Predigt zum Altjahrsabend ueber 1. Johannes 1, 8:
Verfuehre dich nicht selbst wegen deiner Suende
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag nach Neujahr ueber 1. Mose
2,18-25: Die Erschaffung der Frau
Alttestamentliche Predigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 4,3-16: Kains Brudermord
Alttestamentliche
Predigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber 1.
Mose 22,1-19: Isaaks Opferung
Alttestamentliche
Predigt zum Palmsonntag ueber 1. Samuel 17, 45-46:
Davids Kampf mit Goliath
1. Mose 3,14-15: Da sprach Gott der HERR zu der
Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor
allen Tieren auf dem Feld. Auf deinem
Bauch sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft
setzen zwischen dir und dem Weib und zwischen deinem Samen und ihrem Samen.
Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
In Christus, dem einigen Erlöser, geliebte
Zuhörer!
Das Werk der Schöpfung war vollendet. In
sechs Tagen hatte der allmächtige Gott Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer
durch sein Wort aus nichts hervorgebracht. In ihrem Urzustand war die Erde, wie
Mose schreibt, „wüst und leer“, eine wüste, form- und gestaltlose Masse, ein ungeschiedenes Durcheinander. Und über diesem lagerte eine
undurchdringliche Finsternis; denn „es war finster auf der Tiefe“. Aber der
Geist Gottes, der Heilige Geist, schwebte auf dem Wasser, wie ein Vogel über
den Eiern brütet, und erfüllte die darin enthaltenen Lebenskeime mit Lebensodem
und Lebenskraft.
Darauf schied Gott die in dem gestaltlosen,
wirren Durcheinander enthaltenen Teile voneinander. Durch sein erstes
schöpferisches „Werde“ wurde das Licht hervorgebracht. „Es werde Licht!“ sprach
er, und durch dieses Wort ließ er das Licht aus der Finsternis hervorleuchten.
„Es wurde Licht.“ Gott schuf das Licht zuerst, weil ohne Licht keine Kreaturen
leben und gedeihen können; er schied das Licht von der Finsternis, schuf den
Wechsel zwischen Licht und Finsternis und dadurch den Unterschied zwischen Tag und
Nacht.
Das Werk der Schöpfung schritt stufenweise
an den einzelnen Schöpfungstagen von den geringeren zu den höheren Geschöpfen
vor. Gott schuf die Himmelsfeste, ließ das Wasser sich an besondere Örter
sammeln, das Trockene, die Erde, hervortreten. Dann erhielt das Trockene, die
Erde, ihren Schmuck. Sie bedeckte sich auf das Wort. „Es lasse die Erde
aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume“ mit dem
herrlichsten Grün wie mit einem Teppich, mit Kräutern und Bäumen. Am folgenden
Tag wurde die Himmelsfeste nicht minder wunderbar geschmückt. Sonne und Mond,
die beiden großen Lichter, wurden als Lichtträger an die Himmelsfeste gesetzt
und die zahllosen, glänzenden Sterne, lauter Wunder der Allmacht und Weisheit
des Schöpfers. Sodann folgte die Belegung des Wassers mit den
verschiedenartigsten lebenden Wesen, so zahlreich, dass es darin wimmelte, die
Bevölkerung der Luft mit Vögeln, die unter der Feste des Himmels fliegen,
darauf die Belebung der Erde mit großen und kleinen, mit vierfüßigen und kriechenden
Tieren, ein jegliches nach seiner Art, wie die Vögel und Fische, sowie mit
Pflanzen und Bäumen.
Nachdem so Himmel und Erde geschaffen,
geschmückt und belebt waren, hielt Gott gleichsam in seinem Schaffen inne, um
Rat zu halten. Er wollte einen Herrscher über die Erde mit allen ihren
Geschöpfen machen; er sprach: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns
gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter
dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das
auf Erden kriecht.“ Und diesen Herrscher hat er nicht wie die anderen Geschöpfe
durch sein Wort geschaffen, sondern er hat seinen Leib aufs künstlichste aus
Erdenstaub geformt, diesem einen lebendigen Odem eingehaucht und ihn, den
Menschen, zu einem lebendigen Wesen gemacht. Er hat ihn mit Vernunft und
Sprache begabt, nach seinem Bild erschaffen, heilig und gerecht, und ihm die
Herrschaft über die Geschöpfe gegeben. So hoch hat Gott den Menschen gestellt,
so hoch ihn geehrt.
Aber so hoch ihn Gott gestellt hat, so tief
ist er gefallen. Anstatt sich an der ihm gegebenen Herrschaft genügen zu
lassen, wollte er sein gleich wie Gott. Anstatt dem Gebot Gottes gehorsam zu
sein, wurde er ungehorsam, übertrat es, gehorchte statt dem Wort seines
gnädigen Schöpfers dem Wort eines Geschöpfes und erniedrigte sich unter das
Geschöpf. Der Herrscher wurde zu einem Knecht der Sünde, stürzte sich selbst in
das größte Elend. In diesem Elend erbarmte sich Gott seines hilflosen
Geschöpfes, des Menschen, indem er ihm einen Erretter verhieß. Dies ist der
Gegenstand unserer Betrachtung, nämlich:
Die erste Verheißung Gottes von einem Erlöser
Wir sehen, dass sie
1.
Trotz der Größe der begangenen Sünde gegeben
wird;
2.
Durch den Fluch über die Schlange
hindurchtönt;
3.
Völligen Sieg über die Schlange verkündigt.
1.
Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte, mit den Worten: „Da sprach
Gott zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem
Vieh“ und weist uns demnach auf den Bericht über den Sündenfall, der in den
vorhergehenden Versen gegeben ist, hin. Die Schlange hatte die Frau, diese
ihren Mann, Adam, verführt, zum Abfall von Gott verleitet. Gott hatte den
Menschen den herrlichen Garten Eden, das Paradies, als seine Wohnstätte
bereitet und ihn hinein gesetzt, dass er ihn bebaute und bewahrte, und ihm alle
Früchte der Bäume im Garten zur Speise gegeben mit Ausnahme der Früchte eines
einzigen, des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Von diesem allein sollte
er nicht essen; und Gott hatte seinem Verbot die Drohung hinzugefügt: „An welchem
Tag du davon isst, wirst du sterben.“ Er hatte den Menschen so herrlich
geschaffen, zur Krone aller seiner Werke, zum Herrscher über sie gemacht und
ihm eine so herrliche Wohnstätte bereitet, wie sie lieblicher nicht gedacht
werden konnte, und ihn mit Gaben und Wohltaten überschüttet. Hätte er da nicht,
der Güte Gottes eingedenk, dem einzigen Verbot Gottes gehorsam sein sollen?
Aber statt dem Wort seines Schöpfers folgte er dem Wort eines niedrigen
Geschöpfes, glaubte die Lüge und verwarf die Wahrheit.
War denn die Übertretung des Verbots eine so große Sünde? Die
natürliche, verblendete Vernunft erklärt sie für etwas Geringes. Wie, sagt sie:
Da war ein Baum mit schönen Früchten, herrlich anzusehen, gut davon zu essen,
die den Menschen lockten. Wohl war ihm verboten, davon zu essen, aber dass er
doch davon nahm und aß, das ist doch keine große Sünde! Dasselbe geschieht doch
jetzt noch so oft! Wie mancher isst einen Apfel oder eine andere Frucht von
einem Baum, der ihm nicht gehört, und der Eigentümer macht davon kein großes
Aufsehen, sondern lässt es einfach hingehen. Aber die so reden, urteilen nach
dem äußeren Schein, bleiben an der Schale hängen, ohne den Kern, das Wesen zu
erkennen und zu verstehen. Um eine Sünde recht zu beurteilen, müssen die Umstände,
unter denen sie geschieht, wohl erwogen werden. Wir beurteilen die Tat eines
Mannes ganz anders als die eines Kindes, die wissentliche Übertretung eines
Gesetzes anders als die, welche in Unwissenheit geschehen ist, den Diebstahl
eines Mannes, der sich in bitterer Not befindet, anders als den eines Reichen
oder Wohlhabenden. War Adam einem Kind gleich? Er hatte von Gott eine so klare
Erkenntnis aller Geschöpfe erhalten, wie sie seit ihm kein Mensch mehr gehabt
hat, wie aus seiner Benennung der Tiere hervorgeht. Handelte er als
Unwissender? Gott hatte ihm gesagt: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und
Böse sollst du nicht essen.“ Kannte er die Folgen, wenn er dieses Verbot
übertrat? Sie waren ihm in den Worten verkündigt: „An welchem Tag du davon isst,
wirst du sterben.“ Viel weniger trieb ihn die Not, denn er hatte eine Fülle der
lieblichsten Früchte. Und zu welchem Zweck hatte ihm Gott dies Verbot gegeben?
Nicht zu seinem Verderben, sondern um daran seinen Gehorsam gegen Gott zu
bewähren. Luther nennt diesen Baum „Adams Altar und Predigtstuhl, an welchem er
Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Rat und Willen erkennen und ihm danken
sollte.“ Heilig und gerecht, wie der Mensch war, hatte er vollkommene Freiheit,
dem Gebot Gottes gehorsam zu sein, aber freilich auch die Freiheit, es zu
übertreten. An dem Baum sollte er sich selbst bestimmen. Sein Gehorsam sollte
aus eigener Selbstbestimmung geschehen, ein freier, bewusster Gehorsam sein. An
dem verbotenen Baum sollte er Gutes und Böses kennenlernen, wählen zwischen
Gehorsam und Ungehorsam und zwischen Leben und Tod. Er übertrat Gottes klares
Gebot, und der Baum wurde ihm zu einer Kenntnis von Gut und Böse, denn er
erkannte, dass er alles Gute, seine Unschuld, Gerechtigkeit, Liebe zu Gott und
dergleichen, verloren und sich in unsägliches Elend, Jammer und in den Tod
gestürzt habe. Er hatte nun zu seinem großen Schaden erkannt, dass er nackt
war; er schämte sich und fürchtete sich vor seinem Gott, floh vor ihm und war
so unwissend, dass er glaubte, sich vor dem allwissenden Gott unter den Bäumen
verbergen zu können und ihn zu täuschen.
Freilich wurde er zu seinem Ungehorsam durch die Schlange, deren sich
der Teufel als seines Werkzeuges bediente, verführt. Diese betrog zuerst die
Frau und durch diese ihn selbst, verleitete ihn zuerst zum Zweifel an dem Wort
Gottes, machte ihn nach der verbotenen Frucht lüstern und erklärte das Wort:
„An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben“ für eine Lüge, indem er sagte:
„Ihr werdet keineswegs sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr
davon esst, so werden eure Augen aufgetan und werdet sein wie Gott und wissen,
was gut und böse ist.“ Hätte sich der Mensch nicht fragen sollen: Woher hat die
Schlange menschliche Sprache, die sie doch vorher nicht hatte? Wie kann sie
unseres gütigen Gottes Wort und Wahrhaftigkeit in Zweifel ziehen, ja für Lüge
erklären? Wie können wir Gott gleich werden? Wird nicht eine böse, Gott
feindliche Macht durch die Schlange reden? Aber der Fall des Ungehorsams gegen
Gottes Gebot begann schon dadurch, dass sich die Frau auf ein Gespräch mit der
#Schlange einließ, da sie mit den ersten Worten: „Ja, sollte Gott gesagt
haben?“ das Wort Gottes, sein Verbot, in Zweifel zog.
Betrachten wir dies alles: Wie herrlich Gott den Menschen erschaffen,
wie hoch er ihn über die Kreaturen gestellt, welch herrlichen Garten er ihm als
Wohnstätte bereitet, welche Fülle der herrlichen Früchte er ihm zur Speise
gegeben, dass er ihm ein ausdrückliches Verbot gegeben, eine so ernste Drohung
hinzugefügt hat, dass er gewiss unvermeidlich sterben werde, und dass der
Mensch Gott gleich sein wollte, so erkennen wir, dass dies Essen von der
verbotenen Frucht wahrlich keine geringe, sondern eine große, schwere Sünde
war, die den Tod verdiente.
Aber so groß diese Sünde war, größer noch war Gottes Barmherzigkeit, und
darum ließ er den Menschen nicht in seinem Elend dahingehen und verderben,
sondern gab ihm, indem er die Schlange verfluchte, zugleich eine herrliche
Verheißung. Dies wollen wir zweitens betrachten.
2.
Nachdem Gott der HERR die Menschen zur Rechenschaft gefordert und die
Frau auf seine Frage: „Warum hast du das getan“. nämlich deinen Mann verführt?
Geantwortet hatte: „Die Schlange betrog mich so, dass ich aß“, da sprach der
HERR zur Schlange: „Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem
Vieh und vor allen Tieren auf dem Feld. Auf deinem Bauch sollst du gehen und
Erde essen dein Leben lang.“ Das ist das Gericht über die Verführerin, als die
letzte Ursache der Sünde. Gott fragt sie nicht erst, warum sie das getan hat,
sondern spricht sogleich das Urteil über sie aus, verflucht sie vor, aus allen
Tieren. Sie hat die Menschen verführt, sie wird verflucht. Infolge dieses
Fluches soll sie hinfort auf dem Bauch gehen oder sich im Staub winden und
daher Erde fressen oder Staub schlucken. Dadurch ist ihr ganzes Dasein und
Leben verändert worden. Vor keinem anderen Tier empfindet der Mensch einen
solchen Ekel und Abscheu wie vor der Schlange mit ihren feurigen Farben, ihrer
zitternden Zunge, ihren giftigen Zähnen, ihrem schaurigen Zischen und
bezaubernden Blick. Sie erscheint wie die leibhaftige, teuflische Sünde. Und
ihre Gestalt und Lebensweise soll nie verändert werden, sondern immer dieselbe
bleiben.
Ob sie vor der Versuchung eines der schönsten unter den Tieren gewesen
ist? Sicherlich ist sie vorher nicht auf dem Bauch gegangen, hat sich nicht im
Staub gewunden, auch nicht Staub geschluckt wie jetzt. Aus dieser mit ihr
vorgegangenen Veränderung ersehen wir, dass ihre Strafe der Verführung
entspricht. Sie war, wie alle anderen Tiere, für den Menschen geschaffen,
sollte ihm gehorchen und dienen. Stattdessen hat sie sich über den Menschen
erhoben, ihn zum Gehorsam gegen sich verleitet und ihn in namenloses Elend
gestürzt. Wegen dieser Überhebung wird sie von Gott aufs tiefste erniedrigt,
dass sie sich ihr Leben lang im Staub winden und Staub schlucken muss.
Aber ihre Strafe besteht ferner darin, dass fortwährende Feindschaft
zwischen ihr und der Frau, zwischen ihrem Samen und dem Frauensamen bestehen,
und ihr der Kopf zertreten werden soll. Diese Feindschaft „setzt“ Gott,
verordnet sie. Und sie besteht bis auf den heutigen Tag und wird bis an das
Ende der Tage fortbestehen. Die Schlange ist unter den Tieren dem Menschen am
gefährlichsten (in heißen Ländern werden von den Schlangen mehr Menschen
getötet als von allen anderen Tieren); und wiederum führt der Mensch einen
unaufhörlichen Kampf gegen die Schlangen, tötet sie, wo er kann, und sucht sie
auszurotten. Er zertritt, zerschmettert ihr den Kopf.
Doch, meine Zuhörer, so gewiss die in diesen Worten verkündigte Strafe
die Schlange trifft, so gewiss nicht sie allein, sondern, und zwar in höherem
Sinn, den, dessen Werkzeug sie war, den Teufel. Dieser redete und versuchte
durch sie die ersten Menschen. Wenn daher Gott der HERR in unserem Text
spricht: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen
deinem Samen und ihrem Samen“, so sind diese Worte zwar direkt an die Schlange,
aber doch eigentlich an den Teufel gerichtet, was schon daraus hervorgeht, dass
die Schlange die Worte nicht verstand. Wie der Teufel durch die Schlange
redete, so redet Gott zu dem Teufel in der Schlange; er verkündigt ihm, dass
zwischen ihm und dem Frauensamen und ihrem Samen immerwährende Feindschaft bestehen
soll. Was ist aber unter dem Schlangen- oder Teufelssamen zu verstehen? Nicht
die Sünde, auch nicht die bösen Engel noch vornehmlich die Tyrannen und Ketzer,
sondern die Gottlosen, die Feinde Christi und der Kirche. So nannte Johannes
der Täufer die Pharisäer und Sadduzäer Otterngezücht, da sie unter dem Schein
äußerlicher Frömmigkeit voll Gift und Bosheit warn, wie die Schlangen schöne
Farben und doch Giftzähne haben. So rief der HERR den boshaften Juden zu: „Ihr
seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun“; und
Johannes: „Wer Sünde tut, der ist vom Teufel.“ Sie sind des Teufels geistiger
Same, weil sie von ihm regiert werden und voll Lüge und Mordlust sind. Der
Frauensame aber ist Christus, wie Paulus Gal. 3,16 schreibt: „Er spricht nicht:
durch die Samen, als durch viele, sondern durch einen, durch deinen
Samen, welcher ist Christus.“ So soll denn zwischen dem Teufel und den
Gottlosen und Christus und den Gläubigen unaufhörliche Feindschaft bestehen,
solange diese Welt steht. Hass, Feindschaft und Verfolgung der Gläubigen ist
Hass, Feindschaft und Verfolgung Christi selbst, wie er dem gegen die Jünger
schnaubenden Saulus zurief: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Da nun
Gott der HERR zwischen der Schlange und ihrem Samen einerseits und der Frau und
ihrem Samen andererseits immerwährende Feindschaft setzt, der Same der Frau
Christus ist, und dieser der Schlange den Kopf zertreten soll, während diese
ihn in die Ferse stechen wird, so hat er die Verheißung des Erlösers von dem
Fluch über die Schlange und den Teufel aufs innigste verwoben; mit anderen
Worten, die Verheißung tönt durch den Fluch hindurch oder leuchtet wie ein
strahlender Stern durch finsteres Gewölk, und dies umso mehr, als der
verheißene Erlöser über den Teufel einen völligen Sieg davontragen wird.
3.
Dieser Sieg ist in den letzten Worten unseres Textes: „Derselbe soll dir
den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferste stechen“ enthalten. War in
den vorhergehenden Feindschaft zwischen dem Schlangen- und Frauensamen
verkündigt, so verkündigen diese Worte zunächst Kampf zwischen beiden. Ihre
Feindschaft geht in einem Kampf auf Leben und Tod, in dem es auf gegenseitige
Vernichtung abgesehen ist.
Freventlich hat die römische Kirche diese erste Weissagung von dem
Erlöser verkehrt, indem sie das Wort „dieselbe“ statt „derselbe“ gesetzt hat
und lehrt: „‚Dieselbe‘, nämlich die Mutter Maria, wird dir, der Schlange, dem
Teufel, den Kopf zertreten.“ Aber es heißt nicht: dieselbe, sondern derselbe,
nicht die Frau, sondern der Samen der Frau wird dir den Kopf
zertreten, und dieser Frauensame ist kein anderer als Christus, der Sohn Gottes
und der Sohn der Frau, so genannt, weil er nicht von einem Mann, sondern von
dem Heiligen Geist empfangen, also nur der Samen der Frau ist. So ist in
dieser ersten Verheißung schon angedeutet, dass der zukünftige Erlöser von
Sünde, vom Tod und von der Gewalt des Teufels von einer Jungfrau geboren werden
soll, weshalb der Prophet Jesaja weissagt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger
und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.“
„Derselbe soll dir den Kopf zertreten“ oder zermalmen, „und du wirst ihn
in die Ferse stechen“ oder ihm die Ferse zermalmen, so spricht Gott der HERR zu
der Schlange. Wie bald zeigte sich diese Feindschaft der Schlange und ihres
Samens, und wie bald begann dieser Kampf! Hasste nicht Kain
seinen Bruder, den gerechten Abel, und ermordete ihn? Weshalb? Weil er, wie es
1. Joh. 3,12 heißt, „von dem Argen“, das heißt, vom Teufel war, und weil seine
Werke böse, die seines Bruders Abel gerecht waren. So hasste und verfolgte der
Same, die Nachkommenschaft Kains, den Samen, die
Nachkommenschaft, Seths, Ismael den Isaak, Esau wollte seinen Bruder Jakob
ermorden – und so ging diese Feindschaft fort, bis Christus, der verheißene
Frauensame, in menschlicher Gestalt erschien. Wie wütete gegen ihn die alte
Schlange, der Satan, durch Herodes, der ihn, als er von seiner Geburt hörte,
umbringen wollte, durch die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Hohenpriester
und Ältesten, die ihn zu töten suchten! Satan fuhr dem Judas Ischariot ins
Herz, veranlasste ihn, Christus zu verraten, und da begann nun recht eigentlich
der Kampf auf Leben und Tod, da stach die alte Schlange den Frauensame in die
Ferse, zermalmte sie ihm. Das Todesringen dort in Gethsemane, das dem
Frauensamen blutigen Schweiß auspresste, indem seine Seele betrübt wurde bis in
den Tod, ihn so ermattete, dass ein Engel vom Himmel erschien, um ihn zu
stärken, seine Gefangennahme durch die Rotte, hinter der Satan stand, seine
Verurteilung als ein Übeltäter, seine Kreuzigung auf Golgatha – das war der
giftige Schlangenbiss, das Zermalmen seiner Ferse, aber auch der Tritt, mit dem
er der alten Schlange den Kopf zermalmte. Der Biss der Schlange ist zwar
gefährlich, jedoch nicht schlechthin tödlich. Wohl starb Christus am Kreuz,
aber er befahl seinen Geist in Gottes Hände, stand am dritten Tag lebendig auf
dem Grab, der Burg des Todes, triumphierte über die alte Schlange und
verkündete Sieg, völligen Sieg, über sie, dass er dem Tod und dem Teufel alle
Macht genommen und seine Gefangenen aus seiner Gewalt befreit habe. Ja, er hat
„durch seinen Tod die Macht genommen dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist,
dem Teufel, und die erlöst, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte
sein mussten“, wie es Hebr. 2,14 heißt.
Der Held steht auf dem Grabe
Und sieht sich munter um;
Der Feind liegt und legt abe
Gift, Gall
und Ungestüm.
Er wirft zu Christi Fuß
Sein Höllenreich und muss
Selbst in des Siegers Band
Ergeben Fuß und Hand.
Und Christi, des Erlösers, Sieg ist ein Sieg für alle Erlösten, die
durch den Glauben an ihm hangen, mit ihm, dem Haupt der Glieder seines Leibes,
verbunden sind. In seiner Kraft kämpfen sie gegen die alte Schlange und siegen
über sie, wie Johannes von den Auserwählten in der Vollkommenheit schreibt:
„Sie haben überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort seines
Zeugnisses.“ Sie zertreten den Satan unter ihre Füße, und an jenem großen Tag
werden sie ihren Sieg in dem Triumphgesang verkünden: „Tod, wo ist dein
Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben
hat durch unseren HERRN Jesus Christus.“
Sünder, aber Erlöste, Kämpfer, aber Sieger! Der barmherzige Gott, der
dem ersten Sünder, indem wir alle Sünder geworden sind, in seinem Erbarmen
nachging, schenke uns wahre Sündenerkenntnis, rechten Glauben an den Erlöser,
stärke uns im Kampf gegen die alte Schlange und verleihe uns völligen Sieg um
Christi Jesu, unseres siegreichen Erlösers, willen! Amen.
1. Mose 18,1-15: Und der HERR erschien ihm im Hain
Mamre, da er saß an der Tür seiner Hütte, da der Tag am heißesten war. Und als
er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer ihm gegenüber. Und
da er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seiner Hütte und bückte sich
nieder auf die Erde und sprach: HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen,
so gehe nicht vor deinem Knecht über. Man soll euch ein wenig Wassers bringen
und eure Füße waschen; und lehnt euch unter den Baum. Und ich will euch einen
Bissen Brots bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt ihr fortgehen. Denn
darum seid ihr zu eurem Knechte kommen. Sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast.
Abraham eilte in die Hütte zu Sara und sprach: Eile und menge
drei Maß Semmelmehl, knete und backe Kuchen. Er aber lief zu den Rindern und
holte ein zartes gutes Kalb und gab’s dem Knaben; der eilte und bereitete es
zu. Und er trug auf Butter und Milch und von dem Kalb, das er zubereitet hatte,
und setzte es ihnen vor und trat vor sie unter dem Baum, und sie aßen.
Da sprachen sie
zu ihm: Wo ist deine Frau Sara? Er antwortete: Drin in der Hütte. Da sprach er:
Ich will wieder zu dir kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, deine Frau,
einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und sie
waren beide, Abraham und Sara, alt und wohl betagt, also dass es Sara nicht
mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach:
Nun ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen, und mein Herr auch alt ist! Da
sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht des Sara und spricht: Meinst du, dass
wahr sei, dass ich noch gebären werde, so ich doch alt bin? Sollte dem HERRN
etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, so ich lebe,
so soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht
gelacht; denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht also, du hast
gelacht.
Geliebte in dem HERRN!
Wie wunderbar hat Gott Abraham, den Vater
der Gläubigen geführt! Als er aus Ur in Chaldäa nach Haran in Mesopotamien
gekommen war und dort eine Zeitlang gewohnt hatte, erhielt er den Befehl: „Gehe
aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus
in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Mit diesem Befehl wurde ihm aber auch
die Verheißung gegeben, dass von ihm ein großes Volk entsprießen, er selbst
einen großen Namen erhalten, und in ihm alle Geschlechter auf Erden gesegnet
werden sollten. Das geschah, als Abraham 75 Jahre alt war. Er gehorchte diesem
Befehl der HERRN, kam zuerst nach Sichem, erhielt dort die andere Verheißung:
„Deinem Samen will ich das Land geben“, zog dann nach Bethel und schlug dort
seine Hütte auf. An beiden Orten baute er einen Altar und predigte von dem
Namen des HERRN. Aber kaum hatte er das seinen Nachkommen verheißene Land
weiter nach Süden durchzogen, so trieb ihn eine große Hungersnot nach dem
getreidereichen Ägypten. Von dort zurückgekehrt, kam er wieder nach Bethel,
schied sich friedlich und großmütig von seinem Neffen Lot, indem er diesem den
besten Teil des Landes überließ, und schlug seinen Wohnsitz im Hain Mamre bei
Hebron auf, baute auch dort einen Altar und predigte von dem Namen des HERRN.
Schon hieraus ersehen wir, anderes
übergehend, wie bewegt das Leben des großen Erzvaters war. Er war 75 Jahre alt,
als er Haran verließ und ins Land Kanaan kam. Er starb im Alter von 175 Jahren
und hat demnach, von seinem Aufenthalt in Ägypten abgesehen, hundert Jahre in
Kanaan gelebt. Unter diesen war aber das 24. – in seinem ganzen Alter das 99. –
Jahr das ereignisreichste. Denn in diesem Jahr erschien ihm der HERR im Hain
Mamre und sprach zu ihm: „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm!“
machte einen Bund mit ihm, wiederholte die Verheißung, dass er ein Vater vieler
Völker werden solle, änderte seinen Namen Abram in Abraham, das heißt: ein
Vater vieler Völker, um, verhieß ihm, dass auch Könige von ihm kommen sollten
und gab ihm die Beschneidung als Zeichen des mit ihm gemachten Bundes. Mehr
noch: Auch seine Frau, Sarai, sollte hinfort Sarah heißen, weil der HERR sie
segnen wollte, und aus ihr Könige entsprießen sollten. Diese Verheißung war so
groß, so überschwänglich, da Abraham 99, Sarah 90 Jahre alt war, dass Abraham
anbetend zu Boden sank und, weil dies nach dem natürlichen Lauf in einem
solchen Alter für die Vernunft unfasslich war, unwillkürlich lachen musste. Das
war freilich kein ungläubiges, sondern ein heiliges Lachen, ein Lachen vor
Freude. Nachdem ihm nun noch die Verheißung gegeben worden war, dass auch der
ihm von Hagar geborene Ismael eine große Nachkommenschaft haben, dass aus
dieser zwölf Fürsten erstehen sollten, da wurde ihm im Hain Mamre, noch eine
weitere, bis dahin noch nicht dagewesene Erscheinung des HERRN zuteil. Als er
nämlich eines Tages vor seinem Zelt saß, erblickte er in einiger Entfernung
drei Männer. Sofort erhob er sich, lief den Männern entgegen, begrüßte sie in
demütiger Weise und bat sie, bei ihm einzukehren, damit er ihnen ein Mahl
bereiten könne. Davon berichtet der heutige Text. Betrachten wir daher heute
aufgrund desselben:
Das heilige Mahl im Hain Mamre
1.
Abraham
bereitete es in gastfreundlicher Weise.
2.
Er bewirtete
dadurch hohe Gäste.
3.
Er erhielt bei
diesem Mahl eine bestimmte Verheißung.
1.
Abraham saß eines Tages vor seinem
Zelt, als der Tag am heißesten war, also um die Mittagszeit, und sah,
aufblickend, unerwartet drei Männer in geringer Entfernung. Woher diese Männer
gekommen waren, wusste er nicht. Aber sobald er sie sah, lief er ihnen von der
Tür seiner Hütte aus entgegen und bückte sich vor ihnen nieder auf die Erde.
Dass Abraham sich vor diesen Männern tief bückte, zeigt, dass er in ihnen keine
gewöhnlichen, sondern Männer von außerordentlicher Erscheinung erkannte, denen
er eine demütige Ehrbezeigung schuldig sei. Er selbst war ja ein angesehener
Mann, der Besitzer großer Herden. Er verkehrte mit Fürsten und Königen, zum
Beispiel mit dem König Abimelech zu Gerar und dem König von Sodom. Hatte er
doch auch 400 kriegsgeübte Knechte, mit denen er die vier Könige schlug, die
seinen Neffen Lot in Sodom gefangengenommen und mit aller seiner Habe
hinweggeführt hatten. Schon als er aus Ägypten zurückkehrte, war er, wie wir 1.
Mose 13,2 lesen, sehr reich an Vieh, Silber und Gold, was ihm überall, wohin er
kam, bei den Fürsten großes Ansehen verlieh.
Aber er begrüßte jene Männer nicht nur in
demütiger, ehrfurchtsvoller Weise, sondern lud sie auch ein, bei ihm
einzukehren; denn er sprach zu einem derselben: „HERR, habe ich Gnad gefunden
vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein
wenig Wasser bringen und eure Füße waschen, und lehnt euch unter den Baum. Und
ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt
ihr fortgehen. Denn darum seid ihr zu eurem Knecht gekommen“, das heißt: Denn
eben deshalb, um mir Gelegenheit zu geben, euch gastfreundlich aufzunehmen, zu
bewirten und zu stärken, seid ihr hier hergekommen. So gastfreundlich lud
Abraham jene Männer ein. Er würde es sich als eine Ehre anrechnen, wenn sie bei
ihm einkehrten und er sie bewirten könne. Und die Männer nahem die herzliche
Einladung an; sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast.“
Abraham sorgte nun für eine reichliche
Bewirtung seiner Gäste. Als diese sich niedergelassen hatten, eilte er in die
Hütte das Zelt, zu Sarah und sagte, sie sollte schnell von dem feinsten Mehl
Kuchen, Aschkuchen, die auf heißen Steinen schnell gebacken werden konnten,
herstellen. Sodann eilte er zu den Rindern, wählte eines der besten und
zartesten Kälber aus und ließ es von einem seiner Knechte schlachten und
zubereiten. Als diese Speisen zubereitet waren, trug er sie selbst auf, dazu
Milch und Butter, und bediente seine Gäste. Er bewies sich als freigebiger Wirt
und demütiger Aufwärter; denn er aß nicht mit den Gästen, sondern wartete ihnen
auf. Wenig hatte er bei der Einladung versprochen: Wasser, um die Füße zu
waschen, und einen Bissen Brot, viel und reichlich aber gab er: Milch und
Butter, Kuchen und den besten Braten. Er war ein reicher Mann, ein Fürst, und
wie ein Fürst bewirtete er sseine Gäste mit dem
Besten, was er unter den Umständen, in Anbetracht der Kürze der Zeit,
beschaffen konnte. Sarah, die schon von Gott den Titel einer Fürstin erhalten
hatte, knetete und backte den Kuchen selbst; sie hielt sich für diese Arbeit
nicht zu vornehm. Abraham selbst, der so viele Knechte unter sich hatte und in
fürstlichem Ansehen unter den Bewohnern des Landes stand, ja, mit dem Gott
geredet hatte, schämte sich nicht, seinen Gästen bei Tisch aufzuwarten. Das war
aufrichtige und herzliche Gastfreundschaft, die der große Mann an jenen Männern
übte.
Fragen wir, warum er solche
Gastfreundschaft geübt hat, so lautet die Antwort: Einmal, weil er in wahrer
Gottesfurcht stand, und der Glaube sich durch die Liebe tätig erweist; sodann,
weil er des Öfteren in fremden Gegenden ein Fremdling und Gast, wie bei den
Philistern in Ägypten, gewesen war und gelernt hatte, wie nötig und wohltuend
einem Gast aufrichtige, herzliche Gastfreundschaft ist. In der Übung der
Gastfreundschaft sollen wir uns daher den großen Erzvater zum Vorbild dienen
lassen, in seinen Fußstapfen wandeln, wie es der Apostel Paulus nennt. Daher
auch die Ermahnungen in der Heiligen Schrift an die Gläubigen, gastfrei zu
sein: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe in dein
Haus; so du einen nackend siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht von
deinem Fleisch“, ermahnt Jesaja Kap. 58,7; Petrus in seiner ersten Epistel
(Kap. 4,9): „Seid gastfrei unter untereinander ohne Murmeln“; Hebr. 13,2:
„Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn durch dasselbe haben etliche Engel beherbergt.“
Eine solche Gastfreundschaft erwiesen die Schwestern Martha und Maria dem HERRN
Jesus, in deren Haus er darum gerne weilte. Und wie hoch preist er diese
Tugend, da er unter den guten Werken, die er dereinst am Tag des Gerichts
preisen wird, auch die Gastfreundschaft nennt, indem er Matth. 25 spricht: „Ich
bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und
ihr habt mich beherbergt.“ Und auf diese Frage der zu seiner Rechten Stehenden,
wann sie ihm dies getan hätte, wird er antworten: „Wahrlich, ich sage euch: Was
ihr getan habt einem unter diesem meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir
getan.“
Aber wer waren die von Abraham in so
gastfreundlicher Weise bewirteten Gäste? Das wollen wir zweitens betrachten.
2.
Jene Gäste Abrahams werden „Männer“
genannt, waren also menschliche Personen, die sich dem Ansehen nach von anderen
Männern nicht unterschieden. Abraham kannte sie nicht, wie aus dem vierten und
fünften Vers unseres Textes hervorgeht, wo berichtet wird, dass er zu ihnen
gesagt habe, er wolle ihnen Wasser bringen lassen, damit sie ihre Füße waschen
könnten, und einen Bissen Brot, damit sie sich stärken und dann ihren Weg
fortsetzen könnten. Aber er merkte doch an ihrer ganzen Erscheinung etwas
Eigenartiges, Hohes, ja Himmlisches und Göttliches. Ihre ganze Haltung machte
auf ihnen einen besonderen, einen tiefen Eindruck; daher auch seine demütige,
ehrfurchtsvolle Begrüßung. Er merkte auch, dass einer der drei Männer vornehmer
sein müsse als die beiden anderen, dass er etwas Gebietendes, Königliches an
sich habe. Darum wandte er sich mit seiner Anrede an diesen mit den Worten:
„HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht an deinem Knecht
vorüber.“ Wer war der Angeredete?
Beachten wir zunächst, dass mit Ausnahme
der Frage: „Wo ist deine Frau Sarah?“ das Gespräch allein zwischen Abraham und
dem von ihm Angeredeten geführt wurde, die beiden anderen sich schweigend
verhalten. Schon dies weist deutlich darauf hin, dass dieser eine mehr als
seine beiden Begleiter war, sodann auch, dass Abraham zu ihm sprach: „HERR,
habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen“, ihn also mit HERR anredet. In der
Grundsprache steht für HERR ein Wort, das ausschließlich von Gott gebraucht
wird. Im 13. und 14. Vers unseres Textes wird er sogar Jahwe genannt, ein Name,
der niemals in der Heiligen Schrift einem Menschen oder Engel, sondern allein
Gott beigelegt wird. Daraus erkennen wir, dass der, von dem es im ersten Vers
heißt: „Der HERR erschien ihm im Hain Mamre“, kein anderer als Gott selbst, und
zwar der Sohn Gottes, Christus war. Wer aber waren die beiden Begleiter des
HERRN? Es waren Engel; denn Kap. 19,1 lesen wir: „Die zwei Engel kamen nach
Sodom“, und diese Engel waren ohne Zweifel keine anderen als die Begleiter des
HERRN. Wie diese den HERRN begleitet hatten, als er zu Abraham kam, wie sie
seine Verhandlung mit Abraham über den Untergang Sodoms
mit angehört hatten, so waren sie auch die Boten des HERRN nach Sodom, um Lot,
den Neffen Abrahams, aus der dem Untergang geweihten Stadt zu retten.
Waren aber diese Gäste Abrahams der Sohn
Gottes und die zwei Engel in menschlicher Gestalt, die sie nur vorübergehend
angenommen hatten, wie konnten sie dann die ihnen vorgesetzten Speisen
genießen? Es war das kein Schein-, sondern ein wirkliches Essen, und es erklärt
sich teilweise daraus, dass diese himmlischen Wesen einen menschlichen Leib
angenommen hatten. Aß doch auch der auferstandene HERR, wie uns Luk. 24
berichtet wird, ein Stück Fleisch und Honigsein vor seinen Jüngern. Schließlich
aber ist doch das Essen leiblicher Speise seitens himmlischer Wesen ein
Geheimnis.
So hatte Abraham den auch ihm verheißenen
Sohn Gottes und Messias nicht nur in menschlicher Gestalt gesehen, sondern
wahrscheinlich auch in der Gestalt, die er in der Fülle der Zeit von der
Jungfrau Maria annahm, und in der er unter seinen Jüngern auf Erden wandelte.
Auf diese seine Erscheinung weist der HERR wohl in seiner Disputation mit den
feindlichen Juden hin. Denn als er zu ihnen unter anderem sagte: „Abraham, euer
Vater, wurde froh, als er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute
sich“, und die Juden daraufhin spotteten: „Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt
und hast Abraham gesehen?“ da antwortete er ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich
sage euch: Ehe denn Abraham wurde, bin ich.“
War nun jenes im Hain Mamre vor dem Zelt
Abrahams unter einem Baum gehaltene Mahl nicht ein heiliges Mahl? Erwägt es:
Abraham, der Vater der Gläubigen, der als solcher an der Spitze aller Heiligen
steht, war der gastfreundliche Wirt, der Sohn Gottes und zwei Engel in der
Gestalt von Männern waren seine Gäste. Wahrlich, ein eigenartiges heiliges
Mahl! Aber es hat auch für uns seine vorbildliche Bedeutung; denn es lehrt uns,
dass wir auch hierin in den großen Erzvaters Fußtapfen wandeln und dessen
eingedenk sein sollen, dass es ein heiliges Mahl ist, wenn wir in rechter
Weise, wie Abraham dort den HERRN und die Engel, wahre Jünger des HERRN
speisen, tränken und kleiden. Das sind Werke, die Gott gefallen und die er
überschwänglich belohnen wird; denn er spricht Matth. 10,41 f.: „Wer einen
Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn
empfangen; wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, der wird
eines Gerechten Lohn empfangen; und wer dieser Geringsten einen nur mit einem
Becher kalten Wassers tränkt, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht
unbekannt bleiben!“
Welche Ehre wurde Abraham dadurch zuteil,
dass der HERR mit seinen himmlischen Begleitern bei ihm einkehrte und sich von
ihm bewirten ließ! Abraham erwies ihm durch seine gastfreundliche Aufnahme und
Bewirtung Ehre; noch viel größere Ehre aber erwies der HERR Abraham, indem er
sich von ihm bedienen ließ. Finden wir uns nicht geehrt, wenn ein angesehener,
hochgestellter Mensch bei uns einkehrt? Wenn wir einen hohen Gast erwarten, so
treffen wir alle Vorkehrungen, ihn gebührend zu empfangen und zu bewirten. Wir
tragen ihm das Beste auf, lassen es an nichts fehlen. Wieviel größer aber ist
die Ehre, wenn Jesus, der Sohn Gottes, als Gast zu uns kommt! Und er kommt zu
uns, wenn wir ihn darum bitten. „Komm, HERR Jesus, sei unser Gast und segne
alles, was du uns bescheret hast!“ so lautet eins unserer täglichen
Tischgebete. Und er kommt zu uns, freilich nicht in sichtbarer menschlicher
Gestalt, sondern unsichtbar, aber deshalb nicht weniger wirklich und
wahrhaftig. Und dann ist jedes Mahl auch ein heiliges Mahl und gesegnet, denn
er kommt zu den Seinen stets in Gnaden, um sie zu segnen, ihnen das eine oder
andere Gut zu bringen, wie dort bei Abraham, dem er bei dem Mahl eine große
Verheißung gab.
3.
Es scheint, als ob während des Mahles nicht
viel geredet worden ist. Endlich aber sprachen die Männer zu Abraham: „Wo ist
deine Frau Sarah?“ Diese hatte also an dem Mahl, wie es im Morgenland Sitte
ist, nicht teilgenommen. Auf die Antwort, sie sei im Zelt, indem sie das
Gespräch der Männer unter einem Baum gehört hatte, sprach der HERR: „Ich will
wieder zu dir kommen um die Zeit, wenn sie wieder auflebt“, das heißt, wenn
diese Jahreszeit wieder da ist, also übers Jahr, und „siehe, so soll Sarah,
deine Frau, einen Sohn haben.“ Welch eine Verheißung war das für Abraham! Wohl
war ihm schon früher verheißen worden, dass ihm von Sarah ein Sohn geboren
werden sollte; und wie sehnsüchtig hatte er die Erfüllung dieser Verheißung
herbeigesehnt! Als sie sich verzögerte, war er darüber in große Anfechtung
geraten, so dass er, wie wir im 15, Kapitel lesen, ausgerufen hatte: „HERR,
HERR, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Hausvogt, dieser Elieser von Damaskus, hat einen Sohn. Mir
hast du keinen Samen gegeben, und siehe, der Sohn meines Gesindes soll mein
Erbe sein.“ Nun aber sagt ihm der HERR: Über ein Jahr soll die Verheißung
erfüllt sein, da soll Sarah, deine Frau, einen Sohn haben. Sarah hatte diese
Worte des HERRN, als sie hinter der Tür der Hütte stand, gehört, und da beide,
Abraham und Sarah, alt und wohlbetagt waren, Abraham 99 und Sarah 90 Jahre alt,
so dass es Sarah nicht mehr nach der Frauen Weise ging, so lachte sie bei sich
selbst und sprach: „Nun ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen, und mein
Herr auch alt ist!“ Jedenfalls hatte ihr Abraham die ihm früher gegebene
Verheißung mitgeteilt, und sie hatte ihm nicht geglaubt. Jetzt, da sie diese
Worte aus dem Mund des HERRN selbst hörte, glaubte sie wieder nicht, denn es
kam ihr lächerlich vor, dass sie noch in ihrem hohen Alter einen Sohn haben
solle. Aber der HERR sah als der Allwissende dieses Lachen und sprach zu
Abraham: „Warum lacht Sarah und spricht: ‚Meinst du, dass es wahr sei, dass ich
noch gebären werde, so ich doch alt bin?‘ Sollte dem HERRN etwas unmöglich
sein?“ Und nun wiederholte er die Verheißung: „Um diese Zeit will ich wieder zu
dir kommen, um ein Jahr, so soll Sarah einen Sohn haben.“ Sei es nun, dass
Sarah selbst oder auf die Aufforderung des HERRN hervortrat: Sie leugnete und
sprach: „Ich habe nicht gelacht“, denn sie fürchtete sich. Sie leugnete also
aus Furcht, nicht mutwillig. Und der HERR strafte sie deswegen nicht so hart
wegen dieser Schwachheit, sondern ließ es bei den Worten bewenden: „Es ist
nicht so, du hast gelacht.“ Wir sehen hieraus, wie große Nachsicht der HERR mit
den Schwachheiten der Seinen hat, wie freundlich er mit ihnen handelt. Auch
solche Schwachheitssünden sind Sünden, aber er belegt sie deshalb nicht gleich
mit der schwersten Strafte, wie wir Menschen es oft tun, die wir doch mit
unseren beschränkten Augen die Gerechtigkeit Gottes in der Höhe und Tiefe so
wenig erkennen können.
Aber mochte Sarah die Erfüllung dieser
Verheißung noch so unmöglich erscheinen, sie wurde erfüllt. Nach einem Jahr
hatte sie einen Sohn, und Abraham nannte ihn Isaak, das heißt, „Er lacht“, weil
er selbst, wie wir Kap. 17,17 lesen, vor Freude gelacht hatte, als ihm der HERR
gesagt hatte, dass er ihm von Sarah einen Sohn in seinem Alter geben wolle, und
auch Sarah über die Worte des HERRN bei diesem Mahl gelacht hatte. So erfuhren
beide, dass bei dem HERRN nichts wunderbar, nichts unmöglich sei, und dass er,
was er verheißt, gewiss hält.
Das war der Segen und der herrliche Lohn,
den Abraham für seine gastfreundliche Bewirtung des HERRN und seiner Begleiter
erhielt. War es auch nicht dadurch ein gesegnetes Mahl? Wie weit lässt sich
doch Gott herab, wenn wir mit heiligen Engeln bei schwachen, sündigen Menschen,
zu denen auch Abraham, obwohl er einen starken Glauben hatte, gehörte, als Gast
einkehrt und sich von ihnen bewirten lässt! Auch bei uns will er einkehren, wie
er verheißen hat: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und mein Vater
wird ihn lieben; und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Er
kommt zu uns durch sein Wort, will in unserem Herzen wohnen, nicht
vorübergehend, sondern dauernd. Lasst uns ihn als den besten Gast in Ehrfurcht
aufnehmen und ihm alles, was wir sind und haben, darbringen und damit ihn
gastfreundlich bewirten, so wird er auch uns reichlich segnen. Darum:
Komm,
o mein Heiland Jesus Christ,
Meins
Herzens Tür dir offen ist;
Ach,
zieh mit deiner Gnade ein!
Dein
Freundlichkeit auch uns erschein;
Dein
Heilger Geist uns führ und leit
Den
Weg zur ewgen Seligkeit!
Amen.
Jesaja 40,9-11: Zion, du Predigerin, steig auf einen
hohen Berg! Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf mit Macht, heb auf
und fürchte dich nicht; sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott! Denn siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; und
sein Arm wird herrschen. Siehe, sein
Lohn ist bei ihm, und seine Vergeltung ist vor ihm. Er wird seine Herde weiden
wie ein Hirte; er wird die Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen
und die Schafmütter führen.
Das ist ein erhabenes Wort Gottes, das wir
soeben vernommen haben. Es stellt uns die hohe Aufgabe des neutestamentlichen
Zion, der Kirche des Neuen Testaments, vor Augen, und zwar in einem Bild, das
ebenso ernst als lieblich ist. Um dieses Bild recht zu erkennen, müssen wir
zunächst auf den Zusammenhang eingehen, in welchem unser Text mit dem
Vorhergehenden steht.
Zu Anfang dieses Kapitels vernehmen wir den
Zuruf: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Dieser Zuruf ergeht von Gott an seine
Boten, die er zu seinem Volk sendet. Sie sollen sein Volk, sein auserwähltes
Eigentum, das sich in tiefer Erniedrigung befindet, trösten. Und diese Boten
treten auf und verkündigen gleichsam im Chor: Eure Ritterschaft, euer
Kriegsdienst, hat ein Ende; denn eure Missetat ist vergeben; der HERR, euer
Gott, naht sich euch mit Gnade und Errettung. Nun tritt ein einzelner Bote oder
Herold aus der Wüste auf und verkündigt die unmittelbare Nähe des Erretters aus
dem Elend und fordert sie auf, dem Nahenden den Weg zu bereiten, ihm ebene Bahn
zu machen. „Bereitet dem HERRN den Weg, macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn
unserem Gott!“ ruft er ihnen zu. Entfernt alles, was seinem Kommen hinderlich
sein kann, weil durch sein Kommen die Herrlichkeit des HERRN offenbar werden
soll.
Nachdem dieser Bote seinen Auftrag
ausgerichtet hat, tritt ein anderer Bote auf und ruft mit weithin schallender
Stimme im Auftrag des HERRN: „Alles Fleisch ist Heu, und alle seine Güte ist
wie eine Blume auf dem Feld. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; denn des
HERRN Geist bläst drein. Ja, das Volk ist das Heu.“ Damit verkündigt dieser
Bote die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Geschlechts und alles
dessen, was ihm zugehört. Wie das Gras alsbald verdorrt, wenn es von der Sense
des Schnitters getroffen wird, wie die Blume mit ihrer Schönheit dahinwelkt, so
der einzelne Mensch und das ganze menschliche Geschlecht mit all seiner
Herrlichkeit und seiner Kraft, wenn der Hauch des HERRN es anweht. In all
dieser Vergänglichkeit, dieser Nichtigkeit, ist nichts, was nicht dahinsinkt,
verwelkt und verdorrt, als „das Wort unseres Gottes“; denn dieses steht ewig
und unbeweglich da.
Beide Boten haben ihren Auftrag
ausgerichtet. Sie haben, nachdem der Chor abgetreten, jener die Aufforderung,
dem nahenden HERRN den Weg zu bereiten, dieser, die Vergänglichkeit und
Nichtigkeit zu verkündigen, ausgerichtet. Nun ergeht in unserem Text, der sich
unmittelbar daran anschließt, eine Aufforderung an Zion, die Tochter Zions oder
Jerusalem; diese soll nun als Predigerin, als Botin des HERRN, auftreten, soll
das tun, was ich jetzt, allerdings in einem geringeren Maß, vor euch tue. Ich
stehe hier an einem erhöhten Ort vor euch, erhebe meine Stimme und bringe euch
im Namen meines Gottes eine Botschaft, durch die ein Befehl an euch ergeht, den
ihr ausrichten sollt. So soll Zion, Jerusalem, auf einen hohen Berg steigen,
soll seine Stimme mit Macht erheben und ohne alle Furcht eine Botschaft
erschallen lassen, die in allen Landen gehört wird. Und dies Zion, was ist es?
Es ist die Kirche des Neuen Testaments und somit auch, da diese aus den
Gemeinden an einzelnen Orten besteht, auch diese eure Gemeinde. Also auch an
euch, meine Freunde, als eine Gemeinde und ein Teil der Kirche des Neuen
Testaments, ergeht diese Aufforderung, dass ihr auf einen hohen Berg treten,
eure Stimme mit Macht erheben und die euch übergebene Botschaft weithin in alle
Lande erschallen lassen sollt. So hört denn jetzt:
Die Botschaft, die das neutestamentliche Zion ausrichten soll
Es ist eine Botschaft, die
1.
Ihm von Gott
dem HERRN befohlen ist,
2.
Das Kommen des
HERRN verkündigt,
3.
In alle Lande
erschallen soll.
1.
„Zion, du Predigerin“, so heißt es in
unserem Text, „steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Predigerin, hebe deine
Stimme auf mit Macht, heb‘ auf und fürchte dich nicht!“ An Zion, an Jerusalem,
ergeht diese Aufforderung oder dieser Befehl. Diese wird eine Predigerin
genannt und soll als solche, auf einem hohen Berg stehend, mit Macht ihre
Stimme erheben, so dass diese weithin in die Ferne dringt.
Auf dem Berg Zion stand bekanntlich der
Tempel des HERRN, in dem er selbst wohnte, und von dem aus er sich offenbarte,
und am Fuß des Heiligtums las die Stadt Jerusalem, die deswegen auf die Stadt
Zion genannt wurde. Weil aber Jerusalem mit dem heiligen Tempel in
gottesdienstlicher Beziehung den Mittelpunkt des Volkes Israel bildete, wohin
es alljährlich zu den hohen Festen pilgerte, so wurde auch dieses mit dem Namen
Zion benannt, wie es sonst an anderen Stellen, so auch in unserem Text,
geschieht. Und da Zion, Jerusalem, ein Vorbild auf die Kirche des Neuen
Testaments war, so wird diese das neutestamentliche Zion genannt. So ergeht
denn an diese, die Kirche des Neuen Testaments, die in unserem Text enthaltene
Aufforderung: Sie soll als Predigerin auftreten, soll als solche eine Botschaft
ausrichten. Bedarf es dafür noch eines Beweises, so darf ich nur auf den Befehl
des HERRN in der Zeit der Erfüllung hinweisen, den er seinen Jüngern in den
Worten erteilte: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller
Kreatur!“
Dieser Befehl ist ein göttlicher, denn er
ist von Gott selbst gegeben; und somit auch die Botschaft, die sie ausrichten
soll, eine göttliche, von Gott ihr gegebene. Oder redet nicht Gott in unserem
Text? Spricht er nicht im ersten Vers unseres Kapitels: „Tröstet, tröstet mein
Volk, spricht euer Gott“? und in V. 5: „Der Mund des HERRN redet“?
Ja, wie in dem Vorhergehenden, so redet auch in unserm Text Gott; er ist es,
der spricht: „Zion, hebe deine Stimme auf mit Macht!“ Wenn diese Worte an das
neutestamentliche Zion, die Kirche, gerichtet sind, so sind sie auch an mich
und an euch, an alle, die zu ihr gehören, das heißt, an alle Gläubigen, die
sein Volk, sein Zion sind, gerichtet. Wenn aber unser Gott redet, wer sollte
nicht hören? Wenn er seine Stimme erhebt, wer sollte nicht gehorchen? Wenn ein
Mensch zu uns redet, so mögen wir ihm wohl unser Ohr verschließen; wenn er uns
einen Befehl erteilt, und wenn es auch ein Hochgestellter, ja ein Fürst oder
König wäre, so könnten wir erst überlegen, ob wir ihn zu hören, seinem Befehl
zu gehorchen haben, bedenken, ob er uns zu befehlen Recht oder Macht habe; aber
wenn Gott zu uns redet, der durch sein allmächtiges Werde Himmel und Erde aus
nichts ins Dasein gerufen, die Erde und alles, was darin ist, gemacht hat, der
das Firmament über uns wie einen kristallenen Spiegel ausbreitet und mit
Myriaden von Sternen geschmückt, der auch uns erschaffen, die zu Ohren zu
hören, den Mund zu reden gegeben hat: Sollten wir sein Wort nicht hören, seinem
Befehl nicht gehorchen? Ja, „hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren; denn
der HERR redet!“ Mit diesen Worten begann der Prophet Jesaja das Buch seiner
Weissagungen, und so müssen auch wir in Demut und Ehrfurcht sprechen, wenn der
HERR zu uns redet. So lasst uns denn dessen eingedenk sein, meine Freunde, dass
er in unserem Text uns gegebene Befehl uns von Gott selbst gegeben ist, und
darum die Botschaft, die wir ausrichten sollen, willig und gern ausrichten.
„Hebe deine Stimme auf, fürchte dich nicht!“ ruft er uns zu und ermahnt uns,
die Botschaft nicht mit leiser, sondern mit lauter Stimme zu verkündigen, so
dass sie weit und breit gehört werden kann, auch nicht furchtsam, sondern ohne
alle Furcht, mit Unerschrockenheit, nicht mit Scham, sondern mit heiliger
Freimütigkeit, wie die Apostel am Pfingstfest zu Jerusalem vor den Tausenden
auftraten und redeten. Sollten wir zaghaft sein, wenn wir einen göttlichen
Befehl ausrichten, uns schämen, wenn wir eine göttliche Botschaft verkündigen,
uns fürchten, wenn der allmächtige Gott uns zur Seite steht? Seht, wie
unerschrocken die Apostel am ersten neutestamentlichen Pfingsten, wie später
Petrus und Johannes redeten, obwohl ihnen Geißelung und Gefängnis drohte, und
wie Paulus ausruft: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn
es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ Die
Apostel erhoben ihre Stimme mit Macht und fürchteten sich nicht. Mit derselben
unerschrockenen Freimütigkeit sollen auch wir diese göttliche Botschaft
ausrichten, und das umso mehr, weil es eine Botschaft ist, die das Kommen des
HERRN verkündigt. Dies ist der Inhalt, und darauf lasst uns zweitens blicken.
2.
„Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer
Gott!“ heißt es. Eine wunderbare Botschaft, nicht wahr? „Siehe, da ist euer
Gott!“ das ist der Kern, der eigentliche Inhalt der Botschaft. Wenn ihr mich
fragt: Ist das die ganze Botschaft, die Zion, die auch wir ausrichten sollen,
so antworte ich: Ja, das ist alles; denn die folgenden Verse unseres Textes
sind nur nähere Ausführung.
Aber nun haltet das in unserem Text
gegebene Bild fest. Da steht Zion auf einem hohen Berg, weithin sichtbar, die
Tochter Jerusalem in leuchtender, aufrechter Gestalt. Sie blickt mit Spannung
in die Ferne. Da sieht sie den daherkommen, den sie sehnlich erwartet hat, den,
der so lange Zeit5 verheißen war, der kommen sollte; und sowie sie ihn
erblickt, erhebt sie ihre Stimme mit Macht, weist mit ausgestreckter Hand auf
ihn hin und ruft mit einer Stimme, die weithin durch die Städte Judas bringt:
„Seht, da ist euer Gott!“ Sie, die Tochter Zions, kennt den Daherkommenden,
kennt ihn als den Gott der Städte Judas, und darum ruft sie diesen mit
mächtiger, aber freudenvoller Stimme zu: „Seht, da ist euer Gott!“ und fügt
hinzu: „Siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; seine Vergeltung ist vor ihm.“
Beachtet, dass die Tochter Zions dreimal „Siehe!“ ausruft, um ja aller Augen
auf den Kommenden zu richten; denn es ist Gott, der HERR Zebaoth, und er kommt
gewaltig, mit Macht, kommt, um mit seinem Arm, seiner Macht, zu herrschen.
Wer ist der, den die Tochter Zions den Gott
der Städte Judas, HERR, Jahwe, nennt, dessen Kommen sie mit so freudig
erhobener, lauter Stimme verkündigt? Der, dessen Kommen in der Verheißung
angekündigt war: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem
David ein gerechtes Gewächs erwecken will. … Und dies wird sein Name sein, dass
man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist“; ferner: „Aber du,
Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalems, jauchze! Siehe, dein
König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, am, und reitet auf einem Esel
und auf einem jungen Füllen der Eselin.“ Aber kommt der mit Macht, der nicht
auf stolzem Schlachtross, sondern auf einem Füllen der Eselin daherkommt, nicht
an der Spitze eines mächtigen Heeres, sondern inmitten unscheinbarer Jünger?
Kann und wird der herrschen? Ja, das wird er trotz seiner Niedrigkeit; denn er
ist ja Gott, HERR, Jahwe, der Jungfrauensohn, aber doch auch wahrhaftig Gottes
Sohn, Jesus Christus, der Held, dem die Völker anhangen sollen, der herrschen
wird, den die Städte Judas als ihren Gott an- und aufnehmen sollen.
Wie kommt er? Nicht allein gewaltig oder
mit Macht, sondern auch mit seinem Lohn und mit seiner Vergeltung, die vor ihm
ist. Was für ein Lohn, was für eine Vergeltung ist das? Nicht der Lohn, den er
seinen Feinden gibt, nicht die gerechte Vergeltung für ihre Feindschaft,
sondern der Lehn, den er seinem Zion bringt und zuführt, nämlich die durch
seine mächtigen Taten Erlösten, die an ihn gläubig gewordenen, die er von der
Obrigkeit der Finsternis errettet hat; es sind die Schafe aus dem anderen
Stall, die Heiden, die er herführt und mit seiner Herde vereinigt. Die hat er
nicht durch die Gewalt der Waffen, sondern durch sein Wort, sein Evangelium,
erkämpft und gewonnen; denn dies Wort ist ein mächtiges Wort, das den Fürsten
der Finsternis bezwingt, die Ketten er Sünde sprengt. Oder ist es nicht so,
meine Freunde? Blickt in die Geschichte seines alt- und neutestamentlichen
Reiches. Er sendet Pharao die Botschaft: „Lass man Volk ziehen!“ Dieser
antwortet vermessen: „Wer ist der HERR, dessen Stimme ich gehorchen müsste?“ Er
wird mit Ross und Reitern im Roten Meer ersäuft. Da steht der stolze
Nebukadnezar auf seiner stolzen Burg; aber er wird auf das Feld in den Tau des
Himmels geworfen. Das stockte Volk der Juden will ihn nicht über sich herrschen
lassen, darum wir ihre Stadt samt dem Tempel in einen Trümmerhaufen verwandelt.
Die Heiden toben gegen ihn, und die Herren lehnen sich auf gegen ihn, den
Gesalbten; sie toben gegen ihn mit Feuer und Schwert. Sein Reich aber erstreckt
sich heute von den Eisgestaden des Nordens bis unter die Palmen des heißen
Südens; die Inseln schweigen vor ihm und huldigen ihm. Sein Arm, sein mächtiges
Wort der Gnade, herrscht unter den Völkern, unter denen die Botschaft Zions:
„Siehe, da ist euer Gott!“ erschollen ist und noch erfüllt.
Darum sollen auch wir, sein
neutestamentliches Zion, seine Botschaft: „Da ist euer Gott!“ wie von einem
hohen Berg mit erhobener Stimme in die Städte Judas nicht allein, sondern auch
in die der Heiden erschallen lassen; denn sein Arm soll und wird auch unter
denen herrschen. Von welchem hohen Berg? Nicht von dem Berg Zion im gelobten
Land, nicht von Sinai oder von einem anderen natürlichen Berg auf der Erde,
sondern von dem Berg unseres Glaubens, des festen göttlichen Glaubens an ihn,
unseren Gott und Heiland, und an die Verheißung, dass er mit seinem Arm, seinem
Evangelium, herrschen wird. In und auf diesem Glauben stehend, erheben wir
getrost unsere Stimme und rufen ohne Furcht und Zagen: „Seht, da ist euer
Gott!“ Er kommt zu euch mit seiner Gnade, mit den Gütern des Heils, die er
erworben hat, mit Vergebung der Sünden, mit Gerechtigkeit, mit Heil, mit
Seligkeit; er kommt, um uns zu befreien von der Knechtschaft der Sünde, zu
erretten aus der Macht Satans und aus den Schrecken des Todes. Nehmt ihn auf als
euren König; denn er ist euer Gott. Dient ihm im Glauben, mit Freuden; denn er
ist euer Heiland, euer Errettet, Seligmacher.
Nehmt ihn au; denn: „Er wird seine Hede
weiden wie ein Hirte und die Schafmütter führen“, so lautet der letzte Vers
unserer Botschaft. Welch ein liebliches Bild, meine Zuhörer! Er, der gewaltig
kommt, dessen Arm herrscht mit Macht über seine Feinde, der mit Sanftmut
herrscht über die Seinen, der weidet sie, die Erlösten, wie ein Hirte, weidet
sie auf den grünen Auen seines Wortes, führt sie zu den frischen Wassern seiner
Gnade, erquickt ihre Seelen mit seinem Trost, führt sie auf rechter Straße,
schützt sie in Nöten und Trübsalen, und die Lämmer, die Schäflein, sammelt er
in seine Arme und trügt sie, nimmt sie in seiner Liebe an seinen Busen, und die
Schafmütter führt er in ihrer Schwachheit sanft und milde.
Das, meine Freunde, ist die Botschaft, die
auch wir ausrichten sollen. Ist das nicht eine Botschaft des Heils, der Freude,
der Seligkeit, die wir von dem hohen Berg unseres felsenfesten Glaubens aus mit
lauter Stimme, ohne alle Furcht, in freudiger Zuversicht ausrichten sollen?
Möge sie denn auch von uns, die wir zu Zion gehören, so erschallen hier in
unserem Land, in unseren Städten und auf dem Land, auf den Bergen und in den
Tälern, in den Wäldern, wo die Axt den Urwald lichtet, und auf den weiten Fluren,
wo der Pflug seine Furchen zieht, ja erschallen in den entferntesten Ländern
der Erde, wo die blinden Heiden zu ihren stummen Götzen flehen! Darüber lasst
mich noch zum Schluss kurz reden.
3.
„Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer
Gott!“ Allen Städten Judas soll diese Botschaft gebracht werden, also dem
ganzen Land. Wie viele in ihren Städten kennen ihren Gott und Heiland nicht,
sondern sind in heidnischer Abgötterei versunken! Ephraim hatte sich, wie es
beim Propheten Hosea heißt, zu den Götzen gesellt.
Und zu Götzen haben sich alle gesellt, die nicht den als ihren Gott und Heiland
erkannt und angenommen haben, auf den in der Botschaft: „Siehe, das ist euer
Gott!“ hingewiesen wird. Denn werden Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater
nicht, da der Vater in dem Sohn geehrt wird. Der Gott, den man sich ohne
Christus macht, ist weiter nichts als ein Götze. So dienen denn alle, die
Christus nicht als den Sohn Gottes und Heiland erkannt haben, den Götzen und
gehen verloren, wenn sie ihn nicht erkennen; denn so spricht der HERR Joh. 17:
„Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, dass du allein wahrer Gott bist,
und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“; und deswegen soll diese Botschaft:
„Siehe, da ist euer Gott!“ in allen Landen erschallen, damit die Menschen an
allen Enden der Erde ihn erkennen, glauben und selig werden.
Lasst mich dies, meine Zuhörer, so
darstellen: Gesetzt, ihr alle hättet von Christus noch nichts gehört, hättet
ihn nicht erkannt, sondern der eine diente diesem, der andere einem anderen
Götzen, und ich würde euch zurufen: Ihr seid alle Götzendiener; seht, der
allein ist euer Gott, der Gott und Mensch in einer Person ist, Jesus
Christus; an den glaubt, in ihm allein ist Vergebung der Sünden, Leben und
Seligkeit – würde diese Botschaft nicht wie ein Blitz unter euch fallen? Aber
so ist es stets gewesen, wo immer diese Botschaft Juden und Heiden verkündigt
worden ist. Als sie von den Aposteln am Pfingstfest einer großen Menge
verkündigt wurde, da hatten’s etliche ihren Spott,
anderen ging sie durchs Herz. Ja, die Apostel haben mit dieser Botschaft, wie
es Apg. 17 heißt, den ganzen Weltkreis erregt. Sie war den Juden ein Ärgernis,
den Griechen eine Torheit. Als sie Paulus den Athenern verkündigte, spotteten
die Weltweisen: „Was uns dieser Lotterbube sagen?“ So ist es heute noch, wenn
die Missionare diese Botschaft den Heiden verkündigen. Aber doch erweist sie
sich überall als eine Gotteskraft, die selig macht alle, die daran glauben.
Blickt auf den Apostel Paulus. Er verkündigt diese Botschaft in Thessalonich; die halsstarrigen Juden erregen zwar einen
Aufruhr, aber doch wird eine große Menge gläubig und gesellt sich zu ihm. Er
kommt nach Athen, wo die Weltweisheit damals ihren Sitz hatte. Er wandelt durch
die Straßen, die links und rechts mit aus Marmor gemeißelten Götzenbildern
besetzt sind, er ergrimmt im Geist über die abgöttische Stadt. Er verkündigt
diese Botschaft, „das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung der Toten“.
„Es scheint, also wollte er neue Götter verkündigen“, sprechen etliche höhnisch
und spottend, andere: „Wir wollen dich davon weiter hören.“ „Etliche aber
hingen ihm an und wurden gläubig.“ So überall, zu allen Zeiten. Und doch hat
des HERRN Arm überall, wo diese Botschaft erschollen ist, gesiegt und
geherrscht. Durch diese Botschaft hat er die Götzenbilder in Athen, in Korinth,
in Thessalonich und in Rom zerschmettert und in den
Staub geworfen. Mochten die Epheser bei zwei Stunden schreien: „Groß ist die
Diana der Epheser!“ die große Göttin ist gestürzt, ihr Tempel zerstört, und das
Kreuz, das Siegeszeichen des Gekreuzigten, ist aufgerichtet. Kaiser Julian
machte es sich im vierten Jahrhundert zur Lebensaufgabe, Christi Reich in
seinem weiten Reich zu zerstören und das Heidentum wieder zur Herrschaft zu
bringen; aber sterbend musste er ausrufen: „Endlich, Galiläer, hast du doch
gesiegt!“ Ja, das Kreuz, das Siegeszeichen dessen, der gekommen ist, steht
heute noch überall in den Städten und auf dem Land, und wo es noch nicht als
solches aufgerichtet ist, da solle s durch diese unsere Botschaft aufgerichtet
werden, bis die Verheißung erfüllt ist: „Er wird herrschen von einem Meer bis
ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen
die in der Wüste; und seine Feinde werden Staub lecken.“ Und sie wird erfüllt
werden; sein Arm wird herrschen; denn er kommt noch immer gewaltig, so wahr er
Gott, Gott ist.
So wollen denn auch wir, meine Freunde, uns
als ein Zion, auf einem hohen Berg stehend, erweisen, wollen an unserem Teil
unsere Stimme mit Macht erheben, indem wir unsere Missionare und Reiseprediger
überall hinsenden, den Heiden und Juden und allen Abgöttischen fort und fort
zuzurufen: „Seht, da ist euer Gott, Jesus Christus, euer HERR und Heiland!“ Und
die an ihn gläubig Gewordenen wird er uns als Lohn zuführen; die wird er weiden
als ein Hirte, als Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen. Er
selbst aber mache uns zur Ausrichtung dieser seligen Botschaft willig und
geschickt! Amen.
1.
Mose 49,10: Es wird das Zepter von Juda nicht
entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme;
und demselben werden die Völker anhangen.
In Christus, unserem Heiland, geliebte
Festgenossen!
Lasst euch nicht befremden, dass ich die
eben von euch vernommenen Worte der Heiligen Schrift unserer heutigen
Betrachtung zugrunde gelegt habe. Sie führen uns allerdings, wenn wir auf den
Zusammenhang achten, nicht in ein Haus, in welchem über die Geburt eines Kindes
Freude herrscht, sondern in ein Haus, in welchem ein sterbender Greis auf
seinem Bett liegt. Ein neugeborenes Kind und ein sterbender Greis, eine Wiege
und ein Sterbebett stehen freilich im größten Gegensatz. Das Kind tritt durch
seine Geburt in das Leben hinein, ein sterbender Greis tritt aus ihm hinaus.
Jenes beginnt seine Pilgerschaft, dieser beschließt sie. Aber wie wunderbar!
Der Greis, an dessen Sterbebett uns die verlesenen Textworte im Geist
versetzen, schaut im Glauben in eine ferne Zukunft; er blickt im Licht der
Verheißungen das Kommen, die Geburt eines Kindes, das der Welt das Heil bringen
und daher den Mittelpunkt der Heilsgeschichte bilden soll.
Dieser sterbende Greis ist der Erzvater
Jakob. Er ist 147 Jahre alt. Wie wunderbar hatte ihn Gott auf seiner irdischen
Pilgerschaft geführt, durch Tiefen und über Höhen, durch Nacht und durch Licht!
Er hatte vor seinem Bruder fliehen und dem Laban 20 Jahre lang dienen müssen.
Zudem hatten ihm namentlich die drei ältesten Söhne viel Kummer und Herzeleid
bereitet. Sein frommer Sohn Joseph war von den Brüdern in die Sklaverei
verkauft worden, und er hatte viele Jahre um ihn getrauert als um einen Toten.
Endlich hatte ihn eine große Teuerung gezwungen, Kanaan zu verlassen und nach
Ägypten zu ziehen. So konnte er der Wahrheit gemäß zu Pharao sagen: „Wenig und
böse ist die Zeit meines Lebens.“ Aber doch auch: Welch herrliche Offenbarungen
hatte der HERR ihm zuteil werden lassen! Auf der
Flucht nach Mesopotamien hatte er die Himmelsleiter erblickt und war von Gott
selbst gesegnet worden. Auf der Rückkehr nach Kanaan waren ihm zu Mahanaim die
Engel Gottes erschienen. An der Furt Jabbok hatte er
mit Gott selbst gekämpft und gesiegt, war darauf gesegnet worden und hatte den
Ehrennamen Israel erhalten. In Ägypten hatte er siebzehn Jahre in Ruhe und
Frieden leben dürfen.
Nun ist das Ende seiner irdischen
Pilgerschaft gekommen. Alle seine Söhne sowie die beiden Söhne Josephs sind um
sein Bett versammelt, auch Joseph selbst, der Fürst über ganz Ägyptenland. Und
der scheidende Vater erteilt einem jeden einen besonderen Segen. Er beginnt mit
dem ältesten, Ruben; aber er erteilt ihm nicht den Segen der Erstgeburt, mit
dem ein doppelter Anteil ein Besitz und die Herrschaft über die jüngeren Brüder
verbunden war, auch nicht dem zweiten, Simeon, noch dem dritten, Levi, sondern dem
vierten Sohn, Juda, weil jene durch früher begangene
Sünden sich des Segens der Erstgeburt unwürdig gemacht hatten. Zu Juda sich wendend, sprach der Vater: „Juda,
du bist’s; dich werden deine Brüder loben.“ Vor dir
werden deines Vater Kinder sich neigen. „Juda ist ein
junger Löwe. Du bist hoch gekommen, mein Sohn, durch große Siege.“ Aber dieser
Segen klingt in die prophetische Weissagung aus: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen
Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.“
Aufgrund diesesr Worte lasst mich denn jetzt zeigen:
Die Weissagung des Erzvaters Jakob von dem zukünftigen Messias
Er weissagt
1. von der Zeit seines Kommens,
2. von seiner Person,
3. von seiner Herrschaft.
1.
Wie Jakob, obwohl der Jüngere, an Stelle
seines Bruders Esau durch den Segen seines Vaters Isaak das Recht der
Erstgeburt erhalten hatte, so erhielt nun Juda an
Stelle des erstgeborenen Ruben dasselbe Recht durch den Segen Jakobs. Juda hatte sich unter den Brüdern durch Edelmut und
Ritterlichkeit wiederholt hervorgetan. Er hatte es verhütet, dass Joseph von
seinen Brüdern getötet worden war, hatte sich für Benjamin bei seinem Vater
verbürgt und war bei Joseph in Ägypten für ihn eingetreten. Deswegen – besonders
aber durch göttliche Lenkung – erhob ihn Jakob durch seinen Segen über seine
Brüder zum Herrn und Gebieter und zum Stammvater des zukünftigen Messias, indem
er weissagend sprach! „Es wird das Zepter das Juda
nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held
komme.“
Juda sollte das
Zepter über seine Brüder führen. Was heißt das? Ein Zepter ist das sichtbare
Zeichen oder Sinnbild der Herrschaft, die ein Fürst über sein Volk als seine
Untertanen ausübt. Wenn Jakob daher weissagt, dass Juda
das Zepter führen werde, so sagt er damit, dass er unter seinen Brüdern die
Stellung eines Königs einnehmen werde. Und eben darum fügt er hinzu: „noch ein
Meister von seinen Füßen“. Das Wort Meister heißt hier Herrscherstab, so dass
Jakob mit diesen Worten ankündet, dass Juda auf dem
Herrscherthron sitzen, und dass als Zeichen seiner Herrschaft der Herrscherstab
zwischen seinen Füßen ruhen werde. Diese Weissagung Jakobs stellt Juda als einen König dar, der auf dem Herrscherthron sitzt
und als Zeichen seiner königlichen Macht den Herrscherstab, dessen unteres Ende
zwischen den Füßen ruht, in seiner Hand hält.
Und wie Jakob weissagt hat, so ist es
geschehen. Zwar berief Gott, als die Nachkommen der zwölf Söhne Jakobs in
Ägypten ein großes Volk geworden waren, keinen aus den Nachkommen, dem Stamm, Juda zum Erretter derselben aus der Knechtschaft Pharaos
und zum Führer durch die Wüste, sondern Mose aus dem Stamm Levi und zum
Nachfolger Moses Josua aus dem Stamm Ephraim. Aber beim Auszug aus Ägypten und
bei der Wanderung in der Wüste zog der Stamm Juda an
der Spitze und bildete also den Vortrab, wodurch die hervorragende Stellung,
die er einnehmen sollte, vorbedeutet war. Auch der erste König des
israelitischen Volkes, Saul, gehörte nicht dem Stamm Juda,
sondern dem Stamm Benjamin an. Als aber dieser verworfen, und zu seinem
Nachfolger David zum König über das ganze Volk gesalbt wurde, da wurde die
Weissagung Jakobs nach 635 Jahren erfüllt, dass Juda,
einer aus dem Stamm Juda, das Zepter über das Volk
Israel führen sollte. Von David, dem Heldenkönig Israels, an war stets einer
aus dem Stamm Juda König, zuerst über alle und nach
Trennung der zehn Stämme unter Jerobeam über die
beiden Stämme Juda und Benjamin, die dem Haus Davids
treu blieben.
Nun weissagt aber Jakob, das Zepter, die
königliche Herrschaft, solle von dem Stamm Juda nicht
entwendet und der Herrscherstab zwischen seinen Füßen solle nicht weggenommen
werden, bis der Held komme. Wer ist der, den er Held nennt? Kein anderer als
der dem Volk verheißene König, der Messias. Mit anderen Worten: Wenn der
Messias erscheine, dann werde keiner aus dem Stamm Juda
auf dem Thron sitzen, sondern ein anderer über das Reich Juda
herrschen, und daran sollten die Gläubigen erkennen, dass es die Zeit sei, in
welcher der Messias, der Held, erscheinen müsse. Und diese Weissagung ist
erfüllt worden. Denn vom Jahr 37 vor Christi Geburt an herrschte Herodes I. zu
Jerusalem über das Reich Juda, der ein Idumäer, ein
Nachkomme Esaus, war. So war denn das Zepter von dem Stamm Juda
entwendet, der Herrscherstab von seinen Füßen genommen, und der Held kam, wurde
von der Jungfrau Maria zu Bethlehem geboren und von Herodes in dem grausamen
Kindermord zu Bethlehem umzubringen versucht, da er sich durch die Nachricht
von dem neugeborenen König der Juden in seiner Herrschaft bedroht glaubte.
Sehr da, Geliebte, so genau ist die
Weissagung des Erzvaters Jakob auf seinem Sterbebett in dem Segen über Juda hinsichtlich der Zeit in Erfüllung gegangen. Durch
göttliche Offenbarung blickte er in die Ferne von etwa 2.000 Jahren und
verkündigte die Geburt dessen, der den ersten Eltern im Paradies als der
Schlangentreter und Weibessame, Abraham, Isaak und
ihm selbst als der Same verheißen war, in dem alle Geschlechter auf Erden
gesegnet werden sollten, der aus dem Stamm Juda und
dem Geschlecht Davids entspringen sollte und entsprossen ist, da Maria aus dem
Haus und Geschlecht Davids und somit vom Stamm Juda
war. So singen wir mit Recht:
Da
aber kam die rechte Zeit,
Von
welcher Jakob prophezeit,
Las
er sich eine Jungfrau aus,
Ei’m Mann vertraut von Davids Haus,
und:
Was
der alten Väter Schar
Höchster
Wunsch und Sehnen war,
Und
was sie geprophezeit,
Ist
erfüllt in Herrlichkeit.
Zions
Hilf und Abrams Lohn,
Jakobs
Heil, der Jungfraun Sohn,
Der
wohl zweigestammte Held,
Hat
sich treulich eingestellt.
Aber wie Jakob die Zeit weissagte, zu
welcher der Messias geboren werden sollte, so weissagte er auch von seiner
Person. Das wollen wir zweitens betrachten.
2.
„Es wird das Zepter von Juda
nicht entwendet werden noch ein Meister“, der Herrscherstab, „von seinen Füßen,
bis dass der Held komme“, weissagt Jakob. Er nennt den, welchen sein
prophetisches Auge in ferner Zukunft erblickt, Held und kennzeichnet damit
seine Person.
Blicken wir auf die Namen, die dem
verheißenen Messias in der Schrift des Alten Testaments beigelegt werden. In
der ersten Verheißung wird er der Same des Weibes genannt; damit wird gesagt,
dass er wahrer Mensch sein werde; aber mit den Worten: „Derselbe wird dir [der
Schlange] den Kopf zertreten“ wird zugleich angedeutet, dass er, wie Jakob ihn
nennt, ein Held sein werde. In den Verheißungen, die Abraham, Isaak und Jakob
gegeben wurden, wird er Abrahams, Isaaks und Jakobs Same genannt. Mose nennt
ihn einen Propheten; denn er spricht zu dem Volk: „Einen Propheten wie mich
wird der HERR, dein Gott, dir erwecken aus dir und aus deinen Brüdern, dem
sollt ihr gehorchen.“ David nennt ihn die Hilfe aus Zion, indem er sein
sehnliches Verlangen nach seiner Erscheinung in den Worten ausspricht: „Ach,
dass die Hilfe aus Zion käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So
würde Jakob sich freuen und Israel fröhlich sein“, und stellt ihn damit in
königlicher Majestät, Macht und Würde dar, indem er im 24. Psalm sagt: „Machet
die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren
einziehe! Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der HERR, stark und mächtig,
der HERR, mächtig im Streit.“ Ebenso auch Salomo in den Worten des 72. Psalms:
„Gott, gib dein Gericht dem König und deine Gerechtigkeit des Königs Sohn, dass
er dein Volk bringe zur Gerechtigkeit und den Elenden rette.“ Am allseitigsten
aber beschreibt ihn der Prophet Jesaja, der im 7. Kapitel weissagt: „Siehe,
eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen
Immanuel“, ihn also den Sohn einer Jungfrau und Immanuel, das heißt, Gott mit
uns, nennt. Sodann in der bekannten Weissagung im 9. Kapitel: „Uns ist ein Kind
geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter,
und er heißt: Wunderbar, Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst, auf dass
seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und
seinem Königreich.“ Der Prophet Jeremia fügt zwei weitere Namen hinzu, indem er
spricht: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein
gerechtes Gewächs erwecken will; und soll ein König sein, der wohl regieren
wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Und dies wird sein Name
sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist [Jahwe Zedakah].“ Ein Gewächs, ein Spross Davids, nennt er ihn,
weil er aus dem Geschlecht Davids nach seiner menschlichen Natur kommen und ein
gerechtes Gewächs, weil er vollkommen gerecht, ohne die geringste Sünde sein
wird. Aber er ist mehr als dies: auch Jahwe, HERR, unsere Gerechtigkeit, also
Mensch und Gott in einer Person.
So zahlreich diese dem zukünftigen Messias
beigelegten Namen sind, so vielseitig beschreiben sie seine Person nach seinen
Eigenschaften, seinem Wesen und nach der Stellung, die er einnehmen wird. Wie
erhaben, alle menschliche Größe unendlich überragend, stand er nach diesen und
anderen Namen durch diese Weissagung vor dem ihn erwartenden Volk da! Aber mehr
oder weniger klingt in diesem Namen durch, den ihm Jakob in unserem Text
beilegte, der Name Held. Er ist ein Held; denn er zertritt der alten Schlange,
dem Teufel, den Kopf und nimmt ihm seine macht. Er ist ein Held; denn in ihm
werden alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er ist ein Held; denn er
wird die ersehnte Hilfe bringen. Er ist ein Held; denn er ist der König der
Ehren, der HERR, stark und mächtig im Streit. Er ist ein Held; denn er ist der
wunderbare, der starke Gott, der Ewigvater, der Friedefürst. Er ist der Held;
denn er ist Immanuel und Jahwe selbst. Wer kann sich mit ihm an Kraft und
Stärke messen? Wo sind die größten Helden unter den Menschen, die große
Heldentaten vollbracht, mächtige Könige von ihren Thronen gestürzt, große
Völker überwunden und ihrem Zepter unterworfen haben? Sie sind dahingesunken
wie die Ärmsten unter den Armen; der Tod hat ihnen die Krone vom Haupt genommen
und den Herrscherstab ihrer Hand entwunden. Dieser Held aber hat die Bande des
Todes zerrissen. Ja:
Fürsten
sind Menschen, vom Weib geboren,
Und
kehren um zu ihrem Staub;
Ihre
Anschläge sind auch verloren,
Wenn
nun das Grab nimmt seinen Raub.
Dieser
aber steht mit dem Siegeszepter auf dem Grab, hat Teufel, Tod und Hölle unter
seinen Füßen, hat alle Erlöst, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben
Knechte sein mussten; denn er ist ein unvergleichlicher Held. Das Zepter, den
Herrscherstab, der dem Stamm Juda entwendet war, hat
er an sich genommen und zur vollsten Entfaltung gebracht; er wird ihm niemals
entwendet werden, noch wird er seiner Hand entgleiten; denn sein Stuhl, das
verkündet David im 45. Psalm, bleibt ewig, das Zepter seines Reiches ist ein
gerades Zepter.
Blicken wir nun auf die Erfüllung dieses
Teil der Weissagung Jakobs in unserem Text und der späteren, die zum Teil auf
ihr ruhen, sie erweitern und vervollständigen. Blicken wir auf des Messias
Kommen zu der bestimmten Zeit, das heißt, auf seine Geburt zu Bethlehem, so
sehen wir ein kleines Kindlein, das im Schoß seiner Mutter, der Jungfrau Maria,
ruht, anscheinend nicht stark, sondern schwach, nicht mächtig, sondern
ohnmächtig. Nicht in einem prächtigen Königspalast erscheint er, sondern in
einem dunklen Stall, aber die himmlischen Heerscharen, die starken Helden, die
Gottes Befehl ausrichten, erscheinen. Einer von ihnen verkündet den Hirten auf
den Fluren Bethlehems: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist
Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Beachtet die letzten Worte: „der HERR
in der Stadt Davids“; da klingt der „Held“ wieder durch. Und die ganze Schar
stimmt den nie gehörten Festgesang an: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Sie verherrlichen das Kommen des
Messias als das eines unvergleichlichen Helden.
Was für eine Herrschaft aber wird er haben?
Das verkündigt Jakob des weiteren, indem er seine
Herrschaft in den Worten beschreibt: „Und demselben werden die Völker
anhangen.“ Das lasst uns zum Schluss zu erkennen suchen.
3.
Schon in den ersten Worten dieser
Weissagung und in dem Namen „Held“, den Jakob dem zukünftigen Messias beilegt,
ist angedeutet, dass er ein Herrscher sein werde. Wenn er nun hinzusetzt: „Und
demselben werden die Völker anhangen“, so sagt er damit, was für ein Reich er
haben, und welcher Art seine Herrschaft sein werde.
„Die Völker“, sagt er, werden ihm anhangen.
Diese Völker sind nicht etwa die zwölf Stämme des Volkes Israel, über die der
Stamm, nämlich einer aus dem Stamm Juda, von David
bis auf Rehabeam, als König herrschte; denn nicht
jeder einzelne Stamm, sondern alle Stämme zusammen bilden das Volk Israel.
Darum heißt es im 72. Psalm: „Er4 wird herrschen von einem Meer bis ans andere
und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der
Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken. Die Könige am Meer und in den
Inseln werden Geschenke bringen; die Könige aus Reicharabien und Seba werden
Gaben zuführen. Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden ihm dienen.“
Ebenso der Prophet Jesaja: Zu dem Berg Zion „werden alle Heiden laufen, und
viele Völker hingehen und sagen: Lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum
Haus des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege, und wir wandeln auf
seinen Steigen. Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und des HERRN Wort von
Jerusalem.“ Nicht also nur über ein Volk oder ein Land, so
weissagt Jakob, werde dieser Held herrschen, sondern über alle Völker, alle
Länder der Erde.
Und die Völker werden ihm „anhangen“, ihm
willigen Gehorsam leisten. Das ist umso wunderbarer, da den Heiden kein Volk so
verächtlich, so verhasst war wie die Juden. Und sie werden einem aus diesem
Volk, mehr: einem, der von seinem eigenen Volk verworfen, gekreuzigt worden
ist, freiwillig anhangen, sich vor ihm beugen, ihm als ihrem König gehorsam
sein. Er wird sie sich nicht mit Gewalt unterwerfen, wie dies von weltlichen
Fürsten und Herrschern geschieht, die durch Kriegsheere und Waffen ganze Länder
erobern und sie zum Gehorsam zwingen, sondern sie werden von selbst, wie Jesaja
sagt, freiwillig, ohne Zwang, kommen und ihm in Liebe anhangen, weil sie unter
seiner Her4rschaft volle Glückseligkeit, Ruhe und Frieden genießen. So heißt es
Ps. 110,3: „Zu deinem Heerzug wird dein Volk willig folgen in heiligem
Schmuck.“ Denn obwohl der Held, der HERR, stark und mächtig im Streit, ist er
doch der Friedefürst, der den Seinen Frieden ohne Ende bringt, und zwar den
himmlischen Frieden, den Frieden mit Gott. Wie weit überragt also dieser Held
alle irdischen Helden und Herrscher! Diese alle, auch die mächtigsten unter
ihnen, herrschen nur über oder mehrere, keiner über alle Völker; jener aber
herrscht über alle Völker bis ans Ende der Erde. Sie alle herrschen mehr oder
weniger durch Zwang und Gewalt, durch Gesetz; er aber findet willigen Gehorsam,
ihm hangen die Untertanen an, er herrscht durch Gnade. Das ist es, was Jakob
von dem zukünftigen Messias, von seiner Herrschaft, weissagt.
Und die Erfüllung? Sie hat es betätigt und
bestätigt es noch fort und fort. Als er zu Bethlehem geboren war, da sangen die
himmlischen Heerscharen nicht bloß: „Ehre sei Gott in der Höhe“, sondern auch:
„und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, weil in ihm der
Friedefürst erschienen war. Da jubelte der fromme Simeon: „HERR, nun lässt du
deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden,
und zum Preis deines Volkes Israel.“ Und als er sein Werk hier auf Erden, die
Erlösung aller Völker, vollendet hatte und sich anschickte, als der
sieggekrönte Held über alle Feinde zum Himmel zu fahren, da bestätigte er, dass
ich so sage, die Worte: „Demselben werden die Völker anhangen“, mit dem Befehl:
„Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt
und getauft wird, der wird selig werden.“ Und hangen ihm heute nicht die Völker
an? Herrscht er heute nicht von einem Meer bis ans andere, von dem Wasser bis
an der Welt Ende? Wo sein Wort, das Evangelium, gepredigt wird, da herrscht er
mitten unter seinen Feinden, da hangen ihm die Seinen, die Gläubigen, an und
dienen ihm in Liebe und willigem Gehorsam.
Selig, wer wie der Erzvater Jakob in den
letzten Stunden seiner irdischen Pilgerschaft im Glauben diesem Held, der den
Tod überwunden hat, anhangt. Er gelangt zu ewigem Sieg und Frieden. Amen.
Teuerste,
von Gott hochgeliebte Zuhörer!
Solche,
die gar kein Wohlgefallen an der Geburt unseres Heilandes haben sollten, gibt
es in der Christenheit gewiss nur wenige. Selbst der getaufte Ungläubige bleibt
von der heiligen Weihnachtsfreude der Christen nicht ganz unberührt. Er, der
stolze Vernunftmensch, spottet zwar über uns Christen, dass wir in diesen Tagen
laut predigen und es fest glauben, dass das Jesuskindlein der Sohn des
Allerhöchsten, dass in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnhaft und
mit ihm der Unsichtbare sichtbar gewesen sei; obgleich er nämlich zugibt, dass
Gott unbegreiflich sei, so ist ihm doch das zu unbegreiflich, dass der
wunderbare Gott ein Mensch wird; obgleich er zugibt, dass Gott allmächtig und
ihm kein Ding unmöglich ist, so ist es ihm doch etwas zu Großes, dass der
allmächtige Gott aus Liebe zu den Sündern ein ohnmächtiges Kindlein werden
könne. Er will, spricht er, auch Geheimnisse glauben, aber wenn er sie
begreifen könne; welch ein Widerspruch! Gott soll alles können, doch, sich
selbst zu uns herabzulassen, um uns zu sich hinaufzuziehen, das sei undenkbar,
das sei auch Gott unmöglich. Der Ungläubige glaubt also lieber einen
ohnmächtigen, als einen menschgewordenen Gott; er glaubt lieber an eine
unvollkommene Liebe Gottes, die uns nicht ganz helfen will, als an eine solche
göttliche Liebe, die sich selbst opfert, damit ihre arme menschliche Kreatur
nicht verloren gehe; lieber an eine menschlich beschränkte, als an eine
unbegrenzte, also wahrhaft göttliche Liebe. Zwar ist also dem Ungläubigen das
größte Wunder der ewigen Liebe Gottes und das tiefste Geheimnis seiner
Weisheit, das wir Christen in diesen Tagen feiern, verborgen, ja, ein Ärgernis;
zwar will er davon nichts wissen, dass der Geburtstag Jesu Christi der Anbruch
des großen Erlösungstags aller Sünder, also das Wichtigste sei, das in der Welt
seit ihrer Entstehung aus Nichts geschehen ist: aber dass die heilige Nacht der Geburt Jesu Christi wichtig und eine
Nacht fröhlicher Botschaft für die Welt war, dieses muss selbst der Ungläubige,
selbst der Spötter bekennen. Auch er kann es nicht leugnen, dass seit der
Geburt Jesu Christi durch den Trost, welchen er gebracht hat, unzählige Tränen
getrocknet worden sind. Er kann es nicht leugnen, dass mit Christus ein Licht
aufgegangen ist auf dem ganzen Erdboden, das die undurchdringliche, trostlose
Nacht des Heidentums zum Heil der Völker durchbrach. Er kann es nicht leugnen,
dass allenthalben, wohin das Evangelium Christi drang, unaussprechliche
leibliche und geistliche Segnungen ausgebreitet wurden, dass alle, die au ihn von Herzen glaubten, bessere Menschen wurden, die
Gott fürchteten und ihre Mitmenschen als ihre Brüder und Schwestern liebten. Er
kann es nicht leugnen: wenn alle Menschen nach Christi Lehre wirklich in allem
handelten und wandelten, da würde schnell aller Streit zu Ende sein, kein
Menschenblut würde mehr fließen, kein Elender und Unglücklicher würde klagen,
dass er verlassen sei, keiner würde von dem andern übervorteilt, keiner vom
Bruder gekränkt, keiner von Menschen betrübt werden; Ordnung, Friede, Freude,
Segen, Wohlstand, Zufriedenheit, Hoffnung und alles Heil würde unter den
Menschen einkehren; jeder Staat, jedes Land, jedes Haus, jede Familie würde
glücklich sein und die Erde sich in ein Paradies, in einen Himmel verwandeln.
Wohl
ist es wahr, dass auch nach der Geburt Christi unglaubliches Elend und
Verderben mitten in der Christenheit herrschte, unzählige Tränen geweint und
erschreckliche Missetaten verübt worden sind; aber woran lag dies? Nicht an
Christo und seinem teuren Evangelium, sondern daran, dass das Licht erschien,
und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Dass aber in dem
Evangelium selbst zeitliches und ewiges Heil für die Menschen verborgen liege,
wie der Fruchtbaum im Samenkorn, das müssen selbst solche bekennen, die nicht
daran glauben. Selbst das Herz des Ungläubigen wird daher bewegt, wenn er hört:
Heut ward Christus, heut ward der Heiland geboren.
Doch,
meine Lieben, das ist das Wohlgefallen nicht, welches jene. himmlischen Boten
von den erlösten Menschen allein forderten. Worin dasselbe eigentlich bestehe,
das euch zu zeigen, dazu sei die gegenwärtige festliche Stunde gewidmet.
Lukas 2,15-20: Und da die Engel von ihnen zum
Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach
Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR
kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu
das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das
Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es
kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber
behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten
kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehöret und
gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Woran
wir Menschen unser Wohlgefallen haben sollen, das haben wir gestern von den
heiligen Engeln gehört, nämlich an der in der Geburt Jesu Christi geoffenbarten
höchsten Liebe Gottes und an den allerseligsten) Früchten, welche
dieselbe gebracht hat. Worin aber dieses Wohlgefallen bestehe und wie es sich
an uns offenbaren solle, dies sehen wir heute an dem Beispiel der
bethlehemitischen Hirten. Lasset mich euch daher jetzt die Frage beantworten:
Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie
an der Geburt ihres Heilandes haben sollen, und wodurch soll es sich bei ihnen
offenbaren?
1.
es besteht darin, dass wir, wie die Hirten, alles andere stehen lassen und das
Christkindlein eilends aufsuchen und annehmen, und
2.
es soll sich dadurch offenbaren, dass wir die von uns erfahrene Gnade auch
andern erzählen und darüber Gott preisen und loben.
1.
Der
Mensch ist, meine Lieben, von Natur so gesinnt, dass er für ein großes Geschenk
ein ebenso großes, wenn nicht noch größeres Gegengeschenk begehrt. Gott aber
hat uns durch die Geburt Christi seinen eingeborenen Sohn geschenkt und mit ihm
eine Seligkeit, eine Hoheit, eine Herrlichkeit, die keine Zunge ausreden und
kein Menschenherz fassen kann. Wäre nun Gott auch gesinnt, wie der Mensch, wer
könnte sich dann seines Geschenkes wohl freuen? Denn was könnten wir Gott dafür
geben? Wir armen Bettler besitzen ja nichts, was Gott nicht gehörte, als unsere
Sünde!
Aber
wohl uns! Gott gibt uns überschwänglich, und wenn wir fragen: was will Gott von
uns dafür haben? womit sollen wir seine unaussprechliche Gabe erkaufen? so
antworten uns die Engel auf Gottes Befehl: „Den Menschen ein Wohlgefallen.“ Wir
sollen uns also das, was uns Gott gibt, nur herzlich wohl gefallen lassen, das
ist alles, was Gott von uns fordert; mehr will er nicht. O Güte, o
Menschenfreundlichkeit, o Sünderliebe Gottes, wie groß bist du! Du gibst uns
deinen Sohn, du erhebest uns aus Sünde und Elend zu himmlischer, ewiger Freude,
und du willst dafür von uns nichts, als dass wir uns nur freuen, dass du so
gütig bist! O, dass wir dies doch alle erkennten und vor Freude weinend uns dir
zu Füßen legten!
Die
lieben Hirten verstanden die Engel recht wohl. Was taten sie nämlich? Sie
ließen es nicht dabei bewenden, die glänzende Erscheinung zu betrachten, auf
den Gesang der himmlischen Chöre zu lauschen und die Freudenbotschaft zu
bewundern; sie gingen auch nicht erst hin in ihr Haus, sich Kleider zu holen,
um schön geschmückt vor dem HERRN zu erscheinen; nein, kaum hatten sie gehört:
„Euch ist heute der Heiland geboren; und das habt zum Zeichen, ihr werdet
finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“, so vergaßen
sie jetzt ihrer Heerde, vergaßen den Glanz der Engel und den geöffneten Himmel,
besprachen sich freundlich unter einander, und verließen alles und eilten, wie
sie waren, in dunkler Nacht nach Bethlehem, „die Geschichte zu sehen, die da
geschehen war, die ihnen der HERR kundgetan hatte“; und siehe, was sie
gesucht hatten, fanden sie. Mit welcher Freude werden sie nun das Kindlein aus
seiner Krippe genommen, es geküsst, an ihr Herz gedrückt und es mit ihren
Tränen benetzt haben! Da wird einer nach dem andern ausgerufen haben: O, mein
Heiland, mein Heiland! auch für mich bist du gekommen, auch für mich, der ich
ein Bettler und ein Sünder bin! O, wie selig bin ich nun! Nun will ich gern
sterben; nun weiß ich gewiss, Gott kann mich nicht hassen, nein, er liebt auch
mich, auch ich werde selig, der Himmel steht mir offen!
Hier sehen wir, meine Lieben, an einem schönen
Beispiel, worin das Wohlgefallen besteht, was Gott allein von unserer Seite
fordert. Ist uns die Geburt Jesu Christi verkündigt worden, so macht uns nun
das nicht selig, wenn wir uns nur über die Tiefe dieses Geheimnisses und über
die Größe der darin geoffenbarten Liebe Gottes verwundern und davon bewegt und
gerührt werden. Noch viel weniger sollen wir uns dann mit unseren eigenen
Werken und Tugenden oder mit unserer Reue und Buße schmücken wollen, uns unserm
Heilande angenehm und seiner Freundschaft und Gewogenheit würdig zu machen.
Nein, wie wir sind, sollen wir dann eilends im Geiste nach Bethlehem gehen,
Jesus aus seiner Krippe herausnehmen, ihn herzen und küssen, und sagen: Du bist
auch mein Heiland, auch für mich erschienst du in dieser Welt, auch mir zugute
wurdest du ein Kindlein.
Hier
sind wir nun bei der Hauptsache des ganzen Weihnachtsfestes. angekommen. Das
ist es, worauf alles ankommt, nämlich der Glaube. Vergeblich wäre all mein
Predigen, und könnte ich mit Engelzungen zu euch sprechen; vergeblich wäre all
euer Zuhören, und wenn ihr in eine noch so große Freude eures Herzens und in
ein noch so großes Erstaunen über Gottes anbetungswürdige Tat dabei versetzt
würdet, käme es nicht mit uns dahin, dass wir daran auch glauben, dass wir
nämlich mit Zuversicht sagen: Das Kindlein in der Krippe ist mein Kindlein; es
ist auch zu mir gekommen; es sucht auch mich; seine Liebe auch zu mir hat es in
seine Armut und Niedrigkeit herabgetrieben; auch mit mir will es tauschen; ich
gebe ihm meine Sünde, und es gibt mir seine Gerechtigkeit; ich gebe ihm mein
Elend, und es gibt mir seine Herrlichkeit; ich gebe ihm meine Schwachheit, und
es gibt mir seine Stärke; ich gebe ihm meine Not, und es gibt mir seine
Seligkeit; ich gebe ihm meine Hölle, und es gibt mir seinen Himmel.
Das
ist aber bei den meisten Menschen eben der Berg, an welchem sie in den
Weihnachtspredigten stehen bleiben; diesen Berg wollen nur wenige besteigen. Es
ist der Berg Morija, aus welchem Isaak geopfert werden soll. Ich fürchte, dass
auch mancher unter uns gerade in diesem Punkte sich selbst betrügt und, wie die
Knechte Abrahams, unten am Berge bleibt. Die meisten freuen sich über das
Kindlein, aber wie über ein fremdes; sie freuen sich über die liebliche
Weihnachtsgeschichte, aber als ginge sie sie selbst nichts an; das heilige,
fröhliche, selige Fest geht vorüber, und den meisten verstreicht es so
vergeblich. O, dass dies nicht auch diesmal geschehe!
Bedenket,
Gott hat seinen Sohn nicht den Engeln, nicht den gefallenen Geistern in der
Hölle oder sonst einer anderen Kreatur gesendet und geschenkt, sondern der
Welt, den Menschen, eben dir und mir. Greifen wir nun nicht zu, wollen wir das
süße Kindlein nicht aus seiner Krippe heben, es uns zueignen und es annehmen,
wer soll es dann tun? Gott braucht es nicht, für die Engel ist es nicht--seht
also, dann hat Gott den Reichtum seiner Liebe vergeblich an uns
verschwendet.
Aber, spricht unser Herz, ich bin ein Sünder; blicke
ich nur zurück auf den gestrigen Tag, so höre ich schon, wie mich mein Gewissen
verklagt. Wie darf ich mit meinem bösen Gewissen zu dem heiligen Kinde nahen?
In meinem Innern heißt es: Zurück, Verwegener! strecke deine Hand nicht nach
dieser hohen Gabe Gottes aus, die ist nicht für dich. Mach einem heiligen
David, einem heiligen Petrus, einem heiligen Paulus Platz.-- Aber, meine
Lieben, so redet wohl unser Herz, aber so hat sich Gottes Herz nicht gegen uns
offenbart. Dürfen Sünder nicht zugreifen, wer darf es dann tun? Was war ein
David, ein Petrus, ein Paulus, die sich alle rühmen, dass Jesus auch ihr
Heiland sei? Waren sie nicht Sünder, nicht große Sünder? Hat nicht David einen
tiefen Fall getan, nicht sogar seine Hände mit unschuldigem Blut befleckt? Hat
nicht Petrus seinen HERRN dreimal verleugnet? Hat nicht Paulus, da er noch ein
Saulus war, die Gemeinde Gottes verfolgt? Sind sie nicht alle erst dadurch
heilig geworden, dass sie Christus ihre Sünde gaben und dafür seine
Gerechtigkeit annahmen? -- Und warum ist Christus in die Welt gekommen? Geschah
es nicht darum, weil wir Menschen alle Sünder sind? Darum:
Und spräch’ dein Herze lauter Nein,
Das
Wort lass dir gewisser sein.
Aber,
spricht hierbei vielleicht mancher, wohl weiß ich, dass auch große Sünder an
der seligen Geburt Jesu Christi Theil haben sollen, aber sie müssen sich auch
bessern, und das ist es, was mir fehlt. -- Der du so redest, sage, wo stehet
das geschrieben, dass sich der Mensch erst gebessert haben müsse, ehe er zu
Christo Zuflucht nehmen dürfe?-- Nirgends, als wiederum in deinem Herzen. --
Wohl soll der Sünder sich bessern, aber das ist es nicht, womit das Christentum
anfängt. Erst muss der Mensch Gnade haben, ehe er sich bessern kann. Erst muss
er gerecht und selig sein, ehe er gerecht wandeln und den Weg zur Seligkeit
gehen kann. Nicht wir, sondern Gott muss den ersten Stein zum Werk unserer
Seligkeit legen. Erst müssen wir Christum haben, dann erst können wir in
Christo leben. Könnte und sollte der Mensch selbst etwas tun, dass er Gott
annehmbar würde, so hätte Gott nicht, so zu sagen, seinen ganzen Himmel
ausgeleert, um uns auf der Erde zu helfen, Gott hätte sich es nicht das
Teuerste kosten lassen, was er selbst hatte; so wäre Gottes Sohn nicht ein
Mensch geworden. Dieser aber hat alles verrichtet, er hat auch den letzten
Heller bezahlt, nichts, nichts ist, was auch wir noch dazu beitragen könnten.
Wir müssen zu ihm kommen als Sünder, eilends zu ihm kommen, und kommen, wie wir
sind. Nichts, nichts wird von uns gefordert, als dass wir uns das
Christkindlein wohl gefallen lassen und von Herzen sagen: Ich bin ein Glied
dieser Welt, ich bin ein Mensch, ich bin ein Sünder, darum bin ich dein und du
bist mein, unser Tausch soll ewig sein.
O,
so machet denn alle eure Herzen los von allen anderen Dingen, habt euer
Wohlgefallen nicht an Gold und Silber, nicht an irdischer Lust und
Herrlichkeit, überlasst das der Welt, die nach keinem Himmel und nach keiner
Seligkeit fragt, die an keinen Gott und kein ewiges Leben glaubt, die da
spricht: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot und dann ist
alles aus. Ihr aber lasst euch unterdes das Kind wohl gefallen, das euch der
himmlische Vater geschenkt hat, so hat Gott wieder an euch Wohlgefallen, so
kommt ihr dahin, wo das Kind hergekommen ist; dann ist euer Leben nichts als
ein kurzes Warten auf die Offenbarung eurer Seligkeit, dann seid ihr
wiedergeboren zum ewigen Leben. Es gibt Leute, welche, wenn ein Gewitter naht,
ein kleines Kind auf ihren Arm nehmen; sie denken, dann seien sie sicher, dass
kein Blitzstrahl sie treffe; denn Gott werde ja eines unschuldigen Kindleins schonen. Aber auch unsere Kinder sind Sünder; sie
können uns nicht schützen; aber das Christkindlein, das ist ohne Sünde; das ist
Gottes liebes heiliges Söhnlein, an welchem er Wohlgefallen hat; tragen wir
dieses auf den Armen unsers Herzens, dann sind wir sicher vor allen Gewittern;
erscheinen wir, dieses Kind auf unsern Armen, in Gottes Gericht, so sind wir
freigesprochen, ja, kämen wir damit in die Hölle, so würden wir auch mitten in
der Hölle den Himmel haben.
2.
So habt ihr denn nun gehört, worin das
Wohlgefallen besteht, das wir an der Geburt Christi haben sollen; höret nun
zweitens, wodurch sich dasselbe offenbaren solle.
Auch
dieses lernen wir an dem Beispiel der Hirten. Von ihnen heißt es nämlich
zuerst: „Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches
zu ihnen von diesem Kind gesagt war.“ Ihr Herz war also durch den Anblick
des Kindes so voll geworden, dass auch ihr Mund davon überging. Die Freude war
in ihrer Seele wie eine verschlossene Flamme, die nun in feurigen Worten
mächtig herausbrach. Es heißt von ihnen nicht nur, dass sie das Geschehene und
Gehörte nicht verschwiegen hätten, sondern: „sie breiteten das Wort aus“,
sie warteten also nicht, bis jemand sie darnach fragte, sie eilten von Ort zu
Ort, die wunderbare, fröhliche, wichtige Kunde bekannt zu machen. Was sie
geglaubt hatten, das mussten sie auch bekennen. Wir können uns wohl denken,
dass sie von den meisten verachtet und als törichte Schwärmer verlacht worden
sind. Den schlechtesten Empfang haben sie mit ihrer Botschaft gewiss zuerst in
dem gottlosen Gasthause bekommen, aus welchem man das himmlische Kind
hinausgewiesen und worin man ihm kein Räumlein
gegönnt hatte. Ihr seid Narren, wird der Wirth und seine Gäste ihnen zugerufen
haben, euch hat geträumt, das ist ein elendes Bettelkind und nichts weiter,
geht uns aus den Augen! Aber das entmutigte die Hirten dennoch nicht; sie
gingen weiter und ihre Nachricht erweckte bei allen Verwunderung, vor die sie
kam.
Sehe
hier, meine Lieben, was auf das rechte Wohlgefallen an dem Christkindlein
folgt; dieses nämlich, dass man die erfahrene Gnade auch andern erzählt. Wird
freilich die Weihnachtspredigt nur mit den Ohren gehört, da ist es kein Wunder,
wenn man darüber auch gegen andere schweigt; da hat man in den heiligen
Festtagen andere Dinge zu bereden, die dem armen eitlen Herzen wichtiger und
angenehmer sind, da redet man von schönen neuen Kleidern, von fleischlichen
Belustigungen, kurz, von den Dingen dieser Welt.
Ist
aber die himmlische Botschaft in das Herz gedrungen und hat sie uns mit innigem
Wohlgefallen erfüllt, da freut man sich über andere Dinge, als freute man sich
nicht, da isst und trinkt man, als äße und tränke man nicht, da kleidet man
sich, als kleidete man sich nicht; da wird uns alles andere so klein, so
gering, so nichtig, dass gerade dieses in der Herberge unsers Herzens keinen
Raum findet. An einem solchen Fest ist dem lebendig ergriffenen Christen jedes
andere Gespräch, wenn es nicht nötig ist, wie ein Misslaut in den in diesen
Tagen von den Engeln für die Welt aufgeführten harmonischen Gesängen. Da wird
der Vater zum Kind und lallt seinen Kindlein von dem Christkindlein vor und
sucht sie durch die irdischen Geschenke auf das himmlische Christgeschenk zu
lenken. Da werden Gatten vertraulich und teilen sich die im Herzen sich regende
Freude mit. Da versammeln sich Freunde und Freundinnen, als wären sie
versammelt in dem Stalle, wo eins nach dem andern das holde Kind auf seinen
Armen wiegt und dem andern es anlobt und anpreist.
Ja,
wo das Wohlgefallen in einem Christen recht groß wird, da kann er nicht umhin,
wo er nur Gelegenheit findet, auch denen, die das Kindlein noch verachten, ein
feuriges Wort aus seinem brennenden Herzen in die Seele zu rufen. Da achtet man
es nicht, ob man darum bei der Welt für einen schwärmerischen Thoren angesehen
wird. Man kann nicht anders: weil man von Herzen glaubt, muss man auch mit dem
Munde bekennen.
Sprich
nicht, lieber Zuhörer, ich bin kein Prediger, ich kann nicht predigen. Die
lieben Hirten waren auch keine Prediger, sondern die einfältigsten Laien unter
dem jüdischen Volke, und doch predigten sie jetzt mit apostolischer Kraft und
Freudigkeit, obgleich es ihnen von keinem Engel geboten war; sie konnten nicht
anders. Lass dir nur erst das Kindlein in der Krippe recht wohl gefallen und
dein Herz dir nehmen, behalte, wie Maria, alle Worte, die du gehört hast, und
bewege sie in deinem Herzen, dann wirst du nicht fragen: darf ich auch von
Christo predigen, da ich kein Prediger bin? sondern ehe
du fragest, hast du es schon mit Gebärden, Worten und Werken getan. Du wirst
dann nicht klagen: O, ich kann nicht reden von solchen Dingen, sondern du wirst
vielmehr ausrufen: Ich kann ja nicht schweigen von dem, das meine ganze Seele
erfüllt hat.
Doch
wir hören nun endlich von unseren Hirten auch dieses: „Und die Hirten
kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, das sie gehört und gesehen
hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ Als ordentliche Prediger warfen sich
also die lieben Hirten nicht auf, wie unsere jetzigen Schwärmer tun, sondern
nachdem sie im Umgang mit den Leuten ihr Herz ausgeschüttet hatten, kehrten sie
wieder zurück und hüteten wieder wie vorher ihrer Schafe und priesen und lobten
nun Gott bis an ihr seliges Ende.
Fragt
ihr also, welche Veränderung geht dann mit einem Menschen vor, wenn er durch
das Wohlgefallen an der Geburt des Christkindleins zur Wiedergeburt kommt? so
ist die Antwort: Ein solcher Mensch bleibt in seinem irdischen Beruf, aber
darin lobt und preist er täglich seinen Gott, dass er ihm ein Kindlein
geschenkt hat, mit welchem er sich trösten kann wider seine Sünde, trösten
wider alle Noth, trösten selbst wider den Tod.
Sonst ist kein wesentlicher Unterschied zwischen einem
Christen und einem Kind dieser Welt. Ein Weltkind achtet das Kindlein nicht,
und danket Gott dafür nicht; dieses denkt, gäbe mir Gott Geld, so könnte er
sein elendes Kindlein immer behalten. Der Christ aber spricht:
Weg
Welt, hier ist mein Schmuck, mein Gold,
Weg,
hier ist mein Vergnügen,
Hier
find ich, was mein Herz gewollt,
Drum
lass ich alles liegen.
Ja,
Kindlein, liebes Kindelein,
Du
sollst mein Ein und Alles sein.
So
oft ich lache, lach’ ich dir,
Dir
fließen meine Tränen,
Mein
Himmel bist du mir schon hier,
Du
stillst des Herzens Sehnen.
Mein
Heil, mein HERR und Gott bist du,
Bringst
meinen Geist zu seiner Ruh’.
Drum
schlägt mein Herz, drum wallt mein Blut
Mit
Dank und Preis und Loben,
Dir,
Vater, für das höchste Gut,
Das
du mir gabst von oben.
Komm
bald, mein Vater, hole mich,
So
will ich ewig preisen dich.
Ach, wie unselig ist der, wie beklagenswert, wer in
dieses Lob des neugeborenen Heilandes noch nicht einstimmen kann! Vor dem
möchte heute Sonne, Mond und Sterne ihren Schein verlieren, den möchte die
ganze Christenheit mit heißen Tränen beklagen, als den Elendesten unter allen
Kreaturen; denn kommt ein Mensch auf dieser Welt nie zu dieser Freude, dann ist
er vergeblich geschaffen, dann hat er umsonst auf dieser Erde gelebt und ihm
wäre besser, er wäre nie geboren.
Aber
selig ist der, dem Gott die Gnade geschenkt hat, Bethlehem für seine rechte
Vaterstadt und Jesus für sein Kindlein zu erkennen, der wohnt hier an den
offenen Thoren des Himmels, ihn beneiden die höllischen Geister, ihn
beglückwünschen alle Engel, und Gott selbst freut sich über ihn, dass er ihn so
überschwänglich selig machen konnte.
Dazu
helfe Gott mir und euch allen, und bewahre uns darinnen zum ewigen Leben. Amen,
in Jesu Namen! Amen.
Jesaja
9,6-7: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches
Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbarer Rat, Starker Gott,
Ewigvater, Friedefürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens
kein Ende auf dem Stuhl Davids und in seinem Königreich, dass er’s zurichte und
stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird
tun der Eifer des HERRN Zebaoth.
In dem neugeborenen Heiland, geliebte
Zuhörer!
Die Geburt Christi, des Weltheilandes,
steht im Mittelpunkt der Weltgeschichte. Alle Weissagungen des Alten Testaments
haben sie zum Inhalt oder nehmen auf sie Bezug als auf ein Ereignis, das alle
anderen an Größe und Wichtigkeit weit übertrifft. Mit und in seiner Geburt soll
der Welt das Heil, die Errettung kommen. Er soll der alten Schlange, dem
Teufel, der durch den Sündenfall die gesamte Menschheit in seine Gewalt
gebracht hat – so verkündigt die erste der Weissagungen –, den Kopf zertreten,
ihm seine Macht nehmen und die sündigen Menschen aus ihrer Gefangenschaft
befreien. In ihm, dem Samen Abrahams, sollen – so verkündigt eine weitere
Weissagung – alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er wird der große
Held sein, dem die Völker in willigem Gehorsam anhangen werden. Mit seiner
Erscheinung wird eine neue Zeit beginnen, eine Wandlung eintreten, die vorher
nie geschehen, wird der Lauf der Welt gleichsam in neue Bahnen gelenkt werden.
Himmel und Erde, durch den Fall der Menschen getrennt, sollen durch die Geburt
des Weltheilandes wieder vereinigt werden.
Darum stehen denn auch alle Propheten des
Alten Testaments als die von Gott gesandten Herolde auf den Mauern Zions,
erheben ihre Stimme, weisen mit ausgestreckter Hand auf ihn und rufen dem Volk
ein „Siehe“ nach dem anderen zu. „Siehe“, ruft Jesaja im siebten Kapitel aus,
„eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen
Immanuel“; im neunten Kapitel: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein
großes Licht, und über die da wohnen im finstern
Land, scheint es hell“; im 60. Kapitel: „Mache dich auf, werde Licht; denn dein
Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir. Denn siehe,
Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber dir geht auf der
HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden in deinem
Licht wandeln und die Könige im Glanz, der über dir aufgeht.“ Der Prophet
Jeremia ruft aus: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem
David ein gerechtes Gewächs erwecken will, und soll ein König sein, der wohl regieren
wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Zu derselben Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies
wird sein Name sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit
ist [Jahwe Zedaka].“ Die Finsternis der Welt soll in
Licht, die Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit verwandelt, das drückende Joch soll
zerbrochen werden, völlige, selige Freiheit soll an dessen Stelle treten, der
Unfriede, in dem sich die Menschen verzehren, soll weichen, seliger Friede
anstatt dessen zur Herrschaft gelangen; denn so lautet die Weissagung im 72.
Psalm. 2Zu seinen Zeiten wird blühen der Gerechte und große großer Friede, bis
dass der Mond nimmer sei.“ Diese uns ähnliche Verheißungen erhellten die Dunkelheit der
Nacht, in der die Menschen einherwandelten; sie waren die hell-leuchtenden
Sterne am Himmel der Kirche und lenkten die Blicke derer, denen sie leuchteten,
auf das kommende große Licht, das das ganze Volk erleuchten sollte, erfüllten
die Herzen der Gläubigen mit Sehnsucht auf seine Erscheinung, wie wir an den
Worten Davids erkennen: „Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme, und der
HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde Jakob fröhlich sein und Israel sich
freuen.“
Aber nicht nur mit Sehnsucht und Verlangen
erfüllten die Weissagungen die Herzen der Gläubigen im Alten Testament, sondern
auch mit großer Freude. So ruft Jesaja im 49. Kapitel im Hinblick auf die
Erscheinung des Messias und sein Werk aus: „Jauchzt, ihr Himmel; freue dich,
Erde; lobt, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und
erbarmt sich seiner Elenden.“ Von solcher Freude war auch sein Herz erfüllt,
als er in dem heutigen Text die Botschaft verkündigte, die wir nun näher zur heutigen
Festfeier miteinander betrachten wollen, nämlich:
Die freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja
Diese verkündigt er im Hinblick
1.
Auf die Person,
2.
Auf die Namen,
3.
Auf die
Herrschaft des Heilandes.
1.
Dass der Prophet mit großer Freude erfüllt
war, als er diese Botschaft dem Volk überbrachte, erkennen wir, wen wir auf die
Worte im Vorhergehenden blicken, mit denen unser Text im innigsten Zusammenhang
steht: „Vor dir aber wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie
man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn aller Krieg mit Ungestüm und
blutigem Kleid wird verbrannt und mit Feuer verzehrt werden“, und als Grund
dafür nun ausruft: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
welches Herrschaft ist auf seiner Schulter.“ Also durch die Geburt dieses
Kindes wird ein so friedenvoller Zustand herbeigeführt, ein Reich des Friedens
errichtet werden. Aber wie sein eigenes Herz voll Freude ist, so sollen auf die
Herzen des Volkes darüber voll Freude werden, denn das Kind ist nicht ihm
allein, sondern allen geboren, weshalb er verkündigt: „Uns ist ein Kind
geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ Und diese Freude sollen sie
empfinden zunächst im Hinblick auf die Person des Kindes.
Welch eine eigenartige Bewandtnis hat es
denn mit diesem Kind? Beachtet, dass Jesaja nicht nur sagt: „Uns ist ein Kind
geboren“, sondern hinzufügt: „Ein Sohn ist uns gegeben.“ Dieses Kind ist
von einer Frau, und zwar, wie er schon im siebten Kapitel geweissagt hat, von
einer Jungfrau geboren; denn: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und
wird einen Sohn gebären.“ Aber es ist nicht nur dieser Jungfrauen Kind, sondern
auch ein von Gott gegebener Sohn, das heißt, der Sohn Gottes. Dass dies der
eigentliche Sinn ist, sagt Paulus mit den Worten: „Da aber die Zeit erfüllt
wurde, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“ Also der Jungfrauen
und doch zugleich Gottes Sohn. Sofern er von einer Frau, einer Jungfrau,
geboren ist, ist er wahrer Mensch; sofern er von Gott gegeben ist, ist er
Gottes Sohn; und doch sind es nicht zwei Söhne, voneinander gänzlich
unterschieden, sondern es ist nur ein Sohn, eine Person, in der die Gottheit
und Menschheit unzertrennlich miteinander vereinigt sind. Die Gottheit ist nicht
zur Menschheit und die Menschheit nicht zur Gottheit geworden, beide sind nicht
miteinander vermischt, zu einer gottmenschlichen Natur geworden, sondern
zu einer gottmenschlichen Person, die wahrer Gott und wahrer Mensch ist.
Der Sohn der Jungfrau ist Gottes Sohn. Das Wort ist Fleisch geworden; Gott ist
durch die Geburt offenbart im Fleisch. Darum aber ist diese Weissagung des
Propheten eine so freudenreiche, darum sollen wir uns freuen, große Freude
empfinden.
Weshalb? Weil wir daraus zunächst die Größe
der Liebe Gottes zu uns erkennen. Wenn wir Menschen jemandem aus herzlicher
Zuneigung ein Geschenk machen, so ist der Wert des Geschenkes der Wertmesser
unserer Liebe zu ihm. So auch bei Gott. darum heißt es Röm. 5,8: „Darum preist
Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch
Sünder waren“, und Röm. 8,32: „Welcher auch seinen eigenen Sohn nicht hat
verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben.“ Ja, der HERR selbst ruft
voll Verwunderung aus: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen
eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.“ Gott ist die Liebe, und darum gibt er der Welt
das, was er über alles liebt: den Sohn seiner Liebe. Deshalb singen wir denn
auch mit dem Dichter in inniger Weihnachtsfreude:
Sollt
uns Gott nun können hassen,
Der
uns gibt, was er liebt
Über
alle Maßen?
Gott
gibt, unserem Leid zu wehren,
Seinen
Sohn aus dem Thron
Seiner
Macht und Ehren.
Dieser Sohn, lasst es mich noch einmal
betonen, ist uns gegeben. Nicht den heiligen Engeln, die bedurften
seiner nicht als eines Heilandes, sondern uns, den Menschen, den Sündern, den
Errettungsbedürftigen, den Hassenswürdigen. Der
heilige Gott, dem die Seraphim das Loblied singen: „Heilig, heilig, heilig ist
Gott, der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll“, der seinem Wesen
nach von allem Unheiligen, Sündlichen weiter entfernt
ist als der Himmel von der Erde – mehr noch, der allem Unreinen und Sündlichen gegenüber ein verzehrendes Feuer ist: Dessen
Liebe zu uns sündigen Menschen ist so groß, dass er uns seinen einigen Sohn
schenkt, und zwar so, dass er ihn unser Fleisch und Blut annehmen, von einer
Frau geboren werden, unsern Bruder werden lässt. Ja, eben dadurch sind Himmel
und Erde, Gott und die Menschen, wieder vereinigt worden! Gott ist nicht mehr
fern von uns Menschen, sondern zu uns vom Himmel, von dem Thron seiner
Majestät, herabgekommen und wandelte in menschlicher, sichtbarer Gestalt unter
den Menschen, wie Johannes ausruft: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter
uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen
Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“; und er wohnt, wenn auch
unsichtbar, noch immer unter den Gläubigen. Dessen sollen wir uns daher von
Herzen freuen und mit dem Dichter fröhlich singen:
Des
sollt ihr billig fröhlich sein,
Dass
Gott mit euch ist worden ein;
Er
ist geborn eur Fleisch und
Blut;
Eur Bruder ist das ewge Gut.
Aber wie diese Botschaft deswegen eine
freudige ist, weil sie uns den Heiland in einer solchen Person verkündigt, so
auch zweitens, weil sie ihm so wunderbare Namen beilegt.
2.
„Und er heißt“, so lautet die Botschaft
weiter, „Wunderbarer Rat, Starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Das sind vier
Doppelnamen, die dieses Kind – wie die ersten Worte nach seiner Person – nach
seinem Werk bezeichnen.
Wie die letzteren Doppelnamen sind, so auch
die zwei ersten, so dass wir lesen: Wunderbar an, von Rat oder ein Ratgeber.
Muss er nicht ein wunderbarer Ratgeber sein, da er Gott und Mensch in einer
Person ist? Und das ist er nicht nur, insofern er Gott ist, sondern auch als
Mensch, da ihm die göttlichen Eigenschaften, wie die Allmacht und Allgegenwart,
so auch die Allwissenheit mitgeteilt sind. Sein Verstand ist unbeschränkt,
seine Weisheit ist unermesslich; vor ihm ist nichts verborgen, und seine Ratschlüsse
sind unfehlbar. Daher heißt es Kol. 2,3: „In ihm liegen verborgen alle Schätze
der Weisheit und der Erkenntnis“ und 1. Kor. 1,30: „Christus ist uns von Gott
gemacht zur Weisheit.“ Und hat er uns nicht den ganzen Rat Gottes zur Seligkeit
offenbart, den Rat, der von der Welt her ein Geheimnis war? In welcher Lage du
dich auch befinden magst, frage ihn um Rat, er gibt ihn dir. Bist du in
Gewissensnot, drücken dich deine Sünden, so ruft er dir zu: „Kommt her zu mir
alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf
euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen
demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Fragst du: Wie erlange ich
das ewige Leben? so sagt er dir: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige
Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der
Zorn Gottes bleibt über ihm.“ Fragst du: Was wird mit mir im Tod? So antwortet
er dir: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten,
der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ Fragst du endlich: „Was geschieht mit
mir nach dem Tod? So gibt er dir die tröstliche Antwort: „Das ist der Wille
des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das
ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“ Siehe, solch ein
wunderbarer Ratgeber ist er in diesen und in allen anderen Dingen.
Der zweite Doppelname ist „Starker Gott“.
Wie, so müssen wir ausrufen, ein Kind, das in einer Krippe gebettet ist, das
von den Armen seiner Mutter aufgehoben und getragen wird – und doch stark? So
ist es! Blicke auf ihn, als dieses Kind zum Mann herangewachsen sind, so siehst
du, wie stark er ist! Durch ein Wort gebietet er den tosenden Wellen des
Meeres, und in einem Augenblick ist es ganz still. Durch sein Wort ruft er den
Jüngling zu Nain ins Leben zurück, den Lazarus aus der Verwesung des Grabes hervor,
macht er die Blinden sehend, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein. Vor
seinem Wort fliehen die Teufel, entschwinden sonst unheilbare Krankheiten. Und
diese starke, allmächtige Kraft hat er nicht erst durch seine Taufe erhalten,
sondern die hatte er schon als Kind. Das Kind, das von Maria getragen wurde,
trug Himmel und Erde. Da singen wir mit Recht:
Den
aller Weltkreis nie beschloss,
Der
liegt in Mariens Schoß;
Er
ist ein Kindlein worden klein,
Der
alle Ding erhält allein.
„Ewigvater“ lautet der dritte Name diese
neugeborenen Sohnes. Auch hierbei müssen wir staunend fragen: Wie, ein eben
geborenes Kind und doch „Ewigvater“? In welcher Beziehung wird es denn Vater
genannt? Was liegt denn in dem Wort Vater, wie wir es im gewöhnlichen Leben
gebrauchen? Dass die Person, die mit diesem Namen bezeichnet wird, kein
strenger Herrscher, kein Tyrann oder Richter ist, auch nicht nach der Strenge
des Gesetzes handelt, sondern den Seinen mit Liebe zugetan ist, sie erhält,
bewahrt und beschützt – in diesem Sinn nennt Jesaja hier Christus Vater, dass
er nämlich alle, die Gott zu seinen Kindern angenommen hat, mit inniger Liebe
umfasst, sie versorgt und beschützt. Unter seinem Regiment sind wir keine
Knechte, sondern Freie, Kinder des Hauses und Erben aller Güter. Aber er
unterscheidet sich dadurch von irdischen Vätern, dass er „Ewigvater“
ist. Jene sind nur Väter auf kurze Zeit, dieser aber ist Vater in Ewigkeit,
umfasst die Seinen mit ewiger Liebe, sorgt für sie, beschützt sie für alle Zeiten.
Und da er der starke Gott ist, so will er das nicht allein, sondern kann es
auch. Wie zuversichtlich können wir daher ihm vertrauen, in seiner Fürsorge uns
sicher fühlen!
Und endlich der vierte Doppelname,
„Friedefürst“. Dieses Kindlein ist der Friedefürst. Er ist ein Fürst wie David,
der aller seiner Feinde mächtig wurde, aber doch ein Fürst des Friedens wie
Salomo, dessen Regierung sich durch Frieden auszeichnete, so dass er beide als
Vorbilder auf ihn in sich vereinigt. Denn nicht durch Waffengewalt,
Kriegsgetümmel und Blutvergießen begründet und erhält er sein Reich, sondern in
Frieden. Nicht seiner Untertanen, sondern sein eigenes Blut hat er vergossen
und dadurch zwischen dem heiligen Gott und den sündigen Menschen Frieden
gemacht und den Grund zu seinem Friedensreich gelegt. Und als er seine Apostel
aussandte, um sein Zepter unter allen Völkern der Erde aufzurichten, rüstete er
sie nicht mit Wehr und Waffen aus, stellte sie nicht an die Spitze
kriegstüchtiger Heere, sondern sprach nur zu ihnen: „Geht hin in alle Welt und
predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt und getauft wird, der wird
selig werden.“ Mit dieser Friedensbotschaft sandte er sie aus, um der Welt den
Frieden zu verkündigen und zu bringen. Ja, dieses Kindlein hat Frieden auf die
Welt gebracht, ein Friedensreich gestiftet. Das führt uns zum dritten Teil
unserer Betrachtung.
3.
Die in den vier Doppelnamen dem Kind
beigelegten Eigenschaften: die Allweisheit, Macht, väterliche Fürsorge und
Friedensliebe, sollen dazu dienen, um seine Herrschaft weit auszubreiten; denn
so lautet der letzte Teil der Botschaft: „Auf dass seine Herrschaft … bis in
Ewigkeit.“ Mit diesen Worten ist das Reich beschrieben, das dieses Kind
aufrichten, ein Reich, dessen Grenzen sich bis an die Enden der Erde erstrecken
soll, also an Umfang und Größe alle irdischen Königreiche weit übertrifft, ein
Reich, in dem kein Krieg geführt, kein Blutvergießen stattfinden, sondern ein
vollkommenes Friedensreich sein wird, ein Reich, in dem keine Ungerechtigkeit,
sondern die Gerechtigkeit herrschen wird, darum sicher und fest gegründet, und
ein Reich, das kein Ende nehmen, sondern ein ewiges Reich sein wird.
Wir fragen: Ist diese Weissagung des
Propheten erfüllt? Hat Christus ein solches reich? Übt er darin eine Herrschaft
aus? Blickt, meine Festgenossen, auf die christliche Kirche; denn die ist
Christi Reich. Seit seiner Gründung am ersten Pfingstfest zu Jerusalem hat sich
dieses Reich fort und fort vermehrt, seine Grenzen immer weiter ausgedehnt. Die
Apostel gingen mit der Friedensbotschaft des Evangeliums aus, predigten an
allen Orten, und er, der HERR, selbst war mit ihnen und bekräftigte ihr Wort
durch mitfolgende Zeichen. Ein Volk nach dem anderen wurde dem Evangelium
gehorsam und erkannte im Glauben dieses Kind als seinen Herrscher. Durch alle
Jahrhunderte ist dieses Reich immer weiter ausgebreitet worden und wird noch
immer weiter ausgebreitet durch die Missionare. Es erstreckt sich bis auf die
entferntesten Inseln des Meeres. – Und ist es nicht ein Reich des Friedens?
Wohl haben einige unverständige Fürsten dieses und jenes Heidenvolk durch
Waffengewalt zu bekehren versucht, aber vergeblich. Die Ausbreitung der Kirche
ist immer nur durch die Verkündigung der Friedensbotschaft des Evangeliums
geschehen. Der Glaube lässt sich durch keine Gewalt erzwingen. Und in der
Kirche herrscht nicht das Gesetz mit seinen Forderungen und Drohungen, sondern
das Evangelium der Gnade; sie ist das Reich der Gnade, der Vergebung und ist
darum ein Reich des Friedens, in dem die Untertanen, die Gläubigen, Frieden mit
Gott und unter sich haben. – Gegründet ist dieses Reich in Recht und
Gerechtigkeit; denn seine Grundlage ist die Gerechtigkeit, die Christus durch
seinen vollkommenen Gehorsam erworben hat, und die er allen seinen
Reichsgenossen, die ihn im Glauben als ihren König annehmen, mitteilt.
Endlich, wie Christus, der Herrscher in
diesem Reich, ein ewiger Herrscher ist, so ist auch sein Reich ein ewiges
Reich, das nie vergeht. Alle Reiche dieser Welt, so mächtig sie auch waren,
sind vergangen; dieses Reich können auch die Pforten der Hölle nicht
überwältigen, und die Untertanen in diesem Reich werden mit ihrem König leben
und herrschen in Ewigkeit.
So ist denn diese Verheißung des Propheten
wahrlich eine freudenreiche, die auch uns mit großer Freude erfüllen muss,
sowohl wenn wir auf die Person, wie wenn wir auf die Namen und die Herrschaft
des Heilandes blicken. Zu dieser Freude fordert auch der Engel, der die
Weihnachtsbotschaft den Hirten in der heiligen Nacht
brachte, auf, indem er zu ihnen sprach: „Siehe, ich verkündige euch große
Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland
geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Nehmen denn auch
wir heute wiederum das Kind, das uns als Heiland geboren ist, mit gläubigem
Herzen auf, und freuen wir uns seiner heilbringenden Geburt, so wird auch bei
uns Freue sein, und wir werden in den Lobgesang der himmlischen Heerscharen
einstimmen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen
ein Wohlgefallen!“ Amen.
Jesaja 11,1-5: Und es wird eine Rute aufgehen von
dem Stamm Isais, und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf welchem
wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der
Geist des Rats und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des
HERRN. Und sein Riechen wird sein in der Furcht des HERRN. Er wird nicht
richten, nach dem seine Augen sehen, noch strafen, nach dem seine Ohren hören,
sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die
Elenden im Land und wird mit dem Stab seines Mundes die Erde schlagen und mit
dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner
Lenden sein und der Glaube der Gurt seiner Nieren.
In dem HERRN geliebte Brüder und
Schwestern!
Es ist eine der größten Weissagungen des
Propheten Jesaja von Christus, die wir eben vernommen haben, die wir aber nur
dann als eine solche recht verstehen können, wenn wir auf den Gegensatz
blicken, in dem sie zu der Weissagung steht, die im vorhergehenden enthalten
ist. Diese lautet vom 28. Vers des 10. Kapitels an: „Er kommt nach Ajat, er
zieht durch Migron, er mustert sein Herr zu Michmas.
Sie ziehen vor unserem Lager Gaba vorüber. Rama erschrickt! Gibea Sauls flieht!
Du Tochter Gallim, schreie laut auf! Merke auf, Laisa! Du elendes Anatot! Memena weicht! Die Bürger
von Gehim fliehen! Er bleibt einen Tag zu Nob! Er wird seine Hand regen gegen den Berg der Tochter
Zion und gegen den Hügel Jerusalem!“ Schon diese kurzen, aneinandergereihten
Sätze, die alle Ausrufe, zum Teil Warnrufe sind, zeigen, dass der Prophet, wie
vor etwas Furchtbarem erschrocken, ein Ereignis schaut und verkündigt, das den
von ihm genannten Orten die größte Gefahr, den Untergang, droht. Und es ist
etwas Furchtbares, was er mit prophetischem Auge als schon gegenwärtig schaut.
Sanherib, der König von Assyrien, befindet sich mit seinem gewaltigen
Kriegsheer auf dem Marsch nach Jerusalem. Schon eine ganze Anzahl heidnischer
Könige und ihre Reiche hat er sich unterworfen; nun zieht er gegen Hiskia, den
König von Juda, heran, um auch diesen sich zu
unterwerfen. Die auf seinem Zug liegenden Städte und Flecken werden bei seinem
Herannahen von Schrecken ergriffen, ihre Einwohner ergreifen die Flucht, um
sich zu retten. Schon ist er nach Nob, einer Stadt im
Stadt Benjamin unweit von Jerusalem, gekommen und schickt sich an, seine Hand
zu einem vernichtenden Schlag gegen die Heilige Stadt zu erheben, ihr dasselbe
Schicksal wie vielen anderen Städten zu bereiten. Das ist das Bild, welches uns
in den gehörten Worten des Propheten vor die Augen gestellt wird.
Aber an dieses reiht er ein anderes, nicht
weniger furchtbar als das erste; denn er fährt fort: „Aber siehe, der HERR HERR Zebaoth wird die Äste mit Macht abhauen und, was noch
aufgerichtet steht, verkürzen, dass die Hohen erniedrigt werden; und der dicke
Wald wird mit Eisen umgehauen, und Libanon wird fallen durch den Mächtigen.“
Mit diesen Worten schildert er das furchtbare Strafgericht, das Gott der HERR
über den auf seine bisherigen Siege stolzen, auf seine große Macht pochenden
Tyrannen vor Jerusalem ergehen ließ, und das 2. Kön. 19 berichtet wird. In
dieser großen Gefahr wandte sich der fromme König Hiskia in flehendem Gebet zu
Gott und erhielt durch den Propheten Jesaja die Antwort: „Die Jungfrau, die
Tochter Zion, verachtet dich [den König Sanherib] und verspottet dich; die
Tochter Jerusalem schüttelt ihr Haupt dir nach … Ich will dir einen Ring an
deine Nase legen und ein Gebiss in dein Maul und will dich den Weg wieder
führen, den du hergekommen bist.“ So geschah es. Denn in derselben Nacht fuhr
der Herrliche, der Engel des HERRN, aus und schlug im Heer der Assyrer 185.000
Mann, so dass das Lager am Morgen voller Leichen lag. Von Grauen erfüllt, zog
der am Tag vorher noch auf seine Macht pochende König davon nach seiner
Hauptstadt Ninive und wurde dort im Tempel seines Götzen von seinen eigenen
Söhnen ermordet. So wurden die Fürsten in seinem Heer wie die Äste der Zedern
auf dem Berg Libanon mit Macht abgehauen, die Höhen verkürzt und erniedrigt wie
Bäume, denen der obere Teil abgeschlagen wird, und das Heer wie ein dichter
Wald niedergehauen. So fiel Sanherib, der sich, als wäre er dem mächtigen
Libanon gleich, in seinem Hochmut erhoben hatte, samt seinem Heer durch den
Herrlichen.
Hieran schließt sich nun, meine Freunde,
die Weissagung in unserem Text: „Aber es wird eine Rute aufgehen aus dem Stamm
Isai.“ Ist die stolze Weltmacht Assyrien, die Jerusalem bedrohte, niedergehauen
wie der Wald mit seinen mächtigen Zedern auf Libanon, so wird aus dem
Geschlecht Davids, wenn es so weit von seiner mächtigen Höhe herabgesunken ist,
dass gleichsam nur noch ein Baumstumpf von ihm übrig ist, aus diesem, aus
seiner Wurzel, eine dünne Rute, ein schwaches Reis, aufsprießen, wird wunderbar
wachsen, erstarken und Frucht bringen; das heißt, ohne Bild: Aus tiefster
Niedrigkeit wird sich ein König erheben, der über ein weit größeres Reich
herrschen wird als jener die Heilige Stadt bedrohende König von Assyrien. Auf
diesen lasst mich jetzt eure Blicke richten, nämlich auf
Den großen Friedefürsten von dem Stamm Isai
Ihn beschreibt uns Jesaja
1.
Nach seinem
Ursprung,
2.
Nach seinen
Gaben,
3.
Nach seiner
Regierung.
1.
„Es wird aber eine Rute aufgehen von dem
Stamm Isai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“, mit diesen Worten,
Geliebte, beginnt der Prophet seine Weissagung in unserem Text. Es ist das eine
bildliche Rede. Stellen wir uns das Bild deutlich vor Augen! Da steht ein
großer Baum! Mächtig ist sein Stamm, stark sind seine Äste, ausgebreitet seine
Zweige, prächtig ist sein Anblick. Aber nun ist er umgehauen. Stamm, Äste und
Zweige sind hinweg, nur der Stumpf ist noch übriggeblieben. Doch dieser ist nicht
gänzlich abgestorben, ein geringer Lebenssaft ist noch in ihm, und aus diesem,
aus seiner Wurzel, sprießt eine dünne Rute, ein schwaches Reis hervor. So war
es mit dem Geschlecht Davids. Der Stamm oder Wurzelstock war Isai, der Vater
Davids, der dem Stamm Juda angehörte und in Bethlehem
als ein einfacher Mann wohnte. Aber aus diesem war David entsprossen, von
Samuel zum König über das Reich Israel gesalbt und als König zu großer Macht
und Ehre gelangt. Schon als Jüngling hatte er in seinem Zweikampf mit dem
Riesen Goliat Heldenmut bewiesen, in der Verfolgung durch Saul seinen Edelmut
gezeigt und als König die zahlreichen Feinde seines Reiches siegreich
überwunden. Unter allen Königen des Reiches Juda war
er der größte, der Heldenkönig, einem mächtigen Stamm, seine Nachkommen aber,
namentlich die, welche nach ihm den königlichen Thron innehatten, und unter
diesen wieder diejenigen, welche in den Fußtapfen Davids, in Gottesfurcht,
wandelten und regierten, den starken Ästen des Baumes gleich. Aber wie der größte
Baum schließlich abstirbt, so auch der Stamm und das Geschlecht Davids. Mit dem
Abfall des Reiches Juda, besonders durch heidnischen
Götzendienst, der immer wieder eindrang, herbeigeführt, sank auch das Ansehen
und die Macht des Hauses und Geschlechtes Davids dahin, so dass Maria, die
Mutter des HERRN, aus dem Geschlecht Davids, die Gattin eines einfachen
Zimmermanns war. So war das Geschlecht Davids herabgesunken von der königlichen
Würde zu der Stellung eines Handwerkers [, denn auch Joseph war ja aus dem
Geschlecht Davids]. Von dem mächtigen Baum und stamm war nur noch, wie der
Prophet es ausdrückt, ein abgehauener Stumpf mit fast erstorbener Wurzel
übriggeblieben.
Aber aus dieser Wurzel wird, so weissagt
der Prophet, eine Rute, ein dünner Zweig, aufgehen, das heißt, ein Sohn aus dem
in solche Niedrigkeit herabgesunkenen königlichen Geschlecht geboren werden,
der gar nichts von königlichem Ansehen und königlicher Würde an sich hat, ein
Kind gewöhnlicher, armer Leute. So niedrig und gering wird sein Ursprung sein.
Das sagt auch die Weissagung desselben Propheten Kap. 53: „Er schießt auf vor
ihm wie ein Reiß und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.“ Wie wörtliche diese
Weissagung erfüllt worden ist, ersehen wir aus dem Bericht des Evangelisten
über die Geburt des HERRN. Zu Fuß machten Maria und Joseph infolge des
kaiserlichen Gebots der Schatzung von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in
Judäa. Dort angekommen, fanden sie Unterkommen nicht in einer Herberge, sondern
in einem dunklen Stall, einfache Windeln waren seine erste Kleidung, eine
Krippe sein Bett, Heu und Stroh das Lager dieses von Gott verheißenen Reises
oder Rute aus königlichem Geschlecht. So war er wahrlich einem schwaches Reis,
aus dürrem Erdreich entsprossen, gleich. Und so unscheinbar und unbeachtet
seine Geburt war, so unscheinbar und unbeachtet wuchs er auch als Knabe in dem
kleinen, von Hügeln eingeschlossenen und abseits gelegenen Nazareth auf, dass
die Evangelisten außer seiner ersten Erscheinung im Tempel nichts weiter
berichten, als dass er seinen Eltern als Knabe untertan war und an Weisheit,
Alter und Gnade bei Gott und den Menschen zunahm.
Aber dieser schwache Zweig, sagt der
Prophet weiter, wird Frucht bringen oder fruchtbar sein und verkündigt damit,
dass er sich kräftig entwickeln, zu einem starken Baum heranwachsen und reiche
Früchte bringen werde. Wodurch dies geschehen werde, gibt er an, indem er von
den Gaben redet, mit denen dieser Zweig aus der Wurzel Isais werde geschmückt
werden.
2.
„Auf welchem“, so lautet die Weissagung
weiter, „wird ruhen der Geist des HERRN: der Geist der Weisheit und des
Verstandes, der Geist des Rates und der stärke, der Geist der Erkenntnis und
der Furcht des HERRN.“
Beachten wir, meine Freunde, dass der
Prophet in dieser Weissagung von Christus als von einem wahren, natürlichen
Menschen redet. Hat er in der Weissagung Kap. 7,14: „Siehe, eine Jungfrau ist
schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ besonders
hervorgehoben, dass der Jungfrauensohn wahrer Gott sei, und in der anderen Kap.
9: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist
auf seiner Schulter, und er heißt wunderbarer Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst“,
verkündigt, dass in der Person dieses Sohnes der wahre Gott der Welt erscheint,
so beschreibt er ihn hier als den vollkommenen Menschen, auf dem der Geist des
HERRN ruht, der ihn mit seinen Gaben ausrüstet und die menschlichen Kräfte und
Tugenden durchdringt und vollkommen macht. Dasselbe spricht Petrus (Apg. 10) in
den Worten aus: „Gott hat Jesus von Nazareth gesalbt mit dem Heiligen Geist und
Kraft.“
Diese Gaben des Heiligen Geistes sind
dreifach. Die beiden ersten sind die Gaben oder Vollkommenheiten
des Verstandes, nämlich die Weisheit und das Verständnis oder die Einsicht.
Weisheit ist die Gabe, da der Mensch den rechten Zweck und die geeigneten
Mittel, ihn zu erreichen, wählt, das Verständnis oder die Einsicht die Gabe,
durch welche er göttliche und geistliche Dinge richtig erkennt und darüber
nachdenkt. „Der Verstand“, sagt Luther, „ist das Urteil, welches aus der
Weisheit entsteht, sodass wir wahrnehmen, was mit der Frömmigkeit streitet,
sodass wir über falsche Lehren, die Nachstellungen Satans und Glauben urteilen
können.“ – Ferner die Gaben des Rates und der Stärke sind die, durch welche
sich jemand in allen Lagen, auch in Kreuz und Anfechtungen, als der rechte
Ratgeber erweist und die Kraft besitzt, die Ratschläge auszuführen; die Kraft,
die sich in Taten und Werken offenbart. Sodann die Gaben der Erkenntnis und der
Furcht des HERRN, wodurch jemand eine mit der Liebe Gottes verbundene Erkenntnis
des wahren Gottes nach seinem Wesen und Willen hat und ihm als dem
majestätischen Gott und doch gnädigen Vater ehrerbietig dient, seinen Willen zu
vollbringen sich bestrebt.
Mit diesen Gaben des Heiligen Geistes ist
Christus, der Spross aus dem Stamm Isai, in seiner Empfängnis und bei der
heiligen Taufe erfüllt und ausgerüstet worden; denn so lesen wir bei Matthäus
im dritten Kapitel: „Da Jesus getauft war, stieg er sofort herauf und aus dem
Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm, und Johannes sah den
Geist Gottes gleich wie eine Taube herabfahren und über ihn kommen.“
Wie vollkommen Christus als wahrer Mensch
oder nach seiner menschlichen Natur mit diesen Gaben des Heiligen Geistes
ausgerüstet war, erkennen wir an seinem öffentlichen Auftreten in seinem
Lehramt. Schon als zwölfjähriger Knabe offenbarte er im Tempel, unter den
Lehrern sitzend, eine solche Weisheit und einen solchen Verstand, dass alle,
die ihm zuhörten, sich seines Verstandes und seiner Antwort verwunderten. Als
er einst in Nazareth lebte, verwunderten sich alle, die ihn hörten, und riefen
voll Erstaunen aus: „Woher kommt diesem solche Weisheit? Ist er nicht eines
Zimmermannes Sohn?“ Matth. 7,28 berichtet der Evangelist: „Das Volk entsetzte
sich über seine Lehre; denn er predigte gewaltig und nicht wie die
Schriftgelehrten“; und die Knechte der Pharisäer, die ausgesandt worden waren,
ihn gefangen zu nehmen, kamen, ohne die Hände an ihn gelegt zu haben, zurück
und sprachen: „Es hat nie ein Mensch so geredet wie dieser Mensch.“ So erfüllte
sich die Weissagung durch den Propheten Jesaja Kap. 50: „Der HERR hat mir eine
gelehrte Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den Müden zu reden zur rechten
Zeit.“ Seine Weisheit war größer als die des weisen Salomo. Wie oft wollten ihn
die Pharisäer und Schriftgelehrten in seiner Rede fangen, wenn sie ihm
verfängliche Fragen vorlegten! Aber immer mussten sie beschämt davongehen. Wie
deckte er ihre List und Verschlagenheit auf, riss ihnen die heuchlerische Maske
der Frömmigkeit vom Gesicht und widerlegte ihre falschen Lehren. Ebenso
erkannte und durchschaute er die wahre Gesinnung der Menschen. Denen, die nicht
aufrichtig an ihn glaubten, vertraute er sich, wie Johannes im 2. Kapitel
berichtet, nicht an; „denn er kannte sie alle und bedurfte nicht, dass jemand
Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn er wusste wohl, was im Menschen war“. –
Nicht minder bewies er sich als der rechte Ratgeber. Den Pharisäern, die
ihm die Frage vorlegten: „Ist’s recht, dass man dem Kaiser Zins gebe oder
nicht?“ antwortete er: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was
Gottes ist“, und dem Schriftgelehrten, der ihm die Frage vorlegte: „Was muss
ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ riet er: Liebe Gott über alles und
deinen Nächsten wie dich selbst, und als dieser fragte: „Wer ist denn mein
Nächster?“ da stellte er ihm den barmherzigen Samariter als Muster vor und
sagte: „Gehe hin und tue desgleichen!“ Dem reichen jungen Mann gab er den Rat:
„Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen und komm und folge mir nach“
und offenbarte ihm dadurch, wie wenig er die Gebote Gottes gehalten habe,
während er den um ihrer Sünde willen Angefochtenen riet: „Kommt her zu mir
alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ – Wie grab
war seine Kraft und Stärke! Ja, er „ging umher und machte gesund
alle, die vom Teufel überwältigt waren“, öffnete den Tauben das Gehör, den
Blinden die Augen und weckte die Toten auf. So bewies er sich als ein Prophet,
mächtig in Taten und Worten, vor Gott und allem Volk. Erkennt ihr daraus, meine
Zuhörer, mit welchen Gaben des Geistes nach seiner menschlichen Natur er
ausgerüstet, wie mächtig er war, der als eine so schwache Rute aus dem Stamm
Isai aufgegangen war? Aber groß ist er drittens auch nach seiner Regierung.
3.
Der Prophet fährt fort: „Sein Riechen wird
sein in der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten, nachdem seine Augen sehen,
noch strafen, nachdem seine Ohren hören.“ Hat er den Messias bisher besonders
als Propheten und Lehrer beschrieben, so stellt er ihn nun als König und
Richter dar. Was heißt das: „Sein Riechen wird sein in der Furcht des
HERRN“? Amos 5,21 spricht Gott: „Ich mag nicht riechen in eure Versammlungen“
oder eure Feiertage. Als Noah nach der Sintflut einen Altar baute und dem HERRN
ein Brandopfer für seine Errettung aus der Flut darbrachte, roch der HERR, wie
es 1. Mose 8 heißt, den lieblichen Geruch des Opfers, das heißt, er hatte
Wohlgefallen daran, während er die Opfer, die ihm von seinem Volk an den großen
Feiertagen zur Zeit des Propheten Amos dargebracht wurden, nicht riechen
wollte, da sie nur äußerlich, ohne Gottesfurcht und Dankbarkeit, dargebracht
wurden, so dass er Missfallen daran hatte. Das Wort „Riechen“ in unserem Text
heißt daher, Wohlgefallen haben, so dass der Prophet sagt: Dieser Spross aus
dem Stamm Isai wird sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN haben. Und weil
er an dieser allein Wohlgefallen hat, darum wird er nicht richten, urteilen,
nach dem, was äußerlich die Ohren hören und die Augen sehen, mit anderen Worten,
nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach der gottesfürchtigen Gesinnung des
Herzens. Auch wird er nicht nach dem Ansehen der Person richten, nicht gelten
lassen, ob jemand mächtig, hoch, reich, geehrt ist, „sondern“, so lesen wir
weiter, „wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die
Elenden im Land“. Mit den Armen und Elenden sind die Untertanen seines Reiches
gemeint. Jene sich die leiblich, besonders aber die geistlich Armen, wie er
Matth. 5,3 spricht: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das
Himmelreich ist ihrer“, die sich nicht selbstgerecht auf ihre Werke und
Tugenden verlassen, sondern als arme Sünder allein auf die Gnade vertrauen;
diese die Sanftmütigen, die dem Nächsten gegenüber gelinde sind, das Unrecht
ertragen und sich nicht selbst rühmen. Diesen zum Besten wird er in
Gerechtigkeit richten, ihnen, die oft unterdrückt werden, zum Recht verhelfen,
wie es Ps. 72,4 heißt: „Er wird das elende Volk bei Recht erhalten und den
Armen helfen.“ Und hast sich der HERR nicht überall der Armen und Elenden
angenommen, nicht allein dadurch, dass er die Kranken gesund machte, sondern
indem er auch für die eintrat, denen Unrecht geschah, wie für den von ihm
sehend gemachten Blindgeborenen, den die Juden in den Bann getan hatten?
Aber ebenso richtet er auch den Gottlosen
mit Gerechtigkeit, denn er „wird mit dem Stab seines Mundes die Erde schlagen
und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten“. Über sie wird er ein
gerechtes Urteil fällen und ihnen nach ihren bösen Werken den gebührenden Lohn
geben. Ein solches gerechtes Urteil war das Gericht über Jerusalem, wie er es
verkündigt hatte, über seinen ungerechten Richter Pilatus, über Ananias und
Sapphira, das durch Petrus gesprochen wurde. An dem letzteren sehen wir
deutlich, was die Worte unseres Textes: „Mit dem Odem (oder Geist) seiner
Lippen wird er den Gottlosen töte“ zu bedeuten haben, da sowohl Ananias wie
seine Frau auf das bloße Wort des Petrus hin tot zu Boden fielen. Er bedient
sich zu seinen Strafgerichten nicht weltlicher Waffen, sondern sein
allmächtiges Wort ist der Stab, womit er schlägt, der Geist seines Mundes das
Schwert, womit er tötet; und wo weltliche Waffen gebracht werden, wie bei der
Zerstörung Jerusalems, da ist es doch sein Gericht, das durch seine Macht, nach
seinem Wort, vollzogen wird.
So tritt dieser seinem menschlichen
Ursprung nach so Schwache als ein mächtiger und gerechter König auf,
„dessen Gerechtigkeit“, wie es in der Schrift heißt, „der Gurt seiner Lenden
ist und der Glaube (oder die Treue) seiner Nieren“, das heißt: wie die
Vornehmen im Morgenland ihre langen Kleider mit einem kostbaren Gürtel um die
Hüfte zusammenhielten, so ist er mit Gerechtigkeit und Treue oder Wahrheit
umgürtet, mit diesen Tugenden geschmückt.
Wohl allen Armen und Elenden in seinem
Reich! Denn ihnen bringt und schenkt er die von ihm erworbene Gerechtigkeit und
macht sie zu Königen schon hier auf Erden, die hier über Sünde und Tod, dort
ewig aber mit ihm herrschen und regieren werden. Darum singen wir:
O
wohl dem Land, o wohl der Stadt,
So
diesen König bei sich hat!
Wohl
allen Herzen insgemein,
Da
dieser König ziehet ein!
Er
ist die rechte Freudensonn,
Bringt
mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet
sei mein Gott,
Mein
Tröster früh und spat!
Amen.
Jesaja 7,10-16: Und der HERR redete abermals zu Ahas
und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei unten in der
Hölle oder droben in der Höhe. Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, dass
ich den HERRN nicht versuche. Da sprach er: Wohlan, so hört, ihr vom Haus
David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr die Leute beleidigt; ihr müsst auch meinen
Gott beleidigen? Darum so wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe,
eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen
Immanuel. Butter und Honig wird er essen, dass er wisse Böses zu verwerfen und
Gutes zu erwählen. Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen,
wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen zwei Königen.
In Christus, unserem Immanuel, geliebte
Zuhörer!
Das eben vernommene Wort Gottes enthält
eine der großen Verheißungen von Christus. Als diese Weissagung geschah, befand
sich Ahas, König über das Reich Juda, in größter Not,
da sich Rezin, der König von Syrien, und Pekach, der
König von Samaria, gegen ihn verbündet hatten, Jerusalem belagerten und nichts
Geringeres im Sinn hatten, als das Reich Juda unter
sich zu teilen und den Sohn des Tabeal anstatt des Ahas zum König zu machen.
Dadurch wurden der König und das ganze Volk so in Angst und Schrecken versetzt,
dass sie bebten wie die Bäume im Wald, wenn ein Sturmwind durch sie dahinfährt.
Da erhielt der Prophet Jesaja von Gott den Befehl, mit seinem Sohn Schear-Jaschub dem König Ahas, der sich am oberen Ende eines in
Felsen gehauenen Wasserteichs befand, von dem aus die Stadt durch eine
unterirdische Röhre mit Wasser versorgt wurde, entgegenzugehen und ihm zu
sagen, dass er sich vor den beiden feindlichen Königen nicht fürchten, sondern
unverzagt sein solle, weil ihnen ihr Plan nicht gelingen solle, da sie selbst
zwei rauchende Löschbrände seien, angebrannte, rauchende Holzscheite, die ihre
Reiche nicht ausbreiten, sondern in ihren Grenzen bleiben, dass das Reich
Samaria aber im Lauf von 65 Jahren zerstört werden solle.
Damit aber der König Ahas gewiss werde,
dass diese tröstliche Verheißung des Propheten sich erfüllen werde, wurde er
von ihm aufgefordert, sich ein Zeichen, sei es in der Hölle, sei es hoch in der
Höhe, zu wählen. Ahas lehnte dies unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er
damit Gott versuchen könne, ab. Das klang fromm und war doch gottlos; denn wie
konnte er Gott durch Forderung eines Zeichens versuchen, da er von ihm selbst
dazu aufgefordert wurde? Daher sprach der Prophet zu ihm: „Wohlan, so hört, ihr
vom Haus David! Ist’s euch zu wenig, dass ihr die Leute beleidigt, ihr müsst
auch meinen Gott beleidigen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben:
Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie
heißen Immanuel.“
Das sind die besonderen Umstände, unter
denen die in unserem Text enthaltene Weissagung und Verheißung geschah. Sie
wurde dem König Ahas und seinem Volk als untrügliches Zeichen gegeben, dass der
Plan der beiden feindlichen Könige, das Haus David vom Thron zu stoßen, nicht
ausgeführt werden solle. Betrachten wir denn jetzt in der Furcht Gottes:
Das wunderbare Zeichen, das Gott dem König Ahas gab
Dieses Zeichen bestand darin, dass
1.
Eine Jungfrau
schwanger ist und einen Sohn gebären wird,
2.
Dass sie diesen
Sohn Immanuel nennen wird.
1.
„Fordere dir ein Zeichen von dem HERRN!“
so, Geliebte, sprach Gott durch den Propheten zu dem König Ahas, „es sei unten
in der Hölle oder droben in der Höhe.“ Welch eine Herablassung Gottes! Er hatte
ja dem König gesagt: „Es soll nicht bestehen noch so gehen“, wie es die beiden
feindlichen Könige im Sinn haben, nämlich dein Reich zu teilen, deiner
Herrschaft ein Ende zu machen. Hätte ihm das nicht genug sein sollen? Des HERRN
Wort ist ja wahrhaftig; was er zusagt, das geschieht und muss geschehen. Aber der
HERR kennt das ungläubige Herz des Königs und lässt sich daher so weit herab,
dass er ihn auffordert, zum Beweis dafür, dass die Feinde Jerusalem nicht
erobern und seiner Regierung ein Ende machen werden, sich ein Zeichen zu
fordern. Und noch mehr: Welche Freiheit in der Wahl des Zeichens gibt er ihm!
Fordert er ein Zeichen tief unten in der Hölle, es soll geschehen; fordert er
ein Zeichen hoch oben im Himmel, es soll ihm gegeben werden. Ähnlich hatte der
HERR einst mit Gideon gehandelt, als dieser das Volk Israel von der Herrschaft
der Midianiter befreien sollte. Dass er das schwere Werk wirklich ausführen
werde, dafür erbat sich Gideon das Zeichen: Wenn er ein Fell mit Wolle auf die
Tenne legen und dies über Nacht nass werde, während es auf der Erde ganz
trocken sei, so wolle er daran erkennen, dass er die Befreiung seines Volkes
ausführen werde. Der HERR gab ihm das Zeichen, und als Gideon, noch zweifelnd,
aber demütig das gegenteilige Zeichen forderte, dass das Fell trocken bleibe,
aber Tau auf der Erde sei, gewährte ihm der HERR auch das.
Aber obwohl sich Ahas vor den beiden
Königen fürchtete, und ihm zur Versicherung, dass er keine Ursache zur Furcht
habe, irgendein vom ihm geforderten Zeichen angeboten wird, lehnt er das doch
unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er Gott nicht versuchen wolle, ab und
stößt damit die rettende Hand Gottes, die sich ihm zum letzten Mal
entgegenstreckt, zurück. Er hatte, wie der Prophet sagt, nun auch Gott müde
gemacht wie vorher schon den Propheten. Hatte Gott alles, aber vergeblich,
getan, um den abtrünnigen König und sein Volk von ihrem Unglauben
zurückzubringen, so zieht er nun seine Hand von ihnen ab und lässt sie ihrem
Verderben entgegengehen.
Indessen, hat Ahas sich geweigert, ein ihm
von Gott angebotenes Zeichen zu fordern, so gibt ihm nun Gott selbst ein
Zeichen, dass das Reich Juda noch nicht zugrunde
gehen soll. Warum, so fragen wir, wollte ihm Gott trotz allem dafür ein Zeichen
geben? Wir finden die Antwort im elften Vers des 132. Psalms: „Der HERR hat
David einen wahren Eid geschworen, davon wird er sich nicht wenden: Ich will dir
auf dienen Stuhl setzen die Frucht deines Leibes.“ Diese David mit einem Eid
bekräftigte Verheißung lautet 2. Sam. 7,12.13: „Wenn nun deine Zeit hin ist,
dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen Samen nach dir
erwecken, der von deinem Leib kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen.
Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs
bestätigen ewiglich.“ Das sin dieser Zusage nicht etwa von Salomo die Rede ist,
geht deutlich daraus hervor, dass Gott diesen Samen Davids erst dann erwecken
will, wenn David schon gestorben ist, mit seinen Vätern schlafen liegt. Salomo
aber war schon zwanzig Jahre alt, als David starb. Dieser noch zukünftige Same
war vielmehr der verheißene Messias, und dessen Königreich, so verheißt der
HERR, wolle er ewig bestätigen. Nun war aber dieser Messias und König zur Zeit
des Ahas noch nicht geboren, und darum konnte und durfte, so gewiss Gott den
David geschworenen Eid halten musste, das Geschlecht David nicht vom Thron
gestürzt und das Reich Juda nicht zerstört werden,
bis die David gegebene und beschworene Verheißung erfüllt war. Also, weil Gott
als der Wahrhaftige seine Verheißungen und besonders die David beschworene
erfüllen musste, deshalb gab er Ahas zum Zeichen, dass das Reich Juda noch fortbestehen werde, die in unserem Text
enthaltene herrliche Verheißung.
Diese Verheißung lautet zunächst: „Siehe,
eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Eine
wunderbare Verheißung! Es heißt nicht: eine Frau, auch nicht: eine junge Frau
ist schwanger; denn wenn eine solche schwanger wird und einen Sohn gebiert, so
ist das kein besonderes Zeichen für etwas, was geschehen oder nicht geschehen
soll, weil das infolge des Segens, den Gott auf den Ehestand gelegt hat, auf
natürliche Weise fort und fort geschieht. Dieses von den HERRN gegebene Zeichen
soll aber etwas Wunderbares sein, etwas, was nicht nach dem natürlichen Lauf,
sondern allein durch Gottes Allmacht bewirkt werden kann. Und ein solches alle
Kräfte der Natur übersteigendes und der menschlichen Vernunft unbegreifliches
Zeichen gibt Gott hier, indem er spricht: „Siehe eine Jungfrau ist schwanger.“
Eine Jungfrau, die von keinem Mann berührt ist, die ist durch ein von Gott
gewirktes Wunder schwanger. Dies allein sagt das Wort, welches in der
Grundsprache für unser Wort Jungfrau steht. Und zwar heißt es eigentlich die,
das ist eine von Gott ersehene, erwählte Jungfrau, die ist schwanger und soll
einen Sohn gebären. Aber war diese Verheißung bis dahin etwas ganz Neues und
Unbekanntes, nicht vielmehr schon in der ersten Verheißung von dem Weibessamen enthalten und angedeutet, der der Schlange den
Kopf zertreten sollte? In dieser Verheißung heißt es ja nicht: des Mannes,
sondern: der Frau Same soll der Schlange den Kopf zertreten, über die
Frau hatte Satan durch die Versuchung zuerst Macht bekommen, durch den Samen
der Frau soll ihm nach Gottes gerechtem Gericht die Macht wieder genommen
werden. Und diese schon in der ersten Weissagung enthaltene Verheißung ist in
den Worten „Eine Jungfrau ist schwanger“ wiederholt, aber näher bestimmt, da
gesagt wird, dass der Same der Frau nicht auf natürliche, sondern durch ein von
Gott gewirktes Wunder von einer Jungfrau geboren werden wird.
Dass dieses und kein anderes das rechte
Verständnis dieser Weissagung ist, erkennen wir aus Matth. 1,18, wo es heißt:
„Die Geburt Christi war aber so getan: Als Maria, seine Mutter, dem Joseph
vertraut war, ehe er sie heimholte, fand sich’s, dass sie schwanger war von dem
Heiligen Geist.“ Und als Joseph sie deswegen verlassen wollte, erschien ihm der
Engel des HERRN im Traum und sprach zu Ihm: „Joseph, du Sohn Davids, fürchte
dich nicht, Maria dein Gemahl zu dir zu nehmen, denn was in ihr geboren ist, das
ist von dem Heiligen Geist.“ Und Lukas sprach der Engel zu Maria, der zur ihr
gesandt wurde, um ihr die Botschaft zu überbringen, dass sie von Gott erwählt
sei, die Mutter des verheißenen Heilandes zu werden: „Siehe, du wirst schwanger
werden im Leib und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. Der
wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden.“ Als Maria staunend fragte:
„Wie soll das zugehen, da ich von keinem Mann weiß?“ da antwortete der Engel:
„Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich
überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes
Sohn genannt werden.“ Daher bekennen wir den aufgrund des klaren Schriftwortes
von unserem HERRN: „Empfangen von dem Heiligen Geist“ und darum nicht wie alle
anderen Menschen in Sünden empfangen und geboren, sondern heilig, unschuldig,
von den Sündern abgesondert. Und nur der Heilige konnte der Sünder Heiland
sein; denn vor dem heiligen Gott ist alles von Sünden Befleckte verwerflich.
Aber obwohl durch seine heilige Empfängnis und Geburt von den Sündern
abgesondert, doch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, unser
Bruder, der menschlichen Natur teilhaftig.
Fragen wir: Wie konnte Christus als wahrer
Mensch durch Wirkung des Heiligen Geistes von einer Jungfrau geboren werden? so
lautet die Antwort: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Oder sollte der Gott,
der Himmel und Erde durch sein Wort aus nichts hervorgebracht, der den ersten
Menschen aus einem Erdenkloß so wundervoll gebildet, Eva, die Mutter aller
Menschen, aus der Rippe Adams gebaut und den Leib Adams durch seinen Hauch zu
einem lebenden Wesen gemacht hat, nicht auch die so wunderbare Empfängnis und
Geburt des verheißenen Heilandes bewirken können? Wer kann die natürliche
Empfängnis und Geburt eines gewöhnlichen Menschen begreifen? Wenn nun diese ein
unbegreifliches Geheimnis und Wunder Gottes ist, wer kann dann, wenn er noch an
einen allmächtigen Gott glaubt, die wunderbare Geburt des Heilandes leugnen?
Konnte der Gott, der solch eine wunderbare Empfängnis und Geburt bewirkt, nicht
auch die Anschläge der beiden Könige vernichten?
Doch wir gehen zum zweiten Teil des
wunderbaren Zeichens in unserem Text über, dass dieser von der Jungfrau
geborene Sohn von ihr Immanuel genannt wird.
2.
„Den wird sie heißen Immanuel“, setzt der
Prophet hinzu. Das Zeichen besteht nicht allein darin, dass dieser Sohn von
einer reinen Jungfrau geboren, sondern auch darin, dass er Immanuel, das heißt,
„Gott mit uns“, genannt werden wird. Wie ist aber dieser Name Immanuel, Gott
mit uns, zu verstehen, von seinem Amt oder von seiner Person? Haben wir ihn von
seinem Amt oder Werk zu verstehen, so wäre damit nur gesagt: Gott ist
mit uns, ist uns gnädig, er will und wird uns aus allen Nöten erretten,
schützen und bewahren, denn er ist der Allmächtige; darum haben wir keine
Ursache, uns zu fürchten, sondern können getrost und sicher sein, wie es Ps. 46
heißt: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten,
die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt
unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ Aber wenn der Name Immanuel
nur dies besagen sollte, warum musste er denn von einer Jungfrau geboren
werden, warum nicht auf natürliche, sondern auf übernatürliche, wunderbare
Weise? Als Gott Mose den Befehl gab, zu Pharao zu gehen, und dieser antwortete:
„Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten?“
sprach der HERR nicht zu ihm: „Ich will mit dir sein“? Sprach er nicht zu
Josua, als dieser an Moses Stelle treten sollte: „Lass dir nicht grauen und
entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du
tust“? War er nicht mit Gideon, als dieser Israel von den Midianitern befreite,
mit Simson gegen die Philister, mit Petrus und Johannes, als er sie durch
seinen Engel aus dem Gefängnis führte? Mit diesen allen war der HERR, obwohl
sie nur sündige Menschen waren. Haben nicht alle Gläubigen die Verheißung (Jes.
43): „So du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme
nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und
die Flamme soll dich nicht anzünden. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin
bei dir“? Wenn der Name Immanuel nur diesen Schutz, diese Hilfe, allen
Gläubigen verheißen, bedeutete, wäre dann seine Geburt ein außerordentliches
Zeichen, ein Zeichen aus der Tiefe und der Höhe? Wenn sie aber dieses sein
sollte, wie deutlich aus dem ganzen Text hervorgeht, so kann dieser Name nur
Bezeichnung der Person sein, eine Aussage, was und wer dieser Sohn der
Jungfrau ist, das heißt, in diesem in so wunderbarer Weise empfangenen und
geborenen Sohn der Jungfrau hat Gott selbst Fleisch und Blut angenommen, ist
Gott Mensch geworden. Das war es, was der Engel Gabriel Maria sagte, als er ihr
die heilige Empfängnis ankündigte: „Du wirst einen Sohn gebären, … der über das
Haus Jakobs ein König sein wird ewiglich; und seines Königsreichs wird kein
Ende sein.“ So singen wir mit Recht:
Des ewgen Vaters einig Kind
Jetzt
man in der Krippe findt;
In
unser armes Fleisch und Blut
Verkleidet
sich das ewige Gut.
Was
kann euch tun die Sünd und Tod?
Ihr
habt mit euch den wahren Gott.
Lasst
zürnen Teufel und die Höll,
Gotts
Sohn ist worden eur Gesell.
Diesen Immanuel beschreibt nun der Prophet
in den Worten: „Butter und Honig wird er essen, dass er wisse, Böses zu
verwerfen und Gutes zu erwählen.“ Obwohl wahrer Gott, ist er doch auch wahrer
Mensch; denn er wird als ein kleines Kind von der Jungfrau geboren, und als ein
wahres Menschenkind hat er sich entwickelt wie gewöhnliche Kinder. Wie diese
musste er wachsen, zunehmen an Erkenntnis, Verstand und
Unterscheidungsvermögen, wie Lukas berichtet: „Das Kind wuchs und wurde stark
im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm“ und: „Jesus nahm zu an
Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Zu dieser natürlichen
Entwicklung eines Kindesalters bedurfte er der Speise, redet der Prophet, indem
er sagt, er werde Butter (oder Dickmilch) und Honig essen, wenn er das Alter
erreicht habe, in dem er lerne, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen.
Aber soll mit dieser Angabe, dass Butter (oder Dickmilch) und Honig des
Immanuels Speise werden, nur gesagt sein, dass er als wahrer Mensch auch natürlicher
Speise bedürfe? Das ist doch schon damit gesagt, dass er der Jungfrau Sohn ist.
Als solcher musste er, wie kleine Kinder, auch an seiner Mutter Brust liegen
und ihre Milch seine Speise sein lassen und dann, größer geworden, auch härtere
Speise genießen. Aber warum gerade Butter und Honig? Die Antwort lautet im
folgenden Vers: „Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen,
wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen Königen“, mit anderen
Worten: Noch ehe der Knabe Immanuel das Alter erreicht, in dem er die Fähigkeit
hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, werden die beiden Reiche Syrien
und Samaria, die damals Jerusalem bedrohten, von ihren Einwohnern verlassen
sein.
Aber weissagte Jesaja nicht etwa 730 Jahre
vor der Geburt des HERRN, so dass ein weiter Zeitraum zwischen Verheißung und
Erfüllung lag? Und wie konnte die nach so langer Zeit erst erfolgte Geburt des
Immanuel ein Zeichen dafür sein, dass jene beiden feindlichen Könige ihren Plan
nicht ausführen sollten? Die Antwort lautet zunächst: Mit etwa drei Jahren
fängt ein Kind an, Gutes und Böses zu unterscheiden und feste Speisen zu
genießen. Und innerhalb drei Jahren waren Syrien und Samaria von ihren Königen verlassen;
denn schon ein Jahr nach dieser Weissagung erschien der König von Assyrien,
eroberte Samaria und führte einen großen Teil der Bewohner in die
Gefangenschaft. Im dritten Jahr wurde Syrien dasselbe Schicksal von ihm
bereitet, und beide Könige wurden getötet. Aber auch Ahas und das jüdische Volk
bekamen die Hand des assyrischen Königs zu fühlen; sie wurden von ihm abhängig
und mussten schweren Tribut zahlen. Das war die gerechte Strafe dafür, dass
Ahas das ihm angebotene Zeichen nicht fordern wollte. Hätte er es gefordert,
und es wäre ihm, woran kein Zweifel ist, gegeben worden, so hätte er auf die
Hilfe des Königs von Assyrien verzichten müssen; das aber wollte er nicht, weil
er mehr auf den als auf Gott vertraute. Er rief ihn herbei und wurde mit seinem
Land von ihm bedrückt und geknechtet.
Sodann ist wohl zu beachten, dass Jesaja
nicht sagt: Sie, die Jungfrau, wird, sondern ist schwanger, also
das in der Zukunft liegende als gegenwärtig erblickt, wie er ja auch von der
Geburt des HERRN Kap. 9 ausruft: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns
gegeben“ und ihn im 11. Kapitel als gegenwärtigen Herrscher schaut, nach dem
die Heiden fragen. Wenn er daher sagt: „Ehe der Knabe lernt, Böses verwerfen
und Gutes erwählen, wird das Land, davor die graut, verlassen sein von seinen
zwei Königen“, so verkündigt er damit: Wie von der Empfängnis und Geburt des
Immanuel bis zu der Zeit, da er anfängt, Böses und Gutes zu unterscheiden, etwa
zwei bis drei Jahre liegen, so werden die zwei Könige und deren Länder
innerhalb von drei Jahren getötet und verwüstet sein – eine Weissagung, die
innerhalb dieser Zeit buchstäblich durch den König von Assyrien in Erfüllung
ging.
Überblicken wir die Umstände, unter denen
dem König Ahas dies wunderbare Zeichen in seiner Bedrängnis gegeben wurde,
welche wichtige Lehren sind uns damit gegeben! Lasst mich nur einige
herausheben. Wir sehen, schon im Alten Testament wurde in klaren Worten
verkündigt, dass der Heiland der Welt wahrer Mensch und wahrer Gott in einer
einigen Person, ein allmächtiger Erlöser sein wird, der uns von Sünden und Tod
erlösen kann und wird. Daher bekennen wir fröhlich: Jesus Christus ist
wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch,
von der Jungfrau Maria geboren, mein HERR. Wir sehen ferner: Das Wort Gottes,
ob Verheißung oder Drohung, fehlt nicht, sondern muss bis auf den letzten Titel
erfüllt werden. Sodann: Wer sich auf Menschen und deren Macht verlässt, wie der
König Ahas, stützt sich auf einen Rohrstab, der ihm
die Hand durchbohrt, führt sein Unglück selbst herbei; wer aber auf den HERRN
vertraut, hat wohl gebaut. Wer glaubt, der bleibt; wer nicht glaubt, bleibt
nicht. Endlich: Nehmen wir es ja mit jedem Wort Gottes ernst, sei es Lehre oder
Ermahnung, Trost oder Strafe! Wer dies Wort verachtet, der verderbt sich
selbst; wer sich aber im Glauben daran hält, es seines Fuße Leuchte sein lässt,
bleibt ewig. Der HERR aber erhalte uns bei seinem Wort um unseres hochgelobten
Immanuel willen! Amen.
Probepredigt
des
Candidaten der Theologie
Johann Konrad Wilhelm Löhe aus Fürth,
über 1. Joh. 1, 8:
So wir sagen, wir haben keine
Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.
Als Predigt zum Altjahrsabend.
Entnommen aus Deinzers
Biographie über Löhe, Bd. 1, S. 207 ff.
Die Glieder einer Gemeinde sind
verschieden. Etliche sind wiedergeboren, etliche sind erweckt, und viele sind,
die von Wiedergeburt und Erweckung Nichts wissen, die nur mit dem äußern Ohr
der Predigt zuhören, aber in ihrem Herzen die himmlische Berufung noch nicht
vernommen haben. Ihnen allen soll die Predigt den nötigen Dienst leisten. Die
Schlafenden und Todten sollen durchs Wort des Herrn zum neuen Leben erweckt,
die Erweckten zur Wiedergeburt gefördert, und die Wiedergeborenen in dem
neugeborenen Wesen gestärkt und befestiget werden. Für die Einen ist dieser,
für die Anderen jener Text dienlicher, und es ist des Predigers Amt, Gottes
Wort unter die Verschiedenen recht zu teilen.
Unser Text nun gehört für
Wiedergeborene, denn er ist von Johannes selbst an Wiedergeborene geschrieben:
Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Gottes Geist gesalbt sind die, an welche
Johannes schreibt. Auch passt der Text nur für Wiedergeborene. Er ist ein warnender
Unterricht von der Verleugnung der Sünde, weil die Verleugnung der Sünde
ist:
1) eine Verführung seiner selbst vom rechten Weg zum
Leben und
2) ein Verlust der Wahrheit aus dem Herzen.
Wer nun die Sünde nicht
erkannt hat, verleugnet sie auch nicht, wenn er sagt: „Ich habe keine
Sünde“; – wer nicht auf dem rechten Weg zum Leben wandelt, wird auch nicht
von demselben abgeführt und verführt; – wer die Wahrheit nicht im Herzen
trägt, kann sie auch nicht verlieren. Seine Sünde aber erkennen, den Weg zum
Leben wandeln, die Wahrheit in sich tragen, sind lauter Zeichen der
Wiedergeborenen. So gehört denn unser Text und die Auslegung desselben, mit der
sich unsere Predigt beschäftigen soll, für Wiedergeborene. Die Erweckten aber,
und welche erst erweckt werden sollen, mögen, was ich sagen werde, getrost mit
ihres eigenen Herzens Zustand vergleichen; vielleicht gibt Gott, dass auch
ihnen Etwas zur Förderung diene.
Ihr aber, begnadigte,
wiedergeborene Christen, seid ja gedemütigt durch den Geist eures Gottes und
verwerfet ja auch die Lehre, Warnung und Ermahnung nicht, die euch von den
Kindern dieser Welt gegeben wird. Darum werdet ihr es auch vertragen, wenn ich
aus Begierde, den Text, der euch gehört, euch darzubringen, in der
Predigt fehle. Denn ich kann vor euch nicht predigen, sondern nur lallen von
geistlichen Dingen, weil ich euch nicht gleich bin in der Wiedergeburt. Doch
ist mein Lallen aus gutem Willen, Gott zu Ehre, euch zu Liebe.
I.
Johannes sagt im ersten
Theil unseres Textes: So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns
selbst. Verführen heißt: vom rechten Weg, der zum bestimmten Ziele führt,
abführen auf einen anderen falschen Weg, auf dem man nie zum Ziele kommt. Wer
also seine Sünde verleugnet, kommt von dem rechten, sichern Wege ab, verliert
die Aussicht auf das selige Ziel und Ende dieses Weges und dazu die Hoffnung es
zu erreichen.
Ihr, die ihr jetzt auf der
richtigen Straße dem ewigen Ziele zu wandelt, Heilige und Geliebte,
wiedergeborene mit Gottes Geist gesalbte Kinder Gottes! Ihr sehet vor euch das
goldene Ziel eures Weges; ihr wisset, wohin ihr geht! – nämlich zur Stadt,
die einen Grund hat von Gott erbauet, zur ewigen Heimat, mit der auch jedem von
euch, der dahin gelangt, die seinige bereitet ist! Ihr kennet das Ziel! –
Und den rechten sichern Weg dahin kennt ihr auch! „Ich bin der Weg“ spricht
unser Herr Jesus. Ja, er ist’s auch, euer Weg, Jesus der Gesalbte, der Prophet
und Priester und König, mit den reichen Segnungen seines dreifachen Amtes. Ihr
wisset den Weg, ja, für jetzt wandelt ihr auch auf ihm: und eure Füße, damit
ihr auf ihm wandelt, sind der Glaube. Ihr glaubt an Jesus! ihr wandelt den
rechten Weg.
Aber beharret auf diesem Weg, seid
standhaft im Glauben an Jesus und Sein heiliges Verdienst: Gott mach’ euch
standhaft, Sein heiliger Geist erhalte euch im
Glauben! – Denn was hilft’s, eine kleine Weile auf dem rechten Pfad
gewandelt, eine kurze Zeit geglaubt zu haben?
Nur wer im Glauben, nur wer
auf dem rechten Pfad bis in den Tod beharret, nur der wird das Ende seines
Glaubens davon bringen, nur der das Ziel seines Weges erreichen, nämlich der
Seelen Seligkeit in der ewigen Stadt.
Wer aber nicht beharret, wer
abkommt von dem einzig rechten Weg Jesu, der kommt zu diesem seligen Ziele
nicht! Den Weg hat er verloren, so ist ihm das Ziel entrückt. Wie ein
verlorenes Schaf weiß er nicht, wohin er geht, er gehe, welchen Weg er will.
Jeder Weg, der nicht Jesus heißt, ist ein Irrweg, ohne Jesus, ohne den Weg, der
Wahrheit und Leben ist, geht man immer nur der ewigen Finsternis, dem ewigen
Tode zu.
Vor solcher ewigen Finsternis,
vor diesem ewigen Tode möcht’ euch euer Gott in Gnaden bewahren, möcht’ euch
gerne sicher zu seiner ewigen und seligen Ruhe bringen.
Darum hat Er auch den
rechten Weg offenbaret, und euch auf ihn versetzt, darum offenbaret Er euch
auch in unserem Text, worin die Verführung von dem einzig rechten Weg bestehet,
damit ihr euch gegen sie mit Wachen und Beten besser rüsten könnet! Das ist die
Verführung, Geliebte! dass ihr saget: „Wir haben keine Sünde“, dass ihr eure
Sünde verleugnet.
Und das ist wahr. Ja, so
wahr in keinem Andern Heil, auch kein anderer Name den Menschen gegeben ist,
darin sie sollen selig werden, ja so wahr Jesus der einzig wahre Weg zur
Seligkeit ist, so wahr ists, dass die Verleugnung der Sünde die Verführung ist,
dadurch wir diesen einzig wahren Weg verlieren.
Gott hat alle Welt
beschlossen unter die Sünde, auf dass Er sich Aller erbarme in Christus Jesus.
Alle Menschen, die in die
Welt kommen, müssen Gott darin Recht geben, dass sie Sünder sind, nur dann
haben sie Teil an Jesus Christus und seinem Heil. Aus unbegreiflicher Liebe zu
den Sündern, nicht zu den Gerechten, die Sünder selig zu machen von ihren
Sünden, hat sich der eingeborene Sohn seiner Herrlichkeit entäußert und
Knechtsgestalt angenommen.
Die Sünde hat Er getragen in
Seinem Tod am Kreuz, die Sünder vom Fluch befreiet, eingeladen zu Seinem Reich,
„Sünder sind Sein Himmelreich!“
| Ist aber Christus für
Sünder in die Welt gekommen, sind Sünder Sein Himmelreich, so kann freilich an
Ihm, an Seines Reiches Seligkeit keinen Anspruch machen, wer kein Sünder sein
will, sondern sagt: „Ich habe keine Sünde!“ Er hat ja keine Sünde, was geht
also ihn Jesus an, der Sünder Heiland? Was Jesus, die Versöhnung für unsere
Sünde? Was das Lamm Gottes, um unserer Missetat willen verwundet, um unserer
Sünde willen zerschlagen? Er hat keine Sünde, er ist ja selbst gerecht; wozu
für ihn das blutige Sühnopfer, wozu für ihn die fremde zugerechnete
Gerechtigkeit Jesu Christi, des Gerechten?
So verwirft die Welt den
einzigen Weg zur Seligkeit, den ihr Gottes höchste Weisheit selbst erfunden
hat. Sie will Jesus, sie will den Weg Gottes ihren Augen nicht gefallen lassen,
billig kommt sie also auch nicht zum Ziele dieses Weges, zu der ewigen seligen
Ruhe Gottes in Christus Jesus.
Dass nun die Welt der ewigen Seligkeit verlustig geht, ist nicht zu
verwundern. Ihr ist kein neuer Sinn gegeben zur Erkenntnis ihrer selbst und Jesu;
ihre Augen sind gehalten, ihre Sinne und ihr Herz umnebelt und gefangen vom
Gotte dieser Welt, dass sie in Jesus den einzig wahren Weg nicht erkennen kann.
Aber dass die, die schon
erkannten ihre Sünde, und gewaschen waren von derselben, und versetzt durch
Gnad’ und Glauben auf den rechten Weg, die schon von fern gesehen und gegrüßt
hatten das herrliche Ziel des Weges und geschmeckt den Vorschmack der ewigen
Seligkeit, dass die Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Seinem Geist gesalbt, dass
ihr, ihr gesalbten Kinder Gottes, – ihr eure Sünde und mit ihr die
Notwendigkeit des Opfers Jesu für euch wiederum verleugnen solltet; – das
hätt’ ich nimmermehr für möglich gehalten, wenn nicht Johannes in unserm Texte
eures Gleichen, Kinder Gottes, davor warnte!
Weil’s aber so ist, weil der
Geist, der in Johannes lehrte, jene hohen Christen, denen’s
bei ihrem schmalen Weg Jesu bereits so wohl geworden war, doch noch für
verführbar hält, – freilich ja! so seid auch ihr Geliebte! noch nicht so
fest auf dem rechten Weg, dass ihr nicht verführbar wäret.
Ich sah davor in euch
heilige Vorbilder auf dem Weg zur Seligkeit; ich sah euch ausgerüstet mit den
Gütern der Gnade Gottes, mit Kraft von oben zu beharren auf dem rechten Weg. O!
dacht’ ich, dass du wärest, wie deren einer, diese werden beharren, diese kann
Nichts verführen, diese gelangen gewiss zum ewigen Ziel! O, sagte ich, wie wird
die Fülle der Gnade sie demütigen, wie tief werden sie dadurch gegründet werden
in der Erkenntnis ihrer Unwürdigkeit und Sünde, wie werden sie Gott die Ehre
geben, wie wird aus ihrem Herzen, von ihren Lippen nie das Bekenntnis weichen:
Ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die du, Herr, an mir tust!
„Und siehe!“ – Und siehe! Ich muss erfahren aus Gottes Wort, dass auch ihr
die Warnung vor dem Fall bedürfet, – dass auch ihr Jesus und Sein
Verdienst verlassen, euer Verdienst erheben, eure Sünde verkleinern, stolz,
selbstgerecht werden und sagen könnet: „Wir haben keine Sünde!“ – Ja denn,
wenn ihr’s tut, wenn ihr euch selbst verführt vom wohlerkannten, wohlbetretenen
rechten Weg; siehe! so ist eure Verdammnis ganz recht! Ihr seid dann doppelter
Streiche wert, über euch muss ein schwererer Fluch erfüllt werden, als selbst
über Kapernaum, die am meisten Seiner Taten gesehen und sich doch nicht
bekehret hat! denn ihr wart bekehret, ihr liefet fein auf dem lebendigen Weg,
ihr hattet Kraft von oben auf ihm zu beharren, und habt ihn samt seinem ewigen
Ziele nichts geachtet!
O, so verleugnet doch eure
Sünde nicht, Geliebte! Betet um Demuth, betet, dass ihr immer kleiner, immer
unmündiger vor Gott werden, immer brünstiger das Bekenntnis der Gerechtigkeit
allein aus Seiner Gnade vor ihm tun mögt!
So werdet ihr doch bewahret
bleiben, so werdet ihr doch entrinnen dem schrecklichen Gerichte Gottes über
die Verleugnung der Sünde, dass sie ewig bleiben muss, was sie ist, eine
Selbstverführung vom erkannten rechten Weg, eine immer weitere Entfernung von
dem goldenen, seligen Ziel des Christenlaufs, endlich ein ewiger Verlust der
seligen Ruhe Gottes in der Heimat.
II.
Wir haben nun nach dem ersten Theil unseres Textes die Verleugnung
der Sünde betrachtet als eine Selbstverführung. Im zweiten Theil des Textes
sagt Johannes: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit nicht
in uns.“ Die Verleugnung der Sünde ist sonach zweitens ein Verlust der Wahrheit
aus unserm Herzen.
Wenn Johannes von der
Wahrheit redet, redet er nicht von ihr, wie die Welt von ihr redet. In der Welt
hat ein Jeder seine eigenen Gedanken von der Wahrheit, Jedem gilt etwas Anderes
für Wahrheit, aber kein Weltkind kennt sie selbst, keines hat sie selbst
gefunden. Die Welt hat keinen Sinn für die Wahrheit. Es geht ihr wie Pilatus,
sie sucht die Wahrheit, und wenn die Wahrheit endlich lebendig zu ihr kommt,
fragt sie doch noch verlegen: Was ist Wahrheit? Nicht so Johannes. Er kennt die
Wahrheit, er hat sie gesehen und beschauet mit seinen Augen, betastet mit
seinen Händen, sein Haupt hat an ihrer Brust geruht, und mehr als das, sein
Herz hat an sie geglaubt und sie geliebt. Ihr merket, was ich sagen will: „Jesus
ist die Wahrheit.“
Zwar ist Jesus nicht mehr
leibhaftig auf Erden, die Wahrheit ist in Jesus aufgefahren in den Himmel. Aber
durch Seinen Geist wohnet sie dennoch auf Erden, nämlich in unserm Herzen. Sein
Geist lehrt uns Ihn kennen, an Ihn glauben und in Liebe mit Ihm verbunden
bleiben. Sein Geist lehrt uns auch Alles, was zu seinem Reich gehört. Wo Sein
Geist in einem Herzen wohnet, da ist das Herz mit Wahrheit erfüllt, da ist im
Herzen die Erkenntnis göttlichen Wortes ausgegossen, wie eine köstliche Salbe,
da ist das Herz mit heiliger Wahrheit gesalbt, irret und lüget nicht. Das ist
die Wahrheit, die unser Text meint. Diese Wahrheit aber, dieser Geist der
Wahrheit flieht, und die Salbung des Herzens höret auf, wo man wieder seine
Sünde leugnet. So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit schon
nicht mehr in uns.
Wie unser Text sagt, so
ist’s ihr Lieben! Denn ehe uns der Geist von der weitern Wahrheit unterrichten,
ehe Er in uns die Gerechtigkeit Jesu, der zum Vater ging, und den Sieg Jesu
über Teufel, Welt und Sünde verklären kann, muss Er zuerst unser eigenes Wesen
in Seinem Licht uns sehen lassen, uns überzeugen, dass wir Sünde haben. Die
Erkenntnis der Sünde ist der Anfangsgrund der Wahrheit.
Ist aber die Erkenntnis der
Sünde der Anfangsgrund der Wahrheit, so muss ja dem die ganze Wahrheit fehlen,
der nicht ihren ersten Anfang, der nicht die Erkenntnis der Sünde in sich hat.
Und wer, nachdem der König der Wahrheit mit allen seinen Gaben, mit seinem
ganzen Reich in ihm eingezogen ist, nachdem die Wahrheit schon Wohnung in ihm
gemacht hat durch den heiligen Geist, – wer danach den Anfang der
Wahrheit, die Erkenntnis der Sünde verliert, und sagt, er habe keine Sünde, der
verliert mit dem Anfang der Wahrheit die ganze Wahrheit, das ganze Reich der
Wahrheit samt ihrem König Jesus aus dem Herzen.
Hier mögen sich prüfen, die
sich lassen dünken, sie wissen Wahrheit und tragen sie in sich, – die
unbekehrten, weltlich-weisen Leute meine ich. Was nützt ihnen ihr Wissen, was
alle tiefen und mühsamen Untersuchungen über „das Wesen der Wahrheit“, wenn sie
nicht den ersten Anfangsgrund der Wahrheit gelernt, wenn sie nicht gelernt
haben, dass sie in Sünden empfangen und geboren und dem Gesetz der Sünde
untertan, in sich selber finster, ferne von der Wahrheit Gottes sind? Ein
demütiges, zerbrochenes Herz – das ist allein der Boden, auf dem ein
wahres Wissen keimet. Wisse was und so viel Du willst, wenn’s nicht auf den
ersten Grundsatz alles Wissens, auf die Erkenntnis der Sünde gegründet ist,
bläst es Dich und die Dich hören, doch nur auf und dient euch nicht zum
Frieden.
Das ist der Weisheit Anfang, dass
ein Mensch seine Sünde erkennt und sich fürchtet vor Gott, dem Herrn. Das ist
der erste Strahl des anbrechenden Tages der Wahrheit, der Dir die Nacht der
Sünden mit allem ihrem Grausen offenbart. Wer aber seine Sünde leugnet, wer
sagt, er habe keine Sünde, der weiß das Erste nicht, das man wissen muss, in
dem ist auch der erste Strahl der Wahrheit nicht, sondern eitel finstre Nacht.
Darum, Geliebte! die ihr
jetzt noch der Wahrheit Raum gebt und dem Geiste, der euch von der Sünde in
euch predigt, noch nicht widersprechet, widersprechet ihm nie! Verleugnet nie
die erste Wahrheit des Heiligen Geistes, verleugnet eure Sünde nie; denn wie
wir gehöret haben, wer diese Wahrheit leugnet, vertreibet alle Wahrheit aus dem
Herzen.
Zwar kommt man nicht gleich
von der vollen Erkenntnis der Sünde, wie ihr sie jetzt habt, zu der gänzlichen Verleugnung
derselben, mit der die Wahrheit von uns weicht. Aber nach und nach kann’s dahin
kommen.
Es ist die Verleugnung der
Sünde inwendig und verborgen: noch betrübt sich Dein eignes Herz, wenn Dein
alter Mensch sich wieder heben, diese oder jene Deiner alten oder neuen Sünden leugnen
will; noch zeugt der Heilige Geist in Dir laut gegen diese innere Verleugnung
Deiner Sünde, und Du würdest es noch nicht über Deine Lippen bringen können, zu
behaupten: „Diese oder jene meiner Sünden ist keine Sünde!“ Aber gib ihr nur
nach, dieser Lust, Deine Sünde zu verleugnen, o wie wird dann die Sünde der Verleugnung
so schnell in Dir wachsen, wie wird ein Geist der Verleugnung in Dir Überhand
gewinnen, und Dich verblenden über alle Sünde, – wie wird Dein Herz immer
kecker, immer freventlicher dem Geist der Wahrheit widersprechen, immer
zügelloser der Lüge sich überlassen, immer verstockter bei sich selber
sprechen: „Ich habe keine Sünde! es ist nicht so arg mit der angeborenen Sünde
und Sündenlust; auch hab’ ich ihr nicht so oft nachgegeben, als ich dachte; es
ist vieles gar keine Sünde, das ich vor Kurzem noch für Sünde hielt!“ –
Schon ist Dein Herz voll Verleugnung der Sünde, bald wird Dein Mund davon
übergehen. Je lauter Du der Stimme des Geistes, die Dich straft um Deine Sünde,
widersprichst, desto leiser lässt sie sich in Deinem Herzen hören. Endlich
schweigt sie! Jetzt kannst Du’s ohne Störung heraussagen, was Du meinst: „Ich
habe keine Sünde!“ Die Welt wird sich freuen, dass Du in ihre Losung
einstimmst, sie wird Dich stärken in Deiner Behauptung. –
Aber die Wahrheit ist
entflohen, der Geist der Wahrheit ist von Dir gewichen, die Erkenntnis der
Wahrheit in Dir ist Nacht, Dein Herz ist in Lügen gefangen. Das Ende der Verleugnung
der Sünde ist in Dir erfüllt, der Verlust der Wahrheit ist in Dir völlig
worden. Johannes hat Dir’s in unserm Text geweissagt, nun ist’s
geschehen. –
O, wenn Du Dir dann
vorkämest, wie ein Engel des Lichts so hell und klar, Du bist doch ohne Licht
und aller Lüge voll, wie ein Engel der Finsternis. Gott weiß es, die heiligen
Engel und Deine Brüder, die in der Wahrheit geblieben sind, wissen es, und
weinen über Deinen Abfall, Deinen Tod. Nur Du siehst Deine Finsternis und
Deinen Tod nicht, Du bist der Welt wieder gleich worden, die auch ihre Sünde leugnet,
damit sie desto ungestörter sündigen könne. Du bist, wer Du warst, ehe Du Dich
bekehrtest, ja Deine Finsternis ist ärger, denn zuvor. –
Darum, Geliebte! fürchtet
solche Finsternis, wachet über eure Seelen! gebt dem ersten Gedanken, der eure
Sünde verkleinern oder leugnen will, mit Abscheu und Grauen den Abschied, er
ist nicht vom Geist der Wahrheit. Lasset ihn nicht aufkommen in eurer Seele!
Ihr wisset nun, er ist der erste Schritt zum gänzlichen Verlust der Wahrheit!
Wir haben gesehen, Geliebte: „So
wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit
ist nicht in uns!“ Jetzt sind freilich Viele, welche sagen: „Wir haben keine
Sünde“, – und wer seine Sünde bekennt, gilt jetzt als für verführt, in ihm
ist keine Wahrheit, er ist in Aberglauben und Finsternis versunken. Man leugnet
die Erbsünde und angeborene Sündenlust, die Sünde ist höchstens eine böse
Gewohnheit oder Schwachheit, um deren Willen ein guter Vater in dem Himmel
Keinem die ewige Seligkeit missgönne. – Aber was ist’s? Soll etwa unser
Text, soll Gottes Wort deshalb Unrecht haben, weil so viele Menschen
widersprechen? Nicht also! Gottes Wort bleibet wahr! Aber viele Verführte sind
jetzt in der Welt, viele, in denen die Wahrheit nicht ist, – weil viele
ihre Sünde leugnen. Wir, lieben Brüder! wollen unsere Sünde nicht verleugnen,
weder die Erbsünde, noch die andere Sünde; wir wollen im Bekenntnis unserer
Sünde bleiben und allein auf Jesus und Sein Verdienst unsere Hoffnung auf die
ewige Seligkeit bauen. Am Ende unseres Laufes angekommen in der ewigen Stadt,
werden wir erkennen, dass wir die Wahrheit und den rechten Weg zum Ziel
erwählet haben. Der große Tag aber wird’s offenbaren vor der Welt!
Amen!
Jeremia 3,12-15: Gehe hin und predige gegen Norden so
und sprich: Kehre wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich
mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der
HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein erkenne deine Missetat, dass du gegen
den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast und hin und her gelaufen zu den fremden
Göttern unter allen grünen Bäumen und habt meiner Stimme nicht gehorcht,
spricht der HERR. Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR; denn
ich will euch mir vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt
und zwei ein ganz Land führen sollen; und will euch bringen gen Zion. Und will
euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Lehre und
Weisheit.
In Christus, unserem Heiland, geliebte
Mitpilger!
Die Zeit unserer irdischen Pilgerfahrt ist so gar kurz. Der Apostel Jakobus antwortet auf die Frage:
„Was ist euer Leben?“ „Ein Dampf ist’s, der eine kleine Zeit währt, danach aber
verschwindet er.“ Und diese Wahrheit müssen alle, die in einem höheren Alter
stehen, bestätigen. Wenn sie auf ihr Leben von fünfzig oder mehr Jahren
zurückblicken, so erscheint es ihnen nur ein Dampf, der schnell verschwunden
ist. So auch mit dem letzten, eben vergangenen Jahr. Wie schnell ist es
dahingeschwunden! Es verschwindet ein Jahr nach dem anderen, und ehe der Mensch
sich dessen versieht, sieht er sich am Ende angekommen.
Aber so kurz das menschliche Leben ist, so
wichtig ist es; denn am Ende desselben steht der Richterstuhl, von dem über das
Leben eines jeden ein unfehlbares Urteil gefällt wird. „Freue dich, Jüngling,
in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue, was
dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; und wisse, dass dich Gott um dies
alles wird vor Gericht führen“, heißt es Pred. 11,9;
und der Apostel schreibt: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl
Christi, damit ein jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei
Leibesleben, es sei gut oder böse.“ Der Richter ist unfehlbar und
unbestechlich, ist allwissend und allmächtig, vor ihm gilt kein Verbergen, er
weiß alles; vor ihm gilt kein Heucheln, denn er ist der Herzenskündiger;
er beurteilt jedes Werk nach seinem wahren Wert. Manches Werk, das hier gut
erscheint, verurteilt er als verwerflich, und weil er allmächtig ist, so
vollstreckt er auch das Urteil. Wie viele würden anders handeln und anders
leben, wenn ihnen dieser Richterstuhl und das Urteil, das ihnen bevorsteht, vor
Augen stünde!
Ist nun dem so – und wer könnte leugnen, da
selbst dem Ungläubigen sein Gewissen es bezeugt – so soll dies kurze Leben für
einen jeden Menschen die Vorbereitungszeit auf das jenseitige, ewige Leben
sein. Wie dieses, so jenes Leben. Wer in diesem Leben von Gott geschieden ist,
wird dort auch von ihm geschieden sein; wer hier der Sünde gedient hat, wird
dort mit Schmach bedeckt sein; wer hier in der Finsternis der Sünde gelebt hat,
wird dort in ewiger Finsternis sein; wer hier kärglich gesät hat, wird dort
kärglich ernten. Den Heuchlern wird der Richter das Wort zurufen: „Ich habe
euch noch nie erkannt, weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ seinen treuen
Dienern aber: „Ei du frommer und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu
gewesen, ich will ich über viel setzen; gehe ein zu deines HERRN Freude.“
Diesem Richterstuhl des HERRN und seinem
Urteil sind wir wieder um ein bedeutendes, um ein ganzes Jahr näher gekommen.
Wer von uns weiß, ob er nicht mit dem heutigen Tag die Schwelle des letzten
Jahres in diesem Leben überschritten, nicht dem Richterstuhl ganz nah gekommen
ist? Der Richter will keines Sünders Tod, er möchte über einen jeden auch von
uns einen gnädigen, seligsprechenden Urteilsspruch fällen, und damit dies
geschehe, lässt er seinen Ruf zur Umkehr immer wieder an alle ergehen, die von
dem schmalen Weg abgetreten sind. Einen solchen gnädigen Ruf vernehmen wir
heute aus dem verlesenen Text. So hört denn
Den gnadenvollen Ruf des HERRN an sein Volk: „Kehre wieder!“
Wir erkennen, dass er
1.
An sein
abtrünniges Volk gerichtet ist,
2.
Ihm
Barmherzigkeit verheißt,
3.
Aufrichtige
Erkenntnis seiner Sünde fordert.
1.
„Gehe hin und predige gegen Mitternacht
[Norden]“, so, Geliebte, sprach Gott der HERR zu seinem Propheten Jeremia. Er
soll sich gegen Mitternacht, nach Norden, wenden, weil sich dort das Volk
Israel in der assyrischen Gefangenschaft (V. 18) befand. Dieses war dem HERRN
abtrünnig geworden, hatte das Wort des Propheten, den er zu ihm gesandt,
verachtet und musste deswegen in der Gefangenschaft in Assyrien schmachten.
Doch hat der HERR es auch dort nicht vergessen, sondern fordert es zur Umkehr
von seinem gottlosen Wesen auf und verheißt ihm, wenn es umkehrt, die Heimkehr
in sein Land, nach Zion. Um der Abgötterei, ihres geistlichen Ehebruchs willen
hatte Gott dem Volk Israel, wie es im achten Vers dieses Kapitels heißt, einen
Scheidebrief gegeben wie ein Mann der ehebrecherischen Frau; aber doch will er
es nicht auf immer verstoßen, sondern, wenn es umkehrt, Buße tut, wieder
annehmen und lässt ihm daher durch seinen Propheten zurufen: „Kehre wieder!“
Worin die Sünde des Volkes Israel
vornehmlich bestand, ersehen wir aus den Worten unseres Textes: „Ihr seid hin
und her gelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen und habt
meiner Stimme nicht gehorcht, spricht der HERR.“ Abgötterei war also die
vornehmste und Grundsünde des Volkes Israel. Gott der HERR hatte es sich zu
seinem Volk, zum Volk des Eigentums, erwählt, hatte es mit mächtiger Hand aus
der Knechtschaft Ägyptens geführt, mit ihm auf Sinai den Bund des Gesetzes
gemacht und ihm als das erste und Hauptgebot das Gebot gegeben: „Ich bin der
HERR, dein Gott … Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“; und das Volk
hatte gelobt: „Alles, was der HERR geredet hat, das wollen wir tun.“ Er hatte
es sodann durch die Wüste in das verheißene Land, in dem Milch und Honig floss,
geführt. Aber das Volk hatte alle diese Wohltaten vergessen, den mit Gott
gemachten Bund schmählich gebrochen und war hingelaufen zu den fremden Göttern
unter allen grünen Bäumen. Seitdem der Tempel zu Jerusalem gebaut war, in dem
sich Gott in der Lichtwolke über den Cherubim der Bundeslade als dem Volk in
Gnaden gegenwärtig offenbarte, war alles Opfern an anderen Orten streng
verboten. Aber immer wieder tat das Volk es den Heiden gleich, die auf den
Höhen und unter den Bäumen ihre Altäre errichteten und darauf ihren Götzen
opferten. Heidnische Abgötterei, die so oft mit Wollust, Fleischeslust,
besonders bei dem Dienst der Göttin Astarte, verbunden war, war es, was der
Prophet meint, wenn er sagt, sie seien zu den fremden Göttern unter allen
grünen Bäumen gelaufen und hätten der Stimme Gottes nicht gehorcht. Aber alle
Abgötterei ist Abfall von dem einigen wahren Gott, ist die Quelle aller anderen
Sünden. Wo jene geschieht, da folgen diese. Wer Gott nicht liebt, liebt etwas
anderes; wer Gott nicht fürchtet, fürchtet etwas anderes; wer nicht auf Gott
vertraut, vertraut auf etwas anderes. Und wie leicht schleicht sich neben Gott
ein Götze ein! Zwar will man Gott nicht den Abschied geben, aber doch nicht ihm
allein, sondern neben ihm noch einem anderen dienen, wie es so oft von dem Volk
Israel geschah. So war es bei Laban, der neben Gott seine Hausgötzen hatte; so
bei Rahel, die ihrem Vater Laban seine Hausgötzen stahl und, als dieser sie
suchte, sie unter die Streu der Kamele versteckte und sich darauf setzte. Daher
musste Jakob seinen Hausgenossen den Befehl geben: „Tut von euch die fremden
Götter, so unter euch sind, und reinigt euch.!“ Denselben Befehl musste Josua
dem Volk Israel im Land Kanaan geben. Dennoch hatte sich dieser Götzendienst
wieder unter dem Volk eingeschlichen; denn 1. Sam. 7,3 sprach Samuel zu dem
Volk: „So ihr euch mit ganzem Herzen zu dem HERRN bekehrt, dann tut von euch
die fremden Götter und Astarot und richtet euer Herz
zu dem HERRN und dient ihm allein.“ Immer mussten sie neben dem einigen wahren
Gott einige Nebengötter haben trotz aller Warnung, Drohung und Strafe durch die
Propheten.
Aber dessen machen wir uns doch nicht
schuldig? Sei dessen nicht zu sicher, mein Freund! Diese Art von Abgötterei
geht heute noch mitten in der Christenheit im Schwang. Hat man in der römischen
Kirche nicht eine ganze Anzahl Götzen in den sogenannten Heiligen neben Gott
gesetzt, die angerufen werden? Und dient nicht manch anderer diesem oder jenem
Götzen, der sich in sein Herz eingeschlichen hat? Die Heilige Schrift nennt
manche solcher Nebengötter und warnt sehr vor ihnen: „Wer Sohn oder Tochter
mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert“, spricht der HERR und macht einen
Hausgötzen namhaft. „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und
hält Fleisch für seinen Arm!“ heißt es, und damit ist ein zweiter genannt.
„Alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust und der Augen Lust und
hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“, schreibt
Johannes und warnt damit vor drei weiteren Götzen. „Ihr könnt nicht Gott dienen
und dem Mammon“, spricht Christus und nennt damit den Götzen, vor dem sich die
ganze Welt beugt wie Israel vor dem goldenen Kalb. Der Apostel nennt den
Geizigen einen Götzendiener. Aber wer kann die Götter alle aufzählen? Um den
Mammon wird selbst unter Verwandten gestritten, um ihn wird gelogen und betrogen,
um des Mammons willen werden allerlei Schandtaten verübt. Die Ägypter hatten
einen Stier als Götzen, den sie Apis nannten; und der Stierdienst ist heute
noch nicht ausgestorben. Es gibt kaum ein Ding, das dieser und jener nicht zu
seinem Abgott macht. Aber was bedarf’s weiteren Nachweises? Wir dürfen uns nur
das Wort des HERRN als Spiegel vorhalten: „Du sollst lieben Gott, deinen HERRN,
von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen
Kräften“, in diesem Spiegel unser Herz aufrichtig prüfen, so wird bald dieser
oder jener Abgott zum Vorschein kommen. Darum ergeht aber auch immer wieder der
Ruf Gottes: „Kehre wieder!“ Wende dich ab von deinem Abgott; kehre dich wieder
zu mir! Ich dulde keine anderen Götter neben mir, „denn ich, der HERR, das ist
mein Name, und will meine Ehre keinem anderen geben, noch meinen Ruhm den
Götzen.“ Ich habe dich geschaffen, dir Leib und Seele, Augen und Ohren,
Vernunft und alle Sinne gegeben; was du hast, ist alles mein, das Werk meiner
Hände. So diene nicht dem Geschöpf, sondern mir, deinem Schöpfer, allein.
Hiernach prüfe sich ein jeder, ob er im
vergangenen Jahr seinem Gott ganz gelebt und gedient hat, oder ob er abtrünnig
gewesen ist und also Ursache hat, den Ruf seines Gottes: „Kehre wieder!“ sich
zu Herzen zu nehmen. Wohl dem, der es tut! Denn ihm wird Barmherzigkeit
verheißen.
2.
Es heißt weiter in unserem Text: „So will
ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht
der HERR, und will nicht ewig zürnen.“ Gott ruft sein abtrünniges Volk zur
Wiederkehr, zur Buße, weil er barmherzig ist. Wenn du die Götzen von dir tust
und dich wieder zu mir kehrst, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch
verstellen, das heißt, nicht im Zorn auf euch herabblicken und euch strafen,
wie ihr es verdient habt. Wohl ist er der Gerechte, der die Sünde nicht
ungestraft hingehen lassen kann. Wohl ist er der heilige Gott, dem jede Sünde
ein Greuel ist. Er ist nicht ein Gott, wie es im 5.
Psalm heißt, dem gottloses Wesen gefällt; wer böse ist, der bleibt nicht vor
ihm. Das hatte er dem Volk Israel bei der Gesetzgebung in den Worten gesagt:
„Denn ich, der HERR; dein Gott, bin ein starker, eifriger Gott, der über die,
so mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und
vierte Glied.“ Das hatte auch Israel in der Wüste erfahren; denn sooft es sich
der Abgötterei und anderer Sünden schuldig machte, musste es die Strafe über
sich ergehen lassen. Aber er hatte auch hinzugefügt: „Und tue Barmherzigkeit an
vielen Tausenden, die mich liebhaben und meine Gebote halten.“ So ruft er auch
hier dem abtrünnigen Volk zu: „Ich bin barmherzig und will nicht ewig zürnen.“
Ist das nicht wunderbar, ja unbegreiflich?
Gott ruft das abtrünnige Volk zur Wiederkehr und versichert es seiner
Barmherzigkeit! Der Schöpfer ruft sein Geschöpf, der Heilige das sündige Volk,
das seinen gerechten Zorn verdient hat; dem sichert er Barmherzigkeit zu und
verheißt ihm, dass er alle seine Sünden und Übertretungen vergeben wolle.
„Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder!“ fügt er hinzu; „denn ich will euch mir
vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt und zwei ein ganzes
Land führen sollen; und will euch bringen nach Zion.“ Nicht nur barmherzig will
er sich dem Volk gegenüber beweisen, ihm alle Abgötterei und Sünde vergeben,
sondern er will es sich vertrauen. Was heißt das? Dies erkennen wir aus dem
Zusammenhang; denn im achten Vers sagt der HERR, er habe des abtrünnigen
Israels Ehebruch gestraft, sie verlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben,
womit das Verhältnis Gottes zu dem Volk unter dem Bild der Ehe, als ein
Verhältnis, wie es zwischen Ehegatten besteht, dargestellt wird. Wie Mann und
Frau beim Eingehen der Ehe geloben, dass sie sich allein angehören und mit
keiner anderen Person zu schaffen haben wollen, so hatte Israel dem HERRN
gelobt, ihm allein anzugehören, seinem Wort gehorsam zu sein, ihm allein zu
dienen. Dieses Gelübde hatte das Volk gebrochen, es hatte sich zu den Götzen
gewandt und dadurch geistlich Ehebruch getrieben. Deswegen hatte Gott sich von
ihm scheiden müssen. Nun aber verheißt er, dass, wenn es sich bekehre, die
Götzen fahren lasse, er ihm nicht nur alles vergeben, sondern sich aufs neue mit ihm vertrauen, verloben, es lieben, ihm
wohltun wie vorher, es auch aus der Gefangenschaft in Assyrien wieder holen und
nach Zion zurückbringen wolle. Und wenn sich nur wenige, einer aus einer Stadt
und zwei aus einem Stamm bekehren, die anderen aber in Unbußfertigkeit
verharren, so will er selbst die wenigen annehmen und nach Zion zurückführen.
Diese sollen um der Unbußfertigen willen nicht dem Verderben preisgegeben
werden. Diesen will er sodann, wie es am Schluss unseres Textes heißt, Hirten
nach seinem Herzen geben, die sie mit Lehre und Weisheit lehren sollen, sein
Wort rein und lauter verkündigen und sie vor Abfall zu heidnischer Abgötterei
und Wesen bewahren. Das ist die Barmherzigkeit, die der HERR dem Volk Israel
verheißt, wenn es wiederkehrt. Er will seinen Zorn fahren lassen, ihm alles
vergeben, es wieder zu Gnaden und in Liebe annehmen wie ein Mann seine
verstoßene Gemahlin und ihm treue und gewissen hafte Lehrer geben.
Die Erfüllung dieser Verheißung geschah zur
Zeit des Neuen Testaments, auf welche der Prophet auch in unserem Text blickt;
denn nicht von dem irdischen Zion redet er, sondern von dem geistlichen Zion,
der Kirche des Neuen Testaments, zu der Juden und Heiden aus allen Völkern von
dem HERRN gebracht werden sollen und noch stets gebracht werden. Sollte diese
Barmherzigkeit unsers Gottes nicht auch uns zur Umkehr bewegen, wenn und wo wir
bei ernster Selbstprüfung erkennen, dass wir hier und dort nicht in seinen
Wegen gewandelt, seinem Wort nicht gehorsam gewesen sind? Meine Freunde, die
Wiederkehr oder die Buße zu Gott ist nicht eine abgeschlossene Handlung, die
einmal im Leben der Christen stattgefunden hat, sondern dauert durch das ganze
Leben hindurch. Müssen wir nicht täglich bitten: „Vergib uns unsere Schuld, wie
wir vergeben unseren Schuldigern“? Heißt es nicht: „Der Gerechte fällt des
Tages siebenmal“? Bedeutet unsere Taufe nicht, „dass der alte Adam durch tägliche
Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen
Lüsten, und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der
in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewig lebe“?
Tägliches Sündigen, tägliche Reue, tägliche Wiederkehr zu dem barmherzigen
Gott, der uns um Christi, unseres Heilandes willen, alle Sünden vergeben hat
und täglich vergeben will, das ist das Leben der Christen. Wem verheißt er
Barmherzigkeit? Denen, die in aufrichtiger Erkenntnis ihrer Missetat zu ihm
kommen. Das ist der dritte Punkt unserer Betrachtung.
3.
„Allein, erkenne deine Missetat, dass du
gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast“, spricht der HERR. Das ist die
einzige, aber auch unerlässliche Forderung, die Gott an das Volk Israel stellt.
Es soll erkennen, dass es an dem HERRN, seinem Gott, gesündigt hat, an dem
HERRN, Jahwe, mit dem es seinen Bund gemacht hat, und an dem es bundesbrüchig
geworden ist. Bundesbrüchigkeit ist wahrlich keine geringe Sünde, und diese
Sünde hat es gegen seinen Gott, seinen Schöpfer, begangen. Die Ehre, die allein
dem allmächtigen Schöpfer gebührt, haben sie ihren eigenen Machwerken erwiesen.
Das ist die Sünde aller Sünden. Oder ist’s ein Geringes, meine Geliebten, wenn
dein Kind die ungehorsam ist, dich verachtet? Wirst du darüber nicht betrübt
und zornig? Greifst du, wenn du kannst, dann nicht zur Strafe? Und sollte das
eine geringe Sünde sein, wenn der Mensch das Wort und den Willen seines Gottes
verachtet, wenn Christen, mit denen er in der heiligen Taufe den Gnadenbund
gemacht, die er zu seinen Kindern aufgenommen hat, gegen ihren gnädigen und
barmherzigen Gott sündigen, sein Wort verachten? Ach, dass Christen die Sünde
gering achten, wohl mit ihr tändeln können!
Darum aber fort der HERR: Allein, erkenne
deine Sünde, erkenne, wie groß sie ist, wie sehr du mich dadurch betrübt, zum
Zorn gereizt hast! Tue darüber von Herzen aufrichtige Buße, oder mein Zorn
bleibt über dir. Und muss er nicht so mit den Unbußfertigen handeln? Wenn er
ihnen auch vergeben würde, hieße das nicht, ihre Sünde billigen, ja, sie darin
bestärken und zum Weitersündigen geradezu ermuntern? Dann wäre er kein heiliger
und gerechter Gott. Er wäre einem Vater gleich, der, wenn seine Kinder ihm ins
Gesicht schlagen, dazu lacht. Nein, ohne bußfertige Erkenntnis ist keine
Barmherzigkeit, keine Vergebung. Denn:
Wahr
ist’s, Gott ist wohl stets bereit
Dem
Sünder mit Barmherzigkeit;
Doch
wer auf Gnade sündigt hin,
Fährt
fort in seinem bösen Sinn
Und
seine Seele selbst nicht schont,
Der
wird mit Ungnad abgelohnt.
Könnte Gott ohne Erkenntnis der Missetat
Barmherzigkeit erzeigen, wozu hätte er dann seinen einigen Sohn in die Welt
gesandt, die Sünde der Welt auf ihn gelegt, ihn um der Sünde willen gestraft
und gemartert, ihn am Kreuz büßen lassen? Das wäre alles unnötig, vergeblich
gewesen. Aber so gewiss Christi, unseres Stellvertreters, Leiden die Strafe
unserer Sünden war, so gewiss kann er nur dem, der seine Sünde bußfertig
erkennt, vergeben, nur dem Gnade erzeigen, der um des Leidens Christi willen
gläubig um Gnade fleht:
Zu
dir flieh ich,
Verstoß
mich nicht,
Wie
ich’s wohl hab verdienet!
Ach
Gott, zürn nicht,
Geh
nicht ins Gricht!
Dein
Sohn hat mich versühnet.
Zu solcher herzlichen Erkenntnis unserer
Missetat, deren wir wahrlich genug im verflossenen Jahr begangen haben, lasst
uns denn, meine Brüdern und Schwestern, in das neue Jahr eintreten; dann
schwebt in ihm nicht unseres Gottes Zorn wie eine finstere, drohende Wolke,
sondern seine Barmherzigkeit wie das freundliche Sonnenlicht über uns; er wirft
dann alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres, dass ihrer nicht mehr gedacht
wird. Kein Bußfertiger darf an Gottes Barmherzigkeit zweifeln; denn wo die
Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Und
wenn die Sonne der Barmherzigkeit unseres Gottes in diesem Jahr auf uns
herniederscheint, mögen dann auch finstere Wolken der Trübsal sich in ihm
zusammenziehen, mag es dann selbst donnern und blitzen: Seine Barmherzigkeit
bricht durch sie hindurch, und wir werden gesegnet sein. Darum, wo immer du
auch bist, folge dem Ruf deines Gottes: „Kehre wieder!“ Ja,
Kommt,
die ihr den Bund gebrochen;
Stellt
euch reuig wieder ein!
Denn
der HERR hat uns versprochen:
Kehre
wieder, du bist mein!
Beugt
euch unter sein Gericht
Und
fasst neue Zuversicht!
Wollt
ihr euch mit ihm verbinden,
Sollt
ihr alles wiederfinden.
Amen.
1. Mose 2,18-25: Und Gott der HERR sprach: Es ist
nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die
um ihn sei. Denn als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere
auf dem Feld und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem
Menschen, dass er sähe, wie er sie nannte; denn wie der Mensch allerlei
lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen. Und der Mensch gab einem
jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen;
aber für den Menschen wurde keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.
Da ließ Gott
der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und
nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der
HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte
sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch
von meinem Fleisch. Man wird sie Männin heißen, darum dass sie vom Mann
genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und
an seiner Frau hängen, und sie werden Sein ein Fleisch. Und sie waren beide
nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.
In dem HERRN geliebte Zuhörer!
Der heutige Text berichtet uns neben
anderem die Benennung der Tiere, die Gott geschaffen hatte. Diese Benennung
geschah nicht von Gott, sondern von Adam, dem ersten Menschen. „Denn“, so lesen
wir, „als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Feld
und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er
sähe, wie er sie nannte. Denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen
würde, so sollten sie heißen.“
Welch ein einzigartiger Vorgang: Die Tiere
gingen an Adam paarweise vorüber! Sie kamen nicht von selbst, sondern Gott
brachte sie zu ihm; aber sie kamen doch nicht gezwungen, sondern infolge der
allmächtigen Lenkung Gottes, der jede von ihm erschaffene Kreatur in seiner
Hand hat und sie leitet, wie er will. Verschaffte er nicht einen großen Fisch,
der den Propheten Jona verschlingen und nach drei Tagen aber wieder ans Land
speien musste? Lenkte nicht Christus bei dem wunderbaren Fischzug des Petrus
die große Menge Fische so, dass sie in das ausgeworfene Netz gehen musste? Sind
ihm nicht Wind und Meer gehorsam? Er hat Himmel und Erde und das Meer mit allen
ihren Bewohnern, die er geschaffen hat, in seiner allmächtigen Hand; er
gebietet ihnen, und sie sind seinem Wort gehorsam.
Warum aber sollte Adam den Tieren ihren
Namen geben? Weil Gott ihn zum Herrn über sie gesetzt hatte, und diese
Vorführung der Tiere und ihre Benennung durch ihn das Verhältnis herstellte, in
welchem sie zu ihm stehen, indem sie ihm dienen, er aber über sie herrschen
sollte. Diese Vorführung und Benennung geschah am sechsten Schöpfungstag und
erforderte keine so lange Zeit, wie es uns scheinen möchte; denn noch war der
Sündenfall nicht geschehen, durch den auch das Verhältnis, in dem die Tiere zu
dem Menschen standen, verändert worden ist.
Adam erkannte auf den ersten Blick die Art
und Beschaffenheit eines jeden Tieres und gab jedem einen zutreffenden Namen;
denn es heißt: „Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem
Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen.“ Er erkannte die Eigenart eines
jeden Tieres viel besser, als alle heutigen Naturforscher durch lange
Beobachtung und Untersuchung sie kennen zu lernen imstande sein, wie Luther mit
Recht sagt: „Wie ist doch in dem einigen Adam eine so treffliche, reiche
Erkenntnis und Weisheit gewesen!“ Aber nicht die Namengebung war der alleinige
Zweck, weshalb Gott ihm die Tiere vorführte, auch nicht, dass er damit seine
Herrschaft über sie antrete, sondern er sollte dadurch sich bewusst werden,
dass der Mensch allein dastehe, keine Gehilfin um sich habe, wie es im 20. Vers
heißt: „Aber für den Menschen wurde keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre“,
und dass das Verlangen nach einer solchen in ihm erweckt werde, ein Verlangen,
das alsbald erfüllt werden sollte. Davon handelt der heutige Text, aufgrund
dessen wir jetzt betrachten wollen:
Die Erschaffung der Frau
Dies geschah
1.
Nach göttlichem
Beschluss auf Verlangen des Menschen;
2.
Indem Gott sie
aus der Rippe baute;
3.
Indem er sie
Adam selbst als eine Frau zuführte.
1.
Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte,
mit den Worten: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch
allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Wie Gott Adam
nach einem besonderen Ratschluss geschaffen hatte, indem er sprach: „Last uns
Menschen machen!“ so fasste er auch in Bezug auf die Erschaffung der Frau einen
besonderen Ratschluss, da er sah, dass alle aus der Erde hervorgebrachten
Geschöpfe paarweise vorhanden waren, während der Mensch, den er zum Herrscher über
sie geschaffen hatte, allein dastand. Dieser Beschluss lautete: „Ich will ihm
eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Dieses Alleinsein empfang auch Adam,
dessen wurde er sich recht bewusst, als die Tiere paarweise an ihm
vorübergingen und er einem jeden von ihnen den Namen gab, und dies erweckte in
ihm das Verlangen, eine Person, wie er war, um sich zu haben, mit der er
in Gemeinschaft stehen und leben könne.
Aber wird nicht im ersten Kapitel in den
Worten: „Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,
die da herrschen über die Fische im Meer“ und: „Er schuf sie ein Männliches und
ein Weibliches“ berichtet, dass die Frau mit dem Mann zugleich geschaffen
wurde? Und scheint es nicht ein Widerspruch zu sein, wenn nun in unserem Text
berichtet wird, dass Gott die Frau erst schuf, nachdem Adam einem jeden der ihm
vorgeführten Tiere seinen Namen gegeben und dabei gesehen hatte, dass er allein
keine Gehilfin hatte? Dieser scheinbare Widerspruch verschwindet sogleich, wenn
wir beachten, dass Mose im ersten Kapitel einen kurz zusammengefassten Bericht
über die Schöpfung Himmels und der Erde selbst, nun aber, von Kap. 2,4 an, eine
Geschichte Himmels und der Erde gegeben hat oder erzählt, was auf der
geschaffenen Erde geschehen ist, und da dieses vornehmlich eine Geschichte des
Menschen ist, so geht Mose auf die Schöpfung des Menschen zurück, berichtet,
dass Gott seinen Leib aus einem Erdenkloß bildete, ihm einen lebendigen Odem in
seine Nase blies, ihn dadurch zu einem lebendigen Wesen machte, und berichtet
nun auch näher die Erschaffung der Frau. Wir dürfen daher nicht etwa meinen,
dass zwischen der Erschaffung Adams und der Frau ein längerer Zeitraum gelegen
habe, vielmehr geschah die Schöpfung der Landtiere, des Menschen, die
Vorführung und Benennung der Tiere und die Erschaffung der Frau an einem, dem
sechsten, Tag.
Wie Adam, so ist demnach Eva, die Frau, auf
besonderen Beschluss Gottes nach seinem Bild geschaffen worden. Auch sie schuf
Gott heilig und gerecht, auch sie hat er mit Vernunft und Sprache begabt; denn
sie sollte Adams Gehilfin sein. In dieser Beziehung steht sie also hinter Adam
nicht zurück. Und der Mensch bedurfte einer solchen Gehilfin, da er nach
göttlichem Ratschluss die Erde füllen und über sie herrschen sollte. Wenn Gott
der HERR daher sprach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, so redet
er nicht, wie Luther sagt, von dem Gut, das Adams Person allein, sondern von
dem allgemeinen Gut, dass das ganze menschliche Geschlecht anging, nämlich die
Vermehrung des ganzen menschlichen Geschlechts. Wohl war Adam das edelste unter
allen Geschöpfen, aber es mangelte ihm eins, die Gabe der Mehrung und des
Segens, da er allein war. aber eine Gehilfin sollte die Frau für den
Mann sein, und damit ist das Verhältnis ausgesprochen, in welchem die Frau zu
dem Mann stehen sollte. Sie soll ihn umgeben, ihm dienen, nicht über ihn
herrschen, keine unabhängige Stellung neben ihm einnehmen, sondern ihm
untergeordnet sein; aber doch keine Sklavin sein, sondern eine Gehilfin, die
überall um ihn ist, und die er liebt.
Dieses Verhältnis der Frau zum Mann gilt es
besonders zu unserer Zeit zu beachten, in welcher die sogenannte Frauenbewegung
(heute: Feminismus) immer weitere Kreise zieht, viele Frauen dem Mann völlig
gleichgestellt sein wollen. Sie wollen nicht nur Lehrerinnen, sondern auch
Ärzte, Advokaten, im staatlichen und politischen Leben tätig, in allen Wahlen
stimmberechtigt sein, kurz, im öffentlichen Leben dieselben Rechte haben wie
die Männer. Damit treten sie aus der Stellung heraus, die Gott der Frau bei der
Schöpfung zugewiesen und nach dem Sündenfall durch die Worte: „Dein Wille soll
deinem Mann unterworfen sein“ verschärft hat. Der Wirkungskreis der Frau ist
das Haus, nicht das öffentliche Leben, weshalb Paulus Tit. 2,5 schreibt, dass
sie nicht nur sittig und keusch, sondern auch häuslich und dem Mann untertan
sein, „häuslich“, das heißt, das Hauswesen besorgen, es wohl instand halten,
dem Mann angenehm und behaglich machen soll. Dazu hat ihr Gott besondere Kräfte
und Eigenschaften gegeben, die der Mann nicht hat. Luther bemerkt mit Recht:
zum Kinderpflegen schicke sich der Mann wie das Kamel zum Tanz, während die
Frau mit ihrer Liebe, Geduld und zarten Hand dazu besonders geschickt ist.
Frauen, die sich in das öffentliche Leben drängen, in das politische Getriebe
stürzen, verlieren die Zierde, die sie als liebende Hausfrauen schmückt,
erniedrigen und beschmutzen sich in dem unsauberen Getriebe des politischen
Lebens, vernachlässigen, ja, zerstören das häusliche Glück, das eheliche Leben.
Sie sind nicht um den Mann, sondern von ihm weg.
2.
„Da ließ Gott der HERR“, so heißt es
weiter, „einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen; und er schlief ein. Und
er nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der
HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm.“
Einen tiefen Schlaf ließ Gott der HERR auf
Adam fallen, so dass er fest schlief, ähnlich wie jetzt ein Mensch fest und
tief schläft, wenn er von der Anstrengung der Arbeit ermüdet ist. Es war ein
wirklicher Schlaf, aber unmittelbar in übernatürlicher Weise von Gott bewirkt;
denn vor dem Sündenfall ermüdete und ermattete die Arbeit den Menschen nicht
wie nach dem Fall. Sodann nahm Gott eine der Rippen des Menschen und schloss
die dadurch entstandene Lücke zu, indem er Fleisch an Stelle der entnommenen Rippe
setzte. Dies darf freilich nicht in grob sinnlicher Weise verstanden werden,
als ob Gott wie ein Wundarzt ein scharfes Messer genommen, einen Einschnitt in
den Körper des Menschen gemacht, die Rippe losgelöst und die Wunde zugenäht
hätte. Wie er bei der Schöpfung der leblosen und lebenden Kreaturen und des
Menschen kein anderes Mittel oder, dass ich sage, Instrument, als sein Wort
gebrauchte, so geschah auch die Schaffung der Frau durchs Wort. Durch dieses
entnahm er eine der Rippen Adams, durch dieses baute er aus der Rippe die Frau.
Beachten wir aber das Wort „bauen“. Den
Leib Adams bildete Gott aus einem Erdenkloß, die Frau aber ist nicht von der
Erde benommen, sondern von dem Mann, aus einer seiner Rippen erbaut,
nicht geschaffen. Mit dem Wort „erbauen“ ist angedeutet, wie fein und künstlich
der Körper der Frau in allen seinen einzelnen Teilen von Gott gebildet, wie
vollendet ihre Gestalt aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist.
Unterscheidet sich doch auch das menschliche Geschlecht von den anderen
Geschöpfen, dass bei diesen das männliche gewöhnlich schöner als das weibliche
ist, bei den Menschen die Frau den Mann an Schönheit und Anmut übertrifft. Dass
aber die Frau nicht wie der Mann von der Erde, sondern von dem Mann genommen
ist, hat tiefere Bedeutung. Es deutet nämlich an, dass Mann und Frau gänzlich
eins und unzertrennlich im Leben miteinander verbunden sein und innige
Gemeinschaft miteinander haben sollen. Wohl hat der Mann den Vorzug, dass er
das Haupt der Frau ist; denn er ist nicht von der Frau, sondern diese ist von
ihm genommen; aber damit ist auch zugleich ausgesprochen, dass der Mann durch
zärtliche Liebe mit einer Frau verbunden sein soll. Sie ist aus seiner Seite
genommen, darum soll sie ihm zur Seite stehen, seine Gehilfin sein. Dieses
Verhältnis erkannte Adam auch sogleich, so dass er, als Gott ihm, nachdem er
vom Schlaf erwacht war, die Frau zuführte, bei ihrem Anblick mit freudigem
Erstaunen ausrief: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem
Fleisch. Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen ist.“
Und wie die Frau dem Fleisch nach mit dem Mann eins ist, weil es aus der Rippe
des Mannes gebaut ist, so auch dem Geist nach; denn ihr hat Gott nicht noch
einen lebendigen Odem eingehaucht wie dem von der Erde gebildeten Körper des
Mannes, weil dessen Rippe, aus der sie gebaut wurde, schon mit dem Hauch Gottes
belebt und durchdrungen war. So völlig sind also beide nach Leib und Leben
eins.
„Wie sonderbar“, sagt dieser, „wie
unglaublich“, ein anderer, „dass die Frau aus einer Rippe des Mannes von Gott
gebaut sein soll!“ Ja, die heutige sogenannte Wissenschaft lehrt, dass sich der
Mensch aus einem Urschleim, von selbst von Stufe zu Stufe fortschreitend,
entwickelt hätte. Aber was ist eher zu glauben vernünftiger: die Lehre der
Heiligen Schrift, dass der allmächtige und allweise
Gott den ersten Menschen aus einem Erdenkloß und die Frau aus seiner Rippe so
wunderbar geschaffen hat, oder die Lehre, dass ein schleimartiger,
unvernünftiger Stoff sich von selbst zu einem mit Vernunft und Sprache begabten
Menschen geformt haben soll? [Wie übrigens auch die Wissenschaft erkannt hat:
Organisches Leben kann nicht aus Anorganischem entstehen, wie Louis Pasteur
feststellte.] Sonst sagt die Vernunft: Je künstlicher ein Werk ist, desto
größer muss der Künstler sein, der es gemacht hat. Aber das größte Kunstwerk
unter allen Geschöpfen, der Mensch, gegen den auch die künstlichsten Maschinen
armselige Machwerke, ja, tote Dinge sind, während der Mensch von Leben
durchströmt ist, der soll keinen weisen Schöpfer haben, sondern sich von selbst
blindlings aus einer Art Schleim entwickelt haben! Gilt da nicht das Wort des
Apostels: „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden“? Und ist
die Erschaffung der Frau aus einer Rippe Adams etwa unglaublicher als die Adams
aus einem Erdenkloß oder die der Landtiere durch das Wort Gottes: „Die Erde
bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art“? [Auch hier hat
die Wissenschaft übrigens im Nachhinein Gott bestätigen müssen: In allen Zellen
des Menschen sind alle nötigen Informationen der DNA enthalten.] Wir wissen
sehr wohl, dass das ganze Schöpfungswerk Gottes für die Vernunft ein
unbegreifliches Geheimnis ist, aber wir wissen auch, dass die ungläubige,
gottfeindliche Wissenschaft den allmächtigen und allweisen
Schöpfer gerne aus seiner Schöpfung verbannen möchte.
Nachdem Gott der HERR die Frau in so
wunderbarer Weise für den Menschen geschaffen hatte, führte er sie ihm selbst
als seine Gehilfin und Gefährtin zu. Das wollen wir drittens betrachten.
3.
„Gott der HERR baute eine frau aus der
Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm“, heißt es. Wenige,
aber inhaltsreiche Worte! Luther nennt sie eine feine Beschreibung der
Verlobung oder des hochzeitlichen Gepränges, und mit ihnen ist allerdings die
göttliche Stiftung oder Einsetzung des Ehestandes beschrieben. Denn wenn Gott
die Frau nicht allein für Adam geschaffen, sondern sie ihm auch selbst
zugeführt hat, damit er nicht allein sei, sondern sie als eine Gehilfin um sich
habe, so ist das Verhältnis, in dem beide zueinander stehen und das wir den
Ehestand nennen, ein von Gott geschaffenes und geheiligtes. Und diesen Ehestand
hat Gott im Paradies, vor dem Sündenfall, eingesetzt, als beide, der Mann und
die Frau, heilig, ohne jegliche böse Lust, waren. Welch ein Frevel ist es
daher, wenn die Römischen den Ehestand für einen fleischlichen Stand erklären
und behaupten, dass das ehelose Leben, namentlich das Mönchs- und Nonnenleben,
der Stand der Vollkommenheit sei.
Adam erkannte auch ohne besondere göttliche
Offenbarung das Verhältnis, in dem die von Gott ihm Zugeführte zu ihm stand;
denn er sprach mit freudigem Erstaunen, als er sie erblickte: „Das ist doch
Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“; sie hat nicht nur Fleisch
und Bein wie ich, sondern ist auch von meinem Fleisch und Bein gemacht; und er
fügt hinzu: „Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen
ist.“ Wie er die Tiere mit treffenden Namen benannt hat, so gibt er auch der Frau
den treffenden Namen Männin. Er sieht in Eva sein Verlangen nach einer Gehilfin
erfüllt und erkennt die Gedanken Gottes, der durch die Erschaffung der vor ihm
Stehenden sein Verlangen erfüllt hat. Sie gehört ihm zu, ist mit ihm eins;
darum nennt er sie Männin und setzt hinzu: „Darum wird ein Mann seinen Vater
und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen; und sie werden sein ein
Fleisch“, werden in der Ehe so innig und unzertrennlich miteinander verbunden
sein, als ob sie nicht zwei, sondern ein Fleisch wären. So sprach Adam
ohne alle fleischlichen, sündlichen Gedanken. Beide
waren heilig; darum heißt es am Schluss des Textes: „Und sie waren beide nackt,
der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.“ Die Scham trat erst mit
der Sünde ein; durch diese wurden die gegen die Seele streitenden Begierden
erweckt, die heilige Ordnung Gottes in Sinnenreiz verkehrt.
Diese göttliche Stiftung der Ehe lehrt uns
ein zweifaches: zunächst, dass Gott die Einehe eingesetzt hat, die Vielweiberei
daher eine Verkehrung der Ordnung Gottes ist; sodann, welch ein Frevel die
Ehescheidung ist, weil dadurch die innige Gemeinschaft zwischen Mann und Frau
zerrissen wird. Wer immer daher die Ehescheidung, sei es durch Sünde gegen das
sechste Gebot, sei es durch böswillige Verlassung seines Gemahls, veranlasst,
der begeht eine Sünde, durch die er aus der Gnade fällt, ein Kind des Zorns und
der Verdammnis wird. Wie schrecklich wird daher in unserem Land durch die
zahllosen Ehescheidungen gesündigt, die Ehe, diese göttliche, heilige Ordnung,
mit Füßen getreten! Umso mehr sollen die Christen sich vor dieser Sünde hüten
und sich befleißigen, keusch und züchtig zu leben in Worten und Werken, und
jeder, der in der Ehe lebt, soll sein Gemahl lieben und ehren. Weil es aber
auch unter christlichen Eheleuten um des Fleisches willen nicht ohne
mannigfache Sünden abgeht, weil besonders das liebevolle Verhältnis oft getrübt
und verletzt wird, so müssen sie auch darüber in täglicher Reue und Buße
stehen, im Blut ihres Heilandes, das er auch zur Büßung dieser Sünde vergossen
hat, Vergebung suchen, damit sie in diesem göttlichen Stand göttlich leben. Dazu
verleihe ihnen Gott der HERR seine Gnade um Jesu willen! Amen.
4. Mose 24,15-19: Und er hob an seinen Spruch und
sprach: Es sagt Bileam, der Sohn Beors; es sagt der
Mann, dem die Augen geöffnet sind; es sagt der Hörer göttlicher Rede und der
die Erkenntnis hat des Höchsten, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und
dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet: Ich werde ihn sehen, aber
jetzt nicht; ich werde ihn schauen, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus
Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die
Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seths. Edom wird er einnehmen,
und Seir wird seinen Feinden unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben. Aus
Jakob wird der Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist von den Städten.
Geliebte in dem HERRN!
Die in den vernommenen Textworten
enthaltene Weissagung ist in mehrfacher Beziehung eine ganz eigenartige, wenn
wir auf die Umstände achten, unter denen sie verkündigt worden ist. Sie ist
eine Weissagung Bileams, des Sohnes Beors; denn es
heißt zu Anfang unseres Textes: „Es sagt Bileam, der Sohn Beors;
es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind.“ Wer war dieser Bileam? Nach
dem, was uns die Heilige Schrift über ihn berichtet, war er ein heidnischer
Seher, Wahrsager und Beschwörer, dem die Macht zugeschrieben wurde, in
wirksamer Weise zu segnen und zu fluchen. Als daher das Volk Israel auf seinem
Zug durch die Wüste die beiden Könige der Amoriter, Sihon und Og, völlig
geschlagen hatte und sich in dem Gefilde der Moabiter lagerte, wurde deren
König Balak von einer solchen Furcht ergriffen, dass ihm und seinem Volk graute
vor den Kinder Israel. Sie befürchteten, wie es im 22. Kapitel dieses heiß9t,
dass sie alles ringsumher auffressen würden wie ein Ochse das Kraut. Sie
verzweifelten daran, dem Volk Israel mit Waffengewalt widerstehen zu können, da
es die beiden mächtigen Könige der Amoriter bis zur ihrer Vernichtung
geschlagen hatte. In dieser Not meinte Balak, von dem Seher Bileam, der zu Pethor in Mesopotamien wohnte, Hilfe zu erlangen. Daher
sandte er die Ältesten der Moabiter und Midianiter mit reichen Geschenken an
Bileam, um ihn zu bewegen, dem Volk Israel zu fluchen. Er glaubte, wenn Bileam
Israel verfluche, dann würde dessen Macht gebrochen, und sie von ihm überwunden
werden.
Die Gesandten kamen zu Bileam und forderten
ihn auf, mit ihnen zu ziehen. Dieser bat die Gesandten, über Nacht dort zu
bleiben, damit er den HERRN fragen könne, was er tun solle. Er war ein Freund Balaks, war lüstern nach den reichen Geschenken und wäre
daher gern dem Ruf gefolgt, wagte es aber nicht, da er sich vor Gott fürchtete.
Als nun Gott zu ihm sprach: „Gehe nicht mit ihnen, verfluche das Volk auch
nicht, denn es ist gesegnet“, da erklärte er den Gesandten, dass er nicht mit
ihnen ziehen könne, weil es ihm der HERR nicht gestatte. Da sandte Balak eine
zweite Gesandtschaft von Fürsten an ihn mit dem Versprechen, ihn hoch zu ehren,
wenn er käme und dem Volk Israel fluchte. Er antwortete: „Wenn mir Balak sein
Haus voll Silber und Gold gäbe, so würde ich doch nicht übergehen das Wort des
HERRN, meines Gottes, Kleines oder Großes zu tun.“ Aber da er gar zu gerne die
reichen Geschenke gehabt hätte, lud er die Gesandten wieder ein, über Nacht bei
ihm zu bleiben, da er hoffte, Gott den HERRN umstimmen zu können. Und nun
erhielt er auch die Erlaubnis, mit ihnen zu ziehen, jedoch mit der Weisung, nur
das zu tun, was ihm der HERR sagen werde. Da zog er mit den Gesandten. Als sich
ihm aber auf der Reise der Engel des HERRN in den Weg stellte und ihn scharf strafte,
wollte er umkehren, erhielt aber den Befehl: „Zieh hin mit den Männern; aber
nichts anderes, als was ich dir sagen werde, sollst du reden.“ Und er musste
reden, was er sollte. Viermal versuchte Balak ihn zu bewegen, Israel zu
fluchen, aber viermal musste er segnen und mit dem viermaligen Segensspruch die
ganze Fülle des Segens über das Volk aussprechen. Er sieht es unter der
Regierung und dem Schutz Gottes unbezwingbar seinen Siegeslauf vollenden und zu
königlicher Macht heranwachsen, die über die heidnischen Völker triumphiert. In
dem letzten Segensspruch schaut sein Blick in die ferne Zukunft, und er
verkündigt: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel
aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter.“ Betrachten wir denn
vornehmlich aufgrund dieser Worte:
Bileams eigenartige Weissagung vom Messias
Als eine solche erkennen wir sie
1.
Aus den
Umständen,
2.
Aus ihrem
Inhalt.
1.
Als Bileam zu dem König Balak gekommen war,
taten sie alles, ihn zu bewegen, das Volk Israel zu verfluchen. Der König
führte den Seher am nächsten Morgen auf die Höhe Baal, damit er von dort aus
das äußere Ende des Lagers Israel sehen könne, weil er meinte, wenn Bileams
Fluch über das Volk wirksam sein solle, so müsse er es vor Augen haben. Dort
baute Balak auf Geheiß Bileams sieben Altäre und opferte auf diesen sieben
Stiere und sieben Widder, um Gott den HERRN sich geneigt zu stimmen und die
Erlaubnis zu erhalten, den Fluch über Israel auszusprechen. Nachdem die Opfer
dargebracht waren, ließ er den König mit allen Fürsten der Moabiter bei den
Brandopfern zurück, während er selbst wegging, um zu erfahren, ob ihm Gott etwa
begegne, das heißt, durch bedeutsame Zeichen und Erscheinungen in der Natur ihm
zu erkennen gäbe, ob er fluchen oder segnen solle. Zu den Altären
zurückgekehrt, hob er, wie es in Kap. 23,8.9 heißt, seine Spruch an: „Wie soll
ich fluchen, dem Gott nicht flucht? Wie soll ich schelten, den der HERR nicht
schilt? Denn von der Höhe der Felsen sehe ich ihn wohl, und von den Hügeln
schaue ich ihn. Siehe, das Volk wird besonders wohnen und nicht unter die
Heiden gerechnet werden. Wer kann zählen den Staub Jakobs und die Zahl des
vierten Teils Israels? Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und
mein Ende werde wie dieser Ende!“ Balak glaubte, er stehe in der Macht und im
Belieben Bileams, zu segnen oder zu fluchen; dieser erklärt ihm aber durch
diesen Spruch, dass er ohne Gottes Willen nicht fluchen könne und dürfe, weil
das Volk Israel von allen heidnischen Völkern abgesondert und geschieden, ein
von Gott reich gesegnetes und reich begnadigten Volk sei. Bileam erkannte, dass
Gott sich dieses Volk zum Volk des Eigentums erwählt, mit starker Hand aus
Ägypten geführt, ihm sein Gesetz gegeben und es von den Heiden abgesondert
habe, dass es ein heiliges Volk, von dem HERRN gesegnet sei und darum auch von
den Heidenvölkern nicht bezwungen werden könne, solange es in der Gemeinschaft
mit Gott bleibe, seinen Bund halte. Anstatt unterzugehen, werde es so zahlreich
werden wie der Staub; anstatt wie die heidnischen mächtigen Reiche zu
zerfallen, werde es bleiben. Als Balak über diesen Segensspruch Bileams
unwillig wurde, antwortete er ihm: „Muss ich nicht das halten und reden, was
mir der HERR in den Mund gibt?“
Da aber Balak glaubte, an einem anderen Ort
den von ihm gewünschten Fluch erlangen zu können, führte er Bileam an einen
freien Platz auf der Höhe Pisga, von wo aus er das
ganze Lager des Volkes überblicken konnte. Auch dort wurden sieben Altäre
gebaut und dieselben Opfer wie vorher gebracht. Aber vergeblich; denn auf die
Frage Balaks an Bileam, was ihm der HERR gesagt habe,
erhielt er unter anderem die Antwort: „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge,
noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht
tun? Sollte er etwas reden und nicht halten? Siehe, zu segnen bin ich
hergebracht; ich segne und kann’s nicht wenden. … Siehe, das Volk wird
aufstehen wie ein junger Löwe und wird sie erheben wie ein Löwe; es wird sich
nicht legen, bis es den Raub fresse und das Blut der Erschlagenen saufe.“ Weil
diese Volk, sagt Bileam in diesem Spruch, sich nicht auf Zauberer und
Wahrsager, sondern allein auf die Offenbarungen seines Gottes verlässt, von
seinem Gott selbst geleitet und mit Kraft ausgerüstet wird, so ist es nicht nur
unbezwingbar, sondern wird wie ein Löwe alle seine Feinde überwinden und nimmt
Balak damit alle Hoffnung, das Volk zu überwinden.
Dennoch macht Balak einen weiteren Versuch.
Wohl ist er über diesen Segen Bileams entrüstet und ruft ihm zu: „Weder
verfluchen sollst du es noch segnen.“ Als ihm dieser aber entgegnet, was er ihm
von Anfang an gesagt hatte, dass er nichts anderes tun könne, als was Gott zu
ihm reden werde, besinnt er sich und fordert ihn auf, nach einem dritten Ort
mit ihm zu gehen, auf den Gipfel des Berges Peor, ob es Gott vielleicht gefalle, von dort aus
Israel zu verfluchen. Wieder werden sieben Altäre von Balak errichtet, wieder
sieben Stiere und Widder geopfert. Dort erblickt Bileam das Volk nach seinen
Stämmen gelagert, der Geist Gottes kommt über ihn, und sein Spruch lautet: „Wie
fein sind deine Hütten, Jakob, und deine Wohnungen, Israel!“ und er weissagt:
Wie sich die Gärten und die Zedern an den Wassern ausbreiten so wird Israels
Same wie ein großes Wasser und sein König höher als Agag werden. Er wiederholt
das in den vorigen Segenswünschen Ausgesagte und fügt hinzu: „Gesegnet sei, wer
dich segnet, und verflucht, wer dir flucht!“ Nun ergrimmt Balak und sagt zu
ihm: „Hebe dich an deinen Ort!“ Bileam erinnert ihn nochmals, dass er ja zu
seinen Boten gesagt habe, wenn er ihm sein ganzes Haus voll Silber und Gold
gäbe, müsse er doch das reden, was der HERR ihm sage. Aber ehe er den König
verlässt, verkündigt er ihm den vierten und letzten Segensspruch: „Komm, ich
will dir raten, was dies Volk deinem Volk tun wird zur letzten Zeit“, wie du
dich zu ihm verhalten hast, wenn dieses Volk in der letzten Zeit seinem Volk Segen
anstatt Fluch bringen soll: „Ich werde ihn sehen, aber jetzt nicht; ich werde
ihn schauen, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein
Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und
verstören alle Kinder Seth. Edom wird er einnehmen, und Seir wird seinen
Feinden unterworfen sein. Israel aber wird Sieg haben. Aus Jakob wird ein
Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist in den Städten.“ So hatte Bileam
stufenweise einen immer größeren Segen und in dem letzten Spruch die ganze
Fülle des Segens über das Volk ausgesprochen. Während Balak ihn mit allen
Mitteln dazu bringen wollte, Israel zu verfluchen, musste Bileam, da der Geist
des HERRN über ihn kam, es mit Segen überschütten, obwohl er, um die hohe Ehre
und den reichen Lohn, den ihm Balak versprochen hatte, zu erhalten, dem Volk
gerne geflucht hätte. Dieser heidnische Seher musste Gott dazu dienen, um seine
Macht über die heidnischen Seher und Beschwörer zu offenbaren, zu zeigen, dass
der über Israel ausgesprochene Segen unwiderruflich sei, und sein herrlicher
Name unter den heidnischen Völkern kund werde.
Ich bin, meine Zuhörer, ausführlicher auf
die Umstände, unter denen diese Weissagung von Christus verkündigt worden ist,
eingegangen, um zu zeigen, wie einzigartig sei in mehrfacher Beziehung ist und
eben dadurch umso herrlicher und leuchtender. Bileam ist ein heidnischer Seher
und Beschwörer und hat doch eine verstandesmäßige Erkenntnis des wahren Gottes;
er nennt den HERRN seinen Gott und meint doch, ihn wie die Heiden mit seinen
Opfern umstimmen, sich dienstbar machen zu können. Er fürchtet sich vor Gott,
und doch ist sein Herz von Ehrgeiz und Habsucht erfüllt. Er ist ein unlauterer
Mann, und doch redet Gott mit ihm. Gott verbietet ihm zuerst, mit den Gesandten
Balaks zu ziehen, erlaubt es ihm dann und stellt sich
ihm doch auf dem Weg feindlich entgegen. Bileam will dem Volk gerne fluchen, um
den Lohn der Ungerechtigkeit zu erlangen, aber der Geist des HERRN kommt über
ihn, und er muss segnen. Er ist trotz seiner Gotteserkenntnis ein blinder
Heide, und doch öffnet ihm Gott der HERR die Augen, dass er nicht nur den Sieg
des Volkes Israel über seine Feinde erblickt, sondern in ferner Zukunft den von
den Propheten verheißenen großen Herrscher aus dem Volk wie einen leuchtenden
Stern aufkommen sieht. So hat diese Weissagung Ähnlichkeit mit der Jakobs auf seinem
Sterbebett: „Es wird das Zepter von Juda nicht
entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme,
und demselben werden die Völker anhangen“, unterscheidet sich von dieser aber
dadurch, dass Jakob verkündigt, dem Helden würden die Heidenvölker anhangen,
Bileam hingegen, er werde die Heidenvölker zerstören und vernichten. Ist das
nicht eine einzigartige Weissagung von Christus? Aber eine solche ist sie auch
ihrem Inhalt nach. Das lasst uns zweitens erkennen.
2.
Bileam beginnt seinen letzten Segensspruch,
der die Weissagung von dem Messias enthält, fast mit denselben Worten, mit
denen er schon den dritten Segen über Israel eingeleitet hatte: „Es sagt der
Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis hat des Höchsten, der die
Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er
niederkniet2, und bekennt damit, dass er das, was er verkündigen wird, nicht
aus sich selbst, sondern aus göttlicher Offenbarung hat. Er nennt sich den
Hörer göttlicher Rede, sagt, dass er die Offenbarung des Allmächtigen sieht,
und dass ihm die Augen geöffnet sind, geöffnet durch den Geist, der über ihn
gekommen ist. Was er mit den geöffneten Augen sieht, spricht er in den Worten
aus: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahe.[1] Es
wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird
zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“
Wen sieht, schaut, Bileam? Den Stern, der
aus Jakob aufgeht, das Zepter, das aus Israel aufkommt. Und dass mit diesem
Stern und Zepter eine Person gemeint ist, sagt er im 19. Vers: „Aus Jakob wird
der Herrscher kommen“; denn die drei Benennungen sagen dasselbe, nur in
verschiedener Beziehung, die Eigenschaften beschreibend. Er sieht einen Stern
aus Jakob aufgehen. Es war bei den alten Völkern etwas Gewöhnliches, die Geburt
und Thronbesteigung großer Könige durch Erscheinungen von Sternen angezeigt zu
finden. Wenn Bileam daher einen solchen Stern aufgehen sieht, so ist ihm dies
das Sinnbild der Erscheinung eines großen und glänzenden Herrschers. Und dieser
große und glänzende Herrscher wird aus dem Volk erstehen, das er auf Balaks Drängen verfluchen sollte. Und aus demselben Volk,
aus Israel, wird ein Zepter aufkommen, ein mächtiger Herrscher aus dem Volk,
dessen Lager er von der Spitze des Berges aus, auf dem er steht, überblickt,
hervorgehen. Aber wie? Das sagen die Worte: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt;
ich schaue ihn, aber nicht von nahe.“ Dieser mächtige Herrscher ist noch nicht
unter dem Volk Israel, das sich unten auf dem Gefilde Moab gelagert hat, wird
auch nicht in naher, sondern in ferner Zukunft, „am Ende der Tage“, erscheinen.
Aber Bileam sagt auch, wodurch sich dieser
Zukünftige als ein mächtiger Herrscher erweisen wird; denn er fährt fort: „Und
wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“
Dieselben Fürsten mit ihrem Volk, die damals durch den Fluch Bileams Israel
vernichten wollten, die Moabiter, die Kinder des Getümmels[2],
die, von Lot und seinen Töchtern (1. Mose 19,31 ff.) abstammend, mit Israel
stammverwandt, ihm damals aber so feindlich gesinnt waren, die wir der künftige
Herrscher zerschmettern und zerstören. Was für eine Weissagung für Balak, den
damaligen König der Moabiter! Er will das Volk, vor dem ihm graut, durch Bileam
verflucht haben, und dieser verkündigt ihm, dass aus demselben Volk ein
Herrscher erstehen wird, der die Geschlechter seines Volks zerschmettern wird.
Doch damit ist Bileams Weissagung noch
nicht zu Ende; denn er fährt fort: „Edom wird er einnehmen und Seit wird seinen
Feinden unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben.“ Auch die Edomiter, die Nachkommen Esaus und daher ebenfalls mit
Israel stammverwandt, die im Lande Seir, einem Nachbarland von Moab, wohnten,
werden von demselben Schicksal betroffen, sein Besitz werden, und zwar so
vollständig, dass alles, was noch von den Edomitern
in den Städten übrig ist, vertilgt werden wird. Und noch mächtiger wird sich
dieser Herrscher aus Jakob erweisen; denn wie in den unserem Text folgenden
Worten von Bileam weiter gesagt wird, werden auch die Amalekiter,
die sich unter den heidnischen Völkern Israel zuerst auf seinem langen Zug
durch die Wüste feindlich entgegenstellten, aber durch Josua geschlagen wurden,
von seiner Macht erreicht werden. Zuletzt verkündigt Bileam den Untergang
seines eigenen Volkes, er Assyrer, was ihm tief zu Herzen geht, daher er
ausruft: „Wehe, wer wird leben, wenn Gott solches tun wird?“ Alle genannten
Völker werden fallen, selbst die gewaltigen Weltreiche wie Assyrien werden
untergehen; aber der aus Jakob aufstehende Herrscher und sein Reich werden
bleiben und bestehen. Welch eine wunderbare, eigenartige Weissagung aus dem
Mund eines Bileam!
Nun aber die Frage: „Wer ist der glänzende
Stern aus Jakob, das Zepter aus Israel, der mächtige Herrscher, der aus Jakob
kommen wird? Wer ist es, der in einer Zukunft von mehr als tausend Jahren sich
als ein solcher Herrscher erweisen wird. Wohl hat David, der Heldenkönig
Israels, diese Feinde seines Volkes überwunden, so dass er 1. Chron. 24,25
sagen konnte: „Der HERR, der Gott Israels, hat seinem Volk Ruhe gegeben“; aber
damit war diese Weissagung Bileams nicht erfüllt. Dieser Herrscher ist vielmehr
kein anderer als der verheißene Messias, von dem Jakob g4eweissagt hat: „Es
wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch
ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die
Völker anhangen.“ Der wird alle Feinde Israels zerschmettern, ein ewiges Reich
gründen, dem alle Reiche dieser Welt werden erliegen müssen. Als er zu
Bethlehem geboren wurde, als der von Bileam geweissagte Stern aus Jakob
aufging, da erschienen die Weisen aus dem Morgenland, der Heimat Bileams, und
fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern
gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Der von ihnen gesehene
Stern war nicht etwa der, welcher Bileam vor Augen schwebte, aber ein
wunderbarer Stern, der ihnen anzeigte, dass die Weissagung Bileams erfüllt sei.
Darum fragten sie nach dem neugeborenen König der Juden und sagten, dass sie
gekommen seien, ihn anzubeten, weil sie nach der ihnen bekannten Weissagung
glaubten, dass er über die Heidenvölker herrschen werde.
Fragen wir nach der Erfüllung dieser
Weissagung? Sie liegt vor Augen. Christus, der Herrscher aus Jakob, streckt
sein Zepter über die Völker der Heiden; und die sich gegen ihn aufgelehnt
haben, sind zerschmettert, zugrunde gegangen. Die Moabiter, Edomiter,
Amalekiter und Keniter sind
aus der Geschichte verschwunden, die größeren Weltmächte der Assyrer,
Babylonier und anderer sind zugrunde gegangen. Erfüllt ist Bileams Weissagung
sowie die des 2. Psalms: „Heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe
geben und der Welt Enden zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter
zerschlagen, wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen“ und des 72. Psalms: „Er wird
herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt
Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden
Staub lecken.“
So ist denn diese Weissagung Bileams von
Christus auch ihrem Inhalt nach eine eigenartige, wunderbare, da sie ihn als
einen glänzenden, über seine Feinde triumphierenden Herrscher verkündigt, dem
keiner seiner Feinde widerstehen kann. Vollendet aber wird er als ein solcher
offenbar werden, wenn er, umgeben von den heiligen Engeln, erscheinen, auf dem
Stuhl seiner Herrlichkeit sitzen und die vor ihm versammelten Völker richten
wird. Wohl allen, die ihm in wahren Glauben dienen, in deren Herzen sein seligmachendes
Wort als der schönste Stern leuchtet! Vor ihm wollen wir unsere Knie beugen wie
die Weisen aus dem Morgenland und ihm unsere Gaben darbringen. Ja:
Du wollst in mir entzünden
Dein
Wort, den schönsten Stern.
Dass
falsche Lehr und Sünden
Sein
von meim Herzen fern.
Hilf,
dass ich dich erkenne
Und
mit der Christenheit
Dich
meinen König nenne
Jetzt
und in Ewigkeit!
Amen.
1. Mose 4,3-16: Es begab sich aber nach etlichen
Tagen, dass Kain dem HEERRN Opfer brachte von den
Früchten des Feldes, und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und
von ihrem Fetten. Und der HERR sah gnädig an Abel und seine Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich.
Da sprach der
HERR zu Kain: Warum ergrimmst du, und warum verstellt
sich deine Gebärde? Ist’s nicht so? Wenn du gerecht bist, so bist du angenehm;
bist du aber nicht gerecht, so ruht die Sünde vor der Tür. Aber lass du ihr
nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie.
Da redete Kain mit seinem Bruder Habel. Und es begab sich, da sie auf
dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder
Abel und schlug ihn tot.
Da sprach der
HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich
weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du
getan? Die Stimme deines Bruders Bluts schreit zu mir von der Erde. Und nun
verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders
Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir
hinfort sein Vermögen nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf
Erden.
Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Sünde ist größer, als
dass sie mir vergeben werden könnte. Siehe, du treibst mich heute aus dem Land
und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig
sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich
totschlage, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und
der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand
erschlüge, wer ihn fände.
So ging Kain von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits Eden, gegen Osten.
In dem HERRN, geliebte Zuhörer!
Wenn wir den Bericht über den Sündenfall im
dritten Kapitel des ersten Buches Mose näher ansehen, so erkennen wir, wie es
bei unseren ersten Eltern zu der Sünde, der Übertretung des göttlichen Verbots
kam. Die Schlange erregte zuerst in dem Herzen Evas Zweifel an der Wahrheit des
Verbots: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen“,
indem sie zu ihr sprach: „Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen
von allen Bäumen im Garten!“ Auf die Versicherung der Frau, dass Gott das
Gebot allerdings gegeben habe, leugnete die Schlange die Wahrheit der dem
Verbot beigefügten Drohung, indem sie sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes
sterben!“ Dem „Du wirst gewiss, unfehlbar, des Todes sterben“ setzt4e sie das
„Keineswegs“ entgegen und erregte in der Frau die Lust nach der
verbotenen Frucht, indem sie behauptete, dass durch das Essen der Frucht ihre
Augen aufgetan, sie wie Gott sein und wissen würden, was gut und böse sei. Das war Wahrheit und Lüge zugleich: Wahrheit,
insofern ihre Augen wirklich aufgetan wurden; Lüge, insofern sie erkannten,
dass sie nackt waren und sich schämten. Diese Lüge war umso gefährlicher, als
sie, mit einer gewissen Wahrheit vermischt, eine meisterhafte, satanische
Zweideutigkeit war und die Beschuldigung gegen Gott enthielt, dass er ihnen die
Frucht an dem Baum nicht aus Liebe, um sie vor dem Tod zu bewahren, sondern aus
Neid und Missgunst, damit sie ihm durch Erkenntnis des Guten und Bösen nicht
gleich würden, gegeben habe.
Die Frau richtet ihren Blick auf den Baum.
Die Frucht ist eine Lust für das Auge, lieblich anzuschauen, begehrenswert; ihr
Wille stimmt der Begierde zu, sie nimmt und isst, und wie sie von der Schlange
verführt ist, so verführt sie den Mann. Und wie schnell entfaltet sich die
Sünde! Wie sich aus einem kleinen Samenkorn ein voller Strauch oder Baum
entwickelt, aus einer kleinen Flamme ein großer Brand entsteht, so auch die
Sünde. Beide haben der Lüge Satans geglaubt und sind dadurch zu Lügnern
geworden. Sie versteckten sie in ihrem Schuldbewusstsein unter den Bäumen,
gaben aber vor, dass sie sich nur versteckten, weil sie nackt seien, und als
sie diese Unwahrheit nicht aufrechterhalten können, schob der Mann die Schuld
auf die Frau, indem er zu Gott sagte: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab
mir von dem Baum, und ich aß.“ Die Frau schob die Schuld auf die Schlange, die
auch von Gott erschaffen war, und so wollten beide Gott selbst im letzten Grund
für ihre Sünde verantwortlich machen. Wie ganz anders und hässlich ist dies
Bild, das sie nun an sich tragen! Wo ist das ihnen anerschaffene
Bild Gottes, die Heiligkeit und Gerechtigkeit, geblieben?
Aber das Bild pflanzte sich auf ihre
Nachkommen fort. Sie zeugten Kinder, die ihrem Bild ähnlich waren. Das erkennen
wir sogleich an Kain, dem ersten ihrer Söhne. Als
dieser geboren wurde, rief Eva erfreut aus: „Ich habe den Mann, den HERRN!“
Aber wie täuschte sie sich! Sie hatte den geboren, in dem sich die ganze
Verderbtheit der sündlichen Natur zu erkennen gab,
die Sünde sich bis zu dem grauenvollen Brudermord steigerte. Diese Sünde
berichtet der verlesene Text. Betrachten wir daher jetzt:
Kains
Brudermord
Wir sehen, dass Kain
seinen Bruder Abel ermordete,
1.
Weil Gott Abels
und nicht auf sein Opfer gnädig ansah,
2.
Obwohl er ernst
von Gott gewarnt worden war,
3.
Dass er
deswegen von Gott verflucht wurde.
1.
Kain und Abel
waren die ersten Söhne Adams und Evas. Kain war ein
Ackermann, Abel ein Schäfer. Beide brachten dem HERRN ein Opfer dar, und zwar
jeder ein solches, das seinem Beruf entsprach: Kain
als Acker- oder Landmann von den Früchten des Feldes, Abel als Schäfer von
seiner Herde. Beide taten dies aus freiem Willen; denn von einem Befehl, den
ihnen Gott gegeben hätte, berichtet uns die Heilige Schrift noch nichts. Sie
taten es in dem Bewusstsein, dass Gott der Schöpfer und der Geber aller guten
Gaben sei, dass sie von ihm abhängig seien. Keines von beiden war ein
Sühnopfer, wodurch sie eine Schuld sühnen, sondern es waren Dank- und
Bittopfer, durch die sie Gott ihren Dank und ihre Bitte darbringen wollten,
weil sie ohne Zweifel von Adam über die Schöpfung und die Verheißung Gottes
unterrichtet worden waren. In dieser Beziehung waren also beider Opfer völlig
gleich.
Dennoch aber waren sie völlig ungleich.
„Der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain
und sein Opfer sah er nicht gnädig an“, das heißt, er blickte auf Abel und
dessen Opfer mit Wohlgefallen, hingegen auf Kain und
dessen Opfer mit Missfallen. Weshalb? Auf eine Verschiedenheit der beiden Opfer
weist der Text hin, da er berichtet, dass Kain sein
Opfer von den Früchten des Feldes, Abel aber das seine von den Erstlingen
seiner Herde und von ihrem Fetten darbrachte. Kain
traf also unter den Früchten seines Feldes keine Auswahl, sonderte für seine
Opfer nicht die besten Früchte aus, sondern nahm dazu irgendwelche; Abel
hingegen wählte zu seinem Opfer von den Erstlingen und von den fettesten Tieren
seiner Herde, die besten, welche sich in ihr fanden. Dadurch gaben beide die
Gesinnung zu erkennen, in der sie opferten. Kain
dachte, für Gott sei irgendetwas, Abel, für Gott sei nur das Beste gut genug,
und das zeigte, dass jener ungläubig, dieser gläubig war, jener im Unglauben,
dieser im Glauben sein Opfer darbrachte. Daher heißt es Hebr. 11,4: „Durch den
Glauben hat Abel Gott ein größeres Opfer getan als Kain,
durch welchen er Zeugnis überkommen hat, dass er gerecht sei, da Gott zeugte
von seiner Gabe.“ Und weil Abel sein Opfer im Glauben darbrachte, sah es Gott
gnädig, mit Wohlgefallen, Kains Opfer dagegen mit
Missfallen an, weil es ein bloß äußerliches, heuchlerisches Werk war, ohne die
rechte Gesinnung, ohne Dankbarkeit, ohne Glauben.
Darüber, dass Gott sein Opfer nicht gnädig
ansah, ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärden
verstellten sich. Er ergrimmte in seinem Zorn, blickte finster vor sich auf die
Erde[3], wie
das bei solchen zu geschehen pflegt, die zornig und gehässig sind. Er wurde
darüber zornig, dass Abels Opfer von Gott angenommen, das seine verworfen
wurde, dann aber auch über seinen Bruder Abel, obwohl dieser ganz unschuldig
war; denn was konnte Abel dafür, dass er, Kain,
gottlos war? Anstatt in sich zu gehen, Buße zu tun, hasste er Abel, als wäre
dieser die Ursache, dass Gott mit Missfallen auf sein heuchlerisches Opfer
blickte. Und da er den in seinem Herzen aufsteigenden Hass nicht bekämpfte, sondern
ihm freien Lauf ließ, so wurde dieser Hass immer größer und trieb ihn zu dem
schändlichen Brudermord.
So trat schon bei Kain
die Sünde in ihrer unverhüllten, teuflischen Gestalt hervor, tränkte die Erde
mit unschuldigem Bruderblut. Der Gottlose hasst den Gottesfürchtigen, hasst ihn
um seiner Gottesfurcht, seiner Frömmigkeit willen. So ist’s allezeit gewesen.
Seit Kain und Abel haben sich die Menschen je und je
in zwei Klassen, in Gottlose und Gottesfürchtige, Ungläubige und Gläubige,
geschieden. Die Nachkommen Kains schlugen die Wege
ihres Vaters ein. Er baute, wie uns der zweite Teil dieses Kapitels berichtet,
die erste Stadt und nannte sie nach seinem Sohn Henoch. Sein Nachkomme Lamech
nahm zuerst zwei Frauen, und damit begann die Vielweiberei. Die Söhne Lamechs
waren die Erfinder der Künste, besonders der Schmiedewerkzeuge und Mordwaffen,
welche Lamech in einem trotzigen Lied vor seinen beiden Frauen, Ada und Zilla,
besang und verherrlichte. „Kain soll siebenmal
gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal“, sang er, auf seine Kraft und
Waffen pochend, in frechem Übermut. Kain, der
Stammvater, hatte mit einer Mordtat begonnen, sein Nachkomme Lamech feiert die
Mordwaffe mit einem Lied. Schon im siebten Glied des kainitischen
Geschlechts ist alle Gottesfurcht erloschen; an Stelle der Gottesfurcht ist
Pochen auf eigene Kraft, anstelle der Friedensliebe Kampfes- und Mordgier,
anstelle der Keuschheit fleischliche Lust getreten; irdischer, gottloser Sinn
ist zur Herrschaft gelangt. Und seit Kains Brudermord
ist diese Erde mit Bruderblut getränkt, die Geschichte der Menschheit mit Blut
geschrieben worden. So grauenvoll hat sich die Sünde entfaltet, dass Gott der
HERR das ganze menschliche Geschlecht mit Ausnahme Noahs und seiner Familie
durch die Sintflut ersäufte und von dem Erdboden vertilgte.
Doch, meine Lieben, Kains
Brudermord war eine umso schrecklichere Sünde, weil er sie beging, obwohl er
von Gott so ernst gewarnt worden war. Darauf lasst uns zum anderen unsere
Aufmerksamkeit richten.
2.
Als Kain darüber
ergrimmte, dass Gott auf Abels Opfer mit Wohlgefallen, auf das seine aber mit
Missfallen blickte, sprach Gott zu ihm: „Warum ergrimmst du, und warum
verstellt sich deine Gebärde? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so bist du
angenehm; bist du aber nicht fromm, so ruht die Sünde vor der Tür? Aber lass du
ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie!“ Gott fragt ihn, warum er,
voll Grimm und Zorn, so finster vor sich niederblickt. Er redet ihm ins Herz,
er soll sich prüfen, ob er irgendeine Ursache hat, zornig und grimmig zu sein.
Er soll, wenn er dazu Ursache hat, diese nicht bei seinem Bruder Abel, auch
nicht bei ihm, Gott, sondern bei sich selbst suchen. Denn Gott sagt zu ihm: Ist
es nicht so: Wen du fromm, gut bist, auf etwas Gutes sinnst oder bedacht bist,
dann blickt du nicht finster vor dich nieder, sondern erhebst dein Angesicht,
blickst frei und offen empor; wenn du aber auf Böses sinnst, um das
auszuführen, so lauert die Sünde vor deiner Tür, um über dich zu herrschen und
dich zu einer bösen Tat anzutreiben? Sie trachtet begierig danach, Macht und
Gewalt über dich zu bekommen. Aber lass ihr nicht den Willen, lass sie nicht
über dich herrschen, sondern herrsche du über sie! Die Sünde ist wie ein böses
Tier, die dem Menschen, wie die Schlange Eva, auflauert, ihn zu überreden und
in ihre Gewalt zu bekommen sucht. So eindringlich warnt Gott den Kain, seinen Zorn fahren zu lassen, damit der Zorn ihn
nicht überwinde.
Aber diese eindringliche Mahnung und
Warnung war vergeblich. „Kain redete mit seinem
Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ Was Kain mit Abel redete, ist nicht gesagt. Es kann sein, dass
er ihn aufforderte, mit ihm aufs Feld zu gehen, oder dass er ihm mitteilte, was
Gott zu ihm gesagt hatte, dass Gott ihn wegen seines Zorns gestraft habe, also
auch diese Strafe und Warnung Gottes, als von Abel veranlasst, diesem zur Last
legen wollte. Aber was immer er gesagt haben mag: Als beide auf dem Feld waren,
überfiel er Abel und tötete ihn. Trotz der Warnung Gottes lässt er die Sünde
über sich herrschen und wird an seinem leiblichen, frommen Bruder zum Mörder.
Er ist von dem Argen, dem Satan, hat dessen Gesinnung. Wie dieser ein Mörder
von Anfang ist, so macht er Kain zum ersten Mörder
unter den Menschen. Der giftige Same, der mit dem Essen von dem Baum der
Erkenntnis von Gut und Böse in die menschliche Natur gepflanzt war, schießt bei
dem erste Sohn Adams in Grimm, Hass und Brudermord empor. In Kain ist der natürliche, aus sündlichem
Samen gezeugte Same zum Schlangensamen geworden; in seinem Brudermord tritt die
furchtbare Macht des Bösen, des Menschenmörders, offen hervor.
So steht Kain,
dessen Hände mit dem Blut seines unschuldigen Bruders befleckt sind, für alle
Menschen zu allen Zeiten da als ein warnendes, abschreckendes Beispiel. Hüte
dich vor dem Anfang! Es ist ein gefährliches Ding um die Sünde, wenn sie
genährt wird. Die bittere Wurzel gegen den Nächsten schießt schnell empor; sie
wird zur Abneigung, die Abneigung zum Zorn, der Zorn zur Feindschaft, die
Feindschaft zum Hass, der Hass zum tätlichen Mord. Wie mancher trägt dasselbe
Gesicht wie Kain! Seine Gebärden verstellen sich, er
blickt finster zu Boden, kann seinem Bruder nicht offen ins Auge sehen, obwohl
er keine Ursache zum Zorn hat. Hüte dich, auch Gottes Warnung zu verachten!
Zuerst spricht er zu dir wie Kain: „Zürne und sündige
nicht; lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!“ Hasst
du, so ermahnt er dich: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“
Verstellen sich deine Gebärden, er erinnert dich an Kain
und spricht auch zu dir: „Wen du auf Gutes sinnst, so
sind der Blick deiner Augen und dein Angesicht hell und freundlich; wenn du
aber finster zu Boden blickst, so ruht nichts Gutes in deinem Herzen, dein
Blick ist der Spiegel deines Herzens, und die Sünde lagert vor deiner Tür wie
ein böses Tier.“ Und wehe denen, die solchen Mahnungen und Warnungen ihre Ohren
verstopfen, die in ihrem Grimm und Hass fortfahren! Sie sind, soweit es auf
ihre Gesinnung ankommt, in ihrem Herzen Brudermörder und stehen in der Gefahr,
ihn wie Kain durch die äußere Tat totzuschlagen.
„Wenn die Lust empfangen hat“, schreibt Jakobus, „gebiert sie die Sünde; die
Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod.“ Ja, auf die Sünde
folgt die Strafe. Das ist das dritte, was Kains
Brudermord lehrt.
3.
Hatte Kain die
erste Warnung Gottes verachtet, so musste er nun die gerechte Strafe hinnehmen;
denn „da sprach der HERR zu Kain: ‚Wo ist dein Bruder
Abel?‘ Er sprach: ‚Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?‘“
Dreierlei geht aus diesen Worten Kains hervor:
zuerst, dass er in seiner Sünde so verblendet war, dass er meinte, seine
schändliche Tat sei auch Gott verborgen. Aber sollte das Auge des Allsehenden
sie nicht gesehen haben? Sodann log er Gott frech ins Angesicht, indem er auf
die Frage, wo Abel sei, antwortete: „Ich weiß nicht.“ Drittens erkennen wir
seine freche Unverschämtheit aus der Frage: „Soll ich meines Bruders Hüter
sein?“ Gott fragt ihn nicht nach dem
Verbleib eines Freundes, sondern nach dem seines leiblichen Bruders. Er stellt
sich, als ob ihn sein leiblicher Bruder gar nichts angehe. So steigert sich die
Sünde. Adam und Eva fürchteten sich vor Gott und bekannten ihre Sünde; Kain leugnet sie frech ab und ist trotzig und unverschämt.
Das wagt das Geschöpf dem Schöpfer, der Mensch dem heiligen Gott zu bieten !
Aber Gott sagt ihm seine Sünde ins Gesicht;
denn er spricht zu ihm: „Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Blut
schreit zu mir von der Erde. Und nun, verflucht seist du auf der Erde, die ihr
Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“ Dreimal
gebraucht der HERR das Wort „Bruder“ und hebt damit die Abscheulichkeit des
Verbrechens hervor. Bruderblut hast du vergossen, mit Bruderblut die Erde
getränkt, und unschuldiges Bruderblut dazu; und dies Blut schreit zu mir im
Himmel von der Erde. „Was hast du getan?“ fragt Gott und spricht damit die
Abscheu vor Kains Tat aus. Ja, wenn Kain seines Bruders Hüter nicht sein wollte, Gott ist es.
Er kümmert sich um seine Kinder, ihr Tod ist wert gehalten vor ihm, und sein
Ohr hört die Stimme des unschuldig vergossenen Blutes, wenn des Menschen Ohren
sie auch nicht hören. Enthalten diese Worte Gottes, an Kain
gerichtet, die Anklage, so fällen die Worte: „Verflucht seist du auf der Erde,
die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“
das Urteil: Wie die Sünde, so die Strafe. Hat er die Erde, dass ich so sage,
Bruderblut zu schlucken gegeben, so soll er auf dieser Erde verflucht sein; sie
soll ihm, wenn er sie bebaut, ihr Vermögen nicht geben, sie soll unfruchtbar
sein. Er soll sie nicht nur wie Adam im Schweiß seines Angesichts, sondern auch
fruchtlos, vergeblich bebauen; er soll säen, aber nicht ernten, und er soll
unstet und flüchtig auf ihr sein, keinen dauernden Wohnsitz auf ihr haben,
sondern ruhelos von einem Ort zum anderen wandern. Das war die Strafe für den
Brudermord.
Nun verwandelt sich der freche Trotz des
Brudermörders in Verzagtheit und Verzweiflung; denn er ruft aus: „Meine Sünde
ist größer, als dass sie mir vergeben werden könnte“, oder: dass ich sie tragen
könnte. Er meinte, unter ihrer Last vergehen zu müssen. Dennoch war er nicht
bußfertig, denn nicht die Größe seiner Sünde, sondern die Größe der Strafe
beklagt er, wie die folgenden Worte zeigen: „Siehe, du treibst mich heute aus
dem Land, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig
sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich
totschlage, wer mich findet.“ Er fürchtet die Blutrache. Er, der mit kaltem
Blut den Bruder erschlagen hat, bebt und zittert nun vor Furcht, selbst getötet
zu werden; er ist zum Feigling geworden. Von seinem Gewissen geplagt, wittert
er überall Gefahr, wie es heute noch von Verbrechern geschieht und Spr. 28,1
heißt: „Der Gottlose flieht, und niemand jagt ihn.“ „So ging Kain“, so schließt unser Texgt,
„von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ „Nod“
heißt Flucht, Verbannung. Hatte er bisher im Land Eden, dem Wonneland, wo Gott
sich den Menschen offenbarte, gewohnt, so musste er nun in der Verbannung
leben, wo sich Gott nicht offenbarte und sich ihm nicht gnädig erzeigte, wo
sich die Gottlosigkeit seiner Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht
steigerte.
Hätte Gott der HERR den nun feigen
Brudermörder nicht sogleich mit dem Tod bestrafen sollen? Aber obwohl er
unbußfertig war und nur die Strafe, Wiedervergeltung, fürchtete, ließ er ihm
doch schonende Langmut zuteil werden. Zwar gab er ihm
nicht die Versicherung, dass ihn niemand töten solle, sondern nur die, dass
sein Tod siebenfach gerächt werden solle. Sodann machte er ein Zeichen an Kain, damit ihn keiner, der ihn finde, erschlüge. Was das
für ein Zeichen war, ob ein Zittern an allen Gliedern, ein scheuer, furchtsamer
Blick, wissen wir nicht. Die meisten Verbrecher haben ja einen unsteten Blick,
können anderen nicht offen ins Gesicht sehen, sondern weichen dem Blick aus.
Für Kain war das Zeichen ein gewisses Schutzmittel,
weil es wahrscheinlich Mitleid erregte, aber auch zugleich eine Strafe, die er
tragen musste. Und der HERR wollte Kain von keinem
Menschen getötet haben, weil er jede Privatrache verboten, die Strafe sich
selbst vorbehalten hat. „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der
HERR.“ Dies Wort hatte schon damals Geltung.
Diese Strafe Kains
lehrt uns die Gerechtigkeit und Langmut Gottes. Er ist der gerechte Gott, der
die Sünde straft und strafen muss. „Du bist“, spricht der Psalmist, „nicht ein
Gott, dem gottloses Wesen gefällt. Wer böse ist, bleibt nicht vor dir.“ Doch
eilt er nicht mit der Strafe oder vollzieht sie nicht mit der ganzen Schärfe,
um dem Sünder Zeit zur Buße zu geben. Er will ja nicht des Sünders Tod, sondern
dass er sich bekehre und lebe. Wird diese Gnadenzeit versäumt, gar auf
Mutwillen gezogen, dann bleibt auch die volle Strafe nicht aus. Denn:
Wahr
ist’s, Gott ist wohl stets bereit
Dem
Sünder mit Barmherzigkeit;
Doch
wer auf Gnade sündigt hin,
Fährt
fort in seinem bösen Sinn
Und
seine Seele selbst nicht schont,
Der
wird mit Ungnad abgelohnt.
Der treue Gott verleihe uns allen ein
bußfertiges Herz, vergebe uns um Christi, seines Sohnes willen, der für alle
Sünden mit seinem auf Golgatha vergossenen teuren Blut bezahlt und den Fluch
gesühnt hat, alle unsere Sünden und verleihe, dass wir in wahrer Liebe zu
unserem Nächsten wandeln, ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten. Amen.
Jesaja 6: In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den HERRN sitzen auf einem hohen und
erhabenen Stuhl; und sein Saum füllte den Tempel. Seraphim standen über ihm,
ein jeglicher hatte sechs Flügel; mit zwei deckten sie ihr Antlitz, mit zwei
deckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. Und einer rief zum andern und
sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner
Ehre voll! dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das
Haus wurde voll Rauchs.
Da sprach ich:
Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk
von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit
meinen Augen. Da flog der Seraphim einer zu mir und hatte eine glühende Kohle
in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und
sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Missetat von dir
genommen werde und deine Sünde versöhnt sei. Und ich hörte die Stimme des
HERRN, dass er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber
sprach: Hier bin ich, sende mich!
Und er sprach:
Gehe hin und sprich zu diesem Volk: Hört es und versteht es nicht; seht es und
merkt es nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren dick sein
und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit
ihren Ohren, noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen. Ich
aber sprach: HERR, wie lange? Er sprach: Bis dass die Städte wüst werden ohne
Einwohner und Häuser ohne Leute und das Feld ganz wüst liege. Denn der HERR
wird die Leute fern wegtun, dass das Land sehr verlassen wird. Doch soll noch
das zehnte Teil drinbleiben; denn es wird weggeführt und verheeret werden wie
eine Eiche und Linde, welche den Stamm haben, obwohl ihre Blätter abgestoßen
werden. Ein heiliger Same wird solcher Stamm sein.
Geliebte in dem
HERRN!
Das Bild,
welches uns in dem verlesenen Wort Gottes vor die Augen geführt wird, ist ein
ganz eigenartiges und wohl das erhabenste, das wir in der Heiligen Schrift
finden. Wir erblicken in ihm zuerst Gott selbst in seinem Heiligtum, sitzend
auf seinem himmlischen Thron, umgeben von den Seraphim als seinen Dienern, die
mit gewaltiger Stimme durch Zu- und Gegenruf die Ehre des Heiligen in Israel
verkündigen. Dies erblickt Jesaja in einem Gesicht, und davon überwältigt, wird
er von #Schrcken ergriffen und ruft aus: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin
unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe
den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Da schwebt einer der
hohen, heiligen Seraphim herab, berührt mit einer glühenden Kohle, die er von
dem Altar genommen hat, die Lippen Jesajas und entsündigt ihn dadurch, denn er
spricht zu ihm: „Deine Missetat ist von dir genommen, deine Sünde ist
versöhnt.“ Der Heilige entsündigt den Sündigen, der Reine reinigt den Unreinen,
ein Diener im Heiligtum des HERRN der Heerscharen einen Menschen, der dessen
Diener auf Erden unter Menschen sein soll. Denn nachdem dies geschehen ist,
hört Jesaja die Frage des HERRN: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote
sein?“ Auf diese Frage antwortet Jesaja sogleich: „Hier bin ich, sende mich!“
Und Gott nimmt dies Anbieten an und gibt ihm nicht nur den Befehl, als sein
Bote zu dem Haus Juda-Israel zu gehen und ihm sein
Wort zu verkündigen, sondern sagt ihm auch, welche Wirkung seine Predigt unter
dem Volk haben und welch schweres Strafgericht es treffen werde.
Doch es ist
nicht meine Aufgabe, euch das im Text gegebene Bild in seinen einzelnen Zügen
und in seiner einzigartigen Größe darzustellen. Ich könnte das auch nicht, denn
dazu ist jede menschliche Zunge zu schwach; ich will vielmehr das hervorzuheben
suchen, was dem Anlass entspricht, der uns jetzt hier zu einer besonderen Feier
versammelt hat.
Sie sind keine
Männer wie Jesaja, keinen von Ihnen kommt es in den Sinn, sich dem größten
unter den Propheten gleichzustellen. Aber wie Jesaja, so sollen auch Sie Gottes
Boten sein. Es ist derselbe Gott, der Heilige in Israel, wie ihn Jesaja mit
Vorliebe nennt, der Sie sendet. Jenen sandte er in kein entferntes Land. Wie
jener, so sollen auch Sie unter einem Volk von unreinen Lippen als Gottes Boten
auftreten, sollen dasselbe Wort wie er, der Evangelist des Alten Bundes,
verkündigen. Sie werden, wie der große Prophe5t, wenn auch in geringerem Maß,
dieselben Kämpfe zu führen haben und klagen müssen: „Wer glaubt unserer
Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart?“ aber auch rufen: „Mache
dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN
geht auf über dir.“ Darum lasst Sie mich Ihnen jetzt mit einigen Worten
darstellen:
Die Weihe des Propheten Jesaja
Wir betrachten
1.
Die wunderbare
Gotteserscheinung,
2.
Die Entsündigung des Propheten,
3.
Seine Sendung
zu dem Volk Israel.
1.
Wie einst Mose durch eine wunderbare Erscheinung des HERRN im feurigen
Busch zum Führer des Volkes Israel aus Ägypten, wie Jeremia und Hesekiel
ebenfalls durch besondere Gotteserscheinungen zu Propheten berufen und geweiht
wurden, so auch Jesaja, der größte unter allen Propheten.
Welch eine Erscheinung! Jesaja erblickt den Heiligen in Israel in seinem
Palast, sitzend auf einem erhabenen Thron, umgeben von den Seraphim. Die Säume,
das heißt, die Enden seines herabwallenden Gewandes, bedecken den Boden des
ganzen himmlischen Heiligtums, so dass es ganz von seiner Herrlichkeit bedeckt,
erfüllt ist. Die Seraphim, die seinen Thron umgeben, sind Gestalten mit
menschlichem Angesicht und menschlichen Füßen. Sie haben je drei Paar Flügel.
Mit zwei bedecken sie ihre Füße, mit zwei schweben sie durch das Heiligtum
dahin, mit zwei bedecken sie in ehrerbietiger, heiliger Scheu ihr Angesicht vor
dem Heiligen in Israel. Sie sind leuchtende, wie vom Feuer durchglühte Wesen
und stellen, wie die Cherubim die Macht, die Heiligkeit Gottes dar. Sei sind von allem Irdischen und Menschlichen, besonders
von allem Unreinen und Sündlichen, unterschieden.
Aber nicht schweigend schweben sie in dem himmlischen Palast dahin, sondern sie
erheben ihre Stimmen, und wie Donnerhall ertönt ihr Preis- und Lobgesang: „Heilig,
heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll!“
so dass die Grundfesten von dem Hall der Rufenden erbeben, und das Haus voll
Rauchs wird.
Wozu diese einzigartige, gewaltige, ich könnte sagen, donnerartige
Erscheinung bei der Weihe des Jesaja? Wozu diese Erscheinung, welche die
Allherrschaft Gottes als des absoluten Königs über die ganze Welt und seine
vollkommene Heiligkeit in einer Weise wie nichts anderes darstellt? Jesaja
sollte aus ihr erkennen und es nie vergessen, wer der sei, in dessen Dienst er
treten, als dessen Bote er zu dem sündigen Volk gehen sollte. Dessen Bote
sollte er sein, der an königlicher Größe und Macht alles Irdische überragt, der
in seiner unantastbaren Heiligkeit von allem Irdischen so weit unterschieden
ist wie der Himmel von der Erde, der aller Unreinigkeit und Sündhaftigkeit
gegenüber ein verzehrendes Feuer ist; diesen allmächtigen und allheiligen Gott
sollte er unter einem durch und durch sündigen Volk als dessen Bote vertreten.
Das erkannte Jesaja auch; deswegen rief er voll Erschrecken aus: „Wehe mir, ich
vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen
Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“
Aber doch auch erhebend und tröstlich war diese Gotteserscheinung für
Jesaja. Denn wenn er als Bote dieses Gottes unter das Volk trat und des
Schutzes dieses Gottes versichert war, wer konnte ihn dann antasten? Mit
welchem Vertrauen und welcher Freudigkeit konnte er trotz allen Widerspruchs
sein Amt ausrichten!
Ihnen, meine Freunde, ist eine solche Gotteserscheinung nicht zuteil
geworden und wird Ihnen auch nicht zuteil werden.
Solche Erscheinungen gehören der Patriarchen- und Prophetenzeit des Alten
Bundes an. Wir haben im Neuen Testament eine, wenn auch nicht sichtbar in die
Augen fallende, so doch größere und herrlichere Gotteserscheinung; denn Gott
ist erschienen im Fleisch und hat seine Herrlichkeit offenbart. „Nachdem
vorzeiten Gott manchmal und auf mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern
durch die Propheten, hat er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den
Sohn.“ In dem Wort des Sohnes und seiner Apostel haben wir die letzte,
abschließende und vollkommene Offenbarung Gottes und seines Willens und sollen
deshalb auch nicht nach besonderen, wunderbaren Erscheinungen und Offenbarungen
ausblicken. Darum beruft Gott seine Boten nicht mehr unmittelbar, sondern
mittelbar, durch seine Kirche. Aber es ist derselbe göttliche, kräftige Beruf,
göttlich nach Ursache, Inhalt und Zweck, der Beruf des Heiligen in Israel, des
Königs Himmels und der Erde, der in seiner Macht unbeschränkt, in seiner
Heiligkeit unverletzlich ist. Ein solcher Beruf ist auch der Ihre. Ist das
nicht auch für Sie erhebend, tröstlich? Können Sie nicht im Vertrauen darauf
getrost ausgehen und als seine Boten auftreten, im Namen Ihres Gottes inmitten
eines sündigen Volkes allen Feinden und Spöttern ohne Furcht Trotz bieten?
Aber nun betrachten Sie zweitens, was auch für Sie von höchster
Wichtigkeit ist, dass nämlich auch an Ihnen geschehen muss, was an Jesaja
geschah, ehe er von Gott als sein Bote ausgesandt wurde: die Entsündigung.
2.
Angesichts dieser Erscheinung des heiligen Gottes und der heiligen
Seraphim rief Jesaja voll Schrecken aus: „Wehe mir, ich vergehe! … Denn ich
habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Dies brachte ihn
zur vollen Erkenntnis seiner Unreinigkeit und Sündhaftigkeit. Er meinte,
vergehen, vernichtet werden zu müssen, weil er – denn damit begründet er den
Ausruf: „Wehe mir, ich vergehe!“ – „unreiner Lippen“ war, ein sündiger Mensch.
Konnte er als solcher vor dem heiligen Gott bestehen? Konnte er, der Sünder,
des heiligen Gottes Bote sein? Freilich nicht, denn der dreimal Heilige kann
keine Sünder als seine Boten in seinen Dienst stellen. Aber wohl dem Propheten,
dass er zu solcher Erkenntnis kam! Denn alsbald schwebte einer der Seraphim mit
einer glühenden Kohle, von dem heiligen Feuer, von dem Altar genommen, zu ihm
hernieder, rührte dreimal seine Lippen an und sprach zu ihm: „Siehe, hiermit
sind deine Lippen gerührt, dass deine Missetat von dir genommen werde und deine
Sünde versöhnt sei.“ So wird der Sündige entsündigt durch himmlisches Feuer an
den Lippen als den Organen, mit denen er den Heiligen in Israel dem Volk, das
ihn nicht kannte, verkündigen sollte. Und nun war er geeignet zum Boten,
geschickt, die Botschaft unter einem sündigen Volk auszurichten.
Sind Sie, meine Freunde, entsündigt, geheiligt? Sie sind es, wenn auch
Sie, auf sich selbst blickend, ähnlich wie Jesaja ausrufen: „Wehe uns, wir
vergehen; denn wir sind unreiner Lippen!“ Denn nur die, welche in wahrer,
lebendiger Sündenerkenntnis stehen, vor dem heiligen Gott, der in seiner
Heiligkeit ein verzehrendes Feuer ist, erschrecken, können entsündigt,
geheiligt werden und werden entsündigt durch den Glauben an den, der mit seinem
reinen und teuren Gottesblut die Sündenschuld der ganzen Welt gebüßt und
bezahlt hat. Ja, das auf dem Altar des Kreuzes vergossene Blut ist die feurige
Kohle, mit der die unreinen Lippen und die sündigen Herzen noch immer gereinigt
und entsündigt werden. Schreibt nicht Paulus den sündigen Korinthern: „Ihr seid
abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des
HERRN Jesus und durch den Geist unseres Gotts“? Spricht nicht Petrus: „Gott
machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen und reinigte ihre Herzen durch
den Glauben“? Und in seiner ersten Epistel redet er alle Gläubigen so an: „Ihr
seid das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass
ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis
zu seinem wunderbaren Licht.“ Ja, Sie sind schon durch die heilige Taufe
entsündigt worden; denn „sie wirkt Vergebung der Sünden“. Und Sie sind es noch,
wenn Sie in Ihrer Taufgnade, im Glauben an Christus, Ihrem Heiland, stehen;
denn „das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“.
„Dies Blut, der edle Saft, hat solche Stärk und Kraft, dass auch ein Tröpflein kleine die ganze Welt kann reine, ja selbst aus Teufels
Rachen frei, los und ledig machen.“ Dies fließt in einem unaufhörlichen Strom
auf alle bußfertigen Sünder hernieder und entsündigt sie täglich und reichlich;
und das Evangelium ist der Träger dieses reinigenden Blutes, ist – im Anschluss
an unseren Text – die Zange, mit der es vom Himmel herniedergebracht, mit der
die Lippen berührt, die Herzen gereinigt werden.
Nun antworten Sie auf die Frage des HERRN: „Wen soll ich senden? Wer
will unser Bote sein?“ mit Bereitwilligkeit, mit einer Freudigkeit, die alles
Zögern und Zagen überwindet: „Hier bin ich, sende mich!“ Sende mich, wohin du
willst, auch in die weite Ferne; ich will dein Bote sein, auch unter einem Volk
von unreinen Lippen. Dann sind Sie wohl ausgerüstet zu Boten des heiligen
Gottes und bereit zur Sendung. Davon noch drittens einige Worte.
3.
Auf das Anerbieten des Jesaja: „Hier bin ich, sende mich!“ antwortet der
HERR sogleich: „Gehe hin!“ und sandte ihn als seinen Boten aus. Aber welch
einen Befehl erteilte er ihm, welch einen, ich könnte sagen, scheinbar
widerspruchsvollen Auftrag gab er ihm! „Gehe hin und sprich zu diesem Volk:
Hört es und versteht es nicht; seht es und merkt es nicht! Verstocke das Herz
dieses Volks und lass ihre Ohren dich sein und blende ihre Augen, dass sie
nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem
Herzen und sich bekehren und genesen.“ Es mangelt an Zeit, hierauf näher
einzugehen. Nur einige erläuternde Worte. Sollte denn die Sendung des Propheten
zur Verstockung, Verblendung, zum Verderben des Volkes dienen? Dahin lautet
sein Auftrag allerdings nach den angeführten Worten. Und wenn diese in eine
bloße Zulassung Gottes umgedeutet werden, so ist das rationalistische
Verkehrung. Sie werden uns aber verständiger, wenn wir auf den 19. und 24. Vers
im vorhergehenden Kapitel blicken, wo es heißt: „Lass eilend und bald kommen
sein Werk, dass wir sehen; lass herfahren und kommen den Anschlag des Heiligen
in Israel, dass wir’s innewerden!“ Es war ein Volk, dem das Wort des HERRN oft
verkündigt, das oft zur Buße gerufen, dem, wenn es sich nicht bekehrte, sein
unabwendbares Strafgericht angedroht worden war, das aber auf das alles nur mit
Hohn, Spott, Herausforderung geantwortet hatte. Deswegen sollte es nun mit dem
Gericht der Verstockung bestraft werden, das über die boshaften Lästerer des göttlichen
Wortes ergeht.
Aber diese Verstockung sollte doch nicht der Endzweck der Sendung des
Propheten sein. Das erkannte er und fragte deshalb: „HERR, wie lange?“ Die
Antwort lautete: „Bis dass die Städte wüst werden ohne Einwohner und Häuser
ohne Leute, und das Feld ganz wüst liege. Denn der HERR wird die Leute ferne
wegtun, dass das Land sehr verlassen wird.“ Aber selbst bei diesem stufenweise
fortschreitenden Gericht soll es noch nicht sein Bewenden haben; denn so lauten
die Worte im 13. Vers eigentlich: „Und wenn noch der zehnte Teil drin ist [im
Land], so soll es wiederum weggefegt werden, so dass das Volk Israel wie eine
stolze Eiche erscheint, die Blätter, Zweige und Äste verloren hat und nur der
Stamm übrig ist.“ Aber dieser Stamm bleibt wie ein Nachspross, mit dem der HERR
Herrliches, Großes vorhat. Das Endziel aller Wege und Werke Gottes und auch das
der Sendung des Propheten ist doch das Heil aus Juda
und die Erfüllung der ganzen Erde mit der Herrlichkeit des HERRN, wie die
Seraphim mit ihrem Lobgesang verkündigt haben.
Konnte der erste Teil dieses Auftrages den Propheten nicht verzagt
machen? Im Gegenteil, er sollte ihn vor der Täuschung bewahren, als müsste
seine Botschaft überall ungeteilten Beifall und Aufnahme finden, als könnte er
durch seine Predigt das gerechte Gericht abwenden; andererseits aber sollte er
auch nicht hoffnungslos werden, als ob sein Werk ganz vergeblich sein werde.
Das sollen auch Sie sich gesagt sein lassen. Sie dürfen sich nicht der
Hoffnung hingeben, dass Sie in kurzer Zeit alles ausrichten, alle Sünder
bekehren und dem HERRN zu Füßen legen können. Die Botschaft des HERRN findet
unter einem sündigen Geschlecht überall bei vielen Widerspruch. So ist’s zu
allen Zeiten gewesen. Auch Jesaja, wie gehört, musste klagen: „HERR, wer glaubt
unserer Predigt?“ und im 49. Kapitel: „Ich aber dachte, ich arbeitete
vergeblich und brächte meine Kraft umsonst und unnütz zu, wiewohl meine Sache
des HERRN und mein Amt meines Gottes ist.“ Aber doch hat er Großes in dem HERRN
getan. Das werden auch Sie tun, wenn Sie treu in dem Amt Ihres Gottes sind.
Sein Wort kommt nicht leer zurück, sondern tut, wirkt, was ihm gefällt, wozu er
es sendet. Werden Sie darum nicht hoffnungslos mitten im Widerspruch und Kampf
und Streit, sondern seien Sie hoffnungsvoll im Vertrauen auf die Verheißung
Ihres Gottes, freudig, wenn Sie keinen besonderen Erfolg sehen! Des HERRN Werk
geschieht oft im Verborgenen. Sie werden nach Ihrem geringen Teil, soviel Gott
Gnade gibt, dazu beitragen, dass auch das Land, wohin Sie gehen sollen, der
Ehre des HERRN voll wird. Er, der Heilige in Israel, sei und bleibe mit Ihnen!
Amen.
1. Mose 22,1-19: Nach diesen Geschichten versuchte
Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und
er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in
das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich
dir sagen werde.
Da stand
Abraham am Morgen früh auf und gürtete seinen Esel
und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum
Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, davon ihm Gott gesagt,
hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von fern.
Und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel; ich und der Knabe
wollen dorthin gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch
kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn
Isaak; er aber nahm das Feuer und Messer in seine Hand, und gingen die beiden
miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham
antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier sind Feuer und
Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott
wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott sagte, baute Abraham daselbst
einen Altar und legte das Holz drauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf
den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer,
dass er seinen Sohn schlachtete. 11
Da rief ihm der
Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier
bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts! Denn
nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einigen Sohn nicht
verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder
hinter ihm in der Hecke mit seinen Hörnern hängen; und ging hin und nahm den
Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.
Und Abraham hieß die Stätte: Der HERR sieht. Daher man noch heute sagt: Auf dem
Berg, da der HERR sieht.
Und der Engel
des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel und sprach: Ich habe bei mir selbst
geschworen, spricht der HERR, weil du solches getan hast und hast deinen
einzigen Sohn nicht verschont, dass ich deinen Samen segnen und mehren will wie
die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll
besitzen die Tore seiner Feinde. Und durch deinen Samen sollen alle Völker auf
Erden gesegnet werden, darum dass du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte
Abraham wieder zu seinen Knechten; und sie machten sich auf und zogen
miteinander nach Beerscheba und er wohnte dort.
In Christus, dem eingeborenen Sohn des
Vaters, geliebte Zuhörer!
Schon zweimal hatte Gott der HERR Abraham
einen Befehl gegeben, dessen Befolgung auch für den glaubensstarken Erzvater
nicht leicht war. Der erste lautete: „Gehe aus deinem Vaterland und von deiner
Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen
will.“ Alles sollte Abraham verlassen, was ihm in irdischer Beziehung teuer und
wert war: Vaterland, Verwandtschaft und Vaterhaus, und in ein unbekanntes Land
ziehen, das ihm der HERR erst zeigen wollte. Abraham war auch ein Mensch wie jeder
andere, hatte Fleisch und Blut, Gefühl und Neigungen wie andere. Er hing an
seinem Vaterland, war seiner Verwandtschaft zugetan, liebte sein Vaterhaus. Von
dem allem sollte er sich losreißen und in die Fremde ziehen. Das war kein
geringes Opfer, es kostete ihn Entsagung. Aber Abraham besprach sich nicht mit
Fleisch und Blut, sondern folgte dem Befehl Gottes, weil er dem Wort des HERRN
glaubte, wie es Hebr. 11 heißt: „Durch den Glauben wurde gehorsam Abraham, da
er berufen wurde, auszugehen in das Land, das er ererben sollte; und er ging
aus und wusste nicht, wo er hinkäme.“
Der andere Befehl, dem nachzukommen ihm
wohl noch schwerer wurde, war der, seinen Sohn Ismael, den er von Hagar hatte,
mit dieser auszutreiben. Als ihn Sarah dazu aufforderte, gefiel es ihm übel.
War Ismael auch nach dem Fleisch
geboren, nicht der Sohn der Verheißung, er war doch sein Sohn, an dem er mit
väterlicher Liebe hing. Aber als der HERR zu ihm sprach: „Alles, was dir Sarah
gesagt hat, dem gehorche“, da kam er auch diesem Befehl sogleich nach. Da
musste er Selbstverleugnung üben, seinen Willen dem Willen Gottes unterordnen
und glauben lernen, glauben an das Wort seines Gottes und sich von ihm leiten
lassen. Er musste auf mancherlei Weise versucht, geprüft und geläutert werden,
um auf die Höhe zu kommen, auf die ihn Gott stellen wollte, um der Vater der
Gläubigen zu werden. Aber durch manche Anfechtungen geläutert, wurde er nun
einer Prüfung unterworfen, die weit schwerer als alle bisherigen war, so
schwer, dass sie jede Menschenkraft weit zu übersteigen scheint. Er erhielt den
Befehl, den Sohn der Verheißung – nicht etwa auszustoßen wie Ismael –, sondern
ihn mit eigener Hand zu opfern. Da fragen wir: Wie konnte Gott ihm einen
solchen Befehl geben und Abraham ihm gehorchen? Beides scheint uns gleich
unmöglich zu sein; dennoch geschah beides, wie der verlesene Text berichtet.
Betrachten wir denn aufgrund desselben:
Isaaks Opferung
Diese wurde
1.
Abraham von
Gott befohlen,
2.
Von ihm
vollzogen,
3.
Für ihn überaus
segensreich.
1.
Abraham befand sich in Beerscheba, dem
südlichsten Ort des Heiligen Landes. Dort hatt4e er einen Bund mit Abimelech,
dem König der Philister, gemacht, Bäume gepflanzt, weil er dort lange zu
bleiben gedachte, und predigte dort von dem Namen des HERRN, wie es im
vorhergehenden Kapitel heißt. Daraus weisen die ersten Worte unseres Textes:
„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham“ hin.
Dort zu Beerscheba rief Gott Abraham und
sprach zu ihm: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und gehe in
das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich
dir zeigen werde.“ Welch einen Befehl enthalten die Worte! Mussten sie dem
Vater nicht wie scharfe Pfeile ins Herz dringen? Erwägen wir sie näher, um das
recht zu erkennen.
„Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du
liebhast“, sprach Gott zu ihm. Seinen Sohn soll er nehmen und opfern,
nicht etwa das beste Tier in seiner Herde oder einen Teil derselben, nicht
sonstiges Hab und Gut, wie Gold und Silber, sondern seinen Sohn, sein
eigen Fleisch und Blut. Wie lange hatte er auf die Geburt dieses Sohnes von
Sarah gewartet! Er war ihm verheißen worden, und als die Erfüllung der
Verheißung jahrelang verzog, dass er, wie wir im 15. Kapitel lesen, klagend zu
dem HERRN sprach: „HERR, Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne
Kinder, und mein Hausvogt, dieser Elieser von
Damaskus, hat einen Sohn. Mir hat du keine Samen gegeben; und siehe, der Sohn
meines Gesindes soll mein Erbe sein“, da hatte ihm der HERR auf diese Klage die
Antwort gegeben, sein Same solle so zahlreich werden wie die Sterne am Himmel.
Abraham glaubte, und das rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit. Er war
inzwischen 99 Jahre alt geworden, und noch war der verheißene Leibeserbe nicht
geboren. Da sprach der HERR abermals zu ihm: „Du sollst deine Frau Sarai nicht
mehr Sarai heißen, sondern Sarah soll ihr Name sein; denn ich will sie segnen,
und von ihr will ich dir einen Sohn geben.“ Diese Verheißung erfüllte ihn mit
solcher Freude, dass er auf sein Angesicht fiel und vor Freude lachte. Als ihm
darauf der HERR in Begleitung zweier Engel in menschlicher Gestalt im Hain
Mamre erschien, ihm die bestimmte Zusage gab, dass Sarah ihm ums Jahr einen
Sohn schenken werde, diese Zusage auch in Erfüllung ging, wie groß war da seine
Freude!
Aber diesen wiederholt verheißenen, so
lange ersehnten Sohn sollte er nun dem HERRN wiedergeben, opfern. Und Isaak war
sein einiger, einziger Sohn. Wohl war ihm von der Hagar der andere Sohn,
Ismael, geboren worden, aber der war nicht mehr vorhanden, denn er hatte ihn
mit seiner Mutter ausstoßen müssen. Nun soll er Isaak, der zu einem Jüngling
herangewachsen war, dem HERRN zum Brandopfer darbringen. Ihm soll er das Messer
ins Herz stoßen und dann seinen Leib auf dem Altar verbrennen. Das sollte er dem
Sohn tun, den er, wie der Befehl noch besonders hervorhebt, liebhatte, mehr
liebte als alles andere, was er hatte. Und das sollte er nicht zu Beerscheba,
wo er wohnte, sogleich, sondern im Land Morija, wohin er drei Tage zu reisen
hatte, tun. War dies nicht ein Befehl, so grausam, wie er nur sein konnte? Und
ferner: Wenn er diesen Befehl ausführte, fielen damit nicht alle Verheißungen
hin, die ihm Gott gegeben hatte: die Verheißungen, dass aus ihm viele Völker
kommen, seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel werden sollten,
also auch die Verheißung von dem Erlöser, dem Heiland der Welt? Führte er nicht
den Todesstoß gegen Isaak, den Sohn der Verheißung, tötete er damit nicht, das
ich so sage, alle Verheißungen? „Die menschliche Vernunft“, sagt Luther,
„musste schlechthin schließen: Entweder lügt die Verheißung, oder der Befehl
kommt nicht von Gott, sondern vom Teufel; denn es ist ein offener Widerspruch.
Wenn Isaak getötet werden muss, so ist die Verheißung nicht wahr; ist sie aber
wahr, so ist es unmöglich, dass dieser Befehl ein Befehl Gottes sein kann.“ Das
war die schwerste Versuchung, in die Abraham durch diesen Befehl versetzt
wurde.
Und doch war es ein ausdrücklicher Befehl
Gottes, nicht eine Eingebung des Teufels, auch nicht ein eigener Gedanke oder
Wahn, der in Abrahams Herzen aufstieg, auf den er etwa gekommen war, weil er
sah, dass die heidnischen Kanaaniter in ihrer Blindheit ihren Götzen
Menschenopfer darbrachten, um sie zu versöhnen. Nein, der Befehl kam von dem
persönlichen, wahren Gott. Aber wie, so fragen wir, konnte ihm Gott, der ihn
bisher so wunderbar geführt, sich ihm so gnädig und barmherzig erwiesen hatte,
seinen einzigen, geliebten Sohn als Opfer von ihm fordern? Die Antwort ist in
dem einen Wort unseres Textes, in dem Wort „versuchte“ gegeben. „Nach diesen
Geschichten versuchte Gott Abraham“, heißt es. Er versuchte ihn zur Prüfung und
Bewährung seines Glaubens, ob er trotz dieses Befehls auf ihn unentwegt
vertraue, an der ihm gegebenen Verheißung festhalte und seinen Glauben von den
Schlacken fleischlicher Liebe zu Isaak, die sich etwa bei ihm angesetzt hatten,
zu befreien suche.
Führt Gott heute noch dieses und jenes
seiner gläubigen Kinder in eine ähnliche Versuchung? Er gibt sicherlich keinem
den Befehl, eines der Kinder oder gar das einzige Kind zum Brandopfer
darzubringen; aber wenn es in tödlicher Krankheit auf dem Bett liegt, wenn alle
menschliche Hilfe vergeblich zu sein scheint oder wirklich vergeblich ist, dann
befindet sich das Elternherz in einer ähnlichen Versuchung wie Abraham, wie
jeder Christ weiß, der es erfahren hat. Hat Gott nicht Leben und Tod in seiner
Hand? Ist’s ihm, dem Allmächtigen, nicht ein Geringes, der Krankheit zu
gebieten, das Leben zu erhalten? Scheint da der gnädige nicht ein zorniger, der
liebevolle nicht ein unbarmherziger, grausamer Gott zu sein? Welch eine schwere
Versuchung ist auch das! Aber wohl dem, der in solcher Versuchung am Glauben
festhält, dem Willen Gottes gehorsam, sich ihm untergibt wie Abraham. Das lehrt
uns der zweite Teil unserer Betrachtung.
2.
Abraham säumte nicht, den Befehl
auszuführen. Am Morgen stand er früh auf, spaltete selbst das Holz, dessen er
zum Brandopfer bedurfte, gürtete einen Esel und machte sich mit Isaak und zwei
Knechten auf den Weg. Am dritten Tag der Reise erblickte er den Ort, wo die
Opferung geschehen sollte. Mit welchen Gefühlen er das Holz gespaltet, den Esel
gesattelt, die Reise zurückgelegt hat, lässt sich weniger in Worten beschreiben
als im Herzen empfinden. Bracht ihn nicht jeder Schritt der Opferstätte näher,
an der er dem geliebten Sohn den Todesstoß geben sollte? Musste er vor der
Stätte nicht Grauen empfinden? Als er an dem Berg angekommen war, sprach er zu
den Knechten: „Bleibt hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin
gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“ Er
hatte also weder Isaak noch den Knechten mitgeteilt, zu welchem Zweck die Reise
geschehe, und die Knechte sollten
nicht Zeugen des blutigen Vorgangs sein. Die letzte, kurze Strecke wurde vom
Vater und Sohn allein zurückgelegt. Welch ein Gang! Der Sohn trägt das Holz auf
seinem Rücken, das ihm der Vater aufgelegt hat, dieser das Feuer, mit dem das
Holz angezündet, und das Messer, mit dem der Todesstoß geführt werden soll.
Isaak spricht zu Abraham: „Mein Vater!“ Dieser antwortet: „Hier bin ich, mein
Sohn.“ Dieser sagt: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum
Brandopfer?“ Welch eine zärtliche Liebe zueinander geht aus diesen wenigen
Worten hervor! Aber mussten die Worte des Sohnes das Herz des Vaters nicht wie
ein zweischneidiges Schwert durchbohren, die Worte: „Wo ist aber das Schaf zum
Brandopfer?“ Isaak wusste es nicht, aber der Vater wusste es nur zu wohl. Doch
gewinnt er es nicht über sich, dem Sohn zu sagen: Du selbst bist es, sondern er
antwortet: „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ So gingen die
beiden, schweigend, miteinander den Berg hinan. Dort angekommen, baut Abraham
den Altar von Erde und Steinen, legt das mitgebrachte Holz darauf, bindet dann
den Sohn und legt ihn oben auf das Holz. Nun wusste dieser, welches das Schaf
zum Brandopfer sein sollte. Ob er sich gegen das Binden gesträubt hat? Unser
Text sagt darüber nichts, aber ich glaube nicht, dass er sich gesträubt hat,
sei es, dass er durch den Vorgang völlig überrascht wurde, sei es durch
besondere göttliche Lenkung. Nun reckt der Vater seine Hand aus und fasst das
Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Eben erhebt er die Hand und will den
schrecklichen Stoß in das Herz des Sohnes führen. „Abraham, Abraham!“ schallt
in diesem Augenblick die stimme vom Himmel herab,
„lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich,
dass du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um
meinetwillen.“
Aber wozu
erhielt denn Abraham den Befehl, Isaak zu opfern, wenn er nicht ausgeführt
werden sollte? Wozu alle Vorbereitungen, die weite Reise? Trieb Gott der
Wahrhaftige mit Abraham ein grausames Spiel? Keins von beiden. Denn Abraham hat
seinen Sohn wirklich geopfert, freilich nicht äußerlich, durch die Tat, aber
innerlich, in seinem Herzen. Und nichts weiteres wollte Gott von ihm als die
Bereitwilligkeit, um seinetwillen auch das Liebste und Teuerste willig dahinzugeben.
Diese Bereitwilligkeit hatte Abraham gezeigt, und darum erging nun der Befehl
an ihn, seine Hand nicht an den Knaben zu legen, weil er bewiesen hatte, dass
er Gott mehr leibte als den einzigen, geliebten Sohn. Und Gott hatte auch schon
für einen Ersatz gesorgt. Denn als sich Abraham umwandte, erblickte er einen
Widder mit den Hörner in einer Hecke oder einem Dickicht hängen. Da er sogleich
erkannte, dass der Widder an Stelle seines Sohnes zum Opfer dienen sollte,
opferte er ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.
So erfüllte sich sein Wort: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum
Brandopfer.“
Seht da,
meine Zuhörer, was der Glaube vermag, was Glaubensgehorsam ist. So groß die
Versuchung war, Abraham bestand sie. Warum? Die Antwort gibt uns der Apostel in
den Worten Hebr. 11,17: „Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, da er
versuchte wurde, und dachte: Gott kann auch wohl von den Toten erwecken.“
Obwohl alle Verheißungen Gottes und Abrahams Hoffnungen auf Isaak beruhten, so
war er doch im Glauben gewiss, dass Gott ihn wieder von den Toten auferwecken
und die Verheißung erfüllen werde, da er als der Wahrhaftige sie erfüllen
müsse.
Wir
bewundern diesen Glaubensgehorsam Abrahams. Aber Größeres als Abraham hat Gott
selbst getan. Denn Abraham hat seinen einzigen geliebten Sohn Gott geopfert, von dem er unzählige Wohltaten empfangen
hatte; Gott hat seinen einzigen geliebten Sohn, Jesus Christus, für uns geopfert, für die Sünder, die ihn mit ihren Sünden zum Zorn und
zur Strafe gereizt hatten. Ihn hat er dort auf Golgatha auf dem Altar des
Kreuzes geopfert, ihn hat er von dem Feuer seines Zorns verzehren lassen. Wie
Abraham dort auf dem Berg Morija anstatt seines Sohnes einen Widder opfern
musste, so hat Gott selbst seinen einzigen Sohn an unserer Statt
geopfert. Wie dort Isaak das Holz selbst hinauftragen musste, so hat Gottes
Sohn das Holz des Kreuzes nach Golgatha hinaufgetragen und sein Leben für uns
in den Tod dahingegeben. Ja, „Gott hat seinen einzigen Sohn nicht verschont,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben“, sachreibt Paulus Röm. 8, und im 5.
Kapitel sagt er: „Darin preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für
uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. So werden wir vielmehr durch ihn
behalten werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden
sind.“
O Wunderlieb, o Liebesmacht!
Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,
Gott seinen Sohn abzwingen!
O Liebe, Liebe, du bist stark,
Du streckest den ins Grab und Sarg,
Vor dem die Felsen springen,
so müssen wir im Hinblick auf diese Liebe Gottes,
die er in der Opferung seines einzigen Sohnes uns bewiesen hat, mit dem Dichter
ausrufen. Lasst uns diese Liebe Gottes immer mehr erkennen, sie aber auch durch
unseren Glaubensgehorsam preisen, indem wir jedem Befehl des HERRN, jedem Wort,
willig Gehorsam leisten, ja, ihm uns selbst mit allem zum Opfer geben, das da
lebendig, heilig und ihm wohlgefällig ist, und das umso mehr, als das auch für
uns überaus segensreich ist.
3.
War es
für Abraham nicht schon ein Segen, dass ihm von Gott selbst seine Gottesfurcht
bezeugt wurde, indem er zu ihm sprach: „Nun weiß ich, dass du Gott fürchtest“?
Wie musste dies Zeugnis den Erzvater stärken und erquicken, der drei Tage lang
einen solch furchtbaren Seelenkampf gekämpft hatte! Die Versuchung war ja auch
nicht um Gottes, sondern um Abrahams willen, zu seinem Besten, geschehen. Da
bewahrheitete sich an Abraham das Wort: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung
erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen.“
Der
eigentliche Segen bestand aber darin, dass der Engel des HERRN Abraham zum
zweiten Mal vom Himmel herab rief und ihm teils die schon früher gegebenen
Verheißungen wiederholte, dass er seinen Samen mehren wolle wie die Sterne am
Himmel, und dass durch seinen Samen alle Geschlechter auf Erden gesegneten
werden sollten, teils neue hinzugefügt wurden in den Worten: „Ich will deinen
Samen mehren wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die
Tore seiner Feinde“; das heißt, er soll die Feinde und ihre Städte siegreich
bewältigen, in Besitz nehmen; und endlich, dass ihm diese Verheißungen durch
einen feierlichen Eid bestätigt wurden, was nur dies eine Mal bei den
Patriarchen geschehen ist. Wir ersehen auch hieraus: So groß die Versuchung für
Abraham war, so groß war der Segen, der ihm zuteil wurde.
Ehe er wusste, welchen wunderbaren Ausgang diese Versuchung nehmen würde,
während er in seinem Herzen willig den einzigen Sohn opferte, glaubte er
gewiss, dass Gott ihn lebendig machen könne, „der da“, wie Paulus Röm. 4,17 in
Bezug darauf schreibt, „lebendig macht die Toten und ruft dem, das nicht ist,
dass es sei“.
Und sind
diese Verheißungen in Erfüllung gegangen? Freilich ist in ihnen nicht die leibliche Nachkommenschaft Abrahams gemeint. Diese ist weder
so zahlreich wie die Sterne am Himmel noch wie der Sand am Ufer des Meeres
geworden, sondern von dem geistlichen Samen ist die Rede, von der Zahl der Gläubigen an
deren Spitze Abraham als Vater von Gott gestellt wurde. Die denselben Glauben
wie Abraham haben, die sind sein Same, seine Kinder. Und wer vermag die Menge
derer zu zählen, die seit Abraham durch Jahrtausende hindurch bis auf den
heutigen Tag geglaubt haben, glauben und glauben werden wie er? Jeder wahrhaft
Gläubige, mag er noch so gering sein, ist einer der unzählbaren Glaubenssterne,
eins der Sandkörner im Meer der Seligkeit.
Lasst uns
daher, meine Teuren, in allen Versuchungen, die an uns herantreten, glauben
lernen wie Abraham, auf die Verheißungen des HERRN auch dann unentwegt
vertrauen, wenn es scheint, als ob sie zunichte werden
müssten. Himmel und Erde vergehen, die Verheißungen des wahrhaftigen und
allmächtigen Gottes müssen erfüllt werden. Dann werden auch wir reich gesegnet
werden in Zeit und Ewigkeit.
Unser
Text schließt mit den Worten: „So kehrte Abraham wieder zu seinen Knechten“
(die er unten am Berg zurückgelassen hatte); „und machte sich auf und sie zogen
miteinander nach Beerscheba; und er wohnte dort.“ So schwer für ihn die
Hinreise war, so glücklich, selig war die Heimreise. Der HERR gebe auch uns
eine selige Heimreise in die rechte Heimat, in der Brunnen lebendigen Wassers
quillen, wo wir ewig wohnen sollen! Amen.
1. Mose 28,10-22: Aber Jakob zog aus von Beerscheba
und reiste gen Haran. Und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht, denn die
Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu
seinen Häupten und legte sich an demselben Ort schlafen. Und ihm träumte, und
siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel;
und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand
oben drauf und sprach: Ich bin der HERR, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks
Gott. Das Land, da du drauf liegst, will ich dir und deinem Samen geben. Und
dein Same soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet
werden gegen den Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag; und durch dich und
deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich
bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder
herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue
alles, was ich dir geredet habe.
Da nun Jakob
von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und
ich wusste es nicht. Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese
Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des
Himmels. Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm
den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem
Mal und goss Öl oben drauf. Und hieß die Stätte Bethel; vorhin hieß sonst die
Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: So Gott wird mit mir sein und
mich behüten auf dem Weg, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider
anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll
der HERR mein Gott sein, und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem
Mal, soll ein Gotteshaus werden; und alles, was du mir gibst, des will ich dir
den Zehnten geben.
Geliebte in Christus!
Das verlesene Textwort lenkt unseren Blick
auf den Erzvater Jakob. Dieser befindet sich auf der Reise nach Haran. Ein
Zweifaches hatte ihn veranlasst, diese Reise anzutreten. Zunächst war es die
Feindschaft seines Bruders Esau und dessen Drohung, ihn zu ermorden.
Noch ehe die beiden Brüder geboren waren,
hatte der HERR zu ihrer Mutter Rebekka gesagt: „Zweierlei Leute werden sich aus
deinem Leib scheiden; und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“ Damit war ihr
angekündigt worden, dass nicht der Ältere, wie es nach dem Recht der Erstgeburt
hätte geschehen müssen, sondern der Jüngere der Träger der messianischen
Verheißungen sein und über jenen herrschen solle; und schon bei der Geburt der
Zwillingsbrüder gab sich der Unterschied zwischen den beiden zu erkennen. Der
Erstgeborene war von rötlich-brauner Farbe und dicht behaart wie ein Fell,
Anzeichen seiner Kraft und Wildheit, der zweite weiß und glatt. Jener erhielt
den Namen Esau, das ist, „der Haarige“, und dieser, weil er bei der Geburt die
Ferse des Erstgeborenen hielt, den Namen Jakob, das heißt „der Fersenhalter“
oder auch „der Listige“. Die Verschiedenheit trat, als sie heranwuchsen,
deutlich hervor. Esau wurde ein Jäger und Ackermann, ein auf dem Feld
Umherschweifender; Jakob aber war ein frommer Mann und blieb in den Hütten, das
heißt, er hatte Gefallen am häuslichen Still-Leben. Und wie es so oft
geschieht, wenn nur zwei Kinder in der Familie sind, so war es auch im Haus
Isaaks: Esau war der Liebling des Vaters, Jakob der Liebling der Mutter,
wodurch das Verhältnis der Brüder zueinander getrübt wurde, zumal sich Esau
besonders die Gunst des Vaters zu erwerben suchte, indem er ihm von dem
Wildbret brachte, das er gerne aß.
Esau aber aß gerne eine Speise von Linsen.
Als er daher einst, vom Feld kommen und hungrig, ein Linsengericht, von Jakob
zubereitet, sah, verlangte er, davon zu essen. Jakob willigte unter der
Bedingung ein, dass er ihm dafür das Recht der Erstgeburt verkaufe; und Esau
ging ohne Besinnen auf den Handel ein, indem er sagte: „Siehe, ich muss doch
sterben; was soll mir dann die Erstgeburt?“ verkaufte also seine Erstgeburt um
ein Linsengericht, ein hohes Vorrecht um einen lächerlichen Preis – ein hohes
Vorrecht, weil mit der Erstgeburt bei den Patriarchen die Herrschaft über die
Familie und der Anspruch auf den Verheißungssegen verbunden war. So hatte Jakob
ein doppeltes Anrecht auf die Erstgeburt, nämlich durch göttliche Bestimmung
und durch Kauf von seinem Bruder.
Nun war Isaak alt geworden und wollte, ehe
er starb, ungeachtet der göttlichen Bestimmung und des Verkaufs der Erstgeburt
an Jakob, seinem Lieblingssohn Esau den Segen der Erstgeburt erteilen. Als
Rebekka das hörte, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Sie überredete Jakob,
ein von ihr bereitetes Mahl seinem Vater zu bringen, zog ihm Esaus Kleider an,
umwickelte seine Hände mit dem Fell des geschlachteten Böckleins und vertraute
darauf, dass Isaak in solcher Verkleidung Jakob für Esau halten würde, da seine
Augen dunkel geworden waren. Und die List gelang. Jakob erhielt den Segen der
Erstgeburt, ehe sein Bruder von seiner Jagd auf dem Feld zurückgekehrt war.
Darüber ergrimmte dieser, als er zurückkehrte und erfuhr, wie ihn Jakob
überlistet hatte. Daran, dass er diesem seine Erstgeburt verkauft hatte, dachte
er nicht oder wollte den Handel nun nicht gelten lassen. Er stieß die Drohung
aus: „Es wird die Zeit kommen, dass mein man um meinen Vater Leid tragen muss;
dann will ich meinen Bruder Jakob erwürgen.“ Als Rebekka von dieser Drohung
hörte, überredete sie Jakob, zu ihrem Bruder Laban nach Haran zu reisen, Isaak
aber dazu, seine Einwilligung dazu zu geben, indem sie vorgab, dass Jakob sich
aus ihrer Familie eine Frau holen sollen, da ihr die kanaanitischen Frauen
Esaus viel Herzeleid bereiteten.
Wir sehen aus dieser Geschichte, wie auch
die Kinder Gottes oft ihre eigenen, sündlichen Wege
gehen, verwerfliche Mittel anwenden, um ihre Zwecke zu erreichen. Isaak wollte
in seiner schwachen Vorliebe für Esau der4 göttlichen Bestimmung entgegen
diesem den Segen der Erstgeburt zuwenden; Rebekka betrog ihren Gemahl, Jakob
seinen Vater, und bereiteten sich damit Kummer und Herzeleid. Anstatt auf
Gottes Walten zu vertrauen und zu warten, griffen sie selbst auf sündliche Weise ein. Aber wir sehen hieraus auch, dass Gott
selbst die Torheiten der Menschen in seine Hand nimmt, und wie durch göttliche
Weisheit und menschliche Torheit die Geschicke der Menschen gelenkt werden. Das
sehen wir besonders an dem wichtigsten Ereignis, das Jakob auf seiner Reise
nach Haran begegnete, und von dem unser Text handelt. Betrachten wir daher:
Jakobs Traum zu Bethel auf seiner Reise nach Haran
Wie er
1.
Darin eine
Himmelsleiter erblickt,
2.
Eine herrliche
Verheißung erhält,
3.
Aus Dankbarkeit
ein feierliches Gelübde tut.
1.
Von dem elterlichen Haus zu Beerscheba aus
trat Jakob seine Reise nach Haran an, um dort, wie ihm sein Vater besonders
auftrug, eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders einer Mutter zu nehmen.
Isaak fertigte ihn zu dieser Reise besonders ab. Ohne ihn wegen seiner
Überlistung zu strafen, da er sich selbst nicht ohne Schuld wusste, erteilt er
ihm noch den Segen Abrahams, durch den ihm der Besitz des Landes Kanaan
zugesichert wurde.
So gesegnet, begab sich Jakob auf den Weg
und „kam“, wie es in unserem Text heißt, „an einen Ort, da blieb er über Nacht;
denn die Sonne war untergegangen“; und er nahm von den Steinen, die sich an dem
Ort befanden, machte sich aus ihnen ein Kopflager[4],
legte sich hin, schlief ein und hatte einen wunderbaren Traum. In diesem
erblickte er eine Leiter, die von der Erde bis an den Himmel reichte, an der
die Engel auf- und niederstiegen, auf deren Spitze aber Gott der HERR stand.
Das war kein gewöhnlicher Traum, sondern eine neue Weise der Gottesoffenbarung.
Zu Abraham war das Wort des HERRN so geschehen: Er hatte Gott den HERRN in
leiblicher Gestalt im Haim Mamre gesehen und
bewirtet, der HERR war ihm erschienen; auch Isaak hatte Gesichte gesehen und
geweissagt (Kap. 26,2.24); aber eine Offenbarung im Traum wurde hier zum ersten
Mal Jakob zuteil.
Dass diese Himmelsleiter, von Jakob im
Traum gesehen, eine hohe Bedeutung nicht allein für Jakob, sondern für alle
Gläubigen hate, ist schon frühzeitig erkannt worden. Was für ein Bild stellt
sie dar? Unten auf der Erde Jakob, ein einsamer Wanderer! Die Erde ist sein
Bett, einige Steine sein Kopfkissen, das Dunkel der Nacht um ihn her. Er
befindet sich in einem fremden, feindlichen[5],
Esau befreundeten Land, vor dessen Rache er die Flucht hatte ergreifen müssen.
Und hatte er sich nicht selbst durch seine List und seinen Betrug an seinem
Bruder dahin gebracht? Musste er nicht umso mehr in Furcht und Bedrängnis sein?
Oben auf der Spitze am Himmel steht Gott der HERR, der Heilige und Gerechte,
dem Sünde ein Greuel ist, der sie straft, heimsucht,
bis ins dritte und vierte Glied! Aber fast noch wunderbarer als dies: Die Engel
Gottes steigen auf der Leiter auf und nieder, die Diener Gottes, die seine
Befehle ausrichten, die Wächter und Beschützer der Kinder Gottes, die um ihr
Sterbelagere stehen und ihre Seele im Triumph in die seligen Wohnungen des
Himmels tragen. Musste das Jakob nicht andeuten, dass ihm der heilige Gott
trotz seiner Schwachheitssünde, zu der er sich von seiner Mutter hatte
überreden lassen, gnädig sei? Wie tröstlich musste die ganze Erscheinung für
Jako sein, der sich dort in dunkler Nacht, von Furcht erfüllt, unter freiem
Himmel befand! Ja, sie bedeutete für ihn das Mittel der Vereinigung zwischen
Gott und ihm. Aber was bedeutet sie für uns, meine Freunde?
Keiner von uns hat eine solche Erscheinung
wie Jakob gehabt, keiner hat in einem Traum oder Gesicht eine solche
Himmelsleiter gesehen; aber wir alle haben das oder den, welchen sie bedeutet:
Christus, Gottes und Mariens Sohn, Gott vom Himmel und wahren Menschen, unseren
Bruder. Wie die Leiter dort zu Bethel Himmel und Erde verband, so verbindet der
Gottmensch Himmel und Erde; denn er ist der Mittler zwischen Gott und den
Menschen. Schreibt nicht der Apostel 1. Tim. 2, 5: „Es ist ein Gott und ein
Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der
sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass solches zu seiner Zeit
gepredigt würde“? Bezeichnet er sich nicht selbst als die Himmelsleiter, indem
er spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum
Vater als durch mich“? Ja, durch ihn ist alles versöhnt und vereinigt, was im
Himmel und auf Erden ist. Durch seine Vermittlung kommen die Engel Gottes vom
Himmel auf die Erde hernieder, um die Heiligen und Geliebten Gottes zu schützen
vor ihren Feinden, zu bewahren vor so manchen Gefahren und, wie bei Lazarus,
ihre Seele in den Himmel hinaufzutragen. Ja, Christus, der Heiland, ist unsere
Himmelsleiter, auf der wir durch den Glauben von dieser armen Erde zum Himmel
emporsteigen, nicht das Gesetz, dessen Sprossen die Gebote sind, an denen
niemand emporsteigen kann, an dessen Spitze auch nicht der gnädige und
barmherzige, sondern der heilige und zürnende Gott steht. „Denn die mit des
Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch.“
Wenn du darum verlassen bist wie dort
Jakob, dein Herz voll Angst und Sorge ist wie dort Jakobs; wenn deine Sünde
dich bekümmert und dein Herz dich anklagt, wenn du im Staub auf der Erde liegst
wie dort Jakob: dein Heiland, eine Himmelsleiter, steht bei dir und sendet dir
seine Engel hernieder, und Gott der HERR offenbart sich auch dir in
freundlichen, tröstlichen Worten und spricht: „Ich bin mit dir und will dich
behüten, wo du hinziehst; ich will dich nicht lassen“, wie er dort zu Jakob
redete. Das führt uns zum zweiten Teil unserer Betrachtung.
2.
Jakob erblickte in seinem Traum nicht nur
die Himmelsleiter, sondern Gott sprach auch zu ihm: „Ich bin der HERR,
Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott“; gab sich ihm damit zu erkennen,
bestätigte alle Verheißungen, die er den Vätern gegeben hatte, und fügte eine
andere hinzu. Die erste lautet: „Das Land, da du drauf liegst, will ich dir und
deinem Samen geben“; die zweite: „Dein Same soll werden wie der Staub auf
Erden, und du sollst ausgebreitet werden wie der Staub auf Erden; und du sollst
ausgebreitet werden gegen Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag“; die dritte:
„Durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet
werden“; die vierte: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du
hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.“ Die ersten drei sind
eine Wiederholung der Verheißungen, die Gott schon Abraham und Isaak gegeben
hatte, und werden hier Jakob besonders zugeeignet; denn bei seiner Berufung
hatte Gott zu Abraham in Haran gesagt: „Ich will dich zum großen Volk machen;
du sollst ein Segen sein, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter
auf Erden“ (Kap. 12), und später, wie wir 1. Mose 15, 7 lesen: „Ich bin der
HERR; der dich aus Ur in Chaldäa geführt hat, dass ich dir dies Land zu
besitzen gebe.“ Diese Verheißungen waren dem Anfang nach durch die wunderbare
Geburt Isaaks, die in Kraft der Verheißung des HERRN geschah, erfüllt. Indem
aber Gott die dritte Verheißung, dass in seinem Samen alle Geschlechter auf
Erden gesegnet werden sollen, wiederholte und Jakob zueignete, bezeugte er,
dass der messianische Segen, den er von seinem Vater erhalten, sein, Gottes
Segen, sei, dass ich so sage, er sein göttliches Siegel unter denselben
drücke. Die vierte Verheißung aber, durch die ihn Gott seines Schutzes
versichert und ihm verheißt, ihn in sein Vaterland zurückzubringen, tat Jakob
kund, dass er trotz seiner Schwachheitssünde doch bei ihm in Gnaden sei., Und
damit er an dieser Verheißung nicht zweifle, fügte der HERR hinzu: „Denn ich
will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“
Welch eine große, herrliche Verheißung war das!
Wie musste diese Verheißung und der darin
ausgesprochene Segen Jakob aufrichten! Zu dem dort einsam Übernachtenden redet
der HERR in seiner Freundlichkeit; der Verlassene sieht sich in Gemeinschaft
der heiligen Engel, der Furchtsame die starken Helden zu seinem Schutz bereit;
den, welchen sein Gewissen beunruhigt, versichert Gott seiner Gnade und
Vergebung. Welche Nachsicht und Langmut beweist Gott seinen schwachen Kindern!
Wie kann eine Sünde das Herz bedrücken, das Gewissen unruhig machen! Während
der Ungläubige ruhig dahingeht, ja, über die Sünde lacht und scherzt, wenn sich
die Stimme des Gewissens bei ihm meldet, diese alsbald wieder zum Schweigen
bringt, ist der Gläubige mit Unruhe erfüllt. Seine Sünde steht, besonders in
den Trübsalen, wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinem Gott; er meint, er
dürfe sich seinem Gott nicht nahen. War es nicht etwa so bei Jakob dort in
Bethel? Esau ruhte sicher im Zelt seines Vaters, er aber befand sich auf der
Flucht in einem fremden Land. Musste es ihm da nicht scheinen, als ob der
Segen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, unmöglich in Erfüllung gehen
könne, dass sich Gott zürnend von ihm abgewandt habe? Aber der HERR erscheint
ihm, bestätigt den Segen seines Vaters, versichert ihn seiner Gnade und seines
Schutzes. Wie hat das den Schwachen gestärkt!
Lernen wir daher aus dieser freundlichen
Offenbarung Gottes, dass wir in unseren Nöten und Ängsten nicht von,
sondern zu Gott fliehen sollen. Er wendet sich um unserer Schwachheit
willen nicht von uns ab, wenn wir nur aufrichtig sind, unsere Sünden nicht
leugnen und verdecken oder gar verteidigen wollen, sondern sie reumütig
bekennen. Er spricht ja: „Wenn eure Sünden gleich blutrot sind, sollen sie doch
schneeweiß werden; und wenn sie gleich sind wie Rosinfarbe,
sollen sie doch wie Wolle werden.“ Wiederum: „Der HERR ist nahe allen, die ihn
anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen. Er tut, was die Gottesfürchtigen
begehren, er hört ihr Schreien und hilft ihnen.“ Er ist viel mehr bereit zu
geben, als wir zu bitten, viel geneigter, alle Schwachheiten und Sünden zu
vergeben, als wir, sie zu bekennen.
Mehr noch: Wir haben dieselben, ja größere
Verheißungen, denselben, ja größeren Segen als Jakob. Oder sind wir nicht in
dem Samen Jakobs, in Christus, gesegnet? Sind wir nicht durch ihn von allen
Sünden erlöst, durch den Glauben an ihn Gottes geliebte Kinder? Ruft nicht der
Apostel aus: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HERRN Jesus Christus, der
uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch
Christus“? Ist uns nicht ein Land verheißen, viel besser und herrlicher als das
irdische Kanaan, wo wir mit den heiligen Engeln in innigster Gemeinschaft leben
werden, wo kein Feind droht und keine Furcht unser Herz erfüllen kann? Haben
wir nicht die Verheißung, dass der HERR uns auf unserem Weg dorthin geleiten
und beschützen wird? Oder heißt es nicht Ps. 32,8: „Ich will dich unterweisen
und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst; ich will dich mit meinen Augen
leiten“? Wahrlich, er will auch uns nicht lassen, bis er alles tut, was er uns
geredet hat.
Was tat Jakob im Hinblick auf die ihm
gewordene Erscheinung und Verheißung? Sein Herz war so mit Dank gegen den HERRN
erfüllt, dass er an jenem Ort ein feierliches Gelübde tat. Das wollen wir noch
zum Schluss betrachten.
3.
„Als nun Jakob“, so lesen wir weiter, „von
seinem Schlaf erwachte, sprach er: ‚Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich
wusste es nicht.‘ Und er fürchtete sich und sprach: ‚Wie heilig ist diese
Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des
Himmels.‘ Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm
den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem
Mal und goss Öl oben drauf und hieß die Stätte Bethel; zuvor hieß sonst die
Stadt Lus.“
Jakob wusste wohl, dass Gott allgegenwärtig
sei; wenn er daher sagt, er habe nicht gewusst, dass der HERR an jenem Ort sei,
so meinte er damit die besondere, die Gnadengegenwart Gottes. Nach dieser,
dachte er, sei Gott nur an den Stätten in seiner Heimat, die, wie die von
Abraham und seinem Vater gebauten Altäre, seinem Dienst geweiht waren, auf
denen ihm Opfer dargebracht und an denen von seinem Namen gepredigt wurde. Er
aber befand sich ja fern von einer solchen geweihten Stätte, an einem fremden
Ort. Durch diesen Traum erfuhr er aber, dass seines Gottes Gnadengegenwart an
keine Stätte, keinen Ort gebunden sei. Daher rief er voll Staunen und
Verwunderung aus: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Von einem heiligen Schauer[6]
ergriffen durch das göttliche Gesicht, stand er früh auf, nahm den Stein und
richtete ihn zum Gedächtnis an die Erscheinung des HERRN auf, goss Öl auf die
Spitze des Steines und weihte ihn dadurch zu einer Gedenksäule und nannte die
Stätte Bethel, das heißt, Gottes Haus. Zugleich tat er dabei ein feierliches
Gelübde, um sich für die ihm widerfahrene Gnade und Barmherzigkeit dankbar zu
erweisen: „So Gott wird mit mir sein“, sprach er, „und mich behüten auf dem
Weg, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit
Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein,
und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus
werden; und alles, was du mir gibst, davon will ich dir den Zehnten geben.“
Das war ein dreifaches Gelübde. Zunächst
gelobte Jakob, dass der HERR, Jahwe, sein Gott sein solle. Das ist nicht so zu
verstehen, als ob Jakob sich von Gott ab- und einem Götzen zuwenden wolle, wenn
die ihm gegebenen Verheißungen nicht erfüllt würden – denn wie hätte er
angesichts der eben erhaltenen Offenbarungen daran zweifeln können! – vielmehr
gelobte er ohne Rückhalt, ihn, den einigen und gnädigen Gott, allein zu ehren
und ihm zu dienen. – Sodann gelobte er, dass der von ihm zum Gedächtnis aufgerichtete
Stein zu einem Gotteshaus werden solle. Das heißt nicht, dass er einen Tempel
oder überhaupt ein Gebäude errichten wolle, sondern dass der Ort eine Stätte
sein solle zum Dienst und zur Verehrung Gottes. Hatte er doch eben die Stätte
ein Gotteshaus genannt, obwohl sich kein Gebäude irgendwelcher Art da befand.
Wahrscheinlich dachte er an die Errichtung eines Altars, wie Abraham und Isaak
an ihren Wohnsitzen einen Altar errichteten und von dem Namen des HERRN
predigten. Und dass Jakob dieses Gelübde hielt, ersehen wir aus Kap. 35,7, wo
es heißt: „Jakob kam nach Lus im Land Kanaan, das da Bethel heißt, samt all dem
Volk, das mit ihm war, und baute daselbst einen Altar.“ Dass er zugleich auch
das Gelübde des Zehnten hielt, ist selbstverständlich, indem er Dank- und
Brandopfer darbrachte.
Folgen wir hierin dem Beispiel des frommen
Erzvaters, meine Zuhörer? Beweisen wir unseren Dank für die gnädigen Führungen
Gottes, dass wir ihm Dank opfern und ihm, dem Höchsten, unsere Gelübde
erfüllen? Er ist, dass ich so sage, mit wenigem zufrieden, wenn es in
aufrichtiger Dankbarkeit dargebracht wird. Von all den reichen Gütern, die Gott
ihm verliehen hatte, gab ihm Jakob den zehnten Teil. Gott hatte ihm zehn Teile
gegeben, er gab Gott davon einen Teil wieder. War das für Jakob nicht
ein vorteilhaftes Nehmen und Geben? Wieviel hast du bisher deinem Gott von den
Gütern, die er dir gegeben hat, wiedergegeben? Ich glaube nicht, dass nur einer
unter uns ist, der sich Jakob zum Vorbild genommen hätte. Die Kollekten zeigen
das! Wie gering fallen sie meistens aus! Und wenn einmal eine größere Summe
gegeben wird, so geschieht es mehr aus dem „Muss“ als aus freier herzlicher
Dankbarkeit. Geben doch die Ärmeren im allgemeinen doppelt, drei- und vierfach
so viel wie die Wohlhabenden und Reichen. Würde heute der Zehnte, ja der
Zwanzigste und Fünfzigste für das Reich Gottes, für die Mission und
dergleichen, gegeben, so hätten wir anstatt des fortwährenden Mangels
Überfluss. Und es ist traurig, aber leider nur zu wahr: In keiner anderen
kirchlichen Gemeinschaft werden so geringe Opfer für die Zwecke des Reiches
Gottes dargebracht wie in unserer, und dabei rühmen wir uns, die einzige
rechtgläubige Kirchengemeinschaft zu sein! Aber bedenken wir wohl das Wort:
„Welchem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern“ und das andere: „Wer
da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und er da sät im Segen, der
wird auch ernten im Segen.“ Amen.
1. Mose 32,24-31: Und er blieb allein. Da rang ein
Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und da er sah, dass er ihn nicht
übermochte, rührte er das Gelenk seiner Hüfte an; und das Gelenk seiner Hüfte
wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn
die Morgenröte bricht an. Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest
mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst
nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen
gekämpft und bist gesiegt. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie
heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn
daselbst. Und Jakob hieß die Stätte Pniel; denn ich
habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Und als er vor Pniel überkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an
seiner Hüfte.
Geliebte in dem HERRN!
In unserer letzten Betrachtung sahen wir
den Erzvater Jakob auf seiner Reise nach Haran in Mesopotamien an einem Ort mit
Namen Lus übernachten. Einsam, von Menschen verlassen, mit Furcht erfüllt, lag
er da; die Erde war sein Bett, sein Stein sein Kopfkissen. Aber der HERR hatte
ihn nicht verlassen, sondern offenbarte sich ihm durch ein herrliches Gesicht
im Traum. An einer Leiter, deren Spitze bis an den Himmel reichte, stiegen die
Engel auf und nieder, Gott redete zu ihm, bestätigte ihm den Segen, den er vor
seiner Abreise von seinem Vater Isaak empfangen hatte, und verhieß ihm, ihn auf
seiner Reise zu leiten und ihn in seine Heimat zurückzuführen.
Seitdem waren zwanzig Jahre verflossen, und
nun erblicken wir ihn nach dem heutigen Text auf der Heimreise aus
Mesopotamien. Nicht arm, sondern reich kehrt er zurück. Dafür ist sein Herz
voll Dankbarkeit; er spricht: „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller
Treue, die du an deinem Knecht getan hast. Denn ich hatte nicht mehr als diesen
Stab, da ich über den Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere geworden.“ Die
ihm auf seiner Reise nach Haran gegebene Verheißung war teils erfüllt, teils in
der Erfüllung begriffen. Nicht allein, einsam, kehrte er zurück, sondern mit
einer großen Familie und im Besitz von zwei großen Herden. Den ihm
nachziehenden Laban hat Gott gewarnt: „Hüte dich, dass du mit Jakob nicht
anders als freundlich redest!“ und ihm dadurch befohlen, Jakob in Frieden
seines Weges weiter ziehen zu lassen. Dieser war nun an die Furt Jabbok, an die Furt eines Flusses, der durch das Hochland
Gilead fließt und sich in den Jordan ergießt, gekommen. Unterwegs waren ihm
schon zu Mahanaim die Engel Gottes erschienen, die ihn nicht nur an die Engel
erinnerten, die zu Lus an der Himmelsleiter auf und ab stiegen, sondern deren
Erscheinung ihn auch jetzt des Geleits seines Gottes versicherte und ihm die
Erfüllung der Verheißung, die ihm zu Bethel gegeben war: „Ich will dich wieder
in dies Land bringen“ versichert4e.
Und wie sehr bedurfte Jakob einer solchen
Botschaft! Denn als die Boten, die er zu seinem Bruder Esau, der im Land Seir
inzwischen zu einem Fürsten geworden war, gesandt hatte, um ihm seine Rückkehr
zu melden, ihm meldeten, dass Esau mit 400 Mann heranziehe, fürchtete er sich
sehr. Er dachte an die Drohung Esaus, ihn
ermorden zu wollen; er wusste nicht, ob er noch mit Hass gegen ihn
erfüllt oder anderen Sinnes geworden sei. Da er befürchtete, dass Esau seine
Rache ausführen werde, teilte er seine Leute und seine Herde in zwei Lager,
damit, wenn Esau das eine überfiele, doch das andere entrinnen könne. Darauf
wandte er sich im Gebet zu dem HERRN und flehte um Schutz gegen seinen Bruder,
sandte diesem reichte Geschenke an Schafen, Rindern und Kamelen entgegen, um
ihn günstig zu stimmen, führte dann seine Familie mit allem, was er hatte, über
den Jabbok hinüber und bleib allein auf der Nordseite
des Flusses zurück. Wieder war es Nacht, und wieder befand eer
sich allein, und wieder hatte er dort eine wunderbare Erscheinung. Denn während
er, wie wir aus Hos. 12,4.5 ersehen, betete und weinte, trat plötzlich ein
Mann, ein himmlisches Wesen, zu ihm und rang mit ihm. Von diesem Ringen
berichtet der verlesene Text, und darüber lasst mich denn jetzt zu euch reden.
Wir betrachten daher:
Jakobs Ringen an der Furt Jabbok
Wir sehen, dass er dort
1.
Mit einem Mann
bis zur Morgenröte rang;
2.
Siegreich mit
ihm rang;
3.
Von ihm
gesegnet wurde.
1.
Nachdem Jakob seine Frauen, Mägde und
Kinder samt seiner anderen Habe über das Wasser, wie es in dem unserem Text
vorhergehenden Vers heißt, hinübergeführt hatte, blieb er allein an der andern
Seite; und da „rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach“. Wer war
dieser Mann? Dass es kein gewöhnlicher Mann, sondern ein übernatürliches Wesen
war, geht aus dem Text deutlich hervor. Das erkannte auch Jakob sogleich. Aber
diese Mann stellte sich nicht freundlich, sondern feindlich; denn er griff ihn
an und rang, kämpfte mit ihm, als wolle er ihn töten. Das Ringen war aber nicht
ein bloßes geistliches Ringen in Gedanken, im Traum oder im Gebet, sondern ein
leibliches, körperliches Ringen, wie in einem Ringen zwei Personen miteinander
kämpfen, bis einer den anderen zu Fall bringt und ihn überwindet. Denn der, mit
dem Jakob rang, hatte ja die Gestalt eines natürlichen Menschen. Wer war also
dieser Mann?
Der Prophet Hosea
nennt ihn einen Engel und Gott, indem er sagt: „Er [Jakob] hat von allen
Kräften mit Gott gekämpft. Er kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte
und bat ihn.“ Dieser Mann war also kein anderer als der Engel des HERRN, die
zweite Person der heiligen Dreieinigkeit, der in der Fülle der Zeit erschienen
Sohn Gottes, derselbe, welcher Abraham im Hain Mamre in Begleitung zweier
erschaffener Engel erschienen war und von ihm bewirtet worden war. Das
Eigentümliche dieser Erscheinung des HERRN bestand aber darin, dass er sich zu
Jakob nicht freundlich, sondern feindlich stellte. Wie ganz anders bei den
früheren Erscheinungen! Wohl waren Abraham, Isaak und Jakob selbst bei solchen
Erscheinungen des HERRN von einem heiligen Schauer, von Furcht, ergriffen
worden; Jakob hatte nach der Erscheinung zu Bethel ausgerufen: „Wie heilig“
(oder vielmehr furchtbar) „ist diese Stätte!“ Aber wie freundlich hatte Gott
mit und zu ihnen geredet, welch herrliche Verheißungen ihnen gegeben! Zu
Abraham hatte er gesprochen: „Fürchte dich nicht, Abraham! Ich bin dein Schild
und dein sehr4 großer Lohn“; zu Isaak, als er ihm zu Beerscheba erschien:
„Fürchte dich nicht; denn ich bin mit dir und will dich segnen“ (Kap. 26,24);
zu Jakob zu Bethel ebenso: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du
hinziehst, und will dich wieder herbringen in dieses Land; denn ich will dich
nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“ Das waren doch
lauter freundliche, tröstliche Worte. Aber bei dieser Erscheinung greift er
Jakob an, ringt und kämpft mit ihm, stellt sich, als wäre er sein bitterster
Feind. Und es war kein Kurzer, sondern ein langer Kampf, der andauerte, bis die
Morgenröte aufging. Dieser Kampf war für Jakob umso schwerer, da er sich in Not
befand, mit Furcht vor seinem heranziehenden Bruder Esau erfüllt war. Dazu kam
noch, dass der HERR lange Zeit nicht mit ihm redete, der Kampf also schweigend
vor sich ging. Wahrlich, ein schwerer, heißer Kampf, bei dem Jakob alle Kräfte
seines Leibes anstrengen musste, um nicht zu unterliegen, durch den er
sicherlich sehr ermüdete, bei dem er betete und weinte.
Kämpft, meine Freunde, der HERR heute noch
so mit einem seiner Gläubigen? Freilich nicht leiblich, körperlich, wie dort
mit Jakob. Aber erinnert euch an den Kampf des HERRN mit der kanaanäischen
Frau. Als sie ihn anflehte, ihrer vom Teufel übel geplagten Tochter zu helfen,
antwortete er ihr zuerst kein Wort. Als sie ihm nachschrie, und die Jünger fürbittend für sie eintraten, antwortete er: „Ich nicht
gesandt als nur zu den verlorenen Schafen von dem Haus Israel.“ Als sie dann
vor ihm niederfiel und flehte: „HERR, hilf mir!“ da sprach er das harte Wort:
„Es ist nicht fein, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die
Hunde.“ Wie unfreundlich stellte er sich der armen, geängstigten Frau
gegenüber! So unfreundlich, scheinbar feindlich, stellt er sich gar oft den
Seinen gegenüber in den Stunden der Not und Anfechtungen. Als David im 38.
Psalm flehte: „HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht
in deinem Grimm! Denn deine Pfeile stecken in mir, und deine Hand drückt mich.
Es ist nichts Gesundes an meinem Leib vor deinem Drohen und kein Friede in
meinen Gebeinen vor meiner Sünde“, da befand er sich in einem ähnlichen Ringen
mit dem HERRN. Ja, der HERR kann sich freundlich und schrecklich offenbaren:
freundlich im Evangelium, schrecklich durchs Gesetz. Alles, was dort auf Jakob
eindrang, das hat Gott später in sein Gesetz gelegt. Wenn dieses die Sünde
lebendig und groß macht, wenn es seine Drohungen über die Sünde ausspricht,
dann kommt es bei dem Gläubigen zu einem Ringen mit Gott, da wird ihm angst und
bange, da scheint sich ihm der freundliche, gnädige Gott in einen strengen
Richter verwandelt zu haben. Aber wohl dem, der im Glauben feststeht, ringt und
kämpft, bis die Morgenröte anbricht, wie Jakob; denn er wird wie dieser siegreich
kämpfen.
2.
Das Ringen Jakobs mit dem Mann war
allerdings ein leiblich-körperliches Ringen, aber doch noch mehr ein
geistliches im und durch den Glauben. Durch diesen erhielt er die Kraft, dass
er widerstehen und überwinden konnte. Dies geht schon daraus hervor, dass er in
diesem Kampf, wie Hosea schreibt, betete und weinte.
Also ein leiblich-körperlicher und doch ein geistlicher Glaubenskampf.
Ein Glaubenskampf konnte es aber nur dann
sein, wenn Jakob sich an das Wort hielt, und zwar an ein bestimmtes, ihn
besonders betreffendes Wort, wie es die Einzigartigkeit dieses Kampfes
forderte. Wie der allen Christen gemeinsame Glaube sich an die allen gegebenen
Verheißungen hält, so hält sich der Glaube in besonderen Fällen auch an eine
besondere Verheißung. Wo diese fehlt, ist der sogenannte Glaube kein Glaube,
sondern Schwärmerei. Das Wort Gottes und der Glaube sind unzertrennlich
miteinander verbunden; wo jenes nicht ist, kann auch dieser nicht sein. So gab
Gott Abraham die Verheißung, dass sein Same so zahlreich werden soll wie die
Sterne am Himmel; und dieser Verheißung glaubte er. Und welches war nun die
Verheißung, die in diesem Kampf Jakob glaubte, an die er sich hielt, ohne zu
wanken? Er selbst sagt es uns in den Worten des neunten Verses dieses Kapitels,
in dem er betete: „HERR, du hast mir zugesagt. Zieh wieder in dein Land und zu
deiner Verwandtschaft; ich will dir wohltun und deinen Samen mehren wie den
Sand am Meer, den man nicht zählen kann vor der Menge.“ Dies Wort war Jakobs
Kraft und Stärke, dies hielt er fest; er sagte sich: Gott hat mir verheißen,
dass er mich wieder in mein Vaterland und zu meiner Verwandtschaft bringen,
mich zu einem großen Volk machen will, und dies Wort muss wahr werden, sollten
auch Himmel und Erde fallen. Und kraft dieses Wortes siegte er, nicht durch
seine natürlich leibliche Stärke, obwohl er auch diese bis aufs äußerste
anstrengen musste, was deutlich daraus hervorgeht, dass der Mann endlich zu ihm
sprach: „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“ Jakob wollte also
noch weiter ringen, und daher sprach der Mann. „Lass mich gehen“, lass ab von
mir, ich will nicht mehr mit dir ringen, worauf Jakob antwortete: „Ich lasse
dich nicht du segnest mich denn.“ So rang und kämpfte er siegreich, und das
bezeugte der HERR ihm in den Worten: „Du hast mit Gott und Menschen gekämpft
und hast gesiegt.“
Aber wie konnte Jakob, ein Mensch, in
diesem Kampf über Gott den Sieg davontragen, der in sich Schwache über den
Starken, der Ohnmächtige über den Allmächtigen, das Gebilde von Staub und Asche
über den Schöpfer, obgleich er im Glauben kämpfte? War es nicht derselbe Jakob,
der am eben vergangenen Tag in so großer Furcht vor seinem Bruder Esau war, als
er hörte, dass dieser mit 400 Mann heranzog, der gefleht hatte: „HERR, errette
mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus – denn ich fürchte mich
vor im –, dass er nicht komme und schlage mich, die Mutter samt den Kindern!“?
Dem, leiblichen Bruder gegenüber so schwach, dem HERRN gegenüber so stark, ja
unüberwindlich? Nun, Geliebte, dieser siegreiche Kampf hat viel Geheimnisvolles
und Wunderbares, was wir nicht begreifen können. Aber das wissen wir, dass
Jakob nicht in eigener Kraft siegte, sondern durch die Kraft, die ihm der HERR
selbst mitteilte; das ersehen wir daraus, dass, als der Mann Jakobs Hüftgelenk
anrührte, dieses verrenkt wurde und Jakob hinkte. Daraus musste er erkennen,
dass er seinen Gegner nicht mit natürlicher, mit Fleischeskraft, sondern durch
Glaubenskraft, mit der er Gott festhielt, bis er von ihm gesegnet wurde,
überwunden hat.
Das aber ist die wichtige Lehre, die wir
für uns aus diesem siegreichen Ringen Jakobs nehmen sollen. Auch wir sollen
Gott in unserem Gebet festhalten, festhalten mit den Armen unseres Glaubens.
Wie halten wir ihn so fest? Wenn wir uns fest und unentwegt an sein Wort, seine
Verheißung halten, sie ihm im Gebet vorhalten, wie der Psalmist spricht: „Mein
Herz hält dir vor dein Wort.“ In dem Wort seiner Verheißung fassen und halten
wir Gott selbst; denn er ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss,
so gewiss er wahrhaftig ist. Die Zeit, wann, der Ort, wo, die Art und Weise,
wie er unser Gebet erhört, müssen wir ihm überlassen, denn wie Jakob bis zur
Morgenröte ringen musste, so auch wir oft in unserem Gebet. Aber auch: Wie
Jakob siegte, so auch wir. Der Mensch, welcher das Wort und in ihm Gott selbst
festhält, ist so mächtig, dass er durch sein Gebetsringen den Arm des
Allmächtigen in seinen Dienst stellt. Überwand nicht die arme kanaanäische Frau
Christus, dass er endlich sagen musste: „O Frau, dein Glaube ist groß! Dir
geschehe, wie du willst“? Hat nicht Elia durch sein Gebet den Himmel
verschlossen, dass es nicht regnete, und ihn wieder aufgeschlossen, dass es
regnete? Hat Luther nicht durch Wort und Gebet den römischen Papst überwunden?
So lerne denn, mein Christ, von Jakob mit Gott ringen, kämpfen, siegen; sprich
auch du wie er: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, und er wird dich
segnen; denn er hat Wohlgefallen daran, von dir überwunden zu werden. Seine
Augen sehen nach dem Glauben, der sich nicht abschrecken, hinwegtreiben, nicht
überwältigen lässt, sondern siegt.
3.
„Lass mich gehen, den die Morgenröte bricht
an“, so sprach der HERR zu Jakob. Aber dieser antwortete: „Ich lasse dich
nicht, du segnest mich denn.“ Er hielt ihn fest und ließ ihn nicht los. Die
eben gehörten waren die ersten Worte, die während des Ringens gesprochen
wurden. Nun aber fragte der HERR: „Wie heißt du?“ Jakob nannte seinen Namen.
Darauf sprach der HERR zu ihm: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern
Israel.“ Welch ein ehrenvoller Name! Denn Israel heißt Gotteskämpfer. So deutet
der HERR diesen Namen selbst, indem er den Grund für die Namensänderung in den
Worten angibt: „Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hat
gesiegt.“ Am Ende dieses Kampfes ging Jakob das Licht der Erkenntnis wie die
Morgenröte am Himmel auf; er erkannte nun an der Verrenkung seiner Hüfte durch
die bloße Berührung von dem mit ihm Ringenden wie aus den eben gehörten Worten,
mit wem er gerungen hatte, und da er die göttliche Person so nahe hatte, hielt
er sie mit beiden Händen fest, um den Kampf nicht ohne herrliche Frucht zu
beenden. Nicht mit einem Feind, sondern mit dem HERRN hatte er gerungen. Auch
dadurch, dass er diese Person festhielt, bewies er sich schon bei seiner Geburt
als der rechte Fersenhalter. Bei dieser hatte es sich um den Segen der Erstgeburt
gehandelt, hier handelte es sich wiederum um einen besonderen Segen. Und er
bekommt ihn. Wohl erhielt er auf seine Frage, die er an den Kämpfer richtete:
„Sage doch, wie heißt du?“ nur die Antwort: „Warum fragst du mich?“ Aber der
Segen, den er begehrte, wurde ihm zuteil; denn es heißt: „Und er segnete ihn
dort.“
Der hohe Ehrenname Israel ist von dem
Erzvater als ein Vermächtnis auf seine Nachkommen übergegangen; denn nach
diesem wurden sie das Volk Israel, der Einzelne Israelit genannt. Und wie stolz
waren die Juden auf diesen Namen, dessen Führung sie als ein besonderes
Vorrecht betrachteten. Das Volk Israel, die Gemeinde Israel, das Haus Israel,
die Kinder Israel sind immer wiederkehrende Bezeichnungen der Nachkommen
Jakobs. Aber mit diesen Namen wurde ihnen auch die Verpflichtung auferlegt, in
den Fußtapfen des großen Erzvaters zu wandeln, gleichem Kampf zu bewahren, was
ihnen vertraut war.
Nach beendetem, siegreichen Kampf nannte
Jakob den Ort, wo der Kampf stattgefunden hatte, Pniel;
denn er sprach: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen und bin genesen.“ Wie er
selbst dort den neuen Namen Israel von Gott erhalten hatte, so sollte der neue
Name des Ortes das Gedächtnis des wunderbaren Kampfes erhalten, verewigen.
Durch den Kampf an diesem Ort war seine Seele, wie er sagt, genesen, vom Tod
gerettet worden. Durch ihn war mit dem Aufgang der Sonne auch die Nacht und
Furcht aus seinem Herzen verschwunden. Nachdem er Gott in diesem Kampf
überwunden hatte, fürchtete er sich vor seinem Bruder Esau nicht mehr, sondern
zog getrost seines Weges weiter. Als ein neuer Mensch war er aus diesem Kampf
hervorgegangen, der nicht mehr wie bisher öfter auf Fleisch und Blut vertraut
und zu sündlichen Mitteln gegriffen hatte, sondern
allein auf den HERRN vertraute. „Da hat er die alte Haut fein müssen ausziehen
und sich brechen und sich gestellt auf die Wahrheit, die nicht trügen konnte.“[7]
Wie Jakobs siegreicher Kampf ihm die Frucht
eines reichen, großen Segens brachte, so, meine Teuren, bringt jeder rechte
Kampf einem gläubigen Christen Segen. Er erstarkt in der Erkenntnis, im
Glauben, in der Liebe. Der Kampf schwächt ihn nicht, sondern stärkt ihn. Er
lernt seinen Gott und HERRN immer besser erkennen, wie freundlich, gnädig und
barmherzig er ist. „Alle Züchtigung, wenn sie da ist“, schreibt der Apostel,
„dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie
geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind“;
und wiederum: „So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe
denn recht.“ Die Frucht, der Gewinn des Kampfes soll und wird also eine Krone
sein, ja, die Krone der Gerechtigkeit, eine Krone der Ehren. So werde denn,
mein Freund, nicht müde in deinem Glaubenskampf! Kämpfe ihn durch in der Nacht
der Angst und Trübsal und halte deinen Gott fest; denn er ist dein Heiland,
dein Erretter; er kämpft mit dir, um dich zu segnen, und es wird dir die
Morgenröte eines neuen Tages aufgehen, in dem du nicht mehr kämpfen, sondern
ruhen wirst, ruhen in deinem Gott und schauen sein Angesicht in ewiger
Seligkeit. Amen.
1. Mose 3,1-7: Und die Schlange war listiger als
alle Tiere auf dem Feld, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der
Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen
im Garten. Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der
Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott
gesagt: Esst nicht davon, rührt es auch nicht an, dass ihr nicht sterbt! Da
sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern
Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan,
und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau
schaute an, dass von dem Baum gut zu essen wäre und lieblich anzusehen, dass es
ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte, und nahm von der Frucht und aß und
gab ihrem Mann auch davon, und er aß. Da wurden ihrer beiden Augen aufgetan und
sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen
und machten sich Schürze.
Geliebte in dem HERRN!
Vor dem Sündenfall befand sich der Mensch
in vollkommener Glückseligkeit. Er war, wie die Benennung der Tiere zeigt,
reich an Erkenntnis aller Dinge, heilig und gerecht, ohne irgendwelche Neigung
zur Sünde und zum Herrscher über alle Kreaturen gesetzt, die ihm willig, ohne
Zwang, gehorchten. Durch den über ihn ausgesprochenen Segen hatte ihm Gott die
Kraft mitgeteilt, sich zu mehren und die Erde zu füllen. Welch eine Wunderbare
Wohnstätte hatte ihm Gott in dem Garten, den er für ihn in Eden, dem Land der
Wonne, gepflanzt hatte, bereitet! Die wunderbare Schönheit dieses Gartens, des
Paradieses, wie wir ihn nennen, war so groß, dass wir uns davon keine rechte
Vorstellung zu machen vermögen. In ihm waren allerlei Bäume mit den
herrlichsten Früchten, die den Menschen zur Speise dienten; in ihm entsprang
ein Strom, von dem er bewässert wurde, und der sich bei seinem Austritt in vier
Arme teilte. Wo dieser Garten einst war, wissen wir nicht. Gelehrte aller
Zeiten haben sich alle Mühe gegeben, die Lage dieses Gartens zu bestimmen, aber
vergeblich, da ohne Zweifel die Gestalt der Erde durch die Sintflut völlig
verändert worden ist.
In diesen Garten hatte Gott den Menschen
gesetzt., um ihn zu bebauen und zu bewahren. Aber diese Arbeit minderte seine
Glückseligkeit nicht, sondern vermehrte sie vielmehr; denn sie war ihm keine
Last, ermüdete ihn nicht, sondern war ihm eine Lust. #wo gibt es heute auf der
ganzen Erde einen Ort, der im entferntesten mit jenem Garten verglichen werden
könnte? Aber unter den mancherlei Bäumen befanden sich zwei von einzigartiger
Beschaffenheit: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Hätte der Mensch
von jenem gegessen, so würde er bei steter Jugend erhalten worden sein und ewig
gelebt haben. Kein Leiden, keine Krankheit würde ihn angerührt, kein Alter ihn
geschwächt, ihn zum Greis gemacht haben. Der andere Baum war von bezaubernder
Schönheit, eine Lust der Augen, lieblich anzuschauen und begehrenswert, davon
zu essen. Aber gerade von diesem Baum sollte der Mensch nicht essen; denn Gott
hatte zu ihm gesagt: „Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von
dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen; denn an welchem
Tag du davon isst, wirst du des Todes sterben.“ Da aber nahte sich ihm der
Versucher, um ihn zu verleiten, dieses Verbot Gottes zu übertreten. Dies sei
der Gegenstand unserer jetzigen Betrachtung, nämlich:
Die Versuchung der ersten Menschen im Paradies
Diese zeigt uns
1. den Versucher,
2. den Gegenstand,
3. den Ausgang der Versuchung
1.
Unser Text beginnt, Geliebte, mit den
Worten: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott
gemacht hatte, und sprach zu der Frau: ‚Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt
nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?‘“
Die Schlange naht sich dem Menschen als
Versucher. War das eine wirkliche, natürliche Schlange? Ohne Zweifel. Denn wir
haben in dem ganzen Bericht über den Sündenfall keine bildliche Darstellung,
sondern eine wirkliche Geschichte, in der alle Namen und Bezeichnungen nicht
bildlich, sondern buchstäblich zu verstehen sind. Der Garten, die Bäume, die
Menschen, die Früchte, sie alle bedeuten nicht etwas anderes als das, was wir
heute im eigentlichen Sinn unter diesen Worten verstehen, sondern dasselbe, und
so auch unter dem Wort Schlange nicht etwa das Böse, sondern eine natürliche
Schlange, zumal hinzugefügt wird: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf
dem Feld.“ Aber die Schlange war das Werkzeug, dessen sich der Satan bediente.
Dass dieser der eigentliche Versucher, die Schlange nur sein Werkzeug war, geht
schon daraus hervor, dass sie redete, also die Fähigkeit menschlicher Rede
hatte, die ihr ebenso wenig wie einem anderen Tier des Feldes von Gott gegeben
war. Und die Schlange redete nicht nur in menschlicher, der Frau verständlicher
Sprache, sondern auch in menschlich-vernünftiger Weise. In listiger Weise zieht
sie das klare Verbot Gottes von dem Baum der Erkenntnis in Zweifel, als ob er
dies Verbot aus Neid oder Missgunst, da<mit die Menschen ihm nicht gleich
würden, gegeben hätte, und zeiht dann Gott geradezu der Lüge, indem sie sagt:
„Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem
Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott
und wissen, was gut und böse ist.“ So listig kann kein Tier, konnte auch damals
die Schlange aus sich selbst nicht reden oder mit dem Menschen disputieren.
Stets wird daher in der Schrift des Neuen Testaments, wo von der Versuchung der
Menschen die Rede ist, der Satan als der Versucher bezeichnet. Offb. 12, 9 wird
der Satan als die alte Schlange und der Teufel genannt, der die ganze Welt
verführt. Wohl war also die Schlange eine wirkliche, natürliche Schlange, wie
sie sich heute noch überall auf der Erde findet, aber sie war das Werkzeug
Satans, durch die dieser böse Geist redete und die Menschen zur Sünde, zur
Übertretung des göttlichen Verbots und damit zum Abfall von Gott, zu verleiten
suchte.
Dasselbe Werk treibt der böse Geist heute
noch. Darum warnt Petrus die Christen: „Seid nüchtern und wacht; denn euer
Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen
er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!“ Hat er nicht Christus selbst
in der Wüste versucht, nicht Judas, einen aus den zwölf erwählten Zeugen des
HERRN, nicht David, den großen König Israels? Und er geht jetzt noch ebenso
listig zu Werk wie damals im Paradies. Er weiß die geeignetsten Werkzeuge und
Mittel zu finden und zu gebrauchen. Dort bediente er sich der Schlange, die
listiger war als alle anderen Tiere auf dem Feld, die damals noch nicht auf dem
Bauch ging, sich im Staub wand und dem Menschen wie
heute Abscheu und Ekel einflößte, sondern eines der schönsten Tiere war. In
dieser nahte er sich der Frau. So tritt er auch jetzt nicht in seiner eigenen,
unverhüllten und hässlichen Gestalt an den Menschen heran, sondern versucht ihn
durch geeignete Werkzeuge. Wie machen Christen versucht er durch seinen Nachbarn,
seinen Freund oder sonst eine ihm nahestehende Person! Die Eva versuchte er
durch die listige Schlange. Adam wieder durch seine Frau, die Eva. Wie ist
schon mancher Mann durch seine Frau und manche Frau durch ihren gottlosen Mann,
wie es besonders in den Mischehen unserer Tage geschieht, zur Sünde, zum Abfall
vom Glauben, versucht und verleitet worden! „Groß Macht und viel List sein
grausam Rüstung ist; auf Erd ist nicht seinsgleichen“, sagt Luther; und so ist es. Sei darum, mein
Christ, auf deiner Hut, wenn dein Nächster, dein bester Freund oder wer dir
sonst nahe steht, dich zu irgendeiner Sünde, zum Ungehorsam gegen Gottes Wort,
verleiten will, indem er dir einen Gewinn vorspiegelt. Mag er sich dessen
selbst auch nicht bewusst sein, es steckt gewiss Satan, der Versucher,
dahinter, der dich zu Fall bringen will.
Aber so listig der Versucher in der Wahl
seines Werkzeuges in der Versuchung ist, so listig verfährt er auch in Bezug
auf den Gegenstand. Das lasst uns zweitens betrachten.
2.
Auf die ersten Worte des Versuchers,
wodurch der das Verbot Gottes, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, in Zweifel
zog, antwortete die Frau: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber
von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon,
rührt’s auch nicht an, dass ihr nicht sterbt!“ Beachtet die Worte „mitten im
Garten“. Dieser Baum stand in der Mitte des Gartens, bildete, dass ich so sage,
seinen Mittelpunkt. Seine Früchte waren schöner, begehrenswerter als die aller
anderen Bäume, und auf diese richtete Satan Evas Blicke. Und diese sah, dass er
eine Lust für die Augen, lieblich anzuschauen und gut oder begehrenswert, von
ihm zu essen, wäre, weil er klug machte, geeignet, um Einsicht zu erlangen.
Schon hat die verführerische Rede des Versuchers Eindruck auf sie gemacht. Sie
kann sich an den herrlichen Früchten gleichsam nicht satt sehen, sie üben einen
anziehenden Reiz auf sie aus. Wohl hält sie dem Versucher das ausdrückliche
Gebot Gottes entgegen, von diesem Baum nicht zu essen, sie übertreibt dies
Verbot sogar, indem sie sagt, es sei ihnen verboten, die Früchte des Baumes
auch nur anzurühren, aber durch die Vorspiegelung Satans üben sie einen
bannenden Zauber auf sie aus. Wie herrlich müssen die Früchte dieses Baumes
schmecken, die an Schönheit alle anderen übertreffen! Der Gegenstand, dessen
sich Satan zur Versuchung bediente, war somit der schönste unter allen Bäumen
im Garten, an dem sich das Verbot Gottes, so zu reden, als eine Warnungstafel
befand.
Warum aber, so fragen wir, wollte Gott
gerade von diesem einen Baum nicht gegessen haben? Luther antwortet: „Weil
dieser Baum für den Menschen der Altar und Predigtstuhl sein sollte, an dem er
Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Wort und Willen erkennen, dabei auch
Gott gegen die Anfechtung anrufen sollte.“ Gott gab ihm dies Verbot nicht zu
seinem Verderben, sondern zu seinem Besten. Er sollte daran erkennen, was dem
göttlichen Willen gemäß und was ihm zuwider war, lernen, das Böse zu meiden,
die ihm anerschaffene Freiheit zwischen Gehorsam und
Ungehorsam gegen Gottes Wort zu gebrauchen. Hätte er der Versuchung Satans
widerstanden und dem Verbot Gottes Gehorsam geleistet, so würde es für ihn
nicht mehr möglich gewesen sein zu sündigen. Die Möglichkeit, nicht zu sündigen,
würde sich zur Unmöglichkeit zu sündigen gestaltet haben, während der Mensch
nun in die Knechtschaft der Sünde gefallen ist, so dass er, wie er von Natur
beschaffen ist, nichts Gutes tun, sondern nur sündigen kann, da sein Verstand verfinstert
und sein Wille zum Bösen geneigt ist. Und Gott wollte von dem Menschen keinen
unbewussten, sondern einen bewussten, freiwilligen Gehorsam, weil dieser es
ist, der jedem Werk seinen Wert verleiht. Der Mensch ist ja keine tote
Maschine, sondern ein mit Verstand und Willen ausgerüstetes Wesen, eine sich
selbst bestimmende Person, und als solche von Gott, dazu heilig und gerecht,
erschaffen, sollte er an dem Verbot Gottes zwischen Gehorsam und Ungehorsam
wählen. Aber, wie Luther sagt, „hat es Gott so gefallen, dass sich Adam
versuchen und sein Vermögen üben sollte“.
Wenn nun auch der Gegenstand oder das,
wodurch Satan jetzt die Christen versucht, kein so prächtiger Baum ist, so ist
es doch etwas, was ihm besonders gefällt, worauf sich seine Wünsche und
Begierden richten. Er kennt die schwache Seite des Menschen. Davies Blicke
richtete er auf die Schönheit der Bathseba, Judas verblendete er durch den
schimmernden Glanz der Silberlinge, Petrus brachte er durch Vermessenheit zu
Fall, dem HERRN Christus zeigte er die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich
anbetest“, wollte also selbst den Sohn Gottes durch Herrschsucht zum Abfall
bringen. Aber wodurch er auch versucht, immer ist es etwas, was Gott verboten
hat, oder ist doch die Art und Weise, in der es geschehen soll, eine sündliche. Die irdischen Güter sind an sich nicht sündlich, sondern Gottes Gaben, aber sie auf sündliche Weise, durch List und Betrug, in seinen Besitz
bringen wollen, ist eine Versuchung des bösen Feindes, ebenso wie der Baum der
Erkenntnis von Gott geschaffen und daher an sich ein guter Baum war; aber
unsere ersten Eltern sündigten doch, weil sie gegen Gottes Gebot ihre Hände
nach seiner Frucht ausstreckten. Darum hüte dich, mein Zuhörer, vor dem
Blendwerk des Satans, „dass du in keine Sünde willigst, noch tust gegen Gottes
Gebot“!
Aber, so wendet die menschliche Vernunft
ein, hätte Gott nicht die Versuchung der ersten Menschen verhindern können, da
er wusste, dass er fallen würde? Könnte er nicht ebenso auch verhindern, dass
ich versucht werde, da er weiß, wie gefährlich die Versuchung für mich ist?
Diese und ähnliche Fragen werden so oft und von vielen gestellt. Die Antwort
lautet: Die Versuchungen sind von Gott nicht zu unserem Schaden, sondern zum
Guten gemeint. In ihnen sollen wir auch unseren Glauben und Gehorsam beweisen,
soll unser Glaube bewährt und gestärkt, geläutert werden. Halte nur Gottes
Wort, ob Ge- oder Verbot, fest, halte wie der HERR Christus jedem
verführerischen Wort des Versuchers das wahrhaftige Wort deines Gottes
entgegen, gebrauche es als das Schwert des Geistes, so kann er nichts gegen
dich ausrichten; „denn selig ist der Mann, der die Anfechtung“, die Versuchung,
„erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens
empfangen“. Dies führt uns zum dritten Teil unserer Betrachtung, auf den Ausgang
der Versuchung.
3.
Unser Text berichtet uns, welchen Ausgang
diese Versuchung nahm: Die Frau gehorchte nicht dem Wort Gottes, sondern dem
Wort des Versuchers, glaubte der Lüge, streckte ihre Hand nach der verbotenen
Frucht aus, gab ihrem Mann auch davon, er aß, und damit war der Abfall von
Gott, der Sündenfall, geschehen.
Beachtet, wie sich dieser Abfall von Gott
von Stufe zu Stufe vollzog. Der Anfang begann schon damit, dass sich Eva
überhaupt mit der Schlange einließ. Sie hätte daraus, dass die Schlange reden
konnte, und durch ihre Worte sogleich die Wahrheit des Wortes Gottes, dass sie
gewiss des Todes sterben würde, wenn sie von dem Baum essen würde, erkennen,
sowie dass sie es mit einer ihrem gnädigen Schöpfer feindlichen Macht zu tun
habe, und sie ohne weiteres abweisen sollen. Aber statt sofortiger Abweisung
ließ sie sich mit dem Versucher auf eine Unterredung ein. Und als dieser nun
das Verbot Gottes nicht mehr bloß anzweifelte, sondern zu frecher Verneinung
der angedrohten Strafe überging, zu ihr sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes
sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure
Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“,
damit also den Wahrhaftigen für einen Lügner erklärte, da blickte sie mit
begehrlichem Auge auf die verbotene Frucht. Das Verlangen zu wissen, was gut
und böse sei, Gott gleich zu sein, siegte; sie nahm
von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß. Also zuerst
Unterredung mit der Schlange, dann Zweifel an dem Wort Gottes, sodann das
Glauben der Lüge und die Tat, das Essen: So vollzog sich der Sündenfall. Und
der eigentliche, wirkliche Ausgang? Den berichten die Worte unseres Textes: „Da
wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt
waren. Und sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.“
Welch ein Ausgang! Ihre Augen waren nun
allerdings aufgetan; aber was erkannten sie? Nicht, das sie gleich wie Gott,
sondern dass sie nackt waren. Die selige Unwissenheit der Unschuld ist dahin,
die von keiner Nacktheit wusste. Durch die Sünde sind sie zu dieser Erkenntnis
gekommen; diese Erkenntnis aber wirkt Scham, und in dieser Scham flechten sie
sich aus Feigenblättern Schürze, um damit die Schande ihrer Blöße zu bedecken,
ihre Hüfte zu umhüllen, weil dieser Teil ihres Leibes, der bisher rein und vom
Geist Gottes beherrscht wurde, nun unrein geworden und in die Macht der Sünde,
des Argen, geraten ist. Die gefallenen Menschen schämen sich der Folgen der
Sünde, erkennen, wie schmachvoll sie von dem Versucher betrogen worden sind
durch seine Zweideutigkeit und Verkehrung des Wortes Gottes. Sie wissen nun,
was gut und böse ist; aber dieses Wissen, durch Sünde erlangt, ist ein
schuldvolles Wissen, das sie mit Scham vor sich selbst und mit Scham und Furcht
vor Gott erfüllt.
Wieviel ließe sich, meine Freunde, hierüber
noch sagen! Möge es für heute genügen, nur das eine hervorzuheben, dass jede
Sünde denselben Ausgang, dieselben Folgen hat: nicht Gewinn, sondern Verlust:
Scham, Schande, böses Gewissen, Furcht vor Gott, den Tod. Ja, „wenn die Lust
empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist,
gebiert sie den Tod“. Darum, mein Christ, hüte dich vor jeder Sünde, wenn sie
auch noch so gering zu sein scheint! Wie gering scheint die Sünde unserer ersten
Eltern zu sein, aber wie groß war sie, wie ihre Folgen zeigen, in der Tat! Wo
sollten wir bleiben, wenn wir nicht den zum Heiland hätten, der in seiner
Versuchung den Satan überwunden und am Holz des Kreuzes die Schuld gesühnt, die
Adam am Baum der Erkenntnis auf sich und seine Nachkommen geladen hat. Was Adam
im Garten Eden gesündigt, hat er im Garten Gethsemane gesühnt. Dessen können
und wollen wir uns in bußfertigem Glauben getrösten und durch seine Kraft jeder
Versuchung zu widerstehen uns befleißigen. Amen.
2. Mose 3, 1-10: Mose aber hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian,
und trieb die Schafe hinter in die Wüste und kam an den Berg Gottes Horeb. Und
der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er
sah, dass der Busch mit Feuer brannte, und wurde doch nicht verzehrt. Und
sprach: Ich will dahin und besehen dies große Gesicht, warum der Busch nicht
verbrennt. Da aber der HERR sah, dass er hinging zu sehen, rief ihm Gott aus
dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt
nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, da du drauf
stehst, ist ein heiliges Land. Und sprach weiter: Ich bin der Gott deines
Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose
verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.
Und der HERR
sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volks in Ägypten und habe ihr
Geschrei gehört über die, so sie treiben; ich habe ihr Leid erkannt. Und bin
herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe
aus diesem Land in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und
Honig fließt, nämlich an den Ort der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Kinder Israel vor
mich gekommen ist und habe auch dazu gesehen
ihre Angst, wie sie die Ägypter ängstigen, so gehe nun hin, ich will dich zu
Pharao senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.
Geliebte in dem HERRN!
Als Gott der HERR Jesaja zu seinem
Propheten unter dem Volk Israel berief, ließ er ihm eine einzigartige und
überaus erhabene Erscheinung zuteil werden. Jesaja
erblickte nämlich Gott selbst als den König und Herrscher über alles in seiner
Majestät, auf einem Thron in seinem himmlischen Palast, der zugleich sein
heiliger Tempel ist, sitzend. Seine Umgebung bildeten die Seraphim, leuchtend
und strahlend, wie von heiligem Feuer durchglüht. Sie stellten die Heiligkeit
Gottes dar, nach der er allem Unreinen und Sündlichen
gegenüber ein verzehrendes Feuer ist.
Jeder der Seraphim hatte sechs Flügel. Mit
zwei bedeckten sie in heiliger Scheu und Ehrfurcht vor dem dreimal heiligen ihr
Angesicht, mit zwei ihre Füße und mit zwei flogen sie durch den Palast. Aber
nicht stillschweigend schwebten sie durch den heiligen Raum, sondern mit einer
Stimme, deren Widerhall wie Donner durch den Palast tönte, priesen sie die
Heiligkeit und Herrlichkeit des majestätischen Gottes, indem sie einander
zuriefen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind
seiner Ehre voll“, „so dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres
Rufens, und das Haus voll Rauch wurde“, wie es wörtlich heißt. War es ein
Wunder, dass Jesaja, als er diese Erscheinung hatte, von tödlichem Schrecken
ergriffen wurde und ausrief: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner
Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König,
den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen“? Wenn die Überschwellen des Hauses
von der Stimme des Rufens erbebten, hätte da Jesaja, der sich als Sünder
erkannte, nicht erbeben, zittern sollen?
Aber nicht verderben, töten, wollte der
HERR Jesaja durch diese für ihn furchtbare Erscheinung, sondern ihn vorbereiten
auf die Sendung, zu der er ihn ausersehen hatte. Er sollte daraus erkennen, wer
der sei, als dessen Bote er zu dem sündigen Volk gehen sollte, nämlich der
Heilige, dem jede Sünde ein Greuel ist, aber auch der
Allmächtige, der seinen Sendboten unter einem gottentfremdeten Geschlecht
schützen könne und werde. Und Jesaja wurde nun von dem HERRN selbst zu seinem
Boten geschickt gemacht. Denn auf das Bekenntnis seiner Unwürdigkeit wurde er
von einem der Seraphim mit dem heiligen Feuer, das dieser vom Altar genommen
hatte, an den Lippen berührt und dadurch entsündigt. So geheiligt, war er
geschickt und ausgerüstet, der Bote des heiligen Gottes unter einem sündigen
Volk zu sein. Deshalb wurde ihm auch sogleich der Auftrag erteilt, zu dem Volk
zu gehen, die ihm aufgetragene Botschaft auszurichten.
Das war das große Gesicht, die wunderbare
Erscheinung, durch welche Jesaja zum Propheten des Volkes berufen wurde. Eine
ähnliche wunderbare Erscheinung wurde Mose zuteil, als ihn Gott zum Befreier
des Volkes Israel berief. Der Gegenstand unserer Betrachtung sei:
Die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb
1. Der Busch brannte und wurde doch nicht
verzehrt.
2. Der Ort wurde zu einem heiligen Ort.
3. Mose wurde zum Befreier Israels berufen.
1.
„Mose aber“, so beginnt unser Text, „hütete
die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des
Priesters in Midian; und trieb die Schafe hinter in die Wüste und kam an den
Berg Gottes Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen
Flamme aus dem Busch. Und er sah, dass der Busch mit Feuer brannte und wurde
doch nicht verzehrt.“ Im Dienst seines Schwiegervaters bekleidete Mose die
Stellung eines Hirten, und als solcher trieb er die Herde durch eine Wüste bis
an den Horeb, wo es reiche Weidetriften und Wasser die Fülle gab.
Dort nun wurde ihm eine wunderbare
Erscheinung des HERRN zuteil. Er erblickte plötzlich eine feurige Flamme aus
einem Busch. Er sah, dass der Busch brannte und doch nicht verbrannte. Hätte
das Feuer den Busch auch verzehrt, so würde das schon seine Aufmerksamkeit
erregt haben, denn er befand sich dort allein mit seiner Herde; aber da er sah,
dass der Busch nicht von der Flamme verzehrt wurde, so erregte das sein
Erstaunen, seine Verwunderung umso mehr, und darum sprach er: „Ich will dahin
und besehen dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt.“ Er erkannte
also indem brennenden Busch ein „großes Gesicht“, eine wunderbare Erscheinung.
Es war ihm sogleich gewiss, dass das Feuer kein natürliches, sondern ein
wunderbares Feuer sein, dass es eine besondere Bedeutung haben müsse. Und er
täuschte sich darin nicht; denn sobald er sich dem brennenden Busch näherte,
erhielt er die Bestätigung seiner Annahme. Was aber bedeutete dieser brennende
und doch nicht verbrennende Busch? Nichts anderes als das Volk Israel in seiner
traurigen Lage in Ägypten.
Dieses befand sich schon über 300 Jahre in
Ägypten. Als der Erzvater Jakob mit seiner Familie dorthin kam, fand er
Errettung in der Hungersnot, freundliche und liebevolle Aufnahme bei Pharao und
wohnte dann in einem der besten, fruchtbarsten Teile des Landes, in Goschen,
einem fetten Landstrich. Doch wuchs die Familie Jakobs zu einem großen Volk
heran. Es wurde so zahlreich, dass Pharao befürchtete, es könnte sich, wenn ein
Krieg entstünde, auf die Seite der Feinde schlagen und den Ägyptern gefährlich
werden. Um dies zu verhindern, wurde die Bedrückung der Israeliten begonnen.
Sie wurden mit Unbarmherzigkeit zu den schwersten Frondiensten gezwungen,
mussten Ziegelsteine machen und die Städte Phiton und Raemses,
die als Schatzhäuser des Landes dienen sollten, bauen. Die Kinder Israel
sollten durch ihre Kräfte übersteigende Frondienste geschwächt werden. Als
diese Bemühungen sich als vergeblich erwiesen, die Kinder Israel hingegen sich
immer mehr vermehrten, gab Pharao den hebräischen Hebammen den Befehl, alle
neugeborenen israelitischen Knäblein zu töten. Diese aber fürchteten Gott und
gehorchten dem Befehl nicht; sie ließen die Knäblein leben. Aber immer
trauriger wurde der Zustand der Kinder Israel in Ägypten. Sie wurden bedrückt,
geplagt, zu Sklaven herabgewürdigt. „Sie seufzten über ihrer Arbeit und
schrien.“ Sie befanden sich in der Gewalt ihrer Bedrücker, im Ofen der Trübsal.
In dieser traurigen, ohnmächtigen Lage war das Volk Israel in Ägypten einem
niedrigen Strauch oder Busch ähnlich, während Ägypten und die anderen
Weltmächte wie stolze, starke Bäume dastanden. Das Feuer im Busch ist Bild der
strafenden und züchtigenden Gerechtigkeit Gottes. Wohl war die Bedrückung und
Verachtung des Volkes ein Werk der Ägypter, aber Gott nahm dieselbe in seine Hand,
um sein Volk zu läutern. Darum sprach Mose: „Euch aber hat der HERR angenommen
und aus dem eisernen Ofen, nämlich aus Ägypten, geführt.“ Dass die Bedrückung
nicht ein vernichtendes, sondern ein Läuterungsfeuer war, wird auch dadurch
angezeigt, dass das Feuer den Busch nicht verzehrte. Denn Gott die Seinen wohl,
aber übergibt sie nicht dem Tod. So züchtigte Gott sein Volk in Ägypten, in dem
Feuerofen der Trübsal, um es auf seinen hohen Beruf, ihm ein heiliges Volk, ein
priesterliches Königtum zu sein, vorzubereiten.
Einem feurigen Busch, der nicht von der
Flamme verzehrt wird, ist die Kirche allezeit gleich gewesen. Sie ist niemals
ein mächtiges Weltreich gewesen, sondern im Vergleich zu den weltlichen Reichen
eine kleine Herde, wie der HERR selbst sie nennt. Und in welchem Feuer der
Trübsal hat sie sich stets befunden! In der ersten Verfolgung, die über die
Gemeinde zu Jerusalem ging, wurden ihre Glieder in Judäa und Samaria zerstreut.
Und sie ist bis auf die heutige Zeit im Feuer gewesen. Unter dem grausamen Kaiser
Nero begannen um das Jahr 60 nach Christi Geburt die mehr oder minder grausamen
Verfolgungen der Christen und dauerten, mit oft nur geringen Unterbrechungen,
bis in den Anfang des vierten Jahrhunderts fort. Dann kam der Türke, der die
Christen stets, soweit seine Macht reichte, ebenso grausam wie Pharao das Volk
in Ägypten bedrückt hat. Und nicht weniger der römische Papst, als dieser zur
Macht gelangte. Aber gleich dem brennenden Busch ist die Kirche durch diese
Verfolgungen und Bedrückungen, dieser Feuer der Hölle, nicht verzehrt,
vernichtet worden. Die Pforten der Hölle konnten sie nicht überwältigen, denn
der HERR war, wie dort im feurigen Busch, so in dem Feuer, so in dem Feuer der
Trübsal unter seinem Volk laut der Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle
Tage bis an der Welt Ende.“
Aber wunderbar war jene Erscheinung des
brennenden Busches auch deshalb, weil sie an einem heiligen Ort stattfand.
2.
Als Mose dieses große Gesicht, den
brennenden und doch nicht verbrennenden Busch, erblickte und sprach: „Ich will
hin und sehen das große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt“, rief ihm
Gott aus dem Busch und sprach: „Mose, Mose!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“ Und
der HERR sprach: „Tritt nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen Fußen;
denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land.“ Warum war der Ort ein
heiliges Land? Weil der Engel des HERRN dort dem Mose in der feurigen Flamme
aus dem Busch erschien. Aber wer war dieser Engel des HERRN? Keiner der
erschaffenen Engel, nicht Gabriel oder Michael, keiner der Engelfürsten, nicht
einer der Cherubim und Seraphim, sondern der unerschaffene Engel, der aus dem
Wesen Gottes in Ewigkeit gezeugte Sohn Gottes selbst, der in der Heiligen
Schrift der Engel des HERRN genannt wird, der schon Abraham im Hain Mamre
erschien und mit ihm redete. Dass es dieser und kein erschaffener Engel war,
sagen die deutlich die Worte im vierten Vers unseres Textes, wo es heißt: „Da
also der HERR sah, dass er hinging zu seshen, rief
ihm Gott aus dem Busch: ‚Mose, Mose!‘“ Denn im zweiten Vers heißt es: „Der
Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch“ und hier:
„Da der HERR, Jahwe, sah, dass er hinging, rief ihm Gott aus dem Busch“, woraus
deutlich hervorgeht, dass der Engel des HERRN, der HERR und Gott eine und
dieselbe Person waren, nur mit verschiedenen Namen benannt. Denn allein der
Sohn Gottes wird der Engel des HERRN genannt, niemals der Vater, auch nicht der
Heilige Geist, viel weniger ein erschaffener Engel, sondern allein die zweite
Person der Dreieinigkeit, der Sohn Gottes. Und weil in dieser wunderbaren
Erscheinung der Sohn Gottes gegenwärtig war und mit Mose redete, darum war der
Ort ein heiliges Land. Heißt es nicht im sechsten Vers: „Und sprach“, nämlich
der Engel des HERRN: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der
Gott Isaaks und der Gott Jakobs“? Wo aber Gott auf Erden erscheint oder wohnt,
da ist wahrlich eine heilige Stätte. Darum nannte Jakob Lus eine heilige
Stätte, als er dort im Traum eine Leiter erblickte, die vom Himmel bis auf die
Erde reichte, wo die Engel auf- und niederstiegen, oben aber Gott stand und zu
ihm redete, indem er, als er erwachte, ausrief: „Gewiss ist der HERR an diesem
Ort, und ich wusste es nicht. Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts
anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels!“ und nannte die
Stätte Bethel, das heißt, Gottes Haus. Deshalb hieß auf Jerusalem die Heilige
Stadt, weil Gott in dem Allerheiligsten des Tempels über der Bundeslade in der
Luftwolke, als dem sichtbaren Zeichen seiner Gnadengegenwart unter dem Volk,
thronte.
Haben wir, meine Zuhörer, eine solche
heilige Stätte, ein solches heiliges Land? An jedem Ort, wo sein Wort gepredigt
wird. Wohl findet heute nicht mehr ein solch großes Gesicht, eine so wunderbare
Erscheinung statt wie im feurigen Busch; es bedarf einer solchen wunderbaren
Erscheinung auch nicht mehr, denn Gott ist offenbart im Fleisch, der Sohn
Gottes ist Mensch geworden und hat unter den Menschen auf Erden in sichtbarer
Gestalt gewandelt. Das ist die größte und höchste sichtbare Erscheinung Gottes
auf Erden. Aber obwohl er seine sichtbare Erscheinung uns Menschen durch seine
Himmelfahrt entzogen hat, ist er doch an jedem Ort, wo sein Wort verkündigt
wird, gegenwärtig laut seiner Verheißung: „Wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, bin ich mitten unter ihnen.“ Und heißt es nicht 2. Mose 20, 24:
„An welchem Ort ich meines Namens Gedächtnis stiften werde, da will ich zu dir
kommen und dich segnen“? Aber jede Feier des heiligen Abendmahls geschieht zum
Gedächtnis des HERRN; durch sie wird des HERRN Tod verkündigt. Ja, was ist jede
Predigt des Evangeliums anders als ein Gedächtnis des HERRN? So ist denn
wahrlich jeder Ort, an dem dies geschieht, eine Stätte, an welcher der HERR
gegenwärtig ist, ein heiliger Ort.
Darum ergeht aber auch die an Mose
gerichtete Aufforderung in unserem Text: „Ziehe deine Schuhe aus von deinen
Füßen! Denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land“ an alle, die
zum Gotteshaus kommen. Da ist freilich nicht wörtlich zu verstehen wie bei
Mose; aber sie sollen dessen eingedenk sein, dass die Kirche ein Gotteshaus
ist, ein heiliger Ort, und sollen daher ihre irdischen Gedanken dahinten
lassen, viel weniger mit sündlichen und fleischlichen
Gedanken und Begierden herzukommen und sich hier über irdische Dinge
unterhalten, wie das oft genug geschieht. „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Haus
Gottes gehst, und komm, dass du hörst!“ Mit heiliger Scheu und Ehrfurcht vor
dem gegenwärtigen Gott und HERRN soll daher jeder Christ im Gotteshaus erfüllt
sein, wie Mose in heiliger Scheu sein Angesicht verhüllte, weil er sich
fürchtete, Gott anzuschauen; denn in ihm redet Gott selbst zu ihm durch den
Mund seines Dieners, wie er dort zu Mose aus dem brennenden Busch redete. „Alle
unsere Kirchen“, sagt Luther, „sind darum auch heilig, dass Gottes Wort darin
gepredigt und die Sakramente gereicht werden.“
Zu welchem Zweck aber erschien der Engel
des HERRN dort Mose in dem brennenden Busch? Weshalb redete er zu ihm? Um ihn
dort zum Befreier des Volkes Israel zu berufen. Auch dadurch wurde die
Erscheinung des HERRN eine wunderbare, was wir drittens betrachten wollen.
3.
Nachdem sich der Engel des HERRN dem Mose
als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekannt gegeben und ihn damit an die
Verheißungen erinnert, die er den Erzvätern gegeben hatte und die er nun an
deren Nachkommen, dem Volk Israel, erfüllen wolle, besonders aber die bei der
Berufung Abrahams: „Deinem Samen will ich das Land“, nämlich Kanaan, das
Gelobte Land, „geben“, fuhr er fort: „Ich habe gesehen das Elend meines Volkes
in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie treiben; ich habe ihr
Leid erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter
Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein weites und gutes Land, in ein
Land, darin Milch und Honig fließen. … So gehe nun hin; ich will dich zu Pharao
senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.“ Damit berief
der HERR Mose zum Erretter seines Volkes aus dem Diensthaus Ägypten.
Doch wunderbar ist diese Berufung nicht nur
in der Art und Weise, wie sie geschah, sondern auch, wenn wir auf Mose blicken.
Wer war Mose? Er hütete die Schafe Jethros, seines
Schwiegervaters, war also ein Schafhirte. Und dieser Schafhirte soll Gottes
Sendbote an den mächtigen, stolzen und grausamen Pharao, einen der mächtigsten
Könige seiner Zeit, sein! Mose war keineswegs redegewandt, sondern sogar ein
Stammler, und doch soll er Gottes Sache vor Pharao führen! Vom Hirten einer
Schafherde soll er zum Hirten eines zahlreichen Volkes, vom Leiter geduldiger
und folgsamer Tiere zum Führer eines widerspenstigen Volkes emporsteigen! Welch
eine Aufgabe! Ist es zu verwundern, wenn Mose sich weigerte, eine solch schwere
Aufgabe zu übernehmen, wenn er sprach: „Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe
und führe die Kinder Israel aus Ägypten? Und hatte Mose nach dem Urteil der
menschlichen Vernunft nicht recht? Er, ein geringer, ohnmächtiger Schafhirte,
soll dem mächtigen Tyrannen gegenübertreten, soll der Befreier seines Volkes
aus der Knechtschaft und der Führer während des Zuges in das verheißene Land
sein! Haben sich seine Befürchtungen nicht bewahrheitet? Ja, Mose ist seit
seiner Flucht aus Ägypten bis an seinen Tod stets ein Hirte gewesen, vierzig
Jahre in Midian ein Hirte von Schafen, dann fast ebenso lang der Hirte des
Volkes Israel, aber er hat es erfahren müssen, dass die unvernünftigen, dummen
Schafe viel verständiger und vernünftiger waren als das vernünftige Volk der
Juden, das sich immer wieder als ein halsstarriges Volk erwies.
Aber so wunderbar handelt Gott. Den
geringen, verachteten Schafhirten (und die Viehhirten wurden von den Ägyptern
besonders verachtet) macht er zu seinem Botschafter an den großen, stolzen
König und zum Führer und Fürsten seines Volkes, ja im Hinblick auf unseren Text
und die Worte Richter 9, 15, wo der Dornbusch zu den hohen Bäumen sprach:
„Ist’s wahr, dass ihr mich zum König salbt über euch?“ macht er Mose, einen
geringen Busch, zum Herrscher über Pharao, den stolzen Baum! Aber das sind
Gottes wunderbare Wege: Was die Menschen verachten, das macht er groß; den
Ohnmächtigen macht er mächtig. Den Saul nahm er von den Eselinnen seines Vaters
hinweg und machte ihn zum König Israels, ebenso den Hirtenknaben David, arme
Fischer und Zöllner zu seinen Boten an die ganze Welt, den Verfolger Saulus zu
seinem auserwählten Rüstzeug, um seinen Namen vor die Heiden und die Könige zu
tragen, und den Augustinermönch Martin Luther zum Reformator seiner Kirche, zum
siegreichen Bestreiter des römischen Papstes, vor dem sich die mächtigsten
irdischen Herrscher beugten. Er ist, wie Luther bemerkt: „Man soll das Wort
Gottes ansehen und nicht auf die Person schauen; denn Gott nimmt jetzt einen
Engel, bald Petrus und Magdalena oder auch irgendeinen Esel, wie mit dem Bileam
geschah, durch welchen er sein Wort redet.“ Wer konnte Mose widerstehen, da er
Gottes Bote und Gott mit ihm war? Der Hirtenstab des Schafhirten Mose war
mächtiger als das Zepter Pharaos.
Das, meine Zuhörer, war die wunderbare
Erscheinung des brennenden Busches, die Mose am Berg Gottes Horeb erblickte.
Der Busch brannte, aber verbrannte nicht; denn der HERR war das Feuer. Der Ort
wurde zum heiligen Land, und Mose wurde zum Befreier
des Volkes Israel berufen, um es durch die Wüste in das verheißene Land zu
führen. Erkennen wir daraus die wunderbaren Wege Gottes, und gehen wir sie
getrost, wenn er uns auf solchen führt; sie gehen durch mancherlei Trübsale zu
einem seligen Ziel. Sprechen wir mit David: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird
nichts mangeln. Und ob ich gleich wanderte im finsteren Tag, fürchte ich kein
Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Amen.
Jesaja 39: Zu der Zeit sandte Merodach–Baladan,
der Sohn Baladans, König zu Babel, Briefe und Geschenke zu Hiskia; denn er
hatte gehört, dass er krank und wieder stark geworden wäre. Des freute sich
Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus, Silber und Gold und Spezerei, köstliche
Salben und alle seine Zeughäuser und allen Schatz, den er hatte. Nichts war,
das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem Haus und in seiner Herrschaft. Da kam
der Prophet Jesaja zum Könige Hiskia und sprach zu ihm: Was sagen diese Männer
und von wo kommen sie zu dir? Hiskia sprach: Sie kommen von fern zu mir,
nämlich von Babel. Er aber sprach: Was haben sie in deinem Haus gesehen? Hiskia
sprach: Alles, was in meinem Haus ist, haben sie gesehen; und ist nichts, das
ich ihnen nicht hätte gezeigt in meinen Schätzen.
Und Jesaja
sprach zu Hiskia: Höre das Wort des HERRN Zebaoth! Siehe, es kommt die Zeit,
dass alles, was in deinem Haus ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf
diesen Tag, wird nach Babel gebracht werden, dass nichts bleiben wird, spricht
der HERR. Dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen werden und du zeugen
wirst, nehmen, und müssen Kämmerer sein im Hof des Königs zu Babel. Und Hiskia
sprach zu Jesaja: Das Wort des HERRN ist gut, das du
sagst. Und sprach: Es sei nur Friede und Treue, während ich lebe!
Geliebte in dem HERRN!
Unter den Sünden ist Gott der HERR
besonders dem Stolz und Hochmut feind. Was ist Stolz oder Hochmut? Es ist das
Vertrauen auf eigene Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Geld und Gut und
dergleichen. Der Hochmut ist eigentlich nichts anderes als Abgötterei; denn der
Hochmütige vertraut nicht auf Gott, sondern auf sich selbst, seine Gaben,
seinen Besitz und begeht somit fort und fort die Sünde gegen das erste Gebot:
„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Darum heißt es: „Verflucht
ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm
und mit seinem Herzen vom HERRN weicht!“ „Verlass dich auf den HERRN von ganzem
Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“ Wiederum Ps. 101, 5: „Ich
mag den nicht, der stolze Gebärden und hohen Mut hat.
Wie greulich der
Stolz und Hochmut der Menschen vor Gott ist, erkennen wir, wenn wir dem
Menschen Gott gegenüberstellen: Gott ist der Schöpfer, der Mensch sein
Geschöpf, vom Staub der Erde durch Gottes Hand gebildet; Gott ist allmächtig.,
der Mensch ein ohnmächtiges Wesen; Gott ist allwissend, der Mensch, selbst wenn
er große Kenntnisse besitzt, doch so unwissend; Gott ist Weise, der sich
niemals täuscht, der Mensch irrt in der Wahl der Mittel, um ein Ziel zu
erreichen, zur Rechten und zur Linken. Gott ist heilig, der Mensch ein Sünder
durch und durch. Und dieser ohnmächtige, unwissende, irrende, sündige Mensch
rühmt sich seiner Kraft, pocht auf sein Wissen und seine Weisheit, pocht vor
Gott auf seine Gerechtigkeit, auf seine irdischen Güter, die ihm Gott gegeben
hat! Der Empfänger brüstet sich mit dem, was er ist und hat, dem Geber
gegenüber, von dem er alles empfangen hat! Ist das nicht ein greuliches, ja ein lächerliches Ding?
Darum hat Gott auch je und je den Hochmut gedemütigt, den Stolzen tief erniedrigt. Der
Hochmut hat den Satan, der einer der vornehmsten Engel war, aus dem Himmel in
die Hölle gestürzt, unsere ersten Eltern, die durch Satans Verführung gleich
wie Gott sein sollten, aus dem Paradies vertrieben, zu elenden Kreaturen
gemacht, ja den Fluch über die ganze Erde gebracht. Als Pharao, auf seine Macht
pochend, trotzig sprach: „Wer ist der HERR, dessen Stimme ich gehorchten
müsste?“ da wurde er durch die Plagen bald inne, wie töricht es sei, dem HERRN
zu widerstehen, und als er dennoch in seinem Hochmut beharrte, wurde er mit all
seiner Macht im Roten Meer begraben. Als Nebukadnezar die große Stadt Babel
überblickte und voll Stolz ausrief: „Das ist das große Babel, das ich erbaut
habe durch meine große Macht zu Ehren meiner Herrlichkeit“, da wurde er, noch
ehe er ausgeredet hatte, unter die unvernünftigen Tiere des Feldes geworfen.
Ja: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und stolzer Mut kommt vor
dem Fall“, heißt es Spr. 16,18.
Dies sollen auch wir wohl bedenken, meine
Zuhörer; denn der Hochmut steckt allen Menschen von Natur in den Gliedern, und
solange die Christen noch den alten Adam an sich haben, müssen sie gegen den
Stolz und Hochmut fort und fort kämpfen, wenn sie nicht von Gott gedemütigt und
erniedrigt werden sollen. „Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen
gibt er Gnade.“ Das lehrt und das verlesene Textwort, aufgrund dessen wir heute
blicken auf:
Den Hochmut des Königs Hiskia
1. Erzeigte ihn
dadurch, dass er sich seiner Schätze rühmt,
2. dass er deswegen von dem Propheten
gestraft wird; aber
3. er demütigt sich darauf bußfertig vor
Gott.
1.
Hiskia war ein frommer, gottesfürchtiger
König, ja einer der edelsten unter den Königen Judas. Er tat, wie wir 2. Kön.
18 lesen, „was dem HERRN wohlgefiel, wie sein Vater David. … Er hing dem HERRN
an und wich nicht hinten von ihm ab und hielt seine Gebote“. In seinem Eifer
für die Ehre des HERRN reinigte er das Land von den heidnischen Götzenaltären
und Götzen, ja selbst die eherne Schlagen, die Mose in der Wüste gemacht und
die man als Reliquie aufbewahrt hatte, ließ er zerstoßen, als sie von dem abergläubigen
Volk verehrt wurde.
Nun war Hiskia todkrank gewesen, und es war
ihm von dem Propheten Jesaja angekündigt worden, dass er sterben werde und
deswegen sein Haus bestellen solle. Als er darauf den HERRN unter Tränen
inbrünstig angerufen hatte, ihn wieder genesen und noch leben zu lassen, hatte
ihm Jesaja auf Befehl des HERRN verkündigt, dass er noch fünfzehn Jahre leben
und schon am dritten Tag in das Haus des HERRN gehen werde. Zum Beweis dafür
war ihm noch ein besonderes Zeichen gegeben worden, indem Gott den
Stundenzeiger an der Uhr des Ahas um zehn Stufen hatte zurückgehen lassen.
Diese Wunderzeichen wurden bald weithin
bekannt. Auch der König zu Babel hörte davon, und das veranlasste ihn, eine
Gesandtschaft mit Geschenken an Hiskia zu senden; denn so lesen wir zu Anfang
unseres Textes: „Zu der Zeit sandte Merodach Bal
Adan, der Sohn Bal Adans, König zu Babel, Briefe und
Geschenke zu Hiskia; denn er hatte gehört, dass er krank und wieder stark
geworden wäre.“ Wie 2. Chron. 32 berichtet wird, sollten sich die Gesandten
auch besonders nach dem Wunder erkundigten, das Hiskia an dem Sonnenzeiger
gegeben worden war. Wahrscheinlich verfolgte aber der König zu Babel mit dieser
Gesandtschaft auch einen anderen Zweck, nämlich die Freundschaft mit Hiskia
noch mehr zu befestigen und ihn als Bundesgenossen gegen die Assyrer zu
gewinnen.
Über diese Gesandtschaft und die ihm
dadurch erwiesene Ehre freute sich Hiskia sehr; denn so lesen wir weiter: „Des
freute sich Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus, Silber und Gold und
Spezerei, köstliche Salben und alle seine Zeughäuser und allen Schatz, den er
hatte. Nichts war, das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem Haus und in seiner
Herrschaft.“ Was veranlasste Hiskia dazu, vor den Gesandten des babylonischen
Königs seinen Reichtum gleichsam zu Schau zu stellen? Wir erkennen das aus der
Antwort auf die Frage des Propheten: „Von wo kommen diese Männer die zur?“ die
so lautete: „Sie kommen von ferne zu mir, nämlich von Babel.“ Er fühlte sich
durch diese Gesandtschaft aus weiter Ferne geschmeichelt und wollte ihr zeigen,
was für einen Reichtum er besitze, und dass daher seine Freundschaft oder gar
ein Bündnis mit dem König zu Babel nicht ohne großen Wert für diesen sei. Kurz,
es waren Eitelkeit und Hochmut, die ihn dazu veranlassten, mit seinen Schätzen
vor den Gesandten zu prunken. Das ganze war für den
frommen König, wie 2. Chr. 32, 31 bemerkt wird, eine Versuchung, der er, da er
nicht über sich wachte, erlag.
Aber wie viele Christen unterliegen einer
ähnlichen Versuchung, werden eitel und hochmütig, wenn ihnen Gott mehr gegeben
hat oder gibt als anderen. Anstatt dadurch umso demütiger zu werden, mit Jakob,
der in der Fremde reich geworden war, zu sprechen: „HERR, ich bin zu gering
aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knecht getan hast“,
werden sie stolz und hochmütig und rühmen sich ihrer Güter und Schätze. In dem
Reichwerden und Reichtum liegt eine große Gefahr, weshalb es heißt: „Fällt euch
Reichtum zu, so hängt das Herz nicht dran!“ und Spr. 30, 8: „Reichtum gib mir
nicht; ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist
der HERR?“ Wie vielen wird die Wohlhabenheit oder der Reichtum zu einem Strick!
Wie viele werden, je wohlhabender, desto geiziger, so dass sie für das Reich
Gottes und für den Nächsten nichts mehr übrighaben. Solange sie in dürftigen
oder geringeren Verhältnissen sind, halten sie sich zum Wort Gottes, aber wenn
sie reich werden, kehren sie der Kirche den Rücken und meinen, ohne Gott und
sein Wort fertig werden zu können. Oft wird auch ihr Verhalten gegen ihre
Mitmenschen ein anderes. Sie treten selbstbewusst auf, lassen es sie fühlen,
dass sie mehr haben, gemachte Leute und unabhängig sind, klingen mit ihrem Gold
und Silber in den Taschen. Sie haben ihren Gott nur in der Tasche und stellen
ihn auch vor den Augen der Mitmenschen zur Schau. Aber nicht bei diesen allein
gibt sich der Hochmut zu erkennen. Wie viele sind stolz auf andere vergängliche
Dinge! Dieser brüstet sich mit seinen Geistesgaben, seinem Verstand, seinem
Wissen, jener stolziert mit einem neuen Kleid oder einem modernen Hut wie ein
gespreizter Pfau einher, wieder ein anderer mit seinem hübschen Gesicht und
dergleichen Dingen mehr; und sie alle wissen nicht, was für Narren sie sind.
Durch das alles geben sie nur ihre Eitelkeit, ihren Hochmut zu erkennen und
bedenken nicht, wie schwer sie sündigen und welche Strafe ihnen bevorsteht.
2.
Es heißt in unserem Text weiter: „Da kam
der Prophet Jesaja zum König Hiskia und sprach zu ihm: ‚Was sagen diese Männer,
und von wo kommen sie zu dir?‘ Hiskia sprach: ‚Sie kommen von fern zu mir,
nämlich von Babel.‘ Er aber sprach: ‚Was haben sie in deinem Haus gesehen?‘
Hiskia sprach: ‚Alles, was in meinem Haus ist, haben sie gesehen; und ist
nichts, das ich ihnen nicht gezeigt in meinen Schätzen.‘ Da sprach Jesaja zu
Hiskia: ‚Höre das Wort des HERRN Zebaoth: Siehe, es kommt die Zeit, dass alles,
was in deinem haus ist und was deine Väter gesammelt
haben bis auf diesen Tag, wird nach Babel gebracht werden, dass nichts bleiben
wird, spricht der HERR. Dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen, nehmen
und müssen Kämmerer sein am Hof des Königs zu Babel.‘“
Hiskia sagte ganz offen heraus, dass er den
Gesandten alle seine Schätze gezeigt hatte, und man merkt es seinen Worten an,
dass er sich der Sünde, die er dadurch begangen hatte, kaum bewusst war.
Wahrscheinlich täuschte er sich über sich selbst und war ihm die Größe seiner
Sünde noch nicht zum Bewusstsein gekommen. Aber das machte seine Sünde nicht
geringer und bewahrte ihn nicht vor der Strafe, die ihm Jesaja auf Befehl
Gottes sogleich verkündigte. Diese Strafe entsprach durchaus der Sünde. Hatte
er in seiner Eitelkeit den babylonischen Gesandten alle seine Schätze gezeigt
und damit vor ihnen geprunkt, so sollen zur Strafe alle die Schätze von den
Babyloniern genommen und weggeführt werden. Hatte er sich die Freundschaft des
heidnischen Königs als eine besondere Ehre angerechnet, so sollen seine
Nachkommen so gedemütigt, erniedrigt werden, dass sie am Hof des Königs zu
Babel Kammerdienste leisten sollen. Die Strafe für seinen Hochmut sollte also
tiefe Erniedrigung sein. Und wahrlich, hatte Hiskia, der König Israels, des
auserwählten Volkes, irgendwelche Ursache, auf die Freundschaft des heidnischen
Königs stolz zu sein? Hatte er irgendwelche Ursache, sich seiner Schätze zu
rühmen, damit zu prahlen? Erst vor vier Jahren hatte er seine Schätze
hergegeben, um den König von Assyrien zum Abzug zu bewegen, war nur durch die
wunderbare Hilfe des HERRN vor der Eroberung Jerusalems und Gefangenschaft
bewahrt worden und vor kurzen von einer tödlichen Krankheit genesen. Hätte ihm
das nicht genug sein sollen, allein auf die Hilfe und den Schutz seines Gottes
zu vertrauen, sich nicht auf die Freundschaft eines heidnischen Königs zu
verlassen? So erniedrigte Hiskia durch sein Handeln nicht nur sich selbst,
sondern beleidigte auch seinen gnädigen Gott, der ihm seine Allmacht so
deutlich kundgetan hatte.
Wie Jesaja Hiskia gedroht hatte, so geschah
es, als Nebukadnezar, der König zu Babel, Jerusalem, als Jojakim zu Jerusalem
war, eroberte; denn dieser nahm nicht nur alle Schätze aus dem Haus des Königs,
sondern auch die kostbaren Geräte des Tempels, die Salomo hatte machen lassen,
brachte er nach Babel. (2. Kön. 24, 13.) Den König Jojakim und eine Anzahl
junger Männer vom königlichen Stamm und aus den vornehmsten Geschlechtern nahm
er mit sich nach Babel in die Gefangenschaft, um an seinem Hof zu dienen, unter
denen Daniel, Misael und Hananja besonders genannt
werden (Dan. 1, 1-7). So gar entsprach diese Strafe
der Sünde des Hiskia. Er fühlte sich durch die Gesandtschaft aus einem fernen
Land besonders geehrt, und in demselben fernen Land mussten junge Männer aus
seinem Stamm als Hofbeamte dienen.
In derselben Weise straft Gott heute noch,
straft die Menschen an dem, woran und womit sie sündigen, und – beachten wir
wohl! – straft die Sünden besonders an denen, die seine Kinder sind. An diesen
kann er die Sünden, besonders die Sünden der Eitelkeit und des Hochmuts, am
wenigsten dulden. Das Strafgericht beginnt zuerst am Haus Gottes. Das sehen wir
an dem frommen Hiskia, das sehen wir an dem gottesfürchtigen Hiob; als dieser
die Wurzel der Selbstgerechtigkeit in seinem Herzen aufwachsen ließ, wurde er
so von Gott heimgesucht, dass er im Sack und in der Asche sitzen musste, bis er
sich vor Gott demütigte. Als David in fleischlichem Stolz das Volk zählen ließ,
wurde er bald inne, dass er sich auf sein Fleisch verlassen hatte. Vertraue
darum, mein Zuhörer, nicht auf deine irdischen Schätze; Gott kann sie dir bald
nehmen, sie wie Spreu im Wind zerstieben lassen. Er kann auch zu dir sagen wie
zu jenem reichen Mann: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir
fordern, und wes wird’s sein, das du bereitet hast?“ Verlass dich nicht auf
deine Kraft, deine Gesundheit; der Kraftvolle kann sich, im Augenblick
gebrochen, wie ein zertretener Wurm im Staub winden, der Gesunde wie eine
geknickter Blume verwelken. Wir Menschen sind zerbrechliche Gefäße, ein Gebilde
von Staub und Asche, die, wenn sie die Höhe ihres Alters erreicht haben,
täglich abnehmen, immer gebrechlicher werden, bis sie verwelken und in den
Staub dahinsinken. Haben wir uns daher der Sünde der Eitelkeit und der Hoffart
schuldig gemacht, so lasst uns dafür von Herzen Buße tun, damit die Strafe
nicht in aller Strenge treffe. Das führt uns zum dritten Teil.
3.
Unser Text schließt mit den Worten: „Und
Hiskia sprach zu Jesaja: ‚Das Wort des HERRN ist gut, das
du sagst.‘ Und sprach: ‚Es sei nur Friede und Treue, solange ich lebe.‘“ Zur
Erkenntnis seiner Sünde gekommen, sucht er nicht, sie zu bemänteln oder zu
entschuldigen, sondern gesteht sie rückhaltlos zu und erkennt auch die ihm
angekündigte Strafe als gerecht an; denn dies sagen die Worte: „Das Wort des
HERRN“, nämlich das mir die Strafe verkündigt, „ist gut.“ Aber er fügt hinzu:
„Wenn nur Friede und Treue ist, während ich lebe“, das heißt, wenn mir Gott
nur, während ich lebe, Frieden beschert und seine Treue nicht entzieht. So
demütigte sich Hiskia in aufrichtiger Buße vor dem HERRN. Er erkannte seine
Sünde, nahm die ihm angekündigte Strafe als eine gerechte hin und bat nur um
Milderung aufgrund der göttlichen Barmherzigkeit.
Möchte
ein jeder von uns hierin, meine Zuhörer, Hiskia gleich sein, wie er im Sündigen
ihm gleich ist. Eitelkeit und Hochmut waren die Sünde Hiskias; Eitelkeit und
Hochmut sind die Sünden eines jeden Christen, solange er auf Erden wandelt. Wer
sich einbildet, von dieser Sünde ganz frei z sein, der kennt sich nicht, und
wenn er auf nichts anderes stolz ist, so ist er stolz auf seine vermeintliche
Demut; und das ist der schlimmste Hochmut, den es gibt. Dann geht der Pharisäer
im Zöllnergewand einher. Wer lässt sich, wenn er
gesündigt hat, gern strafen? Bei wem erhebt sich da nicht, wenigstens im
Herzen, Widerspruch? Wer sucht sich nicht in der einen oder anderen Weise zu
entschuldigen? Wie viele murren nicht, wenn Gott sie um ihre Sünde willen
straft! Was ist das aber anderes als eine Ausgeburt, ein Zeichen des Hochmuts?
Werfen wir einen Blick auf unser Leben, werden wir nicht alle bekennen müssen,
dass wir uns vor Gott der Sünde des Hochmuts schuldig gemacht und seine Strafe
wohl verdient haben? So lasst uns denn wie Hiskia diese Sünde bußfertig
erkennen, damit wir in wahrer, herzlicher Demut wandeln. Denn nur in dem
Demütigen hat Gott sein Werk. „Er widersteht den Hoffärtigen, aber den
Demütigen gibt er Gnade.“ Sie allein begehren Gnade um Christi, ihres Heilandes,
willen, ihnen allein wird sie zuteil, sie allein werden aber auch von Gott
erhöht, denn: „Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Lasst uns
alles, was wir sind, unsere Güter und Gaben, die wir haben und die er uns
darreicht, nicht uns selbst und unserer Würdigkeit, sondern allein der Gnade
Gottes zuschreiben, die er uns um Christi, unseres Heilandes, willen schenkt,
und Christus in der Demut nachjagen. Das verleihe er uns um Jesu willen! Amen.
(entnommen aus: Carl Ferdinand Wilhelm Walther: Lutherische
Brosamen. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House. 1897. S. 195 ff.)
Gnade
sei mit euch, und Friede von Gott, unserem Vater, und dem HERRN Jesus Christus.
Amen.
In
demselben, unserem teuren Heiland, herzlich geliebte Zuhörer!
„Meidet
allen bösen Schein“, spricht St. Paulus im fünften Kapitel seines ersten
Brieses an die Thessalonicher. Diese Worte legen einem jeden Christen eine
große wichtige Pflicht auf. Nach denselben soll er nicht nur das Böse meiden,
sondern auch den Schein des Bösen. Es ist sonach nicht genug, dass ein
Christ bei seinen Handlungen sich selbst nichts Böses bewusst sei; er
ist schuldig, auch darauf zu sehen, dass durch seine Handlungen auch andere
nicht veranlasst werden, etwas Böses von ihm zu denken. Es ist nicht genug,
dass ein Christ vor Gottes Augen recht wandele und sagen könne: Gott,
der in das Herz sieht, weiß, dass ich es nicht böse meine; ein Christ soll auch
vor den Augen der Menschen untadelhaft wandeln: Auch derjenige sündigt
daher wider Gott, welcher etwas tut, was Gott zwar nicht ausdrücklich verboten
hat, wodurch er aber seinem Nächsten zum Anstoß und Ärgernis wird. Nach
diesem Gesetz der Liebe handelte selbst Christus, der doch über allen Verdacht
der Menschen unendlich erhaben war. Einstmals bewies er zwar erst, dass er und
seine Jünger nicht schuldig seien den Zinsgroschen zu geben, aber -- setzt er
gegen Petrus hinzu: „Auf dass wir sie nicht ärgern, -- so nimm denselben, und
gib ihn für mich und dich.“ So folgte denn hierin auch ein Paulus seinem HERRN
und Meister, und spricht zu denen, die die heidnischen Opfermahlzeiten besucht
hatten: „Ich habe es zwar alles Macht, aber es frommet nicht alles. Seid nicht
ärgerlich weder den Juden noch den Griechen, noch der Gemeine Gottes. Darum, so
die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass
ich meinen Bruder nicht ärgerte. So aber dein Bruder über deiner Speise
betrübet wird, so wandelst du schon nicht nach der Liebe.“
O
wie viele mag es hiernach geben, die nicht nach der Liebe wandeln! Wie viele fragen nur nach ihrer Freiheit, aber nicht darnach, ob sie
nicht vielleicht durch den Gebrauch derselben ihrem Nächsten zum Anstoß und
Ärgernis werden! Lasst uns daher alle des Apostels Ermahnung wohl merken:
„Meidet allen bösen Schein.“
So
teuer aber, meine Lieben, diese Pflicht ist, so ist jedoch hingegen auch das
eine wichtige Christenpflicht, den bösen Schein, den ein anderer gibt, nicht
sogleich bös auszulegen, sondern ihn zu entschuldigen, Gutes von ihm zu reden
und alles zum Besten zu kehren, und nicht eher den Stab zu brechen, als bis man
alles wohl erkundet hat und dazu gezwungen und gedrungen ist. Es geschieht
nämlich nicht selten, dass auch auf den besten Christen ein böser Schein fällt,
entweder ohne alle seine Schuld, oder weil auch ein guter Christ zu Zeiten aus
Schwachheit unvorsichtig wandelt. Darum ruft uns Christus in jenem Evangelium
zu: "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht,
so werdet ihr auch nicht gerichtet. Was siehst du aber einen Splitter in
deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht
gewahr?" Dieses Wort wiederholt daher auch St. Paulus und spricht:
"Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt
seinem Herrn. So wird nun ein jeglicher
für sich selbst Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern
richten."
O
wie viele Kränkungen, wie viele Seufzer, wie viele Unruhe, wie vielen Zank und
Streit würde man sich ersparen, wie viele Sünden der Lieblosigkeit, des
Afterredens und der Verleumdung würden in einer
Gemeinde weniger und wie viel erbaulicher, lieblicher und lockender
würde die christliche Gemeinschaft überhaupt sein, wenn jeder immer an jene
Worte Christi und Pauli und an den Ausspruch des Propheten Sacharja dächte:
„Denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen!“ Sagt selbst:
tut es uns nicht auch wohl, wenn wir einen bösen Schein gegeben haben, und wir
hören, dass andere es auf das mildeste auslegen und uns gegen Splitterrichter
entschuldigen und verteidigen? Gewiss! Wohlan, was wir wollen, dass uns die
Leute tun sollen, das lasst uns ihnen auch tun. Doch, meine Lieben, wie es
Christen gibt, die einen bösen Schein geben und doch wahre Christen sind, so
gibt es hingegen noch mehr Christen, die zwar einen guten Schein haben, und
doch Nichtchristen sind; und das sind die Scheinchristen, von welchen St.
Paulus schreibt: „Die da haben den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine
Kraft verleugnen sie.“ Von solchen Scheinchristen ist in unserem heutigen
Evangelium, die Rede; lasst mich jetzt zu unser aller Prüfung und Warnung das
Bild derselben aus Gottes Wort entwerfen.
Matthäus 22, 1-14: Und Jesus antwortete und redete
abermals durch Gleichnisse zu ihnen und sprach: Das Himmelreich ist gleich
einem König, der seinem Sohn Hochzeit machte. Und sandte seine Knechte aus,
dass sie die Gäste zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht kommen. Abermals
sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit
habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles
bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen hin, einer auf
seinen Acker, der andere zu seiner Hantierung. Etliche aber griffen seine
Knechte, höhnten und töteten sie. Da das der König hörte, wurde er zornig und
schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.
Da sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste
waren es nicht wert. Darum geht hin auf die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen
ihr findet. Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und brachten zusammen,
wen sie fanden, Böse und Gute. Und die Tische wurden alle voll. Da ging der
König hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen Menschen, der hatte
kein hochzeitlich Kleid an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereinkommen
und hast doch kein hochzeitlich Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der
König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die
äußerste Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappen;
denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
In
dem verlesenen Text vergleicht Christus sein Gnadenreich auf Erden mit einem
Hochzeitsmahle und das Evangelium von seiner Gnade mit der Einladung dazu. Das
Ganze zerfällt in zwei Theile. In dem ersten Theile zeigt Christus mit seinem
Gleichnis, wie die meisten Juden das Evangelium, das ihnen schon durch die
Propheten verkündigt worden sei, verachtet haben und wie sie, nachdem er, der
Sohn Gottes selbst, gekommen sei, ihn endlich gar töten werden. Im zweiten
Theile zeigt nun Christus, wie Gott, nach Bestrafung der Juden, die Heiden in
sein Gnadenreich berufen lassen werde und wie zwar eine große Menge Heiden der
Einladung des Evangeliums folgen und sich äußerlich zum Christentum bekehren,
aber unter den Guten auch viele Böse sich einfinden würden. Die Bösen
vergleicht er nämlich mit einem Gast, der zwar bei der Hochzeit erscheine, aber
ohne ein hochzeitliches Kleid. Hiermit stellt Christus niemand anderen dar, als
die Scheinchristen. Lasst mich daher heute bei dem uns zunächst angehenden
zweiten Theile des Evangeliums stehen bleiben und euch jetzt vorstellen:
Den Scheinchristen
1.
will ich euch zu eurer Prüfung das Bild eines Scheinchristen in diesem Leben
entwerfen, und
2.
euch zu eurer Warnung auch sein Schicksal in jener Welt vor Augen stellen.
Gott,
wir wissen, dass Du das Herz prüfst, und Aufrichtigkeit ist Dir angenehm, darum
bitten wir Dich, behüte uns, dass unser keiner mit bloßem Scheine des Glaubens
und Christentums sich betrüge. Gib uns selbst zu erkennen, wie wir sind und wie
wir mit Dir stehen, damit Du uns nicht einst, wenn wir vor Deinem Angesichte
erscheinen, als unnütze Knechte von Dir weisen müssest, sondern dass wir Dir
hier von ganzem Herzen dienen und einst von Dir als die Deinigen erkannt und
selig werden. Erhöre uns, Du treuer Gott, um Jesu Christi, Deines lieben
Sohnes, willen. Amen.
I.
Soll
ich euch, meine Lieben, das Bild eines Scheinchristen entwerfen, so muss ich
euch zweierlei zeigen, erstlich den christlichen Schein, den ein solcher Mensch
hat, und zweitens, was ihm, um ein Christ zu sein, fehle, also mit einem Worte
erstens sein Äußeres und zweitens sein Inneres.
Was
nun das Erste betrifft, so beschreibt Christus den Scheinchristen in dem in
unserm Evangelium enthaltenen Gleichnisse als einen solchen, welcher die
Einladung zur Hochzeit angenommen und ihr Folge geleistet hat, der in den
Hochzeitssaal eingegangen ist, sich unter die festlich geschmückten Gäste
gemischt und sich mit an die Tafel gesetzt hat, der nun mitisst und -trinkt,
und sich gänzlich wie die anderen Hochzeitsgäste gebärdet. Hiermit gibt uns
Christus selbst in wenig Worten das vollständige Bild eines Scheinchristen nach
seiner äußeren Gestalt.
Hieraus
sehen wir: ein Scheinchrist ist also nicht derjenige, der in offenbarem
Unglauben oder in offenbaren Sünden lebt. Nein, wer nicht einmal an das Wort
Christi und seiner heiligen Propheten und Apostel und überhaupt nicht an das
heilige Bibelbuch glaubt, dasselbe nicht für Gottes Wort und Christum nicht für
Gottes Sohn hält; daher die Gnadenmittel verachtet, nicht zur Kirche und zur
Feier des heiligen Abendmahls kommt, sich des Betens schämet, Christum vor der
Welt verleugnet, sich von den Christen absondert und sich zu den Spöttern hält;
oder wer in Fluchen und Schwören, oder in ungebändigtem Zorn, in
Unversöhnlichkeit, Feindschaft und Rachsucht, oder in unzüchtigen Worten und
Gebärden und in Trunkenheit und Völlerei, oder in Betrug, Wucher und offenbarem
Geiz, oder in Lügen und Verleumdung anderer und in Prahlerei und Selbstlob, und
dergleichen, lebt und alle Lust und Eitelkeit der Welt offenbar mitmacht: ein
solcher gehört nicht zu den Scheinchristen, sondern zu den Nichtchristen, nicht
zu den Heuchlern, sondern zu den Gottlosen, nicht zu den falschen Brüdern,
sondern zu den offenbar Abgefallenen, nicht zu dem leicht täuschenden Unkraut
unter dem Weizen auf dem Acker Gottes, sondern zu den Dornen und Disteln.
Der
Scheinchrist hat vielmehr, wie uns Christus im Evangelium, sagt, die Einladung
zur himmlischen Hochzeit auch angenommen und ihr Folge geleistet; er ist also
auch ein getaufter Christ und rühmt sich seiner Taufe, er hört auf das Wort
Gottes, und bekennet, dass er daran glaube, und dass er Christum für den Sohn
Gottes halte, der gekommen sei, ein Himmelreich auf Erden zu stiften. Der
Scheinchrist ist, wie Christus ferner sagt, auch in den Hochzeitssaal
eingegangen; das heißt, er hat sich auch zu der rechten Kirche gewendet, hält
es mit ihr, bekennt sich zu ihr, nimmt die reine Lehre an, hat vielleicht eine
sehr gute Erkenntnis von derselben und verteidigt sie wohl auch mit großem
Ernst und Eifer. Der Scheinchrist hat sich ferner, wie Christus sagt, unter die
festlich geschmückten Gäste gemischt; das heißt, er hält sich nicht mehr zur
Welt, sondern hält Freundschaft und Gemeinschaft mit wahren gläubigen Christen,
unterredet sich mit ihnen gern über geistliche Gegenstände, besucht sie und
ladet sie zu sich ein. Der Scheinchrist hat sich ferner, wie Christus sagt, mit
an die Tafel gesetzt und isst und trinkt mit; das heißt, er gebraucht die
Gnadenmittel, wie die wahren Christen, genießt fleißig das Brod des Lebens,
hört nämlich fleißig Gottes Wort, und erscheint oft am Tische des HERRN, treibt
auch wohl Gottes Wort mit den Seinigen und liest eifrig in der Schrift und
anderen gottseligen Büchern. Der Scheinchrist gebärdet sich endlich, wie
Christus sagt, wie die andern Hochzeitsgäste; das heißt, er lebt äußerlich, wie
fromme Christen zu leben pflegen; man kann ihm keine offenbaren Sünden
vorwerfen; er lebt ehrbar; seine Reden sind christlich und verraten keine
Hoffart; seine Gebärden sind anständig und zeigen Bescheidenheit; seine Werke
sind löblich; er eifert gegen das Unrecht; er ist freigebig, dienstfertig und
nimmt sich des allgemeinen Besten, wie es Christen geziemt, an; er gibt jedem
das Seine und ist kein loser Schuldner; er ist mäßig; er ist fleißig in seiner
Arbeit; er zeigt sich versöhnlich gegen
seine Beleidiger und lässt sich, wo er eines Fehlers überwiesen wird, strafen.
Worin besteht also die äußerliche Gestalt eines Scheinchristen? Es ist mit
kurzen Worten die Gestalt eines rechtschaffenen frommen Christen.
Aber
wie? sollte es möglich sein, so christlich zu leben, und doch nur ein
Scheinchrist zu sein? – Ist‘s nicht schrecklich, dass ein Mensch trotz eines
solchen rühmlichen Wandels verloren gehen soll? Denn werden selbst viele, die
so christlich leben, nicht selig, welche Hoffnung können sich dann die machen,
die es noch nicht einmal so weit gebracht haben? Wer kann dann noch selig
werden? -- So schrecklich diese Wahrheit ist, so ist sie doch eben Wahrheit,
denn Christus setzt deutlich hinzu: „Viele sind berufen, aber wenige sind
auserwählt.“
Was
ist es nun, was allen Scheinchristen fehlt, dass sie bei allem ihrem
christlichen, ehrbaren Leben, ihren guten Werken, ihren gottseligen Übungen und
ihrem tätigen Eifer doch keine wahren Christen sind? - Christus sagt, es fehle
ihnen das „hochzeitliche Kleid“. Was mag Christus hiermit meinen? Um
Christi Meinung gewiss zu treffen, müssen wir die Heilige Schrift selbst zu
Rate ziehen und dürfen nicht nach unseren eigenen Gedanken gehen. Die Heilige
Schrift redet aber auch an anderen Stellen nicht selten von gewissen Kleidern,
deren ein Mensch bedarf, wenn er selig werden soll. Unter anderen lässt
Christus dem Bischof zu Laodicäa sagen: „Ich rate
dir, dass du Gold von mir kaufst, das mit Feuer durchläutert ist, dass du reich
werdest; und weiße Kleider, dass du dich antust, und nicht offenbarwerde die
Schande deiner Blöße.“ Dahin geht, was von der Kirche Christi geschrieben steht
im 19. Kapitel der Offenbarung an St. Johannes, woselbst es heißt: „Und es
wurde ihr gegeben, sich anzutun mit reiner schöner Seide“; zur Erklärung aber
wird hinzugesetzt: „Die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.“ Daher
spricht auch Jesaja: „Der HERR hat mich angezogen mit Kleidern des Heils, und
mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet.“ Am allerdeutlichsten aber wird die
Meinung Christi durch den Ausspruch des St. Paulus im Briefe an die Galater:
„Wie viel euer getauft sind, die haben Christum angezogen“, oder, wie er an die
Römer schreibt: „Zieht an den HERRN Jesus Christus."
Hieraus
ist klar: Wenn Christus den Scheinchristen als einen Hochzeitsgast ohne ein
hochzeitliches Kleid darstellt, so will er sagen: Ein Scheinchrist ist ein
Mensch, der bei allem seinem herrlichen äußerlichen christlichen Schein doch
den wahren Glauben, durch welchen die wahren Christen Christum und seine
Gerechtigkeit wie ein Kleid anziehen, noch nicht in seinem Herzen trägt. Der
Scheinchrist glänzt wohl äußerlich vor Menschen durch sein scheinbar
christliches Leben, aber vor Gottes allsehenden Augen hat sein Leben eine
Gestalt, die ihm nicht gefallen kann, „denn“, sagt die Schrift, „ohne Glauben
ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Der Scheinchrist ist wohl reich an
sogenannten guten Werken, aber weil dieselben nicht aus der guten Quelle eines
durch den wahren Glauben gereinigten Herzens fließen, so sind sie vor Gott
nichts Besseres, als Sünden, „denn“, sagt die Schrift, „was nicht aus dem
Glauben geht, ist Sünde“. Der Scheinchrist redet wohl schön von Christus, aber
Christus ist nur auf seiner Zunge, nicht im Herzen. Der Scheinchrist trägt wohl
den Namen eines Christen, aber er ist nicht, was der Name sagt, denn ein Christ
heißt auf Deutsch ein Gesalbter, nämlich mit dem Heiligen Geist, und dieser
wohnt nicht in seiner Seele. Der Scheinchrist ist wohl durch sein
rechtgläubiges Mundbekenntnis eine Rebe am Weinstock Christo, aber eine dürre
Rebe. Der Scheinchrist bringt auch wohl schön aussehende Früchte eines ehrbaren
Wandels, aber die Früchte sind innerlich faul, denn er selbst ist noch ein
wilder fauler Baum, der noch nicht auf den Baum des Lebens, aus Christus
gepflanzt ist. Der Scheinchrist hat wohl auch eine Decke über seinen Sünden,
aber es sind das die Feigenblätter seiner Einbildung, aber nicht das Kleid,
welches gesponnen ist von der Wolle des Lammes Gottes, das der Welt Sünden
trägt. Der Scheinchrist ist ein Grab, das äußerlich lieblich aussieht, aber im
Innern ist noch der Moder des geistlichen Todes; er ist dem Bilde eines
Christen gleich, das zwar große Ähnlichkeit, aber kein Wesen noch Leben hat.
Der Scheinchrist ist daher wohl in der Kirche, aber nicht von der
Kirche, das heißt, er gehört nicht zur Kirche, er ist kein lebendiger Stein
dieses geistlichen Baues, kein lebendiges Glied dieses geistlichen Leibes.
Ein
solcher Scheinchrist war Judas. Er tat alles, was die anderen Jünger taten,
aber in seinem Herzen war kein Glaube; darin herrschte der Geiz. Ein solcher
Scheinchrist war auch Simon, der vormalige Zauberer; er bekannte den Glauben an
Christum wohl mit dem Mund, und ließ sich taufen; aber in seinem Herzen
herrschte der Stolz und die Hoffart. Ein solcher Scheinchrist war endlich auch
der Bischof von Sardes; er zeigte sich lebendig in vielen christlichen Werken;
aber er hatte, wie Christus sagt, mit vielen Gliedern seiner Gemeinde „seine
Kleider besudelt“, d. h. er hatte durch Sünden wider das Gewissen den
lebendigen Glauben aus dem Herzen verloren und somit das weiße Kleid der
Gerechtigkeit und Unschuld Christi eingebüßt; daher lässt ihm Christus sagen:
„Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.“
Wie
viele auch unter uns Scheinchristen sind, die zwar die äußerliche Gestalt der
Christen haben, aber ohne den lebendigen Glauben, ohne den Geist, ohne das
innere Leben der Christen sind, das ist Gott allein bekannt; denn die offenbar
Gottlosen können wir Menschen wohl von den Frommen (Seite 202)
unterscheiden, aber nicht die Scheinchristen von den wahren Christen. Sie sind
das Unkraut auf dem Acker der Kirche, das wir nicht ausjäten, sondern wachsen
lassen sollen bis auf den Tag der Ernte. Sie sind die Hochzeitsgäste, welche
mit den Christen hier zu Tische sitzen, bis endlich der König, der die Hochzeit
bereitet hat, selbst kommen wird. Was dann geschehen wird, das lasst mich euch
nun zweitens zeigen, lasst mich euch nämlich nun zu eurer Warnung auch das
Schicksal des Scheinchristen in jener Welt vor Augen stellen.
II.
Wir
folgen hierbei den Worten Christi in unserem Evangelium. Darin heißt es aber
weiter also: „Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen.“ Hiernach
gibt es also einen Tag, an welchem Gott, der das Hochzeitsfest seiner Gnade auf
Erden gestiftet hat, eine Besichtigung aller Gäste vornehmen wird. Es wird also
nicht immer so bleiben, wie es jetzt ist. Jetzt hält Gott noch keine Musterung,
er lässt es geschehen, dass in seiner Kirche Tausende sich unter die Christen
mischen, die für Christen gehalten werden, und die es doch nicht sind; Gott
offenbaret den Scheinchristen noch nicht; er lässt ihm dieselbe Ehre wie dem
wahren, er lässt ihm dieselbe Taufe erteilen, dasselbe Wort der Gnade predigen,
dieselbe Absolution sprechen und denselben Leib und dasselbe Blut seines Sohnes
im heiligen Abendmahl reichen. Er macht keinen Unterschied, sondern lässt Christen
und Scheinchristen dahingehen, wie Weizen und Unkraut mit einander auf Einem
Felde wachsen, von Einer Sonne beschienen, von Einem Regen und Tau gefeuchtet
und von Einem Zaun geschützt. Es scheint daher, als wisse es Gott selbst nicht,
oder als acht er es doch nicht, dass manche darunter sind, die wohl andere
Werke haben, als die offenbar Ungläubigen, aber kein anderes Herz; es scheint
daher, als würden einst alle, die sich christlich verhalten und hier zusammen
leben, auch einst dort zusammen zu Tische sitzen an der Hochzeitstafel des
ewigen Lebens. Aber so scheints nur. Es kommt ein Tag, da wird der König des
Himmels alle, die sich bei ihm als „Gäste“ eingefunden haben, „besehen“.
Wie? sollte ihm, der Augen hat, wie Feuerflammen, dann etwas entgehen?
Lasst
uns weiter hören. Christus spricht nämlich ferner: „Und sah allda einen
Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an.“ Hier hören wir es. Dem
Auge Gottes wird dann nichts entgehen. Was kein Mensch auf Erden sehen konnte,
das wird Gott augenblicklich entdecken. Das christliche Leben, was ein
Scheinchrist geführt hat, wird dann wie ein
schmutziges, zerrissenes Kleid erscheinen, das seine nackte sündhafte
Seele nicht bedecken kann. Was dann auch die Scheinchristen vornehmen mögen, in
der ganzen jenseitigen Welt wird es keinen Winkel geben, in welchem sie sich
vor Gottes Auge verstecken, keinen Berg und keinen Hügel, mit welchem sie sich
bedecken könnten. Vor Gott und allen Engeln und Auserwählten werden sie dann
dastehen in der ganzen Schande ihrer Blöße.
Was
wird nun der Himmelskönig tun? Christus antwortet uns hierauf: „Und (er)
sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen, und hast doch kein
hochzeitlich Kleid an?“ Ihr sehet, Gott wird einst die Scheinchristen
auffordern, sich zu verantworten, warum sie trotz so vieler Predigten, die sie
gehört, trotz so vieler Ermahnungen, Warnungen und Bestrafungen, die sie
erhalten, trotz so vieler Züge und Erweckungen des Heiligen Geistes, die sie
erfahren, und trotz der christlichen Gemeinschaft, in welcher sie gelebt haben,
sich doch nie rechtschaffen und von Herzen bekehrt haben, doch zu keinem
lebendigen Glauben und doch zu keinem neuen Herzen gekommen sind. Was werden
aber dann die Scheinchristen antworten? -- Christus sagt es uns -- er spricht:
-- „Er aber verstummte.“ -- Sie werden also keine Entschuldigung wissen.
Ihr eignes Herz wird sie überzeugen, ihr eignes Gewissen sie verdammen, und sie
werden fürchten, dass alle ihre rechtschaffenen Mitchristen, die dieselben
Mittel, ja vielleicht weniger als sie, gehabt haben, wenn sie sich
entschuldigen wollten, als Zeugen gegen sie auftreten würden. Sie werden daher
bald vor Scham erröten, bald vor Schrecken erbleichen -- zittern -- beben und –
„verstummen“.
Wird
es aber Gott etwa mit dieser verdienten Beschämung sein Bewenden haben lassen?
Ach nein! Christus fährt vielmehr also fort: „Da sprach der König zu seinen
Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werfet ihn in die äußerste Finsternis
hinaus, da wird sein Heulen und Zähnklappen; denn
viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ O furchtbares Urteil!
dann werden dem Scheinchristen Hände und Füße gebunden; die Gnadenzeit, wo er
noch Gutes tden Weg zum Himmel noch gehen kann, wird
ihm also abgeschnitten. Er muss hinaus aus dem Himmel, wo Gott und das Lamm als
die Sonne leuchtet; er muss hinaus in die ewige „Finsternis“, wo kein Licht
des Trostes ihm wieder aufgeht, wo kein Lob Gottes mehr von seinen
heuchlerischen Lippen gehört wird, sondern „Heulen und Zähnklappen“,
das heißt, unerträgliche glühende Hitze und zugleich unerträgliche schaurige
Kälte wird ihn peinigen. Kein wahrer Christ, der ihn hier seinen Bruder nannte,
wird dann um ihn sein; seine Gemeinschaft sind die Verdammten und die Geister
der Hölle; -- und das alles ohne Ende; kein Stern der Hoffnung einer einstigen
Erlösung erleuchtet der Scheinchristen dunkle Nacht; sie wissen es, sie müssen
ihre Qual tragen -- nicht hundert, nicht tausend Jahre -- nein! -- von Ewigkeit
zu Ewigkeit. -
Was
soll ich nun, nachdem ich mit euch jetzt vor Gottes Thron gestanden bin, seinem
strengen Urteilsspruch mit euch zugehört und der Vollstreckung desselben mit
euch zugeschaut habe, was soll ich nun zum Schlusse sagen? -- Ich rufe euch
allen zu: Ach, meine lieben teuren Brüder und Schwestern, lasset uns hierbei um
Gottes willen nicht an unseren Nachbar, nicht an den und jenen denken, den
unser arges Herz vielleicht für einen Scheinchristen hält, sondern lasset uns
alle an uns selbst denken. Lasset uns bedenken: mit Gott und unserer Seligkeit
ist nicht zu scherzen! Lasset uns diese Warnung seines Wortes nicht in den Wind
schlagen. Lasset uns selbst uns prüfen, ehe der HERR kommt, uns zu
besehen. Lasset uns nicht zufrieden sein mit einem bloßen Scheinchristentum,
sondern uns dem HERRN darstellen, wie wir sind; lasset uns hier täglich als
arme Sünder ihm zu den Füßen fallen, mit Ernst nach der Seligkeit trachten, von
Herzen an Christum glauben, von Herzen Christo folgen, von Herzen ihm dienen;
so wird er uns auch einst für die Seinigen erkennen, ja, wenn wir einst in die
Ewigkeit eingehen, so wird man fragen: „Wer sind diese mit weißen Kleidern
angetan? Und woher sind sie gekommen?“ Und der HERR selbst wird antworten:
"Diese sind es, die gekommen sind aus großer Trübsal, und haben ihre
Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht in dem Blut des
Lammes.“ Amen. Amen.
Sacharja 3, 1-7: Und mir wurde gezeigt der
Hohepriester Josua, stehend vor dem Engel des HEERRN; und der Satan stand zu
seiner Rechten, dass er ihm widerstünde. Und der HERR sprach zu dem Satan: Der
HERR schelte dich, du Satan; ja, der HERR schelte dich, der Jerusalem erwählt
hat! Ist dieser nicht ein Brand, der aus dem Feuer errettet ist? Und Josua
hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel, welcher antwortete und sprach
zu denen, die vor ihm stunden: Tut die unreinen Kleider von ihm! Und er sprach
zu ihm: Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit
Feierkleidern angezogen. Und er sprach: Setzt einen reinen Hut auf sein Haupt!
Und sie setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an, und
der Engel des HERRN stand da. Und der Engel des HERRN bezeugte Josua und
sprach: So spricht der HERR Zebaoth: Wirst du in meinen Wegen wandeln und
meiner Hut warten, so sollst du regieren mein Haus und meine Höfe bewahren; und
ich will dir geben von diesen, die hier stehen, dass sie dich geleiten sollen.
Geliebte in dem HERRN Christus!
In der ganzen Heiligen Schrift wird uns die
Rechtfertigung oder Vergebung der Sünden unter dem Bild einer Gerichtshandlung
dargestellt, so schon in den Worten 1. Mose 15, 6: „Aram glaubte dem HERRN, und
das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ Der HERR hatte Abraham in seiner
schweren Anfechtung die Verheißung gegeben, dass seine Nachkommenschaft so
zahlreich sein werden wie die Sterne am Himmel. Das war für ihn, der schon im
hohen Alter stand und noch keinen leiblichen Sohn hatte, eine unbegreifliche Verheißung.
Dennoch glaubte sie Abraham, und das rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit,
erklärte ihn deswegen für einen Gerechten.
In demselben Sinn spricht David im 143.
Psalm: „Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein
Lebendiger gerecht. Denn der Feind verfolgt meine Seele.“ David erblickt sich
nach diesen Worten als einen Ungerechten, einen Sünder, den Feind, den Satan,
als seinen Ankläger, Gott als seinen Richter, der das Urteil über ihn zu
sprechen hat, und fleht daher zu ihm, dass er nicht mit ihm ins Gericht gehen,
nämlich kein verdammendes Urteil über ihn fällen möge.
Noch vollständiger aber erscheint die
Rechtfertigung als eine gerichtliche Handlung in den bekannten Worten Röm. 8:
„Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht
macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr,
der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ Da
haben wir alle Personen, die in einer Gerichtsverhandlung erscheinen: die
Auserwählten als die Angeklagten, den, der sie beschuldigt oder verklagt, nach
Offb. 12, 10 Satan, „der sie verklagt Tag und Nacht vor Gott“; ferner den
Anwalt, Christus, der die Angeklagten vor dem Richterstuhl Gottes verteidigt,
und endlich Gott als den Richter, der die Angeklagten aufgrund des Todes und
der Auferstehung Christi und seiner Vertretung für gerecht erklärt, ein
freisprechendes Urteil über sie fällt.
Dasselbe, und zwar ein nach allen Seiten
vollständiges Bild der Rechtfertigung als einer gerichtlichen Handlung, haben
wir in den verlesenen alttestamentlichen Textworten, in welchen der
Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN als der Angeklagte erscheint.
Der Gegenstand unserer Betrachtung sei daher:
Der Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN
Dieser wird
1. von dem Satan verklagt,
2. vom dem HERRN gerechtfertigt,
3. in seinem Amt bestätigt.
1.
„Mir wurde gezeigt der Hohepriester Josua,
stehend vor dem Engel des HERRN. Und der Satan stand zu seiner Rechten, dass er
ihm widerstände.“ So lesen wir zu Anfang unseres Textes. Der Prophet Sacharja
erblickt also den Hohenpriester Josua, den ersten Hohenpriester des Volkes, als
dieses aus der Gefangenschaft in Babel nach Jerusalem zurückgekehrt war, vor
dem Engel des HERRN als Angeklagten. Der Engel des HERRN ist kein anderer als
der Engel des Bundes, Christus, und vor diesem war der Satan als Ankläger
Josuas erschienen, denn das sagen die Worte: „dass er ihm widerstände“. Er
verklagte Josua vor dem HERRN, aber nicht ihn allein für seine Person, sondern
mit ihm das ganze Volk, dessen Vertreter er in seiner Eigenschaft als Hoherpriester war. Als Angeklagter stand Josua zur Linken,
Satan als Ankläger zu seiner Rechten, wie es zu jener Zeit in
Gerichtsverhandlungen zu geschehen pflegte.
Weswegen verklagte Satan den Hohenpriester?
Das sagen und die Worte V. 3: „Und Josua hatte unreine Kleider an und stand vor
dem Engel“, das heißt, er stand dort in seinen Sünden und Missetaten des
Menschen, weshalb es Jes. 64, 4 heißt: „Wir sind allesamt wie die Unreinen, und
alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid.“ Wenn aber Josua in
unreinen Kleidern dastand, so ist damit nicht etwa gesagt, dass er ein
besonders großer Sünder war, sich schwerer Sünden schuldig gemacht hatte. Aber
er hatte sich mit den Gefangenen lange Zeit in einem heidnischen Land, in
Babel, befunden, er selbst und viele andere waren darin aufgewachsen, und da
hatte es denn an dieser oder jener Beteiligung, an allerlei Verschuldigungen
in gottesdienstlicher Hinsicht nicht gefehlt. Dessen gab sich Josua, den die
Propheten Haggai und Sacharja sonst hoch in Ehren hielten, ohne Zweifel auch
schuldig; und deswegen verklagt ihn nun der Satan vor dem HERRN, dass er als
ein Unreiner, mit Sünden Befleckter, nicht würdig sei, das Hohepriesteramt zu
verwalten oder als ein Unreiner der Hohepriester und Vertreter des unreinen
Volkes zu sein, im Heiligtum des HERRN vor Gott zu erscheinen.
Aber wie Josua dort, so stehen auch wir,
meine Zuhörer, vor dem Richterstuhl des HERRN, und wie dort Satan Josua
widerstand, als sein Ankläger auftrat, so ist er auch der Ankläger eines jeden
von uns, wie uns das schon vorhin aus der Offenbarung angeführte Wort, dass der
Satan die Heiligen Tag und Nacht vor Gott anklagt, deutlich lehrt. Verklagte er
nicht selbst den frommen und gottesfürchtigen Hiob vor Gott, indem er dessen
Aufrichtigkeit anzweifelte, seine Frömmigkeit auf Eigennutz zurückzuführen suchte?
Das zeigt uns, welch ein boshafter Geist der Satan ist. Zuerst versucht er die
Kinder Gottes, um sie zu allerlei Sünden zu verleiten, wie er unsere ersten
Eltern im Paradies versuchte und sie von Gott abfällig machte, ferner Christus
selbst, um ihn zum Misstrauen, zur Verleugnung seines himmlischen Vaters und zu
fluchwürdiger Abgötterei zu verleiten. Ist ihm das
boshafte Werk gelungen, hat er die Gläubigen zu dieser oder jener Sünde
verführt, dann ändert er seine Rolle, wird aus dem Versucher der Ankläger und
macht die vorher so lieblich dargestellte Sünde so schwarz und groß, wie er nur
kann, um sie wie Judas in Verzweiflung zu stürzen. Daher schreibt Petrus: „Seid
nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein
brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im
Glauben!“ So ein frecher Geist ist dieser Widersacher, dass er es wagt, vor dem
heiligen Gott selbst als Ankläger zu erscheinen, dass er, obwohl selbst ein
Verdammter, von dem gerechten Richter es geradezu fordert, dass er über die
Gläubigen das Urteil der Verdammnis ausspreche.
Hat er Anlass, als unser Ankläger vor Gott
aufzutreten? Merkt wohl, ich sage nicht: Hat er ein Recht dazu? Denn woher
sollte er, der Versucher und Verführer, dieses Recht haben? Ich frage vielmehr:
Hat er Anlass, uns zu verklagen? Freilich, denselben Ansatz wie bei Josua! Denn
stehen wir in reinen oder unreinen Kleidern, als Sünder oder als Heilige vor
Gott? Ach, wenn wir auf unsere Werke, unseren Wandel blicken, so stehen auch
wir in unreinen Kleidern, mit so mancher Sünde verunreinigt, da; denn wer will
einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist? Da ist kein Gebot Gottes,
dessen Übertretung wir uns nicht schuldig bekennen müssen, wenn auch nicht
äußerlich grober Taten, so doch im Herzen, in Gedanken und Worten. Wie so gar fehlt es, um nur das eine zu erwähnen, an der
Erfüllung des ersten Gebots, dass wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und
vertrauen! Wie oft fürchten wir Menschen mehr als Gott; wie oft lieben wir Geld
und Gut und Menschen mehr als Gott; wie oft vertrauen wir auf irdische, vergängliche
Dinge mehr als auf Gott! So müssen wir denn wahrlich mit Johannes sagen: „Wenn
wir sagen, wir haben keine Sünde, dann verführen wir uns selbst, und die
Wahrheit ist nicht in uns“ und mit Hiob: „Wenn ich mich gleich mit Schneewasser
wüsche und reinigte meine Hände mit dem Brunnen, so wirst du mich doch tunken
in den Kot, und werden mir meine Kleider scheußlich anstehen.“ Wen wir aber
dies bekennen müssen, was für ein Urteil haben wir dann von dem heiligen
Richter zu erwarten? Darauf lasst uns nun zweitens nach unserem Text blicken.
2.
Wir lesen nicht, dass Josua auch nur mit
einer Silbe sich gegen die Anklagen Satans verantwortet hätte, sondern nur:
„Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel.“ Schweigend stand er
da, und sein Schweigen war das Bekenntnis seiner Schuld. Im Buch Esra wird
berichtet, dass mehrere unter seinen Kindern heidnische Frauen in Babel
genommen und sich dadurch gegen das ausdrückliche Gebot Gottes versündigt
hatten. Im Bewusstsein seiner Schuld wagte er es nicht, auch nur ein
Wort zu seiner Verteidigung vorzubringen.
Aber stand er schuldbewusst und schweigend
da, so übernahm nun der Engel des HERRN selbst seine Verteidigung; denn so
heißt es weiter: „Der HERR schelte dich, du Satan; ja, der HERR schelte dich,
der Jerusalem erwählt hat! Ist dieser nicht ein Brand, der aus dem Feuer
errettet ist?“ Er wies also nicht bloß den Satan mit seiner Anklage ab, sondern
schalt ihn aufs höchste, dass er es wagte, Josua zu verklagen, und gibt als
Grund an, dass der HERR selbst Jerusalem erwählt habe, und dass Josua als ein
Brand aus dem Feuer errettet worden sei. Gott der HER hatte sich aufs neue die aus der Gefangenschaft Zurückgekehrten zu
seinem Volk und Erbteil und Jerusalem als den Ort erwählt, wo sein Name wohnen
sollte, und dies wollte nun der Satan hindern, Josua und das Volk verworfen
haben. Gott der HERR hatte besonders Josua wie einen Brand aus dem Feuer
errettet, ihn aus der Gefangenschaft befreit, in der er so viele Leiden und
Trübsale, Spott und Hohn wie in einem Feuer hatte erdulden müssen, dass er wie
ein ins Feuer geworfenes und angebranntes Holzscheit, das aus dem Feuer
herausgerissen wird, erschien. Gott selbst hatte ihn aus Barmherzigkeit
herausgerissen, aus dem feurigen Ofen der babylonischen Gefangenschaft
errettet, und nun wollte Satan ihn verdammt und in das ewige Feuer geworfen
haben. So widerstand Satan nicht allein Josua, sondern auch Gott dem HERRN
selbst, indem er den Gerechten verworfen, den Erretteten der Verdammnis
überantwortet wissen wollte.
Nachdem aber Satan mit seiner Anklage
abgewiesen und gescholten war, wandte sich der HERR denen zu, die um ihn
standen, das heißt, zu den heiligen Engeln, die allezeit vor seinem Thron als
seine Diener stehen, damit sie seine Befehle vollziehen, und sprach zu ihnen:
„Tut die unreinen Kleider von ihm!“ Und er sprach zu ihm: „Siehe, ich habe
deine Sünde von dir genommen.“ Das Ausziehen der unreinen Kleider bezeichnet
nichts anderes als Vergebung der Sünden, deren sich Josua schuldig gemacht
hatte. Nicht also verurteilt, verdammt, wurde Josua von dem HERRN, sondern
gerechtfertigt. Anstatt der unreinen wurden ihm Feier- oder Festkleider
angezogen. Welch ein Wechsel oder Wandel ging also mit Josua vor! Mit unreinen
Kleidern, als ein Sünder, war er vor dem Richterstuhl erschienen, mit
festlichen, glänzenden Kleidern, als Reiner oder Heiliger, steht er jetzt da.
Satan ist mit seiner Anklage zuschanden geworden; Josua ist gerechtfertigt, zu
Gnaden angenommen worden.
So, meine Zuhörer, handelt Gott der HERR
noch immer in Bezug auf bußfertige Sünder. Mögen sie immerhin Sünder, mögen
ihre Sünden noch so groß, und mögen ihrer noch so viele sein, mag sie Satan
noch so sehr verklagen: Gott der HERR nimmt sich ihrer dennoch an, weist den
Satan mit seinen Anklagen ab und vergibt ihnen um Christi, ihres Heilandes,
willen, der sie von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels mit
seinem heiligen und teuren Blut erlöst hat, alle ihre Sünden. Er spricht zu
ihnen, wie es Jes. 1 heißt: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie
doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe,
soll sie doch wie Wolle werden.“ Er zieht auch sie mit Feierkleidern an, mit
dem herrlichen Verdienst Christi, und in diesen stehen sie als vollkommene
Heilige da, an denen kein Flecken oder Runzel oder des etwas ist, sondern die
ganz heilig und unsträflich sind.
Fürchte dich darum, mein Zuhörer, vor den
Anklagen Satans nicht, sondern halte dich in bußfertigem Glauben an Christus,
deinen Heiland! Auf ihn hat Gott der HERR alle deine Sünden geworfen; er hat
sie alle gebüßt, die Strafe bezahlt, das Gesetz vollkommen für dich erfüllt und
dir eine vollkommene Gerechtigkeit erworben, und die rechnet Gott auch dir zu
und rechtfertigt dich wie Josua. Verklagen dich deine Sünden, verklagt dich
Satan so, dass du ausrufst:
Wo
soll ich fliehen hin,
Weil
ich beschweret bin
Mit
viel und großen Sünden?
Wo
soll ich Rettung finden?
Wenn
alle Welt herkäme,
Mein
Angst sie nicht wegnähme,
kannst
du auf alle Anklagen ebenso wenig wie Josua ein Wort zu deiner Verteidigung
erwidern, rufe ihm dennoch keck und kühn zu:
Wirfst
du mir mein Sündgen vor?
Wo
hat Gott befohlen,
Dass
mein Urteil über mir
Ich
bei dir soll holen?
Wer
hat dir die Macht geschenkt,
Andre
zu verdammen,
Der
du selbst doch liegst versenkt
In
der Höllen Flammen?
Hab
ich was nicht recht getan,
Ist mir’s leid von Herzen;
Dahingegen
nehm ich an
Christi
Blut und Schmerzen;
Denn
das ist die Ranzion
Meiner
Missetaten;
Bring
ich dir vor Gottes Thron,
Ist
mir wohl geraten.
Ja, so sprich in festem Vertrauen; denn der
HERR wird den Satan auch als deinen Ankläger schelten, deine Missetat von dir
nehmen und dich mit Feierkleidern antun, dass du mit dem Propheten Jesaja
fröhlich rühmen kannst: „Ich freue mich in dem HERRN, und meine Seele ist
fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und
mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit
priesterlichem Schmuck geziert.“ Ja, mit priesterlichem Schmuck geziert, wie
Josua dritt4ens in seinem priesterlichen Amt bestätigt wurde.
3.
Josua wird nicht allein von dem HERRN
gerechtfertigt, sondern auch in seinem Amt als Hoherpriester
bestätigt; denn so heißt es weiter: „Und sprach: ‚Setzt einen reinen Hut auf
sein Haupt!‘ Und sie setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm
Kleider an; und der Engel des HERRN stand da.“ Der Hut war ein Teil der
Amtstracht des Hohenpriesters, die er bei seinen Amtshandlungen im Tempel
anzulegen hatte. Er war mit einem Stirnband aus feinem Gold versehen, in
welches die Worte: „Die Herrlichkeit des HERRN“ eingegraben waren. Außer mit
diesem Hut wurde er mit den anderen hohepriesterlichen Gewändern geschmückt, so
dass er in dem vollen hohepriesterlichen Ornat dastand und feierlich als Hoherpriester Gottes erklärt und bestätigt wurde. Dies
bezeugte ihm der Engel des HERRN in den Worten: „Wirst du in meinen Wegen
wandeln und meiner Hut warten, so sollst du regieren mein Haus und meine Höfe
bewahren; und ich will dir geben von diesen, die hier stehen, dass sie dich
geleiten sollen.“ Als Hoherpriester soll Josua das
Haus Gottes, das heißt, die Kirche des Alten Testaments, und dessen Vorhöfe,
alles, was mit ihm in Beziehung stand, bewahren und in acht nehmen, und dies
dadurch, dass er in den Wegen des HERRN wandelte, seine Ordnungen bewahrte und
sich in allen seinen Handlungen nach dem Wort, den Geboten, richtete. Wenn er
dies treu und gewissenhaft tue, dann solle er dermaleinst auch unter denen, die
dort vor dem Richterstuhl Christi standen, den heiligen Engeln, wandeln vor dem
Angesicht Gottes. Solche herrliche Verheißung wurde Josua gegeben.
Können wir dies alles auf uns anwenden?
Nun, wir sind keine Hohenpriester wie Josua, aber alle Gläubigen sind
geistliche Priester; denn Petrus schreibt in seinem ersten Brief an alle
Christen: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das
heilige Volk, das Volk des Eigentums.“ Schon durch die heilige Taufe sind sie
geistliche Priester geworden. Und worin besteht ihr priesterlicher Dienst?
Petrus sagt es in den Worten: „dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der
euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Die Tugenden,
die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, alle Wohltaten, die Gott ihnen erwiesen
hat, indem er sie von der Finsternis des Unglaubens zu dem Licht seliger
Erkenntnis berufen und gebracht hat, sie sollen sie lehren, anderen
verkündigen, die Hausväter und Hausmütter als Priester ihre Kinder und
Hausgenossen lehren, sie im Wort mit Fleiß unterrichten, mit ihnen die Opfer
des Gebets darbringen. Wenn wir als gläubige Christen das tun, dann beweisen wir
uns als geistliche Priester, dann wandeln wir in den Wegen Gottes, bewahren
seine Ordnungen, lehren wie die Hausgemeinde Gottes.
Dass alle Christen stets der hohen Würde,
die sie als geistliche Priester besitzen, eingedenk sein und sich als solche
besonders in ihrem Haus, in ihrer Familie, beweisen möchten! Wie ganz anders
würde es in so vielen Häusern aussehen, wenn in ihnen das Wort Gottes gelesen
und betrachtet würde, wenn das Gebet von dem Altar des Hauses emporstiege, das
Opfer des Dankes dargebracht würde! Beweisen wir uns denn als solche
geistlichen Priester! Lasst uns je länger je völliger im Dienst unseres Gottes
und Heilandes stehen! Er hat ja auch uns in Gnaden angenommen, den Satan für
uns gescholten, mit seinen Anklagen abgewiesen, uns die unreinen Kleider der
eigenen Gerechtigkeit aus- und die Kleider des Heils, den Rock der
Gerechtigkeit, uns angezogen und uns zu seinem königlichen Priestertum gemacht,
so wird er denn auch seine Verheißung an uns erfüllen, dass wir dereinst unter
den heiligen Engeln wandeln, mit ihnen vor seinem Thron in der seligen Ewigkeit
stehen und seine Gnade und Barmherzigkeit ohne Unterlass preisen. Das geschehe
um Christi, unseres Heilandes, willen! Amen.
Sacharja 12, 10-13, 1: Aber über das Haus David und über
die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets;
denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben, und werden ihn
klagen, wie man klagt ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie
man sich betrübt um ein erstes Kind. Zu der Zeit wird große Klage sein zu
Jerusalem, wie die war bei Hadad–Rimon im Feld Megiddo. Und das Land wird
klagen, ein jegliches Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David
besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht des Hauses Nathan besonders
und ihre Weiber besonders, das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre
Weiber besonders, das Geschlecht Simei besonders und ihre Frau besonders; also
alle übrigen Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre Frauen auch
besonders.
Zu der Zeit
wird das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen freien offenen Born haben
wider die Sünde und Unreinigkeit.
In dem gekreuzigten Heiland geliebte
Zuhörer!
Wenn wir die Weissagungen von dem Messias
im Alten Testament mit der im Neuen Testament berichteten Erfüllung
vergleichen, so sehen wir, dass jene nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im
Einzelnen, in den scheinbar unwichtigen, den Nebenumständen, auf das genaueste
in Erfüllung gegangen sind. Der Prophet Jesaja hatte geweissagt: „Siehe eine
Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen
Immanuel“ – und von der reinen Jungfrau Maria ist der Immanuel geboren worden.
Derselbe Prophet hatte verkündigt: „Er schießt auf vor ihm wie eine Reis und
wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich“ und hatte damit auf die unscheinbare,
niedrige Geburt Christi nach seiner menschlichen Natur hingewiesen, und Maria,
seine Mutter, war, obwohl aus dem Geschlecht Davids, eine arme, niedrige Magd,
die Vertraute eines einfachen Handwerkers, so dass er vor den Menschen als ein
schwacher, unansehnlicher Sprössling aus einem dürren Wurzelstock erschien.
Maria wohnte zu Nazareth in Galiläa, der nördlichen Provinz des gelobten
Landes; aber der Prophet Micha hatte geweissagt: „Du Bethlehem-Ephrata, die du
klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll
mir kommen, der in Israel HERR sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit
her gewesen ist“, und damit diese Weissagung buchstäblich erfüllt werde, musste
der mächtige römische Kaiser Augustus sein Gebot der Schatzung ausgehen lassen,
durch das Maria veranlasst wurde, die Reise nach Bethlehem in Judäa, der
südlichen Provinz des Heiligen Landes, anzutreten, damit dort von ihr der
Heiland geboren werde. Nach Nazareth zurückgekehrt, wuchs der HERR dort in der
Abgeschiedenheit und Stille unbeachtet auf, wurde für den Sohn eines
Zimmermanns oder Baumeisters gehalten, und als er aus der Verborgenheit heraus
sein öffentliches Lehramt antrat, da erfüllte sich das Wort des Propheten: „Er
hatte keine Gestalt noch Schönheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt,
die uns gefallen hätte.“ Die Juden hatten in dem Messias einen Mann von
vornehmer Herkunft, von imponierender Gestalt, die allgemeines Aufsehen und
Bewunderung hervorrufen würde, erwartet; stattdessen ging er in der Gestalt
eines einfachen Lehrers einher, der in den Synagogen lehrte und das Evangelium
vom Reich Gottes verkündigte. Anstatt eines glänzenden Herrschers sehen sie
einen einfachen Lehrer, an dem sie kein Gefallen
finden konnten. Seht da die buchstäbliche Erfüllung dieser Weissagungen in
scheinbar geringfügigen Dingen.
So auch hinsichtlich der Weissagung in
unserem heutigen Text. Sie richtet den Blick auf den leidenden, ja den toten
Heiland, verkündet, dass er „zerstochen“, eines gewaltsamen Todes gestorben
ist, dessen Anblick denen, die ihn zerstochen haben, ins Herz schneidet, dass
sie um ihn eine schmerzliche Weh- und Bußklage
anstimmen, als sie erkennen, was sie getan haben. Hierauf lasst mich denn
aufgrund des verlesenen Textes eure Aufmerksamkeit richten, nämlich auf
Die große Bußklage zu Jerusalem
Wir sehen, dass sie
1. um den geschieht, welchen sie zerstochen
haben,
2. eine allgemeine und schmerzliche ist,
3. eine segensreiche Frucht hat.
1.
„Zu der Zeit wird eine große Klage sein zu
Jerusalem“, so, meine Zuhörer, heißt es in unserem Text. Fragen wir, über wen
diese große Klage sein werde, so erhalten wir die Antwort von dem Propheten in
den Worten: „Denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben.“
Wer ist es, der durch den Propheten von
sich sagt, dass sie ihn zerstochen oder durchbohrt haben? Derselbe, welcher im
ersten Vers dieses Kapitels von sich sagt, dass er den Himmel ausbreitet und
die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht, sodann, dass er
Jerusalem zum Taumelbecher für alle Völker, die Schwachen und Strauchelnden
unter seinen Einwohnern zu Helden wie einst David machen und alle Heiden, die
feindlich gegen Jerusalem gezogen sind, vertilgen, aber über das Haus David und
die Bürger zu Jerusalem den Geist der Gnade ausgießen werde. Wer breitet den
Himmel aus, wer gründet die Rede, wer macht in dem Menschen den Odem, wer gießt
seinen Geist der Gnade über Jerusalem aus? Das kann kein anderer sein als der
einige wahre Gott, Jahwe; denn das sind lauter Werke der Allmacht, der
Schöpfung, dessen, der da spricht, und es geschieht, der da gebietet, und es
steht da.
Aber dieser allmächtige Gott, der
unveränderlich, ewig und unsterblich ist, sagt durch den Propheten in unserem
Text von sich: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben, und
werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn
betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind“, das heißt, sie werden um
ihn die schmerzlichste Totenklage anstimmen. Wie! der Allmächtige soll von
Ohnmächtigen getötet, der Unsterbliche gestochen werden, der Ewige soll ein
Ende – und ein solches Ende – gefunden haben? Meine Freunde! Die Lösung dieses
scheinbaren Widerspruchs oder unlösbaren Rätsels ist im Text selbst gegeben,
wenn wir nur genau auf seine Worte achten. Denn während der Redende zuerst von
sich selbst sagt: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben“,
also von sich selbst redet, wendet er sogleich diese Rede, als gälte sie einer
anderen Person, da er fortfährt: „Und werden um ihn klagen, wie klagt um
ein einiges Kind.“ Aber der, welcher zuerst von sich sagt: „Sie werden mich
ansehen“ und dann: „Wie werden um ihn klagen“, als um eine andere,
dritte, von ihm geschiedene Person, ist doch derselbe. Er sagt es von sich und
kann es von sich sagen, weil er beides, Gott und Mensch in einer Person
ist, nämlich der Heiland, Jesus Christus, wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau
Maria geboren, der, sofern er wahrer Gott ist, ewig und unsterblich, aber
insofern er wahrer Mensch ist, sterblich ist und zerstochen werden konnte und
zerstochen worden ist. Wie? Das wissen wir alle, denn wir bekennen im zweiten
Artikel: „Ich glaube an Jesus Christus, seinen einigen Sohn, unseren HERRN, der
empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, gelitten
unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Ja, fassen wir das
Wort „zerstochen“ im weiteren Sinn, so weissagt der Prophet damit das ganze
unschuldige Leiden des HERRN, dessen Höhepunkt oder Letztes das Zerstechen war.
Denn zerstochen, durchbohrt wurde sein Rücken, als er von den römischen
Kriegsknechten so furchtbar gegeißelt wurde, durchstochen sein Haupt, als ihm
die Dornenkrone mit ihren scharfen Stacheln aufs Haupt gesetzt und gedrückt
wurde, durchstochen wurden seine Hände und Füße mit Nägeln, mit denen er ans
Kreuz geschlagen wurde, durchstochen seine Seite, als einer der Kriegsknechte,
als er sah, dass er schon gestorben war, anstatt, wie bei den beiden
Übeltätern, ihm die Beine zu brechen, seine Seite mit einem Speer öffnete; und
dies Letztere ist es, was der Prophet besonders mit dem Wort „zerstochen“
weissagt.
Welch ein Bild, Geliebte, stellt uns also
der Prophet bei näherer Betrachtung in den Worten: „Sie werden mich ansehen,
welchen jene zerstochen haben“ im Licht der Erfüllung vor das Auge! Ein Bild,
in dem wir Gott selbst, den eingeborenen Sohn Gottes, im Fleisch erschienen, am
Kreuz auf Golgatha erblicken, sein Haupt durch eine Dornenkrone zerstochen,
seine Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt, seine Seite mit einem Speer
geöffnet, zerstochen am Haupt, zerstochen an Händen und Füßen, zerstochen in
der Seite, aus der Blut und Wasser hervorquillt. Und auf ihn, den so
Zerstochenen, ist der Blick derer, die unter dem Kreuz stehen, gerichtet; sie
sehen ihn an und klagen um ihn. Stehen auch wir heute im Geist unter seinem
Kreuz, sehen wir ihn an als den, welchen wir zerstochen haben; sprechen
wir mit dem Dichter:
O
Haupt voll Blut und Wunden,
Voll
Schmerz und voller Hohn!
O
Haupt, zum Spott gebunden
Mit
einer Dornenkron!
O
Haupt, sonst schön gezieret
Mit
höchster Ehr und Zier,
Jetzt
aber höchst schimpfieret:
Gegrüßet seist du mir!
Dann
werden auch wir in die große Klage einstimmen, von der der Prophet in unserem
Text redet.
2.
Der Prophet fährt fort: „Zu der Zeit“ oder,
wie es eigentlich heißt, an dem Tag, „wird große Klage sein zu Jerusalem, wie
die war bei Hadad-Rimon im Feld Megiddo“ und vergleicht die große Klage zu
Jerusalem um den Zerstochenen mit der, welche einst bei Hadad-Rimon
stattgefunden hat.
Was das für eine Klage war, ersehen wir aus
dem 35. Kapitel des 2. Buches der Chronik. Als nämlich der König Necho von
Ägypten mit seinem Kriegsheer heranzog, zog ihm Josia, der König Israels,
entgegen. Auf dem Feld oder im Tal Megiddo kam es zur Schlacht, und in ihr
wurde Josia von einem Pfeil durchbohrt, tödlich verwundet. Er wurde aus der
Schlacht geführt, nach Jerusalem gebracht und starb dort an seiner Wunde.
Dieser Josia war der frömmste unter allen Königen Judas und wurde daher von dem
ganzen Volk, namentlich aber von den Gottesfürchtigen, aufs schmerzlichste
beklagt. Der Prophet Jeremia verfasste ein Trauerlied, Sänger und Sängerinnen
klagten um ihn in Trauerliedern, die in eine Sammlung von Trauerliedern
aufgenommen und lange Zeit von dem Volk gesungen wurden. Mit dieser Wehklage
des ganzen Volkes vergleicht der Prophet die Wehklage um die Tötung des Messias
und bezeichnet sie schon dadurch als eine allgemeine und überaus schmerzliche.
Aber dies auch damit, dass er sagt: „Sie
werden ihn beklagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn
betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind.“ Wenn Eltern das
erstgeborene Kind durch den Tod verlieren, so ist der Schmerz über seinen
Verlust viel größer, als wenn sie von mehreren Kindern eines verlieren. Und so
groß, so schmerzlich werde, so weissagt der Prophet, die Trauer oder Klage um
den zerstochenen Messias sein. Aber nicht nur überaus schmerzlich, sondern auch
allgemein, denn er führt fort: „Das ganze Land wird klagen, ein jegliches
Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Frauen
besonders; das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Frauen
besonders; das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Frauen besonders;
das Geschlecht Simei besoners und ihre Frauen
besonders, also alle übrigen Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre
Frauen auch besonders.“ Kurz: So allgemein wird diese laute Wehklage sein, dass
die königlichen und priesterlichen Geschlechter, die Männer und die Frauen,
Junge und Alte, allesamt sie erheben werden.
Ist diese Weissagung in Erfüllung gegangen,
meine Freunde? Ertönt dort unter dem Kreuz auf Golgatha nicht vielmehr Hohn und
Spott und Lästerung? Wohl! Aber lesen wir nicht auch, als der HERR zur
Richtstätte hinausgeführt wurde: „Es folgte ihm nach ein großer Haufe Volk und
Frauen, die klagten und beweinten ihn“, nicht auch, dass der Hauptmann, als er
sah, was da geschah, ausrief: „Wahrlich, dieser ist ein frommer Mensch und
Gottes Sohn gewesen“, und dass alle, die dabei waren und zusahen, an ihre Brust
schlugen? Mochte diese Klage bei vielen nur die Folge natürlicher Rührung oder
natürlichen Mitleids sein, sie wurde doch laut. Und klagte nicht das ganze
Land, als die Sonne ihren Schein verlor, das Land sich gleichsam in das
Trauergewand der Finsternis hüllte, wodurch die Bewohner umso mehr in Furcht
und Schrecken versetzt wurde, da sie eine plötzliche und wunderbare war?
Aber damit hatte diese Bußklage
kein Ende. Blickt auf jene große Versammlung zu Jerusalem am ersten
neutestamentlichen Pfingsten! Da predigte Petrus den aus allen Ländern
Zusammengekommenen den, welchen ihre Obersten zerstochen und getötet hatten,
und rief ihnen am Schluss zu: „So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass
Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christ gemacht
hat.“ Die Rede ging ihnen durchs Herz und erschütterte sie so, dass sie zu den
Aposteln sprachen: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Sie
erhielten die Antwort: „Tut Buße, und lasse sich ein jeglicher taufen auf den
Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe
des Heiligen Geistes.“ Damit wurde auch die in unserem Text enthaltene
Weissagung erfüllt: „über das Haus David und die Bürger zu Jerusalem will ich
ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets“, nämlich den Heiligen Geist, der
in den sündigen Menschen die Erfahrung der göttlichen Gnade wirkt, so dass sie,
erleuchtet mit seinen Gaben, um Gnade, Vergebung der Sünde flehen und dann erst
recht erkennen, wen sie zerstochen, welche Sünde und Schuld sie dadurch auf
sich geladen haben. Denn ohne die Mitteilung des Heiligen Geistes gibt es keine
bußfertige Erkenntnis des gekreuzigten Heilandes und keine wahre Bußklage um ihn.
Wird diese Bußklage
heute noch gehört? Blickt, meine Zuhörer, auf den dort am Kreuz Zerstochenen!
Lässt dich sein Anblick kalt? Meinst du etwa, dass du ihn nicht auch zerstochen
oder durchbohrt hast? Oder musst du nicht bei seinem Anblick ausrufen:
Ich,
ich und meine Sünden,
Die
sich wie Körnlein finden
Des
Sandes an dem Meer,
Die
haben dir erreget
Das
Elend, das dich schläget,
Und
das betrübte Marterheer.
Ich
bin’s, ich sollte büßen,
An
Händen und an Füßen
Gebunden
in der Höll.
Die
Geißeln und die Banden,
Und
was du ausgestanden,
Das
hat verdienet meine Seel!
Das ist die große Bußklage,
die in den Herzen aller Bußfertigen im ganzen Land ertönt, da sie durch den
Heiligen Geist zur Erkenntnis ihrer Sünde und Schuld gekommen sind, mit der
sich aber auch das Gnadenflehen verbreitet:
Nun,
was du, HERR, erduldet,
Ist
alles meine Last;
Ich
hab es selbst verschuldet,
Was
du getragen hast.
Schau
her, hier steh ich Armer,
Der
Zorn verdienet hat:
Gib
mir, o mein Erbarmer,
Den
Anblick deiner Gnad!
Ich
will hier bei dir stehen,
Verachte
mich doch nicht!
Von
dir will ich nicht gehen,
Wenn
dir dein Herze bricht.
Wenn
dein Haupt wird erblassen
Im
letzten Todesstoß,
Alsdann
will ich dich fassen
In
meinen Arm und Schoß.
Selig, die so in Buße über ihre Sünde
klagen und um Gnade flehen; denn sie sind es, denen die große Verheißung am
Schluss unseres Textes gilt, die wir drittens noch kurz betrachten wollen.
3.
Diese Verheißung lautet: „Zu der Zeit
werden das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen freien, offenen Born
haben gegen die Sünde und Unreinigkeit.“ Haben das Haus David und die Bürger zu
Jerusalem eine so furchtbare Schuld dadurch auf sich geladen, dass sie den
Schuldlosen zerstochen, auf grausame Weise gemartert und getötet haben, so hat
der barmherzige Gott ihre Tat nach seinem ewigen Rat so gewendet, dass in ihr
ihnen die größte Gnade zuteil werden soll, weil ihnen
nämlich von jener Zeit an ein offener Born, das heißt, eine unaufhörlich
fließende Quelle, eröffnet werden wird, durch die sie von aller Sünde und
Unreinigkeit gereinigt werden sollen. Und dieser Born, diese stetig fließende
Quelle, welches ist sie? Es sind die Wunden, die unserem Heiland geschlagen
worden sind, es ist der breite Spalt in seiner Seite, durch den Stoß des Speers
geöffnet, und das aus den Wunden und dem Spalt fließende Blut und Wasser sind
der reinigende Strom, der die Tatsünde wie die ganze
Unreinigkeit und Sündhaftigkeit hinwegschwemmt. So verkündigt denn unser
Prophet in diesen Worten dasselbe, was Jesaja verkündigt hat, indem er
weissagte: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere
Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen
und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um
unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir
Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Ja, „das Blut Jesu
Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“.
Welch ein Born der Gnade! Und dieser Born
fließt im Evangelium, in der Taufe und im heiligen Abendmahl wie in seinen
Kanälen daher, strömt in und durch die Vergebung der Sünden auf alle herab, aus
deren Herzen über die Lippen diese Bußklage in der
Kirche, dem neutestamentlichen Jerusalem, ertönt. Welch selige, herrliche
Frucht: volle Rechtfertigung oder Vergebung und aus ihr hervorgehend wahre
Heiligung; denn wer durch diesen Born gereinigt ist und immerdar gereinigt
wird, der spricht auch von Herzen mit dem Dichter:
Ach,
lass deine tiefen Wunden
Frische
Lebensbrunnen sein!
Wenn
mir alle Kraft verschwunden,
Wenn
ich schmacht in Seelenpein,
Senk
in Abgrund deiner Gnaden
Alle
Schuld, die mich beladen.
Ach,
lass deine Todespein
Nicht
an mir verloren sein!
Aber
auch:
Ich
will mich mit dir schlagen
Ans
Kreuz und dem absagen,
Was
meinem Fleisch gelüst‘.
Was
deine Augen hassen,
Das
will ich fliehn und lassen,
Soviel mir immer möglich ist.