle Durstigen und Armen gerufen werden, und

    3. es stillt wahrhaft allen Hunger und Durst.

 

1.

    „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zu Wasser; und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kauft und esst!“ so, meine Zuhörer, ruft der Prophet in unserem Text aus und lässt damit eine herrliche Einladung ergehen, und zwar zu einem Heil, das nahe oder wirklich da ist. Denn was wäre es für eine Torheit, zu einem Festmahl einzuladen, das nicht bereitet wäre? Wein, Wasser und Milch, zu deren Trinken eingeladen, oder die zum Kauf angeboten werden, müssen da sein, sonst würde eine Einladung dazu Spott sein. Aber, wendet ihr vielleicht ein, war denn das Heil, das der Prophet mit den Worten Wasser, Wein und Milch bezeichnete, zur Zeit des Propheten Jesaja schon tatsächlich vorhanden, da er doch etwa 750 Jahre vor der Erscheinung des Heilandes lebte und weissagte? Konnte er schon damals als gegenwärtig einladen? Er konnte es; denn das Heil war auch damals schon da, obwohl der Heiland noch nicht geboren war, sondern erst in ferner Zukunft geboren werden sollte. Denn was die Propheten im Alten Testament, als erst in ferner Zukunft geschehend, verkündigten, das schauten sie als schon gegenwärtig und verkündigten damit zugleich die Gewissheit der Erfüllung ihrer Weissagung. Darum ruft derselbe Prophet Jesaja im 9. Kapitel seiner Weissagung voll freudigen Erstaunens aus: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar, Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Ja, erblickte er nicht selbst die Empfängnis des Messias als gegenwärtig, als er sprach: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären“? Aber stehen diese Weissagungen, die den zu erscheinenden Heiland als den schon erschienenen darstellen, mit den Worten der alten Väter, in denen sie ihr Verlangen nach seiner Erscheinung aussprachen, nicht doch im Widerspruch? Keineswegs, Geliebte; denn wie wir seine Erscheinung, obwohl in der Vergangenheit geschehen, doch gegenwärtig erblicken, so erblicken sie dieselbe, obwohl in der Zukunft liegend, doch als gegenwärtig und hatten sie gegenwärtig im Wort. Ja, im Wort war er ihnen, ist er uns gegenwärtig, ihnen im Wort der Verheißung, uns im Wort der Erfüllung. Sagt nicht auch St. Johannes Offb. 13, 8: „Das Lamm, das erwürgt ist von Anfang der Welt“ und stellt damit den Tod des HERRN als von Anfang der Welt geschehen dar? So ist der Heiland und in und mit ihm das Heil, zu dem wir eingeladen werden, immer gegenwärtig und uns nahe. Sprach er nicht zu seinen Jüngern: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ und: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“? Ja, er ist uns nahe in seinem Wort, im Evangelium; denn „spricht nicht in deinem Herzen“ schreibt der Apostel: „Wer will hinauf zum Himmel fahren? Das ist nichts anderes, als Christus herabholen. Oder: Wer will hinab in die Tiefe fahren? Das ist nichts anderes, als Christus von den Toten holen. Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Mund und in deinem herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen.“ Dies Wort ist eine nie versiegende Quelle, aus welcher das Wasser des Lebens fließt.

    Dieses Heil ist auch für alle vorhanden; denn es heißt: „Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!“ Und wenn es am Schluss unseres Textes heißt: „Du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen“, so ist damit deutlich gesagt, dass dies Wasser des Lebens nicht allein für das Volk Israel, sondern für alle Völker bestimmt und vorhanden ist. Daher lautet auch die Botschaft des Engels in der heiligen Nacht: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Oder hatte nicht Gott durch den Propheten Jesaja (Kap. 49, 6) zu seinem eingeborenen Sohn gesagt: „Es ist ein Geringes, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und das Verwahrloste in Israel wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an der Welt Ende“? Und verkündigt der HERR nicht dasselbe in den bekannten Worten Joh. 3, 16: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“? So gewiss er, der eingeborene Sohn des Vaters, durch seine heilige Geburt Mensch geworden ist, so gewiss ist er aller Menschen Heiland, und so gewiss ist in ihm Heil für alle Menschen vorhanden.

    Aber heißt es nicht: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser, und die ihr nicht Geld habt, kommt her!“? Darauf lasst uns im zweiten Teil unserer Betrachtung blicken, indem wir zu erkennen suchen, welche Bewandtnis es damit hat.

 

2.

    Die Einladung in unserem Text ergeht allerdings an die Durstigen; denn sie lautet: „Wohlan, alle, die da ihr durstig seid“, und an die Armen, die kein Geld haben. Die Einladung an die Durstigen, zum Wasser zu kommen und zu trinken, ist bildliche Rede, hergenommen von den Wasserverkäufern im Morgenland, die in den Städten das Waser auf den Straßen feilbieten und zum Kaufen einladen, wie bei uns andere Waren von herumziehenden Händlern zum Kauf durch lautes Rufen angeboten werden. Wie jene die Durstigen zum Kaufen natürlichen Wassers aufforderten, so ladet der Prophet nach einem Wasser Durstige ein zu kommen und zu trinken.

    Was ist das für Wasser? Wir erhalten die Antwort in den Worten des HERRN, mit denen er sich auf das Wasser, von dem in unserem Text die Rede ist, bezieht, und die er an die samaritanische Frau am Jakobsbrunnen richtete: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird ewig nicht dürsten.“ Es ist also das Wasser, das der HERR gibt, kein natürliches, irdischen, sondern geistliches, himmlisches Wasser. Aber der Prophet sagt es selbst in unserem Text, indem er V. 3 seine Einladung in die Worte fasst: „Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir; hört, so wird eure Seele leben! Den ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids.“ Mit diesen gewissen, unverbrüchlichen Gnaden Davids ist aber nichts anderes gemeint als die Gnadenverheißungen, die Gott dem König David von dem Heiland, der aus seinem Geschlecht kommen sollte, gegeben hatte, da er durch den Propheten Nathana ihm hatte sagen lassen (2. Sam. 7): „Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leib kommen soll, dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.“ Kurz, dieses Wasser ist das mit Christus, dem Messias, erschienene Heil, das Gott David zugesagt hatte, und das sich nun verwirklichen und an dem das ganze Volk teilhaben sollte.

    Aber nicht allein zum Wasser ladet der Prophet ein, sondern auch zu Wein und Milch; denn er sagt: „Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst, beide Wein und Milch.“ Aber diese drei, Wasser, Wein und Milch, bezeichnen nicht drei gänzlich verschiedene, sondern vielmehr die Mannigfaltigkeit und Fülle der Gnadenwohltaten, die alles in sich fassen, dessen die Durstigen bedürfen, nämlich Vergebung der Sünden, die vollkommene Gerechtigkeit, den Frieden mit Gott, die Freude, die Gabe des Heiligen Geistes, die Kräfte zur Stärke und zum Wachstum des Glaubens, Mehrung der Liebe und dergleichen. Wie das Wasser den Durst löscht, so erfreut und stärkt der Wein den Schwachen, während Milch Starke und Schwache in gleicher Weise nährt. So leiden alle, die der Einladung folgen, keinen Mangel an dem Guten, dessen sie zum geistlichen Leben, zum Leben in der Gemeinschaft mit Gott, bedürfen.

    Welche sind nun aber die, an welche diese Einladung besonders ergeht? Der Prophet nennt sie zunächst Durstige, nämlich die armen Sünder, die sich in Not und Angst um ihrer Sünden willen befinden, die heilsverlangend zu Christus kommen, wie jener Zöllner im Tempel flehte: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ wie jene große Sünderin, die weinend zu des HERRN Füßen lag, sie mit ihren Tränen netzte und mit ihrem Haupthaar trocknete; wie Petrus, der nach der Verleugnung des HERRN hinausging und bitterlich weinte; wie jener bußfertige Schächer, der flehte: „HERR, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst“, deren Durst der Seele nach Gnade, Vergebung und Gemeinschaft mit Gott der Psalmist in den Worten ausspricht: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?“ Die sind es, die der Heiland selbst in den Worten einladet, zu ihm zu kommen, indem er ihnen zuruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Diese sind auch die Armen, die kein Geld haben, die nichts wissen von eigener Heiligkeit und Gerechtigkeit, die sie sich durch Erfüllung der Gebote Gottes erworben hätten, die weder mit dem reichen jungen Mann sprechen: „Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf“ noch mit Pharisäer: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute“, der sich seiner Werke rühmte, sondern mit dem Propheten: „Wir sind allesamt wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid.“ Gehören wir, meine Freunde, zu diesen Durstigen und diesen Armen, die kein Geld haben? Selig alle, die solchen Durst empfinden! Denn der HERR spricht: Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer. Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ Darum rufe ich euch mit dem Dichter zu:

Die ihr arm seid und elende,

Kommt herbei, füllet frei

Eures Glaubens Hände!

Hier sind alle guten Gaben

Und das Gold, da ihr sollt

Euer Herz mit laben.

    Damit kommen wir zum dritten Teil der Einladung, zu dem in dem Erlöser erschienen Heil.

 

3.

    Der Prophet richtet nun an die, welche er einlädt, die Frage: „Warum zählt ihr Geld dar, da kein Brot ist, und eure Arbeit, da ihr nicht satt von werden könnt?“ Der Sinn dieser Frage ist: Warum bemüht ihr euch um das, was kein Brot ist, und arbeitet euch ab um das, was euch nicht sättigen kann? Er blickt auf solche Hungrige und Durstige, die ihren Hunger und Durst entweder mit den eitlen, vergänglichen Dingen dieser Welt oder das Verlangen nach Gnade und Seligkeit mit eigenem Werk und Verdienst stillen wollen. Wir können die Worte „kein Brot“ mit „Nichtbrot“ geben, so dass der Prophet sagt: Warum bemüht ihr euch um solche Dinge, die das Verlangen des Herzens nicht wahrhaft befriedigen können? Das ist kein Brot, das zwar dafür ausgegeben wird, aber den Hunger nicht stillt, und das ist kein Wasser, was wie Wasser aussieht, aber den Durst nicht löscht. Wer sich in seinem Hunger und Durst nach Ruhe und Frieden seiner Seele solche Dinge um Geld kauft, sieht sich betrogen. Solche Dinge sind die Weisheit dieser Welt, Geld und Gut, Ehre und Ruhm bei den Menschen. Wie viele tragen Verlangen danach und lassen es sich sauer werden, in den Besitz dieser Dinge zu gelangen, sehen sich aber völlig getäuscht, weil jene Dinge das Gewissen nicht beruhigen, das Herz nicht befriedigen. Andere wollen, wie der Apostel Paulus sagt, ihre eigene Gerechtigkeit aufrichten, wie er selbst es versucht hatte und alle Juden es versuchten, die es sich mit ihren Opfern, Waschungen, Reinigungen, ihrem Halten des Zeremonialgesetzes sauer werden ließen und doch nicht satt wurden, nicht zum wahren Frieden gelangen konnten, wie es auch Luther erging, der sich so lange mit der Frage quälte: „Was muss ich tun, das sich endlich fromm werde und einen gnädigen Gott kriege?“ sich durch Fasten und Kasteien marterte, aber nur in immer größere Not geriet, von der er später sagte: „Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts als Sterben bei mir blieb; zur Hölle musst ich sinken.“ Weder die Güter dieser Welt noch die Arbeit im Gesetz sättigen den Hunger, stillen den Durst der Seele, sondern sie berauschen nur die Sinne eine Zeitlang. Darum sucht der Prophet seine Volksgenossen von dem Jagen nach den irdischen Gütern und dem Verlangen nach zeitlichen Genüssen abzuziehen und zu den gewissen Gnaden, die allein in Christus, dem Heiland, zu finden sind, in seinem Wort als auf einer vollgedeckten Tafel dargeboten werden, und die allein allen Hunger und Durst stillen, hinzuziehen. Darum ruft er allen Hungrigen und Durstigen zu: „Hört mir doch zu und esst das Gute, so wird eure Seele in Wollust fett werden. neigt eure Ohren her und kommt her zu mir, so wird eure Seele leben; denn ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids.“

    Ist das, meine Zuhörer, nicht eine ebenso herzliche wie wunderbare Einladung zum Heil in Christus? Dreimal heißt es: „Kommt und hört, neigt eure Ohren her!“ und es ergeht eine Einladung zum Genießen, Essen und Trinken, wofür kein Geld zu zahlen ist, zum Empfang von Gütern, welche die Gnade Gottes den Durstigen und Armen umsonst darbietet. Soll diese herzliche Einladung bei uns vergeblich sein, oder wollen wir ihr alle freudig folgen und unsere Seele laben? Wenn die Heere des Himmels auf diese Erde kommen und über diese Gabe, uns Menschen gegeben, ihren himmlischen Jubelgesang anstimmen, sollten wir da nicht kommen wollen?

Ei so kommt und lasst uns laufen,

Stellt euch ein, groß und klein,

Eilt mit großen Haufen!

Liebt den, der vor Liebe brennet:

Schaut den Stern, der uns gern

Licht uns Labsal gönnet.

Sprecht:

Süßes Heil, lass dich umfangen,

Lass mich dir, meine Zier,

Unverrückt anhangen.

Du bist meines Lebens Leben:

Nun kann ich mich durch dich

Wohl zufrieden geben.

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Rogate (Betet!) ueber Jesaja 63, 1-6: Das Gesicht Jesajas ueber den Keltertreter

 

Jesaja 63, 1-6: Wer ist der, so von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra, der so geschmückt ist in seinen Kleidern und einher tritt in seiner großen Kraft? Ich bin’s, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen. Warum ist denn dein Gewand so rotfarb und dein Kleid wie eines Keltertreters? Ich trete die Kelter allein, und ist niemand unter den Völkern mit mir. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Daher ist ihr Vermögen auf meine Kleider gespritzt, und ich habe all mein Gewand besudelt. Denn ich habe einen Tag der Rache mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist kommen. Denn ich sah mich um, und da war kein Helfer, und ich war im Schrecken, und niemand enthielt mich, sondern mein Arm musste mir helfen, und mein Zorn enthielt mich. Darum habe ich die Völker zertreten in meinem Zorn und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm und ihr Vermögen zu Boden gestoßen.

 

    In Christus, dem König aller Könige, geliebte Zuhörer!

    In unserem heutigen Text haben wir ein Gesicht des Propheten Jesaja. Was wir unter dem Gesicht eines Propheten zu verstehen haben, ersehen wir aus der Weissagung Bileams (4. Mose 24, 17) von Christus: „Ich sehe ihn, aber jetzt nicht; ich schaue ihn, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und zerstören alle Kinder Seths“ (des Getümmels). In diesem Gesicht sieht Bileam einen Sern aus dem Geschlecht Jakobs aufgehen und ein Zepter aus dem Volk Israel aufkommen, das heißt, er sieht den dem Volk Israel verheißenen König als einen glänzenden, mächtigen Herrscher erscheinen, der die Moabiter, die Kinder des Getümmels, zerstören wird. Nun lebte Bileam zu der Zeit, als sich das Volk Israel auf der Wanderung durch die Wüste befand, also mehr als vierzehnhundert Jahre vor der Geburt Christi, und doch sagte er: „Ich sehe“, schaue, „ihn, aber jetzt nicht“, „nicht von nahe“, das heißt: Ich sehe ihn als einen glänzenden und mächtigen König; aber er ist jetzt noch nicht da, sondern wird erst in ferner Zeit erscheinen. Ein Gesicht ist demnach eine Offenbarung Gottes, in der er einem Propheten das, was in der Zukunft geschehen soll, als gegenwärtig vor das Auge stellt, das dieser so sieht oder schaut, als ob es geschehe oder schon geschehen sei. Daher werden die Propheten Seher und das ihnen Offenbarte ein Gesicht genannt. Die Zukunft wird ihnen gleichsam zur Gegenwart, das Zukünftige gegenwärtig. Daher lautet die Weissagung des Propheten Jesaja im 9. Kapitel, von der Geburt des Heilandes: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt wunderbarer Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Gott öffnete den Propheten im Gesicht das geistige Auge, dass sie das Zukünftige als ein der Gegenwart schauten, oder führte ihnen das, was geschehen sollte, so deutlich vor das Auge des Geistes, dass sie es schauten. So schaute Hesekiel im Gesicht das babylonische Blachfeld, auf dem unzählige Totengebeine zerstreut lagen, durch das Wehen eines Windes aneinander gebracht, zu Körpern formiert, mit Fleisch und Haut überzogen und lebendig gemacht – eine sinnbildliche Offenbarung, durch die ihm die Wiederherstellung des zerstreuten Reiches Israel gezeigt wurde. So erblickte Jesaja den HERRN Zebaoth auf seinem himmlischen Thron, umgeben von den Seaphim, den Repräsentanten seiner Heiligkeit, und hörte sie das „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“ rufen; so erblickte Sacharja den Engel des HERRN auf einem Thron, den Hohenpriester Josua vor ihm, den Satan zu dessen Rechten als Ankläger stehend, wie Josua die unreinen Kleider aus- und Feierkleider angezogen, ein Hut auf sein Haupt gesetzt, und er dadurch in seinem Hohepriestertum bestätigt wurde.

    Ein ähnliches Gesicht ist uns in dem heutigen Text berichtet. Jesaja erblickt einen siegreichen Helden, der sich auf die Frage, wer er sei, als den Keltertreter, von Bozra kommend, bezeichnet. Betrachten wir daher:

 

Das Gesicht des Propheten Jesaja von dem Keltertreter, der von Edom kommt

 

    Er sieht ihn in diesem Gesicht als einen solchen, der

    1. in majestätischer Gestalt daherschreitet,

    2. in Edom die Kelter getreten,

    3. den Gerechten Erlösung gebracht hat.

 

1.

    Am Schluss des vorhergehenden Kapitels hat der Prophet dem Volk Israel verkündigt, dass sein Heil und seine Erlösung nahe bevorstehe; denn er hat ihm zugerufen: „Der HERR lässt sich hören bis an der Welt Ende. Sage der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt; sein Lohn ist bei ihm, und seine Vergeltung ist vor ihm. Man wird sie nennen die heilige Stadt, die Erlösten des HERRN.“ Wenn auch sein Volk bis an das Ende der Welt in der Trübsal zerstreut ist, so wird doch der Ruf des HERRN dahin erschallen, ihm Heil, Errettung und Vergeltung verkündigen, die Vergeltung, die er an den Bedrängern und Feinden seines Volkes geübt, und das er aus der Bedrückung befreit hat. Als solche Befreite werden sie dann das heilige Volk und die Erlösten des HERRN genannt werden und Zion nicht eine verlassene, sondern eine unverlassene, bewohnte Stadt.

    Dies führt nun der Prophet in unserem Text weiter aus, und zwar so, dass er den, der an den Feinden und Bedrückern des Volkes Gottes Rache oder Vergeltung geübt und dieses befreit oder erlöst hat, als siegreichen Helden in majestätischer Gestalt daherkommen sieht. Daher ruft er vor Staunen aus: „Wer ist der, so von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra? Der so geschmückt ist in seinen Kleidern und einhertritt in seiner großen Kraft?“ Dieser von dem Propheten geschaute Held hat rötliche oder hochrote Kleider an, schreitet majestätisch in seinem Gewand einher, tritt in seiner großen Kraft auf. Seine ganze Erscheinung erregt nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch staunende Bewunderung des Propheten. Die hochrote Farbe seiner Kleider, die majestätische Haltung, sein Gang als der eines Helden, der große Kraft hat und sich ihrer bewusst ist, sind imponierend, majestätisch, und darum fragt er erstaunt: Wer ist dieser? Aber er weiß, woher dieser Held kommt, nämlich von Edom und Bozra, aus dem Land der Edomiter und der Hauptstadt derselben: Bozra. Auch das erregt seine Verwunderung, dass dieser majestätische Held aus diesem Land kommt, und daher seine Frage: „Wer ist der, so von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra?“

    Auf diese Frage gibt ihm der Held selbst die Antwort: „Ich bin’s, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin im Helfen“, oder, wie die Worte auch gegeben werden können: „der in Gerechtigkeit redet und reich an Hilfe, Heil, Errettung ist“. Er ist also ein Gerechter und ein Helfer, ein Gerechter, der nicht nur in Gerechtigkeit redet, sondern sie auch übt, gerechte Urteil fällt und die Kraft besitzt, sie auszuführen: Gerechtigkeit an den Feinden, indem er ihnen vergilt, wie sie es verdient haben, aber dadurch auch den Seinen Heil und Errettung verschafft.

    Darauf fragt der Prophet weiter: „Warum ist dein Gewand so rotfarben und dein Kleid wie eines Keltertreters?“ und erhält die Antwort von ihm: „Ich trete“ (oder habe getreten) „die Kelter allein, und ist“ (oder war) „niemand unter den Völkern mit mir.“ Die hochrote Farbe seines Gewandes kommt daher, dass er die Kelter allein getreten und der rote Saft der gekelterten Weintrauben auf seine Kleider gespritzt ist und sie rot gefärbt hat, als wenn sie in Weinbeerblut getunkt worden wären. Aber die ganze Rede, Frage und Antwort ist eine bildliche. Ihr eigentlicher Sinn ist: Ich komme aus blutiger Schlacht, und in der ist das Blut der erschlagenen Feinde auf meine Kleider gespritzt; sie sind von ihrem Blut rot geworden wie die Kleider dessen, der in einer Kelter die Weintrauben tritt, auspresst, und deren Saft auf seine Kleider spritzt und sie färbt, als ob sie mit Blut getränkt wären. In diesen hochroten Kleidern, von Blut getränkt, kehrt dieser majestätische, kraftvolle Held als ein triumphierender Sieger aus blutiger Schlacht zurück.

    Fragen wir: Wer ist der sieggekrönte Held, den der Prophet in hochroten Kleidern so majestätisch von Edom daherkommen sieht? So erhalten wir Offb. 19 die Antwort, wo es heißt: „Ich sah ein weißes Pferd, und der darauf sitzt, heißt Treu und Wahrhaftig und richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt viele Kronen. … Und war angetan mit einem Kleid, das mit Blut besprengt war, und sein Name heißt Gottes Wort.“ Dieser majestätische Held ist also das persönliche Wort Gottes, Christus, der Sohn Gottes, der hier wie dort in Gerechtigkeit redet oder streitet, dessen Kleider mit Blut besprengt sind, weil er als der gerechte Richter ein gerechtes Gericht über seine und seiner Kirche Feinde und Unterdrücker gehalten hat. Haben diese sein und seiner Gläubigen Blut in den Verfolgungen vergossen, so übt er nun an ihnen blutige Vergeltung; denn er ist nicht nur der Heiland, sondern auch der gerechte Richter, wie Petrus Apg. 10 verkündigt: „Er ist verordnet von Gott ein Richter der Lebendigen und der Toten“ und Paulus 2. Kor. 5, 10: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.“ So ist er der mächtige Keltertreter. Dies führt uns zum zweiten Teil unserer Betrachtung.

 

2.

    Von Edom und Bozra sieht Jesaja diesen Keltertreter daherkommen. Die Edomiter waren die Nachkommen Esaus. Sie wohnten in Edom oder Seir, einem gebirgigen und im ganzen unfruchtbaren Land. Gleich ihrem Stammvater Esau liebten sie vor allem die Jagd und waren ein kriegerisches, trotziges, wildes, unbändiges Volk und Götzendiener. Obwohl dem Volk Israel bluts- und stammverwandt und sich dessen oft rühmend, waren sie doch seine bittersten Feinde. Schon auf der Wanderung in der Wüste ließen sie diese nicht durch ihr Land ziehen, obwohl sie ihnen versprachen, selbst für das Wasser, das sie und ihr Vieh trinken würden, zu bezahlten, drohten sogar, ihnen mit Waffengewalt entgegenzutreten. Zur Zeit Sauls hatten die Israeliten einen erbitterten Kampf mit ihnen zu bestehen, und unter David konnten sie nur durch blutige Kriege niedergerungen werden. Aber immer wieder griffen sie zu den Waffen, und als Jerusalem durch Nebukadnezar zerstört und das Heilige Land verwüstet worden war, da erfüllte sie das mit wilder Schadenfreude, wovon es Ps. 137, 7 heißt: „HERR, gedenke der Kinder Edom am Tag Jerusalems, die da sagen: ‚Rein ab, rein ab bis auf den Boden!‘“ also die völlige Vernichtung des Volkes Israels wünschten. Von dieser und anderen Bosheiten, welche die Edomiter an dem Brudervolk verübt hatten, spricht Jeremia in den Klagelidern (Kap. 4): „Ja, freue dich und sei fröhlich, du Tochter Edeom! … Denn der Kelch wird auch über dich brennen; du musst auch trunken und geblößt werden. … Deine Missetat, du Tochter Edom, wird der HERR heimsuchen und deine Sünde aufdecken“, und im 49. Kapitel seiner Weissagungen verkündigt derselbe Prophet, dass die Edomiter ein Wunder, eine Schmach und ein Fluch und alle Städte eine ewige Wüste werden sollen, so dass alle, die vorübergehen, sich wundern und pfeifen werden.

    Diese Drohungen sind buchstäblich in Erfüllung gegangen. So sicher sich die Edomiter in ihren scheinbar unzugänglichen Wohnsitzen im Gebirge Seir dünkten, wo sie hausten wie die Adler auf hohen Bergen, so völlig wurden sie zerstört. Ihre Nester wurden ausgenommen, ihre geraubten Schätze geraubt, zuerst durch die Babylonier nicht lange nach der Zerstörung Jerusalems, sodann durch die Makkabäer und zuletzt durch die Römer. Und die Vernichtung war eine so völlige, dass sie aus der Geschichte der Völker verschwunden sind. Wie sie bei der Plünderung und Zerstörung Jerusalems gerufen hatten: „Rein ab, rein ab!“ so wurde mit ihnen „rein ab“ gemacht. Und dieses vernichtende Strafgericht über die Edomiter ist es, das Jesaja in unserem Text in seinem Gesicht schaut, in dem er den HERRN mit blutgetränkten Kleidern von Edom daherkommen sieht, der sich auf seine Frage als der Keltertreter bezeichnet, weil er Edom zertreten hat wie ein Keltertreter die Trauben in einer Kelter. Dies ist freilich durch die genannten Mächte geschehen, aber diese waren nur seine Werkzeuge, deren er sich bedient hat, und darum sagt er: „Ich trete die Kelter allein. Ich habe sie gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Daher ist ihr Vermögen“, ihre Stärke, nämlich ihr Blut, auf dem die Stärke des Menschen beruht, „auf meine Kleider gespritzt, und ich hab all mein Gewand besudelt.“

    Aber dieses Zorngericht über die Edomiter, indem sie wie Weintrauben in einer Kelter zertreten wurden, ist nur ein Vorspiel von dem Gericht welches am Ende der Welt über alle Feinde der Kirche ergehen wird. Da die Edomiter das Volk Israel, die Kirche des Alten Testaments, unaufhörlich mit blutigem Hass verfolgten, erscheinen sie nach der Heiligen Schrift als die Vertreter aller heidnischen, dem Volk Gottes feindlichen Völker, und in dem über sie ergangenen Gericht ist das Gericht zusammengefasst, das über diese ergehen wird. Das geht aus den Worten des 5. Verses: „Ich habe die Völker zertreten in meinem Zorn und habe sie trunken gemacht in meinem Grimm“  deutlich hervor, da in ihnen das Gericht über Edom zu einem solchen über alle heidnischen Völker erweitert wird. Dies Gericht aber wird kein anderer als er, der HERR, halten. Den „Gott hat einen Tag gesetzt, an welchem er richten wird den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit durch einen Mann, in welchem er’s beschlossen hat“; und dieser Mann ist Christus. Er ist der Erlöser, Heiland, aber auch der Richter der Welt. Spricht er nicht selbst Matth. 25: „Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammelt werden“? Dan wird er die Feinde keltern in seinem Zorn. Wie majestätisch wird dann seine Erscheinung in seiner himmlischen Herrlichkeit umgeben von den Scharen der heiligen Engel sein! Der verachtete Mann von Nazareth wird sich dann als der Sohn Gottes offenbaren, der hier auf Erden ein einfaches Gewand trug, und wird mit himmlischer Herrlichkeit umgeben sein. Über den sie hier das „Kreuzige, kreuzige!“ schrien, vor dem werden die Geschlechter heulen; den sie gerichtet haben, der wird sie richten; der, den sie am Kreuz noch verspottet haben, wird ihnen von seinem Thron aus zurufen: „Geht hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.“ So wird er dann die Kelter des göttlichen Zorns treten, er allein, denn er heißt Offb. 19: „Er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zorns des allmächtigen Gottes“, und auf seinem Kleid steht der Name geschrieben: „Ein König aller Könige und ein HERR aller Herren.“ Was wird das für ihn selbst sein, der in dieser Welt ein so unsägliches Leid erduldet, unaussprechliche Schmerzen erlitten, solche Schmach getragen hat, so verachtet war, dass man vor ihm das Angesicht verbarg; aber auch für die Gerechten, deren Erlösung er dann vollendet! Das ist der dritte Teil des Gesichtes in unserem Text.

 

3.

    Ist denn, meine Zuhörer, auch von einer Erlösung in unserem Text die Rede, die gleichsam von Blut trieft? Ja, auch davon, denn es heißt im vierten Vers: „Denn ich habe einen Tag der Rache mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen.“ Die Zertretung, Vernichtung der Edomiter und anderer Feinde, was war sie anders als die endliche Erlösung des Volkes Gottes von seinen Feinden, die Befreiung von ihrer Bedrückung? Der Tag der Rache an den Feinden war für das Volk Israel der Tag der Erlösung: für jene ein Tag des gerechten Gerichts, für diese ein Tag des Heils. Gerechtigkeit und Heil, Vergeltung und Gnade gingen nebeneinander her, oder wie die Worte im Text lauten, Rache und Erlösung: Rache an den Bedrückern, Erlösung für die Bedrückten.

    So wird’s auch an dem großen End- und Weltgericht sein. Blicken wir auf die Geschichte der Kirche des Neuen Testaments zurück! Sie zeigt uns eine fast ununterbrochene Kette von Anfeindungen und Verfolgungen der Kirche, der Gemeinde der Heiligen, durch ihre Feinde, die Juden und die Heiden, von der ersten Verfolgung der Gemeinde zu Jerusalem an, von der Apg. 8 berichtet wird, und durch die die Gläubigen durch ganz Judäa und Samaria zerstreut wurden, bis auf die neuere Zeit. Wieviel Blut der Christen ist in den zehn großen Christenverfolgungen unter den heidnischen römischen Kaisern geflossen! Und als das heidnisch-römische Reich gleich Edom von dem Zorn des gerechten Gottes gekeltert, zertreten war, wie hat da der Lügenprophet Mohammed, der Moslem, unter den Christen gewütet! Dann erhob sich der Antichrist, die große Hure, wie er in der Offenbarung an Johannes genannt wird, und wurde durch sein Wüten „trunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu“. Dies unschuldig vergossene Blut schreit zu Gott um Rache; denn die Seelen derer, die um des Wortes Gottes willen getötet wurden, schreien mit großer Stimme: „HERR, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?“ Und der HERR erhört ihr Schreien. Er hat einen Tag der Rache in seinem Herzen, und das Jahr, die Seinen zu erlösen, ist gekommen, ist nahe. Sagt er nicht selbst Luk. 21: „Wenn dieses“, nämlich die Zeichen des Jüngsten Tages, „anfängt zu geschehen, so seht auf und hebt eure Häupter auf, darum, dass sie eure Erlösung naht“?

    Was für ein Tag der Erlösung wird das für sie sein, wenn die zitternden Feinde fragen werden: Wer ist der, der in den Wolken des Himmels kommt mit einem himmlischen Heer, angetan mit glänzenden Gewändern, der daherkommt in solcher großen Kraft? – wenn die Seinen mit verklärten Leibern aus ihren Gräbern hervorgegangen, die noch Lebenden aber verwandelt sind, und sie alle sich vor ihm sammeln und um ihn sich scharen werden? Das ist für sie der große Tag der vollkommenen Erlösung von allem Übel, das sie hier erduldet haben; denn es ist der große Hochzeitstag des Lammes, des himmlischen Bräutigams, der erscheint, um seine Braut zu holen, sich mit ihr zu vermählen, sie an seiner Ehre, seinem Schmuck und seiner Majestät teilnehmen zu lassen. Was für ein Tag der Erlösung für sie, wenn sie, die hier an seiner Erniedrigung teilgenommen, Hohn und Spott dieser Welt um seines Namens willen erlitten haben, zu seiner Seite erhöht werden, um mit ihm, ihrem Bräutigam, an der himmlischen Hochzeitstafel zu sitzen oder mit ihm, dem König aller Könige, dem HERRN aller Herren, zu regieren und zu herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit! Dann wird er nicht im Gesicht, sondern von Angesicht zu Angesicht geschaut.

Wie wird’s sein, wie wird’s sein,

Wenn wir ziehn in Salem ein,

In die Stadt der goldnen Gassen!

HERR, mein Gott, ich kann’s nicht fassen,

Was das wird für Wonne sein!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zu Christi Himmelfahrt ueber Maleachi 4,4-6: Die Sendung des Elia als Vorboten des Gerichts

 

Maleachi 4,4-6: Gedenkt des Gesetzes Moses, meines Knechts, das ich ihm befohlen habe auf dem Berg Horeb an das ganze Israel, samt den Geboten und Rechten. Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des HEERRN. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Die eben vernommenen Worte sind die Schlussworte der Weissagung des Propheten Maleachi. Dieser war der letzte der Propheten des Alten Testaments, die Gott in Gnaden zu dem auserwählten Volk sandte. Die siebzigjährige Gefangenschaft, in welche es Gott um seiner Sünde willen durch Nebukadnezar hatte hinwegführen lassen, was vorüber. Der Perserkönig Kyrus hatte das babylonische Reich besiegt, es sich untertan gemacht und den gefangenen Juden die Erlaubnis zur Rückkehr in das Gelobte Land gegeben, und ein großer Teil von ihnen war unter der Führung Serubbabels und des Hohenpriesters Josua zurückgekehrt. Die Stadt Jerusalem und der Tempel waren wieder aufgebaut, besonders letzterer freilich nicht in der Pracht und Größe, durch die der von Salomo erbaute und von Nebukadnezar zerstörte so berühmt gewesen war, denn im dritten Kapitel des Buches Esra wird berichtet, dass viele der alten Priester, Leviten und Väter, die den salomonischen Tempel gesehen hatten, bei der Grundsteinlegung des neuen laut weinten, als sie sahen, wie wenig dieser jenem an Grüße gleichkommen werde.

    Aber bald vergaß das Volk das schwere Strafgericht der babylonischen Gefangenschaft. Verfiel es auch nicht, wie früher, wieder in grobe heidnische Abgötterei, so griffen doch diese und jene Sünden unter ihm um sich. Diese waren nach den Propheten Maleachi zunächst die Entartung und unwürdige Amtsführung der Priester, die den Altar des HERRN durch schlechte, fehlerhafte Opfer entweihten, sodann das Eingehen von Mischehen, indem gar manche heidnische Frauen nahmen, andere ihre rechtmäßigen Frauen verstießen, um andere und oft wohl heidnische Frauen nehmen zu können, so dass viele Ehescheidungen vorkamen und dadurch das sittliche Leben schwer geschädigt wurde. Ferner wurde der Zehnte, die Abgabe an den Tempel, nicht, wie von Mose geboten, dargebracht, und der ganze Gottesdienst sank bei einem großen Teil der Älteren mehr und mehr zu einem äußerlichen Formelwesen herab, ohne wahre Furcht, Liebe und Vertrauen zu Gott, zu einer Schale ohne Kern und Inhalt wie bei den Pharisäern, während bei anderen, wohl meist Jüngeren, der Unglaube wie bei den Sadduzäern zur Zeit Christi überhandnahm.

    Gegen dies alles, besonders gegen das letzte, erhebt der Prophet in unserem Text seine Stimme. Er weist zunächst auf das Gesetz Moses hin. Dessen sollen sie gedenken. Er führt Gott den HERRN als selbst redend ein, der zu ihnen spricht: „Gedenkt des Gesetzes Moses, meines Knechts, das ich ihm befohlen habe am Berg Horeb an das ganze Israel samt den Geboten und Rechten“, nämlich an die Gebote von den Opfern, den Zehnten, den Ehefrauen und Ehescheidungen, dass diese nicht etwa nur dem damaligen, sondern dem ganzen Volk Israel zu allen Zeiten gegeben worden und nicht seine, sondern meine, eures Gottes, Gebote sind, da er nur mein Knecht war. Daran gedenkt und haltet sie als meine Gebote und Rechte. Nun aber geht die Ermahnung in Weissagung über, die im Hinblick auf den Tag des HERRN die Sendung eines besonderen, macht- und kraftvollen Boten verkündigt. Betrachten wir daher aufgrund unseres Textes:

 

Die Weissagung der Sendung des Elia als Vorboten des kommenden Gerichts

 

    Diese verkündigt ihn

1.                 Nach seiner Person,

2.                 Nach der Zeit seines Auftretens und

3.                 Nach seinem Werk.

 

1.

    „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des HERRN“, so, meine Zuhörer, lautet die Verheißung in unserm Text. Einen Propheten will Gott seinem Volk noch senden. Maleachi war ja, wie gehört, der letzte der alttestamentlichen Propheten, wirkte etwa 425 Jahre vor der Geburt Christi und beschloss sein Amt damit, dass er den Vorläufer des Neuen Testaments oder Bundes einführte. Er nennt diesen Vorboten Elia. Darin liegt das Eigentümliche der Weissagung. Der Prophet Elia sollte zu dem Volk gesandt werden! Das musste die Augen, die Hoffnung des Volkes auf das Wiedererscheinen des in gewisser Beziehung größten unter den Propheten des Alten Testaments richten. War der Prophet Jesaja Jesaja wegen seiner vielen und vorwiegend messianischen Weissagungen der Evangelist unter den Propheten, so war Elia vornehmlich der Prophet des Gerichts, mehr ein Prophet der Tat als des Wortes. Seine Wirksamkeit zeichnete sich durch Wunder aus. Sein Wille war wie Eisen, sein Blick wie der Blitz, sein Wort den Gottlosen gegenüber wie der Donner, den Gottesfürchtigen gegenüber mild und freundlich wie der Sonnenstrahl. Er kannte kein Ansehen der Person, keine Furcht vor den Mächtigen. Das bewies er, als er dem gottlosen König Aha mit den Worten entgegentrat: „So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe, es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn“, ein wahrhaft majestätisches Wort in göttlicher Autorität! Vernichtung des Götzendienstes, der durch Ahab zur Staatsreligion erhoben worden war, Wiederherstellung des wahren Gottesdienstes und die Ehre Gottes, das war das einige Ziel, um das er eiferte, das zu erreichen er den vernichtenden Schlag gegen die Baalspriester führte. Und seiner großartigen Wirksamkeit entsprach der Abschluss, seine Himmelfahrt im feurigen Wagen mit feurigen Rossen. Wenn nun dieser große Prophet als Vorbote des großen und schrecklichen Tags des HERRN erscheinen sollte, muss das die Erwartung des Volkes, das dem Wort des Propheten glaubte, nicht aufs höchste spannen? Man bedenke, der in feurigen Wagen zum Himmel gefahrene Prophet wird als Vorbote jenes Tages wieder auf Erden erscheinen! Und diese Weissagung wurde allgemein wörtlich verstanden, wie wir aus der von den Aposteln an den HERRN gerichteten Frage erkennen: „Was sagen denn die Schriftgelehrten, Elia müsse zuvor kommen?“ Aber nicht das Wiederkommen des Elia der Person nach war in dieser Weissagung verheißen, sondern das Auftreten einer anderen Person im Geist und in der Kraft des großen Propheten. Das ersehen wir aus der Antwort des HERRN auf die Frage der Apostel: „Elia soll ja zuvor kommen und alles zurechtbringen. Doch ich sage euch: Es ist Elia schon gekommen, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben an ihm getan, was sie wollten.“ Und wer war dieser Elia? Auch das sagt uns der HERR in den Worten Matth. 11,10: „Dieser ist’s, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der deinen Weg vor dir bereiten soll“, womit er auf Johannes den Täufer hinwies, als dieser zwei seiner Jünger zu ihm gesandt hatte mit der Frage: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines anderen warten?“ Hatte doch auch der Engel, der Zacharias, dem Vater des Johannes, die Geburt desselben verkündigte, zu ihm gesagt: „Er wird vor ihm [dem Heiland] hergehen im Geist und Kraft des Elia.“

    Vergleichen wir Johannes den Täufer mit dem Propheten Elia nach seiner Person und Lebensweise, so sehen wir, dass er mit Recht der zweite Elia genannt wurde. Der Elia des Alten Testaments hatte, wie wir 2. Kön. 1,8 lesen, „eine raue Haut an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden“; Johannes trug ein Kleid von Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Lenden. Jener lebte längere Zeit in der Wüste, dieser predigte in der Wüste des jüdischen Landes. Jener wurde von den Raben mit Brot gespeist, dieser aß Heuschrecken und wilden Honig. Jener wurde von Boten des Königs aufgesucht, dieser von der Gesandtschaft des Hohen Rats, die ihn fragten, wer er sei, ob Jeremia oder Elia. Jener wie dieser führte, wenigstens teilweise, das Leben eines Einsiedlers, entsagte den Annehmlichkeiten des geselligen Lebens; beide waren in ihrer äußeren Erscheinung rau, abgehärtet. Und geht das hohe Ansehen des Propheten Elia daraus hervor, dass kein anderer Prophet so oft im Neuen Testament angeführt wird wie er, so das des Johannes aus dem Lobpreis durch den HERRN: „Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von Frauen geboren sind, ist nicht aufgekommen, der größer sei als Johannes der Täufer.“ Wie sehr glich also Johannes dem Propheten Elia und konnte daher mit demselben Namen benannt werden! Aber dies auch hinsichtlich der Zeit seiner Sendung und seines Auftretens.

 

2.

    „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des HERRN“, heißt es in unserem Text. Als der zweite Elia sollte Johannes auftreten als Vorbote des Tages des HERRN, auf den der Tag des HERRN unmittelbar folgen solle.

    Was haben wir unter dem Tag des HERRN zu verstehen? Wir finden diese Bezeichnung des öfteren in der Heiligen Schrift, z.B. Jer. 46,10: „Dies ist der Tag des HERRN HERRN Zebaoth“ und Amos 5,18: „Wehe denen, die des HERRN Tag begehren!“ Aber dort wie hier wird dieser Tag näher beschrieben; denn Jer. 46 heißt es: „Ein Tag der Rache, dass er sich an seinen Feinden räche, … denn sie müssen dem HERRN HERRN Zebaoth ein Schlachtopfer werden“; bei Amos wird hinzugefügt: „Des HERRN Tag ist eine Finsternis und nicht ein Licht, gleich als wenn jemand vor dem Löwen flöhe, und ein Bär begegnete ihm.“ Der Tag des HERRN ist demnach ein Tag der Rache, des Zorns, des Gerichts des gerechten Gottes über seine Feinde, die Verächter seines Wortes, ein Tag, an welchem sich der HERR in besonderer Weise durch Gericht offenbart, und der ihm deswegen besonders ähnlich wie der Sabbat, weil dieser seinem Dienst geweiht sein sollte, zugeeignet wird. Daher wird denn auch dieser Tag des HERRN in unserem Text näher als der große und schreckliche Tag bezeichnet. Und der Vorbote dieses Tages des HERRN sollte Johannes der Täufer sein? War er nicht der Vorbote oder Vorläufer des HERRN und Heilandes? Verkündigt nicht Maleachi selbst im vorhergehenden Kapitel als Mund des HERRN: „Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll. Und bald wird kommen zu seinem Tempel der HERR, den ihr sucht, und der Engel des Bundes, des ihr begehrt. Siehe, er kommt, spricht der HERR Zebaoth“? Der Prophet Haggai hatte geweissagt: „Es ist noch ein Kleines dahin, dass ich Himmel und Erde, das Meer und das Trockene bewegen werde; ja, alle Heiden will ich bewegen. Da soll denn kommen aller Heiden Trost; und will dies Haus voll Herrlichkeit machen“; und Sacharja: „Zu der Zeit werden das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen offenen Born haben gegen die Sünde und Unreinigkeit.“ Und nun soll der Tag, die Zeit der Erscheinung des verheißenen und von den Vätern so sehnlich erwarteten Heilandes ein Tag der Rache, ein großer und schrecklicher Tag des HERRN und Johannes der Vorbote des hereinbrechenden Gerichts ein? Wie stimmt damit die Botschaft des Engels: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus der HERR in der Stadt Davids“ und der Jubelgesang der himmlischen Heerscharen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“? Die Antwort und damit die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs gibt uns Maleachi selbst, wenn er auf die Frage im dritten Kapitel: „Wer wird aber den Tag seiner Zukunft erleiden können?“ antwortet: 2Er ist wie das Feuer eines Goldschmieds und wie die Seife der Wäscher. Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen; er wird die Kinder Levi reinigen und läutern wie Gold und Silber. Dann werden sie dem HERRN Speisopfer bringen in Gerechtigkeit.“ Wohl war also die Zukunft Christi, des Heilandes, wie die Weihnachtsbotschaft verkündigte, ein Tag der Freude, des Heils, aber auch der Tag der Läuterung und des Gerichts, jenes für die Gläubigen, dieses für die Ungläubigen. Sprach nicht der HERR selbst Johannes 3,39: „Ich bin zum Gericht in die Welt gekommen, damit, die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden“ und Kap. 3,19: „Das ist das Gericht, dass das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse“? Ja, im Hinblick auf unseren Text sprach Johannes der Täufer Matth. 3,12 von dem HERRN: „Er hat seine Worfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.“ Wie jener Tag des HERRN für die Feinde, die Gottlosen, ein Tag der Rache, des Gerichts, aber eben dadurch auch für die Gläubigen ein Tag des Heils, der Erlösung, war, so auch der Tag des HERRN, von dem der Prophet in unserem Text redet. Das ersehen wir aus den vorhergehenden Worten: „Denn siehe, es kommt der Tag“ (an dessen Kommen viele nicht glauben wollten), „der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein, und der künftige Tag wird sie anzünden. Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Und ihr sollt aus und ein gehen“ (springen vor Freude“ „wie die Mastkälber“.

    Kaum bedarf es noch, meine Zuhörer, eines besonderen Hinweises auf die Erfüllung dieser Weissagung. Johannes der Täufer ist gekommen und aufgetreten im Geist und in der Kraft des Elia. Wie der Prophet Elia schonungslos seine Stimme gegen den Götzendienst des Volkes seiner Zeit erhob, den Mächtigen und Königen das Gericht verkündigte, selbst der gottlosen Königin Isebel Trotz bot, ihr verkündigte, dass die Hunde sie fressen sollten, so Johannes dem König Herodes und der Königin Herodias, indem er ersterem offen ins Gesicht sagte: „Es ist nicht recht, dass du deines Bruders [Philippus] Frau hast“, und den Pharisäern und Sadduzäern zurief: „Ihr Otterngezücht, wer hat denn euch gewiesen, dass ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße! Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ So erwies er sich als der von unserem Propheten geweissagte Vorbote des Gerichts am Tag des HERRN über die Gottlosen und Verächter und richtete dadurch sein Werk aus, zu dem er gesandt war. Darauf lasst uns zum Schluss noch kurz blicken.

 

3.

    Davon heißt es im letzten Vers unseres Textes: „Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der Kinder zu den Vätern, dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann schlage.“

    Diese Worte zeigen, dass die Sendung des Johannes als des zweiten Elia eine Gnadenheimsuchung Gottes für das fast gänzlich dem Unglauben verfallene Volk sein sollte. Die zwischen den Alten und Jungen bestehende Kluft sollte er ausfüllen, indem er jene von ihrem bloß äußerlichen Gottesdienst, diese von ihrem Unglauben zu wahrer herzlicher Gottesfurcht und dadurch zu rechter Einigkeit im Glauben und in der Liebe zurückführte. Und diese Bekehrung sollte dazu geschehen, damit der HERR bei seinem Kommen nicht etwa das Land mit dem Bann schlagen müsse, ihm seine Ankunft nicht zum völligen Vertilgungsgericht ausschlage. Denn wie einst der Prophet Elia den Götzendienst des Baal bekämpfte und das Volk Israel zu dem einigen, wahren Gott hinwies, so sollte Johannes durch seine Predigten die Selbstgerechtigkeit der Pharisäer und den Unglauben der Sadduzäer aufdecken, das jüdische Volk von den Irrtümern seiner damaligen Lehrer in Lehre und Leben auf den Messias hinweisen, damit er, der durch seine Zukunft im Fleisch erscheinen sollte, um die Menschen selig zu machen, nicht wegen des allgemeinen, völligen Unglaubens Ursache haben müsse, sie zu verdammen.

    Wie treu Johannes dieses Werk als der Vorbote des Gerichts und Vorläufer des HERRN ausgerichtet hat, das berichten uns die Evangelisten. Denn wir lesen bei Matthäus: „Zu der Zeit“, als nämlich Jesus aus der Verborgenheit hervor- und sein öffentliches Lehramt antreten sollte, kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste des galiläischen Landes und sprach: „Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Und sowohl seine persönliche Erscheinung wie seine Bußpredigt erregte ein solches Aufsehen, dass die Bewohner der Stadt Jerusalem, des jüdischen Landes wie der an den Jordan grenzenden Länder zu ihm hinausgingen, ihn hörten, ihre Sünden bekannten und sich von ihm taufen ließen. Seine Predigt war, wie sein Zuruf zeigt, vornehmlich Bußpredigt. Dadurch bereitete er dem HERRN den Weg, bekämpfte er die Selbstgerechtigkeit, das Vertrauen des Volkes auf das Gesetz und die eigenen Werke, brach er den Hochmut nieder, damit es den HERRN mit demütigem Herzen im Glauben aufnehme. Wie so ganz trat er zurück, wies er alle ihm dargebrachte Ehre zurück, wies, wie seine Jünger, so das ganze Volk auf den HERRN hin, indem er, auf Christus zeigend, ausrief: „Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“

    Möchten darin alle Prediger dem Johannes nachfolgen, Buße und Christus als das alleinige Lamm Gottes predigen, aber auch alle Hörer von Herzen Buße tun und Christus in wahrem Glauben annehmen! Denn der letzte große und schreckliche Tag des HERRN, der Jüngste Tag, von dem die in der Vergangenheit wie der der Zerstörung Jerusalems nur Vorboten gewesen sind, ist nahe, damit er uns nicht ein Tag schrecklichen Gerichts, sondern der Erlösung von allem Übel und des Eingangs in das ewige Reich der Seligkeit und Freude sei. Darum:

Er kommt zum Weltgerichte,

Zum Fluch dem, der ihm flucht,

Mit Gnad und süßem Lichte

Dem, der ihn liebt und sucht.

Ach komm, ach komm, o Sonne,

Und hol uns allzumal

Zum ewgen Licht und Wonne

In deinen Freudensaal!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Exaudi (HERR, hoere meine Stimme; Ps. 27, 7) ueber Jesaja 64: Das Klagegebet der in Babel Gefangenen um die Offenbarung der Herrlichkeit des HERRN

 

Jesaja 64: Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie ein heißes Wasser vom heftigen Feuer versiedet, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden, und die Heiden vor dir zittern müssten durch die Wunder, die du tust, deren man sich nicht versieht, da du herabfuhrst und die Berge vor dir zerflossen. Wie denn von der Welt her nicht gehört ist, noch mit Ohren gehört, hat auch kein Auge gesehen, ohne dich, Gott, was denen geschieht, die auf ihn harren. Du begegnetest den Fröhlichen und denen, so Gerechtigkeit übten und auf deinen Wegen dein gedachten. Siehe, du zürntest wohl, da wir sündigten und lange drin blieben; uns wurde aber dennoch geholfen.

    Aber nun sind wir allesamt wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid. Wir sind alle verwelket wie die Blätter, und unsere Sünden führen uns dahin wie ein Wind. Niemand ruft deinen Namen an oder macht sich auf, dass er dich halte; denn du verbirgst dein Angesicht vor uns und lässt uns in unseren Sünden verschmachten. Aber nun, HERR, du bist unser Vater, wir sind Ton; du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk. HERR, zürne nicht zu sehr und denke nicht ewig der Sünden! Siehe doch das an, dass wir alle dein Volk sind! Die Städte deines Heiligtums sind zur Wüste worden; Zion ist zur Wüste worden, Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unserer Heiligkeit und Herrlichkeit, darin dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht. HERR, willst du so hart sein zu solchem und schweigen und uns so sehr niederschlagen?

 

    In dem HERRN, geliebte Zuhörer!

    Das eben vernommene Wort Gottes berichtet uns ein Gebet, welches die in der Gefangenschaft zu Babel Schmachtenden zu dem Thron des HERRN emporsandten. Das ersehen wir aus dem 10. und 11. Vers unseres Textes, welche lauten: „Die Städte deines Heiligtums sind zur Wüste worden; Zion ist zur Wüste worden, Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unserer Heiligkeit und Herrlichkeit, darin dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht.“ Das Pochen des sündigen Volkes auf Jerusalem als die heilige Stadt, die sich Gott erwählt habe, dass sein Name daselbst wohne, das Pochen besonders auf den Tempel, in dem Gottes Herrlichkeit über den Cherubim thronte, war zunichte geworden. In freventlicher Sicherheit hatten sie, wie wir bei dem Propheten Jeremia im 7. Kapitel lesen, gerufen: „Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ weil sie sich dem Wahn hingegeben hatten, dass dieser, das Heiligtum des HERRN, nicht zerstört werden könne, da Gott seine schützende Hand über dasselbe halten müsse. Aber die Stadt war zu einer Ruinenstätte, das herrliche Gebäude zu einem Schutthaufen geworden, da sie selbst die Heilige Stadt entheiligt, den Tempel durch den Götzendienst, den sie darin getrieben, zu einer Gräuelstätte gemacht hatten. An Stelle ihres Pochens und Trotzens waren Weinen und Wehklagen getreten. Da klagten sie in der Gefangenschaft: „Jerusalem liegt zerstört, unser heiliges und herrliches Haus ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden geworden!“ und wie Jeremia in seinen Klageliedern berichtet: „Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war! Sie ist wie eine Witwe. Die eine Fürstin unter den Heiden und eine Königin in den Ländern war, muss nun dienen. Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen; es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröste; alle ihre Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde geworden.“ Aus einer Königin ist sie eine Sklavin geworden! Das war freilich ein Sturz aus erhabener Höhe in einen tiefen Abgrund.

    Aber es bedurfte einer solchen Erniedrigung, um das Volk zur Erkenntnis zu bringen, da es die früheren Züchtigungen immer wieder alsbald vergessen und nach wie vor abtrünnig geworden war. Dort in der Gefangenschaft erkannten die, welche noch nicht völlig verstockt waren, ihre Sünden und flehten, dass der HERR wieder seine Herrlichkeit offenbaren möge. Dies lasst uns heute aufgrund unseres Textes näher betrachten, nämlich:

 

Das Klagegebet der zu Babel Gefangenen um Offenbarung der Herrlichkeit des HERRN

 

    Dieses Klagelied enthält

    1. eine Erinnerung an frühere Offenbarungen der Herrlichkeit Gottes,

    2. ein demütiges Sündenbekenntnis,

    3. eine flehentliche Bitte um Errettung.

 

1.

    „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen!“ so, Geliebte, beginnt das in unserm Text enthaltene Gebet. Es ist der Prophet, der so betet, aber nicht für sich allein, sondern als Vorbeter des Volkes, das mit ihm betet. Gemeinsam flehen sie zu Gott: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Gott ist der Allmächtige, wohnt oben im Himmel in seinem heiligen Tempel, der durch den sichtbaren Himmel abgeschlossen ist. Diesen soll er, so flehen sie, zerreißen, wie die Sonne durch die Wolken bricht, herabkommen und sich in seiner majestätischen Herrlichkeit offenbaren, wie er einst bei der Gesetzgebung auf Sinai herabfuhr und seine Herrlichkeit offenbarte. Das hatte der HERR zu Mose gesagt: „Ich will zu dir kommen in einer dicken Wolke, damit dies Volk meine Worte höre, die ich mit dir rede, und glaube dir ewiglich.“ Und am dritten Tag erhob sich ein Donnern und Blitzen und eine dicke Wolke auf dem Berg und ein Ton einer sehr starken Posaune. Der ganze Berg rauchte, weil der HERR mit Feuer auf ihn herabfuhr; sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg erbebte. Unter diesen erschreckenden Zeichen, unter Donnern und Blitzen, Rauch und Feuer, dem Erdbeben des ganzen Berges fuhr der HERR vom Himmel hernieder. Diese Zeichen waren eine gewaltige Sprache, die der HERR redete, waren die sicht- und hörbaren Worte, durch die er seine Heiligkeit und Gerechtigkeit, seine Herrlichkeit offenbarte.

    Aber nicht auf diese Offenbarung allein weisen die Gefangenen hin, sondern auch auf die, welche der HERR tat, als er sein Volk aus der Gefangenschaft in Ägypten erlöste und in der Wüste leitete. Wie er durch die Wunder dem Volk seine Gnade und Barmherzigkeit kundgetan hatte, so dessen Feinden seine Macht und Herrlichkeit, vor der sie erbebten und zitterten. Hatte er nicht zu Mose gesagt: „Aber ich will Pharaos Herz verhärten, dass ich meiner Zeichen und Wunder viel tue in Ägyptenland“? Und er tat die Zeichen und Wunder den großen Plagen, die er über die Ägypter kommen ließ, und brach durch sie den Trotz Pharaos. Als er ihm durch Mose und Aaron Pestilenz über Menschen und Vieh verkündigen ließ, sprach er: „Ich will jetzt meine Hand ausrecken und dich und dein Volk mit Pestilenz schlagen, dass du von der Erde sollst vertilgt werden. Und zwar darum habe ich dich erweckt, dass meine Kraft an dir erscheine und mein Name verkündigt werde in allen Landen“; und wiederum: „Ich will das Herz der Ägypter verstocken, dass sie euch nachfolgen. So will ich Ehre einlegen an dem Pharao und an aller seiner Macht, an seinen Wagen und Reitern.“ Und als diese in den Fluten des Roten Meeres begraben waren, da sangen die Kinder Israel in ihrem Loblied: „Da das die Völker hörten, erbebten sie; Angst kam die Philister an. Da erschraken die Fürsten Edoms; Zittern kam die Gewaltigen Moabs an; alle Einwohner Kanaans wurden feige.“ Diese und andere Wunder waren so groß, so außerordentlich, wie sei von Anfang der Welt nicht geschehen, mit Ohren nicht gehört, wie es im 4. Vers unseres Textes heißt, auch mit keinem Auge gesehen worden waren, deren sich keines versehen hatte, durch die aber Gott seine Herrlichkeit offenbarte, die Feinde mit Schrecken erfüllte, ihre Macht in den Staub geworfen, sein Volk errettet hatte. Alle mussten nun erkennen, dass er allein Gott und außer ihm kein anderer sei. Hatte er in jener Gnadenzeit seine Herrlichkeit in so sichtbarer und für die Feinde in so furchtbarer Weise offenbart, so bitten ihn nun die Gefangenen, sich in ebensolcher oder ähnlicher Weise zu offenbaren, dass die Berge vor ihm zerfließen, erschüttern würden. Zu welchem Zweck? Das sagen sie in den Worten: „dass dein Name kund würde unter deinen Feinden, und die Heiden vor dir zittern müssten durch die Wunder, die du tust, deren man sich nicht versieht.“

    Diese Erinnerung an die in vergangenen Zeiten offenbarte Herrlichkeit Gottes – was ist sie anders als ein Lobpreis seiner Macht und ein Mittel, den schwachen Glauben in der Trübsal zu stärken? Wenn du daher in Trübsal bist, wenn es scheint, als sei kein Helfer da, so halte auch du deinem Gott die großen Taten vor, die er, sei es an dir, sei es an anderen, getan, und wodurch er seine macht offenbart hat, gleichviel ob es Taten des Gerichts oder der Gnade gewesen sind. Wie preist David die Herrlichkeit des HERRN, wenn er im 97. Psalm singt: „Der HERR ist König; des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln, soviel ihrer sind. Wolken und Dunkel ist um ihn her; Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhles Festung. Feuer geht vor ihm her und zündet an umher seine Feinde, Seine Blitze leuchten auf den Erdboden; das Erdreich sieht und erschrickt. Bergbe zerschmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Herrscher des ganzen Erdbodens. Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit, und alle Völker sehen seine Ehre. Schämen müssen sich alle, die den Bildern dienen und sich der Götzen rühmen. Betet ihn an, alle Götter!“ So hat sich der königliche Sänger durch Lobpreis der Herrlichkeit, der Macht und Gnade Gottes Glauben und Hoffnung ins Herz gesungen, und so sollen auch wir es tun, wenn wir mit dem Dichter singen:err

Befiehl du deine Wege

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Gibt Wege, lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Da dein Fuß gehen kann.

    Aber von dieser Erinnerung an die Offenbarung der Herrlichkeit und deren Lobpreisung geht nun das Gebet zu einem demütigen Bekenntnis der Schuld über. Das ist das zweite, was wir betrachten wollen.

 

2.

    Wir lesen in unserem Text weiter: „Siehe, du zürntest wohl, da wir sündigten und lange drin blieben; uns wurde aber dennoch geholfen. Aber nun sind wir allesamt wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid.“ Auch früher, so bekennen die zu Babel Gefangenen, haben sie lange Zeit gesündigt. Und das beweist die Geschichte des Volkes. Wie oft hatten sie schon in der Wüste gesündigt, obwohl die Herrlichkeit des HERRN stets sichtbar vor ihnen herging und sie leitete. Machten sie sich nicht schon am Berg Sinai der Abgötterei mit dem goldenen Kalb schuldig? Zankten sie nicht mit Mose und Aaron in der Wüste Zin am Haderwasser, als sei kein Waser hatten und riefen: „Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in die Wüste gebracht, dass wir hier sterben mit unserem Vieh?“ Wurden sie nicht lüstern nach den Fleischtöpfen Ägyptens? Der HERR speiste sie mit Manna, das er ihnen vom Himmel gab, aber sprachen sie nicht: „Unsere Seele ekelt über dieser losen Speise“? Wohl wurden sie um solcher Sünden willen von dem HERRN schwer gestraft, aber er erbarmte sich ihrer doch bald wieder, wenn sie Buße taten. So geschah es auch zur Zeit der Richter. Dienten sie den Götzen der Heiden, so bestand die Strafe darin, dass sie bald von diesen, bald von jenen Heiden überwunden und bedrückt wurden, bis ihnen der HERR einen Mann als Richter erweckte, der sie befreite. Das ist es, was die Worte unseres Textes sagen: „Siehe, du zürntest wohl, da wir sündigten und lange drin blieben; uns wurde aber dennoch geholfen.“ „Aber nun“, so fahren sie fort, „sind wir allesamt wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid“ und sagen damit: Nun hast du uns nicht aus der Gefangenschaft gerettet, deinen Zorn nicht von uns gewandt, und so sind wir in unseren Sünden geblieben, zu Übeltätern geworden, zu Unreinen, deren Gerechtigkeit wie ein unflätiges, durch und durch besudeltes Kleid ist. Statt besser sind wir schlimmer geworden. „Wir sind alle verwelkt wie die Blätter, und unsere Sünden führen uns dahin wie der Wind“, das heißt: Wie der Wind die welken Blätter dahinführt, so verwehen uns unsere Sünden, da wir in unserem Elend den welken Blättern gleich geworden sind.

    Aber die in Babel Gefangenen bekennen weiter: „Niemand ruft deinen Namen an“ oder macht sich auf, dass er dich halte. „Denn du verbirgst dein Angesicht vor uns und lässt uns in unseren Sünden verschmachten“, verschmelzen, so dass wir nicht mehr wagen, dich noch anzurufen, Hilfe und Errettung von dir zu erflehen. Das, meine Geliebten, ist das demütige Bekenntnis ihrer Schuld, das die in Babel Gefangenen ablegen, nachdem sie zur Erkenntnis gekommen sind. In welch einen Gegensatz stellen sie sich zu dem HERRN! Er hat sich als der heilige und herrliche Gott offenbart, hat die Sünder gestraft, den Bußfertigen alsbald die Sünde vergeben und die Strafe hinweggenommen, sie aber sind in ihren Sünden fortgefahren, sind zu Übeltätern geworden, die es nicht mehr wagten, sich dem heiligen Gott zu nahen.

    Wohl denen, die zu solch aufrichtiger Erkenntnis ihrer Sünden gekommen sind und sie demütig bekennen; denn ohne diese keine Vergebung und Erlösung. Darum rief der HERR dem Volk durch den Propheten Jeremia zu: „Kehre wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen. Denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein, erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast.“ Es heißt: „Wer seine Missetat leugnet, dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen.“ Trat nicht der HERRR selbst mit dem Zuruf auf: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“? Schreibt nicht Johannes: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns; wenn wir aber unsere Sünde bekennen, dann ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünde vergibt und reinigt uns von aller Untugend“? Es geht durch Sündenerkenntnis zur Sündenvergebung, durch Erniedrigung zur Erhöhung; denn der HERR spricht: „Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ „Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Er, der Hohe und Erhabene, lässt sich in Gnade und Erbarmung zu den Demütigen und Niedrigen herab. Sie allein sind’s auch, die ihn um Errettung anflehen, da sie ihre Ohnmacht und seine Macht erkannt haben. Darüber lasst mich drittens zu euch reden.

 

3.

    Ging die preisende Erinnerung an die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in ein demütiges Schuldbekenntnis über, so klingt dieses in die innige Bitte um Rettung aus; denn die zu Babel Gefangenen sprechen weiter: „Aber nun, HERR; du bist unser Vater, wir sind Ton; du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk. HERR; zürne nicht zu sehr und denke nicht ewig an die Sünden. Siehe doch das an, dass wir alle dein Volk sind!“ Sie begründen die Bitte um Vergebung mit einem dreifachen Hinweis, nämlich damit, dass der HERR ihr Vater, ihr Schöpfer ist, und dass sie sein Volk sind.

    „Aber nun, HERR, du bist unser Vater“, sagen sie zuerst und halten dem HERRN damit das innige Liebesverhältnis vor, in dem er zu ihnen und sie zu ihm sehen. Nicht oft wird im Alten Testament Gott Vater genannt, selbst von solchen nicht, die ihm so nahe standen wir Abraham, Jakob und David, und wo es geschieht, doch nicht in dem vollen Sinn wie im Neuen Testament; denn zur Zeit des Alten Bundes herrschte das Knechtschaftsverhältnis. Gott war der HERR, die Gläubigen seine Knechte; sie standen unter dem strengen Zuchtmeister des Gesetzes. Im Neuen Testament aber ist das volle Kindschaftsverhältnis eingetreten, weshalb Paulus Gal. 3 schreibt: „Das Gesetz ist unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir durch den Glauben gerecht würden. Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christus Jesus.“ Hier aber nennen ihn die im Elend Flehenden Vater. Sodann nennen sie ihn ihren Töpfer, das heißt, Schöpfer, der sie geschaffen und bereitet hat; und sich selbst nennen sie sein Volk, das er sich aus allen Völkern der Erde erwählt, mit dem er einen besonderen Bund, das er zu seinem besonderen Eigentum gemacht hat. Sie sagen also: Siehe, du bist unser Vater, wir deine Geschöpfe; wir sind deine Auserwählten. So innig sind wir mit dir verbunden; wie kannst du denn so hart gegen uns sein, so sehr über uns zürnen und uns in diesem Land umkommen lassen!

    Aber sie lassen es nicht bei dem Hinweis auf das persönliche Verhältnis bewenden, in dem sie zu ihrem Gott stehen, sondern weisen auch auf die Stadt und den Tempel hin: „Die Städte deines Heiligtums sind zur Wüste geworden; Zion ist zur Wüste geworden, Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unserer Heiligkeit und Herrlichkeit, darin dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt; und alles, was wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht.“ Wie hatten sie sich sonst über Jerusalem gefreut! Sie war die heilige Stadt, die sich der HERR erwählt hatte, der Mittelpunkt des ganzen Landes. Von ihr heißt es im 122. Psalm: „Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des HERRN, zu predigen dem Volk Israel, zu danken dem Namen des HERRN. Wünscht Jerusalem Glück! Es müsse wohl gehen denen, die dich lieben!“ und im 137. Psalm: „Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen.“ Nun aber waren die Mauern zerbrochen, die Paläste zerstört. – Wie stolz waren sie auf den Prachtbau des Tempels. Wenn die Festpilger auf dem Ölberg angelangt waren, von dem aus sie die Stadt überblicken konnten, und den Tempel im Glanz der Sonne schimmern sahen, stimmten sie Jubellieder an. In ihm thronte die Herrlichkeit des HERRN, über den Cherubim, den sichtbaren Zeichen der Wohnung Gottes unter seinem Volk, aber nun ein Schutt- und Trümmerhaufen! Alles Gold und Silber, alle heiligen Geräte hinweggeführt; alles zuschanden gemacht! Das soll der HERR ansehen und sein Erbarmen wachrufen. „HERR“, sagen sie, „willst du so hart sei zu solchem und schweigen und uns so sehr niederschlagen?“ Welch eine ergreifende Bitte ist das! Aber auch welch ein Glaube an die Barmherzigkeit Gottes spricht sich in ihr aus! In der Tiefe des Elendes verzweifelt das Volk doch nicht an seinem Gott.

    Lernen wir hieraus, meine Freunde, wie wir in allen unseren Nöten zu Gott flehen und auf seine Barmherzigkeit trauen können. Denn wenn jene so flehen konnten, wieviel mehr wir, die wir durch Christus mit Gott versöhnt, durch den Glauben an ihn seine Kinder geworden sind! Wir haben ja nicht einen knechtischen, sondern einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: „Abba, lieber Vater!“ Hat uns der HERR doch selbst beten gelehrt: „Vater unser, der du bist im Himmel!“ und will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater. Hat er uns doch die Verheißung gegeben: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben.“ Darum:

Hoff, o du arme Seele,

Hoff und sei unverzagt!

Gott wird dich aus der Höhle,

Da dich der Kummer jagt,

Mit großen Gnaden rücken,

Erwarte nur die Zeit,

So wirst du schon erblicken

Die Sonn der schönsten Freud.

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Pfingstsonntag ueber Joel 3, 1-5: Die Weissagung von der Ausgießung des Heiligen Geistes

 

Joel 3, 1-5: Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Ältesten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Auch will ich zur selben Zeit beide, über Knechte und Mägde, meinen Geist ausgießen und will Wunderzeichen geben im Himmel und auf Erden, nämlich Blut, Feuer und Rauchdampf. Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt. Und soll geschehen, wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll errettet werden. Denn auf dem Berge Zion und zu Jerusalem wird eine Errettung sein, wie der HERR verheißen hat, auch bei den andern übrigen, die der  HERR berufen wird.

 

    In dem HERRN, geliebte, Festgenossen!

    Die eben vernommenen Textworte enthalten die große Weissagung des Propheten Joel von der Ausgießung des Heiligen Geistes zur Zeit des neuen Testaments. Vergleichen wir sie mit der großen Predigt, welche der Apostel Petrus am ersten neutestamentlichen Pfingstfest zu Jerusalem gehalten hat, so sehen wir, dass er diese Weissagung zum großen Teil wörtlich angeführt hat, um zu beweisen, dass die Apostel, als sie plötzlich in so wunderbarer Weise in fremden Sprachen die großen Taten Gottes predigten, nicht etwa trunken seien, wie die anwesenden Spötter lästerten, sondern von dem Heiligen Geist erfüllt und mit seinen Wundergaben ausgerüstet seien, wie es durch den Propheten Joel geweissagt worden sei. Führen wir uns, um diese Weissagung recht zu verstehen, zunächst den Zusammenhang vor, in dem sie steht.

    Der Prophet hatte eine so furchtbare Heuschreckenplage verkündigt, wie sei weder vorher dagewesen noch in Zukunft wieder kommen werde. Wie ein gewaltiges Kriegsheer sah er den endlosen Schwarm heranziehen. Er verfinstert die Sonne wie schwarzes Gewölk, stürmt daher wie ein berittenes Kriegsheer, verursacht ein Geräusch und Getümmel wie Kriegswagen, die in wildem Jagen heranrasen oder wie Feuerflammen prasseln. Die Völker zittern, werden bleich vor Schrecken. Wie Helden stürmen die Schwärme daher und nähern sich der Stadt; nichts kann sie aufhalten. Sie ersteigen die Mauern, tummeln sich in der Stadt, dringen durch die offenen Fenster in die Häuser, in alle Gemächer und Winkel. Das Land, vorher ein Paradies, verwandeln sie in eine trostlose Wüste, die aussieht, als ob eine alles verzehrende Feuersglut über die grünen Steppen, vom Wind gepeitscht, dahingebraust wäre. Dies Schwäre sind das furchtbare Kriegsheer Gottes, das er über sündige Volk zur Strafe für seinen Ungehorsam kommen lässt; das ist der große Tag des HERRN, der gar sehr zu fürchten ist, wenn sich das Volk nicht zu ihm bekehrt.

    Da ruft der Prophet zu allgemeiner aufrichtiger Buße auf, um das furchtbare, schon heranziehende Gericht, wo möglich, noch aufzuhalten oder abzuwenden. Männer und Frauen, Junge und Alte, die Mütter mit den kleinen Kindern auf den Armen, selbst Braut und Bräutigam sollen zusammenkommen, zu Gott schreien und Buße tun. Er ruft aus: So spricht der HERR: ‚Bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit weinen, mit Klagen! Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider und bekehrt euch zu dem HERRN, eurem Gott; denn er ist gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte und reut ihn bald die Strafe. Wer weiß, es mag ihn wiederum gereuen und einen Segen hinter sich lassen.‘“ Und der HERR erbarmte sich über die Bußfertigen; denn der Prophet schaut und verkündigt ein anderes Bild. Die Schwärme der Heuschrecken werden vom Wind in die Wüste, wo sie keine Nahrung finden, oder ins Meer getrieben, wo sie ertrinken, von dessen Wellen ans Ufer gespült werden, verwesen und die Luft verpesten. Darauf sendet der HERR den Lehrer der Gerechtigkeit, um sein Volk in seinem Wort und seinen Wegen zu unterweisen, und erhört dessen Gebet um Früh- und Spätregen. Die Weiden bedecken sich wieder mit Grün, die Saaten bringen reichliche Ernten, die Scheuern werden voll, die Kufen fließen über den Most und das Öl. Das ist das eine Große, das der HERR an seinem Volk tun will. Aber noch Größeres will er tun. Er will einen anderen Regen vom Himmel herniedersenden; er will nämlich seinen Geist über alles Fleisch ausgießen, wodurch eine andere, eine wunderbare Fruchtbarkeit hervorgebracht werden soll. Das ist es, wovon der Prophet in unserem Text weissagt. So vernehmt denn:

 

Die Weissagung des Propheten Joel von der Ausgießung des Heiligen Geistes

 

    Er weissagt, dass sie

    1. eine Ausgießung über alles Fleisch sein,

    2. von außerordentlichen Wirkungen begleitet sein und

    3. die Gottesgemeinde vor dem Gericht bewahren wird.

 

1.

    Der Prophet beginnt diese Weissagung mit den Worten: „Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch; und eure Söhne und Töchter sollen weissagen.“ Mit dem „nach diesem“ weist der Prophet auf das Vorhergehende, nämlich au den nach der schrecklichen Heuschreckenplage gespendeten Segen an irdischen Gütern, besonders auf den verheißenen Lehrer der Gerechtigkeit hin. Darüber sollen sie sich in lauter Freude ergehen; denn er hat ihnen zu zugerufen: „Ihr Kinder Zion, freut euch und seid fröhlich in dem HERRN, eurem Gott, der euch den Lehrer zur Gerechtigkeit gibt und euch herabsendet Früh- und Spätregen wie vorher.“

    Diese Weissagung hat ihre Enderfüllung in der Sendung des Messias gefunden. Schon durch Mose hat Gott verkündigt: „Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Kindern und meine Worte in ihren Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde.“ Von diesem Propheten waren Mose und die Propheten im Alten Testament nur Vorläufer. Die nächste Folge der Sendung solle, so sagt der Prophet, der Früh- und Spätregen und infolgedessen ein reicher irdischer Segen, viel mehr aber ein geistlicher Regen sein, den er in Zukunft senden wolle, und über den sie sich noch weit mehr als über jenen freuen sollten. Denn wie durch den natürlichen Frühregen die Wüste in eine liebliche Aue, die Einöde in reiche Saatfelder sich verwandeln soll, so solle durch den himmlischen Regen, die Ausgießung des Heiligen Geistes, noch viel Herrlicheres und Größeres bewirkt werden, weil diese Ausgießung eine allgemeine, bis dahin nicht geschehene, eine Ausgießung über alles Fleisch sein werde.errerr

    Der Prophet blickt bei diesen Worten auf die vergangene, auf seine und die zukünftige Zeit, und welch ein Unterschied bietet sich da in Bezug auf die Gabe und Wirksamkeit des Heiligen Geistes seinem Auge dar! Auch im Alten Testament war der Heilige Geist da und war auch wirksam. Sprach doch Gott in den Tagen vor der Sintflut: „Die Menschen sich von meinem Geist nicht mehr strafen lassen, denn sie sind Fleisch.“ So auch zur Zeit Moses, in der er durch den Heiligen Geist wunderbare Gaben mitteilte; denn wir lesen 4. Mose 11, als Mose auf Befehl des HERRN die siebzig Männer unter den Ältesten um die Stiftshütte gestellt hatte, der HERR in einer Wolke herniederkam, von dem Geist, der auf Mose ruhte, nahm, ihn auf die Siebzig legte, da weissagten diese, so dass selbst Eldad und Medad, die im Lager geblieben waren und sich nicht unter den Siebzig befanden, mit den Gaben des Geistes ausgerüstet wurden und im Lager weissagten. Als Mose dies angezeigt wurde und Josua ihn aufforderte, den beiden das Weissagen zu verbieten, antwortete ihm Mose: „Bist du der Eiferer für  mich? Wollte Gott, dass das gesamte Volk weissagte und der HERR seinen Geist auf sie gäbe!“ Wie ferner der Heilige Geist in und durch die Propheten im Alten Testament wirksam war, dies ist ja bekannt. Durch ihn erleuchtet und getrieben, hat David seine Psalmen gesungen, haben die Propheten geweissagt und geredet, wie zum Beispiel der Prophet Hesekiel Kap. 11,5 von sich sagt: „Der Geist des HERRN fiel auf mich und sprach zu mir: ‚Sprich: So sagt der HERR‘“ und Kap. 37: „Des HERRN Hand kam über mich und führte mich hinaus im Geist des HERRN.“ Diese Mitteilung des Heiligen Geistes war jedoch nur eine beschränkte, die nach allem, was die Schrift darüber gerichtet, mit wenigen Ausnahmen, nur hervorragenden Männern wie Mose und den Propheten zuteil wurde und an andere nur mittelbar, indem sie sich an die Propheten anschlossen, teilhatten. Daher hatte Mose in den vorher von ihm angeführten Worten den Wunsch ausgesprochen, dass das ganze Volk des HERRN mit dem Heiligen Geist begabt werden und weissagen möchte, ein Wunsch, der zugleich eine Weissagung war auf das, was zur Zeit des von ihm verkündigten Propheten geschehen sollte. Je näher aber diese Zeit kam, desto bestimmter wurden die Weissagungen davon, wie durch Jesaja im 44. Kapitel: „Ich will meinen Geist auf deinen Samen gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen“ und durch Hesekiel (Kap. 36): „Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“

    Nun aber blickt Joel auf die Zeit des Neuen Testaments, und da sieht er einen anderen Geistesregen vom Himmel herniederkommen; denn der HERR spricht durch ihn: „Nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch.“ Schon mit dem Wort „ausgießen“ bezeichnet er die Fülle, das reiche Maß, in welchem der Geist wird gegeben werden. Wie der Früh- und Spätregen, von dem er vorher geredet hatte, aus den Wolken auf das Trockene und ausgedörrte Land in Güssen herniedergeströmt war, so werde sich der Geistesregen in Strömen vom Himmel ergießen und nicht nur über ein oder das andere Volk, sondern über alles Fleisch, nicht nur über einzelne, bevorzugte Personen unter dem Volk Gottes, sondern ohne Unterschied des Alters und des Geschlechts, des Standes und Berufs, über Söhne und Töchter, über Älteste und Jünglinge, ja sogar über Knechte und Mägde, Sklaven und Sklavinnen. Und diese so reichliche Sendung des Heiligen Geistes soll  sich nicht allein auf das Volk Israel, das Bundesvolk des Alten Testaments, wenn der Prophet auch zunächst auf dieses blickte, erstrecken, sondern, wie schon die Worte „alles Fleisch“ zeigen, und sodann aus den Worten des 5. Verses: „Wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll selig werden“ deutlich hervorgeht, auch über die Heiden.

    Und die Erfüllung dieser Weissagung, meine Festgenossen? Die berichtet uns die heutige Festepistel, in der wir lesen: „Als der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen. … Und wurden alle voll des Heiligen Geistes.“ Die Versammelten waren aber nicht etwa allein die Apostel, sondern vielmehr alle Gläubigen zu Jerusalem; und diese alle wurden des Heiligen Geistes voll, wie denn auch Petrus in seiner Pfingstpredigt, auf die Weissagung in unserem Text hinweisend, sagt: „Das ist es, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist: ‚Auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselben Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“ Dass diese Ausgießung des Heiligen Geistes nicht auf die Apostel beschränkt war, auch nicht bloß zu Jerusalem geschah, sehen wir ferner aus Apg. 10, wo berichtet wird, dass, als Petrus zu Cäsarea im Haus des heidnischen Hauptmanns Cornelius predigte, der Heilige Geist auf alle fiel, die dem Wort zuhörten, diese mit Zungen redeten, und die mit Petrus gekommenen gläubigen Juden darüber aufs höchste erstaunten, dass auch über die gläubig gewordenen Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen worden sei.

 

 

2.

    Eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Ältesten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen“, weissagt Joel. Damit sind drei Folgen und Wirkungen der Ausgießung des Heiligen Geistes angegeben: Zuerst das Weissagen, die Gabe, durch unmittelbare göttliche Offenbarung Zukünftiges zu verkündigen; sodann Träume, das Schauen von Bildern in schlafendem Zustand, durch die den Träumenden ein Blick in die Zukunft gewährt werden soll; endlich Gesichte, durch welche der Mensch entweder in Verzückung gesetzt oder ihm überhaupt eine prophetische Offenbarung zuteil wird. So erblickte Joseph im Traum zwölf Garben auf dem Feld, von denen die von ihm gebundene sich aufrichtete, während die seiner Brüder sich vor der seinen neigten – ein Traum, der die Feindschaft der Brüder gegen ihn noch vermehrte, der aber in Erfüllung ging, als sie nach Ägypten kamen, Speise zu kaufen. So sah ferner Jakob im Traum, als er zu Bethel allein auf freiem Feld übernachtete, die Himmelsleiter, auf deren Spitze Gott stand, der ihm eine herrliche Verheißung gab. So erschien, um nur noch das eine Beispiel anzuführen, der Engel des HERRN dem Joseph, dem Vertrauen der Maria, im Traum und forderte ihn auf, mit dem Jesuskindlein nach Ägypten zu fliehen, um es den Nachstellungen des Herodes zu entziehen. Redete Gott in solchen Träumen nicht selbst zu den Menschen, so konnten sie nur durch besondere göttliche Offenbarungen gedeutet werden, weshalb Joseph zu Pharao sprach, als dieser ihn vor sich bringen ließ, um seinen Traum von den sieben fetten und mageren Kühen zu deuten: „Das steht bei mir nicht; Auslegen gehört Gott zu.“ So war Daniel mit der besonderen Gabe, Gesichte und Träume zu deuten, von Gott ausgerüstet (Dan. 1, 17). In den Gesichten erblickten besonders die Propheten in Bildern, die ihnen Gott vor die Augen führte, was er tun wollte, weshalb sie Seher genannt wurden, und ihre Weissagungen mit dem Wort „Siehe“ begannen. Daher beginnt das Buch des Propheten Jesaja mit den Worten: „Dies ist das Gesicht Jesajas, … das er sah über Juda und Jerusalem.“ Hesekiel erblickte die völlige Zerstörung Jerusalems im Bild eines Kessels, in dem allerlei Fleischstücke ausgekocht wurden.

    Aber die Gaben, die zur Zeit des Alten Testaments nur wenigen von Gott verliehen wurden, sollten, wie Joel verkündigt, durch die Ausgießung des Heiligen Geistes allgemein werden. Söhne und Töchter, Älteste, Jünglinge, selbst leibeigene Knechte und Mägde sollen damit begabt werden. Woher, so fragen wir, dieser Unterschied? Weil im Alten Testament das Knechtschaftsverhältnis vorwaltete, im neuen das Kindesverhältnis eingetreten ist, und alle Ungleichheit der Menschen in ihrem Verhältnis zu Gott aufgehört hat; denn Paulus schreibt: „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!“ und an die Galater: „Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Frau; denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesus.“ Alle Gläubigen, wer oder was sie sein mögen, sind Kinder Gottes durch den Glauben an Christus; alle haben den Geist Christi empfangen und haben daher an seinen Gaben Anteil, die er mitteilt, wem und wie er will, den Jungen wie den Alten, den Knechten und Mägden wie ihren Herren und Frauen.

    Und die Erfüllung dieser Weissagung? So fragen wir wieder. Sie begann mit der Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingstfest zu Jerusalem; denn als die Apostel des Heiligen Geistes voll waren, fingen sie an zu reden mit anderen Zungen, nachdem der Geist ihnen gab auszusprechen, so dass alle, die sie hörten, voll Verwunderung ausriefen: „Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? … Wir hören sie mit unseren Zungen die großen Taten Gottes reden.“ Dass aber diese besonderen Gaben neben den Aposteln auch anderen Jüngern mitgeteilt wurden, lehrt uns nicht nur das Zungenreden der zu Cäsarea durch die Predigt des Petrus aus den Heiden gläubig Gewordenen, sondern auch das Weissagen, Zungenreden und das Auslegen des Zungenredens in der Gemeinde zu Korinth. Finden s9ch nun diese Wundergaben des Heiligen Geistes jetzt auch nicht mehr in solchem Maß wie zur Zeit der Apostel in der Kirche, so wohnt doch der Heilige Geist in den Herzen aller Gläubigen, erleuchtet ihren Verstand, schenkt und erhält sie im Glauben, eignet ihnen immerdar Vergebung der Sünden zu, reinigt ihre Herzen und treibt sie zu allen guten Werken an. „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Und sie werden als Gottesgemeinde endlich vor dem Gericht bewahrt.

 

3.

    Wir lesen weiter in unserem Text: „Und ich will Wunderzeichen geben im Himmel und auf Erden, nämlich Blut, Feuer und Rauchdampf. Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.“

    Zweierlei Wunderzeichen sind es, die der Prophet als Vorläufer und Zeichen des Geistes angibt: Zeichen, die am Himmel und solche, die auf Erden geschehen. Als Zeichen auf der Erde nennt er „Blut, Feuer und Rauchdampf“ oder Rauchsäulen. Blut und Feuer weisen auf die Plagen hin, die Gott über Ägypten kommen ließ, um die Hartnäckigkeit Pharaos zu brechen, da er sich weigerte, das Volk Israel ziehen zu lassen, als sich das Wasser des Nil in Blut verwandelte und mit dem Hagel auch Feuerklumpen vom Himmel herniederfuhren (2. Mose 9, 24); die Feuersäulen auf das Rauchen des Berges Sinai, als der HERR herabfuhr, da, wie es 2. Mose 19, 18 heißt, „sein Rauch aufging wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg sehr bebte“. Auch die beiden Zeichen am Himmel, die Verwandlung der Sonne in Finsternis und des Mondes in Blut, haben ihr Vorbild in der Finsternis, die das ganze Ägypten bedeckte (2. Mose 10, 21 ff.). Jene Plagen waren also nicht bloß Strafgerichte über die Ägypter, sondern zugleich Vorbilder auf Erscheinungen, welche als Zeichen und Vorboten des von dem Propheten verkündigten „großen und schrecklichen Tages des HERRN“ geschehen werden. Diese werden keine gewöhnlichen Naturerscheinungen, sondern außerordentliche Wunderzeichen, nicht solche wie Sonnen- und Mondfinsternisse, sondern derart sein, wie sie Gott durch sein allmächtiges Eingreifen in die Kräfte der Natur hervorbringt. Solche Zeichen waren die große Finsternis, das Zerreißen der Felsen und des Vorhangs im Tempel bei dem Tod Christi, die dem Gericht über das jüdische Volk durch die Zerstörung Jerusalems vorangingen. Sie werden auch nicht nur von den Gläubigen als Vorboten des Gerichts erkannt werden, sondern auch die Ungläubigen in Angst und Schrecken versetzen.

    Diese endgültige Erfüllung dieser Zeichen wird geschehen, wenn der letzte Tag und mit ihm das Endgericht über die Völker der Erde erscheint, wie es der HERR Luk. 21 vorherverkündigt hat: „Es werden Zeichen geschehen an der Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Leuten bange sein und werden zagen; und das Meer und die Wasserwogen werden brausen. Und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der Dinge, die da kommen sollen auf Erden; denn auch der Himmel Kräfte sich bewegen werden. Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in der Wolke mit5 großer Kraft und Herrlichkeit.“

    Aber wie Israel, das Volk Gottes, von den Plagen des Gerichts über die Ägypter nicht betroffen wurde, diese vielmehr geschahen, um ihm seine Erlösung aus der Knechtschaft zu bewirken, so wird auch die Gottesgemeinde von diesen Wunderzeichen als Vorboten des nahenden Gottesgerichts nicht betroffen, sondern, weil der Geist Gottes in ihren Herzen wohnt, vor dem Gericht bewahrt werden. „Denn auf dem Berg Zion und zu Jerusalem“, sagt der Prophet, „wird eine Errettung sein, wie der HERR verheißen hat, auch den anderen übrigen, die der HERR berufen wird.“ „Denn es soll geschehen: Wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll errettet werden.“ Mit dem Berg Zion und Jerusalem meint der Prophet nicht den irdischen Berg und die irdische Stadt, sondern die Kirche. Wer sich in dieser befindet, nämlich jeder, der im Glauben, im Geist, den HERRN anruft, der wird in ihr Schutz und Bewahrung vor dem Gericht haben. Für sie alle, auch die der HERR aus den Heiden herzu gerufen, in die Kirche berufen hat, wird der Tag des Gerichts, der große und schreckliche Tag des HERRN, der Tag der Erlösung von aller Feindschaft und Bedrückung seitens ihrer Feinde, für diese ein Tag der Rache, für jene der endlichen Erlösung und des Einzugs in die neue Gottesstadt, in das himmlische Kanaan, sein. Dasselbe verkündet der HERR; wenn er zu seinen Jüngern spricht: „Wenn nun dieses alles anfängt zu geschehen, so seht auf und hebt eure Häupter auf, darum, dass sich eure Erlösung naht.“

    Das ist, meine Festgenossen, die Weissagung des Propheten Joel von der Ausgießung des Heiligen Geistes zur Zeit des Neuen Testaments. Wohl daher allen, die daran teilhaben, in deren Herzen dieser Lehrer und Tröster wohnt, die er heiligt und mit seinen Gaben ziert! Lasst uns daher zu ihm flehen:

O Heilger Geist, kehr bei uns ein

Und lass uns deine Wohnung sein,

O komm, du Herzenssonne!

Du Himmelslicht, lass deinen Schein

Bei uns und in uns kräftig sein

Zu steter Freud und Wonne,

Dass wir in dir

Recht zu leben uns ergeben

Und mit Beten

Oft derhalben vor dich treten.

    Amen.

 

 

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Pfingsttag ueber 2. Koenige 5, 9-14: Das Mittel, durch welches der Aramaeer Naeman von seinem Aussatz gereinigt wurde

(die Predigt wurde entnommen: Reinhold Pieper: Predigten über freie Texte. Bd. 2. Milwaukee, Wis.: Germania Publishing Co. 1903. S. 252 ff.)

 

2. Könige 5, 9-14: So kam Naeman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Haus Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wiedererstattet und rein werden. Da erzürnte Naeman und zog weg und sprach: Ich meinte, er sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und mit seiner Hand über die Stätte fahren und den Aussatz so abtun. Sind nicht die Wasser Amanas und Pharphars zu Damaskus besser als alle Wasser in Israel, dass ich mich darin wüsche und rein würde? Und wandte sich und zog weg mit Zorn. Da machten sich seine Knechte zu ihm, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dich der Prophet etwas Großes hätte geheißen, solltest du es nicht tun? Wie viel mehr, so er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein. Da stieg er ab und taufte sich im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geredet hatte; und sein Fleisch wurde wiedererstattet, wie ein Fleisch eines jungen Knaben, und wurde rein.

 

    Geliebte in dem HERRN Christus!

    Um das richtige Verständnis unseres Textes zu gewinnen, müssen wir zuerst auf den Zusammenhang blicken. Naeman, dessen wunderbare Reinigung vom Aussatz in unserem Text berichtet wird, war Feldhauptmann im Heer des aramäischen [syrischen] Königs, ein tapferer Kriegsheld und daher bei seinem König sehr angesehen. Er hatte sich vielfach als unerschrockener und umsichtiger Feldherr bewiesen und manchen Sieg davongetragen. Aber er war mit einer schrecklichen Krankheit, dem Aussatz, behaftet. Wie konnte er dann seine hohe Stellung als Feldherr bekleiden? fragen wir. Die Antwort lautet: Der Aussatz trat in vielen Fällen zuerst in kaum wahrnehmbarer Weise auf und nahm einen sehr langsamen Verlauf, so dass der von ihm Befallene noch seine Berufsgeschäfte verrichten konnte. Sodann waren die Aussätzigen bei den Aramäern nicht von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, wie bei den Juden, weil bei diesen der Aussatz als ein Bild der Sünde galt. Daher konnte denn Naeman nicht nur das Amt als Heeroberster bekleiden, sondern sich auch in der Umgebung des Königs bewegen.

    Nun wurde Naeman durch ein israelitisches Mädchen, welches bei einem Streifzug gefangen worden war und sich im Dienst seiner Gemahlin befand, auf einen Propheten in Israel aufmerksam gemacht, welcher die Wundergabe besitze, die schreckliche Krankheit des Aussatzes zu heilen. Sobald Naeman dies hörte, begab er sich zu seinem König. Dieser gebot ihm, nach Samaria zu reisen und versah ihn mit einem Schreiben an den König von Israel, dass er Naeman von seinem Aussatz gesund machen möge. Aber wie erschrak der König Israels, als er das Schreiben las! Er rief aus: „Bin ich denn Gott, dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, dass ich den Mann von seinem Aussatz los mache? Merkt und seht, wie sucht er Ursache zu mir.“ Er meinte also, der König von Aram suche nur nach einem Vorwand zum Krieg mit ihm. Dies beabsichtige dieser aber keineswegs, sondern weil Naeman von ihm als tüchtiger Feldherr hoch geschätzt wurde, war ihm viel daran gelegen, ihn von dem Aussatz geheilt zu sehen. Ferner hielt er dafür, dass dem König Joram ein Prophet in seinem Land nicht unbekannt sein würde, der die sonst unheilbare Krankheit des Aussatzes heilen könne. Joram dachte in seinem Unglauben nicht an den Propheten Elisa. Als aber dieser von der Sache gehört hatte, sandte er zu dem König, strafte ihn wegen seines Unglaubens und ließ Naeman zu sich entbieten, damit dieser erkenne, dass ein Prophet in Israel sei. Naeman kam zu Elisa, wurde aber von diesem nach seiner Meinung in so unehrerbietiger Weise behandelt, dass er aufs Höchste aufgebracht und fest entschlossen war, das ihm von Elisa gebotene Mittel zur Heilung nicht zu gebrachen und hinweg zog. Indessen überredeten ihn seine Diener, das Mittel doch zu gebrauchen, und siehe da, das Mittel half. Sein Fleisch, das mit den Schuppen des Aussatzes bedeckt, ja wohl von diesem teilweise zerfressen war, wurde wieder so frisch und gesund wie das Fleisch eines kleinen Knaben.

    Welches war nun das von dem Propheten Elisa Naeman verordnete Mittel zur Reinigung von seinem Aussatz? Es ist in den Worten unseres Textes angegeben: „Gehe hin und wache dich siebenmal im Jordan.“ Das war in der Tat ein ganz eigentümliches Mittel, und das umso mehr, als es dazu dienen sollte, den Aussatz zu heilen. Eine so furchtbare Krankheit sollte durch ein so einfaches Mittel geheilt werden; das war für die Vernunft nicht nur unbegreiflich, sondern töricht und lächerlich. Aber wie es Naeman auch beurteilen mochte, die Anwendung derselben zeigte, dass es ein sehr wirksames Mittel war. Gehen wir hierauf näher ein und machen wir die rechte Anwewndung, so wird die Betrachtung dieses Mittels für uns nicht ohne Nutzen sein. Wir betrachten also:

 

Das Mittel, durch welches der Aramäer Naeman von seinem Aussatz gereinigt wurde

    Dieses Mittel war:

    1. In seinen Augen ein sehr verächtliches, aber

    2. Ein sehr wirksames.

 

1.

    Naeman kam mit Rossen und Wagen, mit einem ansehnlichen Gefolge, wie es seiner hohen Stellung entsprach, vor dem Haus des Propheten Elisa an und erwartete, dass er von diesem mit der Ehrerbietung, wie er es von den heidnischen Priestern und Gauklern gewohnt war, werde empfangen werden. Darin sah er sich aber völlig getäuscht. Elisa kam nicht einmal zu ihm heraus, sondern sandte einen Boten, durch den er ihm sagen ließ: „Gehe hin und wache dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wiedererstattet und rein werden.“ Können wir uns wundern, Geliebte, dass Naeman, der ein so hochgestellter Mann war, sich durch diese Behandlung von Elisa gekränkt fühlte? Als Heeresoberster in Aram beugte sich bis auf seinen König alles vor ihm, bezeugte ihm die größte Ehre und diente ihm, und dieser Prophet in Samaria erweist ihm nicht einmal so viel Ehre, dass er zu ihm herauskommt, sondern fertigt ihn ab wie einen gewöhnlichen Menschen. Und erst das Mittel, welches er ihm verordnet! Er soll hingehen und sich im Jordan siebenmal waschen. Musste ihm das nicht vorkommen, als ob Elisa Spott mit ihm treibe? Wir lesen daher auch: „Da erzürnte Naeman und zog weg und sprach: Ich meinte, er sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN seines Gottes anrufen und mit seiner Hand über die Stätte fahren und den Aussatz so abtun. Sind nicht die Wasser Amana und Pharphar zu Damaskus besser als alle Waser in Israel, dass ich mich drin wüsche und rein würde?“ Darauf wandte er sich mit seinem Gefolge um und zog über die ihm widerfahrene Behandlung und das ihm empfohlene Mittel im Zorn hinweg.

    Wir werden diesen Unwillen und Zorn Naemans besser verstehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass er ein Heide war und welche Bewandtnis es mit seinem Aussatz hatte. Als Heide stellte er den Propheten Elisa mit den heidnischen Priestern so ziemlich auf gleiche Stufe und meinte, dass er sich derselben oder doch ähnlicher Mittel bedienen werde wie jene, wenn sie ihre Künste anwandten. Er erwartete von Elisa eine feierliche Anrufung Gottes mit allerlei Gebärden und Zeremonien oder Zauberformeln, deren sich die heidnischen Priester bedienten; wenigstens werde er mit seiner Hand die Stellen berühren, an denen sich der Aussatz besonders zeigte. Sodann wusste, dass der Aussatz durch gewöhnliche Mittel nicht geheilt werden konnte. Dieser war in Wahrheit eine entsetzliche Krankheit. Zuerst zeigte er sich kaum bemerkbar durch eigentümlich gerötete Flecken auf der Haut, die sich, ohne Schmerz zu verursachen, langsam vergrößern. Oft wusste der Mensch nicht einmal, dass er von dem Aussatz befallen war, er konnte essen und trinken, fühlte sich wohl und konnte seiner Beschäftigung nachgehen. Aber in fast unheimlicher Weise zerstört die Krankheit die Lebenskraft. Die Haut wurde trocken, konnte nicht mehr ausdünsten, es zeigte sich ein schuppiger Ausschlag, der sich in manchen Fällen in Fäulnis verwandelte, so dass einzelne Glieder vom Körper abfielen. Und wenn die Krankheit den höchsten Grad erreichte, dann bot der von ihr Heimgesuchte einen überaus widerlichen und ekelhaften Anblick. Der ganze Leib sank in sich zusammen wie eine eitrige Masse, und kein Arzt konnte Hilfe bringen. Alles war an einem Aussätzigen unrein, sein Atem, sein Hauch, selbst der Blick seiner Augen. Und alles, was er berührte, wurde verunreinigt, das Gefäß, aus dem er trank, das Bett, auf dem er schlief, jeder Gegenstand den er berührte. Daher wurde er bei dem jüdischen Volk durchs Gesetz aus der menschlichen Gesellschaft gänzlich verbannt. Eine solche Bewandtnis hatte es mit dem Aussatz. Und von diesem sollte nun Naeman dadurch gereinigt werden, dass er sich im Jordan siebenmal waschen sollte. Elisa besah ihn nicht, er berührte ihn nicht, zeigte sich ihm überhaupt nicht, sondern ließ ihm durch einen Boten sagen: „Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dein Fleisch wiedererstattet und rein werden.“ Wahrlich, es darf uns nicht wundern, dass Naeman sich von diesem Mittel keine Heilung versprach, es vielmehr mit Verachtung von sich wies, zornig wurde und im Grimm wegzog. Wir würden uns vielmehr darüber wundern, wie sich einst er HERR über den Glauben des Hauptmanns zu Kapernaum verwunderte, wenn er den Worten Elisas ohne weiteres geglaubt und das von ihm verordnete Mittel angewayndt hätte. Verächtlich sagte er daher: „Sind nicht die Wasser Amana und Pharphar zu Damaskus besser als alle Wasser in Israel, dass ich mich darin wüsche und rein würde?“ Auch das war nach er Vernunft, vom Standpunkt Naemans aus, durchaus wahr geredet. Denn das Wasser des Flusses Amana, der auf einem Gipfel des Antilibanon entspringt und durch die Stadt Damaskus fließt, ist sehr klar und kühl, desgleichen das Wasser des Pharphar, eines schnell dahinfließenden Flusses, das nicht nur von durchsichtiger Klarheit war, sondern auch als besonders gesund bezeichnet wurde. Und nun sollte Naeman ein Waschen oder Baden im Jordana von dem sonst unheilbaren Aussatz reinigen, dessen Wasser meist trüb, von rötlicher Farbe und mehr lau als kalt ist! Da begreift es sich wahrlich leicht, dass er das Waser der Flüsse in Aram für viel besser hielt und heilkräftiger als das des Jordan in Samaria hielt, dass er das ihm empfohlene Baden in diesem mit Verachtung von sich wies. Ein Waschen mit nicht einmal ganz reinem und klarem Wasser soll vom Aussatz reinigen, ein solch geringes Mittel eine wunderbare Wirkung haben1 Wenn ihn der Prophet noch etwas Großes geheißen hätte, etwa fortdauernde, unter allerlei Zeremonien und sonstigen Dingen zu vollbringende Waschungen und dergleichen, aber ein einfaches Waschen im Jordan? Das war lächerlich, unsinnig.

    Naeman war jedenfalls ein sehr vernünftiger Mann, ebenso vernünftig wie heute noch viele Heiden und Ungläubige, ja viele mitten in der Christenheit sind. Diese führen ganz die Sprache es Naeman. Wir alle bedürfen der Reinigung von dem Aussatz ebenso wohl wie er, denn auch wir sind von Natur mit einem Aussatz behaftet, der noch schlimmer als Naemans ist. Du blickst auf dich, mein Freund, und rufst aus: Wie, ich mit einem solchen oder ähnlichen Aussatz wie Naeman behaftet? Ich bin ganz gesund, mein Fleisch ist wohl erhalten. Aber warte nur ein wenig. Es gibt nicht bloß einen leiblichen, sondern auch einen geistlichen Aussatz, und mit diesem ist von Natur jeder Mensch behaftet. Dieser Aussatz heißt Sünde. Du wirst wohl mit David bekennen müssen: „Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ Es geht freilich manchem Menschen hinsichtlich seiner Sündhaftigkeit ebenso wie manchem leiblich Kranken; die Krankheit ist da, sie hat seinen ganzen Körper durchdrungen, aber er kennt sie noch nicht. So glaubt mancher Mensch nicht, dass er durch den Sündenaussatz verderbt ist, weil er kein Auge dafür hat. Aber ob du deinen wahren Zustand erkennst oder nicht, er ist nun einmal ein verderbter, du bist ein Sünder, hast in deinem natürlichen Zustand ein böses Herz und dieses ist die beständig fließende Quelle böser Begierden, Gedanken, Worte und Werke. Das Raden von einem guten Herzen ist lauter Unwahrheit. Ich brauche dich nur zu fragen: Bist du immer so gegen deinen Nächsten gesinnt und handelst du immer so gegen ihn, wie du wünschst, dass er gegen dich gesinnt sein und handeln möge? Du möchtest von jedermann geliebt sein, wünschst, dass man nur Gutes von dir denke und rede; tust du das von deinem Nächsten? Gesetzt, es gäbe eine Kunst, ebenso dein Herz, die Gedanken und Begierden desselben zu fotographieren wie deine äußere Gestalt, würdest du wohl ein Bild davon nehmen lassen? Ich glaube kaum, aber wenn du es hättest, so bin ich gewiss, dass du es auch nicht einmal deinem vertrautesten Freund zeigen würdest; du würdest dich vor deinem Bild entsetzen. Nun denn: Dieser Sündenaussatz hat deine ganze Natur, deine Seele und deinen Leib durchdrungen und überliefert dich ebenso gewiss dem Tod wie der Aussatz des Leibes, denn der Tod ist der Sünden Sold. Wärest du kein Sünder, so müsstest du auch nicht sterben, denn der Tod ist zu allen Menschen hindurchgedrungen, dieweil sie alle gesündigt haben.

    Wo ist nun das Mittel, von diesem Aussatz der Sünde gereinigt und vom Tod errettet zu werden? Gibt’s ein solches Mittel? Bei Menschen freilich nicht, denn auch dieser geistliche Aussatz spottet jeder menschlichen Kunst und Arznei. Das Herz von seinen Lüsten und Begierden zu reinigen, ihm die anerschaffene Reinheit wieder zu erstatten, steht in keines Menschen Kraft, sondern allein bei Gott. Und er will es auch tun, denn so spricht er durch den Propheten Jeremia: „Ich will sie reinigen von aller Missetat, damit sie gegen mich gesündigt haben“ und durch den Propheten Hesekiel: „Ich will reines Wasser über sie sprengen. … Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben.“ Also durch Wasser soll auch dieser Aussatz geheilt werden, wie Naemans durch das Wasser des Jordan. Aber wo ist denn dies wunderbare Waser zu finden? Wir haben nicht nötig, in das heilige Land zu reisen und es dort zu suchen, sondern wir finden es überall. Der HERR spricht Mark. 16: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“, und Joh. 3, V. 5: „Wenn jemand nicht geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann es nicht in das Reich Gottes kommen.“ Mit einem Wort: Das Wasser der Taufe reinigt von dem Sündenaussatz, wie Paulus bezeugt, Christus hat die Gemeinde gereinigt durch das Wasserbad im Wort. Was, sagt die Vernunft, das Wasser der Taufe soll eine solche Reinigung bewirken? Unmöglich! Der Wiedertäufer ruft aus: „Die paar Tropfen Wasser, mit denen ihr das Kind besprengt oder wascht, sollen es von Sünden reinigen und zu einem Kind Gottes machen?“ Die Zwinglianer und alle Schwärmer rufen aus: Die Taufe ist weiter nichts und kann nichts anderes sein als ein bloßes Zeichen, eine Zeremonie, aber eine Reinigung von Sünden kann sie nicht bringen, das ist unmöglich. „Die Taufe bringt die Gnade nicht.“ – „Ich weiß, dass alle Sakramente, weder unmittelbar noch mittelbar (Gnade) erteilen“, sagt Zwingli.[9] Und diesem schließen sich, wenn auch in anderer Weise, die Römisch-Katholischen. Deine Taufe, so sagen sie, kann dich von deinen Sünden nicht reinigen. Willst du diese Reinigung erlangen, so musst du viel mehr und Größeres tun. Du musst fasten, dich kasteien, Wallfahrten an heilige Orte unternehmen. Du musst dir Ablass erwerben durch Bußübungen, milde Gaben und Schenkungen, musst aus der Welt fliehen, dich in die Einsamkeit des Klosters begeben und das Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit ablegen. So schwere Werke musst du verrichten, so Großes vollbringen, dann wirst du Vergebung deiner Sünden erlangen, aber dich nur taufen lassen und glauben? So leicht geht das nicht. Welch eine Übereinstimmung zwischen allen diesen und Naeman. Zu jenem sagte Elisa im Namen des HERRN: „Gehe hin und wasche dich siebenmal imm Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder erstattet und rein werden“, zu diesen spricht der HERR: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden“, und der Apostel im Namen des HERRN: „Lass dich taufen und abwaschen deine Sünden“, aber Naeman wurde zornig und sprach: „Ich meinte, er sollte zu mir herauskommen und mit seiner Hand über die Stätte fahren“, diese kommen auch und sagen: Wir meinen, Gott müsste etwas ganz anderes tun, oder wir müssten ganz andere Dinge tun, wenn wir von unserem Aussatz gereinigt werden sollen. Beide setzen dem Wort Gottes ihre Meinungen entgegen, dem von Gott verordneten Mittel eigenes Tun. Ja, wie Naeman mit zehn Zentner Silber, sechstausend Gulden und zehn Feierkleidern kam[10], soß kommen heute noch so viele mit Geschenken, Werken, Stiftungen, um sich dadurch die Vergebung der Sünden zu erkaufen. Ihnen allen erscheinen die von Gott verordneten Mittel, das Wort und die Sakramente, zu einfach, zu gering, zu verächtlich, um dadurch Reinigung von ihrem Sündenaussatz, d.h. Vergebung und Seligkeit erlangen zu können, auch sie werden zornig, wenn die wahren Propheten des HERRN sie allein auf die so einfachen Mittel der Gnade, die Gott eingesetzt hat, hinweisen.[11] Aber wohl allen denen, die Naeman darin gleichen, dass sie ihre eigenen Meinungen fahren lassen und die ihnen von Gott geordneten Mittel recht gebrauchen, denn auch an ihnen erweisen sich dieselben als sehr wirksam, wie wir zweitens erkennen wollen.

 

2.

    Die Diener Naemans waren anderen Sinnes als er. Als er in seinem Zorn dahinzog, machten sie sich zu ihm und sprachen, wie es in unserem Text heißt: „Lieber Vater, wenn dich der Prophet etwas Großes hätte geheißen, solltest du es nicht tun? Wie vielmehr, so er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein.“ Mit diesen Worten sprachen sie aus, was ihren Herrn eigentlich mit Zorn gegen den Propheten erfüllte: der Hochmut, der sich gegen das von Elisa gewiesene Mittel auflehnte. Wäre ihm aber Großes, schwer zu Vollbringendes befohlen worden, so würde er sich dem ohne weiteres gefügt haben, aber ein so geringes Mittel anzuwenden, das war ihm verächtlich. Doch, er ließ sich überreden, denn wir lesen: „Da stieg er ab und taufte sich im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geredet hatte.“ Siebenmal sollte er sich waschen, weil die Zahl sieben das Zeichen des Bundes war, und die Reinigung aufgrund des Bundes, den Gott mit Israel geschlossen hatte, geschehen sollte. Und siehe da: „Sein Fleisch wurde wieder erstattet“, d.h. so frisch und gesund, „wie das Fleisch eines jungen Knaben und wurde rein.“ Der Aussatz war verschwunden, die Reinigung von demselben geschah, während sich Naeman siebenmal untertauchte, kein rohes und aufgezehrtes Fleisch war mehr zu sehen, die Haut nicht mehr trocken und zusammengeschrumpft, sondern so zwar, so blühend wie die eines Knaben. Das war die Wirkung des zuerst so verächtlich beurteilten Mittels.

    Es bedarf keines besonderen Nachweises, meine Zuhörer, dass die Kraft, Naemans Aussatz zu heilen, nicht in dem Wasser des Jordan enthalten war. Wie viele andere hätten sich nicht bloß siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal im Jordan untertauchen können und würden doch nicht vom Aussatz gereinigt worden sein. Woher aber erhielt denn das Wasser gerade bei Naeman diese wunderbare Kraft? Wir erhalten die Antwort aus dem 8. Vers dieses Kapitels, wo Elisa dem König Joram sagen ließ. „Lass ihn, Naeman, zu mir kommen, dass er inne werde, dass ein Prophet in Israel sei“, d.h. Naeman sollte durch ein besonderes Wunder zur Erkenntnis des HERRN, des einigen wahren Gottes gebracht werden, dessen Prophet Elisa war. er sollte erfahren, dass der HERR durch das Wort seines Propheten Wunder tue. Dieses Wort Gottes, welches in Bezug auf Naeman lautete: „Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dein Fleisch wieder erstattet und rein werden“, war mit dem Waser des Jordan verbunden, und dieses Wort teilte ihm die vom Aussatz reinigende Kraft mit. Da war zunächst das Wort des Befehls: „Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan“, und sodann das Wort der Verheißung: „So wird dein Fleisch wiedererstattet und rein werden.“ Das Wort Gottes aber ist allmächtig; wenn er spricht, so geschieht es, wenn er gebietet, so steht es da.

    Haben wir nun aber, Geliebte, nicht ganz dasselbe bei der Taufe? Wir haben in ihr das Wasser, das Wort des Befehls: „Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ und das Wort der Verheißung: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Wir wissen auch sehr wohl, dass die von Sünden reinigende Kraft der Taufe nicht im Wasser liegt, sondern in dem mit dem Wasser verbundenen Wort. Der Apostel nennt die Taufe nicht ein Wasserbad, sondern das Wasserbad im Wort, indem er Eph. 5 schreibt: Christus hat die Gemeinde „gereinigt durch das Wasserbad im Wort“. Deshalb bekennen wir in unserem Katechismus auf die Frage: „Wie kann Wasser solche Dinge tun?“ „Wasser tut’s freilich nicht, sondern das Wort Gottes, so mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Wort Gottes im Wasser traut; denn ohne Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser und keine Taufe, aber mit dem Wort Gottes ist es eine Taufe, das ist, ein gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen Geist.“ Ja, mit dem Wort ist das Wasser der Taufe ein gnadenreiches Wasser, voll von Gnade, bewirkt es eine neue Geburt, einen neuen Menschen, bewirkt, wie Luther sagt: „Dass ein neuer Mensch, neue Art, neue Kreatur da werde, die da ganz anders gesinnt, anders liebt, anders lebt, redet und wirkt als zuvor.“[12] So gewiss das alte, von dem Aussatz verdorbene Fleisch bei Naeman verschwand und sein Fleisch rein und zart wie das eines jungen Knaben wurde, obwohl er es vorher nicht geglaubt hatte, so gewiss wird ein neuer Mensch, neu an Herz, Mut, Sinn und allen seinen Kräften. Mögen das die Schwärmer immerhin leugnen, verächtlich von der heiligen Taufe reden; mögen sie noch so laut rufen, dass sie kein Mittel sei, durch welches Gott uns aus Gnade von dem Sündenaussatz reinige, kein Bad der Wiedergeburt, sondern nur ein äußeres Zeichen, das die Reinigung von Sünden bedeute[13], wir bekennen mit fröhlichem Herzen: „Die Taufe wirkt Vergebung der Sünden, erlöst vom Tod und Teufel und gibt die ewige Seligkeit allen, die es glauben, wie die Worte und Verheißungen Gottes lauten.“ Wir glauben dem Wort Gottes: „Lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden“, dem Wort des Paulus Gal. 3: „Wie viel euer getauft sind, die haben Christus angezogen“, und dem Wort des Petrus im 3. Kapitel seines ersten Briefes: „Das Wasser macht uns selig in der Taufe, die durch jenes“, das Wasser der Sintflut, „bedeutet ist, nicht das Abtun des Unflats am Fleisch, sondern der Bund eines guten Gewissens mit5 Gott durch die Auferstehung Jesu Christi“, und danken ihm, dass er durch ein Mittel, das unserer Vernunft so gering erscheint, ein so herrliches Werk an uns armen, sündigen Menschen tut, uns von Sünden reinigt und selig macht. Die Reformierten und mit ihnen alle Schwärmer wollen diese Ehre[14] dem Blut Christi nicht rauben, weil dieses allein uns rein mache. Wohl, aber wir wissen, dass der, welcher getauft wird, im Blut Christi gebadet wird. Sehen wir die heilige Taufe mit geistlichen Augen an, so sehen wir in ihr „das schöne, rosenfarbene Blut Christi, das aus seiner heiligen Seite geflossen und gegossen ist. Und heißt also, die getauft werden, nichts anderes, als in demselben rosenfarbenen Blut Christi gebadet und gereinigt werden.“[15] Durch sein Wort trägt Christus sein Blut in die Taufe, macht sie dadurch zu einem gnadenreichen Wasser des Lebens, und dieses Blut macht uns rein von allen Sünden, denn es ist das Blut des Sohnes Gottes, 2gerecht und heilig und ein Blut des Lebens“.[16]

    So wollen wir denn, meine Brüder und Schwestern, unsere Taufe, dieses Wasserbad im Wort, nicht gering oder verächtlich halten, sondern sie alle Zeit hoch und wert schätzen, wollen uns täglich in ihr durch den Glauben baden und waschen, so werden wir, wie Naeman, durch Untertauchen im Wasser des Jordan von seinem leiblichen Aussatz, durch Untertaufen im Wasser der Taufe von dem Aussatz der Sünde gereinigt werden. Mag der Unglaube dieses Wasserbad verachten, wir wollen im Glauben sprechen:

O großes Werk, o heilges Bad,

O Wasser ohnegleichen

Man in der ganzen Welt nicht hat!

Kein Sinn kann dich erreichen.

Du hast recht eine Wunderkraft,

und die hat der, so alles schafft,

Dir durch sein Wort gegeben.

 

Alttestamentliche Predigt zum Trinitatisfest ueber Jesaja 65, 1-10: Die Antwort des HERRN auf das Klagegebet der Gefangenen zu Babel

 

Jesaja 65, 1-10: Ich werde gesucht von denen, die nicht nach mir fragten; ich werde gefunden von denen, die mich nicht suchten, und zu den Heiden, die meinen Namen nicht anriefen, sage ich: Hier bin ich, hier bin ich! Denn ich recke meine Hände aus den ganzen Tag zu einem ungehorsamen Volk, das seinen Gedanken nachwandelt auf einem Weg, der nicht gut ist. Ein Volk, das mich entrüstet, ist immer vor meinem Angesicht, opfert in den Gärten und räuchert auf den Ziegelsteinen, wohnt unter den Gräbern und hält sich in den Höhlen, fressen Schweinefleisch und haben Gräuelsuppen in ihren Töpfen und sprechen: Bleibe daheim und rühre mich nicht; denn ich soll dich heiligen. Solche sollen ein Rauch werden in meinem Zorn, ein Feuer, das den ganzen Tag brenne. Siehe, es steht vor mir geschrieben: Ich will nicht schweigen, sondern bezahlen; ja, ich will sie in ihren Busen bezahlen, beide, ihre Missetat und ihrer Väter Missetat, miteinander, spricht der HERR, die auf den Bergen geräuchert und mich auf den Hügeln geschändet haben; ich will ihnen zumessen ihr voriges Tun in ihren Busen.

     So spricht der HERR: Gleich als wenn man Most in einer Traube findet und spricht: Verderbe es nicht, denn es ist ein Segen drin! So will ich um meiner Knechte willen tun, dass ich es nicht alles verderbe, sondern will aus Jakob Samen wachsen lassen und aus Juda, der meinen Berg besitze; denn meine Auserwählten sollen ihn besitzen, und meine Knechte sollen daselbst wohnen. Und Saron soll ein Haus für die Herde und das Tal Achor soll zum Viehlager werden meinem Volk, das mich sucht.

 

     In dem HERRN geliebte Brüder und Schwestern!

     Wir haben vor zwei Sonntagen das Klagegebet der zu Babel Gefangenen betrachtet. Dieses Gebet enthielt, wie wir gesehen haben, ein Dreifaches, nämlich eine Erinnerung an die in früheren Zeiten geschehenen Offenbarungen der Herrlichkeit des HERRN mit dem Verlangen, dass er sich wieder so herrlich offenbare, seine Macht den Feinden kundtue, sodann ein bußfertiges und demütiges Bekenntnis ihrer Schuld und endlich eine flehentliche Bitte um Errettung aus dem Elend ihrer Gefangenschaft. Wohl verließ der HERR nicht alsbald den Himmel und stieg zu ihnen hernieder, aber er erhörte es. Denn sollte er, der das Ohr gepflanzt hat, nicht hören? Sollte ihm die Entfernung zwischen Himmel und Erde zu groß sein, dass er nicht hören könnte, wenn das Flehen aus weiter Ferne geschieht? Ist er nicht ein Gott, der nahe und ein Gott, der ferne ist? Ist er nicht allgegenwärtig? Spricht er nicht Jer. 23: „Bin ich nicht ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe, spricht der HERR. Ich höre es wohl, dass die Propheten predigen und falsch weissagen in meinem Namen.“ Ja, er, der Allgegenwärtige und Allwissende, der die Gedanken der Herzen von ferne merkt, hörte ihr Gebet, nahm ihre Klage an. Den Beweis dafür haben wir in unserem heutigen Text, der sich unmittelbar an den erwähnten anschließt und die Antwort auf das Flehen der Gefangenen enthält. Daher sei denn der Gegenstand unserer heutigen Betrachtung:

 

Die Antwort des HERRN auf das Klagegebet der Gefangenen zu Babel

 

     Diese lautet:

     1. Dass er sich den Heiden in Gnaden offenbaren,

     2. sein ungehorsames Volk um seiner heidnischen Gräuel willen strafen,

     3. seinen auserwählten Samen in demselben ewig segnen werde.

 

1.

     „Ich werde gesucht von denen, die nicht nach mir fragten; ich werde gefunden von denen, die mich nicht suchten; und zu den Heiden, die meinen Namen nicht anriefen, sage ich: Hier bin ich, hier bin ich!“ So, meine Freunde, lautet zunächst die Antwort des HERRN auf das Klagegebet der Gefangenen. Ist das nicht eine befremdende Antwort, ja überhaupt eine Antwort auf ihr Gebet? Sie hatten ihn ja um Offenbarung seiner Herrlichkeit an den Feiden angefleht, dass er an ihnen seine Macht aufs neue beweise und sie aus ihrem Elend errette; aber seine Antwort lautet, dass er von denen werde gesucht werden, die nicht nach ihm gefragt, und von denen werde gefunden werden, die ihn nicht gesucht haben; und dass er zu denen, die ihn nicht angerufen haben, sagen werde: „Hier bin ich, hier bin ich!“ Klingt die Antwort nicht wie ein Spott? Nicht ihnen, seinem Volk, sondern den Heiden will er sich offenbaren, obwohl diese nicht nach ihm gefragt, ihn nicht gesucht, nicht angerufen haben. Denen, die von den Juden verachtet waren, will der HERR seine Herrlichkeit offenbaren. Dasselbe sagt der Prophet, wenn er im 55. Kapitel spricht: „Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen in Israel.“

     Mit dieser Verheißung blickt der Prophet über die Zeit des Alten Testaments hinaus auf die des Neuen Testaments und verkündigt die Aufnahme der Heiden in die Kirche, das Reich Gottes hier auf Erden. Diese haben den HERRN nicht besucht und nicht nach ihm gefragt, sondern sind in ihrer Blindheit dahingegangen, haben dem Heer des Himmels, Sonne, Mond und Sternen, gedient, oder die Götzen, die sie sich mit ihren Händen gemacht haben, angebetet und bei ihnen Hilfe gesucht. Aber Gott hat sich ihnen durch die Predigt seines Wortes, sein Evangelium, zu erkennen gegeben, und sie sind dadurch zur Erkenntnis gekommen, dass er allein wahrer Gott sei, haben das Wort im Glauben angenommen und ihren toten Götzen den Abschied gegeben. Das war und ist allein Gottes Gnade. Wie hätten sie nach ihm fragen können, ohne ihn zu kennen? Sie sind nicht zu ihm, sondern er ist zu ihnen gekommen und hat zu ihnen gesagt: „Hier bin ich!“ Und da haben sie ihn erkannt und ihn gläubig angenommen. Wie es bei den ersten Menschen, Adam und Eva, nach dem Sündenfall war, so ist es stets gewesen: Verfinstert, wie sie von Natur sind, entfremdet von dem Wesen, das aus Gott ist, suchen sie nicht Gott, sondern Gott muss sie suchen; sie kommen nicht zu Gott, sondern er muss ihnen zuvorkommen. Das bestätigt die ganze Geschichte des Alten und Neuen Testaments. Immer musste der HERR seine Propheten zu dem Volk Israel senden, wenn es abgöttisch geworden war, um es zu strafen und von seinen Irrwegen zurückzubringen. Würden die Niniviten den HERRN erkannt und sich bekehrt haben, wenn er nicht den Propheten Jona zu ihnen gesandt hätte? Und was tat Christus? Matthäus berichtet: „Jesus ging umher im ganzen galiläischen Land, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium vom Reich.“ Und als er sein Erlösungswerk auf Erden vollbracht hatte, gab er seinen Aposteln den Befehl: „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Sie gingen, seinem Befehl gehorsam, aus und predigten das Evangelium an allen Orten; und der HERR wirkte mit ihnen und bekräftige ihr Wort durch mitfolgernde Zeichen. Zu Paulus sprach der HERR, als er ihm auf dem Weg nach Damaskus erschien: „Dazu bin ich dir erschienen, dass ich dich ordne zum Diener und Zeugen des, was du gesehen hast, und was ich dir noch will erscheinen lassen; und will dich erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich jetzt sende, aufzutun ihre Augen, dass sie sich bekehren von der Finsternis zu dem Licht und von der Gewalt des Satans zu Gott, zu empfangen Vergebung der Sünden und das Erbe samt denen, die geheiligt werden durch den Glauben an mich.“ Ihn selbst, den Heidenapostel, musste der HERR suchen und senden, ihn aus einem Verfolger zu einem Jünger und Boten unter den Heiden machen, ihm die blinden Augen auftun, dass er ihn erkennen konnte, also an ihm dasselbe tun, was er durch ihn an den Heiden tun wollte, nämlich sich ihnen in Gnaden als ihr Gott offenbaren oder ihnen seine Herrlichkeit kundtun. Denn die Herrlichkeit des HERRN – was ist, worin besteht sie? Nicht bloß in der Offenbarung seiner Heiligkeit, Allmacht und Gerechtigkeit, sondern auch in der Offenbarung seiner Gnade und Barmherzigkeit. Denn als einst Mose ihn bat: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ da gewährte er ihm die Bitte dadurch, dass er vor ihm vorüberging und von seinem Namen predigte: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Reue, der du beweist Gnade in tausend Glied und vergibst Missetat, Übertretung und Sünde, und vor welchem niemand unschuldig ist, der du die Missetat der Väter heimsuchst auf Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied.“ Von dieser inneren Herrlichkeit seines Wesens ist die in die äußere Erscheinung tretende, der Lichtglanz bei seinen Offenbarungen, nur der sichtbare Ausdruck, von der sich ein Widerschein auf dem Angesicht Moses abprägte, als er vierzig Tage und vierzig Nächste bei dem HERRN auf Sinai gewesen war, weil der HERR mit ihm geredet hatte. In dieser seiner Herrlichkeit, Gnade und Barmherzigkeit, in der er um Christi willen alle Missetat , Übertretung und Sünde den Bußfertigen vergibt, will er den Heiden sich Offenbarungen, durch die Predigt des seines Wortes ihnen zurufen: „Hier bin ich, hier bin ich!“ sich von ihnen suchen und finden lassen.

     Haben wir ihn gesucht und gefunden, meine Zuhörer? Er hat uns gesucht durch jede Predigt seines Wortes, gesucht von Jugend auf. Denn was ist die Predigt des göttlichen Wortes anders als ein Suchen der Sünder, die auf Irrwegen gehen? Sagte der HERR nicht von sich: „Des Menschen Sohn gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“? Rief er nicht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“? Antwortete er den Pharisäern und Schriftgelehrten, als sie darüber murrten, dass er die Zöllner und Sünder annahm und mit ihnen aß, nicht in Gleichnissen von dem verlorenen Schaf, dem verlorenen Silberstück und dem verlorenen Sohn?!

O solltest du sein Herze sehn,

Wie sich’s nach armen Sündern sehnet,

Sowohl, wen sie noch irregehn,

Wie wenn ihr Auge vor ihm tränet!

Wie streckt er sich nach Zöllnern aus!

Wie eilt er in Zachäus‘ Haus!

Wie sanft stillt er der Magdalenen

Den milden Fluss erpresster Tränen

Und denkt nicht, was sie sonst getan!

Mein Heiland nimmt die Sünder an.

     So offenbart er sich den Heiden, so offenbart er sich allen Sündern, sucht und findet sie, und das ist seine Antwort auf das Klagegebet, dass er sich den Heiden, die sich in der Gefangenschaft der Sünde, der Obrigkeit der Finsternis, befinden, offenbaren werde. Welche Antwort aber gibt er dem ungehorsamen Volk, das in seinen Gräueln dahingeht? Das wollen wir zweitens betrachten.

 

2.

     „Ich recke meine Hände aus den ganzen Tag zu einem ungehorsamen Volk, das seinen Gedanken nachwandelt auf einem Weg, der nicht gut ist“, so lautet die dem Volk Israel gegebene Antwort zunächst. Dieses Volk, das er zu seinem Volk erwählt, mit dem er einen Bund gemacht, das ihm gelobt hat: „Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun“, wandelt auf einem bösen Weg. Und diesen Weg beschreibt er näher, denn er setzt hinzu: „Ein Volk, das mich entrüstet, ist immer vor meinem Angesicht, opfert in den Gärten und räuchert auf den Ziegelsteinen, wohnt unter den Gräbern und hält sich in den Höhlen, fressen Schweinefleisch und haben Gräuelsuppen in ihren Töpfen.“ Das ist eine Schilderung des götzendienerischen Treibens des größeren Teils der Gefangenen. Anstatt den HERRN zu ehren und ihm zu dienen, entrüsten sie ihn, reizen ihn zum Zorn. Und sie tun das vor dem Angesicht des HERRN, ganz offen und frech, ohne alle Scheu; denn sie opfern in den Gärten, treiben heidnischen Götzendienst. Während Gott geboten hatte, dass ihm ein Altar von Erde, nicht aber von gehauenen Steinen, erbaut werden sollte, weil er, wenn das Messer über die Steine fahre, dadurch entehrt werde, bauten sie ihre Altäre von den in Babel angefertigten Ziegelsteinen. Sie wohnten unter den Gräbern, trieben eine Art Totenbeschwörung, befragten die Toten, obwohl es 5. Mose 18 ausdrücklich als ein Gräuel verboten war. Sie übernachteten in Höhlen, hielten sich zu geheimen Gesellschaften, die ihre Zusammenkünfte in der Nacht in abgeschlossenen Orten hielten, wie es heute von den geheimen Gesellschaften geschieht. Sodann aßen sie Schweinefleisch, obwohl ihnen auch das, da das Schwein nach dem Gesetz zu den unreinen Tieren gehörte, streng verboten war, und hatten in ihren Töpfen, ihren Koch- und Essgeschirren, Gräuelsuppen. Dabei waren sie alle mit pharisäischem Hochmut erfüllt, sonderten sich von anderen Leuten, auch ihren Volksgenossen, ab, sagten: „Bleib daheim, bleib mir vom Leib und rühre mich nicht an, denn heiligen soll ich dich!“ gebärdeten sich also geradeso wie die Pharisäer zu Christi Zeit, die sich, als ganz besonders heilige Leute, von dem gewöhnlichen Volk absonderten, jede Berührung mit den Zöllnern und Samaritern vermieden und, wenn sie vom Markt kamen, sich wuschen, weil sie meinten, dass sie sich im Verkehr mit anderen verunreinigt hätten. Das waren die bösen Wege, auf denen die götzendienerisch-heiligen Leute einhergingen und dabei doch Gottes Volk sein wollten.

     Was aber sagt ihnen der HERR? Es ist „ein Volk, das mich entrüstet. … Solche sollen ein Rauch werden in meinem Zorn, ein Feuer, das den ganzen Tag brennt“. Sie sind dem HERRN wie ein Rauch in der Nase. Wie der Rauch einen Menschen zum Schnauben bringt, so reizen sie den HERRN mit ihrem abgöttischen Treiben, dass er, aufs höchste entrüstet, vor Zorn schnaubt, und sein Eifer über sie fortwährend wie ein verzehrendes Feuer brennt. Dies soll sie anzünden und fressen, denn der HERR spricht weiter: „Siehe, es steht geschrieben vor mir: Ich will nicht schweigen, sondern bezahlen; ja, ich will sie in ihren Busen bezahlen. Beide, ihre Missetat und ihrer Väter Missetat miteinander, spricht der HERR, die auf den Bergen geräuchert und mich auf den Hügeln geschändet haben; ich will ihnen zumessen ihr voriges Tun in ihren Busen.“ Das ist die Strafe, die sie treffen soll, und die sie wohl verdient hatten. Denn wie reich hatte der HERR sie begnadet! Während er die Heiden ihre eigenen Wege hatten gehen lassen, hatte er ihnen sein Wort gegeben, sie zu Zeugen seines Wortes und seiner Verheißungen gemacht und gesagt: „Dieses Volk habe ich mir zugerichtet, es soll meinen Ruhm verkündigen.“ Er hatte es abgesondert, dass es nicht unter die Heiden gerechnet werden sollte. Es sündigte nicht in Unwissenheit, sondern wissentlich, aus Bosheit. Der HERR streckte fort und fort seine Hände durch Sendung seiner Propheten nach ihm aus, aber es widersprach fort und fort. „Ich strecke meine Hände aus den ganzen Tag“, spricht er, „zu einem ungehorsamen Volk, das seinen Gedanken nachwandelt auf einem Weg, der nicht gut ist.“ Ich will es durch erbarmende Liebe zu mir ziehen, es auf den rechten Weg zurückbringen; aber statt auf mein Wort zu hören, folgt es den verkehrten Eingebungen seines Herzens, geht auf den bösen Wegen weiter, widerspricht und lästert mich; darum soll es nicht ungestraft bleiben.

     Und es ist nicht ungestraft geblieben. Als es die letzte und größte Gnadenverheißung verachtete, als der ihm verheißene Messias gekommen war, seine rettenden Hände nach ihm ausstreckte, aber klagen musste: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind: Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ da loderten die Flammen des göttlichen Zornes auf, da verzehrte das Feuer der göttlichen Gerechtigkeit die Stadt, den Tempel und das Volk, da wurde ihm seine und seiner Väter Missetat miteinander in den Busen bezahlt. Das lehrt uns, welch eine große Sünde der Unglaube ist. Gott streckt seine Arme nach den Sündern aus, will sie aus dem Verderben erretten, zu sich ziehen, aber sie wollen sich nicht retten lassen, sondern stoßen göttliche Liebe und göttliches Erbarmen zurück. Sie widersprechen dem Wort Gottes, folgen ihren eigenen sündigen, verderblichen Gedanken; was kann Gott da anders tun, als seine Gerechtigkeit walten lassen? „Ihr habt nicht gewollt“ – welch eine schreckliche Anklage liegt in diesen wenigen Worten! Dass das nicht von uns gesagt werden könnte! Denn:

Wahr ist’s, Gott ist wohl stets bereit

Dem Sünder mit Barmherzigkeit,

Doch wer auf Gnade sündigt hin,

Fährt fort in seinem bösen Sinn

Und seine Seele selbst nicht schon,

Der wird mit Ungnad abgelohnt.

     Doch, Geliebte, die Antwort des HERRN enthält noch einen dritten Teil. Auf den wollen wir noch kurz blicken.

 

3.

     Es heißt in unserm Text weiter: „So spricht der HERR: ‚Gleich als wenn man Most in einer Traube findet und spricht: Verderbt es nicht, denn es ist ein Segen drin!‘ so will ich um meiner Knechte willen tun, dass ich es nicht alles verderbe, sondern will aus Jakob Samen wachsen lassen und aus Juda, der meinen Berg besitze; denn meine Auserwählten sollen ihn besitzen, und meine Knechte sollen daselbst wohnen.“ Der HERR will mit dem Volk handeln wie der Mensch mit einer Traube, an der entweder viele Beeren faul geworden, aber doch noch einige gute vorhanden sind, die noch guten Most enthalten; wie man die nicht ganz wegwirft, sondern den Most behält, so will Gott die wenigen treuen Knechte, die sich noch unter der verderbten Masse des Volkes befinden, nicht mit ihr verderben, sondern sie erhalten und als guten Samen wachsen lassen, der sein zukünftiges Volk bilden soll. Die wenigen Gerechten, die Auserwählten, sollen nicht mit den Ungerechten umkommen, sondern wachsen und gedeihen. Die sollen seinen heiligen Berg besitzen, seine Kirche bilden, und die will er ewig segnen; denn „Saron soll ein Haus für die Herde und das Tal Achor soll zum Viehlager werden meinem Volk, das mich sucht“. Saron ist eine Ebene, die sich südlich vom Berg Karmel nach dem Meer erstreckt und früher nicht nur überaus fruchtbar, sondern auch mit den schönsten Blumen, darunter eine weiße Lilie, im Frühling bedeckt war. Achor, ein Tal unweit von Jericho, früher verrufen, weil dort Achan wegen seines Diebstahls gesteinigt worden war, daher man es Kummertal genannt hatte, soll durch den Segen des HERRN ebenso lieblich und fruchtbar wie Saron werden, wo große Herden ihre Nahrung finden. Das ist, wie die Worte „meinem Volk“ oder für mein Volk zeigen, eine bildliche Rede, mit welcher der reiche Segen geschildert wird, den der HERR seinen Auserwählten spenden will. Durch diesen Segen sollen sie, wie es in den folgenden Versen heißt, essen, trinken, vor frohem Mut jauchzen und mit einem anderen, neuen Namen genannt werden, eine Verheißung, die zur Zeit des Neuen Testaments in Erfüllung gegangen ist, weshalb der Apostel Eph. 1 lobpreisend ausruft: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HERRN Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus, wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe; und hat uns verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst durch Jesus Christ nach dem Wohlgefallen seines Willens, zu Lob seiner herrlichen Gnade.“

     Dieser Segen ist allen Auserwählten, allen Gläubigen, aus Gnaden zuteil geworden. Sehen wir wohl zu, dass wir ihn nicht verscherzen! Noch einmal streckt der HERR seine rettenden Arme in Liebe durch die Predigt seines Wortes nach uns aus wie einst nach dem Volk Israel. Aber wir stehen auch wie jenes in Gefahr, ein ungehorsames Volk zu werden, das, statt dem Wort des HERRN zu gehorchen, seinen eigenen Gedanken nachwandelt auf einem Weg, der nicht gut ist. Sattheit, Überdruss, götzendienerisches Weltwesen und dabei pharisäische Heiligkeit, die zu anderen sagt: „Bleib fern von mir, denn ich bin heilig!“ Wir sind’s allein, haben allein die rechte reine Lehre! Das sich je länger, je mehr geltend macht, tritt offen hervor. Geht es so weiter, so wird sich der Segen in Fluch verwandeln, und unser Haus wird wüste gelassen werden. Flehen wir beständig:

Ja, zieh uns selbsten recht zu dir,

Holdselig süßer Freund der Sünder;

Erfüll mit sehnender Begier

Auch uns und alle Adamskinder!

Zeig uns bei unserm Seelenschmerz

Dein aufgespaltnes Liebesherz1

Und wenn wir unser Elend sehen,

So lass uns ja nicht stille stehen,

Bis dass ein jeder sagen kann:

Gott lob, auch mich nimmt Jesus an!

     Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum ersten Sonntag nach Trinitatis ueber Jeremia 9, 2-11: Die tiefe Entmutigung Jeremias in seinem prophetischen Amt

 

Jeremia 9, 2-11: Ach, dass ich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen. Denn es sind lauter Ehebrecher und ein frecher Haufe. Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lügen und keine Wahrheit und treiben’s  mit Gewalt im Land und gehen von einer Bosheit zur andern und achten mich nicht, spricht der HERR. Ein jeglicher hüte sich vor seinem Freund und traue auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder unterdrückt den andern, und ein Freund verrät den andern. Ein Freund täuscht den andern und reden kein wahres Wort; sie befleißigen sich darauf, wie einer den andern betrüge, und ist ihnen leid, dass sie es nicht ärger machen können. Es ist allenthalben lauter Trügerei unter ihnen, und vor Trügerei wollen sie mich nicht kennen, spricht der HERR. Darum spricht der HERR Zebaoth also: Siehe, ich will sie schmelzen und prüfen. Denn was soll ich sonst tun, weil sich mein Volk so ziert? Ihre falschen Zungen sind mörderische Pfeile; mit ihrem Mund reden sie freundlich gegen den Nächsten, aber im Herzen lauern sie auf denselben. Sollte ich nun solches nicht heimsuchen an ihnen, spricht der HERR, und meine Seele sollte sich nicht rächen an solchem Volk, als dies ist? Ich muss auf den Bergen weinen und heulen und bei den Hürden in der Wüste klagen; denn sie sind so gar verheert, dass niemand da wandelt, und man auch nicht ein Vieh schreien hört. Es ist beides, Vögel des Himmels und das Vieh, alles weg. Und ich will Jerusalem zum Steinhaufen und zur Drachenwohnung machen und will die Städte Judas wüste machen, dass niemand drin wohnen soll.

 

     In dem HERRN geliebte Zuhörer!

     Die eben vernommenen Worte bilden einen Teil der Tempelrede des Propheten Jeremia. Diese Rede wurde die Tempelrede genannt, weil der Prophet sie, im Tor des Vorhofs des Tempels stehend, gehalten und sie auch zum großen Teil den Tempel zum Inhalt hat, der, kurz zusammengefasst, im 26. Kapitel angegeben ist. Dort heißt es zunächst: „Im Anfang des Königreichs Jojakims … geschah das Wort vom HERRN und sprach: ‚Tritt in den Vorhof am Haus des HERRN und predige allen Städten Judas, die da hereintreten, anzubeten im Haus des HERRN, alle Worte, die ich dir befohlen habe, ihnen zu sagen, und tue nichts davon.‘“ Es war an einem der großen Jahresfeste, zu dem alle männlichen Israeliten, die über zwölf Jahre alt waren, im Tempel zu Jerusalem erscheinen mussten. Sie kamen in Scharen heran. Da stellte sich der Prophet mitten in das Tor des Tempelvorhofs und redete zu dem Volk. Seine Rede oder Predigt lautete nach Kap. 26, 4.5: „So spricht der HERR: ‚Werdet ihr mir nicht gehorchen, dass ihr in meinem Gesetz wandelt, das ich euch vorgelegt habe, dass ihr hört die Worte meiner Knechte, der Propheten, welche ich stets zu euch gesandt habe, und ihr doch nicht hören wolltet, so will ich’s mit diesem Haus machen wie mit Silo und dies Stadt zum Fluch unter allen Heiden machen.‘“

     Das entflammte die Wut der Priester und der falschen Propheten. Sie griffen ihn und schrien: „Du musst sterben!“ und reizten das Volk gegen den kühnen Prediger auf, weil er verkündigte, dass es Jerusalem ergehen solle wie Silo, wo von Josua bis zur Zeit Elias das Heiligtum des HERRN gestanden hatte, das nun aber verwüstet und öde war. Das sahen sie als eine Beschimpfung der Heiligen Stadt, ja, als eine Gotteslästerung an. Sie würden den Propheten getötet haben, wenn nicht die Fürsten Judas eingegriffen hätten. Vor diesen verteidigte sich Jeremia; er sprach zu ihnen und allem Volk: „Der HERR hat mich gesandt, dass ich solches alles, was ihr gehört habt, weissagen sollte gegen dies Haus und gegen diese Stadt.“ Er forderte sie auf, Buße zu tun und dem HERRN zu gehorchen, erklärte sich bereit zu sterben, warten sie ab er davor, unschuldiges Blut über sich und die Stadt zu bringen. Und die Fürsten und Ältesten des Volkes waren gerechter als die fanatischen, „heiligen“ Priester. Einige der angesehensten Ältesten wiesen auf den Propheten Micha hin, der ebenso wie Jeremia geweissagt habe, aber deswegen nicht getötet worden sei. Die Fürsten, die Träger des obrigkeitlichen Amtes, erklärten Jeremia für nicht schuldig, auch das Volk trat nach ruhiger Überlegung für ihn ein, und so entging er dem Tod, den die Priester stürmisch gefordert hatten.

     Diese und ähnliche Erfahrungen des Propheten, der ein anderes Mal in eine schlammige Zisterne geworfen und mit dem Tod bedroht wurde (Kap. 38), werfen ein Licht auf die Stimmung, in der er sich nach unserem Text befand, und zeigen, dass selbst ein Mann wie er entmutigt werden konnte. Machen wir das heute zum Gegenstand unserr Betrachtung, nämlich:

 

Die tiefe Entmutigung Jeremias in seinem prophetischen Amt

 

     Wir erkennen diese Entmutigung

     1. aus seinem Wunsch, sich in die Wüste zurückzuziehen;

     2. aus seiner Klage über die sittliche Verderbtheit des Volkes;

     3. aus seiner Klage über das nahende Gericht.

 

1.

     „Ach, dass ich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen“, so ruft Jeremia am Anfang unseres Textes und spricht damit den Wunsch aus, dass er sein Volk verlassen und sich in die Wüste zurückziehen könnte. Er, ein so großer Prophet, ist seines Amtes müde geworden, will lieber in einer Wüste, einsam in einer Herberge, einer Hütte, wohnen, als seinem Volk fernerhin als Prophet zu dienen. Nach den äußeren Umständen beurteilt, war das ein eigentümlicher Wunsch. Er wohnte in Jerusalem, der Hauptstadt des Landes, mit ihren prächtigen Häusern und Palästen, mit dem Tempel, dem Heiligtum des HERRN, wohin alles Volk an den hohen Festtagen zusammenströmte. Aber das alles konnte den Wunsch nicht unterdrücken, lieber abgeschlossen zu sein von allem Verkehr mit den Menschen, allen gewöhnlichen Bequemlichkeiten des menschlichen Lebens zu entsagen und lieber in der Wüste in einer Wanderherberge zu wohnen als inmitten seines Volkes. Er will lieber die Tiere in der Wüste und die Vögel unter dem Himmel zu seinen Gefährten haben als die Kinder seines Volkes.

      Und was für ein Wunsch war das bei dem Propheten, der wohl wie kein anderer Prophet sein Volk so innig und herzlich liebte! Er spricht diese herzliche Liebe zu ihm aus, wenn er sagt: „Ach, das sich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte ich mein Volk verlassen“, mein Volk, dem ich so herzlich zugetan bin, dem ich so gerne als Prophet weiter dienen, das ich von seinen b ösen Wegen bekehren und vor dem drohenden Strafgericht des HERRN bewahren möchte. Wie innig die Liebe dieses Propheten zu seinem Volk war, ersehen wir unter anderem aus den unserem Text unmittelbar vorhergehenden Worten: „Mich jammert herzlich, dass mein Volk so verderbt ist; ich gräme mich und gehabe mich übel. Ist denn keine Salbe in Gilead, oder ist kein Arzt da? Warum ist denn die Tochter meines Volkes nicht geheilt? Ach, dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupt, und meine Augen Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen möchte die Erschlagenen in meinem Volk!“ Aber trotz dieser innigen Liebe kann er doch den Wunsch nicht unausgesprochen lassen, lieber in einer Wüste einsam zu leben, als ferner unter seinem Volk als Prophet zu wohnen, ihm noch weiter Gottes Wort zu predigen. Freilich musste er fast ausschließlich ein Straf- oder Bußprediger, gleichsam ein Unglücksrabe sein. Wie gerne hätte er gleich den falschen Propheten „Friede, Friede!“ gepredigt, Glück anstatt Unglück, des HERRN Gnade anstatt seines Zorns!

    Dieser Wunsch des großen Propheten zeigt uns einmal, dass er bei all seiner Größe doch auch ein schwacher Mensch war; denn natürliche Schwäche war es, die sich in seinem Wunsch äußerte; aber er zeigt uns auch, welche Bürde in seinem prophetischen Amt auf ihm lastete, eine Last, die ihn fast zu Boden drückte; der er nach seinem menschlichen Gefühl gerne hätte entledigt sein mögen.

     Dürfen wir uns daher wundern, wenn derselbe oder ein ähnlicher Wunsch zuzeiten in dem Herzen manches treuen Predigers und Lehrers aufsteigt und von ihm ausgesprochen wird, ja, dass mancher auch sein Volk, nämlich seine Gemeinde, verlässt und einen anderen, bürgerlichen Beruf ergreift, sich in eine Art Wüste, in die ärmlichsten Verhältnisse, begibt, lieber sich und die Seinen kümmerlich ernährt, als dass er länger dem Volk predigt? Der Grund, weshalb der Prophet seinen Wunsch aussprach, war nicht Aussicht auf irdische Güter – denn was für Güter hätte er in der Wüste erwerben können? –, auch nicht, das Begehren, in angenehme, dem Fleisch gefallende Verhältnisse zu treten; denn solche waren doch in einer Wüste und in einer einsamen Hütte nicht zu finden. Solches oder ähnliches liegt auch bei einem treuen Prediger und Lehrer, der amtsmüde wird, seiner Amtsmüdigkeit nicht zugrunde. Der Grund der tiefen Ermutigung des Propheten in seinem Amt war etwas ganz anderes, und das spricht er in der Klage in unserem Text aus, auf die wir zweitens näher eingehen wollen.

 

2.

     Jeremia begründet seinen Wunsch mit den Worten: „Denn sie sind lauter Ehebrecher und ein frecher Haufe“ oder, wie die letzten Worte eigentlich lauten, eine Versammlung von Schurken. Er nennt sie zuerst Ehebrecher, teils im wörtlichen, teils im weiteren Sinn. Das erstere ersehen wir aus den Worten Kap. 5, 7, die Gott an sie richtet: „Deine Kinder haben mich verlassen und schwören bei dem, der nicht Gott ist, und da ich sie ins Gelübde genommen hatte, brachen sie die Ehre und drängten sich im Hurenhaus. Ein jeglicher wiehert nach seines Nächsten Frau wie die vollen, müßigen Hengste.“ Im weiteren, bildlichen Sinn, waren sie Götzendiener, Ehebrecher, weil sie den Bund mit Gott brachen und mit den heidnischen Götzen buhlten. War doch auch besonders der Baal- und Astartedienst mit fleischlicher Unzucht verbunden. Sodann nennt er sie einen frechen Haufen oder eine Versammlung von Schurken und blickt bei dieser wie jener Bezeichnung besonders auf die Großen und die Priester, wie wir aus dem 5. Kapitel ersehen, wo er sagt: „Ich dachte aber: Wohlan, der arme Haufe ist unverständig, weiß nichts von des HERRN Wegen; ich will einmal zu den Großen gehen und mit ihnen reden; dieselben werden um des HERRN Weg und ihres Gottes Recht wissen. Aber dieselben allesamt hatten das Joch zerbrochen und die Seile zerrissen.“

     Nun schildert der Prophet im folgenden das Treiben dieser Versammlung von Schurken, wodurch sie sich als solche beweisen: „Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lügen und keine Wahrheit und treiben’s mit Gewalt im Land und gehen von einer Bosheit zur anderen und achten mich nicht, spricht der HERR. Ein jeglicher hüte sich vor seinem Freund und traue auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder unterdrückt den anderen, und ein Freund verrät den anderen. Ein Freund täuscht den anderen, und reden kein wahres Wort. Sie befleißigen sich, wie einer den anderen betrüge, und ist ihnen leid, dass sie es nicht ärger machen können.“ Welch eine Unaufrichtigkeit und Verlogenheit unter dem Volk und den Großen, selbst unter den Priestern! Wenn der Prophet sagt: „Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lügen“, so bedient er sich des Bildes von Pfeilschützen. Wie diese ihren Bogen spannen und einen Pfeil darauf legen, so gebrauchen sie ihre Zungen wie einen Bogen, legen Lügen darauf und schießen sie auf ihren Nächsten als tödliche Pfeile ab. Ihre Macht gebrauchen sie nicht in ehrlicher, sondern in listiger, unehrlicher Weise. Und es ist ihnen nicht an einer oder der anderen Bosheit genug. Sondern sie eilen von Bosheit zu Bosheit, können davon nicht genug verüben. Selbst Freunde und Brüder unterdrücken und verraten, betrügen einander, wenden darin allen Fleiß an, und es tut ihnen nur leid, dass sie es nicht ärger machen können. Wie Jakob die Ferse seines Bruders hielt und ihn arglistig betrog, so machen sie es und noch ärger. Sie studieren ordentlich die Kunst zu lügen und dem Nächsten Schlingen zu legen, anstatt die einfache Wahrheit zu reden. Dass dem Propheten ähnliches widerfuhr, sagt der HERR Kap. 12, 6: „Untreu gegen dich sind auch deine Brüder und deines Vaters Haus und schreien Zeter über dich. Darum vertraue du ihnen nicht, wenn sie gleich freundlich mit dir reden.“ So erging es auch dem Propheten Hesekiel, zu dem der HERR sprach: „Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen bei dir, und du wohnst unter den Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten noch vor ihrem Angesicht dich entsetzen; denn sie sind ein ungehorsames Haus.“ Das ist die ergreifende Klage, in welcher der Prophet die sittliche Verderbtheit seines Volkes, besonders der Angesehenen und der Priester seiner Zeit, schildert.

     War es nicht ebenso zur Zeit des HERRN! Musste er nicht klagend ausrufen: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind: Wie oft habe ich dich versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“? Waren es nicht die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Priester und der Hohe Rat, die Vornehmsten des Volkes, die ihm immer nachstellten, ihn auch der Tempelschändung, des Verrats an seinem Volk beschuldigten, auf alle List und Tücke sannen, um ich zu fangen in seiner Rede, ihn als Gotteslästerer verurteilten und nicht eher ruhten, als bis sie ihn ans Kreuz gebracht hatten? Wohl keiner unter den Propheten ist in seiner Liebe zu seinem Volk, in seinen Leiden um seiner Treue willen so vorbildlich, wenn ich so sagen, darf, auf den HERRN gewesen, wie der Prophet Jeremia. Worüber der HERR in den eben gehörten Worten so beweglich klagte, das hat Jeremia erfahren: Die Kinder seines Volkes wollten sein Wort nicht hören und bedrohten ihn des Öfteren mit dem Tod; und das drohende Gericht über Jerusalem war auch vor ihren Augen verborgen, bis es vernichtend durch Nebukadnezar hereinbrach.

     Bedarff diese Klage des Propheten, besonders über die Unaufrichtigkeit, die List und Tücke, die Treulosigkeit selbst unter Freunden, die Bosheit, mit der ein Bruder dem anderen nachstellte, noch einer weiteren Anwendung auf unsere Zeit und Verhältnisse? Ich meine nicht, auf die Ungläubigen, sondern auf die, welche sich besonders Gottes Volk nennen, die wie die Zeitgenossen Jeremias ausrufen: „Hier ist des HERRN Tempel!“ „Wir sind die rechte Kirche!“ dabei aber an Unredlichkeit, Verräterei und heimlichen Tücken jene, wo möglich, noch übertreffen, auch mit Gewalt herrschen, Schurkerei treiben und, wenn ihnen das unter Augen gestellt wird, sich in den Mantel christlicher Liebe hüllen. Waren nicht schon die Versammlungen von Bischöfen, die Versammlungen der allgemeinen Konzile, von dem zweiten im Jahr 3821 an, zum Teil Versammlung von Schurken, deren eine mit Recht das Räuberkonzil genannt worden ist? Die frommen Schurken, das heißt, die sich in den Mantel besonderer Frömmigkeit, der Gottesfurcht, hüllten, die Bischöfe zu Rom, und die nicht allein, sind je und je die schlimmsten Schurken gewesen. Waren es nicht die Hohepriester und Glieder des Hohen Rates, die Petrus und Johannes ins Gefängnis warfen (Apg. 5, 17)? War es nicht der Hohe Rat, der nach bestellten falschen Zeugen Stephanus wegen Gotteslästerung zum Tod verurteilte und steinigte? Bewiesen sich dessen Glieder, als sie laut schrien, sich die Ohren zuhielten und einmütig auf ihn einstürmten, nicht als eine Versammlung frommer Schurken? Wäre nicht Paulus von den wütenden Juden im Tempel zu Jerusalem zerrissen worden, wenn der römische Hauptmann nicht eingegriffen und ihn geschützt hätte?[17] Soll ich noch hinweisen auf Wiclif, Savonarola und Hus, die den Priestern zum Opfer fielen, auf Luther, der von dem römischen Hohepriester gebannt und von dessen Trabanten mit dem Tod bedroht wurde, oder auf die schreckliche Inquisition der Dominikanermönche, die mehr als teuflische Marterwerkzeuge erfanden und damit die Bekenner Christi marterten? Und das geschah alles im Namen der „allein seligmachenden“ Kirche! Wahrlich, diese Klage über die Verderbtheit, die scheinheilige Hinterlist und Tücke hat nicht nur damals Jeremia erschallen lassen, sie ist durch alle Jahrhunderte erschollen. Aber diese Klage wird gehört wie die des Propheten, weshalb sie in eine Wehklage übergeht.

 

3.

     Die Klage des Propheten geht in eine schmerzliche Wehklage über; denn er ruft aus: „ich muss auf den Bergen weinen und heulen und bei den Hürden in der Wüste klagen, denn sie sind so gar verheert, dass niemand da wandelt, und man auch nicht ein Vieh schreien hört. Es ist beides Vogel des Himmels und Vieh alles weg.“ Warum diese Wüste? Die Antwort liegt in den Worten des HERRN: „Ich will Jerusalem zum Steinhaufen und zur Drachenwohnung machen und will die Städte Judas wüst machen, dass niemand darin wohnen soll“, das heißt kurz: Weil ein furchtbares Strafgericht über die Stadt und das Land hereinbrechen wird, wodurch beide zur Wüste werden sollen. Dieses Bild steht dem Jeremia vor Augen. Welch eine Lage des Propheten! Das Volk von oben bis unten verderbt, ein Volk von Ehebrechern und Treulosen, deren falsche Zungen mörderische Pfeile sind, die mit ihren Zungen gegen den Menschen freundlich reden, aber im Herzen auf ihn lauern! Der Prophet predigt dagegen, straft, ermahnt, ruft zur Buße; aber mit Feindschaft wird ihm geantwortet. Da sieht er das Gericht hereinbrechen, unabwendbar und furchtbar. Die prächtige Stadt wird zum trostlosen Steinhaufen, das blühende Land zu einer schaurigen Wüste und Einöde, in der nicht mehr der Klang der Herde gehört wird. Sein Wunsch, eine Herberge in der Wüste zu haben, geht in Erfüllung, aber in einer Weise, dass er darüber weint und laut schreit in bitterem Schmerz. Er braucht nicht fortzuwandern, um in eine Wüste zu gelangen, denn die Stadt und das ganze Land sind zur Wüste geworden.

     Meine Zuhörer! Was Jeremia in diesen Worten geredet hat, das hat er tatsächlich gesehen, erlebt. Denn als sich Zedekia, der König von Juda, gegen Nebukadnezar auflehnte, erschien dieser zum zweiten Mal, zerstörte die Stadt und den Tempel und verwüstete das Land, wie Jeremia geweissagt hatte. Das Land wurde fast völlig entvölkert, nur die Geringsten blieben zurück, und der Prophet lebte bis an sein Ende in Ägypten.

     Wie Jeremia, so hat später der HERR geklagt und geweint über die Verwüstung der Stadt und geweissagt: „Wenn du es wüsstest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient. Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit über dich kommen, dass deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängstigen und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem anderen lassen, darum, dass du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.“ Und auch diese Weissagung ging durch die Römer buchstäblich in Erfüllung.

     Möge die Kirche unserer Zeit, möge jeder die Zeit seiner Heimsuchung erkennen, Prediger und Hörer! Noch haben wir das Wort des HERRN, das zur Buße ruft und Gnade darbietet um deswillen, der am kreuz für uns gestorben ist und Vergebung für alle Sünder erworben hat. Noch ruft uns der HERR zu sich in seine vor dem Gericht schützenden Arme. Darum: „O Land, Land, höre des HERRN Wort!“ Er will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe, ewig lebe und nicht wehklagen müsse, sondern in ewiger Freude schwebe. Amen.

 



[1] Die Worte „sehen“ und „schauen“ sind nicht mit dem Futur, sondern Perfekt zu geben: „Ich sehe ihn“ usw.

[2] „Schet“ heißt hier nicht Seth, sondern Getümmel.

[3] Grundtext: „Sein Angesicht fiel.“

[4] So der Grundtext

[5] S. Luther, 34, S. 118 (Walch)

[6] Eigentlich nicht heilig, sondern furchtbar.

[7] Luther, 34, 203 f.

[8] Grundtext

[9] Zwinglis Glaubensbekenntnis. Böckel, S. 56 f. § 19.

[10] 10 Talente Silber = 245.000 Euro, 6.000 Schekel Gold = 300.000 Euro; 10 Feierkleider = Kostbare Staatskleider, die bei feierlichen Gelegenheiten getragen wurden. S. Keil z.St. Comm., S. 365 [Geldwerte von Hrsg. umgerechnet in heutige Währung]

[11] Siehe die weitere Ausführung in Luthers Worten in: Reinhold Pieper, Kleiner Katechismus, Bd. 3, S. 95 ff.

[12] Siehe Reinhold Pieper, Kl. Katechismus, Bd. 3, S. 96.

[13] So Zwingli in seinem Glaubensbekenntnis: „Ich glaube daher, o Kaiser, dass das Sakrament (der Taufe) das Zeichen von etwas Heiligem, nämlich von der empfangenen Gnade ist.“ (a.a.O., S. 51.)

[14] Siehe Reinhold Pieper, Kl. Katechismus, Bd. 3, S. 74.

[15] Luthers Worte, ebd. S. 75.

[16] Luther, ebd.

[17] Wie wahr ist Luthers Wort: „Lieber ein Pilatus als ein Herodes, lieber ein natürlicher Heide als ein gottloser Jude“ (‚Christ) „sein“. (Eberle, S. 790.)