Predigt zum Altjahrsabend ueber 1. Johannes 1, 8: Verfuehre dich nicht
selbst wegen deiner Suende
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag nach Neujahr ueber 1. Mose 2,18-25: Die Erschaffung der
Frau
Alttestamentliche
Predigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 4,3-16: Kains
Brudermord
Alttestamentliche
Predigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 22,1-19: Isaaks
Opferung
Alttestamentliche
Predigt zum Palmsonntag ueber 1. Samuel 17, 45-46: Davids Kampf mit Goliath
1. Mose 3,14-15: Da sprach Gott der HERR zu der
Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor
allen Tieren auf dem Feld. Auf deinem
Bauch sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft
setzen zwischen dir und dem Weib und zwischen deinem Samen und ihrem Samen.
Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
In Christus, dem einigen Erlöser, geliebte
Zuhörer!
Das Werk der Schöpfung war vollendet. In
sechs Tagen hatte der allmächtige Gott Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer
durch sein Wort aus nichts hervorgebracht. In ihrem Urzustand war die Erde, wie
Mose schreibt, „wüst und leer“, eine wüste, form- und gestaltlose Masse, ein
ungeschiedenes Durcheinander. Und über diesem lagerte eine undurchdringliche
Finsternis; denn „es war finster auf der Tiefe“. Aber der Geist Gottes, der
Heilige Geist, schwebte auf dem Wasser, wie ein Vogel über den Eiern brütet,
und erfüllte die darin enthaltenen Lebenskeime mit Lebensodem und Lebenskraft.
Darauf schied Gott die in dem gestaltlosen,
wirren Durcheinander enthaltenen Teile voneinander. Durch sein erstes
schöpferisches „Werde“ wurde das Licht hervorgebracht. „Es werde Licht!“ sprach
er, und durch dieses Wort ließ er das Licht aus der Finsternis hervorleuchten.
„Es wurde Licht.“ Gott schuf das Licht zuerst, weil ohne Licht keine Kreaturen
leben und gedeihen können; er schied das Licht von der Finsternis, schuf den
Wechsel zwischen Licht und Finsternis und dadurch den Unterschied zwischen Tag und
Nacht.
Das Werk der Schöpfung schritt stufenweise
an den einzelnen Schöpfungstagen von den geringeren zu den höheren Geschöpfen
vor. Gott schuf die Himmelsfeste, ließ das Wasser sich an besondere Örter
sammeln, das Trockene, die Erde, hervortreten. Dann erhielt das Trockene, die
Erde, ihren Schmuck. Sie bedeckte sich auf das Wort. „Es lasse die Erde
aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume“ mit dem
herrlichsten Grün wie mit einem Teppich, mit Kräutern und Bäumen. Am folgenden
Tag wurde die Himmelsfeste nicht minder wunderbar geschmückt. Sonne und Mond,
die beiden großen Lichter, wurden als Lichtträger an die Himmelsfeste gesetzt
und die zahllosen, glänzenden Sterne, lauter Wunder der Allmacht und Weisheit
des Schöpfers. Sodann folgte die Belegung des Wassers mit den
verschiedenartigsten lebenden Wesen, so zahlreich, dass es darin wimmelte, die
Bevölkerung der Luft mit Vögeln, die unter der Feste des Himmels fliegen,
darauf die Belebung der Erde mit großen und kleinen, mit vierfüßigen und kriechenden
Tieren, ein jegliches nach seiner Art, wie die Vögel und Fische, sowie mit
Pflanzen und Bäumen.
Nachdem so Himmel und Erde geschaffen,
geschmückt und belebt waren, hielt Gott gleichsam in seinem Schaffen inne, um
Rat zu halten. Er wollte einen Herrscher über die Erde mit allen ihren
Geschöpfen machen; er sprach: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns
gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter
dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das
auf Erden kriecht.“ Und diesen Herrscher hat er nicht wie die anderen Geschöpfe
durch sein Wort geschaffen, sondern er hat seinen Leib aufs künstlichste aus
Erdenstaub geformt, diesem einen lebendigen Odem eingehaucht und ihn, den
Menschen, zu einem lebendigen Wesen gemacht. Er hat ihn mit Vernunft und
Sprache begabt, nach seinem Bild erschaffen, heilig und gerecht, und ihm die
Herrschaft über die Geschöpfe gegeben. So hoch hat Gott den Menschen gestellt,
so hoch ihn geehrt.
Aber so hoch ihn Gott gestellt hat, so tief
ist er gefallen. Anstatt sich an der ihm gegebenen Herrschaft genügen zu
lassen, wollte er sein gleich wie Gott. Anstatt dem Gebot Gottes gehorsam zu
sein, wurde er ungehorsam, übertrat es, gehorchte statt dem Wort seines
gnädigen Schöpfers dem Wort eines Geschöpfes und erniedrigte sich unter das
Geschöpf. Der Herrscher wurde zu einem Knecht der Sünde, stürzte sich selbst in
das größte Elend. In diesem Elend erbarmte sich Gott seines hilflosen
Geschöpfes, des Menschen, indem er ihm einen Erretter verhieß. Dies ist der
Gegenstand unserer Betrachtung, nämlich:
Die
erste Verheißung Gottes von einem Erlöser
Wir sehen, dass sie
1.
Trotz der Größe der begangenen Sünde gegeben
wird;
2.
Durch den Fluch über die Schlange
hindurchtönt;
3.
Völligen Sieg über die Schlange verkündigt.
1.
Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte, mit den Worten: „Da sprach
Gott zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem
Vieh“ und weist uns demnach auf den Bericht über den Sündenfall, der in den
vorhergehenden Versen gegeben ist, hin. Die Schlange hatte die Frau, diese
ihren Mann, Adam, verführt, zum Abfall von Gott verleitet. Gott hatte den
Menschen den herrlichen Garten Eden, das Paradies, als seine Wohnstätte
bereitet und ihn hinein gesetzt, dass er ihn bebaute und bewahrte, und ihm alle
Früchte der Bäume im Garten zur Speise gegeben mit Ausnahme der Früchte eines
einzigen, des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Von diesem allein sollte
er nicht essen; und Gott hatte seinem Verbot die Drohung hinzugefügt: „An welchem
Tag du davon isst, wirst du sterben.“ Er hatte den Menschen so herrlich
geschaffen, zur Krone aller seiner Werke, zum Herrscher über sie gemacht und
ihm eine so herrliche Wohnstätte bereitet, wie sie lieblicher nicht gedacht
werden konnte, und ihn mit Gaben und Wohltaten überschüttet. Hätte er da nicht,
der Güte Gottes eingedenk, dem einzigen Verbot Gottes gehorsam sein sollen?
Aber statt dem Wort seines Schöpfers folgte er dem Wort eines niedrigen
Geschöpfes, glaubte die Lüge und verwarf die Wahrheit.
War denn die Übertretung des Verbots eine so große Sünde? Die
natürliche, verblendete Vernunft erklärt sie für etwas Geringes. Wie, sagt sie:
Da war ein Baum mit schönen Früchten, herrlich anzusehen, gut davon zu essen,
die den Menschen lockten. Wohl war ihm verboten, davon zu essen, aber dass er
doch davon nahm und aß, das ist doch keine große Sünde! Dasselbe geschieht doch
jetzt noch so oft! Wie mancher isst einen Apfel oder eine andere Frucht von
einem Baum, der ihm nicht gehört, und der Eigentümer macht davon kein großes
Aufsehen, sondern lässt es einfach hingehen. Aber die so reden, urteilen nach
dem äußeren Schein, bleiben an der Schale hängen, ohne den Kern, das Wesen zu
erkennen und zu verstehen. Um eine Sünde recht zu beurteilen, müssen die Umstände,
unter denen sie geschieht, wohl erwogen werden. Wir beurteilen die Tat eines
Mannes ganz anders als die eines Kindes, die wissentliche Übertretung eines
Gesetzes anders als die, welche in Unwissenheit geschehen ist, den Diebstahl
eines Mannes, der sich in bitterer Not befindet, anders als den eines Reichen
oder Wohlhabenden. War Adam einem Kind gleich? Er hatte von Gott eine so klare
Erkenntnis aller Geschöpfe erhalten, wie sie seit ihm kein Mensch mehr gehabt
hat, wie aus seiner Benennung der Tiere hervorgeht. Handelte er als
Unwissender? Gott hatte ihm gesagt: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und
Böse sollst du nicht essen.“ Kannte er die Folgen, wenn er dieses Verbot
übertrat? Sie waren ihm in den Worten verkündigt: „An welchem Tag du davon isst,
wirst du sterben.“ Viel weniger trieb ihn die Not, denn er hatte eine Fülle der
lieblichsten Früchte. Und zu welchem Zweck hatte ihm Gott dies Verbot gegeben?
Nicht zu seinem Verderben, sondern um daran seinen Gehorsam gegen Gott zu
bewähren. Luther nennt diesen Baum „Adams Altar und Predigtstuhl, an welchem er
Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Rat und Willen erkennen und ihm danken
sollte.“ Heilig und gerecht, wie der Mensch war, hatte er vollkommene Freiheit,
dem Gebot Gottes gehorsam zu sein, aber freilich auch die Freiheit, es zu
übertreten. An dem Baum sollte er sich selbst bestimmen. Sein Gehorsam sollte
aus eigener Selbstbestimmung geschehen, ein freier, bewusster Gehorsam sein. An
dem verbotenen Baum sollte er Gutes und Böses kennenlernen, wählen zwischen
Gehorsam und Ungehorsam und zwischen Leben und Tod. Er übertrat Gottes klares
Gebot, und der Baum wurde ihm zu einer Kenntnis von Gut und Böse, denn er
erkannte, dass er alles Gute, seine Unschuld, Gerechtigkeit, Liebe zu Gott und
dergleichen, verloren und sich in unsägliches Elend, Jammer und in den Tod
gestürzt habe. Er hatte nun zu seinem großen Schaden erkannt, dass er nackt
war; er schämte sich und fürchtete sich vor seinem Gott, floh vor ihm und war
so unwissend, dass er glaubte, sich vor dem allwissenden Gott unter den Bäumen
verbergen zu können und ihn zu täuschen.
Freilich wurde er zu seinem Ungehorsam durch die Schlange, deren sich
der Teufel als seines Werkzeuges bediente, verführt. Diese betrog zuerst die
Frau und durch diese ihn selbst, verleitete ihn zuerst zum Zweifel an dem Wort
Gottes, machte ihn nach der verbotenen Frucht lüstern und erklärte das Wort:
„An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben“ für eine Lüge, indem er sagte:
„Ihr werdet keineswegs sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr
davon esst, so werden eure Augen aufgetan und werdet sein wie Gott und wissen,
was gut und böse ist.“ Hätte sich der Mensch nicht fragen sollen: Woher hat die
Schlange menschliche Sprache, die sie doch vorher nicht hatte? Wie kann sie
unseres gütigen Gottes Wort und Wahrhaftigkeit in Zweifel ziehen, ja für Lüge
erklären? Wie können wir Gott gleich werden? Wird nicht eine böse, Gott
feindliche Macht durch die Schlange reden? Aber der Fall des Ungehorsams gegen
Gottes Gebot begann schon dadurch, dass sich die Frau auf ein Gespräch mit der
#Schlange einließ, da sie mit den ersten Worten: „Ja, sollte Gott gesagt
haben?“ das Wort Gottes, sein Verbot, in Zweifel zog.
Betrachten wir dies alles: Wie herrlich Gott den Menschen erschaffen,
wie hoch er ihn über die Kreaturen gestellt, welch herrlichen Garten er ihm als
Wohnstätte bereitet, welche Fülle der herrlichen Früchte er ihm zur Speise
gegeben, dass er ihm ein ausdrückliches Verbot gegeben, eine so ernste Drohung
hinzugefügt hat, dass er gewiss unvermeidlich sterben werde, und dass der
Mensch Gott gleich sein wollte, so erkennen wir, dass dies Essen von der
verbotenen Frucht wahrlich keine geringe, sondern eine große, schwere Sünde
war, die den Tod verdiente.
Aber so groß diese Sünde war, größer noch war Gottes Barmherzigkeit, und
darum ließ er den Menschen nicht in seinem Elend dahingehen und verderben,
sondern gab ihm, indem er die Schlange verfluchte, zugleich eine herrliche
Verheißung. Dies wollen wir zweitens betrachten.
2.
Nachdem Gott der HERR die Menschen zur Rechenschaft gefordert und die
Frau auf seine Frage: „Warum hast du das getan“. nämlich deinen Mann verführt?
Geantwortet hatte: „Die Schlange betrog mich so, dass ich aß“, da sprach der
HERR zur Schlange: „Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem
Vieh und vor allen Tieren auf dem Feld. Auf deinem Bauch sollst du gehen und
Erde essen dein Leben lang.“ Das ist das Gericht über die Verführerin, als die
letzte Ursache der Sünde. Gott fragt sie nicht erst, warum sie das getan hat,
sondern spricht sogleich das Urteil über sie aus, verflucht sie vor, aus allen
Tieren. Sie hat die Menschen verführt, sie wird verflucht. Infolge dieses
Fluches soll sie hinfort auf dem Bauch gehen oder sich im Staub winden und
daher Erde fressen oder Staub schlucken. Dadurch ist ihr ganzes Dasein und
Leben verändert worden. Vor keinem anderen Tier empfindet der Mensch einen
solchen Ekel und Abscheu wie vor der Schlange mit ihren feurigen Farben, ihrer
zitternden Zunge, ihren giftigen Zähnen, ihrem schaurigen Zischen und
bezaubernden Blick. Sie erscheint wie die leibhaftige, teuflische Sünde. Und
ihre Gestalt und Lebensweise soll nie verändert werden, sondern immer dieselbe
bleiben.
Ob sie vor der Versuchung eines der schönsten unter den Tieren gewesen
ist? Sicherlich ist sie vorher nicht auf dem Bauch gegangen, hat sich nicht im
Staub gewunden, auch nicht Staub geschluckt wie jetzt. Aus dieser mit ihr
vorgegangenen Veränderung ersehen wir, dass ihre Strafe der Verführung
entspricht. Sie war, wie alle anderen Tiere, für den Menschen geschaffen,
sollte ihm gehorchen und dienen. Stattdessen hat sie sich über den Menschen
erhoben, ihn zum Gehorsam gegen sich verleitet und ihn in namenloses Elend
gestürzt. Wegen dieser Überhebung wird sie von Gott aufs tiefste erniedrigt,
dass sie sich ihr Leben lang im Staub winden und Staub schlucken muss.
Aber ihre Strafe besteht ferner darin, dass fortwährende Feindschaft
zwischen ihr und der Frau, zwischen ihrem Samen und dem Frauensamen bestehen,
und ihr der Kopf zertreten werden soll. Diese Feindschaft „setzt“ Gott,
verordnet sie. Und sie besteht bis auf den heutigen Tag und wird bis an das
Ende der Tage fortbestehen. Die Schlange ist unter den Tieren dem Menschen am
gefährlichsten (in heißen Ländern werden von den Schlangen mehr Menschen
getötet als von allen anderen Tieren); und wiederum führt der Mensch einen
unaufhörlichen Kampf gegen die Schlangen, tötet sie, wo er kann, und sucht sie
auszurotten. Er zertritt, zerschmettert ihr den Kopf.
Doch, meine Zuhörer, so gewiss die in diesen Worten verkündigte Strafe
die Schlange trifft, so gewiss nicht sie allein, sondern, und zwar in höherem
Sinn, den, dessen Werkzeug sie war, den Teufel. Dieser redete und versuchte
durch sie die ersten Menschen. Wenn daher Gott der HERR in unserem Text
spricht: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen
deinem Samen und ihrem Samen“, so sind diese Worte zwar direkt an die Schlange,
aber doch eigentlich an den Teufel gerichtet, was schon daraus hervorgeht, dass
die Schlange die Worte nicht verstand. Wie der Teufel durch die Schlange
redete, so redet Gott zu dem Teufel in der Schlange; er verkündigt ihm, dass
zwischen ihm und dem Frauensamen und ihrem Samen immerwährende Feindschaft bestehen
soll. Was ist aber unter dem Schlangen- oder Teufelssamen zu verstehen? Nicht
die Sünde, auch nicht die bösen Engel noch vornehmlich die Tyrannen und Ketzer,
sondern die Gottlosen, die Feinde Christi und der Kirche. So nannte Johannes
der Täufer die Pharisäer und Sadduzäer Otterngezücht, da sie unter dem Schein
äußerlicher Frömmigkeit voll Gift und Bosheit warn, wie die Schlangen schöne
Farben und doch Giftzähne haben. So rief der HERR den boshaften Juden zu: „Ihr
seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun“; und
Johannes: „Wer Sünde tut, der ist vom Teufel.“ Sie sind des Teufels geistiger
Same, weil sie von ihm regiert werden und voll Lüge und Mordlust sind. Der
Frauensame aber ist Christus, wie Paulus Gal. 3,16 schreibt: „Er spricht nicht:
durch die Samen, als durch viele, sondern durch einen, durch deinen
Samen, welcher ist Christus.“ So soll denn zwischen dem Teufel und den
Gottlosen und Christus und den Gläubigen unaufhörliche Feindschaft bestehen,
solange diese Welt steht. Hass, Feindschaft und Verfolgung der Gläubigen ist
Hass, Feindschaft und Verfolgung Christi selbst, wie er dem gegen die Jünger
schnaubenden Saulus zurief: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Da nun
Gott der HERR zwischen der Schlange und ihrem Samen einerseits und der Frau und
ihrem Samen andererseits immerwährende Feindschaft setzt, der Same der Frau
Christus ist, und dieser der Schlange den Kopf zertreten soll, während diese
ihn in die Ferse stechen wird, so hat er die Verheißung des Erlösers von dem
Fluch über die Schlange und den Teufel aufs innigste verwoben; mit anderen
Worten, die Verheißung tönt durch den Fluch hindurch oder leuchtet wie ein
strahlender Stern durch finsteres Gewölk, und dies umso mehr, als der
verheißene Erlöser über den Teufel einen völligen Sieg davontragen wird.
3.
Dieser Sieg ist in den letzten Worten unseres Textes: „Derselbe soll dir
den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferste stechen“ enthalten. War in
den vorhergehenden Feindschaft zwischen dem Schlangen- und Frauensamen
verkündigt, so verkündigen diese Worte zunächst Kampf zwischen beiden. Ihre
Feindschaft geht in einem Kampf auf Leben und Tod, in dem es auf gegenseitige
Vernichtung abgesehen ist.
Freventlich hat die römische Kirche diese erste Weissagung von dem
Erlöser verkehrt, indem sie das Wort „dieselbe“ statt „derselbe“ gesetzt hat
und lehrt: „‚Dieselbe‘, nämlich die Mutter Maria, wird dir, der Schlange, dem
Teufel, den Kopf zertreten.“ Aber es heißt nicht: dieselbe, sondern derselbe,
nicht die Frau, sondern der Samen der Frau wird dir den Kopf
zertreten, und dieser Frauensame ist kein anderer als Christus, der Sohn Gottes
und der Sohn der Frau, so genannt, weil er nicht von einem Mann, sondern von
dem Heiligen Geist empfangen, also nur der Samen der Frau ist. So ist in
dieser ersten Verheißung schon angedeutet, dass der zukünftige Erlöser von
Sünde, vom Tod und von der Gewalt des Teufels von einer Jungfrau geboren werden
soll, weshalb der Prophet Jesaja weissagt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger
und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.“
„Derselbe soll dir den Kopf zertreten“ oder zermalmen, „und du wirst ihn
in die Ferse stechen“ oder ihm die Ferse zermalmen, so spricht Gott der HERR zu
der Schlange. Wie bald zeigte sich diese Feindschaft der Schlange und ihres
Samens, und wie bald begann dieser Kampf! Hasste nicht Kain seinen Bruder, den
gerechten Abel, und ermordete ihn? Weshalb? Weil er, wie es 1. Joh. 3,12 heißt,
„von dem Argen“, das heißt, vom Teufel war, und weil seine Werke böse, die seines
Bruders Abel gerecht waren. So hasste und verfolgte der Same, die
Nachkommenschaft Kains, den Samen, die Nachkommenschaft, Seths, Ismael den
Isaak, Esau wollte seinen Bruder Jakob ermorden – und so ging diese Feindschaft
fort, bis Christus, der verheißene Frauensame, in menschlicher Gestalt erschien.
Wie wütete gegen ihn die alte Schlange, der Satan, durch Herodes, der ihn, als
er von seiner Geburt hörte, umbringen wollte, durch die Pharisäer und
Schriftgelehrten, die Hohenpriester und Ältesten, die ihn zu töten suchten!
Satan fuhr dem Judas Ischariot ins Herz, veranlasste ihn, Christus zu verraten,
und da begann nun recht eigentlich der Kampf auf Leben und Tod, da stach die
alte Schlange den Frauensame in die Ferse, zermalmte sie ihm. Das Todesringen
dort in Gethsemane, das dem Frauensamen blutigen Schweiß auspresste, indem
seine Seele betrübt wurde bis in den Tod, ihn so ermattete, dass ein Engel vom
Himmel erschien, um ihn zu stärken, seine Gefangennahme durch die Rotte, hinter
der Satan stand, seine Verurteilung als ein Übeltäter, seine Kreuzigung auf
Golgatha – das war der giftige Schlangenbiss, das Zermalmen seiner Ferse, aber
auch der Tritt, mit dem er der alten Schlange den Kopf zermalmte. Der Biss der
Schlange ist zwar gefährlich, jedoch nicht schlechthin tödlich. Wohl starb
Christus am Kreuz, aber er befahl seinen Geist in Gottes Hände, stand am
dritten Tag lebendig auf dem Grab, der Burg des Todes, triumphierte über die
alte Schlange und verkündete Sieg, völligen Sieg, über sie, dass er dem Tod und
dem Teufel alle Macht genommen und seine Gefangenen aus seiner Gewalt befreit
habe. Ja, er hat „durch seinen Tod die Macht genommen dem, der des Todes Gewalt
hatte, das ist, dem Teufel, und die erlöst, die durch Furcht des Todes im
ganzen Leben Knechte sein mussten“, wie es Hebr. 2,14 heißt.
Der Held steht auf dem Grabe
Und sieht sich munter um;
Der Feind liegt und legt abe
Gift, Gall und Ungestüm.
Er wirft zu Christi Fuß
Sein Höllenreich und muss
Selbst in des Siegers Band
Ergeben Fuß und Hand.
Und Christi, des Erlösers, Sieg ist ein Sieg für alle Erlösten, die
durch den Glauben an ihm hangen, mit ihm, dem Haupt der Glieder seines Leibes,
verbunden sind. In seiner Kraft kämpfen sie gegen die alte Schlange und siegen
über sie, wie Johannes von den Auserwählten in der Vollkommenheit schreibt:
„Sie haben überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort seines
Zeugnisses.“ Sie zertreten den Satan unter ihre Füße, und an jenem großen Tag
werden sie ihren Sieg in dem Triumphgesang verkünden: „Tod, wo ist dein
Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben
hat durch unseren HERRN Jesus Christus.“
Sünder, aber Erlöste, Kämpfer, aber Sieger! Der barmherzige Gott, der
dem ersten Sünder, indem wir alle Sünder geworden sind, in seinem Erbarmen
nachging, schenke uns wahre Sündenerkenntnis, rechten Glauben an den Erlöser,
stärke uns im Kampf gegen die alte Schlange und verleihe uns völligen Sieg um
Christi Jesu, unseres siegreichen Erlösers, willen! Amen.
1. Mose 18,1-15: Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, da er saß an der
Tür seiner Hütte, da der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob
und sah, siehe, da standen drei Männer ihm gegenüber. Und da er sie sah, lief
er ihnen entgegen von der Tür seiner Hütte und bückte sich nieder auf die Erde
und sprach: HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor
deinem Knecht über. Man soll euch ein wenig Wassers bringen und eure Füße
waschen; und lehnt euch unter den Baum. Und ich will euch einen Bissen Brots
bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt ihr fortgehen. Denn darum seid
ihr zu eurem Knechte kommen. Sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast. Abraham
eilte in die Hütte zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß Semmelmehl,
knete und backe Kuchen. Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes gutes
Kalb und gab’s dem Knaben; der eilte und bereitete es zu. Und er trug auf
Butter und Milch und von dem Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen
vor und trat vor sie unter dem Baum, und sie aßen.
Da sprachen sie zu ihm: Wo ist deine Frau
Sara? Er antwortete: Drin in der Hütte. Da sprach er: Ich will wieder zu dir
kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das
hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und sie waren beide, Abraham
und Sara, alt und wohl betagt, also dass es Sara nicht mehr ging nach der
Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin,
soll ich noch Wollust pflegen, und mein Herr auch alt ist! Da sprach der HERR
zu Abraham: Warum lacht des Sara und spricht: Meinst du, dass wahr sei, dass
ich noch gebären werde, so ich doch alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich
sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara
einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht; denn sie
fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht also, du hast gelacht.
Geliebte in dem HERRN!
Wie wunderbar hat Gott Abraham, den Vater
der Gläubigen geführt! Als er aus Ur in Chaldäa nach Haran in Mesopotamien
gekommen war und dort eine Zeitlang gewohnt hatte, erhielt er den Befehl: „Gehe
aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus
in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Mit diesem Befehl wurde ihm aber auch
die Verheißung gegeben, dass von ihm ein großes Volk entsprießen, er selbst
einen großen Namen erhalten, und in ihm alle Geschlechter auf Erden gesegnet
werden sollten. Das geschah, als Abraham 75 Jahre alt war. Er gehorchte diesem
Befehl der HERRN, kam zuerst nach Sichem, erhielt dort die andere Verheißung:
„Deinem Samen will ich das Land geben“, zog dann nach Bethel und schlug dort
seine Hütte auf. An beiden Orten baute er einen Altar und predigte von dem
Namen des HERRN. Aber kaum hatte er das seinen Nachkommen verheißene Land
weiter nach Süden durchzogen, so trieb ihn eine große Hungersnot nach dem
getreidereichen Ägypten. Von dort zurückgekehrt, kam er wieder nach Bethel,
schied sich friedlich und großmütig von seinem Neffen Lot, indem er diesem den
besten Teil des Landes überließ, und schlug seinen Wohnsitz im Hain Mamre bei
Hebron auf, baute auch dort einen Altar und predigte von dem Namen des HERRN.
Schon hieraus ersehen wir, anderes
übergehend, wie bewegt das Leben des großen Erzvaters war. Er war 75 Jahre alt,
als er Haran verließ und ins Land Kanaan kam. Er starb im Alter von 175 Jahren
und hat demnach, von seinem Aufenthalt in Ägypten abgesehen, hundert Jahre in
Kanaan gelebt. Unter diesen war aber das 24. – in seinem ganzen Alter das 99. –
Jahr das ereignisreichste. Denn in diesem Jahr erschien ihm der HERR im Hain
Mamre und sprach zu ihm: „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm!“
machte einen Bund mit ihm, wiederholte die Verheißung, dass er ein Vater vieler
Völker werden solle, änderte seinen Namen Abram in Abraham, das heißt: ein
Vater vieler Völker, um, verhieß ihm, dass auch Könige von ihm kommen sollten
und gab ihm die Beschneidung als Zeichen des mit ihm gemachten Bundes. Mehr
noch: Auch seine Frau, Sarai, sollte hinfort Sarah heißen, weil der HERR sie
segnen wollte, und aus ihr Könige entsprießen sollten. Diese Verheißung war so
groß, so überschwänglich, da Abraham 99, Sarah 90 Jahre alt war, dass Abraham
anbetend zu Boden sank und, weil dies nach dem natürlichen Lauf in einem
solchen Alter für die Vernunft unfasslich war, unwillkürlich lachen musste. Das
war freilich kein ungläubiges, sondern ein heiliges Lachen, ein Lachen vor
Freude. Nachdem ihm nun noch die Verheißung gegeben worden war, dass auch der
ihm von Hagar geborene Ismael eine große Nachkommenschaft haben, dass aus
dieser zwölf Fürsten erstehen sollten, da wurde ihm im Hain Mamre, noch eine
weitere, bis dahin noch nicht dagewesene Erscheinung des HERRN zuteil. Als er
nämlich eines Tages vor seinem Zelt saß, erblickte er in einiger Entfernung
drei Männer. Sofort erhob er sich, lief den Männern entgegen, begrüßte sie in
demütiger Weise und bat sie, bei ihm einzukehren, damit er ihnen ein Mahl
bereiten könne. Davon berichtet der heutige Text. Betrachten wir daher heute
aufgrund desselben:
Das
heilige Mahl im Hain Mamre
1.
Abraham
bereitete es in gastfreundlicher Weise.
2.
Er bewirtete
dadurch hohe Gäste.
3.
Er erhielt bei
diesem Mahl eine bestimmte Verheißung.
1.
Abraham saß eines Tages vor seinem
Zelt, als der Tag am heißesten war, also um die Mittagszeit, und sah,
aufblickend, unerwartet drei Männer in geringer Entfernung. Woher diese Männer
gekommen waren, wusste er nicht. Aber sobald er sie sah, lief er ihnen von der
Tür seiner Hütte aus entgegen und bückte sich vor ihnen nieder auf die Erde.
Dass Abraham sich vor diesen Männern tief bückte, zeigt, dass er in ihnen keine
gewöhnlichen, sondern Männer von außerordentlicher Erscheinung erkannte, denen
er eine demütige Ehrbezeigung schuldig sei. Er selbst war ja ein angesehener
Mann, der Besitzer großer Herden. Er verkehrte mit Fürsten und Königen, zum
Beispiel mit dem König Abimelech zu Gerar und dem König von Sodom. Hatte er
doch auch 400 kriegsgeübte Knechte, mit denen er die vier Könige schlug, die
seinen Neffen Lot in Sodom gefangengenommen und mit aller seiner Habe
hinweggeführt hatten. Schon als er aus Ägypten zurückkehrte, war er, wie wir 1.
Mose 13,2 lesen, sehr reich an Vieh, Silber und Gold, was ihm überall, wohin er
kam, bei den Fürsten großes Ansehen verlieh.
Aber er begrüßte jene Männer nicht nur in
demütiger, ehrfurchtsvoller Weise, sondern lud sie auch ein, bei ihm
einzukehren; denn er sprach zu einem derselben: „HERR, habe ich Gnad gefunden
vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein
wenig Wasser bringen und eure Füße waschen, und lehnt euch unter den Baum. Und
ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt
ihr fortgehen. Denn darum seid ihr zu eurem Knecht gekommen“, das heißt: Denn
eben deshalb, um mir Gelegenheit zu geben, euch gastfreundlich aufzunehmen, zu
bewirten und zu stärken, seid ihr hier hergekommen. So gastfreundlich lud
Abraham jene Männer ein. Er würde es sich als eine Ehre anrechnen, wenn sie bei
ihm einkehrten und er sie bewirten könne. Und die Männer nahem die herzliche
Einladung an; sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast.“
Abraham sorgte nun für eine reichliche
Bewirtung seiner Gäste. Als diese sich niedergelassen hatten, eilte er in die
Hütte das Zelt, zu Sarah und sagte, sie sollte schnell von dem feinsten Mehl
Kuchen, Aschkuchen, die auf heißen Steinen schnell gebacken werden konnten,
herstellen. Sodann eilte er zu den Rindern, wählte eines der besten und
zartesten Kälber aus und ließ es von einem seiner Knechte schlachten und
zubereiten. Als diese Speisen zubereitet waren, trug er sie selbst auf, dazu
Milch und Butter, und bediente seine Gäste. Er bewies sich als freigebiger Wirt
und demütiger Aufwärter; denn er aß nicht mit den Gästen, sondern wartete ihnen
auf. Wenig hatte er bei der Einladung versprochen: Wasser, um die Füße zu
waschen, und einen Bissen Brot, viel und reichlich aber gab er: Milch und
Butter, Kuchen und den besten Braten. Er war ein reicher Mann, ein Fürst, und
wie ein Fürst bewirtete er sseine Gäste mit dem Besten, was er unter den
Umständen, in Anbetracht der Kürze der Zeit, beschaffen konnte. Sarah, die
schon von Gott den Titel einer Fürstin erhalten hatte, knetete und backte den
Kuchen selbst; sie hielt sich für diese Arbeit nicht zu vornehm. Abraham
selbst, der so viele Knechte unter sich hatte und in fürstlichem Ansehen unter
den Bewohnern des Landes stand, ja, mit dem Gott geredet hatte, schämte sich
nicht, seinen Gästen bei Tisch aufzuwarten. Das war aufrichtige und herzliche
Gastfreundschaft, die der große Mann an jenen Männern übte.
Fragen wir, warum er solche
Gastfreundschaft geübt hat, so lautet die Antwort: Einmal, weil er in wahrer
Gottesfurcht stand, und der Glaube sich durch die Liebe tätig erweist; sodann,
weil er des Öfteren in fremden Gegenden ein Fremdling und Gast, wie bei den
Philistern in Ägypten, gewesen war und gelernt hatte, wie nötig und wohltuend
einem Gast aufrichtige, herzliche Gastfreundschaft ist. In der Übung der
Gastfreundschaft sollen wir uns daher den großen Erzvater zum Vorbild dienen
lassen, in seinen Fußstapfen wandeln, wie es der Apostel Paulus nennt. Daher
auch die Ermahnungen in der Heiligen Schrift an die Gläubigen, gastfrei zu
sein: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe in dein
Haus; so du einen nackend siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht von
deinem Fleisch“, ermahnt Jesaja Kap. 58,7; Petrus in seiner ersten Epistel
(Kap. 4,9): „Seid gastfrei unter untereinander ohne Murmeln“; Hebr. 13,2:
„Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn durch dasselbe haben etliche Engel beherbergt.“
Eine solche Gastfreundschaft erwiesen die Schwestern Martha und Maria dem HERRN
Jesus, in deren Haus er darum gerne weilte. Und wie hoch preist er diese
Tugend, da er unter den guten Werken, die er dereinst am Tag des Gerichts
preisen wird, auch die Gastfreundschaft nennt, indem er Matth. 25 spricht: „Ich
bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und
ihr habt mich beherbergt.“ Und auf diese Frage der zu seiner Rechten Stehenden,
wann sie ihm dies getan hätte, wird er antworten: „Wahrlich, ich sage euch: Was
ihr getan habt einem unter diesem meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir
getan.“
Aber wer waren die von Abraham in so
gastfreundlicher Weise bewirteten Gäste? Das wollen wir zweitens betrachten.
2.
Jene Gäste Abrahams werden „Männer“
genannt, waren also menschliche Personen, die sich dem Ansehen nach von anderen
Männern nicht unterschieden. Abraham kannte sie nicht, wie aus dem vierten und
fünften Vers unseres Textes hervorgeht, wo berichtet wird, dass er zu ihnen
gesagt habe, er wolle ihnen Wasser bringen lassen, damit sie ihre Füße waschen
könnten, und einen Bissen Brot, damit sie sich stärken und dann ihren Weg
fortsetzen könnten. Aber er merkte doch an ihrer ganzen Erscheinung etwas
Eigenartiges, Hohes, ja Himmlisches und Göttliches. Ihre ganze Haltung machte
auf ihnen einen besonderen, einen tiefen Eindruck; daher auch seine demütige,
ehrfurchtsvolle Begrüßung. Er merkte auch, dass einer der drei Männer vornehmer
sein müsse als die beiden anderen, dass er etwas Gebietendes, Königliches an
sich habe. Darum wandte er sich mit seiner Anrede an diesen mit den Worten:
„HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht an deinem Knecht
vorüber.“ Wer war der Angeredete?
Beachten wir zunächst, dass mit Ausnahme
der Frage: „Wo ist deine Frau Sarah?“ das Gespräch allein zwischen Abraham und
dem von ihm Angeredeten geführt wurde, die beiden anderen sich schweigend
verhalten. Schon dies weist deutlich darauf hin, dass dieser eine mehr als
seine beiden Begleiter war, sodann auch, dass Abraham zu ihm sprach: „HERR,
habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen“, ihn also mit HERR anredet. In der
Grundsprache steht für HERR ein Wort, das ausschließlich von Gott gebraucht
wird. Im 13. und 14. Vers unseres Textes wird er sogar Jahwe genannt, ein Name,
der niemals in der Heiligen Schrift einem Menschen oder Engel, sondern allein
Gott beigelegt wird. Daraus erkennen wir, dass der, von dem es im ersten Vers
heißt: „Der HERR erschien ihm im Hain Mamre“, kein anderer als Gott selbst, und
zwar der Sohn Gottes, Christus war. Wer aber waren die beiden Begleiter des
HERRN? Es waren Engel; denn Kap. 19,1 lesen wir: „Die zwei Engel kamen nach
Sodom“, und diese Engel waren ohne Zweifel keine anderen als die Begleiter des
HERRN. Wie diese den HERRN begleitet hatten, als er zu Abraham kam, wie sie
seine Verhandlung mit Abraham über den Untergang Sodoms mit angehört hatten, so
waren sie auch die Boten des HERRN nach Sodom, um Lot, den Neffen Abrahams, aus
der dem Untergang geweihten Stadt zu retten.
Waren aber diese Gäste Abrahams der Sohn
Gottes und die zwei Engel in menschlicher Gestalt, die sie nur vorübergehend
angenommen hatten, wie konnten sie dann die ihnen vorgesetzten Speisen
genießen? Es war das kein Schein-, sondern ein wirkliches Essen, und es erklärt
sich teilweise daraus, dass diese himmlischen Wesen einen menschlichen Leib
angenommen hatten. Aß doch auch der auferstandene HERR, wie uns Luk. 24
berichtet wird, ein Stück Fleisch und Honigsein vor seinen Jüngern. Schließlich
aber ist doch das Essen leiblicher Speise seitens himmlischer Wesen ein
Geheimnis.
So hatte Abraham den auch ihm verheißenen
Sohn Gottes und Messias nicht nur in menschlicher Gestalt gesehen, sondern
wahrscheinlich auch in der Gestalt, die er in der Fülle der Zeit von der
Jungfrau Maria annahm, und in der er unter seinen Jüngern auf Erden wandelte.
Auf diese seine Erscheinung weist der HERR wohl in seiner Disputation mit den
feindlichen Juden hin. Denn als er zu ihnen unter anderem sagte: „Abraham, euer
Vater, wurde froh, als er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute
sich“, und die Juden daraufhin spotteten: „Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt
und hast Abraham gesehen?“ da antwortete er ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich
sage euch: Ehe denn Abraham wurde, bin ich.“
War nun jenes im Hain Mamre vor dem Zelt
Abrahams unter einem Baum gehaltene Mahl nicht ein heiliges Mahl? Erwägt es:
Abraham, der Vater der Gläubigen, der als solcher an der Spitze aller Heiligen
steht, war der gastfreundliche Wirt, der Sohn Gottes und zwei Engel in der
Gestalt von Männern waren seine Gäste. Wahrlich, ein eigenartiges heiliges
Mahl! Aber es hat auch für uns seine vorbildliche Bedeutung; denn es lehrt uns,
dass wir auch hierin in den großen Erzvaters Fußtapfen wandeln und dessen
eingedenk sein sollen, dass es ein heiliges Mahl ist, wenn wir in rechter
Weise, wie Abraham dort den HERRN und die Engel, wahre Jünger des HERRN
speisen, tränken und kleiden. Das sind Werke, die Gott gefallen und die er
überschwänglich belohnen wird; denn er spricht Matth. 10,41 f.: „Wer einen
Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn
empfangen; wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, der wird
eines Gerechten Lohn empfangen; und wer dieser Geringsten einen nur mit einem
Becher kalten Wassers tränkt, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht
unbekannt bleiben!“
Welche Ehre wurde Abraham dadurch zuteil,
dass der HERR mit seinen himmlischen Begleitern bei ihm einkehrte und sich von
ihm bewirten ließ! Abraham erwies ihm durch seine gastfreundliche Aufnahme und
Bewirtung Ehre; noch viel größere Ehre aber erwies der HERR Abraham, indem er
sich von ihm bedienen ließ. Finden wir uns nicht geehrt, wenn ein angesehener,
hochgestellter Mensch bei uns einkehrt? Wenn wir einen hohen Gast erwarten, so
treffen wir alle Vorkehrungen, ihn gebührend zu empfangen und zu bewirten. Wir
tragen ihm das Beste auf, lassen es an nichts fehlen. Wieviel größer aber ist
die Ehre, wenn Jesus, der Sohn Gottes, als Gast zu uns kommt! Und er kommt zu
uns, wenn wir ihn darum bitten. „Komm, HERR Jesus, sei unser Gast und segne
alles, was du uns bescheret hast!“ so lautet eins unserer täglichen
Tischgebete. Und er kommt zu uns, freilich nicht in sichtbarer menschlicher
Gestalt, sondern unsichtbar, aber deshalb nicht weniger wirklich und
wahrhaftig. Und dann ist jedes Mahl auch ein heiliges Mahl und gesegnet, denn
er kommt zu den Seinen stets in Gnaden, um sie zu segnen, ihnen das eine oder
andere Gut zu bringen, wie dort bei Abraham, dem er bei dem Mahl eine große
Verheißung gab.
3.
Es scheint, als ob während des Mahles nicht
viel geredet worden ist. Endlich aber sprachen die Männer zu Abraham: „Wo ist
deine Frau Sarah?“ Diese hatte also an dem Mahl, wie es im Morgenland Sitte
ist, nicht teilgenommen. Auf die Antwort, sie sei im Zelt, indem sie das
Gespräch der Männer unter einem Baum gehört hatte, sprach der HERR: „Ich will
wieder zu dir kommen um die Zeit, wenn sie wieder auflebt“, das heißt, wenn
diese Jahreszeit wieder da ist, also übers Jahr, und „siehe, so soll Sarah,
deine Frau, einen Sohn haben.“ Welch eine Verheißung war das für Abraham! Wohl
war ihm schon früher verheißen worden, dass ihm von Sarah ein Sohn geboren
werden sollte; und wie sehnsüchtig hatte er die Erfüllung dieser Verheißung
herbeigesehnt! Als sie sich verzögerte, war er darüber in große Anfechtung
geraten, so dass er, wie wir im 15, Kapitel lesen, ausgerufen hatte: „HERR,
HERR, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Hausvogt,
dieser Elieser von Damaskus, hat einen Sohn. Mir hast du keinen Samen gegeben,
und siehe, der Sohn meines Gesindes soll mein Erbe sein.“ Nun aber sagt ihm der
HERR: Über ein Jahr soll die Verheißung erfüllt sein, da soll Sarah, deine
Frau, einen Sohn haben. Sarah hatte diese Worte des HERRN, als sie hinter der
Tür der Hütte stand, gehört, und da beide, Abraham und Sarah, alt und
wohlbetagt waren, Abraham 99 und Sarah 90 Jahre alt, so dass es Sarah nicht
mehr nach der Frauen Weise ging, so lachte sie bei sich selbst und sprach: „Nun
ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen, und mein Herr auch alt ist!“
Jedenfalls hatte ihr Abraham die ihm früher gegebene Verheißung mitgeteilt, und
sie hatte ihm nicht geglaubt. Jetzt, da sie diese Worte aus dem Mund des HERRN
selbst hörte, glaubte sie wieder nicht, denn es kam ihr lächerlich vor, dass
sie noch in ihrem hohen Alter einen Sohn haben solle. Aber der HERR sah als der
Allwissende dieses Lachen und sprach zu Abraham: „Warum lacht Sarah und
spricht: ‚Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, so ich doch
alt bin?‘ Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ Und nun wiederholte er die
Verheißung: „Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, um ein Jahr, so soll
Sarah einen Sohn haben.“ Sei es nun, dass Sarah selbst oder auf die
Aufforderung des HERRN hervortrat: Sie leugnete und sprach: „Ich habe nicht
gelacht“, denn sie fürchtete sich. Sie leugnete also aus Furcht, nicht
mutwillig. Und der HERR strafte sie deswegen nicht so hart wegen dieser
Schwachheit, sondern ließ es bei den Worten bewenden: „Es ist nicht so, du hast
gelacht.“ Wir sehen hieraus, wie große Nachsicht der HERR mit den Schwachheiten
der Seinen hat, wie freundlich er mit ihnen handelt. Auch solche
Schwachheitssünden sind Sünden, aber er belegt sie deshalb nicht gleich mit der
schwersten Strafte, wie wir Menschen es oft tun, die wir doch mit unseren
beschränkten Augen die Gerechtigkeit Gottes in der Höhe und Tiefe so wenig
erkennen können.
Aber mochte Sarah die Erfüllung dieser
Verheißung noch so unmöglich erscheinen, sie wurde erfüllt. Nach einem Jahr
hatte sie einen Sohn, und Abraham nannte ihn Isaak, das heißt, „Er lacht“, weil
er selbst, wie wir Kap. 17,17 lesen, vor Freude gelacht hatte, als ihm der HERR
gesagt hatte, dass er ihm von Sarah einen Sohn in seinem Alter geben wolle, und
auch Sarah über die Worte des HERRN bei diesem Mahl gelacht hatte. So erfuhren
beide, dass bei dem HERRN nichts wunderbar, nichts unmöglich sei, und dass er,
was er verheißt, gewiss hält.
Das war der Segen und der herrliche Lohn,
den Abraham für seine gastfreundliche Bewirtung des HERRN und seiner Begleiter
erhielt. War es auch nicht dadurch ein gesegnetes Mahl? Wie weit lässt sich
doch Gott herab, wenn wir mit heiligen Engeln bei schwachen, sündigen Menschen,
zu denen auch Abraham, obwohl er einen starken Glauben hatte, gehörte, als Gast
einkehrt und sich von ihnen bewirten lässt! Auch bei uns will er einkehren, wie
er verheißen hat: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und mein Vater
wird ihn lieben; und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Er
kommt zu uns durch sein Wort, will in unserem Herzen wohnen, nicht
vorübergehend, sondern dauernd. Lasst uns ihn als den besten Gast in Ehrfurcht
aufnehmen und ihm alles, was wir sind und haben, darbringen und damit ihn
gastfreundlich bewirten, so wird er auch uns reichlich segnen. Darum:
Komm,
o mein Heiland Jesus Christ,
Meins
Herzens Tür dir offen ist;
Ach,
zieh mit deiner Gnade ein!
Dein
Freundlichkeit auch uns erschein;
Dein
Heilger Geist uns führ und leit
Den
Weg zur ewgen Seligkeit!
Amen.
Jesaja 40,9-11: Zion, du Predigerin, steig auf einen hohen Berg! Jerusalem, du Predigerin,
hebe deine Stimme auf mit Macht, heb auf und fürchte dich nicht; sage den
Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!
Denn siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; und sein Arm wird
herrschen. Siehe, sein Lohn ist bei ihm,
und seine Vergeltung ist vor ihm. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte; er
wird die Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen und die
Schafmütter führen.
Das ist ein erhabenes Wort Gottes, das wir
soeben vernommen haben. Es stellt uns die hohe Aufgabe des neutestamentlichen
Zion, der Kirche des Neuen Testaments, vor Augen, und zwar in einem Bild, das
ebenso ernst als lieblich ist. Um dieses Bild recht zu erkennen, müssen wir
zunächst auf den Zusammenhang eingehen, in welchem unser Text mit dem
Vorhergehenden steht.
Zu Anfang dieses Kapitels vernehmen wir den
Zuruf: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Dieser Zuruf ergeht von Gott an seine
Boten, die er zu seinem Volk sendet. Sie sollen sein Volk, sein auserwähltes
Eigentum, das sich in tiefer Erniedrigung befindet, trösten. Und diese Boten
treten auf und verkündigen gleichsam im Chor: Eure Ritterschaft, euer
Kriegsdienst, hat ein Ende; denn eure Missetat ist vergeben; der HERR, euer
Gott, naht sich euch mit Gnade und Errettung. Nun tritt ein einzelner Bote oder
Herold aus der Wüste auf und verkündigt die unmittelbare Nähe des Erretters aus
dem Elend und fordert sie auf, dem Nahenden den Weg zu bereiten, ihm ebene Bahn
zu machen. „Bereitet dem HERRN den Weg, macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn
unserem Gott!“ ruft er ihnen zu. Entfernt alles, was seinem Kommen hinderlich
sein kann, weil durch sein Kommen die Herrlichkeit des HERRN offenbar werden
soll.
Nachdem dieser Bote seinen Auftrag
ausgerichtet hat, tritt ein anderer Bote auf und ruft mit weithin schallender
Stimme im Auftrag des HERRN: „Alles Fleisch ist Heu, und alle seine Güte ist
wie eine Blume auf dem Feld. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; denn des
HERRN Geist bläst drein. Ja, das Volk ist das Heu.“ Damit verkündigt dieser
Bote die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Geschlechts und alles
dessen, was ihm zugehört. Wie das Gras alsbald verdorrt, wenn es von der Sense
des Schnitters getroffen wird, wie die Blume mit ihrer Schönheit dahinwelkt, so
der einzelne Mensch und das ganze menschliche Geschlecht mit all seiner
Herrlichkeit und seiner Kraft, wenn der Hauch des HERRN es anweht. In all
dieser Vergänglichkeit, dieser Nichtigkeit, ist nichts, was nicht dahinsinkt,
verwelkt und verdorrt, als „das Wort unseres Gottes“; denn dieses steht ewig
und unbeweglich da.
Beide Boten haben ihren Auftrag
ausgerichtet. Sie haben, nachdem der Chor abgetreten, jener die Aufforderung,
dem nahenden HERRN den Weg zu bereiten, dieser, die Vergänglichkeit und
Nichtigkeit zu verkündigen, ausgerichtet. Nun ergeht in unserem Text, der sich
unmittelbar daran anschließt, eine Aufforderung an Zion, die Tochter Zions oder
Jerusalem; diese soll nun als Predigerin, als Botin des HERRN, auftreten, soll
das tun, was ich jetzt, allerdings in einem geringeren Maß, vor euch tue. Ich
stehe hier an einem erhöhten Ort vor euch, erhebe meine Stimme und bringe euch
im Namen meines Gottes eine Botschaft, durch die ein Befehl an euch ergeht, den
ihr ausrichten sollt. So soll Zion, Jerusalem, auf einen hohen Berg steigen,
soll seine Stimme mit Macht erheben und ohne alle Furcht eine Botschaft
erschallen lassen, die in allen Landen gehört wird. Und dies Zion, was ist es?
Es ist die Kirche des Neuen Testaments und somit auch, da diese aus den
Gemeinden an einzelnen Orten besteht, auch diese eure Gemeinde. Also auch an
euch, meine Freunde, als eine Gemeinde und ein Teil der Kirche des Neuen
Testaments, ergeht diese Aufforderung, dass ihr auf einen hohen Berg treten,
eure Stimme mit Macht erheben und die euch übergebene Botschaft weithin in alle
Lande erschallen lassen sollt. So hört denn jetzt:
Die
Botschaft, die das neutestamentliche Zion ausrichten soll
Es ist eine Botschaft, die
1.
Ihm von Gott
dem HERRN befohlen ist,
2.
Das Kommen des
HERRN verkündigt,
3.
In alle Lande
erschallen soll.
1.
„Zion, du Predigerin“, so heißt es in
unserem Text, „steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Predigerin, hebe deine
Stimme auf mit Macht, heb‘ auf und fürchte dich nicht!“ An Zion, an Jerusalem,
ergeht diese Aufforderung oder dieser Befehl. Diese wird eine Predigerin
genannt und soll als solche, auf einem hohen Berg stehend, mit Macht ihre
Stimme erheben, so dass diese weithin in die Ferne dringt.
Auf dem Berg Zion stand bekanntlich der
Tempel des HERRN, in dem er selbst wohnte, und von dem aus er sich offenbarte,
und am Fuß des Heiligtums las die Stadt Jerusalem, die deswegen auf die Stadt
Zion genannt wurde. Weil aber Jerusalem mit dem heiligen Tempel in
gottesdienstlicher Beziehung den Mittelpunkt des Volkes Israel bildete, wohin
es alljährlich zu den hohen Festen pilgerte, so wurde auch dieses mit dem Namen
Zion benannt, wie es sonst an anderen Stellen, so auch in unserem Text,
geschieht. Und da Zion, Jerusalem, ein Vorbild auf die Kirche des Neuen
Testaments war, so wird diese das neutestamentliche Zion genannt. So ergeht
denn an diese, die Kirche des Neuen Testaments, die in unserem Text enthaltene
Aufforderung: Sie soll als Predigerin auftreten, soll als solche eine Botschaft
ausrichten. Bedarf es dafür noch eines Beweises, so darf ich nur auf den Befehl
des HERRN in der Zeit der Erfüllung hinweisen, den er seinen Jüngern in den
Worten erteilte: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller
Kreatur!“
Dieser Befehl ist ein göttlicher, denn er
ist von Gott selbst gegeben; und somit auch die Botschaft, die sie ausrichten
soll, eine göttliche, von Gott ihr gegebene. Oder redet nicht Gott in unserem
Text? Spricht er nicht im ersten Vers unseres Kapitels: „Tröstet, tröstet mein
Volk, spricht euer Gott“? und in V. 5: „Der Mund des HERRN redet“?
Ja, wie in dem Vorhergehenden, so redet auch in unserm Text Gott; er ist es,
der spricht: „Zion, hebe deine Stimme auf mit Macht!“ Wenn diese Worte an das
neutestamentliche Zion, die Kirche, gerichtet sind, so sind sie auch an mich
und an euch, an alle, die zu ihr gehören, das heißt, an alle Gläubigen, die
sein Volk, sein Zion sind, gerichtet. Wenn aber unser Gott redet, wer sollte
nicht hören? Wenn er seine Stimme erhebt, wer sollte nicht gehorchen? Wenn ein
Mensch zu uns redet, so mögen wir ihm wohl unser Ohr verschließen; wenn er uns
einen Befehl erteilt, und wenn es auch ein Hochgestellter, ja ein Fürst oder
König wäre, so könnten wir erst überlegen, ob wir ihn zu hören, seinem Befehl
zu gehorchen haben, bedenken, ob er uns zu befehlen Recht oder Macht habe; aber
wenn Gott zu uns redet, der durch sein allmächtiges Werde Himmel und Erde aus
nichts ins Dasein gerufen, die Erde und alles, was darin ist, gemacht hat, der
das Firmament über uns wie einen kristallenen Spiegel ausbreitet und mit
Myriaden von Sternen geschmückt, der auch uns erschaffen, die zu Ohren zu
hören, den Mund zu reden gegeben hat: Sollten wir sein Wort nicht hören, seinem
Befehl nicht gehorchen? Ja, „hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren; denn
der HERR redet!“ Mit diesen Worten begann der Prophet Jesaja das Buch seiner
Weissagungen, und so müssen auch wir in Demut und Ehrfurcht sprechen, wenn der
HERR zu uns redet. So lasst uns denn dessen eingedenk sein, meine Freunde, dass
er in unserem Text uns gegebene Befehl uns von Gott selbst gegeben ist, und
darum die Botschaft, die wir ausrichten sollen, willig und gern ausrichten.
„Hebe deine Stimme auf, fürchte dich nicht!“ ruft er uns zu und ermahnt uns,
die Botschaft nicht mit leiser, sondern mit lauter Stimme zu verkündigen, so
dass sie weit und breit gehört werden kann, auch nicht furchtsam, sondern ohne
alle Furcht, mit Unerschrockenheit, nicht mit Scham, sondern mit heiliger
Freimütigkeit, wie die Apostel am Pfingstfest zu Jerusalem vor den Tausenden
auftraten und redeten. Sollten wir zaghaft sein, wenn wir einen göttlichen
Befehl ausrichten, uns schämen, wenn wir eine göttliche Botschaft verkündigen,
uns fürchten, wenn der allmächtige Gott uns zur Seite steht? Seht, wie
unerschrocken die Apostel am ersten neutestamentlichen Pfingsten, wie später
Petrus und Johannes redeten, obwohl ihnen Geißelung und Gefängnis drohte, und
wie Paulus ausruft: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn
es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ Die
Apostel erhoben ihre Stimme mit Macht und fürchteten sich nicht. Mit derselben
unerschrockenen Freimütigkeit sollen auch wir diese göttliche Botschaft
ausrichten, und das umso mehr, weil es eine Botschaft ist, die das Kommen des
HERRN verkündigt. Dies ist der Inhalt, und darauf lasst uns zweitens blicken.
2.
„Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer
Gott!“ heißt es. Eine wunderbare Botschaft, nicht wahr? „Siehe, da ist euer
Gott!“ das ist der Kern, der eigentliche Inhalt der Botschaft. Wenn ihr mich
fragt: Ist das die ganze Botschaft, die Zion, die auch wir ausrichten sollen,
so antworte ich: Ja, das ist alles; denn die folgenden Verse unseres Textes
sind nur nähere Ausführung.
Aber nun haltet das in unserem Text
gegebene Bild fest. Da steht Zion auf einem hohen Berg, weithin sichtbar, die
Tochter Jerusalem in leuchtender, aufrechter Gestalt. Sie blickt mit Spannung
in die Ferne. Da sieht sie den daherkommen, den sie sehnlich erwartet hat, den,
der so lange Zeit5 verheißen war, der kommen sollte; und sowie sie ihn
erblickt, erhebt sie ihre Stimme mit Macht, weist mit ausgestreckter Hand auf
ihn hin und ruft mit einer Stimme, die weithin durch die Städte Judas bringt:
„Seht, da ist euer Gott!“ Sie, die Tochter Zions, kennt den Daherkommenden,
kennt ihn als den Gott der Städte Judas, und darum ruft sie diesen mit
mächtiger, aber freudenvoller Stimme zu: „Seht, da ist euer Gott!“ und fügt
hinzu: „Siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; seine Vergeltung ist vor ihm.“
Beachtet, dass die Tochter Zions dreimal „Siehe!“ ausruft, um ja aller Augen
auf den Kommenden zu richten; denn es ist Gott, der HERR Zebaoth, und er kommt
gewaltig, mit Macht, kommt, um mit seinem Arm, seiner Macht, zu herrschen.
Wer ist der, den die Tochter Zions den Gott
der Städte Judas, HERR, Jahwe, nennt, dessen Kommen sie mit so freudig
erhobener, lauter Stimme verkündigt? Der, dessen Kommen in der Verheißung
angekündigt war: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem
David ein gerechtes Gewächs erwecken will. … Und dies wird sein Name sein, dass
man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist“; ferner: „Aber du,
Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalems, jauchze! Siehe, dein
König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, am, und reitet auf einem Esel
und auf einem jungen Füllen der Eselin.“ Aber kommt der mit Macht, der nicht
auf stolzem Schlachtross, sondern auf einem Füllen der Eselin daherkommt, nicht
an der Spitze eines mächtigen Heeres, sondern inmitten unscheinbarer Jünger?
Kann und wird der herrschen? Ja, das wird er trotz seiner Niedrigkeit; denn er
ist ja Gott, HERR, Jahwe, der Jungfrauensohn, aber doch auch wahrhaftig Gottes
Sohn, Jesus Christus, der Held, dem die Völker anhangen sollen, der herrschen
wird, den die Städte Judas als ihren Gott an- und aufnehmen sollen.
Wie kommt er? Nicht allein gewaltig oder
mit Macht, sondern auch mit seinem Lohn und mit seiner Vergeltung, die vor ihm
ist. Was für ein Lohn, was für eine Vergeltung ist das? Nicht der Lohn, den er
seinen Feinden gibt, nicht die gerechte Vergeltung für ihre Feindschaft,
sondern der Lehn, den er seinem Zion bringt und zuführt, nämlich die durch
seine mächtigen Taten Erlösten, die an ihn gläubig gewordenen, die er von der
Obrigkeit der Finsternis errettet hat; es sind die Schafe aus dem anderen
Stall, die Heiden, die er herführt und mit seiner Herde vereinigt. Die hat er
nicht durch die Gewalt der Waffen, sondern durch sein Wort, sein Evangelium,
erkämpft und gewonnen; denn dies Wort ist ein mächtiges Wort, das den Fürsten
der Finsternis bezwingt, die Ketten er Sünde sprengt. Oder ist es nicht so,
meine Freunde? Blickt in die Geschichte seines alt- und neutestamentlichen
Reiches. Er sendet Pharao die Botschaft: „Lass man Volk ziehen!“ Dieser
antwortet vermessen: „Wer ist der HERR, dessen Stimme ich gehorchen müsste?“ Er
wird mit Ross und Reitern im Roten Meer ersäuft. Da steht der stolze
Nebukadnezar auf seiner stolzen Burg; aber er wird auf das Feld in den Tau des
Himmels geworfen. Das stockte Volk der Juden will ihn nicht über sich herrschen
lassen, darum wir ihre Stadt samt dem Tempel in einen Trümmerhaufen verwandelt.
Die Heiden toben gegen ihn, und die Herren lehnen sich auf gegen ihn, den
Gesalbten; sie toben gegen ihn mit Feuer und Schwert. Sein Reich aber erstreckt
sich heute von den Eisgestaden des Nordens bis unter die Palmen des heißen
Südens; die Inseln schweigen vor ihm und huldigen ihm. Sein Arm, sein mächtiges
Wort der Gnade, herrscht unter den Völkern, unter denen die Botschaft Zions:
„Siehe, da ist euer Gott!“ erschollen ist und noch erfüllt.
Darum sollen auch wir, sein
neutestamentliches Zion, seine Botschaft: „Da ist euer Gott!“ wie von einem
hohen Berg mit erhobener Stimme in die Städte Judas nicht allein, sondern auch
in die der Heiden erschallen lassen; denn sein Arm soll und wird auch unter
denen herrschen. Von welchem hohen Berg? Nicht von dem Berg Zion im gelobten
Land, nicht von Sinai oder von einem anderen natürlichen Berg auf der Erde,
sondern von dem Berg unseres Glaubens, des festen göttlichen Glaubens an ihn,
unseren Gott und Heiland, und an die Verheißung, dass er mit seinem Arm, seinem
Evangelium, herrschen wird. In und auf diesem Glauben stehend, erheben wir
getrost unsere Stimme und rufen ohne Furcht und Zagen: „Seht, da ist euer
Gott!“ Er kommt zu euch mit seiner Gnade, mit den Gütern des Heils, die er
erworben hat, mit Vergebung der Sünden, mit Gerechtigkeit, mit Heil, mit
Seligkeit; er kommt, um uns zu befreien von der Knechtschaft der Sünde, zu
erretten aus der Macht Satans und aus den Schrecken des Todes. Nehmt ihn auf als
euren König; denn er ist euer Gott. Dient ihm im Glauben, mit Freuden; denn er
ist euer Heiland, euer Errettet, Seligmacher.
Nehmt ihn au; denn: „Er wird seine Hede
weiden wie ein Hirte und die Schafmütter führen“, so lautet der letzte Vers
unserer Botschaft. Welch ein liebliches Bild, meine Zuhörer! Er, der gewaltig
kommt, dessen Arm herrscht mit Macht über seine Feinde, der mit Sanftmut
herrscht über die Seinen, der weidet sie, die Erlösten, wie ein Hirte, weidet
sie auf den grünen Auen seines Wortes, führt sie zu den frischen Wassern seiner
Gnade, erquickt ihre Seelen mit seinem Trost, führt sie auf rechter Straße,
schützt sie in Nöten und Trübsalen, und die Lämmer, die Schäflein, sammelt er
in seine Arme und trügt sie, nimmt sie in seiner Liebe an seinen Busen, und die
Schafmütter führt er in ihrer Schwachheit sanft und milde.
Das, meine Freunde, ist die Botschaft, die
auch wir ausrichten sollen. Ist das nicht eine Botschaft des Heils, der Freude,
der Seligkeit, die wir von dem hohen Berg unseres felsenfesten Glaubens aus mit
lauter Stimme, ohne alle Furcht, in freudiger Zuversicht ausrichten sollen?
Möge sie denn auch von uns, die wir zu Zion gehören, so erschallen hier in
unserem Land, in unseren Städten und auf dem Land, auf den Bergen und in den
Tälern, in den Wäldern, wo die Axt den Urwald lichtet, und auf den weiten Fluren,
wo der Pflug seine Furchen zieht, ja erschallen in den entferntesten Ländern
der Erde, wo die blinden Heiden zu ihren stummen Götzen flehen! Darüber lasst
mich noch zum Schluss kurz reden.
3.
„Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer
Gott!“ Allen Städten Judas soll diese Botschaft gebracht werden, also dem
ganzen Land. Wie viele in ihren Städten kennen ihren Gott und Heiland nicht,
sondern sind in heidnischer Abgötterei versunken! Ephraim hatte sich, wie es
beim Propheten Hosea heißt, zu den Götzen gesellt. Und zu Götzen haben sich
alle gesellt, die nicht den als ihren Gott und Heiland erkannt und angenommen
haben, auf den in der Botschaft: „Siehe, das ist euer Gott!“ hingewiesen wird.
Denn werden Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, da der Vater in dem
Sohn geehrt wird. Der Gott, den man sich ohne Christus macht, ist weiter nichts
als ein Götze. So dienen denn alle, die Christus nicht als den Sohn Gottes und
Heiland erkannt haben, den Götzen und gehen verloren, wenn sie ihn nicht
erkennen; denn so spricht der HERR Joh. 17: „Das ist aber das ewige Leben, dass
sie dich, dass du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus
Christus, erkennen“; und deswegen soll diese Botschaft: „Siehe, da ist euer
Gott!“ in allen Landen erschallen, damit die Menschen an allen Enden der Erde
ihn erkennen, glauben und selig werden.
Lasst mich dies, meine Zuhörer, so
darstellen: Gesetzt, ihr alle hättet von Christus noch nichts gehört, hättet
ihn nicht erkannt, sondern der eine diente diesem, der andere einem anderen
Götzen, und ich würde euch zurufen: Ihr seid alle Götzendiener; seht, der
allein ist euer Gott, der Gott und Mensch in einer Person ist, Jesus
Christus; an den glaubt, in ihm allein ist Vergebung der Sünden, Leben und
Seligkeit – würde diese Botschaft nicht wie ein Blitz unter euch fallen? Aber
so ist es stets gewesen, wo immer diese Botschaft Juden und Heiden verkündigt
worden ist. Als sie von den Aposteln am Pfingstfest einer großen Menge
verkündigt wurde, da hatten’s etliche ihren Spott, anderen ging sie durchs
Herz. Ja, die Apostel haben mit dieser Botschaft, wie es Apg. 17 heißt, den
ganzen Weltkreis erregt. Sie war den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine
Torheit. Als sie Paulus den Athenern verkündigte, spotteten die Weltweisen:
„Was uns dieser Lotterbube sagen?“ So ist es heute noch, wenn die Missionare
diese Botschaft den Heiden verkündigen. Aber doch erweist sie sich überall als
eine Gotteskraft, die selig macht alle, die daran glauben. Blickt auf den
Apostel Paulus. Er verkündigt diese Botschaft in Thessalonich; die
halsstarrigen Juden erregen zwar einen Aufruhr, aber doch wird eine große Menge
gläubig und gesellt sich zu ihm. Er kommt nach Athen, wo die Weltweisheit
damals ihren Sitz hatte. Er wandelt durch die Straßen, die links und rechts mit
aus Marmor gemeißelten Götzenbildern besetzt sind, er ergrimmt im Geist über
die abgöttische Stadt. Er verkündigt diese Botschaft, „das Evangelium von Jesus
und von der Auferstehung der Toten“. „Es scheint, also wollte er neue Götter
verkündigen“, sprechen etliche höhnisch und spottend, andere: „Wir wollen dich
davon weiter hören.“ „Etliche aber hingen ihm an und wurden gläubig.“ So
überall, zu allen Zeiten. Und doch hat des HERRN Arm überall, wo diese
Botschaft erschollen ist, gesiegt und geherrscht. Durch diese Botschaft hat er
die Götzenbilder in Athen, in Korinth, in Thessalonich und in Rom zerschmettert
und in den Staub geworfen. Mochten die Epheser bei zwei Stunden schreien: „Groß
ist die Diana der Epheser!“ die große Göttin ist gestürzt, ihr Tempel zerstört,
und das Kreuz, das Siegeszeichen des Gekreuzigten, ist aufgerichtet. Kaiser
Julian machte es sich im vierten Jahrhundert zur Lebensaufgabe, Christi Reich
in seinem weiten Reich zu zerstören und das Heidentum wieder zur Herrschaft zu
bringen; aber sterbend musste er ausrufen: „Endlich, Galiläer, hast du doch gesiegt!“
Ja, das Kreuz, das Siegeszeichen dessen, der gekommen ist, steht heute noch
überall in den Städten und auf dem Land, und wo es noch nicht als solches
aufgerichtet ist, da solle s durch diese unsere Botschaft aufgerichtet werden,
bis die Verheißung erfüllt ist: „Er wird herrschen von einem Meer bis ans
andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die
in der Wüste; und seine Feinde werden Staub lecken.“ Und sie wird erfüllt
werden; sein Arm wird herrschen; denn er kommt noch immer gewaltig, so wahr er
Gott, Gott ist.
So wollen denn auch wir, meine Freunde, uns
als ein Zion, auf einem hohen Berg stehend, erweisen, wollen an unserem Teil
unsere Stimme mit Macht erheben, indem wir unsere Missionare und Reiseprediger
überall hinsenden, den Heiden und Juden und allen Abgöttischen fort und fort
zuzurufen: „Seht, da ist euer Gott, Jesus Christus, euer HERR und Heiland!“ Und
die an ihn gläubig Gewordenen wird er uns als Lohn zuführen; die wird er weiden
als ein Hirte, als Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen. Er
selbst aber mache uns zur Ausrichtung dieser seligen Botschaft willig und
geschickt! Amen.
1.
Mose 49,10: Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein
Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die
Völker anhangen.
In Christus, unserem Heiland, geliebte
Festgenossen!
Lasst euch nicht befremden, dass ich die
eben von euch vernommenen Worte der Heiligen Schrift unserer heutigen
Betrachtung zugrunde gelegt habe. Sie führen uns allerdings, wenn wir auf den
Zusammenhang achten, nicht in ein Haus, in welchem über die Geburt eines Kindes
Freude herrscht, sondern in ein Haus, in welchem ein sterbender Greis auf
seinem Bett liegt. Ein neugeborenes Kind und ein sterbender Greis, eine Wiege
und ein Sterbebett stehen freilich im größten Gegensatz. Das Kind tritt durch
seine Geburt in das Leben hinein, ein sterbender Greis tritt aus ihm hinaus.
Jenes beginnt seine Pilgerschaft, dieser beschließt sie. Aber wie wunderbar!
Der Greis, an dessen Sterbebett uns die verlesenen Textworte im Geist
versetzen, schaut im Glauben in eine ferne Zukunft; er blickt im Licht der
Verheißungen das Kommen, die Geburt eines Kindes, das der Welt das Heil bringen
und daher den Mittelpunkt der Heilsgeschichte bilden soll.
Dieser sterbende Greis ist der Erzvater
Jakob. Er ist 147 Jahre alt. Wie wunderbar hatte ihn Gott auf seiner irdischen
Pilgerschaft geführt, durch Tiefen und über Höhen, durch Nacht und durch Licht!
Er hatte vor seinem Bruder fliehen und dem Laban 20 Jahre lang dienen müssen.
Zudem hatten ihm namentlich die drei ältesten Söhne viel Kummer und Herzeleid
bereitet. Sein frommer Sohn Joseph war von den Brüdern in die Sklaverei
verkauft worden, und er hatte viele Jahre um ihn getrauert als um einen Toten.
Endlich hatte ihn eine große Teuerung gezwungen, Kanaan zu verlassen und nach
Ägypten zu ziehen. So konnte er der Wahrheit gemäß zu Pharao sagen: „Wenig und
böse ist die Zeit meines Lebens.“ Aber doch auch: Welch herrliche Offenbarungen
hatte der HERR ihm zuteil werden lassen! Auf der Flucht nach Mesopotamien hatte
er die Himmelsleiter erblickt und war von Gott selbst gesegnet worden. Auf der
Rückkehr nach Kanaan waren ihm zu Mahanaim die Engel Gottes erschienen. An der
Furt Jabbok hatte er mit Gott selbst gekämpft und gesiegt, war darauf gesegnet
worden und hatte den Ehrennamen Israel erhalten. In Ägypten hatte er siebzehn
Jahre in Ruhe und Frieden leben dürfen.
Nun ist das Ende seiner irdischen
Pilgerschaft gekommen. Alle seine Söhne sowie die beiden Söhne Josephs sind um
sein Bett versammelt, auch Joseph selbst, der Fürst über ganz Ägyptenland. Und
der scheidende Vater erteilt einem jeden einen besonderen Segen. Er beginnt mit
dem ältesten, Ruben; aber er erteilt ihm nicht den Segen der Erstgeburt, mit
dem ein doppelter Anteil ein Besitz und die Herrschaft über die jüngeren Brüder
verbunden war, auch nicht dem zweiten, Simeon, noch dem dritten, Levi, sondern dem
vierten Sohn, Juda, weil jene durch früher begangene Sünden sich des Segens der
Erstgeburt unwürdig gemacht hatten. Zu Juda sich wendend, sprach der Vater:
„Juda, du bist’s; dich werden deine Brüder loben.“ Vor dir werden deines Vater
Kinder sich neigen. „Juda ist ein junger Löwe. Du bist hoch gekommen, mein
Sohn, durch große Siege.“ Aber dieser Segen klingt in die prophetische
Weissagung aus: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein
Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die
Völker anhangen.“ Aufgrund diesesr Worte lasst mich denn jetzt zeigen:
Die
Weissagung des Erzvaters Jakob von dem zukünftigen Messias
Er weissagt
1. von der Zeit seines Kommens,
2. von seiner Person,
3. von seiner Herrschaft.
1.
Wie Jakob, obwohl der Jüngere, an Stelle
seines Bruders Esau durch den Segen seines Vaters Isaak das Recht der
Erstgeburt erhalten hatte, so erhielt nun Juda an Stelle des erstgeborenen
Ruben dasselbe Recht durch den Segen Jakobs. Juda hatte sich unter den Brüdern
durch Edelmut und Ritterlichkeit wiederholt hervorgetan. Er hatte es verhütet,
dass Joseph von seinen Brüdern getötet worden war, hatte sich für Benjamin bei
seinem Vater verbürgt und war bei Joseph in Ägypten für ihn eingetreten.
Deswegen – besonders aber durch göttliche Lenkung – erhob ihn Jakob durch
seinen Segen über seine Brüder zum Herrn und Gebieter und zum Stammvater des
zukünftigen Messias, indem er weissagend sprach! „Es wird das Zepter das Juda
nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held
komme.“
Juda sollte das Zepter über seine Brüder
führen. Was heißt das? Ein Zepter ist das sichtbare Zeichen oder Sinnbild der
Herrschaft, die ein Fürst über sein Volk als seine Untertanen ausübt. Wenn
Jakob daher weissagt, dass Juda das Zepter führen werde, so sagt er damit, dass
er unter seinen Brüdern die Stellung eines Königs einnehmen werde. Und eben
darum fügt er hinzu: „noch ein Meister von seinen Füßen“. Das Wort Meister
heißt hier Herrscherstab, so dass Jakob mit diesen Worten ankündet, dass Juda
auf dem Herrscherthron sitzen, und dass als Zeichen seiner Herrschaft der
Herrscherstab zwischen seinen Füßen ruhen werde. Diese Weissagung Jakobs stellt
Juda als einen König dar, der auf dem Herrscherthron sitzt und als Zeichen
seiner königlichen Macht den Herrscherstab, dessen unteres Ende zwischen den
Füßen ruht, in seiner Hand hält.
Und wie Jakob weissagt hat, so ist es
geschehen. Zwar berief Gott, als die Nachkommen der zwölf Söhne Jakobs in
Ägypten ein großes Volk geworden waren, keinen aus den Nachkommen, dem Stamm,
Juda zum Erretter derselben aus der Knechtschaft Pharaos und zum Führer durch
die Wüste, sondern Mose aus dem Stamm Levi und zum Nachfolger Moses Josua aus
dem Stamm Ephraim. Aber beim Auszug aus Ägypten und bei der Wanderung in der
Wüste zog der Stamm Juda an der Spitze und bildete also den Vortrab, wodurch
die hervorragende Stellung, die er einnehmen sollte, vorbedeutet war. Auch der
erste König des israelitischen Volkes, Saul, gehörte nicht dem Stamm Juda,
sondern dem Stamm Benjamin an. Als aber dieser verworfen, und zu seinem
Nachfolger David zum König über das ganze Volk gesalbt wurde, da wurde die
Weissagung Jakobs nach 635 Jahren erfüllt, dass Juda, einer aus dem Stamm Juda,
das Zepter über das Volk Israel führen sollte. Von David, dem Heldenkönig
Israels, an war stets einer aus dem Stamm Juda König, zuerst über alle und nach
Trennung der zehn Stämme unter Jerobeam über die beiden Stämme Juda und
Benjamin, die dem Haus Davids treu blieben.
Nun weissagt aber Jakob, das Zepter, die
königliche Herrschaft, solle von dem Stamm Juda nicht entwendet und der
Herrscherstab zwischen seinen Füßen solle nicht weggenommen werden, bis der
Held komme. Wer ist der, den er Held nennt? Kein anderer als der dem Volk
verheißene König, der Messias. Mit anderen Worten: Wenn der Messias erscheine,
dann werde keiner aus dem Stamm Juda auf dem Thron sitzen, sondern ein anderer
über das Reich Juda herrschen, und daran sollten die Gläubigen erkennen, dass
es die Zeit sei, in welcher der Messias, der Held, erscheinen müsse. Und diese
Weissagung ist erfüllt worden. Denn vom Jahr 37 vor Christi Geburt an herrschte
Herodes I. zu Jerusalem über das Reich Juda, der ein Idumäer, ein Nachkomme
Esaus, war. So war denn das Zepter von dem Stamm Juda entwendet, der
Herrscherstab von seinen Füßen genommen, und der Held kam, wurde von der
Jungfrau Maria zu Bethlehem geboren und von Herodes in dem grausamen Kindermord
zu Bethlehem umzubringen versucht, da er sich durch die Nachricht von dem
neugeborenen König der Juden in seiner Herrschaft bedroht glaubte.
Sehr da, Geliebte, so genau ist die
Weissagung des Erzvaters Jakob auf seinem Sterbebett in dem Segen über Juda
hinsichtlich der Zeit in Erfüllung gegangen. Durch göttliche Offenbarung
blickte er in die Ferne von etwa 2.000 Jahren und verkündigte die Geburt
dessen, der den ersten Eltern im Paradies als der Schlangentreter und
Weibessame, Abraham, Isaak und ihm selbst als der Same verheißen war, in dem
alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten, der aus dem Stamm Juda und
dem Geschlecht Davids entspringen sollte und entsprossen ist, da Maria aus dem
Haus und Geschlecht Davids und somit vom Stamm Juda war. So singen wir mit
Recht:
Da
aber kam die rechte Zeit,
Von
welcher Jakob prophezeit,
Las
er sich eine Jungfrau aus,
Ei’m
Mann vertraut von Davids Haus,
und:
Was
der alten Väter Schar
Höchster
Wunsch und Sehnen war,
Und
was sie geprophezeit,
Ist
erfüllt in Herrlichkeit.
Zions
Hilf und Abrams Lohn,
Jakobs
Heil, der Jungfraun Sohn,
Der
wohl zweigestammte Held,
Hat
sich treulich eingestellt.
Aber wie Jakob die Zeit weissagte, zu
welcher der Messias geboren werden sollte, so weissagte er auch von seiner
Person. Das wollen wir zweitens betrachten.
2.
„Es wird das Zepter von Juda nicht
entwendet werden noch ein Meister“, der Herrscherstab, „von seinen Füßen, bis
dass der Held komme“, weissagt Jakob. Er nennt den, welchen sein prophetisches
Auge in ferner Zukunft erblickt, Held und kennzeichnet damit seine Person.
Blicken wir auf die Namen, die dem
verheißenen Messias in der Schrift des Alten Testaments beigelegt werden. In
der ersten Verheißung wird er der Same des Weibes genannt; damit wird gesagt,
dass er wahrer Mensch sein werde; aber mit den Worten: „Derselbe wird dir [der
Schlange] den Kopf zertreten“ wird zugleich angedeutet, dass er, wie Jakob ihn
nennt, ein Held sein werde. In den Verheißungen, die Abraham, Isaak und Jakob
gegeben wurden, wird er Abrahams, Isaaks und Jakobs Same genannt. Mose nennt
ihn einen Propheten; denn er spricht zu dem Volk: „Einen Propheten wie mich
wird der HERR, dein Gott, dir erwecken aus dir und aus deinen Brüdern, dem
sollt ihr gehorchen.“ David nennt ihn die Hilfe aus Zion, indem er sein
sehnliches Verlangen nach seiner Erscheinung in den Worten ausspricht: „Ach,
dass die Hilfe aus Zion käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So
würde Jakob sich freuen und Israel fröhlich sein“, und stellt ihn damit in
königlicher Majestät, Macht und Würde dar, indem er im 24. Psalm sagt: „Machet
die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren
einziehe! Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der HERR, stark und mächtig,
der HERR, mächtig im Streit.“ Ebenso auch Salomo in den Worten des 72. Psalms:
„Gott, gib dein Gericht dem König und deine Gerechtigkeit des Königs Sohn, dass
er dein Volk bringe zur Gerechtigkeit und den Elenden rette.“ Am allseitigsten
aber beschreibt ihn der Prophet Jesaja, der im 7. Kapitel weissagt: „Siehe,
eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen
Immanuel“, ihn also den Sohn einer Jungfrau und Immanuel, das heißt, Gott mit
uns, nennt. Sodann in der bekannten Weissagung im 9. Kapitel: „Uns ist ein Kind
geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter,
und er heißt: Wunderbar, Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst, auf dass
seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und
seinem Königreich.“ Der Prophet Jeremia fügt zwei weitere Namen hinzu, indem er
spricht: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein
gerechtes Gewächs erwecken will; und soll ein König sein, der wohl regieren
wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Und dies wird sein Name
sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist [Jahwe
Zedakah].“ Ein Gewächs, ein Spross Davids, nennt er ihn, weil er aus dem
Geschlecht Davids nach seiner menschlichen Natur kommen und ein gerechtes
Gewächs, weil er vollkommen gerecht, ohne die geringste Sünde sein wird. Aber
er ist mehr als dies: auch Jahwe, HERR, unsere Gerechtigkeit, also Mensch und
Gott in einer Person.
So zahlreich diese dem zukünftigen Messias
beigelegten Namen sind, so vielseitig beschreiben sie seine Person nach seinen
Eigenschaften, seinem Wesen und nach der Stellung, die er einnehmen wird. Wie
erhaben, alle menschliche Größe unendlich überragend, stand er nach diesen und
anderen Namen durch diese Weissagung vor dem ihn erwartenden Volk da! Aber mehr
oder weniger klingt in diesem Namen durch, den ihm Jakob in unserem Text
beilegte, der Name Held. Er ist ein Held; denn er zertritt der alten Schlange,
dem Teufel, den Kopf und nimmt ihm seine macht. Er ist ein Held; denn in ihm
werden alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er ist ein Held; denn er
wird die ersehnte Hilfe bringen. Er ist ein Held; denn er ist der König der
Ehren, der HERR, stark und mächtig im Streit. Er ist ein Held; denn er ist der
wunderbare, der starke Gott, der Ewigvater, der Friedefürst. Er ist der Held;
denn er ist Immanuel und Jahwe selbst. Wer kann sich mit ihm an Kraft und
Stärke messen? Wo sind die größten Helden unter den Menschen, die große
Heldentaten vollbracht, mächtige Könige von ihren Thronen gestürzt, große
Völker überwunden und ihrem Zepter unterworfen haben? Sie sind dahingesunken
wie die Ärmsten unter den Armen; der Tod hat ihnen die Krone vom Haupt genommen
und den Herrscherstab ihrer Hand entwunden. Dieser Held aber hat die Bande des
Todes zerrissen. Ja:
Fürsten
sind Menschen, vom Weib geboren,
Und
kehren um zu ihrem Staub;
Ihre
Anschläge sind auch verloren,
Wenn
nun das Grab nimmt seinen Raub.
Dieser
aber steht mit dem Siegeszepter auf dem Grab, hat Teufel, Tod und Hölle unter
seinen Füßen, hat alle Erlöst, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben
Knechte sein mussten; denn er ist ein unvergleichlicher Held. Das Zepter, den
Herrscherstab, der dem Stamm Juda entwendet war, hat er an sich genommen und
zur vollsten Entfaltung gebracht; er wird ihm niemals entwendet werden, noch
wird er seiner Hand entgleiten; denn sein Stuhl, das verkündet David im 45.
Psalm, bleibt ewig, das Zepter seines Reiches ist ein gerades Zepter.
Blicken wir nun auf die Erfüllung dieses
Teil der Weissagung Jakobs in unserem Text und der späteren, die zum Teil auf
ihr ruhen, sie erweitern und vervollständigen. Blicken wir auf des Messias
Kommen zu der bestimmten Zeit, das heißt, auf seine Geburt zu Bethlehem, so
sehen wir ein kleines Kindlein, das im Schoß seiner Mutter, der Jungfrau Maria,
ruht, anscheinend nicht stark, sondern schwach, nicht mächtig, sondern
ohnmächtig. Nicht in einem prächtigen Königspalast erscheint er, sondern in
einem dunklen Stall, aber die himmlischen Heerscharen, die starken Helden, die
Gottes Befehl ausrichten, erscheinen. Einer von ihnen verkündet den Hirten auf
den Fluren Bethlehems: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist
Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Beachtet die letzten Worte: „der HERR
in der Stadt Davids“; da klingt der „Held“ wieder durch. Und die ganze Schar
stimmt den nie gehörten Festgesang an: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Sie verherrlichen das Kommen des
Messias als das eines unvergleichlichen Helden.
Was für eine Herrschaft aber wird er haben?
Das verkündigt Jakob des weiteren, indem er seine Herrschaft in den Worten
beschreibt: „Und demselben werden die Völker anhangen.“ Das lasst uns zum
Schluss zu erkennen suchen.
3.
Schon in den ersten Worten dieser
Weissagung und in dem Namen „Held“, den Jakob dem zukünftigen Messias beilegt,
ist angedeutet, dass er ein Herrscher sein werde. Wenn er nun hinzusetzt: „Und
demselben werden die Völker anhangen“, so sagt er damit, was für ein Reich er
haben, und welcher Art seine Herrschaft sein werde.
„Die Völker“, sagt er, werden ihm anhangen.
Diese Völker sind nicht etwa die zwölf Stämme des Volkes Israel, über die der
Stamm, nämlich einer aus dem Stamm Juda, von David bis auf Rehabeam, als König
herrschte; denn nicht jeder einzelne Stamm, sondern alle Stämme zusammen bilden
das Volk Israel. Darum heißt es im 72. Psalm: „Er4 wird herrschen von einem
Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden
sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken. Die Könige
am Meer und in den Inseln werden Geschenke bringen; die Könige aus Reicharabien
und Seba werden Gaben zuführen. Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden
werden ihm dienen.“ Ebenso der Prophet Jesaja: Zu dem Berg Zion „werden alle
Heiden laufen, und viele Völker hingehen und sagen: Lasst uns auf den Berg des
HERRN gehen, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege, und wir
wandeln auf seinen Steigen. Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und des
HERRN Wort von Jerusalem.“ Nicht also nur über ein Volk oder ein
Land, so weissagt Jakob, werde dieser Held herrschen, sondern über alle Völker,
alle Länder der Erde.
Und die Völker werden ihm „anhangen“, ihm
willigen Gehorsam leisten. Das ist umso wunderbarer, da den Heiden kein Volk so
verächtlich, so verhasst war wie die Juden. Und sie werden einem aus diesem
Volk, mehr: einem, der von seinem eigenen Volk verworfen, gekreuzigt worden
ist, freiwillig anhangen, sich vor ihm beugen, ihm als ihrem König gehorsam
sein. Er wird sie sich nicht mit Gewalt unterwerfen, wie dies von weltlichen
Fürsten und Herrschern geschieht, die durch Kriegsheere und Waffen ganze Länder
erobern und sie zum Gehorsam zwingen, sondern sie werden von selbst, wie Jesaja
sagt, freiwillig, ohne Zwang, kommen und ihm in Liebe anhangen, weil sie unter
seiner Her4rschaft volle Glückseligkeit, Ruhe und Frieden genießen. So heißt es
Ps. 110,3: „Zu deinem Heerzug wird dein Volk willig folgen in heiligem
Schmuck.“ Denn obwohl der Held, der HERR, stark und mächtig im Streit, ist er
doch der Friedefürst, der den Seinen Frieden ohne Ende bringt, und zwar den
himmlischen Frieden, den Frieden mit Gott. Wie weit überragt also dieser Held
alle irdischen Helden und Herrscher! Diese alle, auch die mächtigsten unter
ihnen, herrschen nur über oder mehrere, keiner über alle Völker; jener aber
herrscht über alle Völker bis ans Ende der Erde. Sie alle herrschen mehr oder
weniger durch Zwang und Gewalt, durch Gesetz; er aber findet willigen Gehorsam,
ihm hangen die Untertanen an, er herrscht durch Gnade. Das ist es, was Jakob
von dem zukünftigen Messias, von seiner Herrschaft, weissagt.
Und die Erfüllung? Sie hat es betätigt und
bestätigt es noch fort und fort. Als er zu Bethlehem geboren war, da sangen die
himmlischen Heerscharen nicht bloß: „Ehre sei Gott in der Höhe“, sondern auch:
„und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, weil in ihm der
Friedefürst erschienen war. Da jubelte der fromme Simeon: „HERR, nun lässt du
deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden,
und zum Preis deines Volkes Israel.“ Und als er sein Werk hier auf Erden, die
Erlösung aller Völker, vollendet hatte und sich anschickte, als der
sieggekrönte Held über alle Feinde zum Himmel zu fahren, da bestätigte er, dass
ich so sage, die Worte: „Demselben werden die Völker anhangen“, mit dem Befehl:
„Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt
und getauft wird, der wird selig werden.“ Und hangen ihm heute nicht die Völker
an? Herrscht er heute nicht von einem Meer bis ans andere, von dem Wasser bis
an der Welt Ende? Wo sein Wort, das Evangelium, gepredigt wird, da herrscht er
mitten unter seinen Feinden, da hangen ihm die Seinen, die Gläubigen, an und
dienen ihm in Liebe und willigem Gehorsam.
Selig, wer wie der Erzvater Jakob in den
letzten Stunden seiner irdischen Pilgerschaft im Glauben diesem Held, der den
Tod überwunden hat, anhangt. Er gelangt zu ewigem Sieg und Frieden. Amen.
Teuerste,
von Gott hochgeliebte Zuhörer!
Solche,
die gar kein Wohlgefallen an der Geburt unseres Heilandes haben sollten, gibt
es in der Christenheit gewiss nur wenige. Selbst der getaufte Ungläubige bleibt
von der heiligen Weihnachtsfreude der Christen nicht ganz unberührt. Er, der
stolze Vernunftmensch, spottet zwar über uns Christen, dass wir in diesen Tagen
laut predigen und es fest glauben, dass das Jesuskindlein der Sohn des
Allerhöchsten, dass in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnhaft und
mit ihm der Unsichtbare sichtbar gewesen sei; obgleich er nämlich zugibt, dass
Gott unbegreiflich sei, so ist ihm doch das zu unbegreiflich, dass der
wunderbare Gott ein Mensch wird; obgleich er zugibt, dass Gott allmächtig und
ihm kein Ding unmöglich ist, so ist es ihm doch etwas zu Großes, dass der
allmächtige Gott aus Liebe zu den Sündern ein ohnmächtiges Kindlein werden
könne. Er will, spricht er, auch Geheimnisse glauben, aber wenn er sie
begreifen könne; welch ein Widerspruch! Gott soll alles können, doch, sich
selbst zu uns herabzulassen, um uns zu sich hinaufzuziehen, das sei undenkbar,
das sei auch Gott unmöglich. Der Ungläubige glaubt also lieber einen
ohnmächtigen, als einen menschgewordenen Gott; er glaubt lieber an eine
unvollkommene Liebe Gottes, die uns nicht ganz helfen will, als an eine solche
göttliche Liebe, die sich selbst opfert, damit ihre arme menschliche Kreatur
nicht verloren gehe; lieber an eine menschlich beschränkte, als an eine
unbegrenzte, also wahrhaft göttliche Liebe. Zwar ist also dem Ungläubigen das
größte Wunder der ewigen Liebe Gottes und das tiefste Geheimnis seiner
Weisheit, das wir Christen in diesen Tagen feiern, verborgen, ja, ein Ärgernis;
zwar will er davon nichts wissen, dass der Geburtstag Jesu Christi der Anbruch
des großen Erlösungstags aller Sünder, also das Wichtigste sei, das in der Welt
seit ihrer Entstehung aus Nichts geschehen ist: aber dass die heilige Nacht der
Geburt Jesu Christi wichtig und eine Nacht fröhlicher Botschaft für die Welt
war, dieses muss selbst der Ungläubige, selbst der Spötter bekennen. Auch er
kann es nicht leugnen, dass seit der Geburt Jesu Christi durch den Trost,
welchen er gebracht hat, unzählige Tränen getrocknet worden sind. Er kann es
nicht leugnen, dass mit Christus ein Licht aufgegangen ist auf dem ganzen
Erdboden, das die undurchdringliche, trostlose Nacht des Heidentums zum Heil
der Völker durchbrach. Er kann es nicht leugnen, dass allenthalben, wohin das
Evangelium Christi drang, unaussprechliche leibliche und geistliche Segnungen
ausgebreitet wurden, dass alle, die au ihn von Herzen glaubten, bessere
Menschen wurden, die Gott fürchteten und ihre Mitmenschen als ihre Brüder und
Schwestern liebten. Er kann es nicht leugnen: wenn alle Menschen nach Christi
Lehre wirklich in allem handelten und wandelten, da würde schnell aller Streit
zu Ende sein, kein Menschenblut würde mehr fließen, kein Elender und
Unglücklicher würde klagen, dass er verlassen sei, keiner würde von dem andern
übervorteilt, keiner vom Bruder gekränkt, keiner von Menschen betrübt werden;
Ordnung, Friede, Freude, Segen, Wohlstand, Zufriedenheit, Hoffnung und alles
Heil würde unter den Menschen einkehren; jeder Staat, jedes Land, jedes Haus,
jede Familie würde glücklich sein und die Erde sich in ein Paradies, in einen
Himmel verwandeln.
Wohl
ist es wahr, dass auch nach der Geburt Christi unglaubliches Elend und
Verderben mitten in der Christenheit herrschte, unzählige Tränen geweint und
erschreckliche Missetaten verübt worden sind; aber woran lag dies? Nicht an
Christo und seinem teuren Evangelium, sondern daran, dass das Licht erschien,
und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Dass aber in dem
Evangelium selbst zeitliches und ewiges Heil für die Menschen verborgen liege,
wie der Fruchtbaum im Samenkorn, das müssen selbst solche bekennen, die nicht
daran glauben. Selbst das Herz des Ungläubigen wird daher bewegt, wenn er hört:
Heut ward Christus, heut ward der Heiland geboren.
Doch,
meine Lieben, das ist das Wohlgefallen nicht, welches jene. himmlischen Boten
von den erlösten Menschen allein forderten. Worin dasselbe eigentlich bestehe,
das euch zu zeigen, dazu sei die gegenwärtige festliche Stunde gewidmet.
Lukas 2,15-20: Und da die Engel von ihnen zum Himmel fuhren, sprachen die Hirten
untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die
da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat. Und sie kamen eilend und
fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es
aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem
Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen
die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie
in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um
alles, was sie gehöret und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Woran
wir Menschen unser Wohlgefallen haben sollen, das haben wir gestern von den
heiligen Engeln gehört, nämlich an der in der Geburt Jesu Christi geoffenbarten
höchsten Liebe Gottes und an den allerseligsten) Früchten, welche
dieselbe gebracht hat. Worin aber dieses Wohlgefallen bestehe und wie es sich
an uns offenbaren solle, dies sehen wir heute an dem Beispiel der
bethlehemitischen Hirten. Lasset mich euch daher jetzt die Frage beantworten:
Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie
an der Geburt ihres Heilandes haben sollen, und wodurch soll es sich bei ihnen
offenbaren?
1.
es besteht darin, dass wir, wie die Hirten, alles andere stehen lassen und das
Christkindlein eilends aufsuchen und annehmen, und
2.
es soll sich dadurch offenbaren, dass wir die von uns erfahrene Gnade auch
andern erzählen und darüber Gott preisen und loben.
1.
Der
Mensch ist, meine Lieben, von Natur so gesinnt, dass er für ein großes Geschenk
ein ebenso großes, wenn nicht noch größeres Gegengeschenk begehrt. Gott aber
hat uns durch die Geburt Christi seinen eingeborenen Sohn geschenkt und mit ihm
eine Seligkeit, eine Hoheit, eine Herrlichkeit, die keine Zunge ausreden und
kein Menschenherz fassen kann. Wäre nun Gott auch gesinnt, wie der Mensch, wer
könnte sich dann seines Geschenkes wohl freuen? Denn was könnten wir Gott dafür
geben? Wir armen Bettler besitzen ja nichts, was Gott nicht gehörte, als unsere
Sünde!
Aber
wohl uns! Gott gibt uns überschwänglich, und wenn wir fragen: was will Gott von
uns dafür haben? womit sollen wir seine unaussprechliche Gabe erkaufen? so
antworten uns die Engel auf Gottes Befehl: „Den Menschen ein Wohlgefallen.“ Wir
sollen uns also das, was uns Gott gibt, nur herzlich wohl gefallen lassen, das
ist alles, was Gott von uns fordert; mehr will er nicht. O Güte, o
Menschenfreundlichkeit, o Sünderliebe Gottes, wie groß bist du! Du gibst uns
deinen Sohn, du erhebest uns aus Sünde und Elend zu himmlischer, ewiger Freude,
und du willst dafür von uns nichts, als dass wir uns nur freuen, dass du so
gütig bist! O, dass wir dies doch alle erkennten und vor Freude weinend uns dir
zu Füßen legten!
Die
lieben Hirten verstanden die Engel recht wohl. Was taten sie nämlich? Sie
ließen es nicht dabei bewenden, die glänzende Erscheinung zu betrachten, auf
den Gesang der himmlischen Chöre zu lauschen und die Freudenbotschaft zu
bewundern; sie gingen auch nicht erst hin in ihr Haus, sich Kleider zu holen,
um schön geschmückt vor dem HERRN zu erscheinen; nein, kaum hatten sie gehört:
„Euch ist heute der Heiland geboren; und das habt zum Zeichen, ihr werdet
finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“, so vergaßen
sie jetzt ihrer Heerde, vergaßen den Glanz der Engel und den geöffneten Himmel,
besprachen sich freundlich unter einander, und verließen alles und eilten, wie
sie waren, in dunkler Nacht nach Bethlehem, „die Geschichte zu sehen, die da
geschehen war, die ihnen der HERR kundgetan hatte“; und siehe, was sie
gesucht hatten, fanden sie. Mit welcher Freude werden sie nun das Kindlein aus
seiner Krippe genommen, es geküsst, an ihr Herz gedrückt und es mit ihren
Tränen benetzt haben! Da wird einer nach dem andern ausgerufen haben: O, mein
Heiland, mein Heiland! auch für mich bist du gekommen, auch für mich, der ich
ein Bettler und ein Sünder bin! O, wie selig bin ich nun! Nun will ich gern
sterben; nun weiß ich gewiss, Gott kann mich nicht hassen, nein, er liebt auch
mich, auch ich werde selig, der Himmel steht mir offen!
Hier sehen wir, meine Lieben, an einem schönen
Beispiel, worin das Wohlgefallen besteht, was Gott allein von unserer Seite
fordert. Ist uns die Geburt Jesu Christi verkündigt worden, so macht uns nun
das nicht selig, wenn wir uns nur über die Tiefe dieses Geheimnisses und über
die Größe der darin geoffenbarten Liebe Gottes verwundern und davon bewegt und
gerührt werden. Noch viel weniger sollen wir uns dann mit unseren eigenen
Werken und Tugenden oder mit unserer Reue und Buße schmücken wollen, uns unserm
Heilande angenehm und seiner Freundschaft und Gewogenheit würdig zu machen.
Nein, wie wir sind, sollen wir dann eilends im Geiste nach Bethlehem gehen,
Jesus aus seiner Krippe herausnehmen, ihn herzen und küssen, und sagen: Du bist
auch mein Heiland, auch für mich erschienst du in dieser Welt, auch mir zugute
wurdest du ein Kindlein.
Hier
sind wir nun bei der Hauptsache des ganzen Weihnachtsfestes. angekommen. Das
ist es, worauf alles ankommt, nämlich der Glaube. Vergeblich wäre all mein
Predigen, und könnte ich mit Engelzungen zu euch sprechen; vergeblich wäre all
euer Zuhören, und wenn ihr in eine noch so große Freude eures Herzens und in
ein noch so großes Erstaunen über Gottes anbetungswürdige Tat dabei versetzt
würdet, käme es nicht mit uns dahin, dass wir daran auch glauben, dass wir
nämlich mit Zuversicht sagen: Das Kindlein in der Krippe ist mein Kindlein; es
ist auch zu mir gekommen; es sucht auch mich; seine Liebe auch zu mir hat es in
seine Armut und Niedrigkeit herabgetrieben; auch mit mir will es tauschen; ich
gebe ihm meine Sünde, und es gibt mir seine Gerechtigkeit; ich gebe ihm mein
Elend, und es gibt mir seine Herrlichkeit; ich gebe ihm meine Schwachheit, und
es gibt mir seine Stärke; ich gebe ihm meine Not, und es gibt mir seine
Seligkeit; ich gebe ihm meine Hölle, und es gibt mir seinen Himmel.
Das
ist aber bei den meisten Menschen eben der Berg, an welchem sie in den
Weihnachtspredigten stehen bleiben; diesen Berg wollen nur wenige besteigen. Es
ist der Berg Morija, aus welchem Isaak geopfert werden soll. Ich fürchte, dass
auch mancher unter uns gerade in diesem Punkte sich selbst betrügt und, wie die
Knechte Abrahams, unten am Berge bleibt. Die meisten freuen sich über das
Kindlein, aber wie über ein fremdes; sie freuen sich über die liebliche
Weihnachtsgeschichte, aber als ginge sie sie selbst nichts an; das heilige,
fröhliche, selige Fest geht vorüber, und den meisten verstreicht es so
vergeblich. O, dass dies nicht auch diesmal geschehe!
Bedenket,
Gott hat seinen Sohn nicht den Engeln, nicht den gefallenen Geistern in der
Hölle oder sonst einer anderen Kreatur gesendet und geschenkt, sondern der
Welt, den Menschen, eben dir und mir. Greifen wir nun nicht zu, wollen wir das
süße Kindlein nicht aus seiner Krippe heben, es uns zueignen und es annehmen,
wer soll es dann tun? Gott braucht es nicht, für die Engel ist es nicht--seht
also, dann hat Gott den Reichtum seiner Liebe vergeblich an uns
verschwendet.
Aber, spricht unser Herz, ich bin ein Sünder; blicke
ich nur zurück auf den gestrigen Tag, so höre ich schon, wie mich mein Gewissen
verklagt. Wie darf ich mit meinem bösen Gewissen zu dem heiligen Kinde nahen?
In meinem Innern heißt es: Zurück, Verwegener! strecke deine Hand nicht nach
dieser hohen Gabe Gottes aus, die ist nicht für dich. Mach einem heiligen
David, einem heiligen Petrus, einem heiligen Paulus Platz.-- Aber, meine
Lieben, so redet wohl unser Herz, aber so hat sich Gottes Herz nicht gegen uns
offenbart. Dürfen Sünder nicht zugreifen, wer darf es dann tun? Was war ein
David, ein Petrus, ein Paulus, die sich alle rühmen, dass Jesus auch ihr
Heiland sei? Waren sie nicht Sünder, nicht große Sünder? Hat nicht David einen
tiefen Fall getan, nicht sogar seine Hände mit unschuldigem Blut befleckt? Hat
nicht Petrus seinen HERRN dreimal verleugnet? Hat nicht Paulus, da er noch ein
Saulus war, die Gemeinde Gottes verfolgt? Sind sie nicht alle erst dadurch
heilig geworden, dass sie Christus ihre Sünde gaben und dafür seine
Gerechtigkeit annahmen? -- Und warum ist Christus in die Welt gekommen? Geschah
es nicht darum, weil wir Menschen alle Sünder sind? Darum:
Und
spräch’ dein Herze lauter Nein,
Das
Wort lass dir gewisser sein.
Aber,
spricht hierbei vielleicht mancher, wohl weiß ich, dass auch große Sünder an
der seligen Geburt Jesu Christi Theil haben sollen, aber sie müssen sich auch
bessern, und das ist es, was mir fehlt. -- Der du so redest, sage, wo stehet
das geschrieben, dass sich der Mensch erst gebessert haben müsse, ehe er zu
Christo Zuflucht nehmen dürfe?-- Nirgends, als wiederum in deinem Herzen. --
Wohl soll der Sünder sich bessern, aber das ist es nicht, womit das Christentum
anfängt. Erst muss der Mensch Gnade haben, ehe er sich bessern kann. Erst muss
er gerecht und selig sein, ehe er gerecht wandeln und den Weg zur Seligkeit
gehen kann. Nicht wir, sondern Gott muss den ersten Stein zum Werk unserer
Seligkeit legen. Erst müssen wir Christum haben, dann erst können wir in
Christo leben. Könnte und sollte der Mensch selbst etwas tun, dass er Gott
annehmbar würde, so hätte Gott nicht, so zu sagen, seinen ganzen Himmel
ausgeleert, um uns auf der Erde zu helfen, Gott hätte sich es nicht das
Teuerste kosten lassen, was er selbst hatte; so wäre Gottes Sohn nicht ein
Mensch geworden. Dieser aber hat alles verrichtet, er hat auch den letzten
Heller bezahlt, nichts, nichts ist, was auch wir noch dazu beitragen könnten.
Wir müssen zu ihm kommen als Sünder, eilends zu ihm kommen, und kommen, wie wir
sind. Nichts, nichts wird von uns gefordert, als dass wir uns das
Christkindlein wohl gefallen lassen und von Herzen sagen: Ich bin ein Glied
dieser Welt, ich bin ein Mensch, ich bin ein Sünder, darum bin ich dein und du
bist mein, unser Tausch soll ewig sein.
O,
so machet denn alle eure Herzen los von allen anderen Dingen, habt euer
Wohlgefallen nicht an Gold und Silber, nicht an irdischer Lust und
Herrlichkeit, überlasst das der Welt, die nach keinem Himmel und nach keiner
Seligkeit fragt, die an keinen Gott und kein ewiges Leben glaubt, die da
spricht: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot und dann ist
alles aus. Ihr aber lasst euch unterdes das Kind wohl gefallen, das euch der
himmlische Vater geschenkt hat, so hat Gott wieder an euch Wohlgefallen, so
kommt ihr dahin, wo das Kind hergekommen ist; dann ist euer Leben nichts als
ein kurzes Warten auf die Offenbarung eurer Seligkeit, dann seid ihr
wiedergeboren zum ewigen Leben. Es gibt Leute, welche, wenn ein Gewitter naht,
ein kleines Kind auf ihren Arm nehmen; sie denken, dann seien sie sicher, dass
kein Blitzstrahl sie treffe; denn Gott werde ja eines unschuldigen Kindleins
schonen. Aber auch unsere Kinder sind Sünder; sie können uns nicht schützen;
aber das Christkindlein, das ist ohne Sünde; das ist Gottes liebes heiliges
Söhnlein, an welchem er Wohlgefallen hat; tragen wir dieses auf den Armen
unsers Herzens, dann sind wir sicher vor allen Gewittern; erscheinen wir,
dieses Kind auf unsern Armen, in Gottes Gericht, so sind wir freigesprochen,
ja, kämen wir damit in die Hölle, so würden wir auch mitten in der Hölle den
Himmel haben.
2.
So habt ihr denn nun gehört, worin das
Wohlgefallen besteht, das wir an der Geburt Christi haben sollen; höret nun
zweitens, wodurch sich dasselbe offenbaren solle.
Auch
dieses lernen wir an dem Beispiel der Hirten. Von ihnen heißt es nämlich
zuerst: „Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches
zu ihnen von diesem Kind gesagt war.“ Ihr Herz war also durch den Anblick
des Kindes so voll geworden, dass auch ihr Mund davon überging. Die Freude war
in ihrer Seele wie eine verschlossene Flamme, die nun in feurigen Worten
mächtig herausbrach. Es heißt von ihnen nicht nur, dass sie das Geschehene und
Gehörte nicht verschwiegen hätten, sondern: „sie breiteten das Wort aus“,
sie warteten also nicht, bis jemand sie darnach fragte, sie eilten von Ort zu
Ort, die wunderbare, fröhliche, wichtige Kunde bekannt zu machen. Was sie
geglaubt hatten, das mussten sie auch bekennen. Wir können uns wohl denken,
dass sie von den meisten verachtet und als törichte Schwärmer verlacht worden
sind. Den schlechtesten Empfang haben sie mit ihrer Botschaft gewiss zuerst in
dem gottlosen Gasthause bekommen, aus welchem man das himmlische Kind
hinausgewiesen und worin man ihm kein Räumlein gegönnt hatte. Ihr seid Narren,
wird der Wirth und seine Gäste ihnen zugerufen haben, euch hat geträumt, das
ist ein elendes Bettelkind und nichts weiter, geht uns aus den Augen! Aber das
entmutigte die Hirten dennoch nicht; sie gingen weiter und ihre Nachricht
erweckte bei allen Verwunderung, vor die sie kam.
Sehe
hier, meine Lieben, was auf das rechte Wohlgefallen an dem Christkindlein
folgt; dieses nämlich, dass man die erfahrene Gnade auch andern erzählt. Wird
freilich die Weihnachtspredigt nur mit den Ohren gehört, da ist es kein Wunder,
wenn man darüber auch gegen andere schweigt; da hat man in den heiligen
Festtagen andere Dinge zu bereden, die dem armen eitlen Herzen wichtiger und
angenehmer sind, da redet man von schönen neuen Kleidern, von fleischlichen
Belustigungen, kurz, von den Dingen dieser Welt.
Ist
aber die himmlische Botschaft in das Herz gedrungen und hat sie uns mit innigem
Wohlgefallen erfüllt, da freut man sich über andere Dinge, als freute man sich
nicht, da isst und trinkt man, als äße und tränke man nicht, da kleidet man
sich, als kleidete man sich nicht; da wird uns alles andere so klein, so
gering, so nichtig, dass gerade dieses in der Herberge unsers Herzens keinen
Raum findet. An einem solchen Fest ist dem lebendig ergriffenen Christen jedes
andere Gespräch, wenn es nicht nötig ist, wie ein Misslaut in den in diesen
Tagen von den Engeln für die Welt aufgeführten harmonischen Gesängen. Da wird
der Vater zum Kind und lallt seinen Kindlein von dem Christkindlein vor und
sucht sie durch die irdischen Geschenke auf das himmlische Christgeschenk zu
lenken. Da werden Gatten vertraulich und teilen sich die im Herzen sich regende
Freude mit. Da versammeln sich Freunde und Freundinnen, als wären sie
versammelt in dem Stalle, wo eins nach dem andern das holde Kind auf seinen
Armen wiegt und dem andern es anlobt und anpreist.
Ja,
wo das Wohlgefallen in einem Christen recht groß wird, da kann er nicht umhin,
wo er nur Gelegenheit findet, auch denen, die das Kindlein noch verachten, ein
feuriges Wort aus seinem brennenden Herzen in die Seele zu rufen. Da achtet man
es nicht, ob man darum bei der Welt für einen schwärmerischen Thoren angesehen
wird. Man kann nicht anders: weil man von Herzen glaubt, muss man auch mit dem
Munde bekennen.
Sprich
nicht, lieber Zuhörer, ich bin kein Prediger, ich kann nicht predigen. Die
lieben Hirten waren auch keine Prediger, sondern die einfältigsten Laien unter
dem jüdischen Volke, und doch predigten sie jetzt mit apostolischer Kraft und
Freudigkeit, obgleich es ihnen von keinem Engel geboten war; sie konnten nicht
anders. Lass dir nur erst das Kindlein in der Krippe recht wohl gefallen und
dein Herz dir nehmen, behalte, wie Maria, alle Worte, die du gehört hast, und
bewege sie in deinem Herzen, dann wirst du nicht fragen: darf ich auch von
Christo predigen, da ich kein Prediger bin? sondern ehe du fragest, hast du es
schon mit Gebärden, Worten und Werken getan. Du wirst dann nicht klagen: O, ich
kann nicht reden von solchen Dingen, sondern du wirst vielmehr ausrufen: Ich
kann ja nicht schweigen von dem, das meine ganze Seele erfüllt hat.
Doch
wir hören nun endlich von unseren Hirten auch dieses: „Und die Hirten
kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, das sie gehört und gesehen
hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ Als ordentliche Prediger warfen sich
also die lieben Hirten nicht auf, wie unsere jetzigen Schwärmer tun, sondern
nachdem sie im Umgang mit den Leuten ihr Herz ausgeschüttet hatten, kehrten sie
wieder zurück und hüteten wieder wie vorher ihrer Schafe und priesen und lobten
nun Gott bis an ihr seliges Ende.
Fragt
ihr also, welche Veränderung geht dann mit einem Menschen vor, wenn er durch
das Wohlgefallen an der Geburt des Christkindleins zur Wiedergeburt kommt? so
ist die Antwort: Ein solcher Mensch bleibt in seinem irdischen Beruf, aber
darin lobt und preist er täglich seinen Gott, dass er ihm ein Kindlein
geschenkt hat, mit welchem er sich trösten kann wider seine Sünde, trösten
wider alle Noth, trösten selbst wider den Tod.
Sonst ist kein wesentlicher Unterschied zwischen einem
Christen und einem Kind dieser Welt. Ein Weltkind achtet das Kindlein nicht,
und danket Gott dafür nicht; dieses denkt, gäbe mir Gott Geld, so könnte er
sein elendes Kindlein immer behalten. Der Christ aber spricht:
Weg
Welt, hier ist mein Schmuck, mein Gold,
Weg,
hier ist mein Vergnügen,
Hier
find ich, was mein Herz gewollt,
Drum
lass ich alles liegen.
Ja,
Kindlein, liebes Kindelein,
Du
sollst mein Ein und Alles sein.
So
oft ich lache, lach’ ich dir,
Dir
fließen meine Tränen,
Mein
Himmel bist du mir schon hier,
Du
stillst des Herzens Sehnen.
Mein
Heil, mein HERR und Gott bist du,
Bringst
meinen Geist zu seiner Ruh’.
Drum
schlägt mein Herz, drum wallt mein Blut
Mit
Dank und Preis und Loben,
Dir,
Vater, für das höchste Gut,
Das
du mir gabst von oben.
Komm
bald, mein Vater, hole mich,
So
will ich ewig preisen dich.
Ach, wie unselig ist der, wie beklagenswert, wer in
dieses Lob des neugeborenen Heilandes noch nicht einstimmen kann! Vor dem
möchte heute Sonne, Mond und Sterne ihren Schein verlieren, den möchte die
ganze Christenheit mit heißen Tränen beklagen, als den Elendesten unter allen
Kreaturen; denn kommt ein Mensch auf dieser Welt nie zu dieser Freude, dann ist
er vergeblich geschaffen, dann hat er umsonst auf dieser Erde gelebt und ihm
wäre besser, er wäre nie geboren.
Aber
selig ist der, dem Gott die Gnade geschenkt hat, Bethlehem für seine rechte
Vaterstadt und Jesus für sein Kindlein zu erkennen, der wohnt hier an den
offenen Thoren des Himmels, ihn beneiden die höllischen Geister, ihn
beglückwünschen alle Engel, und Gott selbst freut sich über ihn, dass er ihn so
überschwänglich selig machen konnte.
Dazu
helfe Gott mir und euch allen, und bewahre uns darinnen zum ewigen Leben. Amen,
in Jesu Namen! Amen.
Jesaja
9,6-7: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches
Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbarer Rat, Starker Gott,
Ewigvater, Friedefürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens
kein Ende auf dem Stuhl Davids und in seinem Königreich, dass er’s zurichte und
stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird
tun der Eifer des HERRN Zebaoth.
In dem neugeborenen Heiland, geliebte
Zuhörer!
Die Geburt Christi, des Weltheilandes,
steht im Mittelpunkt der Weltgeschichte. Alle Weissagungen des Alten Testaments
haben sie zum Inhalt oder nehmen auf sie Bezug als auf ein Ereignis, das alle
anderen an Größe und Wichtigkeit weit übertrifft. Mit und in seiner Geburt soll
der Welt das Heil, die Errettung kommen. Er soll der alten Schlange, dem
Teufel, der durch den Sündenfall die gesamte Menschheit in seine Gewalt
gebracht hat – so verkündigt die erste der Weissagungen –, den Kopf zertreten,
ihm seine Macht nehmen und die sündigen Menschen aus ihrer Gefangenschaft
befreien. In ihm, dem Samen Abrahams, sollen – so verkündigt eine weitere
Weissagung – alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er wird der große
Held sein, dem die Völker in willigem Gehorsam anhangen werden. Mit seiner
Erscheinung wird eine neue Zeit beginnen, eine Wandlung eintreten, die vorher
nie geschehen, wird der Lauf der Welt gleichsam in neue Bahnen gelenkt werden.
Himmel und Erde, durch den Fall der Menschen getrennt, sollen durch die Geburt
des Weltheilandes wieder vereinigt werden.
Darum stehen denn auch alle Propheten des
Alten Testaments als die von Gott gesandten Herolde auf den Mauern Zions,
erheben ihre Stimme, weisen mit ausgestreckter Hand auf ihn und rufen dem Volk
ein „Siehe“ nach dem anderen zu. „Siehe“, ruft Jesaja im siebten Kapitel aus,
„eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen
Immanuel“; im neunten Kapitel: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein
großes Licht, und über die da wohnen im finstern Land, scheint es hell“; im 60.
Kapitel: „Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die
Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das
Erdreich und Dunkel die Völker; aber dir geht auf der HERR und seine
Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden in deinem Licht wandeln
und die Könige im Glanz, der über dir aufgeht.“ Der Prophet Jeremia ruft aus:
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein gerechtes
Gewächs erwecken will, und soll ein König sein, der wohl regieren wird und
Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Zu derselben Zeit soll Juda
geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, dass
man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist [Jahwe Zedaka].“ Die
Finsternis der Welt soll in Licht, die Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit
verwandelt, das drückende Joch soll zerbrochen werden, völlige, selige Freiheit
soll an dessen Stelle treten, der Unfriede, in dem sich die Menschen verzehren,
soll weichen, seliger Friede anstatt dessen zur Herrschaft gelangen; denn so
lautet die Weissagung im 72. Psalm. 2Zu seinen Zeiten wird blühen der Gerechte
und große großer Friede, bis dass der Mond nimmer sei.“ Diese uns ähnliche Verheißungen erhellten die
Dunkelheit der Nacht, in der die Menschen einherwandelten; sie waren die
hell-leuchtenden Sterne am Himmel der Kirche und lenkten die Blicke derer,
denen sie leuchteten, auf das kommende große Licht, das das ganze Volk
erleuchten sollte, erfüllten die Herzen der Gläubigen mit Sehnsucht auf seine
Erscheinung, wie wir an den Worten Davids erkennen: „Ach, dass die Hilfe aus
Zion über Israel käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde
Jakob fröhlich sein und Israel sich freuen.“
Aber nicht nur mit Sehnsucht und Verlangen
erfüllten die Weissagungen die Herzen der Gläubigen im Alten Testament, sondern
auch mit großer Freude. So ruft Jesaja im 49. Kapitel im Hinblick auf die
Erscheinung des Messias und sein Werk aus: „Jauchzt, ihr Himmel; freue dich,
Erde; lobt, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und
erbarmt sich seiner Elenden.“ Von solcher Freude war auch sein Herz erfüllt,
als er in dem heutigen Text die Botschaft verkündigte, die wir nun näher zur heutigen
Festfeier miteinander betrachten wollen, nämlich:
Die
freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja
Diese verkündigt er im Hinblick
1.
Auf die Person,
2.
Auf die Namen,
3.
Auf die
Herrschaft des Heilandes.
1.
Dass der Prophet mit großer Freude erfüllt
war, als er diese Botschaft dem Volk überbrachte, erkennen wir, wen wir auf die
Worte im Vorhergehenden blicken, mit denen unser Text im innigsten Zusammenhang
steht: „Vor dir aber wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie
man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn aller Krieg mit Ungestüm und
blutigem Kleid wird verbrannt und mit Feuer verzehrt werden“, und als Grund
dafür nun ausruft: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
welches Herrschaft ist auf seiner Schulter.“ Also durch die Geburt dieses
Kindes wird ein so friedenvoller Zustand herbeigeführt, ein Reich des Friedens
errichtet werden. Aber wie sein eigenes Herz voll Freude ist, so sollen auf die
Herzen des Volkes darüber voll Freude werden, denn das Kind ist nicht ihm
allein, sondern allen geboren, weshalb er verkündigt: „Uns ist ein Kind
geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ Und diese Freude sollen sie
empfinden zunächst im Hinblick auf die Person des Kindes.
Welch eine eigenartige Bewandtnis hat es
denn mit diesem Kind? Beachtet, dass Jesaja nicht nur sagt: „Uns ist ein Kind
geboren“, sondern hinzufügt: „Ein Sohn ist uns gegeben.“ Dieses Kind ist
von einer Frau, und zwar, wie er schon im siebten Kapitel geweissagt hat, von
einer Jungfrau geboren; denn: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und
wird einen Sohn gebären.“ Aber es ist nicht nur dieser Jungfrauen Kind, sondern
auch ein von Gott gegebener Sohn, das heißt, der Sohn Gottes. Dass dies der
eigentliche Sinn ist, sagt Paulus mit den Worten: „Da aber die Zeit erfüllt
wurde, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“ Also der Jungfrauen
und doch zugleich Gottes Sohn. Sofern er von einer Frau, einer Jungfrau,
geboren ist, ist er wahrer Mensch; sofern er von Gott gegeben ist, ist er
Gottes Sohn; und doch sind es nicht zwei Söhne, voneinander gänzlich
unterschieden, sondern es ist nur ein Sohn, eine Person, in der die Gottheit
und Menschheit unzertrennlich miteinander vereinigt sind. Die Gottheit ist nicht
zur Menschheit und die Menschheit nicht zur Gottheit geworden, beide sind nicht
miteinander vermischt, zu einer gottmenschlichen Natur geworden, sondern
zu einer gottmenschlichen Person, die wahrer Gott und wahrer Mensch ist.
Der Sohn der Jungfrau ist Gottes Sohn. Das Wort ist Fleisch geworden; Gott ist
durch die Geburt offenbart im Fleisch. Darum aber ist diese Weissagung des
Propheten eine so freudenreiche, darum sollen wir uns freuen, große Freude
empfinden.
Weshalb? Weil wir daraus zunächst die Größe
der Liebe Gottes zu uns erkennen. Wenn wir Menschen jemandem aus herzlicher
Zuneigung ein Geschenk machen, so ist der Wert des Geschenkes der Wertmesser
unserer Liebe zu ihm. So auch bei Gott. darum heißt es Röm. 5,8: „Darum preist
Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch
Sünder waren“, und Röm. 8,32: „Welcher auch seinen eigenen Sohn nicht hat
verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben.“ Ja, der HERR selbst ruft
voll Verwunderung aus: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen
eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden,
sondern das ewige Leben haben.“ Gott ist die Liebe, und darum gibt er der Welt
das, was er über alles liebt: den Sohn seiner Liebe. Deshalb singen wir denn
auch mit dem Dichter in inniger Weihnachtsfreude:
Sollt
uns Gott nun können hassen,
Der
uns gibt, was er liebt
Über
alle Maßen?
Gott
gibt, unserem Leid zu wehren,
Seinen
Sohn aus dem Thron
Seiner
Macht und Ehren.
Dieser Sohn, lasst es mich noch einmal
betonen, ist uns gegeben. Nicht den heiligen Engeln, die bedurften
seiner nicht als eines Heilandes, sondern uns, den Menschen, den Sündern, den
Errettungsbedürftigen, den Hassenswürdigen. Der heilige Gott, dem die Seraphim
das Loblied singen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth, alle
Lande sind seiner Ehre voll“, der seinem Wesen nach von allem Unheiligen,
Sündlichen weiter entfernt ist als der Himmel von der Erde – mehr noch, der
allem Unreinen und Sündlichen gegenüber ein verzehrendes Feuer ist: Dessen
Liebe zu uns sündigen Menschen ist so groß, dass er uns seinen einigen Sohn
schenkt, und zwar so, dass er ihn unser Fleisch und Blut annehmen, von einer
Frau geboren werden, unsern Bruder werden lässt. Ja, eben dadurch sind Himmel
und Erde, Gott und die Menschen, wieder vereinigt worden! Gott ist nicht mehr
fern von uns Menschen, sondern zu uns vom Himmel, von dem Thron seiner
Majestät, herabgekommen und wandelte in menschlicher, sichtbarer Gestalt unter
den Menschen, wie Johannes ausruft: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter
uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen
Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“; und er wohnt, wenn auch
unsichtbar, noch immer unter den Gläubigen. Dessen sollen wir uns daher von
Herzen freuen und mit dem Dichter fröhlich singen:
Des
sollt ihr billig fröhlich sein,
Dass
Gott mit euch ist worden ein;
Er
ist geborn eur Fleisch und Blut;
Eur
Bruder ist das ewge Gut.
Aber wie diese Botschaft deswegen eine
freudige ist, weil sie uns den Heiland in einer solchen Person verkündigt, so
auch zweitens, weil sie ihm so wunderbare Namen beilegt.
2.
„Und er heißt“, so lautet die Botschaft
weiter, „Wunderbarer Rat, Starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Das sind vier
Doppelnamen, die dieses Kind – wie die ersten Worte nach seiner Person – nach
seinem Werk bezeichnen.
Wie die letzteren Doppelnamen sind, so auch
die zwei ersten, so dass wir lesen: Wunderbar an, von Rat oder ein Ratgeber.
Muss er nicht ein wunderbarer Ratgeber sein, da er Gott und Mensch in einer
Person ist? Und das ist er nicht nur, insofern er Gott ist, sondern auch als
Mensch, da ihm die göttlichen Eigenschaften, wie die Allmacht und Allgegenwart,
so auch die Allwissenheit mitgeteilt sind. Sein Verstand ist unbeschränkt,
seine Weisheit ist unermesslich; vor ihm ist nichts verborgen, und seine Ratschlüsse
sind unfehlbar. Daher heißt es Kol. 2,3: „In ihm liegen verborgen alle Schätze
der Weisheit und der Erkenntnis“ und 1. Kor. 1,30: „Christus ist uns von Gott
gemacht zur Weisheit.“ Und hat er uns nicht den ganzen Rat Gottes zur Seligkeit
offenbart, den Rat, der von der Welt her ein Geheimnis war? In welcher Lage du
dich auch befinden magst, frage ihn um Rat, er gibt ihn dir. Bist du in
Gewissensnot, drücken dich deine Sünden, so ruft er dir zu: „Kommt her zu mir
alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf
euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen
demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Fragst du: Wie erlange ich
das ewige Leben? so sagt er dir: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige
Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der
Zorn Gottes bleibt über ihm.“ Fragst du: Was wird mit mir im Tod? So antwortet
er dir: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten,
der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ Fragst du endlich: „Was geschieht mit
mir nach dem Tod? So gibt er dir die tröstliche Antwort: „Das ist der Wille
des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das
ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“ Siehe, solch ein
wunderbarer Ratgeber ist er in diesen und in allen anderen Dingen.
Der zweite Doppelname ist „Starker Gott“.
Wie, so müssen wir ausrufen, ein Kind, das in einer Krippe gebettet ist, das
von den Armen seiner Mutter aufgehoben und getragen wird – und doch stark? So
ist es! Blicke auf ihn, als dieses Kind zum Mann herangewachsen sind, so siehst
du, wie stark er ist! Durch ein Wort gebietet er den tosenden Wellen des
Meeres, und in einem Augenblick ist es ganz still. Durch sein Wort ruft er den
Jüngling zu Nain ins Leben zurück, den Lazarus aus der Verwesung des Grabes hervor,
macht er die Blinden sehend, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein. Vor
seinem Wort fliehen die Teufel, entschwinden sonst unheilbare Krankheiten. Und
diese starke, allmächtige Kraft hat er nicht erst durch seine Taufe erhalten,
sondern die hatte er schon als Kind. Das Kind, das von Maria getragen wurde,
trug Himmel und Erde. Da singen wir mit Recht:
Den
aller Weltkreis nie beschloss,
Der
liegt in Mariens Schoß;
Er
ist ein Kindlein worden klein,
Der
alle Ding erhält allein.
„Ewigvater“ lautet der dritte Name diese
neugeborenen Sohnes. Auch hierbei müssen wir staunend fragen: Wie, ein eben
geborenes Kind und doch „Ewigvater“? In welcher Beziehung wird es denn Vater
genannt? Was liegt denn in dem Wort Vater, wie wir es im gewöhnlichen Leben
gebrauchen? Dass die Person, die mit diesem Namen bezeichnet wird, kein
strenger Herrscher, kein Tyrann oder Richter ist, auch nicht nach der Strenge
des Gesetzes handelt, sondern den Seinen mit Liebe zugetan ist, sie erhält,
bewahrt und beschützt – in diesem Sinn nennt Jesaja hier Christus Vater, dass
er nämlich alle, die Gott zu seinen Kindern angenommen hat, mit inniger Liebe
umfasst, sie versorgt und beschützt. Unter seinem Regiment sind wir keine
Knechte, sondern Freie, Kinder des Hauses und Erben aller Güter. Aber er
unterscheidet sich dadurch von irdischen Vätern, dass er „Ewigvater“
ist. Jene sind nur Väter auf kurze Zeit, dieser aber ist Vater in Ewigkeit,
umfasst die Seinen mit ewiger Liebe, sorgt für sie, beschützt sie für alle Zeiten.
Und da er der starke Gott ist, so will er das nicht allein, sondern kann es
auch. Wie zuversichtlich können wir daher ihm vertrauen, in seiner Fürsorge uns
sicher fühlen!
Und endlich der vierte Doppelname,
„Friedefürst“. Dieses Kindlein ist der Friedefürst. Er ist ein Fürst wie David,
der aller seiner Feinde mächtig wurde, aber doch ein Fürst des Friedens wie
Salomo, dessen Regierung sich durch Frieden auszeichnete, so dass er beide als
Vorbilder auf ihn in sich vereinigt. Denn nicht durch Waffengewalt,
Kriegsgetümmel und Blutvergießen begründet und erhält er sein Reich, sondern in
Frieden. Nicht seiner Untertanen, sondern sein eigenes Blut hat er vergossen
und dadurch zwischen dem heiligen Gott und den sündigen Menschen Frieden
gemacht und den Grund zu seinem Friedensreich gelegt. Und als er seine Apostel
aussandte, um sein Zepter unter allen Völkern der Erde aufzurichten, rüstete er
sie nicht mit Wehr und Waffen aus, stellte sie nicht an die Spitze
kriegstüchtiger Heere, sondern sprach nur zu ihnen: „Geht hin in alle Welt und
predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt und getauft wird, der wird
selig werden.“ Mit dieser Friedensbotschaft sandte er sie aus, um der Welt den
Frieden zu verkündigen und zu bringen. Ja, dieses Kindlein hat Frieden auf die
Welt gebracht, ein Friedensreich gestiftet. Das führt uns zum dritten Teil
unserer Betrachtung.
3.
Die in den vier Doppelnamen dem Kind
beigelegten Eigenschaften: die Allweisheit, Macht, väterliche Fürsorge und
Friedensliebe, sollen dazu dienen, um seine Herrschaft weit auszubreiten; denn
so lautet der letzte Teil der Botschaft: „Auf dass seine Herrschaft … bis in
Ewigkeit.“ Mit diesen Worten ist das Reich beschrieben, das dieses Kind
aufrichten, ein Reich, dessen Grenzen sich bis an die Enden der Erde erstrecken
soll, also an Umfang und Größe alle irdischen Königreiche weit übertrifft, ein
Reich, in dem kein Krieg geführt, kein Blutvergießen stattfinden, sondern ein
vollkommenes Friedensreich sein wird, ein Reich, in dem keine Ungerechtigkeit,
sondern die Gerechtigkeit herrschen wird, darum sicher und fest gegründet, und
ein Reich, das kein Ende nehmen, sondern ein ewiges Reich sein wird.
Wir fragen: Ist diese Weissagung des
Propheten erfüllt? Hat Christus ein solches reich? Übt er darin eine Herrschaft
aus? Blickt, meine Festgenossen, auf die christliche Kirche; denn die ist
Christi Reich. Seit seiner Gründung am ersten Pfingstfest zu Jerusalem hat sich
dieses Reich fort und fort vermehrt, seine Grenzen immer weiter ausgedehnt. Die
Apostel gingen mit der Friedensbotschaft des Evangeliums aus, predigten an
allen Orten, und er, der HERR, selbst war mit ihnen und bekräftigte ihr Wort
durch mitfolgende Zeichen. Ein Volk nach dem anderen wurde dem Evangelium
gehorsam und erkannte im Glauben dieses Kind als seinen Herrscher. Durch alle
Jahrhunderte ist dieses Reich immer weiter ausgebreitet worden und wird noch
immer weiter ausgebreitet durch die Missionare. Es erstreckt sich bis auf die
entferntesten Inseln des Meeres. – Und ist es nicht ein Reich des Friedens?
Wohl haben einige unverständige Fürsten dieses und jenes Heidenvolk durch
Waffengewalt zu bekehren versucht, aber vergeblich. Die Ausbreitung der Kirche
ist immer nur durch die Verkündigung der Friedensbotschaft des Evangeliums
geschehen. Der Glaube lässt sich durch keine Gewalt erzwingen. Und in der
Kirche herrscht nicht das Gesetz mit seinen Forderungen und Drohungen, sondern
das Evangelium der Gnade; sie ist das Reich der Gnade, der Vergebung und ist
darum ein Reich des Friedens, in dem die Untertanen, die Gläubigen, Frieden mit
Gott und unter sich haben. – Gegründet ist dieses Reich in Recht und
Gerechtigkeit; denn seine Grundlage ist die Gerechtigkeit, die Christus durch
seinen vollkommenen Gehorsam erworben hat, und die er allen seinen
Reichsgenossen, die ihn im Glauben als ihren König annehmen, mitteilt.
Endlich, wie Christus, der Herrscher in
diesem Reich, ein ewiger Herrscher ist, so ist auch sein Reich ein ewiges
Reich, das nie vergeht. Alle Reiche dieser Welt, so mächtig sie auch waren,
sind vergangen; dieses Reich können auch die Pforten der Hölle nicht
überwältigen, und die Untertanen in diesem Reich werden mit ihrem König leben
und herrschen in Ewigkeit.
So ist denn diese Verheißung des Propheten
wahrlich eine freudenreiche, die auch uns mit großer Freude erfüllen muss,
sowohl wenn wir auf die Person, wie wenn wir auf die Namen und die Herrschaft
des Heilandes blicken. Zu dieser Freude fordert auch der Engel, der die
Weihnachtsbotschaft den Hirten in der heiligen Nacht brachte, auf, indem er zu
ihnen sprach: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk
widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist
Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Nehmen denn auch wir heute wiederum
das Kind, das uns als Heiland geboren ist, mit gläubigem Herzen auf, und freuen
wir uns seiner heilbringenden Geburt, so wird auch bei uns Freue sein, und wir
werden in den Lobgesang der himmlischen Heerscharen einstimmen: „Ehre sei Gott
in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Amen.
Jesaja 11,1-5: Und es wird eine Rute aufgehen von dem Stamm Isais, und ein Zweig aus
seiner Wurzel Frucht bringen. Auf welchem wird ruhen der Geist des HERRN, der
Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rats und der Stärke, der
Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und sein Riechen wird sein in
der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten, nach dem seine Augen sehen, noch
strafen, nach dem seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die
Armen und mit Gericht strafen die Elenden im Land und wird mit dem Stab seines
Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.
Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und der Glaube der Gurt seiner
Nieren.
In dem HERRN geliebte Brüder und
Schwestern!
Es ist eine der größten Weissagungen des
Propheten Jesaja von Christus, die wir eben vernommen haben, die wir aber nur
dann als eine solche recht verstehen können, wenn wir auf den Gegensatz
blicken, in dem sie zu der Weissagung steht, die im vorhergehenden enthalten
ist. Diese lautet vom 28. Vers des 10. Kapitels an: „Er kommt nach Ajat, er
zieht durch Migron, er mustert sein Herr zu Michmas. Sie ziehen vor unserem
Lager Gaba vorüber. Rama erschrickt! Gibea Sauls flieht! Du Tochter Gallim,
schreie laut auf! Merke auf, Laisa! Du elendes Anatot! Memena weicht! Die
Bürger von Gehim fliehen! Er bleibt einen Tag zu Nob! Er wird seine Hand regen
gegen den Berg der Tochter Zion und gegen den Hügel Jerusalem!“ Schon diese
kurzen, aneinandergereihten Sätze, die alle Ausrufe, zum Teil Warnrufe sind,
zeigen, dass der Prophet, wie vor etwas Furchtbarem erschrocken, ein Ereignis
schaut und verkündigt, das den von ihm genannten Orten die größte Gefahr, den
Untergang, droht. Und es ist etwas Furchtbares, was er mit prophetischem Auge
als schon gegenwärtig schaut. Sanherib, der König von Assyrien, befindet sich
mit seinem gewaltigen Kriegsheer auf dem Marsch nach Jerusalem. Schon eine
ganze Anzahl heidnischer Könige und ihre Reiche hat er sich unterworfen; nun
zieht er gegen Hiskia, den König von Juda, heran, um auch diesen sich zu
unterwerfen. Die auf seinem Zug liegenden Städte und Flecken werden bei seinem
Herannahen von Schrecken ergriffen, ihre Einwohner ergreifen die Flucht, um
sich zu retten. Schon ist er nach Nob, einer Stadt im Stadt Benjamin unweit von
Jerusalem, gekommen und schickt sich an, seine Hand zu einem vernichtenden
Schlag gegen die Heilige Stadt zu erheben, ihr dasselbe Schicksal wie vielen
anderen Städten zu bereiten. Das ist das Bild, welches uns in den gehörten
Worten des Propheten vor die Augen gestellt wird.
Aber an dieses reiht er ein anderes, nicht
weniger furchtbar als das erste; denn er fährt fort: „Aber siehe, der HERR HERR
Zebaoth wird die Äste mit Macht abhauen und, was noch aufgerichtet steht,
verkürzen, dass die Hohen erniedrigt werden; und der dicke Wald wird mit Eisen
umgehauen, und Libanon wird fallen durch den Mächtigen.“ Mit diesen Worten
schildert er das furchtbare Strafgericht, das Gott der HERR über den auf seine
bisherigen Siege stolzen, auf seine große Macht pochenden Tyrannen vor Jerusalem
ergehen ließ, und das 2. Kön. 19 berichtet wird. In dieser großen Gefahr wandte
sich der fromme König Hiskia in flehendem Gebet zu Gott und erhielt durch den
Propheten Jesaja die Antwort: „Die Jungfrau, die Tochter Zion, verachtet dich
[den König Sanherib] und verspottet dich; die Tochter Jerusalem schüttelt ihr
Haupt dir nach … Ich will dir einen Ring an deine Nase legen und ein Gebiss in
dein Maul und will dich den Weg wieder führen, den du hergekommen bist.“ So
geschah es. Denn in derselben Nacht fuhr der Herrliche, der Engel des HERRN,
aus und schlug im Heer der Assyrer 185.000 Mann, so dass das Lager am Morgen
voller Leichen lag. Von Grauen erfüllt, zog der am Tag vorher noch auf seine
Macht pochende König davon nach seiner Hauptstadt Ninive und wurde dort im
Tempel seines Götzen von seinen eigenen Söhnen ermordet. So wurden die Fürsten
in seinem Heer wie die Äste der Zedern auf dem Berg Libanon mit Macht
abgehauen, die Höhen verkürzt und erniedrigt wie Bäume, denen der obere Teil
abgeschlagen wird, und das Heer wie ein dichter Wald niedergehauen. So fiel
Sanherib, der sich, als wäre er dem mächtigen Libanon gleich, in seinem Hochmut
erhoben hatte, samt seinem Heer durch den Herrlichen.
Hieran schließt sich nun, meine Freunde,
die Weissagung in unserem Text: „Aber es wird eine Rute aufgehen aus dem Stamm
Isai.“ Ist die stolze Weltmacht Assyrien, die Jerusalem bedrohte, niedergehauen
wie der Wald mit seinen mächtigen Zedern auf Libanon, so wird aus dem
Geschlecht Davids, wenn es so weit von seiner mächtigen Höhe herabgesunken ist,
dass gleichsam nur noch ein Baumstumpf von ihm übrig ist, aus diesem, aus
seiner Wurzel, eine dünne Rute, ein schwaches Reis, aufsprießen, wird wunderbar
wachsen, erstarken und Frucht bringen; das heißt, ohne Bild: Aus tiefster
Niedrigkeit wird sich ein König erheben, der über ein weit größeres Reich
herrschen wird als jener die Heilige Stadt bedrohende König von Assyrien. Auf
diesen lasst mich jetzt eure Blicke richten, nämlich auf
Den
großen Friedefürsten von dem Stamm Isai
Ihn beschreibt uns Jesaja
1.
Nach seinem
Ursprung,
2.
Nach seinen
Gaben,
3.
Nach seiner
Regierung.
1.
„Es wird aber eine Rute aufgehen von dem
Stamm Isai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“, mit diesen Worten,
Geliebte, beginnt der Prophet seine Weissagung in unserem Text. Es ist das eine
bildliche Rede. Stellen wir uns das Bild deutlich vor Augen! Da steht ein
großer Baum! Mächtig ist sein Stamm, stark sind seine Äste, ausgebreitet seine
Zweige, prächtig ist sein Anblick. Aber nun ist er umgehauen. Stamm, Äste und
Zweige sind hinweg, nur der Stumpf ist noch übriggeblieben. Doch dieser ist nicht
gänzlich abgestorben, ein geringer Lebenssaft ist noch in ihm, und aus diesem,
aus seiner Wurzel, sprießt eine dünne Rute, ein schwaches Reis hervor. So war
es mit dem Geschlecht Davids. Der Stamm oder Wurzelstock war Isai, der Vater
Davids, der dem Stamm Juda angehörte und in Bethlehem als ein einfacher Mann
wohnte. Aber aus diesem war David entsprossen, von Samuel zum König über das
Reich Israel gesalbt und als König zu großer Macht und Ehre gelangt. Schon als
Jüngling hatte er in seinem Zweikampf mit dem Riesen Goliat Heldenmut bewiesen,
in der Verfolgung durch Saul seinen Edelmut gezeigt und als König die
zahlreichen Feinde seines Reiches siegreich überwunden. Unter allen Königen des
Reiches Juda war er der größte, der Heldenkönig, einem mächtigen Stamm, seine
Nachkommen aber, namentlich die, welche nach ihm den königlichen Thron
innehatten, und unter diesen wieder diejenigen, welche in den Fußtapfen Davids,
in Gottesfurcht, wandelten und regierten, den starken Ästen des Baumes gleich.
Aber wie der größte Baum schließlich abstirbt, so auch der Stamm und das
Geschlecht Davids. Mit dem Abfall des Reiches Juda, besonders durch heidnischen
Götzendienst, der immer wieder eindrang, herbeigeführt, sank auch das Ansehen
und die Macht des Hauses und Geschlechtes Davids dahin, so dass Maria, die
Mutter des HERRN, aus dem Geschlecht Davids, die Gattin eines einfachen
Zimmermanns war. So war das Geschlecht Davids herabgesunken von der königlichen
Würde zu der Stellung eines Handwerkers [, denn auch Joseph war ja aus dem
Geschlecht Davids]. Von dem mächtigen Baum und stamm war nur noch, wie der
Prophet es ausdrückt, ein abgehauener Stumpf mit fast erstorbener Wurzel
übriggeblieben.
Aber aus dieser Wurzel wird, so weissagt
der Prophet, eine Rute, ein dünner Zweig, aufgehen, das heißt, ein Sohn aus dem
in solche Niedrigkeit herabgesunkenen königlichen Geschlecht geboren werden,
der gar nichts von königlichem Ansehen und königlicher Würde an sich hat, ein
Kind gewöhnlicher, armer Leute. So niedrig und gering wird sein Ursprung sein.
Das sagt auch die Weissagung desselben Propheten Kap. 53: „Er schießt auf vor
ihm wie ein Reiß und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.“ Wie wörtliche diese
Weissagung erfüllt worden ist, ersehen wir aus dem Bericht des Evangelisten
über die Geburt des HERRN. Zu Fuß machten Maria und Joseph infolge des
kaiserlichen Gebots der Schatzung von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in
Judäa. Dort angekommen, fanden sie Unterkommen nicht in einer Herberge, sondern
in einem dunklen Stall, einfache Windeln waren seine erste Kleidung, eine
Krippe sein Bett, Heu und Stroh das Lager dieses von Gott verheißenen Reises
oder Rute aus königlichem Geschlecht. So war er wahrlich einem schwaches Reis,
aus dürrem Erdreich entsprossen, gleich. Und so unscheinbar und unbeachtet
seine Geburt war, so unscheinbar und unbeachtet wuchs er auch als Knabe in dem
kleinen, von Hügeln eingeschlossenen und abseits gelegenen Nazareth auf, dass
die Evangelisten außer seiner ersten Erscheinung im Tempel nichts weiter
berichten, als dass er seinen Eltern als Knabe untertan war und an Weisheit,
Alter und Gnade bei Gott und den Menschen zunahm.
Aber dieser schwache Zweig, sagt der
Prophet weiter, wird Frucht bringen oder fruchtbar sein und verkündigt damit,
dass er sich kräftig entwickeln, zu einem starken Baum heranwachsen und reiche
Früchte bringen werde. Wodurch dies geschehen werde, gibt er an, indem er von
den Gaben redet, mit denen dieser Zweig aus der Wurzel Isais werde geschmückt
werden.
2.
„Auf welchem“, so lautet die Weissagung
weiter, „wird ruhen der Geist des HERRN: der Geist der Weisheit und des
Verstandes, der Geist des Rates und der stärke, der Geist der Erkenntnis und
der Furcht des HERRN.“
Beachten wir, meine Freunde, dass der
Prophet in dieser Weissagung von Christus als von einem wahren, natürlichen
Menschen redet. Hat er in der Weissagung Kap. 7,14: „Siehe, eine Jungfrau ist
schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ besonders
hervorgehoben, dass der Jungfrauensohn wahrer Gott sei, und in der anderen Kap.
9: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist
auf seiner Schulter, und er heißt wunderbarer Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst“,
verkündigt, dass in der Person dieses Sohnes der wahre Gott der Welt erscheint,
so beschreibt er ihn hier als den vollkommenen Menschen, auf dem der Geist des
HERRN ruht, der ihn mit seinen Gaben ausrüstet und die menschlichen Kräfte und
Tugenden durchdringt und vollkommen macht. Dasselbe spricht Petrus (Apg. 10) in
den Worten aus: „Gott hat Jesus von Nazareth gesalbt mit dem Heiligen Geist und
Kraft.“
Diese Gaben des Heiligen Geistes sind
dreifach. Die beiden ersten sind die Gaben oder Vollkommenheiten des
Verstandes, nämlich die Weisheit und das Verständnis oder die Einsicht.
Weisheit ist die Gabe, da der Mensch den rechten Zweck und die geeigneten
Mittel, ihn zu erreichen, wählt, das Verständnis oder die Einsicht die Gabe,
durch welche er göttliche und geistliche Dinge richtig erkennt und darüber
nachdenkt. „Der Verstand“, sagt Luther, „ist das Urteil, welches aus der
Weisheit entsteht, sodass wir wahrnehmen, was mit der Frömmigkeit streitet,
sodass wir über falsche Lehren, die Nachstellungen Satans und Glauben urteilen
können.“ – Ferner die Gaben des Rates und der Stärke sind die, durch welche
sich jemand in allen Lagen, auch in Kreuz und Anfechtungen, als der rechte
Ratgeber erweist und die Kraft besitzt, die Ratschläge auszuführen; die Kraft,
die sich in Taten und Werken offenbart. Sodann die Gaben der Erkenntnis und der
Furcht des HERRN, wodurch jemand eine mit der Liebe Gottes verbundene Erkenntnis
des wahren Gottes nach seinem Wesen und Willen hat und ihm als dem
majestätischen Gott und doch gnädigen Vater ehrerbietig dient, seinen Willen zu
vollbringen sich bestrebt.
Mit diesen Gaben des Heiligen Geistes ist
Christus, der Spross aus dem Stamm Isai, in seiner Empfängnis und bei der
heiligen Taufe erfüllt und ausgerüstet worden; denn so lesen wir bei Matthäus
im dritten Kapitel: „Da Jesus getauft war, stieg er sofort herauf und aus dem
Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm, und Johannes sah den
Geist Gottes gleich wie eine Taube herabfahren und über ihn kommen.“
Wie vollkommen Christus als wahrer Mensch
oder nach seiner menschlichen Natur mit diesen Gaben des Heiligen Geistes
ausgerüstet war, erkennen wir an seinem öffentlichen Auftreten in seinem
Lehramt. Schon als zwölfjähriger Knabe offenbarte er im Tempel, unter den
Lehrern sitzend, eine solche Weisheit und einen solchen Verstand, dass alle,
die ihm zuhörten, sich seines Verstandes und seiner Antwort verwunderten. Als
er einst in Nazareth lebte, verwunderten sich alle, die ihn hörten, und riefen
voll Erstaunen aus: „Woher kommt diesem solche Weisheit? Ist er nicht eines
Zimmermannes Sohn?“ Matth. 7,28 berichtet der Evangelist: „Das Volk entsetzte
sich über seine Lehre; denn er predigte gewaltig und nicht wie die
Schriftgelehrten“; und die Knechte der Pharisäer, die ausgesandt worden waren,
ihn gefangen zu nehmen, kamen, ohne die Hände an ihn gelegt zu haben, zurück
und sprachen: „Es hat nie ein Mensch so geredet wie dieser Mensch.“ So erfüllte
sich die Weissagung durch den Propheten Jesaja Kap. 50: „Der HERR hat mir eine
gelehrte Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den Müden zu reden zur rechten
Zeit.“ Seine Weisheit war größer als die des weisen Salomo. Wie oft wollten ihn
die Pharisäer und Schriftgelehrten in seiner Rede fangen, wenn sie ihm
verfängliche Fragen vorlegten! Aber immer mussten sie beschämt davongehen. Wie
deckte er ihre List und Verschlagenheit auf, riss ihnen die heuchlerische Maske
der Frömmigkeit vom Gesicht und widerlegte ihre falschen Lehren. Ebenso
erkannte und durchschaute er die wahre Gesinnung der Menschen. Denen, die nicht
aufrichtig an ihn glaubten, vertraute er sich, wie Johannes im 2. Kapitel
berichtet, nicht an; „denn er kannte sie alle und bedurfte nicht, dass jemand
Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn er wusste wohl, was im Menschen war“. –
Nicht minder bewies er sich als der rechte Ratgeber. Den Pharisäern, die
ihm die Frage vorlegten: „Ist’s recht, dass man dem Kaiser Zins gebe oder
nicht?“ antwortete er: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was
Gottes ist“, und dem Schriftgelehrten, der ihm die Frage vorlegte: „Was muss
ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ riet er: Liebe Gott über alles und
deinen Nächsten wie dich selbst, und als dieser fragte: „Wer ist denn mein
Nächster?“ da stellte er ihm den barmherzigen Samariter als Muster vor und
sagte: „Gehe hin und tue desgleichen!“ Dem reichen jungen Mann gab er den Rat:
„Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen und komm und folge mir nach“
und offenbarte ihm dadurch, wie wenig er die Gebote Gottes gehalten habe,
während er den um ihrer Sünde willen Angefochtenen riet: „Kommt her zu mir
alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ – Wie grab
war seine Kraft und Stärke! Ja, er „ging umher und machte gesund
alle, die vom Teufel überwältigt waren“, öffnete den Tauben das Gehör, den
Blinden die Augen und weckte die Toten auf. So bewies er sich als ein Prophet,
mächtig in Taten und Worten, vor Gott und allem Volk. Erkennt ihr daraus, meine
Zuhörer, mit welchen Gaben des Geistes nach seiner menschlichen Natur er
ausgerüstet, wie mächtig er war, der als eine so schwache Rute aus dem Stamm
Isai aufgegangen war? Aber groß ist er drittens auch nach seiner Regierung.
3.
Der Prophet fährt fort: „Sein Riechen wird
sein in der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten, nachdem seine Augen sehen,
noch strafen, nachdem seine Ohren hören.“ Hat er den Messias bisher besonders
als Propheten und Lehrer beschrieben, so stellt er ihn nun als König und
Richter dar. Was heißt das: „Sein Riechen wird sein in der Furcht des
HERRN“? Amos 5,21 spricht Gott: „Ich mag nicht riechen in eure Versammlungen“
oder eure Feiertage. Als Noah nach der Sintflut einen Altar baute und dem HERRN
ein Brandopfer für seine Errettung aus der Flut darbrachte, roch der HERR, wie
es 1. Mose 8 heißt, den lieblichen Geruch des Opfers, das heißt, er hatte
Wohlgefallen daran, während er die Opfer, die ihm von seinem Volk an den großen
Feiertagen zur Zeit des Propheten Amos dargebracht wurden, nicht riechen
wollte, da sie nur äußerlich, ohne Gottesfurcht und Dankbarkeit, dargebracht
wurden, so dass er Missfallen daran hatte. Das Wort „Riechen“ in unserem Text
heißt daher, Wohlgefallen haben, so dass der Prophet sagt: Dieser Spross aus
dem Stamm Isai wird sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN haben. Und weil
er an dieser allein Wohlgefallen hat, darum wird er nicht richten, urteilen,
nach dem, was äußerlich die Ohren hören und die Augen sehen, mit anderen Worten,
nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach der gottesfürchtigen Gesinnung des
Herzens. Auch wird er nicht nach dem Ansehen der Person richten, nicht gelten
lassen, ob jemand mächtig, hoch, reich, geehrt ist, „sondern“, so lesen wir
weiter, „wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die
Elenden im Land“. Mit den Armen und Elenden sind die Untertanen seines Reiches
gemeint. Jene sich die leiblich, besonders aber die geistlich Armen, wie er
Matth. 5,3 spricht: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das
Himmelreich ist ihrer“, die sich nicht selbstgerecht auf ihre Werke und
Tugenden verlassen, sondern als arme Sünder allein auf die Gnade vertrauen;
diese die Sanftmütigen, die dem Nächsten gegenüber gelinde sind, das Unrecht
ertragen und sich nicht selbst rühmen. Diesen zum Besten wird er in
Gerechtigkeit richten, ihnen, die oft unterdrückt werden, zum Recht verhelfen,
wie es Ps. 72,4 heißt: „Er wird das elende Volk bei Recht erhalten und den
Armen helfen.“ Und hast sich der HERR nicht überall der Armen und Elenden
angenommen, nicht allein dadurch, dass er die Kranken gesund machte, sondern
indem er auch für die eintrat, denen Unrecht geschah, wie für den von ihm
sehend gemachten Blindgeborenen, den die Juden in den Bann getan hatten?
Aber ebenso richtet er auch den Gottlosen
mit Gerechtigkeit, denn er „wird mit dem Stab seines Mundes die Erde schlagen
und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten“. Über sie wird er ein
gerechtes Urteil fällen und ihnen nach ihren bösen Werken den gebührenden Lohn
geben. Ein solches gerechtes Urteil war das Gericht über Jerusalem, wie er es
verkündigt hatte, über seinen ungerechten Richter Pilatus, über Ananias und
Sapphira, das durch Petrus gesprochen wurde. An dem letzteren sehen wir
deutlich, was die Worte unseres Textes: „Mit dem Odem (oder Geist) seiner
Lippen wird er den Gottlosen töte“ zu bedeuten haben, da sowohl Ananias wie
seine Frau auf das bloße Wort des Petrus hin tot zu Boden fielen. Er bedient
sich zu seinen Strafgerichten nicht weltlicher Waffen, sondern sein
allmächtiges Wort ist der Stab, womit er schlägt, der Geist seines Mundes das
Schwert, womit er tötet; und wo weltliche Waffen gebracht werden, wie bei der
Zerstörung Jerusalems, da ist es doch sein Gericht, das durch seine Macht, nach
seinem Wort, vollzogen wird.
So tritt dieser seinem menschlichen
Ursprung nach so Schwache als ein mächtiger und gerechter König auf,
„dessen Gerechtigkeit“, wie es in der Schrift heißt, „der Gurt seiner Lenden
ist und der Glaube (oder die Treue) seiner Nieren“, das heißt: wie die
Vornehmen im Morgenland ihre langen Kleider mit einem kostbaren Gürtel um die
Hüfte zusammenhielten, so ist er mit Gerechtigkeit und Treue oder Wahrheit
umgürtet, mit diesen Tugenden geschmückt.
Wohl allen Armen und Elenden in seinem
Reich! Denn ihnen bringt und schenkt er die von ihm erworbene Gerechtigkeit und
macht sie zu Königen schon hier auf Erden, die hier über Sünde und Tod, dort
ewig aber mit ihm herrschen und regieren werden. Darum singen wir:
O
wohl dem Land, o wohl der Stadt,
So
diesen König bei sich hat!
Wohl
allen Herzen insgemein,
Da
dieser König ziehet ein!
Er
ist die rechte Freudensonn,
Bringt
mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet
sei mein Gott,
Mein
Tröster früh und spat!
Amen.
Jesaja 7,10-16: Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen
vom HERRN, deinem Gott, es sei unten in der Hölle oder droben in der Höhe. Aber
Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, dass ich den HERRN nicht versuche. Da
sprach er: Wohlan, so hört, ihr vom Haus David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr
die Leute beleidigt; ihr müsst auch meinen Gott beleidigen? Darum so wird euch
der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird
einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel. Butter und Honig wird er
essen, dass er wisse Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Denn ehe der
Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor dir graut,
verlassen sein von seinen zwei Königen.
In Christus, unserem Immanuel, geliebte
Zuhörer!
Das eben vernommene Wort Gottes enthält
eine der großen Verheißungen von Christus. Als diese Weissagung geschah, befand
sich Ahas, König über das Reich Juda, in größter Not, da sich Rezin, der König
von Syrien, und Pekach, der König von Samaria, gegen ihn verbündet hatten,
Jerusalem belagerten und nichts Geringeres im Sinn hatten, als das Reich Juda
unter sich zu teilen und den Sohn des Tabeal anstatt des Ahas zum König zu
machen. Dadurch wurden der König und das ganze Volk so in Angst und Schrecken
versetzt, dass sie bebten wie die Bäume im Wald, wenn ein Sturmwind durch sie
dahinfährt. Da erhielt der Prophet Jesaja von Gott den Befehl, mit seinem Sohn
Schear-Jaschub dem König Ahas, der sich am oberen Ende eines in Felsen
gehauenen Wasserteichs befand, von dem aus die Stadt durch eine unterirdische
Röhre mit Wasser versorgt wurde, entgegenzugehen und ihm zu sagen, dass er sich
vor den beiden feindlichen Königen nicht fürchten, sondern unverzagt sein
solle, weil ihnen ihr Plan nicht gelingen solle, da sie selbst zwei rauchende
Löschbrände seien, angebrannte, rauchende Holzscheite, die ihre Reiche nicht
ausbreiten, sondern in ihren Grenzen bleiben, dass das Reich Samaria aber im
Lauf von 65 Jahren zerstört werden solle.
Damit aber der König Ahas gewiss werde,
dass diese tröstliche Verheißung des Propheten sich erfüllen werde, wurde er
von ihm aufgefordert, sich ein Zeichen, sei es in der Hölle, sei es hoch in der
Höhe, zu wählen. Ahas lehnte dies unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er
damit Gott versuchen könne, ab. Das klang fromm und war doch gottlos; denn wie
konnte er Gott durch Forderung eines Zeichens versuchen, da er von ihm selbst
dazu aufgefordert wurde? Daher sprach der Prophet zu ihm: „Wohlan, so hört, ihr
vom Haus David! Ist’s euch zu wenig, dass ihr die Leute beleidigt, ihr müsst
auch meinen Gott beleidigen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben:
Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie
heißen Immanuel.“
Das sind die besonderen Umstände, unter
denen die in unserem Text enthaltene Weissagung und Verheißung geschah. Sie
wurde dem König Ahas und seinem Volk als untrügliches Zeichen gegeben, dass der
Plan der beiden feindlichen Könige, das Haus David vom Thron zu stoßen, nicht
ausgeführt werden solle. Betrachten wir denn jetzt in der Furcht Gottes:
Das
wunderbare Zeichen, das Gott dem König Ahas gab
Dieses Zeichen bestand darin, dass
1.
Eine Jungfrau
schwanger ist und einen Sohn gebären wird,
2.
Dass sie diesen
Sohn Immanuel nennen wird.
1.
„Fordere dir ein Zeichen von dem HERRN!“
so, Geliebte, sprach Gott durch den Propheten zu dem König Ahas, „es sei unten
in der Hölle oder droben in der Höhe.“ Welch eine Herablassung Gottes! Er hatte
ja dem König gesagt: „Es soll nicht bestehen noch so gehen“, wie es die beiden
feindlichen Könige im Sinn haben, nämlich dein Reich zu teilen, deiner
Herrschaft ein Ende zu machen. Hätte ihm das nicht genug sein sollen? Des HERRN
Wort ist ja wahrhaftig; was er zusagt, das geschieht und muss geschehen. Aber der
HERR kennt das ungläubige Herz des Königs und lässt sich daher so weit herab,
dass er ihn auffordert, zum Beweis dafür, dass die Feinde Jerusalem nicht
erobern und seiner Regierung ein Ende machen werden, sich ein Zeichen zu
fordern. Und noch mehr: Welche Freiheit in der Wahl des Zeichens gibt er ihm!
Fordert er ein Zeichen tief unten in der Hölle, es soll geschehen; fordert er
ein Zeichen hoch oben im Himmel, es soll ihm gegeben werden. Ähnlich hatte der
HERR einst mit Gideon gehandelt, als dieser das Volk Israel von der Herrschaft
der Midianiter befreien sollte. Dass er das schwere Werk wirklich ausführen
werde, dafür erbat sich Gideon das Zeichen: Wenn er ein Fell mit Wolle auf die
Tenne legen und dies über Nacht nass werde, während es auf der Erde ganz
trocken sei, so wolle er daran erkennen, dass er die Befreiung seines Volkes
ausführen werde. Der HERR gab ihm das Zeichen, und als Gideon, noch zweifelnd,
aber demütig das gegenteilige Zeichen forderte, dass das Fell trocken bleibe,
aber Tau auf der Erde sei, gewährte ihm der HERR auch das.
Aber obwohl sich Ahas vor den beiden
Königen fürchtete, und ihm zur Versicherung, dass er keine Ursache zur Furcht
habe, irgendein vom ihm geforderten Zeichen angeboten wird, lehnt er das doch
unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er Gott nicht versuchen wolle, ab und
stößt damit die rettende Hand Gottes, die sich ihm zum letzten Mal
entgegenstreckt, zurück. Er hatte, wie der Prophet sagt, nun auch Gott müde
gemacht wie vorher schon den Propheten. Hatte Gott alles, aber vergeblich,
getan, um den abtrünnigen König und sein Volk von ihrem Unglauben
zurückzubringen, so zieht er nun seine Hand von ihnen ab und lässt sie ihrem
Verderben entgegengehen.
Indessen, hat Ahas sich geweigert, ein ihm
von Gott angebotenes Zeichen zu fordern, so gibt ihm nun Gott selbst ein
Zeichen, dass das Reich Juda noch nicht zugrunde gehen soll. Warum, so fragen
wir, wollte ihm Gott trotz allem dafür ein Zeichen geben? Wir finden die
Antwort im elften Vers des 132. Psalms: „Der HERR hat David einen wahren Eid
geschworen, davon wird er sich nicht wenden: Ich will dir auf dienen Stuhl
setzen die Frucht deines Leibes.“ Diese David mit einem Eid bekräftigte
Verheißung lautet 2. Sam. 7,12.13: „Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit
deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von
deinem Leib kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem
Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen
ewiglich.“ Das sin dieser Zusage nicht etwa von Salomo die Rede ist, geht
deutlich daraus hervor, dass Gott diesen Samen Davids erst dann erwecken will,
wenn David schon gestorben ist, mit seinen Vätern schlafen liegt. Salomo aber
war schon zwanzig Jahre alt, als David starb. Dieser noch zukünftige Same war
vielmehr der verheißene Messias, und dessen Königreich, so verheißt der HERR,
wolle er ewig bestätigen. Nun war aber dieser Messias und König zur Zeit des
Ahas noch nicht geboren, und darum konnte und durfte, so gewiss Gott den David
geschworenen Eid halten musste, das Geschlecht David nicht vom Thron gestürzt
und das Reich Juda nicht zerstört werden, bis die David gegebene und
beschworene Verheißung erfüllt war. Also, weil Gott als der Wahrhaftige seine
Verheißungen und besonders die David beschworene erfüllen musste, deshalb gab
er Ahas zum Zeichen, dass das Reich Juda noch fortbestehen werde, die in
unserem Text enthaltene herrliche Verheißung.
Diese Verheißung lautet zunächst: „Siehe,
eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Eine
wunderbare Verheißung! Es heißt nicht: eine Frau, auch nicht: eine junge Frau
ist schwanger; denn wenn eine solche schwanger wird und einen Sohn gebiert, so
ist das kein besonderes Zeichen für etwas, was geschehen oder nicht geschehen
soll, weil das infolge des Segens, den Gott auf den Ehestand gelegt hat, auf
natürliche Weise fort und fort geschieht. Dieses von den HERRN gegebene Zeichen
soll aber etwas Wunderbares sein, etwas, was nicht nach dem natürlichen Lauf,
sondern allein durch Gottes Allmacht bewirkt werden kann. Und ein solches alle
Kräfte der Natur übersteigendes und der menschlichen Vernunft unbegreifliches
Zeichen gibt Gott hier, indem er spricht: „Siehe eine Jungfrau ist schwanger.“
Eine Jungfrau, die von keinem Mann berührt ist, die ist durch ein von Gott
gewirktes Wunder schwanger. Dies allein sagt das Wort, welches in der
Grundsprache für unser Wort Jungfrau steht. Und zwar heißt es eigentlich die,
das ist eine von Gott ersehene, erwählte Jungfrau, die ist schwanger und soll
einen Sohn gebären. Aber war diese Verheißung bis dahin etwas ganz Neues und
Unbekanntes, nicht vielmehr schon in der ersten Verheißung von dem Weibessamen
enthalten und angedeutet, der der Schlange den Kopf zertreten sollte? In dieser
Verheißung heißt es ja nicht: des Mannes, sondern: der Frau Same soll
der Schlange den Kopf zertreten, über die Frau hatte Satan durch die Versuchung
zuerst Macht bekommen, durch den Samen der Frau soll ihm nach Gottes gerechtem
Gericht die Macht wieder genommen werden. Und diese schon in der ersten
Weissagung enthaltene Verheißung ist in den Worten „Eine Jungfrau ist
schwanger“ wiederholt, aber näher bestimmt, da gesagt wird, dass der Same der
Frau nicht auf natürliche, sondern durch ein von Gott gewirktes Wunder von
einer Jungfrau geboren werden wird.
Dass dieses und kein anderes das rechte
Verständnis dieser Weissagung ist, erkennen wir aus Matth. 1,18, wo es heißt:
„Die Geburt Christi war aber so getan: Als Maria, seine Mutter, dem Joseph
vertraut war, ehe er sie heimholte, fand sich’s, dass sie schwanger war von dem
Heiligen Geist.“ Und als Joseph sie deswegen verlassen wollte, erschien ihm der
Engel des HERRN im Traum und sprach zu Ihm: „Joseph, du Sohn Davids, fürchte
dich nicht, Maria dein Gemahl zu dir zu nehmen, denn was in ihr geboren ist, das
ist von dem Heiligen Geist.“ Und Lukas sprach der Engel zu Maria, der zur ihr
gesandt wurde, um ihr die Botschaft zu überbringen, dass sie von Gott erwählt
sei, die Mutter des verheißenen Heilandes zu werden: „Siehe, du wirst schwanger
werden im Leib und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. Der
wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden.“ Als Maria staunend fragte:
„Wie soll das zugehen, da ich von keinem Mann weiß?“ da antwortete der Engel:
„Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich
überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes
Sohn genannt werden.“ Daher bekennen wir den aufgrund des klaren Schriftwortes
von unserem HERRN: „Empfangen von dem Heiligen Geist“ und darum nicht wie alle
anderen Menschen in Sünden empfangen und geboren, sondern heilig, unschuldig,
von den Sündern abgesondert. Und nur der Heilige konnte der Sünder Heiland
sein; denn vor dem heiligen Gott ist alles von Sünden Befleckte verwerflich.
Aber obwohl durch seine heilige Empfängnis und Geburt von den Sündern
abgesondert, doch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, unser
Bruder, der menschlichen Natur teilhaftig.
Fragen wir: Wie konnte Christus als wahrer
Mensch durch Wirkung des Heiligen Geistes von einer Jungfrau geboren werden? so
lautet die Antwort: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Oder sollte der Gott,
der Himmel und Erde durch sein Wort aus nichts hervorgebracht, der den ersten
Menschen aus einem Erdenkloß so wundervoll gebildet, Eva, die Mutter aller
Menschen, aus der Rippe Adams gebaut und den Leib Adams durch seinen Hauch zu
einem lebenden Wesen gemacht hat, nicht auch die so wunderbare Empfängnis und
Geburt des verheißenen Heilandes bewirken können? Wer kann die natürliche
Empfängnis und Geburt eines gewöhnlichen Menschen begreifen? Wenn nun diese ein
unbegreifliches Geheimnis und Wunder Gottes ist, wer kann dann, wenn er noch an
einen allmächtigen Gott glaubt, die wunderbare Geburt des Heilandes leugnen?
Konnte der Gott, der solch eine wunderbare Empfängnis und Geburt bewirkt, nicht
auch die Anschläge der beiden Könige vernichten?
Doch wir gehen zum zweiten Teil des
wunderbaren Zeichens in unserem Text über, dass dieser von der Jungfrau
geborene Sohn von ihr Immanuel genannt wird.
2.
„Den wird sie heißen Immanuel“, setzt der
Prophet hinzu. Das Zeichen besteht nicht allein darin, dass dieser Sohn von
einer reinen Jungfrau geboren, sondern auch darin, dass er Immanuel, das heißt,
„Gott mit uns“, genannt werden wird. Wie ist aber dieser Name Immanuel, Gott
mit uns, zu verstehen, von seinem Amt oder von seiner Person? Haben wir ihn von
seinem Amt oder Werk zu verstehen, so wäre damit nur gesagt: Gott ist
mit uns, ist uns gnädig, er will und wird uns aus allen Nöten erretten,
schützen und bewahren, denn er ist der Allmächtige; darum haben wir keine
Ursache, uns zu fürchten, sondern können getrost und sicher sein, wie es Ps. 46
heißt: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten,
die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt
unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ Aber wenn der Name Immanuel
nur dies besagen sollte, warum musste er denn von einer Jungfrau geboren
werden, warum nicht auf natürliche, sondern auf übernatürliche, wunderbare
Weise? Als Gott Mose den Befehl gab, zu Pharao zu gehen, und dieser antwortete:
„Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten?“
sprach der HERR nicht zu ihm: „Ich will mit dir sein“? Sprach er nicht zu
Josua, als dieser an Moses Stelle treten sollte: „Lass dir nicht grauen und
entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du
tust“? War er nicht mit Gideon, als dieser Israel von den Midianitern befreite,
mit Simson gegen die Philister, mit Petrus und Johannes, als er sie durch
seinen Engel aus dem Gefängnis führte? Mit diesen allen war der HERR, obwohl
sie nur sündige Menschen waren. Haben nicht alle Gläubigen die Verheißung (Jes.
43): „So du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme
nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und
die Flamme soll dich nicht anzünden. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin
bei dir“? Wenn der Name Immanuel nur diesen Schutz, diese Hilfe, allen
Gläubigen verheißen, bedeutete, wäre dann seine Geburt ein außerordentliches
Zeichen, ein Zeichen aus der Tiefe und der Höhe? Wenn sie aber dieses sein
sollte, wie deutlich aus dem ganzen Text hervorgeht, so kann dieser Name nur
Bezeichnung der Person sein, eine Aussage, was und wer dieser Sohn der
Jungfrau ist, das heißt, in diesem in so wunderbarer Weise empfangenen und
geborenen Sohn der Jungfrau hat Gott selbst Fleisch und Blut angenommen, ist
Gott Mensch geworden. Das war es, was der Engel Gabriel Maria sagte, als er ihr
die heilige Empfängnis ankündigte: „Du wirst einen Sohn gebären, … der über das
Haus Jakobs ein König sein wird ewiglich; und seines Königsreichs wird kein
Ende sein.“ So singen wir mit Recht:
Des
ewgen Vaters einig Kind
Jetzt
man in der Krippe findt;
In
unser armes Fleisch und Blut
Verkleidet
sich das ewige Gut.
Was
kann euch tun die Sünd und Tod?
Ihr
habt mit euch den wahren Gott.
Lasst
zürnen Teufel und die Höll,
Gotts
Sohn ist worden eur Gesell.
Diesen Immanuel beschreibt nun der Prophet
in den Worten: „Butter und Honig wird er essen, dass er wisse, Böses zu
verwerfen und Gutes zu erwählen.“ Obwohl wahrer Gott, ist er doch auch wahrer
Mensch; denn er wird als ein kleines Kind von der Jungfrau geboren, und als ein
wahres Menschenkind hat er sich entwickelt wie gewöhnliche Kinder. Wie diese
musste er wachsen, zunehmen an Erkenntnis, Verstand und
Unterscheidungsvermögen, wie Lukas berichtet: „Das Kind wuchs und wurde stark
im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm“ und: „Jesus nahm zu an
Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Zu dieser natürlichen
Entwicklung eines Kindesalters bedurfte er der Speise, redet der Prophet, indem
er sagt, er werde Butter (oder Dickmilch) und Honig essen, wenn er das Alter
erreicht habe, in dem er lerne, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen.
Aber soll mit dieser Angabe, dass Butter (oder Dickmilch) und Honig des
Immanuels Speise werden, nur gesagt sein, dass er als wahrer Mensch auch natürlicher
Speise bedürfe? Das ist doch schon damit gesagt, dass er der Jungfrau Sohn ist.
Als solcher musste er, wie kleine Kinder, auch an seiner Mutter Brust liegen
und ihre Milch seine Speise sein lassen und dann, größer geworden, auch härtere
Speise genießen. Aber warum gerade Butter und Honig? Die Antwort lautet im
folgenden Vers: „Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen,
wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen Königen“, mit anderen
Worten: Noch ehe der Knabe Immanuel das Alter erreicht, in dem er die Fähigkeit
hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, werden die beiden Reiche Syrien
und Samaria, die damals Jerusalem bedrohten, von ihren Einwohnern verlassen
sein.
Aber weissagte Jesaja nicht etwa 730 Jahre
vor der Geburt des HERRN, so dass ein weiter Zeitraum zwischen Verheißung und
Erfüllung lag? Und wie konnte die nach so langer Zeit erst erfolgte Geburt des
Immanuel ein Zeichen dafür sein, dass jene beiden feindlichen Könige ihren Plan
nicht ausführen sollten? Die Antwort lautet zunächst: Mit etwa drei Jahren
fängt ein Kind an, Gutes und Böses zu unterscheiden und feste Speisen zu
genießen. Und innerhalb drei Jahren waren Syrien und Samaria von ihren Königen verlassen;
denn schon ein Jahr nach dieser Weissagung erschien der König von Assyrien,
eroberte Samaria und führte einen großen Teil der Bewohner in die
Gefangenschaft. Im dritten Jahr wurde Syrien dasselbe Schicksal von ihm
bereitet, und beide Könige wurden getötet. Aber auch Ahas und das jüdische Volk
bekamen die Hand des assyrischen Königs zu fühlen; sie wurden von ihm abhängig
und mussten schweren Tribut zahlen. Das war die gerechte Strafe dafür, dass
Ahas das ihm angebotene Zeichen nicht fordern wollte. Hätte er es gefordert,
und es wäre ihm, woran kein Zweifel ist, gegeben worden, so hätte er auf die
Hilfe des Königs von Assyrien verzichten müssen; das aber wollte er nicht, weil
er mehr auf den als auf Gott vertraute. Er rief ihn herbei und wurde mit seinem
Land von ihm bedrückt und geknechtet.
Sodann ist wohl zu beachten, dass Jesaja
nicht sagt: Sie, die Jungfrau, wird, sondern ist schwanger, also
das in der Zukunft liegende als gegenwärtig erblickt, wie er ja auch von der
Geburt des HERRN Kap. 9 ausruft: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns
gegeben“ und ihn im 11. Kapitel als gegenwärtigen Herrscher schaut, nach dem
die Heiden fragen. Wenn er daher sagt: „Ehe der Knabe lernt, Böses verwerfen
und Gutes erwählen, wird das Land, davor die graut, verlassen sein von seinen
zwei Königen“, so verkündigt er damit: Wie von der Empfängnis und Geburt des
Immanuel bis zu der Zeit, da er anfängt, Böses und Gutes zu unterscheiden, etwa
zwei bis drei Jahre liegen, so werden die zwei Könige und deren Länder
innerhalb von drei Jahren getötet und verwüstet sein – eine Weissagung, die
innerhalb dieser Zeit buchstäblich durch den König von Assyrien in Erfüllung
ging.
Überblicken wir die Umstände, unter denen
dem König Ahas dies wunderbare Zeichen in seiner Bedrängnis gegeben wurde,
welche wichtige Lehren sind uns damit gegeben! Lasst mich nur einige
herausheben. Wir sehen, schon im Alten Testament wurde in klaren Worten
verkündigt, dass der Heiland der Welt wahrer Mensch und wahrer Gott in einer
einigen Person, ein allmächtiger Erlöser sein wird, der uns von Sünden und Tod
erlösen kann und wird. Daher bekennen wir fröhlich: Jesus Christus ist
wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch,
von der Jungfrau Maria geboren, mein HERR. Wir sehen ferner: Das Wort Gottes,
ob Verheißung oder Drohung, fehlt nicht, sondern muss bis auf den letzten Titel
erfüllt werden. Sodann: Wer sich auf Menschen und deren Macht verlässt, wie der
König Ahas, stützt sich auf einen Rohrstab, der ihm die Hand durchbohrt, führt
sein Unglück selbst herbei; wer aber auf den HERRN vertraut, hat wohl gebaut.
Wer glaubt, der bleibt; wer nicht glaubt, bleibt nicht. Endlich: Nehmen wir es
ja mit jedem Wort Gottes ernst, sei es Lehre oder Ermahnung, Trost oder Strafe!
Wer dies Wort verachtet, der verderbt sich selbst; wer sich aber im Glauben
daran hält, es seines Fuße Leuchte sein lässt, bleibt ewig. Der HERR aber erhalte
uns bei seinem Wort um unseres hochgelobten Immanuel willen! Amen.
Probepredigt
des
Candidaten der Theologie
Johann
Konrad Wilhelm Löhe aus Fürth,
über 1. Joh. 1, 8:
So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die
Wahrheit ist nicht in uns.
Als Predigt zum Altjahrsabend.
Entnommen aus Deinzers Biographie über Löhe, Bd. 1, S. 207 ff.
Die Glieder einer Gemeinde sind
verschieden. Etliche sind wiedergeboren, etliche sind erweckt, und viele sind,
die von Wiedergeburt und Erweckung Nichts wissen, die nur mit dem äußern Ohr
der Predigt zuhören, aber in ihrem Herzen die himmlische Berufung noch nicht
vernommen haben. Ihnen allen soll die Predigt den nötigen Dienst leisten. Die
Schlafenden und Todten sollen durchs Wort des Herrn zum neuen Leben erweckt,
die Erweckten zur Wiedergeburt gefördert, und die Wiedergeborenen in dem
neugeborenen Wesen gestärkt und befestiget werden. Für die Einen ist dieser,
für die Anderen jener Text dienlicher, und es ist des Predigers Amt, Gottes
Wort unter die Verschiedenen recht zu teilen.
Unser Text nun gehört für
Wiedergeborene, denn er ist von Johannes selbst an Wiedergeborene geschrieben:
Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Gottes Geist gesalbt sind die, an welche
Johannes schreibt. Auch passt der Text nur für Wiedergeborene. Er ist ein warnender
Unterricht von der Verleugnung der Sünde, weil die Verleugnung der Sünde
ist:
1) eine Verführung seiner selbst vom rechten Weg zum
Leben und
2) ein Verlust der Wahrheit aus dem Herzen.
Wer nun die Sünde nicht
erkannt hat, verleugnet sie auch nicht, wenn er sagt: „Ich habe keine
Sünde“; – wer nicht auf dem rechten Weg zum Leben wandelt, wird auch nicht
von demselben abgeführt und verführt; – wer die Wahrheit nicht im Herzen
trägt, kann sie auch nicht verlieren. Seine Sünde aber erkennen, den Weg zum
Leben wandeln, die Wahrheit in sich tragen, sind lauter Zeichen der
Wiedergeborenen. So gehört denn unser Text und die Auslegung desselben, mit der
sich unsere Predigt beschäftigen soll, für Wiedergeborene. Die Erweckten aber,
und welche erst erweckt werden sollen, mögen, was ich sagen werde, getrost mit
ihres eigenen Herzens Zustand vergleichen; vielleicht gibt Gott, dass auch
ihnen Etwas zur Förderung diene.
Ihr aber, begnadigte,
wiedergeborene Christen, seid ja gedemütigt durch den Geist eures Gottes und
verwerfet ja auch die Lehre, Warnung und Ermahnung nicht, die euch von den
Kindern dieser Welt gegeben wird. Darum werdet ihr es auch vertragen, wenn ich
aus Begierde, den Text, der euch gehört, euch darzubringen, in der
Predigt fehle. Denn ich kann vor euch nicht predigen, sondern nur lallen von
geistlichen Dingen, weil ich euch nicht gleich bin in der Wiedergeburt. Doch
ist mein Lallen aus gutem Willen, Gott zu Ehre, euch zu Liebe.
I.
Johannes sagt im ersten
Theil unseres Textes: So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns
selbst. Verführen heißt: vom rechten Weg, der zum bestimmten Ziele führt,
abführen auf einen anderen falschen Weg, auf dem man nie zum Ziele kommt. Wer
also seine Sünde verleugnet, kommt von dem rechten, sichern Wege ab, verliert
die Aussicht auf das selige Ziel und Ende dieses Weges und dazu die Hoffnung es
zu erreichen.
Ihr, die ihr jetzt auf der
richtigen Straße dem ewigen Ziele zu wandelt, Heilige und Geliebte,
wiedergeborene mit Gottes Geist gesalbte Kinder Gottes! Ihr sehet vor euch das
goldene Ziel eures Weges; ihr wisset, wohin ihr geht! – nämlich zur Stadt,
die einen Grund hat von Gott erbauet, zur ewigen Heimat, mit der auch jedem von
euch, der dahin gelangt, die seinige bereitet ist! Ihr kennet das Ziel! –
Und den rechten sichern Weg dahin kennt ihr auch! „Ich bin der Weg“ spricht
unser Herr Jesus. Ja, er ist’s auch, euer Weg, Jesus der Gesalbte, der Prophet
und Priester und König, mit den reichen Segnungen seines dreifachen Amtes. Ihr
wisset den Weg, ja, für jetzt wandelt ihr auch auf ihm: und eure Füße, damit
ihr auf ihm wandelt, sind der Glaube. Ihr glaubt an Jesus! ihr wandelt den
rechten Weg.
Aber beharret auf diesem Weg, seid
standhaft im Glauben an Jesus und Sein heiliges Verdienst: Gott mach’ euch
standhaft, Sein heiliger Geist erhalte euch im Glauben! – Denn was
hilft’s, eine kleine Weile auf dem rechten Pfad gewandelt, eine kurze Zeit
geglaubt zu haben?
Nur wer im Glauben, nur wer
auf dem rechten Pfad bis in den Tod beharret, nur der wird das Ende seines
Glaubens davon bringen, nur der das Ziel seines Weges erreichen, nämlich der
Seelen Seligkeit in der ewigen Stadt.
Wer aber nicht beharret, wer
abkommt von dem einzig rechten Weg Jesu, der kommt zu diesem seligen Ziele
nicht! Den Weg hat er verloren, so ist ihm das Ziel entrückt. Wie ein
verlorenes Schaf weiß er nicht, wohin er geht, er gehe, welchen Weg er will.
Jeder Weg, der nicht Jesus heißt, ist ein Irrweg, ohne Jesus, ohne den Weg, der
Wahrheit und Leben ist, geht man immer nur der ewigen Finsternis, dem ewigen
Tode zu.
Vor solcher ewigen Finsternis,
vor diesem ewigen Tode möcht’ euch euer Gott in Gnaden bewahren, möcht’ euch
gerne sicher zu seiner ewigen und seligen Ruhe bringen.
Darum hat Er auch den
rechten Weg offenbaret, und euch auf ihn versetzt, darum offenbaret Er euch
auch in unserem Text, worin die Verführung von dem einzig rechten Weg bestehet,
damit ihr euch gegen sie mit Wachen und Beten besser rüsten könnet! Das ist die
Verführung, Geliebte! dass ihr saget: „Wir haben keine Sünde“, dass ihr eure
Sünde verleugnet.
Und das ist wahr. Ja, so
wahr in keinem Andern Heil, auch kein anderer Name den Menschen gegeben ist,
darin sie sollen selig werden, ja so wahr Jesus der einzig wahre Weg zur
Seligkeit ist, so wahr ists, dass die Verleugnung der Sünde die Verführung ist,
dadurch wir diesen einzig wahren Weg verlieren.
Gott hat alle Welt
beschlossen unter die Sünde, auf dass Er sich Aller erbarme in Christus Jesus.
Alle Menschen, die in die
Welt kommen, müssen Gott darin Recht geben, dass sie Sünder sind, nur dann
haben sie Teil an Jesus Christus und seinem Heil. Aus unbegreiflicher Liebe zu
den Sündern, nicht zu den Gerechten, die Sünder selig zu machen von ihren
Sünden, hat sich der eingeborene Sohn seiner Herrlichkeit entäußert und
Knechtsgestalt angenommen.
Die Sünde hat Er getragen in
Seinem Tod am Kreuz, die Sünder vom Fluch befreiet, eingeladen zu Seinem Reich,
„Sünder sind Sein Himmelreich!“
| Ist aber Christus für
Sünder in die Welt gekommen, sind Sünder Sein Himmelreich, so kann freilich an
Ihm, an Seines Reiches Seligkeit keinen Anspruch machen, wer kein Sünder sein
will, sondern sagt: „Ich habe keine Sünde!“ Er hat ja keine Sünde, was geht
also ihn Jesus an, der Sünder Heiland? Was Jesus, die Versöhnung für unsere
Sünde? Was das Lamm Gottes, um unserer Missetat willen verwundet, um unserer
Sünde willen zerschlagen? Er hat keine Sünde, er ist ja selbst gerecht; wozu
für ihn das blutige Sühnopfer, wozu für ihn die fremde zugerechnete
Gerechtigkeit Jesu Christi, des Gerechten?
So verwirft die Welt den
einzigen Weg zur Seligkeit, den ihr Gottes höchste Weisheit selbst erfunden
hat. Sie will Jesus, sie will den Weg Gottes ihren Augen nicht gefallen lassen,
billig kommt sie also auch nicht zum Ziele dieses Weges, zu der ewigen seligen
Ruhe Gottes in Christus Jesus.
Dass nun die Welt der
ewigen Seligkeit verlustig geht, ist nicht zu verwundern. Ihr ist kein neuer
Sinn gegeben zur Erkenntnis ihrer selbst und Jesu; ihre Augen sind gehalten,
ihre Sinne und ihr Herz umnebelt und gefangen vom Gotte dieser Welt, dass sie
in Jesus den einzig wahren Weg nicht erkennen kann.
Aber dass die, die schon
erkannten ihre Sünde, und gewaschen waren von derselben, und versetzt durch
Gnad’ und Glauben auf den rechten Weg, die schon von fern gesehen und gegrüßt
hatten das herrliche Ziel des Weges und geschmeckt den Vorschmack der ewigen
Seligkeit, dass die Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Seinem Geist gesalbt, dass
ihr, ihr gesalbten Kinder Gottes, – ihr eure Sünde und mit ihr die
Notwendigkeit des Opfers Jesu für euch wiederum verleugnen solltet; – das
hätt’ ich nimmermehr für möglich gehalten, wenn nicht Johannes in unserm Texte
eures Gleichen, Kinder Gottes, davor warnte!
Weil’s aber so ist, weil der
Geist, der in Johannes lehrte, jene hohen Christen, denen’s bei ihrem schmalen
Weg Jesu bereits so wohl geworden war, doch noch für verführbar hält, –
freilich ja! so seid auch ihr Geliebte! noch nicht so fest auf dem rechten Weg,
dass ihr nicht verführbar wäret.
Ich sah davor in euch
heilige Vorbilder auf dem Weg zur Seligkeit; ich sah euch ausgerüstet mit den
Gütern der Gnade Gottes, mit Kraft von oben zu beharren auf dem rechten Weg. O!
dacht’ ich, dass du wärest, wie deren einer, diese werden beharren, diese kann
Nichts verführen, diese gelangen gewiss zum ewigen Ziel! O, sagte ich, wie wird
die Fülle der Gnade sie demütigen, wie tief werden sie dadurch gegründet werden
in der Erkenntnis ihrer Unwürdigkeit und Sünde, wie werden sie Gott die Ehre
geben, wie wird aus ihrem Herzen, von ihren Lippen nie das Bekenntnis weichen:
Ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die du, Herr, an mir tust!
„Und siehe!“ – Und siehe! Ich muss erfahren aus Gottes Wort, dass auch ihr
die Warnung vor dem Fall bedürfet, – dass auch ihr Jesus und Sein
Verdienst verlassen, euer Verdienst erheben, eure Sünde verkleinern, stolz,
selbstgerecht werden und sagen könnet: „Wir haben keine Sünde!“ – Ja denn,
wenn ihr’s tut, wenn ihr euch selbst verführt vom wohlerkannten, wohlbetretenen
rechten Weg; siehe! so ist eure Verdammnis ganz recht! Ihr seid dann doppelter
Streiche wert, über euch muss ein schwererer Fluch erfüllt werden, als selbst
über Kapernaum, die am meisten Seiner Taten gesehen und sich doch nicht
bekehret hat! denn ihr wart bekehret, ihr liefet fein auf dem lebendigen Weg,
ihr hattet Kraft von oben auf ihm zu beharren, und habt ihn samt seinem ewigen
Ziele nichts geachtet!
O, so verleugnet doch eure
Sünde nicht, Geliebte! Betet um Demuth, betet, dass ihr immer kleiner, immer
unmündiger vor Gott werden, immer brünstiger das Bekenntnis der Gerechtigkeit
allein aus Seiner Gnade vor ihm tun mögt!
So werdet ihr doch bewahret
bleiben, so werdet ihr doch entrinnen dem schrecklichen Gerichte Gottes über
die Verleugnung der Sünde, dass sie ewig bleiben muss, was sie ist, eine
Selbstverführung vom erkannten rechten Weg, eine immer weitere Entfernung von
dem goldenen, seligen Ziel des Christenlaufs, endlich ein ewiger Verlust der
seligen Ruhe Gottes in der Heimat.
II.
Wir haben nun nach dem ersten Theil unseres Textes die Verleugnung
der Sünde betrachtet als eine Selbstverführung. Im zweiten Theil des Textes
sagt Johannes: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit nicht
in uns.“ Die Verleugnung der Sünde ist sonach zweitens ein Verlust der Wahrheit
aus unserm Herzen.
Wenn Johannes von der
Wahrheit redet, redet er nicht von ihr, wie die Welt von ihr redet. In der Welt
hat ein Jeder seine eigenen Gedanken von der Wahrheit, Jedem gilt etwas Anderes
für Wahrheit, aber kein Weltkind kennt sie selbst, keines hat sie selbst
gefunden. Die Welt hat keinen Sinn für die Wahrheit. Es geht ihr wie Pilatus,
sie sucht die Wahrheit, und wenn die Wahrheit endlich lebendig zu ihr kommt,
fragt sie doch noch verlegen: Was ist Wahrheit? Nicht so Johannes. Er kennt die
Wahrheit, er hat sie gesehen und beschauet mit seinen Augen, betastet mit
seinen Händen, sein Haupt hat an ihrer Brust geruht, und mehr als das, sein
Herz hat an sie geglaubt und sie geliebt. Ihr merket, was ich sagen will: „Jesus
ist die Wahrheit.“
Zwar ist Jesus nicht mehr
leibhaftig auf Erden, die Wahrheit ist in Jesus aufgefahren in den Himmel. Aber
durch Seinen Geist wohnet sie dennoch auf Erden, nämlich in unserm Herzen. Sein
Geist lehrt uns Ihn kennen, an Ihn glauben und in Liebe mit Ihm verbunden
bleiben. Sein Geist lehrt uns auch Alles, was zu seinem Reich gehört. Wo Sein
Geist in einem Herzen wohnet, da ist das Herz mit Wahrheit erfüllt, da ist im
Herzen die Erkenntnis göttlichen Wortes ausgegossen, wie eine köstliche Salbe,
da ist das Herz mit heiliger Wahrheit gesalbt, irret und lüget nicht. Das ist
die Wahrheit, die unser Text meint. Diese Wahrheit aber, dieser Geist der
Wahrheit flieht, und die Salbung des Herzens höret auf, wo man wieder seine
Sünde leugnet. So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit schon
nicht mehr in uns.
Wie unser Text sagt, so
ist’s ihr Lieben! Denn ehe uns der Geist von der weitern Wahrheit unterrichten,
ehe Er in uns die Gerechtigkeit Jesu, der zum Vater ging, und den Sieg Jesu
über Teufel, Welt und Sünde verklären kann, muss Er zuerst unser eigenes Wesen
in Seinem Licht uns sehen lassen, uns überzeugen, dass wir Sünde haben. Die
Erkenntnis der Sünde ist der Anfangsgrund der Wahrheit.
Ist aber die Erkenntnis der
Sünde der Anfangsgrund der Wahrheit, so muss ja dem die ganze Wahrheit fehlen,
der nicht ihren ersten Anfang, der nicht die Erkenntnis der Sünde in sich hat.
Und wer, nachdem der König der Wahrheit mit allen seinen Gaben, mit seinem
ganzen Reich in ihm eingezogen ist, nachdem die Wahrheit schon Wohnung in ihm
gemacht hat durch den heiligen Geist, – wer danach den Anfang der
Wahrheit, die Erkenntnis der Sünde verliert, und sagt, er habe keine Sünde, der
verliert mit dem Anfang der Wahrheit die ganze Wahrheit, das ganze Reich der
Wahrheit samt ihrem König Jesus aus dem Herzen.
Hier mögen sich prüfen, die
sich lassen dünken, sie wissen Wahrheit und tragen sie in sich, – die
unbekehrten, weltlich-weisen Leute meine ich. Was nützt ihnen ihr Wissen, was
alle tiefen und mühsamen Untersuchungen über „das Wesen der Wahrheit“, wenn sie
nicht den ersten Anfangsgrund der Wahrheit gelernt, wenn sie nicht gelernt
haben, dass sie in Sünden empfangen und geboren und dem Gesetz der Sünde
untertan, in sich selber finster, ferne von der Wahrheit Gottes sind? Ein
demütiges, zerbrochenes Herz – das ist allein der Boden, auf dem ein
wahres Wissen keimet. Wisse was und so viel Du willst, wenn’s nicht auf den
ersten Grundsatz alles Wissens, auf die Erkenntnis der Sünde gegründet ist,
bläst es Dich und die Dich hören, doch nur auf und dient euch nicht zum
Frieden.
Das ist der Weisheit Anfang, dass
ein Mensch seine Sünde erkennt und sich fürchtet vor Gott, dem Herrn. Das ist
der erste Strahl des anbrechenden Tages der Wahrheit, der Dir die Nacht der
Sünden mit allem ihrem Grausen offenbart. Wer aber seine Sünde leugnet, wer
sagt, er habe keine Sünde, der weiß das Erste nicht, das man wissen muss, in
dem ist auch der erste Strahl der Wahrheit nicht, sondern eitel finstre Nacht.
Darum, Geliebte! die ihr
jetzt noch der Wahrheit Raum gebt und dem Geiste, der euch von der Sünde in
euch predigt, noch nicht widersprechet, widersprechet ihm nie! Verleugnet nie
die erste Wahrheit des Heiligen Geistes, verleugnet eure Sünde nie; denn wie
wir gehöret haben, wer diese Wahrheit leugnet, vertreibet alle Wahrheit aus dem
Herzen.
Zwar kommt man nicht gleich
von der vollen Erkenntnis der Sünde, wie ihr sie jetzt habt, zu der gänzlichen Verleugnung
derselben, mit der die Wahrheit von uns weicht. Aber nach und nach kann’s dahin
kommen.
Es ist die Verleugnung der
Sünde inwendig und verborgen: noch betrübt sich Dein eignes Herz, wenn Dein
alter Mensch sich wieder heben, diese oder jene Deiner alten oder neuen Sünden leugnen
will; noch zeugt der Heilige Geist in Dir laut gegen diese innere Verleugnung
Deiner Sünde, und Du würdest es noch nicht über Deine Lippen bringen können, zu
behaupten: „Diese oder jene meiner Sünden ist keine Sünde!“ Aber gib ihr nur
nach, dieser Lust, Deine Sünde zu verleugnen, o wie wird dann die Sünde der Verleugnung
so schnell in Dir wachsen, wie wird ein Geist der Verleugnung in Dir Überhand
gewinnen, und Dich verblenden über alle Sünde, – wie wird Dein Herz immer
kecker, immer freventlicher dem Geist der Wahrheit widersprechen, immer
zügelloser der Lüge sich überlassen, immer verstockter bei sich selber
sprechen: „Ich habe keine Sünde! es ist nicht so arg mit der angeborenen Sünde
und Sündenlust; auch hab’ ich ihr nicht so oft nachgegeben, als ich dachte; es
ist vieles gar keine Sünde, das ich vor Kurzem noch für Sünde hielt!“ –
Schon ist Dein Herz voll Verleugnung der Sünde, bald wird Dein Mund davon
übergehen. Je lauter Du der Stimme des Geistes, die Dich straft um Deine Sünde,
widersprichst, desto leiser lässt sie sich in Deinem Herzen hören. Endlich
schweigt sie! Jetzt kannst Du’s ohne Störung heraussagen, was Du meinst: „Ich
habe keine Sünde!“ Die Welt wird sich freuen, dass Du in ihre Losung
einstimmst, sie wird Dich stärken in Deiner Behauptung. –
Aber die Wahrheit ist
entflohen, der Geist der Wahrheit ist von Dir gewichen, die Erkenntnis der
Wahrheit in Dir ist Nacht, Dein Herz ist in Lügen gefangen. Das Ende der Verleugnung
der Sünde ist in Dir erfüllt, der Verlust der Wahrheit ist in Dir völlig
worden. Johannes hat Dir’s in unserm Text geweissagt, nun ist’s
geschehen. –
O, wenn Du Dir dann
vorkämest, wie ein Engel des Lichts so hell und klar, Du bist doch ohne Licht
und aller Lüge voll, wie ein Engel der Finsternis. Gott weiß es, die heiligen
Engel und Deine Brüder, die in der Wahrheit geblieben sind, wissen es, und
weinen über Deinen Abfall, Deinen Tod. Nur Du siehst Deine Finsternis und
Deinen Tod nicht, Du bist der Welt wieder gleich worden, die auch ihre Sünde leugnet,
damit sie desto ungestörter sündigen könne. Du bist, wer Du warst, ehe Du Dich
bekehrtest, ja Deine Finsternis ist ärger, denn zuvor. –
Darum, Geliebte! fürchtet
solche Finsternis, wachet über eure Seelen! gebt dem ersten Gedanken, der eure
Sünde verkleinern oder leugnen will, mit Abscheu und Grauen den Abschied, er
ist nicht vom Geist der Wahrheit. Lasset ihn nicht aufkommen in eurer Seele!
Ihr wisset nun, er ist der erste Schritt zum gänzlichen Verlust der Wahrheit!
Wir haben gesehen, Geliebte: „So
wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit
ist nicht in uns!“ Jetzt sind freilich Viele, welche sagen: „Wir haben keine
Sünde“, – und wer seine Sünde bekennt, gilt jetzt als für verführt, in ihm
ist keine Wahrheit, er ist in Aberglauben und Finsternis versunken. Man leugnet
die Erbsünde und angeborene Sündenlust, die Sünde ist höchstens eine böse
Gewohnheit oder Schwachheit, um deren Willen ein guter Vater in dem Himmel
Keinem die ewige Seligkeit missgönne. – Aber was ist’s? Soll etwa unser
Text, soll Gottes Wort deshalb Unrecht haben, weil so viele Menschen
widersprechen? Nicht also! Gottes Wort bleibet wahr! Aber viele Verführte sind
jetzt in der Welt, viele, in denen die Wahrheit nicht ist, – weil viele
ihre Sünde leugnen. Wir, lieben Brüder! wollen unsere Sünde nicht verleugnen,
weder die Erbsünde, noch die andere Sünde; wir wollen im Bekenntnis unserer
Sünde bleiben und allein auf Jesus und Sein Verdienst unsere Hoffnung auf die
ewige Seligkeit bauen. Am Ende unseres Laufes angekommen in der ewigen Stadt,
werden wir erkennen, dass wir die Wahrheit und den rechten Weg zum Ziel
erwählet haben. Der große Tag aber wird’s offenbaren vor der Welt!
Amen!
Jeremia 3,12-15: Gehe hin und predige gegen Norden so und sprich: Kehre
wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich mein Antlitz nicht
gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will
nicht ewig zürnen. Allein erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN,
deinen Gott, gesündigt hast und hin und her gelaufen zu den fremden Göttern
unter allen grünen Bäumen und habt meiner Stimme nicht gehorcht, spricht der
HERR. Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR; denn ich will
euch mir vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt und zwei
ein ganz Land führen sollen; und will euch bringen gen Zion. Und will euch
Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Lehre und Weisheit.
In Christus, unserem Heiland, geliebte
Mitpilger!
Die Zeit unserer irdischen Pilgerfahrt ist
so gar kurz. Der Apostel Jakobus antwortet auf die Frage: „Was ist euer Leben?“
„Ein Dampf ist’s, der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet er.“ Und
diese Wahrheit müssen alle, die in einem höheren Alter stehen, bestätigen. Wenn
sie auf ihr Leben von fünfzig oder mehr Jahren zurückblicken, so erscheint es
ihnen nur ein Dampf, der schnell verschwunden ist. So auch mit dem letzten,
eben vergangenen Jahr. Wie schnell ist es dahingeschwunden! Es verschwindet ein
Jahr nach dem anderen, und ehe der Mensch sich dessen versieht, sieht er sich
am Ende angekommen.
Aber so kurz das menschliche Leben ist, so
wichtig ist es; denn am Ende desselben steht der Richterstuhl, von dem über das
Leben eines jeden ein unfehlbares Urteil gefällt wird. „Freue dich, Jüngling,
in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue, was
dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; und wisse, dass dich Gott um dies
alles wird vor Gericht führen“, heißt es Pred. 11,9; und der Apostel schreibt:
„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit ein
jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder
böse.“ Der Richter ist unfehlbar und unbestechlich, ist allwissend und
allmächtig, vor ihm gilt kein Verbergen, er weiß alles; vor ihm gilt kein
Heucheln, denn er ist der Herzenskündiger; er beurteilt jedes Werk nach seinem
wahren Wert. Manches Werk, das hier gut erscheint, verurteilt er als
verwerflich, und weil er allmächtig ist, so vollstreckt er auch das Urteil. Wie
viele würden anders handeln und anders leben, wenn ihnen dieser Richterstuhl
und das Urteil, das ihnen bevorsteht, vor Augen stünde!
Ist nun dem so – und wer könnte leugnen, da
selbst dem Ungläubigen sein Gewissen es bezeugt – so soll dies kurze Leben für
einen jeden Menschen die Vorbereitungszeit auf das jenseitige, ewige Leben
sein. Wie dieses, so jenes Leben. Wer in diesem Leben von Gott geschieden ist,
wird dort auch von ihm geschieden sein; wer hier der Sünde gedient hat, wird
dort mit Schmach bedeckt sein; wer hier in der Finsternis der Sünde gelebt hat,
wird dort in ewiger Finsternis sein; wer hier kärglich gesät hat, wird dort
kärglich ernten. Den Heuchlern wird der Richter das Wort zurufen: „Ich habe
euch noch nie erkannt, weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ seinen treuen
Dienern aber: „Ei du frommer und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu
gewesen, ich will ich über viel setzen; gehe ein zu deines HERRN Freude.“
Diesem Richterstuhl des HERRN und seinem
Urteil sind wir wieder um ein bedeutendes, um ein ganzes Jahr näher gekommen.
Wer von uns weiß, ob er nicht mit dem heutigen Tag die Schwelle des letzten
Jahres in diesem Leben überschritten, nicht dem Richterstuhl ganz nah gekommen
ist? Der Richter will keines Sünders Tod, er möchte über einen jeden auch von
uns einen gnädigen, seligsprechenden Urteilsspruch fällen, und damit dies
geschehe, lässt er seinen Ruf zur Umkehr immer wieder an alle ergehen, die von
dem schmalen Weg abgetreten sind. Einen solchen gnädigen Ruf vernehmen wir
heute aus dem verlesenen Text. So hört denn
Den
gnadenvollen Ruf des HERRN an sein Volk: „Kehre wieder!“
Wir erkennen, dass er
1.
An sein
abtrünniges Volk gerichtet ist,
2.
Ihm
Barmherzigkeit verheißt,
3.
Aufrichtige
Erkenntnis seiner Sünde fordert.
1.
„Gehe hin und predige gegen Mitternacht
[Norden]“, so, Geliebte, sprach Gott der HERR zu seinem Propheten Jeremia. Er
soll sich gegen Mitternacht, nach Norden, wenden, weil sich dort das Volk
Israel in der assyrischen Gefangenschaft (V. 18) befand. Dieses war dem HERRN
abtrünnig geworden, hatte das Wort des Propheten, den er zu ihm gesandt,
verachtet und musste deswegen in der Gefangenschaft in Assyrien schmachten.
Doch hat der HERR es auch dort nicht vergessen, sondern fordert es zur Umkehr
von seinem gottlosen Wesen auf und verheißt ihm, wenn es umkehrt, die Heimkehr
in sein Land, nach Zion. Um der Abgötterei, ihres geistlichen Ehebruchs willen
hatte Gott dem Volk Israel, wie es im achten Vers dieses Kapitels heißt, einen
Scheidebrief gegeben wie ein Mann der ehebrecherischen Frau; aber doch will er
es nicht auf immer verstoßen, sondern, wenn es umkehrt, Buße tut, wieder
annehmen und lässt ihm daher durch seinen Propheten zurufen: „Kehre wieder!“
Worin die Sünde des Volkes Israel
vornehmlich bestand, ersehen wir aus den Worten unseres Textes: „Ihr seid hin
und her gelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen und habt
meiner Stimme nicht gehorcht, spricht der HERR.“ Abgötterei war also die
vornehmste und Grundsünde des Volkes Israel. Gott der HERR hatte es sich zu
seinem Volk, zum Volk des Eigentums, erwählt, hatte es mit mächtiger Hand aus
der Knechtschaft Ägyptens geführt, mit ihm auf Sinai den Bund des Gesetzes
gemacht und ihm als das erste und Hauptgebot das Gebot gegeben: „Ich bin der
HERR, dein Gott … Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“; und das Volk
hatte gelobt: „Alles, was der HERR geredet hat, das wollen wir tun.“ Er hatte
es sodann durch die Wüste in das verheißene Land, in dem Milch und Honig floss,
geführt. Aber das Volk hatte alle diese Wohltaten vergessen, den mit Gott
gemachten Bund schmählich gebrochen und war hingelaufen zu den fremden Göttern
unter allen grünen Bäumen. Seitdem der Tempel zu Jerusalem gebaut war, in dem
sich Gott in der Lichtwolke über den Cherubim der Bundeslade als dem Volk in
Gnaden gegenwärtig offenbarte, war alles Opfern an anderen Orten streng
verboten. Aber immer wieder tat das Volk es den Heiden gleich, die auf den
Höhen und unter den Bäumen ihre Altäre errichteten und darauf ihren Götzen
opferten. Heidnische Abgötterei, die so oft mit Wollust, Fleischeslust,
besonders bei dem Dienst der Göttin Astarte, verbunden war, war es, was der
Prophet meint, wenn er sagt, sie seien zu den fremden Göttern unter allen
grünen Bäumen gelaufen und hätten der Stimme Gottes nicht gehorcht. Aber alle
Abgötterei ist Abfall von dem einigen wahren Gott, ist die Quelle aller anderen
Sünden. Wo jene geschieht, da folgen diese. Wer Gott nicht liebt, liebt etwas
anderes; wer Gott nicht fürchtet, fürchtet etwas anderes; wer nicht auf Gott
vertraut, vertraut auf etwas anderes. Und wie leicht schleicht sich neben Gott
ein Götze ein! Zwar will man Gott nicht den Abschied geben, aber doch nicht ihm
allein, sondern neben ihm noch einem anderen dienen, wie es so oft von dem Volk
Israel geschah. So war es bei Laban, der neben Gott seine Hausgötzen hatte; so
bei Rahel, die ihrem Vater Laban seine Hausgötzen stahl und, als dieser sie
suchte, sie unter die Streu der Kamele versteckte und sich darauf setzte. Daher
musste Jakob seinen Hausgenossen den Befehl geben: „Tut von euch die fremden
Götter, so unter euch sind, und reinigt euch.!“ Denselben Befehl musste Josua
dem Volk Israel im Land Kanaan geben. Dennoch hatte sich dieser Götzendienst
wieder unter dem Volk eingeschlichen; denn 1. Sam. 7,3 sprach Samuel zu dem
Volk: „So ihr euch mit ganzem Herzen zu dem HERRN bekehrt, dann tut von euch
die fremden Götter und Astarot und richtet euer Herz zu dem HERRN und dient ihm
allein.“ Immer mussten sie neben dem einigen wahren Gott einige Nebengötter
haben trotz aller Warnung, Drohung und Strafe durch die Propheten.
Aber dessen machen wir uns doch nicht
schuldig? Sei dessen nicht zu sicher, mein Freund! Diese Art von Abgötterei
geht heute noch mitten in der Christenheit im Schwang. Hat man in der römischen
Kirche nicht eine ganze Anzahl Götzen in den sogenannten Heiligen neben Gott
gesetzt, die angerufen werden? Und dient nicht manch anderer diesem oder jenem
Götzen, der sich in sein Herz eingeschlichen hat? Die Heilige Schrift nennt
manche solcher Nebengötter und warnt sehr vor ihnen: „Wer Sohn oder Tochter
mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert“, spricht der HERR und macht einen
Hausgötzen namhaft. „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und
hält Fleisch für seinen Arm!“ heißt es, und damit ist ein zweiter genannt.
„Alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust und der Augen Lust und
hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“, schreibt
Johannes und warnt damit vor drei weiteren Götzen. „Ihr könnt nicht Gott dienen
und dem Mammon“, spricht Christus und nennt damit den Götzen, vor dem sich die
ganze Welt beugt wie Israel vor dem goldenen Kalb. Der Apostel nennt den
Geizigen einen Götzendiener. Aber wer kann die Götter alle aufzählen? Um den
Mammon wird selbst unter Verwandten gestritten, um ihn wird gelogen und betrogen,
um des Mammons willen werden allerlei Schandtaten verübt. Die Ägypter hatten
einen Stier als Götzen, den sie Apis nannten; und der Stierdienst ist heute
noch nicht ausgestorben. Es gibt kaum ein Ding, das dieser und jener nicht zu
seinem Abgott macht. Aber was bedarf’s weiteren Nachweises? Wir dürfen uns nur
das Wort des HERRN als Spiegel vorhalten: „Du sollst lieben Gott, deinen HERRN,
von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen
Kräften“, in diesem Spiegel unser Herz aufrichtig prüfen, so wird bald dieser
oder jener Abgott zum Vorschein kommen. Darum ergeht aber auch immer wieder der
Ruf Gottes: „Kehre wieder!“ Wende dich ab von deinem Abgott; kehre dich wieder
zu mir! Ich dulde keine anderen Götter neben mir, „denn ich, der HERR, das ist
mein Name, und will meine Ehre keinem anderen geben, noch meinen Ruhm den
Götzen.“ Ich habe dich geschaffen, dir Leib und Seele, Augen und Ohren,
Vernunft und alle Sinne gegeben; was du hast, ist alles mein, das Werk meiner
Hände. So diene nicht dem Geschöpf, sondern mir, deinem Schöpfer, allein.
Hiernach prüfe sich ein jeder, ob er im
vergangenen Jahr seinem Gott ganz gelebt und gedient hat, oder ob er abtrünnig
gewesen ist und also Ursache hat, den Ruf seines Gottes: „Kehre wieder!“ sich
zu Herzen zu nehmen. Wohl dem, der es tut! Denn ihm wird Barmherzigkeit
verheißen.
2.
Es heißt weiter in unserem Text: „So will
ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht
der HERR, und will nicht ewig zürnen.“ Gott ruft sein abtrünniges Volk zur
Wiederkehr, zur Buße, weil er barmherzig ist. Wenn du die Götzen von dir tust
und dich wieder zu mir kehrst, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch
verstellen, das heißt, nicht im Zorn auf euch herabblicken und euch strafen,
wie ihr es verdient habt. Wohl ist er der Gerechte, der die Sünde nicht
ungestraft hingehen lassen kann. Wohl ist er der heilige Gott, dem jede Sünde
ein Greuel ist. Er ist nicht ein Gott, wie es im 5. Psalm heißt, dem gottloses
Wesen gefällt; wer böse ist, der bleibt nicht vor ihm. Das hatte er dem Volk
Israel bei der Gesetzgebung in den Worten gesagt: „Denn ich, der HERR; dein
Gott, bin ein starker, eifriger Gott, der über die, so mich hassen, die Sünde
der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“ Das hatte
auch Israel in der Wüste erfahren; denn sooft es sich der Abgötterei und
anderer Sünden schuldig machte, musste es die Strafe über sich ergehen lassen.
Aber er hatte auch hinzugefügt: „Und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden,
die mich liebhaben und meine Gebote halten.“ So ruft er auch hier dem
abtrünnigen Volk zu: „Ich bin barmherzig und will nicht ewig zürnen.“
Ist das nicht wunderbar, ja unbegreiflich?
Gott ruft das abtrünnige Volk zur Wiederkehr und versichert es seiner
Barmherzigkeit! Der Schöpfer ruft sein Geschöpf, der Heilige das sündige Volk,
das seinen gerechten Zorn verdient hat; dem sichert er Barmherzigkeit zu und
verheißt ihm, dass er alle seine Sünden und Übertretungen vergeben wolle.
„Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder!“ fügt er hinzu; „denn ich will euch mir
vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt und zwei ein ganzes
Land führen sollen; und will euch bringen nach Zion.“ Nicht nur barmherzig will
er sich dem Volk gegenüber beweisen, ihm alle Abgötterei und Sünde vergeben,
sondern er will es sich vertrauen. Was heißt das? Dies erkennen wir aus dem
Zusammenhang; denn im achten Vers sagt der HERR, er habe des abtrünnigen
Israels Ehebruch gestraft, sie verlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben,
womit das Verhältnis Gottes zu dem Volk unter dem Bild der Ehe, als ein
Verhältnis, wie es zwischen Ehegatten besteht, dargestellt wird. Wie Mann und
Frau beim Eingehen der Ehe geloben, dass sie sich allein angehören und mit
keiner anderen Person zu schaffen haben wollen, so hatte Israel dem HERRN
gelobt, ihm allein anzugehören, seinem Wort gehorsam zu sein, ihm allein zu
dienen. Dieses Gelübde hatte das Volk gebrochen, es hatte sich zu den Götzen
gewandt und dadurch geistlich Ehebruch getrieben. Deswegen hatte Gott sich von
ihm scheiden müssen. Nun aber verheißt er, dass, wenn es sich bekehre, die
Götzen fahren lasse, er ihm nicht nur alles vergeben, sondern sich aufs neue
mit ihm vertrauen, verloben, es lieben, ihm wohltun wie vorher, es auch aus der
Gefangenschaft in Assyrien wieder holen und nach Zion zurückbringen wolle. Und
wenn sich nur wenige, einer aus einer Stadt und zwei aus einem Stamm bekehren,
die anderen aber in Unbußfertigkeit verharren, so will er selbst die wenigen
annehmen und nach Zion zurückführen. Diese sollen um der Unbußfertigen willen
nicht dem Verderben preisgegeben werden. Diesen will er sodann, wie es am
Schluss unseres Textes heißt, Hirten nach seinem Herzen geben, die sie mit
Lehre und Weisheit lehren sollen, sein Wort rein und lauter verkündigen und sie
vor Abfall zu heidnischer Abgötterei und Wesen bewahren. Das ist die
Barmherzigkeit, die der HERR dem Volk Israel verheißt, wenn es wiederkehrt. Er
will seinen Zorn fahren lassen, ihm alles vergeben, es wieder zu Gnaden und in
Liebe annehmen wie ein Mann seine verstoßene Gemahlin und ihm treue und
gewissen hafte Lehrer geben.
Die Erfüllung dieser Verheißung geschah zur
Zeit des Neuen Testaments, auf welche der Prophet auch in unserem Text blickt;
denn nicht von dem irdischen Zion redet er, sondern von dem geistlichen Zion,
der Kirche des Neuen Testaments, zu der Juden und Heiden aus allen Völkern von
dem HERRN gebracht werden sollen und noch stets gebracht werden. Sollte diese
Barmherzigkeit unsers Gottes nicht auch uns zur Umkehr bewegen, wenn und wo wir
bei ernster Selbstprüfung erkennen, dass wir hier und dort nicht in seinen
Wegen gewandelt, seinem Wort nicht gehorsam gewesen sind? Meine Freunde, die
Wiederkehr oder die Buße zu Gott ist nicht eine abgeschlossene Handlung, die
einmal im Leben der Christen stattgefunden hat, sondern dauert durch das ganze
Leben hindurch. Müssen wir nicht täglich bitten: „Vergib uns unsere Schuld, wie
wir vergeben unseren Schuldigern“? Heißt es nicht: „Der Gerechte fällt des
Tages siebenmal“? Bedeutet unsere Taufe nicht, „dass der alte Adam durch tägliche
Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen
Lüsten, und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der
in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewig lebe“? Tägliches Sündigen,
tägliche Reue, tägliche Wiederkehr zu dem barmherzigen Gott, der uns um
Christi, unseres Heilandes willen, alle Sünden vergeben hat und täglich
vergeben will, das ist das Leben der Christen. Wem verheißt er Barmherzigkeit?
Denen, die in aufrichtiger Erkenntnis ihrer Missetat zu ihm kommen. Das ist der
dritte Punkt unserer Betrachtung.
3.
„Allein, erkenne deine Missetat, dass du
gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast“, spricht der HERR. Das ist die
einzige, aber auch unerlässliche Forderung, die Gott an das Volk Israel stellt.
Es soll erkennen, dass es an dem HERRN, seinem Gott, gesündigt hat, an dem
HERRN, Jahwe, mit dem es seinen Bund gemacht hat, und an dem es bundesbrüchig
geworden ist. Bundesbrüchigkeit ist wahrlich keine geringe Sünde, und diese
Sünde hat es gegen seinen Gott, seinen Schöpfer, begangen. Die Ehre, die allein
dem allmächtigen Schöpfer gebührt, haben sie ihren eigenen Machwerken erwiesen.
Das ist die Sünde aller Sünden. Oder ist’s ein Geringes, meine Geliebten, wenn
dein Kind die ungehorsam ist, dich verachtet? Wirst du darüber nicht betrübt
und zornig? Greifst du, wenn du kannst, dann nicht zur Strafe? Und sollte das
eine geringe Sünde sein, wenn der Mensch das Wort und den Willen seines Gottes
verachtet, wenn Christen, mit denen er in der heiligen Taufe den Gnadenbund
gemacht, die er zu seinen Kindern aufgenommen hat, gegen ihren gnädigen und
barmherzigen Gott sündigen, sein Wort verachten? Ach, dass Christen die Sünde
gering achten, wohl mit ihr tändeln können!
Darum aber fort der HERR: Allein, erkenne
deine Sünde, erkenne, wie groß sie ist, wie sehr du mich dadurch betrübt, zum
Zorn gereizt hast! Tue darüber von Herzen aufrichtige Buße, oder mein Zorn
bleibt über dir. Und muss er nicht so mit den Unbußfertigen handeln? Wenn er
ihnen auch vergeben würde, hieße das nicht, ihre Sünde billigen, ja, sie darin
bestärken und zum Weitersündigen geradezu ermuntern? Dann wäre er kein heiliger
und gerechter Gott. Er wäre einem Vater gleich, der, wenn seine Kinder ihm ins
Gesicht schlagen, dazu lacht. Nein, ohne bußfertige Erkenntnis ist keine
Barmherzigkeit, keine Vergebung. Denn:
Wahr
ist’s, Gott ist wohl stets bereit
Dem
Sünder mit Barmherzigkeit;
Doch
wer auf Gnade sündigt hin,
Fährt
fort in seinem bösen Sinn
Und
seine Seele selbst nicht schont,
Der
wird mit Ungnad abgelohnt.
Könnte Gott ohne Erkenntnis der Missetat
Barmherzigkeit erzeigen, wozu hätte er dann seinen einigen Sohn in die Welt
gesandt, die Sünde der Welt auf ihn gelegt, ihn um der Sünde willen gestraft
und gemartert, ihn am Kreuz büßen lassen? Das wäre alles unnötig, vergeblich
gewesen. Aber so gewiss Christi, unseres Stellvertreters, Leiden die Strafe
unserer Sünden war, so gewiss kann er nur dem, der seine Sünde bußfertig
erkennt, vergeben, nur dem Gnade erzeigen, der um des Leidens Christi willen
gläubig um Gnade fleht:
Zu
dir flieh ich,
Verstoß
mich nicht,
Wie
ich’s wohl hab verdienet!
Ach
Gott, zürn nicht,
Geh
nicht ins Gricht!
Dein
Sohn hat mich versühnet.
Zu solcher herzlichen Erkenntnis unserer
Missetat, deren wir wahrlich genug im verflossenen Jahr begangen haben, lasst
uns denn, meine Brüdern und Schwestern, in das neue Jahr eintreten; dann
schwebt in ihm nicht unseres Gottes Zorn wie eine finstere, drohende Wolke,
sondern seine Barmherzigkeit wie das freundliche Sonnenlicht über uns; er wirft
dann alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres, dass ihrer nicht mehr gedacht
wird. Kein Bußfertiger darf an Gottes Barmherzigkeit zweifeln; denn wo die
Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Und
wenn die Sonne der Barmherzigkeit unseres Gottes in diesem Jahr auf uns
herniederscheint, mögen dann auch finstere Wolken der Trübsal sich in ihm
zusammenziehen, mag es dann selbst donnern und blitzen: Seine Barmherzigkeit
bricht durch sie hindurch, und wir werden gesegnet sein. Darum, wo immer du
auch bist, folge dem Ruf deines Gottes: „Kehre wieder!“ Ja,
Kommt,
die ihr den Bund gebrochen;
Stellt
euch reuig wieder ein!
Denn
der HERR hat uns versprochen:
Kehre
wieder, du bist mein!
Beugt
euch unter sein Gericht
Und
fasst neue Zuversicht!
Wollt
ihr euch mit ihm verbinden,
Sollt
ihr alles wiederfinden.
Amen.
1. Mose 2,18-25: Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der
Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. Denn als
Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Feld und
allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe,
wie er sie nannte; denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde,
so sollten sie heißen. Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter
dem Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen; aber für den Menschen wurde
keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.
Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf
fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und nahm seiner Rippen eine und
schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der
Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der
Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Man
wird sie Männin heißen, darum dass sie vom Mann genommen ist. Darum wird ein
Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und sie
werden Sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau,
und schämten sich nicht.
In dem HERRN geliebte Zuhörer!
Der heutige Text berichtet uns neben
anderem die Benennung der Tiere, die Gott geschaffen hatte. Diese Benennung
geschah nicht von Gott, sondern von Adam, dem ersten Menschen. „Denn“, so lesen
wir, „als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Feld
und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er
sähe, wie er sie nannte. Denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen
würde, so sollten sie heißen.“
Welch ein einzigartiger Vorgang: Die Tiere
gingen an Adam paarweise vorüber! Sie kamen nicht von selbst, sondern Gott
brachte sie zu ihm; aber sie kamen doch nicht gezwungen, sondern infolge der
allmächtigen Lenkung Gottes, der jede von ihm erschaffene Kreatur in seiner
Hand hat und sie leitet, wie er will. Verschaffte er nicht einen großen Fisch,
der den Propheten Jona verschlingen und nach drei Tagen aber wieder ans Land
speien musste? Lenkte nicht Christus bei dem wunderbaren Fischzug des Petrus
die große Menge Fische so, dass sie in das ausgeworfene Netz gehen musste? Sind
ihm nicht Wind und Meer gehorsam? Er hat Himmel und Erde und das Meer mit allen
ihren Bewohnern, die er geschaffen hat, in seiner allmächtigen Hand; er
gebietet ihnen, und sie sind seinem Wort gehorsam.
Warum aber sollte Adam den Tieren ihren
Namen geben? Weil Gott ihn zum Herrn über sie gesetzt hatte, und diese
Vorführung der Tiere und ihre Benennung durch ihn das Verhältnis herstellte, in
welchem sie zu ihm stehen, indem sie ihm dienen, er aber über sie herrschen
sollte. Diese Vorführung und Benennung geschah am sechsten Schöpfungstag und
erforderte keine so lange Zeit, wie es uns scheinen möchte; denn noch war der
Sündenfall nicht geschehen, durch den auch das Verhältnis, in dem die Tiere zu
dem Menschen standen, verändert worden ist.
Adam erkannte auf den ersten Blick die Art
und Beschaffenheit eines jeden Tieres und gab jedem einen zutreffenden Namen;
denn es heißt: „Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem
Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen.“ Er erkannte die Eigenart eines
jeden Tieres viel besser, als alle heutigen Naturforscher durch lange
Beobachtung und Untersuchung sie kennen zu lernen imstande sein, wie Luther mit
Recht sagt: „Wie ist doch in dem einigen Adam eine so treffliche, reiche
Erkenntnis und Weisheit gewesen!“ Aber nicht die Namengebung war der alleinige
Zweck, weshalb Gott ihm die Tiere vorführte, auch nicht, dass er damit seine
Herrschaft über sie antrete, sondern er sollte dadurch sich bewusst werden,
dass der Mensch allein dastehe, keine Gehilfin um sich habe, wie es im 20. Vers
heißt: „Aber für den Menschen wurde keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre“,
und dass das Verlangen nach einer solchen in ihm erweckt werde, ein Verlangen,
das alsbald erfüllt werden sollte. Davon handelt der heutige Text, aufgrund
dessen wir jetzt betrachten wollen:
Die
Erschaffung der Frau
Dies geschah
1.
Nach göttlichem
Beschluss auf Verlangen des Menschen;
2.
Indem Gott sie
aus der Rippe baute;
3.
Indem er sie
Adam selbst als eine Frau zuführte.
1.
Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte,
mit den Worten: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch
allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Wie Gott Adam
nach einem besonderen Ratschluss geschaffen hatte, indem er sprach: „Last uns
Menschen machen!“ so fasste er auch in Bezug auf die Erschaffung der Frau einen
besonderen Ratschluss, da er sah, dass alle aus der Erde hervorgebrachten
Geschöpfe paarweise vorhanden waren, während der Mensch, den er zum Herrscher über
sie geschaffen hatte, allein dastand. Dieser Beschluss lautete: „Ich will ihm
eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Dieses Alleinsein empfang auch Adam,
dessen wurde er sich recht bewusst, als die Tiere paarweise an ihm
vorübergingen und er einem jeden von ihnen den Namen gab, und dies erweckte in
ihm das Verlangen, eine Person, wie er war, um sich zu haben, mit der er
in Gemeinschaft stehen und leben könne.
Aber wird nicht im ersten Kapitel in den
Worten: „Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei,
die da herrschen über die Fische im Meer“ und: „Er schuf sie ein Männliches und
ein Weibliches“ berichtet, dass die Frau mit dem Mann zugleich geschaffen
wurde? Und scheint es nicht ein Widerspruch zu sein, wenn nun in unserem Text
berichtet wird, dass Gott die Frau erst schuf, nachdem Adam einem jeden der ihm
vorgeführten Tiere seinen Namen gegeben und dabei gesehen hatte, dass er allein
keine Gehilfin hatte? Dieser scheinbare Widerspruch verschwindet sogleich, wenn
wir beachten, dass Mose im ersten Kapitel einen kurz zusammengefassten Bericht
über die Schöpfung Himmels und der Erde selbst, nun aber, von Kap. 2,4 an, eine
Geschichte Himmels und der Erde gegeben hat oder erzählt, was auf der
geschaffenen Erde geschehen ist, und da dieses vornehmlich eine Geschichte des
Menschen ist, so geht Mose auf die Schöpfung des Menschen zurück, berichtet,
dass Gott seinen Leib aus einem Erdenkloß bildete, ihm einen lebendigen Odem in
seine Nase blies, ihn dadurch zu einem lebendigen Wesen machte, und berichtet
nun auch näher die Erschaffung der Frau. Wir dürfen daher nicht etwa meinen,
dass zwischen der Erschaffung Adams und der Frau ein längerer Zeitraum gelegen
habe, vielmehr geschah die Schöpfung der Landtiere, des Menschen, die
Vorführung und Benennung der Tiere und die Erschaffung der Frau an einem, dem
sechsten, Tag.
Wie Adam, so ist demnach Eva, die Frau, auf
besonderen Beschluss Gottes nach seinem Bild geschaffen worden. Auch sie schuf
Gott heilig und gerecht, auch sie hat er mit Vernunft und Sprache begabt; denn
sie sollte Adams Gehilfin sein. In dieser Beziehung steht sie also hinter Adam
nicht zurück. Und der Mensch bedurfte einer solchen Gehilfin, da er nach
göttlichem Ratschluss die Erde füllen und über sie herrschen sollte. Wenn Gott
der HERR daher sprach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, so redet
er nicht, wie Luther sagt, von dem Gut, das Adams Person allein, sondern von
dem allgemeinen Gut, dass das ganze menschliche Geschlecht anging, nämlich die
Vermehrung des ganzen menschlichen Geschlechts. Wohl war Adam das edelste unter
allen Geschöpfen, aber es mangelte ihm eins, die Gabe der Mehrung und des
Segens, da er allein war. aber eine Gehilfin sollte die Frau für den
Mann sein, und damit ist das Verhältnis ausgesprochen, in welchem die Frau zu
dem Mann stehen sollte. Sie soll ihn umgeben, ihm dienen, nicht über ihn
herrschen, keine unabhängige Stellung neben ihm einnehmen, sondern ihm
untergeordnet sein; aber doch keine Sklavin sein, sondern eine Gehilfin, die
überall um ihn ist, und die er liebt.
Dieses Verhältnis der Frau zum Mann gilt es
besonders zu unserer Zeit zu beachten, in welcher die sogenannte Frauenbewegung
(heute: Feminismus) immer weitere Kreise zieht, viele Frauen dem Mann völlig
gleichgestellt sein wollen. Sie wollen nicht nur Lehrerinnen, sondern auch
Ärzte, Advokaten, im staatlichen und politischen Leben tätig, in allen Wahlen
stimmberechtigt sein, kurz, im öffentlichen Leben dieselben Rechte haben wie
die Männer. Damit treten sie aus der Stellung heraus, die Gott der Frau bei der
Schöpfung zugewiesen und nach dem Sündenfall durch die Worte: „Dein Wille soll
deinem Mann unterworfen sein“ verschärft hat. Der Wirkungskreis der Frau ist
das Haus, nicht das öffentliche Leben, weshalb Paulus Tit. 2,5 schreibt, dass
sie nicht nur sittig und keusch, sondern auch häuslich und dem Mann untertan
sein, „häuslich“, das heißt, das Hauswesen besorgen, es wohl instand halten,
dem Mann angenehm und behaglich machen soll. Dazu hat ihr Gott besondere Kräfte
und Eigenschaften gegeben, die der Mann nicht hat. Luther bemerkt mit Recht:
zum Kinderpflegen schicke sich der Mann wie das Kamel zum Tanz, während die
Frau mit ihrer Liebe, Geduld und zarten Hand dazu besonders geschickt ist.
Frauen, die sich in das öffentliche Leben drängen, in das politische Getriebe
stürzen, verlieren die Zierde, die sie als liebende Hausfrauen schmückt,
erniedrigen und beschmutzen sich in dem unsauberen Getriebe des politischen
Lebens, vernachlässigen, ja, zerstören das häusliche Glück, das eheliche Leben.
Sie sind nicht um den Mann, sondern von ihm weg.
2.
„Da ließ Gott der HERR“, so heißt es
weiter, „einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen; und er schlief ein. Und
er nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der
HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm.“
Einen tiefen Schlaf ließ Gott der HERR auf
Adam fallen, so dass er fest schlief, ähnlich wie jetzt ein Mensch fest und
tief schläft, wenn er von der Anstrengung der Arbeit ermüdet ist. Es war ein
wirklicher Schlaf, aber unmittelbar in übernatürlicher Weise von Gott bewirkt;
denn vor dem Sündenfall ermüdete und ermattete die Arbeit den Menschen nicht
wie nach dem Fall. Sodann nahm Gott eine der Rippen des Menschen und schloss
die dadurch entstandene Lücke zu, indem er Fleisch an Stelle der entnommenen Rippe
setzte. Dies darf freilich nicht in grob sinnlicher Weise verstanden werden,
als ob Gott wie ein Wundarzt ein scharfes Messer genommen, einen Einschnitt in
den Körper des Menschen gemacht, die Rippe losgelöst und die Wunde zugenäht
hätte. Wie er bei der Schöpfung der leblosen und lebenden Kreaturen und des
Menschen kein anderes Mittel oder, dass ich sage, Instrument, als sein Wort
gebrauchte, so geschah auch die Schaffung der Frau durchs Wort. Durch dieses
entnahm er eine der Rippen Adams, durch dieses baute er aus der Rippe die Frau.
Beachten wir aber das Wort „bauen“. Den
Leib Adams bildete Gott aus einem Erdenkloß, die Frau aber ist nicht von der
Erde benommen, sondern von dem Mann, aus einer seiner Rippen erbaut,
nicht geschaffen. Mit dem Wort „erbauen“ ist angedeutet, wie fein und künstlich
der Körper der Frau in allen seinen einzelnen Teilen von Gott gebildet, wie
vollendet ihre Gestalt aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist.
Unterscheidet sich doch auch das menschliche Geschlecht von den anderen
Geschöpfen, dass bei diesen das männliche gewöhnlich schöner als das weibliche
ist, bei den Menschen die Frau den Mann an Schönheit und Anmut übertrifft. Dass
aber die Frau nicht wie der Mann von der Erde, sondern von dem Mann genommen
ist, hat tiefere Bedeutung. Es deutet nämlich an, dass Mann und Frau gänzlich
eins und unzertrennlich im Leben miteinander verbunden sein und innige
Gemeinschaft miteinander haben sollen. Wohl hat der Mann den Vorzug, dass er
das Haupt der Frau ist; denn er ist nicht von der Frau, sondern diese ist von
ihm genommen; aber damit ist auch zugleich ausgesprochen, dass der Mann durch
zärtliche Liebe mit einer Frau verbunden sein soll. Sie ist aus seiner Seite
genommen, darum soll sie ihm zur Seite stehen, seine Gehilfin sein. Dieses
Verhältnis erkannte Adam auch sogleich, so dass er, als Gott ihm, nachdem er
vom Schlaf erwacht war, die Frau zuführte, bei ihrem Anblick mit freudigem
Erstaunen ausrief: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem
Fleisch. Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen ist.“
Und wie die Frau dem Fleisch nach mit dem Mann eins ist, weil es aus der Rippe
des Mannes gebaut ist, so auch dem Geist nach; denn ihr hat Gott nicht noch
einen lebendigen Odem eingehaucht wie dem von der Erde gebildeten Körper des
Mannes, weil dessen Rippe, aus der sie gebaut wurde, schon mit dem Hauch Gottes
belebt und durchdrungen war. So völlig sind also beide nach Leib und Leben
eins.
„Wie sonderbar“, sagt dieser, „wie
unglaublich“, ein anderer, „dass die Frau aus einer Rippe des Mannes von Gott
gebaut sein soll!“ Ja, die heutige sogenannte Wissenschaft lehrt, dass sich der
Mensch aus einem Urschleim, von selbst von Stufe zu Stufe fortschreitend,
entwickelt hätte. Aber was ist eher zu glauben vernünftiger: die Lehre der
Heiligen Schrift, dass der allmächtige und allweise Gott den ersten Menschen
aus einem Erdenkloß und die Frau aus seiner Rippe so wunderbar geschaffen hat,
oder die Lehre, dass ein schleimartiger, unvernünftiger Stoff sich von selbst
zu einem mit Vernunft und Sprache begabten Menschen geformt haben soll? [Wie
übrigens auch die Wissenschaft erkannt hat: Organisches Leben kann nicht aus
Anorganischem entstehen, wie Louis Pasteur feststellte.] Sonst sagt die
Vernunft: Je künstlicher ein Werk ist, desto größer muss der Künstler sein, der
es gemacht hat. Aber das größte Kunstwerk unter allen Geschöpfen, der Mensch,
gegen den auch die künstlichsten Maschinen armselige Machwerke, ja, tote Dinge
sind, während der Mensch von Leben durchströmt ist, der soll keinen weisen
Schöpfer haben, sondern sich von selbst blindlings aus einer Art Schleim
entwickelt haben! Gilt da nicht das Wort des Apostels: „Da sie sich für weise
hielten, sind sie zu Narren geworden“? Und ist die Erschaffung der Frau aus
einer Rippe Adams etwa unglaublicher als die Adams aus einem Erdenkloß oder die
der Landtiere durch das Wort Gottes: „Die Erde bringe hervor lebendige Tiere,
ein jegliches nach seiner Art“? [Auch hier hat die Wissenschaft übrigens im
Nachhinein Gott bestätigen müssen: In allen Zellen des Menschen sind alle
nötigen Informationen der DNA enthalten.] Wir wissen sehr wohl, dass das ganze
Schöpfungswerk Gottes für die Vernunft ein unbegreifliches Geheimnis ist, aber
wir wissen auch, dass die ungläubige, gottfeindliche Wissenschaft den
allmächtigen und allweisen Schöpfer gerne aus seiner Schöpfung verbannen
möchte.
Nachdem Gott der HERR die Frau in so
wunderbarer Weise für den Menschen geschaffen hatte, führte er sie ihm selbst
als seine Gehilfin und Gefährtin zu. Das wollen wir drittens betrachten.
3.
„Gott der HERR baute eine frau aus der
Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm“, heißt es. Wenige,
aber inhaltsreiche Worte! Luther nennt sie eine feine Beschreibung der
Verlobung oder des hochzeitlichen Gepränges, und mit ihnen ist allerdings die
göttliche Stiftung oder Einsetzung des Ehestandes beschrieben. Denn wenn Gott
die Frau nicht allein für Adam geschaffen, sondern sie ihm auch selbst
zugeführt hat, damit er nicht allein sei, sondern sie als eine Gehilfin um sich
habe, so ist das Verhältnis, in dem beide zueinander stehen und das wir den
Ehestand nennen, ein von Gott geschaffenes und geheiligtes. Und diesen Ehestand
hat Gott im Paradies, vor dem Sündenfall, eingesetzt, als beide, der Mann und
die Frau, heilig, ohne jegliche böse Lust, waren. Welch ein Frevel ist es
daher, wenn die Römischen den Ehestand für einen fleischlichen Stand erklären
und behaupten, dass das ehelose Leben, namentlich das Mönchs- und Nonnenleben,
der Stand der Vollkommenheit sei.
Adam erkannte auch ohne besondere göttliche
Offenbarung das Verhältnis, in dem die von Gott ihm Zugeführte zu ihm stand;
denn er sprach mit freudigem Erstaunen, als er sie erblickte: „Das ist doch
Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“; sie hat nicht nur Fleisch
und Bein wie ich, sondern ist auch von meinem Fleisch und Bein gemacht; und er
fügt hinzu: „Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen
ist.“ Wie er die Tiere mit treffenden Namen benannt hat, so gibt er auch der Frau
den treffenden Namen Männin. Er sieht in Eva sein Verlangen nach einer Gehilfin
erfüllt und erkennt die Gedanken Gottes, der durch die Erschaffung der vor ihm
Stehenden sein Verlangen erfüllt hat. Sie gehört ihm zu, ist mit ihm eins;
darum nennt er sie Männin und setzt hinzu: „Darum wird ein Mann seinen Vater
und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen; und sie werden sein ein
Fleisch“, werden in der Ehe so innig und unzertrennlich miteinander verbunden
sein, als ob sie nicht zwei, sondern ein Fleisch wären. So sprach Adam
ohne alle fleischlichen, sündlichen Gedanken. Beide waren heilig; darum heißt
es am Schluss des Textes: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine
Frau, und schämten sich nicht.“ Die Scham trat erst mit der Sünde ein; durch
diese wurden die gegen die Seele streitenden Begierden erweckt, die heilige
Ordnung Gottes in Sinnenreiz verkehrt.
Diese göttliche Stiftung der Ehe lehrt uns
ein zweifaches: zunächst, dass Gott die Einehe eingesetzt hat, die Vielweiberei
daher eine Verkehrung der Ordnung Gottes ist; sodann, welch ein Frevel die
Ehescheidung ist, weil dadurch die innige Gemeinschaft zwischen Mann und Frau
zerrissen wird. Wer immer daher die Ehescheidung, sei es durch Sünde gegen das
sechste Gebot, sei es durch böswillige Verlassung seines Gemahls, veranlasst,
der begeht eine Sünde, durch die er aus der Gnade fällt, ein Kind des Zorns und
der Verdammnis wird. Wie schrecklich wird daher in unserem Land durch die
zahllosen Ehescheidungen gesündigt, die Ehe, diese göttliche, heilige Ordnung,
mit Füßen getreten! Umso mehr sollen die Christen sich vor dieser Sünde hüten
und sich befleißigen, keusch und züchtig zu leben in Worten und Werken, und
jeder, der in der Ehe lebt, soll sein Gemahl lieben und ehren. Weil es aber
auch unter christlichen Eheleuten um des Fleisches willen nicht ohne
mannigfache Sünden abgeht, weil besonders das liebevolle Verhältnis oft getrübt
und verletzt wird, so müssen sie auch darüber in täglicher Reue und Buße
stehen, im Blut ihres Heilandes, das er auch zur Büßung dieser Sünde vergossen
hat, Vergebung suchen, damit sie in diesem göttlichen Stand göttlich leben. Dazu
verleihe ihnen Gott der HERR seine Gnade um Jesu willen! Amen.
4. Mose 24,15-19: Und er hob an seinen Spruch und sprach: Es sagt Bileam,
der Sohn Beors; es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind; es sagt der
Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis hat des Höchsten, der die
Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er
niederkniet: Ich werde ihn sehen, aber jetzt nicht; ich werde ihn schauen, aber
nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel
aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle
Kinder Seths. Edom wird er einnehmen, und Seir wird seinen Feinden unterworfen
sein; Israel aber wird Sieg haben. Aus Jakob wird der Herrscher kommen und
umbringen, was übrig ist von den Städten.
Geliebte in dem HERRN!
Die in den vernommenen Textworten
enthaltene Weissagung ist in mehrfacher Beziehung eine ganz eigenartige, wenn
wir auf die Umstände achten, unter denen sie verkündigt worden ist. Sie ist
eine Weissagung Bileams, des Sohnes Beors; denn es heißt zu Anfang unseres
Textes: „Es sagt Bileam, der Sohn Beors; es sagt der Mann, dem die Augen
geöffnet sind.“ Wer war dieser Bileam? Nach dem, was uns die Heilige Schrift
über ihn berichtet, war er ein heidnischer Seher, Wahrsager und Beschwörer, dem
die Macht zugeschrieben wurde, in wirksamer Weise zu segnen und zu fluchen. Als
daher das Volk Israel auf seinem Zug durch die Wüste die beiden Könige der
Amoriter, Sihon und Og, völlig geschlagen hatte und sich in dem Gefilde der
Moabiter lagerte, wurde deren König Balak von einer solchen Furcht ergriffen,
dass ihm und seinem Volk graute vor den Kinder Israel. Sie befürchteten, wie es
im 22. Kapitel dieses heiß9t, dass sie alles ringsumher auffressen würden wie
ein Ochse das Kraut. Sie verzweifelten daran, dem Volk Israel mit Waffengewalt
widerstehen zu können, da es die beiden mächtigen Könige der Amoriter bis zur
ihrer Vernichtung geschlagen hatte. In dieser Not meinte Balak, von dem Seher
Bileam, der zu Pethor in Mesopotamien wohnte, Hilfe zu erlangen. Daher sandte er
die Ältesten der Moabiter und Midianiter mit reichen Geschenken an Bileam, um
ihn zu bewegen, dem Volk Israel zu fluchen. Er glaubte, wenn Bileam Israel
verfluche, dann würde dessen Macht gebrochen, und sie von ihm überwunden
werden.
Die Gesandten kamen zu Bileam und forderten
ihn auf, mit ihnen zu ziehen. Dieser bat die Gesandten, über Nacht dort zu
bleiben, damit er den HERRN fragen könne, was er tun solle. Er war ein Freund
Balaks, war lüstern nach den reichen Geschenken und wäre daher gern dem Ruf
gefolgt, wagte es aber nicht, da er sich vor Gott fürchtete. Als nun Gott zu
ihm sprach: „Gehe nicht mit ihnen, verfluche das Volk auch nicht, denn es ist
gesegnet“, da erklärte er den Gesandten, dass er nicht mit ihnen ziehen könne,
weil es ihm der HERR nicht gestatte. Da sandte Balak eine zweite Gesandtschaft
von Fürsten an ihn mit dem Versprechen, ihn hoch zu ehren, wenn er käme und dem
Volk Israel fluchte. Er antwortete: „Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und
Gold gäbe, so würde ich doch nicht übergehen das Wort des HERRN, meines Gottes,
Kleines oder Großes zu tun.“ Aber da er gar zu gerne die reichen Geschenke
gehabt hätte, lud er die Gesandten wieder ein, über Nacht bei ihm zu bleiben,
da er hoffte, Gott den HERRN umstimmen zu können. Und nun erhielt er auch die
Erlaubnis, mit ihnen zu ziehen, jedoch mit der Weisung, nur das zu tun, was ihm
der HERR sagen werde. Da zog er mit den Gesandten. Als sich ihm aber auf der
Reise der Engel des HERRN in den Weg stellte und ihn scharf strafte, wollte er
umkehren, erhielt aber den Befehl: „Zieh hin mit den Männern; aber nichts
anderes, als was ich dir sagen werde, sollst du reden.“ Und er musste reden,
was er sollte. Viermal versuchte Balak ihn zu bewegen, Israel zu fluchen, aber
viermal musste er segnen und mit dem viermaligen Segensspruch die ganze Fülle
des Segens über das Volk aussprechen. Er sieht es unter der Regierung und dem
Schutz Gottes unbezwingbar seinen Siegeslauf vollenden und zu königlicher Macht
heranwachsen, die über die heidnischen Völker triumphiert. In dem letzten
Segensspruch schaut sein Blick in die ferne Zukunft, und er verkündigt: „Es
wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird
zerschmettern die Fürsten der Moabiter.“ Betrachten wir denn vornehmlich
aufgrund dieser Worte:
Bileams
eigenartige Weissagung vom Messias
Als eine solche erkennen wir sie
1.
Aus den
Umständen,
2.
Aus ihrem
Inhalt.
1.
Als Bileam zu dem König Balak gekommen war,
taten sie alles, ihn zu bewegen, das Volk Israel zu verfluchen. Der König
führte den Seher am nächsten Morgen auf die Höhe Baal, damit er von dort aus
das äußere Ende des Lagers Israel sehen könne, weil er meinte, wenn Bileams
Fluch über das Volk wirksam sein solle, so müsse er es vor Augen haben. Dort
baute Balak auf Geheiß Bileams sieben Altäre und opferte auf diesen sieben
Stiere und sieben Widder, um Gott den HERRN sich geneigt zu stimmen und die
Erlaubnis zu erhalten, den Fluch über Israel auszusprechen. Nachdem die Opfer
dargebracht waren, ließ er den König mit allen Fürsten der Moabiter bei den
Brandopfern zurück, während er selbst wegging, um zu erfahren, ob ihm Gott etwa
begegne, das heißt, durch bedeutsame Zeichen und Erscheinungen in der Natur ihm
zu erkennen gäbe, ob er fluchen oder segnen solle. Zu den Altären
zurückgekehrt, hob er, wie es in Kap. 23,8.9 heißt, seine Spruch an: „Wie soll
ich fluchen, dem Gott nicht flucht? Wie soll ich schelten, den der HERR nicht
schilt? Denn von der Höhe der Felsen sehe ich ihn wohl, und von den Hügeln
schaue ich ihn. Siehe, das Volk wird besonders wohnen und nicht unter die
Heiden gerechnet werden. Wer kann zählen den Staub Jakobs und die Zahl des
vierten Teils Israels? Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und
mein Ende werde wie dieser Ende!“ Balak glaubte, er stehe in der Macht und im
Belieben Bileams, zu segnen oder zu fluchen; dieser erklärt ihm aber durch
diesen Spruch, dass er ohne Gottes Willen nicht fluchen könne und dürfe, weil
das Volk Israel von allen heidnischen Völkern abgesondert und geschieden, ein
von Gott reich gesegnetes und reich begnadigten Volk sei. Bileam erkannte, dass
Gott sich dieses Volk zum Volk des Eigentums erwählt, mit starker Hand aus
Ägypten geführt, ihm sein Gesetz gegeben und es von den Heiden abgesondert
habe, dass es ein heiliges Volk, von dem HERRN gesegnet sei und darum auch von
den Heidenvölkern nicht bezwungen werden könne, solange es in der Gemeinschaft
mit Gott bleibe, seinen Bund halte. Anstatt unterzugehen, werde es so zahlreich
werden wie der Staub; anstatt wie die heidnischen mächtigen Reiche zu
zerfallen, werde es bleiben. Als Balak über diesen Segensspruch Bileams
unwillig wurde, antwortete er ihm: „Muss ich nicht das halten und reden, was
mir der HERR in den Mund gibt?“
Da aber Balak glaubte, an einem anderen Ort
den von ihm gewünschten Fluch erlangen zu können, führte er Bileam an einen
freien Platz auf der Höhe Pisga, von wo aus er das ganze Lager des Volkes
überblicken konnte. Auch dort wurden sieben Altäre gebaut und dieselben Opfer
wie vorher gebracht. Aber vergeblich; denn auf die Frage Balaks an Bileam, was
ihm der HERR gesagt habe, erhielt er unter anderem die Antwort: „Gott ist nicht
ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte
er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten? Siehe, zu
segnen bin ich hergebracht; ich segne und kann’s nicht wenden. … Siehe, das
Volk wird aufstehen wie ein junger Löwe und wird sie erheben wie ein Löwe; es
wird sich nicht legen, bis es den Raub fresse und das Blut der Erschlagenen
saufe.“ Weil diese Volk, sagt Bileam in diesem Spruch, sich nicht auf Zauberer
und Wahrsager, sondern allein auf die Offenbarungen seines Gottes verlässt, von
seinem Gott selbst geleitet und mit Kraft ausgerüstet wird, so ist es nicht nur
unbezwingbar, sondern wird wie ein Löwe alle seine Feinde überwinden und nimmt
Balak damit alle Hoffnung, das Volk zu überwinden.
Dennoch macht Balak einen weiteren Versuch.
Wohl ist er über diesen Segen Bileams entrüstet und ruft ihm zu: „Weder
verfluchen sollst du es noch segnen.“ Als ihm dieser aber entgegnet, was er ihm
von Anfang an gesagt hatte, dass er nichts anderes tun könne, als was Gott zu
ihm reden werde, besinnt er sich und fordert ihn auf, nach einem dritten Ort
mit ihm zu gehen, auf den Gipfel des Berges Peor, ob es Gott vielleicht gefalle, von dort aus
Israel zu verfluchen. Wieder werden sieben Altäre von Balak errichtet, wieder
sieben Stiere und Widder geopfert. Dort erblickt Bileam das Volk nach seinen
Stämmen gelagert, der Geist Gottes kommt über ihn, und sein Spruch lautet: „Wie
fein sind deine Hütten, Jakob, und deine Wohnungen, Israel!“ und er weissagt:
Wie sich die Gärten und die Zedern an den Wassern ausbreiten so wird Israels
Same wie ein großes Wasser und sein König höher als Agag werden. Er wiederholt
das in den vorigen Segenswünschen Ausgesagte und fügt hinzu: „Gesegnet sei, wer
dich segnet, und verflucht, wer dir flucht!“ Nun ergrimmt Balak und sagt zu
ihm: „Hebe dich an deinen Ort!“ Bileam erinnert ihn nochmals, dass er ja zu
seinen Boten gesagt habe, wenn er ihm sein ganzes Haus voll Silber und Gold
gäbe, müsse er doch das reden, was der HERR ihm sage. Aber ehe er den König
verlässt, verkündigt er ihm den vierten und letzten Segensspruch: „Komm, ich
will dir raten, was dies Volk deinem Volk tun wird zur letzten Zeit“, wie du
dich zu ihm verhalten hast, wenn dieses Volk in der letzten Zeit seinem Volk Segen
anstatt Fluch bringen soll: „Ich werde ihn sehen, aber jetzt nicht; ich werde
ihn schauen, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein
Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und
verstören alle Kinder Seth. Edom wird er einnehmen, und Seir wird seinen
Feinden unterworfen sein. Israel aber wird Sieg haben. Aus Jakob wird ein
Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist in den Städten.“ So hatte Bileam
stufenweise einen immer größeren Segen und in dem letzten Spruch die ganze
Fülle des Segens über das Volk ausgesprochen. Während Balak ihn mit allen
Mitteln dazu bringen wollte, Israel zu verfluchen, musste Bileam, da der Geist
des HERRN über ihn kam, es mit Segen überschütten, obwohl er, um die hohe Ehre
und den reichen Lohn, den ihm Balak versprochen hatte, zu erhalten, dem Volk
gerne geflucht hätte. Dieser heidnische Seher musste Gott dazu dienen, um seine
Macht über die heidnischen Seher und Beschwörer zu offenbaren, zu zeigen, dass
der über Israel ausgesprochene Segen unwiderruflich sei, und sein herrlicher
Name unter den heidnischen Völkern kund werde.
Ich bin, meine Zuhörer, ausführlicher auf
die Umstände, unter denen diese Weissagung von Christus verkündigt worden ist,
eingegangen, um zu zeigen, wie einzigartig sei in mehrfacher Beziehung ist und
eben dadurch umso herrlicher und leuchtender. Bileam ist ein heidnischer Seher
und Beschwörer und hat doch eine verstandesmäßige Erkenntnis des wahren Gottes;
er nennt den HERRN seinen Gott und meint doch, ihn wie die Heiden mit seinen
Opfern umstimmen, sich dienstbar machen zu können. Er fürchtet sich vor Gott,
und doch ist sein Herz von Ehrgeiz und Habsucht erfüllt. Er ist ein unlauterer
Mann, und doch redet Gott mit ihm. Gott verbietet ihm zuerst, mit den Gesandten
Balaks zu ziehen, erlaubt es ihm dann und stellt sich ihm doch auf dem Weg
feindlich entgegen. Bileam will dem Volk gerne fluchen, um den Lohn der
Ungerechtigkeit zu erlangen, aber der Geist des HERRN kommt über ihn, und er
muss segnen. Er ist trotz seiner Gotteserkenntnis ein blinder Heide, und doch
öffnet ihm Gott der HERR die Augen, dass er nicht nur den Sieg des Volkes
Israel über seine Feinde erblickt, sondern in ferner Zukunft den von den
Propheten verheißenen großen Herrscher aus dem Volk wie einen leuchtenden Stern
aufkommen sieht. So hat diese Weissagung Ähnlichkeit mit der Jakobs auf seinem
Sterbebett: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein
Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme, und demselben werden die
Völker anhangen“, unterscheidet sich von dieser aber dadurch, dass Jakob
verkündigt, dem Helden würden die Heidenvölker anhangen, Bileam hingegen, er
werde die Heidenvölker zerstören und vernichten. Ist das nicht eine
einzigartige Weissagung von Christus? Aber eine solche ist sie auch ihrem
Inhalt nach. Das lasst uns zweitens erkennen.
2.
Bileam beginnt seinen letzten Segensspruch,
der die Weissagung von dem Messias enthält, fast mit denselben Worten, mit
denen er schon den dritten Segen über Israel eingeleitet hatte: „Es sagt der
Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis hat des Höchsten, der die
Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er
niederkniet2, und bekennt damit, dass er das, was er verkündigen wird, nicht
aus sich selbst, sondern aus göttlicher Offenbarung hat. Er nennt sich den
Hörer göttlicher Rede, sagt, dass er die Offenbarung des Allmächtigen sieht,
und dass ihm die Augen geöffnet sind, geöffnet durch den Geist, der über ihn
gekommen ist. Was er mit den geöffneten Augen sieht, spricht er in den Worten
aus: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahe.[1] Es
wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird
zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“
Wen sieht, schaut, Bileam? Den Stern, der
aus Jakob aufgeht, das Zepter, das aus Israel aufkommt. Und dass mit diesem
Stern und Zepter eine Person gemeint ist, sagt er im 19. Vers: „Aus Jakob wird
der Herrscher kommen“; denn die drei Benennungen sagen dasselbe, nur in
verschiedener Beziehung, die Eigenschaften beschreibend. Er sieht einen Stern
aus Jakob aufgehen. Es war bei den alten Völkern etwas Gewöhnliches, die Geburt
und Thronbesteigung großer Könige durch Erscheinungen von Sternen angezeigt zu
finden. Wenn Bileam daher einen solchen Stern aufgehen sieht, so ist ihm dies
das Sinnbild der Erscheinung eines großen und glänzenden Herrschers. Und dieser
große und glänzende Herrscher wird aus dem Volk erstehen, das er auf Balaks
Drängen verfluchen sollte. Und aus demselben Volk, aus Israel, wird ein Zepter
aufkommen, ein mächtiger Herrscher aus dem Volk, dessen Lager er von der Spitze
des Berges aus, auf dem er steht, überblickt, hervorgehen. Aber wie? Das sagen
die Worte: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von
nahe.“ Dieser mächtige Herrscher ist noch nicht unter dem Volk Israel, das sich
unten auf dem Gefilde Moab gelagert hat, wird auch nicht in naher, sondern in
ferner Zukunft, „am Ende der Tage“, erscheinen.
Aber Bileam sagt auch, wodurch sich dieser
Zukünftige als ein mächtiger Herrscher erweisen wird; denn er fährt fort: „Und
wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“
Dieselben Fürsten mit ihrem Volk, die damals durch den Fluch Bileams Israel
vernichten wollten, die Moabiter, die Kinder des Getümmels[2],
die, von Lot und seinen Töchtern (1. Mose 19,31 ff.) abstammend, mit Israel
stammverwandt, ihm damals aber so feindlich gesinnt waren, die wir der künftige
Herrscher zerschmettern und zerstören. Was für eine Weissagung für Balak, den
damaligen König der Moabiter! Er will das Volk, vor dem ihm graut, durch Bileam
verflucht haben, und dieser verkündigt ihm, dass aus demselben Volk ein
Herrscher erstehen wird, der die Geschlechter seines Volks zerschmettern wird.
Doch damit ist Bileams Weissagung noch
nicht zu Ende; denn er fährt fort: „Edom wird er einnehmen und Seit wird seinen
Feinden unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben.“ Auch die Edomiter, die
Nachkommen Esaus und daher ebenfalls mit Israel stammverwandt, die im Lande
Seir, einem Nachbarland von Moab, wohnten, werden von demselben Schicksal
betroffen, sein Besitz werden, und zwar so vollständig, dass alles, was noch
von den Edomitern in den Städten übrig ist, vertilgt werden wird. Und noch
mächtiger wird sich dieser Herrscher aus Jakob erweisen; denn wie in den
unserem Text folgenden Worten von Bileam weiter gesagt wird, werden auch die
Amalekiter, die sich unter den heidnischen Völkern Israel zuerst auf seinem
langen Zug durch die Wüste feindlich entgegenstellten, aber durch Josua
geschlagen wurden, von seiner Macht erreicht werden. Zuletzt verkündigt Bileam
den Untergang seines eigenen Volkes, er Assyrer, was ihm tief zu Herzen geht,
daher er ausruft: „Wehe, wer wird leben, wenn Gott solches tun wird?“ Alle
genannten Völker werden fallen, selbst die gewaltigen Weltreiche wie Assyrien
werden untergehen; aber der aus Jakob aufstehende Herrscher und sein Reich
werden bleiben und bestehen. Welch eine wunderbare, eigenartige Weissagung aus
dem Mund eines Bileam!
Nun aber die Frage: „Wer ist der glänzende
Stern aus Jakob, das Zepter aus Israel, der mächtige Herrscher, der aus Jakob
kommen wird? Wer ist es, der in einer Zukunft von mehr als tausend Jahren sich
als ein solcher Herrscher erweisen wird. Wohl hat David, der Heldenkönig
Israels, diese Feinde seines Volkes überwunden, so dass er 1. Chron. 24,25
sagen konnte: „Der HERR, der Gott Israels, hat seinem Volk Ruhe gegeben“; aber
damit war diese Weissagung Bileams nicht erfüllt. Dieser Herrscher ist vielmehr
kein anderer als der verheißene Messias, von dem Jakob g4eweissagt hat: „Es
wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen
Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.“ Der
wird alle Feinde Israels zerschmettern, ein ewiges Reich gründen, dem alle
Reiche dieser Welt werden erliegen müssen. Als er zu Bethlehem geboren wurde,
als der von Bileam geweissagte Stern aus Jakob aufging, da erschienen die
Weisen aus dem Morgenland, der Heimat Bileams, und fragten: „Wo ist der
neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und
sind gekommen, ihn anzubeten.“ Der von ihnen gesehene Stern war nicht etwa der,
welcher Bileam vor Augen schwebte, aber ein wunderbarer Stern, der ihnen anzeigte,
dass die Weissagung Bileams erfüllt sei. Darum fragten sie nach dem
neugeborenen König der Juden und sagten, dass sie gekommen seien, ihn
anzubeten, weil sie nach der ihnen bekannten Weissagung glaubten, dass er über
die Heidenvölker herrschen werde.
Fragen wir nach der Erfüllung dieser
Weissagung? Sie liegt vor Augen. Christus, der Herrscher aus Jakob, streckt
sein Zepter über die Völker der Heiden; und die sich gegen ihn aufgelehnt
haben, sind zerschmettert, zugrunde gegangen. Die Moabiter, Edomiter,
Amalekiter und Keniter sind aus der Geschichte verschwunden, die größeren
Weltmächte der Assyrer, Babylonier und anderer sind zugrunde gegangen. Erfüllt
ist Bileams Weissagung sowie die des 2. Psalms: „Heische von mir, so will ich
dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum. Du sollst sie
mit einem eisernen Zepter zerschlagen, wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen“
und des 72. Psalms: „Er wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von
dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste,
und seine Feinde werden Staub lecken.“
So ist denn diese Weissagung Bileams von
Christus auch ihrem Inhalt nach eine eigenartige, wunderbare, da sie ihn als
einen glänzenden, über seine Feinde triumphierenden Herrscher verkündigt, dem
keiner seiner Feinde widerstehen kann. Vollendet aber wird er als ein solcher
offenbar werden, wenn er, umgeben von den heiligen Engeln, erscheinen, auf dem
Stuhl seiner Herrlichkeit sitzen und die vor ihm versammelten Völker richten
wird. Wohl allen, die ihm in wahren Glauben dienen, in deren Herzen sein seligmachendes
Wort als der schönste Stern leuchtet! Vor ihm wollen wir unsere Knie beugen wie
die Weisen aus dem Morgenland und ihm unsere Gaben darbringen. Ja:
Du
wollst in mir entzünden
Dein
Wort, den schönsten Stern.
Dass
falsche Lehr und Sünden
Sein
von meim Herzen fern.
Hilf,
dass ich dich erkenne
Und
mit der Christenheit
Dich
meinen König nenne
Jetzt
und in Ewigkeit!
Amen.
1. Mose 4,3-16: Es begab sich aber nach etlichen Tagen, dass Kain dem HEERRN Opfer brachte
von den Früchten des Feldes, und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner
Herde und von ihrem Fetten. Und der HERR sah gnädig an Abel und seine Opfer;
aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr, und
seine Gebärde verstellte sich.
Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst
du, und warum verstellt sich deine Gebärde? Ist’s nicht so? Wenn du gerecht
bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht gerecht, so ruht die Sünde vor
der Tür. Aber lass du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie.
Da redete Kain mit seinem Bruder Habel. Und
es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder
Abel und schlug ihn tot.
Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein
Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er
aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Bluts schreit zu mir
von der Erde. Und nun verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat
aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker
bebauen wirst, soll er dir hinfort sein Vermögen nicht geben. Unstet und
flüchtig sollst du sein auf Erden.
Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Sünde
ist größer, als dass sie mir vergeben werden könnte. Siehe, du treibst mich
heute aus dem Land und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss
unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlage,
wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain
totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein
Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, wer ihn fände.
So ging Kain von dem Angesicht des HERRN
und wohnte im Land Nod, jenseits Eden, gegen Osten.
In dem HERRN, geliebte Zuhörer!
Wenn wir den Bericht über den Sündenfall im
dritten Kapitel des ersten Buches Mose näher ansehen, so erkennen wir, wie es
bei unseren ersten Eltern zu der Sünde, der Übertretung des göttlichen Verbots
kam. Die Schlange erregte zuerst in dem Herzen Evas Zweifel an der Wahrheit des
Verbots: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen“,
indem sie zu ihr sprach: „Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen
von allen Bäumen im Garten!“ Auf die Versicherung der Frau, dass Gott das
Gebot allerdings gegeben habe, leugnete die Schlange die Wahrheit der dem
Verbot beigefügten Drohung, indem sie sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes
sterben!“ Dem „Du wirst gewiss, unfehlbar, des Todes sterben“ setzt4e sie das
„Keineswegs“ entgegen und erregte in der Frau die Lust nach der
verbotenen Frucht, indem sie behauptete, dass durch das Essen der Frucht ihre
Augen aufgetan, sie wie Gott sein und wissen würden, was gut und böse sei. Das
war Wahrheit und Lüge zugleich: Wahrheit, insofern ihre Augen wirklich aufgetan
wurden; Lüge, insofern sie erkannten, dass sie nackt waren und sich schämten.
Diese Lüge war umso gefährlicher, als sie, mit einer gewissen Wahrheit
vermischt, eine meisterhafte, satanische Zweideutigkeit war und die
Beschuldigung gegen Gott enthielt, dass er ihnen die Frucht an dem Baum nicht
aus Liebe, um sie vor dem Tod zu bewahren, sondern aus Neid und Missgunst,
damit sie ihm durch Erkenntnis des Guten und Bösen nicht gleich würden, gegeben
habe.
Die Frau richtet ihren Blick auf den Baum.
Die Frucht ist eine Lust für das Auge, lieblich anzuschauen, begehrenswert; ihr
Wille stimmt der Begierde zu, sie nimmt und isst, und wie sie von der Schlange
verführt ist, so verführt sie den Mann. Und wie schnell entfaltet sich die
Sünde! Wie sich aus einem kleinen Samenkorn ein voller Strauch oder Baum
entwickelt, aus einer kleinen Flamme ein großer Brand entsteht, so auch die
Sünde. Beide haben der Lüge Satans geglaubt und sind dadurch zu Lügnern
geworden. Sie versteckten sie in ihrem Schuldbewusstsein unter den Bäumen,
gaben aber vor, dass sie sich nur versteckten, weil sie nackt seien, und als
sie diese Unwahrheit nicht aufrechterhalten können, schob der Mann die Schuld
auf die Frau, indem er zu Gott sagte: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab
mir von dem Baum, und ich aß.“ Die Frau schob die Schuld auf die Schlange, die
auch von Gott erschaffen war, und so wollten beide Gott selbst im letzten Grund
für ihre Sünde verantwortlich machen. Wie ganz anders und hässlich ist dies
Bild, das sie nun an sich tragen! Wo ist das ihnen anerschaffene Bild Gottes,
die Heiligkeit und Gerechtigkeit, geblieben?
Aber das Bild pflanzte sich auf ihre
Nachkommen fort. Sie zeugten Kinder, die ihrem Bild ähnlich waren. Das erkennen
wir sogleich an Kain, dem ersten ihrer Söhne. Als dieser geboren wurde, rief
Eva erfreut aus: „Ich habe den Mann, den HERRN!“ Aber wie täuschte sie sich!
Sie hatte den geboren, in dem sich die ganze Verderbtheit der sündlichen Natur
zu erkennen gab, die Sünde sich bis zu dem grauenvollen Brudermord steigerte.
Diese Sünde berichtet der verlesene Text. Betrachten wir daher jetzt:
Kains
Brudermord
Wir sehen, dass Kain seinen Bruder Abel
ermordete,
1.
Weil Gott Abels
und nicht auf sein Opfer gnädig ansah,
2.
Obwohl er ernst
von Gott gewarnt worden war,
3.
Dass er
deswegen von Gott verflucht wurde.
1.
Kain und Abel waren die ersten Söhne Adams
und Evas. Kain war ein Ackermann, Abel ein Schäfer. Beide brachten dem HERRN
ein Opfer dar, und zwar jeder ein solches, das seinem Beruf entsprach: Kain als
Acker- oder Landmann von den Früchten des Feldes, Abel als Schäfer von seiner
Herde. Beide taten dies aus freiem Willen; denn von einem Befehl, den ihnen
Gott gegeben hätte, berichtet uns die Heilige Schrift noch nichts. Sie taten es
in dem Bewusstsein, dass Gott der Schöpfer und der Geber aller guten Gaben sei,
dass sie von ihm abhängig seien. Keines von beiden war ein Sühnopfer, wodurch
sie eine Schuld sühnen, sondern es waren Dank- und Bittopfer, durch die sie
Gott ihren Dank und ihre Bitte darbringen wollten, weil sie ohne Zweifel von
Adam über die Schöpfung und die Verheißung Gottes unterrichtet worden waren. In
dieser Beziehung waren also beider Opfer völlig gleich.
Dennoch aber waren sie völlig ungleich.
„Der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er
nicht gnädig an“, das heißt, er blickte auf Abel und dessen Opfer mit
Wohlgefallen, hingegen auf Kain und dessen Opfer mit Missfallen. Weshalb? Auf
eine Verschiedenheit der beiden Opfer weist der Text hin, da er berichtet, dass
Kain sein Opfer von den Früchten des Feldes, Abel aber das seine von den Erstlingen
seiner Herde und von ihrem Fetten darbrachte. Kain traf also unter den
Früchten seines Feldes keine Auswahl, sonderte für seine Opfer nicht die besten
Früchte aus, sondern nahm dazu irgendwelche; Abel hingegen wählte zu seinem
Opfer von den Erstlingen und von den fettesten Tieren seiner Herde, die besten,
welche sich in ihr fanden. Dadurch gaben beide die Gesinnung zu erkennen, in
der sie opferten. Kain dachte, für Gott sei irgendetwas, Abel, für Gott sei nur
das Beste gut genug, und das zeigte, dass jener ungläubig, dieser gläubig war,
jener im Unglauben, dieser im Glauben sein Opfer darbrachte. Daher heißt es
Hebr. 11,4: „Durch den Glauben hat Abel Gott ein größeres Opfer getan als Kain,
durch welchen er Zeugnis überkommen hat, dass er gerecht sei, da Gott zeugte
von seiner Gabe.“ Und weil Abel sein Opfer im Glauben darbrachte, sah es Gott
gnädig, mit Wohlgefallen, Kains Opfer dagegen mit Missfallen an, weil es ein
bloß äußerliches, heuchlerisches Werk war, ohne die rechte Gesinnung, ohne
Dankbarkeit, ohne Glauben.
Darüber, dass Gott sein Opfer nicht gnädig
ansah, ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärden verstellten sich. Er ergrimmte
in seinem Zorn, blickte finster vor sich auf die Erde[3],
wie das bei solchen zu geschehen pflegt, die zornig und gehässig sind. Er wurde
darüber zornig, dass Abels Opfer von Gott angenommen, das seine verworfen
wurde, dann aber auch über seinen Bruder Abel, obwohl dieser ganz unschuldig
war; denn was konnte Abel dafür, dass er, Kain, gottlos war? Anstatt in sich zu
gehen, Buße zu tun, hasste er Abel, als wäre dieser die Ursache, dass Gott mit
Missfallen auf sein heuchlerisches Opfer blickte. Und da er den in seinem
Herzen aufsteigenden Hass nicht bekämpfte, sondern ihm freien Lauf ließ, so
wurde dieser Hass immer größer und trieb ihn zu dem schändlichen Brudermord.
So trat schon bei Kain die Sünde in ihrer
unverhüllten, teuflischen Gestalt hervor, tränkte die Erde mit unschuldigem
Bruderblut. Der Gottlose hasst den Gottesfürchtigen, hasst ihn um seiner
Gottesfurcht, seiner Frömmigkeit willen. So ist’s allezeit gewesen. Seit Kain
und Abel haben sich die Menschen je und je in zwei Klassen, in Gottlose und
Gottesfürchtige, Ungläubige und Gläubige, geschieden. Die Nachkommen Kains
schlugen die Wege ihres Vaters ein. Er baute, wie uns der zweite Teil dieses
Kapitels berichtet, die erste Stadt und nannte sie nach seinem Sohn Henoch.
Sein Nachkomme Lamech nahm zuerst zwei Frauen, und damit begann die
Vielweiberei. Die Söhne Lamechs waren die Erfinder der Künste, besonders der
Schmiedewerkzeuge und Mordwaffen, welche Lamech in einem trotzigen Lied vor
seinen beiden Frauen, Ada und Zilla, besang und verherrlichte. „Kain soll
siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal“, sang er, auf seine
Kraft und Waffen pochend, in frechem Übermut. Kain, der Stammvater, hatte mit
einer Mordtat begonnen, sein Nachkomme Lamech feiert die Mordwaffe mit einem
Lied. Schon im siebten Glied des kainitischen Geschlechts ist alle Gottesfurcht
erloschen; an Stelle der Gottesfurcht ist Pochen auf eigene Kraft, anstelle der
Friedensliebe Kampfes- und Mordgier, anstelle der Keuschheit fleischliche Lust
getreten; irdischer, gottloser Sinn ist zur Herrschaft gelangt. Und seit Kains
Brudermord ist diese Erde mit Bruderblut getränkt, die Geschichte der
Menschheit mit Blut geschrieben worden. So grauenvoll hat sich die Sünde
entfaltet, dass Gott der HERR das ganze menschliche Geschlecht mit Ausnahme
Noahs und seiner Familie durch die Sintflut ersäufte und von dem Erdboden
vertilgte.
Doch, meine Lieben, Kains Brudermord war
eine umso schrecklichere Sünde, weil er sie beging, obwohl er von Gott so ernst
gewarnt worden war. Darauf lasst uns zum anderen unsere Aufmerksamkeit richten.
2.
Als Kain darüber ergrimmte, dass Gott auf
Abels Opfer mit Wohlgefallen, auf das seine aber mit Missfallen blickte, sprach
Gott zu ihm: „Warum ergrimmst du, und warum verstellt sich deine Gebärde? Ist’s
nicht so: Wenn du fromm bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht fromm, so
ruht die Sünde vor der Tür? Aber lass du ihr nicht ihren Willen, sondern
herrsche über sie!“ Gott fragt ihn, warum er, voll Grimm und Zorn, so finster
vor sich niederblickt. Er redet ihm ins Herz, er soll sich prüfen, ob er irgendeine
Ursache hat, zornig und grimmig zu sein. Er soll, wenn er dazu Ursache hat,
diese nicht bei seinem Bruder Abel, auch nicht bei ihm, Gott, sondern bei sich
selbst suchen. Denn Gott sagt zu ihm: Ist es nicht so: Wen du fromm, gut bist,
auf etwas Gutes sinnst oder bedacht bist, dann blickt du nicht finster vor dich
nieder, sondern erhebst dein Angesicht, blickst frei und offen empor; wenn du
aber auf Böses sinnst, um das auszuführen, so lauert die Sünde vor deiner Tür,
um über dich zu herrschen und dich zu einer bösen Tat anzutreiben? Sie trachtet
begierig danach, Macht und Gewalt über dich zu bekommen. Aber lass ihr nicht
den Willen, lass sie nicht über dich herrschen, sondern herrsche du über sie!
Die Sünde ist wie ein böses Tier, die dem Menschen, wie die Schlange Eva,
auflauert, ihn zu überreden und in ihre Gewalt zu bekommen sucht. So
eindringlich warnt Gott den Kain, seinen Zorn fahren zu lassen, damit der Zorn
ihn nicht überwinde.
Aber diese eindringliche Mahnung und
Warnung war vergeblich. „Kain redete mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich,
da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug
ihn tot.“ Was Kain mit Abel redete, ist nicht gesagt. Es kann sein, dass er ihn
aufforderte, mit ihm aufs Feld zu gehen, oder dass er ihm mitteilte, was Gott
zu ihm gesagt hatte, dass Gott ihn wegen seines Zorns gestraft habe, also auch
diese Strafe und Warnung Gottes, als von Abel veranlasst, diesem zur Last legen
wollte. Aber was immer er gesagt haben mag: Als beide auf dem Feld waren,
überfiel er Abel und tötete ihn. Trotz der Warnung Gottes lässt er die Sünde
über sich herrschen und wird an seinem leiblichen, frommen Bruder zum Mörder.
Er ist von dem Argen, dem Satan, hat dessen Gesinnung. Wie dieser ein Mörder
von Anfang ist, so macht er Kain zum ersten Mörder unter den Menschen. Der
giftige Same, der mit dem Essen von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in
die menschliche Natur gepflanzt war, schießt bei dem erste Sohn Adams in Grimm,
Hass und Brudermord empor. In Kain ist der natürliche, aus sündlichem Samen
gezeugte Same zum Schlangensamen geworden; in seinem Brudermord tritt die
furchtbare Macht des Bösen, des Menschenmörders, offen hervor.
So steht Kain, dessen Hände mit dem Blut
seines unschuldigen Bruders befleckt sind, für alle Menschen zu allen Zeiten da
als ein warnendes, abschreckendes Beispiel. Hüte dich vor dem Anfang! Es ist
ein gefährliches Ding um die Sünde, wenn sie genährt wird. Die bittere Wurzel
gegen den Nächsten schießt schnell empor; sie wird zur Abneigung, die Abneigung
zum Zorn, der Zorn zur Feindschaft, die Feindschaft zum Hass, der Hass zum
tätlichen Mord. Wie mancher trägt dasselbe Gesicht wie Kain! Seine Gebärden verstellen
sich, er blickt finster zu Boden, kann seinem Bruder nicht offen ins Auge
sehen, obwohl er keine Ursache zum Zorn hat. Hüte dich, auch Gottes Warnung zu
verachten! Zuerst spricht er zu dir wie Kain: „Zürne und sündige nicht; lass
die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!“ Hasst du, so ermahnt er dich:
„Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“ Verstellen sich deine
Gebärden, er erinnert dich an Kain und spricht auch zu dir: „Wen du auf Gutes
sinnst, so sind der Blick deiner Augen und dein Angesicht hell und freundlich;
wenn du aber finster zu Boden blickst, so ruht nichts Gutes in deinem Herzen,
dein Blick ist der Spiegel deines Herzens, und die Sünde lagert vor deiner Tür
wie ein böses Tier.“ Und wehe denen, die solchen Mahnungen und Warnungen ihre
Ohren verstopfen, die in ihrem Grimm und Hass fortfahren! Sie sind, soweit es
auf ihre Gesinnung ankommt, in ihrem Herzen Brudermörder und stehen in der
Gefahr, ihn wie Kain durch die äußere Tat totzuschlagen. „Wenn die Lust
empfangen hat“, schreibt Jakobus, „gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn
sie vollendet ist, gebiert sie den Tod.“ Ja, auf die Sünde folgt die Strafe.
Das ist das dritte, was Kains Brudermord lehrt.
3.
Hatte Kain die erste Warnung Gottes
verachtet, so musste er nun die gerechte Strafe hinnehmen; denn „da sprach der
HERR zu Kain: ‚Wo ist dein Bruder Abel?‘ Er sprach: ‚Ich weiß nicht; soll ich
meines Bruders Hüter sein?‘“ Dreierlei geht aus diesen Worten Kains hervor:
zuerst, dass er in seiner Sünde so verblendet war, dass er meinte, seine
schändliche Tat sei auch Gott verborgen. Aber sollte das Auge des Allsehenden
sie nicht gesehen haben? Sodann log er Gott frech ins Angesicht, indem er auf
die Frage, wo Abel sei, antwortete: „Ich weiß nicht.“ Drittens erkennen wir
seine freche Unverschämtheit aus der Frage: „Soll ich meines Bruders Hüter
sein?“ Gott fragt ihn nicht nach dem
Verbleib eines Freundes, sondern nach dem seines leiblichen Bruders. Er stellt
sich, als ob ihn sein leiblicher Bruder gar nichts angehe. So steigert sich die
Sünde. Adam und Eva fürchteten sich vor Gott und bekannten ihre Sünde; Kain
leugnet sie frech ab und ist trotzig und unverschämt. Das wagt das Geschöpf dem
Schöpfer, der Mensch dem heiligen Gott zu bieten !
Aber Gott sagt ihm seine Sünde ins Gesicht;
denn er spricht zu ihm: „Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Blut
schreit zu mir von der Erde. Und nun, verflucht seist du auf der Erde, die ihr
Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“ Dreimal
gebraucht der HERR das Wort „Bruder“ und hebt damit die Abscheulichkeit des
Verbrechens hervor. Bruderblut hast du vergossen, mit Bruderblut die Erde
getränkt, und unschuldiges Bruderblut dazu; und dies Blut schreit zu mir im
Himmel von der Erde. „Was hast du getan?“ fragt Gott und spricht damit die
Abscheu vor Kains Tat aus. Ja, wenn Kain seines Bruders Hüter nicht sein
wollte, Gott ist es. Er kümmert sich um seine Kinder, ihr Tod ist wert gehalten
vor ihm, und sein Ohr hört die Stimme des unschuldig vergossenen Blutes, wenn
des Menschen Ohren sie auch nicht hören. Enthalten diese Worte Gottes, an Kain
gerichtet, die Anklage, so fällen die Worte: „Verflucht seist du auf der Erde,
die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“
das Urteil: Wie die Sünde, so die Strafe. Hat er die Erde, dass ich so sage,
Bruderblut zu schlucken gegeben, so soll er auf dieser Erde verflucht sein; sie
soll ihm, wenn er sie bebaut, ihr Vermögen nicht geben, sie soll unfruchtbar
sein. Er soll sie nicht nur wie Adam im Schweiß seines Angesichts, sondern auch
fruchtlos, vergeblich bebauen; er soll säen, aber nicht ernten, und er soll
unstet und flüchtig auf ihr sein, keinen dauernden Wohnsitz auf ihr haben,
sondern ruhelos von einem Ort zum anderen wandern. Das war die Strafe für den
Brudermord.
Nun verwandelt sich der freche Trotz des
Brudermörders in Verzagtheit und Verzweiflung; denn er ruft aus: „Meine Sünde
ist größer, als dass sie mir vergeben werden könnte“, oder: dass ich sie tragen
könnte. Er meinte, unter ihrer Last vergehen zu müssen. Dennoch war er nicht
bußfertig, denn nicht die Größe seiner Sünde, sondern die Größe der Strafe
beklagt er, wie die folgenden Worte zeigen: „Siehe, du treibst mich heute aus
dem Land, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig
sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlage, wer mich findet.“ Er
fürchtet die Blutrache. Er, der mit kaltem Blut den Bruder erschlagen hat, bebt
und zittert nun vor Furcht, selbst getötet zu werden; er ist zum Feigling
geworden. Von seinem Gewissen geplagt, wittert er überall Gefahr, wie es heute
noch von Verbrechern geschieht und Spr. 28,1 heißt: „Der Gottlose flieht, und
niemand jagt ihn.“ „So ging Kain“, so schließt unser Texgt, „von dem Angesicht
des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ „Nod“ heißt
Flucht, Verbannung. Hatte er bisher im Land Eden, dem Wonneland, wo Gott sich
den Menschen offenbarte, gewohnt, so musste er nun in der Verbannung leben, wo
sich Gott nicht offenbarte und sich ihm nicht gnädig erzeigte, wo sich die
Gottlosigkeit seiner Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht steigerte.
Hätte Gott der HERR den nun feigen
Brudermörder nicht sogleich mit dem Tod bestrafen sollen? Aber obwohl er
unbußfertig war und nur die Strafe, Wiedervergeltung, fürchtete, ließ er ihm
doch schonende Langmut zuteil werden. Zwar gab er ihm nicht die Versicherung,
dass ihn niemand töten solle, sondern nur die, dass sein Tod siebenfach gerächt
werden solle. Sodann machte er ein Zeichen an Kain, damit ihn keiner, der ihn
finde, erschlüge. Was das für ein Zeichen war, ob ein Zittern an allen
Gliedern, ein scheuer, furchtsamer Blick, wissen wir nicht. Die meisten
Verbrecher haben ja einen unsteten Blick, können anderen nicht offen ins
Gesicht sehen, sondern weichen dem Blick aus. Für Kain war das Zeichen ein
gewisses Schutzmittel, weil es wahrscheinlich Mitleid erregte, aber auch
zugleich eine Strafe, die er tragen musste. Und der HERR wollte Kain von keinem
Menschen getötet haben, weil er jede Privatrache verboten, die Strafe sich
selbst vorbehalten hat. „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der
HERR.“ Dies Wort hatte schon damals Geltung.
Diese Strafe Kains lehrt uns die
Gerechtigkeit und Langmut Gottes. Er ist der gerechte Gott, der die Sünde
straft und strafen muss. „Du bist“, spricht der Psalmist, „nicht ein Gott, dem
gottloses Wesen gefällt. Wer böse ist, bleibt nicht vor dir.“ Doch eilt er
nicht mit der Strafe oder vollzieht sie nicht mit der ganzen Schärfe, um dem
Sünder Zeit zur Buße zu geben. Er will ja nicht des Sünders Tod, sondern dass
er sich bekehre und lebe. Wird diese Gnadenzeit versäumt, gar auf Mutwillen
gezogen, dann bleibt auch die volle Strafe nicht aus. Denn:
Wahr
ist’s, Gott ist wohl stets bereit
Dem
Sünder mit Barmherzigkeit;
Doch
wer auf Gnade sündigt hin,
Fährt
fort in seinem bösen Sinn
Und
seine Seele selbst nicht schont,
Der
wird mit Ungnad abgelohnt.
Der treue Gott verleihe uns allen ein
bußfertiges Herz, vergebe uns um Christi, seines Sohnes willen, der für alle
Sünden mit seinem auf Golgatha vergossenen teuren Blut bezahlt und den Fluch
gesühnt hat, alle unsere Sünden und verleihe, dass wir in wahrer Liebe zu
unserem Nächsten wandeln, ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten. Amen.
Jesaja 6: In dem Jahr, als der
König Usija starb, sah ich den HERRN sitzen auf einem hohen und erhabenen
Stuhl; und sein Saum füllte den Tempel. Seraphim standen über ihm, ein
jeglicher hatte sechs Flügel; mit zwei deckten sie ihr Antlitz, mit zwei
deckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. Und einer rief zum andern und
sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner
Ehre voll! dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das
Haus wurde voll Rauchs.
Da sprach ich: Wehe mir, ich vergehe! Denn
ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn
ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog der
Seraphim einer zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der
Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind
deine Lippen berührt, dass deine Missetat von dir genommen werde und deine
Sünde versöhnt sei. Und ich hörte die Stimme des HERRN, dass er sprach: Wen soll
ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende
mich!
Und er sprach: Gehe hin und sprich zu
diesem Volk: Hört es und versteht es nicht; seht es und merkt es nicht!
Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren dick sein und blende ihre
Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch
verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen. Ich aber sprach:
HERR, wie lange? Er sprach: Bis dass die Städte wüst werden ohne Einwohner und
Häuser ohne Leute und das Feld ganz wüst liege. Denn der HERR wird die Leute
fern wegtun, dass das Land sehr verlassen wird. Doch soll noch das zehnte Teil
drinbleiben; denn es wird weggeführt und verheeret werden wie eine Eiche und
Linde, welche den Stamm haben, obwohl ihre Blätter abgestoßen werden. Ein
heiliger Same wird solcher Stamm sein.
Geliebte in dem HERRN!
Das Bild, welches uns in dem verlesenen
Wort Gottes vor die Augen geführt wird, ist ein ganz eigenartiges und wohl das
erhabenste, das wir in der Heiligen Schrift finden. Wir erblicken in ihm zuerst
Gott selbst in seinem Heiligtum, sitzend auf seinem himmlischen Thron, umgeben
von den Seraphim als seinen Dienern, die mit gewaltiger Stimme durch Zu- und
Gegenruf die Ehre des Heiligen in Israel verkündigen. Dies erblickt Jesaja in
einem Gesicht, und davon überwältigt, wird er von #Schrcken ergriffen und ruft
aus: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem
Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen
mit meinen Augen.“ Da schwebt einer der hohen, heiligen Seraphim herab, berührt
mit einer glühenden Kohle, die er von dem Altar genommen hat, die Lippen
Jesajas und entsündigt ihn dadurch, denn er spricht zu ihm: „Deine Missetat ist
von dir genommen, deine Sünde ist versöhnt.“ Der Heilige entsündigt den
Sündigen, der Reine reinigt den Unreinen, ein Diener im Heiligtum des HERRN der
Heerscharen einen Menschen, der dessen Diener auf Erden unter Menschen sein
soll. Denn nachdem dies geschehen ist, hört Jesaja die Frage des HERRN: „Wen
soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ Auf diese Frage antwortet Jesaja
sogleich: „Hier bin ich, sende mich!“ Und Gott nimmt dies Anbieten an und gibt
ihm nicht nur den Befehl, als sein Bote zu dem Haus Juda-Israel zu gehen und
ihm sein Wort zu verkündigen, sondern sagt ihm auch, welche Wirkung seine
Predigt unter dem Volk haben und welch schweres Strafgericht es treffen werde.
Doch es ist nicht meine Aufgabe, euch das
im Text gegebene Bild in seinen einzelnen Zügen und in seiner einzigartigen
Größe darzustellen. Ich könnte das auch nicht, denn dazu ist jede menschliche
Zunge zu schwach; ich will vielmehr das hervorzuheben suchen, was dem Anlass
entspricht, der uns jetzt hier zu einer besonderen Feier versammelt hat.
Sie sind keine Männer wie Jesaja, keinen
von Ihnen kommt es in den Sinn, sich dem größten unter den Propheten
gleichzustellen. Aber wie Jesaja, so sollen auch Sie Gottes Boten sein. Es ist
derselbe Gott, der Heilige in Israel, wie ihn Jesaja mit Vorliebe nennt, der
Sie sendet. Jenen sandte er in kein entferntes Land. Wie jener, so sollen auch
Sie unter einem Volk von unreinen Lippen als Gottes Boten auftreten, sollen
dasselbe Wort wie er, der Evangelist des Alten Bundes, verkündigen. Sie werden,
wie der große Prophe5t, wenn auch in geringerem Maß, dieselben Kämpfe zu führen
haben und klagen müssen: „Wer glaubt unserer Predigt, und wem wird der Arm des
HERRN offenbart?“ aber auch rufen: „Mache dich auf, werde Licht! Denn dein
Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.“ Darum lasst Sie
mich Ihnen jetzt mit einigen Worten darstellen:
Die Weihe des Propheten Jesaja
Wir betrachten
1.
Die wunderbare
Gotteserscheinung,
2.
Die
Entsündigung des Propheten,
3.
Seine Sendung
zu dem Volk Israel.
1.
Wie einst Mose durch
eine wunderbare Erscheinung des HERRN im feurigen Busch zum Führer des Volkes
Israel aus Ägypten, wie Jeremia und Hesekiel ebenfalls durch besondere
Gotteserscheinungen zu Propheten berufen und geweiht wurden, so auch Jesaja,
der größte unter allen Propheten.
Welch eine Erscheinung!
Jesaja erblickt den Heiligen in Israel in seinem Palast, sitzend auf einem
erhabenen Thron, umgeben von den Seraphim. Die Säume, das heißt, die Enden
seines herabwallenden Gewandes, bedecken den Boden des ganzen himmlischen
Heiligtums, so dass es ganz von seiner Herrlichkeit bedeckt, erfüllt ist. Die
Seraphim, die seinen Thron umgeben, sind Gestalten mit menschlichem Angesicht
und menschlichen Füßen. Sie haben je drei Paar Flügel. Mit zwei bedecken sie
ihre Füße, mit zwei schweben sie durch das Heiligtum dahin, mit zwei bedecken
sie in ehrerbietiger, heiliger Scheu ihr Angesicht vor dem Heiligen in Israel.
Sie sind leuchtende, wie vom Feuer durchglühte Wesen und stellen, wie die
Cherubim die Macht, die Heiligkeit Gottes dar. Sei sind von allem Irdischen und
Menschlichen, besonders von allem Unreinen und Sündlichen, unterschieden. Aber
nicht schweigend schweben sie in dem himmlischen Palast dahin, sondern sie
erheben ihre Stimmen, und wie Donnerhall ertönt ihr Preis- und Lobgesang: „Heilig,
heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll!“
so dass die Grundfesten von dem Hall der Rufenden erbeben, und das Haus voll
Rauchs wird.
Wozu diese einzigartige,
gewaltige, ich könnte sagen, donnerartige Erscheinung bei der Weihe des Jesaja?
Wozu diese Erscheinung, welche die Allherrschaft Gottes als des absoluten
Königs über die ganze Welt und seine vollkommene Heiligkeit in einer Weise wie
nichts anderes darstellt? Jesaja sollte aus ihr erkennen und es nie vergessen,
wer der sei, in dessen Dienst er treten, als dessen Bote er zu dem sündigen
Volk gehen sollte. Dessen Bote sollte er sein, der an königlicher Größe und
Macht alles Irdische überragt, der in seiner unantastbaren Heiligkeit von allem
Irdischen so weit unterschieden ist wie der Himmel von der Erde, der aller
Unreinigkeit und Sündhaftigkeit gegenüber ein verzehrendes Feuer ist; diesen
allmächtigen und allheiligen Gott sollte er unter einem durch und durch
sündigen Volk als dessen Bote vertreten. Das erkannte Jesaja auch; deswegen
rief er voll Erschrecken aus: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner
Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König,
den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“
Aber doch auch erhebend
und tröstlich war diese Gotteserscheinung für Jesaja. Denn wenn er als Bote
dieses Gottes unter das Volk trat und des Schutzes dieses Gottes versichert
war, wer konnte ihn dann antasten? Mit welchem Vertrauen und welcher
Freudigkeit konnte er trotz allen Widerspruchs sein Amt ausrichten!
Ihnen, meine Freunde, ist
eine solche Gotteserscheinung nicht zuteil geworden und wird Ihnen auch nicht
zuteil werden. Solche Erscheinungen gehören der Patriarchen- und Prophetenzeit
des Alten Bundes an. Wir haben im Neuen Testament eine, wenn auch nicht
sichtbar in die Augen fallende, so doch größere und herrlichere
Gotteserscheinung; denn Gott ist erschienen im Fleisch und hat seine
Herrlichkeit offenbart. „Nachdem vorzeiten Gott manchmal und auf mancherlei Weise
geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er am letzten in diesen
Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ In dem Wort des Sohnes und seiner Apostel
haben wir die letzte, abschließende und vollkommene Offenbarung Gottes und
seines Willens und sollen deshalb auch nicht nach besonderen, wunderbaren
Erscheinungen und Offenbarungen ausblicken. Darum beruft Gott seine Boten nicht
mehr unmittelbar, sondern mittelbar, durch seine Kirche. Aber es ist derselbe
göttliche, kräftige Beruf, göttlich nach Ursache, Inhalt und Zweck, der Beruf
des Heiligen in Israel, des Königs Himmels und der Erde, der in seiner Macht
unbeschränkt, in seiner Heiligkeit unverletzlich ist. Ein solcher Beruf ist
auch der Ihre. Ist das nicht auch für Sie erhebend, tröstlich? Können Sie nicht
im Vertrauen darauf getrost ausgehen und als seine Boten auftreten, im Namen
Ihres Gottes inmitten eines sündigen Volkes allen Feinden und Spöttern ohne
Furcht Trotz bieten?
Aber nun betrachten Sie
zweitens, was auch für Sie von höchster Wichtigkeit ist, dass nämlich auch an
Ihnen geschehen muss, was an Jesaja geschah, ehe er von Gott als sein Bote
ausgesandt wurde: die Entsündigung.
2.
Angesichts dieser
Erscheinung des heiligen Gottes und der heiligen Seraphim rief Jesaja voll
Schrecken aus: „Wehe mir, ich vergehe! … Denn ich habe den König, den HERRN
Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Dies brachte ihn zur vollen Erkenntnis
seiner Unreinigkeit und Sündhaftigkeit. Er meinte, vergehen, vernichtet werden
zu müssen, weil er – denn damit begründet er den Ausruf: „Wehe mir, ich
vergehe!“ – „unreiner Lippen“ war, ein sündiger Mensch. Konnte er als solcher
vor dem heiligen Gott bestehen? Konnte er, der Sünder, des heiligen Gottes Bote
sein? Freilich nicht, denn der dreimal Heilige kann keine Sünder als seine
Boten in seinen Dienst stellen. Aber wohl dem Propheten, dass er zu solcher
Erkenntnis kam! Denn alsbald schwebte einer der Seraphim mit einer glühenden
Kohle, von dem heiligen Feuer, von dem Altar genommen, zu ihm hernieder, rührte
dreimal seine Lippen an und sprach zu ihm: „Siehe, hiermit sind deine Lippen
gerührt, dass deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnt sei.“
So wird der Sündige entsündigt durch himmlisches Feuer an den Lippen als den
Organen, mit denen er den Heiligen in Israel dem Volk, das ihn nicht kannte,
verkündigen sollte. Und nun war er geeignet zum Boten, geschickt, die Botschaft
unter einem sündigen Volk auszurichten.
Sind Sie, meine Freunde,
entsündigt, geheiligt? Sie sind es, wenn auch Sie, auf sich selbst blickend,
ähnlich wie Jesaja ausrufen: „Wehe uns, wir vergehen; denn wir sind unreiner
Lippen!“ Denn nur die, welche in wahrer, lebendiger Sündenerkenntnis stehen,
vor dem heiligen Gott, der in seiner Heiligkeit ein verzehrendes Feuer ist,
erschrecken, können entsündigt, geheiligt werden und werden entsündigt durch
den Glauben an den, der mit seinem reinen und teuren Gottesblut die
Sündenschuld der ganzen Welt gebüßt und bezahlt hat. Ja, das auf dem Altar des
Kreuzes vergossene Blut ist die feurige Kohle, mit der die unreinen Lippen und
die sündigen Herzen noch immer gereinigt und entsündigt werden. Schreibt nicht
Paulus den sündigen Korinthern: „Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr
seid gerecht geworden durch den Namen des HERRN Jesus und durch den Geist
unseres Gotts“? Spricht nicht Petrus: „Gott machte keinen Unterschied zwischen
uns und ihnen und reinigte ihre Herzen durch den Glauben“? Und in seiner ersten
Epistel redet er alle Gläubigen so an: „Ihr seid das königliche Priestertum,
das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die
Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren
Licht.“ Ja, Sie sind schon durch die heilige Taufe entsündigt worden; denn „sie
wirkt Vergebung der Sünden“. Und Sie sind es noch, wenn Sie in Ihrer Taufgnade,
im Glauben an Christus, Ihrem Heiland, stehen; denn „das Blut Jesu Christi, des
Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“. „Dies Blut, der edle Saft, hat
solche Stärk und Kraft, dass auch ein Tröpflein kleine die ganze Welt kann
reine, ja selbst aus Teufels Rachen frei, los und ledig machen.“ Dies fließt in
einem unaufhörlichen Strom auf alle bußfertigen Sünder hernieder und entsündigt
sie täglich und reichlich; und das Evangelium ist der Träger dieses reinigenden
Blutes, ist – im Anschluss an unseren Text – die Zange, mit der es vom Himmel
herniedergebracht, mit der die Lippen berührt, die Herzen gereinigt werden.
Nun antworten Sie auf die
Frage des HERRN: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ mit
Bereitwilligkeit, mit einer Freudigkeit, die alles Zögern und Zagen überwindet:
„Hier bin ich, sende mich!“ Sende mich, wohin du willst, auch in die weite
Ferne; ich will dein Bote sein, auch unter einem Volk von unreinen Lippen. Dann
sind Sie wohl ausgerüstet zu Boten des heiligen Gottes und bereit zur Sendung.
Davon noch drittens einige Worte.
3.
Auf das Anerbieten des
Jesaja: „Hier bin ich, sende mich!“ antwortet der HERR sogleich: „Gehe hin!“
und sandte ihn als seinen Boten aus. Aber welch einen Befehl erteilte er ihm,
welch einen, ich könnte sagen, scheinbar widerspruchsvollen Auftrag gab er ihm!
„Gehe hin und sprich zu diesem Volk: Hört es und versteht es nicht; seht es und
merkt es nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren dich sein
und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit
ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen.“ Es
mangelt an Zeit, hierauf näher einzugehen. Nur einige erläuternde Worte. Sollte
denn die Sendung des Propheten zur Verstockung, Verblendung, zum Verderben des
Volkes dienen? Dahin lautet sein Auftrag allerdings nach den angeführten
Worten. Und wenn diese in eine bloße Zulassung Gottes umgedeutet werden, so ist
das rationalistische Verkehrung. Sie werden uns aber verständiger, wenn wir auf
den 19. und 24. Vers im vorhergehenden Kapitel blicken, wo es heißt: „Lass
eilend und bald kommen sein Werk, dass wir sehen; lass herfahren und kommen den
Anschlag des Heiligen in Israel, dass wir’s innewerden!“ Es war ein Volk, dem
das Wort des HERRN oft verkündigt, das oft zur Buße gerufen, dem, wenn es sich
nicht bekehrte, sein unabwendbares Strafgericht angedroht worden war, das aber
auf das alles nur mit Hohn, Spott, Herausforderung geantwortet hatte. Deswegen
sollte es nun mit dem Gericht der Verstockung bestraft werden, das über die
boshaften Lästerer des göttlichen Wortes ergeht.
Aber diese Verstockung
sollte doch nicht der Endzweck der Sendung des Propheten sein. Das erkannte er
und fragte deshalb: „HERR, wie lange?“ Die Antwort lautete: „Bis dass die
Städte wüst werden ohne Einwohner und Häuser ohne Leute, und das Feld ganz wüst
liege. Denn der HERR wird die Leute ferne wegtun, dass das Land sehr verlassen
wird.“ Aber selbst bei diesem stufenweise fortschreitenden Gericht soll es noch
nicht sein Bewenden haben; denn so lauten die Worte im 13. Vers eigentlich:
„Und wenn noch der zehnte Teil drin ist [im Land], so soll es wiederum
weggefegt werden, so dass das Volk Israel wie eine stolze Eiche erscheint, die
Blätter, Zweige und Äste verloren hat und nur der Stamm übrig ist.“ Aber dieser
Stamm bleibt wie ein Nachspross, mit dem der HERR Herrliches, Großes vorhat.
Das Endziel aller Wege und Werke Gottes und auch das der Sendung des Propheten
ist doch das Heil aus Juda und die Erfüllung der ganzen Erde mit der
Herrlichkeit des HERRN, wie die Seraphim mit ihrem Lobgesang verkündigt haben.
Konnte der erste Teil
dieses Auftrages den Propheten nicht verzagt machen? Im Gegenteil, er sollte
ihn vor der Täuschung bewahren, als müsste seine Botschaft überall ungeteilten
Beifall und Aufnahme finden, als könnte er durch seine Predigt das gerechte
Gericht abwenden; andererseits aber sollte er auch nicht hoffnungslos werden,
als ob sein Werk ganz vergeblich sein werde.
Das sollen auch Sie sich
gesagt sein lassen. Sie dürfen sich nicht der Hoffnung hingeben, dass Sie in
kurzer Zeit alles ausrichten, alle Sünder bekehren und dem HERRN zu Füßen legen
können. Die Botschaft des HERRN findet unter einem sündigen Geschlecht überall
bei vielen Widerspruch. So ist’s zu allen Zeiten gewesen. Auch Jesaja, wie
gehört, musste klagen: „HERR, wer glaubt unserer Predigt?“ und im 49. Kapitel:
„Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und brächte meine Kraft umsonst und
unnütz zu, wiewohl meine Sache des HERRN und mein Amt meines Gottes ist.“ Aber
doch hat er Großes in dem HERRN getan. Das werden auch Sie tun, wenn Sie treu
in dem Amt Ihres Gottes sind. Sein Wort kommt nicht leer zurück, sondern tut,
wirkt, was ihm gefällt, wozu er es sendet. Werden Sie darum nicht hoffnungslos
mitten im Widerspruch und Kampf und Streit, sondern seien Sie hoffnungsvoll im
Vertrauen auf die Verheißung Ihres Gottes, freudig, wenn Sie keinen besonderen
Erfolg sehen! Des HERRN Werk geschieht oft im Verborgenen. Sie werden nach
Ihrem geringen Teil, soviel Gott Gnade gibt, dazu beitragen, dass auch das
Land, wohin Sie gehen sollen, der Ehre des HERRN voll wird. Er, der Heilige in
Israel, sei und bleibe mit Ihnen! Amen.
1. Mose 22,1-19: Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach
zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak,
deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und
opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir sagen werde.
Da stand Abraham am Morgen früh auf und
gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und
spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, davon
ihm Gott gesagt, hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die
Stätte von fern. Und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel;
ich und der Knabe wollen dorthin gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen
wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es
auf seinen Sohn Isaak; er aber nahm das Feuer und Messer in seine Hand, und
gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein
Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier
sind Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete:
Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die
beiden miteinander. Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott sagte, baute
Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz drauf und band seinen Sohn
Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und
fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 11
Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel
und sprach: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege
deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts! Denn nun weiß ich, dass du
Gott fürchtest und hast deinen einigen Sohn nicht verschont um meinetwillen. Da
hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter ihm in der Hecke mit
seinen Hörnern hängen; und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum
Brandopfer an seines Sohnes Statt. Und Abraham hieß die Stätte: Der HERR sieht.
Daher man noch heute sagt: Auf dem Berg, da der HERR sieht.
Und der Engel des HERRN rief Abraham
abermals vom Himmel und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der
HERR, weil du solches getan hast und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont,
dass ich deinen Samen segnen und mehren will wie die Sterne am Himmel und wie
den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore seiner
Feinde. Und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden,
darum dass du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte Abraham wieder zu seinen
Knechten; und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und er
wohnte dort.
In Christus, dem eingeborenen Sohn des
Vaters, geliebte Zuhörer!
Schon zweimal hatte Gott der HERR Abraham
einen Befehl gegeben, dessen Befolgung auch für den glaubensstarken Erzvater
nicht leicht war. Der erste lautete: „Gehe aus deinem Vaterland und von deiner
Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen
will.“ Alles sollte Abraham verlassen, was ihm in irdischer Beziehung teuer und
wert war: Vaterland, Verwandtschaft und Vaterhaus, und in ein unbekanntes Land
ziehen, das ihm der HERR erst zeigen wollte. Abraham war auch ein Mensch wie jeder
andere, hatte Fleisch und Blut, Gefühl und Neigungen wie andere. Er hing an
seinem Vaterland, war seiner Verwandtschaft zugetan, liebte sein Vaterhaus. Von
dem allem sollte er sich losreißen und in die Fremde ziehen. Das war kein
geringes Opfer, es kostete ihn Entsagung. Aber Abraham besprach sich nicht mit
Fleisch und Blut, sondern folgte dem Befehl Gottes, weil er dem Wort des HERRN
glaubte, wie es Hebr. 11 heißt: „Durch den Glauben wurde gehorsam Abraham, da
er berufen wurde, auszugehen in das Land, das er ererben sollte; und er ging
aus und wusste nicht, wo er hinkäme.“
Der andere Befehl, dem nachzukommen ihm
wohl noch schwerer wurde, war der, seinen Sohn Ismael, den er von Hagar hatte,
mit dieser auszutreiben. Als ihn Sarah dazu aufforderte, gefiel es ihm übel.
War Ismael auch nach dem Fleisch
geboren, nicht der Sohn der Verheißung, er war doch sein Sohn, an dem er mit
väterlicher Liebe hing. Aber als der HERR zu ihm sprach: „Alles, was dir Sarah
gesagt hat, dem gehorche“, da kam er auch diesem Befehl sogleich nach. Da
musste er Selbstverleugnung üben, seinen Willen dem Willen Gottes unterordnen
und glauben lernen, glauben an das Wort seines Gottes und sich von ihm leiten
lassen. Er musste auf mancherlei Weise versucht, geprüft und geläutert werden,
um auf die Höhe zu kommen, auf die ihn Gott stellen wollte, um der Vater der
Gläubigen zu werden. Aber durch manche Anfechtungen geläutert, wurde er nun
einer Prüfung unterworfen, die weit schwerer als alle bisherigen war, so
schwer, dass sie jede Menschenkraft weit zu übersteigen scheint. Er erhielt den
Befehl, den Sohn der Verheißung – nicht etwa auszustoßen wie Ismael –, sondern
ihn mit eigener Hand zu opfern. Da fragen wir: Wie konnte Gott ihm einen
solchen Befehl geben und Abraham ihm gehorchen? Beides scheint uns gleich
unmöglich zu sein; dennoch geschah beides, wie der verlesene Text berichtet.
Betrachten wir denn aufgrund desselben:
Isaaks
Opferung
Diese wurde
1.
Abraham von
Gott befohlen,
2.
Von ihm
vollzogen,
3.
Für ihn überaus
segensreich.
1.
Abraham befand sich in Beerscheba, dem
südlichsten Ort des Heiligen Landes. Dort hatt4e er einen Bund mit Abimelech,
dem König der Philister, gemacht, Bäume gepflanzt, weil er dort lange zu
bleiben gedachte, und predigte dort von dem Namen des HERRN, wie es im
vorhergehenden Kapitel heißt. Daraus weisen die ersten Worte unseres Textes:
„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham“ hin.
Dort zu Beerscheba rief Gott Abraham und
sprach zu ihm: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und gehe in
das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich
dir zeigen werde.“ Welch einen Befehl enthalten die Worte! Mussten sie dem
Vater nicht wie scharfe Pfeile ins Herz dringen? Erwägen wir sie näher, um das
recht zu erkennen.
„Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du
liebhast“, sprach Gott zu ihm. Seinen Sohn soll er nehmen und opfern,
nicht etwa das beste Tier in seiner Herde oder einen Teil derselben, nicht
sonstiges Hab und Gut, wie Gold und Silber, sondern seinen Sohn, sein
eigen Fleisch und Blut. Wie lange hatte er auf die Geburt dieses Sohnes von
Sarah gewartet! Er war ihm verheißen worden, und als die Erfüllung der
Verheißung jahrelang verzog, dass er, wie wir im 15. Kapitel lesen, klagend zu
dem HERRN sprach: „HERR, Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne
Kinder, und mein Hausvogt, dieser Elieser von Damaskus, hat einen Sohn. Mir hat
du keine Samen gegeben; und siehe, der Sohn meines Gesindes soll mein Erbe
sein“, da hatte ihm der HERR auf diese Klage die Antwort gegeben, sein Same
solle so zahlreich werden wie die Sterne am Himmel. Abraham glaubte, und das
rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit. Er war inzwischen 99 Jahre alt
geworden, und noch war der verheißene Leibeserbe nicht geboren. Da sprach der
HERR abermals zu ihm: „Du sollst deine Frau Sarai nicht mehr Sarai heißen,
sondern Sarah soll ihr Name sein; denn ich will sie segnen, und von ihr will
ich dir einen Sohn geben.“ Diese Verheißung erfüllte ihn mit solcher Freude,
dass er auf sein Angesicht fiel und vor Freude lachte. Als ihm darauf der HERR
in Begleitung zweier Engel in menschlicher Gestalt im Hain Mamre erschien, ihm
die bestimmte Zusage gab, dass Sarah ihm ums Jahr einen Sohn schenken werde,
diese Zusage auch in Erfüllung ging, wie groß war da seine Freude!
Aber diesen wiederholt verheißenen, so
lange ersehnten Sohn sollte er nun dem HERRN wiedergeben, opfern. Und Isaak war
sein einiger, einziger Sohn. Wohl war ihm von der Hagar der andere Sohn,
Ismael, geboren worden, aber der war nicht mehr vorhanden, denn er hatte ihn
mit seiner Mutter ausstoßen müssen. Nun soll er Isaak, der zu einem Jüngling
herangewachsen war, dem HERRN zum Brandopfer darbringen. Ihm soll er das Messer
ins Herz stoßen und dann seinen Leib auf dem Altar verbrennen. Das sollte er dem
Sohn tun, den er, wie der Befehl noch besonders hervorhebt, liebhatte, mehr
liebte als alles andere, was er hatte. Und das sollte er nicht zu Beerscheba,
wo er wohnte, sogleich, sondern im Land Morija, wohin er drei Tage zu reisen
hatte, tun. War dies nicht ein Befehl, so grausam, wie er nur sein konnte? Und
ferner: Wenn er diesen Befehl ausführte, fielen damit nicht alle Verheißungen
hin, die ihm Gott gegeben hatte: die Verheißungen, dass aus ihm viele Völker
kommen, seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel werden sollten,
also auch die Verheißung von dem Erlöser, dem Heiland der Welt? Führte er nicht
den Todesstoß gegen Isaak, den Sohn der Verheißung, tötete er damit nicht, das
ich so sage, alle Verheißungen? „Die menschliche Vernunft“, sagt Luther,
„musste schlechthin schließen: Entweder lügt die Verheißung, oder der Befehl
kommt nicht von Gott, sondern vom Teufel; denn es ist ein offener Widerspruch.
Wenn Isaak getötet werden muss, so ist die Verheißung nicht wahr; ist sie aber
wahr, so ist es unmöglich, dass dieser Befehl ein Befehl Gottes sein kann.“ Das
war die schwerste Versuchung, in die Abraham durch diesen Befehl versetzt
wurde.
Und doch war es ein ausdrücklicher Befehl
Gottes, nicht eine Eingebung des Teufels, auch nicht ein eigener Gedanke oder
Wahn, der in Abrahams Herzen aufstieg, auf den er etwa gekommen war, weil er
sah, dass die heidnischen Kanaaniter in ihrer Blindheit ihren Götzen
Menschenopfer darbrachten, um sie zu versöhnen. Nein, der Befehl kam von dem
persönlichen, wahren Gott. Aber wie, so fragen wir, konnte ihm Gott, der ihn
bisher so wunderbar geführt, sich ihm so gnädig und barmherzig erwiesen hatte,
seinen einzigen, geliebten Sohn als Opfer von ihm fordern? Die Antwort ist in
dem einen Wort unseres Textes, in dem Wort „versuchte“ gegeben. „Nach diesen
Geschichten versuchte Gott Abraham“, heißt es. Er versuchte ihn zur Prüfung und
Bewährung seines Glaubens, ob er trotz dieses Befehls auf ihn unentwegt
vertraue, an der ihm gegebenen Verheißung festhalte und seinen Glauben von den
Schlacken fleischlicher Liebe zu Isaak, die sich etwa bei ihm angesetzt hatten,
zu befreien suche.
Führt Gott heute noch dieses und jenes
seiner gläubigen Kinder in eine ähnliche Versuchung? Er gibt sicherlich keinem
den Befehl, eines der Kinder oder gar das einzige Kind zum Brandopfer
darzubringen; aber wenn es in tödlicher Krankheit auf dem Bett liegt, wenn alle
menschliche Hilfe vergeblich zu sein scheint oder wirklich vergeblich ist, dann
befindet sich das Elternherz in einer ähnlichen Versuchung wie Abraham, wie
jeder Christ weiß, der es erfahren hat. Hat Gott nicht Leben und Tod in seiner
Hand? Ist’s ihm, dem Allmächtigen, nicht ein Geringes, der Krankheit zu
gebieten, das Leben zu erhalten? Scheint da der gnädige nicht ein zorniger, der
liebevolle nicht ein unbarmherziger, grausamer Gott zu sein? Welch eine schwere
Versuchung ist auch das! Aber wohl dem, der in solcher Versuchung am Glauben
festhält, dem Willen Gottes gehorsam, sich ihm untergibt wie Abraham. Das lehrt
uns der zweite Teil unserer Betrachtung.
2.
Abraham säumte nicht, den Befehl
auszuführen. Am Morgen stand er früh auf, spaltete selbst das Holz, dessen er
zum Brandopfer bedurfte, gürtete einen Esel und machte sich mit Isaak und zwei
Knechten auf den Weg. Am dritten Tag der Reise erblickte er den Ort, wo die
Opferung geschehen sollte. Mit welchen Gefühlen er das Holz gespaltet, den Esel
gesattelt, die Reise zurückgelegt hat, lässt sich weniger in Worten beschreiben
als im Herzen empfinden. Bracht ihn nicht jeder Schritt der Opferstätte näher,
an der er dem geliebten Sohn den Todesstoß geben sollte? Musste er vor der
Stätte nicht Grauen empfinden? Als er an dem Berg angekommen war, sprach er zu
den Knechten: „Bleibt hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin
gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“ Er
hatte also weder Isaak noch den Knechten mitgeteilt, zu welchem Zweck die Reise
geschehe, und die Knechte sollten
nicht Zeugen des blutigen Vorgangs sein. Die letzte, kurze Strecke wurde vom
Vater und Sohn allein zurückgelegt. Welch ein Gang! Der Sohn trägt das Holz auf
seinem Rücken, das ihm der Vater aufgelegt hat, dieser das Feuer, mit dem das
Holz angezündet, und das Messer, mit dem der Todesstoß geführt werden soll.
Isaak spricht zu Abraham: „Mein Vater!“ Dieser antwortet: „Hier bin ich, mein
Sohn.“ Dieser sagt: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum
Brandopfer?“ Welch eine zärtliche Liebe zueinander geht aus diesen wenigen
Worten hervor! Aber mussten die Worte des Sohnes das Herz des Vaters nicht wie
ein zweischneidiges Schwert durchbohren, die Worte: „Wo ist aber das Schaf zum
Brandopfer?“ Isaak wusste es nicht, aber der Vater wusste es nur zu wohl. Doch
gewinnt er es nicht über sich, dem Sohn zu sagen: Du selbst bist es, sondern er
antwortet: „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ So gingen die
beiden, schweigend, miteinander den Berg hinan. Dort angekommen, baut Abraham
den Altar von Erde und Steinen, legt das mitgebrachte Holz darauf, bindet dann
den Sohn und legt ihn oben auf das Holz. Nun wusste dieser, welches das Schaf
zum Brandopfer sein sollte. Ob er sich gegen das Binden gesträubt hat? Unser
Text sagt darüber nichts, aber ich glaube nicht, dass er sich gesträubt hat,
sei es, dass er durch den Vorgang völlig überrascht wurde, sei es durch
besondere göttliche Lenkung. Nun reckt der Vater seine Hand aus und fasst das
Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Eben erhebt er die Hand und will den
schrecklichen Stoß in das Herz des Sohnes führen. „Abraham, Abraham!“ schallt
in diesem Augenblick die stimme vom Himmel herab, „lege deine Hand nicht an den
Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast
deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen.“
Aber wozu
erhielt denn Abraham den Befehl, Isaak zu opfern, wenn er nicht ausgeführt
werden sollte? Wozu alle Vorbereitungen, die weite Reise? Trieb Gott der
Wahrhaftige mit Abraham ein grausames Spiel? Keins von beiden. Denn Abraham hat
seinen Sohn wirklich geopfert, freilich nicht äußerlich, durch die Tat, aber
innerlich, in seinem Herzen. Und nichts weiteres wollte Gott von ihm als die
Bereitwilligkeit, um seinetwillen auch das Liebste und Teuerste willig dahinzugeben.
Diese Bereitwilligkeit hatte Abraham gezeigt, und darum erging nun der Befehl
an ihn, seine Hand nicht an den Knaben zu legen, weil er bewiesen hatte, dass
er Gott mehr leibte als den einzigen, geliebten Sohn. Und Gott hatte auch schon
für einen Ersatz gesorgt. Denn als sich Abraham umwandte, erblickte er einen
Widder mit den Hörner in einer Hecke oder einem Dickicht hängen. Da er sogleich
erkannte, dass der Widder an Stelle seines Sohnes zum Opfer dienen sollte,
opferte er ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. So erfüllte sich sein
Wort: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“
Seht da,
meine Zuhörer, was der Glaube vermag, was Glaubensgehorsam ist. So groß die
Versuchung war, Abraham bestand sie. Warum? Die Antwort gibt uns der Apostel in
den Worten Hebr. 11,17: „Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, da er
versuchte wurde, und dachte: Gott kann auch wohl von den Toten erwecken.“
Obwohl alle Verheißungen Gottes und Abrahams Hoffnungen auf Isaak beruhten, so
war er doch im Glauben gewiss, dass Gott ihn wieder von den Toten auferwecken
und die Verheißung erfüllen werde, da er als der Wahrhaftige sie erfüllen
müsse.
Wir
bewundern diesen Glaubensgehorsam Abrahams. Aber Größeres als Abraham hat Gott
selbst getan. Denn Abraham hat seinen einzigen geliebten Sohn Gott geopfert, von dem er unzählige Wohltaten empfangen
hatte; Gott hat seinen einzigen geliebten Sohn, Jesus Christus, für uns geopfert, für die Sünder, die ihn mit ihren Sünden zum Zorn und
zur Strafe gereizt hatten. Ihn hat er dort auf Golgatha auf dem Altar des
Kreuzes geopfert, ihn hat er von dem Feuer seines Zorns verzehren lassen. Wie
Abraham dort auf dem Berg Morija anstatt seines Sohnes einen Widder opfern
musste, so hat Gott selbst seinen einzigen Sohn an unserer Statt geopfert. Wie
dort Isaak das Holz selbst hinauftragen musste, so hat Gottes Sohn das Holz des
Kreuzes nach Golgatha hinaufgetragen und sein Leben für uns in den Tod
dahingegeben. Ja, „Gott hat seinen einzigen Sohn nicht verschont, sondern hat
ihn für uns alle dahingegeben“, sachreibt Paulus Röm. 8, und im 5. Kapitel sagt
er: „Darin preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben
ist, da wir noch Sünder waren. So werden wir vielmehr durch ihn behalten werden
vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind.“
O Wunderlieb, o Liebesmacht!
Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,
Gott seinen Sohn abzwingen!
O Liebe, Liebe, du bist stark,
Du streckest den ins Grab und Sarg,
Vor dem die Felsen springen,
so müssen wir im Hinblick auf diese Liebe Gottes,
die er in der Opferung seines einzigen Sohnes uns bewiesen hat, mit dem Dichter
ausrufen. Lasst uns diese Liebe Gottes immer mehr erkennen, sie aber auch durch
unseren Glaubensgehorsam preisen, indem wir jedem Befehl des HERRN, jedem Wort,
willig Gehorsam leisten, ja, ihm uns selbst mit allem zum Opfer geben, das da
lebendig, heilig und ihm wohlgefällig ist, und das umso mehr, als das auch für
uns überaus segensreich ist.
3.
War es
für Abraham nicht schon ein Segen, dass ihm von Gott selbst seine Gottesfurcht
bezeugt wurde, indem er zu ihm sprach: „Nun weiß ich, dass du Gott fürchtest“?
Wie musste dies Zeugnis den Erzvater stärken und erquicken, der drei Tage lang
einen solch furchtbaren Seelenkampf gekämpft hatte! Die Versuchung war ja auch
nicht um Gottes, sondern um Abrahams willen, zu seinem Besten, geschehen. Da
bewahrheitete sich an Abraham das Wort: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung
erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen.“
Der
eigentliche Segen bestand aber darin, dass der Engel des HERRN Abraham zum
zweiten Mal vom Himmel herab rief und ihm teils die schon früher gegebenen
Verheißungen wiederholte, dass er seinen Samen mehren wolle wie die Sterne am
Himmel, und dass durch seinen Samen alle Geschlechter auf Erden gesegneten
werden sollten, teils neue hinzugefügt wurden in den Worten: „Ich will deinen
Samen mehren wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die
Tore seiner Feinde“; das heißt, er soll die Feinde und ihre Städte siegreich
bewältigen, in Besitz nehmen; und endlich, dass ihm diese Verheißungen durch
einen feierlichen Eid bestätigt wurden, was nur dies eine Mal bei den
Patriarchen geschehen ist. Wir ersehen auch hieraus: So groß die Versuchung für
Abraham war, so groß war der Segen, der ihm zuteil wurde. Ehe er wusste,
welchen wunderbaren Ausgang diese Versuchung nehmen würde, während er in seinem
Herzen willig den einzigen Sohn opferte, glaubte er gewiss, dass Gott ihn
lebendig machen könne, „der da“, wie Paulus Röm. 4,17 in Bezug darauf schreibt,
„lebendig macht die Toten und ruft dem, das nicht ist, dass es sei“.
Und sind
diese Verheißungen in Erfüllung gegangen? Freilich ist in ihnen nicht die leibliche Nachkommenschaft Abrahams gemeint. Diese ist weder
so zahlreich wie die Sterne am Himmel noch wie der Sand am Ufer des Meeres
geworden, sondern von dem geistlichen Samen ist die Rede, von der Zahl der Gläubigen an
deren Spitze Abraham als Vater von Gott gestellt wurde. Die denselben Glauben
wie Abraham haben, die sind sein Same, seine Kinder. Und wer vermag die Menge
derer zu zählen, die seit Abraham durch Jahrtausende hindurch bis auf den
heutigen Tag geglaubt haben, glauben und glauben werden wie er? Jeder wahrhaft
Gläubige, mag er noch so gering sein, ist einer der unzählbaren Glaubenssterne,
eins der Sandkörner im Meer der Seligkeit.
Lasst uns
daher, meine Teuren, in allen Versuchungen, die an uns herantreten, glauben
lernen wie Abraham, auf die Verheißungen des HERRN auch dann unentwegt
vertrauen, wenn es scheint, als ob sie zunichte werden müssten. Himmel und Erde
vergehen, die Verheißungen des wahrhaftigen und allmächtigen Gottes müssen
erfüllt werden. Dann werden auch wir reich gesegnet werden in Zeit und
Ewigkeit.
Unser
Text schließt mit den Worten: „So kehrte Abraham wieder zu seinen Knechten“
(die er unten am Berg zurückgelassen hatte); „und machte sich auf und sie zogen
miteinander nach Beerscheba; und er wohnte dort.“ So schwer für ihn die
Hinreise war, so glücklich, selig war die Heimreise. Der HERR gebe auch uns
eine selige Heimreise in die rechte Heimat, in der Brunnen lebendigen Wassers
quillen, wo wir ewig wohnen sollen! Amen.
1. Mose 28,10-22: Aber Jakob zog aus von Beerscheba und reiste gen Haran.
Und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen.
Und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich
an demselben Ort schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf
Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel; und siehe, die Engel Gottes
stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben drauf und sprach: Ich bin
der HERR, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott. Das Land, da du drauf
liegst, will ich dir und deinem Samen geben. Und dein Same soll werden wie der
Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen den Abend, Morgen,
Mitternacht und Mittag; und durch dich und deinen Samen sollen alle
Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will
dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.
Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet
habe.
Da nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte,
sprach er: Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Und er
fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes
als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand am Morgen
früh auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und
richtete ihn auf zu einem Mal und goss Öl oben drauf. Und hieß die Stätte
Bethel; vorhin hieß sonst die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach:
So Gott wird mit mir sein und mich behüten auf dem Weg, den ich reise, und Brot
zu essen geben und Kleider anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu
meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein, und dieser Stein, den
ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus werden; und alles, was
du mir gibst, des will ich dir den Zehnten geben.
Geliebte in Christus!
Das verlesene Textwort lenkt unseren Blick
auf den Erzvater Jakob. Dieser befindet sich auf der Reise nach Haran. Ein
Zweifaches hatte ihn veranlasst, diese Reise anzutreten. Zunächst war es die
Feindschaft seines Bruders Esau und dessen Drohung, ihn zu ermorden.
Noch ehe die beiden Brüder geboren waren,
hatte der HERR zu ihrer Mutter Rebekka gesagt: „Zweierlei Leute werden sich aus
deinem Leib scheiden; und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“ Damit war ihr
angekündigt worden, dass nicht der Ältere, wie es nach dem Recht der Erstgeburt
hätte geschehen müssen, sondern der Jüngere der Träger der messianischen
Verheißungen sein und über jenen herrschen solle; und schon bei der Geburt der
Zwillingsbrüder gab sich der Unterschied zwischen den beiden zu erkennen. Der
Erstgeborene war von rötlich-brauner Farbe und dicht behaart wie ein Fell,
Anzeichen seiner Kraft und Wildheit, der zweite weiß und glatt. Jener erhielt
den Namen Esau, das ist, „der Haarige“, und dieser, weil er bei der Geburt die
Ferse des Erstgeborenen hielt, den Namen Jakob, das heißt „der Fersenhalter“
oder auch „der Listige“. Die Verschiedenheit trat, als sie heranwuchsen,
deutlich hervor. Esau wurde ein Jäger und Ackermann, ein auf dem Feld
Umherschweifender; Jakob aber war ein frommer Mann und blieb in den Hütten, das
heißt, er hatte Gefallen am häuslichen Still-Leben. Und wie es so oft
geschieht, wenn nur zwei Kinder in der Familie sind, so war es auch im Haus
Isaaks: Esau war der Liebling des Vaters, Jakob der Liebling der Mutter,
wodurch das Verhältnis der Brüder zueinander getrübt wurde, zumal sich Esau
besonders die Gunst des Vaters zu erwerben suchte, indem er ihm von dem
Wildbret brachte, das er gerne aß.
Esau aber aß gerne eine Speise von Linsen.
Als er daher einst, vom Feld kommen und hungrig, ein Linsengericht, von Jakob
zubereitet, sah, verlangte er, davon zu essen. Jakob willigte unter der
Bedingung ein, dass er ihm dafür das Recht der Erstgeburt verkaufe; und Esau
ging ohne Besinnen auf den Handel ein, indem er sagte: „Siehe, ich muss doch
sterben; was soll mir dann die Erstgeburt?“ verkaufte also seine Erstgeburt um
ein Linsengericht, ein hohes Vorrecht um einen lächerlichen Preis – ein hohes
Vorrecht, weil mit der Erstgeburt bei den Patriarchen die Herrschaft über die
Familie und der Anspruch auf den Verheißungssegen verbunden war. So hatte Jakob
ein doppeltes Anrecht auf die Erstgeburt, nämlich durch göttliche Bestimmung
und durch Kauf von seinem Bruder.
Nun war Isaak alt geworden und wollte, ehe
er starb, ungeachtet der göttlichen Bestimmung und des Verkaufs der Erstgeburt
an Jakob, seinem Lieblingssohn Esau den Segen der Erstgeburt erteilen. Als
Rebekka das hörte, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Sie überredete Jakob,
ein von ihr bereitetes Mahl seinem Vater zu bringen, zog ihm Esaus Kleider an,
umwickelte seine Hände mit dem Fell des geschlachteten Böckleins und vertraute
darauf, dass Isaak in solcher Verkleidung Jakob für Esau halten würde, da seine
Augen dunkel geworden waren. Und die List gelang. Jakob erhielt den Segen der
Erstgeburt, ehe sein Bruder von seiner Jagd auf dem Feld zurückgekehrt war.
Darüber ergrimmte dieser, als er zurückkehrte und erfuhr, wie ihn Jakob
überlistet hatte. Daran, dass er diesem seine Erstgeburt verkauft hatte, dachte
er nicht oder wollte den Handel nun nicht gelten lassen. Er stieß die Drohung
aus: „Es wird die Zeit kommen, dass mein man um meinen Vater Leid tragen muss;
dann will ich meinen Bruder Jakob erwürgen.“ Als Rebekka von dieser Drohung
hörte, überredete sie Jakob, zu ihrem Bruder Laban nach Haran zu reisen, Isaak
aber dazu, seine Einwilligung dazu zu geben, indem sie vorgab, dass Jakob sich
aus ihrer Familie eine Frau holen sollen, da ihr die kanaanitischen Frauen
Esaus viel Herzeleid bereiteten.
Wir sehen aus dieser Geschichte, wie auch
die Kinder Gottes oft ihre eigenen, sündlichen Wege gehen, verwerfliche Mittel
anwenden, um ihre Zwecke zu erreichen. Isaak wollte in seiner schwachen
Vorliebe für Esau der4 göttlichen Bestimmung entgegen diesem den Segen der
Erstgeburt zuwenden; Rebekka betrog ihren Gemahl, Jakob seinen Vater, und
bereiteten sich damit Kummer und Herzeleid. Anstatt auf Gottes Walten zu
vertrauen und zu warten, griffen sie selbst auf sündliche Weise ein. Aber wir
sehen hieraus auch, dass Gott selbst die Torheiten der Menschen in seine Hand
nimmt, und wie durch göttliche Weisheit und menschliche Torheit die Geschicke
der Menschen gelenkt werden. Das sehen wir besonders an dem wichtigsten
Ereignis, das Jakob auf seiner Reise nach Haran begegnete, und von dem unser
Text handelt. Betrachten wir daher:
Jakobs
Traum zu Bethel auf seiner Reise nach Haran
Wie er
1.
Darin eine
Himmelsleiter erblickt,
2.
Eine herrliche
Verheißung erhält,
3.
Aus Dankbarkeit
ein feierliches Gelübde tut.
1.
Von dem elterlichen Haus zu Beerscheba aus
trat Jakob seine Reise nach Haran an, um dort, wie ihm sein Vater besonders
auftrug, eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders einer Mutter zu nehmen.
Isaak fertigte ihn zu dieser Reise besonders ab. Ohne ihn wegen seiner
Überlistung zu strafen, da er sich selbst nicht ohne Schuld wusste, erteilt er
ihm noch den Segen Abrahams, durch den ihm der Besitz des Landes Kanaan
zugesichert wurde.
So gesegnet, begab sich Jakob auf den Weg
und „kam“, wie es in unserem Text heißt, „an einen Ort, da blieb er über Nacht;
denn die Sonne war untergegangen“; und er nahm von den Steinen, die sich an dem
Ort befanden, machte sich aus ihnen ein Kopflager[4],
legte sich hin, schlief ein und hatte einen wunderbaren Traum. In diesem
erblickte er eine Leiter, die von der Erde bis an den Himmel reichte, an der
die Engel auf- und niederstiegen, auf deren Spitze aber Gott der HERR stand.
Das war kein gewöhnlicher Traum, sondern eine neue Weise der Gottesoffenbarung.
Zu Abraham war das Wort des HERRN so geschehen: Er hatte Gott den HERRN in
leiblicher Gestalt im Haim Mamre gesehen und bewirtet, der HERR war ihm
erschienen; auch Isaak hatte Gesichte gesehen und geweissagt (Kap. 26,2.24);
aber eine Offenbarung im Traum wurde hier zum ersten Mal Jakob zuteil.
Dass diese Himmelsleiter, von Jakob im
Traum gesehen, eine hohe Bedeutung nicht allein für Jakob, sondern für alle
Gläubigen hate, ist schon frühzeitig erkannt worden. Was für ein Bild stellt
sie dar? Unten auf der Erde Jakob, ein einsamer Wanderer! Die Erde ist sein
Bett, einige Steine sein Kopfkissen, das Dunkel der Nacht um ihn her. Er
befindet sich in einem fremden, feindlichen[5],
Esau befreundeten Land, vor dessen Rache er die Flucht hatte ergreifen müssen.
Und hatte er sich nicht selbst durch seine List und seinen Betrug an seinem
Bruder dahin gebracht? Musste er nicht umso mehr in Furcht und Bedrängnis sein?
Oben auf der Spitze am Himmel steht Gott der HERR, der Heilige und Gerechte,
dem Sünde ein Greuel ist, der sie straft, heimsucht, bis ins dritte und vierte
Glied! Aber fast noch wunderbarer als dies: Die Engel Gottes steigen auf der
Leiter auf und nieder, die Diener Gottes, die seine Befehle ausrichten, die
Wächter und Beschützer der Kinder Gottes, die um ihr Sterbelagere stehen und
ihre Seele im Triumph in die seligen Wohnungen des Himmels tragen. Musste das
Jakob nicht andeuten, dass ihm der heilige Gott trotz seiner Schwachheitssünde,
zu der er sich von seiner Mutter hatte überreden lassen, gnädig sei? Wie
tröstlich musste die ganze Erscheinung für Jako sein, der sich dort in dunkler
Nacht, von Furcht erfüllt, unter freiem Himmel befand! Ja, sie bedeutete für
ihn das Mittel der Vereinigung zwischen Gott und ihm. Aber was bedeutet sie für
uns, meine Freunde?
Keiner von uns hat eine solche Erscheinung
wie Jakob gehabt, keiner hat in einem Traum oder Gesicht eine solche
Himmelsleiter gesehen; aber wir alle haben das oder den, welchen sie bedeutet:
Christus, Gottes und Mariens Sohn, Gott vom Himmel und wahren Menschen, unseren
Bruder. Wie die Leiter dort zu Bethel Himmel und Erde verband, so verbindet der
Gottmensch Himmel und Erde; denn er ist der Mittler zwischen Gott und den
Menschen. Schreibt nicht der Apostel 1. Tim. 2, 5: „Es ist ein Gott und ein
Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der
sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass solches zu seiner Zeit
gepredigt würde“? Bezeichnet er sich nicht selbst als die Himmelsleiter, indem
er spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum
Vater als durch mich“? Ja, durch ihn ist alles versöhnt und vereinigt, was im
Himmel und auf Erden ist. Durch seine Vermittlung kommen die Engel Gottes vom
Himmel auf die Erde hernieder, um die Heiligen und Geliebten Gottes zu schützen
vor ihren Feinden, zu bewahren vor so manchen Gefahren und, wie bei Lazarus,
ihre Seele in den Himmel hinaufzutragen. Ja, Christus, der Heiland, ist unsere
Himmelsleiter, auf der wir durch den Glauben von dieser armen Erde zum Himmel
emporsteigen, nicht das Gesetz, dessen Sprossen die Gebote sind, an denen
niemand emporsteigen kann, an dessen Spitze auch nicht der gnädige und
barmherzige, sondern der heilige und zürnende Gott steht. „Denn die mit des
Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch.“
Wenn du darum verlassen bist wie dort
Jakob, dein Herz voll Angst und Sorge ist wie dort Jakobs; wenn deine Sünde
dich bekümmert und dein Herz dich anklagt, wenn du im Staub auf der Erde liegst
wie dort Jakob: dein Heiland, eine Himmelsleiter, steht bei dir und sendet dir
seine Engel hernieder, und Gott der HERR offenbart sich auch dir in
freundlichen, tröstlichen Worten und spricht: „Ich bin mit dir und will dich
behüten, wo du hinziehst; ich will dich nicht lassen“, wie er dort zu Jakob
redete. Das führt uns zum zweiten Teil unserer Betrachtung.
2.
Jakob erblickte in seinem Traum nicht nur
die Himmelsleiter, sondern Gott sprach auch zu ihm: „Ich bin der HERR,
Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott“; gab sich ihm damit zu erkennen,
bestätigte alle Verheißungen, die er den Vätern gegeben hatte, und fügte eine
andere hinzu. Die erste lautet: „Das Land, da du drauf liegst, will ich dir und
deinem Samen geben“; die zweite: „Dein Same soll werden wie der Staub auf
Erden, und du sollst ausgebreitet werden wie der Staub auf Erden; und du sollst
ausgebreitet werden gegen Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag“; die dritte:
„Durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet
werden“; die vierte: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du
hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.“ Die ersten drei sind
eine Wiederholung der Verheißungen, die Gott schon Abraham und Isaak gegeben
hatte, und werden hier Jakob besonders zugeeignet; denn bei seiner Berufung
hatte Gott zu Abraham in Haran gesagt: „Ich will dich zum großen Volk machen;
du sollst ein Segen sein, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter
auf Erden“ (Kap. 12), und später, wie wir 1. Mose 15, 7 lesen: „Ich bin der
HERR; der dich aus Ur in Chaldäa geführt hat, dass ich dir dies Land zu
besitzen gebe.“ Diese Verheißungen waren dem Anfang nach durch die wunderbare
Geburt Isaaks, die in Kraft der Verheißung des HERRN geschah, erfüllt. Indem
aber Gott die dritte Verheißung, dass in seinem Samen alle Geschlechter auf
Erden gesegnet werden sollen, wiederholte und Jakob zueignete, bezeugte er,
dass der messianische Segen, den er von seinem Vater erhalten, sein, Gottes
Segen, sei, dass ich so sage, er sein göttliches Siegel unter denselben
drücke. Die vierte Verheißung aber, durch die ihn Gott seines Schutzes
versichert und ihm verheißt, ihn in sein Vaterland zurückzubringen, tat Jakob
kund, dass er trotz seiner Schwachheitssünde doch bei ihm in Gnaden sei., Und
damit er an dieser Verheißung nicht zweifle, fügte der HERR hinzu: „Denn ich
will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“
Welch eine große, herrliche Verheißung war das!
Wie musste diese Verheißung und der darin
ausgesprochene Segen Jakob aufrichten! Zu dem dort einsam Übernachtenden redet
der HERR in seiner Freundlichkeit; der Verlassene sieht sich in Gemeinschaft
der heiligen Engel, der Furchtsame die starken Helden zu seinem Schutz bereit;
den, welchen sein Gewissen beunruhigt, versichert Gott seiner Gnade und
Vergebung. Welche Nachsicht und Langmut beweist Gott seinen schwachen Kindern!
Wie kann eine Sünde das Herz bedrücken, das Gewissen unruhig machen! Während
der Ungläubige ruhig dahingeht, ja, über die Sünde lacht und scherzt, wenn sich
die Stimme des Gewissens bei ihm meldet, diese alsbald wieder zum Schweigen
bringt, ist der Gläubige mit Unruhe erfüllt. Seine Sünde steht, besonders in
den Trübsalen, wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinem Gott; er meint, er
dürfe sich seinem Gott nicht nahen. War es nicht etwa so bei Jakob dort in
Bethel? Esau ruhte sicher im Zelt seines Vaters, er aber befand sich auf der
Flucht in einem fremden Land. Musste es ihm da nicht scheinen, als ob der
Segen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, unmöglich in Erfüllung gehen
könne, dass sich Gott zürnend von ihm abgewandt habe? Aber der HERR erscheint
ihm, bestätigt den Segen seines Vaters, versichert ihn seiner Gnade und seines
Schutzes. Wie hat das den Schwachen gestärkt!
Lernen wir daher aus dieser freundlichen
Offenbarung Gottes, dass wir in unseren Nöten und Ängsten nicht von,
sondern zu Gott fliehen sollen. Er wendet sich um unserer Schwachheit
willen nicht von uns ab, wenn wir nur aufrichtig sind, unsere Sünden nicht
leugnen und verdecken oder gar verteidigen wollen, sondern sie reumütig
bekennen. Er spricht ja: „Wenn eure Sünden gleich blutrot sind, sollen sie doch
schneeweiß werden; und wenn sie gleich sind wie Rosinfarbe, sollen sie doch wie
Wolle werden.“ Wiederum: „Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die
ihn mit Ernst anrufen. Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, er hört ihr
Schreien und hilft ihnen.“ Er ist viel mehr bereit zu geben, als wir zu bitten,
viel geneigter, alle Schwachheiten und Sünden zu vergeben, als wir, sie zu
bekennen.
Mehr noch: Wir haben dieselben, ja größere
Verheißungen, denselben, ja größeren Segen als Jakob. Oder sind wir nicht in
dem Samen Jakobs, in Christus, gesegnet? Sind wir nicht durch ihn von allen
Sünden erlöst, durch den Glauben an ihn Gottes geliebte Kinder? Ruft nicht der
Apostel aus: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HERRN Jesus Christus, der
uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch
Christus“? Ist uns nicht ein Land verheißen, viel besser und herrlicher als das
irdische Kanaan, wo wir mit den heiligen Engeln in innigster Gemeinschaft leben
werden, wo kein Feind droht und keine Furcht unser Herz erfüllen kann? Haben
wir nicht die Verheißung, dass der HERR uns auf unserem Weg dorthin geleiten
und beschützen wird? Oder heißt es nicht Ps. 32,8: „Ich will dich unterweisen
und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst; ich will dich mit meinen Augen
leiten“? Wahrlich, er will auch uns nicht lassen, bis er alles tut, was er uns
geredet hat.
Was tat Jakob im Hinblick auf die ihm
gewordene Erscheinung und Verheißung? Sein Herz war so mit Dank gegen den HERRN
erfüllt, dass er an jenem Ort ein feierliches Gelübde tat. Das wollen wir noch
zum Schluss betrachten.
3.
„Als nun Jakob“, so lesen wir weiter, „von
seinem Schlaf erwachte, sprach er: ‚Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich
wusste es nicht.‘ Und er fürchtete sich und sprach: ‚Wie heilig ist diese
Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des
Himmels.‘ Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm den Stein, den er zu
seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Mal und goss Öl oben
drauf und hieß die Stätte Bethel; zuvor hieß sonst die Stadt Lus.“
Jakob wusste wohl, dass Gott allgegenwärtig
sei; wenn er daher sagt, er habe nicht gewusst, dass der HERR an jenem Ort sei,
so meinte er damit die besondere, die Gnadengegenwart Gottes. Nach dieser,
dachte er, sei Gott nur an den Stätten in seiner Heimat, die, wie die von
Abraham und seinem Vater gebauten Altäre, seinem Dienst geweiht waren, auf
denen ihm Opfer dargebracht und an denen von seinem Namen gepredigt wurde. Er
aber befand sich ja fern von einer solchen geweihten Stätte, an einem fremden
Ort. Durch diesen Traum erfuhr er aber, dass seines Gottes Gnadengegenwart an
keine Stätte, keinen Ort gebunden sei. Daher rief er voll Staunen und
Verwunderung aus: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als
Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Von einem heiligen Schauer[6]
ergriffen durch das göttliche Gesicht, stand er früh auf, nahm den Stein und
richtete ihn zum Gedächtnis an die Erscheinung des HERRN auf, goss Öl auf die
Spitze des Steines und weihte ihn dadurch zu einer Gedenksäule und nannte die
Stätte Bethel, das heißt, Gottes Haus. Zugleich tat er dabei ein feierliches
Gelübde, um sich für die ihm widerfahrene Gnade und Barmherzigkeit dankbar zu
erweisen: „So Gott wird mit mir sein“, sprach er, „und mich behüten auf dem
Weg, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit
Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein,
und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus
werden; und alles, was du mir gibst, davon will ich dir den Zehnten geben.“
Das war ein dreifaches Gelübde. Zunächst
gelobte Jakob, dass der HERR, Jahwe, sein Gott sein solle. Das ist nicht so zu
verstehen, als ob Jakob sich von Gott ab- und einem Götzen zuwenden wolle, wenn
die ihm gegebenen Verheißungen nicht erfüllt würden – denn wie hätte er
angesichts der eben erhaltenen Offenbarungen daran zweifeln können! – vielmehr
gelobte er ohne Rückhalt, ihn, den einigen und gnädigen Gott, allein zu ehren
und ihm zu dienen. – Sodann gelobte er, dass der von ihm zum Gedächtnis aufgerichtete
Stein zu einem Gotteshaus werden solle. Das heißt nicht, dass er einen Tempel
oder überhaupt ein Gebäude errichten wolle, sondern dass der Ort eine Stätte
sein solle zum Dienst und zur Verehrung Gottes. Hatte er doch eben die Stätte
ein Gotteshaus genannt, obwohl sich kein Gebäude irgendwelcher Art da befand.
Wahrscheinlich dachte er an die Errichtung eines Altars, wie Abraham und Isaak
an ihren Wohnsitzen einen Altar errichteten und von dem Namen des HERRN
predigten. Und dass Jakob dieses Gelübde hielt, ersehen wir aus Kap. 35,7, wo
es heißt: „Jakob kam nach Lus im Land Kanaan, das da Bethel heißt, samt all dem
Volk, das mit ihm war, und baute daselbst einen Altar.“ Dass er zugleich auch
das Gelübde des Zehnten hielt, ist selbstverständlich, indem er Dank- und
Brandopfer darbrachte.
Folgen wir hierin dem Beispiel des frommen
Erzvaters, meine Zuhörer? Beweisen wir unseren Dank für die gnädigen Führungen
Gottes, dass wir ihm Dank opfern und ihm, dem Höchsten, unsere Gelübde
erfüllen? Er ist, dass ich so sage, mit wenigem zufrieden, wenn es in
aufrichtiger Dankbarkeit dargebracht wird. Von all den reichen Gütern, die Gott
ihm verliehen hatte, gab ihm Jakob den zehnten Teil. Gott hatte ihm zehn Teile
gegeben, er gab Gott davon einen Teil wieder. War das für Jakob nicht
ein vorteilhaftes Nehmen und Geben? Wieviel hast du bisher deinem Gott von den
Gütern, die er dir gegeben hat, wiedergegeben? Ich glaube nicht, dass nur einer
unter uns ist, der sich Jakob zum Vorbild genommen hätte. Die Kollekten zeigen
das! Wie gering fallen sie meistens aus! Und wenn einmal eine größere Summe
gegeben wird, so geschieht es mehr aus dem „Muss“ als aus freier herzlicher
Dankbarkeit. Geben doch die Ärmeren im allgemeinen doppelt, drei- und vierfach
so viel wie die Wohlhabenden und Reichen. Würde heute der Zehnte, ja der
Zwanzigste und Fünfzigste für das Reich Gottes, für die Mission und
dergleichen, gegeben, so hätten wir anstatt des fortwährenden Mangels
Überfluss. Und es ist traurig, aber leider nur zu wahr: In keiner anderen
kirchlichen Gemeinschaft werden so geringe Opfer für die Zwecke des Reiches
Gottes dargebracht wie in unserer, und dabei rühmen wir uns, die einzige
rechtgläubige Kirchengemeinschaft zu sein! Aber bedenken wir wohl das Wort:
„Welchem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern“ und das andere: „Wer
da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und er da sät im Segen, der
wird auch ernten im Segen.“ Amen.
1. Mose 32,24-31: Und er blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die
Morgenröte anbrach. Und da er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er das
Gelenk seiner Hüfte an; und das Gelenk seiner Hüfte wurde über dem Ringen mit
ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.
Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie
heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen,
sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist
gesiegt. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber
sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob
hieß die Stätte Pniel; denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele
ist genesen. Und als er vor Pniel überkam, ging ihm die Sonne auf; und er
hinkte an seiner Hüfte.
Geliebte in dem HERRN!
In unserer letzten Betrachtung sahen wir
den Erzvater Jakob auf seiner Reise nach Haran in Mesopotamien an einem Ort mit
Namen Lus übernachten. Einsam, von Menschen verlassen, mit Furcht erfüllt, lag
er da; die Erde war sein Bett, sein Stein sein Kopfkissen. Aber der HERR hatte
ihn nicht verlassen, sondern offenbarte sich ihm durch ein herrliches Gesicht
im Traum. An einer Leiter, deren Spitze bis an den Himmel reichte, stiegen die
Engel auf und nieder, Gott redete zu ihm, bestätigte ihm den Segen, den er vor
seiner Abreise von seinem Vater Isaak empfangen hatte, und verhieß ihm, ihn auf
seiner Reise zu leiten und ihn in seine Heimat zurückzuführen.
Seitdem waren zwanzig Jahre verflossen, und
nun erblicken wir ihn nach dem heutigen Text auf der Heimreise aus
Mesopotamien. Nicht arm, sondern reich kehrt er zurück. Dafür ist sein Herz
voll Dankbarkeit; er spricht: „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller
Treue, die du an deinem Knecht getan hast. Denn ich hatte nicht mehr als diesen
Stab, da ich über den Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere geworden.“ Die
ihm auf seiner Reise nach Haran gegebene Verheißung war teils erfüllt, teils in
der Erfüllung begriffen. Nicht allein, einsam, kehrte er zurück, sondern mit
einer großen Familie und im Besitz von zwei großen Herden. Den ihm
nachziehenden Laban hat Gott gewarnt: „Hüte dich, dass du mit Jakob nicht
anders als freundlich redest!“ und ihm dadurch befohlen, Jakob in Frieden
seines Weges weiter ziehen zu lassen. Dieser war nun an die Furt Jabbok, an die
Furt eines Flusses, der durch das Hochland Gilead fließt und sich in den Jordan
ergießt, gekommen. Unterwegs waren ihm schon zu Mahanaim die Engel Gottes
erschienen, die ihn nicht nur an die Engel erinnerten, die zu Lus an der
Himmelsleiter auf und ab stiegen, sondern deren Erscheinung ihn auch jetzt des
Geleits seines Gottes versicherte und ihm die Erfüllung der Verheißung, die ihm
zu Bethel gegeben war: „Ich will dich wieder in dies Land bringen“
versichert4e.
Und wie sehr bedurfte Jakob einer solchen
Botschaft! Denn als die Boten, die er zu seinem Bruder Esau, der im Land Seir
inzwischen zu einem Fürsten geworden war, gesandt hatte, um ihm seine Rückkehr
zu melden, ihm meldeten, dass Esau mit 400 Mann heranziehe, fürchtete er sich
sehr. Er dachte an die Drohung Esaus, ihn
ermorden zu wollen; er wusste nicht, ob er noch mit Hass gegen ihn
erfüllt oder anderen Sinnes geworden sei. Da er befürchtete, dass Esau seine
Rache ausführen werde, teilte er seine Leute und seine Herde in zwei Lager,
damit, wenn Esau das eine überfiele, doch das andere entrinnen könne. Darauf
wandte er sich im Gebet zu dem HERRN und flehte um Schutz gegen seinen Bruder,
sandte diesem reichte Geschenke an Schafen, Rindern und Kamelen entgegen, um
ihn günstig zu stimmen, führte dann seine Familie mit allem, was er hatte, über
den Jabbok hinüber und bleib allein auf der Nordseite des Flusses zurück.
Wieder war es Nacht, und wieder befand eer sich allein, und wieder hatte er
dort eine wunderbare Erscheinung. Denn während er, wie wir aus Hos. 12,4.5
ersehen, betete und weinte, trat plötzlich ein Mann, ein himmlisches Wesen, zu
ihm und rang mit ihm. Von diesem Ringen berichtet der verlesene Text, und
darüber lasst mich denn jetzt zu euch reden. Wir betrachten daher:
Jakobs
Ringen an der Furt Jabbok
Wir sehen, dass er dort
1.
Mit einem Mann
bis zur Morgenröte rang;
2.
Siegreich mit
ihm rang;
3.
Von ihm
gesegnet wurde.
1.
Nachdem Jakob seine Frauen, Mägde und
Kinder samt seiner anderen Habe über das Wasser, wie es in dem unserem Text
vorhergehenden Vers heißt, hinübergeführt hatte, blieb er allein an der andern
Seite; und da „rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach“. Wer war
dieser Mann? Dass es kein gewöhnlicher Mann, sondern ein übernatürliches Wesen
war, geht aus dem Text deutlich hervor. Das erkannte auch Jakob sogleich. Aber
diese Mann stellte sich nicht freundlich, sondern feindlich; denn er griff ihn
an und rang, kämpfte mit ihm, als wolle er ihn töten. Das Ringen war aber nicht
ein bloßes geistliches Ringen in Gedanken, im Traum oder im Gebet, sondern ein
leibliches, körperliches Ringen, wie in einem Ringen zwei Personen miteinander
kämpfen, bis einer den anderen zu Fall bringt und ihn überwindet. Denn der, mit
dem Jakob rang, hatte ja die Gestalt eines natürlichen Menschen. Wer war also
dieser Mann?
Der Prophet Hosea nennt ihn einen Engel und
Gott, indem er sagt: „Er [Jakob] hat von allen Kräften mit Gott gekämpft. Er
kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat ihn.“ Dieser Mann war
also kein anderer als der Engel des HERRN, die zweite Person der heiligen
Dreieinigkeit, der in der Fülle der Zeit erschienen Sohn Gottes, derselbe,
welcher Abraham im Hain Mamre in Begleitung zweier erschaffener Engel
erschienen war und von ihm bewirtet worden war. Das Eigentümliche dieser
Erscheinung des HERRN bestand aber darin, dass er sich zu Jakob nicht
freundlich, sondern feindlich stellte. Wie ganz anders bei den früheren
Erscheinungen! Wohl waren Abraham, Isaak und Jakob selbst bei solchen
Erscheinungen des HERRN von einem heiligen Schauer, von Furcht, ergriffen
worden; Jakob hatte nach der Erscheinung zu Bethel ausgerufen: „Wie heilig“
(oder vielmehr furchtbar) „ist diese Stätte!“ Aber wie freundlich hatte Gott
mit und zu ihnen geredet, welch herrliche Verheißungen ihnen gegeben! Zu
Abraham hatte er gesprochen: „Fürchte dich nicht, Abraham! Ich bin dein Schild
und dein sehr4 großer Lohn“; zu Isaak, als er ihm zu Beerscheba erschien:
„Fürchte dich nicht; denn ich bin mit dir und will dich segnen“ (Kap. 26,24);
zu Jakob zu Bethel ebenso: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du
hinziehst, und will dich wieder herbringen in dieses Land; denn ich will dich
nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“ Das waren doch
lauter freundliche, tröstliche Worte. Aber bei dieser Erscheinung greift er
Jakob an, ringt und kämpft mit ihm, stellt sich, als wäre er sein bitterster
Feind. Und es war kein Kurzer, sondern ein langer Kampf, der andauerte, bis die
Morgenröte aufging. Dieser Kampf war für Jakob umso schwerer, da er sich in Not
befand, mit Furcht vor seinem heranziehenden Bruder Esau erfüllt war. Dazu kam
noch, dass der HERR lange Zeit nicht mit ihm redete, der Kampf also schweigend
vor sich ging. Wahrlich, ein schwerer, heißer Kampf, bei dem Jakob alle Kräfte
seines Leibes anstrengen musste, um nicht zu unterliegen, durch den er
sicherlich sehr ermüdete, bei dem er betete und weinte.
Kämpft, meine Freunde, der HERR heute noch
so mit einem seiner Gläubigen? Freilich nicht leiblich, körperlich, wie dort
mit Jakob. Aber erinnert euch an den Kampf des HERRN mit der kanaanäischen
Frau. Als sie ihn anflehte, ihrer vom Teufel übel geplagten Tochter zu helfen,
antwortete er ihr zuerst kein Wort. Als sie ihm nachschrie, und die Jünger
fürbittend für sie eintraten, antwortete er: „Ich nicht gesandt als nur zu den
verlorenen Schafen von dem Haus Israel.“ Als sie dann vor ihm niederfiel und
flehte: „HERR, hilf mir!“ da sprach er das harte Wort: „Es ist nicht fein, dass
man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Wie unfreundlich
stellte er sich der armen, geängstigten Frau gegenüber! So unfreundlich,
scheinbar feindlich, stellt er sich gar oft den Seinen gegenüber in den Stunden
der Not und Anfechtungen. Als David im 38. Psalm flehte: „HERR, strafe mich
nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm! Denn deine Pfeile
stecken in mir, und deine Hand drückt mich. Es ist nichts Gesundes an meinem
Leib vor deinem Drohen und kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“, da
befand er sich in einem ähnlichen Ringen mit dem HERRN. Ja, der HERR kann sich
freundlich und schrecklich offenbaren: freundlich im Evangelium, schrecklich
durchs Gesetz. Alles, was dort auf Jakob eindrang, das hat Gott später in sein
Gesetz gelegt. Wenn dieses die Sünde lebendig und groß macht, wenn es seine
Drohungen über die Sünde ausspricht, dann kommt es bei dem Gläubigen zu einem
Ringen mit Gott, da wird ihm angst und bange, da scheint sich ihm der
freundliche, gnädige Gott in einen strengen Richter verwandelt zu haben. Aber
wohl dem, der im Glauben feststeht, ringt und kämpft, bis die Morgenröte
anbricht, wie Jakob; denn er wird wie dieser siegreich kämpfen.
2.
Das Ringen Jakobs mit dem Mann war
allerdings ein leiblich-körperliches Ringen, aber doch noch mehr ein
geistliches im und durch den Glauben. Durch diesen erhielt er die Kraft, dass
er widerstehen und überwinden konnte. Dies geht schon daraus hervor, dass er in
diesem Kampf, wie Hosea schreibt, betete und weinte. Also ein
leiblich-körperlicher und doch ein geistlicher Glaubenskampf.
Ein Glaubenskampf konnte es aber nur dann
sein, wenn Jakob sich an das Wort hielt, und zwar an ein bestimmtes, ihn
besonders betreffendes Wort, wie es die Einzigartigkeit dieses Kampfes
forderte. Wie der allen Christen gemeinsame Glaube sich an die allen gegebenen
Verheißungen hält, so hält sich der Glaube in besonderen Fällen auch an eine
besondere Verheißung. Wo diese fehlt, ist der sogenannte Glaube kein Glaube,
sondern Schwärmerei. Das Wort Gottes und der Glaube sind unzertrennlich
miteinander verbunden; wo jenes nicht ist, kann auch dieser nicht sein. So gab
Gott Abraham die Verheißung, dass sein Same so zahlreich werden soll wie die
Sterne am Himmel; und dieser Verheißung glaubte er. Und welches war nun die
Verheißung, die in diesem Kampf Jakob glaubte, an die er sich hielt, ohne zu
wanken? Er selbst sagt es uns in den Worten des neunten Verses dieses Kapitels,
in dem er betete: „HERR, du hast mir zugesagt. Zieh wieder in dein Land und zu
deiner Verwandtschaft; ich will dir wohltun und deinen Samen mehren wie den
Sand am Meer, den man nicht zählen kann vor der Menge.“ Dies Wort war Jakobs
Kraft und Stärke, dies hielt er fest; er sagte sich: Gott hat mir verheißen,
dass er mich wieder in mein Vaterland und zu meiner Verwandtschaft bringen,
mich zu einem großen Volk machen will, und dies Wort muss wahr werden, sollten
auch Himmel und Erde fallen. Und kraft dieses Wortes siegte er, nicht durch
seine natürlich leibliche Stärke, obwohl er auch diese bis aufs äußerste
anstrengen musste, was deutlich daraus hervorgeht, dass der Mann endlich zu ihm
sprach: „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“ Jakob wollte also
noch weiter ringen, und daher sprach der Mann. „Lass mich gehen“, lass ab von
mir, ich will nicht mehr mit dir ringen, worauf Jakob antwortete: „Ich lasse
dich nicht du segnest mich denn.“ So rang und kämpfte er siegreich, und das
bezeugte der HERR ihm in den Worten: „Du hast mit Gott und Menschen gekämpft
und hast gesiegt.“
Aber wie konnte Jakob, ein Mensch, in
diesem Kampf über Gott den Sieg davontragen, der in sich Schwache über den
Starken, der Ohnmächtige über den Allmächtigen, das Gebilde von Staub und Asche
über den Schöpfer, obgleich er im Glauben kämpfte? War es nicht derselbe Jakob,
der am eben vergangenen Tag in so großer Furcht vor seinem Bruder Esau war, als
er hörte, dass dieser mit 400 Mann heranzog, der gefleht hatte: „HERR, errette
mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus – denn ich fürchte mich
vor im –, dass er nicht komme und schlage mich, die Mutter samt den Kindern!“?
Dem, leiblichen Bruder gegenüber so schwach, dem HERRN gegenüber so stark, ja
unüberwindlich? Nun, Geliebte, dieser siegreiche Kampf hat viel Geheimnisvolles
und Wunderbares, was wir nicht begreifen können. Aber das wissen wir, dass
Jakob nicht in eigener Kraft siegte, sondern durch die Kraft, die ihm der HERR
selbst mitteilte; das ersehen wir daraus, dass, als der Mann Jakobs Hüftgelenk
anrührte, dieses verrenkt wurde und Jakob hinkte. Daraus musste er erkennen,
dass er seinen Gegner nicht mit natürlicher, mit Fleischeskraft, sondern durch
Glaubenskraft, mit der er Gott festhielt, bis er von ihm gesegnet wurde,
überwunden hat.
Das aber ist die wichtige Lehre, die wir
für uns aus diesem siegreichen Ringen Jakobs nehmen sollen. Auch wir sollen
Gott in unserem Gebet festhalten, festhalten mit den Armen unseres Glaubens.
Wie halten wir ihn so fest? Wenn wir uns fest und unentwegt an sein Wort, seine
Verheißung halten, sie ihm im Gebet vorhalten, wie der Psalmist spricht: „Mein
Herz hält dir vor dein Wort.“ In dem Wort seiner Verheißung fassen und halten
wir Gott selbst; denn er ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss,
so gewiss er wahrhaftig ist. Die Zeit, wann, der Ort, wo, die Art und Weise,
wie er unser Gebet erhört, müssen wir ihm überlassen, denn wie Jakob bis zur
Morgenröte ringen musste, so auch wir oft in unserem Gebet. Aber auch: Wie
Jakob siegte, so auch wir. Der Mensch, welcher das Wort und in ihm Gott selbst
festhält, ist so mächtig, dass er durch sein Gebetsringen den Arm des
Allmächtigen in seinen Dienst stellt. Überwand nicht die arme kanaanäische Frau
Christus, dass er endlich sagen musste: „O Frau, dein Glaube ist groß! Dir
geschehe, wie du willst“? Hat nicht Elia durch sein Gebet den Himmel
verschlossen, dass es nicht regnete, und ihn wieder aufgeschlossen, dass es
regnete? Hat Luther nicht durch Wort und Gebet den römischen Papst überwunden?
So lerne denn, mein Christ, von Jakob mit Gott ringen, kämpfen, siegen; sprich
auch du wie er: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, und er wird dich
segnen; denn er hat Wohlgefallen daran, von dir überwunden zu werden. Seine
Augen sehen nach dem Glauben, der sich nicht abschrecken, hinwegtreiben, nicht
überwältigen lässt, sondern siegt.
3.
„Lass mich gehen, den die Morgenröte bricht
an“, so sprach der HERR zu Jakob. Aber dieser antwortete: „Ich lasse dich
nicht, du segnest mich denn.“ Er hielt ihn fest und ließ ihn nicht los. Die
eben gehörten waren die ersten Worte, die während des Ringens gesprochen
wurden. Nun aber fragte der HERR: „Wie heißt du?“ Jakob nannte seinen Namen.
Darauf sprach der HERR zu ihm: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern
Israel.“ Welch ein ehrenvoller Name! Denn Israel heißt Gotteskämpfer. So deutet
der HERR diesen Namen selbst, indem er den Grund für die Namensänderung in den
Worten angibt: „Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hat
gesiegt.“ Am Ende dieses Kampfes ging Jakob das Licht der Erkenntnis wie die
Morgenröte am Himmel auf; er erkannte nun an der Verrenkung seiner Hüfte durch
die bloße Berührung von dem mit ihm Ringenden wie aus den eben gehörten Worten,
mit wem er gerungen hatte, und da er die göttliche Person so nahe hatte, hielt
er sie mit beiden Händen fest, um den Kampf nicht ohne herrliche Frucht zu
beenden. Nicht mit einem Feind, sondern mit dem HERRN hatte er gerungen. Auch
dadurch, dass er diese Person festhielt, bewies er sich schon bei seiner Geburt
als der rechte Fersenhalter. Bei dieser hatte es sich um den Segen der Erstgeburt
gehandelt, hier handelte es sich wiederum um einen besonderen Segen. Und er
bekommt ihn. Wohl erhielt er auf seine Frage, die er an den Kämpfer richtete:
„Sage doch, wie heißt du?“ nur die Antwort: „Warum fragst du mich?“ Aber der
Segen, den er begehrte, wurde ihm zuteil; denn es heißt: „Und er segnete ihn
dort.“
Der hohe Ehrenname Israel ist von dem
Erzvater als ein Vermächtnis auf seine Nachkommen übergegangen; denn nach
diesem wurden sie das Volk Israel, der Einzelne Israelit genannt. Und wie stolz
waren die Juden auf diesen Namen, dessen Führung sie als ein besonderes
Vorrecht betrachteten. Das Volk Israel, die Gemeinde Israel, das Haus Israel,
die Kinder Israel sind immer wiederkehrende Bezeichnungen der Nachkommen
Jakobs. Aber mit diesen Namen wurde ihnen auch die Verpflichtung auferlegt, in
den Fußtapfen des großen Erzvaters zu wandeln, gleichem Kampf zu bewahren, was
ihnen vertraut war.
Nach beendetem, siegreichen Kampf nannte
Jakob den Ort, wo der Kampf stattgefunden hatte, Pniel; denn er sprach: „Ich
habe Gott von Angesicht gesehen und bin genesen.“ Wie er selbst dort den neuen
Namen Israel von Gott erhalten hatte, so sollte der neue Name des Ortes das
Gedächtnis des wunderbaren Kampfes erhalten, verewigen. Durch den Kampf an
diesem Ort war seine Seele, wie er sagt, genesen, vom Tod gerettet worden.
Durch ihn war mit dem Aufgang der Sonne auch die Nacht und Furcht aus seinem
Herzen verschwunden. Nachdem er Gott in diesem Kampf überwunden hatte,
fürchtete er sich vor seinem Bruder Esau nicht mehr, sondern zog getrost seines
Weges weiter. Als ein neuer Mensch war er aus diesem Kampf hervorgegangen, der
nicht mehr wie bisher öfter auf Fleisch und Blut vertraut und zu sündlichen
Mitteln gegriffen hatte, sondern allein auf den HERRN vertraute. „Da hat er die
alte Haut fein müssen ausziehen und sich brechen und sich gestellt auf die
Wahrheit, die nicht trügen konnte.“[7]
Wie Jakobs siegreicher Kampf ihm die Frucht
eines reichen, großen Segens brachte, so, meine Teuren, bringt jeder rechte
Kampf einem gläubigen Christen Segen. Er erstarkt in der Erkenntnis, im
Glauben, in der Liebe. Der Kampf schwächt ihn nicht, sondern stärkt ihn. Er
lernt seinen Gott und HERRN immer besser erkennen, wie freundlich, gnädig und
barmherzig er ist. „Alle Züchtigung, wenn sie da ist“, schreibt der Apostel,
„dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie
geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind“;
und wiederum: „So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe
denn recht.“ Die Frucht, der Gewinn des Kampfes soll und wird also eine Krone
sein, ja, die Krone der Gerechtigkeit, eine Krone der Ehren. So werde denn,
mein Freund, nicht müde in deinem Glaubenskampf! Kämpfe ihn durch in der Nacht
der Angst und Trübsal und halte deinen Gott fest; denn er ist dein Heiland,
dein Erretter; er kämpft mit dir, um dich zu segnen, und es wird dir die
Morgenröte eines neuen Tages aufgehen, in dem du nicht mehr kämpfen, sondern
ruhen wirst, ruhen in deinem Gott und schauen sein Angesicht in ewiger
Seligkeit. Amen.
1. Mose 3,1-7: Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott der
HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr
sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten. Da sprach die Frau zu der
Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten
des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt es auch
nicht an, dass ihr nicht sterbt! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet
keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon
esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was
gut und böse ist.
Und die Frau schaute an, dass von dem Baum
gut zu essen wäre und lieblich anzusehen, dass es ein lustiger Baum wäre, weil
er klug machte, und nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon,
und er aß. Da wurden ihrer beiden Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass
sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.
Geliebte in dem HERRN!
Vor dem Sündenfall befand sich der Mensch
in vollkommener Glückseligkeit. Er war, wie die Benennung der Tiere zeigt,
reich an Erkenntnis aller Dinge, heilig und gerecht, ohne irgendwelche Neigung
zur Sünde und zum Herrscher über alle Kreaturen gesetzt, die ihm willig, ohne
Zwang, gehorchten. Durch den über ihn ausgesprochenen Segen hatte ihm Gott die
Kraft mitgeteilt, sich zu mehren und die Erde zu füllen. Welch eine Wunderbare
Wohnstätte hatte ihm Gott in dem Garten, den er für ihn in Eden, dem Land der
Wonne, gepflanzt hatte, bereitet! Die wunderbare Schönheit dieses Gartens, des
Paradieses, wie wir ihn nennen, war so groß, dass wir uns davon keine rechte
Vorstellung zu machen vermögen. In ihm waren allerlei Bäume mit den
herrlichsten Früchten, die den Menschen zur Speise dienten; in ihm entsprang
ein Strom, von dem er bewässert wurde, und der sich bei seinem Austritt in vier
Arme teilte. Wo dieser Garten einst war, wissen wir nicht. Gelehrte aller
Zeiten haben sich alle Mühe gegeben, die Lage dieses Gartens zu bestimmen, aber
vergeblich, da ohne Zweifel die Gestalt der Erde durch die Sintflut völlig
verändert worden ist.
In diesen Garten hatte Gott den Menschen
gesetzt., um ihn zu bebauen und zu bewahren. Aber diese Arbeit minderte seine
Glückseligkeit nicht, sondern vermehrte sie vielmehr; denn sie war ihm keine
Last, ermüdete ihn nicht, sondern war ihm eine Lust. #wo gibt es heute auf der
ganzen Erde einen Ort, der im entferntesten mit jenem Garten verglichen werden
könnte? Aber unter den mancherlei Bäumen befanden sich zwei von einzigartiger
Beschaffenheit: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Hätte der Mensch
von jenem gegessen, so würde er bei steter Jugend erhalten worden sein und ewig
gelebt haben. Kein Leiden, keine Krankheit würde ihn angerührt, kein Alter ihn
geschwächt, ihn zum Greis gemacht haben. Der andere Baum war von bezaubernder
Schönheit, eine Lust der Augen, lieblich anzuschauen und begehrenswert, davon
zu essen. Aber gerade von diesem Baum sollte der Mensch nicht essen; denn Gott
hatte zu ihm gesagt: „Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von
dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen; denn an welchem
Tag du davon isst, wirst du des Todes sterben.“ Da aber nahte sich ihm der
Versucher, um ihn zu verleiten, dieses Verbot Gottes zu übertreten. Dies sei
der Gegenstand unserer jetzigen Betrachtung, nämlich:
Die
Versuchung der ersten Menschen im Paradies
Diese zeigt uns
1. den Versucher,
2. den Gegenstand,
3. den Ausgang der Versuchung
1.
Unser Text beginnt, Geliebte, mit den
Worten: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott
gemacht hatte, und sprach zu der Frau: ‚Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt
nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?‘“
Die Schlange naht sich dem Menschen als
Versucher. War das eine wirkliche, natürliche Schlange? Ohne Zweifel. Denn wir
haben in dem ganzen Bericht über den Sündenfall keine bildliche Darstellung,
sondern eine wirkliche Geschichte, in der alle Namen und Bezeichnungen nicht
bildlich, sondern buchstäblich zu verstehen sind. Der Garten, die Bäume, die
Menschen, die Früchte, sie alle bedeuten nicht etwas anderes als das, was wir
heute im eigentlichen Sinn unter diesen Worten verstehen, sondern dasselbe, und
so auch unter dem Wort Schlange nicht etwa das Böse, sondern eine natürliche
Schlange, zumal hinzugefügt wird: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf
dem Feld.“ Aber die Schlange war das Werkzeug, dessen sich der Satan bediente.
Dass dieser der eigentliche Versucher, die Schlange nur sein Werkzeug war, geht
schon daraus hervor, dass sie redete, also die Fähigkeit menschlicher Rede
hatte, die ihr ebenso wenig wie einem anderen Tier des Feldes von Gott gegeben
war. Und die Schlange redete nicht nur in menschlicher, der Frau verständlicher
Sprache, sondern auch in menschlich-vernünftiger Weise. In listiger Weise zieht
sie das klare Verbot Gottes von dem Baum der Erkenntnis in Zweifel, als ob er
dies Verbot aus Neid oder Missgunst, da<mit die Menschen ihm nicht gleich
würden, gegeben hätte, und zeiht dann Gott geradezu der Lüge, indem sie sagt:
„Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem
Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott
und wissen, was gut und böse ist.“ So listig kann kein Tier, konnte auch damals
die Schlange aus sich selbst nicht reden oder mit dem Menschen disputieren.
Stets wird daher in der Schrift des Neuen Testaments, wo von der Versuchung der
Menschen die Rede ist, der Satan als der Versucher bezeichnet. Offb. 12, 9 wird
der Satan als die alte Schlange und der Teufel genannt, der die ganze Welt
verführt. Wohl war also die Schlange eine wirkliche, natürliche Schlange, wie
sie sich heute noch überall auf der Erde findet, aber sie war das Werkzeug
Satans, durch die dieser böse Geist redete und die Menschen zur Sünde, zur
Übertretung des göttlichen Verbots und damit zum Abfall von Gott, zu verleiten
suchte.
Dasselbe Werk treibt der böse Geist heute
noch. Darum warnt Petrus die Christen: „Seid nüchtern und wacht; denn euer
Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen
er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!“ Hat er nicht Christus selbst
in der Wüste versucht, nicht Judas, einen aus den zwölf erwählten Zeugen des
HERRN, nicht David, den großen König Israels? Und er geht jetzt noch ebenso
listig zu Werk wie damals im Paradies. Er weiß die geeignetsten Werkzeuge und
Mittel zu finden und zu gebrauchen. Dort bediente er sich der Schlange, die
listiger war als alle anderen Tiere auf dem Feld, die damals noch nicht auf dem
Bauch ging, sich im Staub wand und dem Menschen wie heute Abscheu und Ekel
einflößte, sondern eines der schönsten Tiere war. In dieser nahte er sich der
Frau. So tritt er auch jetzt nicht in seiner eigenen, unverhüllten und
hässlichen Gestalt an den Menschen heran, sondern versucht ihn durch geeignete
Werkzeuge. Wie machen Christen versucht er durch seinen Nachbarn, seinen Freund
oder sonst eine ihm nahestehende Person! Die Eva versuchte er durch die listige
Schlange. Adam wieder durch seine Frau, die Eva. Wie ist schon mancher Mann
durch seine Frau und manche Frau durch ihren gottlosen Mann, wie es besonders
in den Mischehen unserer Tage geschieht, zur Sünde, zum Abfall vom Glauben,
versucht und verleitet worden! „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung
ist; auf Erd ist nicht seinsgleichen“, sagt Luther; und so ist es. Sei darum,
mein Christ, auf deiner Hut, wenn dein Nächster, dein bester Freund oder wer
dir sonst nahe steht, dich zu irgendeiner Sünde, zum Ungehorsam gegen Gottes
Wort, verleiten will, indem er dir einen Gewinn vorspiegelt. Mag er sich dessen
selbst auch nicht bewusst sein, es steckt gewiss Satan, der Versucher,
dahinter, der dich zu Fall bringen will.
Aber so listig der Versucher in der Wahl
seines Werkzeuges in der Versuchung ist, so listig verfährt er auch in Bezug
auf den Gegenstand. Das lasst uns zweitens betrachten.
2.
Auf die ersten Worte des Versuchers,
wodurch der das Verbot Gottes, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, in Zweifel
zog, antwortete die Frau: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber
von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon,
rührt’s auch nicht an, dass ihr nicht sterbt!“ Beachtet die Worte „mitten im
Garten“. Dieser Baum stand in der Mitte des Gartens, bildete, dass ich so sage,
seinen Mittelpunkt. Seine Früchte waren schöner, begehrenswerter als die aller
anderen Bäume, und auf diese richtete Satan Evas Blicke. Und diese sah, dass er
eine Lust für die Augen, lieblich anzuschauen und gut oder begehrenswert, von
ihm zu essen, wäre, weil er klug machte, geeignet, um Einsicht zu erlangen.
Schon hat die verführerische Rede des Versuchers Eindruck auf sie gemacht. Sie
kann sich an den herrlichen Früchten gleichsam nicht satt sehen, sie üben einen
anziehenden Reiz auf sie aus. Wohl hält sie dem Versucher das ausdrückliche
Gebot Gottes entgegen, von diesem Baum nicht zu essen, sie übertreibt dies
Verbot sogar, indem sie sagt, es sei ihnen verboten, die Früchte des Baumes
auch nur anzurühren, aber durch die Vorspiegelung Satans üben sie einen
bannenden Zauber auf sie aus. Wie herrlich müssen die Früchte dieses Baumes
schmecken, die an Schönheit alle anderen übertreffen! Der Gegenstand, dessen
sich Satan zur Versuchung bediente, war somit der schönste unter allen Bäumen
im Garten, an dem sich das Verbot Gottes, so zu reden, als eine Warnungstafel
befand.
Warum aber, so fragen wir, wollte Gott
gerade von diesem einen Baum nicht gegessen haben? Luther antwortet: „Weil
dieser Baum für den Menschen der Altar und Predigtstuhl sein sollte, an dem er
Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Wort und Willen erkennen, dabei auch
Gott gegen die Anfechtung anrufen sollte.“ Gott gab ihm dies Verbot nicht zu
seinem Verderben, sondern zu seinem Besten. Er sollte daran erkennen, was dem
göttlichen Willen gemäß und was ihm zuwider war, lernen, das Böse zu meiden,
die ihm anerschaffene Freiheit zwischen Gehorsam und Ungehorsam gegen Gottes
Wort zu gebrauchen. Hätte er der Versuchung Satans widerstanden und dem Verbot
Gottes Gehorsam geleistet, so würde es für ihn nicht mehr möglich gewesen sein
zu sündigen. Die Möglichkeit, nicht zu sündigen, würde sich zur Unmöglichkeit
zu sündigen gestaltet haben, während der Mensch nun in die Knechtschaft der
Sünde gefallen ist, so dass er, wie er von Natur beschaffen ist, nichts Gutes
tun, sondern nur sündigen kann, da sein Verstand verfinstert und sein Wille zum
Bösen geneigt ist. Und Gott wollte von dem Menschen keinen unbewussten, sondern
einen bewussten, freiwilligen Gehorsam, weil dieser es ist, der jedem Werk
seinen Wert verleiht. Der Mensch ist ja keine tote Maschine, sondern ein mit
Verstand und Willen ausgerüstetes Wesen, eine sich selbst bestimmende Person,
und als solche von Gott, dazu heilig und gerecht, erschaffen, sollte er an dem
Verbot Gottes zwischen Gehorsam und Ungehorsam wählen. Aber, wie Luther sagt,
„hat es Gott so gefallen, dass sich Adam versuchen und sein Vermögen üben
sollte“.
Wenn nun auch der Gegenstand oder das,
wodurch Satan jetzt die Christen versucht, kein so prächtiger Baum ist, so ist
es doch etwas, was ihm besonders gefällt, worauf sich seine Wünsche und
Begierden richten. Er kennt die schwache Seite des Menschen. Davies Blicke
richtete er auf die Schönheit der Bathseba, Judas verblendete er durch den
schimmernden Glanz der Silberlinge, Petrus brachte er durch Vermessenheit zu
Fall, dem HERRN Christus zeigte er die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit
und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich
anbetest“, wollte also selbst den Sohn Gottes durch Herrschsucht zum Abfall
bringen. Aber wodurch er auch versucht, immer ist es etwas, was Gott verboten
hat, oder ist doch die Art und Weise, in der es geschehen soll, eine sündliche.
Die irdischen Güter sind an sich nicht sündlich, sondern Gottes Gaben, aber sie
auf sündliche Weise, durch List und Betrug, in seinen Besitz bringen wollen,
ist eine Versuchung des bösen Feindes, ebenso wie der Baum der Erkenntnis von
Gott geschaffen und daher an sich ein guter Baum war; aber unsere ersten Eltern
sündigten doch, weil sie gegen Gottes Gebot ihre Hände nach seiner Frucht
ausstreckten. Darum hüte dich, mein Zuhörer, vor dem Blendwerk des Satans, „dass
du in keine Sünde willigst, noch tust gegen Gottes Gebot“!
Aber, so wendet die menschliche Vernunft
ein, hätte Gott nicht die Versuchung der ersten Menschen verhindern können, da
er wusste, dass er fallen würde? Könnte er nicht ebenso auch verhindern, dass
ich versucht werde, da er weiß, wie gefährlich die Versuchung für mich ist?
Diese und ähnliche Fragen werden so oft und von vielen gestellt. Die Antwort
lautet: Die Versuchungen sind von Gott nicht zu unserem Schaden, sondern zum
Guten gemeint. In ihnen sollen wir auch unseren Glauben und Gehorsam beweisen,
soll unser Glaube bewährt und gestärkt, geläutert werden. Halte nur Gottes
Wort, ob Ge- oder Verbot, fest, halte wie der HERR Christus jedem
verführerischen Wort des Versuchers das wahrhaftige Wort deines Gottes
entgegen, gebrauche es als das Schwert des Geistes, so kann er nichts gegen
dich ausrichten; „denn selig ist der Mann, der die Anfechtung“, die Versuchung,
„erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens
empfangen“. Dies führt uns zum dritten Teil unserer Betrachtung, auf den Ausgang
der Versuchung.
3.
Unser Text berichtet uns, welchen Ausgang
diese Versuchung nahm: Die Frau gehorchte nicht dem Wort Gottes, sondern dem
Wort des Versuchers, glaubte der Lüge, streckte ihre Hand nach der verbotenen
Frucht aus, gab ihrem Mann auch davon, er aß, und damit war der Abfall von
Gott, der Sündenfall, geschehen.
Beachtet, wie sich dieser Abfall von Gott
von Stufe zu Stufe vollzog. Der Anfang begann schon damit, dass sich Eva
überhaupt mit der Schlange einließ. Sie hätte daraus, dass die Schlange reden
konnte, und durch ihre Worte sogleich die Wahrheit des Wortes Gottes, dass sie
gewiss des Todes sterben würde, wenn sie von dem Baum essen würde, erkennen,
sowie dass sie es mit einer ihrem gnädigen Schöpfer feindlichen Macht zu tun
habe, und sie ohne weiteres abweisen sollen. Aber statt sofortiger Abweisung
ließ sie sich mit dem Versucher auf eine Unterredung ein. Und als dieser nun
das Verbot Gottes nicht mehr bloß anzweifelte, sondern zu frecher Verneinung
der angedrohten Strafe überging, zu ihr sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes
sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure
Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“,
damit also den Wahrhaftigen für einen Lügner erklärte, da blickte sie mit
begehrlichem Auge auf die verbotene Frucht. Das Verlangen zu wissen, was gut
und böse sei, Gott gleich zu sein, siegte; sie nahm von der Frucht und aß und
gab ihrem Mann auch davon, und er aß. Also zuerst Unterredung mit der Schlange,
dann Zweifel an dem Wort Gottes, sodann das Glauben der Lüge und die Tat, das
Essen: So vollzog sich der Sündenfall. Und der eigentliche, wirkliche Ausgang?
Den berichten die Worte unseres Textes: „Da wurden ihrer beider Augen aufgetan,
und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter
zusammen und machten sich Schürze.“
Welch ein Ausgang! Ihre Augen waren nun
allerdings aufgetan; aber was erkannten sie? Nicht, das sie gleich wie Gott,
sondern dass sie nackt waren. Die selige Unwissenheit der Unschuld ist dahin,
die von keiner Nacktheit wusste. Durch die Sünde sind sie zu dieser Erkenntnis
gekommen; diese Erkenntnis aber wirkt Scham, und in dieser Scham flechten sie
sich aus Feigenblättern Schürze, um damit die Schande ihrer Blöße zu bedecken,
ihre Hüfte zu umhüllen, weil dieser Teil ihres Leibes, der bisher rein und vom
Geist Gottes beherrscht wurde, nun unrein geworden und in die Macht der Sünde,
des Argen, geraten ist. Die gefallenen Menschen schämen sich der Folgen der
Sünde, erkennen, wie schmachvoll sie von dem Versucher betrogen worden sind
durch seine Zweideutigkeit und Verkehrung des Wortes Gottes. Sie wissen nun,
was gut und böse ist; aber dieses Wissen, durch Sünde erlangt, ist ein
schuldvolles Wissen, das sie mit Scham vor sich selbst und mit Scham und Furcht
vor Gott erfüllt.
Wieviel ließe sich, meine Freunde, hierüber
noch sagen! Möge es für heute genügen, nur das eine hervorzuheben, dass jede
Sünde denselben Ausgang, dieselben Folgen hat: nicht Gewinn, sondern Verlust:
Scham, Schande, böses Gewissen, Furcht vor Gott, den Tod. Ja, „wenn die Lust
empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist,
gebiert sie den Tod“. Darum, mein Christ, hüte dich vor jeder Sünde, wenn sie
auch noch so gering zu sein scheint! Wie gering scheint die Sünde unserer ersten
Eltern zu sein, aber wie groß war sie, wie ihre Folgen zeigen, in der Tat! Wo
sollten wir bleiben, wenn wir nicht den zum Heiland hätten, der in seiner
Versuchung den Satan überwunden und am Holz des Kreuzes die Schuld gesühnt, die
Adam am Baum der Erkenntnis auf sich und seine Nachkommen geladen hat. Was Adam
im Garten Eden gesündigt, hat er im Garten Gethsemane gesühnt. Dessen können
und wollen wir uns in bußfertigem Glauben getrösten und durch seine Kraft jeder
Versuchung zu widerstehen uns befleißigen. Amen.
2. Mose 3, 1-10: Mose aber hütete die Schafe Jethros, seines
Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe hinter in die
Wüste und kam an den Berg Gottes Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in
einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er sah, dass der Busch mit Feuer
brannte, und wurde doch nicht verzehrt. Und sprach: Ich will dahin und besehen
dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt. Da aber der HERR sah, dass
er hinging zu sehen, rief ihm Gott aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete:
Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen
Füßen; denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land. Und sprach
weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und
der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich,
Gott anzuschauen.
Und der HERR sprach: Ich habe gesehen das
Elend meines Volks in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie
treiben; ich habe ihr Leid erkannt. Und bin herniedergefahren, dass ich sie
errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein gutes und
weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, nämlich an den Ort der
Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter. Weil denn
nun das Geschrei der Kinder Israel vor mich gekommen ist und habe auch dazu gesehen ihre Angst, wie sie die
Ägypter ängstigen, so gehe nun hin, ich will dich zu Pharao senden, dass du
mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.
Geliebte in dem HERRN!
Als Gott der HERR Jesaja zu seinem
Propheten unter dem Volk Israel berief, ließ er ihm eine einzigartige und
überaus erhabene Erscheinung zuteil werden. Jesaja erblickte nämlich Gott
selbst als den König und Herrscher über alles in seiner Majestät, auf einem
Thron in seinem himmlischen Palast, der zugleich sein heiliger Tempel ist,
sitzend. Seine Umgebung bildeten die Seraphim, leuchtend und strahlend, wie von
heiligem Feuer durchglüht. Sie stellten die Heiligkeit Gottes dar, nach der er
allem Unreinen und Sündlichen gegenüber ein verzehrendes Feuer ist.
Jeder der Seraphim hatte sechs Flügel. Mit
zwei bedeckten sie in heiliger Scheu und Ehrfurcht vor dem dreimal heiligen ihr
Angesicht, mit zwei ihre Füße und mit zwei flogen sie durch den Palast. Aber
nicht stillschweigend schwebten sie durch den heiligen Raum, sondern mit einer
Stimme, deren Widerhall wie Donner durch den Palast tönte, priesen sie die
Heiligkeit und Herrlichkeit des majestätischen Gottes, indem sie einander
zuriefen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind
seiner Ehre voll“, „so dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres
Rufens, und das Haus voll Rauch wurde“, wie es wörtlich heißt. War es ein
Wunder, dass Jesaja, als er diese Erscheinung hatte, von tödlichem Schrecken
ergriffen wurde und ausrief: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner
Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König,
den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen“? Wenn die Überschwellen des Hauses
von der Stimme des Rufens erbebten, hätte da Jesaja, der sich als Sünder
erkannte, nicht erbeben, zittern sollen?
Aber nicht verderben, töten, wollte der
HERR Jesaja durch diese für ihn furchtbare Erscheinung, sondern ihn vorbereiten
auf die Sendung, zu der er ihn ausersehen hatte. Er sollte daraus erkennen, wer
der sei, als dessen Bote er zu dem sündigen Volk gehen sollte, nämlich der
Heilige, dem jede Sünde ein Greuel ist, aber auch der Allmächtige, der seinen
Sendboten unter einem gottentfremdeten Geschlecht schützen könne und werde. Und
Jesaja wurde nun von dem HERRN selbst zu seinem Boten geschickt gemacht. Denn
auf das Bekenntnis seiner Unwürdigkeit wurde er von einem der Seraphim mit dem
heiligen Feuer, das dieser vom Altar genommen hatte, an den Lippen berührt und
dadurch entsündigt. So geheiligt, war er geschickt und ausgerüstet, der Bote
des heiligen Gottes unter einem sündigen Volk zu sein. Deshalb wurde ihm auch
sogleich der Auftrag erteilt, zu dem Volk zu gehen, die ihm aufgetragene
Botschaft auszurichten.
Das war das große Gesicht, die wunderbare
Erscheinung, durch welche Jesaja zum Propheten des Volkes berufen wurde. Eine
ähnliche wunderbare Erscheinung wurde Mose zuteil, als ihn Gott zum Befreier
des Volkes Israel berief. Der Gegenstand unserer Betrachtung sei:
Die
wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb
1. Der Busch brannte und wurde doch nicht
verzehrt.
2. Der Ort wurde zu einem heiligen Ort.
3. Mose wurde zum Befreier Israels berufen.
1.
„Mose aber“, so beginnt unser Text, „hütete
die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian; und trieb
die Schafe hinter in die Wüste und kam an den Berg Gottes Horeb. Und der Engel
des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er sah, dass
der Busch mit Feuer brannte und wurde doch nicht verzehrt.“ Im Dienst seines
Schwiegervaters bekleidete Mose die Stellung eines Hirten, und als solcher
trieb er die Herde durch eine Wüste bis an den Horeb, wo es reiche Weidetriften
und Wasser die Fülle gab.
Dort nun wurde ihm eine wunderbare
Erscheinung des HERRN zuteil. Er erblickte plötzlich eine feurige Flamme aus
einem Busch. Er sah, dass der Busch brannte und doch nicht verbrannte. Hätte
das Feuer den Busch auch verzehrt, so würde das schon seine Aufmerksamkeit
erregt haben, denn er befand sich dort allein mit seiner Herde; aber da er sah,
dass der Busch nicht von der Flamme verzehrt wurde, so erregte das sein
Erstaunen, seine Verwunderung umso mehr, und darum sprach er: „Ich will dahin
und besehen dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt.“ Er erkannte
also indem brennenden Busch ein „großes Gesicht“, eine wunderbare Erscheinung.
Es war ihm sogleich gewiss, dass das Feuer kein natürliches, sondern ein
wunderbares Feuer sein, dass es eine besondere Bedeutung haben müsse. Und er
täuschte sich darin nicht; denn sobald er sich dem brennenden Busch näherte,
erhielt er die Bestätigung seiner Annahme. Was aber bedeutete dieser brennende
und doch nicht verbrennende Busch? Nichts anderes als das Volk Israel in seiner
traurigen Lage in Ägypten.
Dieses befand sich schon über 300 Jahre in
Ägypten. Als der Erzvater Jakob mit seiner Familie dorthin kam, fand er
Errettung in der Hungersnot, freundliche und liebevolle Aufnahme bei Pharao und
wohnte dann in einem der besten, fruchtbarsten Teile des Landes, in Goschen,
einem fetten Landstrich. Doch wuchs die Familie Jakobs zu einem großen Volk
heran. Es wurde so zahlreich, dass Pharao befürchtete, es könnte sich, wenn ein
Krieg entstünde, auf die Seite der Feinde schlagen und den Ägyptern gefährlich
werden. Um dies zu verhindern, wurde die Bedrückung der Israeliten begonnen.
Sie wurden mit Unbarmherzigkeit zu den schwersten Frondiensten gezwungen,
mussten Ziegelsteine machen und die Städte Phiton und Raemses, die als
Schatzhäuser des Landes dienen sollten, bauen. Die Kinder Israel sollten durch
ihre Kräfte übersteigende Frondienste geschwächt werden. Als diese Bemühungen
sich als vergeblich erwiesen, die Kinder Israel hingegen sich immer mehr
vermehrten, gab Pharao den hebräischen Hebammen den Befehl, alle neugeborenen
israelitischen Knäblein zu töten. Diese aber fürchteten Gott und gehorchten dem
Befehl nicht; sie ließen die Knäblein leben. Aber immer trauriger wurde der
Zustand der Kinder Israel in Ägypten. Sie wurden bedrückt, geplagt, zu Sklaven
herabgewürdigt. „Sie seufzten über ihrer Arbeit und schrien.“ Sie befanden sich
in der Gewalt ihrer Bedrücker, im Ofen der Trübsal. In dieser traurigen,
ohnmächtigen Lage war das Volk Israel in Ägypten einem niedrigen Strauch oder
Busch ähnlich, während Ägypten und die anderen Weltmächte wie stolze, starke
Bäume dastanden. Das Feuer im Busch ist Bild der strafenden und züchtigenden
Gerechtigkeit Gottes. Wohl war die Bedrückung und Verachtung des Volkes ein
Werk der Ägypter, aber Gott nahm dieselbe in seine Hand, um sein Volk zu
läutern. Darum sprach Mose: „Euch aber hat der HERR angenommen und aus dem
eisernen Ofen, nämlich aus Ägypten, geführt.“ Dass die Bedrückung nicht ein
vernichtendes, sondern ein Läuterungsfeuer war, wird auch dadurch angezeigt,
dass das Feuer den Busch nicht verzehrte. Denn Gott die Seinen wohl, aber
übergibt sie nicht dem Tod. So züchtigte Gott sein Volk in Ägypten, in dem
Feuerofen der Trübsal, um es auf seinen hohen Beruf, ihm ein heiliges Volk, ein
priesterliches Königtum zu sein, vorzubereiten.
Einem feurigen Busch, der nicht von der
Flamme verzehrt wird, ist die Kirche allezeit gleich gewesen. Sie ist niemals
ein mächtiges Weltreich gewesen, sondern im Vergleich zu den weltlichen Reichen
eine kleine Herde, wie der HERR selbst sie nennt. Und in welchem Feuer der
Trübsal hat sie sich stets befunden! In der ersten Verfolgung, die über die
Gemeinde zu Jerusalem ging, wurden ihre Glieder in Judäa und Samaria zerstreut.
Und sie ist bis auf die heutige Zeit im Feuer gewesen. Unter dem grausamen Kaiser
Nero begannen um das Jahr 60 nach Christi Geburt die mehr oder minder grausamen
Verfolgungen der Christen und dauerten, mit oft nur geringen Unterbrechungen,
bis in den Anfang des vierten Jahrhunderts fort. Dann kam der Türke, der die
Christen stets, soweit seine Macht reichte, ebenso grausam wie Pharao das Volk
in Ägypten bedrückt hat. Und nicht weniger der römische Papst, als dieser zur
Macht gelangte. Aber gleich dem brennenden Busch ist die Kirche durch diese
Verfolgungen und Bedrückungen, dieser Feuer der Hölle, nicht verzehrt,
vernichtet worden. Die Pforten der Hölle konnten sie nicht überwältigen, denn
der HERR war, wie dort im feurigen Busch, so in dem Feuer, so in dem Feuer der
Trübsal unter seinem Volk laut der Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle
Tage bis an der Welt Ende.“
Aber wunderbar war jene Erscheinung des
brennenden Busches auch deshalb, weil sie an einem heiligen Ort stattfand.
2.
Als Mose dieses große Gesicht, den
brennenden und doch nicht verbrennenden Busch, erblickte und sprach: „Ich will
hin und sehen das große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt“, rief ihm
Gott aus dem Busch und sprach: „Mose, Mose!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“ Und
der HERR sprach: „Tritt nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen Fußen;
denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land.“ Warum war der Ort ein
heiliges Land? Weil der Engel des HERRN dort dem Mose in der feurigen Flamme
aus dem Busch erschien. Aber wer war dieser Engel des HERRN? Keiner der
erschaffenen Engel, nicht Gabriel oder Michael, keiner der Engelfürsten, nicht
einer der Cherubim und Seraphim, sondern der unerschaffene Engel, der aus dem
Wesen Gottes in Ewigkeit gezeugte Sohn Gottes selbst, der in der Heiligen
Schrift der Engel des HERRN genannt wird, der schon Abraham im Hain Mamre
erschien und mit ihm redete. Dass es dieser und kein erschaffener Engel war,
sagen die deutlich die Worte im vierten Vers unseres Textes, wo es heißt: „Da
also der HERR sah, dass er hinging zu seshen, rief ihm Gott aus dem Busch:
‚Mose, Mose!‘“ Denn im zweiten Vers heißt es: „Der Engel des HERRN erschien ihm
in einer feurigen Flamme aus dem Busch“ und hier: „Da der HERR, Jahwe, sah,
dass er hinging, rief ihm Gott aus dem Busch“, woraus deutlich hervorgeht, dass
der Engel des HERRN, der HERR und Gott eine und dieselbe Person waren, nur mit
verschiedenen Namen benannt. Denn allein der Sohn Gottes wird der Engel des
HERRN genannt, niemals der Vater, auch nicht der Heilige Geist, viel weniger
ein erschaffener Engel, sondern allein die zweite Person der Dreieinigkeit, der
Sohn Gottes. Und weil in dieser wunderbaren Erscheinung der Sohn Gottes
gegenwärtig war und mit Mose redete, darum war der Ort ein heiliges Land. Heißt
es nicht im sechsten Vers: „Und sprach“, nämlich der Engel des HERRN: „Ich bin
der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott
Jakobs“? Wo aber Gott auf Erden erscheint oder wohnt, da ist wahrlich eine heilige
Stätte. Darum nannte Jakob Lus eine heilige Stätte, als er dort im Traum eine
Leiter erblickte, die vom Himmel bis auf die Erde reichte, wo die Engel auf-
und niederstiegen, oben aber Gott stand und zu ihm redete, indem er, als er
erwachte, ausrief: „Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht.
Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier
ist die Pforte des Himmels!“ und nannte die Stätte Bethel, das heißt, Gottes
Haus. Deshalb hieß auf Jerusalem die Heilige Stadt, weil Gott in dem
Allerheiligsten des Tempels über der Bundeslade in der Luftwolke, als dem
sichtbaren Zeichen seiner Gnadengegenwart unter dem Volk, thronte.
Haben wir, meine Zuhörer, eine solche
heilige Stätte, ein solches heiliges Land? An jedem Ort, wo sein Wort gepredigt
wird. Wohl findet heute nicht mehr ein solch großes Gesicht, eine so wunderbare
Erscheinung statt wie im feurigen Busch; es bedarf einer solchen wunderbaren
Erscheinung auch nicht mehr, denn Gott ist offenbart im Fleisch, der Sohn
Gottes ist Mensch geworden und hat unter den Menschen auf Erden in sichtbarer
Gestalt gewandelt. Das ist die größte und höchste sichtbare Erscheinung Gottes
auf Erden. Aber obwohl er seine sichtbare Erscheinung uns Menschen durch seine
Himmelfahrt entzogen hat, ist er doch an jedem Ort, wo sein Wort verkündigt
wird, gegenwärtig laut seiner Verheißung: „Wo zwei oder drei versammelt sind in
meinem Namen, bin ich mitten unter ihnen.“ Und heißt es nicht 2. Mose 20, 24:
„An welchem Ort ich meines Namens Gedächtnis stiften werde, da will ich zu dir
kommen und dich segnen“? Aber jede Feier des heiligen Abendmahls geschieht zum
Gedächtnis des HERRN; durch sie wird des HERRN Tod verkündigt. Ja, was ist jede
Predigt des Evangeliums anders als ein Gedächtnis des HERRN? So ist denn
wahrlich jeder Ort, an dem dies geschieht, eine Stätte, an welcher der HERR
gegenwärtig ist, ein heiliger Ort.
Darum ergeht aber auch die an Mose
gerichtete Aufforderung in unserem Text: „Ziehe deine Schuhe aus von deinen
Füßen! Denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land“ an alle, die
zum Gotteshaus kommen. Da ist freilich nicht wörtlich zu verstehen wie bei
Mose; aber sie sollen dessen eingedenk sein, dass die Kirche ein Gotteshaus
ist, ein heiliger Ort, und sollen daher ihre irdischen Gedanken dahinten
lassen, viel weniger mit sündlichen und fleischlichen Gedanken und Begierden
herzukommen und sich hier über irdische Dinge unterhalten, wie das oft genug
geschieht. „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Haus Gottes gehst, und komm, dass
du hörst!“ Mit heiliger Scheu und Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Gott und
HERRN soll daher jeder Christ im Gotteshaus erfüllt sein, wie Mose in heiliger
Scheu sein Angesicht verhüllte, weil er sich fürchtete, Gott anzuschauen; denn
in ihm redet Gott selbst zu ihm durch den Mund seines Dieners, wie er dort zu
Mose aus dem brennenden Busch redete. „Alle unsere Kirchen“, sagt Luther, „sind
darum auch heilig, dass Gottes Wort darin gepredigt und die Sakramente gereicht
werden.“
Zu welchem Zweck aber erschien der Engel
des HERRN dort Mose in dem brennenden Busch? Weshalb redete er zu ihm? Um ihn
dort zum Befreier des Volkes Israel zu berufen. Auch dadurch wurde die
Erscheinung des HERRN eine wunderbare, was wir drittens betrachten wollen.
3.
Nachdem sich der Engel des HERRN dem Mose
als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekannt gegeben und ihn damit an die
Verheißungen erinnert, die er den Erzvätern gegeben hatte und die er nun an
deren Nachkommen, dem Volk Israel, erfüllen wolle, besonders aber die bei der
Berufung Abrahams: „Deinem Samen will ich das Land“, nämlich Kanaan, das
Gelobte Land, „geben“, fuhr er fort: „Ich habe gesehen das Elend meines Volkes
in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie treiben; ich habe ihr
Leid erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter
Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein weites und gutes Land, in ein
Land, darin Milch und Honig fließen. … So gehe nun hin; ich will dich zu Pharao
senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.“ Damit berief
der HERR Mose zum Erretter seines Volkes aus dem Diensthaus Ägypten.
Doch wunderbar ist diese Berufung nicht nur
in der Art und Weise, wie sie geschah, sondern auch, wenn wir auf Mose blicken.
Wer war Mose? Er hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, war also
ein Schafhirte. Und dieser Schafhirte soll Gottes Sendbote an den mächtigen,
stolzen und grausamen Pharao, einen der mächtigsten Könige seiner Zeit, sein!
Mose war keineswegs redegewandt, sondern sogar ein Stammler, und doch soll er
Gottes Sache vor Pharao führen! Vom Hirten einer Schafherde soll er zum Hirten
eines zahlreichen Volkes, vom Leiter geduldiger und folgsamer Tiere zum Führer
eines widerspenstigen Volkes emporsteigen! Welch eine Aufgabe! Ist es zu
verwundern, wenn Mose sich weigerte, eine solch schwere Aufgabe zu übernehmen,
wenn er sprach: „Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder
Israel aus Ägypten? Und hatte Mose nach dem Urteil der menschlichen Vernunft
nicht recht? Er, ein geringer, ohnmächtiger Schafhirte, soll dem mächtigen
Tyrannen gegenübertreten, soll der Befreier seines Volkes aus der Knechtschaft
und der Führer während des Zuges in das verheißene Land sein! Haben sich seine
Befürchtungen nicht bewahrheitet? Ja, Mose ist seit seiner Flucht aus Ägypten
bis an seinen Tod stets ein Hirte gewesen, vierzig Jahre in Midian ein Hirte
von Schafen, dann fast ebenso lang der Hirte des Volkes Israel, aber er hat es
erfahren müssen, dass die unvernünftigen, dummen Schafe viel verständiger und
vernünftiger waren als das vernünftige Volk der Juden, das sich immer wieder
als ein halsstarriges Volk erwies.
Aber so wunderbar handelt Gott. Den
geringen, verachteten Schafhirten (und die Viehhirten wurden von den Ägyptern
besonders verachtet) macht er zu seinem Botschafter an den großen, stolzen
König und zum Führer und Fürsten seines Volkes, ja im Hinblick auf unseren Text
und die Worte Richter 9, 15, wo der Dornbusch zu den hohen Bäumen sprach:
„Ist’s wahr, dass ihr mich zum König salbt über euch?“ macht er Mose, einen
geringen Busch, zum Herrscher über Pharao, den stolzen Baum! Aber das sind
Gottes wunderbare Wege: Was die Menschen verachten, das macht er groß; den
Ohnmächtigen macht er mächtig. Den Saul nahm er von den Eselinnen seines Vaters
hinweg und machte ihn zum König Israels, ebenso den Hirtenknaben David, arme
Fischer und Zöllner zu seinen Boten an die ganze Welt, den Verfolger Saulus zu
seinem auserwählten Rüstzeug, um seinen Namen vor die Heiden und die Könige zu
tragen, und den Augustinermönch Martin Luther zum Reformator seiner Kirche, zum
siegreichen Bestreiter des römischen Papstes, vor dem sich die mächtigsten
irdischen Herrscher beugten. Er ist, wie Luther bemerkt: „Man soll das Wort
Gottes ansehen und nicht auf die Person schauen; denn Gott nimmt jetzt einen
Engel, bald Petrus und Magdalena oder auch irgendeinen Esel, wie mit dem Bileam
geschah, durch welchen er sein Wort redet.“ Wer konnte Mose widerstehen, da er
Gottes Bote und Gott mit ihm war? Der Hirtenstab des Schafhirten Mose war
mächtiger als das Zepter Pharaos.
Das, meine Zuhörer, war die wunderbare
Erscheinung des brennenden Busches, die Mose am Berg Gottes Horeb erblickte.
Der Busch brannte, aber verbrannte nicht; denn der HERR war das Feuer. Der Ort
wurde zum heiligen Land, und Mose wurde zum Befreier des Volkes Israel berufen,
um es durch die Wüste in das verheißene Land zu führen. Erkennen wir daraus die
wunderbaren Wege Gottes, und gehen wir sie getrost, wenn er uns auf solchen
führt; sie gehen durch mancherlei Trübsale zu einem seligen Ziel. Sprechen wir
mit David: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und ob ich gleich
wanderte im finsteren Tag, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein
Stecken und Stab trösten mich.“ Amen.
Jesaja 39: Zu der Zeit sandte Merodach–Baladan, der Sohn Baladans, König zu Babel,
Briefe und Geschenke zu Hiskia; denn er hatte gehört, dass er krank und wieder
stark geworden wäre. Des freute sich Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus,
Silber und Gold und Spezerei, köstliche Salben und alle seine Zeughäuser und
allen Schatz, den er hatte. Nichts war, das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem
Haus und in seiner Herrschaft. Da kam der Prophet Jesaja zum Könige Hiskia und
sprach zu ihm: Was sagen diese Männer und von wo kommen sie zu dir? Hiskia
sprach: Sie kommen von fern zu mir, nämlich von Babel. Er aber sprach: Was
haben sie in deinem Haus gesehen? Hiskia sprach: Alles, was in meinem Haus ist,
haben sie gesehen; und ist nichts, das ich ihnen nicht hätte gezeigt in meinen
Schätzen.
Und Jesaja sprach zu Hiskia: Höre das Wort
des HERRN Zebaoth! Siehe, es kommt die Zeit, dass alles, was in deinem Haus ist
und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, wird nach Babel
gebracht werden, dass nichts bleiben wird, spricht der HERR. Dazu werden sie
deine Kinder, so von dir kommen werden und du zeugen wirst, nehmen, und müssen
Kämmerer sein im Hof des Königs zu Babel. Und Hiskia sprach zu Jesaja: Das Wort
des HERRN ist gut, das du sagst. Und sprach: Es sei nur Friede und Treue, während
ich lebe!
Geliebte in dem HERRN!
Unter den Sünden ist Gott der HERR
besonders dem Stolz und Hochmut feind. Was ist Stolz oder Hochmut? Es ist das
Vertrauen auf eigene Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Geld und Gut und
dergleichen. Der Hochmut ist eigentlich nichts anderes als Abgötterei; denn der
Hochmütige vertraut nicht auf Gott, sondern auf sich selbst, seine Gaben,
seinen Besitz und begeht somit fort und fort die Sünde gegen das erste Gebot:
„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Darum heißt es: „Verflucht
ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm
und mit seinem Herzen vom HERRN weicht!“ „Verlass dich auf den HERRN von ganzem
Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“ Wiederum Ps. 101, 5: „Ich
mag den nicht, der stolze Gebärden und hohen Mut hat.
Wie greulich der Stolz und Hochmut der
Menschen vor Gott ist, erkennen wir, wenn wir dem Menschen Gott
gegenüberstellen: Gott ist der Schöpfer, der Mensch sein Geschöpf, vom Staub
der Erde durch Gottes Hand gebildet; Gott ist allmächtig., der Mensch ein
ohnmächtiges Wesen; Gott ist allwissend, der Mensch, selbst wenn er große
Kenntnisse besitzt, doch so unwissend; Gott ist Weise, der sich niemals
täuscht, der Mensch irrt in der Wahl der Mittel, um ein Ziel zu erreichen, zur
Rechten und zur Linken. Gott ist heilig, der Mensch ein Sünder durch und durch.
Und dieser ohnmächtige, unwissende, irrende, sündige Mensch rühmt sich seiner
Kraft, pocht auf sein Wissen und seine Weisheit, pocht vor Gott auf seine
Gerechtigkeit, auf seine irdischen Güter, die ihm Gott gegeben hat! Der
Empfänger brüstet sich mit dem, was er ist und hat, dem Geber gegenüber, von
dem er alles empfangen hat! Ist das nicht ein greuliches, ja ein lächerliches
Ding?
Darum hat Gott auch je und je den Hochmut
gedemütigt, den Stolzen tief erniedrigt. Der Hochmut hat den Satan, der einer
der vornehmsten Engel war, aus dem Himmel in die Hölle gestürzt, unsere ersten
Eltern, die durch Satans Verführung gleich wie Gott sein sollten, aus dem
Paradies vertrieben, zu elenden Kreaturen gemacht, ja den Fluch über die ganze
Erde gebracht. Als Pharao, auf seine Macht pochend, trotzig sprach: „Wer ist
der HERR, dessen Stimme ich gehorchten müsste?“ da wurde er durch die Plagen bald
inne, wie töricht es sei, dem HERRN zu widerstehen, und als er dennoch in
seinem Hochmut beharrte, wurde er mit all seiner Macht im Roten Meer begraben.
Als Nebukadnezar die große Stadt Babel überblickte und voll Stolz ausrief: „Das
ist das große Babel, das ich erbaut habe durch meine große Macht zu Ehren
meiner Herrlichkeit“, da wurde er, noch ehe er ausgeredet hatte, unter die
unvernünftigen Tiere des Feldes geworfen. Ja: „Wer zugrunde gehen soll, der
wird zuvor stolz; und stolzer Mut kommt vor dem Fall“, heißt es Spr. 16,18.
Dies sollen auch wir wohl bedenken, meine
Zuhörer; denn der Hochmut steckt allen Menschen von Natur in den Gliedern, und
solange die Christen noch den alten Adam an sich haben, müssen sie gegen den
Stolz und Hochmut fort und fort kämpfen, wenn sie nicht von Gott gedemütigt und
erniedrigt werden sollen. „Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen
gibt er Gnade.“ Das lehrt und das verlesene Textwort, aufgrund dessen wir heute
blicken auf:
Den
Hochmut des Königs Hiskia
1. Erzeigte ihn dadurch, dass er sich
seiner Schätze rühmt,
2. dass er deswegen von dem Propheten
gestraft wird; aber
3. er demütigt sich darauf bußfertig vor
Gott.
1.
Hiskia war ein frommer, gottesfürchtiger
König, ja einer der edelsten unter den Königen Judas. Er tat, wie wir 2. Kön.
18 lesen, „was dem HERRN wohlgefiel, wie sein Vater David. … Er hing dem HERRN
an und wich nicht hinten von ihm ab und hielt seine Gebote“. In seinem Eifer
für die Ehre des HERRN reinigte er das Land von den heidnischen Götzenaltären
und Götzen, ja selbst die eherne Schlagen, die Mose in der Wüste gemacht und
die man als Reliquie aufbewahrt hatte, ließ er zerstoßen, als sie von dem abergläubigen
Volk verehrt wurde.
Nun war Hiskia todkrank gewesen, und es war
ihm von dem Propheten Jesaja angekündigt worden, dass er sterben werde und
deswegen sein Haus bestellen solle. Als er darauf den HERRN unter Tränen
inbrünstig angerufen hatte, ihn wieder genesen und noch leben zu lassen, hatte
ihm Jesaja auf Befehl des HERRN verkündigt, dass er noch fünfzehn Jahre leben
und schon am dritten Tag in das Haus des HERRN gehen werde. Zum Beweis dafür
war ihm noch ein besonderes Zeichen gegeben worden, indem Gott den
Stundenzeiger an der Uhr des Ahas um zehn Stufen hatte zurückgehen lassen.
Diese Wunderzeichen wurden bald weithin
bekannt. Auch der König zu Babel hörte davon, und das veranlasste ihn, eine
Gesandtschaft mit Geschenken an Hiskia zu senden; denn so lesen wir zu Anfang
unseres Textes: „Zu der Zeit sandte Merodach Bal Adan, der Sohn Bal Adans,
König zu Babel, Briefe und Geschenke zu Hiskia; denn er hatte gehört, dass er
krank und wieder stark geworden wäre.“ Wie 2. Chron. 32 berichtet wird, sollten
sich die Gesandten auch besonders nach dem Wunder erkundigten, das Hiskia an
dem Sonnenzeiger gegeben worden war. Wahrscheinlich verfolgte aber der König zu
Babel mit dieser Gesandtschaft auch einen anderen Zweck, nämlich die
Freundschaft mit Hiskia noch mehr zu befestigen und ihn als Bundesgenossen
gegen die Assyrer zu gewinnen.
Über diese Gesandtschaft und die ihm
dadurch erwiesene Ehre freute sich Hiskia sehr; denn so lesen wir weiter: „Des
freute sich Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus, Silber und Gold und
Spezerei, köstliche Salben und alle seine Zeughäuser und allen Schatz, den er
hatte. Nichts war, das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem Haus und in seiner
Herrschaft.“ Was veranlasste Hiskia dazu, vor den Gesandten des babylonischen
Königs seinen Reichtum gleichsam zu Schau zu stellen? Wir erkennen das aus der
Antwort auf die Frage des Propheten: „Von wo kommen diese Männer die zur?“ die
so lautete: „Sie kommen von ferne zu mir, nämlich von Babel.“ Er fühlte sich
durch diese Gesandtschaft aus weiter Ferne geschmeichelt und wollte ihr zeigen,
was für einen Reichtum er besitze, und dass daher seine Freundschaft oder gar
ein Bündnis mit dem König zu Babel nicht ohne großen Wert für diesen sei. Kurz,
es waren Eitelkeit und Hochmut, die ihn dazu veranlassten, mit seinen Schätzen
vor den Gesandten zu prunken. Das ganze war für den frommen König, wie 2. Chr.
32, 31 bemerkt wird, eine Versuchung, der er, da er nicht über sich wachte,
erlag.
Aber wie viele Christen unterliegen einer
ähnlichen Versuchung, werden eitel und hochmütig, wenn ihnen Gott mehr gegeben
hat oder gibt als anderen. Anstatt dadurch umso demütiger zu werden, mit Jakob,
der in der Fremde reich geworden war, zu sprechen: „HERR, ich bin zu gering
aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knecht getan hast“,
werden sie stolz und hochmütig und rühmen sich ihrer Güter und Schätze. In dem
Reichwerden und Reichtum liegt eine große Gefahr, weshalb es heißt: „Fällt euch
Reichtum zu, so hängt das Herz nicht dran!“ und Spr. 30, 8: „Reichtum gib mir
nicht; ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist
der HERR?“ Wie vielen wird die Wohlhabenheit oder der Reichtum zu einem Strick!
Wie viele werden, je wohlhabender, desto geiziger, so dass sie für das Reich
Gottes und für den Nächsten nichts mehr übrighaben. Solange sie in dürftigen
oder geringeren Verhältnissen sind, halten sie sich zum Wort Gottes, aber wenn
sie reich werden, kehren sie der Kirche den Rücken und meinen, ohne Gott und
sein Wort fertig werden zu können. Oft wird auch ihr Verhalten gegen ihre
Mitmenschen ein anderes. Sie treten selbstbewusst auf, lassen es sie fühlen,
dass sie mehr haben, gemachte Leute und unabhängig sind, klingen mit ihrem Gold
und Silber in den Taschen. Sie haben ihren Gott nur in der Tasche und stellen
ihn auch vor den Augen der Mitmenschen zur Schau. Aber nicht bei diesen allein
gibt sich der Hochmut zu erkennen. Wie viele sind stolz auf andere vergängliche
Dinge! Dieser brüstet sich mit seinen Geistesgaben, seinem Verstand, seinem
Wissen, jener stolziert mit einem neuen Kleid oder einem modernen Hut wie ein
gespreizter Pfau einher, wieder ein anderer mit seinem hübschen Gesicht und
dergleichen Dingen mehr; und sie alle wissen nicht, was für Narren sie sind.
Durch das alles geben sie nur ihre Eitelkeit, ihren Hochmut zu erkennen und
bedenken nicht, wie schwer sie sündigen und welche Strafe ihnen bevorsteht.
2.
Es heißt in unserem Text weiter: „Da kam
der Prophet Jesaja zum König Hiskia und sprach zu ihm: ‚Was sagen diese Männer,
und von wo kommen sie zu dir?‘ Hiskia sprach: ‚Sie kommen von fern zu mir,
nämlich von Babel.‘ Er aber sprach: ‚Was haben sie in deinem Haus gesehen?‘
Hiskia sprach: ‚Alles, was in meinem Haus ist, haben sie gesehen; und ist
nichts, das ich ihnen nicht gezeigt in meinen Schätzen.‘ Da sprach Jesaja zu
Hiskia: ‚Höre das Wort des HERRN Zebaoth: Siehe, es kommt die Zeit, dass alles,
was in deinem haus ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag,
wird nach Babel gebracht werden, dass nichts bleiben wird, spricht der HERR.
Dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen, nehmen und müssen Kämmerer
sein am Hof des Königs zu Babel.‘“
Hiskia sagte ganz offen heraus, dass er den
Gesandten alle seine Schätze gezeigt hatte, und man merkt es seinen Worten an,
dass er sich der Sünde, die er dadurch begangen hatte, kaum bewusst war.
Wahrscheinlich täuschte er sich über sich selbst und war ihm die Größe seiner
Sünde noch nicht zum Bewusstsein gekommen. Aber das machte seine Sünde nicht
geringer und bewahrte ihn nicht vor der Strafe, die ihm Jesaja auf Befehl
Gottes sogleich verkündigte. Diese Strafe entsprach durchaus der Sünde. Hatte
er in seiner Eitelkeit den babylonischen Gesandten alle seine Schätze gezeigt
und damit vor ihnen geprunkt, so sollen zur Strafe alle die Schätze von den
Babyloniern genommen und weggeführt werden. Hatte er sich die Freundschaft des
heidnischen Königs als eine besondere Ehre angerechnet, so sollen seine
Nachkommen so gedemütigt, erniedrigt werden, dass sie am Hof des Königs zu
Babel Kammerdienste leisten sollen. Die Strafe für seinen Hochmut sollte also
tiefe Erniedrigung sein. Und wahrlich, hatte Hiskia, der König Israels, des
auserwählten Volkes, irgendwelche Ursache, auf die Freundschaft des heidnischen
Königs stolz zu sein? Hatte er irgendwelche Ursache, sich seiner Schätze zu
rühmen, damit zu prahlen? Erst vor vier Jahren hatte er seine Schätze
hergegeben, um den König von Assyrien zum Abzug zu bewegen, war nur durch die
wunderbare Hilfe des HERRN vor der Eroberung Jerusalems und Gefangenschaft
bewahrt worden und vor kurzen von einer tödlichen Krankheit genesen. Hätte ihm
das nicht genug sein sollen, allein auf die Hilfe und den Schutz seines Gottes
zu vertrauen, sich nicht auf die Freundschaft eines heidnischen Königs zu
verlassen? So erniedrigte Hiskia durch sein Handeln nicht nur sich selbst,
sondern beleidigte auch seinen gnädigen Gott, der ihm seine Allmacht so
deutlich kundgetan hatte.
Wie Jesaja Hiskia gedroht hatte, so geschah
es, als Nebukadnezar, der König zu Babel, Jerusalem, als Jojakim zu Jerusalem
war, eroberte; denn dieser nahm nicht nur alle Schätze aus dem Haus des Königs,
sondern auch die kostbaren Geräte des Tempels, die Salomo hatte machen lassen,
brachte er nach Babel. (2. Kön. 24, 13.) Den König Jojakim und eine Anzahl
junger Männer vom königlichen Stamm und aus den vornehmsten Geschlechtern nahm
er mit sich nach Babel in die Gefangenschaft, um an seinem Hof zu dienen, unter
denen Daniel, Misael und Hananja besonders genannt werden (Dan. 1, 1-7). So gar
entsprach diese Strafe der Sünde des Hiskia. Er fühlte sich durch die
Gesandtschaft aus einem fernen Land besonders geehrt, und in demselben fernen
Land mussten junge Männer aus seinem Stamm als Hofbeamte dienen.
In derselben Weise straft Gott heute noch,
straft die Menschen an dem, woran und womit sie sündigen, und – beachten wir
wohl! – straft die Sünden besonders an denen, die seine Kinder sind. An diesen
kann er die Sünden, besonders die Sünden der Eitelkeit und des Hochmuts, am
wenigsten dulden. Das Strafgericht beginnt zuerst am Haus Gottes. Das sehen wir
an dem frommen Hiskia, das sehen wir an dem gottesfürchtigen Hiob; als dieser
die Wurzel der Selbstgerechtigkeit in seinem Herzen aufwachsen ließ, wurde er
so von Gott heimgesucht, dass er im Sack und in der Asche sitzen musste, bis er
sich vor Gott demütigte. Als David in fleischlichem Stolz das Volk zählen ließ,
wurde er bald inne, dass er sich auf sein Fleisch verlassen hatte. Vertraue
darum, mein Zuhörer, nicht auf deine irdischen Schätze; Gott kann sie dir bald
nehmen, sie wie Spreu im Wind zerstieben lassen. Er kann auch zu dir sagen wie
zu jenem reichen Mann: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir
fordern, und wes wird’s sein, das du bereitet hast?“ Verlass dich nicht auf
deine Kraft, deine Gesundheit; der Kraftvolle kann sich, im Augenblick
gebrochen, wie ein zertretener Wurm im Staub winden, der Gesunde wie eine
geknickter Blume verwelken. Wir Menschen sind zerbrechliche Gefäße, ein Gebilde
von Staub und Asche, die, wenn sie die Höhe ihres Alters erreicht haben,
täglich abnehmen, immer gebrechlicher werden, bis sie verwelken und in den
Staub dahinsinken. Haben wir uns daher der Sünde der Eitelkeit und der Hoffart
schuldig gemacht, so lasst uns dafür von Herzen Buße tun, damit die Strafe
nicht in aller Strenge treffe. Das führt uns zum dritten Teil.
3.
Unser Text schließt mit den Worten: „Und
Hiskia sprach zu Jesaja: ‚Das Wort des HERRN ist gut, das du sagst.‘ Und
sprach: ‚Es sei nur Friede und Treue, solange ich lebe.‘“ Zur Erkenntnis seiner
Sünde gekommen, sucht er nicht, sie zu bemänteln oder zu entschuldigen, sondern
gesteht sie rückhaltlos zu und erkennt auch die ihm angekündigte Strafe als
gerecht an; denn dies sagen die Worte: „Das Wort des HERRN“, nämlich das mir
die Strafe verkündigt, „ist gut.“ Aber er fügt hinzu: „Wenn nur Friede und
Treue ist, während ich lebe“, das heißt, wenn mir Gott nur, während ich lebe,
Frieden beschert und seine Treue nicht entzieht. So demütigte sich Hiskia in
aufrichtiger Buße vor dem HERRN. Er erkannte seine Sünde, nahm die ihm
angekündigte Strafe als eine gerechte hin und bat nur um Milderung aufgrund der
göttlichen Barmherzigkeit.
Möchte
ein jeder von uns hierin, meine Zuhörer, Hiskia gleich sein, wie er im Sündigen
ihm gleich ist. Eitelkeit und Hochmut waren die Sünde Hiskias; Eitelkeit und
Hochmut sind die Sünden eines jeden Christen, solange er auf Erden wandelt. Wer
sich einbildet, von dieser Sünde ganz frei z sein, der kennt sich nicht, und
wenn er auf nichts anderes stolz ist, so ist er stolz auf seine vermeintliche
Demut; und das ist der schlimmste Hochmut, den es gibt. Dann geht der Pharisäer
im Zöllnergewand einher. Wer lässt sich, wenn er gesündigt hat, gern strafen?
Bei wem erhebt sich da nicht, wenigstens im Herzen, Widerspruch? Wer sucht sich
nicht in der einen oder anderen Weise zu entschuldigen? Wie viele murren nicht,
wenn Gott sie um ihre Sünde willen straft! Was ist das aber anderes als eine
Ausgeburt, ein Zeichen des Hochmuts? Werfen wir einen Blick auf unser Leben,
werden wir nicht alle bekennen müssen, dass wir uns vor Gott der Sünde des
Hochmuts schuldig gemacht und seine Strafe wohl verdient haben? So lasst uns denn
wie Hiskia diese Sünde bußfertig erkennen, damit wir in wahrer, herzlicher
Demut wandeln. Denn nur in dem Demütigen hat Gott sein Werk. „Er widersteht den
Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Sie allein begehren Gnade um
Christi, ihres Heilandes, willen, ihnen allein wird sie zuteil, sie allein
werden aber auch von Gott erhöht, denn: „Wer sich selbst erniedrigt, der wird
erhöht werden.“ Lasst uns alles, was wir sind, unsere Güter und Gaben, die wir
haben und die er uns darreicht, nicht uns selbst und unserer Würdigkeit,
sondern allein der Gnade Gottes zuschreiben, die er uns um Christi, unseres
Heilandes, willen schenkt, und Christus in der Demut nachjagen. Das verleihe er
uns um Jesu willen! Amen.
(entnommen
aus: Carl Ferdinand Wilhelm Walther: Lutherische Brosamen. St. Louis, Mo.:
Concordia Publishing House. 1897. S. 195 ff.)
Gnade
sei mit euch, und Friede von Gott, unserem Vater, und dem HERRN Jesus Christus.
Amen.
In
demselben, unserem teuren Heiland, herzlich geliebte Zuhörer!
„Meidet allen bösen Schein“, spricht
St. Paulus im fünften Kapitel seines ersten Brieses an die Thessalonicher.
Diese Worte legen einem jeden Christen eine große wichtige Pflicht auf. Nach
denselben soll er nicht nur das Böse meiden, sondern auch den Schein des
Bösen. Es ist sonach nicht genug, dass ein Christ bei seinen Handlungen sich selbst
nichts Böses bewusst sei; er ist schuldig, auch darauf zu sehen, dass durch
seine Handlungen auch andere nicht veranlasst werden, etwas Böses von
ihm zu denken. Es ist nicht genug, dass ein Christ vor Gottes Augen
recht wandele und sagen könne: Gott, der in das Herz sieht, weiß, dass ich es
nicht böse meine; ein Christ soll auch vor den Augen der Menschen
untadelhaft wandeln: Auch derjenige sündigt daher wider Gott, welcher etwas
tut, was Gott zwar nicht ausdrücklich verboten hat, wodurch er aber seinem Nächsten
zum Anstoß und Ärgernis wird. Nach diesem Gesetz der Liebe handelte selbst
Christus, der doch über allen Verdacht der Menschen unendlich erhaben war.
Einstmals bewies er zwar erst, dass er und seine Jünger nicht schuldig seien
den Zinsgroschen zu geben, aber -- setzt er gegen Petrus hinzu: „Auf dass wir
sie nicht ärgern, -- so nimm denselben, und gib ihn für mich und dich.“ So
folgte denn hierin auch ein Paulus seinem HERRN und Meister, und spricht zu
denen, die die heidnischen Opfermahlzeiten besucht hatten: „Ich habe es zwar
alles Macht, aber es frommet nicht alles. Seid nicht ärgerlich weder den Juden
noch den Griechen, noch der Gemeine Gottes. Darum, so die Speise meinen Bruder
ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht
ärgerte. So aber dein Bruder über deiner Speise betrübet wird, so wandelst du
schon nicht nach der Liebe.“
O wie viele mag es hiernach geben,
die nicht nach der Liebe wandeln! Wie viele fragen nur nach ihrer Freiheit,
aber nicht darnach, ob sie nicht vielleicht durch den Gebrauch derselben ihrem
Nächsten zum Anstoß und Ärgernis werden! Lasst uns daher alle des Apostels
Ermahnung wohl merken: „Meidet allen bösen Schein.“
So teuer aber, meine Lieben, diese
Pflicht ist, so ist jedoch hingegen auch das eine wichtige
Christenpflicht, den bösen Schein, den ein anderer gibt, nicht sogleich bös
auszulegen, sondern ihn zu entschuldigen, Gutes von ihm zu reden und alles zum
Besten zu kehren, und nicht eher den Stab zu brechen, als bis man alles wohl
erkundet hat und dazu gezwungen und gedrungen ist. Es geschieht nämlich nicht
selten, dass auch auf den besten Christen ein böser Schein fällt, entweder ohne
alle seine Schuld, oder weil auch ein guter Christ zu Zeiten aus Schwachheit
unvorsichtig wandelt. Darum ruft uns Christus in jenem Evangelium zu:
"Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so
werdet ihr auch nicht gerichtet. Was siehst du aber einen Splitter in
deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht
gewahr?" Dieses Wort wiederholt daher auch St. Paulus und spricht:
"Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt
seinem Herrn. So wird nun ein jeglicher
für sich selbst Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern
richten."
O wie viele Kränkungen, wie viele
Seufzer, wie viele Unruhe, wie vielen Zank und Streit würde man sich ersparen,
wie viele Sünden der Lieblosigkeit, des Afterredens und der Verleumdung würden
in einer Gemeinde weniger und wie viel
erbaulicher, lieblicher und lockender würde die christliche Gemeinschaft
überhaupt sein, wenn jeder immer an jene Worte Christi und Pauli und an den
Ausspruch des Propheten Sacharja dächte: „Denke keiner wider seinen Bruder
etwas Arges in seinem Herzen!“ Sagt selbst: tut es uns nicht auch wohl, wenn
wir einen bösen Schein gegeben haben, und wir hören, dass andere es auf das
mildeste auslegen und uns gegen Splitterrichter entschuldigen und verteidigen?
Gewiss! Wohlan, was wir wollen, dass uns die Leute tun sollen, das lasst uns ihnen
auch tun. Doch, meine Lieben, wie es Christen gibt, die einen bösen Schein
geben und doch wahre Christen sind, so gibt es hingegen noch mehr Christen, die
zwar einen guten Schein haben, und doch Nichtchristen sind; und das sind die
Scheinchristen, von welchen St. Paulus schreibt: „Die da haben den Schein eines
gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie.“ Von solchen
Scheinchristen ist in unserem heutigen Evangelium, die Rede; lasst mich jetzt
zu unser aller Prüfung und Warnung das Bild derselben aus Gottes Wort
entwerfen.
Matthäus 22, 1-14: Und Jesus antwortete und redete abermals durch
Gleichnisse zu ihnen und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem König, der
seinem Sohn Hochzeit machte. Und sandte seine Knechte aus, dass sie die Gäste
zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere
Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich
bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles bereit;
kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen hin, einer auf seinen
Acker, der andere zu seiner Hantierung. Etliche aber griffen seine Knechte,
höhnten und töteten sie. Da das der König hörte, wurde er zornig und schickte
seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Da
sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste
waren es nicht wert. Darum geht hin auf die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen
ihr findet. Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und brachten zusammen,
wen sie fanden, Böse und Gute. Und die Tische wurden alle voll. Da ging der
König hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen Menschen, der hatte
kein hochzeitlich Kleid an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereinkommen
und hast doch kein hochzeitlich Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der
König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die
äußerste Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappen; denn viele
sind berufen, aber wenige sind auserwählt.
In dem verlesenen Text vergleicht
Christus sein Gnadenreich auf Erden mit einem Hochzeitsmahle und das Evangelium
von seiner Gnade mit der Einladung dazu. Das Ganze zerfällt in zwei Theile. In
dem ersten Theile zeigt Christus mit seinem Gleichnis, wie die meisten Juden
das Evangelium, das ihnen schon durch die Propheten verkündigt worden sei,
verachtet haben und wie sie, nachdem er, der Sohn Gottes selbst, gekommen sei,
ihn endlich gar töten werden. Im zweiten Theile zeigt nun Christus, wie Gott,
nach Bestrafung der Juden, die Heiden in sein Gnadenreich berufen lassen werde
und wie zwar eine große Menge Heiden der Einladung des Evangeliums folgen und
sich äußerlich zum Christentum bekehren, aber unter den Guten auch viele Böse
sich einfinden würden. Die Bösen vergleicht er nämlich mit einem Gast, der zwar
bei der Hochzeit erscheine, aber ohne ein hochzeitliches Kleid. Hiermit stellt
Christus niemand anderen dar, als die Scheinchristen. Lasst mich daher heute
bei dem uns zunächst angehenden zweiten Theile des Evangeliums stehen bleiben
und euch jetzt vorstellen:
Den
Scheinchristen
1.
will ich euch zu eurer Prüfung das Bild eines Scheinchristen in diesem Leben
entwerfen, und
2.
euch zu eurer Warnung auch sein Schicksal in jener Welt vor Augen stellen.
Gott, wir wissen, dass Du das Herz
prüfst, und Aufrichtigkeit ist Dir angenehm, darum bitten wir Dich, behüte uns,
dass unser keiner mit bloßem Scheine des Glaubens und Christentums sich
betrüge. Gib uns selbst zu erkennen, wie wir sind und wie wir mit Dir stehen,
damit Du uns nicht einst, wenn wir vor Deinem Angesichte erscheinen, als
unnütze Knechte von Dir weisen müssest, sondern dass wir Dir hier von ganzem
Herzen dienen und einst von Dir als die Deinigen erkannt und selig werden.
Erhöre uns, Du treuer Gott, um Jesu Christi, Deines lieben Sohnes, willen.
Amen.
I.
Soll ich euch, meine Lieben, das
Bild eines Scheinchristen entwerfen, so muss ich euch zweierlei zeigen,
erstlich den christlichen Schein, den ein solcher Mensch hat, und zweitens, was
ihm, um ein Christ zu sein, fehle, also mit einem Worte erstens sein Äußeres
und zweitens sein Inneres.
Was nun das Erste betrifft, so
beschreibt Christus den Scheinchristen in dem in unserm Evangelium enthaltenen
Gleichnisse als einen solchen, welcher die Einladung zur Hochzeit angenommen
und ihr Folge geleistet hat, der in den Hochzeitssaal eingegangen ist, sich
unter die festlich geschmückten Gäste gemischt und sich mit an die Tafel
gesetzt hat, der nun mitisst und -trinkt, und sich gänzlich wie die anderen
Hochzeitsgäste gebärdet. Hiermit gibt uns Christus selbst in wenig Worten das
vollständige Bild eines Scheinchristen nach seiner äußeren Gestalt.
Hieraus sehen wir: ein Scheinchrist ist
also nicht derjenige, der in offenbarem Unglauben oder in offenbaren Sünden
lebt. Nein, wer nicht einmal an das Wort Christi und seiner heiligen Propheten
und Apostel und überhaupt nicht an das heilige Bibelbuch glaubt, dasselbe nicht
für Gottes Wort und Christum nicht für Gottes Sohn hält; daher die Gnadenmittel
verachtet, nicht zur Kirche und zur Feier des heiligen Abendmahls kommt, sich
des Betens schämet, Christum vor der Welt verleugnet, sich von den Christen absondert
und sich zu den Spöttern hält; oder wer in Fluchen und Schwören, oder in
ungebändigtem Zorn, in Unversöhnlichkeit, Feindschaft und Rachsucht, oder in
unzüchtigen Worten und Gebärden und in Trunkenheit und Völlerei, oder in
Betrug, Wucher und offenbarem Geiz, oder in Lügen und Verleumdung anderer und
in Prahlerei und Selbstlob, und dergleichen, lebt und alle Lust und Eitelkeit
der Welt offenbar mitmacht: ein solcher gehört nicht zu den Scheinchristen,
sondern zu den Nichtchristen, nicht zu den Heuchlern, sondern zu den Gottlosen,
nicht zu den falschen Brüdern, sondern zu den offenbar Abgefallenen, nicht zu
dem leicht täuschenden Unkraut unter dem Weizen auf dem Acker Gottes, sondern
zu den Dornen und Disteln.
Der Scheinchrist hat vielmehr, wie
uns Christus im Evangelium, sagt, die Einladung zur himmlischen Hochzeit auch
angenommen und ihr Folge geleistet; er ist also auch ein getaufter Christ und
rühmt sich seiner Taufe, er hört auf das Wort Gottes, und bekennet, dass er
daran glaube, und dass er Christum für den Sohn Gottes halte, der gekommen sei,
ein Himmelreich auf Erden zu stiften. Der Scheinchrist ist, wie Christus ferner
sagt, auch in den Hochzeitssaal eingegangen; das heißt, er hat sich auch zu der
rechten Kirche gewendet, hält es mit ihr, bekennt sich zu ihr, nimmt die reine
Lehre an, hat vielleicht eine sehr gute Erkenntnis von derselben und verteidigt
sie wohl auch mit großem Ernst und Eifer. Der Scheinchrist hat sich ferner, wie
Christus sagt, unter die festlich geschmückten Gäste gemischt; das heißt, er
hält sich nicht mehr zur Welt, sondern hält Freundschaft und Gemeinschaft mit
wahren gläubigen Christen, unterredet sich mit ihnen gern über geistliche
Gegenstände, besucht sie und ladet sie zu sich ein. Der Scheinchrist hat sich
ferner, wie Christus sagt, mit an die Tafel gesetzt und isst und trinkt mit;
das heißt, er gebraucht die Gnadenmittel, wie die wahren Christen, genießt
fleißig das Brod des Lebens, hört nämlich fleißig Gottes Wort, und erscheint
oft am Tische des HERRN, treibt auch wohl Gottes Wort mit den Seinigen und
liest eifrig in der Schrift und anderen gottseligen Büchern. Der Scheinchrist
gebärdet sich endlich, wie Christus sagt, wie die andern Hochzeitsgäste; das
heißt, er lebt äußerlich, wie fromme Christen zu leben pflegen; man kann ihm
keine offenbaren Sünden vorwerfen; er lebt ehrbar; seine Reden sind christlich
und verraten keine Hoffart; seine Gebärden sind anständig und zeigen
Bescheidenheit; seine Werke sind löblich; er eifert gegen das Unrecht; er ist
freigebig, dienstfertig und nimmt sich des allgemeinen Besten, wie es Christen
geziemt, an; er gibt jedem das Seine und ist kein loser Schuldner; er ist
mäßig; er ist fleißig in seiner Arbeit; er zeigt sich versöhnlich gegen seine Beleidiger und
lässt sich, wo er eines Fehlers überwiesen wird, strafen. Worin besteht also
die äußerliche Gestalt eines Scheinchristen? Es ist mit kurzen Worten die
Gestalt eines rechtschaffenen frommen Christen.
Aber wie? sollte es möglich sein, so
christlich zu leben, und doch nur ein Scheinchrist zu sein? – Ist‘s nicht
schrecklich, dass ein Mensch trotz eines solchen rühmlichen Wandels verloren
gehen soll? Denn werden selbst viele, die so christlich leben, nicht selig,
welche Hoffnung können sich dann die machen, die es noch nicht einmal so weit
gebracht haben? Wer kann dann noch selig werden? -- So schrecklich diese
Wahrheit ist, so ist sie doch eben Wahrheit, denn Christus setzt deutlich
hinzu: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“
Was ist es nun, was allen
Scheinchristen fehlt, dass sie bei allem ihrem christlichen, ehrbaren Leben,
ihren guten Werken, ihren gottseligen Übungen und ihrem tätigen Eifer doch
keine wahren Christen sind? - Christus sagt, es fehle ihnen das „hochzeitliche
Kleid“. Was mag Christus hiermit meinen? Um Christi Meinung gewiss zu
treffen, müssen wir die Heilige Schrift selbst zu Rate ziehen und dürfen nicht
nach unseren eigenen Gedanken gehen. Die Heilige Schrift redet aber auch an
anderen Stellen nicht selten von gewissen Kleidern, deren ein Mensch bedarf,
wenn er selig werden soll. Unter anderen lässt Christus dem Bischof zu Laodicäa
sagen: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das mit Feuer durchläutert
ist, dass du reich werdest; und weiße Kleider, dass du dich antust, und nicht
offenbarwerde die Schande deiner Blöße.“ Dahin geht, was von der Kirche Christi
geschrieben steht im 19. Kapitel der Offenbarung an St. Johannes, woselbst es
heißt: „Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit reiner schöner Seide“; zur
Erklärung aber wird hinzugesetzt: „Die Seide aber ist die Gerechtigkeit der
Heiligen.“ Daher spricht auch Jesaja: „Der HERR hat mich angezogen mit Kleidern
des Heils, und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet.“ Am allerdeutlichsten
aber wird die Meinung Christi durch den Ausspruch des St. Paulus im Briefe an
die Galater: „Wie viel euer getauft sind, die haben Christum angezogen“, oder,
wie er an die Römer schreibt: „Zieht an den HERRN Jesus Christus."
Hieraus ist klar: Wenn Christus den
Scheinchristen als einen Hochzeitsgast ohne ein hochzeitliches Kleid darstellt,
so will er sagen: Ein Scheinchrist ist ein Mensch, der bei allem seinem
herrlichen äußerlichen christlichen Schein doch den wahren Glauben, durch
welchen die wahren Christen Christum und seine Gerechtigkeit wie ein Kleid
anziehen, noch nicht in seinem Herzen trägt. Der Scheinchrist glänzt wohl
äußerlich vor Menschen durch sein scheinbar christliches Leben, aber vor Gottes
allsehenden Augen hat sein Leben eine Gestalt, die ihm nicht gefallen kann,
„denn“, sagt die Schrift, „ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Der
Scheinchrist ist wohl reich an sogenannten guten Werken, aber weil dieselben
nicht aus der guten Quelle eines durch den wahren Glauben gereinigten Herzens
fließen, so sind sie vor Gott nichts Besseres, als Sünden, „denn“, sagt die
Schrift, „was nicht aus dem Glauben geht, ist Sünde“. Der Scheinchrist redet
wohl schön von Christus, aber Christus ist nur auf seiner Zunge, nicht im
Herzen. Der Scheinchrist trägt wohl den Namen eines Christen, aber er ist
nicht, was der Name sagt, denn ein Christ heißt auf Deutsch ein Gesalbter,
nämlich mit dem Heiligen Geist, und dieser wohnt nicht in seiner Seele. Der
Scheinchrist ist wohl durch sein rechtgläubiges Mundbekenntnis eine Rebe am
Weinstock Christo, aber eine dürre Rebe. Der Scheinchrist bringt auch wohl
schön aussehende Früchte eines ehrbaren Wandels, aber die Früchte sind
innerlich faul, denn er selbst ist noch ein wilder fauler Baum, der noch nicht
auf den Baum des Lebens, aus Christus gepflanzt ist. Der Scheinchrist hat wohl
auch eine Decke über seinen Sünden, aber es sind das die Feigenblätter seiner
Einbildung, aber nicht das Kleid, welches gesponnen ist von der Wolle des Lammes
Gottes, das der Welt Sünden trägt. Der Scheinchrist ist ein Grab, das äußerlich
lieblich aussieht, aber im Innern ist noch der Moder des geistlichen Todes; er
ist dem Bilde eines Christen gleich, das zwar große Ähnlichkeit, aber kein
Wesen noch Leben hat. Der Scheinchrist ist daher wohl in der Kirche, aber nicht
von der Kirche, das heißt, er gehört nicht zur Kirche, er ist kein
lebendiger Stein dieses geistlichen Baues, kein lebendiges Glied dieses
geistlichen Leibes.
Ein solcher Scheinchrist war Judas.
Er tat alles, was die anderen Jünger taten, aber in seinem Herzen war kein
Glaube; darin herrschte der Geiz. Ein solcher Scheinchrist war auch Simon, der
vormalige Zauberer; er bekannte den Glauben an Christum wohl mit dem Mund, und
ließ sich taufen; aber in seinem Herzen herrschte der Stolz und die Hoffart.
Ein solcher Scheinchrist war endlich auch der Bischof von Sardes; er zeigte
sich lebendig in vielen christlichen Werken; aber er hatte, wie Christus sagt,
mit vielen Gliedern seiner Gemeinde „seine Kleider besudelt“, d. h. er
hatte durch Sünden wider das Gewissen den lebendigen Glauben aus dem Herzen
verloren und somit das weiße Kleid der Gerechtigkeit und Unschuld Christi
eingebüßt; daher lässt ihm Christus sagen: „Du hast den Namen, dass du lebst,
und bist tot.“
Wie viele auch unter uns
Scheinchristen sind, die zwar die äußerliche Gestalt der Christen haben, aber
ohne den lebendigen Glauben, ohne den Geist, ohne das innere Leben der Christen
sind, das ist Gott allein bekannt; denn die offenbar Gottlosen können wir
Menschen wohl von den Frommen (Seite 202) unterscheiden, aber
nicht die Scheinchristen von den wahren Christen. Sie sind das Unkraut auf dem
Acker der Kirche, das wir nicht ausjäten, sondern wachsen lassen sollen bis auf
den Tag der Ernte. Sie sind die Hochzeitsgäste, welche mit den Christen hier zu
Tische sitzen, bis endlich der König, der die Hochzeit bereitet hat, selbst
kommen wird. Was dann geschehen wird, das lasst mich euch nun zweitens zeigen,
lasst mich euch nämlich nun zu eurer Warnung auch das Schicksal des
Scheinchristen in jener Welt vor Augen stellen.
II.
Wir folgen hierbei den Worten
Christi in unserem Evangelium. Darin heißt es aber weiter also: „Da ging der
König hinein, die Gäste zu besehen.“ Hiernach gibt es also einen Tag, an
welchem Gott, der das Hochzeitsfest seiner Gnade auf Erden gestiftet hat, eine
Besichtigung aller Gäste vornehmen wird. Es wird also nicht immer so bleiben,
wie es jetzt ist. Jetzt hält Gott noch keine Musterung, er lässt es geschehen,
dass in seiner Kirche Tausende sich unter die Christen mischen, die für
Christen gehalten werden, und die es doch nicht sind; Gott offenbaret den
Scheinchristen noch nicht; er lässt ihm dieselbe Ehre wie dem wahren, er lässt
ihm dieselbe Taufe erteilen, dasselbe Wort der Gnade predigen, dieselbe
Absolution sprechen und denselben Leib und dasselbe Blut seines Sohnes im
heiligen Abendmahl reichen. Er macht keinen Unterschied, sondern lässt Christen
und Scheinchristen dahingehen, wie Weizen und Unkraut mit einander auf Einem
Felde wachsen, von Einer Sonne beschienen, von Einem Regen und Tau gefeuchtet
und von Einem Zaun geschützt. Es scheint daher, als wisse es Gott selbst nicht,
oder als acht er es doch nicht, dass manche darunter sind, die wohl andere
Werke haben, als die offenbar Ungläubigen, aber kein anderes Herz; es scheint
daher, als würden einst alle, die sich christlich verhalten und hier zusammen
leben, auch einst dort zusammen zu Tische sitzen an der Hochzeitstafel des
ewigen Lebens. Aber so scheints nur. Es kommt ein Tag, da wird der König des
Himmels alle, die sich bei ihm als „Gäste“ eingefunden haben, „besehen“.
Wie? sollte ihm, der Augen hat, wie Feuerflammen, dann etwas entgehen?
Lasst uns weiter hören. Christus
spricht nämlich ferner: „Und sah allda einen Menschen, der hatte kein
hochzeitlich Kleid an.“ Hier hören wir es. Dem Auge Gottes wird dann nichts
entgehen. Was kein Mensch auf Erden sehen konnte, das wird Gott augenblicklich
entdecken. Das christliche Leben, was ein Scheinchrist geführt hat, wird dann
wie ein schmutziges, zerrissenes Kleid
erscheinen, das seine nackte sündhafte Seele nicht bedecken kann. Was dann auch
die Scheinchristen vornehmen mögen, in der ganzen jenseitigen Welt wird es
keinen Winkel geben, in welchem sie sich vor Gottes Auge verstecken, keinen
Berg und keinen Hügel, mit welchem sie sich bedecken könnten. Vor Gott und
allen Engeln und Auserwählten werden sie dann dastehen in der ganzen Schande
ihrer Blöße.
Was wird nun der Himmelskönig tun?
Christus antwortet uns hierauf: „Und (er) sprach zu ihm: Freund, wie bist du
hereingekommen, und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?“ Ihr sehet, Gott
wird einst die Scheinchristen auffordern, sich zu verantworten, warum sie trotz
so vieler Predigten, die sie gehört, trotz so vieler Ermahnungen, Warnungen und
Bestrafungen, die sie erhalten, trotz so vieler Züge und Erweckungen des Heiligen
Geistes, die sie erfahren, und trotz der christlichen Gemeinschaft, in welcher
sie gelebt haben, sich doch nie rechtschaffen und von Herzen bekehrt haben,
doch zu keinem lebendigen Glauben und doch zu keinem neuen Herzen gekommen
sind. Was werden aber dann die Scheinchristen antworten? -- Christus sagt es
uns -- er spricht: -- „Er aber verstummte.“ -- Sie werden also keine
Entschuldigung wissen. Ihr eignes Herz wird sie überzeugen, ihr eignes Gewissen
sie verdammen, und sie werden fürchten, dass alle ihre rechtschaffenen
Mitchristen, die dieselben Mittel, ja vielleicht weniger als sie, gehabt haben,
wenn sie sich entschuldigen wollten, als Zeugen gegen sie auftreten würden. Sie
werden daher bald vor Scham erröten, bald vor Schrecken erbleichen -- zittern
-- beben und – „verstummen“.
Wird es aber Gott etwa mit dieser
verdienten Beschämung sein Bewenden haben lassen? Ach nein! Christus fährt
vielmehr also fort: „Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände
und Füße, und werfet ihn in die äußerste Finsternis hinaus, da wird sein Heulen
und Zähnklappen; denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ O
furchtbares Urteil! dann werden dem Scheinchristen Hände und Füße gebunden; die
Gnadenzeit, wo er noch Gutes tden Weg zum Himmel noch gehen kann, wird ihm also
abgeschnitten. Er muss hinaus aus dem Himmel, wo Gott und das Lamm als die
Sonne leuchtet; er muss hinaus in die ewige „Finsternis“, wo kein Licht
des Trostes ihm wieder aufgeht, wo kein Lob Gottes mehr von seinen
heuchlerischen Lippen gehört wird, sondern „Heulen und Zähnklappen“, das
heißt, unerträgliche glühende Hitze und zugleich unerträgliche schaurige Kälte
wird ihn peinigen. Kein wahrer Christ, der ihn hier seinen Bruder nannte, wird
dann um ihn sein; seine Gemeinschaft sind die Verdammten und die Geister der
Hölle; -- und das alles ohne Ende; kein Stern der Hoffnung einer einstigen
Erlösung erleuchtet der Scheinchristen dunkle Nacht; sie wissen es, sie müssen
ihre Qual tragen -- nicht hundert, nicht tausend Jahre -- nein! -- von Ewigkeit
zu Ewigkeit. -
Was soll ich nun, nachdem ich mit
euch jetzt vor Gottes Thron gestanden bin, seinem strengen Urteilsspruch mit
euch zugehört und der Vollstreckung desselben mit euch zugeschaut habe, was
soll ich nun zum Schlusse sagen? -- Ich rufe euch allen zu: Ach, meine lieben
teuren Brüder und Schwestern, lasset uns hierbei um Gottes willen nicht an
unseren Nachbar, nicht an den und jenen denken, den unser arges Herz vielleicht
für einen Scheinchristen hält, sondern lasset uns alle an uns selbst denken.
Lasset uns bedenken: mit Gott und unserer Seligkeit ist nicht zu scherzen!
Lasset uns diese Warnung seines Wortes nicht in den Wind schlagen. Lasset uns
selbst uns prüfen, ehe der HERR kommt, uns zu besehen. Lasset uns nicht
zufrieden sein mit einem bloßen Scheinchristentum, sondern uns dem HERRN
darstellen, wie wir sind; lasset uns hier täglich als arme Sünder ihm zu den
Füßen fallen, mit Ernst nach der Seligkeit trachten, von Herzen an Christum
glauben, von Herzen Christo folgen, von Herzen ihm dienen; so wird er uns auch
einst für die Seinigen erkennen, ja, wenn wir einst in die Ewigkeit eingehen,
so wird man fragen: „Wer sind diese mit weißen Kleidern angetan? Und woher sind
sie gekommen?“ Und der HERR selbst wird antworten: "Diese sind es, die
gekommen sind aus großer Trübsal, und haben ihre Kleider gewaschen, und haben
ihre Kleider helle gemacht in dem Blut des Lammes.“ Amen. Amen.
Sacharja 3, 1-7: Und mir wurde gezeigt der Hohepriester Josua, stehend vor
dem Engel des HEERRN; und der Satan stand zu seiner Rechten, dass er ihm
widerstünde. Und der HERR sprach zu dem Satan: Der HERR schelte dich, du Satan;
ja, der HERR schelte dich, der Jerusalem erwählt hat! Ist dieser nicht ein
Brand, der aus dem Feuer errettet ist? Und Josua hatte unreine Kleider an und
stand vor dem Engel, welcher antwortete und sprach zu denen, die vor ihm
stunden: Tut die unreinen Kleider von ihm! Und er sprach zu ihm: Siehe, ich
habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen.
Und er sprach: Setzt einen reinen Hut auf sein Haupt! Und sie setzten einen
reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an, und der Engel des HERRN
stand da. Und der Engel des HERRN bezeugte Josua und sprach: So spricht der
HERR Zebaoth: Wirst du in meinen Wegen wandeln und meiner Hut warten, so sollst
du regieren mein Haus und meine Höfe bewahren; und ich will dir geben von
diesen, die hier stehen, dass sie dich geleiten sollen.
Geliebte in dem HERRN Christus!
In der ganzen Heiligen Schrift wird uns die
Rechtfertigung oder Vergebung der Sünden unter dem Bild einer Gerichtshandlung
dargestellt, so schon in den Worten 1. Mose 15, 6: „Aram glaubte dem HERRN, und
das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ Der HERR hatte Abraham in seiner
schweren Anfechtung die Verheißung gegeben, dass seine Nachkommenschaft so
zahlreich sein werden wie die Sterne am Himmel. Das war für ihn, der schon im
hohen Alter stand und noch keinen leiblichen Sohn hatte, eine unbegreifliche Verheißung.
Dennoch glaubte sie Abraham, und das rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit,
erklärte ihn deswegen für einen Gerechten.
In demselben Sinn spricht David im 143.
Psalm: „Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein
Lebendiger gerecht. Denn der Feind verfolgt meine Seele.“ David erblickt sich
nach diesen Worten als einen Ungerechten, einen Sünder, den Feind, den Satan,
als seinen Ankläger, Gott als seinen Richter, der das Urteil über ihn zu
sprechen hat, und fleht daher zu ihm, dass er nicht mit ihm ins Gericht gehen,
nämlich kein verdammendes Urteil über ihn fällen möge.
Noch vollständiger aber erscheint die
Rechtfertigung als eine gerichtliche Handlung in den bekannten Worten Röm. 8:
„Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht
macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr,
der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ Da
haben wir alle Personen, die in einer Gerichtsverhandlung erscheinen: die
Auserwählten als die Angeklagten, den, der sie beschuldigt oder verklagt, nach
Offb. 12, 10 Satan, „der sie verklagt Tag und Nacht vor Gott“; ferner den
Anwalt, Christus, der die Angeklagten vor dem Richterstuhl Gottes verteidigt,
und endlich Gott als den Richter, der die Angeklagten aufgrund des Todes und
der Auferstehung Christi und seiner Vertretung für gerecht erklärt, ein
freisprechendes Urteil über sie fällt.
Dasselbe, und zwar ein nach allen Seiten
vollständiges Bild der Rechtfertigung als einer gerichtlichen Handlung, haben
wir in den verlesenen alttestamentlichen Textworten, in welchen der
Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN als der Angeklagte erscheint.
Der Gegenstand unserer Betrachtung sei daher:
Der
Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN
Dieser wird
1. von dem Satan verklagt,
2. vom dem HERRN gerechtfertigt,
3. in seinem Amt bestätigt.
1.
„Mir wurde gezeigt der Hohepriester Josua,
stehend vor dem Engel des HERRN. Und der Satan stand zu seiner Rechten, dass er
ihm widerstände.“ So lesen wir zu Anfang unseres Textes. Der Prophet Sacharja
erblickt also den Hohenpriester Josua, den ersten Hohenpriester des Volkes, als
dieses aus der Gefangenschaft in Babel nach Jerusalem zurückgekehrt war, vor
dem Engel des HERRN als Angeklagten. Der Engel des HERRN ist kein anderer als
der Engel des Bundes, Christus, und vor diesem war der Satan als Ankläger
Josuas erschienen, denn das sagen die Worte: „dass er ihm widerstände“. Er
verklagte Josua vor dem HERRN, aber nicht ihn allein für seine Person, sondern
mit ihm das ganze Volk, dessen Vertreter er in seiner Eigenschaft als
Hoherpriester war. Als Angeklagter stand Josua zur Linken, Satan als Ankläger
zu seiner Rechten, wie es zu jener Zeit in Gerichtsverhandlungen zu geschehen
pflegte.
Weswegen verklagte Satan den Hohenpriester?
Das sagen und die Worte V. 3: „Und Josua hatte unreine Kleider an und stand vor
dem Engel“, das heißt, er stand dort in seinen Sünden und Missetaten des
Menschen, weshalb es Jes. 64, 4 heißt: „Wir sind allesamt wie die Unreinen, und
alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid.“ Wenn aber Josua in
unreinen Kleidern dastand, so ist damit nicht etwa gesagt, dass er ein
besonders großer Sünder war, sich schwerer Sünden schuldig gemacht hatte. Aber
er hatte sich mit den Gefangenen lange Zeit in einem heidnischen Land, in
Babel, befunden, er selbst und viele andere waren darin aufgewachsen, und da
hatte es denn an dieser oder jener Beteiligung, an allerlei Verschuldigungen in
gottesdienstlicher Hinsicht nicht gefehlt. Dessen gab sich Josua, den die
Propheten Haggai und Sacharja sonst hoch in Ehren hielten, ohne Zweifel auch
schuldig; und deswegen verklagt ihn nun der Satan vor dem HERRN, dass er als
ein Unreiner, mit Sünden Befleckter, nicht würdig sei, das Hohepriesteramt zu
verwalten oder als ein Unreiner der Hohepriester und Vertreter des unreinen
Volkes zu sein, im Heiligtum des HERRN vor Gott zu erscheinen.
Aber wie Josua dort, so stehen auch wir,
meine Zuhörer, vor dem Richterstuhl des HERRN, und wie dort Satan Josua
widerstand, als sein Ankläger auftrat, so ist er auch der Ankläger eines jeden
von uns, wie uns das schon vorhin aus der Offenbarung angeführte Wort, dass der
Satan die Heiligen Tag und Nacht vor Gott anklagt, deutlich lehrt. Verklagte er
nicht selbst den frommen und gottesfürchtigen Hiob vor Gott, indem er dessen
Aufrichtigkeit anzweifelte, seine Frömmigkeit auf Eigennutz zurückzuführen suchte?
Das zeigt uns, welch ein boshafter Geist der Satan ist. Zuerst versucht er die
Kinder Gottes, um sie zu allerlei Sünden zu verleiten, wie er unsere ersten
Eltern im Paradies versuchte und sie von Gott abfällig machte, ferner Christus
selbst, um ihn zum Misstrauen, zur Verleugnung seines himmlischen Vaters und zu
fluchwürdiger Abgötterei zu verleiten. Ist ihm das boshafte Werk gelungen, hat
er die Gläubigen zu dieser oder jener Sünde verführt, dann ändert er seine
Rolle, wird aus dem Versucher der Ankläger und macht die vorher so lieblich
dargestellte Sünde so schwarz und groß, wie er nur kann, um sie wie Judas in
Verzweiflung zu stürzen. Daher schreibt Petrus: „Seid nüchtern und wacht! Denn
euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht,
welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!“ So ein frecher Geist
ist dieser Widersacher, dass er es wagt, vor dem heiligen Gott selbst als
Ankläger zu erscheinen, dass er, obwohl selbst ein Verdammter, von dem
gerechten Richter es geradezu fordert, dass er über die Gläubigen das Urteil
der Verdammnis ausspreche.
Hat er Anlass, als unser Ankläger vor Gott
aufzutreten? Merkt wohl, ich sage nicht: Hat er ein Recht dazu? Denn woher
sollte er, der Versucher und Verführer, dieses Recht haben? Ich frage vielmehr:
Hat er Anlass, uns zu verklagen? Freilich, denselben Ansatz wie bei Josua! Denn
stehen wir in reinen oder unreinen Kleidern, als Sünder oder als Heilige vor
Gott? Ach, wenn wir auf unsere Werke, unseren Wandel blicken, so stehen auch
wir in unreinen Kleidern, mit so mancher Sünde verunreinigt, da; denn wer will
einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist? Da ist kein Gebot Gottes,
dessen Übertretung wir uns nicht schuldig bekennen müssen, wenn auch nicht
äußerlich grober Taten, so doch im Herzen, in Gedanken und Worten. Wie so gar
fehlt es, um nur das eine zu erwähnen, an der Erfüllung des ersten Gebots, dass
wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen! Wie oft fürchten wir
Menschen mehr als Gott; wie oft lieben wir Geld und Gut und Menschen mehr als
Gott; wie oft vertrauen wir auf irdische, vergängliche Dinge mehr als auf Gott!
So müssen wir denn wahrlich mit Johannes sagen: „Wenn wir sagen, wir haben
keine Sünde, dann verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“
und mit Hiob: „Wenn ich mich gleich mit Schneewasser wüsche und reinigte meine
Hände mit dem Brunnen, so wirst du mich doch tunken in den Kot, und werden mir
meine Kleider scheußlich anstehen.“ Wen wir aber dies bekennen müssen, was für
ein Urteil haben wir dann von dem heiligen Richter zu erwarten? Darauf lasst
uns nun zweitens nach unserem Text blicken.
2.
Wir lesen nicht, dass Josua auch nur mit
einer Silbe sich gegen die Anklagen Satans verantwortet hätte, sondern nur:
„Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel.“ Schweigend stand er
da, und sein Schweigen war das Bekenntnis seiner Schuld. Im Buch Esra wird
berichtet, dass mehrere unter seinen Kindern heidnische Frauen in Babel
genommen und sich dadurch gegen das ausdrückliche Gebot Gottes versündigt
hatten. Im Bewusstsein seiner Schuld wagte er es nicht, auch nur ein
Wort zu seiner Verteidigung vorzubringen.
Aber stand er schuldbewusst und schweigend
da, so übernahm nun der Engel des HERRN selbst seine Verteidigung; denn so
heißt es weiter: „Der HERR schelte dich, du Satan; ja, der HERR schelte dich,
der Jerusalem erwählt hat! Ist dieser nicht ein Brand, der aus dem Feuer
errettet ist?“ Er wies also nicht bloß den Satan mit seiner Anklage ab, sondern
schalt ihn aufs höchste, dass er es wagte, Josua zu verklagen, und gibt als
Grund an, dass der HERR selbst Jerusalem erwählt habe, und dass Josua als ein
Brand aus dem Feuer errettet worden sei. Gott der HER hatte sich aufs neue die
aus der Gefangenschaft Zurückgekehrten zu seinem Volk und Erbteil und Jerusalem
als den Ort erwählt, wo sein Name wohnen sollte, und dies wollte nun der Satan
hindern, Josua und das Volk verworfen haben. Gott der HERR hatte besonders
Josua wie einen Brand aus dem Feuer errettet, ihn aus der Gefangenschaft
befreit, in der er so viele Leiden und Trübsale, Spott und Hohn wie in einem
Feuer hatte erdulden müssen, dass er wie ein ins Feuer geworfenes und
angebranntes Holzscheit, das aus dem Feuer herausgerissen wird, erschien. Gott
selbst hatte ihn aus Barmherzigkeit herausgerissen, aus dem feurigen Ofen der
babylonischen Gefangenschaft errettet, und nun wollte Satan ihn verdammt und in
das ewige Feuer geworfen haben. So widerstand Satan nicht allein Josua, sondern
auch Gott dem HERRN selbst, indem er den Gerechten verworfen, den Erretteten
der Verdammnis überantwortet wissen wollte.
Nachdem aber Satan mit seiner Anklage
abgewiesen und gescholten war, wandte sich der HERR denen zu, die um ihn
standen, das heißt, zu den heiligen Engeln, die allezeit vor seinem Thron als
seine Diener stehen, damit sie seine Befehle vollziehen, und sprach zu ihnen:
„Tut die unreinen Kleider von ihm!“ Und er sprach zu ihm: „Siehe, ich habe
deine Sünde von dir genommen.“ Das Ausziehen der unreinen Kleider bezeichnet
nichts anderes als Vergebung der Sünden, deren sich Josua schuldig gemacht
hatte. Nicht also verurteilt, verdammt, wurde Josua von dem HERRN, sondern
gerechtfertigt. Anstatt der unreinen wurden ihm Feier- oder Festkleider
angezogen. Welch ein Wechsel oder Wandel ging also mit Josua vor! Mit unreinen
Kleidern, als ein Sünder, war er vor dem Richterstuhl erschienen, mit
festlichen, glänzenden Kleidern, als Reiner oder Heiliger, steht er jetzt da.
Satan ist mit seiner Anklage zuschanden geworden; Josua ist gerechtfertigt, zu
Gnaden angenommen worden.
So, meine Zuhörer, handelt Gott der HERR
noch immer in Bezug auf bußfertige Sünder. Mögen sie immerhin Sünder, mögen
ihre Sünden noch so groß, und mögen ihrer noch so viele sein, mag sie Satan
noch so sehr verklagen: Gott der HERR nimmt sich ihrer dennoch an, weist den
Satan mit seinen Anklagen ab und vergibt ihnen um Christi, ihres Heilandes,
willen, der sie von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels mit
seinem heiligen und teuren Blut erlöst hat, alle ihre Sünden. Er spricht zu
ihnen, wie es Jes. 1 heißt: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie
doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch
wie Wolle werden.“ Er zieht auch sie mit Feierkleidern an, mit dem herrlichen
Verdienst Christi, und in diesen stehen sie als vollkommene Heilige da, an
denen kein Flecken oder Runzel oder des etwas ist, sondern die ganz heilig und
unsträflich sind.
Fürchte dich darum, mein Zuhörer, vor den
Anklagen Satans nicht, sondern halte dich in bußfertigem Glauben an Christus,
deinen Heiland! Auf ihn hat Gott der HERR alle deine Sünden geworfen; er hat
sie alle gebüßt, die Strafe bezahlt, das Gesetz vollkommen für dich erfüllt und
dir eine vollkommene Gerechtigkeit erworben, und die rechnet Gott auch dir zu
und rechtfertigt dich wie Josua. Verklagen dich deine Sünden, verklagt dich
Satan so, dass du ausrufst:
Wo
soll ich fliehen hin,
Weil
ich beschweret bin
Mit
viel und großen Sünden?
Wo
soll ich Rettung finden?
Wenn
alle Welt herkäme,
Mein
Angst sie nicht wegnähme,
kannst
du auf alle Anklagen ebenso wenig wie Josua ein Wort zu deiner Verteidigung
erwidern, rufe ihm dennoch keck und kühn zu:
Wirfst
du mir mein Sündgen vor?
Wo
hat Gott befohlen,
Dass
mein Urteil über mir
Ich
bei dir soll holen?
Wer
hat dir die Macht geschenkt,
Andre
zu verdammen,
Der
du selbst doch liegst versenkt
In
der Höllen Flammen?
Hab
ich was nicht recht getan,
Ist
mir’s leid von Herzen;
Dahingegen
nehm ich an
Christi
Blut und Schmerzen;
Denn
das ist die Ranzion
Meiner
Missetaten;
Bring
ich dir vor Gottes Thron,
Ist
mir wohl geraten.
Ja, so sprich in festem Vertrauen; denn der
HERR wird den Satan auch als deinen Ankläger schelten, deine Missetat von dir
nehmen und dich mit Feierkleidern antun, dass du mit dem Propheten Jesaja
fröhlich rühmen kannst: „Ich freue mich in dem HERRN, und meine Seele ist
fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und
mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit
priesterlichem Schmuck geziert.“ Ja, mit priesterlichem Schmuck geziert, wie
Josua dritt4ens in seinem priesterlichen Amt bestätigt wurde.
3.
Josua wird nicht allein von dem HERRN
gerechtfertigt, sondern auch in seinem Amt als Hoherpriester bestätigt; denn so
heißt es weiter: „Und sprach: ‚Setzt einen reinen Hut auf sein Haupt!‘ Und sie
setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an; und der Engel
des HERRN stand da.“ Der Hut war ein Teil der Amtstracht des Hohenpriesters,
die er bei seinen Amtshandlungen im Tempel anzulegen hatte. Er war mit einem
Stirnband aus feinem Gold versehen, in welches die Worte: „Die Herrlichkeit des
HERRN“ eingegraben waren. Außer mit diesem Hut wurde er mit den anderen
hohepriesterlichen Gewändern geschmückt, so dass er in dem vollen
hohepriesterlichen Ornat dastand und feierlich als Hoherpriester Gottes erklärt
und bestätigt wurde. Dies bezeugte ihm der Engel des HERRN in den Worten:
„Wirst du in meinen Wegen wandeln und meiner Hut warten, so sollst du regieren
mein Haus und meine Höfe bewahren; und ich will dir geben von diesen, die hier
stehen, dass sie dich geleiten sollen.“ Als Hoherpriester soll Josua das Haus
Gottes, das heißt, die Kirche des Alten Testaments, und dessen Vorhöfe, alles,
was mit ihm in Beziehung stand, bewahren und in acht nehmen, und dies dadurch,
dass er in den Wegen des HERRN wandelte, seine Ordnungen bewahrte und sich in
allen seinen Handlungen nach dem Wort, den Geboten, richtete. Wenn er dies treu
und gewissenhaft tue, dann solle er dermaleinst auch unter denen, die dort vor
dem Richterstuhl Christi standen, den heiligen Engeln, wandeln vor dem
Angesicht Gottes. Solche herrliche Verheißung wurde Josua gegeben.
Können wir dies alles auf uns anwenden?
Nun, wir sind keine Hohenpriester wie Josua, aber alle Gläubigen sind
geistliche Priester; denn Petrus schreibt in seinem ersten Brief an alle
Christen: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das
heilige Volk, das Volk des Eigentums.“ Schon durch die heilige Taufe sind sie
geistliche Priester geworden. Und worin besteht ihr priesterlicher Dienst?
Petrus sagt es in den Worten: „dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der
euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Die Tugenden,
die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, alle Wohltaten, die Gott ihnen erwiesen
hat, indem er sie von der Finsternis des Unglaubens zu dem Licht seliger
Erkenntnis berufen und gebracht hat, sie sollen sie lehren, anderen
verkündigen, die Hausväter und Hausmütter als Priester ihre Kinder und
Hausgenossen lehren, sie im Wort mit Fleiß unterrichten, mit ihnen die Opfer
des Gebets darbringen. Wenn wir als gläubige Christen das tun, dann beweisen wir
uns als geistliche Priester, dann wandeln wir in den Wegen Gottes, bewahren
seine Ordnungen, lehren wie die Hausgemeinde Gottes.
Dass alle Christen stets der hohen Würde,
die sie als geistliche Priester besitzen, eingedenk sein und sich als solche
besonders in ihrem Haus, in ihrer Familie, beweisen möchten! Wie ganz anders
würde es in so vielen Häusern aussehen, wenn in ihnen das Wort Gottes gelesen
und betrachtet würde, wenn das Gebet von dem Altar des Hauses emporstiege, das
Opfer des Dankes dargebracht würde! Beweisen wir uns denn als solche
geistlichen Priester! Lasst uns je länger je völliger im Dienst unseres Gottes
und Heilandes stehen! Er hat ja auch uns in Gnaden angenommen, den Satan für
uns gescholten, mit seinen Anklagen abgewiesen, uns die unreinen Kleider der
eigenen Gerechtigkeit aus- und die Kleider des Heils, den Rock der
Gerechtigkeit, uns angezogen und uns zu seinem königlichen Priestertum gemacht,
so wird er denn auch seine Verheißung an uns erfüllen, dass wir dereinst unter
den heiligen Engeln wandeln, mit ihnen vor seinem Thron in der seligen Ewigkeit
stehen und seine Gnade und Barmherzigkeit ohne Unterlass preisen. Das geschehe
um Christi, unseres Heilandes, willen! Amen.
Sacharja 12, 10-13, 1: Aber über das Haus David und über die Bürger zu Jerusalem
will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets; denn sie werden mich
ansehen, welchen jene zerstochen haben, und werden ihn klagen, wie man klagt
ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein
erstes Kind. Zu der Zeit wird große Klage sein zu Jerusalem, wie die war bei
Hadad–Rimon im Feld Megiddo. Und das Land wird klagen, ein jegliches Geschlecht
besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Weiber besonders,
das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Weiber besonders, das
Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht
Simei besonders und ihre Frau besonders; also alle übrigen Geschlechter, ein
jegliches besonders und ihre Frauen auch besonders.
Zu der Zeit wird das Haus David und die
Bürger zu Jerusalem einen freien offenen Born haben wider die Sünde und
Unreinigkeit.
In dem gekreuzigten Heiland geliebte
Zuhörer!
Wenn wir die Weissagungen von dem Messias
im Alten Testament mit der im Neuen Testament berichteten Erfüllung
vergleichen, so sehen wir, dass jene nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im
Einzelnen, in den scheinbar unwichtigen, den Nebenumständen, auf das genaueste
in Erfüllung gegangen sind. Der Prophet Jesaja hatte geweissagt: „Siehe eine
Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen
Immanuel“ – und von der reinen Jungfrau Maria ist der Immanuel geboren worden.
Derselbe Prophet hatte verkündigt: „Er schießt auf vor ihm wie eine Reis und
wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich“ und hatte damit auf die unscheinbare,
niedrige Geburt Christi nach seiner menschlichen Natur hingewiesen, und Maria,
seine Mutter, war, obwohl aus dem Geschlecht Davids, eine arme, niedrige Magd,
die Vertraute eines einfachen Handwerkers, so dass er vor den Menschen als ein
schwacher, unansehnlicher Sprössling aus einem dürren Wurzelstock erschien.
Maria wohnte zu Nazareth in Galiläa, der nördlichen Provinz des gelobten
Landes; aber der Prophet Micha hatte geweissagt: „Du Bethlehem-Ephrata, die du
klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel
HERR sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“, und
damit diese Weissagung buchstäblich erfüllt werde, musste der mächtige römische
Kaiser Augustus sein Gebot der Schatzung ausgehen lassen, durch das Maria
veranlasst wurde, die Reise nach Bethlehem in Judäa, der südlichen Provinz des
Heiligen Landes, anzutreten, damit dort von ihr der Heiland geboren werde. Nach
Nazareth zurückgekehrt, wuchs der HERR dort in der Abgeschiedenheit und Stille
unbeachtet auf, wurde für den Sohn eines Zimmermanns oder Baumeisters gehalten,
und als er aus der Verborgenheit heraus sein öffentliches Lehramt antrat, da
erfüllte sich das Wort des Propheten: „Er hatte keine Gestalt noch Schönheit.
Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.“ Die Juden
hatten in dem Messias einen Mann von vornehmer Herkunft, von imponierender
Gestalt, die allgemeines Aufsehen und Bewunderung hervorrufen würde, erwartet;
stattdessen ging er in der Gestalt eines einfachen Lehrers einher, der in den
Synagogen lehrte und das Evangelium vom Reich Gottes verkündigte. Anstatt eines
glänzenden Herrschers sehen sie einen einfachen Lehrer, an dem sie kein
Gefallen finden konnten. Seht da die buchstäbliche Erfüllung dieser
Weissagungen in scheinbar geringfügigen Dingen.
So auch hinsichtlich der Weissagung in
unserem heutigen Text. Sie richtet den Blick auf den leidenden, ja den toten
Heiland, verkündet, dass er „zerstochen“, eines gewaltsamen Todes gestorben
ist, dessen Anblick denen, die ihn zerstochen haben, ins Herz schneidet, dass
sie um ihn eine schmerzliche Weh- und Bußklage anstimmen, als sie erkennen, was
sie getan haben. Hierauf lasst mich denn aufgrund des verlesenen Textes eure
Aufmerksamkeit richten, nämlich auf
Die
große Bußklage zu Jerusalem
Wir sehen, dass sie
1. um den geschieht, welchen sie zerstochen
haben,
2. eine allgemeine und schmerzliche ist,
3. eine segensreiche Frucht hat.
1.
„Zu der Zeit wird eine große Klage sein zu
Jerusalem“, so, meine Zuhörer, heißt es in unserem Text. Fragen wir, über wen
diese große Klage sein werde, so erhalten wir die Antwort von dem Propheten in
den Worten: „Denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben.“
Wer ist es, der durch den Propheten von
sich sagt, dass sie ihn zerstochen oder durchbohrt haben? Derselbe, welcher im
ersten Vers dieses Kapitels von sich sagt, dass er den Himmel ausbreitet und
die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht, sodann, dass er
Jerusalem zum Taumelbecher für alle Völker, die Schwachen und Strauchelnden
unter seinen Einwohnern zu Helden wie einst David machen und alle Heiden, die
feindlich gegen Jerusalem gezogen sind, vertilgen, aber über das Haus David und
die Bürger zu Jerusalem den Geist der Gnade ausgießen werde. Wer breitet den
Himmel aus, wer gründet die Rede, wer macht in dem Menschen den Odem, wer gießt
seinen Geist der Gnade über Jerusalem aus? Das kann kein anderer sein als der
einige wahre Gott, Jahwe; denn das sind lauter Werke der Allmacht, der
Schöpfung, dessen, der da spricht, und es geschieht, der da gebietet, und es
steht da.
Aber dieser allmächtige Gott, der
unveränderlich, ewig und unsterblich ist, sagt durch den Propheten in unserem
Text von sich: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben, und
werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn
betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind“, das heißt, sie werden um
ihn die schmerzlichste Totenklage anstimmen. Wie! der Allmächtige soll von
Ohnmächtigen getötet, der Unsterbliche gestochen werden, der Ewige soll ein
Ende – und ein solches Ende – gefunden haben? Meine Freunde! Die Lösung dieses
scheinbaren Widerspruchs oder unlösbaren Rätsels ist im Text selbst gegeben,
wenn wir nur genau auf seine Worte achten. Denn während der Redende zuerst von
sich selbst sagt: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben“,
also von sich selbst redet, wendet er sogleich diese Rede, als gälte sie einer
anderen Person, da er fortfährt: „Und werden um ihn klagen, wie klagt um
ein einiges Kind.“ Aber der, welcher zuerst von sich sagt: „Sie werden mich
ansehen“ und dann: „Wie werden um ihn klagen“, als um eine andere,
dritte, von ihm geschiedene Person, ist doch derselbe. Er sagt es von sich und
kann es von sich sagen, weil er beides, Gott und Mensch in einer Person
ist, nämlich der Heiland, Jesus Christus, wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau
Maria geboren, der, sofern er wahrer Gott ist, ewig und unsterblich, aber
insofern er wahrer Mensch ist, sterblich ist und zerstochen werden konnte und
zerstochen worden ist. Wie? Das wissen wir alle, denn wir bekennen im zweiten
Artikel: „Ich glaube an Jesus Christus, seinen einigen Sohn, unseren HERRN, der
empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, gelitten
unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Ja, fassen wir das
Wort „zerstochen“ im weiteren Sinn, so weissagt der Prophet damit das ganze
unschuldige Leiden des HERRN, dessen Höhepunkt oder Letztes das Zerstechen war.
Denn zerstochen, durchbohrt wurde sein Rücken, als er von den römischen
Kriegsknechten so furchtbar gegeißelt wurde, durchstochen sein Haupt, als ihm
die Dornenkrone mit ihren scharfen Stacheln aufs Haupt gesetzt und gedrückt
wurde, durchstochen wurden seine Hände und Füße mit Nägeln, mit denen er ans
Kreuz geschlagen wurde, durchstochen seine Seite, als einer der Kriegsknechte,
als er sah, dass er schon gestorben war, anstatt, wie bei den beiden
Übeltätern, ihm die Beine zu brechen, seine Seite mit einem Speer öffnete; und
dies Letztere ist es, was der Prophet besonders mit dem Wort „zerstochen“
weissagt.
Welch ein Bild, Geliebte, stellt uns also
der Prophet bei näherer Betrachtung in den Worten: „Sie werden mich ansehen,
welchen jene zerstochen haben“ im Licht der Erfüllung vor das Auge! Ein Bild,
in dem wir Gott selbst, den eingeborenen Sohn Gottes, im Fleisch erschienen, am
Kreuz auf Golgatha erblicken, sein Haupt durch eine Dornenkrone zerstochen,
seine Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt, seine Seite mit einem Speer
geöffnet, zerstochen am Haupt, zerstochen an Händen und Füßen, zerstochen in
der Seite, aus der Blut und Wasser hervorquillt. Und auf ihn, den so
Zerstochenen, ist der Blick derer, die unter dem Kreuz stehen, gerichtet; sie
sehen ihn an und klagen um ihn. Stehen auch wir heute im Geist unter seinem
Kreuz, sehen wir ihn an als den, welchen wir zerstochen haben; sprechen
wir mit dem Dichter:
O
Haupt voll Blut und Wunden,
Voll
Schmerz und voller Hohn!
O
Haupt, zum Spott gebunden
Mit
einer Dornenkron!
O
Haupt, sonst schön gezieret
Mit
höchster Ehr und Zier,
Jetzt
aber höchst schimpfieret:
Gegrüßet
seist du mir!
Dann
werden auch wir in die große Klage einstimmen, von der der Prophet in unserem
Text redet.
2.
Der Prophet fährt fort: „Zu der Zeit“ oder,
wie es eigentlich heißt, an dem Tag, „wird große Klage sein zu Jerusalem, wie
die war bei Hadad-Rimon im Feld Megiddo“ und vergleicht die große Klage zu
Jerusalem um den Zerstochenen mit der, welche einst bei Hadad-Rimon
stattgefunden hat.
Was das für eine Klage war, ersehen wir aus
dem 35. Kapitel des 2. Buches der Chronik. Als nämlich der König Necho von
Ägypten mit seinem Kriegsheer heranzog, zog ihm Josia, der König Israels,
entgegen. Auf dem Feld oder im Tal Megiddo kam es zur Schlacht, und in ihr
wurde Josia von einem Pfeil durchbohrt, tödlich verwundet. Er wurde aus der
Schlacht geführt, nach Jerusalem gebracht und starb dort an seiner Wunde.
Dieser Josia war der frömmste unter allen Königen Judas und wurde daher von dem
ganzen Volk, namentlich aber von den Gottesfürchtigen, aufs schmerzlichste
beklagt. Der Prophet Jeremia verfasste ein Trauerlied, Sänger und Sängerinnen
klagten um ihn in Trauerliedern, die in eine Sammlung von Trauerliedern
aufgenommen und lange Zeit von dem Volk gesungen wurden. Mit dieser Wehklage
des ganzen Volkes vergleicht der Prophet die Wehklage um die Tötung des Messias
und bezeichnet sie schon dadurch als eine allgemeine und überaus schmerzliche.
Aber dies auch damit, dass er sagt: „Sie
werden ihn beklagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn
betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind.“ Wenn Eltern das
erstgeborene Kind durch den Tod verlieren, so ist der Schmerz über seinen
Verlust viel größer, als wenn sie von mehreren Kindern eines verlieren. Und so
groß, so schmerzlich werde, so weissagt der Prophet, die Trauer oder Klage um
den zerstochenen Messias sein. Aber nicht nur überaus schmerzlich, sondern auch
allgemein, denn er führt fort: „Das ganze Land wird klagen, ein jegliches
Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Frauen
besonders; das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Frauen
besonders; das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Frauen besonders;
das Geschlecht Simei besoners und ihre Frauen besonders, also alle übrigen
Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre Frauen auch besonders.“ Kurz: So
allgemein wird diese laute Wehklage sein, dass die königlichen und
priesterlichen Geschlechter, die Männer und die Frauen, Junge und Alte,
allesamt sie erheben werden.
Ist diese Weissagung in Erfüllung gegangen,
meine Freunde? Ertönt dort unter dem Kreuz auf Golgatha nicht vielmehr Hohn und
Spott und Lästerung? Wohl! Aber lesen wir nicht auch, als der HERR zur
Richtstätte hinausgeführt wurde: „Es folgte ihm nach ein großer Haufe Volk und
Frauen, die klagten und beweinten ihn“, nicht auch, dass der Hauptmann, als er
sah, was da geschah, ausrief: „Wahrlich, dieser ist ein frommer Mensch und
Gottes Sohn gewesen“, und dass alle, die dabei waren und zusahen, an ihre Brust
schlugen? Mochte diese Klage bei vielen nur die Folge natürlicher Rührung oder
natürlichen Mitleids sein, sie wurde doch laut. Und klagte nicht das ganze
Land, als die Sonne ihren Schein verlor, das Land sich gleichsam in das
Trauergewand der Finsternis hüllte, wodurch die Bewohner umso mehr in Furcht
und Schrecken versetzt wurde, da sie eine plötzliche und wunderbare war?
Aber damit hatte diese Bußklage kein Ende.
Blickt auf jene große Versammlung zu Jerusalem am ersten neutestamentlichen
Pfingsten! Da predigte Petrus den aus allen Ländern Zusammengekommenen den,
welchen ihre Obersten zerstochen und getötet hatten, und rief ihnen am Schluss
zu: „So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr
gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christ gemacht hat.“ Die Rede ging ihnen
durchs Herz und erschütterte sie so, dass sie zu den Aposteln sprachen: „Ihr Männer,
liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Sie erhielten die Antwort: „Tut Buße, und
lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der
Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ Damit wurde
auch die in unserem Text enthaltene Weissagung erfüllt: „über das Haus David
und die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des
Gebets“, nämlich den Heiligen Geist, der in den sündigen Menschen die Erfahrung
der göttlichen Gnade wirkt, so dass sie, erleuchtet mit seinen Gaben, um Gnade,
Vergebung der Sünde flehen und dann erst recht erkennen, wen sie zerstochen,
welche Sünde und Schuld sie dadurch auf sich geladen haben. Denn ohne die
Mitteilung des Heiligen Geistes gibt es keine bußfertige Erkenntnis des
gekreuzigten Heilandes und keine wahre Bußklage um ihn.
Wird diese Bußklage heute noch gehört?
Blickt, meine Zuhörer, auf den dort am Kreuz Zerstochenen! Lässt dich sein
Anblick kalt? Meinst du etwa, dass du ihn nicht auch zerstochen oder durchbohrt
hast? Oder musst du nicht bei seinem Anblick ausrufen:
Ich,
ich und meine Sünden,
Die
sich wie Körnlein finden
Des
Sandes an dem Meer,
Die
haben dir erreget
Das
Elend, das dich schläget,
Und
das betrübte Marterheer.
Ich
bin’s, ich sollte büßen,
An
Händen und an Füßen
Gebunden
in der Höll.
Die
Geißeln und die Banden,
Und
was du ausgestanden,
Das
hat verdienet meine Seel!
Das ist die große Bußklage, die in den
Herzen aller Bußfertigen im ganzen Land ertönt, da sie durch den Heiligen Geist
zur Erkenntnis ihrer Sünde und Schuld gekommen sind, mit der sich aber auch das
Gnadenflehen verbreitet:
Nun,
was du, HERR, erduldet,
Ist
alles meine Last;
Ich
hab es selbst verschuldet,
Was
du getragen hast.
Schau
her, hier steh ich Armer,
Der
Zorn verdienet hat:
Gib
mir, o mein Erbarmer,
Den
Anblick deiner Gnad!
Ich
will hier bei dir stehen,
Verachte
mich doch nicht!
Von
dir will ich nicht gehen,
Wenn
dir dein Herze bricht.
Wenn
dein Haupt wird erblassen
Im
letzten Todesstoß,
Alsdann
will ich dich fassen
In
meinen Arm und Schoß.
Selig, die so in Buße über ihre Sünde
klagen und um Gnade flehen; denn sie sind es, denen die große Verheißung am
Schluss unseres Textes gilt, die wir drittens noch kurz betrachten wollen.
3.
Diese Verheißung lautet: „Zu der Zeit
werden das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen freien, offenen Born
haben gegen die Sünde und Unreinigkeit.“ Haben das Haus David und die Bürger zu
Jerusalem eine so furchtbare Schuld dadurch auf sich geladen, dass sie den
Schuldlosen zerstochen, auf grausame Weise gemartert und getötet haben, so hat
der barmherzige Gott ihre Tat nach seinem ewigen Rat so gewendet, dass in ihr
ihnen die größte Gnade zuteil werden soll, weil ihnen nämlich von jener Zeit an
ein offener Born, das heißt, eine unaufhörlich fließende Quelle, eröffnet
werden wird, durch die sie von aller Sünde und Unreinigkeit gereinigt werden
sollen. Und dieser Born, diese stetig fließende Quelle, welches ist sie? Es
sind die Wunden, die unserem Heiland geschlagen worden sind, es ist der breite
Spalt in seiner Seite, durch den Stoß des Speers geöffnet, und das aus den
Wunden und dem Spalt fließende Blut und Wasser sind der reinigende Strom, der
die Tatsünde wie die ganze Unreinigkeit und Sündhaftigkeit hinwegschwemmt. So
verkündigt denn unser Prophet in diesen Worten dasselbe, was Jesaja verkündigt
hat, indem er weissagte: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich
unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen
und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um
unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir
Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Ja, „das Blut Jesu
Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“.
Welch ein Born der Gnade! Und dieser Born
fließt im Evangelium, in der Taufe und im heiligen Abendmahl wie in seinen
Kanälen daher, strömt in und durch die Vergebung der Sünden auf alle herab, aus
deren Herzen über die Lippen diese Bußklage in der Kirche, dem
neutestamentlichen Jerusalem, ertönt. Welch selige, herrliche Frucht: volle
Rechtfertigung oder Vergebung und aus ihr hervorgehend wahre Heiligung; denn
wer durch diesen Born gereinigt ist und immerdar gereinigt wird, der spricht
auch von Herzen mit dem Dichter:
Ach,
lass deine tiefen Wunden
Frische
Lebensbrunnen sein!
Wenn
mir alle Kraft verschwunden,
Wenn
ich schmacht in Seelenpein,
Senk
in Abgrund deiner Gnaden
Alle
Schuld, die mich beladen.
Ach,
lass deine Todespein
Nicht
an mir verloren sein!
Aber
auch:
Ich
will mich mit dir schlagen
Ans
Kreuz und dem absagen,
Was
meinem Fleisch gelüst‘.
Was
deine Augen hassen,
Das
will ich fliehn und lassen,
Soviel
mir immer möglich ist.
Amen.
Jeremia 7, 1-14: Dies ist das Wort, welches geschah zu Jeremia vom HERRN,
und sprach: Tritt ins Tor im Hause des HERRN und predige daselbst dies Wort und
sprich: Hört des HERRN Wort, ihr alle von Juda, die ihr zu diesen Toren
eingeht, den HERRN anzubeten. So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels:
Bessert euer Leben und Wesen, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort.
Verlasst euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel,
hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer
Leben und Wesen, dass ihr recht tut einer gegen den andern und den Fremdlingen,
Waisen und Witwen keine Gewalt tut und nicht unschuldig Blut vergießt an diesem
Ort; und folgt nicht nach anderen Göttern zu eurem eigenen Schaden; so will ich
immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, im Land, das ich euren Vätern
gegeben habe. Aber nun verlasst ihr euch auf Lügen, die nichts nütze sind.
Daneben seid ihr Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige und räuchert dem Baal
und folgt fremden Göttern nach, die ihr nicht kennt. Danach kommt ihr denn und
tretet vor mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und
sprecht: Es hat keine Not mit uns, weil wir solche Gräuel tun. Haltet ihr denn
dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Mördergrube? Siehe, ich
sehe es wohl, spricht der HERR. Geht hin an meinen Ort zu Silo, da vorhin mein
Name gewohnt hat, und schaut, was ich daselbst getan habe um der Bosheit willen
meines Volks Israel. Weil ihr denn alle solche Stücke treibt, spricht der HERR,
und ich stets euch predigen lasse, und ihr wollt nicht hören, ich rufe euch,
und ihr wollt nicht antworten: So will ich dem Haus, das nach meinem Namen
genannt ist, darauf ihr euch verlasst, und dem Ort, den ich euren Vätern
gegeben habe, eben tun, wie ich Silo getan habe.
Geliebte in dem HERRN!
Die eben vernommenen Textworte führen uns
ein lebensvolles Bild vor das Auge. Es findet die Feier eines der hohen
Jahresfeste des israelitischen Festes statt. Zu dieser Feier stellen sich die
Bewohner der Stadt Jerusalem und des jüdischen Landes ein. Sie kommen in
Scharen zu dem Berg Zion, um im Tempel des HERRN das Fest zu begehen. Sie
wollen an der heiligen Stätte den HERRN anbeten und ihm Opfer darbringen. Da
geschieht das Wort des HERRN zu dem Propheten Jeremia. Er erhält den Befehl,
sich mitten in das Tor, durch welches die herankommenden Scharen das Heiligtum,
den Tempel, betreten wollen, zu stellen und von dort aus ihnen eine Botschaft
seines Gottes zu verkündigen. Der Prophet tut, wie ihm befohlen ist. Er tritt
in das Tor am Haus des HERRN, ist dort allen Herankommenden sichtbar und ruft
ihnen mit lauter Stimme zu: „So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels:
Bessert euer Leben und Wesen, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort.
Verlasst euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel,
hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer
Leben und Wesen!“
Bereitet ihnen der Prophet damit nicht
einen eigentümlichen Empfang? Sie kommen in großer Menge herbei, wollen im
Tempel ein hohes Fest begehen, vor dem HERRN anbeten und opfern, aber der
Prophet stellt sich ihnen im Tor in den Weg, wehrt ihnen den Eingang, hält
ihnen eine ernste, drohende Strafpredigt, fordert sie auf, anstatt zu feiern,
ihr Leben und Wesen zu bessern, aufrichtige Buße zu tun, und droht ihnen, wenn
sie in ihrem gottlosen Wesen verharren, mit völliger Vernichtung der heiligen
Stätte. Warum das? Weil sie sich auf die Lügen verlassen, die lauten: „Hier ist
des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ und
doch in Sünden dahingehen, das heißt, in dem Wahn leben, dass es wohl um sie
stehe, dass sie sicher und geboren seien, weil sie den Tempel des HERRN hätten
und darin ihren Gottesdienst verrichteten. Wie tief sich dieser Wahn bei dem
Volk eingewurzelt hatte, zeigt uns das Verhalten des Volks in späterer Zeit.
Aber derselbe oder doch ein ähnlicher Wahn
hat sich öfter auch zur Zeit des Neuen Testaments bei einzelnen Gemeinden und
bei Kirchengemeinschaften geltend gemacht. Das ist ein eitler, gefährlicher
Wahn. Betrachten wir daher zur Warnung aufgrund unseres Textes:
Der
eitle Wahn, in dem sich das jüdische Volk auf den Tempel des HERRN verließ
Wir sehen, wie der Prophet
1. diesen Wahn aufs ernstlichste straft,
2. rechtschaffene Besserung fordert und
3. mit völliger Zerstörung des Tempels
droht.
1.
„Verlasst euch nicht auf die Lügen“, ruft
Jeremia dem Volk zu, „wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des
HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ Das dreimalige „Hier ist des HERRN
Tempel!“ sagt uns, wie tief das eitle Vertrauen auf den Tempel bei dem Volk
eingewurzelt war. Vermehrt und genährt wurde dieses eitle Vertrauen durch die
falschen Propheten. Während Jeremia verkündigte, dass das Volk nur dann Segen
und Frieden habe, wenn es den HERRN, seinen Gott, fürchte, in seinen Geboten wandle,
lehrten und betörten jene das Volk, dass es kein Unglück und den Zorn Gottes
nicht zu befürchten habe, obwohl es in Sünden dahinlebte. Jeremia rief, wie es
im achten Vers des sechsten Kapitels heißt, dem Volk zu: „Bessere dich,
Jerusalem, ehe sich mein Herz von dir wende, und ich dich zum wüsten Land
mache!“ Die falschen Propheten lehrten das Gegenteil; denn so heißt es V. 13:
„Beide, Propheten und Priester, lehren allesamt falschen Gottesdienst und
trösten mein Volk in seinem Unglück, dass sie es gering achten sollen und
sagen: Friede, Friede! Und ist doch kein Friede.“ Dadurch nährten und
bestärkten sie den Wahn des Volks, dass es von keinem Strafgericht Gottes
betroffen, von keinem Unglück würde heimgesucht werden, weil Jerusalem die
heilige Stadt und der Tempel die Wohnung Gottes sei. Es hielt eine Eroberung
der Stadt und vor allem eine Zerstörung des Tempels für unmöglich. Jerusalem
hatte sich Gott erwählt, damit sein Name dort wohne. (2. Chron. 6, 6.) Salomo
hatte auf dem Berg Zion auf besonderen Befehl Gottes den herrlichen Tempel
erbaut als den gottesdienstlichen Mittelpunkt des ganzen Landes und Volkes. Im
Allerheiligsten des Tempels befand sich die Bundeslade mit den Gesetzestafeln,
dort thronte über den Cherubim die Herrlichkeit des HERRN in einer Lichtwolke,
das sichtbare Zeichen der Gnadengegenwart Gottes unter seinem Volk. Darauf
vertraute das Volk in fleischlicher Sicherheit und meinte, dass eine so heilige
Stadt, ein so herrlicher Ort wie der Tempel vor jeder Zerstörung und es selbst
vor allem Unglück sicher sei. Dieser Wahn war bei dem Volk zu einer fixten Idee
geworden, seit Sanherib, der König von Assyrien, als er Jerusalem mit seinem
starken Heer belagerte und unverrichteter Sache hatte abziehen müssen nachdem
von dem Engel des HERRN 185.000 Mann seines Heeres getötet worden waren, wie
Jesaja verkündigt hatte: „Er soll nicht kommen in die Stadt und soll keinen
Wall um sie schütten, sondern den Weg, den er gekommen ist, soll er
wiederkehren, dass er in diese Stadt nicht komme, spricht der HERR. Denn ich
will diese Stadt schützen, dass ich ihr aushelfe um meinetwillen und um meines
Dieners David willen.“ (Jer. 37, 33 ff.) Wie es damals geschehen war, so
meinten sie, werde und müsse es immer geschehen: Gott müsse seine Stadt und
sein Heiligtum schützen und könne sie den Heiden nicht preisgeben.
Das war der eitle Wahn des Volkes, den der
Prophet so ernstlich als fleischliche Sicherheit strafte. Lügen nannte er die
Reden der falschen Propheten, mit denen sie das Volk in seinem Wahn bestärkten,
warnte es davor, sich auf diese Lügen zu verlassen und zu pochen: Jerusalem ist
die heilige Stadt, der Tempel ist Gottes Wohnung, wir sind sein auserwähltes
Volk, sein Eigentum, darum sind wir vor allem Unglück sicher; er schützt seine
Stadt, seinen Tempel, sein Eigentum, sein Volk.
Findet das noch heute seine Anwendung,
meine Geliebten? Sowohl auf einzelne wie auf Gemeinden und Synoden. Wenn du,
mein Zuhörer, bei dir sagst: „Ich bin getauft, bin Glieder dieser christlichen
Gemeinde, höre Gottes Wort, komme hier und da zum Sakrament, darum kann es mir
nicht fehlen“, bist aber doch ein fleischlicher, unbekehrter Mensch, so bist du
in demselben Wahn befangen wie jene Juden. Wenn in einer Gemeinde oder Synode
diese oder jene Sünden ungestraft geduldet werden oder im Schwange gehen; wenn
in ihnen das Wort Gottes nicht mehr Regel und Richtschnur ist, wonach man
wandelt; wenn, um mit den Worten des Propheten zu reden, den Fremdlingen,
Waisen und Witwen Gewalt getan wird, wenn man anderen Göttern nachfolgt, den
Götzen der Weltlust, der Augenlust und des hoffärtigen Wesens opfert, in Sünden
und Lüsten dahinlebt und meint, es sei alles recht und gut, wenn man sich nur
zum Tempel, zur Kirche, halte und Gottes Wort äußerlich bekenne: So ruft man
wie damals das jüdische Volk: „Hier ist des HERRN Tempel!“ Mag man immerhin so
rufen, sich rühmen: „Wir sind eine rechtgläubige Gemeinde, eine rechtgläubige
Synode, wir haben die reine Lehre“, so ist das fleischliche Sicherheit,
gefährlicher Selbstbetrug. Wenn wir die reine Lehre zum Ruhekissen, das äußerliche
kirchliche Wesen zum Deckmantel des fleischlichen Wesens und der Sünde machen,
dann gilt heute wie damals das Wort des Propheten in unserem Text: „Danach
kommt ihr denn und tretet vor mich in diesem Haus, das nach meinem Namen
genannt ist, und sprecht: Es hat keine Not mit uns, weil wir solche Gräuel tun.
Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinen Namen genannt ist, für eine
Mördergrube? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der HERR!“ Er, der Allwissende,
prüft Herzen und Nieren, lässt sich durch den Schein äußerlicher kirchlicher
Rechtgläubigkeit und Frömmigkeit nicht täuschen. Was Jeremia jenen Scharen
zurief, die zu den Toren des Tempels eingehen wollten, den HERRN anzubeten, das
ruft er allen zu, die jenen gleich zum Gottesdienst kommen. Aber er straft
solch eitlen Wahn nicht nur als fleischliche Sicherheit, sondern fordert auch
zweitens zu rechtschaffener Buße auf.
2.
Der Prophet ruft dem Volk im Tor des
Tempels zu: „Spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und
Wesen, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf die
Lügen, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel,
hier ist des HERRN Tempel! Sondert bessert euer Leben und Wesen, dass ihr
recht tut einer gegen den anderen.“ Worin das Recht, das einer an dem
anderen tun sollte, bestand, sagt er in den Worten des sechsten Verses: Sie
sollen den Fremdlingen, Witwen und Waisen keine Gewalt antun, nicht
unschuldiges Blut an diesem Ort vergießen und nicht anderen Götzen folgen zu
ihrem eigenen Schaden.
In Bezug auf die Fremdlinge, die
Nichtisraeliten, die sich entweder nur vorübergehend oder dauernd im Land
aufhielten, hatte Gott besondere Gesetze gegeben, durch die sie vor Unrecht,
Bedrückung und Gewalttätigkeit geschützt werden sollten. 2. Mose 22, 21 heißt
es: „Den Fremdling sollst du nicht schinden noch unterdrücken; denn ihr seid
auch Fremdlinge gewesen in Ägypten.“ Betreffs der Witwen und Waisen heißt es in
V. 22: „Ihr sollt keine Witwen und Waisen beleidigen. Wirst du sie beleidigen,
so werden sie zu mir schreien, und ich werde ich Schreien erhören, so wird mein
Zorn ergrimmen, dass ich euch mit dem Schwert töte und eure Frauen zu Witwen
und eure Kinder zu Waisen werden.“ Durch diese und ähnliche Gesetze hatte Gott
die Witwen und Waisen in seine besonderen Schutz genommen, sie vor
Gewalttätigkeit sichergestellt. Aber wie andere, so wurden auch diese Gebote
übertreten, es wurde an Witwen und Waisen gefrevelt. Wie streng war aller
heidnische Götzendienst verboten! Lautet doch das erste Gebot: „Du sollst nicht
andere Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein
Gleichnis machen; … bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ Aber immer wieder
verfiel das Volk in Abgötterei und in die damit verbundenen Gräuel und Laster.
Mehr noch! Der Prophet schleudert dem Volk die Worte ins Gesicht: „Ihr seid
Diebe, Mörder, Ehebrecher, Meineidige und räuchert dem Baal und folgt fremden
Göttern nach, die ihr nicht kennt. Danach kommt ihr denn und tretet vor mich in
diesem Haus, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Es hat keine Not
mit uns, weil wir solche Gräuel tun. Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem
Namen genannt ist, für eine Mördergrube?“ Alle diese Sünden und Gräuel tut ihr,
übertretet in grober Weise meine Gebote, und dann kommt ihr hier in den Tempel,
um für eure Gräuel Ablass zu finden, mit euren Opfern, Gebeten, eurem
äußerlichen Dienst genugzutun. Heißt das nicht, diesen heiligen Tempel zu einer
Räuberhöhle machen, zu einer Stätte für Verbrecher, wo ihr Schutz und Ermunterung
für eure Sünden findet? Aber der HERR sieht euer Treiben, durchschaut eure
Heuchelei. Darum bessert euch, tut ernste, rechtschaffene Buße, bekehrt euch
von eurem bösen Wesen und Leben! Dann will ich bei euch wohnen an diesem Ort,
spricht der HERR Zebaoth, will euch gnädig und barmherzig sein und will diese
Stadt und diesen Tempel schützen vor den Feinden. So predigte der Prophet dem
Volk, das zum Tempel kam, Buße. Nicht mit Sünden beladen sollen sie in den
Tempel des HERRN treten, sondern mit wahrhaft bußfertigen Herzen.
Das Volk unseres Landes will ja im Ganzen
ein christliches sein. Der Präsident fordert alle Jahre auf, einen
Danksagungstag zu begehen. In welchem Land gibt es wohl mehr kirchliche Gebäude
als in dem unseren? In den großen und kleinen Städten und selbst auf dem Land
gibt es mehr kirchliche Gebäude als genug. Aber welche Sünden gehen im
Schwange! Betrug und Diebstahl überall. Von Mord und Todschlag berichten die
Tagesblätter alle Tage. In keinem anderen Land gibt es so viele Ehescheidungen
und Ehebrecher. Dem Götzen Mammon wird in unerhörter Weise gedient. Und doch
will man ein christliches Volk sein!
Aber blicken wir auf die
Gemeinden! Wer in dieser oder jener Sünde lebt und dabei meint, wenn er sich
nur zur Kirche halte, so sei damit alles zugedeckt, es habe mit ihm keine Not,
der macht auch das Gotteshaus zu einer Räuberhöhle, die Absolution zu einem
Freibrief für sein gottloses Wesen und Leben. Solchen ruft der Prophe5t zu: Tu
Buße, suche von Herzen im Blut Christi Vergebung und befleißige dich, ein
frommes, Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Handle gerecht gegen den
Nächsten, hilf den Witwen und Waisen, den Armen und Notleidenden, sonst ruft
Gott dir die Worte des 50. Psalms zu: „Was verkündigst du meine Rechte und nimmst meinen Bund in
deinen Mund, so du doch Zucht hassest und wirfst meine Worte hinter dich? Wenn
du einen Dieb siehst, so läufst du mit ihm und hast Gemeinschaft mit den
Ehebrechern. Dein Maul lässt du Böses reden, und deine Zunge treibt Falschheit.
Du sitzest und redest gegen deinen Bruder, deiner Mutter Sohn verleumdest du.
Das tust du, und ich schweige. Da meinst du, ich werde sein gleich wie du. Aber
ich will dich strafen und will dir’s unter Augen stellen. Merkt doch das, die
ihr Gott vergesst, dass ich nicht einmal hinreiße, und sei kein Retter mehr
da!“ Solchen droht zeitliches und ewiges Verderben, wie der Prophet in unserem
Text jenen Juden, wenn sie sich nicht besserten, mit völliger Zerstörung des
Tempels droht.
3.
„Geht hin“, fährt der Prophet fort, „an
meinen Ort zu Silo, da zuvor mein Name gewohnt hat, und schaut, was ich
daselbst getan habe um der Bosheit willen meines Volks Israel.“ Er fordert sie
auf, nach Silo zu gehen. Silo war von Josua bis auf Samuel die heilige Stätte,
weil sich dort die Stiftshütte mit der Bundeslade befand, und der HERR dort
unter seinem Volk wohnte. Als aber das Volk in seiner Abgötterei verharrte,
wurde Silo von Grund auf zerstört und eine Stätte des Fluchs. An die Stelle
Silos war dann Jerusalem, wo Salomo den Tempel au dem Berg Morija erbaut hatte,
und dieser an die Stelle der Stiftshütte getreten, wohin die Bundeslade
überführt worden war. Aber nun fährt der Prophet fort: „Weil ihr denn alle
solche Stücke treibt, spricht der HERR, und ich stets euch predigen lasse, und
ihr wollt nicht hören, ich rufe euch, und ihr wollt nicht antworten, so will
ich dem Haus, das nach meinem Namen genannt ist, darauf ihr euch verlasst, und
dem Ort, den ich euren Vätern gegeben habe, eben tun, wie ich Silo getan habe.
Und will euch von meinem Angesicht wegwerfen, wie ich weggeworfen habe alle
eure Brüder, den ganzen Samen Ephraim.“ Damit droht der Prophet: Wie Silo,
obwohl es eine geweihte Stätte war, um der Bosheit des Volks willen zerstört
worden ist, so soll Jerusalem samt dem Tempel zerstört werden, und wie das Volk
Israel in die assyrische Gefangenschaft geführt worden ist, so sollt ihr
gefangen weggeführt werden. Euer Pochen auf Jerusalem und den Tempel als von
Gott erwählte und heilige Stätten ist vergeblich. Er wird sie und euch nicht
verschonen, wenn ihr nicht von Herzen Buße tut und euch bessert.
Die ernste Warnung des Propheten war
vergeblich. Das Volk besserte sich nicht. Da kam Nebukadnezar, der König von
Babel, belagerte die Stadt, nahm sie ein, zerstörte sie und den Tempel und
führte das Volk in die Gefangenschaft nach Babel, wo sie an den Wässern saßen
und weinten. Noch während der Belagerung hielt das Volk an seinem Wahn fest,
aber Stadt und Tempel sanken in Trümmer, und von den Einwohnern blieben nur die
Geringen und Armen im Land, alle anderen wurden in die Gefangenschaft geführt.
Der Tempel war eine heilige Stätte, Salomo hatte ihn auf das feierlichste
eingeweiht; aber da ihn das Volk zu einer Räuberhöhle gemacht hatte,
verwandelte ihn Gott durch Nebukadnezar in seinem gerechten Zorn in einen
Trümmerhaufen. Ein Volk, das seines Gottes Gebote verachtet, ein sündigendes
Volk an heiliger Stätte, das ist der größte Frevel, das ist Tempelschändung.
Das heißt, wie Jeremia es in unserem Text nennt, das Gotteshaus zu einer
Räuberhöhle machen.
Als die Juden nach siebzig Jahren aus der
babylonischen Gefangenschaft unter der Führung Serubabels und des
Hohenpriesters Josua nach Jerusalem zurückkehrten, schritten sie zum
Wiederaufbau des Tempels. Dieser, viel geringer als der zerstörte, wurde später
von Herodes erweitert und mit einem Schmuck ausgestattet, dass darin den des
salomonischen noch weit übertraf. Aber wieder war das Volk in solch gottloses
Wesen und Leben versunken, dass es Christus, den ihm verheißenen Messias,
kreuzigte und wiederum darauf vertraute, dass es um der Stadt und des Tempels
willen sicher sei. Titus, der römische Feldherr, wollte Stadt und Tempel
schonen und ließ daher die Belagerten zur Übergabe auffordern; aber ein
gewisser Johannes, Befehlshaber der Stadt, rief auf diese Aufforderung:
„Eroberung fürchte ich nimmermehr, denn die Stadt ist Gottes.“ Die Juden
kämpften in diesem Wahn mit größter Erbitterung, aber vergeblich; Stadt und
Tempel sanken in Schutt und Trümmer, und das Volk wurde in alle Länder
zerstreut. Wie der HERR selbst unter Tränen verkündigt hatte, so geschah es: Es
blieb nicht ein Stein auf dem anderen, der nicht zerbrochen wurde.
Lassen wir uns dieses wiederholte
Strafgericht Gottes, die Zerstörung seines heiligen Tempels, den er sich zur
Wohnung erwählt hatte, zur Warnung dienen! Der heilige Gott wohnt nicht unter
einem unheiligen Volk, an keiner Stätte, wo aus einem Tempel eine Räuberhöhle
gemacht wird. Das Vertrauen auf äußere Stätte und Orte und auf einen nur
äußerlichen, heuchlerischen Gottesdienst ist ein eitler, gefährlicher Wahn.
Gott sieht das Herz an, will aufrichtige, bußfertige Herzen haben, die ihn
fürchten und in seinen Geboten wandeln.
Wahr ist’s, Gott ist
wohl stets bereit
Dem Sünder mit
Barmherzigkeit,
Doch wer auf Gnade sündigt hin,
Fährt fort in seinem bösen Sinn
Und seine Seele selbst nicht schont,
Der wird mit Ungnad abgelohnt.
Lasst und darum zum HERRN flehen:
Hilf, o HERR Jesus, hilf du mir,
Dass ich jetzt komme bald zu dir
Und Buße tu den Augenblick,
Eh mich der schnelle Tod hinrück,
Auf dass ich heut und jederzeit
Zu meiner Heimfahrt sei bereit.
Amen.
1. Samuel 17, 45-46: David aber sprach zu dem Philister: Du kommst zu mir mit
Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth,
des Gottes des Heeres Israels, den du gehöhnt hast. Heute wird dich der HERR in
meine Hand überantworten, dass ich dich schlage und nehme dein Haupt von dir
und gebe den Leichnam des Heeres der Philister heute den Vögeln unter dem
Himmel und dem Wild auf Erden, dass alles Land inne werde, dass Israel einen
Gott hat.
In dem HERRN geliebte
Zuhörer!
Das Leben des Christen
auf dieser Erde ist ein fortwährender Kampf. Es ist ein großer Irrtum, wenn ein
Gläubiger meint, als Christ Ruhe haben zu können Er hat freilich Frieden mit
Gott und Ruhe in Gott; denn er ist im Glauben aus dem Evangelium gewiss, dass
ihm seine Sünden um Christi willen vergeben sind, dass nicht mehr Gottes Zorn,
sondern Gottes Wohlgefallen auf ihm ruht, dass er ein geliebtes Kind Gottes und
ein Erbe des ewigen Lebens ist. Darum schreibt der Apostel Röm. 5, 1: „Nun wir
denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott
durch unsern HERRN Jesus Christus.“ Darum singen wir mit dem Dichter: „Ein
Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass; all Fehd hat nun
ein Ende.“
Aber so gewiss ein Christ
Frieden mit Gott hat, so gewiss muss er mit den Kindern dieser Welt im Kampf
stehen. Das ist Gottes Wille und Ordnung; denn es heißt 1. Mose 3, 15: „Ich
will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und
ihrem Samen.“ Das Wort galt zunächst dem Samen der Frau, Christus, aber es gilt
auch den Christen. Wie Jesu Leben auf Erden ein ununterbrochener Kampf mit den
Juden, besonders den Pharisäern und Schriftgelehrten, war, so versuchen auch
die Kinder dieser Welt die Christen zu bekämpfen und zu verfolgen. Das Wort des
HERRN an seine Jünger: „Wärt ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre lieb;
nun ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich habe euch von der Welt
erwählt, darum hasst euch die Welt“ und das andere: „Haben sie mich verfolgt,
sie werden euch auch verfolgen“ hat sich zu allen Zeiten bewahrheitet, wie uns
die Geschichte der Welt bezeugt. „In der Welt habt ihr Angst“, sagt der HERR;
und so ist es und so wird es bleiben.
Das gilt nun besonders
auch euch, meine Konfirmanden. Ihr tretet mit eurer Konfirmation mehr oder
weniger aus dem Elternhaus in die Welt hinaus oder aus der Schule in das Leben.
Soll ich ein anderes Bild gebrauchen, so müsste ich sagen: Ihr seid bisher
Rekruten gewesen, nun sollt ihr als Soldaten ins Feld, in den Kampf ziehen. Und
dieser Kampf soll recht gekämpft werden, soll ein siegreicher Kampf sein. Darum
möchte ich euch jetzt einen Kämpfer vor Augen stellen, der euch als Vorbild
dienen kann, der, obwohl noch ein Knabe, gegen einen Riesen kämpfte, aber weil
er im Namen des HERRN kämpfte, siegreich den Riesen überwand. Dies geschehe
aufgrund des gehörten Textes. So seht denn:
Davids Kampf mit Goliath
1. Es war scheinbar ein
ungleicher Kampf, aber
2. ein Kampf im Namen des
HERRN und
3. ein siegreicher Kampf.
1.
Davids Kampf mit Goliath
war erstens ein ungleicher Kampf, wenn wir auf die beiden Kämpfer blicken wie
sie sich unserem Auge äußerlich darstellen. Wie verschieden, welche
Ungleichheit! Goliath war ein Riese. Er war, wie aus dem Kapitel, aus dem unser
Text genommen ist, berichtet wird, „ein Riese, sechs Ellen und eine Handbreit
hoch“, nach unserem Maß etwa drei Meter. In dem ganzen Heer der Philister war
er bei weitem der größte und stärkste unter den Kriegern. Und er war ein in
Waffen, im Kriegsdienst geübter und erfahrener, gewandter Krieger. Dessen war
er sich auch wohl bewusst. Im Vertrauen auf seine Stärke und Tüchtigkeit trat
er aus dem Heer der Philister hervor, verhöhnte wiederholt das ganze Heer der
Kinder Israel und forderte einen aus demselben zum Zweikampf auf, wie es zu
jener Zeit Sitte war. Er rief ihnen zu: „Erwählt einen unter euch, der zu mir
herkomme! Gebt mir einen und lasst uns miteinander streiten!“ Aber keiner wagte
es, sich mit ihm in einen Zweikampf einzulassen; denn es heißt: „Da Saul und
ganz Israel diese Rede des Philisters hörten, entsetzten sie sich und
fürchteten sich sehr.“
Und der andere Kämpfer –
David? Er war noch ein Knabe, ein zarter junger Mann, der jüngste unter den
acht Söhnen Isais. Seine drei ältesten Brüder befanden sich im Heer Sauls, um
gegen die Philister zu streiten. David, als zu jung, war bei seinem Vater
geblieben. Als dieser ihn zu dem Heer sandte, um zu sehen, wie es seinen
Brüdern ginge, und ihnen Lebensmittel zu bringen, hörte er die Herausforderung
des Philisters und die Verhöhnung des israelitischen Heeres. Sogleich war er
bereit, die Herausforderung anzunehmen. Vor den König Saul gebracht, sprach er
zu diesem: „Dein Knecht soll hingehen und mit dem Philister streiten.“ Der
König erwiderte ihm: „Du kannst nicht hingehen gegen diesen Philister, mit ihm
zu streiten; denn du bist ein Knabe, dieser aber ist ein Kriegsmann von seiner
Jugend auf.“
Wir sehen also, David war
noch ein zarter junger Mann und ein einfacher Hirte, der die Schafe seines
Vaters hütete, war im Kampf unerfahren und seiner Gestalt nach weder groß noch
stark. Goliath hingegen stand im vollen Mannesalter, war seiner Gestalt nach
ein Riese und im Kampf wohl geübt und erfahren. Dennoch nahm jener die
Aufforderung an. Wie ungleich die beiden Kämpfer!
Was für eine Anwendung
kann bei dieser Geschichte auf uns gemacht werden? so werdet ihr fragen. Ich
habe schon gesagt, dass jeder Christ in dieser Welt ein Kämpfer ist, und dass
ihr mit dem heutigen Tag mehr oder weniger in die Welt hinaus und damit auf den
Kampfplatz tretet. Diejenigen, gegen die ihr zu kämpfen haben werdet, sind die
Philister dieser Zeit: die Kinder der Welt, des Unglaubens; und ihrer ist auch
ein ganzes Heer. Aber wie der eigentliche Kämpfer der Riese Goliath war, so ist
es hier der höllische Goliath, Satan, der Fürst dieser Welt, der sein Werk in
den Kindern des Unglaubens hat, sie zum Hass, zur Feindschaft gegen die Kinder
Gottes antreibt. Und er ist auch ein Riese, ein starker Gewappneter, wie ihn
der HERR nennt. „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist; auf Erd ist
nichts seinsgleichen.“ Er geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen
er verschlinge. Und er ist kampfgeübt und kampfgerüstet. Mit diesem Riesen
sollt ihr kämpfen!
Was seid ihr dagegen?
Junge Männer und junge Frauen, Knaben im zarten Alter wie David. Ich blicke
nicht sowohl auf euren Körper als auf eure Geistesstärke. Seid ihr reich an
Erkenntnis, stark im Glauben, geübt im Kampf, zu dem ihr berufen und verordnet
seid? Ich muss und ihr selbst müsst es bekennen: Nein, nein, wir sind vielmehr
arm an Erkenntnis, schwach im Glauben, ungeübt im Kampf. Wir können uns mit dem
Knaben David nicht vergleichen, und unser Feid ist stärker als der, mit dem
David in den Kampf ging. Und doch sollt ihr gegen diesen starken und grausamen
Feind auf den Kampfplatz treten, mit ihm die Waffen kreuzen? Ist das nicht ein
gänzlich ungleicher, ein aussichtsloser Kampf? So könnte es scheinen. Aber
blickt auf den jungen Mann, den Knaben David. Dieser ging dem Riesen Goliath im
Namen des HERRN Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, entgegen, und das
machte ihn getrost, freudig und voller Zuversicht im Kampf. Hiervon nun
zweitens.
2.
Der König Saul meinte,
wenn David mit dem gerüsteten Kriegsmann kämpfen wolle, so müsste er auch die
volle Rüstung eines Kriegers tragen, und ließ ihn daher seine eigene
Kriegsrüstung anlegen. Welch ein Bild: der Knabe David in der Kriegsrüstung
Sauls, der ein Haupt länger war als alles Volk! Er konnte sich in dieser
Rüstung kaum bewegen. Hätte er so mit Goliath gekämpft, so wäre er sicherlich
erschlagen worden. Sofort legte er darum die Rüstung wieder ab, zog seine
gewöhnlichen Kleider an und nahm weiter nichts mit sich als seine Schleuder und
fünf glatte steine aus dem Bach. So machte er sich zu dem Philister. Als dieser
ihn so daherkommen sah, verachtete er ihn; denn es heißt: „David war ein Knabe,
bräunlich und schön.“ Er4 sah es als eine Beschimpfung an, dass dieser Knabe
ihm ohne Kriegsrüstung und Waffen entgegentrat. „Bin ich denn ein Hund“, so
rief er ihm im Grimm zu, „dass du mit einem Stecken zu mir kommst?“ Und er
fluchte David bei seinem Gott. Dieser erwiderte ihm in heiligem Trotz: „Du kommst
zu mir mit Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des HERRN
Zebaoth, des Gottes des Heeres Israels, den du gehöhnt hast.“
Wir sehen, Goliath
vertraute auf seine eigene riesige Kraft, auf seine Gewandtheit und gewaltige
Rüstung. Er hatte einen ehernen Helm auf seinem Haupt, einen festen Panzer um
seine Brust, stählerne Schienen an den Beinen, einen ehernen Schild in seiner
Linken und einen gewaltigen Spieß in seiner rechten Hand. In dieser Rüstung
glaubte er, sicher zu sein. David hatte weder Helm noch Panzer, weder Spieß
noch Schwert, sondern nur eine Schleuder und fünf glatte Steine in seiner
Hirtentasche, eine in den Augen des Philisters verächtliche Waffe! Wohl ging er
nicht ohne diese, nicht mit leeren Händen in den Kampf. Er wollte nicht etwa
den Philister, gepanzert, wie er war, mit seinen schwachen Händen besiegen und
erschlagen; das wäre frevelhafte Torheit gewesen. Er vertraute auch nicht auf
seine Stärke, nicht auf seine Gewandtheit, obwohl er die gebrauchen wollte,
sondern auf seinen Gott. „Ich komme zu dir im Namen des HERRN Zebaoth“, sprach
er. Im Vertrauen auf seines Gottes Hilfe, Kraft und Beistand ging er in den
Kampf. Um Gottes Ehre handelte es sich in dem Kampf zwischen den Philistern und
Israel, zwischen Goliath und David. Den Gott Israels, den Schöpfer Himmels und
der Erde, hatte der Heide Goliath gehöhnt und verlästert; dessen Ehre sollte
David retten. Das ganze Land sollte erkennen, dass der wahre Gott Israels Gott
sei, und wie er V. 47 hinzusetzt: „dass das ganze Volk Israel erkenne, dass der
HERR nicht durch Schwert und Spieß hilft; denn der Streit ist des HERRN“. Um
ihn und seine Ehre, die du verlästert hast, handelt es sich; er ist mit mir und
hilft mir mit seiner Macht, gegen die deine Riesenmacht nichts als Ohnmacht
ist.
So soll auch euer Kampf,
meine Konfirmanden, ein Kampf des HERRN sein gegen die Philister dieser Welt
und ihren Fürsten, den höllischen Goliath. Wie David zu dem Heer Israels, dem
Volk Gottes, kam, so kommt ihr heute durch euer eigenes Gelübde aufs neue zum
Heer Israels, der christlichen Kirche. Ihr seid Israeliter und wollt es sein,
das heißt, Gottes Streiter, und daher gilt’s, diesen Streit, diesen Kampf, auch
in seinem Namen, zu seiner Ehre und im Vertrauen auf seine Macht zu führen. Ja,
„der Streit ist des HERRN“, ist seine Sache. Wie es David aufs tiefste betrübte
und verletzte, als Goliath den Gott Israels, seinen Gott, verhöhnte, so muss es
auch euch aufs tiefste betrüben, wenn die Ungläubigen euren Gott lästern. Und
wie ihn das veranlasste, gegen den Lästerer aufzutreten, so sollt auch ihr
allen Lästerern gegenüber zum Kampf bereit sein und dabei nicht vertrauen auf
euch selbst, eure Kraft, Klugheit und Geschicklichkeit; denn wie wir alle, so
müsst auch ihr bekennen:
Mit unsrer Macht ist nichts getan,
Wir sind gar bald verloren.
Es streit für uns der rechte Mann,
Den Gott selbst hat erkoren.
Der Fürst dieser Welt,
Wie saur er sich stellt,
Tut er uns doch nicht,
Das macht, er ist gericht;
Ein Wörtlein kann ihn fällen.
Das heißt denn recht, wie
David gegen Goliath im Namen des HERRN kämpfen, und das heißt auch, siegreich
wie David kämpfen. Das ist das dritte, was ich euch zeigen will.
3.
Was tat David? Er eilte,
lief dem Riesen Goliath entgegen, nahm einen der glatten Seine aus seiner
Tasche, tat ihn in die Schleuder und zielte so fein, dass der Stein dem Riesen
in die Stirn fuhr, und dieser, wie von einer Kugel getroffen, auf die Erde
stürzte. Darauf sprang David herzu, nahm des Philisters Schwert und hieb ihm
damit den Kopf ab. Das erschreckte das ganze Heer der Philister dermaßen, dass
es die Flucht ergriff, worauf es von dem Heer Israels verfolgt wurde. So
überwand der Knabe David den Riesen Goliath, nicht mit Schwert und Spieß,
sondern mit einer Schleuder und einem Stein, nicht durch eigene Kraft, sondern
durch die Kraft und Hilfe Gottes.
Sollt und könnt ihr auch
so kämpfen in eurem Kampf? Ja, so und nicht anders. Aber habt ihr eine
Schleuder, eine Tasche und glatte Steine? Gewiss, wenn ihr David ähnlich seid.
Welches ist denn eure Tasche? Das Wort Gottes. welches sind die glatten Steine?
Die einzelnen Worte der Heiligen Schrift. Welches ist eure Schleuder? Der
Glaube. Wenn die Philister, die Ungläubigen, gegen euch zu Feld ziehen, und
Satan in ihnen sich naht in den mancherlei Versuchungen, Verlockungen und
Verführungen, wenn sie euch geistlich töten, zum Abfall verführen wollen, dann
gebraucht eure Schleuder, den Glauben, greift in die Tasche der Heiligen
Schrift, nehmt daraus dieses und jenes Wort und schleudert es dem Feind
entgegen, so dass es ihn wie ein glatter Stein an die Stirn trifft. Wie denn?
Blickt auf den HERRN Christus in seinem Kampf mit dem Satan in der Wüste.
Dieser wollte ihn zuerst zum Zweifel verführen. Der HERR aber schleuderte ihm
den Stein des Wortes Gottes entgegen: „Es steht geschrieben: Der Mensch lebt
nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund
Gottes geht.“ Als er dann zur Vermessenheit versucht wurde, da traf er ihn mit
diesem Stein: „Wiederum steht auch geschrieben: Du sollst Gott, deinen HERRN,
nicht versuchen.“ Als Satan ihn durch Verheißung weltlicher Herrlichkeit
versuchen wollte, ihn, den Satan, anzubeten, da schleuderte er ihm diesen Stein
an die Stirn: „Du sollst anbeten Gott, deinen HERRN, und ihm allein dienen.“
Das waren die glatten Steine des göttlichen Wortes, die den Satan an die Stirn
trafen und ihn besiegten. Ebenso machte es der Jüngling Joseph, der Potiphars
Frau antwortete: „Wie sollt‘ ich so ein großes Übel tun und gegen Gott
sündigen?“
Wie Joseph, wie der HERR
selbst, so sollt auch ihr die einzelnen Worte der Heiligen Schrift als glatte
Steine gebrauchen. Wenn Satan euch zur Weltliebe verführen will, so schleudert
ihm das Wort entgegen: „Es steht geschrieben: Habt nicht lieb die Welt, noch
was in der Welt ist. So jemand die Welt liebhat, in dem ist nicht die Liebe des
Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust, der Augen
Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die
Welt vergeht mit ihrer Lust“; wenn zur Unmäßígkeit: „Die Trunkenbolde werden
das Reich Gottes nicht ererben“; wenn zur Unzucht: „Es steht geschrieben:
Fliehe die Lüste der Jugend! Du sollst nicht ehebrechen“; wenn zum Betrug und
Diebstahl: „Du sollst nicht stehlen“; wenn zum Müßiggang: „Im Schweiß deines
Angesichts sollst du dein Brot essen“; wenn er in Not und Mangel euch den
Glauben rauben will: „Es steht geschrieben: Wirf dein Anliegen auf den HERRN,
der wird dich versorgen. Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für
euch.“ Diese und andere Worte der Heiligen Schrift sollt ihr bei der Hand
haben, wie David seine glatten Steine, recht gebrauchen in allen Versuchungen,
dann werdet auch ihr, obwohl schwach, doch im Vertrauen auf den HERRN den Sieg
davontragen; dem Feind fest im Glauben widerstehen.
Und wer so siegreich
kämpft, erhält, wie David, einen herrlichen Lohn: die königliche Krone der Ehre
und Herrlichkeit. Darum rufe ich euch mit dem Dichter zu:
So streit denn recht, streit keck und kühn,
Dass ihr mögt überwinden!
Strengt an die Kräfte, Mut und Sinn,
Dass ihr dies Gut mögt finden.
Wer nicht will kämpfen um die Kron,
Bleibt ewiglich in Schmach und Hohn.
Amen.
(entnommen
aus: Carl Ferdinand Wilhelm Walther: Lutherische Brosamen. St. Louis, Mo.:
Cocnordia Publishing House. 1897. S. 108 ff.)
HERR Jesus, um uns Sünder selig zu machen,
war es Dir nicht genug, uns durch Hinopferung Deines Leibes und Blutes auf dem
Altare des Kreuzes mit Deinem Vater zu versöhnen, Du hast auch ein Gedächtnis
dieser Deiner Wunder gestiftet, in welchem Du uns mit diesem Deinem für uns
geopferten Leibe und Blute speisest und tränkest, damit niemand zweifeln könne,
dass auch er Theil habe an Deiner Versöhnung.
Verwandle darum heute in uns alles tote Wissen hiervon in eine lebendige
Erkenntnis und alle Gleichgültigkeit dagegen in ein heiliges Hungern und
Dürsten darnach, auf dass wir allezeit als Dir angenehme Gäste an Deiner
Gnadentafel erscheinen, Deinen Leib und Dein Blut allezeit würdig genießen und
dadurch allezeit unser Glaube gestärkt, unsere Liebe entzündet, unsere Hoffnung
befestigt, unser Leib und unsere Seele mit Freude erfüllt, erquickt, geheiligt
und zugerüstet werde zur seligen Heimfahrt. Dort aber lass uns teilnehmen auch
an Deinem himmlischen Hochzeitsmahl, da Freude die Fülle sein wird und liebliches
Wesen zu Deiner Rechten immer und ewiglich. Amen.
1. Korinther 11, 23—26: Ich habe von dem HERRN empfangen, was ich euch
gegeben habe. Denn der HERR Jesus in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er
das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib der für
euch gebrochen wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den
Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in
meinem Blut. Solches tut, so oft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis! Denn so
oft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod
verkündigen, bis dass er kommt.
Ich habe es von dem HERRn empfangen,
was ich euch gegeben habe. ...
Geliebte
Brüder und Schwestern in dem HERRN Jesus!
So ist denn heut der Tag
wiedergekehrt, an welchem Christus einst das heilige Abendmahl einsetzte. O
welch ein wichtiger, heiliger, seliger Tag des ganzen Kirchenjahres ist daher
der heutige Donnerstag! Welch ein Tag der Gnade! Er ist es wahrlich wert, von
der ganzen Christenheit auf Erden mit tiefster Andacht, in heiliger Stille und
Herzenseinkehr gefeiert zu werden.
Leider gibt es jedoch namentlich in
unseren Tagen in der Christenheit nur allzu viele, welche gerade den heutigen
Tag für einen nicht eben sonderlich wichtigen ansehen und daher zur Feier
desselben die Arbeiten ihres irdischen Berufes kaum auf einige Stunden zu
unterbrechen sich entschließen können. Selbst unter uns Lutheranern, denen doch
Gott vor anderen die reine Erkenntnis vom heiligen Abendmahl aus großer Gnade
geschenkt hat, selbst unter uns zeigt sich bei nicht wenigen eine nur allzu
große Geringachtung gerade des heutigen Tages. Denn, sagt selbst, warum ist
heute das Haus des HERRN nicht ebenso gefüllt, als es am nächsten heiligen
Ostertag gefüllt sein wird? Ohne Zweifel darum, weil man die Einsetzung des
heiligen Abendmahls, welche heute begangen wird, für eine Sache von nicht eben
großer Bedeutung ansieht.
Oder großen Verblendung! O des
großen, beweinenswürdigen Undanks!
Es ist ja freilich wahr: Die
Einsetzung des heiligen Abendmahls gehört nicht zu den großen Taten Gottes zur
Erlösung der Sünderwelt, wie die Geburt Jesu Christi, welche zu Weihnachten,
wie sein Leiden und Sterben, welches am heiligen Karfreitag, und wie seine
Auferstehung von den Toten, welche am Osterfeste gefeiert wird; allein darum
ist die Einsetzung des heiligen Abendmahls nicht weniger wichtig. Denn, sagt
selbst, was hülfe es uns, dass Christus der ganzen Sünderwelt durch sein Leben,
Leiden, Sterben und Auferstehen Gottes Gnade erworben hat, wenn es keine
Gnadenmittel gäbe, durch die uns diese uns erworbene Gnade Gottes
angeboten, zugeeignet, dargereicht und versiegelt würde? Was hülfe uns ein
Heiland, der gen Himmel gefahren ist und sich zur Rechten Gottes gesetzt hat,
wenn es nichts gäbe, womit er gleichsam wie mit seinen Händen seine Gnadengüter
uns vom Himmel auf die Erde herab reichte? Wie könnte ohne göttliche Gebe- und
Schenkungsmittel irgend ein Mensch in der Welt dessen je gewiss werden, dass Christi
allgemeine Versöhnung und Erlösung sein sei? wie könnte dann irgend ein Mensch
in der Welt jemals mit jenem frommen Dichter in göttlicher Gewissheit
triumphierend ausrufen:
Ich weiß es, ich weiß es, und will
es behalten,
So wahr Gottes Hände das Reich noch
verwalten,
So wahr Gottes Sonne am Himmel noch
prangt,
So wahr hab ich Sünder Vergebung
erlangt! -
Ihr werdet vielleicht sagen: Aber könnte
der Mensch nicht auch auf sein bloßes Gebet durch den Heiligen Geist dessen
ebenso gewiss werden? Ich antworte: Nein! Denn müsste dann ein Mensch nicht
immer fürchten, dass er sich ja täuschen und bloße betrügliche Gefühle seines
Herzens für das Zeugnis des Heiligen Geistes halten könne? Oder müsste doch ein
Mensch nicht, so ist er keine Gnade mehr in seinem Herzen fühlte, dann glauben,
dass er die Gnade Gottes wieder verloren habe?
Darum wohl uns! Christus hat nicht
nur der ganzen Welt Gottes Gnade erworben, sondern auch drei köstliche
Gnadenmittel eingesetzt, mit welchen er dem Menschen die erworbene Gnade anbietet,
schenkt, zueignet und versiegelt; und diese drei Gnadenmittel sind: das
Wort des Evangeliums, die heilige Taufe und das hochwürdige Abendmahl. Sie sind
die drei Schatzkammern aus Erden, in welche Christus alle Schätze seiner Gnade
niedergelegt hat; sie sind die drei Sprossen der Himmelsleiter, auf welchen
diese Gnade zu uns herabsteigt; sie sind die drei von Christo auf Erden
gegrabenen und gefüllten, von Gnade überfließenden Gemeinbrunnen, aus denen
alle, die darnach durstig sind, schöpfen und ihren Seelen Durst löschen sollen
und können;. sie sind die drei Hände des dreieinigen Gottes, mit denen er die
teuer erkaufte Gnade uns selbst von oben herab reicht; sie sind die drei
göttlichen Zeugen auf Erden, die, was der Vater, Sohn und Heilige Geist
unhörbar und unsichtbar von dem Heil der Sünder droben im Himmel bezeugt,
hörbar und sichtbar hienieden bezeugen; sie sind die drei goldenen Himmelsschlüssel,
die uns den von Christo bereiteten Himmel ewiger Seligkeit und Herrlichkeit
aufschließen; sie sind der Weg und Steg, auf welchem die Gnade zu dem Menschen
und der Mensch zu der Gnade kommt; das Wort ist der göttliche Gnadenbrief, die
Taufe und das heilige Abendmahl seine unverbrüchlichen ewig giltigen göttlichen
Siegel. Mit Recht haben wir daher soeben gesungen:
Dein
Wort, dein Tauf und dein Nachtmahl
Tröst
mich in diesem Jammertal,
Da
liegt mein Schatz begraben.
Ja,
ja, meine Lieben, da liegt unser Schatz begraben!
Wie? ist also der heutige Tag nicht
ein seliger Tag, an welchem eins jener Gnadenmittel, das heilige Nachtmahl,
eingesetzt worden ist? Ja, wahrlich, auch heute ist ein Tag, den der HERR
gemacht hat; lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein!
Haben wir uns nun bisher an dem
heutigen sogenannten Gründonnerstag zumeist mit dem beschäftigt, was Christus
im heiligen Abendmahl uns schenkt und an uns tut, so lasset uns heute auch
einmal auf das unsere Andacht richten, was wir bei diesem heiligen Sakrament
nach unserem Texte zu tun haben. Ich stelle euch daher jetzt vor:
Die
doppelte Forderung, welche an alle Diejenigen ergeht, die im heiligen
Abendmahle Christi Leib und Blut genießen
nämlich
1.
die Forderung Christi: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“, und
2.
die Forderung des heiligen Apostels: „So oft ihr von diesem Brode esset und von
diesem Kelche trinket, sollt ihr des HERRN Tod
verkündigen, bis dass er kommt.“
I.
Wenn, meine Lieben, Christus bei
Einsetzung des heiligen Abendmahls zweimal, sowohl da er seinen Leib seinen
Jüngern zum Essen, als da er ihnen sein Blut zum Trinken darreichte, sprach: „Solches
tut zu meinem Gedächtnis“, so ersehen wir hieraus erstlich, dass es also
bei dem rechten Genuss dieses heiligen Sakraments damit keineswegs abgemacht
sei, dass man nur äußerlich das Werk tue, sondern dass vielmehr alles darauf
ankomme, wie, in welcher Absicht und in welcher Gesinnung des Herzens man es
tue. Wir sehen hieraus: wer nur darum zum heiligen Abendmahl geht, weil er dies
von Jugend auf so gewohnt ist, weil er dies alle gute Christen tun sieht und
weil er dies für eine gute Sitte hält, deren Beobachtung zu den Pflichten aller
guten Christen gehöre; wer daher nur dadurch bewogen wird, wieder einmal zum
Tisch des HERRN zu gehen, weil er es sich zur Regel gemacht hat, dies
wenigstens zwei-, drei- oder viermal des Jahres zu tun; wer also nicht durch
sein Herz, sondern allein durch den Verlauf einiger Monate daran erinnert wird,
dass es nun wieder Zeit sei, das heilige Werk zu verrichten: ein solcher kommt
der Anforderung, welche Christus bei Einsetzung des heiligen Abendmahls an
seine Gäste gestellt hat, nicht nach; dessen Abendmahlsgenuss ist daher auch
ein eitles, vergebliches, ihm nicht nur nichts nützen, sondern auch
schädliches, ja verdammliches Werk.
Doch, wenn Christus spricht: „Solches
tut zu meinem Gedächtnis“, so fordert er von seinen Abendmahlsgästen nicht
nur dieses, dass sie sein heiliges Mahl nicht gedankenlos, sondern mit heiliger
Herzensandacht genießen; damit sagt er ihnen auch, worin diese Andacht bestehen
müsse, nämlich in seinem „Gedächtnis“. Hieraus sehen wir: nicht das ist
also die Hauptsache, dass die Abendmahlsgäste sich das ganze Leiden Christi in
allen seinen Einzelheiten lebendig vor die Seele stellen, um dadurch etwa zu
Mitleid gegen Christum bewogen und wo möglich bis zu Tränen gerührt zu werden;
nein, Christi Person selbst soll der Gegenstand, der eigentliche
Mittelpunkt sein, um den sich bei dem Genuss seines heiligen Leibes und seines
heiligen Blutes alle ihre Andacht, alle ihre Gedanken und Empfindungen bewegen.
Mit der Religion Christi hat es also eine ganz andere Bewandtnis, als mit allen
anderen Religionen in der Welt. Alle anderen Religionsstifter haben ihre
Anhänger nur auf ihre Lehre und nicht auf ihre Person gewiesen, vielmehr von
der letzteren abgewiesen. Alle anderen Religionsstifter haben es ihren
Anhängern eingeprägt, dass es nicht sowohl darauf ankomme, wer sie lehre,
sondern vielmehr nur darauf, was ihnen gelehrt werde. Gerade dessen haben sie
sich als eines Beweises der Wahrheit ihrer Religion gerühmt, dass sie selbst
gern vergessen sein wollten, wenn nur ihre Lehre, ihre Religion bleibe und
beobachtet werde. Nicht so Christus. Immer weist er auf sich selbst, auf seine
Person als auf die Hauptsache in seiner Religion hin. Er spricht nicht nur,
dass seine Lehre Licht und Wahrheit bringe, den Weg zeige und das Leben gebe,
sondern er spricht geradezu: „Ich bin das Licht der Welt. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das
Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Ich bin die Auferstehung und
das Leben; wer an mich glaubet, der wird leben, ob er gleich stürbe. Ich
bin die Thür. Ich bin das Brod vom Himmel gekommen. Kommet her zu mir
alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. So ihr
nicht glaubt, dass Ich es sei, so werdet ihr sterben in euren Sünden.“
Und als nun Christus endlich in der Nacht, da er verraten ward, in jener Nacht
vor seinem letzten Leiden und seinem Sterben, das heilige Abendmahl einsetzte
und mit demselben sein Testament machte und seinen letzten Willen festsetzte,
auch da sprach er: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ Wie also
Christi Person der Kern und Stern der ganzen christlichen Religion ist, so soll
sie auch der eigentliche Mittelpunkt und die wahre Seele jeder christlichen
Abendmahlsfeier sein. Ein rechter Abendmahlsgast, wie Christus ihn fordert, ist
daher nur der, welcher sich nicht nur von Christi Lehre, sondern vor allem von
seiner Person selbst angezogen fühlt; welcher nicht nur Christi Lehre für wahr
hält, sondern Christo selbst als der persönlichen Wahrheit anhängt; welcher
sich nicht nur mit Christi Lehre täglich beschäftigt, sondern mit Christo
selbst in stetem geheimem Verkehr steht; welcher nicht nur ein Freund der Lehre
Christi, sondern so zu sagen ein persönlicher Freund Christi selbst ist.
Während sein Leib zum Tisch des HERRN eilt, ist sein Geist auf Golgatha, knieet
da vor Christi Kreuz, umklammert seine erbleichten Füße und trinkt da sein aus
den fünf Wunden strömendes Blut. Darum soll es auch einem wahrhaft gläubigen
Abendmahlsgast etwas ganz Erschreckliches sein, dass eine ganze große
kirchliche Partei lehrt, im heiligen Abendmahl sei nicht Christi Leib, nicht
Christi Blut, sondern nur ein Zeichen, ein Symbol davon. Damit soll einem
rechten Abendmahlsgast aus diesem himmlischen Mahl der eigentliche Kern, den er
sucht, herausgenommen und eine leere Schale zurückgelassen sein. Von einem
Abendmahle Christi ohne Christum selbst soll er nichts wissen wollen; vielmehr
soll ihm Christi Person selbst als der rechte himmlische Stern darin hell
entgegen funkeln, Christi Leib das Manna in der Wüstesein, das er dazu essen,
Christi Blut das Wasser aus dem Heilsfelsen, das er da zu trinken begehrt. Ein
solcher soll mit jenem Liede sprechen können:
O
Jesu süß, wer dein gedenkt,
Des
Herz mit Freud wird überschwenkt,
Noch
süßer aber alles ist,
Wo
du, o Jesu, selber bist.
Ist es aber, meine Lieben, nicht
wunderbar, dass der demütige Heiland, der selbst von sich sagt: "Ich suche
nicht meine Ehre", doch bei der Einsetzung seines heiligen Nachtmahls an
alle Gäste die Forderung stellt: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“?
Wollte denn Jesus, als er ein ganzes Leben voll Schmach und Verachtung hinter
sich hatte, nun wenigstens für seinen Nachruhm sorgen? War denn Jesus darauf
bedacht, da die Mitwelt ihn verunehrt hatte, wenigstens die Ehre der Nachwelt
zu erlangen? War es denn Jesu in seinen letzten Stunden darum zu tun, dass er,
wenn er auch eines schmachvollen Todes sterbe, doch nicht in der Welt in
Vergessenheit gerate, sondern dass nach seinem Tode wenigstens sein Name unter
den Menschen fortlebe? -- Es sind dies, meine Lieben, ganz törichte Gedanken.
-- Wie hätte Christum nach der Ehre der Welt gelüsten können, die wie ein Rauch
vergeht? ihn, der unter dem Lobe aller Engel wohnt, dem die Cherubim und
Seraphim, ihr Antlitz ehrfurchtsvoll vor ihm bedeckend, das Dreimalheilig
singen? ihn, dem Gott der Vater "einen Namen gegeben hat, der über alle
Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen alle derer Kniee, die im
Himmel und auf Erden und unter der Erden sind, und alle Zungen bekennen sollen,
dass Jesus Christus der HERR sei, zur Ehre Gottes des Vaters"? Nein, nein,
nicht um seinetwillen, sondern um der Abendmahlsgäste willen stellt Christus
die Forderung an sie: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“. Wie Gott
überhaupt zwar von allen Kreaturen im Himmel und auf Erden geehrt sein will,
nicht, wie die Ungläubigen spotten und lästern, weil Gott von der Ehre seiner
Kreaturen einen Zuwachs zu seiner Herrlichkeit erlangen wollte oder könnte,
sondern allein aus Liebe zu den Kreaturen, weil diese nur dann selig sein
können, wenn sie ihn, ihren Schöpfer, in seiner Herrlichkeit erkennen und ihm
alle Ehre geben: so fordert auch Christus von allen Abendmahlsgästen, dass sie
sein Mahl zu seinem Gedächtnis, also allerdings zu seines Namens Ehre genießen,
nicht um seinetwillen, sondern allein darum, weil sie nur dann der Schätze der
Gnade teilhaftig werden, die Christus in dieses Mahl gelegt hat und durch
dasselbe ihnen anbietet, mittheilt, zueignet und versiegelt.
Denn was ist es endlich, was
Christus mit den Worten: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ eigentlich
sagen will? Christus zeigt dies selbst deutlich an, indem er spricht: „Nehme,
esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird“; und zum andern: „Trinkt
alle daraus, das ist mein Blut des Neuen Testaments, das für euch vergossen
wird zur Vergebung der Sünden“; und indem er zu diesen beiden Anreden
hinzusetzt: „Solches tut zu meinem Gedächtnis“. Er will also hiermit
dieses sagen: Wenn ihr meinen Leib und mein Blut genießet, sollt ihr nicht an
euch selbst, noch an eure Werke, sondern an mich und mein Werk gedenken, und
zwar nicht an mich, wie ich einst am jüngsten Tage als ein strenger Richter
kommen werde auf den Wolken des Himmels, sondern wie ich als euer Erlöser und
Heiland am Kreuz hing, wie ich da litt, starb und mein Blut vergoss, und zwar
nicht für mich oder als ein Märtyrer für meine Lehre, sondern „für euch“,
nämlich „zur Vergebung eurer Sünden“. Seht, vor allem dann tut also ein
Kommunikant, was Christus von ihm mit den Worten fordert: „Solches tut zu meinem
Gedächtnis“, wenn er beim Empfang seines Leibes und Blutes sich Christi
Leidens nicht nur als einer geschehenen Tatsache erinnert, sondern wenn er
dabei also in seinem Herzen denkt: O das
ist der Leib, der für mich in den Tod gegeben worden ist! O das ist das Blut,
das für mich vergossen worden ist! O ich seliger Mensch! nun habe ich mich
weder vor meinen Sünden, noch vor Gottes Zorn, weder vor dem Tod, noch vor der
Hölle zu fürchten; denn nun habe ich ja das teure vollgültige Lösegeld selbst,
damit Christus die Schuld der ganzen Sünderwelt und auch meine Schuld bezahlt,
Gott mit mir versöhnt und Gnade, Vergebung der Sünde, Gerechtigkeit, Leben und
Seligkeit mir erworben hat! Halleluja! Halleluja! Alle Zweifel an meinem
Gnadenstande und an meiner Seligkeit sind nun von mir genommen! -- Sehet da,
Christi Leib und Blut zu seinem Gedächtnis genießen, heißt also kurz, es nicht
allein mit dem Munde, sondern zugleich geistlich genießen im Glauben.
O des gnädigen und freundlichen
Heilandes! Sein letzter Wille war also, uns ein Mahl einzusetzen, worin nicht
nur er selbst die Speise und der Trank ist, sondern dabei er auch nichts von
uns fordert, keine Gegengabe, kein Werk, keine Würdigkeit, sondern nur, dass
wir an die Gnade glauben, die er uns damit anbietet, darreicht, zueignet
und versiegelt; wie denn schon ein Jahrtausend vorher im Hohenlied unseres
himmlischen Bräutigams süße Stimme erschallte: "Esset, meine Lieben, und
trinket, meine Freunde, und werdet trunken."
II.
Doch, meine Lieben, der heilige
Apostel Paulus setzt zu Christi Worten aus Erleuchtung des Heiligen Geistes
noch dieses hinzu: „Denn so oft ihr von diesem Brot esst, und von diesem
Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen, bis dass er kommt.“ Und
hiermit gibt denn der Apostel eine zweite Forderung an, welche an alle
diejenigen ergeht, die im heiligen Abendmahle Christi Leib und Blut genießen.
Davon lasst mich daher nun noch zweitens kurz zu euch sprechen.
Fordert, meine Lieben, der Apostel von
allen Kommunikanten, dass sie bei ihrem Abendmahlsgenuss den Tod des HERRN auch
„verkündigen“ sollen, so fordert er von ihnen offenbar erstlich dieses,
dass sie das heilige Abendmahl, obwohl vor allem um ihrer selbst willen, doch
auch um ihres Nächsten, um ihrer Brüder und um der Welt willen feiern, ihnen
allen nämlich dadurch den Versöhnungstod des HERRN predigen und anpreisen
sollen. Der Altar, an welchem das heilige Abendmahl gefeiert wird, soll also
gleichsam die Kanzel der Laien sein, auf welcher auch sie als rechte geistliche
Priester erscheinen sollen, zu verkündigen die Tugenden des, der sie berufen.
hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht. Hat der Prediger seine Predigt auf der Kanzel
geendigt, dann soll aus der Zuhörerschaft die gläubige Gemeinde auftreten, und
nun sie durch den öffentlichen Genuss des heiligen Abendmahls den ihr mit
Worten gepredigten gekreuzigten Christus vor aller Welt auch mit der Tat
verkündigen, und damit bekunden, dass sie Christi Kirche sei. Hätte nämlich
Christus nur das Amt des Predigens und nicht auch das der heiligen Sakramente
eingesetzt, so könnte ja niemand wissen, wo denn die Kirche oder die Gemeinde
der Gläubigen, zu der er sich zu halten habe, zu finden sei; denn die Predigt
hören auch die, welche keine Gläubigen sein wollen und denen der gekreuzigte
Christus noch eine Torheit und ein Ärgernis ist. Wie daher diejenigen, die durch die Predigt
des Evangeliums zum Glauben an Christum gekommen sind, schon durch die Taufe
öffentlich aus der Welt heraus treten, in die Kirche der Gläubigen eintreten
und Christus ewige Treue schwören, so sollen
nun auch die Getauften immer und immer wieder am Altare des HERRN erscheinen,
und damit bezeugen, dass sie ihres Bundes noch eingedenk und ihm treu
gebliebene Jünger des Gekreuzigten, dass also hier seine Kirche sei.
Wie gern sollten wir daher fleißig
zum heiligen Abendmahl gehen! Wie sollte gerade in unserer Unglaubenszeit uns
dazu schon das antreiben, dass wir, so oft wir zum Tisch des HERRN treten,
nicht nur unseren Brüdern, sondern auch der ungläubigen Welt den Tod des HERRN
verkündigen, und es ihr so wissen lassen, dass die Kirche des Gekreuzigten noch
nicht verschwunden, noch nicht ausgestorben, noch nicht untergegangen sei,
sondern dass es noch immer Herzen gebe, die an ihn glauben, in ihm ihre
Seligkeit finden und ihn lieben als ihr höchstes Gut! Die Gesinnung, mit welcher wir zum Altare
eilen, sollte also die sein, welche ein neuerer Dichter mit den Worten
ausgedrückt hat:
Wenn
alle untreu werden,
So
bleib ich dir doch treu,
Dass
Dankbarkeit auf Erden
Nicht
ausgestorben sei.
Doch, meine Lieben, wenn der Apostel
in unserem Texte schreibt: „So oft ihr von diesem Brot esst, und von diesem
Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod verkündigen, bis dass er kommt“, wenn
er also den Abendmahlsgenuss zugleich für eine gemeinschaftliche Glaubenstat
und für ein gemeinschaftliches tatsächliches Glaubensbekenntnis erklärt, so
fordert er damit zugleich von uns zum andern, dass wir das heilige Abendmahl
nur mit denen feiern sollen, die mit uns einen und denselben Glauben bekennen.
Wäre das heilige Abendmahl nur zu dem Zweck eingesetzt, dass wir darin den wahren
Leib Christi mit unserem Munde essen und sein wahres Blut mit unserem Munde
trinken, so könnten und sollten wir es freilich allenthalben genießen, wo immer
dasselbe nach Christi Einsetzung richtig vollzogen wird. Aber da Paulus sagt, dass wir dadurch „den
Tod des HERRN verkündigen“ d. h. bekennen sollen, so wäre es ja offenbar
wider Christi Willen, wenn wir es da feiern wollten, wo unserem
Glaubensbekenntnis widersprochen wird.
Das heilige Abendmahl ist, wo immer
es gefeiert werden mag, die Fahne und das Panier des Glaubens der Kirche oder
Gemeinde, in deren Mitte man es genießt. Wie man sich nun auf die Seite der
Armee stellt, zu deren Fahne man sich hält und um deren Friedens- und Kriegs-
Panier man sich mit schart, so stellt sich auch jeder Christ auf die Seite der
Gemeinde, in deren Mitte und Gemeinschaft er das heilige Abendmahl mitgenießt;
bekennt nun die Gemeinde den rechten Glauben, so bekennt denselben auch der
Kommunikant mit ihr, bekennt aber die Gemeinde einen falschen Glauben, so
bekennt der Kommunikant auch diesen mit ihr, den rechten hingegen öffentlich
tatsächlich verleugnend.
Wohlan denn, meine teuren Brüder und
Schwestern in Christus Jesus, lasst uns in dieser Zeit, in welcher so viele das
selige Geheimnis des heiligen Abendmahls nicht mehr glauben und es für nichts
weiter, als für eine bedeutungsvolle Zeremonie ansehen, wider alle Einwürfe
unserer Vernunft fest halten an den Worten des allmächtigen und wahrhaftigen
Heilandes: „Das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird; das ist mein Blut,
das für euch vergossen wird“; aber lasst uns heut, am Tage der Stiftung dieses
heiligen Mahles, auch die doppelte Forderung, welche an alle diejenigen ergeht,
die in diesem Mahle Christi wahren Leib und Christi wahres Blut genießen, tief
in unser Herz schreiben. Vor unserer Seele stehe daher, so oft wir uns zum
Tisch des HERRN nahen, das Wort des HERRN: „Solches tut zu meinem
Gedächtnis“; und lasst uns daher den Genuss dieses Sakramentes nicht für
ein Werk ansehen, das Gott schon gefalle, wenn wir es nur äußerlich tun,
sondern dabei Christi gedenken und zwar im Glauben gedenken! Vor unserer Seele
stehe aber auch dabei allezeit das Wort des Apostels: „Denn so oft ihr von
diesem Brot esst, und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des HERRN Tod
verkündigen“, und lasst uns daher, so oft wir dem Altare nahen, als
Bekenner des Gekreuzigten vor der Welt, als rechte geistliche Priester
erscheinen, die da verkündigen die Tugenden des, der sie berufen hat von der
Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte. Zugleich lasst uns aber auch um dieses
Glaubenspanier nicht in der falschen Kirche, sondern nur da uns scharen, wo der
wahre Christus, das ist, sein ganzes Evangelium, rein und lauter, ohne
Verstümmelung und Zutat bekannt und gepredigt wird. -
Nun, bis hierher hat der treue Gott
uns sein teures wertes Abendmahl rein und lauter erhalten, o lasst uns
erkennen, welchen hohen himmlischen Schatz wir darin besitzen, ihn über alles
Geld und Gut der Welt teuer und wert achten, allezeit recht gebrauchen, und
endlich auch unablässig gemeinschaftlich beten:
Ach
bleib bei uns, HERR Jesus Christ,
Weil
es nun Abend worden ist,
Dein
göttlich Wort, das helle Licht,
Lass
ja bei uns auslöschen nicht.
In
dieser letz’n betrübten Zeit
Verleih
uns, HERR, Beständigkeit,
Dass
wir dein Wort und Sakrament
Rein
b’halten bis an unser End.
Amen.
Jesaja 52,13-53,5: Siehe, mein Knecht wird weise tun und wird erhöht und
sehr hoch erhaben sein, dass sich viele über dir ärgern werden, weil seine
Gestalt hässlicher ist als anderer Leute und sein Ansehen als der
Menschenkinder. Aber so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige
werden ihren Mund gegen ihm zuhalten. Denn welchen nichts davon verkündigt ist,
diese werden’s mit Lust sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden’s
merken.
Aber wer glaubt unserer Predigt, und wem
wird der Arm des HERRN offenbart? Denn er schießt auf vor ihm wie ein Reis und
wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Schönheit; wir
sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der
Allerverachtetste, von Menschen verlassen, voller Schmerzen und Krankheit. Er
war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn
nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.
Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert
wäre. Aber er ist um unserer Übertretung willen durchbohrt und um unserer Sünde
willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und
durch seine Wunden sind wir geheilt.
In dem gekreuzigten Erlöser geliebte Brüder
und Schwestern!
Was die Evangelisten des Neuen Testaments
in eingehender Weise von dem Leiden des HERRN berichten, das hat der Evangelist
des Alten Testaments, der Prophet Jesaja, durch göttliche Offenbarung geschaut
und in großen Zügen schon etwa 750 Jahre vorher dem Volk Israel
vorherverkündigt. Den Höhepunkt seiner Vorherverkündigung dieses Leidens haben
wir im 53. Kapitel seines Buches, dem der eben verlesene Text entnommen ist.
In dieser Leidensverkündigung wird von drei
verschiedenen Seiten das Wort ergriffen, deren Reden sich zu einer Schilderung
oder, wie sie auch genannt werden kann, einem Leidensgemälde ohnegleichen
vereinigen. Gott selbst, die gläubige Gemeinde und der Prophet Jesaja reden.
Die Rede Gottes bildet den Anfang und Schluss. Nachdem Gott den Anfang gemacht
hat, tritt die gläubige Gemeinde mit einem bußfertigen Bekenntnis auf; darauf
folgt der Prophet mit einer ergreifenden Schilderung, wie der große Dulder gelitten,
wozu er gelitten hat und was mit ihm geschehen ist, und zum Schluss redet Gott
nochmals und verkündigt den großen Lohn, den er seinem Knecht geben will als
die überaus herrliche Frucht seines Leidens.
„Siehe, mein Knecht wird weise tun und
erhöht und sehr hoch erhaben sein, dass sich viele über ihn ärgern werden, weil
seine Gestalt hässlicher ist als anderer Leute und sein Ansehen als der
Menschenkinder.“ So beginnt Gott durch den Mund des Propheten. Er nennt den
großen Dulder seinen Knecht. Aber ist er nicht sein Sohn, von Ewigkeit aus
seinem Wesen gezeugt, mit ihm gleichen Wesens, gleicher Majestät und
Herrlichkeit? Hat er nicht im zweiten Psalm zu ihm gesagt: „Du bist mein Sohn,
heute habe ich dich gezeugt“? Warum nennt er ihn denn hier seinen Knecht? Weil
er ihn in diese Welt gesandt, ihm das Leiden auferlegt, der Sohn dieses Leiden
willig auf sich genommen und ihm, dem Vater, völligen Gehorsam geleistet hat.
Daher sprach der Sohn Ps. 40,9: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern, und
dein Gesetz habe ich in meinem Herzen.“ Daher schreibt Paulus Phil. 2:
„Christus wurde gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.“ Mit Recht lässt
daher auch der Dichter den Vater zu dem Sohn sagen:
Geh
hin, mein Kind, und nimm dich an
Der
Kinder, die ich ausgetan
Zur
Straf und Zornesruten.
Die
Straf ist schwer, der Zorn ist groß;
Du
kannst und sollst sie machen los
Durch
Sterben und durch Bluten.
Und
darauf den Sohn antworten:
Ja,
Vater, ja, von Herzensgrund:
Leg
auf, ich will dir’s tragen.
Mein
Wollen hängt an deinem Mund,
Mein
Wirken ist dein Sagen.
So
wurde der Gottessohn Gottes Knecht, indem er ihm gehorsam wurde, das ihm
befohlene Werk willig auf sich nahm und vollbrachte, in die tiefste Tiefe der
Niedrigkeit herabstieg.
Aber diese tiefe Erniedrigung, diese
Knechtsgestalt, war seinem eigenen Volk, dem Volk Gottes, unbegreiflich, ja,
ein Gegenstand des Ärgernisses und Anlass, ihn zu verwerfen – mehr noch, ihn zu
verabscheuen. So blind war das Volk, dass es vor Abscheu das Angesicht vor ihm
verbarg. Aber die gläubige Gemeinde unter dem Volk ist zur Erkenntnis gekommen,
und darum tritt sie mit einem offenen Bekenntnis auf. Dieses ist in den
gehörten Textworten enthalten. Betrachten wir daher jetzt aufgrund derselben:
Das
Bekenntnis der gläubigen Gemeinde von der Erniedrigung des Gottesknechts
Sie bekennt dies
1.
Hinsichtlich
seiner Person,
2.
Hinsichtlich
seiner Leiden.
1.
Wie so gar keinen Grund hatte das Volk
Israel, sich an der tiefen Niedrigkeit des Knechtes Gottes, des ihm gesandten
Messias, zu ärgern und ihn zu verwerfen, wenn es der von ihm durch die
Propheten gehörten Predigt geglaubt, nur die Anfangsworte unseres Textes
beachtet und verstanden hätte: „Siehe, mein Knecht wird weise tun und wird
erhöht und sehr hoch erhaben sein.“ Denn mit diesen Worten weist Gott im Voraus
auf die Erhöhung, die Erhabenheit seines Knechtes, die auf seine Erniedrigung
folgen werde, hin, um dem Ärgernis und der Verachtung vorzubeugen. Denn so groß
wird seine Erhabenheit sein, dass, während sich viele an seiner Niedrigkeit
ärgern, viele Völker vor ihm aufspringen, sich erheben, Könige seinethalben
ihren Mund zuhalten werden, weil sie nämlich so Erstaunliches und Wunderbares
an ihm sehen und hören, wie sie es nie gesehen und gehört haben, in
ehrfürchtigem Erstaunen schweigen werden.
Wovon die Heiden nichts gehört hatten, das
war dem Volk Israel durch den Mund der Propheten verkündigt worden. Aber wer
hat dieser Predigt geglaubt? Wem ist der Arm des HERRN, das heißt, das
wunderbare Walten Gottes mit seinem Knecht, offenbar geworden? Die Antwort
liegt in der Frage selbst, und so bekennt die nun erleuchtete gläubige
Gemeinde: Wir haben alle miteinander dieser Predigt des HERRN durch die
Propheten nicht geglaubt; das wunderbare Walten Gottes mit seinem Knecht, dem
von ihm uns gesandten Erlöser, ist uns gänzlich verborgen geblieben.
Und nun geben sie den Grund ihres
Unglaubens, ihrer Blindheit, in den Worten an: „Denn er schießt auf vor ihm wie
ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch
Schönheit; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.“
Damit weisen sie auf die Person des HERRN nach seinem menschlichen Ursprung,
seiner Geburt und seiner Erscheinung oder seinem Auftreten unter ihnen hin. Sie
bekennen: „Denn er schießt auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus
dürrem Erdreich.“ Sie hatten erwartet, dass der Messias aus einem mächtigen
Geschlecht, aus einem königlichen Haus, werde geboren; aber statt dessen ist er
wie ein schwaches Reis und wie ein Wurzelspross aus dürrem Erdreich
entsprossen. Ein Reis, ein Spross, der aus einer Wurzel emporsprießt, ist ja so
schwach und unansehnlich, dass er kaum beachtet, ja verachtet wird. Ein
sandiger, dürrer Boden kann keinen starken, mächtigen Baum hervorbringen; und
weil der Messias als ein solches Reis entsprossen, auf einem so dürren Boden
erwachsen ist, darum haben wir ihn für nichts geachtet, ihn nicht als den
Knecht Gottes, den Messias und Erlöser, angesehen, sondern ihn verachtet,
verworfen. Das, meine Geliebten ist das Bekenntnis der nun zur Erkenntnis
gekommenen gläubigen Gemeinde hinsichtlich der Geburt Christi, des Knechtes
Gottes.
Aber war ihnen nicht auch dieser niedrige
Ursprung des HERRN geweissagt, davon deutlich genug durch die Propheten geredet
worden? Sind nicht die Worte unseres Textes: „Er schießt auf vor ihm wie ein
Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich“ deutlich genug? Hatte Jesaja
nicht schon in 11. Kapitel geweissagt: „Es wird eine Rute aufgehen aus dem
Stamm Isai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“? Was ist
unansehnlicher als ein Baumstumpf und eine dünne Rute oder ein Zweig, der aus
ihm noch aufschießt? So aber, verkündigt der Prophet, werde die Geburt des
Messias sein. Aber diese wie auch andere dahinlautende Weissagungen verstanden
sie nicht, weil sie vorgefasste, irrige Meinungen hatten.
Geradeso war es hinsichtlich der
Erscheinung, des öffentlichen Auftretens des HERRN, wovon es im Text aus: „Er
hatte keine Gestalt noch Schönheit; wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt,
die uns gefallen hätte.“ Sie hatten ein ganz anderes Auftreten von dem Messias
erwartet, ein Auftreten als mächtiger Herrscher, in königlichem Glanz und
königlicher Macht. Als ein mächtiger König hatten ihn ja auch die Propheten
verkündigt. Schon Bileams Weissagung lautete: „Es wird ein Stern aus Jakob
aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten
der Moabiter. … Aus Jakob wird der Herrscher kommen und umbringen, was übrig
ist von den Städten.“ Jakob hatte geweissagt: „Es wird das Zepter von Juda
nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held
komme; und demselben werden die Völker anhangen“; David im zweiten Psalm:
„Bitte von mir, so will ich dir die Heiden zum Erde geben und der Welt Enden
zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen, wie Töpfe
sollst du sie zerschmeißen.“ Durch den Propheten Jeremia hatte Gott gesprochen:
„Es kommt die Zeit, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will; und
soll ein König sein, der wohl regieren wird und Recht und Gerechtigkeit
anrichten auf Erden. Zur selben Zeit soll Juda geholfen werden und Jerusalem
sicher wohnen; und man wird ihn nennen: Der HERR, der unsere Gerechtigkeit
ist.“ Um nur noch eine solche Weissagung anzuführen: „Er“ (der König und
Königssohn) „wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an
bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste, und seine
Feinde werden Staub lecken. Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden
ihm dienen.“ Darum auch der Zuruf des Propheten Sacharja: „Du Tochter Zion,
freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu
dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Daher schwebte dem Volk in dem Messias ein
mächtiger Herrscher, die Gestalt eines erhabenen Königs vor. Es lag in dem
Irrtum befangen, dass der Messias ein weltlicher König und das von ihm zu
errichtende Königreich ein weltliches, mächtiges Reich sein werde, und übersah
dabei einmal, dass die Propheten auch geweissagt hatten, dass er ein Prophet
sein werde, zum Beispiel Mose in den Worten: „Einen Propheten wie mich wird der
HERR, dein Gott, dir erwecken aus dir und aus deinen Brüdern, dem sollt ihr
gehorchen“, sowie dass er ein Wundertäter sein, der der Blinden Augen auftun,
der Tauben Ohren öffnen, die Lahmen gesund machen und der Stummen Zunge reden
machen werde (Jes. 35), sodann, dass er nicht wie ein weltlicher König auf
stolzem Schlachtross an der Spitze eines Heeres, sondern, wie Sacharja
hervorgehoben hatte, arm und auf einem Esel reitend daherkommen werde. Der Wahn
von einem irdischen, mächtigen König hing ihnen wie eine Decke vor den Augen
und machte sie blind. Selbst die Apostel hatten sich von diesem Wahn nicht
losmachen können, so dass sie die so deutlichen Worte Christi von seinem
bevorstehenden Leiden, Kreuzestod und seiner Auferstehung nicht verstehen
konnten, und die beiden nach Emmaus wandelnden Jünger zum Beispiel sprachen:
„Wir hofften, er sollte Israel erlösen“, nämlich von der Herrschaft der Römer
befreien.
Wie ganz aber Jesu Geburt und Erscheinung!
Er wuchs in Galiläa auf, und als er dort auftrat, da hieß es: „Was kann aus
Nazareth Gutes kommen?“ und: „Aus Galiläa steht kein Prophet auf.“ Auch seine
Apostel waren Galiläer, dazu Fischer und Zöllner, und er selbst wandelte, ohne
eine hohe Schule besucht zu haben, als ein einfacher Lehrer durch die Städte
und Flecken und predigte das Evangelium vom Reich Gottes. So gar hatte er weder
Gestalt noch Schönheit, keine Heldengestalt, wie die Juden es erwartet hatten,
keine königliche Erscheinung, die Ehrfurcht gebot, wie es ihnen gefallen hätte.
Demütig, sanftmütig, ja, in armer Gestalt trat er auf, anstatt in königlicher
vielmehr in Knechtsgestalt, anstatt in königlichem Glanz in Armut und Demut.
„Darum“, bekennen sie, „haben wir ihn nichts geachtet.“
Aber wie es zur Zeit Christi war, so ist es
allezeit gewesen. Paulus schreibt: „Wir predigen den gekreuzigten Christus, den
Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit.“ Die stolzen Weltweisen
verspotteten den Apostel, als er ihnen auf dem Richtplatz zu Athen Christus
predigte. Irdischer Sinn und Selbstgerechtigkeit will von einem Heiland, einem
Erlöser in Knechtsgestalt nichts wissen. Die Irdischgesinnten wollen keinen
himmlischen, sondern einen irdischen König, der sie mit irdischen, leiblichen
Gütern versorgt; und die Selbstgerechten bedürfen eines Erlösers von der Sünde
nicht. Sie ärgern sich an der Knechtsgestalt des HERRN, wie die meisten der
Juden sich daran ärgerten und ihn daher verachteten. Von wie vielen geschieht
das zu unserer Zeit, von denen, die sich Christen nennen, wenn es gilt, diese
oder jene Sünde bußfertig zu erkennen und zu bekennen, sich diesem oder jenem
Wort des HERRN demütig zu unterwerfen! Da lehnen sie sich gegen das Wort auf,
fühlen sich beleidigt, in ihrem Hochmut gekränkt, kehren der Gemeinde und damit
Christus selbst den Rücken und rufen: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Wie im Alten
Testament und zur Zeit Christi die wahrhaft gläubige Gemeinde nur eine kleine
war, so auch heute noch. Wie diese damals klagte: Wer glaubt unserer Predigt,
und wem wird der Arm des HERRN offenbart? Denn dieser Gottesknecht, dieser
Jesus von Nazareth, hat keine Gestalt noch Schönheit; wir sehen ihn, aber er
hat nichts Verehrungswürdiges, nichts Anziehendes, wie wir es begehren: So muss
die Gemeinde heute noch klagen. Aber wohl allen, die so klagen, die von ihrer
Blindheit geheilt sind, sich an der Niedrigkeit seiner Person nicht mehr
ärgern, sondern ihn als den Schönsten unter den Menschenkindern bekennen; denn
sie bekennen dies dann auch hinsichtlich seiner Leiden.
2.
Von der Person des Gottesknechtes richtet
sich der Blick auf sein Leiden; denn dieselbe gläubige Gemeinde bekennt auch:
„Er war der Allerverachtetste, von Menschen verlassen, voller Schmerzen und
Krankheit; er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg. Darum
haben wir ihn nichts geachtet.“ Sie erblickt den, dessen Person für sie nichts
Schönes und Anziehendes hatte, nun in der Tiefe seiner Niedrigkeit, seiner
Leiden, mit Hohn überschüttet, mit Schmach bedeckt, voller Schmerzen und
Krankheit, und das hat ihn für sie zu dem Allerverachtenswürdigsten und
Unwertesten gemacht. Die Martergestalt hat ihn für sie zu einem Gegenstand des
Ekels gestaltet, vor dem sie vor Abscheu das Angesicht verhüllt hat. Wie klar
ist schon in diesem Bekenntnis das Bild gezeichnet, das der HERR darstellte,
als ihn Pilatus aus dem Richthaus heraus- und dem draußen stehenden Volk mit
den Worten vorführte: „Seht, welch ein Mensch!“ Ja, welch ein Mensch, von den
rohen Kriegsknechten verhöhnt und verspottet als der Juden König, mit der
furchtbaren Geißel geschlagen, mit einem alten Purpurmantel angetan, mit einer
Dornenkrone gekrönt, mit einem Rohrzepter in der Hand, sein Angesicht mit Blut
überflossen – wahrlich, voller Schmerzen, die ihm die Wunden bereiteten, voller
Krankheit, eine Martergestalt ohnegleichen, vor der die draußen stehende Menge
Abscheu empfindet und schreit: „Kreuzige, kreuzige ihn!“ So verachtet, so
nichtswürdig ist er ihnen erschienen in ihrer Blindheit. Aber wie ganz anders
jetzt der gläubigen Gemeinde, nachdem sie zur rechten Erkenntnis gekommen ist;
denn nun bekennt sie: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich
unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott
geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Übertretungen willen
durchbohrt und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm,
damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Wie ganz
anders lautet dieser Teil des Bekenntnisses!
Zunächst heißt es nochmals: „Wir hielten
ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre“, das
heißt, dass ihn Gottes Zorn und Strafe als einen verabscheuungswürdigen
Übeltäter getroffen, dass er das furchtbare Leiden mit seinen Sünden wohl
verdient habe. So blind waren wir; aber wir erkennen nun, dass er um unserer
Missetat willen verwundet, gegeißelt und gepeinigt, um unserer Übertretung
willen, wie es eigentlich heißt, durchbohrt, zermalmt worden ist. Die Strafe,
die wir mit unseren Sünden verdient hatten, hat er auf sich genommen und
erlitten; die Wunden, die Striemen, die er sich hat schlagen lassen, haben uns
Heilung gebracht.
Dieses Bekenntnis spricht, wenn wir es
näher ansehen ein Dreifaches aus. Zunächst, dass das unmenschliche Leiden des
Gottesknechtes ein unschuldiges, nicht von ihm selbst durch Sünden verdientes
war, was der Prophet mit den Worten des neunten Verses bestätigt: „Er hat
niemand unrecht getan, noch ist ein Betrug in seinem Mund gewesen.“ Sodann ein
freiwilliges. Wohl hat es ihm Gott, sein himmlischer Vater, auferlegt, aber er
hat es nicht gezwungen, sondern freiwillig auf sich genommen und sich dadurch
zum Gottesknecht gemacht. Was der Vater wollte und will, das wollte und will
auch er, der Sohn. Ferner ein geduldiges Leiden; denn es heißt im siebten Vers:
„Er ist wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das
verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut.“ Endlich ein
stellvertretendes, versöhnendes Leiden, denn „die Strafe liegt auf ihm, damit
wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“; denn „der HERR
warf unser aller Sünde auf ihn“. Und weil es ein unschuldiges, freiwilliges und
geduldiges Leiden war, darum ist es ein erlösendes und versöhnendes Leiden;
denn eine Schuld kann nicht mit einer anderen Schuld bezahlt werden, wird
vielmehr durch neue Schuld nur vergrößert. Ein erzwungenes Leiden und ein erzwungener
Gehorsam haben keinen Wert, da es nur etwas Äußerliches ist, Gott aber das Herz
ansieht. Ebenso verhält es sich auch mit einem ungeduldigen Leiden; denn
Ungeduld ist nicht Ergebung in, sondern Auflehnung gegen den Willen Gottes und
somit nicht Gehorsam, sondern Ungehorsam, Sünde. Welch ein herrliches
Bekenntnis! Es preist den für Schuldig Gesprochenen als einen Unschuldigen, den
Verachteten als den Achtungswertesten, den Verworfenen als den Erlöser, den
Gegenstand des Ärgernisses als den Verehrungswürdigsten, den so tief
Erniedrigten als den über alles Erhöhten, den Leidenden als den Arzt unserer
Krankheit.
Ist dies, meine Geliebten, auch unser
Bekenntnis von dem einzigartigen Gottesknecht, von seinem Leiden, seinem
schmachvollen Kreuzestod? Sprechen auch wir: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit
und lud auf sich unsere Schmerzen“?
O
Lamm Gottes, unschuldig
Am
Stamm des Kreuzes geschlachtet,
Allzeit
funden geduldig,
Wiewohl
du warest verachtet.
All
Sünd hast du getragen,
Sonst
müssten wir verzagen.
Erbarm
dich unser, o Jesu!
Bekennen
auch wir: „Er ist um unserer Übertretung willen durchbohrt und um unserer Sünde
willen zerschlagen“ und
Ich,
ich und meine Sünden,
Die
sich wie Körnlein finden
Des
Sandes an dem Meer,
Die
haben dir erreget
Das
Elend, das dich schläget,
Und
das betrübte Marterheer.
Ich
bin’s, der sollte büßen,
An
Händen und an Füßen
Gebunden
in der Höll.
Die
Geißeln und die Banden,
Und
was du ausgestanden,
Das
hat verdienet meine Seel.?
Bekennen
wir aufrichtig: „Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch
seine Wunden sind wir geheilt“ und:
Ich
danke dir von Herzen,
O
Jesus, liebster Freund,
Für
deines Todes Schmerzen,
Da
du’s so gut gemeint.
Ach
gib, dass ich mich halte
Zu
dir und deiner Treu,
Und
wenn ich nun erkalte,
In
dir mein Ende sei.?
Wohl allen denen, die das in Buße und
Glauben bekennen! Denn sie allein sind die gläubige Gemeinde, und durch des
Gottesknechtes Wunden und Striemen sind sie geheilt; sie allein haben in ihm
Frieden. Allen anderen aber, die noch auf ihr eigenes Tun, auf eigene
Gerechtigkeit vertrauen, ohne Buße dahingehen und der Sünde, mag es sein,
welche es wolle, dienen, denen ist er im Grund ihres Herzens der Verachtetste
und Unwerteste, für die hat er keine Gestalt noch Schönheit, mögen sie der
gläubigen Gemeinde immerhin äußerlich beigemischt sein. Was für ein Grausen
wird sie erfassen, wenn der von der großen Menge seines Volkes Verachtestste
und Unwerteste in seiner ganzen unverhüllten Schönheit, in seinem göttlichen
Glanz erscheinen und ihnen zurufen wird: „Ich habe euch noch nie erkannt;
weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ wenn der dort unschuldig Gerichtete die
Schuldigen richten wird!
Wie lautet dein Bekenntnis, dein
aufrichtiges Herzensbekenntnis, mein Zuhörer? Trittst du mit mir im Geist mit
bußfertigem Herzen unter sein Kreuz, hebst deinen Blick zu ihm empor und
bekennt:
O
Haupt voll Blut und Wunden,
Voll
Schmerz und voller Hohn!
O
Haupt, zum Spott gebunden
Mit
einer Dornenkron!
O
Haupt, sonst schön gezieret
Mit
höchster Ehr und Zier,
Jetzt
aber höchst schimpfieret:
Gegrüßet
seist du mir!
Ich
will hier bei dir stehen,
Verachte
mich doch nicht!
Von
dir will ich nicht gehen,
Wenn
wir dein Herze bricht;
Wenn
dein Haupt wird erblassen
Im
letzten Todesstoß,
Alsdann
will ich dich fassen.
In
meinem Arm und Schoß!?
Er
lasse dies dein aufrichtiges und freudiges Bekenntnis sein! Amen.
Jesaja
26, 19-21: Aber deine Toten werden leben und mit dem Leichnam auferstehen.
Wacht auf und rühmt, die ihr liegt unter der Erde; denn dein Tau ist ein Tau
des grünen Feldes. Aber das Land der Toten wirst du stürzen. Gehe hin, mein
Volk, in deine Kammer und schließ die Tür nach dir zu; verbirg dich einen
kleinen Augenblick, bis der Zorn vorübergehe. Denn siehe, der HERR wird
ausgehen von seinem Ort, heimzusuchen die Bosheit der Einwohner des Landes über
sie, dass das Land wird offenbaren ihr Blut und nicht weiter verhehlen, die
drin erwürgt sind.
In dem siegreich Auferstandenen, geliebte
Festgenossen!
Ein Triumphlied ist es, dass wir vernommen
haben. Um es recht zu verstehen, müssen wir kurz auf den weiteren Zusammenhang
achten. Im 24. Kapitel hatte der Prophet eine erschütternde Beschreibung des
allgemeinen Weltgerichts am Ende der Tage gegeben. Wie es einst jenen Völkern
und Ländern ergangen ist, die der gewalttätige König von Assyrien verwüstete,
so und noch schrecklicher wird es allen Völkern auf dem Kreis des Erdbodens
durch das letzte Weltgericht ergehen, weil sie die Satzungen Gottes übertraten,
ihn nicht geehrt und ihm nicht gedient haben. Die mit dem Fluch um ihrer Sünde
willen belastete Erde wird das Bild schauerlicher Verwüstung darbieten, und
aller Jubel wird verstummen. Dies Gericht wird über die Priester und das Volk,
über die Herren und Knechte, über die Frauen und Mägde, kurz, über alle ohne
Unterschied ergehen. Wie es in den Tagen vor der Sintflut stand, da alles
Fleisch seinen Weg verderbt hatte, die Menschen sich von dem Geist Gottes nicht
mehr strafen lassen wollten, so wird es in der Zeit vor dem zweiten Weltgericht
stehen. Aber noch schrecklicher als jenes wird dieses Gericht sein. Denn von
jenem wurde nur die Erde mit ihren Bewohnern betroffen; wenn dieses
hereinbricht, dann werden gleichsam die Säulen, die das Himmelsgewölbe tragen,
krachend zusammenstürzen, Sonne und Mond ihren Schein verlieren als Zeichen,
dass der Zorn Gottes über das gottlose Menschengeschlecht entbrannt ist. Dann
wird, wie es am Schluss des genannten Kapitels heißt, Gott der HERR die hohe
Ritterschaft und die Könige auf Erden heimsuchen, sie in ein Bündlein sammeln
und im Kerker verschließen.
Aber wie in den Tagen der Sintflut ein
geringer Rest von Getreuen, Gottesfürchtigen, Noah und die Seinen, vorhanden
war und durch die Flut hindurchgerettet wurde, so auch am Ende der Tage. Der
Überrest aus Israel und den Heidenvölkern, die Gemeinde des HERRN, wird nicht
nur durch das Gericht hindurchgerettet werden, sondern auch zu einer
Herrlichkeit gelangen, vor welcher der Schein des Mondes und der Glanz der
Sonne sich schämen und mit Schande bestehen müssen (24, 23). Auch der Tod wird
mit allem Weh hinweggetan werden, das unzählbare Tränen ausgepresst hat; denn
es heißt im 8. Vers des 25. Kapitels: „Der HERR wird den Tod verschlingen
ewiglich. Und der HERR HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen
und wird aufheben die Schmach seines Volkes in allen Landen; denn der HERR
hat’s gesagt.“ Freilich wird zu jener Zeit auch große Angst und Trübsal auf
Erden sein, ein ängstliches Schreien wie bei einer Schwangeren, wenn sie
gebären soll; denn so lauten die unserem Text unmittelbar vorhergehenden Worte:
„So geht’s uns auch, HERR, vor deinem Angesicht; denn wir sind auch schwanger,
und uns ist bange, dass wir kaum Odem holen.“ Aber welch eine Wandlung! Etwas
völlig Neues, Wunderbares tritt ein; denn der Prophet ruft der geängstigten
Gemeinde des HERRN zu: „Aber deine Toten werden leben und meine Leichname
auferstehen“ und knüpft an diese Verheißung den Zuruf an die im Staub der Erde
Schlafenden an: „Wacht auf und rühmt [jubelt], die ihr liegt unter der Erde;
denn dein Tau ist wie der Tau des grünen Feldes.“ Auf das Schmerzensgeschrei
folgt ein lautes Jubellied; die Toten jubeln. Betrachten wir den aufgrund
unseres Textes:
Die
Osterpredigt des Propheten Jesaja
Diese hat drei Teile:
1. „Deine Toten werden leben und mit dem
Leichnam auferstehen.“
2. „Wacht auf und rühmt, die ihr liegt
unter der Erde!“
3. „Gehe hin, mein Volk, in deine Kammer
und schließ die Tür nach dir zu!“
1.
Zum ersten Mal, geliebte Festgenossen,
tritt uns in den Worten unseres Textes in der Schrift des Alten Testaments eine
ganz deutliche Weissagung von der persönlichen Auferstehung der Toten
entgegen. Nicht als ob diese Lehre nicht auch schon vorher unter dem Volk des
HERRN gelehrt und geglaubt worden wäre; vielmehr geschah beides. Enthalten war
diese Lehre schon in der ersten nach dem Sündenfall den Menschen gegebenen
Verheißung: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen
deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du
wirst ihn in die Ferse stechen.“ Denn ist unter dem Fersenstich das Leiden des
verheißenen Heilandes zu verstehen, das ihm die Schlange verursachen werde, so
muss unter dem Kopfzertreten der völlige Sieg des Heilandes über den Satan und,
da ein solcher Sieg nicht ohne seine Auferstehung hätte geschehen können, auch
diese mit verstanden werden. Man denke nur: Ein getöteter, im Grab gebliebener
Heiland, wie hätte der der verlorenen Sünderwelt, den dem Tod verfallenen
Menschen, die Erlösung von den Banden des Todes bringen können? Sind doch auch
alle späteren Weissagungen der Propheten von dem Heiland keimartig in der
ersten enthalten, so dass jene nur den reichen Inhalt dieser entwickeln und
erklären. Das lehrt uns der Heiland selbst. Denn als ihm einst die Sadduzäer,
welche die Auferstehung der Toten leugneten, eine, wie sie meinten, nicht zu
beantwortende Frage in Bezug auf die Auferstehung vorlegten, sprach er: „Ihr
irrt und wisst die Schrift nicht noch die Kraft Gottes. … Habt ihr nicht
gelesen von der Toten Auferstehung, das euch gesagt ist von Gott, da er
spricht: Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs)
Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen.“ Was tat er
damit anderes, als dass er aus den Verheißungen, die Gott den Erzvätern gegeben
hatte, die Auferstehung der Toten folgerte und bewies, weil diese in jene
eingeschlossen und mitverheißen sei?
Aber so deutlich und klar wie in unserem
Text ist die Lehre von der persönlichen Auferstehung der Toten an keiner Stelle
des Alten Testaments ausgesprochen, was wir erkennen werden, wenn wir die Worte
genauer betrachten. „Deine Toten werden leben“, verkündigt Jesaja, „und meine
Leichname auferstehen.“ Der Prophet legt diese Worte der gläubigen Gemeinde in
den Mund, wie das oft, zum Beispiel in der Weissagung von dem Leiden des HERRN
im 53. Kapitel, geschieht. Sie lässt er reden, und sie spricht zu Gott: „Deine
Toten werden leben.“ So bekennt sie gläubig, und damit tröstet sie sich in den
Trübsalen. Ihre Toten werden nicht im Tod bleiben, sondern ins Leben
zurückkehren. Und sie fügt hinzu: „Meine Leichname werden auferstehen.“ Achten
wir genau auf diese Worte! Sie nennt die Toten zuerst die Toten des HERRN,
bezeichnet sie als solche, die sein Eigentum sind, ihm daher zu wert und teuer
sind, um sie in den Banden und im Rachen des Todes lassen zu können. Sagt doch
David im 116. Psalm: „Der Tod seiner Heiligen ist wert gehalten vor dem HERRN.“
Dass er aber nicht etwa nur von dem Leben der Toten der Seele nach bei Gott
redet, sagen die folgenden Worte: „Und meine Leichname werden auferstehen.“ Die
Leichname, die im Staub der Erde liegen, werden auferstehen. Diese nennt die
Gemeinde ihre Leichname, da sie auch ihr zugehören. Sie sind dein, standen im
Glauben mit dir in innigster Gemeinschaft, von dir erwählt und erkauft; aber es
sind auch meine Toten und Leichname, denn sie waren meine Glieder,
gehörten zu meiner Gemeinschaft. Aber sie sind weder dir noch mir verloren, sie
werden wieder leben, ihre Leichname werden auferstehen.
Wie wodurch wird das geschehen? Der Prophet
antwortet: „Das Land der Toten wirst du stürzen“ oder mit näherem Anschluss an
den Urtext: „Die Erde wird die Schatten, die Kraftlosen herausgeben.“ Diese
Kraftlosen, die, weil tot, nicht die geringste Kraft, nicht die geringste Spur
von Leben in sich haben, da sie im Staub der Erde liegen, selbst zum Staub
geworden sind, die werden aus dem Schoß der Erde herausgehen, wenn der HERR
sein in die Gräber dringendes allmächtiges Wort erschallen lassen wird. Ist das
nicht dieselbe Osterpredigt wie die des HERRN in den Worten Joh. 5: „Es kommt
die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine [des Sohnes
Gotts] Stimme hören; und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur
Auferstehung des Lebens“?
Aber der Prophet weissagt nicht allen,
sondern er beschreibt die Auferstehung der Toten näher, richtet an Stelle der
Gemeinde einen ermunternden Zuruf an die Bewohner des Staubes, auf den wir
zweitens näher eingehen wollen.
2.
Sind die bisher betrachteten Worte unseres
Textes an Gott gerichtet, so wendet sich der Prophet mit den folgenden an die
Toten: „Wacht auf und rühmt, die ihr liegt unter der Erde! Denn dein Tau ist
ein Tau des grünen Feldes.“ Wenige, aber inhaltsreiche Worte; und welch ein
liebliches Bild führen sie uns bei näherer Betrachtung vor das Auge!
„Wacht auf“, ruft er, ihr Bewohner des
Staubes! Bezeichnet er damit ihren Tod nicht als einen Schlaf, sie selbst als
Schlafende? Aber nicht allein aufwachen sollen sie und aus dem Staub
hervorgehen wie vom Schlaf Erweckte aus ihren Schlafkammern oder Gefangene aus
ihrem Kerker, sondern rühmen sollen sie auch, laut jubeln, ein Triumph- und
Siegeslied anstimmen, da sie den größten und letzten aller Feinde, den Tod, den
tyrannischen Herrscher, überwunden haben. Und diesen Zuruf: 2Wacht auf und
rühmt, die ihr unter der Erde liegt!“ begründet der Prophet mit den Worten:
„Denn dein Tau ist ein Tau des grünen Feldes.“ Ihr wisst alle, meine
Festgenossen, welch einen trostlosen Anblick Felder und Wiesen im heißen Sommer
nach langer, anhaltender Dürre darbieten. Der Himmel war wie verschlossen, die
Sonne sandte ihre brennenden Strahlen auf die Erde nieder. Risse bildeten sich
auf ihr, gleichsam als täte sie ihren Mund, dem Verschmachten nahe, auf, den
Regen zu trinken, den sie so lange hat entbehren müssen. Der Erdboden ist hart
und ausgedörrt, die Pflanzen lassen wie trauernd ihre Blätter hängen, das Grün
des Grases ist vertrocknet, versengt. Ein trauriger Anblick, denn es scheint
völlig erstorben zu sein. Da öffnen sich die Schleusen des Himmels, Regengüsse
strömen hernieder, tränken die durstigen Felder und Wiesen, und welch eine
Wandlung in kurzer Zeit, oft an einem Tag! Die Pflanzen richten sich auf, die
Felder und Wiesen kleiden sich in prächtiges Grün! Vorher Sterben, nun
Erwachen; wo Tod war, ist nun Leben. Das ist auch ein Aufwachen, ja eine
Auferstehung der Natur aus dem Tod. Selbst die Vögel, die vorher den Schatten
aufsuchten, lassen fröhlich ihre Stimme hören – sie jubeln.
Ähnlich, aber freilich in unvergleichlich
höherem Maß, wird es am Tag der Auferstehung der Toten sein. Was ist diese Erde
seit ihrem Sündenfall anders als ein großer Totenacker, wozu die Sünde und der
um der Sünde willen über sie ausgesprochene Fluch sie gemacht hat. Wieviel Blut
hat sie seit dem ersten Blut des unschuldig gemordeten Abel bis auf den
heutigen Tag trinken müssen! Ein Totenacker reiht sich auf ihr an den anderen,
ein Grab an das andere; ungezählt sind die Millionen derer, die unter der Erde
liegen, die Bewohner des Staubes. Kleine Kinder gehören zu ihnen und vom Alter
gebeugte Gestalten, blühende Jünglinge und Jungfrauen, kräftige Männer und
Frauen, Bettler und mächtige Fürsten auf den Thronen, die der furchtbare
Schnitter, der Tod, mit seiner Sichel dahingerafft und in den Staub der Erde
gelegt hat. Aber welch eine Wandlung, wenn die Stimme des allmächtigen HERRN
erschallen wird: „Wacht auf, ihr Bewohner des Staubes!“ wenn, um mit den Worten
unseres Textes zu reden, „sein Tau ist ein Tau des grünen Feldes“, wenn die
Erde die Toten wieder gibt, der Tod seine Beute, die Schatten, wiedergeben
muss, die Gräber sich öffnen, und die Bewohner aus ihnen hervorgehen werden,
nicht schwach, sondern stark, nicht mit natürlichen, den Krankheiten und dem
Tod nochmals unterworfenen, sondern geistlichen, verklärten, strahlenden
Leibern, herrlicher als prächtig gründendes Gras nach einem belebenden,
erquickenden Tau oder Regen! Ja,
Was
hier kranket, seufzt und fleht,
Wird
dort frisch und herrlich gehen.
Irdisch
werd ich ausgesät,
Himmlisch
werd ich auferstehen.
Hier
geh ich natürlich ein,
Nachmals
werd ich geistlich sein.
Jener Tau, der vom Himmel auf die Totenerde
herabfällt an jenem Tag, das Wort und der Geist Gottes, ist ein Tau von
himmlischer Lebenskraft; er bewirkt, dass das Land der Totenschatten gleichsam
gebiert[8],
seine Toten herausgibt. Und die so Neugeborenen rühmen, jubeln, stimmen ein
siegreiches Triumphlied an. Wie es lauten wird? Der HERR hat es uns durch
seinen Apostel verkündigen lassen; der schreibt 1. Kor. 15: „Wenn dies
Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche, und dies Sterbliche wird anziehen
die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht:
Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist
dein Sieg? … Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren
HERRN Jesus Christus!“ Das, meine Freunde, ist der zweite Teil der Osterpredigt
des Propheten Jesaja. Ist’s nicht eine wunderbare, herrliche Predigt, die wie
ein lebensspendender Tau des Himmels in die Herzen aller derjenigen fallen
muss, die in Not und Trübsalen, in dem Schlaf des Todesschatten, liegend
dahinwallen oder trauernd und weinend an den Gräbern ihrer im HERRN
Entschlafenen stehen? Darum:
Lacht
der finstern Erdenkluft,
Lacht
des Todes und der Höllen!
Denn
ihr sollt euch durch die Luft
Eurem
Heiland zugesellen.
Dann
wird Schwachheit und Verdruss
Liegen
unter eurem Fuß.
Doch noch einen dritten Teil enthält diese
Osterpredigt des Propheten, und auf den wollen wir noch kurz unseren Blick
richten.
3.
Dieser Teil lautet: „Gehe hin, mein Volk, in
deine Kammer und schließ die Tür nach dir zu; verbirg dich einen kleinen
Augenblick, bis der Zorn vorübergehe.“ Das ist eine Ermahnung, die der Prophet
an die Gläubigen, das Volk des HERRN, richtet. Er ermahnt sie, sich an seinen
sicheren Ort zu begeben, wenn der Zorn des HERRN in seinem Gericht über die
Ungläubigen, ob sie sich in oder außer ihrer Gemeinschaft befinden, wie in
Gewittersturm dahinbrausen wird. Wie sich die Menschen bei einem Gewittersturm
aus dem Freien in ihre Häuser zurückziehen und die Türen schließen, um nicht
davon betroffen zu werden, so sollen die Gläubigen in der Zeit der Trübsal und
Angst, die, wie der HERR selbst verkündigt, dem Tag der Auferstehung und des
Gerichts voraufgehen wird, gleichsam in ihre Kammer sich zurückziehen und
warten, bis das Zorngericht vorüber ist. Dieser Zorn wird nur einen Augenblick,
eine kurze Zeit, dauern, Gilt diese Ermahnung zunächst den Gläubigen zur Zeit
des Propheten, denen noch läuternde Gerichte des HERRN bevorstanden, um sie zur
Geduld, zum gläubigen Ausharren auf die Errettung des HERRN zu ermuntern, so
gilt sie als prophetische Rede der gläubigen Gemeinde am Ende der Tage. Sind
doch alle Gerichte, die über das Volk Israel, über die Völker der Heiden, über
die Kirche und ihre Feinde zur Zeit des Neuen Testaments ergangen sind, nichts
anderes als Vorläufer oder Vorspiele des Gerichts, zu dem der HERR in seiner
Herrlichkeit, umgeben von allen heiligen Engeln, erscheinen, alle Völker vor
seinem Thron versammeln, die Gläubigen von den Gottlosen scheiden und sie nach
ihren Werken richten wird. An diesem wird, nachdem sie auferweckt sind, ihre
völlige Erlösung von allem Übel, ihre gänzliche Errettung, stattfinden. Darum
sollen sie in allen Trübsalen und Verfolgungen geduldig und gläubig ausharren,
festes Vertrauen auf die Erfüllung der Verheißung des HERRN setzen und sich von
der Welt, ihrem gottlosen Wesen und Treiben, zurückziehen, still und
zurückgezogen dem HERRN dienen. Dann werden sie von dem Zorn des HERRN, der
über die Welt, die in ihrer Gottlosigkeit ebenso wie zur Zeit der Sintflut
beharrt und daher nicht zu retten ist, wie ein Wettersturm ergehen wird, nicht
betroffen, sondern gerettet werden; sie werden mit ihrem Heiland eingehen in
das Reich der Herrlichkeit, in die ewige Ruhe, den ewigen Frieden, und dort ihr
Triumphlied ohne Aufhören erschallen lassen.
Der HERR aber senke diese Osterpredigt des
Propheten heute tief in unsere Herzen, dass wir unentwegt auf die auch uns
geltende Verheißung einer seligen Auferstehung bauen, damit wir, dereinst mit
verklärten Leibern aus dem Staub hervorgegangen, fröhlich rühmen und jubeln
können: „Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren HERRN Jesus
Christus!“ und dass wir hier abgesondert von der Welt und ihrem Wesen, im
Glauben geduldig in allen Trübsalen ausharren. Darum, meine Mitgenossen:
Nur
dass ihr den Geist erhebt
Von
den Lüsten dieser Erden
Und
euch dem schon jetzt ergebt,
Dem
ihr beigefügt wollt werden.
Schickt
das Herze da hinein,
Wo
ihr ewig wünscht zu sein!
Amen.
Jesaja
53,10: Aber der HERR wollte ihn so zerschlagen mit Krankheit. Wenn er seine
Seele zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Samen haben und in die Länge
leben, und des HERRN Vornehmen wird durch seine Hand fortgehen.
In Christus, dem siegreich Auferstandenen,
geliebte Festgenossen!
Das eben vernommene Textwort ist der großen
Weissagung des Propheten Jesaja von dem Leiden des zukünftigen Messias
entnommen. Diese ist freilich nicht die einzige Weissagung in der Schrift des
Alten Testaments, die von dem Leiden des Messias handelt. Eine solche haben wir
vielmehr schon in der ersten Weissagung, die Gott den Menschen unmittelbar nach
dem Sündenfall gab, in den an die Schlange gerichteten Worten: „Du wirst ihn“,
nämlich den Weibessamen, „in die Ferse stechen.“ Eine eingehende Schilderung
dieses Leidens haben wir im 22. Psalm, wo der leidende Messias durch den Mund
des Propheten unter anderem klagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
verlassen? … Ich bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und
Verachtung des Volks. … Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben, und
meine Zunge klebt an meinem Gaumen; und du legst mich in des Todes Staub. Denn
Hunde haben mich umgeben, und der Bösen Rotte hat sich um mich gemacht; sie
haben meine Hände und Füße durchgraben.“ Damit sind besonders die furchtbaren
Qualen beschrieben, die der Leidende zu erdulden hatte. Aber eine so eingehende
Schilderung dieses Leidens, ich möchte sagen, ein so großartiges Gemälde dieses
Leidens, wie Jesaja im 53. Kapitel seines Buches gegeben hat, findet sich in
keiner anderen Stelle der Schrift Alten Testaments.
Der Prophet führt uns den Ursprung des
Leidenden nach seiner menschlichen Natur vor: dass er wie ein schwaches Reis
ist, aus dürrem Erdreich entsprossen; seine Gestalt, sein Ansehen unter den
Menschen: die hat keine Schönheit, an der sie Gefallen finden. Er war der
Allerverachtetste, voller Schmerzen und Krankheit, so verachtet, dass sie das
Angesicht vor ihm verbargen. Dann sehen wir das Leiden selbst: Er wird wie ein
Schaf zur Schlachtbank geführt und zu Tode gemartert, aus dem Land der
Lebendigen hinweggerissen, stirbt nicht eines natürlichen, sondern eines
gewaltsamen Todes. Endlich will man ihm kein ehrliches, anständiges Begräbnis
gewähren, sondern ihn wie einen Gottlosen ehrlos verscharren.
Dies ist ein Gemälde in dunklen, schwarzen
Farben. Und doch, wie erhaben ist die Gestalt des Leidenden! So groß sein
Leiden ist, sein Mund bleibt stumm; so groß seine Schmerzen sind, keine
Schmerzenslaute kommen über seine Lippen; er ist geduldig wie ein Schäflein,
das vor seinem Scherer verstummt. Dies verschönt das Bild in wunderbarer Weise,
wie das goldene Abendrot das dunkle Gewölk in Purpurrot verwandelt. Aber mehr
noch! Wie einst bei der Schöpfung das Licht aus der Finsternis hervorleuchtete,
so bricht durch dieses dunkle, finstere Leiden himmlisches Licht hindurch; denn
der Prophet verkündet: „Er ist aber aus Angst und Gericht genommen; wer will
eines Lebens Länge ausreden?“ Der Tote kehrt ins Leben zurück, auf die tiefe
Erniedrigung folgt eine herrliche Erhöhung; er wird in ein Leben versetzt,
dessen Länge niemand ausreden kann, in das ewige Leben mit seiner
unaussprechlichen Herrlichkeit. Damit haben wir mitten in dieser
Leidenserniedrigung eine Weissagung von der glorreichen Auferweckung des von
den Menschen Verachteten. Und daran schließt sich in unserem Text die Andeutung
der Frucht, die aus seinem Leiden erwächst. Das sei denn der Gegenstand unserer
heutigen Betrachtung, nämlich:
Die
herrliche Frucht des Schuldopfers Christi auf Golgatha
Diese besteht darin, dass er
1.
Samen haben,
2.
In die Länge
leben, und dass
3.
Des HERRN
Vornehmen durch seine Hand fortgehen wird.
1.
„Wenn er seine Seele zum Schuldopfer
gegeben hat, so wird er Samen haben“, oder sehen, so, Geliebte, heißt es in
unserem Text. Der Messias sollte nach dem Willen seines himmlischen Vaters sein
Leben zum Opfer darbringen, und zwar zum Schuldopfer, das heißt, er sollte mit
seinem Opfer die Schuld bezahlen, die die Menschen bei Gott haben. Diese Schuld
ist die Sündenschuld, wie wir in der fünften Bitte bitten: „Vergib uns unsere
Schuld.“ Gott fordert von den Menschen die Erfüllung seiner Gebote. Werden diese
nicht erfüllt, sondern übertreten, so laden sie dadurch nur Schuld bei Gott auf
sich, die bezahlt werden, und wofür dadurch Ersatz geliefert werden muss. Wir
Menschen konnten alle diese Schuld nicht bezahlen, und darum ist Christus an
unsere Stelle getreten, hat unsere Sünde, unsere Schuld, auf sich genommen, um
sie für uns zu bezahlen. Diese Bezahlung aber konnte nur durch Dahingabe des
Lebens, den Tod, geschehen; denn es ist ein unabänderliches Gesetz Gottes:
„Welche Seele sündigt, die soll sterben.“ Nun hat Christus sein Leben für uns
in den Tod dahingegeben und dadurch die Schuld für uns bezahlt, wie Paulus Röm.
4 schreibt: „Christus ist um unserer Sünden willen dahingegeben.“ Und Jes. 5
3,8 heißt es: „Er ist aus dem Land der Lebendigen weggerissen, da er um die
Missetat meines Volkes geplagt war.“
Aber nun auch: Welch herrliche Frucht
sollte dieses Schuldopfer bringen? „Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben
hat, so wird er Samen haben.“ Schon in den letzten Worten ist angedeutet, dass
er nicht im Tod bleiben, sondern aus ihm hervorgehen werde; denn was hätte er
für einen Samen haben oder erhalten können, wenn er nicht auferstanden wäre und
lebte? Was ist das aber für ein Samen? Freilich kein natürlicher Same, keine
natürliche, leibliche, sondern eine geistliche Nachkommenschaft, wie Abraham der
Vater der Gläubigen und diese seine geistlichen Kinder genannt werden. Ja,
dieser sein Same, alle Gläubigen, sind es, von denen es im 11. Vers diese
Kapitels heißt: „Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte,
viele gerecht machen; denn er trägt ihre Sünde“; und diese Gerechtfertigten
sind die Gläubigen; es ist, wie es im 12. Vers heißt, die große Menge, die ihm
als Beute gegeben wird, die Starken, die ihm zum Raub werden sollen. Das
spricht auch der 110. Psalm in den Worten aus: „Nach seinem Sieg wird dir dein
Volk willig opfern in heiligem Schmuck. Deine Kinder werden dir geboren wie Tau
aus der Morgenröte.“ Ja, die sind sein Same, die wie wir Offb. 5,9.10 lesen,
ihm das neue Lied singen: „Du bist erwürgt und hast uns Gott erkauft mit deinem
Blut aus allerlei Geschlecht und Zungen und Volk und Heiden und hast uns
unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht; und wir werden Könige sein auf
Erden.“
So sind sie sein Same, weil er sie durch
sein Schuldopfer, sein auf Golgatha vergossenes Blut, erkauft hat, aber nicht
allein erkauft, sondern sie durch seine Erkenntnis gerecht gemacht, sie durch
die Predigt des Evangeliums beruft, zu seiner Erkenntnis bringt, dass er sich
für sie zum Schuldopfer gegeben, für sie gestorben, sie mit seinem Blut erkauft
und mit Gott versöhnt hat, den Glauben in ihnen angezündet, durch den sie ihn
als ihren einigen Erlöser und Erretter ergreifen und sich sein Leben und Sterben
als sein für sie gebrachtes Opfer aneignen. So macht er sie durch seine
Erkenntnis gerecht und macht sie zu seinem Samen. Das alles aber aufgrund
dessen, der sich zum Schuldopfer gegeben, sie, wie wir in unserem Katechismus
bekennen, „erworben hat von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des
Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen, teuren Blut
und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, damit sie sein eigen seien und
in seinem Reich unter ihm leben und ihm dienen in ewiger Gerechtigkeit,
Unschuld und Seligkeit, gleichwie er ist auferstanden von den Toten, lebt und
regiert in Ewigkeit. Das ist gewiss wahr“. Welch eine herrliche Frucht seines
Schuldopfers! Und selig alle, die zu diesem Samen, den Gläubigen, gehören, durch
seine Erkenntnis von ihm, dem Gerechten, gerecht gemacht sind; denn dann werden
sie auch mit ihm in die Länge leben. Das lasst uns zum anderen zu erkennen
suchen.
2.
„Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben
hat, so wird er Samen haben und in die Länge leben“, weissagt Jesaja. Achtet
wohl auf diese Worte, meine Festgenossen! Scheinen sie nicht einen offenbaren
Widerspruch zu enthalten? Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, in
den Tod gegangen, gestorben ist, dann wird er in die Länge leben, ein langes
Leben haben? Der, welcher in seinem Leiden auf Golgatha zu Tode gemartert ist,
der soll nun ein Leben haben? War sein Tod nicht das Ende seines Lebens? Der
Prophet spricht: Nein, vielmehr wird er dann ein langes Leben haben; denn
alsbald wird er (und das ist es, was der Prophet mit diesen Worten weissagt)
wieder auferstehen, aus dem Tod in ein langes, ewiges Leben treten. Da haben
wir also die Weissagung des Propheten von dem Messias, die wie das Licht der
Sonne aus der Finsternis seines Lebens hervorbricht und sie erleuchtet.
Aber der Prophet weissagt in diesen Worten
nicht allein, dass Christus auferstehen werde aus seinem Grab, sondern
bezeichnet seine Auferweckung und das damit beginnende Leben deutlich als eine
Frucht seines Schuldopfers; er sagt mit anderen Worten: Infolgedessen, dass er
sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er in die Länge leben, so dass
sein Schuldopfer für ihn selbst die Frucht seines langen Lebens gebracht hat.
Was für ein Leben ist das? Das, welches nie ein Ende nimmt, das ewige Leben.
Denn „dass er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben zu einem Mal“,
schreibt Paulus Röm. 6,10; „dass er aber lebt, das lebt er Gott“ und V. 9.:
„Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, hinfort nicht stirbt; der
Tod wird hinfort über ihn nicht herrschen.“ Und ein Leben in unvergleichlicher
himmlischer Herrlichkeit wird es sein; denn so spricht er zu den beiden nach
Emmaus wandernden Jüngern am Tag seiner Auferstehung, da sie sich noch immer in
seinen Kreuzestod nicht finden konnten: „O ihr Toren und trägen Herzens, zu
glauben alle dem, das die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus
solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?“ Ohne dieses Leiden wäre er
nicht in seine Herrlichkeit, seine volle messianische Würde und Herrschaft,
aber durch dasselbe ist er in dieselbe eingetreten und dadurch auch in ein
Leben, in welchem er, zur Rechten Gottes, seines himmlischen Vaters, sitzend,
mächtig über alles im Himmel und auf Erden herrscht und regiert.
Ist’s nicht so, meine Festgenossen? Fragen
wir: Wer hat sein Leben zum Schuldopfer gegeben? so lautet die Antwort:
Christus, und zwar der ganze Christus, Gott und Mensch in einer Person –
nicht als Gott allein, auch nicht der Mensch allein, sondern der ganze Christus
nach seiner menschlichen Natur. Und dieser ganze Christus ist nach derselben
menschlichen Natur durch Tod und Auferstehung in das Leben der Herrlichkeit
eingegangen, sitzend, nicht allein als Gott, sondern auch als Mensch, zur
Rechten Gottes, und herrscht über alles, wie David im 8. Psalm schreibt: „Du
wirst ihn lassen eine kleine Zeit von Gott verlassen sein, aber mit Ehren und
Schmuck wirst du ihn krönen. Du wirst ihn zum HERRN machen über deiner Hände
Werk; alles hast du unter seine Füße getan.“ So ist Christus als Mensch durch
seinen Tod und seine Auferstehung in das Leben der Herrlichkeit eingegangen,
das er als Gott schon von Ewigkeit hatte. Denn hätte er seinen Opfertod nicht
erlitten, sein Leben nicht zum Schuldopfer gegeben, so hätte er nicht
auferstehen und in die Herrlichkeit eingehen können. Da er es aber willig getan
hat, so ist er als Mensch, auch nach seiner menschlichen Natur, in diese
Herrlichkeit eingegangen. Der sich so tief erniedrigte, ist von Gott hoch
erhöht worden. Das alles fasst der Apostel Phil. 2 in den Worten zusammen:
„Darum“, nämlich weil er sich selbst erniedrigt hat und gehorsam geworden ist
bis zum Tod am Kreuz, „hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm einen Namen
gegeben, der über allen Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen
alle derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle
Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der HERR sei, zur Ehre Gottes des
Vaters.“
Besonders aber hat ihn Gott der Vater, weil
er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, zum HERRN, als Haupt der Gemeinde,
der Kirche, gemacht. In diesem, dem Reich der Gnade, lebt und herrscht er durch
den Heiligen Geist und sein Wort. Denn so heißt es Eph. 1,22: „Gott hat alle
Dinge unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt zum Haupt der Gemeinde über
alles, welche da ist sein Leib, nämlich die Fülle des, der alles in allen
erfüllt.“ In diesem Reich der Gnade he4rrscht und regiert er unsichtbar durch die
Gnadenmittel, bis er am Ende der Tage sein Amt, das ihm der Vater übergeben
hat, vollendet und das Reich Gott und dem Vater überantworten wird.
Das, Geliebte, ist das ewige, herrliche
Leben, in dem Christus auch als Mensch lebt, herrscht und regiert über alles im
Himmel und auf Erden und besonders über die Gläubigen in dem Reich der Gnade,
weil er sein Leben zum Schuldopfer gegeben, das Leben, in welches er durch
seine herrliche Auferstehung eingetreten ist.
Wenn nun Christus sein Leben für uns zum
Schuldopfer gegeben, uns erlöst hat und durch seine Auferstehung in dieses
Leben eingegangen ist, so werden auch wir, wenn wir an ihn glauben, nicht im
Tod bleiben, sondern durch ihn auferweckt werden und in das ewige, herrliche
Leben gelangen. Denn er ist das Haupt, und wir sind seine Glieder; so kann er
uns denn nicht im Tod und Grab lassen, sondern muss uns mit sich ziehen. Das
sagt er uns selbst, wenn er Joh. 6,40 spricht: „Das ist aber der Wille des, der
mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das ewige
Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag“ und Kap. 5,28: „Es kommt
die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören
und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens.“
In diesem ewigen Leben sollen auf wir mit ihm herrschen und regieren. So können
wir denn mit dem Dichter singen:
Es
war getötet Jesus Christ,
Und
sieh, er lebet wieder.
Weil
nun das Haupt erstanden ist,
Stehn
wir auch auf, die Glieder.
So
jemand Christi Worten gläubt,
Im
Tod und Grabe der nicht bleibt;
Er
lebt, ob er gleich stürbe.
Und
mit der Dichterin:
Jesus,
er, mein Heiland lebt;
Ich
werd auch das Leben schauen,
Sein,
so mein Erlöser schwebt;
Warum
sollte mir denn grauen?
Lässet
auch ein Haupt sein Glied,
Welches
es nicht nach sich zieht?
Doch noch eine dritte herrliche Frucht des
Schuldopfers nennt der Prophet in unserem Text, auf die wir zum Schluss noch
kurz unsere Aufmerksamkeit richten wollen.
3.
„Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben
hat, so … wird des HERRN Vornehmen durch seine Hand fortgehen.“ Was haben wir
unter diesem „Vornehmen“ zu verstehen? Nichts anderes als Gottes Ratschluss zur
Erlösung und Beseligung der ganzen Sünderwelt um des Opfers und Verdienstes
Christi willen. Daher sprach Gott auch Jes. 49 zu Christus: „Es ist ein
Geringes, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und das
Verwahrloste in Israel wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht
der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an der Welt Ende. … Ich habe
dich erhört zur gnädigen Zeit und habe dir am Tag des Heils geholfen und habe
dich behütet und zum Bund unter das Volk gestellt, dass du das Land aufrichtest
und das zerstörte Erbe einnehmest, zu sagen den Gefangenen: Geht heraus! Und zu
denen in Finsternis: Kommt her!“ Das war Gottes „Vornehmen“ oder Wohlgefallen,
dass die beiden Häupter Israel, die teils in heidnische Abgötterei, teils in
einen rein äußerlichen, toten Buchstabendienst versunken und dadurch geistlich
verwahrlost und zerstört waren, wieder zur rechten Erkenntnis und zum rechten
Gottesdienst zurückgeführt würden. Aber dieses Heil sollte sich nicht allein
auf diese beschränken, sondern sich auch auf alle Heiden bis an der Welt Ende
erstrecken. Alle Völker sollten des Heils durch Christus teilhaftig werden.
Durch ihn, dem er geholfen, den er behütet, und den er zum Bund unter das Volk
gestellt hat, wollte Gott sein Vornehmen, sein gnädiges Wohlwollen, ausführen
und verheißt ihm in unserem Text, dass dieses Werk durch seine Hand einen
glücklichen und seligen Fortgang haben werde. Von den durch das Gesetz
gebundenen und wie in einem Kerker gefangenen, verschlossenen Juden wie von den
in der Finsternis sitzenden Heiden soll ihm eine große Menge zur Beute werden,
selbst die Starken sollen ihm zum Raub werden. Zu jenen, den Gefangenen, soll
er wieder sagen: Kommt heraus! Zu diesen: Kommt her! Und jene werden heraus-,
diese herkommen. Das sollte die dritte herrliche Frucht sein.
Und diese Frucht ist nicht ausgeblieben und
wächst noch immerdar. Nachdem er selbst im ganzen galiläischen Land das
Evangelium vom Reich gepredigt, sandte er seine Jünger mit dem Befehl aus:
„Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur; wer da glaubt
und getauft wird, der wird selig werden.“ „Und sie gingen aus und predigten an
allen Orten; und der HERR wirkte mit ihnen und bekräftige das Wort“, ihre
Predigt, „durch mitfolgende Zeichen.“ Sie gründeten überall christliche
Gemeinden. Paulus erfüllte von Jerusalem an bis Illyrien alles mit dem
Evangelium, gründete Gemeinden in Kleinasien und Griechenland, kam nach Rom und
wohl selbst nach Spanien. Zu Anfang des vierten Jahrhunderts nach Christi
Geburt hatte sich Christi Reich, die Kirche, fast über das ganze weite römische
Reich und darüber hinaus ausgebreitet. Fürsten, Könige, Kaiser waren dem
Evangelium gehorsam. Und immer weiter dehnten sich die Grenzen des Reiches
Christi aus. Die lateinischen, germanischen und slawischen Völker beugten sich
vor dem Zepter des Evangeliums. So ging das Vornehmen, der Heilsrat Gottes,
durch Christi Hand, seine mächtige Gnadenwirkung, fort. Es fand eine
Auferstehung der Völker vom Sündentod statt.
Aber diese geistliche Auferstehung findet
heute noch unter den Heidenvölkern statt. Das Evangelium wird in unseren Tagen
durch die Missionare in aller Welt gepredigt, und der HERR; zur Rechten Gottes
sitzend, wirkt mit ihnen wie einst mit den Aposteln, gibt ihrem Wort Kraft,
dass sich die Heiden bekehren von der Finsternis zum Licht und aus der Gewalt
des Satans zu Gott, dass die Blinden sehend und die Gebundenen frei, die
geistlich Toten lebendig werden. Endlich wird er das Vornehmen Gottes
vollenden, an jenem Tag nämlich, an dem er, der Auferstandene, sichtbar
erscheinen, alle Toten auferwecken und die in ihm Entschlafenen mit sich führen
wird. Da werden dann die letzteren das Triumphlied anstimmen: „Tod, wo ist dein
Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben
hat durch unseren HERRN Jesus Christus!“ Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag Quasimodo Geniti (Wie die neugeborenen Kindlein; 1. Petr.
2,2) ueber Sacharja 3, 8-10: Die Grundsteinlegung zu dem neutestamentlichen
Tempel auf Golgatha
Sacharja 3, 8-10: Höre zu, Josua, du Hoherpriester, du und deine Freunde,
die vor dir wohnen; denn sie sind lauter Wunder. Denn siehe, ich will meinen
Knecht Zemah kommen lassen. Denn siehe, auf dem einigen Stein, den ich vor
Josua gelegt habe, sollen sieben Augen sein. Aber siehe, ich will ihn aushauen,
spricht der HERR Zebaoth, und will die Sünde desselben Landes wegnehmen auf
einen Tag. Zu derselben Zeit, spricht der HERR Zebaoth, wird einer den anderen
laden unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.
Durch Christus, den Gekreuzigten, teuer
erlöste Zuhörer!
Als sich der Perserkönig Darius des
babylonischen Reiches bemächtigt hatte, gab er den Israeliten, die sich in der
Gefangenschaft zu Babel befanden, nicht nur die Erlaubnis, in das Heilige Land
zurückzukehren und die Stadt und den Tempel wieder aufzubauen, sondern er
versah sie auch dazu mit reichen Mitteln. Selbst die von Nebukadnezar geraubten
goldenen und silbernen Tempelgeräte ließ er aus seiner Schatzkammer
hervorsuchen und den Zurückkehrenden übergeben. Mehr als 42.000 der Gefangenen
nebst 7.000 Knechten und Mägden traten die Reise nach dem Gelobten Land an, an
ihrer Spitze als Führer Serubabel aus dem Geschlecht Davids und Josua, der
Hohepriester. Sobald die Zurückgekehrten sich einigermaßen wohnlich
eingerichtet hatten, kamen sie in Jerusalem zusammen, bauten an der Stätte, wo
der zerstörte Tempel gestanden hatte, einen Altar, opferten Brandopfer,
feierten das Laubhüttenfest und trafen Vorbereitungen, an Stelle des zerstörten
einen neuen Tempel zu bauen. (Esra 3.) Es wurden Steinhauer, Zimmerleute
angestellt und Zedern vom Libanon herbeigeschafft, so dass im zweiten Jahr nach
der Rückkehr mit dem Bau begonnen werden konnte.
Die Grundsteinlegung fand in feierlicher
Weise statt. Sie wurde, wie im Buch Esra berichtet wird, mit Gesang von
Lobliedern unter Musikbegleitung begangen. Aber bei manchen war die Freude mit
Trauer vermischt, denn so berichtet Esra: „Viele der alten Priester und Leviten
und obersten Väter, die das vorige Haus gesehen hatten, und nun dies Haus vor
ihren Augen gegründet wurden, weinten laut.“ Sie dachten daran, welch ein
herrliches, imposantes Gebäude der zerstörte Tempel gewesen war, sahen, wie
weit der neue hinter jenem zurückstehen werde, und wurden daher mit Schmerz und
Wehmut erfüllt.
Auf den Bau dieses Tempels und besonders
die Grundsteinlegung zu demselben wird in unserem heutigen Text Bezug genommen.
Manche von den aus der Gefangenschaft Zurückgekehrten waren in Bezug auf den
Tempelbau sehr lässig. Feinde von außen her suchten sie auf allerlei Weise zu
hindern; Serubabel und Josua, der Hohepriester, wollten mutlos werden. Da
traten die Propheten Haggai und Sacharja auf, straften die Lässigen,
ermunterten die Verzagten, verhießen den Schutz und die Hilfe des HERRN und
verkündigten die Grüße und Herrlichkeit eines zukünftigen Tempels, von dem der
damals zu erbauende nur ein geringer Schatten sein sollte. Haggai verkündigt:
„Es ist noch ein kleines dahin, dass ich Himmel und Erde und das Meer und
Trockene bewegen werde. Ja, alle Heiden will ich bewegen. Da soll dann kommen
aller Heiden Trost; und ich will dies Haus voll Herrlichkeit machen, spricht
der HERR Zebaoth. … Es soll die Herrlichkeit dieses letzten Hauses größer
werden, als des ersten gewesen ist, spricht der HERR Zebaoth. Und ich will
Frieden geben an diesem Ort, spricht der HERR Zebaoth.“ Gott der HERR selbst
werde einen Tempel errichten, der an Größe und Herrlichkeit alles übertreffen,
und einen Grundstein zu demselben legen, auf dem sich der Bau erheben solle,
der an Köstlichkeit und Dauerhaftigkeit seinesgleichen nicht haben werde. Nicht
auf dem dort gelegten Grund und dem zu erbauenden Gebäude sollten ihre Augen
haften bleiben, sondern sie sollten sie auf den von Gott selbst zu legenden
Grundstein richten. Diese Grundsteinlegung ist geschehen. Wann? An dem ersten
Karfreitag auf Golgatha. Das ist es, wovon unser Text handelt, und darum
betrachten wir jetzt:
Die
Grundsteinlegung zu dem neutestamentlichen Tempel auf Golgatha
Diese hat
1. Gott selbst vollzogen,
2. dadurch die Sünde an einem Tag
fortgenommen,
3. eine glückselige Zeit herbeigeführt.
1.
Der erste Teil dieses Kapitels, dem unser
Text entnommen ist, enthält einen Bericht über das Gesicht, in welchem der
Prophet Sacharja den Hohenpriester Josua als einen vom Satan Angeklagten
erblickte, aber von Gott dem HERRN gerechtfertigt und in seinem
hohepriesterlichen Amt bestätigt wurde. In unserem Text verkündigt der HERR nun
durch den Propheten ein Neues, nämlich eine andere, zukünftige
Grundsteinlegung, denn er spricht zu ihm: „Höre zu, Josua, du Hoherpriester, du
und deine Freunde, die vor dir wohnen; denn sie sind lauter Wunder. Denn siehe,
ich will meinen Knecht Zemah kommen lassen. Denn siehe, auf dem einigen Stein,
den ich vor Josua gelegt habe, sollen sieben Augen sein. Aber siehe, ich will
ihn aushauen, spricht der HERR Zebaoth.“
Höre zu, du Hoherpriester Josua, den ich
soeben gerechtfertigt und in seinem Amt bestätigt, mit dem hohepriesterlichen
Schmuck bekleidet habe, du und deine Freunde, deine Amtsgenossen, an deren
Spitze zu stehst: Du und diese deine Freunde, deine Mitpriester, sind lauter
Wunder oder Männer des Wunderzeichens. Warum solche? Weil sie Zeichen und
Vorbilder auf etwas Außerordentliches, Wunderbares sind. Dies Wunderbare wird
in den folgenden Worten: „Denn siehe, ich will meinen Knecht Zemah kommen
lassen“ angegeben. Mit anderen Worten: Weil sie Vorbilder auf meinen Knecht
Zemah sind, den ich kommen lassen will, darum sich sie laut er Wunder oder
Männer des Wunders. Damit ist aber auch schon gesagt, dass diese zukünftige
Zemah nicht ein gewöhnlicher, sondern ein einzigartiger Knecht sein wird.
Wer ist aber mit diesem Knecht Zemah
gemeint? Kein anderer als der, von dem Josua in seinem neuen
hohenpriesterlichen Schmuck nur ein geringes Vorbild war, nämlich der
Hohepriester der ganzen Welt, besonders des Neuen Testaments, der damals
zukünftige Messias, Christus Jesus. Der Prophet nennt ihn den Knecht Gottes,
insofern er den Willen Gottes vollbringen soll, und Zemah, das heißt, Gewächs,
da er nach der Weissagung wie ein Spross aus dem Stamm Davids nach seiner
menschlichen Natur emporsprießen sollte.
Dieser Knecht Zemah, der Spross, das
Gewächs, aus dem Stamm Davids, wird in den folgenden Worten mit einem anderen
bildlichen Ausdruck bezeichnet; denn sie lauten: „Siehe, auf dem einigen Stein,
den ich vor Josua gelegt habe, sollen sieben Augen sein. Aber siehe, ich will
ihn aushauen, spricht der HERR Zebaoth.“ Der Stein, den der HERR vor Josua
gelegt hat, legen will, und der Knecht Zemah sind ein und dasselbe; denn beide
Benennungen bezeichnen Christus, den Messias. Dieser Knecht Zemah, der Messias,
soll der Stein, der Grund- und Eckstein, sein, den der HERR Zebaoth selbst
legen wird. Wie aber? Das sagen die Worte: „Auf dem einigen Stein sollen sieben
Augen sein. Aber siehe, ich will ihn aushauen, spricht der HERR Zebaoth.“
Was ist mit den sieben Augen, die auf
diesen Stein sind oder auf ihn gerichtet sind, gemeint? Der Prophet gibt die
Antwort im zehnten Vers des vierten Kapitels, wo er sie die sieben Augen
Jahwehs, des HERRN, das heißt, die Augen der Vorsehung, nennt. Auf diesen Stein
wird die Vorsehung Gottes in ganz besonderem, im vollkommensten Maß gerichtet
sein, weil er so auserwählt, über alles köstlich ist. Aber nicht dies allein,
sondern Gott wird ihn auch aushauen, zurichten, zum Eck- und Grundstein des
neuen Tempels zurichten und selbst als solchen legen. Wann und wodurch aber ist
dies geschehen? An dem Tag, da Christus ans Kreuz geheftet wurde und durch das
unsägliche Leiden, das er an jenem Tag erduldet hat. Da wurde dieser lebendige
Stein wahrlich ausgehauen. Die Steinhauer waren die Hohenpriester und Obersten
der Juden wie auch Pilatus, die Hämmer und Meißel die Geißeln der
Kriegsknechte, mit denen sein Rücken zerfleischt, die Dornenkrone, durch deren
Stachel sein Haupt so schmerzlich verwundet und blutig überflossen, die Nägel,
mit denen seine Hände und Füße durchgraben, der Speer des Kriegsknechtes, mit
dem seine Seite durchstochen wurde. Ein furchtbares Aushauen dieses Steines,
wie es niemals vor- und nachher stattgefunden hat! Und als dieser Steinvöllig ausgehauen
und zubereitet war, als Christus im Tod erblasste, sein Haupt neigte und
verschied, da hat ihn Gott zum Grundstein gelegt in einen Grund, der nie wankt,
nämlich in das Blut, das aus seinen Wunden vom Kreuz auf die Erde niederfloss.
Welch anderer Grund hätte auch gefunden werden könne, in den dieser köstliche
Stein hätte gebettet werden können, als sein eigenes Blut, das Blut des
Unschuldigen, der von keiner Sünde wusste, ja, das Blut des Sohnes Gottes
selbst? Darin allein liegt er fest und unbeweglich, darauf ruht der neue Tempel
fest und unbeweglich, so dass ihn auch die Pforten der Hölle nicht zerstören,
ja, nicht einmal erschüttern können.
Das ist die Grundsteinlegung zu dem
neutestamentlichen Tempel, nämlich der christlichen Kirche, wie sie auf
Golgatha stattgefunden hat, von der Jesaja weissagte: „Siehe, ich lege in Zion
einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein, der wohl
gegründet ist“, und wovon Chritus selbst zu den Pharisäern und Schriftgelehrten
sagte und damit die Worte des Propheten auf sich bezog: „Der Stein, den die
Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Von dem HERRN ist das
geschehen, und es ist wunderbar vor euren Augen.“ Dass aber Christus, dieser
köstliche Stein, der Grund- und Eckstein des neutestamentlichen Tempels, der
Kirche, ist, bezeugt der HERR selbst, indem er zu Petrus spricht: „Du bist
Petros, und auf diesen Petra“, auf mich, den du als Christus, des lebendigen
Gottes Sohn, bekannt hast, „will ich bauen meine Gemeinde; und die Pforten der
Hölle sollen sie nicht überwältigen.“ Und 1. Kor. 3, 11 bezeugt Paulus: „Einen
anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus
Christus“ und in den Worten an die Epheser: „Ihr seid erbaut auf den Grund der
Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der
ganze Bau, ineinandergefügt, wächst zu einem heiligen Tempel in dem HERRN, auf
welchem auch ihr miterbaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geist.“
Welch eine wunderbare Grundsteinlegung –
wunderbar, weil sie von Gott selbst in solcher Weise geschehen ist; wunderbar,
weil der Stein ein so wunderbarer ist, kein toter, sondern ein lebendiger
Stein, ein gottmenschlicher Stein. Aber ebenso wunderbar war er auch in seiner
Wirkung, wie wir zweitens erkennen werden.
2.
Diese Wirkung gibt der Prophet zunächst in
wenigen Worten an: „Und will die Sünde desselben Landes wegnehmen auf einen
Tag.“ Wie? An dem Tag dieser Grundsteinlegung soll die Sünde desselben Landes,
der Welt, weggenommen sein? Das sagt der HERR selbst in den eben gehörten
Worten, und darum ist es gewiss so. Wie aber? Auf diese Frage antwortet Paulus
mit den Worten Röm. 4, 25: „Christus ist um unserer Sünden willen dahingegeben“
und Jesaja im 53. Kapitel: „Der HERR warf unser aller Sünde auf ihn“; und darum
„trug er unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten
ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er
ist um unserer Übertretung willen durchbohrt und um unserer Sünde willen
zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit wir Frieden hätten, und durch
seine Wunden sind wir geheilt.“ Wiederum sagt der Apostel 2. Kor. 5, 21: „Gott
hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir
würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ Führen wir uns dies in dem
Bild von dem Eckstein, der Grundsteinlegung und des darauf zu erbauenden
Tempels der neutestamentlichen Kirche näher vor das Auge!
Dieser Tempel es Neuen Testaments, die
Kirche, ist nichts anderes als die Gemeinde der Gläubigen, alle wahren
Christen, wie in den vorher angeführten Worten Paulus den Christen zu Ephesus
schreibt: „Ihr seid Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen; … ihr
werdet erbaut zu einer Behausung Gottes im Geist.“ Auf welchem Grundstein aber
konnte dieser heilige Tempel erbaut werden und emporsteigen? Etwa auf einem
rein menschlichen Grundstein, einem Menschen? Wie hätte der diesen Tempel
tragen können? Auf einem der hohen Patriarchen, wie Abraham? Dann ruhte er auf
einem sündlichen Grund; denn Abraham war bei all seiner Glaubensstärke ein
Sünder, und auf einem sündlichen Grund konnte kein heiliger Tempel stehen, da
ein solcher Grund wankt und weicht. Oder auf dem Grund der eigenen Werke,
eigener Gesetzeserfüllung? Das wäre ein schlechterer als ein sumpfiger oder
Sandgrund; ja, dann wäre es ein unheiliger, sündiger Tempel nach seinem Grund,
seinen Mauern, den einzelnen Steinen, sündig vom Grund bis zur Spitze. Sollte
dieser Tempel ein heiliger Tempel sein, so musste zuerst der Grund- und
Eckstein heilig, rein und unbefleckt von Sünden sein, und das war und ist
dieser von Gott gelegte Stein, denn er hat niemand Unrecht getan, auch ist kein
Betrug in seinem Mund gefunden worden; er ist unschuldig, unbefleckt, von den
Sündern abgesondert und höher als der Himmel; denn er ist nicht allein Mensch,
sondern des lebendigen Gottes Sohn. Aber obwohl er heilig, sündlos in seiner
Person war; so hat er doch für die Sünden aller Menschen, die auf ihn geworfen
wurden, als der Sünder gelitten, sein Leben zum Schuldopfer dahingegeben. Weil
er sich zum Sündenträger für uns gemacht hat, darum hat ihn Gott so durch
Leiden, Wunden und Tod ausgehauen, um seiner Gerechtigkeit genugzutun. Aber
dadurch hat er unsere Sünden gebüßt, unsere Schuld bezahlt, der Gerechtigkeit
des heiligen Gottes genuggetan; darum rief er sterbend auf Golgatha aus: „Es
ist vollbracht“; die Strafe ist erlitten, die Sünde gebüßt; und Gott hat, indem
er ihn auferweckte, erklärt: Die Sünde des Landes, der Welt, ist durch ich an
jenem Tag hinweggenommen, vollkommen bezahlt. Durch ihn, sein Leiden, Sterben,
seinen Gehorsam bis zum Tod am Kreuz, ist eine vollkommene Erfüllung meines
Gesetzes und so vollkommene Gerechtigkeit erworben; und darum ist er ein
bewährter, köstlicher, unbeweglicher Grund- und Eckstein, auf dem ein heiliger
Tempel erbaut werden kann und soll. Das ist ein anderer Grundstein als der,
welcher dort zur Zeit des Hohenpriesters Josua gelegt wurde, der aus einem
natürlichen Felsblock bestand, und der auf ihn gegründete Tempel ein anderer
als der, welcher damals errichtet wurde, kein irdisch sichtbarer, sondern ein
unsichtbarer, himmlischer, kein sündlicher, sondern heiliger Tempel in dem
HERR, ein Tempel, an dem nicht wie an jenem etwa 20 Jahre, sondern so lange
gebaut wird, bis er am Ende der Tage völlig vollendet ist und in den Himmel
versetzt wird; kein toter, sondern ein lebendiger Bau. Und die auf diesem
Grund- und Eckstein miterbaut, als lebendige Steine in ihn eingefügt sind, die
leben in einer glückseligen Zeit, genießen einen seligen, herrlichen Frieden.
Darüber lasst mich zum Schluss reden.
3.
„Zu derselben Zeit“, so lauten die
Schlussworte unseres Textes, „spricht der HERR Zebaoth, wird einer den anderen
laden unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.“ Der Prophet bedient sich
eines lieblichen Bildes, in welchem er den glückseligen Zustand beschreibt, in
dem sich alle Gläubigen befinden, die sich die Frucht des Leidens und Sterbens
Christi auf Golgatha, die dadurch vollbrachte Versöhnung Gottes, durch den
Glauben zueignen. Wenn in einem Land Frieden herrscht, wenn die Einwohner
keinen Mangel an irdischen Gütern leiden, die Fülle und Überfluss haben, dann
ladet einer den anderen ein, man setzt sich unter schattige Bäume und freut
sich miteinander. Und so, sagt der Prophet, wird es bei den Gläubigen in der
Kirche des Neuen Testaments in geistlicher Beziehung sein. Sie haben Frieden
mit Gott und sind gewiss, dass er ihnen nicht zürnt, sondern durch Christus
versöhnt ist, wie der Apostel Röm. 5, 1 schreibt: „Nun wir denn sind gerecht
geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren HERRN
Jesus Christus.“ Aus diesem Frieden erwächst aber auch der Friede mit ihren
Mitchristen; sie verkehren als Glieder einer Familie miteinander. Durch Christi
Wunden haben sie Heilung, durch seinen Tod das Leben; sie sind, wie Paulus Eph.
1 schreibt, „gesegnet mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern
durch Christus“, und freuen sich dieser herrlichen Güter. Das sagt der Prophet
mit den Worten: „Einer wird den anderen laden unter den Weinstock und unter den
Feigenbaum.“
Wohlan, Geliebte, wir leben in der
glückseligen Zeit, die der Prophet in diesen Worten beschreibt, in dem Tempel
des lebendigen Gottes, der neutestamentlichen Kirche. Stehen wir im wahren
Glauben, so sind wir Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen, miterbaut
auf den Eckstein, den Gott selbst einst auf Golgatha gelegt, den er ausgehauen,
zubereitet, wodurch er auch unsere Sünde weggenommen hat. Für diese uns
erwiesene überschwängliche Gnade lasst uns von Herzen dankbar sein, aber auch
wohl zusehen, dass wir durch den Glauben auf diesen köstlichen Eckstein
gegründet sind und bleiben, so werden wir auch sicher wohnen unter unserem
Weinstock und Feigenbaum, alle uns erworbenen Güter in seligem Frieden
genießen, den Frieden Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bis wir in
diesem Frieden abscheiden und dort jubilieren werden:
Es
ist vollbracht!
Weg
Krankheit, Schmerz und Pein!
Weg
Sorgen; weg Verdruss!
Dein
Golgatha soll mir ein Tabor sein;
Mein
matt und müder Fuß
Wird
hier auf diesen Friedenshöhen
Frei
von Beschwerd und Banden gehen.
Es
ist vollbracht!
Es
ist vollbracht!
Wie
wohl, wie wohl ist mir!
Wie
leb ich so erfreut
In
Salems Burg, …
Wo
keine Feinde zu uns brechen,
Wo
weder Dorn noch Disteln stechen.
Es
ist vollbracht!
Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag Misericordias Domini (Die Erde ist voll der Guete des
HERRN; Ps. 33, 5; Hirtensonntag) ueber Jesaja 1, 1-9: Gottes Klage ueber das
Reich Juda
Jesaja 1, 1-9: Dies ist das Gesicht Jesajas, des Sohns Amoz, welches er sah von Juda und
Jerusalem zur Zeit Usias, Jothams, Ahas und Hiskias, der Könige Judas.
Hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren!
Denn der HERR redet: Ich habe Kinder aufgezogen und erhöht, und sie sind von
mir abgefallen. Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines
Herrn; aber Israel kennt es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht. O wehe des
sündigen Volks, des Volks von großer Missetat, des boshaften Samens, der
schädlichen Kinder, die den HERRN verlassen, den Heiligen in Israel lästern,
weichen zurück! Was soll man weiter an euch schlagen, so ihr des Abweichens nur
desto mehr macht? Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der
Fußsohle bis aufs Haupt ist nichts Gesundes an ihm, sondern Wunden und Striemen
und Eiterbeulen, die nicht geheftet noch verbunden noch mit Öl gelindert sind.
Euer Land ist wüste, eure Städte sind mit Feuer verbrannt; Fremde verzehren
eure Äcker vor euren Augen, und ist wüste, als das, so durch Fremde verheert
ist. Was aber noch übrig ist von der Tochter Zion, ist wie ein Häuslein im
Weinberg, wie eine Nachthütte in den Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt.
Wenn uns der HERR Zebaoth nicht ein weniges ließe überbleiben, so wären wir wie
Sodom und gleichwie Gomorrha.
In Christus geliebte Zuhörer!
„Dies ist das Gesicht Jesajas, des Sohnes
des Amoz, welches er sah von Juda und Jerusalem“, so lauten die Anfangssorte
unseres heutigen Textes. Sie bilden die Einleitung zu dem Buch des größten
unter allen Propheten des Alten Testaments. Dieser Prophet, dessen Name „Der
HERR schafft Heil“ bedeutet, lebte zu Jerusalem und wirkte dort vierzig, nach
anderen sogar sechzig Jahre lang, vom Todesjahr des jüdischen Königs Usija bis
in das vierzehnte Jahr des Königs Hiskia, und entfaltete eine Tätigkeit, die in
mächtiger Weise in die Geschichte des Königsreichs eingriff. Nach einer alten
Überlieferung soll er unter dem Nachfolger Hiskias, dem gottlosen und grausamen
Manasse, den Märtyrertod erlitten haben. In welch wunderbarer Weise er zum
Propheten geweiht wurde, wird im sechsten Kapitel berichtet. Und wunderbar wie
seine Weihe war auch seine Tätigkeit, waren seine Weissagungen und die Wirkung
derselben. Er verkündigte die Strafgerichte des HERRN, die über das
gottentfremdete Volk hereinbrechen sollten, aber auch wie kein anderer Prophet
das nach und unter diesen Strafgerichten kommende Heil in dem verheißenen
Erlöser, weshalb er der Evangelist des Alten Bundes genannt worden ist.
Er beginnt seine Weissagungen mit einer
Klage über das gottentfremdete Juda, über die schnöde Undankbarkeit des Volkes,
dem Gott als liebender Vater so große Wohltaten erwiesen hat, das aber durch
die erlittenen Strafen einem Menschen gleich ist, der über und über mit Wunden
und Striemen bedeckt und doch nicht gebessert ist. Betrachten wir aufgrund
unseres Textes:
Die
vor Himmel und Erde erschallende Klage Gotts über das Reich Juda
In dieser Klage stellt Gott dem Reich Juda
vor
1. die ihm erwiesenen Wohltaten,
2. die dafür bewiesene Undankbarkeit,
3. den elenden Zustand des Reiches Juda.
1.
„Hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren;
denn der HERR redet! Mit diesen Worten beginnt die göttliche Klage über das
Reich Juda. Himmel und Erde werden zu Zeugen aufgerufen, um gegen das sündige,
boshafte Volk aufzutreten. Die Klage, die sich zu einer schweren, ergreifenden
Anklage gestaltet, die Gott selbst erhebt, lautet: „Ich habe Kinder aufgezogen
und erhöht, und sie sind von mir abgefallen.“ Das ist die Klage eines liebenden
und treuen Vaters über die Untreue und den Undank missratener Kinder, denen er
so große Wohltaten erwiesen hat. Diese Wohltaten sind in den Worten „aufgezogen
und erhöht“ zusammengefasst.
Der große Gott hat sich diesem Volk
gegenüber als liebender Vater erwiesen. Was es ist und hat, das hat es ihm
allein zu verdanken. Schon in den Erzvätern hatte er es zu seinem Volk erwählt.
Er hatte bei Abrahams Berufung zu ihm gesagt: „Ich will dich zum großen Volk
machen und will dich segnen und will dir einen großen Namen machen; und in dir
sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Und seine nachkommen waren
zu einem großen Volk geworden. Als Jakob mit seiner Familie nach Ägypten kam,
zählte diese 70 Seelen. Aber obwohl die Kinder Israel dort schwer bedrückt
wurden, wuchsen sie doch unter dem Schutz und Segne Gottes zu einem großen Volk
heran, so dass sie bei ihrem Auszug aus Ägypten 600.000 Mann zu Fuß zählten.
Aus dem kleinen Häuflein war ein zahlreiches Volk, aus dem kleinen Kind, das
ich so sage, ein starker junger Mann geworden. So hatte Gott sie sich als seine
Kinder aufgezogen. Und wie wunderbar hatte sie der HERR aus der Knechtschaft
Ägyptens befreit! Eine Plage nach der anderen hatte er über die Ägypter kommen
lassen, bis diese sie zum Auszug drängten, um nicht von weiteren Plagen
heimgesucht zu werden. Denkt an den wunderbaren Durchgang durch das Rote Meer,
wodurch sie vor dem ihnen nachjagenden Pharao beschützt, an das Waser, mit dem
sie getränkt wurden, an die Siege, die sie über ihre Feinde errangen und an so
viele andere Wohltaten, die ihnen der HERR erwies. Denkt ferner an den
wunderbaren Durchgang durch den Jordan, wie „das Wasser, das von oben
herniederkam, aufgerjchtet über einem Haufen stand“, wie von einem
mächtigen Damm zurückgehalten, nach unten aber zum Salzmeer abfloss, so dass
die Kinder Israel trockenen Fußes durch den Fluss hindurchgehen und das Gelobte
Land betreten konnten. Denkt endlich an die Einnahme des Landes, wie die Mauern
der festen Stadt Jericho einfielen, als das Volk ein Feldgeschrei erhob und die
Priester die Posaunen bliesen. An dem allem erkannten nicht allein sie, sondern
auch die Völker der Erde die mächtige Hand des HERRN, ihres Gottes. Im Hinblick
auf alle diese Wohltaten spricht der HERR in unserem Text: „Ich habe Kinder
aufgezogen.“
Aber er hatte sie nicht allein aufgezogen,
sondern auch „erhöht“. Dort im gelobten fruchtbaren Land waren sie zu einem
mächtigen Volk geworden. Unter dem Heldenkönig David hatten sie alle ihre
Feinde ringsumher besiegt und waren als ein mächtiges Volk von den Heiden
gefürchtet. Unter Salomo blühten Frieden und Reichtum. Das Volk wohnte sicher,
ein jeglicher unter seinem Feigenbaum und seinem Weinstock, Konnte Gott diesem
Volk nicht mit Recht zurufen: „Ich habe Kinder aufgezogen und erhöht“? Hatte er
es nicht mit Wohltaten überschüttet?
Aber blicken wir von den Kindern Israel auf
uns, so werden wir bekennen müssen, dass er auch uns viele Wohltaten erwiesen
hat. Den auch uns hat er ein gutes und reiches Land gegeben und hat uns mit
irdischen Gütern gesegnet. Aber mehr als dies: Mit uns hat er einen Bund
gemacht, viel größer und herrlicher als den, welchen er mit den Kindern Israel
gemacht hat, nämlich einen Bund nicht des Gesetzes, sondern der Gnade, von dem
der HERR Jes. 55, 3 sagt: 2ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die
gewissen Gnaden Davids“, durch den Vergebung und Tilgung der Sünde, Erlösung
vom Tod und ewiges Leben gegeben wird, und Jer. 31: „Siehe, es kommt die Zeit,
spricht der HERR, da will ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen
neuen Bund machen, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern machte, … den
sie nicht gehalten haben … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren
Sinn schreiben; und sie sollen mein Volk sein, so will ich ihr Gott sein. Sie
sollen mich alle kennen, beide, klein und groß; denn ich will ihnen ihre
Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ Die größte unter allen
den Kindern Israel erwiesene Wohltat war die Gesetzgebung und Bundesschließung.
Wenn sie den Bund hielten, so sollten sie ihm ein priesterliches Königreich und
en heiliges Volk sein, ja, sein Eigentum sein unter allen Völkern, so dass
diese bekennen sollten: „Wo ist so ein herrliches Volk, das so gerechte Sitten
und Gebote hat wie alle dies Gesetz“?
Wir nun sind nicht unter dem Gesetz,
sondern unter der Gnade, sind nicht mehr unmündige Kinder, sondern sind mündig
geworden; denn wie viele unser getauft sind, die haben Christus angezogen und
sind Gottes Kinder durch den Glauben an Christus Jesus. So hat Gott als der
liebreiche .und gnädige Vater uns als seine Kinder aufgezogen und erhöht; denn
was kann höher sein als Kinder Gottes, des Allerhöchsten, zu heißen? Und wenn
wir auf unsere Kirche blicken, so kann ich hinzufügen: Gott hat uns zu einem
großen Volk gemacht wie einst das Volk Israel.
Wie aber vergalt das Volk Israel dem HERRN
alle ihm erwiesenen Wohltaten? Darauf gibt die Klage Gottes in unserem Text
Antwort.
2.
Diese Antwort lautet zunächst: „Sie sind
von mir abgefallen“, das heißt, sie sind treulos geworden, haben alle Wohltaten
vergessen, ja mit Gleichgültigkeit und Undank vergolten. Wisst ihr, was das
heißt, wenn Kinder von ihrem Vater und ihrer Mutter abfallen, von denen sie mit
großer Mühe und aller Sorgfalt großgezogen worden sind, wenn sie ihren Eltern
schnöde Undankbarkeit erweisen, ihnen den Rücken kehren und ihnen Kummer und
Herzeleid bereiten? So bewiesen sich die Kinder Israel gegen Gott. Wodurch, das
ersehen wir aus 2. Kön. 16. War schon unter dem König Jotham das Verderben
unter dem Volk eingerissen, so wurde es unter seinem Nachfolger, Ahas, immer
schlimmer; denn nach den Gräueln der Heiden opferte er sogar seinen ältesten
Sohn, opferte und räucherte auf den Höhen und unter allen grünen Bäumen, trieb
heidnischen, gräulichen Götzendienst, der mit allerlei Sünden und Lastern, oft
genug mit grober Unzucht verbunden war. Die Großen im Reich pflegten Recht und
Gerechtigkeit nicht, sondern unterdrückten die Armen. Darum nennt sie Jesaja im
10. Vers dieses Kapitels Fürsten von Sodom und das Volk ein Volk von Gomorra
und beschuldigt sie im 15. Vers, dass ihre Hände voll Blut seien. Wie tief
mussten die Reichen und Mächtigen und auch das Volk gesunken sein, wenn er
ihnen die Anklage ins Gesicht schleudert, dass sie den Einwohnern der
lasterhaften Städte Sodom und Gomorra gleich seien, die um ihres gräulichen
Lasters willen durch vom Himmel fallendes Feuer vernichtet worden waren! So
waren sie von Gott abgefallen.
Aber noch mehr! Es heißt in unserem Text:
„Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel
kennt es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht.“ Welch ergreifende Klage! Die
mit solch väterlicher Sorgfalt und Treue erzogenen, so hoch erhöhten Kinder
sind unter die unvernünftigen, ja die dümmsten Tiere herabgesunken, zeigen
nicht einmal so viel Erkenntlichkeit wie die Ochsen und Esel. So dumm diese
Tiere auch sind, so kennen sie doch ihren Herrn und zeigen eine gewisse
Dankbarkeit, wenn ihnen ihr Herr Futter in die Krippe gibt; aber Israel, die
Kinder Israel, die diesen hohen Ehrennamen nach dem Erzvater Jakob führen, der
mit Gott und Menschen gerungen und gesiegt hat, die sich Gottesstreiter nennen
und auf diesen Namen stolz sind, die sind von Gott abgefallen und dienen den
toten, stummen Götzen der Heiden, streiten gegen Gott, sind ein sündiges Volk,
ein Volk von großer Missetat geworden, eine Saat von Missetätern, schädliche,
heillose Kinder; sie verlästern den Heiligen in Israel und weichen zurück.
Beachtet die Worte: „die den Heiligen in Israel lästern“. Nicht einen Menschen
lästern sie, sondern den Heiligen, den Gott Israels, der in seiner Heiligkeit
von unnahbarer Würde, in seinem Zorn ein verzehrendes Feuer ist. Sind das nicht
schädliche, heillose Kinder, die dem Heiligen gleichsam ins Gesicht schlagen,
ihm seine Wohltaten mit solchem Frevel vergelten? Muss er über sie nicht das
Wehe ausrufen?
Eine ähnliche Klage hebt der HERR durch den
Propheten Jeremia im achten Kapitel seines Buches in den Worten an: „Ein Storch
unter dem Himmel weiß seine Zeit, eine Turteltaube, Kranich und Schwalbe merken
ihre Zeit, wann sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des
HERRN nicht wissen.“ Der Heiland musste Klagen: „Jerusalem, Jerusalem, die du
tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind: Wie oft habe ich
deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter
ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ Aber wie es bei den Juden war, so
ist’s auch in der christlichen Kirche gewesen. Welch ein Verderben machte sich
schon im vierten Jahrhundert geltend! Bischöflicher Stolz und Hochmut traten
auf den sogenannten allgemeinen Konzilen hervor, heidnisches Wesen macht sich
unter Hohen und Niedrigen geltend. Man stritt fanatisch über die reine Lehre
und führte dabei ein unreines Leben. Wie verderbt waren die Priester, Mönche
und das Volk vor der Reformation, und wie bald waren die Wohltaten vergessen,
die Gott unserem Volk durch die Reformation erwiesen hatte! Wie hat Luther über
den Undank des deutschen Volkes geklagt! Und dieser Undank tritt auch in
unseren Kreisen mehr und mehr hervor. Wie groß ist die Gleichgültigkeit, wie
gering die Opferwilligkeit! Mit dem Wohlstand und dem Reichtum nehmen auch der
Mammonsdienst und weltförmiges Wesen zu. Möchten wir uns warnen lassen! Denn
Gott lässt die Undankbarkeit für die erwiesenen Wohltaten nicht ungestraft. Das
ist das dritte, was wir nach unserem Text zu betrachten haben.
3.
Der HERR sagt in unserm Text weiter: „Was
soll man weiter an euch schlagen, so ihr des Übertretens nur desto mehr macht?
Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle an bis
aufs Haupt ist nichts Gesundes an ihm, sondern Wunden und Striemen und
Eiterbeulen, die nicht geheftet noch verbunden noch mit Öl gelindert sind.“ Das
ist eine bildliche Beschreibung des Zustandes, in welchem sich das Volk infolge
der göttlichen Strafgerichte befand. Es glich einem menschlichen Körper, der
mit Striemen, Wunden und Eiterbeulen, durch Schläge verursacht, bedeckt ist.
Deshalb sagt der HERR; „Was soll man weiter an euch schlagen?“ Und wenn er
hinzusetzt: „so ihr des Übertretens nur desto mehr macht“, so sagt er, dass
diese Strafen das Volk nicht gebessert haben, sondern dass sie nur noch ärger
geworden sind. Während die Strafgerichte es hätten lehren sollen, wohin die
Undankbarkeit und der Abfall von Gott führen, wurde es gottloser und
verstockter. Diesen elenden Zustand beschreibt der Prophet mit eigentlichen
Worten, indem er sagt: „Euer Land ist wüste, eure Städte sind mit Feuer
verbrannt, Fremde verzehren eure Äcker vor euren Augen, und ist wüste als das,
so durch Fremde verzehrt ist.“ Wer die Feinde und die Fremden waren, die eine
solche Verwüstung angerichtet haben, ersehen wir aus 2. Chron. 28, nämlich die
Edomiter und Philister, die eine Anzahl der Städte erobert und das Land
geplündert hatten. Nur Jerusalem war noch nicht erobert, und dieses nahm sich
inmitten der Verwüstung des Landes als eine armselige Hütte in einem verödeten
Weinberg aus; denn der Prophet fährt fort: „Was aber noch übrig ist von der
Tochter Zion, ist wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte in den
Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt“, der nach außen hin der Verkehr
abgeschnitten ist. Das Land ist verwüstet, die Städte sind zerstört; es blutet
aus tausend Wunden, die ihm nach Gottes gerechtem Gericht die Feinde geschlagen
haben. So müssen die boshaften Kinder, die den HERRN verlassen haben, den
Heiligen Israels lästern, ihren Abfall und ihre Gottlosigkeit büßen. Hätte sich
der HERR Zebaoth aus Gnaden nicht ein weniges, einen geringen Rest,
übrigbleiben lassen, so wären sie wie Sodom und Gomorra, das heißt, sie wären
wie diese Städte gänzlich vom Erdboden vertilgt worden.ERRN v
„Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die
Sünde ist der Leute Verderben“, heißt es Spr. 14. Dieses Wort hat sich in der
Geschichte der Kirche, des Reiches Gottes, zu allen Zeiten bewahrheitet. So war
es zur Zeit Noahs, zur Zeit der Richter und der Könige in Juda und Israel.
Fielen sie in heidnischen Götzendienst, so bediente sich Gott der Heiden, um
sie zu strafen. Als sie Christus nicht als ihren König aufnahmen, sondern sich
den heidnischen Kaiser erwählten, ausriefen: „Wir haben keinen König als den Kaiser!“
da kamen die Römer, zerstörten Stadt und Tempel und zerstreuten die
Übergebliebenen in alle Länder der Erde. Hatten sie den HERRN von Judas um
dreißig Silberlinge gekauft, so wurden sie von den Römern um einen noch
geringeren Preis verkauft. Da war ein Jude sehr billig. Als die christlichen
Gemeinden in Kleinasien von Gott abfielen, wurden sie Untertanen der Türken.
Als Deutschland die Segnungen der Reformation vergessen hatte, musste es die
furchtbare Verwüstung durch den Dreißigjährigen Krieg über sich ergehen lassen.
Ist nicht auch unser Land schon durch Krieg und Verwüstung heimgesucht worden,
so dass es aus klaffenden Wunden blutete? Und Gott der HERR hat Donner und
Blitz, den Wind und das Waser, Pestilenz und teure Zeiten in seiner Hand, um sie
als Zuchtruten über die von ihm abgefallenen Kinder zu gebrauchen. Dünke sich
niemand unter uns sicher, sondern prüfen wir uns, ob Gott, der uns so geliebt
hat, dass er uns seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn
glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben, nicht auch
Ursache hat, über uns als abgefallene, schädliche Kinder zu klagen; nehmen wir
seine Klage zu Herzen, damit wir Buße tun, uns bessern und nicht auch seinen
Strafgerichten verfallen. Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag Jubilate (Jauchzet Gott, alle Lande; Ps. 66, 1) ueber
Jesaja 1, 10-20: Gottes Antwort auf die Selbstrechtfertigung des gestraften
Volkes Israel
Jesaja 1, 10-20: Hört des HERRN Wort, ihr Fürsten von Sodom; nimm zu Ohren
unsers Gottes Gesetz, du Volk von Gomorrha! Was soll mir die Menge eurer Opfer?
spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fetten von
den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke.
Wenn ihr hereinkommt zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von euren
Händen, dass ihr auf meinen Vorhof tretet? Bringt nicht mehr Speisopfer so
vergeblich! Das Räuchwerk ist mir ein Gräuel; die Neumonde und Sabbate, da ihr
zusammenkommt und Mühe und Angst habt, die mag ich nicht. Meine Seele ist feind
euren Neumonden und Jahrzeiten; ich bin derselben überdrüssig; ich bin’s müde
zu leiden. Und wenn ihr schon eure Hände ausbreitet, verberge ich doch meine
Augen von euch; und ob ihr schon viel betet, höre ich euch doch nicht; denn
eure Hände sind voll Bluts.
Wascht, reinigt euch, tut euer böses Wesen
von meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht,
helft dem Unterdrückten, schafft dem Waisen Recht und helft der Witwen Sache!
So kommt dann und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure
Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich
ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden. Wollt ihr mir gehorchen, so
sollt ihr des Landes Gut genießen. Weigert ihr euch aber und seid ungehorsam,
so sollt ihr vom Schwert gefressen werden; denn der Mund des HERRN sagt es.
Geliebte in dem HERRN!
Im ersten Teil dieses Kapitels hat der
Prophet Jesaja dem Volk Israel seinen Abfall und seine Verderbtheit
vorgehalten, hat es ein Volk von großer Missetat einen Boshaften Samen,
schädliche Kinder genannt, die den HERRN verlassen und lästern, sogar in ihrer
Blindheit unter die dümmsten Tiere herabgesunken sind. Selbst ein Ochse kennt
seinen Herrn, aber sie kennen ihren Gott nicht, der sie als seine Kinder
auferzogen hat. Selbst ein Esel zeigt eine gewisse Erkenntlichkeit dafür, wenn
ihm Futter in die Krippe gegeben wird, aber sie zeigen keine Dankbarkeit für
alle Wohltaten, die Gott ihnen erwiesen hat. Auch die schweren Strafgerichte,
die deswegen über sie ergangen sind, haben sie nicht zur Erkenntnis gebracht.
Sie sind durch diese Strafgerichte einem menschlichen Körper gleich geworden,
der durch Schläge von der Fußsohle bis zum Scheitel mit Wunden, Striemen und
Eiterbeulen bedeckt ist; aber sie sind nur desto verstockter geworden. Deshalb
sagt der HERR zu ihnen: „Was soll man noch weiter an euch schlagen, da ihr des
Abweichens nur desto macht?“ Sie können weder durch Güte noch durch Strafe zur
Buße gebracht werden. Wenn sich der HERR nach seiner Barmherzigkeit nicht noch
einige Gottesfürchtige übrig behalten hätte, so wären sie wie Sodom und
Gomorra, das heißt, sie wären wie diese gottlosen Städte völlig in
Gottlosigkeit versunken und gänzlich vernichtet worden.
Aber so schuldbeladen das Volk war, und so
schwer die Strafgerichte Gottes es getroffen hatten, so erkannte es doch seine
Schuld nicht nur nicht, sondern versuchte, sich zu rechtfertigen. Es weist auf
die vielen Opfer hin, die von ihm dargebracht wurden, auf die Feier der Feste
und den Besuch des Tempels und will damit sagen: Werden nicht die
vorgeschriebenen Opfer dargebracht, die Feste gefeiert, die Sabbate gehalten?
Wie können wir daher beschuldigt werden, dass wir den Einwohnern von Sodom und
Gomorra gleich seien und solche Strafe verdient hätten? Darauf antwortet der
HERR durch den Propheten in dem heutigen Text. Betrachten wir daher aufgrund
desselben:
Gottes
Antwort auf die Selbstrechtfertigung des gestraften Volkes Israel
In dieser Antwort wird
1. Israels ganzer Gottesdienst als
heuchlerisch verworfen, dagegen
2. aufrichtige Buße und Bekehrung von ihm
gefordert.
1.
Anstatt die Anklage, dass sie in ihrem
gottlosen Wesen Sodom und Gomorra gleich geworden seien, zu mildern oder gar zu
widerrufen, beginnt der Prophet seine Antwort mit den Worten: „Hört des HERRN
Wort, ihr Fürsten von Sodom; nimm zu Ohren unseres Gottes Gesetz, du Volk von
Gomorra!“ und schleudert ihnen damit die vorher schon gegen sie erhobene
Beschuldigung von neuem entgegen. Er nennt die Obersten des Volkes Fürsten von
Sodom und das Volk ein Volk von Gomorra. Eine furchtbare Anklage, wenn wir
bedenken, wie gottlos und lasterhaft jene durch Feuer und Schwefel von dem
Erdboden vertilgten Städte waren. Dieselbe, ja eine noch schwerere
Beschuldigung erhebt Gott durch den Propheten Hesekiel gegen das Volk Juda und
Jerusalem im 16. Kapitel in den Worten: „Sodom, deine Schwester, samt ihren
Töchtern hat nicht so getan wie du und deine Töchter“ und nennt als besondere
Sünden: Hoffart, Unterdrückung der Armen und Bedürftigen, Stolz und Gräuel.
Jesaja wendet sich zunächst an die Fürsten, die Obersten des Volkes, die das
Richteramt führten und in ihren Sünden dem Volk vorangingen, dann aber auch an
das ganze Volk, da alle mehr oder weniger schuldig waren.
Sie weisen zunächst auf die Menge der von
ihnen dargebrachten Opfer hin. Darauf antwortet ihnen der Prophet: „Was soll
mir die Menge eurer Opfer? Spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von
Widdern und des Fetten von den Gemästeten und habe keine Lust zum Blut der
Stiere, der Lämmer und Böcke.“ Mit diesen Worten sind die sogenannten blutigen
Opfer gemeint, die teils ganze Opfer waren, indem die Teire ganz auf dem Altar
vom Feuer verzehrt wurden, oder nur teilweise, wenn nur das Blut und die Fettstücke
des Opfertieres auf dem Altar dargebracht, das übrige aber den Priestern
überlassen oder bei den Opfermahlzeiten verzehrt wurde. Bei diesen blutigen
Opfern kam es besonders auf das Blut an, da, wie es 3. Mose 17 heißt, „des
Leibes Leben im Blut und das Blut die Versöhnung für das Leben ist“. In ihnen
wurde das Blut und damit das Leben des Opfertieres für das Blut und das Leben
des sündigen Menschen oder des ganzen Volkes dargebracht, während das Feuer,
durch welches das Opfer verzehrt wurde, die heilige Macht Gottes darstellte,
daher bei außerordentlichen Fällen das Feuer vom Himmel fiel und das Opfer
verzehrte als Zeichen des göttlichen Wohlgefallens. Zu diesen Opfern wurden die
genannten Tiere: Widder, Stiere, Lämmer und Böcke verwendet. Aber an diesen
Opfern hatte der HERR kein Wohlgefallen; er ist ihrer satt, überdrüssig, will
sie nicht annehmen, sondern wirft sie von sich.
So auch mit den Speisopfern; denn der HERR
spricht im 13. Vers unseres Textes: „Bringt nicht mehr Speisopfer so
vergeblich! Das Räuchwerk ist mir ein Gräuel.“ Diese Speisopfer waren unblutige
und bestanden in Opfergaben an Feldfrüchten, Mehl, Brot und dergleichen. Durch
sie sollte keine Sühnung der Sünde geschehen, sondern Gott Anerkennung und Dank
für den Segen an Feld- und anderen Früchten erwiesen werden, und sie wurden
entweder mit dem Sühnopfer zusammen oder auch ohne dieselben allein
dargebracht. Zu ihnen gehörten die Erstlingsfrüchte der Ernte und die
Schaubrote, die im Heiligtum des HERRN lagen, damit sein Blick immer auf ihnen
als den Gaben des Dankes seines Volkes ruhe.
Von den Opfern wendet sich der HERR zu den
von ihnen beobachteten Fest- und Feiertagen; denn er spricht weiter: „Die
Neumonde und Sabbate, da ihr zusammenkommt und Mühe und Arbeit habt, die mag
ich nicht.“ Der Neumond war die Feier des neu erscheinenden Mondes, der Sabbat
die Feier des siebten Wochentages, die beide uralt, aber auf Sinai, besonders
die letztere, streng geboten waren. Zu diesen kommen noch die „Jahrzeiten“, das
Passah-, Pfingst- und Laubhüttenfest. Im Darbringen dieser blutigen, unblutigen
und anderer freiwilliger Opfer, in der Feier der Sabbate und Feste waren sie
fleißig. Aber sie täuschten sich sehr, wenn sie auf diese äußerlichen Werke
vertrauten, damit sie dem HERRN einen Dienst zu erweisen meinten; denn er ruft
ihnen zu: „Wenn ihr hereinkommt, zu erscheinen vor mir, wer fordert solches von
euren Händen, dass ihr auf meinen Vorhof tretet“, eigentlich: meine Vorhöfe zu
zerstampfen? Die Speisopfer bringt ihr vergeblich. „Das Räuchwerk ist mir ein
Gräuel; die Neumonde und Sabbate … mag ich nicht. Meine Seele ist feind euren
Neumonden und Jahrzeiten; ich bin derselben überdrüssig; ich bin’s müde zu
leiden.“ Verwirft er damit nicht ihren ganzen, von ihm selbst gebotenen und
geordneten Gottesdienst? Warum denn? Die Antwort lautet im 15. Vers: „Wenn ihr
schon eure Hände ausbreitet“, um Vergebung und Gaben von mir zu empfangen,
„verberge ich doch meine Augen von euch; und ob ihr schon viel betet, höre ich
euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut“, voll von unschuldig
vergossenem Menschenblut. Neben ihrem Eifer im Opfern und Halten der Fest- und
Feiertage trieben sie, wie ihnen im 29. Vers dieses Kapitels gesagt wird,
Abgötterei unter den Eichen, bedrückten die Armen und vergossen unschuldiges
Blut. Sie dienten äußerlich Gott, aber in gottloser Gesinnung, und meinten, ihm
mit dem äußerlichen Schin und Treiben einen Gefallen zu erweisen. Aber er sagt
ihnen: Alle eure Opfer und Festfeiern und Gebete sind mir ein Gräuel, ich kann
sie nicht länger ertragen; denn sie sind lauter Heuchelei.
Ist das nicht eine furchtbare
Beschuldigung? Aber sie ist wahr; denn Gott selbst erhebt sie. Und wie viele
trifft sie unter den sogenannten Christen heutzutage! Oder ist nicht bei vielen
der ganze Gottesdienst auch nur ein rein äußerliches Ding, ohne Gottesfurcht,
ohne Andacht, ohne Glauben? Sie kommen zur Kirche, aber nur mit den Füßen,
nicht mit dem Herzen, aus Gewohnheit, ab er nicht aus Heilsbegierde; sie hören
das Wort Gottes, aber nur mit den Ohren, nicht mit dem Herzen; sie beten mit
den Lippen, aber nicht mit Andacht; sie singen mit dem Mund, aber es ist
äußerliches Geplärr. Sie bringen bei weiten nicht so große und zahlreiche Opfer
wie die Juden, geben die geringe Gabe oft genug mit Unwillen, manche leben im
Götzendienst des Geizes, in Hass und Feindschaft und dergleichen und meinen
doch gleich jenen, mit ihrem äußerlichen Tun Gott einen Dienst zu erweisen.
Aber zu ihnen spricht der HERR auch: „Tut nur weg von mir das Geplärr eurer
Lieder; denn ich mag euer Saitenspiel nicht hören“; ob ihr schon viel plappert
wie die Heiden, so höre ich euch doch nicht. Das Räuchwerk eures Gebets ist mir
ein Gräuel; „ich mag nicht riechen in eure Versammlungen“; oder wie er im 50.
Psalm spricht: 2Meinst du, das sich Ochsenfleisch essen wolle oder Bocksblut
trinken? Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde! Was
verkündigst du meine Rechte und nimmst meinen Bund in deinen Mund, so du doch
Zucht hasst und wirfst meine Worte hinter dich? Dein Maul lässt du Böses reden,
und deine Zunge treibt Falschheit. Du sitzt und redest gegen deinen Bruder,
deiner Mutter Sohn verleumdest du. Das tust du, und ich schweige. Da meinst du,
ich werde sein gleichwie du; aber ich will dich strafen und will dir’s unter
die Augen stellen. Merkt doch das, die ihr Gott vergesst, dass ich nicht einmal
hinreiße, und sei kein Retter mehr da!“ Das sind furchtbare, aber sie sind des
heiligen Gottes Worte, der ein starker, eifriger Gott ist, dem alle
äußerlichen, heuchlerischen Werke ein Gräuel sind.
Prüfe sich nun ein jeder unter uns, ob sein
Gottesdienst, sein Hören, Singen, Beten, Opfern ein wahrer Gottesdienst, im
Geist und in der Wahrheit, oder ein bloß äußerliches, heuchlerisches Ding ist,
gleich dem, von welchem Gott in unserem Text sagt, dass das Erscheinen vor ihm,
nämlich das Kommen in seinen Tempel zu Jerusalem, nichts weiter sei als ein
Zertreten, Zertrampeln seiner Vorhöfe. Wie selbstgerecht waren jene, wie
suchten sie sich mit ihren Opfern und ihren pomphaften Festversammlungen zu
rechtfertigen! Selbstgerechtigkeit und Gottlosigkeit gingen nebeneinander bei
ihnen her. Aber schon jene ist Gottlosigkeit; denn der Selbstgerechte vertraut
auf seine äußerlichen Werke. Er ist einer Glocke gleich, die schön klingt, aber
tot ist, ohne Leben, ohne Empfindung von dem, was er tut, wie Paulus 1 Kor. 13
sagt: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe
nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“ Gott will das
Herz, seine Augen sehen nach dem Glauben, nach Buße, und die fordert er in
unserem Text im zweiten Teil seiner Antwort an das gestrafte Israel.
2.
„Wascht euch, reinigt euch; tut euer böses
Wesen von meinen Augen; lasst ab vom Bösen°!“ lautet die Forderung, die Gott
zunächst an das Volk stellt. Wovon soll es sich waschen und reinigen? Das
erkennen wir, wenn wir auf die Gesinnung achten, in der es seine Opfer
darbrachte und vor Gott im Tempel erschien. Die Speisopfer waren Opfer der
Falschheit; das Räuchwerk war ein Gräuel, ein abscheulicher, ekelhafter Geruch.
Die Feier des Sabbats, der Neumonde, der Festversammlungen war Frevel,
Nichtswürdigkeit, daher dem heiligen Gott unerträglich, eine Last, die er nicht
mehr tragen konnte. Die Hände, die es im Gebet zu ihm ausbreitete, waren mit
unschuldigem Blut besudelt. Das war das böse Wesen, das waren die
Schlechtigkeiten ihrer Taten, mit denen es vor Gott erschien, die er, der
Allsehende, sah; von denen sollten sie sich waschen, reinigen, die sollte es
von seinen Augen hinwegtun; es sollte aufhören, Böses zu tun.
Wodurch sollen sie sich waschen, reinigen?
Dadurch, dass sie die Falschheit ihres Opferdienstes und ihrer Gebete erkennen,
einsehen, dass alles, womit sie Gott dienen wollen, ihm ein Gräuel ist. Das ist
das erste, was Gott von ihnen fordert. Aber sie sollen das auch wahrhaftig
bereuen, darüber von Herzen Leid tragen, dass sie ihn mit dem allem erzürnt
haben, anstatt ihm einen angenehmen Dienst zu erweisen, und dies damit
beweisen, dass sie davon ablassen, es als ein Gräuel vor Gott meiden.
Die andere Forderung lautet: „Lernt Gutes
tun, trachtet nach Recht!“ Weil sie Böses zu tun gewohnt und darin bewandert
sind, so ist es für sie umso schwerer, Gutes zu tun; sie müssen es daher
gleichsam erst wie Schüler lernen. Und worin dies Gute vornehmlich besteht,
sagen die folgenden Worte: „Helft den Unterdrückten“ oder maßregelt den
Gewalttätigen, dass er den Schwachen und Geringen nicht Gewalt antut, sondern
gerecht handelt. „Schafft dem Waisen Recht und helft der Witwen Sache.“ Wir
ersehen daraus, dass besonders die Oberen und Richter sich des Frevels schuldig
machten, die Geringen zu vergewaltigen, die Witwen und Waisen um ihr Recht zu
bringen. Da sollen sie dafür eintreten, dass den Waisen Recht gesprochen wird
und sich der Witwen Sache annehmen. Halten wir diese Forderung mit dem
zusammen, was ihnen der HERR über ihre Opfer und ihren ganzen heuchlerischen
Gottesdienst sagt, so lauten sie: Wenn ihr eure Opfer bringt, Feste feiert und
betet, so tut erst Buße, befleißigt euch, recht zu handeln und den
Unterdrückten sowie den Witwen und Waisen zu helfen; lasst ab von eurem bösen
Wesen und tut Gutes. Und wenn ihr dies getan habt, dann „kommt und lasst uns
miteinander rechten, spricht der HERR“. Das heißt: Wenn ihr mit mir rechten,
streiten wollt, als ob ihr die Strafen, durch die ihr voller Wunden, Striemen
und Eiterbeulen geworden seid, nicht verdient habt, so tut erst aufrichtige
Buße und bessert euch, und dann wollen wir miteinander rechten und sehen, ob
ihr Ursache habt, euch zu rechtfertigen.
Aber welch eine herrliche Verheißung fügt
der HERR nun an diese Aufforderung, wenn er sagt: „Wenn eure Sünde gleich
blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden; und wen sie gleich ist wie
Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.“ Damit ist ein Zweifaches gesagt,
nämlich dass sie in einem solchen Rechtsstreit mit ihm nicht schuldlos, sondern
schuldig würden befunden werden, dass aber er selbst sie rechtfertigen, ihnen
ihre Sünden aus Gnaden vergeben wolle, auch wenn sie noch so groß und schwer
seien. Wenn, so sagt er, „eure Sünde gleich blutrot ist“, wenn ihr in derselben
ausseht wie in einem Gewand, das mit Blut getränkt ist, so soll sie doch weiß
wie der Schnee werden. Und wenn sie gleich wie Rosinfarbe oder Scharlach ist,
so soll sie doch wie Wolle, die von Natur eine schöne weiße Farbe hat, werden.
Er will ihr Sündenkleid, das sie durch ihre Freveltaten blut- und hochrot
gefärbt haben, waschen und reinigen, und zwar so, dass es blendend weiß wie der
Schnee, von so zarter Farbe wie die Wolle wird. Um des ihnen verheißenen
Heilandes willen will er ihnen die großen, schweren Sünden alle miteinander
völlig vergeben. So will er selbst sie rechtfertigen!
Aber wie, so müssen wir hier fragen,
scheint das nicht, als ob die Besserung des Lebens oder Vergebung der Sünden
der Heiligung und die guten Werke der Rechtfertigung vorangehen, während die
Heilige Schrift doch lehrt, dass die Heiligung und die guten Werke auf die
Rechtfertigung oder Vergebung der Sünden folgen? Antwort: Die Buße und
Bekehrung, die in aufrichtiger Erkenntnis der Sünde, in Reue und Leid über
dieselbe und im wahren Glauben an Gottes Gnade um des Heilandes willen besteht,
ist die von Gott gegebene Ordnung, in welcher der Sünder allein zur
Rechtfertigung gelangen kann. Ohne wahre Herzensbuße keine Vergebung. Trat
nicht der HERR selbst sein öffentliches Lehramt mit dem Zuruf an das Volk
Israel an: „Die zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist herbeigekommen; tut Buße
und glaubt an das Evangelium!“? Was heißt das anders als: Nur durch Buße und
Glauben könnt ihr in das jetzt herbeigekommene Reich Gottes eingehen? Rief Gott
nicht ebenso dem abgöttischen Volk Israel (Jer. 3, 12 f.) zu: „Kehre wieder, du
abtrünniges Israel, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn
ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein,
erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast“?
Das, meine Zuhörer, ist die Antwort Gottes
auf die Selbstrechtfertigung des gestraften Volkes Israel. Er zeigt ihm, dass
sein ganzer Gottesdienst heuchlerisch und ihm daher ein Gräuel ist, dass es
trotz seiner vielen Opfer, trotz der Beobachtung der Neumonde, des Sabbats und
der Feste, trotz seiner Ausbreitung der Hände im Gebet ein verderbtes,
strafwürdiges Volk ist, fordert deswegen aufrichtige Herzensbuße von ihm und
verheißt ihm, wenn es Buße tut, völlige Vergebung seiner vielen und schweren
Sünden und den friedlichen Genuss aller Güter des fruchtbaren Landes, droht ihm
aber auch, wenn es in seiner Unbußfertigkeit verharrt, Untergang durch das
Schwert. Und damit es an der Gewissheit der Verheißung wie der Drohung nicht
zweifle, schließt er mit den Worten: „Denn der Mund des HERRN sagt es.“
Ist es nötig, dies noch besonders des
weiteren auf uns anzuwenden? Es gibt nur eine Ordnung des Heils:
Dieselbe für uns im neuen wie für die Juden im Alten Testament. Somit gilt die
Antwort Gottes in unserem Text auch einem jeden von uns. Gott widersteht den
Hoffärtigen, die ihre Sünden nicht erkennen, sondern sich selbst rechtfertigen wollen;
den Demütigen, die von Herzen bußfertig sind und auf Christus vertrauen, gibt
er Gnade. Er schenke uns wahre und tägliche Buße, wasche und reinige uns, dass
wir schneeweiß werden! Wohl uns, wenn wir mit Luther von Herzen sprechen
können:
Ob
bei uns sind der Sünden viel,
Bei
Gott ist viel mehr Gnade;
Sein
Hand zu helfen hat kein Ziel,
Wie
groß auch sei der Schade.
Er
ist allein der gute Hirt,
Der
Israel erlösen wird
Von
seinen Sünden allen.
Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag Kantate (Sing dem HERRN ein neues Lied; Ps. 98,1) ueber
Jesaja 55, 1-5: Die herzliche Einladung zu dem in dem Erloeser erschienen Heil
Jesaja 55, 1-5: Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser; und die ihr nicht
Geld habt, kommt her, kauft und esst; kommt her und kauft ohne Geld und umsonst
beides, Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar, da kein Brot ist, und eure
Arbeit, da ihr nicht satt von werden könnt? Hört mir doch zu und esst das Gute,
so wird eure Seele in Wollust fett werden. Neigt eure Ohren her und kommt her
zu mir; hört, so wird eure Seele leben! Denn ich will mit euch einen ewigen
Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids. Siehe, ich habe ihn den Leuten
zum Zeugen gestellt, zum Fürsten und Gebieter den Völkern. Siehe, du wirst
Heiden rufen, die du nicht kennst; und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu
dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen in Israel, der
dich preise.
In dem HERRN teure Zuhörer!
„Was der alten Väter Schar höchster Wunsch
und Sehnen war, und was sie geprophezeit, ist erfüllt in Herrlichkeit“, so
singen wir in der heiligen Advents- und Christfestzeit und singen so mit Recht.
Denn die ganze Schar der alten gläubigen Väter wünschte uns sehne die
Erscheinung des ihnen verheißenen Heils, das ihnen in dem Weibessamen
zuteilwerden sollte, von Herzen herbei. Mit welcher Sehnsucht wartete Abraham
auf die Geburt eines Leibeserben, nicht etwa nur deshalb, weil er einen
leiblichen Nachkommen und Erben seiner irdischen Güter haben wollte, sondern
weil mit der Geburt eines solchen die Verheißung von dem Weibessamen
unzertrennlich verbunden war, die ihm Gott in den Worten 1. Mose 12 gegeben
hatte: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Wie groß
diese Sehnsucht war, sagt der HERR, wenn er spricht: „Abraham, euer Vater, war
froh, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich.“
Nicht minder groß war die Sehnsucht des
Erzvaters Jakob nach der Erscheinung des Heilandes. Denn als er unmittelbar vor
seinem Abschied aus diesem Leben seine um sein Lager versammelten Söhne
segnete, sprach er nicht nur bei dem Segen über Juda: „Es wird das Zepter von
Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der
Held komme, und demselben werden die Völker anhangen“, sondern er rief auch
nach dem Segen über Dan mit sehnsüchtigem Verlangen aus: „HERR, ich warte auf
dein Heil!“
Soll ich noch auf einen dritten der alten
Väter hinweisen, dessen Wunsch und Sehnen ebenso groß war? Es ist der
Heldenkönig Israels, David, Isais Ssohn. Obwohl auf königlichem Thron sitzend,
ein mächtiger Fürst, so dass man meinen könnte, dass er alles besaß, was er für
sich wünschen und ersehnen konnte, rief er doch klagend und sehnsuchtsvoll aus:
„Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme, und der HERR sein gefangenes
Volk erlöste! So würde Jakob sich freuen und Israel fröhlich sein.“ Obwohl
selbst mächtig und Israel zu seiner Zeit ein mächtiges Reich, sieht er sich und
sein Volk wie in einer Gefangenschaft, im Elend, und bittet daher um Hilfe und
Erlösung, woraus deutlich hervorgeht, dass er von keiner leiblichen
Gefangenschaft, sondern von einer anderen, einer geistlichen redet, aus der er
sich selbst nicht befreien kann, daher er nach einem anderen, mächtigeren
Helfer und Erlöser ausblickt.
Was aber diese und andere gläubige Väter
mit Inbrunst ersehnt haben, das ist in Herrlichkeit erfüllt: Der Weibessame,
der Same Abrahams, der Held, ist erschienen, die Hilfe und der Erlöser aus Zion
ist gekommen; denn die Hirten auf den Fluren Bethlehems haben die Botschaft des
Engels gehört: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der
HERR, in der Stadt Davids“, und der fromme, hochbetagte Simeon hat, den
Weibessamen und in ihm den Held auf seinen Armen haltend, gejubelt in großer
Freude: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor
allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volks
Israel.“ Und nun, da der Heiland und in ihm das Heil und die Hilfe da ist,
ergeht an alle, die des Heils bedürfen, die Aufforderung, zu demselben zu
kommen, um seiner teilhaftig zu werden. Das geschieht in unserem Text, aufgrund
dessen ich jetzt an euch richte
Die
herzliche Einladung zu dem in dem Erlöser erschienenen Heil
Denn dieses Heil ist
1. allen nahe;
2. zu ihm sollen alle Durstigen und Armen
gerufen werden, und
3. es stillt wahrhaft allen Hunger und
Durst.
1.
„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt
her zu Wasser; und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kauft und esst!“ so,
meine Zuhörer, ruft der Prophet in unserem Text aus und lässt damit eine
herrliche Einladung ergehen, und zwar zu einem Heil, das nahe oder wirklich da
ist. Denn was wäre es für eine Torheit, zu einem Festmahl einzuladen, das nicht
bereitet wäre? Wein, Wasser und Milch, zu deren Trinken eingeladen, oder die
zum Kauf angeboten werden, müssen da sein, sonst würde eine Einladung dazu
Spott sein. Aber, wendet ihr vielleicht ein, war denn das Heil, das der Prophet
mit den Worten Wasser, Wein und Milch bezeichnete, zur Zeit des Propheten
Jesaja schon tatsächlich vorhanden, da er doch etwa 750 Jahre vor der
Erscheinung des Heilandes lebte und weissagte? Konnte er schon damals als
gegenwärtig einladen? Er konnte es; denn das Heil war auch damals schon da,
obwohl der Heiland noch nicht geboren war, sondern erst in ferner Zukunft
geboren werden sollte. Denn was die Propheten im Alten Testament, als erst in
ferner Zukunft geschehend, verkündigten, das schauten sie als schon gegenwärtig
und verkündigten damit zugleich die Gewissheit der Erfüllung ihrer Weissagung.
Darum ruft derselbe Prophet Jesaja im 9. Kapitel seiner Weissagung voll
freudigen Erstaunens aus: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns
gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbar,
Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Ja, erblickte er nicht selbst die
Empfängnis des Messias als gegenwärtig, als er sprach: „Siehe, eine Jungfrau
ist schwanger und wird einen Sohn gebären“? Aber stehen diese Weissagungen, die
den zu erscheinenden Heiland als den schon erschienenen darstellen, mit den
Worten der alten Väter, in denen sie ihr Verlangen nach seiner Erscheinung
aussprachen, nicht doch im Widerspruch? Keineswegs, Geliebte; denn wie wir
seine Erscheinung, obwohl in der Vergangenheit geschehen, doch gegenwärtig
erblicken, so erblicken sie dieselbe, obwohl in der Zukunft liegend, doch als
gegenwärtig und hatten sie gegenwärtig im Wort. Ja, im Wort war er ihnen, ist
er uns gegenwärtig, ihnen im Wort der Verheißung, uns im Wort der Erfüllung.
Sagt nicht auch St. Johannes Offb. 13, 8: „Das Lamm, das erwürgt ist von Anfang
der Welt“ und stellt damit den Tod des HERRN als von Anfang der Welt geschehen
dar? So ist der Heiland und in und mit ihm das Heil, zu dem wir eingeladen
werden, immer gegenwärtig und uns nahe. Sprach er nicht zu seinen Jüngern:
„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ und: „Wo zwei oder
drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“? Ja, er
ist uns nahe in seinem Wort, im Evangelium; denn „spricht nicht in deinem
Herzen“ schreibt der Apostel: „Wer will hinauf zum Himmel fahren? Das ist
nichts anderes, als Christus herabholen. Oder: Wer will hinab in die Tiefe
fahren? Das ist nichts anderes, als Christus von den Toten holen. Das Wort ist
dir nahe, nämlich in deinem Mund und in deinem herzen. Dies ist das Wort vom
Glauben, das wir predigen.“ Dies Wort ist eine nie versiegende Quelle, aus
welcher das Wasser des Lebens fließt.
Dieses Heil ist auch für alle vorhanden;
denn es heißt: „Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum
Wasser!“ Und wenn es am Schluss unseres Textes heißt: „Du wirst Heiden rufen,
die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen“,
so ist damit deutlich gesagt, dass dies Wasser des Lebens nicht allein für das
Volk Israel, sondern für alle Völker bestimmt und vorhanden ist. Daher lautet
auch die Botschaft des Engels in der heiligen Nacht: „Siehe, ich verkündige
euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der
Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Oder
hatte nicht Gott durch den Propheten Jesaja (Kap. 49, 6) zu seinem eingeborenen
Sohn gesagt: „Es ist ein Geringes, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs
aufzurichten und das Verwahrloste in Israel wiederzubringen, sondern ich habe
dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an der Welt
Ende“? Und verkündigt der HERR nicht dasselbe in den bekannten Worten Joh. 3,
16: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben
haben“? So gewiss er, der eingeborene Sohn des Vaters, durch seine heilige Geburt
Mensch geworden ist, so gewiss ist er aller Menschen Heiland, und so gewiss ist
in ihm Heil für alle Menschen vorhanden.
Aber heißt es nicht: „Wohlan, alle, die ihr
durstig seid, kommt her zum Wasser, und die ihr nicht Geld habt, kommt her!“?
Darauf lasst uns im zweiten Teil unserer Betrachtung blicken, indem wir zu
erkennen suchen, welche Bewandtnis es damit hat.
2.
Die Einladung in unserem Text ergeht
allerdings an die Durstigen; denn sie lautet: „Wohlan, alle, die da ihr durstig
seid“, und an die Armen, die kein Geld haben. Die Einladung an die Durstigen,
zum Wasser zu kommen und zu trinken, ist bildliche Rede, hergenommen von den
Wasserverkäufern im Morgenland, die in den Städten das Waser auf den Straßen
feilbieten und zum Kaufen einladen, wie bei uns andere Waren von herumziehenden
Händlern zum Kauf durch lautes Rufen angeboten werden. Wie jene die Durstigen zum
Kaufen natürlichen Wassers aufforderten, so ladet der Prophet nach einem Wasser
Durstige ein zu kommen und zu trinken.
Was ist das für Wasser? Wir erhalten die
Antwort in den Worten des HERRN, mit denen er sich auf das Wasser, von dem in
unserem Text die Rede ist, bezieht, und die er an die samaritanische Frau am
Jakobsbrunnen richtete: „Wer von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den
wird ewig nicht dürsten.“ Es ist also das Wasser, das der HERR gibt, kein
natürliches, irdischen, sondern geistliches, himmlisches Wasser. Aber der
Prophet sagt es selbst in unserem Text, indem er V. 3 seine Einladung in die
Worte fasst: „Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir; hört, so wird eure
Seele leben! Den ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die
gewissen Gnaden Davids.“ Mit diesen gewissen, unverbrüchlichen Gnaden Davids
ist aber nichts anderes gemeint als die Gnadenverheißungen, die Gott dem König
David von dem Heiland, der aus seinem Geschlecht kommen sollte, gegeben hatte,
da er durch den Propheten Nathana ihm hatte sagen lassen (2. Sam. 7): „Wenn nun
deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen
Samen nach dir erwecken, der von deinem Leib kommen soll, dem will ich sein
Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl
seines Königreichs bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein, und er soll
mein Sohn sein.“ Kurz, dieses Wasser ist das mit Christus, dem Messias,
erschienene Heil, das Gott David zugesagt hatte, und das sich nun verwirklichen
und an dem das ganze Volk teilhaben sollte.
Aber nicht allein zum Wasser ladet der
Prophet ein, sondern auch zu Wein und Milch; denn er sagt: „Kommt her und kauft
ohne Geld und umsonst, beide Wein und Milch.“ Aber diese drei, Wasser, Wein und
Milch, bezeichnen nicht drei gänzlich verschiedene, sondern vielmehr die
Mannigfaltigkeit und Fülle der Gnadenwohltaten, die alles in sich fassen,
dessen die Durstigen bedürfen, nämlich Vergebung der Sünden, die vollkommene
Gerechtigkeit, den Frieden mit Gott, die Freude, die Gabe des Heiligen Geistes,
die Kräfte zur Stärke und zum Wachstum des Glaubens, Mehrung der Liebe und
dergleichen. Wie das Wasser den Durst löscht, so erfreut und stärkt der Wein
den Schwachen, während Milch Starke und Schwache in gleicher Weise nährt. So
leiden alle, die der Einladung folgen, keinen Mangel an dem Guten, dessen sie
zum geistlichen Leben, zum Leben in der Gemeinschaft mit Gott, bedürfen.
Welche sind nun aber die, an welche diese
Einladung besonders ergeht? Der Prophet nennt sie zunächst Durstige, nämlich
die armen Sünder, die sich in Not und Angst um ihrer Sünden willen befinden,
die heilsverlangend zu Christus kommen, wie jener Zöllner im Tempel flehte:
„Gott, sei mir Sünder gnädig!“ wie jene große Sünderin, die weinend zu des
HERRN Füßen lag, sie mit ihren Tränen netzte und mit ihrem Haupthaar trocknete;
wie Petrus, der nach der Verleugnung des HERRN hinausging und bitterlich
weinte; wie jener bußfertige Schächer, der flehte: „HERR, gedenke an mich, wenn
du in dein Reich kommst“, deren Durst der Seele nach Gnade, Vergebung und
Gemeinschaft mit Gott der Psalmist in den Worten ausspricht: „Wie der Hirsch
schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele
dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass
ich Gottes Angesicht schaue?“ Die sind es, die der Heiland selbst in den Worten
einladet, zu ihm zu kommen, indem er ihnen zuruft: „Kommt her zu mir alle, die
ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken, so werdet ihr Ruhe
finden für eure Seelen.“ Diese sind auch die Armen, die kein Geld haben, die
nichts wissen von eigener Heiligkeit und Gerechtigkeit, die sie sich durch
Erfüllung der Gebote Gottes erworben hätten, die weder mit dem reichen jungen
Mann sprechen: „Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf“ noch mit
Pharisäer: „Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die anderen Leute“, der
sich seiner Werke rühmte, sondern mit dem Propheten: „Wir sind allesamt wie die
Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid.“ Gehören
wir, meine Freunde, zu diesen Durstigen und diesen Armen, die kein Geld haben?
Selig alle, die solchen Durst empfinden! Denn der HERR spricht: Selig sind, die
da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer. Selig sind, die da
hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.“ Darum
rufe ich euch mit dem Dichter zu:
Die
ihr arm seid und elende,
Kommt
herbei, füllet frei
Eures
Glaubens Hände!
Hier
sind alle guten Gaben
Und
das Gold, da ihr sollt
Euer
Herz mit laben.
Damit kommen wir zum dritten Teil der
Einladung, zu dem in dem Erlöser erschienen Heil.
3.
Der Prophet richtet nun an die, welche er
einlädt, die Frage: „Warum zählt ihr Geld dar, da kein Brot ist, und eure
Arbeit, da ihr nicht satt von werden könnt?“ Der Sinn dieser Frage ist: Warum
bemüht ihr euch um das, was kein Brot ist, und arbeitet euch ab um das, was
euch nicht sättigen kann? Er blickt auf solche Hungrige und Durstige, die ihren
Hunger und Durst entweder mit den eitlen, vergänglichen Dingen dieser Welt oder
das Verlangen nach Gnade und Seligkeit mit eigenem Werk und Verdienst stillen wollen.
Wir können die Worte „kein Brot“ mit „Nichtbrot“ geben, so dass der Prophet
sagt: Warum bemüht ihr euch um solche Dinge, die das Verlangen des Herzens
nicht wahrhaft befriedigen können? Das ist kein Brot, das zwar dafür ausgegeben
wird, aber den Hunger nicht stillt, und das ist kein Wasser, was wie Wasser
aussieht, aber den Durst nicht löscht. Wer sich in seinem Hunger und Durst nach
Ruhe und Frieden seiner Seele solche Dinge um Geld kauft, sieht sich betrogen.
Solche Dinge sind die Weisheit dieser Welt, Geld und Gut, Ehre und Ruhm bei den
Menschen. Wie viele tragen Verlangen danach und lassen es sich sauer werden, in
den Besitz dieser Dinge zu gelangen, sehen sich aber völlig getäuscht, weil
jene Dinge das Gewissen nicht beruhigen, das Herz nicht befriedigen. Andere
wollen, wie der Apostel Paulus sagt, ihre eigene Gerechtigkeit aufrichten, wie
er selbst es versucht hatte und alle Juden es versuchten, die es sich mit ihren
Opfern, Waschungen, Reinigungen, ihrem Halten des Zeremonialgesetzes sauer werden
ließen und doch nicht satt wurden, nicht zum wahren Frieden gelangen konnten,
wie es auch Luther erging, der sich so lange mit der Frage quälte: „Was muss
ich tun, das sich endlich fromm werde und einen gnädigen Gott kriege?“ sich
durch Fasten und Kasteien marterte, aber nur in immer größere Not geriet, von
der er später sagte: „Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts als
Sterben bei mir blieb; zur Hölle musst ich sinken.“ Weder die Güter dieser Welt
noch die Arbeit im Gesetz sättigen den Hunger, stillen den Durst der Seele,
sondern sie berauschen nur die Sinne eine Zeitlang. Darum sucht der Prophet
seine Volksgenossen von dem Jagen nach den irdischen Gütern und dem Verlangen
nach zeitlichen Genüssen abzuziehen und zu den gewissen Gnaden, die allein in
Christus, dem Heiland, zu finden sind, in seinem Wort als auf einer
vollgedeckten Tafel dargeboten werden, und die allein allen Hunger und Durst
stillen, hinzuziehen. Darum ruft er allen Hungrigen und Durstigen zu: „Hört mir
doch zu und esst das Gute, so wird eure Seele in Wollust fett werden. neigt
eure Ohren her und kommt her zu mir, so wird eure Seele leben; denn ich will
mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids.“
Ist das, meine Zuhörer, nicht eine ebenso
herzliche wie wunderbare Einladung zum Heil in Christus? Dreimal heißt es:
„Kommt und hört, neigt eure Ohren her!“ und es ergeht eine Einladung zum
Genießen, Essen und Trinken, wofür kein Geld zu zahlen ist, zum Empfang von
Gütern, welche die Gnade Gottes den Durstigen und Armen umsonst darbietet. Soll
diese herzliche Einladung bei uns vergeblich sein, oder wollen wir ihr alle
freudig folgen und unsere Seele laben? Wenn die Heere des Himmels auf diese
Erde kommen und über diese Gabe, uns Menschen gegeben, ihren himmlischen
Jubelgesang anstimmen, sollten wir da nicht kommen wollen?
Ei
so kommt und lasst uns laufen,
Stellt
euch ein, groß und klein,
Eilt
mit großen Haufen!
Liebt
den, der vor Liebe brennet:
Schaut
den Stern, der uns gern
Licht
uns Labsal gönnet.
Sprecht:
Süßes
Heil, lass dich umfangen,
Lass
mich dir, meine Zier,
Unverrückt
anhangen.
Du
bist meines Lebens Leben:
Nun
kann ich mich durch dich
Wohl
zufrieden geben.
Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag Rogate (Betet!) ueber Jesaja 63, 1-6: Das Gesicht Jesajas
ueber den Keltertreter
Jesaja 63, 1-6: Wer ist der, so von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra, der so
geschmückt ist in seinen Kleidern und einher tritt in seiner großen Kraft? Ich
bin’s, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen. Warum ist denn
dein Gewand so rotfarb und dein Kleid wie eines Keltertreters? Ich trete die
Kelter allein, und ist niemand unter den Völkern mit mir. Ich habe sie
gekeltert in meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Daher ist ihr Vermögen
auf meine Kleider gespritzt, und ich habe all mein Gewand besudelt. Denn ich
habe einen Tag der Rache mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist
kommen. Denn ich sah mich um, und da war kein Helfer, und ich war im Schrecken,
und niemand enthielt mich, sondern mein Arm musste mir helfen, und mein Zorn
enthielt mich. Darum habe ich die Völker zertreten in meinem Zorn und habe sie
trunken gemacht in meinem Grimm und ihr Vermögen zu Boden gestoßen.
In Christus, dem König aller Könige,
geliebte Zuhörer!
In unserem heutigen Text haben wir ein
Gesicht des Propheten Jesaja. Was wir unter dem Gesicht eines Propheten zu
verstehen haben, ersehen wir aus der Weissagung Bileams (4. Mose 24, 17) von
Christus: „Ich sehe ihn, aber jetzt nicht; ich schaue ihn, aber nicht von nahe.
Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und
wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und zerstören alle Kinder Seths“
(des Getümmels). In diesem Gesicht sieht Bileam einen Sern aus dem Geschlecht
Jakobs aufgehen und ein Zepter aus dem Volk Israel aufkommen, das heißt, er
sieht den dem Volk Israel verheißenen König als einen glänzenden, mächtigen
Herrscher erscheinen, der die Moabiter, die Kinder des Getümmels, zerstören
wird. Nun lebte Bileam zu der Zeit, als sich das Volk Israel auf der Wanderung
durch die Wüste befand, also mehr als vierzehnhundert Jahre vor der Geburt
Christi, und doch sagte er: „Ich sehe“, schaue, „ihn, aber jetzt nicht“, „nicht
von nahe“, das heißt: Ich sehe ihn als einen glänzenden und mächtigen König;
aber er ist jetzt noch nicht da, sondern wird erst in ferner Zeit erscheinen.
Ein Gesicht ist demnach eine Offenbarung Gottes, in der er einem Propheten das,
was in der Zukunft geschehen soll, als gegenwärtig vor das Auge stellt, das
dieser so sieht oder schaut, als ob es geschehe oder schon geschehen sei. Daher
werden die Propheten Seher und das ihnen Offenbarte ein Gesicht genannt. Die
Zukunft wird ihnen gleichsam zur Gegenwart, das Zukünftige gegenwärtig. Daher
lautet die Weissagung des Propheten Jesaja im 9. Kapitel, von der Geburt des
Heilandes: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
welches Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt wunderbarer Rat,
starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Gott öffnete den Propheten im Gesicht
das geistige Auge, dass sie das Zukünftige als ein der Gegenwart schauten, oder
führte ihnen das, was geschehen sollte, so deutlich vor das Auge des Geistes,
dass sie es schauten. So schaute Hesekiel im Gesicht das babylonische
Blachfeld, auf dem unzählige Totengebeine zerstreut lagen, durch das Wehen
eines Windes aneinander gebracht, zu Körpern formiert, mit Fleisch und Haut
überzogen und lebendig gemacht – eine sinnbildliche Offenbarung, durch die ihm
die Wiederherstellung des zerstreuten Reiches Israel gezeigt wurde. So
erblickte Jesaja den HERRN Zebaoth auf seinem himmlischen Thron, umgeben von
den Seaphim, den Repräsentanten seiner Heiligkeit, und hörte sie das „Heilig,
heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!“
rufen; so erblickte Sacharja den Engel des HERRN auf einem Thron, den
Hohenpriester Josua vor ihm, den Satan zu dessen Rechten als Ankläger stehend,
wie Josua die unreinen Kleider aus- und Feierkleider angezogen, ein Hut auf
sein Haupt gesetzt, und er dadurch in seinem Hohepriestertum bestätigt wurde.
Ein ähnliches Gesicht ist uns in dem
heutigen Text berichtet. Jesaja erblickt einen siegreichen Helden, der sich auf
die Frage, wer er sei, als den Keltertreter, von Bozra kommend, bezeichnet.
Betrachten wir daher:
Das
Gesicht des Propheten Jesaja von dem Keltertreter, der von Edom kommt
Er sieht ihn in diesem Gesicht als einen
solchen, der
1. in majestätischer Gestalt
daherschreitet,
2. in Edom die Kelter getreten,
3. den Gerechten Erlösung gebracht hat.
1.
Am Schluss des vorhergehenden Kapitels hat
der Prophet dem Volk Israel verkündigt, dass sein Heil und seine Erlösung nahe
bevorstehe; denn er hat ihm zugerufen: „Der HERR lässt sich hören bis an der
Welt Ende. Sage der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt; sein Lohn ist bei
ihm, und seine Vergeltung ist vor ihm. Man wird sie nennen die heilige Stadt,
die Erlösten des HERRN.“ Wenn auch sein Volk bis an das Ende der Welt in der
Trübsal zerstreut ist, so wird doch der Ruf des HERRN dahin erschallen, ihm Heil,
Errettung und Vergeltung verkündigen, die Vergeltung, die er an den Bedrängern
und Feinden seines Volkes geübt, und das er aus der Bedrückung befreit hat. Als
solche Befreite werden sie dann das heilige Volk und die Erlösten des HERRN
genannt werden und Zion nicht eine verlassene, sondern eine unverlassene,
bewohnte Stadt.
Dies führt nun der Prophet in unserem Text
weiter aus, und zwar so, dass er den, der an den Feinden und Bedrückern des
Volkes Gottes Rache oder Vergeltung geübt und dieses befreit oder erlöst hat,
als siegreichen Helden in majestätischer Gestalt daherkommen sieht. Daher ruft
er vor Staunen aus: „Wer ist der, so von Edom kommt, mit rötlichen Kleidern von
Bozra? Der so geschmückt ist in seinen Kleidern und einhertritt in seiner
großen Kraft?“ Dieser von dem Propheten geschaute Held hat rötliche oder hochrote
Kleider an, schreitet majestätisch in seinem Gewand einher, tritt in seiner
großen Kraft auf. Seine ganze Erscheinung erregt nicht nur die Aufmerksamkeit,
sondern auch staunende Bewunderung des Propheten. Die hochrote Farbe seiner
Kleider, die majestätische Haltung, sein Gang als der eines Helden, der große
Kraft hat und sich ihrer bewusst ist, sind imponierend, majestätisch, und darum
fragt er erstaunt: Wer ist dieser? Aber er weiß, woher dieser Held kommt,
nämlich von Edom und Bozra, aus dem Land der Edomiter und der Hauptstadt
derselben: Bozra. Auch das erregt seine Verwunderung, dass dieser majestätische
Held aus diesem Land kommt, und daher seine Frage: „Wer ist der, so von Edom
kommt, mit rötlichen Kleidern von Bozra?“
Auf diese Frage gibt ihm der Held selbst
die Antwort: „Ich bin’s, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin im
Helfen“, oder, wie die Worte auch gegeben werden können: „der in Gerechtigkeit
redet und reich an Hilfe, Heil, Errettung ist“. Er ist also ein Gerechter und
ein Helfer, ein Gerechter, der nicht nur in Gerechtigkeit redet, sondern sie
auch übt, gerechte Urteil fällt und die Kraft besitzt, sie auszuführen:
Gerechtigkeit an den Feinden, indem er ihnen vergilt, wie sie es verdient
haben, aber dadurch auch den Seinen Heil und Errettung verschafft.
Darauf fragt der Prophet weiter: „Warum ist
dein Gewand so rotfarben und dein Kleid wie eines Keltertreters?“ und erhält
die Antwort von ihm: „Ich trete“ (oder habe getreten) „die Kelter allein, und
ist“ (oder war) „niemand unter den Völkern mit mir.“ Die hochrote Farbe seines
Gewandes kommt daher, dass er die Kelter allein getreten und der rote Saft der
gekelterten Weintrauben auf seine Kleider gespritzt ist und sie rot gefärbt
hat, als wenn sie in Weinbeerblut getunkt worden wären. Aber die ganze Rede,
Frage und Antwort ist eine bildliche. Ihr eigentlicher Sinn ist: Ich komme aus
blutiger Schlacht, und in der ist das Blut der erschlagenen Feinde auf meine
Kleider gespritzt; sie sind von ihrem Blut rot geworden wie die Kleider dessen,
der in einer Kelter die Weintrauben tritt, auspresst, und deren Saft auf seine
Kleider spritzt und sie färbt, als ob sie mit Blut getränkt wären. In diesen
hochroten Kleidern, von Blut getränkt, kehrt dieser majestätische, kraftvolle
Held als ein triumphierender Sieger aus blutiger Schlacht zurück.
Fragen wir: Wer ist der sieggekrönte Held,
den der Prophet in hochroten Kleidern so majestätisch von Edom daherkommen
sieht? So erhalten wir Offb. 19 die Antwort, wo es heißt: „Ich sah ein weißes
Pferd, und der darauf sitzt, heißt Treu und Wahrhaftig und richtet und streitet
mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme, und auf seinem
Haupt viele Kronen. … Und war angetan mit einem Kleid, das mit Blut besprengt
war, und sein Name heißt Gottes Wort.“ Dieser majestätische Held ist also das
persönliche Wort Gottes, Christus, der Sohn Gottes, der hier wie dort in
Gerechtigkeit redet oder streitet, dessen Kleider mit Blut besprengt sind, weil
er als der gerechte Richter ein gerechtes Gericht über seine und seiner Kirche
Feinde und Unterdrücker gehalten hat. Haben diese sein und seiner Gläubigen
Blut in den Verfolgungen vergossen, so übt er nun an ihnen blutige Vergeltung;
denn er ist nicht nur der Heiland, sondern auch der gerechte Richter, wie
Petrus Apg. 10 verkündigt: „Er ist verordnet von Gott ein Richter der
Lebendigen und der Toten“ und Paulus 2. Kor. 5, 10: „Wir müssen alle offenbar
werden vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeglicher empfange, nachdem er
gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.“ So ist er der mächtige Keltertreter.
Dies führt uns zum zweiten Teil unserer Betrachtung.
2.
Von Edom und Bozra sieht Jesaja diesen
Keltertreter daherkommen. Die Edomiter waren die Nachkommen Esaus. Sie wohnten
in Edom oder Seir, einem gebirgigen und im ganzen unfruchtbaren Land. Gleich
ihrem Stammvater Esau liebten sie vor allem die Jagd und waren ein
kriegerisches, trotziges, wildes, unbändiges Volk und Götzendiener. Obwohl dem
Volk Israel bluts- und stammverwandt und sich dessen oft rühmend, waren sie
doch seine bittersten Feinde. Schon auf der Wanderung in der Wüste ließen sie
diese nicht durch ihr Land ziehen, obwohl sie ihnen versprachen, selbst für das
Wasser, das sie und ihr Vieh trinken würden, zu bezahlten, drohten sogar, ihnen
mit Waffengewalt entgegenzutreten. Zur Zeit Sauls hatten die Israeliten einen
erbitterten Kampf mit ihnen zu bestehen, und unter David konnten sie nur durch
blutige Kriege niedergerungen werden. Aber immer wieder griffen sie zu den
Waffen, und als Jerusalem durch Nebukadnezar zerstört und das Heilige Land
verwüstet worden war, da erfüllte sie das mit wilder Schadenfreude, wovon es
Ps. 137, 7 heißt: „HERR, gedenke der Kinder Edom am Tag Jerusalems, die da
sagen: ‚Rein ab, rein ab bis auf den Boden!‘“ also die völlige Vernichtung des
Volkes Israels wünschten. Von dieser und anderen Bosheiten, welche die Edomiter
an dem Brudervolk verübt hatten, spricht Jeremia in den Klagelidern (Kap. 4):
„Ja, freue dich und sei fröhlich, du Tochter Edeom! … Denn der Kelch wird auch
über dich brennen; du musst auch trunken und geblößt werden. … Deine Missetat,
du Tochter Edom, wird der HERR heimsuchen und deine Sünde aufdecken“, und im
49. Kapitel seiner Weissagungen verkündigt derselbe Prophet, dass die Edomiter
ein Wunder, eine Schmach und ein Fluch und alle Städte eine ewige Wüste werden
sollen, so dass alle, die vorübergehen, sich wundern und pfeifen werden.
Diese Drohungen sind buchstäblich in
Erfüllung gegangen. So sicher sich die Edomiter in ihren scheinbar
unzugänglichen Wohnsitzen im Gebirge Seir dünkten, wo sie hausten wie die Adler
auf hohen Bergen, so völlig wurden sie zerstört. Ihre Nester wurden
ausgenommen, ihre geraubten Schätze geraubt, zuerst durch die Babylonier nicht
lange nach der Zerstörung Jerusalems, sodann durch die Makkabäer und zuletzt
durch die Römer. Und die Vernichtung war eine so völlige, dass sie aus der
Geschichte der Völker verschwunden sind. Wie sie bei der Plünderung und
Zerstörung Jerusalems gerufen hatten: „Rein ab, rein ab!“ so wurde mit ihnen
„rein ab“ gemacht. Und dieses vernichtende Strafgericht über die Edomiter ist
es, das Jesaja in unserem Text in seinem Gesicht schaut, in dem er den HERRN
mit blutgetränkten Kleidern von Edom daherkommen sieht, der sich auf seine
Frage als der Keltertreter bezeichnet, weil er Edom zertreten hat wie ein
Keltertreter die Trauben in einer Kelter. Dies ist freilich durch die genannten
Mächte geschehen, aber diese waren nur seine Werkzeuge, deren er sich bedient
hat, und darum sagt er: „Ich trete die Kelter allein. Ich habe sie gekeltert in
meinem Zorn und zertreten in meinem Grimm. Daher ist ihr Vermögen“, ihre
Stärke, nämlich ihr Blut, auf dem die Stärke des Menschen beruht, „auf meine
Kleider gespritzt, und ich hab all mein Gewand besudelt.“
Aber dieses Zorngericht über die Edomiter,
indem sie wie Weintrauben in einer Kelter zertreten wurden, ist nur ein
Vorspiel von dem Gericht welches am Ende der Welt über alle Feinde der Kirche
ergehen wird. Da die Edomiter das Volk Israel, die Kirche des Alten Testaments,
unaufhörlich mit blutigem Hass verfolgten, erscheinen sie nach der Heiligen
Schrift als die Vertreter aller heidnischen, dem Volk Gottes feindlichen
Völker, und in dem über sie ergangenen Gericht ist das Gericht zusammengefasst,
das über diese ergehen wird. Das geht aus den Worten des 5. Verses: „Ich habe
die Völker zertreten in meinem Zorn und habe sie trunken gemacht in meinem
Grimm“ deutlich hervor, da in ihnen das
Gericht über Edom zu einem solchen über alle heidnischen Völker erweitert wird.
Dies Gericht aber wird kein anderer als er, der HERR, halten. Den „Gott hat
einen Tag gesetzt, an welchem er richten wird den Kreis des Erdbodens mit
Gerechtigkeit durch einen Mann, in welchem er’s beschlossen hat“; und dieser
Mann ist Christus. Er ist der Erlöser, Heiland, aber auch der Richter der Welt.
Spricht er nicht selbst Matth. 25: „Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in
seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf
dem Thron seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammelt
werden“? Dan wird er die Feinde keltern in seinem Zorn. Wie majestätisch wird
dann seine Erscheinung in seiner himmlischen Herrlichkeit umgeben von den
Scharen der heiligen Engel sein! Der verachtete Mann von Nazareth wird sich
dann als der Sohn Gottes offenbaren, der hier auf Erden ein einfaches Gewand
trug, und wird mit himmlischer Herrlichkeit umgeben sein. Über den sie hier das
„Kreuzige, kreuzige!“ schrien, vor dem werden die Geschlechter heulen; den sie
gerichtet haben, der wird sie richten; der, den sie am Kreuz noch verspottet
haben, wird ihnen von seinem Thron aus zurufen: „Geht hin von mir, ihr
Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen
Engeln.“ So wird er dann die Kelter des göttlichen Zorns treten, er allein,
denn er heißt Offb. 19: „Er tritt die Kelter des Weins des grimmigen Zorns des
allmächtigen Gottes“, und auf seinem Kleid steht der Name geschrieben: „Ein
König aller Könige und ein HERR aller Herren.“ Was wird das für ihn selbst
sein, der in dieser Welt ein so unsägliches Leid erduldet, unaussprechliche
Schmerzen erlitten, solche Schmach getragen hat, so verachtet war, dass man vor
ihm das Angesicht verbarg; aber auch für die Gerechten, deren Erlösung er dann
vollendet! Das ist der dritte Teil des Gesichtes in unserem Text.
3.
Ist denn, meine Zuhörer, auch von einer
Erlösung in unserem Text die Rede, die gleichsam von Blut trieft? Ja, auch
davon, denn es heißt im vierten Vers: „Denn ich habe einen Tag der Rache mir
vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen.“ Die Zertretung,
Vernichtung der Edomiter und anderer Feinde, was war sie anders als die
endliche Erlösung des Volkes Gottes von seinen Feinden, die Befreiung von ihrer
Bedrückung? Der Tag der Rache an den Feinden war für das Volk Israel der Tag
der Erlösung: für jene ein Tag des gerechten Gerichts, für diese ein Tag des
Heils. Gerechtigkeit und Heil, Vergeltung und Gnade gingen nebeneinander her,
oder wie die Worte im Text lauten, Rache und Erlösung: Rache an den Bedrückern,
Erlösung für die Bedrückten.
So wird’s auch an dem großen End- und
Weltgericht sein. Blicken wir auf die Geschichte der Kirche des Neuen
Testaments zurück! Sie zeigt uns eine fast ununterbrochene Kette von
Anfeindungen und Verfolgungen der Kirche, der Gemeinde der Heiligen, durch ihre
Feinde, die Juden und die Heiden, von der ersten Verfolgung der Gemeinde zu
Jerusalem an, von der Apg. 8 berichtet wird, und durch die die Gläubigen durch
ganz Judäa und Samaria zerstreut wurden, bis auf die neuere Zeit. Wieviel Blut
der Christen ist in den zehn großen Christenverfolgungen unter den heidnischen
römischen Kaisern geflossen! Und als das heidnisch-römische Reich gleich Edom
von dem Zorn des gerechten Gottes gekeltert, zertreten war, wie hat da der
Lügenprophet Mohammed, der Moslem, unter den Christen gewütet! Dann erhob sich
der Antichrist, die große Hure, wie er in der Offenbarung an Johannes genannt
wird, und wurde durch sein Wüten „trunken von dem Blut der Heiligen und von dem
Blut der Zeugen Jesu“. Dies unschuldig vergossene Blut schreit zu Gott um
Rache; denn die Seelen derer, die um des Wortes Gottes willen getötet wurden,
schreien mit großer Stimme: „HERR, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange
richtest du und rächst du nicht unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?“ Und
der HERR erhört ihr Schreien. Er hat einen Tag der Rache in seinem Herzen, und
das Jahr, die Seinen zu erlösen, ist gekommen, ist nahe. Sagt er nicht selbst
Luk. 21: „Wenn dieses“, nämlich die Zeichen des Jüngsten Tages, „anfängt zu
geschehen, so seht auf und hebt eure Häupter auf, darum, dass sie eure Erlösung
naht“?
Was für ein Tag der Erlösung wird das für
sie sein, wenn die zitternden Feinde fragen werden: Wer ist der, der in den
Wolken des Himmels kommt mit einem himmlischen Heer, angetan mit glänzenden
Gewändern, der daherkommt in solcher großen Kraft? – wenn die Seinen mit
verklärten Leibern aus ihren Gräbern hervorgegangen, die noch Lebenden aber
verwandelt sind, und sie alle sich vor ihm sammeln und um ihn sich scharen
werden? Das ist für sie der große Tag der vollkommenen Erlösung von allem Übel,
das sie hier erduldet haben; denn es ist der große Hochzeitstag des Lammes, des
himmlischen Bräutigams, der erscheint, um seine Braut zu holen, sich mit ihr zu
vermählen, sie an seiner Ehre, seinem Schmuck und seiner Majestät teilnehmen zu
lassen. Was für ein Tag der Erlösung für sie, wenn sie, die hier an seiner
Erniedrigung teilgenommen, Hohn und Spott dieser Welt um seines Namens willen
erlitten haben, zu seiner Seite erhöht werden, um mit ihm, ihrem Bräutigam, an
der himmlischen Hochzeitstafel zu sitzen oder mit ihm, dem König aller Könige,
dem HERRN aller Herren, zu regieren und zu herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit!
Dann wird er nicht im Gesicht, sondern von Angesicht zu Angesicht geschaut.
Wie
wird’s sein, wie wird’s sein,
Wenn
wir ziehn in Salem ein,
In
die Stadt der goldnen Gassen!
HERR,
mein Gott, ich kann’s nicht fassen,
Was
das wird für Wonne sein!
Amen.
Alttestamentliche
Predigt zu Christi Himmelfahrt ueber Maleachi 4,4-6: Die Sendung des Elia als
Vorboten des Gerichts
Maleachi 4,4-6: Gedenkt des Gesetzes Moses, meines Knechts, das ich ihm befohlen habe auf
dem Berg Horeb an das ganze Israel, samt den Geboten und Rechten. Siehe, ich
will euch senden den Propheten Elia, ehe denn da komme der große und
schreckliche Tag des HEERRN. Der soll das Herz der Väter bekehren zu den
Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern, dass ich nicht komme und das
Erdreich mit dem Bann schlage.
Geliebte in dem HERRN!
Die eben vernommenen Worte sind die
Schlussworte der Weissagung des Propheten Maleachi. Dieser war der letzte der
Propheten des Alten Testaments, die Gott in Gnaden zu dem auserwählten Volk
sandte. Die siebzigjährige Gefangenschaft, in welche es Gott um seiner Sünde
willen durch Nebukadnezar hatte hinwegführen lassen, was vorüber. Der
Perserkönig Kyrus hatte das babylonische Reich besiegt, es sich untertan
gemacht und den gefangenen Juden die Erlaubnis zur Rückkehr in das Gelobte Land
gegeben, und ein großer Teil von ihnen war unter der Führung Serubbabels und
des Hohenpriesters Josua zurückgekehrt. Die Stadt Jerusalem und der Tempel
waren wieder aufgebaut, besonders letzterer freilich nicht in der Pracht und
Größe, durch die der von Salomo erbaute und von Nebukadnezar zerstörte so
berühmt gewesen war, denn im dritten Kapitel des Buches Esra wird berichtet,
dass viele der alten Priester, Leviten und Väter, die den salomonischen Tempel
gesehen hatten, bei der Grundsteinlegung des neuen laut weinten, als sie sahen,
wie wenig dieser jenem an Grüße gleichkommen werde.
Aber bald vergaß das Volk das schwere
Strafgericht der babylonischen Gefangenschaft. Verfiel es auch nicht, wie
früher, wieder in grobe heidnische Abgötterei, so griffen doch diese und jene
Sünden unter ihm um sich. Diese waren nach den Propheten Maleachi zunächst die
Entartung und unwürdige Amtsführung der Priester, die den Altar des HERRN durch
schlechte, fehlerhafte Opfer entweihten, sodann das Eingehen von Mischehen,
indem gar manche heidnische Frauen nahmen, andere ihre rechtmäßigen Frauen
verstießen, um andere und oft wohl heidnische Frauen nehmen zu können, so dass
viele Ehescheidungen vorkamen und dadurch das sittliche Leben schwer geschädigt
wurde. Ferner wurde der Zehnte, die Abgabe an den Tempel, nicht, wie von Mose
geboten, dargebracht, und der ganze Gottesdienst sank bei einem großen Teil der
Älteren mehr und mehr zu einem äußerlichen Formelwesen herab, ohne wahre
Furcht, Liebe und Vertrauen zu Gott, zu einer Schale ohne Kern und Inhalt wie
bei den Pharisäern, während bei anderen, wohl meist Jüngeren, der Unglaube wie
bei den Sadduzäern zur Zeit Christi überhandnahm.
Gegen dies alles, besonders gegen das
letzte, erhebt der Prophet in unserem Text seine Stimme. Er weist zunächst auf
das Gesetz Moses hin. Dessen sollen sie gedenken. Er führt Gott den HERRN als
selbst redend ein, der zu ihnen spricht: „Gedenkt des Gesetzes Moses, meines
Knechts, das ich ihm befohlen habe am Berg Horeb an das ganze Israel samt den
Geboten und Rechten“, nämlich an die Gebote von den Opfern, den Zehnten, den
Ehefrauen und Ehescheidungen, dass diese nicht etwa nur dem damaligen, sondern
dem ganzen Volk Israel zu allen Zeiten gegeben worden und nicht seine, sondern
meine, eures Gottes, Gebote sind, da er nur mein Knecht war. Daran gedenkt und
haltet sie als meine Gebote und Rechte. Nun aber geht die Ermahnung in
Weissagung über, die im Hinblick auf den Tag des HERRN die Sendung eines
besonderen, macht- und kraftvollen Boten verkündigt. Betrachten wir daher
aufgrund unseres Textes:
Die
Weissagung der Sendung des Elia als Vorboten des kommenden Gerichts
Diese verkündigt ihn
1.
Nach seiner
Person,
2.
Nach der Zeit
seines Auftretens und
3.
Nach seinem
Werk.
1.
„Siehe, ich will euch senden den Propheten
Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des HERRN“, so, meine
Zuhörer, lautet die Verheißung in unserm Text. Einen Propheten will Gott seinem
Volk noch senden. Maleachi war ja, wie gehört, der letzte der
alttestamentlichen Propheten, wirkte etwa 425 Jahre vor der Geburt Christi und
beschloss sein Amt damit, dass er den Vorläufer des Neuen Testaments oder
Bundes einführte. Er nennt diesen Vorboten Elia. Darin liegt das Eigentümliche
der Weissagung. Der Prophet Elia sollte zu dem Volk gesandt werden! Das musste
die Augen, die Hoffnung des Volkes auf das Wiedererscheinen des in gewisser
Beziehung größten unter den Propheten des Alten Testaments richten. War der
Prophet Jesaja Jesaja wegen seiner vielen und vorwiegend messianischen
Weissagungen der Evangelist unter den Propheten, so war Elia vornehmlich der
Prophet des Gerichts, mehr ein Prophet der Tat als des Wortes. Seine
Wirksamkeit zeichnete sich durch Wunder aus. Sein Wille war wie Eisen, sein Blick
wie der Blitz, sein Wort den Gottlosen gegenüber wie der Donner, den
Gottesfürchtigen gegenüber mild und freundlich wie der Sonnenstrahl. Er kannte
kein Ansehen der Person, keine Furcht vor den Mächtigen. Das bewies er, als er
dem gottlosen König Aha mit den Worten entgegentrat: „So wahr der HERR, der
Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe, es soll diese Jahre weder Tau noch Regen
kommen, ich sage es denn“, ein wahrhaft majestätisches Wort in göttlicher
Autorität! Vernichtung des Götzendienstes, der durch Ahab zur Staatsreligion
erhoben worden war, Wiederherstellung des wahren Gottesdienstes und die Ehre
Gottes, das war das einige Ziel, um das er eiferte, das zu erreichen er den
vernichtenden Schlag gegen die Baalspriester führte. Und seiner großartigen
Wirksamkeit entsprach der Abschluss, seine Himmelfahrt im feurigen Wagen mit
feurigen Rossen. Wenn nun dieser große Prophet als Vorbote des großen und
schrecklichen Tags des HERRN erscheinen sollte, muss das die Erwartung des
Volkes, das dem Wort des Propheten glaubte, nicht aufs höchste spannen? Man
bedenke, der in feurigen Wagen zum Himmel gefahrene Prophet wird als Vorbote
jenes Tages wieder auf Erden erscheinen! Und diese Weissagung wurde allgemein
wörtlich verstanden, wie wir aus der von den Aposteln an den HERRN gerichteten
Frage erkennen: „Was sagen denn die Schriftgelehrten, Elia müsse zuvor kommen?“
Aber nicht das Wiederkommen des Elia der Person nach war in dieser Weissagung
verheißen, sondern das Auftreten einer anderen Person im Geist und in der Kraft
des großen Propheten. Das ersehen wir aus der Antwort des HERRN auf die Frage
der Apostel: „Elia soll ja zuvor kommen und alles zurechtbringen. Doch ich sage
euch: Es ist Elia schon gekommen, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern
haben an ihm getan, was sie wollten.“ Und wer war dieser Elia? Auch das sagt
uns der HERR in den Worten Matth. 11,10: „Dieser ist’s, von dem geschrieben
steht: Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der deinen Weg vor dir
bereiten soll“, womit er auf Johannes den Täufer hinwies, als dieser zwei
seiner Jünger zu ihm gesandt hatte mit der Frage: „Bist du, der da kommen soll,
oder sollen wir eines anderen warten?“ Hatte doch auch der Engel, der
Zacharias, dem Vater des Johannes, die Geburt desselben verkündigte, zu ihm gesagt:
„Er wird vor ihm [dem Heiland] hergehen im Geist und Kraft des Elia.“
Vergleichen wir Johannes den Täufer mit dem
Propheten Elia nach seiner Person und Lebensweise, so sehen wir, dass er mit
Recht der zweite Elia genannt wurde. Der Elia des Alten Testaments hatte, wie
wir 2. Kön. 1,8 lesen, „eine raue Haut an und einen ledernen Gürtel um seine
Lenden“; Johannes trug ein Kleid von Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um
seine Lenden. Jener lebte längere Zeit in der Wüste, dieser predigte in der
Wüste des jüdischen Landes. Jener wurde von den Raben mit Brot gespeist, dieser
aß Heuschrecken und wilden Honig. Jener wurde von Boten des Königs aufgesucht,
dieser von der Gesandtschaft des Hohen Rats, die ihn fragten, wer er sei, ob
Jeremia oder Elia. Jener wie dieser führte, wenigstens teilweise, das Leben
eines Einsiedlers, entsagte den Annehmlichkeiten des geselligen Lebens; beide
waren in ihrer äußeren Erscheinung rau, abgehärtet. Und geht das hohe Ansehen
des Propheten Elia daraus hervor, dass kein anderer Prophet so oft im Neuen
Testament angeführt wird wie er, so das des Johannes aus dem Lobpreis durch den
HERRN: „Wahrlich, ich sage euch: Unter allen, die von Frauen geboren sind, ist
nicht aufgekommen, der größer sei als Johannes der Täufer.“ Wie sehr glich also
Johannes dem Propheten Elia und konnte daher mit demselben Namen benannt
werden! Aber dies auch hinsichtlich der Zeit seiner Sendung und seines
Auftretens.
2.
„Siehe, ich will euch senden den Propheten
Elia, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des HERRN“, heißt es in
unserem Text. Als der zweite Elia sollte Johannes auftreten als Vorbote des
Tages des HERRN, auf den der Tag des HERRN unmittelbar folgen solle.
Was haben wir unter dem Tag des HERRN zu
verstehen? Wir finden diese Bezeichnung des öfteren in der Heiligen Schrift,
z.B. Jer. 46,10: „Dies ist der Tag des HERRN HERRN Zebaoth“ und Amos 5,18:
„Wehe denen, die des HERRN Tag begehren!“ Aber dort wie hier wird dieser Tag
näher beschrieben; denn Jer. 46 heißt es: „Ein Tag der Rache, dass er sich an
seinen Feinden räche, … denn sie müssen dem HERRN HERRN Zebaoth ein
Schlachtopfer werden“; bei Amos wird hinzugefügt: „Des HERRN Tag ist eine
Finsternis und nicht ein Licht, gleich als wenn jemand vor dem Löwen flöhe, und
ein Bär begegnete ihm.“ Der Tag des HERRN ist demnach ein Tag der Rache, des
Zorns, des Gerichts des gerechten Gottes über seine Feinde, die Verächter
seines Wortes, ein Tag, an welchem sich der HERR in besonderer Weise durch
Gericht offenbart, und der ihm deswegen besonders ähnlich wie der Sabbat, weil
dieser seinem Dienst geweiht sein sollte, zugeeignet wird. Daher wird denn auch
dieser Tag des HERRN in unserem Text näher als der große und schreckliche Tag
bezeichnet. Und der Vorbote dieses Tages des HERRN sollte Johannes der Täufer
sein? War er nicht der Vorbote oder Vorläufer des HERRN und Heilandes?
Verkündigt nicht Maleachi selbst im vorhergehenden Kapitel als Mund des HERRN:
„Siehe, ich will meinen Engel senden, der vor mir her den Weg bereiten soll.
Und bald wird kommen zu seinem Tempel der HERR, den ihr sucht, und der Engel
des Bundes, des ihr begehrt. Siehe, er kommt, spricht der HERR Zebaoth“? Der
Prophet Haggai hatte geweissagt: „Es ist noch ein Kleines dahin, dass ich
Himmel und Erde, das Meer und das Trockene bewegen werde; ja, alle Heiden will
ich bewegen. Da soll denn kommen aller Heiden Trost; und will dies Haus voll
Herrlichkeit machen“; und Sacharja: „Zu der Zeit werden das Haus David und die
Bürger zu Jerusalem einen offenen Born haben gegen die Sünde und Unreinigkeit.“
Und nun soll der Tag, die Zeit der Erscheinung des verheißenen und von den
Vätern so sehnlich erwarteten Heilandes ein Tag der Rache, ein großer und
schrecklicher Tag des HERRN und Johannes der Vorbote des hereinbrechenden
Gerichts ein? Wie stimmt damit die Botschaft des Engels: „Siehe, ich verkündige
euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der
Heiland geboren, welcher ist Christus der HERR in der Stadt Davids“ und der
Jubelgesang der himmlischen Heerscharen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“? Die Antwort und damit die Lösung
dieses scheinbaren Widerspruchs gibt uns Maleachi selbst, wenn er auf die Frage
im dritten Kapitel: „Wer wird aber den Tag seiner Zukunft erleiden können?“
antwortet: 2Er ist wie das Feuer eines Goldschmieds und wie die Seife der
Wäscher. Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen; er wird die
Kinder Levi reinigen und läutern wie Gold und Silber. Dann werden sie dem HERRN
Speisopfer bringen in Gerechtigkeit.“ Wohl war also die Zukunft Christi, des
Heilandes, wie die Weihnachtsbotschaft verkündigte, ein Tag der Freude, des
Heils, aber auch der Tag der Läuterung und des Gerichts, jenes für die
Gläubigen, dieses für die Ungläubigen. Sprach nicht der HERR selbst Johannes
3,39: „Ich bin zum Gericht in die Welt gekommen, damit, die da nicht sehen,
sehend werden, und die da sehen, blind werden“ und Kap. 3,19: „Das ist das
Gericht, dass das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die
Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse“? Ja, im Hinblick auf
unseren Text sprach Johannes der Täufer Matth. 3,12 von dem HERRN: „Er hat
seine Worfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in
seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.“ Wie
jener Tag des HERRN für die Feinde, die Gottlosen, ein Tag der Rache, des
Gerichts, aber eben dadurch auch für die Gläubigen ein Tag des Heils, der
Erlösung, war, so auch der Tag des HERRN, von dem der Prophet in unserem Text
redet. Das ersehen wir aus den vorhergehenden Worten: „Denn siehe, es kommt der
Tag“ (an dessen Kommen viele nicht glauben wollten), „der brennen soll wie ein
Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein, und der künftige Tag
wird sie anzünden. Euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, soll aufgehen die
Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln. Und ihr sollt aus und ein
gehen“ (springen vor Freude“ „wie die Mastkälber“.
Kaum bedarf es noch, meine Zuhörer, eines
besonderen Hinweises auf die Erfüllung dieser Weissagung. Johannes der Täufer
ist gekommen und aufgetreten im Geist und in der Kraft des Elia. Wie der
Prophet Elia schonungslos seine Stimme gegen den Götzendienst des Volkes seiner
Zeit erhob, den Mächtigen und Königen das Gericht verkündigte, selbst der
gottlosen Königin Isebel Trotz bot, ihr verkündigte, dass die Hunde sie fressen
sollten, so Johannes dem König Herodes und der Königin Herodias, indem er
ersterem offen ins Gesicht sagte: „Es ist nicht recht, dass du deines Bruders
[Philippus] Frau hast“, und den Pharisäern und Sadduzäern zurief: „Ihr
Otterngezücht, wer hat denn euch gewiesen, dass ihr dem zukünftigen Zorn
entrinnen werdet? Seht zu, tut rechtschaffene Früchte der Buße! Es ist schon
die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht
bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.“ So erwies er sich als der von
unserem Propheten geweissagte Vorbote des Gerichts am Tag des HERRN über die
Gottlosen und Verächter und richtete dadurch sein Werk aus, zu dem er gesandt
war. Darauf lasst uns zum Schluss noch kurz blicken.
3.
Davon heißt es im letzten Vers unseres
Textes: „Der soll das Herz der Väter bekehren zu den Kindern und das Herz der
Kinder zu den Vätern, dass ich nicht komme und das Erdreich mit dem Bann
schlage.“
Diese Worte zeigen, dass die Sendung des
Johannes als des zweiten Elia eine Gnadenheimsuchung Gottes für das fast
gänzlich dem Unglauben verfallene Volk sein sollte. Die zwischen den Alten und
Jungen bestehende Kluft sollte er ausfüllen, indem er jene von ihrem bloß
äußerlichen Gottesdienst, diese von ihrem Unglauben zu wahrer herzlicher
Gottesfurcht und dadurch zu rechter Einigkeit im Glauben und in der Liebe
zurückführte. Und diese Bekehrung sollte dazu geschehen, damit der HERR bei
seinem Kommen nicht etwa das Land mit dem Bann schlagen müsse, ihm seine
Ankunft nicht zum völligen Vertilgungsgericht ausschlage. Denn wie einst der
Prophet Elia den Götzendienst des Baal bekämpfte und das Volk Israel zu dem
einigen, wahren Gott hinwies, so sollte Johannes durch seine Predigten die
Selbstgerechtigkeit der Pharisäer und den Unglauben der Sadduzäer aufdecken,
das jüdische Volk von den Irrtümern seiner damaligen Lehrer in Lehre und Leben
auf den Messias hinweisen, damit er, der durch seine Zukunft im Fleisch erscheinen
sollte, um die Menschen selig zu machen, nicht wegen des allgemeinen, völligen
Unglaubens Ursache haben müsse, sie zu verdammen.
Wie treu Johannes dieses Werk als der
Vorbote des Gerichts und Vorläufer des HERRN ausgerichtet hat, das berichten
uns die Evangelisten. Denn wir lesen bei Matthäus: „Zu der Zeit“, als nämlich
Jesus aus der Verborgenheit hervor- und sein öffentliches Lehramt antreten
sollte, kam Johannes der Täufer und predigte in der Wüste des galiläischen
Landes und sprach: „Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ Und
sowohl seine persönliche Erscheinung wie seine Bußpredigt erregte ein solches
Aufsehen, dass die Bewohner der Stadt Jerusalem, des jüdischen Landes wie der
an den Jordan grenzenden Länder zu ihm hinausgingen, ihn hörten, ihre Sünden
bekannten und sich von ihm taufen ließen. Seine Predigt war, wie sein Zuruf
zeigt, vornehmlich Bußpredigt. Dadurch bereitete er dem HERRN den Weg,
bekämpfte er die Selbstgerechtigkeit, das Vertrauen des Volkes auf das Gesetz
und die eigenen Werke, brach er den Hochmut nieder, damit es den HERRN mit
demütigem Herzen im Glauben aufnehme. Wie so ganz trat er zurück, wies er alle
ihm dargebrachte Ehre zurück, wies, wie seine Jünger, so das ganze Volk auf den
HERRN hin, indem er, auf Christus zeigend, ausrief: „Siehe, das ist Gottes
Lamm, welches der Welt Sünde trägt!“
Möchten darin alle Prediger dem Johannes
nachfolgen, Buße und Christus als das alleinige Lamm Gottes predigen, aber auch
alle Hörer von Herzen Buße tun und Christus in wahrem Glauben annehmen! Denn
der letzte große und schreckliche Tag des HERRN, der Jüngste Tag, von dem die
in der Vergangenheit wie der der Zerstörung Jerusalems nur Vorboten gewesen
sind, ist nahe, damit er uns nicht ein Tag schrecklichen Gerichts, sondern der
Erlösung von allem Übel und des Eingangs in das ewige Reich der Seligkeit und
Freude sei. Darum:
Er
kommt zum Weltgerichte,
Zum
Fluch dem, der ihm flucht,
Mit
Gnad und süßem Lichte
Dem,
der ihn liebt und sucht.
Ach
komm, ach komm, o Sonne,
Und
hol uns allzumal
Zum
ewgen Licht und Wonne
In
deinen Freudensaal!
Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum Sonntag Exaudi (HERR, hoere meine Stimme; Ps. 27, 7) ueber Jesaja
64: Das Klagegebet der in Babel Gefangenen um die Offenbarung der Herrlichkeit
des HERRN
Jesaja 64: Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor
dir zerflössen, wie ein heißes Wasser vom heftigen Feuer versiedet, dass dein
Name kund würde unter deinen Feinden, und die Heiden vor dir zittern müssten
durch die Wunder, die du tust, deren man sich nicht versieht, da du herabfuhrst
und die Berge vor dir zerflossen. Wie denn von der Welt her nicht gehört ist,
noch mit Ohren gehört, hat auch kein Auge gesehen, ohne dich, Gott, was denen
geschieht, die auf ihn harren. Du begegnetest den Fröhlichen und denen, so
Gerechtigkeit übten und auf deinen Wegen dein gedachten. Siehe, du zürntest
wohl, da wir sündigten und lange drin blieben; uns wurde aber dennoch geholfen.
Aber nun sind wir allesamt wie die
Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid. Wir sind
alle verwelket wie die Blätter, und unsere Sünden führen uns dahin wie ein
Wind. Niemand ruft deinen Namen an oder macht sich auf, dass er dich halte;
denn du verbirgst dein Angesicht vor uns und lässt uns in unseren Sünden
verschmachten. Aber nun, HERR, du bist unser Vater, wir sind Ton; du bist unser
Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk. HERR, zürne nicht zu sehr und
denke nicht ewig der Sünden! Siehe doch das an, dass wir alle dein Volk sind!
Die Städte deines Heiligtums sind zur Wüste worden; Zion ist zur Wüste worden,
Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unserer Heiligkeit und Herrlichkeit, darin
dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir
Schönes hatten, ist zuschanden gemacht. HERR, willst du so hart sein zu solchem
und schweigen und uns so sehr niederschlagen?
In dem HERRN, geliebte Zuhörer!
Das eben vernommene Wort Gottes berichtet
uns ein Gebet, welches die in der Gefangenschaft zu Babel Schmachtenden zu dem
Thron des HERRN emporsandten. Das ersehen wir aus dem 10. und 11. Vers unseres
Textes, welche lauten: „Die Städte deines Heiligtums sind zur Wüste worden; Zion ist zur Wüste
worden, Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unserer Heiligkeit und Herrlichkeit,
darin dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt, und alles, was
wir Schönes hatten, ist zuschanden gemacht.“ Das Pochen des sündigen Volkes auf Jerusalem als die
heilige Stadt, die sich Gott erwählt habe, dass sein Name daselbst wohne, das
Pochen besonders auf den Tempel, in dem Gottes Herrlichkeit über den Cherubim
thronte, war zunichte geworden. In freventlicher Sicherheit hatten sie, wie wir
bei dem Propheten Jeremia im 7. Kapitel lesen, gerufen: „Hier ist des HERRN
Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!“ weil sie sich
dem Wahn hingegeben hatten, dass dieser, das Heiligtum des HERRN, nicht zerstört
werden könne, da Gott seine schützende Hand über dasselbe halten müsse. Aber
die Stadt war zu einer Ruinenstätte, das herrliche Gebäude zu einem
Schutthaufen geworden, da sie selbst die Heilige Stadt entheiligt, den Tempel
durch den Götzendienst, den sie darin getrieben, zu einer Gräuelstätte gemacht
hatten. An Stelle ihres Pochens und Trotzens waren Weinen und Wehklagen
getreten. Da klagten sie in der Gefangenschaft: „Jerusalem liegt zerstört,
unser heiliges und herrliches Haus ist mit Feuer verbrannt, und alles, was wir
Schönes hatten, ist zuschanden geworden!“ und wie Jeremia in seinen
Klageliedern berichtet: „Wie liegt die Stadt so wüste, die voll Volks war! Sie
ist wie eine Witwe. Die eine Fürstin unter den Heiden und eine Königin in den
Ländern war, muss nun dienen. Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über
die Backen laufen; es ist niemand unter allen ihren Freunden, der sie tröste;
alle ihre Nächsten verachten sie und sind ihre Feinde geworden.“ Aus einer
Königin ist sie eine Sklavin geworden! Das war freilich ein Sturz aus erhabener
Höhe in einen tiefen Abgrund.
Aber es bedurfte einer solchen Erniedrigung, um das Volk zur Erkenntnis
zu bringen, da es die früheren Züchtigungen immer wieder alsbald vergessen und
nach wie vor abtrünnig geworden war. Dort in der Gefangenschaft erkannten die,
welche noch nicht völlig verstockt waren, ihre Sünden und flehten, dass der
HERR wieder seine Herrlichkeit offenbaren möge. Dies lasst uns heute aufgrund
unseres Textes näher betrachten, nämlich:
Das Klagegebet der zu Babel
Gefangenen um Offenbarung der Herrlichkeit des HERRN
Dieses Klagelied enthält
1. eine Erinnerung an frühere Offenbarungen der Herrlichkeit Gottes,
2. ein demütiges Sündenbekenntnis,
3. eine flehentliche Bitte um Errettung.
1.
„Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge
vor dir zerflössen!“ so, Geliebte, beginnt das in unserm Text enthaltene Gebet.
Es ist der Prophet, der so betet, aber nicht für sich allein, sondern als
Vorbeter des Volkes, das mit ihm betet. Gemeinsam flehen sie zu Gott: „Ach,
dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“ Gott ist der Allmächtige,
wohnt oben im Himmel in seinem heiligen Tempel, der durch den sichtbaren Himmel
abgeschlossen ist. Diesen soll er, so flehen sie, zerreißen, wie die Sonne
durch die Wolken bricht, herabkommen und sich in seiner majestätischen
Herrlichkeit offenbaren, wie er einst bei der Gesetzgebung auf Sinai herabfuhr
und seine Herrlichkeit offenbarte. Das hatte der HERR zu Mose gesagt: „Ich will
zu dir kommen in einer dicken Wolke, damit dies Volk meine Worte höre, die ich
mit dir rede, und glaube dir ewiglich.“ Und am dritten Tag erhob sich ein
Donnern und Blitzen und eine dicke Wolke auf dem Berg und ein Ton einer sehr
starken Posaune. Der ganze Berg rauchte, weil der HERR mit Feuer auf ihn
herabfuhr; sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg
erbebte. Unter diesen erschreckenden Zeichen, unter Donnern und Blitzen, Rauch
und Feuer, dem Erdbeben des ganzen Berges fuhr der HERR vom Himmel hernieder.
Diese Zeichen waren eine gewaltige Sprache, die der HERR redete, waren die
sicht- und hörbaren Worte, durch die er seine Heiligkeit und Gerechtigkeit,
seine Herrlichkeit offenbarte.
Aber nicht auf diese Offenbarung allein weisen die Gefangenen hin,
sondern auch auf die, welche der HERR tat, als er sein Volk aus der
Gefangenschaft in Ägypten erlöste und in der Wüste leitete. Wie er durch die Wunder
dem Volk seine Gnade und Barmherzigkeit kundgetan hatte, so dessen Feinden
seine Macht und Herrlichkeit, vor der sie erbebten und zitterten. Hatte er
nicht zu Mose gesagt: „Aber ich will Pharaos Herz verhärten, dass ich meiner
Zeichen und Wunder viel tue in Ägyptenland“? Und er tat die Zeichen und Wunder
den großen Plagen, die er über die Ägypter kommen ließ, und brach durch sie den
Trotz Pharaos. Als er ihm durch Mose und Aaron Pestilenz über Menschen und Vieh
verkündigen ließ, sprach er: „Ich will jetzt meine Hand ausrecken und dich und
dein Volk mit Pestilenz schlagen, dass du von der Erde sollst vertilgt werden.
Und zwar darum habe ich dich erweckt, dass meine Kraft an dir erscheine und
mein Name verkündigt werde in allen Landen“; und wiederum: „Ich will das Herz
der Ägypter verstocken, dass sie euch nachfolgen. So will ich Ehre einlegen an
dem Pharao und an aller seiner Macht, an seinen Wagen und Reitern.“ Und als
diese in den Fluten des Roten Meeres begraben waren, da sangen die Kinder
Israel in ihrem Loblied: „Da das die Völker hörten, erbebten sie; Angst kam die
Philister an. Da erschraken die Fürsten Edoms; Zittern kam die Gewaltigen Moabs
an; alle Einwohner Kanaans wurden feige.“ Diese und andere Wunder waren so
groß, so außerordentlich, wie sei von Anfang der Welt nicht geschehen, mit
Ohren nicht gehört, wie es im 4. Vers unseres Textes heißt, auch mit keinem
Auge gesehen worden waren, deren sich keines versehen hatte, durch die aber
Gott seine Herrlichkeit offenbarte, die Feinde mit Schrecken erfüllte, ihre
Macht in den Staub geworfen, sein Volk errettet hatte. Alle mussten nun
erkennen, dass er allein Gott und außer ihm kein anderer sei. Hatte er in jener
Gnadenzeit seine Herrlichkeit in so sichtbarer und für die Feinde in so
furchtbarer Weise offenbart, so bitten ihn nun die Gefangenen, sich in
ebensolcher oder ähnlicher Weise zu offenbaren, dass die Berge vor ihm
zerfließen, erschüttern würden. Zu welchem Zweck? Das sagen sie in den Worten:
„dass dein Name kund würde unter deinen Feinden, und die Heiden vor dir zittern
müssten durch die Wunder, die du tust, deren man sich nicht versieht.“
Diese Erinnerung an die in vergangenen Zeiten offenbarte Herrlichkeit
Gottes – was ist sie anders als ein Lobpreis seiner Macht und ein Mittel, den
schwachen Glauben in der Trübsal zu stärken? Wenn du daher in Trübsal bist,
wenn es scheint, als sei kein Helfer da, so halte auch du deinem Gott die
großen Taten vor, die er, sei es an dir, sei es an anderen, getan, und wodurch
er seine macht offenbart hat, gleichviel ob es Taten des Gerichts oder der
Gnade gewesen sind. Wie preist David die Herrlichkeit des HERRN, wenn er im 97.
Psalm singt: „Der HERR ist König; des freue sich das Erdreich und seien
fröhlich die Inseln, soviel ihrer sind. Wolken und Dunkel ist um ihn her;
Gerechtigkeit und Gericht ist seines Stuhles Festung. Feuer geht vor ihm her
und zündet an umher seine Feinde, Seine Blitze leuchten auf den Erdboden; das
Erdreich sieht und erschrickt. Bergbe zerschmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor
dem Herrscher des ganzen Erdbodens. Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit,
und alle Völker sehen seine Ehre. Schämen müssen sich alle, die den Bildern
dienen und sich der Götzen rühmen. Betet ihn an, alle Götter!“ So hat sich der
königliche Sänger durch Lobpreis der Herrlichkeit, der Macht und Gnade Gottes
Glauben und Hoffnung ins Herz gesungen, und so sollen auch wir es tun, wenn wir
mit dem Dichter singen:
Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.
Aber von dieser Erinnerung an die
Offenbarung der Herrlichkeit und deren Lobpreisung geht nun das Gebet zu einem
demütigen Bekenntnis der Schuld über. Das ist das zweite, was wir betrachten
wollen.
2.
Wir lesen in unserem Text weiter: „Siehe,
du zürntest wohl, da wir sündigten und lange drin blieben; uns wurde aber
dennoch geholfen. Aber nun sind wir allesamt wie die Unreinen, und alle unsere
Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid.“ Auch früher, so bekennen die zu
Babel Gefangenen, haben sie lange Zeit gesündigt. Und das beweist die
Geschichte des Volkes. Wie oft hatten sie schon in der Wüste gesündigt, obwohl
die Herrlichkeit des HERRN stets sichtbar vor ihnen herging und sie leitete.
Machten sie sich nicht schon am Berg Sinai der Abgötterei mit dem goldenen Kalb
schuldig? Zankten sie nicht mit Mose und Aaron in der Wüste Zin am Haderwasser,
als sei kein Waser hatten und riefen: „Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in
die Wüste gebracht, dass wir hier sterben mit unserem Vieh?“ Wurden sie nicht
lüstern nach den Fleischtöpfen Ägyptens? Der HERR speiste sie mit Manna, das er
ihnen vom Himmel gab, aber sprachen sie nicht: „Unsere Seele ekelt über dieser
losen Speise“? Wohl wurden sie um solcher Sünden willen von dem HERRN schwer
gestraft, aber er erbarmte sich ihrer doch bald wieder, wenn sie Buße taten. So
geschah es auch zur Zeit der Richter. Dienten sie den Götzen der Heiden, so
bestand die Strafe darin, dass sie bald von diesen, bald von jenen Heiden
überwunden und bedrückt wurden, bis ihnen der HERR einen Mann als Richter
erweckte, der sie befreite. Das ist es, was die Worte unseres Textes sagen:
„Siehe, du zürntest wohl, da wir sündigten und lange drin blieben; uns wurde
aber dennoch geholfen.“ „Aber nun“, so fahren sie fort, „sind wir allesamt wie
die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid“ und
sagen damit: Nun hast du uns nicht aus der Gefangenschaft gerettet, deinen Zorn
nicht von uns gewandt, und so sind wir in unseren Sünden geblieben, zu
Übeltätern geworden, zu Unreinen, deren Gerechtigkeit wie ein unflätiges, durch
und durch besudeltes Kleid ist. Statt besser sind wir schlimmer geworden. „Wir
sind alle verwelkt wie die Blätter, und unsere Sünden führen uns dahin wie der
Wind“, das heißt: Wie der Wind die welken Blätter dahinführt, so verwehen uns
unsere Sünden, da wir in unserem Elend den welken Blättern gleich geworden
sind.
Aber die in Babel Gefangenen bekennen
weiter: „Niemand ruft deinen Namen an“ oder macht sich auf, dass er dich halte.
„Denn du verbirgst dein Angesicht vor uns und lässt uns in unseren Sünden
verschmachten“, verschmelzen, so dass wir nicht mehr wagen, dich noch
anzurufen, Hilfe und Errettung von dir zu erflehen. Das, meine Geliebten, ist
das demütige Bekenntnis ihrer Schuld, das die in Babel Gefangenen ablegen,
nachdem sie zur Erkenntnis gekommen sind. In welch einen Gegensatz stellen sie
sich zu dem HERRN! Er hat sich als der heilige und herrliche Gott offenbart,
hat die Sünder gestraft, den Bußfertigen alsbald die Sünde vergeben und die
Strafe hinweggenommen, sie aber sind in ihren Sünden fortgefahren, sind zu
Übeltätern geworden, die es nicht mehr wagten, sich dem heiligen Gott zu nahen.
Wohl denen, die zu solch aufrichtiger
Erkenntnis ihrer Sünden gekommen sind und sie demütig bekennen; denn ohne diese
keine Vergebung und Erlösung. Darum rief der HERR dem Volk durch den Propheten
Jeremia zu: „Kehre wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich
mein Antlitz nicht gegen euch verstellen. Denn ich bin barmherzig, spricht der
HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein, erkenne deine Missetat, dass du gegen
den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast.“ Es heißt: „Wer seine Missetat leugnet,
dem wird’s nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird
Barmherzigkeit erlangen.“ Trat nicht der HERRR selbst mit dem Zuruf auf: „Tut
Buße und glaubt an das Evangelium“? Schreibt nicht Johannes: „Wenn wir sagen,
wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht
in uns; wenn wir aber unsere Sünde bekennen, dann ist er treu und gerecht, dass
er uns die Sünde vergibt und reinigt uns von aller Untugend“? Es geht durch
Sündenerkenntnis zur Sündenvergebung, durch Erniedrigung zur Erhöhung; denn der
HERR spricht: „Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ „Gott
widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Er, der Hohe und
Erhabene, lässt sich in Gnade und Erbarmung zu den Demütigen und Niedrigen
herab. Sie allein sind’s auch, die ihn um Errettung anflehen, da sie ihre
Ohnmacht und seine Macht erkannt haben. Darüber lasst mich drittens zu euch
reden.
3.
Ging die preisende Erinnerung an die
Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in ein demütiges Schuldbekenntnis über, so
klingt dieses in die innige Bitte um Rettung aus; denn die zu Babel Gefangenen
sprechen weiter: „Aber nun, HERR; du bist unser Vater, wir sind Ton; du bist
unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk. HERR; zürne nicht zu sehr
und denke nicht ewig an die Sünden. Siehe doch das an, dass wir alle dein Volk
sind!“ Sie begründen die Bitte um Vergebung mit einem dreifachen Hinweis,
nämlich damit, dass der HERR ihr Vater, ihr Schöpfer ist, und
dass sie sein Volk sind.
„Aber nun, HERR, du bist unser Vater“,
sagen sie zuerst und halten dem HERRN damit das innige Liebesverhältnis vor, in
dem er zu ihnen und sie zu ihm sehen. Nicht oft wird im Alten Testament Gott Vater
genannt, selbst von solchen nicht, die ihm so nahe standen wir Abraham, Jakob
und David, und wo es geschieht, doch nicht in dem vollen Sinn wie im Neuen
Testament; denn zur Zeit des Alten Bundes herrschte das
Knechtschaftsverhältnis. Gott war der HERR, die Gläubigen seine Knechte; sie
standen unter dem strengen Zuchtmeister des Gesetzes. Im Neuen Testament aber
ist das volle Kindschaftsverhältnis eingetreten, weshalb Paulus Gal. 3
schreibt: „Das Gesetz ist unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir durch
den Glauben gerecht würden. Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht
mehr unter dem Zuchtmeister. Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben
an Christus Jesus.“ Hier aber nennen ihn die im Elend Flehenden Vater.
Sodann nennen sie ihn ihren Töpfer, das heißt, Schöpfer, der sie geschaffen und
bereitet hat; und sich selbst nennen sie sein Volk, das er sich aus allen
Völkern der Erde erwählt, mit dem er einen besonderen Bund, das er zu seinem
besonderen Eigentum gemacht hat. Sie sagen also: Siehe, du bist unser Vater,
wir deine Geschöpfe; wir sind deine Auserwählten. So innig sind wir mit dir
verbunden; wie kannst du denn so hart gegen uns sein, so sehr über uns zürnen
und uns in diesem Land umkommen lassen!
Aber sie lassen es nicht bei dem Hinweis
auf das persönliche Verhältnis bewenden, in dem sie zu ihrem Gott
stehen, sondern weisen auch auf die Stadt und den Tempel hin: „Die Städte
deines Heiligtums sind zur Wüste geworden; Zion ist zur Wüste geworden,
Jerusalem liegt zerstört. Das Haus unserer Heiligkeit und Herrlichkeit, darin
dich unsere Väter gelobt haben, ist mit Feuer verbrannt; und alles, was wir
Schönes hatten, ist zuschanden gemacht.“ Wie hatten sie sich sonst über
Jerusalem gefreut! Sie war die heilige Stadt, die sich der HERR erwählt hatte,
der Mittelpunkt des ganzen Landes. Von ihr heißt es im 122. Psalm: „Jerusalem
ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme
hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des HERRN, zu predigen dem Volk Israel,
zu danken dem Namen des HERRN. Wünscht Jerusalem Glück! Es müsse wohl gehen
denen, die dich lieben!“ und im 137. Psalm: „Vergesse ich dein, Jerusalem, so
werde meiner Rechten vergessen.“ Nun aber waren die Mauern zerbrochen, die
Paläste zerstört. – Wie stolz waren sie auf den Prachtbau des Tempels. Wenn die
Festpilger auf dem Ölberg angelangt waren, von dem aus sie die Stadt
überblicken konnten, und den Tempel im Glanz der Sonne schimmern sahen,
stimmten sie Jubellieder an. In ihm thronte die Herrlichkeit des HERRN, über
den Cherubim, den sichtbaren Zeichen der Wohnung Gottes unter seinem Volk, aber
nun ein Schutt- und Trümmerhaufen! Alles Gold und Silber, alle heiligen Geräte
hinweggeführt; alles zuschanden gemacht! Das soll der HERR ansehen und sein
Erbarmen wachrufen. „HERR“, sagen sie, „willst du so hart sei zu solchem und
schweigen und uns so sehr niederschlagen?“ Welch eine ergreifende Bitte ist
das! Aber auch welch ein Glaube an die Barmherzigkeit Gottes spricht sich in ihr
aus! In der Tiefe des Elendes verzweifelt das Volk doch nicht an seinem Gott.
Lernen wir hieraus, meine Freunde, wie wir
in allen unseren Nöten zu Gott flehen und auf seine Barmherzigkeit trauen
können. Denn wenn jene so flehen konnten, wieviel mehr wir, die wir durch
Christus mit Gott versöhnt, durch den Glauben an ihn seine Kinder geworden
sind! Wir haben ja nicht einen knechtischen, sondern einen kindlichen Geist
empfangen, durch welchen wir rufen: „Abba, lieber Vater!“ Hat uns der HERR doch
selbst beten gelehrt: „Vater unser, der du bist im Himmel!“ und will uns damit
locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine
rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen
wie die lieben Kinder ihren lieben Vater. Hat er uns doch die Verheißung
gegeben: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, so ihr den Vater etwas bitten
werdet in meinem Namen, so wird er es euch geben.“ Darum:
Hoff,
o du arme Seele,
Hoff
und sei unverzagt!
Gott
wird dich aus der Höhle,
Da
dich der Kummer jagt,
Mit
großen Gnaden rücken,
Erwarte
nur die Zeit,
So
wirst du schon erblicken
Die
Sonn der schönsten Freud.
Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum Pfingstsonntag ueber Joel 3, 1-5: Die Weissagung von der Ausgießung
des Heiligen Geistes
Joel 3, 1-5: Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und
eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Ältesten sollen Träume haben, und
eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Auch will ich zur selben Zeit beide, über
Knechte und Mägde, meinen Geist ausgießen und will Wunderzeichen geben im
Himmel und auf Erden, nämlich Blut, Feuer und Rauchdampf. Die Sonne soll in
Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und
schreckliche Tag des HERRN kommt. Und soll geschehen, wer den Namen des HERRN
anrufen wird, der soll errettet werden. Denn auf dem Berge Zion und zu
Jerusalem wird eine Errettung sein, wie der HERR verheißen hat, auch bei den
andern übrigen, die der HERR berufen
wird.
In dem HERRN, geliebte, Festgenossen!
Die eben vernommenen Textworte enthalten die große Weissagung des
Propheten Joel von der Ausgießung des Heiligen Geistes zur Zeit des neuen
Testaments. Vergleichen wir sie mit der großen Predigt, welche der Apostel
Petrus am ersten neutestamentlichen Pfingstfest zu Jerusalem gehalten hat, so
sehen wir, dass er diese Weissagung zum großen Teil wörtlich angeführt hat, um
zu beweisen, dass die Apostel, als sie plötzlich in so wunderbarer Weise in
fremden Sprachen die großen Taten Gottes predigten, nicht etwa trunken seien,
wie die anwesenden Spötter lästerten, sondern von dem Heiligen Geist erfüllt
und mit seinen Wundergaben ausgerüstet seien, wie es durch den Propheten Joel
geweissagt worden sei. Führen wir uns, um diese Weissagung recht zu verstehen,
zunächst den Zusammenhang vor, in dem sie steht.
Der Prophet hatte eine so furchtbare Heuschreckenplage verkündigt, wie
sei weder vorher dagewesen noch in Zukunft wieder kommen werde. Wie ein
gewaltiges Kriegsheer sah er den endlosen Schwarm heranziehen. Er verfinstert
die Sonne wie schwarzes Gewölk, stürmt daher wie ein berittenes Kriegsheer,
verursacht ein Geräusch und Getümmel wie Kriegswagen, die in wildem Jagen
heranrasen oder wie Feuerflammen prasseln. Die Völker zittern, werden bleich
vor Schrecken. Wie Helden stürmen die Schwärme daher und nähern sich der Stadt;
nichts kann sie aufhalten. Sie ersteigen die Mauern, tummeln sich in der Stadt,
dringen durch die offenen Fenster in die Häuser, in alle Gemächer und Winkel.
Das Land, vorher ein Paradies, verwandeln sie in eine trostlose Wüste, die aussieht,
als ob eine alles verzehrende Feuersglut über die grünen Steppen, vom Wind
gepeitscht, dahingebraust wäre. Dies Schwäre sind das furchtbare Kriegsheer
Gottes, das er über sündige Volk zur Strafe für seinen Ungehorsam kommen lässt;
das ist der große Tag des HERRN, der gar sehr zu fürchten ist, wenn sich das
Volk nicht zu ihm bekehrt.
Da ruft der Prophet zu allgemeiner aufrichtiger Buße auf, um das
furchtbare, schon heranziehende Gericht, wo möglich, noch aufzuhalten oder
abzuwenden. Männer und Frauen, Junge und Alte, die Mütter mit den kleinen
Kindern auf den Armen, selbst Braut und Bräutigam sollen zusammenkommen, zu
Gott schreien und Buße tun. Er ruft aus: So spricht der HERR: ‚Bekehrt euch zu
mir von ganzem Herzen mit Fasten, mit weinen, mit Klagen! Zerreißt eure Herzen
und nicht eure Kleider und bekehrt euch zu dem HERRN, eurem Gott; denn er ist
gnädig, barmherzig, geduldig und von großer Güte und reut ihn bald die Strafe.
Wer weiß, es mag ihn wiederum gereuen und einen Segen hinter sich lassen.‘“ Und
der HERR erbarmte sich über die Bußfertigen; denn der Prophet schaut und verkündigt
ein anderes Bild. Die Schwärme der Heuschrecken werden vom Wind in die Wüste,
wo sie keine Nahrung finden, oder ins Meer getrieben, wo sie ertrinken, von
dessen Wellen ans Ufer gespült werden, verwesen und die Luft verpesten. Darauf
sendet der HERR den Lehrer der Gerechtigkeit, um sein Volk in seinem Wort und
seinen Wegen zu unterweisen, und erhört dessen Gebet um Früh- und Spätregen.
Die Weiden bedecken sich wieder mit Grün, die Saaten bringen reichliche Ernten,
die Scheuern werden voll, die Kufen fließen über den Most und das Öl. Das ist
das eine Große, das der HERR an seinem Volk tun will. Aber noch Größeres will
er tun. Er will einen anderen Regen vom Himmel herniedersenden; er will nämlich
seinen Geist über alles Fleisch ausgießen, wodurch eine andere, eine wunderbare
Fruchtbarkeit hervorgebracht werden soll. Das ist es, wovon der Prophet in
unserem Text weissagt. So vernehmt denn:
Die
Weissagung des Propheten Joel von der Ausgießung des Heiligen Geistes
Er weissagt, dass sie
1. eine Ausgießung über alles Fleisch sein,
2. von außerordentlichen Wirkungen
begleitet sein und
3. die Gottesgemeinde vor dem Gericht
bewahren wird.
1.
Der Prophet beginnt diese Weissagung mit
den Worten: „Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles
Fleisch; und eure Söhne und Töchter sollen weissagen.“ Mit dem „nach diesem“
weist der Prophet auf das Vorhergehende, nämlich au den nach der schrecklichen
Heuschreckenplage gespendeten Segen an irdischen Gütern, besonders auf den
verheißenen Lehrer der Gerechtigkeit hin. Darüber sollen sie sich in lauter
Freude ergehen; denn er hat ihnen zu zugerufen: „Ihr Kinder Zion, freut euch
und seid fröhlich in dem HERRN, eurem Gott, der euch den Lehrer zur
Gerechtigkeit gibt und euch herabsendet Früh- und Spätregen wie vorher.“
Diese Weissagung hat ihre Enderfüllung in
der Sendung des Messias gefunden. Schon durch Mose hat Gott verkündigt: „Ich
will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Kindern und meine
Worte in ihren Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten
werde.“ Von diesem Propheten waren Mose und die Propheten im Alten Testament
nur Vorläufer. Die nächste Folge der Sendung solle, so sagt der Prophet, der
Früh- und Spätregen und infolgedessen ein reicher irdischer Segen, viel mehr aber
ein geistlicher Regen sein, den er in Zukunft senden wolle, und über den sie
sich noch weit mehr als über jenen freuen sollten. Denn wie durch den
natürlichen Frühregen die Wüste in eine liebliche Aue, die Einöde in reiche
Saatfelder sich verwandeln soll, so solle durch den himmlischen Regen, die
Ausgießung des Heiligen Geistes, noch viel Herrlicheres und Größeres bewirkt
werden, weil diese Ausgießung eine allgemeine, bis dahin nicht geschehene, eine
Ausgießung über alles Fleisch sein werde.
Der Prophet blickt bei diesen Worten auf
die vergangene, auf seine und die zukünftige Zeit, und welch ein Unterschied
bietet sich da in Bezug auf die Gabe und Wirksamkeit des Heiligen Geistes
seinem Auge dar! Auch im Alten Testament war der Heilige Geist da und war auch
wirksam. Sprach doch Gott in den Tagen vor der Sintflut: „Die Menschen sich von
meinem Geist nicht mehr strafen lassen, denn sie sind Fleisch.“ So auch zur
Zeit Moses, in der er durch den Heiligen Geist wunderbare Gaben mitteilte; denn
wir lesen 4. Mose 11, als Mose auf Befehl des HERRN die siebzig Männer unter
den Ältesten um die Stiftshütte gestellt hatte, der HERR in einer Wolke
herniederkam, von dem Geist, der auf Mose ruhte, nahm, ihn auf die Siebzig
legte, da weissagten diese, so dass selbst Eldad und Medad, die im Lager
geblieben waren und sich nicht unter den Siebzig befanden, mit den Gaben des
Geistes ausgerüstet wurden und im Lager weissagten. Als Mose dies angezeigt
wurde und Josua ihn aufforderte, den beiden das Weissagen zu verbieten,
antwortete ihm Mose: „Bist du der Eiferer für
mich? Wollte Gott, dass das gesamte Volk weissagte und der HERR seinen
Geist auf sie gäbe!“ Wie ferner der Heilige Geist in und durch die Propheten im
Alten Testament wirksam war, dies ist ja bekannt. Durch ihn erleuchtet und
getrieben, hat David seine Psalmen gesungen, haben die Propheten geweissagt und
geredet, wie zum Beispiel der Prophet Hesekiel Kap. 11,5 von sich sagt: „Der
Geist des HERRN fiel auf mich und sprach zu mir: ‚Sprich: So sagt der HERR‘“
und Kap. 37: „Des HERRN Hand kam über mich und führte mich hinaus im Geist des
HERRN.“ Diese Mitteilung des Heiligen Geistes war jedoch nur eine beschränkte,
die nach allem, was die Schrift darüber gerichtet, mit wenigen Ausnahmen, nur
hervorragenden Männern wie Mose und den Propheten zuteil wurde und an andere
nur mittelbar, indem sie sich an die Propheten anschlossen, teilhatten. Daher
hatte Mose in den vorher von ihm angeführten Worten den Wunsch ausgesprochen,
dass das ganze Volk des HERRN mit dem Heiligen Geist begabt werden und
weissagen möchte, ein Wunsch, der zugleich eine Weissagung war auf das, was zur
Zeit des von ihm verkündigten Propheten geschehen sollte. Je näher aber diese
Zeit kam, desto bestimmter wurden die Weissagungen davon, wie durch Jesaja im
44. Kapitel: „Ich will meinen Geist auf deinen Samen gießen und meinen Segen
auf deine Nachkommen“ und durch Hesekiel (Kap. 36): „Ich will meinen Geist in
euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln
und meine Rechte halten und danach tun.“
Nun aber blickt Joel auf die Zeit des Neuen
Testaments, und da sieht er einen anderen Geistesregen vom Himmel
herniederkommen; denn der HERR spricht durch ihn: „Nach diesem will ich meinen
Geist ausgießen über alles Fleisch.“ Schon mit dem Wort „ausgießen“ bezeichnet
er die Fülle, das reiche Maß, in welchem der Geist wird gegeben werden. Wie der
Früh- und Spätregen, von dem er vorher geredet hatte, aus den Wolken auf das
Trockene und ausgedörrte Land in Güssen herniedergeströmt war, so werde sich
der Geistesregen in Strömen vom Himmel ergießen und nicht nur über ein oder das
andere Volk, sondern über alles Fleisch, nicht nur über einzelne, bevorzugte
Personen unter dem Volk Gottes, sondern ohne Unterschied des Alters und des
Geschlechts, des Standes und Berufs, über Söhne und Töchter, über Älteste und
Jünglinge, ja sogar über Knechte und Mägde, Sklaven und Sklavinnen. Und diese
so reichliche Sendung des Heiligen Geistes soll
sich nicht allein auf das Volk Israel, das Bundesvolk des Alten
Testaments, wenn der Prophet auch zunächst auf dieses blickte, erstrecken,
sondern, wie schon die Worte „alles Fleisch“ zeigen, und sodann aus den Worten
des 5. Verses: „Wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll selig werden“
deutlich hervorgeht, auch über die Heiden.
Und die Erfüllung dieser Weissagung, meine
Festgenossen? Die berichtet uns die heutige Festepistel, in der wir lesen: „Als
der Tag der Pfingsten erfüllt war, waren sie alle einmütig beieinander. Und es
geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte
das ganze Haus, da sie saßen. … Und wurden alle voll des Heiligen Geistes.“ Die
Versammelten waren aber nicht etwa allein die Apostel, sondern vielmehr alle
Gläubigen zu Jerusalem; und diese alle wurden des Heiligen Geistes voll, wie
denn auch Petrus in seiner Pfingstpredigt, auf die Weissagung in unserem Text
hinweisend, sagt: „Das ist es, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist:
‚Auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselben Tagen von meinem
Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“ Dass diese Ausgießung des Heiligen
Geistes nicht auf die Apostel beschränkt war, auch nicht bloß zu Jerusalem
geschah, sehen wir ferner aus Apg. 10, wo berichtet wird, dass, als Petrus zu
Cäsarea im Haus des heidnischen Hauptmanns Cornelius predigte, der Heilige
Geist auf alle fiel, die dem Wort zuhörten, diese mit Zungen redeten, und die
mit Petrus gekommenen gläubigen Juden darüber aufs höchste erstaunten, dass
auch über die gläubig gewordenen Heiden die Gabe des Heiligen Geistes
ausgegossen worden sei.
2.
„Eure
Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Ältesten sollen Träume haben, und eure
Jünglinge sollen Gesichte sehen“, weissagt Joel. Damit sind drei Folgen und
Wirkungen der Ausgießung des Heiligen Geistes angegeben: Zuerst das Weissagen,
die Gabe, durch unmittelbare göttliche Offenbarung Zukünftiges zu verkündigen;
sodann Träume, das Schauen von Bildern in schlafendem Zustand, durch die den
Träumenden ein Blick in die Zukunft gewährt werden soll; endlich Gesichte,
durch welche der Mensch entweder in Verzückung gesetzt oder ihm überhaupt eine
prophetische Offenbarung zuteil wird. So erblickte Joseph im Traum zwölf Garben
auf dem Feld, von denen die von ihm gebundene sich aufrichtete, während die
seiner Brüder sich vor der seinen neigten – ein Traum, der die Feindschaft der
Brüder gegen ihn noch vermehrte, der aber in Erfüllung ging, als sie nach
Ägypten kamen, Speise zu kaufen. So sah ferner Jakob im Traum, als er zu Bethel
allein auf freiem Feld übernachtete, die Himmelsleiter, auf deren Spitze Gott
stand, der ihm eine herrliche Verheißung gab. So erschien, um nur noch das eine
Beispiel anzuführen, der Engel des HERRN dem Joseph, dem Vertrauen der Maria,
im Traum und forderte ihn auf, mit dem Jesuskindlein nach Ägypten zu fliehen,
um es den Nachstellungen des Herodes zu entziehen. Redete Gott in solchen
Träumen nicht selbst zu den Menschen, so konnten sie nur durch besondere
göttliche Offenbarungen gedeutet werden, weshalb Joseph zu Pharao sprach, als
dieser ihn vor sich bringen ließ, um seinen Traum von den sieben fetten und
mageren Kühen zu deuten: „Das steht bei mir nicht; Auslegen gehört Gott zu.“ So
war Daniel mit der besonderen Gabe, Gesichte und Träume zu deuten, von Gott
ausgerüstet (Dan. 1, 17). In den Gesichten erblickten besonders die Propheten
in Bildern, die ihnen Gott vor die Augen führte, was er tun wollte, weshalb sie
Seher genannt wurden, und ihre Weissagungen mit dem Wort „Siehe“ begannen.
Daher beginnt das Buch des Propheten Jesaja mit den Worten: „Dies ist das
Gesicht Jesajas, … das er sah über Juda und Jerusalem.“ Hesekiel erblickte die
völlige Zerstörung Jerusalems im Bild eines Kessels, in dem allerlei
Fleischstücke ausgekocht wurden.
Aber die Gaben, die zur Zeit des Alten
Testaments nur wenigen von Gott verliehen wurden, sollten, wie Joel verkündigt,
durch die Ausgießung des Heiligen Geistes allgemein werden. Söhne und Töchter,
Älteste, Jünglinge, selbst leibeigene Knechte und Mägde sollen damit begabt
werden. Woher, so fragen wir, dieser Unterschied? Weil im Alten Testament das
Knechtschaftsverhältnis vorwaltete, im neuen das Kindesverhältnis eingetreten
ist, und alle Ungleichheit der Menschen in ihrem Verhältnis zu Gott aufgehört hat;
denn Paulus schreibt: „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass
ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist
empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater!“ und an die Galater:
„Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist
kein Mann noch Frau; denn ihr seid allzumal einer in Christus Jesus.“ Alle
Gläubigen, wer oder was sie sein mögen, sind Kinder Gottes durch den Glauben an
Christus; alle haben den Geist Christi empfangen und haben daher an seinen
Gaben Anteil, die er mitteilt, wem und wie er will, den Jungen wie den Alten,
den Knechten und Mägden wie ihren Herren und Frauen.
Und die Erfüllung dieser Weissagung? So
fragen wir wieder. Sie begann mit der Ausgießung des Heiligen Geistes am
Pfingstfest zu Jerusalem; denn als die Apostel des Heiligen Geistes voll waren,
fingen sie an zu reden mit anderen Zungen, nachdem der Geist ihnen gab
auszusprechen, so dass alle, die sie hörten, voll Verwunderung ausriefen:
„Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, aus Galiläa? Wie hören wir denn
ein jeglicher seine Sprache, darin wir geboren sind? … Wir hören sie mit
unseren Zungen die großen Taten Gottes reden.“ Dass aber diese besonderen Gaben
neben den Aposteln auch anderen Jüngern mitgeteilt wurden, lehrt uns nicht nur
das Zungenreden der zu Cäsarea durch die Predigt des Petrus aus den Heiden
gläubig Gewordenen, sondern auch das Weissagen, Zungenreden und das Auslegen
des Zungenredens in der Gemeinde zu Korinth. Finden s9ch nun diese Wundergaben
des Heiligen Geistes jetzt auch nicht mehr in solchem Maß wie zur Zeit der
Apostel in der Kirche, so wohnt doch der Heilige Geist in den Herzen aller
Gläubigen, erleuchtet ihren Verstand, schenkt und erhält sie im Glauben, eignet
ihnen immerdar Vergebung der Sünden zu, reinigt ihre Herzen und treibt sie zu
allen guten Werken an. „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes
Kinder.“ Und sie werden als Gottesgemeinde endlich vor dem Gericht bewahrt.
3.
Wir lesen weiter in unserem Text: „Und ich
will Wunderzeichen geben im Himmel und auf Erden, nämlich Blut, Feuer und
Rauchdampf. Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt
werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.“
Zweierlei Wunderzeichen sind es, die der
Prophet als Vorläufer und Zeichen des Geistes angibt: Zeichen, die am Himmel
und solche, die auf Erden geschehen. Als Zeichen auf der Erde nennt er „Blut,
Feuer und Rauchdampf“ oder Rauchsäulen. Blut und Feuer weisen auf die Plagen
hin, die Gott über Ägypten kommen ließ, um die Hartnäckigkeit Pharaos zu
brechen, da er sich weigerte, das Volk Israel ziehen zu lassen, als sich das
Wasser des Nil in Blut verwandelte und mit dem Hagel auch Feuerklumpen vom
Himmel herniederfuhren (2. Mose 9, 24); die Feuersäulen auf das Rauchen des
Berges Sinai, als der HERR herabfuhr, da, wie es 2. Mose 19, 18 heißt, „sein
Rauch aufging wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg sehr bebte“. Auch die
beiden Zeichen am Himmel, die Verwandlung der Sonne in Finsternis und des
Mondes in Blut, haben ihr Vorbild in der Finsternis, die das ganze Ägypten
bedeckte (2. Mose 10, 21 ff.). Jene Plagen waren also nicht bloß Strafgerichte
über die Ägypter, sondern zugleich Vorbilder auf Erscheinungen, welche als
Zeichen und Vorboten des von dem Propheten verkündigten „großen und
schrecklichen Tages des HERRN“ geschehen werden. Diese werden keine
gewöhnlichen Naturerscheinungen, sondern außerordentliche Wunderzeichen, nicht
solche wie Sonnen- und Mondfinsternisse, sondern derart sein, wie sie Gott
durch sein allmächtiges Eingreifen in die Kräfte der Natur hervorbringt. Solche
Zeichen waren die große Finsternis, das Zerreißen der Felsen und des Vorhangs
im Tempel bei dem Tod Christi, die dem Gericht über das jüdische Volk durch die
Zerstörung Jerusalems vorangingen. Sie werden auch nicht nur von den Gläubigen
als Vorboten des Gerichts erkannt werden, sondern auch die Ungläubigen in Angst
und Schrecken versetzen.
Diese endgültige Erfüllung dieser Zeichen
wird geschehen, wenn der letzte Tag und mit ihm das Endgericht über die Völker
der Erde erscheint, wie es der HERR Luk. 21 vorherverkündigt hat: „Es werden
Zeichen geschehen an der Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den
Leuten bange sein und werden zagen; und das Meer und die Wasserwogen werden
brausen. Und die Menschen werden verschmachten vor Furcht und vor Warten der
Dinge, die da kommen sollen auf Erden; denn auch der Himmel Kräfte sich bewegen
werden. Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in der Wolke mit5
großer Kraft und Herrlichkeit.“
Aber wie Israel, das Volk Gottes, von den
Plagen des Gerichts über die Ägypter nicht betroffen wurde, diese vielmehr
geschahen, um ihm seine Erlösung aus der Knechtschaft zu bewirken, so wird auch
die Gottesgemeinde von diesen Wunderzeichen als Vorboten des nahenden
Gottesgerichts nicht betroffen, sondern, weil der Geist Gottes in ihren Herzen
wohnt, vor dem Gericht bewahrt werden. „Denn auf dem Berg Zion und zu
Jerusalem“, sagt der Prophet, „wird eine Errettung sein, wie der HERR verheißen
hat, auch den anderen übrigen, die der HERR berufen wird.“ „Denn es soll
geschehen: Wer den Namen des HERRN anrufen wird, der soll errettet werden.“ Mit
dem Berg Zion und Jerusalem meint der Prophet nicht den irdischen Berg und die
irdische Stadt, sondern die Kirche. Wer sich in dieser befindet, nämlich jeder,
der im Glauben, im Geist, den HERRN anruft, der wird in ihr Schutz und
Bewahrung vor dem Gericht haben. Für sie alle, auch die der HERR aus den Heiden
herzu gerufen, in die Kirche berufen hat, wird der Tag des Gerichts, der große
und schreckliche Tag des HERRN, der Tag der Erlösung von aller Feindschaft und
Bedrückung seitens ihrer Feinde, für diese ein Tag der Rache, für jene der
endlichen Erlösung und des Einzugs in die neue Gottesstadt, in das himmlische
Kanaan, sein. Dasselbe verkündet der HERR; wenn er zu seinen Jüngern spricht:
„Wenn nun dieses alles anfängt zu geschehen, so seht auf und hebt eure Häupter
auf, darum, dass sich eure Erlösung naht.“
Das ist, meine Festgenossen, die Weissagung
des Propheten Joel von der Ausgießung des Heiligen Geistes zur Zeit des Neuen
Testaments. Wohl daher allen, die daran teilhaben, in deren Herzen dieser
Lehrer und Tröster wohnt, die er heiligt und mit seinen Gaben ziert! Lasst uns
daher zu ihm flehen:
O
Heilger Geist, kehr bei uns ein
Und
lass uns deine Wohnung sein,
O
komm, du Herzenssonne!
Du
Himmelslicht, lass deinen Schein
Bei
uns und in uns kräftig sein
Zu
steter Freud und Wonne,
Dass
wir in dir
Recht
zu leben uns ergeben
Und
mit Beten
Oft
derhalben vor dich treten.
Amen.
Alttestamentliche
Predigt zum zweiten Pfingsttag ueber 2. Koenige 5, 9-14: Das Mittel, durch
welches der Aramaeer Naeman von seinem Aussatz gereinigt wurde
(die
Predigt wurde entnommen: Reinhold Pieper: Predigten über freie Texte. Bd. 2.
Milwaukee, Wis.: Germania Publishing Co. 1903. S. 252 ff.)
2. Könige 5, 9-14: So kam Naeman mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür
am Haus Elisas. Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Gehe hin
und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wiedererstattet
und rein werden. Da erzürnte Naeman und zog weg und sprach: Ich meinte, er
sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines
Gottes, anrufen und mit seiner Hand über die Stätte fahren und den Aussatz so
abtun. Sind nicht die Wasser Amanas und Pharphars zu Damaskus besser als alle
Wasser in Israel, dass ich mich darin wüsche und rein würde? Und wandte sich
und zog weg mit Zorn. Da machten sich seine Knechte zu ihm, redeten mit ihm und
sprachen: Lieber Vater, wenn dich der Prophet etwas Großes hätte geheißen,
solltest du es nicht tun? Wie viel mehr, so er zu dir sagt: Wasche dich, so
wirst du rein. Da stieg er ab und taufte sich im Jordan siebenmal, wie der Mann
Gottes geredet hatte; und sein Fleisch wurde wiedererstattet, wie ein Fleisch
eines jungen Knaben, und wurde rein.
Geliebte in dem HERRN Christus!
Um das richtige Verständnis unseres Textes
zu gewinnen, müssen wir zuerst auf den Zusammenhang blicken. Naeman, dessen
wunderbare Reinigung vom Aussatz in unserem Text berichtet wird, war
Feldhauptmann im Heer des aramäischen [syrischen] Königs, ein tapferer
Kriegsheld und daher bei seinem König sehr angesehen. Er hatte sich vielfach
als unerschrockener und umsichtiger Feldherr bewiesen und manchen Sieg
davongetragen. Aber er war mit einer schrecklichen Krankheit, dem Aussatz,
behaftet. Wie konnte er dann seine hohe Stellung als Feldherr bekleiden? fragen
wir. Die Antwort lautet: Der Aussatz trat in vielen Fällen zuerst in kaum
wahrnehmbarer Weise auf und nahm einen sehr langsamen Verlauf, so dass der von
ihm Befallene noch seine Berufsgeschäfte verrichten konnte. Sodann waren die
Aussätzigen bei den Aramäern nicht von der menschlichen Gesellschaft
ausgeschlossen, wie bei den Juden, weil bei diesen der Aussatz als ein Bild der
Sünde galt. Daher konnte denn Naeman nicht nur das Amt als Heeroberster bekleiden,
sondern sich auch in der Umgebung des Königs bewegen.
Nun wurde Naeman durch ein israelitisches
Mädchen, welches bei einem Streifzug gefangen worden war und sich im Dienst
seiner Gemahlin befand, auf einen Propheten in Israel aufmerksam gemacht,
welcher die Wundergabe besitze, die schreckliche Krankheit des Aussatzes zu
heilen. Sobald Naeman dies hörte, begab er sich zu seinem König. Dieser gebot
ihm, nach Samaria zu reisen und versah ihn mit einem Schreiben an den König von
Israel, dass er Naeman von seinem Aussatz gesund machen möge. Aber wie erschrak
der König Israels, als er das Schreiben las! Er rief aus: „Bin ich denn Gott,
dass ich töten und lebendig machen könnte, dass er zu mir schickt, dass ich den
Mann von seinem Aussatz los mache? Merkt und seht, wie sucht er Ursache zu
mir.“ Er meinte also, der König von Aram suche nur nach einem Vorwand zum Krieg
mit ihm. Dies beabsichtige dieser aber keineswegs, sondern weil Naeman von ihm
als tüchtiger Feldherr hoch geschätzt wurde, war ihm viel daran gelegen, ihn
von dem Aussatz geheilt zu sehen. Ferner hielt er dafür, dass dem König Joram
ein Prophet in seinem Land nicht unbekannt sein würde, der die sonst unheilbare
Krankheit des Aussatzes heilen könne. Joram dachte in seinem Unglauben nicht an
den Propheten Elisa. Als aber dieser von der Sache gehört hatte, sandte er zu
dem König, strafte ihn wegen seines Unglaubens und ließ Naeman zu sich
entbieten, damit dieser erkenne, dass ein Prophet in Israel sei. Naeman kam zu
Elisa, wurde aber von diesem nach seiner Meinung in so unehrerbietiger Weise
behandelt, dass er aufs Höchste aufgebracht und fest entschlossen war, das ihm
von Elisa gebotene Mittel zur Heilung nicht zu gebrachen und hinweg zog.
Indessen überredeten ihn seine Diener, das Mittel doch zu gebrauchen, und siehe
da, das Mittel half. Sein Fleisch, das mit den Schuppen des Aussatzes bedeckt,
ja wohl von diesem teilweise zerfressen war, wurde wieder so frisch und gesund
wie das Fleisch eines kleinen Knaben.
Welches war nun das von dem Propheten Elisa
Naeman verordnete Mittel zur Reinigung von seinem Aussatz? Es ist in den Worten
unseres Textes angegeben: „Gehe hin und wache dich siebenmal im Jordan.“ Das
war in der Tat ein ganz eigentümliches Mittel, und das umso mehr, als es dazu
dienen sollte, den Aussatz zu heilen. Eine so furchtbare Krankheit sollte durch
ein so einfaches Mittel geheilt werden; das war für die Vernunft nicht nur
unbegreiflich, sondern töricht und lächerlich. Aber wie es Naeman auch beurteilen
mochte, die Anwendung derselben zeigte, dass es ein sehr wirksames Mittel war.
Gehen wir hierauf näher ein und machen wir die rechte Anwewndung, so wird die
Betrachtung dieses Mittels für uns nicht ohne Nutzen sein. Wir betrachten also:
Das
Mittel, durch welches der Aramäer Naeman von seinem Aussatz gereinigt wurde
Dieses Mittel war:
1. In seinen Augen ein sehr verächtliches,
aber
2. Ein sehr wirksames.
1.
Naeman kam mit Rossen und Wagen, mit einem
ansehnlichen Gefolge, wie es seiner hohen Stellung entsprach, vor dem Haus des
Propheten Elisa an und erwartete, dass er von diesem mit der Ehrerbietung, wie
er es von den heidnischen Priestern und Gauklern gewohnt war, werde empfangen
werden. Darin sah er sich aber völlig getäuscht. Elisa kam nicht einmal zu ihm
heraus, sondern sandte einen Boten, durch den er ihm sagen ließ: „Gehe hin und
wache dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wiedererstattet und
rein werden.“ Können wir uns wundern, Geliebte, dass Naeman, der ein so
hochgestellter Mann war, sich durch diese Behandlung von Elisa gekränkt fühlte?
Als Heeresoberster in Aram beugte sich bis auf seinen König alles vor ihm,
bezeugte ihm die größte Ehre und diente ihm, und dieser Prophet in Samaria
erweist ihm nicht einmal so viel Ehre, dass er zu ihm herauskommt, sondern
fertigt ihn ab wie einen gewöhnlichen Menschen. Und erst das Mittel, welches er
ihm verordnet! Er soll hingehen und sich im Jordan siebenmal waschen. Musste
ihm das nicht vorkommen, als ob Elisa Spott mit ihm treibe? Wir lesen daher
auch: „Da erzürnte Naeman und zog weg und sprach: Ich meinte, er sollte zu mir
herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN seines Gottes anrufen und
mit seiner Hand über die Stätte fahren und den Aussatz so abtun. Sind nicht die
Wasser Amana und Pharphar zu Damaskus besser als alle Waser in Israel, dass ich
mich drin wüsche und rein würde?“ Darauf wandte er sich mit seinem Gefolge um
und zog über die ihm widerfahrene Behandlung und das ihm empfohlene Mittel im
Zorn hinweg.
Wir werden diesen Unwillen und Zorn Naemans
besser verstehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass er ein Heide war und
welche Bewandtnis es mit seinem Aussatz hatte. Als Heide stellte er den
Propheten Elisa mit den heidnischen Priestern so ziemlich auf gleiche Stufe und
meinte, dass er sich derselben oder doch ähnlicher Mittel bedienen werde wie
jene, wenn sie ihre Künste anwandten. Er erwartete von Elisa eine feierliche
Anrufung Gottes mit allerlei Gebärden und Zeremonien oder Zauberformeln, deren
sich die heidnischen Priester bedienten; wenigstens werde er mit seiner Hand
die Stellen berühren, an denen sich der Aussatz besonders zeigte. Sodann
wusste, dass der Aussatz durch gewöhnliche Mittel nicht geheilt werden konnte.
Dieser war in Wahrheit eine entsetzliche Krankheit. Zuerst zeigte er sich kaum
bemerkbar durch eigentümlich gerötete Flecken auf der Haut, die sich, ohne
Schmerz zu verursachen, langsam vergrößern. Oft wusste der Mensch nicht einmal,
dass er von dem Aussatz befallen war, er konnte essen und trinken, fühlte sich
wohl und konnte seiner Beschäftigung nachgehen. Aber in fast unheimlicher Weise
zerstört die Krankheit die Lebenskraft. Die Haut wurde trocken, konnte nicht
mehr ausdünsten, es zeigte sich ein schuppiger Ausschlag, der sich in manchen
Fällen in Fäulnis verwandelte, so dass einzelne Glieder vom Körper abfielen.
Und wenn die Krankheit den höchsten Grad erreichte, dann bot der von ihr
Heimgesuchte einen überaus widerlichen und ekelhaften Anblick. Der ganze Leib
sank in sich zusammen wie eine eitrige Masse, und kein Arzt konnte Hilfe
bringen. Alles war an einem Aussätzigen unrein, sein Atem, sein Hauch, selbst
der Blick seiner Augen. Und alles, was er berührte, wurde verunreinigt, das
Gefäß, aus dem er trank, das Bett, auf dem er schlief, jeder Gegenstand den er
berührte. Daher wurde er bei dem jüdischen Volk durchs Gesetz aus der
menschlichen Gesellschaft gänzlich verbannt. Eine solche Bewandtnis hatte es
mit dem Aussatz. Und von diesem sollte nun Naeman dadurch gereinigt werden, dass
er sich im Jordan siebenmal waschen sollte. Elisa besah ihn nicht, er berührte
ihn nicht, zeigte sich ihm überhaupt nicht, sondern ließ ihm durch einen Boten
sagen: „Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dein Fleisch
wiedererstattet und rein werden.“ Wahrlich, es darf uns nicht wundern, dass
Naeman sich von diesem Mittel keine Heilung versprach, es vielmehr mit
Verachtung von sich wies, zornig wurde und im Grimm wegzog. Wir würden uns
vielmehr darüber wundern, wie sich einst er HERR über den Glauben des
Hauptmanns zu Kapernaum verwunderte, wenn er den Worten Elisas ohne weiteres
geglaubt und das von ihm verordnete Mittel angewayndt hätte. Verächtlich sagte
er daher: „Sind nicht die Wasser Amana und Pharphar zu Damaskus besser als alle
Wasser in Israel, dass ich mich darin wüsche und rein würde?“ Auch das war nach
er Vernunft, vom Standpunkt Naemans aus, durchaus wahr geredet. Denn das Wasser
des Flusses Amana, der auf einem Gipfel des Antilibanon entspringt und durch
die Stadt Damaskus fließt, ist sehr klar und kühl, desgleichen das Wasser des
Pharphar, eines schnell dahinfließenden Flusses, das nicht nur von
durchsichtiger Klarheit war, sondern auch als besonders gesund bezeichnet
wurde. Und nun sollte Naeman ein Waschen oder Baden im Jordana von dem sonst
unheilbaren Aussatz reinigen, dessen Wasser meist trüb, von rötlicher Farbe und
mehr lau als kalt ist! Da begreift es sich wahrlich leicht, dass er das Waser
der Flüsse in Aram für viel besser hielt und heilkräftiger als das des Jordan
in Samaria hielt, dass er das ihm empfohlene Baden in diesem mit Verachtung von
sich wies. Ein Waschen mit nicht einmal ganz reinem und klarem Wasser soll vom
Aussatz reinigen, ein solch geringes Mittel eine wunderbare Wirkung haben1 Wenn
ihn der Prophet noch etwas Großes geheißen hätte, etwa fortdauernde, unter
allerlei Zeremonien und sonstigen Dingen zu vollbringende Waschungen und
dergleichen, aber ein einfaches Waschen im Jordan? Das war lächerlich,
unsinnig.
Naeman war jedenfalls ein sehr vernünftiger
Mann, ebenso vernünftig wie heute noch viele Heiden und Ungläubige, ja viele
mitten in der Christenheit sind. Diese führen ganz die Sprache es Naeman. Wir
alle bedürfen der Reinigung von dem Aussatz ebenso wohl wie er, denn auch wir
sind von Natur mit einem Aussatz behaftet, der noch schlimmer als Naemans ist.
Du blickst auf dich, mein Freund, und rufst aus: Wie, ich mit einem solchen
oder ähnlichen Aussatz wie Naeman behaftet? Ich bin ganz gesund, mein Fleisch
ist wohl erhalten. Aber warte nur ein wenig. Es gibt nicht bloß einen
leiblichen, sondern auch einen geistlichen Aussatz, und mit diesem ist von
Natur jeder Mensch behaftet. Dieser Aussatz heißt Sünde. Du wirst wohl mit
David bekennen müssen: „Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt, und meine
Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ Es geht freilich manchem Menschen
hinsichtlich seiner Sündhaftigkeit ebenso wie manchem leiblich Kranken; die
Krankheit ist da, sie hat seinen ganzen Körper durchdrungen, aber er kennt sie
noch nicht. So glaubt mancher Mensch nicht, dass er durch den Sündenaussatz
verderbt ist, weil er kein Auge dafür hat. Aber ob du deinen wahren Zustand
erkennst oder nicht, er ist nun einmal ein verderbter, du bist ein Sünder, hast
in deinem natürlichen Zustand ein böses Herz und dieses ist die beständig
fließende Quelle böser Begierden, Gedanken, Worte und Werke. Das Raden von
einem guten Herzen ist lauter Unwahrheit. Ich brauche dich nur zu fragen: Bist
du immer so gegen deinen Nächsten gesinnt und handelst du immer so gegen ihn,
wie du wünschst, dass er gegen dich gesinnt sein und handeln möge? Du möchtest
von jedermann geliebt sein, wünschst, dass man nur Gutes von dir denke und
rede; tust du das von deinem Nächsten? Gesetzt, es gäbe eine Kunst, ebenso dein
Herz, die Gedanken und Begierden desselben zu fotographieren wie deine äußere
Gestalt, würdest du wohl ein Bild davon nehmen lassen? Ich glaube kaum, aber
wenn du es hättest, so bin ich gewiss, dass du es auch nicht einmal deinem vertrautesten
Freund zeigen würdest; du würdest dich vor deinem Bild entsetzen. Nun denn:
Dieser Sündenaussatz hat deine ganze Natur, deine Seele und deinen Leib
durchdrungen und überliefert dich ebenso gewiss dem Tod wie der Aussatz des
Leibes, denn der Tod ist der Sünden Sold. Wärest du kein Sünder, so müsstest du
auch nicht sterben, denn der Tod ist zu allen Menschen hindurchgedrungen,
dieweil sie alle gesündigt haben.
Wo ist nun das Mittel, von diesem Aussatz
der Sünde gereinigt und vom Tod errettet zu werden? Gibt’s ein solches Mittel?
Bei Menschen freilich nicht, denn auch dieser geistliche Aussatz spottet jeder
menschlichen Kunst und Arznei. Das Herz von seinen Lüsten und Begierden zu
reinigen, ihm die anerschaffene Reinheit wieder zu erstatten, steht in keines
Menschen Kraft, sondern allein bei Gott. Und er will es auch tun, denn so
spricht er durch den Propheten Jeremia: „Ich will sie reinigen von aller
Missetat, damit sie gegen mich gesündigt haben“ und durch den Propheten
Hesekiel: „Ich will reines Wasser über sie sprengen. … Ich will euch ein neues
Herz und einen neuen Geist in euch geben.“ Also durch Wasser soll auch dieser
Aussatz geheilt werden, wie Naemans durch das Wasser des Jordan. Aber wo ist
denn dies wunderbare Waser zu finden? Wir haben nicht nötig, in das heilige
Land zu reisen und es dort zu suchen, sondern wir finden es überall. Der HERR
spricht Mark. 16: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden“, und
Joh. 3, V. 5: „Wenn jemand nicht geboren werde aus dem Wasser und Geist, so
kann es nicht in das Reich Gottes kommen.“ Mit einem Wort: Das Wasser der Taufe
reinigt von dem Sündenaussatz, wie Paulus bezeugt, Christus hat die Gemeinde gereinigt
durch das Wasserbad im Wort. Was, sagt die Vernunft, das Wasser der Taufe soll
eine solche Reinigung bewirken? Unmöglich! Der Wiedertäufer ruft aus: „Die paar
Tropfen Wasser, mit denen ihr das Kind besprengt oder wascht, sollen es von
Sünden reinigen und zu einem Kind Gottes machen?“ Die Zwinglianer und alle
Schwärmer rufen aus: Die Taufe ist weiter nichts und kann nichts anderes sein
als ein bloßes Zeichen, eine Zeremonie, aber eine Reinigung von Sünden kann sie
nicht bringen, das ist unmöglich. „Die Taufe bringt die Gnade nicht.“ – „Ich
weiß, dass alle Sakramente, weder unmittelbar noch mittelbar (Gnade) erteilen“,
sagt Zwingli.[9] Und
diesem schließen sich, wenn auch in anderer Weise, die Römisch-Katholischen.
Deine Taufe, so sagen sie, kann dich von deinen Sünden nicht reinigen. Willst
du diese Reinigung erlangen, so musst du viel mehr und Größeres tun. Du musst
fasten, dich kasteien, Wallfahrten an heilige Orte unternehmen. Du musst dir
Ablass erwerben durch Bußübungen, milde Gaben und Schenkungen, musst aus der
Welt fliehen, dich in die Einsamkeit des Klosters begeben und das Gelübde des
Gehorsams, der Armut und der Keuschheit ablegen. So schwere Werke musst du
verrichten, so Großes vollbringen, dann wirst du Vergebung deiner Sünden
erlangen, aber dich nur taufen lassen und glauben? So leicht geht das nicht.
Welch eine Übereinstimmung zwischen allen diesen und Naeman. Zu jenem sagte
Elisa im Namen des HERRN: „Gehe hin und wasche dich siebenmal imm Jordan, so
wird dir dein Fleisch wieder erstattet und rein werden“, zu diesen spricht der
HERR: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig werden“, und der Apostel im
Namen des HERRN: „Lass dich taufen und abwaschen deine Sünden“, aber Naeman
wurde zornig und sprach: „Ich meinte, er sollte zu mir herauskommen und mit
seiner Hand über die Stätte fahren“, diese kommen auch und sagen: Wir meinen,
Gott müsste etwas ganz anderes tun, oder wir müssten ganz andere Dinge tun,
wenn wir von unserem Aussatz gereinigt werden sollen. Beide setzen dem Wort
Gottes ihre Meinungen entgegen, dem von Gott verordneten Mittel eigenes Tun.
Ja, wie Naeman mit zehn Zentner Silber, sechstausend Gulden und zehn Feierkleidern
kam[10],
soß kommen heute noch so viele mit Geschenken, Werken, Stiftungen, um sich
dadurch die Vergebung der Sünden zu erkaufen. Ihnen allen erscheinen die von
Gott verordneten Mittel, das Wort und die Sakramente, zu einfach, zu gering, zu
verächtlich, um dadurch Reinigung von ihrem Sündenaussatz, d.h. Vergebung und
Seligkeit erlangen zu können, auch sie werden zornig, wenn die wahren Propheten
des HERRN sie allein auf die so einfachen Mittel der Gnade, die Gott eingesetzt
hat, hinweisen.[11]
Aber wohl allen denen, die Naeman darin gleichen, dass sie ihre eigenen
Meinungen fahren lassen und die ihnen von Gott geordneten Mittel recht
gebrauchen, denn auch an ihnen erweisen sich dieselben als sehr wirksam, wie
wir zweitens erkennen wollen.
2.
Die Diener Naemans waren anderen Sinnes als
er. Als er in seinem Zorn dahinzog, machten sie sich zu ihm und sprachen, wie
es in unserem Text heißt: „Lieber Vater, wenn dich der Prophet etwas Großes
hätte geheißen, solltest du es nicht tun? Wie vielmehr, so er zu dir sagt:
Wasche dich, so wirst du rein.“ Mit diesen Worten sprachen sie aus, was ihren
Herrn eigentlich mit Zorn gegen den Propheten erfüllte: der Hochmut, der sich
gegen das von Elisa gewiesene Mittel auflehnte. Wäre ihm aber Großes, schwer zu
Vollbringendes befohlen worden, so würde er sich dem ohne weiteres gefügt
haben, aber ein so geringes Mittel anzuwenden, das war ihm verächtlich. Doch,
er ließ sich überreden, denn wir lesen: „Da stieg er ab und taufte sich im
Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geredet hatte.“ Siebenmal sollte er sich
waschen, weil die Zahl sieben das Zeichen des Bundes war, und die Reinigung
aufgrund des Bundes, den Gott mit Israel geschlossen hatte, geschehen sollte.
Und siehe da: „Sein Fleisch wurde wieder erstattet“, d.h. so frisch und gesund,
„wie das Fleisch eines jungen Knaben und wurde rein.“ Der Aussatz war
verschwunden, die Reinigung von demselben geschah, während sich Naeman
siebenmal untertauchte, kein rohes und aufgezehrtes Fleisch war mehr zu sehen,
die Haut nicht mehr trocken und zusammengeschrumpft, sondern so zwar, so
blühend wie die eines Knaben. Das war die Wirkung des zuerst so verächtlich
beurteilten Mittels.
Es bedarf keines besonderen Nachweises,
meine Zuhörer, dass die Kraft, Naemans Aussatz zu heilen, nicht in dem Wasser
des Jordan enthalten war. Wie viele andere hätten sich nicht bloß siebenmal,
sondern siebzigmal siebenmal im Jordan untertauchen können und würden doch
nicht vom Aussatz gereinigt worden sein. Woher aber erhielt denn das Wasser
gerade bei Naeman diese wunderbare Kraft? Wir erhalten die Antwort aus dem 8.
Vers dieses Kapitels, wo Elisa dem König Joram sagen ließ. „Lass ihn, Naeman,
zu mir kommen, dass er inne werde, dass ein Prophet in Israel sei“, d.h. Naeman
sollte durch ein besonderes Wunder zur Erkenntnis des HERRN, des einigen wahren
Gottes gebracht werden, dessen Prophet Elisa war. er sollte erfahren, dass der
HERR durch das Wort seines Propheten Wunder tue. Dieses Wort Gottes, welches in
Bezug auf Naeman lautete: „Gehe hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so
wird dein Fleisch wieder erstattet und rein werden“, war mit dem Waser des
Jordan verbunden, und dieses Wort teilte ihm die vom Aussatz reinigende Kraft
mit. Da war zunächst das Wort des Befehls: „Gehe hin und wasche dich siebenmal
im Jordan“, und sodann das Wort der Verheißung: „So wird dein Fleisch
wiedererstattet und rein werden.“ Das Wort Gottes aber ist allmächtig; wenn er
spricht, so geschieht es, wenn er gebietet, so steht es da.
Haben wir nun aber, Geliebte, nicht ganz
dasselbe bei der Taufe? Wir haben in ihr das Wasser, das Wort des Befehls:
„Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ und das
Wort der Verheißung: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“
Wir wissen auch sehr wohl, dass die von Sünden reinigende Kraft der Taufe nicht
im Wasser liegt, sondern in dem mit dem Wasser verbundenen Wort. Der Apostel
nennt die Taufe nicht ein Wasserbad, sondern das Wasserbad im Wort,
indem er Eph. 5 schreibt: Christus hat die Gemeinde „gereinigt durch das
Wasserbad im Wort“. Deshalb bekennen wir in unserem Katechismus auf die Frage:
„Wie kann Wasser solche Dinge tun?“ „Wasser tut’s freilich nicht, sondern das
Wort Gottes, so mit und bei dem Wasser ist, und der Glaube, der solchem Wort
Gottes im Wasser traut; denn ohne Gottes Wort ist das Wasser schlicht Wasser
und keine Taufe, aber mit dem Wort Gottes ist es eine Taufe, das ist, ein
gnadenreiches Wasser des Lebens und ein Bad der neuen Geburt im Heiligen
Geist.“ Ja, mit dem Wort ist das Wasser der Taufe ein gnadenreiches Wasser,
voll von Gnade, bewirkt es eine neue Geburt, einen neuen Menschen, bewirkt, wie
Luther sagt: „Dass ein neuer Mensch, neue Art, neue Kreatur da werde, die da
ganz anders gesinnt, anders liebt, anders lebt, redet und wirkt als zuvor.“[12] So
gewiss das alte, von dem Aussatz verdorbene Fleisch bei Naeman verschwand und
sein Fleisch rein und zart wie das eines jungen Knaben wurde, obwohl er es
vorher nicht geglaubt hatte, so gewiss wird ein neuer Mensch, neu an Herz, Mut,
Sinn und allen seinen Kräften. Mögen das die Schwärmer immerhin leugnen,
verächtlich von der heiligen Taufe reden; mögen sie noch so laut rufen, dass
sie kein Mittel sei, durch welches Gott uns aus Gnade von dem Sündenaussatz
reinige, kein Bad der Wiedergeburt, sondern nur ein äußeres Zeichen, das die
Reinigung von Sünden bedeute[13],
wir bekennen mit fröhlichem Herzen: „Die Taufe wirkt Vergebung der Sünden,
erlöst vom Tod und Teufel und gibt die ewige Seligkeit allen, die es glauben,
wie die Worte und Verheißungen Gottes lauten.“ Wir glauben dem Wort Gottes:
„Lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der
Sünden“, dem Wort des Paulus Gal. 3: „Wie viel euer getauft sind, die haben
Christus angezogen“, und dem Wort des Petrus im 3. Kapitel seines ersten
Briefes: „Das Wasser macht uns selig in der Taufe, die durch jenes“, das Wasser
der Sintflut, „bedeutet ist, nicht das Abtun des Unflats am Fleisch, sondern
der Bund eines guten Gewissens mit5 Gott durch die Auferstehung Jesu Christi“,
und danken ihm, dass er durch ein Mittel, das unserer Vernunft so gering
erscheint, ein so herrliches Werk an uns armen, sündigen Menschen tut, uns von
Sünden reinigt und selig macht. Die Reformierten und mit ihnen alle Schwärmer
wollen diese Ehre[14] dem
Blut Christi nicht rauben, weil dieses allein uns rein mache. Wohl, aber wir
wissen, dass der, welcher getauft wird, im Blut Christi gebadet wird. Sehen wir
die heilige Taufe mit geistlichen Augen an, so sehen wir in ihr „das schöne,
rosenfarbene Blut Christi, das aus seiner heiligen Seite geflossen und gegossen
ist. Und heißt also, die getauft werden, nichts anderes, als in demselben
rosenfarbenen Blut Christi gebadet und gereinigt werden.“[15]
Durch sein Wort trägt Christus sein Blut in die Taufe, macht sie dadurch zu
einem gnadenreichen Wasser des Lebens, und dieses Blut macht uns rein von allen
Sünden, denn es ist das Blut des Sohnes Gottes, 2gerecht und heilig und ein
Blut des Lebens“.[16]
So wollen wir denn, meine Brüder und
Schwestern, unsere Taufe, dieses Wasserbad im Wort, nicht gering oder
verächtlich halten, sondern sie alle Zeit hoch und wert schätzen, wollen uns
täglich in ihr durch den Glauben baden und waschen, so werden wir, wie Naeman,
durch Untertauchen im Wasser des Jordan von seinem leiblichen Aussatz, durch
Untertaufen im Wasser der Taufe von dem Aussatz der Sünde gereinigt werden. Mag
der Unglaube dieses Wasserbad verachten, wir wollen im Glauben sprechen:
O
großes Werk, o heilges Bad,
O
Wasser ohnegleichen
Man
in der ganzen Welt nicht hat!
Kein
Sinn kann dich erreichen.
Du
hast recht eine Wunderkraft,
und
die hat der, so alles schafft,
Dir
durch sein Wort gegeben.
Alttestamentliche Predigt zum Trinitatisfest
ueber Jesaja 65, 1-10: Die Antwort des HERRN auf das Klagegebet der Gefangenen
zu Babel
Jesaja 65, 1-10: Ich
werde gesucht von denen, die nicht nach mir fragten; ich werde gefunden von
denen, die mich nicht suchten, und zu den Heiden, die meinen Namen nicht
anriefen, sage ich: Hier bin ich, hier bin ich! Denn ich recke meine Hände aus
den ganzen Tag zu einem ungehorsamen Volk, das seinen Gedanken nachwandelt auf
einem Weg, der nicht gut ist. Ein Volk, das mich entrüstet, ist immer vor
meinem Angesicht, opfert in den Gärten und räuchert auf den Ziegelsteinen,
wohnt unter den Gräbern und hält sich in den Höhlen, fressen Schweinefleisch
und haben Gräuelsuppen in ihren Töpfen und sprechen: Bleibe daheim und rühre
mich nicht; denn ich soll dich heiligen. Solche sollen ein Rauch werden in
meinem Zorn, ein Feuer, das den ganzen Tag brenne. Siehe, es steht vor mir geschrieben:
Ich will nicht schweigen, sondern bezahlen; ja, ich will sie in ihren Busen
bezahlen, beide, ihre Missetat und ihrer Väter Missetat, miteinander, spricht
der HERR, die auf den Bergen geräuchert und mich auf den Hügeln geschändet
haben; ich will ihnen zumessen ihr voriges Tun in ihren Busen.
So spricht der HERR: Gleich als wenn man
Most in einer Traube findet und spricht: Verderbe es nicht, denn es ist ein
Segen drin! So will ich um meiner Knechte willen tun, dass ich es nicht alles
verderbe, sondern will aus Jakob Samen wachsen lassen und aus Juda, der meinen
Berg besitze; denn meine Auserwählten sollen ihn besitzen, und meine Knechte
sollen daselbst wohnen. Und Saron soll ein Haus für die Herde und das Tal Achor
soll zum Viehlager werden meinem Volk, das mich sucht.
In dem HERRN geliebte Brüder und
Schwestern!
Wir haben vor zwei Sonntagen das
Klagegebet der zu Babel Gefangenen betrachtet. Dieses Gebet enthielt, wie wir
gesehen haben, ein Dreifaches, nämlich eine Erinnerung an die in früheren
Zeiten geschehenen Offenbarungen der Herrlichkeit des HERRN mit dem Verlangen,
dass er sich wieder so herrlich offenbare, seine Macht den Feinden kundtue,
sodann ein bußfertiges und demütiges Bekenntnis ihrer Schuld und endlich eine
flehentliche Bitte um Errettung aus dem Elend ihrer Gefangenschaft. Wohl
verließ der HERR nicht alsbald den Himmel und stieg zu ihnen hernieder, aber er
erhörte es. Denn sollte er, der das Ohr gepflanzt hat, nicht hören? Sollte ihm
die Entfernung zwischen Himmel und Erde zu groß sein, dass er nicht hören
könnte, wenn das Flehen aus weiter Ferne geschieht? Ist er nicht ein Gott, der
nahe und ein Gott, der ferne ist? Ist er nicht allgegenwärtig? Spricht er nicht
Jer. 23: „Bin ich nicht ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht ein
Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne,
dass ich ihn nicht sehe, spricht der HERR. Ich höre es wohl, dass die Propheten
predigen und falsch weissagen in meinem Namen.“ Ja, er, der Allgegenwärtige und
Allwissende, der die Gedanken der Herzen von ferne merkt, hörte ihr Gebet, nahm
ihre Klage an. Den Beweis dafür haben wir in unserem heutigen Text, der sich
unmittelbar an den erwähnten anschließt und die Antwort auf das Flehen der
Gefangenen enthält. Daher sei denn der Gegenstand unserer heutigen Betrachtung:
Die
Antwort des HERRN auf das Klagegebet der Gefangenen zu Babel
Diese lautet:
1. Dass er sich den Heiden in Gnaden
offenbaren,
2. sein ungehorsames Volk um seiner
heidnischen Gräuel willen strafen,
3. seinen auserwählten Samen in demselben
ewig segnen werde.
1.
„Ich werde gesucht von denen, die nicht
nach mir fragten; ich werde gefunden von denen, die mich nicht suchten; und zu
den Heiden, die meinen Namen nicht anriefen, sage ich: Hier bin ich, hier bin
ich!“ So, meine Freunde, lautet zunächst die Antwort des HERRN auf das
Klagegebet der Gefangenen. Ist das nicht eine befremdende Antwort, ja überhaupt
eine Antwort auf ihr Gebet? Sie hatten ihn ja um Offenbarung seiner
Herrlichkeit an den Feiden angefleht, dass er an ihnen seine Macht aufs neue
beweise und sie aus ihrem Elend errette; aber seine Antwort lautet, dass er von
denen werde gesucht werden, die nicht nach ihm gefragt, und von denen werde
gefunden werden, die ihn nicht gesucht haben; und dass er zu denen, die ihn
nicht angerufen haben, sagen werde: „Hier bin ich, hier bin ich!“ Klingt die
Antwort nicht wie ein Spott? Nicht ihnen, seinem Volk, sondern den Heiden will
er sich offenbaren, obwohl diese nicht nach ihm gefragt, ihn nicht gesucht,
nicht angerufen haben. Denen, die von den Juden verachtet waren, will der HERR
seine Herrlichkeit offenbaren. Dasselbe sagt der Prophet, wenn er im 55.
Kapitel spricht: „Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und
Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines
Gottes, und des Heiligen in Israel.“
Mit dieser Verheißung blickt der Prophet
über die Zeit des Alten Testaments hinaus auf die des Neuen Testaments und
verkündigt die Aufnahme der Heiden in die Kirche, das Reich Gottes hier auf
Erden. Diese haben den HERRN nicht besucht und nicht nach ihm gefragt, sondern
sind in ihrer Blindheit dahingegangen, haben dem Heer des Himmels, Sonne, Mond
und Sternen, gedient, oder die Götzen, die sie sich mit ihren Händen gemacht
haben, angebetet und bei ihnen Hilfe gesucht. Aber Gott hat sich ihnen durch
die Predigt seines Wortes, sein Evangelium, zu erkennen gegeben, und sie sind
dadurch zur Erkenntnis gekommen, dass er allein wahrer Gott sei, haben das Wort
im Glauben angenommen und ihren toten Götzen den Abschied gegeben. Das war und
ist allein Gottes Gnade. Wie hätten sie nach ihm fragen können, ohne ihn zu
kennen? Sie sind nicht zu ihm, sondern er ist zu ihnen gekommen und hat zu
ihnen gesagt: „Hier bin ich!“ Und da haben sie ihn erkannt und ihn gläubig
angenommen. Wie es bei den ersten Menschen, Adam und Eva, nach dem Sündenfall
war, so ist es stets gewesen: Verfinstert, wie sie von Natur sind, entfremdet
von dem Wesen, das aus Gott ist, suchen sie nicht Gott, sondern Gott muss sie
suchen; sie kommen nicht zu Gott, sondern er muss ihnen zuvorkommen. Das
bestätigt die ganze Geschichte des Alten und Neuen Testaments. Immer musste der
HERR seine Propheten zu dem Volk Israel senden, wenn es abgöttisch geworden
war, um es zu strafen und von seinen Irrwegen zurückzubringen. Würden die
Niniviten den HERRN erkannt und sich bekehrt haben, wenn er nicht den Propheten
Jona zu ihnen gesandt hätte? Und was tat Christus? Matthäus berichtet: „Jesus
ging umher im ganzen galiläischen Land, lehrte in ihren Synagogen und predigte
das Evangelium vom Reich.“ Und als er sein Erlösungswerk auf Erden vollbracht
hatte, gab er seinen Aposteln den Befehl: „Geht hin und macht zu Jüngern alle
Völker, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes und sie lehrt halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Sie gingen,
seinem Befehl gehorsam, aus und predigten das Evangelium an allen Orten; und
der HERR wirkte mit ihnen und bekräftige ihr Wort durch mitfolgernde Zeichen.
Zu Paulus sprach der HERR, als er ihm auf dem Weg nach Damaskus erschien: „Dazu
bin ich dir erschienen, dass ich dich ordne zum Diener und Zeugen des, was du
gesehen hast, und was ich dir noch will erscheinen lassen; und will dich
erretten von dem Volk und von den Heiden, unter welche ich dich jetzt sende,
aufzutun ihre Augen, dass sie sich bekehren von der Finsternis zu dem Licht und
von der Gewalt des Satans zu Gott, zu empfangen Vergebung der Sünden und das
Erbe samt denen, die geheiligt werden durch den Glauben an mich.“ Ihn selbst,
den Heidenapostel, musste der HERR suchen und senden, ihn aus einem Verfolger
zu einem Jünger und Boten unter den Heiden machen, ihm die blinden Augen
auftun, dass er ihn erkennen konnte, also an ihm dasselbe tun, was er durch ihn
an den Heiden tun wollte, nämlich sich ihnen in Gnaden als ihr Gott offenbaren
oder ihnen seine Herrlichkeit kundtun. Denn die Herrlichkeit des HERRN – was
ist, worin besteht sie? Nicht bloß in der Offenbarung seiner Heiligkeit,
Allmacht und Gerechtigkeit, sondern auch in der Offenbarung seiner Gnade und
Barmherzigkeit. Denn als einst Mose ihn bat: „Lass mich deine Herrlichkeit
sehen!“ da gewährte er ihm die Bitte dadurch, dass er vor ihm vorüberging und
von seinem Namen predigte: „HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und
geduldig und von großer Gnade und Reue, der du beweist Gnade in tausend Glied
und vergibst Missetat, Übertretung und Sünde, und vor welchem niemand
unschuldig ist, der du die Missetat der Väter heimsuchst auf Kinder und
Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied.“ Von dieser inneren Herrlichkeit
seines Wesens ist die in die äußere Erscheinung tretende, der Lichtglanz bei
seinen Offenbarungen, nur der sichtbare Ausdruck, von der sich ein Widerschein
auf dem Angesicht Moses abprägte, als er vierzig Tage und vierzig Nächste bei
dem HERRN auf Sinai gewesen war, weil der HERR mit ihm geredet hatte. In dieser
seiner Herrlichkeit, Gnade und Barmherzigkeit, in der er um Christi willen alle
Missetat , Übertretung und Sünde den Bußfertigen vergibt, will er den Heiden
sich Offenbarungen, durch die Predigt des seines Wortes ihnen zurufen: „Hier
bin ich, hier bin ich!“ sich von ihnen suchen und finden lassen.
Haben wir ihn gesucht und gefunden, meine
Zuhörer? Er hat uns gesucht durch jede Predigt seines Wortes, gesucht von
Jugend auf. Denn was ist die Predigt des göttlichen Wortes anders als ein
Suchen der Sünder, die auf Irrwegen gehen? Sagte der HERR nicht von sich: „Des
Menschen Sohn gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist“? Rief
er nicht: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will
euch erquicken“? Antwortete er den Pharisäern und Schriftgelehrten, als sie
darüber murrten, dass er die Zöllner und Sünder annahm und mit ihnen aß, nicht
in Gleichnissen von dem verlorenen Schaf, dem verlorenen Silberstück und dem
verlorenen Sohn?!
O
solltest du sein Herze sehn,
Wie
sich’s nach armen Sündern sehnet,
Sowohl,
wen sie noch irregehn,
Wie
wenn ihr Auge vor ihm tränet!
Wie
streckt er sich nach Zöllnern aus!
Wie
eilt er in Zachäus‘ Haus!
Wie
sanft stillt er der Magdalenen
Den
milden Fluss erpresster Tränen
Und
denkt nicht, was sie sonst getan!
Mein
Heiland nimmt die Sünder an.
So offenbart er sich den Heiden, so
offenbart er sich allen Sündern, sucht und findet sie, und das ist seine
Antwort auf das Klagegebet, dass er sich den Heiden, die sich in der
Gefangenschaft der Sünde, der Obrigkeit der Finsternis, befinden, offenbaren
werde. Welche Antwort aber gibt er dem ungehorsamen Volk, das in seinen Gräueln
dahingeht? Das wollen wir zweitens betrachten.
2.
„Ich recke meine Hände aus den ganzen Tag
zu einem ungehorsamen Volk, das seinen Gedanken nachwandelt auf einem Weg, der
nicht gut ist“, so lautet die dem Volk Israel gegebene Antwort zunächst. Dieses
Volk, das er zu seinem Volk erwählt, mit dem er einen Bund gemacht, das ihm
gelobt hat: „Alles, was der HERR geredet hat, wollen wir tun“, wandelt auf
einem bösen Weg. Und diesen Weg beschreibt er näher, denn er setzt hinzu: „Ein
Volk, das mich entrüstet, ist immer vor meinem Angesicht, opfert in den Gärten
und räuchert auf den Ziegelsteinen, wohnt unter den Gräbern und hält sich in
den Höhlen, fressen Schweinefleisch und haben Gräuelsuppen in ihren Töpfen.“
Das ist eine Schilderung des götzendienerischen Treibens des größeren Teils der
Gefangenen. Anstatt den HERRN zu ehren und ihm zu dienen, entrüsten sie ihn,
reizen ihn zum Zorn. Und sie tun das vor dem Angesicht des HERRN, ganz offen
und frech, ohne alle Scheu; denn sie opfern in den Gärten, treiben heidnischen
Götzendienst. Während Gott geboten hatte, dass ihm ein Altar von Erde, nicht
aber von gehauenen Steinen, erbaut werden sollte, weil er, wenn das Messer über
die Steine fahre, dadurch entehrt werde, bauten sie ihre Altäre von den in
Babel angefertigten Ziegelsteinen. Sie wohnten unter den Gräbern, trieben eine
Art Totenbeschwörung, befragten die Toten, obwohl es 5. Mose 18 ausdrücklich
als ein Gräuel verboten war. Sie übernachteten in Höhlen, hielten sich zu
geheimen Gesellschaften, die ihre Zusammenkünfte in der Nacht in
abgeschlossenen Orten hielten, wie es heute von den geheimen Gesellschaften
geschieht. Sodann aßen sie Schweinefleisch, obwohl ihnen auch das, da das
Schwein nach dem Gesetz zu den unreinen Tieren gehörte, streng verboten war,
und hatten in ihren Töpfen, ihren Koch- und Essgeschirren, Gräuelsuppen. Dabei
waren sie alle mit pharisäischem Hochmut erfüllt, sonderten sich von anderen
Leuten, auch ihren Volksgenossen, ab, sagten: „Bleib daheim, bleib mir vom Leib
und rühre mich nicht an, denn heiligen soll ich dich!“ gebärdeten sich also geradeso
wie die Pharisäer zu Christi Zeit, die sich, als ganz besonders heilige Leute,
von dem gewöhnlichen Volk absonderten, jede Berührung mit den Zöllnern und
Samaritern vermieden und, wenn sie vom Markt kamen, sich wuschen, weil sie
meinten, dass sie sich im Verkehr mit anderen verunreinigt hätten. Das waren
die bösen Wege, auf denen die götzendienerisch-heiligen Leute einhergingen und
dabei doch Gottes Volk sein wollten.
Was aber sagt ihnen der HERR? Es ist „ein
Volk, das mich entrüstet. … Solche sollen ein Rauch werden in meinem Zorn, ein
Feuer, das den ganzen Tag brennt“. Sie sind dem HERRN wie ein Rauch in der
Nase. Wie der Rauch einen Menschen zum Schnauben bringt, so reizen sie den
HERRN mit ihrem abgöttischen Treiben, dass er, aufs höchste entrüstet, vor Zorn
schnaubt, und sein Eifer über sie fortwährend wie ein verzehrendes Feuer
brennt. Dies soll sie anzünden und fressen, denn der HERR spricht weiter:
„Siehe, es steht geschrieben vor mir: Ich will nicht schweigen, sondern
bezahlen; ja, ich will sie in ihren Busen bezahlen. Beide, ihre Missetat und
ihrer Väter Missetat miteinander, spricht der HERR, die auf den Bergen
geräuchert und mich auf den Hügeln geschändet haben; ich will ihnen zumessen
ihr voriges Tun in ihren Busen.“ Das ist die Strafe, die sie treffen soll, und
die sie wohl verdient hatten. Denn wie reich hatte der HERR sie begnadet!
Während er die Heiden ihre eigenen Wege hatten gehen lassen, hatte er ihnen
sein Wort gegeben, sie zu Zeugen seines Wortes und seiner Verheißungen gemacht
und gesagt: „Dieses Volk habe ich mir zugerichtet, es soll meinen Ruhm
verkündigen.“ Er hatte es abgesondert, dass es nicht unter die Heiden gerechnet
werden sollte. Es sündigte nicht in Unwissenheit, sondern wissentlich, aus
Bosheit. Der HERR streckte fort und fort seine Hände durch Sendung seiner
Propheten nach ihm aus, aber es widersprach fort und fort. „Ich strecke meine
Hände aus den ganzen Tag“, spricht er, „zu einem ungehorsamen Volk, das seinen
Gedanken nachwandelt auf einem Weg, der nicht gut ist.“ Ich will es durch
erbarmende Liebe zu mir ziehen, es auf den rechten Weg zurückbringen; aber
statt auf mein Wort zu hören, folgt es den verkehrten Eingebungen seines Herzens,
geht auf den bösen Wegen weiter, widerspricht und lästert mich; darum soll es
nicht ungestraft bleiben.
Und es ist nicht ungestraft geblieben. Als
es die letzte und größte Gnadenverheißung verachtete, als der ihm verheißene
Messias gekommen war, seine rettenden Hände nach ihm ausstreckte, aber klagen
musste: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die
zu dir gesandt sind: Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine
Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“
da loderten die Flammen des göttlichen Zornes auf, da verzehrte das Feuer der
göttlichen Gerechtigkeit die Stadt, den Tempel und das Volk, da wurde ihm seine
und seiner Väter Missetat miteinander in den Busen bezahlt. Das lehrt uns,
welch eine große Sünde der Unglaube ist. Gott streckt seine Arme nach den
Sündern aus, will sie aus dem Verderben erretten, zu sich ziehen, aber sie
wollen sich nicht retten lassen, sondern stoßen göttliche Liebe und göttliches
Erbarmen zurück. Sie widersprechen dem Wort Gottes, folgen ihren eigenen
sündigen, verderblichen Gedanken; was kann Gott da anders tun, als seine
Gerechtigkeit walten lassen? „Ihr habt nicht gewollt“ – welch eine schreckliche
Anklage liegt in diesen wenigen Worten! Dass das nicht von uns gesagt werden
könnte! Denn:
Wahr
ist’s, Gott ist wohl stets bereit
Dem
Sünder mit Barmherzigkeit,
Doch
wer auf Gnade sündigt hin,
Fährt
fort in seinem bösen Sinn
Und
seine Seele selbst nicht schon,
Der
wird mit Ungnad abgelohnt.
Doch, Geliebte, die Antwort des HERRN
enthält noch einen dritten Teil. Auf den wollen wir noch kurz blicken.
3.
Es heißt in unserm Text weiter: „So
spricht der HERR: ‚Gleich als wenn man Most in einer Traube findet und spricht:
Verderbt es nicht, denn es ist ein Segen drin!‘ so will ich um meiner Knechte
willen tun, dass ich es nicht alles verderbe, sondern will aus Jakob Samen
wachsen lassen und aus Juda, der meinen Berg besitze; denn meine Auserwählten
sollen ihn besitzen, und meine Knechte sollen daselbst wohnen.“ Der HERR will
mit dem Volk handeln wie der Mensch mit einer Traube, an der entweder viele
Beeren faul geworden, aber doch noch einige gute vorhanden sind, die noch guten
Most enthalten; wie man die nicht ganz wegwirft, sondern den Most behält, so
will Gott die wenigen treuen Knechte, die sich noch unter der verderbten Masse
des Volkes befinden, nicht mit ihr verderben, sondern sie erhalten und als
guten Samen wachsen lassen, der sein zukünftiges Volk bilden soll. Die wenigen
Gerechten, die Auserwählten, sollen nicht mit den Ungerechten umkommen, sondern
wachsen und gedeihen. Die sollen seinen heiligen Berg besitzen, seine Kirche
bilden, und die will er ewig segnen; denn „Saron soll ein Haus für die Herde
und das Tal Achor soll zum Viehlager werden meinem Volk, das mich sucht“. Saron
ist eine Ebene, die sich südlich vom Berg Karmel nach dem Meer erstreckt und
früher nicht nur überaus fruchtbar, sondern auch mit den schönsten Blumen,
darunter eine weiße Lilie, im Frühling bedeckt war. Achor, ein Tal unweit von
Jericho, früher verrufen, weil dort Achan wegen seines Diebstahls gesteinigt
worden war, daher man es Kummertal genannt hatte, soll durch den Segen des
HERRN ebenso lieblich und fruchtbar wie Saron werden, wo große Herden ihre
Nahrung finden. Das ist, wie die Worte „meinem Volk“ oder für mein Volk zeigen,
eine bildliche Rede, mit welcher der reiche Segen geschildert wird, den der
HERR seinen Auserwählten spenden will. Durch diesen Segen sollen sie, wie es in
den folgenden Versen heißt, essen, trinken, vor frohem Mut jauchzen und mit
einem anderen, neuen Namen genannt werden, eine Verheißung, die zur Zeit des
Neuen Testaments in Erfüllung gegangen ist, weshalb der Apostel Eph. 1
lobpreisend ausruft: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HERRN Jesus
Christus, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen
Gütern durch Christus, wie er uns denn erwählt hat durch denselben, ehe der
Welt Grund gelegt war, dass wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in
der Liebe; und hat uns verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst durch Jesus
Christ nach dem Wohlgefallen seines Willens, zu Lob seiner herrlichen Gnade.“
Dieser Segen ist allen Auserwählten, allen
Gläubigen, aus Gnaden zuteil geworden. Sehen wir wohl zu, dass wir ihn nicht
verscherzen! Noch einmal streckt der HERR seine rettenden Arme in Liebe durch
die Predigt seines Wortes nach uns aus wie einst nach dem Volk Israel. Aber wir
stehen auch wie jenes in Gefahr, ein ungehorsames Volk zu werden, das, statt
dem Wort des HERRN zu gehorchen, seinen eigenen Gedanken nachwandelt auf einem
Weg, der nicht gut ist. Sattheit, Überdruss, götzendienerisches Weltwesen und
dabei pharisäische Heiligkeit, die zu anderen sagt: „Bleib fern von mir, denn
ich bin heilig!“ Wir sind’s allein, haben allein die rechte reine Lehre! Das
sich je länger, je mehr geltend macht, tritt offen hervor. Geht es so weiter,
so wird sich der Segen in Fluch verwandeln, und unser Haus wird wüste gelassen
werden. Flehen wir beständig:
Ja,
zieh uns selbsten recht zu dir,
Holdselig
süßer Freund der Sünder;
Erfüll
mit sehnender Begier
Auch
uns und alle Adamskinder!
Zeig
uns bei unserm Seelenschmerz
Dein
aufgespaltnes Liebesherz1
Und
wenn wir unser Elend sehen,
So
lass uns ja nicht stille stehen,
Bis
dass ein jeder sagen kann:
Gott
lob, auch mich nimmt Jesus an!
Amen.
Jeremia 9, 2-11: Ach, dass ich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte
ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen. Denn es sind lauter Ehebrecher
und ein frecher Haufe. Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lügen und keine
Wahrheit und treiben’s mit Gewalt im
Land und gehen von einer Bosheit zur andern und achten mich nicht, spricht der
HERR. Ein jeglicher hüte sich vor seinem Freund und traue auch seinem Bruder
nicht; denn ein Bruder unterdrückt den andern, und ein Freund verrät den
andern. Ein Freund täuscht den andern und reden kein wahres Wort; sie
befleißigen sich darauf, wie einer den andern betrüge, und ist ihnen leid, dass
sie es nicht ärger machen können. Es ist allenthalben lauter Trügerei unter
ihnen, und vor Trügerei wollen sie mich nicht kennen, spricht der HERR. Darum
spricht der HERR Zebaoth also: Siehe, ich will sie schmelzen und prüfen. Denn
was soll ich sonst tun, weil sich mein Volk so ziert? Ihre falschen Zungen sind
mörderische Pfeile; mit ihrem Mund reden sie freundlich gegen den Nächsten,
aber im Herzen lauern sie auf denselben. Sollte ich nun solches nicht
heimsuchen an ihnen, spricht der HERR, und meine Seele sollte sich nicht rächen
an solchem Volk, als dies ist? Ich muss auf den Bergen weinen und heulen und
bei den Hürden in der Wüste klagen; denn sie sind so gar verheert, dass niemand
da wandelt, und man auch nicht ein Vieh schreien hört. Es ist beides, Vögel des
Himmels und das Vieh, alles weg. Und ich will Jerusalem zum Steinhaufen und zur
Drachenwohnung machen und will die Städte Judas wüste machen, dass niemand drin
wohnen soll.
In dem HERRN geliebte Zuhörer!
Die eben vernommenen Worte bilden einen
Teil der Tempelrede des Propheten Jeremia. Diese Rede wurde die Tempelrede
genannt, weil der Prophet sie, im Tor des Vorhofs des Tempels stehend, gehalten
und sie auch zum großen Teil den Tempel zum Inhalt hat, der, kurz
zusammengefasst, im 26. Kapitel angegeben ist. Dort heißt es zunächst: „Im
Anfang des Königreichs Jojakims … geschah das Wort vom HERRN und sprach: ‚Tritt
in den Vorhof am Haus des HERRN und predige allen Städten Judas, die da
hereintreten, anzubeten im Haus des HERRN, alle Worte, die ich dir befohlen
habe, ihnen zu sagen, und tue nichts davon.‘“ Es war an einem der großen
Jahresfeste, zu dem alle männlichen Israeliten, die über zwölf Jahre alt waren,
im Tempel zu Jerusalem erscheinen mussten. Sie kamen in Scharen heran. Da
stellte sich der Prophet mitten in das Tor des Tempelvorhofs und redete zu dem
Volk. Seine Rede oder Predigt lautete nach Kap. 26, 4.5: „So spricht der HERR:
‚Werdet ihr mir nicht gehorchen, dass ihr in meinem Gesetz wandelt, das ich
euch vorgelegt habe, dass ihr hört die Worte meiner Knechte, der Propheten,
welche ich stets zu euch gesandt habe, und ihr doch nicht hören wolltet, so
will ich’s mit diesem Haus machen wie mit Silo und dies Stadt zum Fluch unter
allen Heiden machen.‘“
Das entflammte die Wut der Priester und
der falschen Propheten. Sie griffen ihn und schrien: „Du musst sterben!“ und
reizten das Volk gegen den kühnen Prediger auf, weil er verkündigte, dass es
Jerusalem ergehen solle wie Silo, wo von Josua bis zur Zeit Elias das Heiligtum
des HERRN gestanden hatte, das nun aber verwüstet und öde war. Das sahen sie
als eine Beschimpfung der Heiligen Stadt, ja, als eine Gotteslästerung an. Sie
würden den Propheten getötet haben, wenn nicht die Fürsten Judas eingegriffen
hätten. Vor diesen verteidigte sich Jeremia; er sprach zu ihnen und allem Volk:
„Der HERR hat mich gesandt, dass ich solches alles, was ihr gehört habt,
weissagen sollte gegen dies Haus und gegen diese Stadt.“ Er forderte sie auf,
Buße zu tun und dem HERRN zu gehorchen, erklärte sich bereit zu sterben, warten
sie ab er davor, unschuldiges Blut über sich und die Stadt zu bringen. Und die
Fürsten und Ältesten des Volkes waren gerechter als die fanatischen, „heiligen“
Priester. Einige der angesehensten Ältesten wiesen auf den Propheten Micha hin,
der ebenso wie Jeremia geweissagt habe, aber deswegen nicht getötet worden sei.
Die Fürsten, die Träger des obrigkeitlichen Amtes, erklärten Jeremia für nicht
schuldig, auch das Volk trat nach ruhiger Überlegung für ihn ein, und so
entging er dem Tod, den die Priester stürmisch gefordert hatten.
Diese und ähnliche Erfahrungen des
Propheten, der ein anderes Mal in eine schlammige Zisterne geworfen und mit dem
Tod bedroht wurde (Kap. 38), werfen ein Licht auf die Stimmung, in der er sich
nach unserem Text befand, und zeigen, dass selbst ein Mann wie er entmutigt
werden konnte. Machen wir das heute zum Gegenstand unserr Betrachtung, nämlich:
Die
tiefe Entmutigung Jeremias in seinem prophetischen Amt
Wir erkennen diese Entmutigung
1. aus seinem Wunsch, sich in die Wüste
zurückzuziehen;
2. aus seiner Klage über die sittliche
Verderbtheit des Volkes;
3. aus seiner Klage über das nahende
Gericht.
1.
„Ach, dass ich eine Herberge hätte in der
Wüste, so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen“, so ruft Jeremia
am Anfang unseres Textes und spricht damit den Wunsch aus, dass er sein Volk
verlassen und sich in die Wüste zurückziehen könnte. Er, ein so großer Prophet,
ist seines Amtes müde geworden, will lieber in einer Wüste, einsam in einer
Herberge, einer Hütte, wohnen, als seinem Volk fernerhin als Prophet zu dienen.
Nach den äußeren Umständen beurteilt, war das ein eigentümlicher Wunsch. Er
wohnte in Jerusalem, der Hauptstadt des Landes, mit ihren prächtigen Häusern
und Palästen, mit dem Tempel, dem Heiligtum des HERRN, wohin alles Volk an den
hohen Festtagen zusammenströmte. Aber das alles konnte den Wunsch nicht
unterdrücken, lieber abgeschlossen zu sein von allem Verkehr mit den Menschen,
allen gewöhnlichen Bequemlichkeiten des menschlichen Lebens zu entsagen und
lieber in der Wüste in einer Wanderherberge zu wohnen als inmitten seines
Volkes. Er will lieber die Tiere in der Wüste und die Vögel unter dem Himmel zu
seinen Gefährten haben als die Kinder seines Volkes.
Und was für ein Wunsch war das bei dem
Propheten, der wohl wie kein anderer Prophet sein Volk so innig und herzlich
liebte! Er spricht diese herzliche Liebe zu ihm aus, wenn er sagt: „Ach, das
sich eine Herberge hätte in der Wüste, so wollte ich mein Volk
verlassen“, mein Volk, dem ich so herzlich zugetan bin, dem ich so gerne
als Prophet weiter dienen, das ich von seinen b ösen Wegen bekehren und vor dem
drohenden Strafgericht des HERRN bewahren möchte. Wie innig die Liebe dieses
Propheten zu seinem Volk war, ersehen wir unter anderem aus den unserem Text
unmittelbar vorhergehenden Worten: „Mich jammert herzlich, dass mein Volk so
verderbt ist; ich gräme mich und gehabe mich übel. Ist denn keine Salbe in
Gilead, oder ist kein Arzt da? Warum ist denn die Tochter meines Volkes nicht
geheilt? Ach, dass ich Wasser genug hätte in meinem Haupt, und meine Augen
Tränenquellen wären, dass ich Tag und Nacht beweinen möchte die Erschlagenen in
meinem Volk!“ Aber trotz dieser innigen Liebe kann er doch den Wunsch nicht
unausgesprochen lassen, lieber in einer Wüste einsam zu leben, als ferner unter
seinem Volk als Prophet zu wohnen, ihm noch weiter Gottes Wort zu predigen.
Freilich musste er fast ausschließlich ein Straf- oder Bußprediger, gleichsam
ein Unglücksrabe sein. Wie gerne hätte er gleich den falschen Propheten
„Friede, Friede!“ gepredigt, Glück anstatt Unglück, des HERRN Gnade anstatt
seines Zorns!
Dieser Wunsch des großen Propheten zeigt
uns einmal, dass er bei all seiner Größe doch auch ein schwacher Mensch war;
denn natürliche Schwäche war es, die sich in seinem Wunsch äußerte; aber er
zeigt uns auch, welche Bürde in seinem prophetischen Amt auf ihm lastete, eine
Last, die ihn fast zu Boden drückte; der er nach seinem menschlichen Gefühl
gerne hätte entledigt sein mögen.
Dürfen wir uns daher wundern, wenn
derselbe oder ein ähnlicher Wunsch zuzeiten in dem Herzen manches treuen
Predigers und Lehrers aufsteigt und von ihm ausgesprochen wird, ja, dass
mancher auch sein Volk, nämlich seine Gemeinde, verlässt und einen anderen,
bürgerlichen Beruf ergreift, sich in eine Art Wüste, in die ärmlichsten
Verhältnisse, begibt, lieber sich und die Seinen kümmerlich ernährt, als dass
er länger dem Volk predigt? Der Grund, weshalb der Prophet seinen Wunsch
aussprach, war nicht Aussicht auf irdische Güter – denn was für Güter hätte er
in der Wüste erwerben können? –, auch nicht, das Begehren, in angenehme, dem
Fleisch gefallende Verhältnisse zu treten; denn solche waren doch in einer
Wüste und in einer einsamen Hütte nicht zu finden. Solches oder ähnliches liegt
auch bei einem treuen Prediger und Lehrer, der amtsmüde wird, seiner
Amtsmüdigkeit nicht zugrunde. Der Grund der tiefen Ermutigung des Propheten in
seinem Amt war etwas ganz anderes, und das spricht er in der Klage in unserem
Text aus, auf die wir zweitens näher eingehen wollen.
2.
Jeremia begründet seinen Wunsch mit den
Worten: „Denn sie sind lauter Ehebrecher und ein frecher Haufe“ oder, wie die
letzten Worte eigentlich lauten, eine Versammlung von Schurken. Er nennt sie
zuerst Ehebrecher, teils im wörtlichen, teils im weiteren Sinn. Das erstere
ersehen wir aus den Worten Kap. 5, 7, die Gott an sie richtet: „Deine Kinder
haben mich verlassen und schwören bei dem, der nicht Gott ist, und da ich sie
ins Gelübde genommen hatte, brachen sie die Ehre und drängten sich im
Hurenhaus. Ein jeglicher wiehert nach seines Nächsten Frau wie die vollen,
müßigen Hengste.“ Im weiteren, bildlichen Sinn, waren sie Götzendiener,
Ehebrecher, weil sie den Bund mit Gott brachen und mit den heidnischen Götzen
buhlten. War doch auch besonders der Baal- und Astartedienst mit fleischlicher
Unzucht verbunden. Sodann nennt er sie einen frechen Haufen oder eine
Versammlung von Schurken und blickt bei dieser wie jener Bezeichnung besonders
auf die Großen und die Priester, wie wir aus dem 5. Kapitel ersehen, wo er
sagt: „Ich dachte aber: Wohlan, der arme Haufe ist unverständig, weiß nichts
von des HERRN Wegen; ich will einmal zu den Großen gehen und mit ihnen reden;
dieselben werden um des HERRN Weg und ihres Gottes Recht wissen. Aber dieselben
allesamt hatten das Joch zerbrochen und die Seile zerrissen.“
Nun schildert der Prophet im folgenden das
Treiben dieser Versammlung von Schurken, wodurch sie sich als solche beweisen:
„Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lügen und keine Wahrheit und treiben’s
mit Gewalt im Land und gehen von einer Bosheit zur anderen und achten mich
nicht, spricht der HERR. Ein jeglicher hüte sich vor seinem Freund und traue
auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder unterdrückt den anderen, und ein
Freund verrät den anderen. Ein Freund täuscht den anderen, und reden kein
wahres Wort. Sie befleißigen sich, wie einer den anderen betrüge, und ist ihnen
leid, dass sie es nicht ärger machen können.“ Welch eine Unaufrichtigkeit und
Verlogenheit unter dem Volk und den Großen, selbst unter den Priestern! Wenn
der Prophet sagt: „Sie schießen mit ihren Zungen lauter Lügen“, so bedient er
sich des Bildes von Pfeilschützen. Wie diese ihren Bogen spannen und einen
Pfeil darauf legen, so gebrauchen sie ihre Zungen wie einen Bogen, legen Lügen
darauf und schießen sie auf ihren Nächsten als tödliche Pfeile ab. Ihre Macht
gebrauchen sie nicht in ehrlicher, sondern in listiger, unehrlicher Weise. Und
es ist ihnen nicht an einer oder der anderen Bosheit genug. Sondern sie eilen
von Bosheit zu Bosheit, können davon nicht genug verüben. Selbst Freunde und
Brüder unterdrücken und verraten, betrügen einander, wenden darin allen Fleiß
an, und es tut ihnen nur leid, dass sie es nicht ärger machen können. Wie Jakob
die Ferse seines Bruders hielt und ihn arglistig betrog, so machen sie es und
noch ärger. Sie studieren ordentlich die Kunst zu lügen und dem Nächsten
Schlingen zu legen, anstatt die einfache Wahrheit zu reden. Dass dem Propheten
ähnliches widerfuhr, sagt der HERR Kap. 12, 6: „Untreu gegen dich sind auch
deine Brüder und deines Vaters Haus und schreien Zeter über dich. Darum
vertraue du ihnen nicht, wenn sie gleich freundlich mit dir reden.“ So erging
es auch dem Propheten Hesekiel, zu dem der HERR sprach: „Es sind wohl
widerspenstige und stachlige Dornen bei dir, und du wohnst unter den Skorpionen;
aber du sollst dich nicht fürchten vor ihren Worten noch vor ihrem Angesicht
dich entsetzen; denn sie sind ein ungehorsames Haus.“ Das ist die ergreifende
Klage, in welcher der Prophet die sittliche Verderbtheit seines Volkes,
besonders der Angesehenen und der Priester seiner Zeit, schildert.
War es nicht ebenso zur Zeit des HERRN!
Musste er nicht klagend ausrufen: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die
Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind: Wie oft habe ich dich
versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel,
und ihr habt nicht gewollt!“? Waren es nicht die Pharisäer und
Schriftgelehrten, die Priester und der Hohe Rat, die Vornehmsten des Volkes,
die ihm immer nachstellten, ihn auch der Tempelschändung, des Verrats an seinem
Volk beschuldigten, auf alle List und Tücke sannen, um ich zu fangen in seiner
Rede, ihn als Gotteslästerer verurteilten und nicht eher ruhten, als bis sie
ihn ans Kreuz gebracht hatten? Wohl keiner unter den Propheten ist in seiner
Liebe zu seinem Volk, in seinen Leiden um seiner Treue willen so vorbildlich,
wenn ich so sagen, darf, auf den HERRN gewesen, wie der Prophet Jeremia.
Worüber der HERR in den eben gehörten Worten so beweglich klagte, das hat
Jeremia erfahren: Die Kinder seines Volkes wollten sein Wort nicht hören und
bedrohten ihn des Öfteren mit dem Tod; und das drohende Gericht über Jerusalem
war auch vor ihren Augen verborgen, bis es vernichtend durch Nebukadnezar
hereinbrach.
Bedarff diese Klage des Propheten,
besonders über die Unaufrichtigkeit, die List und Tücke, die Treulosigkeit
selbst unter Freunden, die Bosheit, mit der ein Bruder dem anderen nachstellte,
noch einer weiteren Anwendung auf unsere Zeit und Verhältnisse? Ich meine
nicht, auf die Ungläubigen, sondern auf die, welche sich besonders Gottes Volk
nennen, die wie die Zeitgenossen Jeremias ausrufen: „Hier ist des HERRN
Tempel!“ „Wir sind die rechte Kirche!“ dabei aber an Unredlichkeit, Verräterei
und heimlichen Tücken jene, wo möglich, noch übertreffen, auch mit Gewalt
herrschen, Schurkerei treiben und, wenn ihnen das unter Augen gestellt wird,
sich in den Mantel christlicher Liebe hüllen. Waren nicht schon die
Versammlungen von Bischöfen, die Versammlungen der allgemeinen Konzile, von dem
zweiten im Jahr 3821 an, zum Teil Versammlung von Schurken, deren eine mit
Recht das Räuberkonzil genannt worden ist? Die frommen Schurken, das heißt, die
sich in den Mantel besonderer Frömmigkeit, der Gottesfurcht, hüllten, die
Bischöfe zu Rom, und die nicht allein, sind je und je die schlimmsten Schurken
gewesen. Waren es nicht die Hohepriester und Glieder des Hohen Rates, die
Petrus und Johannes ins Gefängnis warfen (Apg. 5, 17)? War es nicht der Hohe
Rat, der nach bestellten falschen Zeugen Stephanus wegen Gotteslästerung zum
Tod verurteilte und steinigte? Bewiesen sich dessen Glieder, als sie laut
schrien, sich die Ohren zuhielten und einmütig auf ihn einstürmten, nicht als
eine Versammlung frommer Schurken? Wäre nicht Paulus von den wütenden Juden im
Tempel zu Jerusalem zerrissen worden, wenn der römische Hauptmann nicht
eingegriffen und ihn geschützt hätte?[17]
Soll ich noch hinweisen auf Wiclif, Savonarola und Hus, die den Priestern zum
Opfer fielen, auf Luther, der von dem römischen Hohepriester gebannt und von
dessen Trabanten mit dem Tod bedroht wurde, oder auf die schreckliche
Inquisition der Dominikanermönche, die mehr als teuflische Marterwerkzeuge
erfanden und damit die Bekenner Christi marterten? Und das geschah alles im
Namen der „allein seligmachenden“ Kirche! Wahrlich, diese Klage über die
Verderbtheit, die scheinheilige Hinterlist und Tücke hat nicht nur damals
Jeremia erschallen lassen, sie ist durch alle Jahrhunderte erschollen. Aber
diese Klage wird gehört wie die des Propheten, weshalb sie in eine Wehklage
übergeht.
3.
Die Klage des Propheten geht in eine
schmerzliche Wehklage über; denn er ruft aus: „ich muss auf den Bergen weinen
und heulen und bei den Hürden in der Wüste klagen, denn sie sind so gar
verheert, dass niemand da wandelt, und man auch nicht ein Vieh schreien hört.
Es ist beides Vogel des Himmels und Vieh alles weg.“ Warum diese Wüste? Die
Antwort liegt in den Worten des HERRN: „Ich will Jerusalem zum Steinhaufen und
zur Drachenwohnung machen und will die Städte Judas wüst machen, dass niemand
darin wohnen soll“, das heißt kurz: Weil ein furchtbares Strafgericht über die
Stadt und das Land hereinbrechen wird, wodurch beide zur Wüste werden sollen.
Dieses Bild steht dem Jeremia vor Augen. Welch eine Lage des Propheten! Das
Volk von oben bis unten verderbt, ein Volk von Ehebrechern und Treulosen, deren
falsche Zungen mörderische Pfeile sind, die mit ihren Zungen gegen den Menschen
freundlich reden, aber im Herzen auf ihn lauern! Der Prophet predigt dagegen,
straft, ermahnt, ruft zur Buße; aber mit Feindschaft wird ihm geantwortet. Da
sieht er das Gericht hereinbrechen, unabwendbar und furchtbar. Die prächtige
Stadt wird zum trostlosen Steinhaufen, das blühende Land zu einer schaurigen
Wüste und Einöde, in der nicht mehr der Klang der Herde gehört wird. Sein
Wunsch, eine Herberge in der Wüste zu haben, geht in Erfüllung, aber in einer
Weise, dass er darüber weint und laut schreit in bitterem Schmerz. Er braucht
nicht fortzuwandern, um in eine Wüste zu gelangen, denn die Stadt und das ganze
Land sind zur Wüste geworden.
Meine Zuhörer! Was Jeremia in diesen
Worten geredet hat, das hat er tatsächlich gesehen, erlebt. Denn
als sich Zedekia, der König von Juda, gegen Nebukadnezar auflehnte, erschien
dieser zum zweiten Mal, zerstörte die Stadt und den Tempel und verwüstete das
Land, wie Jeremia geweissagt hatte. Das Land wurde fast völlig entvölkert, nur
die Geringsten blieben zurück, und der Prophet lebte bis an sein Ende in
Ägypten.
Wie Jeremia, so hat später der HERR
geklagt und geweint über die Verwüstung der Stadt und geweissagt: „Wenn du es
wüsstest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem
Frieden dient. Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen. Denn es wird die Zeit
über dich kommen, dass deine Feinde werden um dich und deine Kinder mit dir
eine Wagenburg schlagen, dich belagern und an allen Orten ängstigen und werden
dich schleifen und keinen Stein auf dem anderen lassen, darum, dass du nicht
erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.“ Und auch diese Weissagung
ging durch die Römer buchstäblich in Erfüllung.
Möge die Kirche unserer Zeit, möge jeder
die Zeit seiner Heimsuchung erkennen, Prediger und Hörer! Noch haben wir das
Wort des HERRN, das zur Buße ruft und Gnade darbietet um deswillen, der am
kreuz für uns gestorben ist und Vergebung für alle Sünder erworben hat. Noch
ruft uns der HERR zu sich in seine vor dem Gericht schützenden Arme. Darum: „O
Land, Land, höre des HERRN Wort!“ Er will nicht den Tod des Sünders, sondern
dass er sich bekehre und lebe, ewig lebe und nicht wehklagen müsse, sondern in
ewiger Freude schwebe. Amen.
[1]
Die
Worte „sehen“ und „schauen“ sind nicht mit dem Futur, sondern Perfekt zu geben:
„Ich sehe ihn“ usw.
[2]
„Schet“
heißt hier nicht Seth, sondern Getümmel.
[3]
Grundtext:
„Sein Angesicht fiel.“
[4]
So
der Grundtext
[5]
S.
Luther, 34, S. 118 (Walch)
[6]
Eigentlich
nicht heilig, sondern furchtbar.
[7]
Luther,
34, 203 f.
[8] Grundtext
[9]
Zwinglis
Glaubensbekenntnis. Böckel, S. 56 f. § 19.
[10]
10
Talente Silber = 245.000 Euro, 6.000 Schekel Gold = 300.000 Euro; 10
Feierkleider = Kostbare Staatskleider, die bei feierlichen Gelegenheiten
getragen wurden. S. Keil z.St. Comm., S. 365 [Geldwerte von Hrsg. umgerechnet
in heutige Währung]
[11]
Siehe
die weitere Ausführung in Luthers Worten in: Reinhold Pieper, Kleiner
Katechismus, Bd. 3, S. 95 ff.
[12]
Siehe
Reinhold Pieper, Kl. Katechismus, Bd. 3, S. 96.
[13]
So
Zwingli in seinem Glaubensbekenntnis: „Ich glaube daher, o Kaiser, dass das
Sakrament (der Taufe) das Zeichen von etwas Heiligem, nämlich von der
empfangenen Gnade ist.“ (a.a.O., S. 51.)
[14]
Siehe
Reinhold Pieper, Kl. Katechismus, Bd. 3, S. 74.
[15]
Luthers
Worte, ebd. S. 75.
[16]
Luther,
ebd.
[17]
Wie
wahr ist Luthers Wort: „Lieber ein Pilatus als ein Herodes, lieber ein
natürlicher Heide als ein gottloser Jude“ (‚Christ) „sein“. (Eberle, S. 790.)