Alttestamentliche Predigten Reinhold Pieper aus: „Predigten über alttestamentliche Texte“. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House 1915.

Alttestamentliche Predigt zum ersten Advent ueber 1. Mose 3,14-15: Die erste Verheißung Gottes von einem Erloeser

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag im Advent ueber 1, Mose 18,1-15: Das heilige Mahl im Hain Mamre

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag im Advent ueber Jesaja 40,9-11: Die Botschaft des neutestamentlichen Zion

Alttestamentliche Predigt zum vierten Advent ueber 1. Mose 49,10: Jakobs Weissagung über den zukuenftigen Messias

Predigt zum Heiligen Abend ueber Lukas 2,15-20: Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie an der Geburt des Heilandes haben sollten, und wodurch soll es sich bei ihnen offenbaren?

Alttestamentliche Predigt zum ersten Christtag ueber Jesaja 9,6-7: Die freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Christfesttag ueber Jesaja 11,1-5: Der Friedefuerst vom Stamm Isai

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach dem Christfest ueber Jesaja 7,10-16: Das wunderbare Zeichen, das Gott dem Koenig Ahas gab

Predigt zum Altjahrsabend ueber 1. Johannes 1, 8: Verfuehre dich nicht selbst wegen deiner Suende

Alttestamentliche Predigt zu Neujahr ueber Jeremia 3,12-15: Der gnadenvolle Ruf Gottes an sein Volk: „Kehre wieder!“

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach Neujahr ueber 1. Mose 2,18-25: Die Erschaffung der Frau

Alttestamentliche Predigt zu Epiphanias ueber 4. Mose 24,15-19: Bileams eigenartige Weissagung vom Messias

Alttestamentliche Predigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 4,3-16: Kains Brudermord

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag nach Epiphanias ueber Jesaja 6: Die Weihe des Propheten Jesaja

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 22,1-19: Isaaks Opferung

Alttestamentliche Predigt zum vierten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 28,10-22: Jakobs Traum zu Bethel

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Septuagesimae (70 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 32,24-31: Jakobs Ringen an der Furt Jabbok

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 3,1-7: Die Versuchung der ersten Menschen im Paradies

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Estomihi (Sei mir ein starker Fels; Ps. 30,3) ueber 2. Mose 3, 1-10: Die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Invocavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhoeren. Ps. 91,15) ueber Jesaja 39: Der Hochmut des Koenigs Hiskia

Predigt zum Sonntag Reminiscere (Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit, Ps. 25, 5) ueber Matthaeus 22, 1-14: Das Bild eines Scheinchristen

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Oculi (Meine Augen sehen stets auf den HERRN. Ps. 25, 15) ueber Sacharja 3, 1-7: Der Hohepriester Sacharja vor dem Richterstuhl des HERRN

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Laetare (Freuet euch mit Jerusalem, Jes. 66,10) ueber Sacharja 12, 10 – 13, 1: Die grosse Bussklage zu Jerusalem

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Judica (Gott, schaffe mir Recht! Ps. 43, 1) ueber Jeremia 7, 14-14: Der eitle Wahn, in dem sich das juedische Volk auf den Tempel des HERRN verliess

Alttestamentliche Predigt zum Palmsonntag ueber 1. Samuel 17, 45-46: Davids Kampf mit Goliath

Predigt zu Gruendonnerstag ueber 1. Korinther 11, 23-26: Die doppelte Forderung, welche an diejenigen geht, die im Abendmahl Christi Leib und Blut geniessen

Alttestamentliche Predigt zu Karfreitag ueber Jesaja 52,13-53,5: Das Bekenntnis der glaeubigen Gemeinde von der Erniedrigung des Gottesknechts

Alttestamentliche Predigt zum Ostersonntag ueber Jesaja 26, 19-21: Die Osterpredigt des Propheten Jesaja

Alttestamentliche Predigt zum Ostermontag ueber Jesaja 53,10: Die herrliche Frucht des Schuldopfers Christi auf Golgatha

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Quasimodo Geniti (Wie die neugeborenen Kindlein; 1. Petr. 2,2) ueber Sacharja 3, 8-10: Die Grundsteinlegung zu dem neutestamentlichen Tempel auf Golgatha

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Misericordias Domini (Die Erde ist voll der Guete des HERRN; Ps. 33, 5; Hirtensonntag) ueber Jesaja 1, 1-9: Gottes Klage ueber das Reich Juda

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Jubilate (Jauchzet Gott, alle Lande; Ps. 66, 1) ueber Jesaja 1, 10-20: Gottes Antwort auf die Selbstrechtfertigung des gestraften Volkes Israel

 

 

 

Alttestamentliche Predigt zum ersten Advent ueber 1. Mose 3,14-15: Die erste Verheißung Gottes von einem Erloeser

 

1. Mose 3,14-15:  Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem Feld.  Auf deinem Bauch sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weib und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.

 

    In Christus, dem einigen Erlöser, geliebte Zuhörer!

    Das Werk der Schöpfung war vollendet. In sechs Tagen hatte der allmächtige Gott Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer durch sein Wort aus nichts hervorgebracht. In ihrem Urzustand war die Erde, wie Mose schreibt, „wüst und leer“, eine wüste, form- und gestaltlose Masse, ein ungeschiedenes Durcheinander. Und über diesem lagerte eine undurchdringliche Finsternis; denn „es war finster auf der Tiefe“. Aber der Geist Gottes, der Heilige Geist, schwebte auf dem Wasser, wie ein Vogel über den Eiern brütet, und erfüllte die darin enthaltenen Lebenskeime mit Lebensodem und Lebenskraft.

    Darauf schied Gott die in dem gestaltlosen, wirren Durcheinander enthaltenen Teile voneinander. Durch sein erstes schöpferisches „Werde“ wurde das Licht hervorgebracht. „Es werde Licht!“ sprach er, und durch dieses Wort ließ er das Licht aus der Finsternis hervorleuchten. „Es wurde Licht.“ Gott schuf das Licht zuerst, weil ohne Licht keine Kreaturen leben und gedeihen können; er schied das Licht von der Finsternis, schuf den Wechsel zwischen Licht und Finsternis und dadurch den Unterschied zwischen Tag und Nacht.

    Das Werk der Schöpfung schritt stufenweise an den einzelnen Schöpfungstagen von den geringeren zu den höheren Geschöpfen vor. Gott schuf die Himmelsfeste, ließ das Wasser sich an besondere Örter sammeln, das Trockene, die Erde, hervortreten. Dann erhielt das Trockene, die Erde, ihren Schmuck. Sie bedeckte sich auf das Wort. „Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume“ mit dem herrlichsten Grün wie mit einem Teppich, mit Kräutern und Bäumen. Am folgenden Tag wurde die Himmelsfeste nicht minder wunderbar geschmückt. Sonne und Mond, die beiden großen Lichter, wurden als Lichtträger an die Himmelsfeste gesetzt und die zahllosen, glänzenden Sterne, lauter Wunder der Allmacht und Weisheit des Schöpfers. Sodann folgte die Belegung des Wassers mit den verschiedenartigsten lebenden Wesen, so zahlreich, dass es darin wimmelte, die Bevölkerung der Luft mit Vögeln, die unter der Feste des Himmels fliegen, darauf die Belebung der Erde mit großen und kleinen, mit vierfüßigen und kriechenden Tieren, ein jegliches nach seiner Art, wie die Vögel und Fische, sowie mit Pflanzen und Bäumen.

    Nachdem so Himmel und Erde geschaffen, geschmückt und belebt waren, hielt Gott gleichsam in seinem Schaffen inne, um Rat zu halten. Er wollte einen Herrscher über die Erde mit allen ihren Geschöpfen machen; er sprach: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ Und diesen Herrscher hat er nicht wie die anderen Geschöpfe durch sein Wort geschaffen, sondern er hat seinen Leib aufs künstlichste aus Erdenstaub geformt, diesem einen lebendigen Odem eingehaucht und ihn, den Menschen, zu einem lebendigen Wesen gemacht. Er hat ihn mit Vernunft und Sprache begabt, nach seinem Bild erschaffen, heilig und gerecht, und ihm die Herrschaft über die Geschöpfe gegeben. So hoch hat Gott den Menschen gestellt, so hoch ihn geehrt.

    Aber so hoch ihn Gott gestellt hat, so tief ist er gefallen. Anstatt sich an der ihm gegebenen Herrschaft genügen zu lassen, wollte er sein gleich wie Gott. Anstatt dem Gebot Gottes gehorsam zu sein, wurde er ungehorsam, übertrat es, gehorchte statt dem Wort seines gnädigen Schöpfers dem Wort eines Geschöpfes und erniedrigte sich unter das Geschöpf. Der Herrscher wurde zu einem Knecht der Sünde, stürzte sich selbst in das größte Elend. In diesem Elend erbarmte sich Gott seines hilflosen Geschöpfes, des Menschen, indem er ihm einen Erretter verhieß. Dies ist der Gegenstand unserer Betrachtung, nämlich:

 

Die erste Verheißung Gottes von einem Erlöser

 

    Wir sehen, dass sie

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Trotz der Größe der begangenen Sünde gegeben wird;

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Durch den Fluch über die Schlange hindurchtönt;

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Völligen Sieg über die Schlange verkündigt.

 

1.

    Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte, mit den Worten: „Da sprach Gott zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh“ und weist uns demnach auf den Bericht über den Sündenfall, der in den vorhergehenden Versen gegeben ist, hin. Die Schlange hatte die Frau, diese ihren Mann, Adam, verführt, zum Abfall von Gott verleitet. Gott hatte den Menschen den herrlichen Garten Eden, das Paradies, als seine Wohnstätte bereitet und ihn hinein gesetzt, dass er ihn bebaute und bewahrte, und ihm alle Früchte der Bäume im Garten zur Speise gegeben mit Ausnahme der Früchte eines einzigen, des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Von diesem allein sollte er nicht essen; und Gott hatte seinem Verbot die Drohung hinzugefügt: „An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben.“ Er hatte den Menschen so herrlich geschaffen, zur Krone aller seiner Werke, zum Herrscher über sie gemacht und ihm eine so herrliche Wohnstätte bereitet, wie sie lieblicher nicht gedacht werden konnte, und ihn mit Gaben und Wohltaten überschüttet. Hätte er da nicht, der Güte Gottes eingedenk, dem einzigen Verbot Gottes gehorsam sein sollen? Aber statt dem Wort seines Schöpfers folgte er dem Wort eines niedrigen Geschöpfes, glaubte die Lüge und verwarf die Wahrheit.

    War denn die Übertretung des Verbots eine so große Sünde? Die natürliche, verblendete Vernunft erklärt sie für etwas Geringes. Wie, sagt sie: Da war ein Baum mit schönen Früchten, herrlich anzusehen, gut davon zu essen, die den Menschen lockten. Wohl war ihm verboten, davon zu essen, aber dass er doch davon nahm und aß, das ist doch keine große Sünde! Dasselbe geschieht doch jetzt noch so oft! Wie mancher isst einen Apfel oder eine andere Frucht von einem Baum, der ihm nicht gehört, und der Eigentümer macht davon kein großes Aufsehen, sondern lässt es einfach hingehen. Aber die so reden, urteilen nach dem äußeren Schein, bleiben an der Schale hängen, ohne den Kern, das Wesen zu erkennen und zu verstehen. Um eine Sünde recht zu beurteilen, müssen die Umstände, unter denen sie geschieht, wohl erwogen werden. Wir beurteilen die Tat eines Mannes ganz anders als die eines Kindes, die wissentliche Übertretung eines Gesetzes anders als die, welche in Unwissenheit geschehen ist, den Diebstahl eines Mannes, der sich in bitterer Not befindet, anders als den eines Reichen oder Wohlhabenden. War Adam einem Kind gleich? Er hatte von Gott eine so klare Erkenntnis aller Geschöpfe erhalten, wie sie seit ihm kein Mensch mehr gehabt hat, wie aus seiner Benennung der Tiere hervorgeht. Handelte er als Unwissender? Gott hatte ihm gesagt: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen.“ Kannte er die Folgen, wenn er dieses Verbot übertrat? Sie waren ihm in den Worten verkündigt: „An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben.“ Viel weniger trieb ihn die Not, denn er hatte eine Fülle der lieblichsten Früchte. Und zu welchem Zweck hatte ihm Gott dies Verbot gegeben? Nicht zu seinem Verderben, sondern um daran seinen Gehorsam gegen Gott zu bewähren. Luther nennt diesen Baum „Adams Altar und Predigtstuhl, an welchem er Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Rat und Willen erkennen und ihm danken sollte.“ Heilig und gerecht, wie der Mensch war, hatte er vollkommene Freiheit, dem Gebot Gottes gehorsam zu sein, aber freilich auch die Freiheit, es zu übertreten. An dem Baum sollte er sich selbst bestimmen. Sein Gehorsam sollte aus eigener Selbstbestimmung geschehen, ein freier, bewusster Gehorsam sein. An dem verbotenen Baum sollte er Gutes und Böses kennenlernen, wählen zwischen Gehorsam und Ungehorsam und zwischen Leben und Tod. Er übertrat Gottes klares Gebot, und der Baum wurde ihm zu einer Kenntnis von Gut und Böse, denn er erkannte, dass er alles Gute, seine Unschuld, Gerechtigkeit, Liebe zu Gott und dergleichen, verloren und sich in unsägliches Elend, Jammer und in den Tod gestürzt habe. Er hatte nun zu seinem großen Schaden erkannt, dass er nackt war; er schämte sich und fürchtete sich vor seinem Gott, floh vor ihm und war so unwissend, dass er glaubte, sich vor dem allwissenden Gott unter den Bäumen verbergen zu können und ihn zu täuschen.

    Freilich wurde er zu seinem Ungehorsam durch die Schlange, deren sich der Teufel als seines Werkzeuges bediente, verführt. Diese betrog zuerst die Frau und durch diese ihn selbst, verleitete ihn zuerst zum Zweifel an dem Wort Gottes, machte ihn nach der verbotenen Frucht lüstern und erklärte das Wort: „An welchem Tag du davon isst, wirst du sterben“ für eine Lüge, indem er sagte: „Ihr werdet keineswegs sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ Hätte sich der Mensch nicht fragen sollen: Woher hat die Schlange menschliche Sprache, die sie doch vorher nicht hatte? Wie kann sie unseres gütigen Gottes Wort und Wahrhaftigkeit in Zweifel ziehen, ja für Lüge erklären? Wie können wir Gott gleich werden? Wird nicht eine böse, Gott feindliche Macht durch die Schlange reden? Aber der Fall des Ungehorsams gegen Gottes Gebot begann schon dadurch, dass sich die Frau auf ein Gespräch mit der #Schlange einließ, da sie mit den ersten Worten: „Ja, sollte Gott gesagt haben?“ das Wort Gottes, sein Verbot, in Zweifel zog.

    Betrachten wir dies alles: Wie herrlich Gott den Menschen erschaffen, wie hoch er ihn über die Kreaturen gestellt, welch herrlichen Garten er ihm als Wohnstätte bereitet, welche Fülle der herrlichen Früchte er ihm zur Speise gegeben, dass er ihm ein ausdrückliches Verbot gegeben, eine so ernste Drohung hinzugefügt hat, dass er gewiss unvermeidlich sterben werde, und dass der Mensch Gott gleich sein wollte, so erkennen wir, dass dies Essen von der verbotenen Frucht wahrlich keine geringe, sondern eine große, schwere Sünde war, die den Tod verdiente.

    Aber so groß diese Sünde war, größer noch war Gottes Barmherzigkeit, und darum ließ er den Menschen nicht in seinem Elend dahingehen und verderben, sondern gab ihm, indem er die Schlange verfluchte, zugleich eine herrliche Verheißung. Dies wollen wir zweitens betrachten.

 

2.

    Nachdem Gott der HERR die Menschen zur Rechenschaft gefordert und die Frau auf seine Frage: „Warum hast du das getan“. nämlich deinen Mann verführt? Geantwortet hatte: „Die Schlange betrog mich so, dass ich aß“, da sprach der HERR zur Schlange: „Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem Feld. Auf deinem Bauch sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang.“ Das ist das Gericht über die Verführerin, als die letzte Ursache der Sünde. Gott fragt sie nicht erst, warum sie das getan hat, sondern spricht sogleich das Urteil über sie aus, verflucht sie vor, aus allen Tieren. Sie hat die Menschen verführt, sie wird verflucht. Infolge dieses Fluches soll sie hinfort auf dem Bauch gehen oder sich im Staub winden und daher Erde fressen oder Staub schlucken. Dadurch ist ihr ganzes Dasein und Leben verändert worden. Vor keinem anderen Tier empfindet der Mensch einen solchen Ekel und Abscheu wie vor der Schlange mit ihren feurigen Farben, ihrer zitternden Zunge, ihren giftigen Zähnen, ihrem schaurigen Zischen und bezaubernden Blick. Sie erscheint wie die leibhaftige, teuflische Sünde. Und ihre Gestalt und Lebensweise soll nie verändert werden, sondern immer dieselbe bleiben.

    Ob sie vor der Versuchung eines der schönsten unter den Tieren gewesen ist? Sicherlich ist sie vorher nicht auf dem Bauch gegangen, hat sich nicht im Staub gewunden, auch nicht Staub geschluckt wie jetzt. Aus dieser mit ihr vorgegangenen Veränderung ersehen wir, dass ihre Strafe der Verführung entspricht. Sie war, wie alle anderen Tiere, für den Menschen geschaffen, sollte ihm gehorchen und dienen. Stattdessen hat sie sich über den Menschen erhoben, ihn zum Gehorsam gegen sich verleitet und ihn in namenloses Elend gestürzt. Wegen dieser Überhebung wird sie von Gott aufs tiefste erniedrigt, dass sie sich ihr Leben lang im Staub winden und Staub schlucken muss.

    Aber ihre Strafe besteht ferner darin, dass fortwährende Feindschaft zwischen ihr und der Frau, zwischen ihrem Samen und dem Frauensamen bestehen, und ihr der Kopf zertreten werden soll. Diese Feindschaft „setzt“ Gott, verordnet sie. Und sie besteht bis auf den heutigen Tag und wird bis an das Ende der Tage fortbestehen. Die Schlange ist unter den Tieren dem Menschen am gefährlichsten (in heißen Ländern werden von den Schlangen mehr Menschen getötet als von allen anderen Tieren); und wiederum führt der Mensch einen unaufhörlichen Kampf gegen die Schlangen, tötet sie, wo er kann, und sucht sie auszurotten. Er zertritt, zerschmettert ihr den Kopf.

    Doch, meine Zuhörer, so gewiss die in diesen Worten verkündigte Strafe die Schlange trifft, so gewiss nicht sie allein, sondern, und zwar in höherem Sinn, den, dessen Werkzeug sie war, den Teufel. Dieser redete und versuchte durch sie die ersten Menschen. Wenn daher Gott der HERR in unserem Text spricht: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen“, so sind diese Worte zwar direkt an die Schlange, aber doch eigentlich an den Teufel gerichtet, was schon daraus hervorgeht, dass die Schlange die Worte nicht verstand. Wie der Teufel durch die Schlange redete, so redet Gott zu dem Teufel in der Schlange; er verkündigt ihm, dass zwischen ihm und dem Frauensamen und ihrem Samen immerwährende Feindschaft bestehen soll. Was ist aber unter dem Schlangen- oder Teufelssamen zu verstehen? Nicht die Sünde, auch nicht die bösen Engel noch vornehmlich die Tyrannen und Ketzer, sondern die Gottlosen, die Feinde Christi und der Kirche. So nannte Johannes der Täufer die Pharisäer und Sadduzäer Otterngezücht, da sie unter dem Schein äußerlicher Frömmigkeit voll Gift und Bosheit warn, wie die Schlangen schöne Farben und doch Giftzähne haben. So rief der HERR den boshaften Juden zu: „Ihr seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun“; und Johannes: „Wer Sünde tut, der ist vom Teufel.“ Sie sind des Teufels geistiger Same, weil sie von ihm regiert werden und voll Lüge und Mordlust sind. Der Frauensame aber ist Christus, wie Paulus Gal. 3,16 schreibt: „Er spricht nicht: durch die Samen, als durch viele, sondern durch einen, durch deinen Samen, welcher ist Christus.“ So soll denn zwischen dem Teufel und den Gottlosen und Christus und den Gläubigen unaufhörliche Feindschaft bestehen, solange diese Welt steht. Hass, Feindschaft und Verfolgung der Gläubigen ist Hass, Feindschaft und Verfolgung Christi selbst, wie er dem gegen die Jünger schnaubenden Saulus zurief: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Da nun Gott der HERR zwischen der Schlange und ihrem Samen einerseits und der Frau und ihrem Samen andererseits immerwährende Feindschaft setzt, der Same der Frau Christus ist, und dieser der Schlange den Kopf zertreten soll, während diese ihn in die Ferse stechen wird, so hat er die Verheißung des Erlösers von dem Fluch über die Schlange und den Teufel aufs innigste verwoben; mit anderen Worten, die Verheißung tönt durch den Fluch hindurch oder leuchtet wie ein strahlender Stern durch finsteres Gewölk, und dies umso mehr, als der verheißene Erlöser über den Teufel einen völligen Sieg davontragen wird.

 

3.

    Dieser Sieg ist in den letzten Worten unseres Textes: „Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferste stechen“ enthalten. War in den vorhergehenden Feindschaft zwischen dem Schlangen- und Frauensamen verkündigt, so verkündigen diese Worte zunächst Kampf zwischen beiden. Ihre Feindschaft geht in einem Kampf auf Leben und Tod, in dem es auf gegenseitige Vernichtung abgesehen ist.

    Freventlich hat die römische Kirche diese erste Weissagung von dem Erlöser verkehrt, indem sie das Wort „dieselbe“ statt „derselbe“ gesetzt hat und lehrt: „‚Dieselbe‘, nämlich die Mutter Maria, wird dir, der Schlange, dem Teufel, den Kopf zertreten.“ Aber es heißt nicht: dieselbe, sondern derselbe, nicht die Frau, sondern der Samen der Frau wird dir den Kopf zertreten, und dieser Frauensame ist kein anderer als Christus, der Sohn Gottes und der Sohn der Frau, so genannt, weil er nicht von einem Mann, sondern von dem Heiligen Geist empfangen, also nur der Samen der Frau ist. So ist in dieser ersten Verheißung schon angedeutet, dass der zukünftige Erlöser von Sünde, vom Tod und von der Gewalt des Teufels von einer Jungfrau geboren werden soll, weshalb der Prophet Jesaja weissagt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.“

    „Derselbe soll dir den Kopf zertreten“ oder zermalmen, „und du wirst ihn in die Ferse stechen“ oder ihm die Ferse zermalmen, so spricht Gott der HERR zu der Schlange. Wie bald zeigte sich diese Feindschaft der Schlange und ihres Samens, und wie bald begann dieser Kampf! Hasste nicht Kain seinen Bruder, den gerechten Abel, und ermordete ihn? Weshalb? Weil er, wie es 1. Joh. 3,12 heißt, „von dem Argen“, das heißt, vom Teufel war, und weil seine Werke böse, die seines Bruders Abel gerecht waren. So hasste und verfolgte der Same, die Nachkommenschaft Kains, den Samen, die Nachkommenschaft, Seths, Ismael den Isaak, Esau wollte seinen Bruder Jakob ermorden – und so ging diese Feindschaft fort, bis Christus, der verheißene Frauensame, in menschlicher Gestalt erschien. Wie wütete gegen ihn die alte Schlange, der Satan, durch Herodes, der ihn, als er von seiner Geburt hörte, umbringen wollte, durch die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Hohenpriester und Ältesten, die ihn zu töten suchten! Satan fuhr dem Judas Ischariot ins Herz, veranlasste ihn, Christus zu verraten, und da begann nun recht eigentlich der Kampf auf Leben und Tod, da stach die alte Schlange den Frauensame in die Ferse, zermalmte sie ihm. Das Todesringen dort in Gethsemane, das dem Frauensamen blutigen Schweiß auspresste, indem seine Seele betrübt wurde bis in den Tod, ihn so ermattete, dass ein Engel vom Himmel erschien, um ihn zu stärken, seine Gefangennahme durch die Rotte, hinter der Satan stand, seine Verurteilung als ein Übeltäter, seine Kreuzigung auf Golgatha – das war der giftige Schlangenbiss, das Zermalmen seiner Ferse, aber auch der Tritt, mit dem er der alten Schlange den Kopf zermalmte. Der Biss der Schlange ist zwar gefährlich, jedoch nicht schlechthin tödlich. Wohl starb Christus am Kreuz, aber er befahl seinen Geist in Gottes Hände, stand am dritten Tag lebendig auf dem Grab, der Burg des Todes, triumphierte über die alte Schlange und verkündete Sieg, völligen Sieg, über sie, dass er dem Tod und dem Teufel alle Macht genommen und seine Gefangenen aus seiner Gewalt befreit habe. Ja, er hat „durch seinen Tod die Macht genommen dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist, dem Teufel, und die erlöst, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten“, wie es Hebr. 2,14 heißt.

Der Held steht auf dem Grabe

Und sieht sich munter um;

Der Feind liegt und legt abe

Gift, Gall und Ungestüm.

Er wirft zu Christi Fuß

Sein Höllenreich und muss

Selbst in des Siegers Band

Ergeben Fuß und Hand.

    Und Christi, des Erlösers, Sieg ist ein Sieg für alle Erlösten, die durch den Glauben an ihm hangen, mit ihm, dem Haupt der Glieder seines Leibes, verbunden sind. In seiner Kraft kämpfen sie gegen die alte Schlange und siegen über sie, wie Johannes von den Auserwählten in der Vollkommenheit schreibt: „Sie haben überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort seines Zeugnisses.“ Sie zertreten den Satan unter ihre Füße, und an jenem großen Tag werden sie ihren Sieg in dem Triumphgesang verkünden: „Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren HERRN Jesus Christus.“

    Sünder, aber Erlöste, Kämpfer, aber Sieger! Der barmherzige Gott, der dem ersten Sünder, indem wir alle Sünder geworden sind, in seinem Erbarmen nachging, schenke uns wahre Sündenerkenntnis, rechten Glauben an den Erlöser, stärke uns im Kampf gegen die alte Schlange und verleihe uns völligen Sieg um Christi Jesu, unseres siegreichen Erlösers, willen! Amen.

 

 

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag im Advent ueber 1, Mose 18,1-15: Das heilige Mahl im Hain Mamre

 

1. Mose 18,1-15: Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, da er saß an der Tür seiner Hütte, da der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer ihm gegenüber. Und da er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seiner Hütte und bückte sich nieder auf die Erde und sprach: HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knecht über. Man soll euch ein wenig Wassers bringen und eure Füße waschen; und lehnt euch unter den Baum. Und ich will euch einen Bissen Brots bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt ihr fortgehen. Denn darum seid ihr zu eurem Knechte kommen. Sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast. Abraham eilte in die Hütte zu Sara und sprach: Eile und menge drei Maß Semmelmehl, knete und backe Kuchen. Er aber lief zu den Rindern und holte ein zartes gutes Kalb und gab’s dem Knaben; der eilte und bereitete es zu. Und er trug auf Butter und Milch und von dem Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und trat vor sie unter dem Baum, und sie aßen.

    Da sprachen sie zu ihm: Wo ist deine Frau Sara? Er antwortete: Drin in der Hütte. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen, so ich lebe, siehe, so soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür der Hütte. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und wohl betagt, also dass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen, und mein Herr auch alt ist! Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht des Sara und spricht: Meinst du, dass wahr sei, dass ich noch gebären werde, so ich doch alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, so ich lebe, so soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht; denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht also, du hast gelacht.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Wie wunderbar hat Gott Abraham, den Vater der Gläubigen geführt! Als er aus Ur in Chaldäa nach Haran in Mesopotamien gekommen war und dort eine Zeitlang gewohnt hatte, erhielt er den Befehl: „Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Mit diesem Befehl wurde ihm aber auch die Verheißung gegeben, dass von ihm ein großes Volk entsprießen, er selbst einen großen Namen erhalten, und in ihm alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten. Das geschah, als Abraham 75 Jahre alt war. Er gehorchte diesem Befehl der HERRN, kam zuerst nach Sichem, erhielt dort die andere Verheißung: „Deinem Samen will ich das Land geben“, zog dann nach Bethel und schlug dort seine Hütte auf. An beiden Orten baute er einen Altar und predigte von dem Namen des HERRN. Aber kaum hatte er das seinen Nachkommen verheißene Land weiter nach Süden durchzogen, so trieb ihn eine große Hungersnot nach dem getreidereichen Ägypten. Von dort zurückgekehrt, kam er wieder nach Bethel, schied sich friedlich und großmütig von seinem Neffen Lot, indem er diesem den besten Teil des Landes überließ, und schlug seinen Wohnsitz im Hain Mamre bei Hebron auf, baute auch dort einen Altar und predigte von dem Namen des HERRN.

    Schon hieraus ersehen wir, anderes übergehend, wie bewegt das Leben des großen Erzvaters war. Er war 75 Jahre alt, als er Haran verließ und ins Land Kanaan kam. Er starb im Alter von 175 Jahren und hat demnach, von seinem Aufenthalt in Ägypten abgesehen, hundert Jahre in Kanaan gelebt. Unter diesen war aber das 24. – in seinem ganzen Alter das 99. – Jahr das ereignisreichste. Denn in diesem Jahr erschien ihm der HERR im Hain Mamre und sprach zu ihm: „Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm!“ machte einen Bund mit ihm, wiederholte die Verheißung, dass er ein Vater vieler Völker werden solle, änderte seinen Namen Abram in Abraham, das heißt: ein Vater vieler Völker, um, verhieß ihm, dass auch Könige von ihm kommen sollten und gab ihm die Beschneidung als Zeichen des mit ihm gemachten Bundes. Mehr noch: Auch seine Frau, Sarai, sollte hinfort Sarah heißen, weil der HERR sie segnen wollte, und aus ihr Könige entsprießen sollten. Diese Verheißung war so groß, so überschwänglich, da Abraham 99, Sarah 90 Jahre alt war, dass Abraham anbetend zu Boden sank und, weil dies nach dem natürlichen Lauf in einem solchen Alter für die Vernunft unfasslich war, unwillkürlich lachen musste. Das war freilich kein ungläubiges, sondern ein heiliges Lachen, ein Lachen vor Freude. Nachdem ihm nun noch die Verheißung gegeben worden war, dass auch der ihm von Hagar geborene Ismael eine große Nachkommenschaft haben, dass aus dieser zwölf Fürsten erstehen sollten, da wurde ihm im Hain Mamre, noch eine weitere, bis dahin noch nicht dagewesene Erscheinung des HERRN zuteil. Als er nämlich eines Tages vor seinem Zelt saß, erblickte er in einiger Entfernung drei Männer. Sofort erhob er sich, lief den Männern entgegen, begrüßte sie in demütiger Weise und bat sie, bei ihm einzukehren, damit er ihnen ein Mahl bereiten könne. Davon berichtet der heutige Text. Betrachten wir daher heute aufgrund desselben:

 

Das heilige Mahl im Hain Mamre

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Abraham bereitete es in gastfreundlicher Weise.

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Er bewirtete dadurch hohe Gäste.

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Er erhielt bei diesem Mahl eine bestimmte Verheißung.

 

 

1.

        Abraham saß eines Tages vor seinem Zelt, als der Tag am heißesten war, also um die Mittagszeit, und sah, aufblickend, unerwartet drei Männer in geringer Entfernung. Woher diese Männer gekommen waren, wusste er nicht. Aber sobald er sie sah, lief er ihnen von der Tür seiner Hütte aus entgegen und bückte sich vor ihnen nieder auf die Erde. Dass Abraham sich vor diesen Männern tief bückte, zeigt, dass er in ihnen keine gewöhnlichen, sondern Männer von außerordentlicher Erscheinung erkannte, denen er eine demütige Ehrbezeigung schuldig sei. Er selbst war ja ein angesehener Mann, der Besitzer großer Herden. Er verkehrte mit Fürsten und Königen, zum Beispiel mit dem König Abimelech zu Gerar und dem König von Sodom. Hatte er doch auch 400 kriegsgeübte Knechte, mit denen er die vier Könige schlug, die seinen Neffen Lot in Sodom gefangengenommen und mit aller seiner Habe hinweggeführt hatten. Schon als er aus Ägypten zurückkehrte, war er, wie wir 1. Mose 13,2 lesen, sehr reich an Vieh, Silber und Gold, was ihm überall, wohin er kam, bei den Fürsten großes Ansehen verlieh.

    Aber er begrüßte jene Männer nicht nur in demütiger, ehrfurchtsvoller Weise, sondern lud sie auch ein, bei ihm einzukehren; denn er sprach zu einem derselben: „HERR, habe ich Gnad gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht vor deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein wenig Wasser bringen und eure Füße waschen, und lehnt euch unter den Baum. Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach sollt ihr fortgehen. Denn darum seid ihr zu eurem Knecht gekommen“, das heißt: Denn eben deshalb, um mir Gelegenheit zu geben, euch gastfreundlich aufzunehmen, zu bewirten und zu stärken, seid ihr hier hergekommen. So gastfreundlich lud Abraham jene Männer ein. Er würde es sich als eine Ehre anrechnen, wenn sie bei ihm einkehrten und er sie bewirten könne. Und die Männer nahem die herzliche Einladung an; sie sprachen: Tue, wie du gesagt hast.“

    Abraham sorgte nun für eine reichliche Bewirtung seiner Gäste. Als diese sich niedergelassen hatten, eilte er in die Hütte das Zelt, zu Sarah und sagte, sie sollte schnell von dem feinsten Mehl Kuchen, Aschkuchen, die auf heißen Steinen schnell gebacken werden konnten, herstellen. Sodann eilte er zu den Rindern, wählte eines der besten und zartesten Kälber aus und ließ es von einem seiner Knechte schlachten und zubereiten. Als diese Speisen zubereitet waren, trug er sie selbst auf, dazu Milch und Butter, und bediente seine Gäste. Er bewies sich als freigebiger Wirt und demütiger Aufwärter; denn er aß nicht mit den Gästen, sondern wartete ihnen auf. Wenig hatte er bei der Einladung versprochen: Wasser, um die Füße zu waschen, und einen Bissen Brot, viel und reichlich aber gab er: Milch und Butter, Kuchen und den besten Braten. Er war ein reicher Mann, ein Fürst, und wie ein Fürst bewirtete er sseine Gäste mit dem Besten, was er unter den Umständen, in Anbetracht der Kürze der Zeit, beschaffen konnte. Sarah, die schon von Gott den Titel einer Fürstin erhalten hatte, knetete und backte den Kuchen selbst; sie hielt sich für diese Arbeit nicht zu vornehm. Abraham selbst, der so viele Knechte unter sich hatte und in fürstlichem Ansehen unter den Bewohnern des Landes stand, ja, mit dem Gott geredet hatte, schämte sich nicht, seinen Gästen bei Tisch aufzuwarten. Das war aufrichtige und herzliche Gastfreundschaft, die der große Mann an jenen Männern übte.

    Fragen wir, warum er solche Gastfreundschaft geübt hat, so lautet die Antwort: Einmal, weil er in wahrer Gottesfurcht stand, und der Glaube sich durch die Liebe tätig erweist; sodann, weil er des Öfteren in fremden Gegenden ein Fremdling und Gast, wie bei den Philistern in Ägypten, gewesen war und gelernt hatte, wie nötig und wohltuend einem Gast aufrichtige, herzliche Gastfreundschaft ist. In der Übung der Gastfreundschaft sollen wir uns daher den großen Erzvater zum Vorbild dienen lassen, in seinen Fußstapfen wandeln, wie es der Apostel Paulus nennt. Daher auch die Ermahnungen in der Heiligen Schrift an die Gläubigen, gastfrei zu sein: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die, so im Elend sind, führe in dein Haus; so du einen nackend siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht von deinem Fleisch“, ermahnt Jesaja Kap. 58,7; Petrus in seiner ersten Epistel (Kap. 4,9): „Seid gastfrei unter untereinander ohne Murmeln“; Hebr. 13,2: „Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn durch dasselbe haben etliche Engel beherbergt.“ Eine solche Gastfreundschaft erwiesen die Schwestern Martha und Maria dem HERRN Jesus, in deren Haus er darum gerne weilte. Und wie hoch preist er diese Tugend, da er unter den guten Werken, die er dereinst am Tag des Gerichts preisen wird, auch die Gastfreundschaft nennt, indem er Matth. 25 spricht: „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist; ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich beherbergt.“ Und auf diese Frage der zu seiner Rechten Stehenden, wann sie ihm dies getan hätte, wird er antworten: „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesem meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

    Aber wer waren die von Abraham in so gastfreundlicher Weise bewirteten Gäste? Das wollen wir zweitens betrachten.

 

2.

    Jene Gäste Abrahams werden „Männer“ genannt, waren also menschliche Personen, die sich dem Ansehen nach von anderen Männern nicht unterschieden. Abraham kannte sie nicht, wie aus dem vierten und fünften Vers unseres Textes hervorgeht, wo berichtet wird, dass er zu ihnen gesagt habe, er wolle ihnen Wasser bringen lassen, damit sie ihre Füße waschen könnten, und einen Bissen Brot, damit sie sich stärken und dann ihren Weg fortsetzen könnten. Aber er merkte doch an ihrer ganzen Erscheinung etwas Eigenartiges, Hohes, ja Himmlisches und Göttliches. Ihre ganze Haltung machte auf ihnen einen besonderen, einen tiefen Eindruck; daher auch seine demütige, ehrfurchtsvolle Begrüßung. Er merkte auch, dass einer der drei Männer vornehmer sein müsse als die beiden anderen, dass er etwas Gebietendes, Königliches an sich habe. Darum wandte er sich mit seiner Anrede an diesen mit den Worten: „HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen, so gehe nicht an deinem Knecht vorüber.“ Wer war der Angeredete?

    Beachten wir zunächst, dass mit Ausnahme der Frage: „Wo ist deine Frau Sarah?“ das Gespräch allein zwischen Abraham und dem von ihm Angeredeten geführt wurde, die beiden anderen sich schweigend verhalten. Schon dies weist deutlich darauf hin, dass dieser eine mehr als seine beiden Begleiter war, sodann auch, dass Abraham zu ihm sprach: „HERR, habe ich Gnade gefunden vor deinen Augen“, ihn also mit HERR anredet. In der Grundsprache steht für HERR ein Wort, das ausschließlich von Gott gebraucht wird. Im 13. und 14. Vers unseres Textes wird er sogar Jahwe genannt, ein Name, der niemals in der Heiligen Schrift einem Menschen oder Engel, sondern allein Gott beigelegt wird. Daraus erkennen wir, dass der, von dem es im ersten Vers heißt: „Der HERR erschien ihm im Hain Mamre“, kein anderer als Gott selbst, und zwar der Sohn Gottes, Christus war. Wer aber waren die beiden Begleiter des HERRN? Es waren Engel; denn Kap. 19,1 lesen wir: „Die zwei Engel kamen nach Sodom“, und diese Engel waren ohne Zweifel keine anderen als die Begleiter des HERRN. Wie diese den HERRN begleitet hatten, als er zu Abraham kam, wie sie seine Verhandlung mit Abraham über den Untergang Sodoms mit angehört hatten, so waren sie auch die Boten des HERRN nach Sodom, um Lot, den Neffen Abrahams, aus der dem Untergang geweihten Stadt zu retten.

    Waren aber diese Gäste Abrahams der Sohn Gottes und die zwei Engel in menschlicher Gestalt, die sie nur vorübergehend angenommen hatten, wie konnten sie dann die ihnen vorgesetzten Speisen genießen? Es war das kein Schein-, sondern ein wirkliches Essen, und es erklärt sich teilweise daraus, dass diese himmlischen Wesen einen menschlichen Leib angenommen hatten. Aß doch auch der auferstandene HERR, wie uns Luk. 24 berichtet wird, ein Stück Fleisch und Honigsein vor seinen Jüngern. Schließlich aber ist doch das Essen leiblicher Speise seitens himmlischer Wesen ein Geheimnis.

    So hatte Abraham den auch ihm verheißenen Sohn Gottes und Messias nicht nur in menschlicher Gestalt gesehen, sondern wahrscheinlich auch in der Gestalt, die er in der Fülle der Zeit von der Jungfrau Maria annahm, und in der er unter seinen Jüngern auf Erden wandelte. Auf diese seine Erscheinung weist der HERR wohl in seiner Disputation mit den feindlichen Juden hin. Denn als er zu ihnen unter anderem sagte: „Abraham, euer Vater, wurde froh, als er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich“, und die Juden daraufhin spotteten: „Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen?“ da antwortete er ihnen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe denn Abraham wurde, bin ich.“

    War nun jenes im Hain Mamre vor dem Zelt Abrahams unter einem Baum gehaltene Mahl nicht ein heiliges Mahl? Erwägt es: Abraham, der Vater der Gläubigen, der als solcher an der Spitze aller Heiligen steht, war der gastfreundliche Wirt, der Sohn Gottes und zwei Engel in der Gestalt von Männern waren seine Gäste. Wahrlich, ein eigenartiges heiliges Mahl! Aber es hat auch für uns seine vorbildliche Bedeutung; denn es lehrt uns, dass wir auch hierin in den großen Erzvaters Fußtapfen wandeln und dessen eingedenk sein sollen, dass es ein heiliges Mahl ist, wenn wir in rechter Weise, wie Abraham dort den HERRN und die Engel, wahre Jünger des HERRN speisen, tränken und kleiden. Das sind Werke, die Gott gefallen und die er überschwänglich belohnen wird; denn er spricht Matth. 10,41 f.: „Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn empfangen; wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, der wird eines Gerechten Lohn empfangen; und wer dieser Geringsten einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbekannt bleiben!“

    Welche Ehre wurde Abraham dadurch zuteil, dass der HERR mit seinen himmlischen Begleitern bei ihm einkehrte und sich von ihm bewirten ließ! Abraham erwies ihm durch seine gastfreundliche Aufnahme und Bewirtung Ehre; noch viel größere Ehre aber erwies der HERR Abraham, indem er sich von ihm bedienen ließ. Finden wir uns nicht geehrt, wenn ein angesehener, hochgestellter Mensch bei uns einkehrt? Wenn wir einen hohen Gast erwarten, so treffen wir alle Vorkehrungen, ihn gebührend zu empfangen und zu bewirten. Wir tragen ihm das Beste auf, lassen es an nichts fehlen. Wieviel größer aber ist die Ehre, wenn Jesus, der Sohn Gottes, als Gast zu uns kommt! Und er kommt zu uns, wenn wir ihn darum bitten. „Komm, HERR Jesus, sei unser Gast und segne alles, was du uns bescheret hast!“ so lautet eins unserer täglichen Tischgebete. Und er kommt zu uns, freilich nicht in sichtbarer menschlicher Gestalt, sondern unsichtbar, aber deshalb nicht weniger wirklich und wahrhaftig. Und dann ist jedes Mahl auch ein heiliges Mahl und gesegnet, denn er kommt zu den Seinen stets in Gnaden, um sie zu segnen, ihnen das eine oder andere Gut zu bringen, wie dort bei Abraham, dem er bei dem Mahl eine große Verheißung gab.

 

3.

    Es scheint, als ob während des Mahles nicht viel geredet worden ist. Endlich aber sprachen die Männer zu Abraham: „Wo ist deine Frau Sarah?“ Diese hatte also an dem Mahl, wie es im Morgenland Sitte ist, nicht teilgenommen. Auf die Antwort, sie sei im Zelt, indem sie das Gespräch der Männer unter einem Baum gehört hatte, sprach der HERR: „Ich will wieder zu dir kommen um die Zeit, wenn sie wieder auflebt“, das heißt, wenn diese Jahreszeit wieder da ist, also übers Jahr, und „siehe, so soll Sarah, deine Frau, einen Sohn haben.“ Welch eine Verheißung war das für Abraham! Wohl war ihm schon früher verheißen worden, dass ihm von Sarah ein Sohn geboren werden sollte; und wie sehnsüchtig hatte er die Erfüllung dieser Verheißung herbeigesehnt! Als sie sich verzögerte, war er darüber in große Anfechtung geraten, so dass er, wie wir im 15, Kapitel lesen, ausgerufen hatte: „HERR, HERR, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Hausvogt, dieser Elieser von Damaskus, hat einen Sohn. Mir hast du keinen Samen gegeben, und siehe, der Sohn meines Gesindes soll mein Erbe sein.“ Nun aber sagt ihm der HERR: Über ein Jahr soll die Verheißung erfüllt sein, da soll Sarah, deine Frau, einen Sohn haben. Sarah hatte diese Worte des HERRN, als sie hinter der Tür der Hütte stand, gehört, und da beide, Abraham und Sarah, alt und wohlbetagt waren, Abraham 99 und Sarah 90 Jahre alt, so dass es Sarah nicht mehr nach der Frauen Weise ging, so lachte sie bei sich selbst und sprach: „Nun ich alt bin, soll ich noch Wollust pflegen, und mein Herr auch alt ist!“ Jedenfalls hatte ihr Abraham die ihm früher gegebene Verheißung mitgeteilt, und sie hatte ihm nicht geglaubt. Jetzt, da sie diese Worte aus dem Mund des HERRN selbst hörte, glaubte sie wieder nicht, denn es kam ihr lächerlich vor, dass sie noch in ihrem hohen Alter einen Sohn haben solle. Aber der HERR sah als der Allwissende dieses Lachen und sprach zu Abraham: „Warum lacht Sarah und spricht: ‚Meinst du, dass es wahr sei, dass ich noch gebären werde, so ich doch alt bin?‘ Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein?“ Und nun wiederholte er die Verheißung: „Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen, um ein Jahr, so soll Sarah einen Sohn haben.“ Sei es nun, dass Sarah selbst oder auf die Aufforderung des HERRN hervortrat: Sie leugnete und sprach: „Ich habe nicht gelacht“, denn sie fürchtete sich. Sie leugnete also aus Furcht, nicht mutwillig. Und der HERR strafte sie deswegen nicht so hart wegen dieser Schwachheit, sondern ließ es bei den Worten bewenden: „Es ist nicht so, du hast gelacht.“ Wir sehen hieraus, wie große Nachsicht der HERR mit den Schwachheiten der Seinen hat, wie freundlich er mit ihnen handelt. Auch solche Schwachheitssünden sind Sünden, aber er belegt sie deshalb nicht gleich mit der schwersten Strafte, wie wir Menschen es oft tun, die wir doch mit unseren beschränkten Augen die Gerechtigkeit Gottes in der Höhe und Tiefe so wenig erkennen können.

    Aber mochte Sarah die Erfüllung dieser Verheißung noch so unmöglich erscheinen, sie wurde erfüllt. Nach einem Jahr hatte sie einen Sohn, und Abraham nannte ihn Isaak, das heißt, „Er lacht“, weil er selbst, wie wir Kap. 17,17 lesen, vor Freude gelacht hatte, als ihm der HERR gesagt hatte, dass er ihm von Sarah einen Sohn in seinem Alter geben wolle, und auch Sarah über die Worte des HERRN bei diesem Mahl gelacht hatte. So erfuhren beide, dass bei dem HERRN nichts wunderbar, nichts unmöglich sei, und dass er, was er verheißt, gewiss hält.

    Das war der Segen und der herrliche Lohn, den Abraham für seine gastfreundliche Bewirtung des HERRN und seiner Begleiter erhielt. War es auch nicht dadurch ein gesegnetes Mahl? Wie weit lässt sich doch Gott herab, wenn wir mit heiligen Engeln bei schwachen, sündigen Menschen, zu denen auch Abraham, obwohl er einen starken Glauben hatte, gehörte, als Gast einkehrt und sich von ihnen bewirten lässt! Auch bei uns will er einkehren, wie er verheißen hat: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben; und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“ Er kommt zu uns durch sein Wort, will in unserem Herzen wohnen, nicht vorübergehend, sondern dauernd. Lasst uns ihn als den besten Gast in Ehrfurcht aufnehmen und ihm alles, was wir sind und haben, darbringen und damit ihn gastfreundlich bewirten, so wird er auch uns reichlich segnen. Darum:

Komm, o mein Heiland Jesus Christ,

Meins Herzens Tür dir offen ist;

Ach, zieh mit deiner Gnade ein!

Dein Freundlichkeit auch uns erschein;

Dein Heilger Geist uns führ und leit

Den Weg zur ewgen Seligkeit!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag im Advent ueber Jesaja 40,9-11: Die Botschaft des neutestamentlichen Zion

 

Jesaja 40,9-11: Zion, du Predigerin, steig auf einen hohen Berg! Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf mit Macht, heb auf und fürchte dich nicht; sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!  Denn siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; und sein Arm wird herrschen.  Siehe, sein Lohn ist bei ihm, und seine Vergeltung ist vor ihm. Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte; er wird die Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen und die Schafmütter führen.

 

    Das ist ein erhabenes Wort Gottes, das wir soeben vernommen haben. Es stellt uns die hohe Aufgabe des neutestamentlichen Zion, der Kirche des Neuen Testaments, vor Augen, und zwar in einem Bild, das ebenso ernst als lieblich ist. Um dieses Bild recht zu erkennen, müssen wir zunächst auf den Zusammenhang eingehen, in welchem unser Text mit dem Vorhergehenden steht.

    Zu Anfang dieses Kapitels vernehmen wir den Zuruf: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ Dieser Zuruf ergeht von Gott an seine Boten, die er zu seinem Volk sendet. Sie sollen sein Volk, sein auserwähltes Eigentum, das sich in tiefer Erniedrigung befindet, trösten. Und diese Boten treten auf und verkündigen gleichsam im Chor: Eure Ritterschaft, euer Kriegsdienst, hat ein Ende; denn eure Missetat ist vergeben; der HERR, euer Gott, naht sich euch mit Gnade und Errettung. Nun tritt ein einzelner Bote oder Herold aus der Wüste auf und verkündigt die unmittelbare Nähe des Erretters aus dem Elend und fordert sie auf, dem Nahenden den Weg zu bereiten, ihm ebene Bahn zu machen. „Bereitet dem HERRN den Weg, macht auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserem Gott!“ ruft er ihnen zu. Entfernt alles, was seinem Kommen hinderlich sein kann, weil durch sein Kommen die Herrlichkeit des HERRN offenbar werden soll.

    Nachdem dieser Bote seinen Auftrag ausgerichtet hat, tritt ein anderer Bote auf und ruft mit weithin schallender Stimme im Auftrag des HERRN: „Alles Fleisch ist Heu, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Feld. Das Heu verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Geist bläst drein. Ja, das Volk ist das Heu.“ Damit verkündigt dieser Bote die Vergänglichkeit und Nichtigkeit des menschlichen Geschlechts und alles dessen, was ihm zugehört. Wie das Gras alsbald verdorrt, wenn es von der Sense des Schnitters getroffen wird, wie die Blume mit ihrer Schönheit dahinwelkt, so der einzelne Mensch und das ganze menschliche Geschlecht mit all seiner Herrlichkeit und seiner Kraft, wenn der Hauch des HERRN es anweht. In all dieser Vergänglichkeit, dieser Nichtigkeit, ist nichts, was nicht dahinsinkt, verwelkt und verdorrt, als „das Wort unseres Gottes“; denn dieses steht ewig und unbeweglich da.

    Beide Boten haben ihren Auftrag ausgerichtet. Sie haben, nachdem der Chor abgetreten, jener die Aufforderung, dem nahenden HERRN den Weg zu bereiten, dieser, die Vergänglichkeit und Nichtigkeit zu verkündigen, ausgerichtet. Nun ergeht in unserem Text, der sich unmittelbar daran anschließt, eine Aufforderung an Zion, die Tochter Zions oder Jerusalem; diese soll nun als Predigerin, als Botin des HERRN, auftreten, soll das tun, was ich jetzt, allerdings in einem geringeren Maß, vor euch tue. Ich stehe hier an einem erhöhten Ort vor euch, erhebe meine Stimme und bringe euch im Namen meines Gottes eine Botschaft, durch die ein Befehl an euch ergeht, den ihr ausrichten sollt. So soll Zion, Jerusalem, auf einen hohen Berg steigen, soll seine Stimme mit Macht erheben und ohne alle Furcht eine Botschaft erschallen lassen, die in allen Landen gehört wird. Und dies Zion, was ist es? Es ist die Kirche des Neuen Testaments und somit auch, da diese aus den Gemeinden an einzelnen Orten besteht, auch diese eure Gemeinde. Also auch an euch, meine Freunde, als eine Gemeinde und ein Teil der Kirche des Neuen Testaments, ergeht diese Aufforderung, dass ihr auf einen hohen Berg treten, eure Stimme mit Macht erheben und die euch übergebene Botschaft weithin in alle Lande erschallen lassen sollt. So hört denn jetzt:

 

Die Botschaft, die das neutestamentliche Zion ausrichten soll

 

    Es ist eine Botschaft, die

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Ihm von Gott dem HERRN befohlen ist,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Das Kommen des HERRN verkündigt,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      In alle Lande erschallen soll.

 

1.

    „Zion, du Predigerin“, so heißt es in unserem Text, „steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Predigerin, hebe deine Stimme auf mit Macht, heb‘ auf und fürchte dich nicht!“ An Zion, an Jerusalem, ergeht diese Aufforderung oder dieser Befehl. Diese wird eine Predigerin genannt und soll als solche, auf einem hohen Berg stehend, mit Macht ihre Stimme erheben, so dass diese weithin in die Ferne dringt.

    Auf dem Berg Zion stand bekanntlich der Tempel des HERRN, in dem er selbst wohnte, und von dem aus er sich offenbarte, und am Fuß des Heiligtums las die Stadt Jerusalem, die deswegen auf die Stadt Zion genannt wurde. Weil aber Jerusalem mit dem heiligen Tempel in gottesdienstlicher Beziehung den Mittelpunkt des Volkes Israel bildete, wohin es alljährlich zu den hohen Festen pilgerte, so wurde auch dieses mit dem Namen Zion benannt, wie es sonst an anderen Stellen, so auch in unserem Text, geschieht. Und da Zion, Jerusalem, ein Vorbild auf die Kirche des Neuen Testaments war, so wird diese das neutestamentliche Zion genannt. So ergeht denn an diese, die Kirche des Neuen Testaments, die in unserem Text enthaltene Aufforderung: Sie soll als Predigerin auftreten, soll als solche eine Botschaft ausrichten. Bedarf es dafür noch eines Beweises, so darf ich nur auf den Befehl des HERRN in der Zeit der Erfüllung hinweisen, den er seinen Jüngern in den Worten erteilte: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“

    Dieser Befehl ist ein göttlicher, denn er ist von Gott selbst gegeben; und somit auch die Botschaft, die sie ausrichten soll, eine göttliche, von Gott ihr gegebene. Oder redet nicht Gott in unserem Text? Spricht er nicht im ersten Vers unseres Kapitels: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott“? und in V. 5: „Der Mund des HERRN redet“? Ja, wie in dem Vorhergehenden, so redet auch in unserm Text Gott; er ist es, der spricht: „Zion, hebe deine Stimme auf mit Macht!“ Wenn diese Worte an das neutestamentliche Zion, die Kirche, gerichtet sind, so sind sie auch an mich und an euch, an alle, die zu ihr gehören, das heißt, an alle Gläubigen, die sein Volk, sein Zion sind, gerichtet. Wenn aber unser Gott redet, wer sollte nicht hören? Wenn er seine Stimme erhebt, wer sollte nicht gehorchen? Wenn ein Mensch zu uns redet, so mögen wir ihm wohl unser Ohr verschließen; wenn er uns einen Befehl erteilt, und wenn es auch ein Hochgestellter, ja ein Fürst oder König wäre, so könnten wir erst überlegen, ob wir ihn zu hören, seinem Befehl zu gehorchen haben, bedenken, ob er uns zu befehlen Recht oder Macht habe; aber wenn Gott zu uns redet, der durch sein allmächtiges Werde Himmel und Erde aus nichts ins Dasein gerufen, die Erde und alles, was darin ist, gemacht hat, der das Firmament über uns wie einen kristallenen Spiegel ausbreitet und mit Myriaden von Sternen geschmückt, der auch uns erschaffen, die zu Ohren zu hören, den Mund zu reden gegeben hat: Sollten wir sein Wort nicht hören, seinem Befehl nicht gehorchen? Ja, „hört, ihr Himmel, und Erde, nimm zu Ohren; denn der HERR redet!“ Mit diesen Worten begann der Prophet Jesaja das Buch seiner Weissagungen, und so müssen auch wir in Demut und Ehrfurcht sprechen, wenn der HERR zu uns redet. So lasst uns denn dessen eingedenk sein, meine Freunde, dass er in unserem Text uns gegebene Befehl uns von Gott selbst gegeben ist, und darum die Botschaft, die wir ausrichten sollen, willig und gern ausrichten. „Hebe deine Stimme auf, fürchte dich nicht!“ ruft er uns zu und ermahnt uns, die Botschaft nicht mit leiser, sondern mit lauter Stimme zu verkündigen, so dass sie weit und breit gehört werden kann, auch nicht furchtsam, sondern ohne alle Furcht, mit Unerschrockenheit, nicht mit Scham, sondern mit heiliger Freimütigkeit, wie die Apostel am Pfingstfest zu Jerusalem vor den Tausenden auftraten und redeten. Sollten wir zaghaft sein, wenn wir einen göttlichen Befehl ausrichten, uns schämen, wenn wir eine göttliche Botschaft verkündigen, uns fürchten, wenn der allmächtige Gott uns zur Seite steht? Seht, wie unerschrocken die Apostel am ersten neutestamentlichen Pfingsten, wie später Petrus und Johannes redeten, obwohl ihnen Geißelung und Gefängnis drohte, und wie Paulus ausruft: „Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben.“ Die Apostel erhoben ihre Stimme mit Macht und fürchteten sich nicht. Mit derselben unerschrockenen Freimütigkeit sollen auch wir diese göttliche Botschaft ausrichten, und das umso mehr, weil es eine Botschaft ist, die das Kommen des HERRN verkündigt. Dies ist der Inhalt, und darauf lasst uns zweitens blicken.

 

2.

    „Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!“ heißt es. Eine wunderbare Botschaft, nicht wahr? „Siehe, da ist euer Gott!“ das ist der Kern, der eigentliche Inhalt der Botschaft. Wenn ihr mich fragt: Ist das die ganze Botschaft, die Zion, die auch wir ausrichten sollen, so antworte ich: Ja, das ist alles; denn die folgenden Verse unseres Textes sind nur nähere Ausführung.

    Aber nun haltet das in unserem Text gegebene Bild fest. Da steht Zion auf einem hohen Berg, weithin sichtbar, die Tochter Jerusalem in leuchtender, aufrechter Gestalt. Sie blickt mit Spannung in die Ferne. Da sieht sie den daherkommen, den sie sehnlich erwartet hat, den, der so lange Zeit5 verheißen war, der kommen sollte; und sowie sie ihn erblickt, erhebt sie ihre Stimme mit Macht, weist mit ausgestreckter Hand auf ihn hin und ruft mit einer Stimme, die weithin durch die Städte Judas bringt: „Seht, da ist euer Gott!“ Sie, die Tochter Zions, kennt den Daherkommenden, kennt ihn als den Gott der Städte Judas, und darum ruft sie diesen mit mächtiger, aber freudenvoller Stimme zu: „Seht, da ist euer Gott!“ und fügt hinzu: „Siehe, Gott der HERR kommt gewaltig; seine Vergeltung ist vor ihm.“ Beachtet, dass die Tochter Zions dreimal „Siehe!“ ausruft, um ja aller Augen auf den Kommenden zu richten; denn es ist Gott, der HERR Zebaoth, und er kommt gewaltig, mit Macht, kommt, um mit seinem Arm, seiner Macht, zu herrschen.

    Wer ist der, den die Tochter Zions den Gott der Städte Judas, HERR, Jahwe, nennt, dessen Kommen sie mit so freudig erhobener, lauter Stimme verkündigt? Der, dessen Kommen in der Verheißung angekündigt war: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will. … Und dies wird sein Name sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist“; ferner: „Aber du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalems, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, am, und reitet auf einem Esel und auf einem jungen Füllen der Eselin.“ Aber kommt der mit Macht, der nicht auf stolzem Schlachtross, sondern auf einem Füllen der Eselin daherkommt, nicht an der Spitze eines mächtigen Heeres, sondern inmitten unscheinbarer Jünger? Kann und wird der herrschen? Ja, das wird er trotz seiner Niedrigkeit; denn er ist ja Gott, HERR, Jahwe, der Jungfrauensohn, aber doch auch wahrhaftig Gottes Sohn, Jesus Christus, der Held, dem die Völker anhangen sollen, der herrschen wird, den die Städte Judas als ihren Gott an- und aufnehmen sollen.

    Wie kommt er? Nicht allein gewaltig oder mit Macht, sondern auch mit seinem Lohn und mit seiner Vergeltung, die vor ihm ist. Was für ein Lohn, was für eine Vergeltung ist das? Nicht der Lohn, den er seinen Feinden gibt, nicht die gerechte Vergeltung für ihre Feindschaft, sondern der Lehn, den er seinem Zion bringt und zuführt, nämlich die durch seine mächtigen Taten Erlösten, die an ihn gläubig gewordenen, die er von der Obrigkeit der Finsternis errettet hat; es sind die Schafe aus dem anderen Stall, die Heiden, die er herführt und mit seiner Herde vereinigt. Die hat er nicht durch die Gewalt der Waffen, sondern durch sein Wort, sein Evangelium, erkämpft und gewonnen; denn dies Wort ist ein mächtiges Wort, das den Fürsten der Finsternis bezwingt, die Ketten er Sünde sprengt. Oder ist es nicht so, meine Freunde? Blickt in die Geschichte seines alt- und neutestamentlichen Reiches. Er sendet Pharao die Botschaft: „Lass man Volk ziehen!“ Dieser antwortet vermessen: „Wer ist der HERR, dessen Stimme ich gehorchen müsste?“ Er wird mit Ross und Reitern im Roten Meer ersäuft. Da steht der stolze Nebukadnezar auf seiner stolzen Burg; aber er wird auf das Feld in den Tau des Himmels geworfen. Das stockte Volk der Juden will ihn nicht über sich herrschen lassen, darum wir ihre Stadt samt dem Tempel in einen Trümmerhaufen verwandelt. Die Heiden toben gegen ihn, und die Herren lehnen sich auf gegen ihn, den Gesalbten; sie toben gegen ihn mit Feuer und Schwert. Sein Reich aber erstreckt sich heute von den Eisgestaden des Nordens bis unter die Palmen des heißen Südens; die Inseln schweigen vor ihm und huldigen ihm. Sein Arm, sein mächtiges Wort der Gnade, herrscht unter den Völkern, unter denen die Botschaft Zions: „Siehe, da ist euer Gott!“ erschollen ist und noch erfüllt.

    Darum sollen auch wir, sein neutestamentliches Zion, seine Botschaft: „Da ist euer Gott!“ wie von einem hohen Berg mit erhobener Stimme in die Städte Judas nicht allein, sondern auch in die der Heiden erschallen lassen; denn sein Arm soll und wird auch unter denen herrschen. Von welchem hohen Berg? Nicht von dem Berg Zion im gelobten Land, nicht von Sinai oder von einem anderen natürlichen Berg auf der Erde, sondern von dem Berg unseres Glaubens, des festen göttlichen Glaubens an ihn, unseren Gott und Heiland, und an die Verheißung, dass er mit seinem Arm, seinem Evangelium, herrschen wird. In und auf diesem Glauben stehend, erheben wir getrost unsere Stimme und rufen ohne Furcht und Zagen: „Seht, da ist euer Gott!“ Er kommt zu euch mit seiner Gnade, mit den Gütern des Heils, die er erworben hat, mit Vergebung der Sünden, mit Gerechtigkeit, mit Heil, mit Seligkeit; er kommt, um uns zu befreien von der Knechtschaft der Sünde, zu erretten aus der Macht Satans und aus den Schrecken des Todes. Nehmt ihn auf als euren König; denn er ist euer Gott. Dient ihm im Glauben, mit Freuden; denn er ist euer Heiland, euer Errettet, Seligmacher.

    Nehmt ihn au; denn: „Er wird seine Hede weiden wie ein Hirte und die Schafmütter führen“, so lautet der letzte Vers unserer Botschaft. Welch ein liebliches Bild, meine Zuhörer! Er, der gewaltig kommt, dessen Arm herrscht mit Macht über seine Feinde, der mit Sanftmut herrscht über die Seinen, der weidet sie, die Erlösten, wie ein Hirte, weidet sie auf den grünen Auen seines Wortes, führt sie zu den frischen Wassern seiner Gnade, erquickt ihre Seelen mit seinem Trost, führt sie auf rechter Straße, schützt sie in Nöten und Trübsalen, und die Lämmer, die Schäflein, sammelt er in seine Arme und trügt sie, nimmt sie in seiner Liebe an seinen Busen, und die Schafmütter führt er in ihrer Schwachheit sanft und milde.

    Das, meine Freunde, ist die Botschaft, die auch wir ausrichten sollen. Ist das nicht eine Botschaft des Heils, der Freude, der Seligkeit, die wir von dem hohen Berg unseres felsenfesten Glaubens aus mit lauter Stimme, ohne alle Furcht, in freudiger Zuversicht ausrichten sollen? Möge sie denn auch von uns, die wir zu Zion gehören, so erschallen hier in unserem Land, in unseren Städten und auf dem Land, auf den Bergen und in den Tälern, in den Wäldern, wo die Axt den Urwald lichtet, und auf den weiten Fluren, wo der Pflug seine Furchen zieht, ja erschallen in den entferntesten Ländern der Erde, wo die blinden Heiden zu ihren stummen Götzen flehen! Darüber lasst mich noch zum Schluss kurz reden.

 

3.

    „Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott!“ Allen Städten Judas soll diese Botschaft gebracht werden, also dem ganzen Land. Wie viele in ihren Städten kennen ihren Gott und Heiland nicht, sondern sind in heidnischer Abgötterei versunken! Ephraim hatte sich, wie es beim Propheten Hosea heißt, zu den Götzen gesellt. Und zu Götzen haben sich alle gesellt, die nicht den als ihren Gott und Heiland erkannt und angenommen haben, auf den in der Botschaft: „Siehe, das ist euer Gott!“ hingewiesen wird. Denn werden Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, da der Vater in dem Sohn geehrt wird. Der Gott, den man sich ohne Christus macht, ist weiter nichts als ein Götze. So dienen denn alle, die Christus nicht als den Sohn Gottes und Heiland erkannt haben, den Götzen und gehen verloren, wenn sie ihn nicht erkennen; denn so spricht der HERR Joh. 17: „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, dass du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“; und deswegen soll diese Botschaft: „Siehe, da ist euer Gott!“ in allen Landen erschallen, damit die Menschen an allen Enden der Erde ihn erkennen, glauben und selig werden.

    Lasst mich dies, meine Zuhörer, so darstellen: Gesetzt, ihr alle hättet von Christus noch nichts gehört, hättet ihn nicht erkannt, sondern der eine diente diesem, der andere einem anderen Götzen, und ich würde euch zurufen: Ihr seid alle Götzendiener; seht, der allein ist euer Gott, der Gott und Mensch in einer Person ist, Jesus Christus; an den glaubt, in ihm allein ist Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit – würde diese Botschaft nicht wie ein Blitz unter euch fallen? Aber so ist es stets gewesen, wo immer diese Botschaft Juden und Heiden verkündigt worden ist. Als sie von den Aposteln am Pfingstfest einer großen Menge verkündigt wurde, da hatten’s etliche ihren Spott, anderen ging sie durchs Herz. Ja, die Apostel haben mit dieser Botschaft, wie es Apg. 17 heißt, den ganzen Weltkreis erregt. Sie war den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit. Als sie Paulus den Athenern verkündigte, spotteten die Weltweisen: „Was uns dieser Lotterbube sagen?“ So ist es heute noch, wenn die Missionare diese Botschaft den Heiden verkündigen. Aber doch erweist sie sich überall als eine Gotteskraft, die selig macht alle, die daran glauben. Blickt auf den Apostel Paulus. Er verkündigt diese Botschaft in Thessalonich; die halsstarrigen Juden erregen zwar einen Aufruhr, aber doch wird eine große Menge gläubig und gesellt sich zu ihm. Er kommt nach Athen, wo die Weltweisheit damals ihren Sitz hatte. Er wandelt durch die Straßen, die links und rechts mit aus Marmor gemeißelten Götzenbildern besetzt sind, er ergrimmt im Geist über die abgöttische Stadt. Er verkündigt diese Botschaft, „das Evangelium von Jesus und von der Auferstehung der Toten“. „Es scheint, also wollte er neue Götter verkündigen“, sprechen etliche höhnisch und spottend, andere: „Wir wollen dich davon weiter hören.“ „Etliche aber hingen ihm an und wurden gläubig.“ So überall, zu allen Zeiten. Und doch hat des HERRN Arm überall, wo diese Botschaft erschollen ist, gesiegt und geherrscht. Durch diese Botschaft hat er die Götzenbilder in Athen, in Korinth, in Thessalonich und in Rom zerschmettert und in den Staub geworfen. Mochten die Epheser bei zwei Stunden schreien: „Groß ist die Diana der Epheser!“ die große Göttin ist gestürzt, ihr Tempel zerstört, und das Kreuz, das Siegeszeichen des Gekreuzigten, ist aufgerichtet. Kaiser Julian machte es sich im vierten Jahrhundert zur Lebensaufgabe, Christi Reich in seinem weiten Reich zu zerstören und das Heidentum wieder zur Herrschaft zu bringen; aber sterbend musste er ausrufen: „Endlich, Galiläer, hast du doch gesiegt!“ Ja, das Kreuz, das Siegeszeichen dessen, der gekommen ist, steht heute noch überall in den Städten und auf dem Land, und wo es noch nicht als solches aufgerichtet ist, da solle s durch diese unsere Botschaft aufgerichtet werden, bis die Verheißung erfüllt ist: „Er wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste; und seine Feinde werden Staub lecken.“ Und sie wird erfüllt werden; sein Arm wird herrschen; denn er kommt noch immer gewaltig, so wahr er Gott, Gott ist.

    So wollen denn auch wir, meine Freunde, uns als ein Zion, auf einem hohen Berg stehend, erweisen, wollen an unserem Teil unsere Stimme mit Macht erheben, indem wir unsere Missionare und Reiseprediger überall hinsenden, den Heiden und Juden und allen Abgöttischen fort und fort zuzurufen: „Seht, da ist euer Gott, Jesus Christus, euer HERR und Heiland!“ Und die an ihn gläubig Gewordenen wird er uns als Lohn zuführen; die wird er weiden als ein Hirte, als Lämmer in seine Arme sammeln und in seinem Busen tragen. Er selbst aber mache uns zur Ausrichtung dieser seligen Botschaft willig und geschickt! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum vierten Advent ueber 1. Mose 49,10: Jakobs Weissagung über den zukuenftigen Messias

 

1. Mose 49,10: Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.

 

    In Christus, unserem Heiland, geliebte Festgenossen!

    Lasst euch nicht befremden, dass ich die eben von euch vernommenen Worte der Heiligen Schrift unserer heutigen Betrachtung zugrunde gelegt habe. Sie führen uns allerdings, wenn wir auf den Zusammenhang achten, nicht in ein Haus, in welchem über die Geburt eines Kindes Freude herrscht, sondern in ein Haus, in welchem ein sterbender Greis auf seinem Bett liegt. Ein neugeborenes Kind und ein sterbender Greis, eine Wiege und ein Sterbebett stehen freilich im größten Gegensatz. Das Kind tritt durch seine Geburt in das Leben hinein, ein sterbender Greis tritt aus ihm hinaus. Jenes beginnt seine Pilgerschaft, dieser beschließt sie. Aber wie wunderbar! Der Greis, an dessen Sterbebett uns die verlesenen Textworte im Geist versetzen, schaut im Glauben in eine ferne Zukunft; er blickt im Licht der Verheißungen das Kommen, die Geburt eines Kindes, das der Welt das Heil bringen und daher den Mittelpunkt der Heilsgeschichte bilden soll.

    Dieser sterbende Greis ist der Erzvater Jakob. Er ist 147 Jahre alt. Wie wunderbar hatte ihn Gott auf seiner irdischen Pilgerschaft geführt, durch Tiefen und über Höhen, durch Nacht und durch Licht! Er hatte vor seinem Bruder fliehen und dem Laban 20 Jahre lang dienen müssen. Zudem hatten ihm namentlich die drei ältesten Söhne viel Kummer und Herzeleid bereitet. Sein frommer Sohn Joseph war von den Brüdern in die Sklaverei verkauft worden, und er hatte viele Jahre um ihn getrauert als um einen Toten. Endlich hatte ihn eine große Teuerung gezwungen, Kanaan zu verlassen und nach Ägypten zu ziehen. So konnte er der Wahrheit gemäß zu Pharao sagen: „Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens.“ Aber doch auch: Welch herrliche Offenbarungen hatte der HERR ihm zuteil werden lassen! Auf der Flucht nach Mesopotamien hatte er die Himmelsleiter erblickt und war von Gott selbst gesegnet worden. Auf der Rückkehr nach Kanaan waren ihm zu Mahanaim die Engel Gottes erschienen. An der Furt Jabbok hatte er mit Gott selbst gekämpft und gesiegt, war darauf gesegnet worden und hatte den Ehrennamen Israel erhalten. In Ägypten hatte er siebzehn Jahre in Ruhe und Frieden leben dürfen.

    Nun ist das Ende seiner irdischen Pilgerschaft gekommen. Alle seine Söhne sowie die beiden Söhne Josephs sind um sein Bett versammelt, auch Joseph selbst, der Fürst über ganz Ägyptenland. Und der scheidende Vater erteilt einem jeden einen besonderen Segen. Er beginnt mit dem ältesten, Ruben; aber er erteilt ihm nicht den Segen der Erstgeburt, mit dem ein doppelter Anteil ein Besitz und die Herrschaft über die jüngeren Brüder verbunden war, auch nicht dem zweiten, Simeon, noch dem dritten, Levi, sondern dem vierten Sohn, Juda, weil jene durch früher begangene Sünden sich des Segens der Erstgeburt unwürdig gemacht hatten. Zu Juda sich wendend, sprach der Vater: „Juda, du bist’s; dich werden deine Brüder loben.“ Vor dir werden deines Vater Kinder sich neigen. „Juda ist ein junger Löwe. Du bist hoch gekommen, mein Sohn, durch große Siege.“ Aber dieser Segen klingt in die prophetische Weissagung aus: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.“ Aufgrund diesesr Worte lasst mich denn jetzt zeigen:

 

Die Weissagung des Erzvaters Jakob von dem zukünftigen Messias

 

    Er weissagt

    1. von der Zeit seines Kommens,

    2. von seiner Person,

    3. von seiner Herrschaft.

 

1.

    Wie Jakob, obwohl der Jüngere, an Stelle seines Bruders Esau durch den Segen seines Vaters Isaak das Recht der Erstgeburt erhalten hatte, so erhielt nun Juda an Stelle des erstgeborenen Ruben dasselbe Recht durch den Segen Jakobs. Juda hatte sich unter den Brüdern durch Edelmut und Ritterlichkeit wiederholt hervorgetan. Er hatte es verhütet, dass Joseph von seinen Brüdern getötet worden war, hatte sich für Benjamin bei seinem Vater verbürgt und war bei Joseph in Ägypten für ihn eingetreten. Deswegen – besonders aber durch göttliche Lenkung – erhob ihn Jakob durch seinen Segen über seine Brüder zum Herrn und Gebieter und zum Stammvater des zukünftigen Messias, indem er weissagend sprach! „Es wird das Zepter das Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme.“

    Juda sollte das Zepter über seine Brüder führen. Was heißt das? Ein Zepter ist das sichtbare Zeichen oder Sinnbild der Herrschaft, die ein Fürst über sein Volk als seine Untertanen ausübt. Wenn Jakob daher weissagt, dass Juda das Zepter führen werde, so sagt er damit, dass er unter seinen Brüdern die Stellung eines Königs einnehmen werde. Und eben darum fügt er hinzu: „noch ein Meister von seinen Füßen“. Das Wort Meister heißt hier Herrscherstab, so dass Jakob mit diesen Worten ankündet, dass Juda auf dem Herrscherthron sitzen, und dass als Zeichen seiner Herrschaft der Herrscherstab zwischen seinen Füßen ruhen werde. Diese Weissagung Jakobs stellt Juda als einen König dar, der auf dem Herrscherthron sitzt und als Zeichen seiner königlichen Macht den Herrscherstab, dessen unteres Ende zwischen den Füßen ruht, in seiner Hand hält.

    Und wie Jakob weissagt hat, so ist es geschehen. Zwar berief Gott, als die Nachkommen der zwölf Söhne Jakobs in Ägypten ein großes Volk geworden waren, keinen aus den Nachkommen, dem Stamm, Juda zum Erretter derselben aus der Knechtschaft Pharaos und zum Führer durch die Wüste, sondern Mose aus dem Stamm Levi und zum Nachfolger Moses Josua aus dem Stamm Ephraim. Aber beim Auszug aus Ägypten und bei der Wanderung in der Wüste zog der Stamm Juda an der Spitze und bildete also den Vortrab, wodurch die hervorragende Stellung, die er einnehmen sollte, vorbedeutet war. Auch der erste König des israelitischen Volkes, Saul, gehörte nicht dem Stamm Juda, sondern dem Stamm Benjamin an. Als aber dieser verworfen, und zu seinem Nachfolger David zum König über das ganze Volk gesalbt wurde, da wurde die Weissagung Jakobs nach 635 Jahren erfüllt, dass Juda, einer aus dem Stamm Juda, das Zepter über das Volk Israel führen sollte. Von David, dem Heldenkönig Israels, an war stets einer aus dem Stamm Juda König, zuerst über alle und nach Trennung der zehn Stämme unter Jerobeam über die beiden Stämme Juda und Benjamin, die dem Haus Davids treu blieben.

    Nun weissagt aber Jakob, das Zepter, die königliche Herrschaft, solle von dem Stamm Juda nicht entwendet und der Herrscherstab zwischen seinen Füßen solle nicht weggenommen werden, bis der Held komme. Wer ist der, den er Held nennt? Kein anderer als der dem Volk verheißene König, der Messias. Mit anderen Worten: Wenn der Messias erscheine, dann werde keiner aus dem Stamm Juda auf dem Thron sitzen, sondern ein anderer über das Reich Juda herrschen, und daran sollten die Gläubigen erkennen, dass es die Zeit sei, in welcher der Messias, der Held, erscheinen müsse. Und diese Weissagung ist erfüllt worden. Denn vom Jahr 37 vor Christi Geburt an herrschte Herodes I. zu Jerusalem über das Reich Juda, der ein Idumäer, ein Nachkomme Esaus, war. So war denn das Zepter von dem Stamm Juda entwendet, der Herrscherstab von seinen Füßen genommen, und der Held kam, wurde von der Jungfrau Maria zu Bethlehem geboren und von Herodes in dem grausamen Kindermord zu Bethlehem umzubringen versucht, da er sich durch die Nachricht von dem neugeborenen König der Juden in seiner Herrschaft bedroht glaubte.

    Sehr da, Geliebte, so genau ist die Weissagung des Erzvaters Jakob auf seinem Sterbebett in dem Segen über Juda hinsichtlich der Zeit in Erfüllung gegangen. Durch göttliche Offenbarung blickte er in die Ferne von etwa 2.000 Jahren und verkündigte die Geburt dessen, der den ersten Eltern im Paradies als der Schlangentreter und Weibessame, Abraham, Isaak und ihm selbst als der Same verheißen war, in dem alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollten, der aus dem Stamm Juda und dem Geschlecht Davids entspringen sollte und entsprossen ist, da Maria aus dem Haus und Geschlecht Davids und somit vom Stamm Juda war. So singen wir mit Recht:

Da aber kam die rechte Zeit,

Von welcher Jakob prophezeit,

Las er sich eine Jungfrau aus,

Ei’m Mann vertraut von Davids Haus,

und:

Was der alten Väter Schar

Höchster Wunsch und Sehnen war,

Und was sie geprophezeit,

Ist erfüllt in Herrlichkeit.

 

Zions Hilf und Abrams Lohn,

Jakobs Heil, der Jungfraun Sohn,

Der wohl zweigestammte Held,

Hat sich treulich eingestellt.

    Aber wie Jakob die Zeit weissagte, zu welcher der Messias geboren werden sollte, so weissagte er auch von seiner Person. Das wollen wir zweitens betrachten.

 

2.

    „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister“, der Herrscherstab, „von seinen Füßen, bis dass der Held komme“, weissagt Jakob. Er nennt den, welchen sein prophetisches Auge in ferner Zukunft erblickt, Held und kennzeichnet damit seine Person.

    Blicken wir auf die Namen, die dem verheißenen Messias in der Schrift des Alten Testaments beigelegt werden. In der ersten Verheißung wird er der Same des Weibes genannt; damit wird gesagt, dass er wahrer Mensch sein werde; aber mit den Worten: „Derselbe wird dir [der Schlange] den Kopf zertreten“ wird zugleich angedeutet, dass er, wie Jakob ihn nennt, ein Held sein werde. In den Verheißungen, die Abraham, Isaak und Jakob gegeben wurden, wird er Abrahams, Isaaks und Jakobs Same genannt. Mose nennt ihn einen Propheten; denn er spricht zu dem Volk: „Einen Propheten wie mich wird der HERR, dein Gott, dir erwecken aus dir und aus deinen Brüdern, dem sollt ihr gehorchen.“ David nennt ihn die Hilfe aus Zion, indem er sein sehnliches Verlangen nach seiner Erscheinung in den Worten ausspricht: „Ach, dass die Hilfe aus Zion käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde Jakob sich freuen und Israel fröhlich sein“, und stellt ihn damit in königlicher Majestät, Macht und Würde dar, indem er im 24. Psalm sagt: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe! Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.“ Ebenso auch Salomo in den Worten des 72. Psalms: „Gott, gib dein Gericht dem König und deine Gerechtigkeit des Königs Sohn, dass er dein Volk bringe zur Gerechtigkeit und den Elenden rette.“ Am allseitigsten aber beschreibt ihn der Prophet Jesaja, der im 7. Kapitel weissagt: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“, ihn also den Sohn einer Jungfrau und Immanuel, das heißt, Gott mit uns, nennt. Sodann in der bekannten Weissagung im 9. Kapitel: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt: Wunderbar, Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und seinem Königreich.“ Der Prophet Jeremia fügt zwei weitere Namen hinzu, indem er spricht: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will; und soll ein König sein, der wohl regieren wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Und dies wird sein Name sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist [Jahwe Zedakah].“ Ein Gewächs, ein Spross Davids, nennt er ihn, weil er aus dem Geschlecht Davids nach seiner menschlichen Natur kommen und ein gerechtes Gewächs, weil er vollkommen gerecht, ohne die geringste Sünde sein wird. Aber er ist mehr als dies: auch Jahwe, HERR, unsere Gerechtigkeit, also Mensch und Gott in einer Person.

    So zahlreich diese dem zukünftigen Messias beigelegten Namen sind, so vielseitig beschreiben sie seine Person nach seinen Eigenschaften, seinem Wesen und nach der Stellung, die er einnehmen wird. Wie erhaben, alle menschliche Größe unendlich überragend, stand er nach diesen und anderen Namen durch diese Weissagung vor dem ihn erwartenden Volk da! Aber mehr oder weniger klingt in diesem Namen durch, den ihm Jakob in unserem Text beilegte, der Name Held. Er ist ein Held; denn er zertritt der alten Schlange, dem Teufel, den Kopf und nimmt ihm seine macht. Er ist ein Held; denn in ihm werden alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er ist ein Held; denn er wird die ersehnte Hilfe bringen. Er ist ein Held; denn er ist der König der Ehren, der HERR, stark und mächtig im Streit. Er ist ein Held; denn er ist der wunderbare, der starke Gott, der Ewigvater, der Friedefürst. Er ist der Held; denn er ist Immanuel und Jahwe selbst. Wer kann sich mit ihm an Kraft und Stärke messen? Wo sind die größten Helden unter den Menschen, die große Heldentaten vollbracht, mächtige Könige von ihren Thronen gestürzt, große Völker überwunden und ihrem Zepter unterworfen haben? Sie sind dahingesunken wie die Ärmsten unter den Armen; der Tod hat ihnen die Krone vom Haupt genommen und den Herrscherstab ihrer Hand entwunden. Dieser Held aber hat die Bande des Todes zerrissen. Ja:

Fürsten sind Menschen, vom Weib geboren,

Und kehren um zu ihrem Staub;

Ihre Anschläge sind auch verloren,

Wenn nun das Grab nimmt seinen Raub.

Dieser aber steht mit dem Siegeszepter auf dem Grab, hat Teufel, Tod und Hölle unter seinen Füßen, hat alle Erlöst, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten; denn er ist ein unvergleichlicher Held. Das Zepter, den Herrscherstab, der dem Stamm Juda entwendet war, hat er an sich genommen und zur vollsten Entfaltung gebracht; er wird ihm niemals entwendet werden, noch wird er seiner Hand entgleiten; denn sein Stuhl, das verkündet David im 45. Psalm, bleibt ewig, das Zepter seines Reiches ist ein gerades Zepter.

    Blicken wir nun auf die Erfüllung dieses Teil der Weissagung Jakobs in unserem Text und der späteren, die zum Teil auf ihr ruhen, sie erweitern und vervollständigen. Blicken wir auf des Messias Kommen zu der bestimmten Zeit, das heißt, auf seine Geburt zu Bethlehem, so sehen wir ein kleines Kindlein, das im Schoß seiner Mutter, der Jungfrau Maria, ruht, anscheinend nicht stark, sondern schwach, nicht mächtig, sondern ohnmächtig. Nicht in einem prächtigen Königspalast erscheint er, sondern in einem dunklen Stall, aber die himmlischen Heerscharen, die starken Helden, die Gottes Befehl ausrichten, erscheinen. Einer von ihnen verkündet den Hirten auf den Fluren Bethlehems: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Beachtet die letzten Worte: „der HERR in der Stadt Davids“; da klingt der „Held“ wieder durch. Und die ganze Schar stimmt den nie gehörten Festgesang an: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Sie verherrlichen das Kommen des Messias als das eines unvergleichlichen Helden.

    Was für eine Herrschaft aber wird er haben? Das verkündigt Jakob des weiteren, indem er seine Herrschaft in den Worten beschreibt: „Und demselben werden die Völker anhangen.“ Das lasst uns zum Schluss zu erkennen suchen.

 

3.

    Schon in den ersten Worten dieser Weissagung und in dem Namen „Held“, den Jakob dem zukünftigen Messias beilegt, ist angedeutet, dass er ein Herrscher sein werde. Wenn er nun hinzusetzt: „Und demselben werden die Völker anhangen“, so sagt er damit, was für ein Reich er haben, und welcher Art seine Herrschaft sein werde.

    „Die Völker“, sagt er, werden ihm anhangen. Diese Völker sind nicht etwa die zwölf Stämme des Volkes Israel, über die der Stamm, nämlich einer aus dem Stamm Juda, von David bis auf Rehabeam, als König herrschte; denn nicht jeder einzelne Stamm, sondern alle Stämme zusammen bilden das Volk Israel. Darum heißt es im 72. Psalm: „Er4 wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken. Die Könige am Meer und in den Inseln werden Geschenke bringen; die Könige aus Reicharabien und Seba werden Gaben zuführen. Alle Könige werden ihn anbeten, alle Heiden werden ihm dienen.“ Ebenso der Prophet Jesaja: Zu dem Berg Zion „werden alle Heiden laufen, und viele Völker hingehen und sagen: Lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Haus des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege, und wir wandeln auf seinen Steigen. Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ Nicht also nur über ein Volk oder ein Land, so weissagt Jakob, werde dieser Held herrschen, sondern über alle Völker, alle Länder der Erde.

    Und die Völker werden ihm „anhangen“, ihm willigen Gehorsam leisten. Das ist umso wunderbarer, da den Heiden kein Volk so verächtlich, so verhasst war wie die Juden. Und sie werden einem aus diesem Volk, mehr: einem, der von seinem eigenen Volk verworfen, gekreuzigt worden ist, freiwillig anhangen, sich vor ihm beugen, ihm als ihrem König gehorsam sein. Er wird sie sich nicht mit Gewalt unterwerfen, wie dies von weltlichen Fürsten und Herrschern geschieht, die durch Kriegsheere und Waffen ganze Länder erobern und sie zum Gehorsam zwingen, sondern sie werden von selbst, wie Jesaja sagt, freiwillig, ohne Zwang, kommen und ihm in Liebe anhangen, weil sie unter seiner Her4rschaft volle Glückseligkeit, Ruhe und Frieden genießen. So heißt es Ps. 110,3: „Zu deinem Heerzug wird dein Volk willig folgen in heiligem Schmuck.“ Denn obwohl der Held, der HERR, stark und mächtig im Streit, ist er doch der Friedefürst, der den Seinen Frieden ohne Ende bringt, und zwar den himmlischen Frieden, den Frieden mit Gott. Wie weit überragt also dieser Held alle irdischen Helden und Herrscher! Diese alle, auch die mächtigsten unter ihnen, herrschen nur über oder mehrere, keiner über alle Völker; jener aber herrscht über alle Völker bis ans Ende der Erde. Sie alle herrschen mehr oder weniger durch Zwang und Gewalt, durch Gesetz; er aber findet willigen Gehorsam, ihm hangen die Untertanen an, er herrscht durch Gnade. Das ist es, was Jakob von dem zukünftigen Messias, von seiner Herrschaft, weissagt.

    Und die Erfüllung? Sie hat es betätigt und bestätigt es noch fort und fort. Als er zu Bethlehem geboren war, da sangen die himmlischen Heerscharen nicht bloß: „Ehre sei Gott in der Höhe“, sondern auch: „und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“, weil in ihm der Friedefürst erschienen war. Da jubelte der fromme Simeon: „HERR, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden, und zum Preis deines Volkes Israel.“ Und als er sein Werk hier auf Erden, die Erlösung aller Völker, vollendet hatte und sich anschickte, als der sieggekrönte Held über alle Feinde zum Himmel zu fahren, da bestätigte er, dass ich so sage, die Worte: „Demselben werden die Völker anhangen“, mit dem Befehl: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Und hangen ihm heute nicht die Völker an? Herrscht er heute nicht von einem Meer bis ans andere, von dem Wasser bis an der Welt Ende? Wo sein Wort, das Evangelium, gepredigt wird, da herrscht er mitten unter seinen Feinden, da hangen ihm die Seinen, die Gläubigen, an und dienen ihm in Liebe und willigem Gehorsam.

    Selig, wer wie der Erzvater Jakob in den letzten Stunden seiner irdischen Pilgerschaft im Glauben diesem Held, der den Tod überwunden hat, anhangt. Er gelangt zu ewigem Sieg und Frieden. Amen.

 

Predigt zum Heiligen Abend ueber Lukas 2,15-20: Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie an der Geburt des Heilandes haben sollten, und wodurch soll es sich bei ihnen offenbaren?

 

Teuerste, von Gott hochgeliebte Zuhörer!  

Solche, die gar kein Wohlgefallen an der Geburt unseres Heilandes haben sollten, gibt es in der Christenheit gewiss nur wenige. Selbst der getaufte Ungläubige bleibt von der heiligen Weihnachtsfreude der Christen nicht ganz unberührt. Er, der stolze Vernunftmensch, spottet zwar über uns Christen, dass wir in diesen Tagen laut predigen und es fest glauben, dass das Jesuskindlein der Sohn des Allerhöchsten, dass in ihm die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig wohnhaft und mit ihm der Unsichtbare sichtbar gewesen sei; obgleich er nämlich zugibt, dass Gott unbegreiflich sei, so ist ihm doch das zu unbegreiflich, dass der wunderbare Gott ein Mensch wird; obgleich er zugibt, dass Gott allmächtig und ihm kein Ding unmöglich ist, so ist es ihm doch etwas zu Großes, dass der allmächtige Gott aus Liebe zu den Sündern ein ohnmächtiges Kindlein werden könne. Er will, spricht er, auch Geheimnisse glauben, aber wenn er sie begreifen könne; welch ein Widerspruch! Gott soll alles können, doch, sich selbst zu uns herabzulassen, um uns zu sich hinaufzuziehen, das sei undenkbar, das sei auch Gott unmöglich. Der Ungläubige glaubt also lieber einen ohnmächtigen, als einen menschgewordenen Gott; er glaubt lieber an eine unvollkommene Liebe Gottes, die uns nicht ganz helfen will, als an eine solche göttliche Liebe, die sich selbst opfert, damit ihre arme menschliche Kreatur nicht verloren gehe; lieber an eine menschlich beschränkte, als an eine unbegrenzte, also wahrhaft göttliche Liebe. Zwar ist also dem Ungläubigen das größte Wunder der ewigen Liebe Gottes und das tiefste Geheimnis seiner Weisheit, das wir Christen in diesen Tagen feiern, verborgen, ja, ein Ärgernis; zwar will er davon nichts wissen, dass der Geburtstag Jesu Christi der Anbruch des großen Erlösungstags aller Sünder, also das Wichtigste sei, das in der Welt seit ihrer Entstehung aus Nichts geschehen ist: aber dass die heilige Nacht der Geburt Jesu Christi wichtig und eine Nacht fröhlicher Botschaft für die Welt war, dieses muss selbst der Ungläubige, selbst der Spötter bekennen. Auch er kann es nicht leugnen, dass seit der Geburt Jesu Christi durch den Trost, welchen er gebracht hat, unzählige Tränen getrocknet worden sind. Er kann es nicht leugnen, dass mit Christus ein Licht aufgegangen ist auf dem ganzen Erdboden, das die undurchdringliche, trostlose Nacht des Heidentums zum Heil der Völker durchbrach. Er kann es nicht leugnen, dass allenthalben, wohin das Evangelium Christi drang, unaussprechliche leibliche und geistliche Segnungen ausgebreitet wurden, dass alle, die au ihn von Herzen glaubten, bessere Menschen wurden, die Gott fürchteten und ihre Mitmenschen als ihre Brüder und Schwestern liebten. Er kann es nicht leugnen: wenn alle Menschen nach Christi Lehre wirklich in allem handelten und wandelten, da würde schnell aller Streit zu Ende sein, kein Menschenblut würde mehr fließen, kein Elender und Unglücklicher würde klagen, dass er verlassen sei, keiner würde von dem andern übervorteilt, keiner vom Bruder gekränkt, keiner von Menschen betrübt werden; Ordnung, Friede, Freude, Segen, Wohlstand, Zufriedenheit, Hoffnung und alles Heil würde unter den Menschen einkehren; jeder Staat, jedes Land, jedes Haus, jede Familie würde glücklich sein und die Erde sich in ein Paradies, in einen Himmel verwandeln.  

Wohl ist es wahr, dass auch nach der Geburt Christi unglaubliches Elend und Verderben mitten in der Christenheit herrschte, unzählige Tränen geweint und erschreckliche Missetaten verübt worden sind; aber woran lag dies? Nicht an Christo und seinem teuren Evangelium, sondern daran, dass das Licht erschien, und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Dass aber in dem Evangelium selbst zeitliches und ewiges Heil für die Menschen verborgen liege, wie der Fruchtbaum im Samenkorn, das müssen selbst solche bekennen, die nicht daran glauben. Selbst das Herz des Ungläubigen wird daher bewegt, wenn er hört: Heut ward Christus, heut ward der Heiland geboren.  

Doch, meine Lieben, das ist das Wohlgefallen nicht, welches jene. himmlischen Boten von den erlösten Menschen allein forderten. Worin dasselbe eigentlich bestehe, das euch zu zeigen, dazu sei die gegenwärtige festliche Stunde gewidmet.  

 

Lukas 2,15-20: Und da die Engel von ihnen zum Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der HERR kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehöret und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

 

Woran wir Menschen unser Wohlgefallen haben sollen, das haben wir gestern von den heiligen Engeln gehört, nämlich an der in der Geburt Jesu Christi geoffenbarten höchsten Liebe Gottes und an den allerseligsten) Früchten, welche dieselbe gebracht hat. Worin aber dieses Wohlgefallen bestehe und wie es sich an uns offenbaren solle, dies sehen wir heute an dem Beispiel der bethlehemitischen Hirten. Lasset mich euch daher jetzt die Frage beantworten:  

 

Worin besteht das Wohlgefallen der Menschen, das sie an der Geburt ihres Heilandes haben sollen, und wodurch soll es sich bei ihnen offenbaren?

 

1. es besteht darin, dass wir, wie die Hirten, alles andere stehen lassen und das Christkindlein eilends aufsuchen und annehmen, und  

2. es soll sich dadurch offenbaren, dass wir die von uns erfahrene Gnade auch andern erzählen und darüber Gott preisen und loben.  

 

1.

Der Mensch ist, meine Lieben, von Natur so gesinnt, dass er für ein großes Geschenk ein ebenso großes, wenn nicht noch größeres Gegengeschenk begehrt. Gott aber hat uns durch die Geburt Christi seinen eingeborenen Sohn geschenkt und mit ihm eine Seligkeit, eine Hoheit, eine Herrlichkeit, die keine Zunge ausreden und kein Menschenherz fassen kann. Wäre nun Gott auch gesinnt, wie der Mensch, wer könnte sich dann seines Geschenkes wohl freuen? Denn was könnten wir Gott dafür geben? Wir armen Bettler besitzen ja nichts, was Gott nicht gehörte, als unsere Sünde!

Aber wohl uns! Gott gibt uns überschwänglich, und wenn wir fragen: was will Gott von uns dafür haben? womit sollen wir seine unaussprechliche Gabe erkaufen? so antworten uns die Engel auf Gottes Befehl: „Den Menschen ein Wohlgefallen.“ Wir sollen uns also das, was uns Gott gibt, nur herzlich wohl gefallen lassen, das ist alles, was Gott von uns fordert; mehr will er nicht. O Güte, o Menschenfreundlichkeit, o Sünderliebe Gottes, wie groß bist du! Du gibst uns deinen Sohn, du erhebest uns aus Sünde und Elend zu himmlischer, ewiger Freude, und du willst dafür von uns nichts, als dass wir uns nur freuen, dass du so gütig bist! O, dass wir dies doch alle erkennten und vor Freude weinend uns dir zu Füßen legten!

Die lieben Hirten verstanden die Engel recht wohl. Was taten sie nämlich? Sie ließen es nicht dabei bewenden, die glänzende Erscheinung zu betrachten, auf den Gesang der himmlischen Chöre zu lauschen und die Freudenbotschaft zu bewundern; sie gingen auch nicht erst hin in ihr Haus, sich Kleider zu holen, um schön geschmückt vor dem HERRN zu erscheinen; nein, kaum hatten sie gehört: „Euch ist heute der Heiland geboren; und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend“, so vergaßen sie jetzt ihrer Heerde, vergaßen den Glanz der Engel und den geöffneten Himmel, besprachen sich freundlich unter einander, und verließen alles und eilten, wie sie waren, in dunkler Nacht nach Bethlehem, „die Geschichte zu sehen, die da geschehen war, die ihnen der HERR kundgetan hatte“; und siehe, was sie gesucht hatten, fanden sie. Mit welcher Freude werden sie nun das Kindlein aus seiner Krippe genommen, es geküsst, an ihr Herz gedrückt und es mit ihren Tränen benetzt haben! Da wird einer nach dem andern ausgerufen haben: O, mein Heiland, mein Heiland! auch für mich bist du gekommen, auch für mich, der ich ein Bettler und ein Sünder bin! O, wie selig bin ich nun! Nun will ich gern sterben; nun weiß ich gewiss, Gott kann mich nicht hassen, nein, er liebt auch mich, auch ich werde selig, der Himmel steht mir offen!  

Hier sehen wir, meine Lieben, an einem schönen Beispiel, worin das Wohlgefallen besteht, was Gott allein von unserer Seite fordert. Ist uns die Geburt Jesu Christi verkündigt worden, so macht uns nun das nicht selig, wenn wir uns nur über die Tiefe dieses Geheimnisses und über die Größe der darin geoffenbarten Liebe Gottes verwundern und davon bewegt und gerührt werden. Noch viel weniger sollen wir uns dann mit unseren eigenen Werken und Tugenden oder mit unserer Reue und Buße schmücken wollen, uns unserm Heilande angenehm und seiner Freundschaft und Gewogenheit würdig zu machen. Nein, wie wir sind, sollen wir dann eilends im Geiste nach Bethlehem gehen, Jesus aus seiner Krippe herausnehmen, ihn herzen und küssen, und sagen: Du bist auch mein Heiland, auch für mich erschienst du in dieser Welt, auch mir zugute wurdest du ein Kindlein.  

Hier sind wir nun bei der Hauptsache des ganzen Weihnachtsfestes. angekommen. Das ist es, worauf alles ankommt, nämlich der Glaube. Vergeblich wäre all mein Predigen, und könnte ich mit Engelzungen zu euch sprechen; vergeblich wäre all euer Zuhören, und wenn ihr in eine noch so große Freude eures Herzens und in ein noch so großes Erstaunen über Gottes anbetungswürdige Tat dabei versetzt würdet, käme es nicht mit uns dahin, dass wir daran auch glauben, dass wir nämlich mit Zuversicht sagen: Das Kindlein in der Krippe ist mein Kindlein; es ist auch zu mir gekommen; es sucht auch mich; seine Liebe auch zu mir hat es in seine Armut und Niedrigkeit herabgetrieben; auch mit mir will es tauschen; ich gebe ihm meine Sünde, und es gibt mir seine Gerechtigkeit; ich gebe ihm mein Elend, und es gibt mir seine Herrlichkeit; ich gebe ihm meine Schwachheit, und es gibt mir seine Stärke; ich gebe ihm meine Not, und es gibt mir seine Seligkeit; ich gebe ihm meine Hölle, und es gibt mir seinen Himmel.

Das ist aber bei den meisten Menschen eben der Berg, an welchem sie in den Weihnachtspredigten stehen bleiben; diesen Berg wollen nur wenige besteigen. Es ist der Berg Morija, aus welchem Isaak geopfert werden soll. Ich fürchte, dass auch mancher unter uns gerade in diesem Punkte sich selbst betrügt und, wie die Knechte Abrahams, unten am Berge bleibt. Die meisten freuen sich über das Kindlein, aber wie über ein fremdes; sie freuen sich über die liebliche Weihnachtsgeschichte, aber als ginge sie sie selbst nichts an; das heilige, fröhliche, selige Fest geht vorüber, und den meisten verstreicht es so vergeblich. O, dass dies nicht auch diesmal geschehe!  

Bedenket, Gott hat seinen Sohn nicht den Engeln, nicht den gefallenen Geistern in der Hölle oder sonst einer anderen Kreatur gesendet und geschenkt, sondern der Welt, den Menschen, eben dir und mir. Greifen wir nun nicht zu, wollen wir das süße Kindlein nicht aus seiner Krippe heben, es uns zueignen und es annehmen, wer soll es dann tun? Gott braucht es nicht, für die Engel ist es nicht--seht also, dann hat Gott den Reichtum seiner Liebe vergeblich an uns verschwendet.  

Aber, spricht unser Herz, ich bin ein Sünder; blicke ich nur zurück auf den gestrigen Tag, so höre ich schon, wie mich mein Gewissen verklagt. Wie darf ich mit meinem bösen Gewissen zu dem heiligen Kinde nahen? In meinem Innern heißt es: Zurück, Verwegener! strecke deine Hand nicht nach dieser hohen Gabe Gottes aus, die ist nicht für dich. Mach einem heiligen David, einem heiligen Petrus, einem heiligen Paulus Platz.-- Aber, meine Lieben, so redet wohl unser Herz, aber so hat sich Gottes Herz nicht gegen uns offenbart. Dürfen Sünder nicht zugreifen, wer darf es dann tun? Was war ein David, ein Petrus, ein Paulus, die sich alle rühmen, dass Jesus auch ihr Heiland sei? Waren sie nicht Sünder, nicht große Sünder? Hat nicht David einen tiefen Fall getan, nicht sogar seine Hände mit unschuldigem Blut befleckt? Hat nicht Petrus seinen HERRN dreimal verleugnet? Hat nicht Paulus, da er noch ein Saulus war, die Gemeinde Gottes verfolgt? Sind sie nicht alle erst dadurch heilig geworden, dass sie Christus ihre Sünde gaben und dafür seine Gerechtigkeit annahmen? -- Und warum ist Christus in die Welt gekommen? Geschah es nicht darum, weil wir Menschen alle Sünder sind? Darum:

Und spräch’ dein Herze lauter Nein,

Das Wort lass dir gewisser sein.

 

Aber, spricht hierbei vielleicht mancher, wohl weiß ich, dass auch große Sünder an der seligen Geburt Jesu Christi Theil haben sollen, aber sie müssen sich auch bessern, und das ist es, was mir fehlt. -- Der du so redest, sage, wo stehet das geschrieben, dass sich der Mensch erst gebessert haben müsse, ehe er zu Christo Zuflucht nehmen dürfe?-- Nirgends, als wiederum in deinem Herzen. -- Wohl soll der Sünder sich bessern, aber das ist es nicht, womit das Christentum anfängt. Erst muss der Mensch Gnade haben, ehe er sich bessern kann. Erst muss er gerecht und selig sein, ehe er gerecht wandeln und den Weg zur Seligkeit gehen kann. Nicht wir, sondern Gott muss den ersten Stein zum Werk unserer Seligkeit legen. Erst müssen wir Christum haben, dann erst können wir in Christo leben. Könnte und sollte der Mensch selbst etwas tun, dass er Gott annehmbar würde, so hätte Gott nicht, so zu sagen, seinen ganzen Himmel ausgeleert, um uns auf der Erde zu helfen, Gott hätte sich es nicht das Teuerste kosten lassen, was er selbst hatte; so wäre Gottes Sohn nicht ein Mensch geworden. Dieser aber hat alles verrichtet, er hat auch den letzten Heller bezahlt, nichts, nichts ist, was auch wir noch dazu beitragen könnten. Wir müssen zu ihm kommen als Sünder, eilends zu ihm kommen, und kommen, wie wir sind. Nichts, nichts wird von uns gefordert, als dass wir uns das Christkindlein wohl gefallen lassen und von Herzen sagen: Ich bin ein Glied dieser Welt, ich bin ein Mensch, ich bin ein Sünder, darum bin ich dein und du bist mein, unser Tausch soll ewig sein.  

O, so machet denn alle eure Herzen los von allen anderen Dingen, habt euer Wohlgefallen nicht an Gold und Silber, nicht an irdischer Lust und Herrlichkeit, überlasst das der Welt, die nach keinem Himmel und nach keiner Seligkeit fragt, die an keinen Gott und kein ewiges Leben glaubt, die da spricht: Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot und dann ist alles aus. Ihr aber lasst euch unterdes das Kind wohl gefallen, das euch der himmlische Vater geschenkt hat, so hat Gott wieder an euch Wohlgefallen, so kommt ihr dahin, wo das Kind hergekommen ist; dann ist euer Leben nichts als ein kurzes Warten auf die Offenbarung eurer Seligkeit, dann seid ihr wiedergeboren zum ewigen Leben. Es gibt Leute, welche, wenn ein Gewitter naht, ein kleines Kind auf ihren Arm nehmen; sie denken, dann seien sie sicher, dass kein Blitzstrahl sie treffe; denn Gott werde ja eines unschuldigen Kindleins schonen. Aber auch unsere Kinder sind Sünder; sie können uns nicht schützen; aber das Christkindlein, das ist ohne Sünde; das ist Gottes liebes heiliges Söhnlein, an welchem er Wohlgefallen hat; tragen wir dieses auf den Armen unsers Herzens, dann sind wir sicher vor allen Gewittern; erscheinen wir, dieses Kind auf unsern Armen, in Gottes Gericht, so sind wir freigesprochen, ja, kämen wir damit in die Hölle, so würden wir auch mitten in der Hölle den Himmel haben.  

 

2.

So habt ihr denn nun gehört, worin das Wohlgefallen besteht, das wir an der Geburt Christi haben sollen; höret nun zweitens, wodurch sich dasselbe offenbaren solle.  

Auch dieses lernen wir an dem Beispiel der Hirten. Von ihnen heißt es nämlich zuerst: „Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war.“ Ihr Herz war also durch den Anblick des Kindes so voll geworden, dass auch ihr Mund davon überging. Die Freude war in ihrer Seele wie eine verschlossene Flamme, die nun in feurigen Worten mächtig herausbrach. Es heißt von ihnen nicht nur, dass sie das Geschehene und Gehörte nicht verschwiegen hätten, sondern: „sie breiteten das Wort aus“, sie warteten also nicht, bis jemand sie darnach fragte, sie eilten von Ort zu Ort, die wunderbare, fröhliche, wichtige Kunde bekannt zu machen. Was sie geglaubt hatten, das mussten sie auch bekennen. Wir können uns wohl denken, dass sie von den meisten verachtet und als törichte Schwärmer verlacht worden sind. Den schlechtesten Empfang haben sie mit ihrer Botschaft gewiss zuerst in dem gottlosen Gasthause bekommen, aus welchem man das himmlische Kind hinausgewiesen und worin man ihm kein Räumlein gegönnt hatte. Ihr seid Narren, wird der Wirth und seine Gäste ihnen zugerufen haben, euch hat geträumt, das ist ein elendes Bettelkind und nichts weiter, geht uns aus den Augen! Aber das entmutigte die Hirten dennoch nicht; sie gingen weiter und ihre Nachricht erweckte bei allen Verwunderung, vor die sie kam.  

Sehe hier, meine Lieben, was auf das rechte Wohlgefallen an dem Christkindlein folgt; dieses nämlich, dass man die erfahrene Gnade auch andern erzählt. Wird freilich die Weihnachtspredigt nur mit den Ohren gehört, da ist es kein Wunder, wenn man darüber auch gegen andere schweigt; da hat man in den heiligen Festtagen andere Dinge zu bereden, die dem armen eitlen Herzen wichtiger und angenehmer sind, da redet man von schönen neuen Kleidern, von fleischlichen Belustigungen, kurz, von den Dingen dieser Welt.   

Ist aber die himmlische Botschaft in das Herz gedrungen und hat sie uns mit innigem Wohlgefallen erfüllt, da freut man sich über andere Dinge, als freute man sich nicht, da isst und trinkt man, als äße und tränke man nicht, da kleidet man sich, als kleidete man sich nicht; da wird uns alles andere so klein, so gering, so nichtig, dass gerade dieses in der Herberge unsers Herzens keinen Raum findet. An einem solchen Fest ist dem lebendig ergriffenen Christen jedes andere Gespräch, wenn es nicht nötig ist, wie ein Misslaut in den in diesen Tagen von den Engeln für die Welt aufgeführten harmonischen Gesängen. Da wird der Vater zum Kind und lallt seinen Kindlein von dem Christkindlein vor und sucht sie durch die irdischen Geschenke auf das himmlische Christgeschenk zu lenken. Da werden Gatten vertraulich und teilen sich die im Herzen sich regende Freude mit. Da versammeln sich Freunde und Freundinnen, als wären sie versammelt in dem Stalle, wo eins nach dem andern das holde Kind auf seinen Armen wiegt und dem andern es anlobt und anpreist.  

Ja, wo das Wohlgefallen in einem Christen recht groß wird, da kann er nicht umhin, wo er nur Gelegenheit findet, auch denen, die das Kindlein noch verachten, ein feuriges Wort aus seinem brennenden Herzen in die Seele zu rufen. Da achtet man es nicht, ob man darum bei der Welt für einen schwärmerischen Thoren angesehen wird. Man kann nicht anders: weil man von Herzen glaubt, muss man auch mit dem Munde bekennen.  

Sprich nicht, lieber Zuhörer, ich bin kein Prediger, ich kann nicht predigen. Die lieben Hirten waren auch keine Prediger, sondern die einfältigsten Laien unter dem jüdischen Volke, und doch predigten sie jetzt mit apostolischer Kraft und Freudigkeit, obgleich es ihnen von keinem Engel geboten war; sie konnten nicht anders. Lass dir nur erst das Kindlein in der Krippe recht wohl gefallen und dein Herz dir nehmen, behalte, wie Maria, alle Worte, die du gehört hast, und bewege sie in deinem Herzen, dann wirst du nicht fragen: darf ich auch von Christo predigen, da ich kein Prediger bin? sondern ehe du fragest, hast du es schon mit Gebärden, Worten und Werken getan. Du wirst dann nicht klagen: O, ich kann nicht reden von solchen Dingen, sondern du wirst vielmehr ausrufen: Ich kann ja nicht schweigen von dem, das meine ganze Seele erfüllt hat.  

Doch wir hören nun endlich von unseren Hirten auch dieses: „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, das sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.“ Als ordentliche Prediger warfen sich also die lieben Hirten nicht auf, wie unsere jetzigen Schwärmer tun, sondern nachdem sie im Umgang mit den Leuten ihr Herz ausgeschüttet hatten, kehrten sie wieder zurück und hüteten wieder wie vorher ihrer Schafe und priesen und lobten nun Gott bis an ihr seliges Ende.  

Fragt ihr also, welche Veränderung geht dann mit einem Menschen vor, wenn er durch das Wohlgefallen an der Geburt des Christkindleins zur Wiedergeburt kommt? so ist die Antwort: Ein solcher Mensch bleibt in seinem irdischen Beruf, aber darin lobt und preist er täglich seinen Gott, dass er ihm ein Kindlein geschenkt hat, mit welchem er sich trösten kann wider seine Sünde, trösten wider alle Noth, trösten selbst wider den Tod.  

Sonst ist kein wesentlicher Unterschied zwischen einem Christen und einem Kind dieser Welt. Ein Weltkind achtet das Kindlein nicht, und danket Gott dafür nicht; dieses denkt, gäbe mir Gott Geld, so könnte er sein elendes Kindlein immer behalten. Der Christ aber spricht: 

Weg Welt, hier ist mein Schmuck, mein Gold,

Weg, hier ist mein Vergnügen,

Hier find ich, was mein Herz gewollt,

Drum lass ich alles liegen.

 

Ja, Kindlein, liebes Kindelein,

Du sollst mein Ein und Alles sein.

So oft ich lache, lach’ ich dir,

Dir fließen meine Tränen,

Mein Himmel bist du mir schon hier,

Du stillst des Herzens Sehnen.

Mein Heil, mein HERR und Gott bist du,

Bringst meinen Geist zu seiner Ruh’.

 

Drum schlägt mein Herz, drum wallt mein Blut

Mit Dank und Preis und Loben,

Dir, Vater, für das höchste Gut,

Das du mir gabst von oben.

Komm bald, mein Vater, hole mich,

So will ich ewig preisen dich.

 

Ach, wie unselig ist der, wie beklagenswert, wer in dieses Lob des neugeborenen Heilandes noch nicht einstimmen kann! Vor dem möchte heute Sonne, Mond und Sterne ihren Schein verlieren, den möchte die ganze Christenheit mit heißen Tränen beklagen, als den Elendesten unter allen Kreaturen; denn kommt ein Mensch auf dieser Welt nie zu dieser Freude, dann ist er vergeblich geschaffen, dann hat er umsonst auf dieser Erde gelebt und ihm wäre besser, er wäre nie geboren.  

Aber selig ist der, dem Gott die Gnade geschenkt hat, Bethlehem für seine rechte Vaterstadt und Jesus für sein Kindlein zu erkennen, der wohnt hier an den offenen Thoren des Himmels, ihn beneiden die höllischen Geister, ihn beglückwünschen alle Engel, und Gott selbst freut sich über ihn, dass er ihn so überschwänglich selig machen konnte.  

Dazu helfe Gott mir und euch allen, und bewahre uns darinnen zum ewigen Leben. Amen, in Jesu Namen! Amen.  

 

Alttestamentliche Predigt zum ersten Christtag ueber Jesaja 9,6-7: Die freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja

 

Jesaja 9,6-7: Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunderbarer Rat, Starker Gott, Ewigvater, Friedefürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und in seinem Königreich, dass er’s zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

 

    In dem neugeborenen Heiland, geliebte Zuhörer!

    Die Geburt Christi, des Weltheilandes, steht im Mittelpunkt der Weltgeschichte. Alle Weissagungen des Alten Testaments haben sie zum Inhalt oder nehmen auf sie Bezug als auf ein Ereignis, das alle anderen an Größe und Wichtigkeit weit übertrifft. Mit und in seiner Geburt soll der Welt das Heil, die Errettung kommen. Er soll der alten Schlange, dem Teufel, der durch den Sündenfall die gesamte Menschheit in seine Gewalt gebracht hat – so verkündigt die erste der Weissagungen –, den Kopf zertreten, ihm seine Macht nehmen und die sündigen Menschen aus ihrer Gefangenschaft befreien. In ihm, dem Samen Abrahams, sollen – so verkündigt eine weitere Weissagung – alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Er wird der große Held sein, dem die Völker in willigem Gehorsam anhangen werden. Mit seiner Erscheinung wird eine neue Zeit beginnen, eine Wandlung eintreten, die vorher nie geschehen, wird der Lauf der Welt gleichsam in neue Bahnen gelenkt werden. Himmel und Erde, durch den Fall der Menschen getrennt, sollen durch die Geburt des Weltheilandes wieder vereinigt werden.

    Darum stehen denn auch alle Propheten des Alten Testaments als die von Gott gesandten Herolde auf den Mauern Zions, erheben ihre Stimme, weisen mit ausgestreckter Hand auf ihn und rufen dem Volk ein „Siehe“ nach dem anderen zu. „Siehe“, ruft Jesaja im siebten Kapitel aus, „eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“; im neunten Kapitel: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über die da wohnen im finstern Land, scheint es hell“; im 60. Kapitel: „Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber dir geht auf der HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden in deinem Licht wandeln und die Könige im Glanz, der über dir aufgeht.“ Der Prophet Jeremia ruft aus: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David ein gerechtes Gewächs erwecken will, und soll ein König sein, der wohl regieren wird und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Zu derselben Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, dass man ihn nennen wird: HERR, der unsere Gerechtigkeit ist [Jahwe Zedaka].“ Die Finsternis der Welt soll in Licht, die Ungerechtigkeit in Gerechtigkeit verwandelt, das drückende Joch soll zerbrochen werden, völlige, selige Freiheit soll an dessen Stelle treten, der Unfriede, in dem sich die Menschen verzehren, soll weichen, seliger Friede anstatt dessen zur Herrschaft gelangen; denn so lautet die Weissagung im 72. Psalm. 2Zu seinen Zeiten wird blühen der Gerechte und große großer Friede, bis dass der Mond nimmer sei.“  Diese uns ähnliche Verheißungen erhellten die Dunkelheit der Nacht, in der die Menschen einherwandelten; sie waren die hell-leuchtenden Sterne am Himmel der Kirche und lenkten die Blicke derer, denen sie leuchteten, auf das kommende große Licht, das das ganze Volk erleuchten sollte, erfüllten die Herzen der Gläubigen mit Sehnsucht auf seine Erscheinung, wie wir an den Worten Davids erkennen: „Ach, dass die Hilfe aus Zion über Israel käme, und der HERR sein gefangenes Volk erlöste! So würde Jakob fröhlich sein und Israel sich freuen.“

    Aber nicht nur mit Sehnsucht und Verlangen erfüllten die Weissagungen die Herzen der Gläubigen im Alten Testament, sondern auch mit großer Freude. So ruft Jesaja im 49. Kapitel im Hinblick auf die Erscheinung des Messias und sein Werk aus: „Jauchzt, ihr Himmel; freue dich, Erde; lobt, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.“ Von solcher Freude war auch sein Herz erfüllt, als er in dem heutigen Text die Botschaft verkündigte, die wir nun näher zur heutigen Festfeier miteinander betrachten wollen, nämlich:

 

Die freudenreiche Weihnachtsbotschaft des Propheten Jesaja

 

    Diese verkündigt er im Hinblick

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Auf die Person,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Auf die Namen,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Auf die Herrschaft des Heilandes.

 

1.

    Dass der Prophet mit großer Freude erfüllt war, als er diese Botschaft dem Volk überbrachte, erkennen wir, wen wir auf die Worte im Vorhergehenden blicken, mit denen unser Text im innigsten Zusammenhang steht: „Vor dir aber wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn aller Krieg mit Ungestüm und blutigem Kleid wird verbrannt und mit Feuer verzehrt werden“, und als Grund dafür nun ausruft: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter.“ Also durch die Geburt dieses Kindes wird ein so friedenvoller Zustand herbeigeführt, ein Reich des Friedens errichtet werden. Aber wie sein eigenes Herz voll Freude ist, so sollen auf die Herzen des Volkes darüber voll Freude werden, denn das Kind ist nicht ihm allein, sondern allen geboren, weshalb er verkündigt: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.“ Und diese Freude sollen sie empfinden zunächst im Hinblick auf die Person des Kindes.

    Welch eine eigenartige Bewandtnis hat es denn mit diesem Kind? Beachtet, dass Jesaja nicht nur sagt: „Uns ist ein Kind geboren“, sondern hinzufügt: „Ein Sohn ist uns gegeben.“ Dieses Kind ist von einer Frau, und zwar, wie er schon im siebten Kapitel geweissagt hat, von einer Jungfrau geboren; denn: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Aber es ist nicht nur dieser Jungfrauen Kind, sondern auch ein von Gott gegebener Sohn, das heißt, der Sohn Gottes. Dass dies der eigentliche Sinn ist, sagt Paulus mit den Worten: „Da aber die Zeit erfüllt wurde, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau.“ Also der Jungfrauen und doch zugleich Gottes Sohn. Sofern er von einer Frau, einer Jungfrau, geboren ist, ist er wahrer Mensch; sofern er von Gott gegeben ist, ist er Gottes Sohn; und doch sind es nicht zwei Söhne, voneinander gänzlich unterschieden, sondern es ist nur ein Sohn, eine Person, in der die Gottheit und Menschheit unzertrennlich miteinander vereinigt sind. Die Gottheit ist nicht zur Menschheit und die Menschheit nicht zur Gottheit geworden, beide sind nicht miteinander vermischt, zu einer gottmenschlichen Natur geworden, sondern zu einer gottmenschlichen Person, die wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Der Sohn der Jungfrau ist Gottes Sohn. Das Wort ist Fleisch geworden; Gott ist durch die Geburt offenbart im Fleisch. Darum aber ist diese Weissagung des Propheten eine so freudenreiche, darum sollen wir uns freuen, große Freude empfinden.

    Weshalb? Weil wir daraus zunächst die Größe der Liebe Gottes zu uns erkennen. Wenn wir Menschen jemandem aus herzlicher Zuneigung ein Geschenk machen, so ist der Wert des Geschenkes der Wertmesser unserer Liebe zu ihm. So auch bei Gott. darum heißt es Röm. 5,8: „Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren“, und Röm. 8,32: „Welcher auch seinen eigenen Sohn nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben.“ Ja, der HERR selbst ruft voll Verwunderung aus: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Gott ist die Liebe, und darum gibt er der Welt das, was er über alles liebt: den Sohn seiner Liebe. Deshalb singen wir denn auch mit dem Dichter in inniger Weihnachtsfreude:

Sollt uns Gott nun können hassen,

Der uns gibt, was er liebt

Über alle Maßen?

Gott gibt, unserem Leid zu wehren,

Seinen Sohn aus dem Thron

Seiner Macht und Ehren.

    Dieser Sohn, lasst es mich noch einmal betonen, ist uns gegeben. Nicht den heiligen Engeln, die bedurften seiner nicht als eines Heilandes, sondern uns, den Menschen, den Sündern, den Errettungsbedürftigen, den Hassenswürdigen. Der heilige Gott, dem die Seraphim das Loblied singen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll“, der seinem Wesen nach von allem Unheiligen, Sündlichen weiter entfernt ist als der Himmel von der Erde – mehr noch, der allem Unreinen und Sündlichen gegenüber ein verzehrendes Feuer ist: Dessen Liebe zu uns sündigen Menschen ist so groß, dass er uns seinen einigen Sohn schenkt, und zwar so, dass er ihn unser Fleisch und Blut annehmen, von einer Frau geboren werden, unsern Bruder werden lässt. Ja, eben dadurch sind Himmel und Erde, Gott und die Menschen, wieder vereinigt worden! Gott ist nicht mehr fern von uns Menschen, sondern zu uns vom Himmel, von dem Thron seiner Majestät, herabgekommen und wandelte in menschlicher, sichtbarer Gestalt unter den Menschen, wie Johannes ausruft: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“; und er wohnt, wenn auch unsichtbar, noch immer unter den Gläubigen. Dessen sollen wir uns daher von Herzen freuen und mit dem Dichter fröhlich singen:

Des sollt ihr billig fröhlich sein,

Dass Gott mit euch ist worden ein;

Er ist geborn eur Fleisch und Blut;

Eur Bruder ist das ewge Gut.

   Aber wie diese Botschaft deswegen eine freudige ist, weil sie uns den Heiland in einer solchen Person verkündigt, so auch zweitens, weil sie ihm so wunderbare Namen beilegt.

 

2.

    „Und er heißt“, so lautet die Botschaft weiter, „Wunderbarer Rat, Starker Gott, Ewigvater, Friedefürst.“ Das sind vier Doppelnamen, die dieses Kind – wie die ersten Worte nach seiner Person – nach seinem Werk bezeichnen.

    Wie die letzteren Doppelnamen sind, so auch die zwei ersten, so dass wir lesen: Wunderbar an, von Rat oder ein Ratgeber. Muss er nicht ein wunderbarer Ratgeber sein, da er Gott und Mensch in einer Person ist? Und das ist er nicht nur, insofern er Gott ist, sondern auch als Mensch, da ihm die göttlichen Eigenschaften, wie die Allmacht und Allgegenwart, so auch die Allwissenheit mitgeteilt sind. Sein Verstand ist unbeschränkt, seine Weisheit ist unermesslich; vor ihm ist nichts verborgen, und seine Ratschlüsse sind unfehlbar. Daher heißt es Kol. 2,3: „In ihm liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis“ und 1. Kor. 1,30: „Christus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit.“ Und hat er uns nicht den ganzen Rat Gottes zur Seligkeit offenbart, den Rat, der von der Welt her ein Geheimnis war? In welcher Lage du dich auch befinden magst, frage ihn um Rat, er gibt ihn dir. Bist du in Gewissensnot, drücken dich deine Sünden, so ruft er dir zu: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Fragst du: Wie erlange ich das ewige Leben? so sagt er dir: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.“ Fragst du: Was wird mit mir im Tod? So antwortet er dir: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ Fragst du endlich: „Was geschieht mit mir nach dem Tod? So gibt er dir die tröstliche Antwort: „Das ist der Wille des, der mich gesandt hat, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, habe das ewige Leben; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“ Siehe, solch ein wunderbarer Ratgeber ist er in diesen und in allen anderen Dingen.

    Der zweite Doppelname ist „Starker Gott“. Wie, so müssen wir ausrufen, ein Kind, das in einer Krippe gebettet ist, das von den Armen seiner Mutter aufgehoben und getragen wird – und doch stark? So ist es! Blicke auf ihn, als dieses Kind zum Mann herangewachsen sind, so siehst du, wie stark er ist! Durch ein Wort gebietet er den tosenden Wellen des Meeres, und in einem Augenblick ist es ganz still. Durch sein Wort ruft er den Jüngling zu Nain ins Leben zurück, den Lazarus aus der Verwesung des Grabes hervor, macht er die Blinden sehend, die Lahmen gehend, die Aussätzigen rein. Vor seinem Wort fliehen die Teufel, entschwinden sonst unheilbare Krankheiten. Und diese starke, allmächtige Kraft hat er nicht erst durch seine Taufe erhalten, sondern die hatte er schon als Kind. Das Kind, das von Maria getragen wurde, trug Himmel und Erde. Da singen wir mit Recht:

Den aller Weltkreis nie beschloss,

Der liegt in Mariens Schoß;

Er ist ein Kindlein worden klein,

Der alle Ding erhält allein.

    „Ewigvater“ lautet der dritte Name diese neugeborenen Sohnes. Auch hierbei müssen wir staunend fragen: Wie, ein eben geborenes Kind und doch „Ewigvater“? In welcher Beziehung wird es denn Vater genannt? Was liegt denn in dem Wort Vater, wie wir es im gewöhnlichen Leben gebrauchen? Dass die Person, die mit diesem Namen bezeichnet wird, kein strenger Herrscher, kein Tyrann oder Richter ist, auch nicht nach der Strenge des Gesetzes handelt, sondern den Seinen mit Liebe zugetan ist, sie erhält, bewahrt und beschützt – in diesem Sinn nennt Jesaja hier Christus Vater, dass er nämlich alle, die Gott zu seinen Kindern angenommen hat, mit inniger Liebe umfasst, sie versorgt und beschützt. Unter seinem Regiment sind wir keine Knechte, sondern Freie, Kinder des Hauses und Erben aller Güter. Aber er unterscheidet sich dadurch von irdischen Vätern, dass er „Ewigvater“ ist. Jene sind nur Väter auf kurze Zeit, dieser aber ist Vater in Ewigkeit, umfasst die Seinen mit ewiger Liebe, sorgt für sie, beschützt sie für alle Zeiten. Und da er der starke Gott ist, so will er das nicht allein, sondern kann es auch. Wie zuversichtlich können wir daher ihm vertrauen, in seiner Fürsorge uns sicher fühlen!

    Und endlich der vierte Doppelname, „Friedefürst“. Dieses Kindlein ist der Friedefürst. Er ist ein Fürst wie David, der aller seiner Feinde mächtig wurde, aber doch ein Fürst des Friedens wie Salomo, dessen Regierung sich durch Frieden auszeichnete, so dass er beide als Vorbilder auf ihn in sich vereinigt. Denn nicht durch Waffengewalt, Kriegsgetümmel und Blutvergießen begründet und erhält er sein Reich, sondern in Frieden. Nicht seiner Untertanen, sondern sein eigenes Blut hat er vergossen und dadurch zwischen dem heiligen Gott und den sündigen Menschen Frieden gemacht und den Grund zu seinem Friedensreich gelegt. Und als er seine Apostel aussandte, um sein Zepter unter allen Völkern der Erde aufzurichten, rüstete er sie nicht mit Wehr und Waffen aus, stellte sie nicht an die Spitze kriegstüchtiger Heere, sondern sprach nur zu ihnen: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.“ Mit dieser Friedensbotschaft sandte er sie aus, um der Welt den Frieden zu verkündigen und zu bringen. Ja, dieses Kindlein hat Frieden auf die Welt gebracht, ein Friedensreich gestiftet. Das führt uns zum dritten Teil unserer Betrachtung.

 

3.

    Die in den vier Doppelnamen dem Kind beigelegten Eigenschaften: die Allweisheit, Macht, väterliche Fürsorge und Friedensliebe, sollen dazu dienen, um seine Herrschaft weit auszubreiten; denn so lautet der letzte Teil der Botschaft: „Auf dass seine Herrschaft … bis in Ewigkeit.“ Mit diesen Worten ist das Reich beschrieben, das dieses Kind aufrichten, ein Reich, dessen Grenzen sich bis an die Enden der Erde erstrecken soll, also an Umfang und Größe alle irdischen Königreiche weit übertrifft, ein Reich, in dem kein Krieg geführt, kein Blutvergießen stattfinden, sondern ein vollkommenes Friedensreich sein wird, ein Reich, in dem keine Ungerechtigkeit, sondern die Gerechtigkeit herrschen wird, darum sicher und fest gegründet, und ein Reich, das kein Ende nehmen, sondern ein ewiges Reich sein wird.

    Wir fragen: Ist diese Weissagung des Propheten erfüllt? Hat Christus ein solches reich? Übt er darin eine Herrschaft aus? Blickt, meine Festgenossen, auf die christliche Kirche; denn die ist Christi Reich. Seit seiner Gründung am ersten Pfingstfest zu Jerusalem hat sich dieses Reich fort und fort vermehrt, seine Grenzen immer weiter ausgedehnt. Die Apostel gingen mit der Friedensbotschaft des Evangeliums aus, predigten an allen Orten, und er, der HERR, selbst war mit ihnen und bekräftigte ihr Wort durch mitfolgende Zeichen. Ein Volk nach dem anderen wurde dem Evangelium gehorsam und erkannte im Glauben dieses Kind als seinen Herrscher. Durch alle Jahrhunderte ist dieses Reich immer weiter ausgebreitet worden und wird noch immer weiter ausgebreitet durch die Missionare. Es erstreckt sich bis auf die entferntesten Inseln des Meeres. – Und ist es nicht ein Reich des Friedens? Wohl haben einige unverständige Fürsten dieses und jenes Heidenvolk durch Waffengewalt zu bekehren versucht, aber vergeblich. Die Ausbreitung der Kirche ist immer nur durch die Verkündigung der Friedensbotschaft des Evangeliums geschehen. Der Glaube lässt sich durch keine Gewalt erzwingen. Und in der Kirche herrscht nicht das Gesetz mit seinen Forderungen und Drohungen, sondern das Evangelium der Gnade; sie ist das Reich der Gnade, der Vergebung und ist darum ein Reich des Friedens, in dem die Untertanen, die Gläubigen, Frieden mit Gott und unter sich haben. – Gegründet ist dieses Reich in Recht und Gerechtigkeit; denn seine Grundlage ist die Gerechtigkeit, die Christus durch seinen vollkommenen Gehorsam erworben hat, und die er allen seinen Reichsgenossen, die ihn im Glauben als ihren König annehmen, mitteilt.

    Endlich, wie Christus, der Herrscher in diesem Reich, ein ewiger Herrscher ist, so ist auch sein Reich ein ewiges Reich, das nie vergeht. Alle Reiche dieser Welt, so mächtig sie auch waren, sind vergangen; dieses Reich können auch die Pforten der Hölle nicht überwältigen, und die Untertanen in diesem Reich werden mit ihrem König leben und herrschen in Ewigkeit.

    So ist denn diese Verheißung des Propheten wahrlich eine freudenreiche, die auch uns mit großer Freude erfüllen muss, sowohl wenn wir auf die Person, wie wenn wir auf die Namen und die Herrschaft des Heilandes blicken. Zu dieser Freude fordert auch der Engel, der die Weihnachtsbotschaft den Hirten in der heiligen Nacht brachte, auf, indem er zu ihnen sprach: „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HERR, in der Stadt Davids.“ Nehmen denn auch wir heute wiederum das Kind, das uns als Heiland geboren ist, mit gläubigem Herzen auf, und freuen wir uns seiner heilbringenden Geburt, so wird auch bei uns Freue sein, und wir werden in den Lobgesang der himmlischen Heerscharen einstimmen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!“ Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Christfesttag ueber Jesaja 11,1-5: Der Friedefuerst vom Stamm Isai

 

Jesaja 11,1-5: Und es wird eine Rute aufgehen von dem Stamm Isais, und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf welchem wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rats und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Und sein Riechen wird sein in der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten, nach dem seine Augen sehen, noch strafen, nach dem seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die Elenden im Land und wird mit dem Stab seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und der Glaube der Gurt seiner Nieren.

 

    In dem HERRN geliebte Brüder und Schwestern!

    Es ist eine der größten Weissagungen des Propheten Jesaja von Christus, die wir eben vernommen haben, die wir aber nur dann als eine solche recht verstehen können, wenn wir auf den Gegensatz blicken, in dem sie zu der Weissagung steht, die im vorhergehenden enthalten ist. Diese lautet vom 28. Vers des 10. Kapitels an: „Er kommt nach Ajat, er zieht durch Migron, er mustert sein Herr zu Michmas. Sie ziehen vor unserem Lager Gaba vorüber. Rama erschrickt! Gibea Sauls flieht! Du Tochter Gallim, schreie laut auf! Merke auf, Laisa! Du elendes Anatot! Memena weicht! Die Bürger von Gehim fliehen! Er bleibt einen Tag zu Nob! Er wird seine Hand regen gegen den Berg der Tochter Zion und gegen den Hügel Jerusalem!“ Schon diese kurzen, aneinandergereihten Sätze, die alle Ausrufe, zum Teil Warnrufe sind, zeigen, dass der Prophet, wie vor etwas Furchtbarem erschrocken, ein Ereignis schaut und verkündigt, das den von ihm genannten Orten die größte Gefahr, den Untergang, droht. Und es ist etwas Furchtbares, was er mit prophetischem Auge als schon gegenwärtig schaut. Sanherib, der König von Assyrien, befindet sich mit seinem gewaltigen Kriegsheer auf dem Marsch nach Jerusalem. Schon eine ganze Anzahl heidnischer Könige und ihre Reiche hat er sich unterworfen; nun zieht er gegen Hiskia, den König von Juda, heran, um auch diesen sich zu unterwerfen. Die auf seinem Zug liegenden Städte und Flecken werden bei seinem Herannahen von Schrecken ergriffen, ihre Einwohner ergreifen die Flucht, um sich zu retten. Schon ist er nach Nob, einer Stadt im Stadt Benjamin unweit von Jerusalem, gekommen und schickt sich an, seine Hand zu einem vernichtenden Schlag gegen die Heilige Stadt zu erheben, ihr dasselbe Schicksal wie vielen anderen Städten zu bereiten. Das ist das Bild, welches uns in den gehörten Worten des Propheten vor die Augen gestellt wird.

    Aber an dieses reiht er ein anderes, nicht weniger furchtbar als das erste; denn er fährt fort: „Aber siehe, der HERR HERR Zebaoth wird die Äste mit Macht abhauen und, was noch aufgerichtet steht, verkürzen, dass die Hohen erniedrigt werden; und der dicke Wald wird mit Eisen umgehauen, und Libanon wird fallen durch den Mächtigen.“ Mit diesen Worten schildert er das furchtbare Strafgericht, das Gott der HERR über den auf seine bisherigen Siege stolzen, auf seine große Macht pochenden Tyrannen vor Jerusalem ergehen ließ, und das 2. Kön. 19 berichtet wird. In dieser großen Gefahr wandte sich der fromme König Hiskia in flehendem Gebet zu Gott und erhielt durch den Propheten Jesaja die Antwort: „Die Jungfrau, die Tochter Zion, verachtet dich [den König Sanherib] und verspottet dich; die Tochter Jerusalem schüttelt ihr Haupt dir nach … Ich will dir einen Ring an deine Nase legen und ein Gebiss in dein Maul und will dich den Weg wieder führen, den du hergekommen bist.“ So geschah es. Denn in derselben Nacht fuhr der Herrliche, der Engel des HERRN, aus und schlug im Heer der Assyrer 185.000 Mann, so dass das Lager am Morgen voller Leichen lag. Von Grauen erfüllt, zog der am Tag vorher noch auf seine Macht pochende König davon nach seiner Hauptstadt Ninive und wurde dort im Tempel seines Götzen von seinen eigenen Söhnen ermordet. So wurden die Fürsten in seinem Heer wie die Äste der Zedern auf dem Berg Libanon mit Macht abgehauen, die Höhen verkürzt und erniedrigt wie Bäume, denen der obere Teil abgeschlagen wird, und das Heer wie ein dichter Wald niedergehauen. So fiel Sanherib, der sich, als wäre er dem mächtigen Libanon gleich, in seinem Hochmut erhoben hatte, samt seinem Heer durch den Herrlichen.

    Hieran schließt sich nun, meine Freunde, die Weissagung in unserem Text: „Aber es wird eine Rute aufgehen aus dem Stamm Isai.“ Ist die stolze Weltmacht Assyrien, die Jerusalem bedrohte, niedergehauen wie der Wald mit seinen mächtigen Zedern auf Libanon, so wird aus dem Geschlecht Davids, wenn es so weit von seiner mächtigen Höhe herabgesunken ist, dass gleichsam nur noch ein Baumstumpf von ihm übrig ist, aus diesem, aus seiner Wurzel, eine dünne Rute, ein schwaches Reis, aufsprießen, wird wunderbar wachsen, erstarken und Frucht bringen; das heißt, ohne Bild: Aus tiefster Niedrigkeit wird sich ein König erheben, der über ein weit größeres Reich herrschen wird als jener die Heilige Stadt bedrohende König von Assyrien. Auf diesen lasst mich jetzt eure Blicke richten, nämlich auf

 

Den großen Friedefürsten von dem Stamm Isai

    Ihn beschreibt uns Jesaja

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Nach seinem Ursprung,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Nach seinen Gaben,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Nach seiner Regierung.

 

1.

    „Es wird aber eine Rute aufgehen von dem Stamm Isai und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen“, mit diesen Worten, Geliebte, beginnt der Prophet seine Weissagung in unserem Text. Es ist das eine bildliche Rede. Stellen wir uns das Bild deutlich vor Augen! Da steht ein großer Baum! Mächtig ist sein Stamm, stark sind seine Äste, ausgebreitet seine Zweige, prächtig ist sein Anblick. Aber nun ist er umgehauen. Stamm, Äste und Zweige sind hinweg, nur der Stumpf ist noch übriggeblieben. Doch dieser ist nicht gänzlich abgestorben, ein geringer Lebenssaft ist noch in ihm, und aus diesem, aus seiner Wurzel, sprießt eine dünne Rute, ein schwaches Reis hervor. So war es mit dem Geschlecht Davids. Der Stamm oder Wurzelstock war Isai, der Vater Davids, der dem Stamm Juda angehörte und in Bethlehem als ein einfacher Mann wohnte. Aber aus diesem war David entsprossen, von Samuel zum König über das Reich Israel gesalbt und als König zu großer Macht und Ehre gelangt. Schon als Jüngling hatte er in seinem Zweikampf mit dem Riesen Goliat Heldenmut bewiesen, in der Verfolgung durch Saul seinen Edelmut gezeigt und als König die zahlreichen Feinde seines Reiches siegreich überwunden. Unter allen Königen des Reiches Juda war er der größte, der Heldenkönig, einem mächtigen Stamm, seine Nachkommen aber, namentlich die, welche nach ihm den königlichen Thron innehatten, und unter diesen wieder diejenigen, welche in den Fußtapfen Davids, in Gottesfurcht, wandelten und regierten, den starken Ästen des Baumes gleich. Aber wie der größte Baum schließlich abstirbt, so auch der Stamm und das Geschlecht Davids. Mit dem Abfall des Reiches Juda, besonders durch heidnischen Götzendienst, der immer wieder eindrang, herbeigeführt, sank auch das Ansehen und die Macht des Hauses und Geschlechtes Davids dahin, so dass Maria, die Mutter des HERRN, aus dem Geschlecht Davids, die Gattin eines einfachen Zimmermanns war. So war das Geschlecht Davids herabgesunken von der königlichen Würde zu der Stellung eines Handwerkers [, denn auch Joseph war ja aus dem Geschlecht Davids]. Von dem mächtigen Baum und stamm war nur noch, wie der Prophet es ausdrückt, ein abgehauener Stumpf mit fast erstorbener Wurzel übriggeblieben.

    Aber aus dieser Wurzel wird, so weissagt der Prophet, eine Rute, ein dünner Zweig, aufgehen, das heißt, ein Sohn aus dem in solche Niedrigkeit herabgesunkenen königlichen Geschlecht geboren werden, der gar nichts von königlichem Ansehen und königlicher Würde an sich hat, ein Kind gewöhnlicher, armer Leute. So niedrig und gering wird sein Ursprung sein. Das sagt auch die Weissagung desselben Propheten Kap. 53: „Er schießt auf vor ihm wie ein Reiß und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich.“ Wie wörtliche diese Weissagung erfüllt worden ist, ersehen wir aus dem Bericht des Evangelisten über die Geburt des HERRN. Zu Fuß machten Maria und Joseph infolge des kaiserlichen Gebots der Schatzung von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem in Judäa. Dort angekommen, fanden sie Unterkommen nicht in einer Herberge, sondern in einem dunklen Stall, einfache Windeln waren seine erste Kleidung, eine Krippe sein Bett, Heu und Stroh das Lager dieses von Gott verheißenen Reises oder Rute aus königlichem Geschlecht. So war er wahrlich einem schwaches Reis, aus dürrem Erdreich entsprossen, gleich. Und so unscheinbar und unbeachtet seine Geburt war, so unscheinbar und unbeachtet wuchs er auch als Knabe in dem kleinen, von Hügeln eingeschlossenen und abseits gelegenen Nazareth auf, dass die Evangelisten außer seiner ersten Erscheinung im Tempel nichts weiter berichten, als dass er seinen Eltern als Knabe untertan war und an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen zunahm.

    Aber dieser schwache Zweig, sagt der Prophet weiter, wird Frucht bringen oder fruchtbar sein und verkündigt damit, dass er sich kräftig entwickeln, zu einem starken Baum heranwachsen und reiche Früchte bringen werde. Wodurch dies geschehen werde, gibt er an, indem er von den Gaben redet, mit denen dieser Zweig aus der Wurzel Isais werde geschmückt werden.

 

2.

    „Auf welchem“, so lautet die Weissagung weiter, „wird ruhen der Geist des HERRN: der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“

    Beachten wir, meine Freunde, dass der Prophet in dieser Weissagung von Christus als von einem wahren, natürlichen Menschen redet. Hat er in der Weissagung Kap. 7,14: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ besonders hervorgehoben, dass der Jungfrauensohn wahrer Gott sei, und in der anderen Kap. 9: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, welches Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt wunderbarer Rat, starker Gott, Ewigvater, Friedefürst“, verkündigt, dass in der Person dieses Sohnes der wahre Gott der Welt erscheint, so beschreibt er ihn hier als den vollkommenen Menschen, auf dem der Geist des HERRN ruht, der ihn mit seinen Gaben ausrüstet und die menschlichen Kräfte und Tugenden durchdringt und vollkommen macht. Dasselbe spricht Petrus (Apg. 10) in den Worten aus: „Gott hat Jesus von Nazareth gesalbt mit dem Heiligen Geist und Kraft.“

    Diese Gaben des Heiligen Geistes sind dreifach. Die beiden ersten sind die Gaben oder Vollkommenheiten des Verstandes, nämlich die Weisheit und das Verständnis oder die Einsicht. Weisheit ist die Gabe, da der Mensch den rechten Zweck und die geeigneten Mittel, ihn zu erreichen, wählt, das Verständnis oder die Einsicht die Gabe, durch welche er göttliche und geistliche Dinge richtig erkennt und darüber nachdenkt. „Der Verstand“, sagt Luther, „ist das Urteil, welches aus der Weisheit entsteht, sodass wir wahrnehmen, was mit der Frömmigkeit streitet, sodass wir über falsche Lehren, die Nachstellungen Satans und Glauben urteilen können.“ – Ferner die Gaben des Rates und der Stärke sind die, durch welche sich jemand in allen Lagen, auch in Kreuz und Anfechtungen, als der rechte Ratgeber erweist und die Kraft besitzt, die Ratschläge auszuführen; die Kraft, die sich in Taten und Werken offenbart. Sodann die Gaben der Erkenntnis und der Furcht des HERRN, wodurch jemand eine mit der Liebe Gottes verbundene Erkenntnis des wahren Gottes nach seinem Wesen und Willen hat und ihm als dem majestätischen Gott und doch gnädigen Vater ehrerbietig dient, seinen Willen zu vollbringen sich bestrebt.

    Mit diesen Gaben des Heiligen Geistes ist Christus, der Spross aus dem Stamm Isai, in seiner Empfängnis und bei der heiligen Taufe erfüllt und ausgerüstet worden; denn so lesen wir bei Matthäus im dritten Kapitel: „Da Jesus getauft war, stieg er sofort herauf und aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm, und Johannes sah den Geist Gottes gleich wie eine Taube herabfahren und über ihn kommen.“

    Wie vollkommen Christus als wahrer Mensch oder nach seiner menschlichen Natur mit diesen Gaben des Heiligen Geistes ausgerüstet war, erkennen wir an seinem öffentlichen Auftreten in seinem Lehramt. Schon als zwölfjähriger Knabe offenbarte er im Tempel, unter den Lehrern sitzend, eine solche Weisheit und einen solchen Verstand, dass alle, die ihm zuhörten, sich seines Verstandes und seiner Antwort verwunderten. Als er einst in Nazareth lebte, verwunderten sich alle, die ihn hörten, und riefen voll Erstaunen aus: „Woher kommt diesem solche Weisheit? Ist er nicht eines Zimmermannes Sohn?“ Matth. 7,28 berichtet der Evangelist: „Das Volk entsetzte sich über seine Lehre; denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten“; und die Knechte der Pharisäer, die ausgesandt worden waren, ihn gefangen zu nehmen, kamen, ohne die Hände an ihn gelegt zu haben, zurück und sprachen: „Es hat nie ein Mensch so geredet wie dieser Mensch.“ So erfüllte sich die Weissagung durch den Propheten Jesaja Kap. 50: „Der HERR hat mir eine gelehrte Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den Müden zu reden zur rechten Zeit.“ Seine Weisheit war größer als die des weisen Salomo. Wie oft wollten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten in seiner Rede fangen, wenn sie ihm verfängliche Fragen vorlegten! Aber immer mussten sie beschämt davongehen. Wie deckte er ihre List und Verschlagenheit auf, riss ihnen die heuchlerische Maske der Frömmigkeit vom Gesicht und widerlegte ihre falschen Lehren. Ebenso erkannte und durchschaute er die wahre Gesinnung der Menschen. Denen, die nicht aufrichtig an ihn glaubten, vertraute er sich, wie Johannes im 2. Kapitel berichtet, nicht an; „denn er kannte sie alle und bedurfte nicht, dass jemand Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn er wusste wohl, was im Menschen war“. – Nicht minder bewies er sich als der rechte Ratgeber. Den Pharisäern, die ihm die Frage vorlegten: „Ist’s recht, dass man dem Kaiser Zins gebe oder nicht?“ antwortete er: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, und dem Schriftgelehrten, der ihm die Frage vorlegte: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ riet er: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst, und als dieser fragte: „Wer ist denn mein Nächster?“ da stellte er ihm den barmherzigen Samariter als Muster vor und sagte: „Gehe hin und tue desgleichen!“ Dem reichen jungen Mann gab er den Rat: „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen und komm und folge mir nach“ und offenbarte ihm dadurch, wie wenig er die Gebote Gottes gehalten habe, während er den um ihrer Sünde willen Angefochtenen riet: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ – Wie grab war seine Kraft und Stärke! Ja, er „ging umher und machte gesund alle, die vom Teufel überwältigt waren“, öffnete den Tauben das Gehör, den Blinden die Augen und weckte die Toten auf. So bewies er sich als ein Prophet, mächtig in Taten und Worten, vor Gott und allem Volk. Erkennt ihr daraus, meine Zuhörer, mit welchen Gaben des Geistes nach seiner menschlichen Natur er ausgerüstet, wie mächtig er war, der als eine so schwache Rute aus dem Stamm Isai aufgegangen war? Aber groß ist er drittens auch nach seiner Regierung.

 

3.

    Der Prophet fährt fort: „Sein Riechen wird sein in der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten, nachdem seine Augen sehen, noch strafen, nachdem seine Ohren hören.“ Hat er den Messias bisher besonders als Propheten und Lehrer beschrieben, so stellt er ihn nun als König und Richter dar. Was heißt das: „Sein Riechen wird sein in der Furcht des HERRN“? Amos 5,21 spricht Gott: „Ich mag nicht riechen in eure Versammlungen“ oder eure Feiertage. Als Noah nach der Sintflut einen Altar baute und dem HERRN ein Brandopfer für seine Errettung aus der Flut darbrachte, roch der HERR, wie es 1. Mose 8 heißt, den lieblichen Geruch des Opfers, das heißt, er hatte Wohlgefallen daran, während er die Opfer, die ihm von seinem Volk an den großen Feiertagen zur Zeit des Propheten Amos dargebracht wurden, nicht riechen wollte, da sie nur äußerlich, ohne Gottesfurcht und Dankbarkeit, dargebracht wurden, so dass er Missfallen daran hatte. Das Wort „Riechen“ in unserem Text heißt daher, Wohlgefallen haben, so dass der Prophet sagt: Dieser Spross aus dem Stamm Isai wird sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN haben. Und weil er an dieser allein Wohlgefallen hat, darum wird er nicht richten, urteilen, nach dem, was äußerlich die Ohren hören und die Augen sehen, mit anderen Worten, nicht nach dem äußeren Schein, sondern nach der gottesfürchtigen Gesinnung des Herzens. Auch wird er nicht nach dem Ansehen der Person richten, nicht gelten lassen, ob jemand mächtig, hoch, reich, geehrt ist, „sondern“, so lesen wir weiter, „wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und mit Gericht strafen die Elenden im Land“. Mit den Armen und Elenden sind die Untertanen seines Reiches gemeint. Jene sich die leiblich, besonders aber die geistlich Armen, wie er Matth. 5,3 spricht: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihrer“, die sich nicht selbstgerecht auf ihre Werke und Tugenden verlassen, sondern als arme Sünder allein auf die Gnade vertrauen; diese die Sanftmütigen, die dem Nächsten gegenüber gelinde sind, das Unrecht ertragen und sich nicht selbst rühmen. Diesen zum Besten wird er in Gerechtigkeit richten, ihnen, die oft unterdrückt werden, zum Recht verhelfen, wie es Ps. 72,4 heißt: „Er wird das elende Volk bei Recht erhalten und den Armen helfen.“ Und hast sich der HERR nicht überall der Armen und Elenden angenommen, nicht allein dadurch, dass er die Kranken gesund machte, sondern indem er auch für die eintrat, denen Unrecht geschah, wie für den von ihm sehend gemachten Blindgeborenen, den die Juden in den Bann getan hatten?

    Aber ebenso richtet er auch den Gottlosen mit Gerechtigkeit, denn er „wird mit dem Stab seines Mundes die Erde schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten“. Über sie wird er ein gerechtes Urteil fällen und ihnen nach ihren bösen Werken den gebührenden Lohn geben. Ein solches gerechtes Urteil war das Gericht über Jerusalem, wie er es verkündigt hatte, über seinen ungerechten Richter Pilatus, über Ananias und Sapphira, das durch Petrus gesprochen wurde. An dem letzteren sehen wir deutlich, was die Worte unseres Textes: „Mit dem Odem (oder Geist) seiner Lippen wird er den Gottlosen töte“ zu bedeuten haben, da sowohl Ananias wie seine Frau auf das bloße Wort des Petrus hin tot zu Boden fielen. Er bedient sich zu seinen Strafgerichten nicht weltlicher Waffen, sondern sein allmächtiges Wort ist der Stab, womit er schlägt, der Geist seines Mundes das Schwert, womit er tötet; und wo weltliche Waffen gebracht werden, wie bei der Zerstörung Jerusalems, da ist es doch sein Gericht, das durch seine Macht, nach seinem Wort, vollzogen wird.

    So tritt dieser seinem menschlichen Ursprung nach so Schwache als ein mächtiger und gerechter König auf, „dessen Gerechtigkeit“, wie es in der Schrift heißt, „der Gurt seiner Lenden ist und der Glaube (oder die Treue) seiner Nieren“, das heißt: wie die Vornehmen im Morgenland ihre langen Kleider mit einem kostbaren Gürtel um die Hüfte zusammenhielten, so ist er mit Gerechtigkeit und Treue oder Wahrheit umgürtet, mit diesen Tugenden geschmückt.

    Wohl allen Armen und Elenden in seinem Reich! Denn ihnen bringt und schenkt er die von ihm erworbene Gerechtigkeit und macht sie zu Königen schon hier auf Erden, die hier über Sünde und Tod, dort ewig aber mit ihm herrschen und regieren werden. Darum singen wir:

O wohl dem Land, o wohl der Stadt,

So diesen König bei sich hat!

Wohl allen Herzen insgemein,

Da dieser König ziehet ein!

Er ist die rechte Freudensonn,

Bringt mit sich lauter Freud und Wonn.

Gelobet sei mein Gott,

Mein Tröster früh und spat!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach dem Christfest ueber Jesaja 7,10-16: Das wunderbare Zeichen, das Gott dem Koenig Ahas gab

 

Jesaja 7,10-16: Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei unten in der Hölle oder droben in der Höhe. Aber Ahas sprach: Ich will’s nicht fordern, dass ich den HERRN nicht versuche. Da sprach er: Wohlan, so hört, ihr vom Haus David: Ist’s euch zu wenig, dass ihr die Leute beleidigt; ihr müsst auch meinen Gott beleidigen? Darum so wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel. Butter und Honig wird er essen, dass er wisse Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen zwei Königen.

 

    In Christus, unserem Immanuel, geliebte Zuhörer!

    Das eben vernommene Wort Gottes enthält eine der großen Verheißungen von Christus. Als diese Weissagung geschah, befand sich Ahas, König über das Reich Juda, in größter Not, da sich Rezin, der König von Syrien, und Pekach, der König von Samaria, gegen ihn verbündet hatten, Jerusalem belagerten und nichts Geringeres im Sinn hatten, als das Reich Juda unter sich zu teilen und den Sohn des Tabeal anstatt des Ahas zum König zu machen. Dadurch wurden der König und das ganze Volk so in Angst und Schrecken versetzt, dass sie bebten wie die Bäume im Wald, wenn ein Sturmwind durch sie dahinfährt. Da erhielt der Prophet Jesaja von Gott den Befehl, mit seinem Sohn Schear-Jaschub dem König Ahas, der sich am oberen Ende eines in Felsen gehauenen Wasserteichs befand, von dem aus die Stadt durch eine unterirdische Röhre mit Wasser versorgt wurde, entgegenzugehen und ihm zu sagen, dass er sich vor den beiden feindlichen Königen nicht fürchten, sondern unverzagt sein solle, weil ihnen ihr Plan nicht gelingen solle, da sie selbst zwei rauchende Löschbrände seien, angebrannte, rauchende Holzscheite, die ihre Reiche nicht ausbreiten, sondern in ihren Grenzen bleiben, dass das Reich Samaria aber im Lauf von 65 Jahren zerstört werden solle.

    Damit aber der König Ahas gewiss werde, dass diese tröstliche Verheißung des Propheten sich erfüllen werde, wurde er von ihm aufgefordert, sich ein Zeichen, sei es in der Hölle, sei es hoch in der Höhe, zu wählen. Ahas lehnte dies unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er damit Gott versuchen könne, ab. Das klang fromm und war doch gottlos; denn wie konnte er Gott durch Forderung eines Zeichens versuchen, da er von ihm selbst dazu aufgefordert wurde? Daher sprach der Prophet zu ihm: „Wohlan, so hört, ihr vom Haus David! Ist’s euch zu wenig, dass ihr die Leute beleidigt, ihr müsst auch meinen Gott beleidigen? Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.“

    Das sind die besonderen Umstände, unter denen die in unserem Text enthaltene Weissagung und Verheißung geschah. Sie wurde dem König Ahas und seinem Volk als untrügliches Zeichen gegeben, dass der Plan der beiden feindlichen Könige, das Haus David vom Thron zu stoßen, nicht ausgeführt werden solle. Betrachten wir denn jetzt in der Furcht Gottes:

 

Das wunderbare Zeichen, das Gott dem König Ahas gab

 

    Dieses Zeichen bestand darin, dass

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Eine Jungfrau schwanger ist und einen Sohn gebären wird,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Dass sie diesen Sohn Immanuel nennen wird.

 

1.

    „Fordere dir ein Zeichen von dem HERRN!“ so, Geliebte, sprach Gott durch den Propheten zu dem König Ahas, „es sei unten in der Hölle oder droben in der Höhe.“ Welch eine Herablassung Gottes! Er hatte ja dem König gesagt: „Es soll nicht bestehen noch so gehen“, wie es die beiden feindlichen Könige im Sinn haben, nämlich dein Reich zu teilen, deiner Herrschaft ein Ende zu machen. Hätte ihm das nicht genug sein sollen? Des HERRN Wort ist ja wahrhaftig; was er zusagt, das geschieht und muss geschehen. Aber der HERR kennt das ungläubige Herz des Königs und lässt sich daher so weit herab, dass er ihn auffordert, zum Beweis dafür, dass die Feinde Jerusalem nicht erobern und seiner Regierung ein Ende machen werden, sich ein Zeichen zu fordern. Und noch mehr: Welche Freiheit in der Wahl des Zeichens gibt er ihm! Fordert er ein Zeichen tief unten in der Hölle, es soll geschehen; fordert er ein Zeichen hoch oben im Himmel, es soll ihm gegeben werden. Ähnlich hatte der HERR einst mit Gideon gehandelt, als dieser das Volk Israel von der Herrschaft der Midianiter befreien sollte. Dass er das schwere Werk wirklich ausführen werde, dafür erbat sich Gideon das Zeichen: Wenn er ein Fell mit Wolle auf die Tenne legen und dies über Nacht nass werde, während es auf der Erde ganz trocken sei, so wolle er daran erkennen, dass er die Befreiung seines Volkes ausführen werde. Der HERR gab ihm das Zeichen, und als Gideon, noch zweifelnd, aber demütig das gegenteilige Zeichen forderte, dass das Fell trocken bleibe, aber Tau auf der Erde sei, gewährte ihm der HERR auch das.

    Aber obwohl sich Ahas vor den beiden Königen fürchtete, und ihm zur Versicherung, dass er keine Ursache zur Furcht habe, irgendein vom ihm geforderten Zeichen angeboten wird, lehnt er das doch unter dem heuchlerischen Vorgeben, dass er Gott nicht versuchen wolle, ab und stößt damit die rettende Hand Gottes, die sich ihm zum letzten Mal entgegenstreckt, zurück. Er hatte, wie der Prophet sagt, nun auch Gott müde gemacht wie vorher schon den Propheten. Hatte Gott alles, aber vergeblich, getan, um den abtrünnigen König und sein Volk von ihrem Unglauben zurückzubringen, so zieht er nun seine Hand von ihnen ab und lässt sie ihrem Verderben entgegengehen.

    Indessen, hat Ahas sich geweigert, ein ihm von Gott angebotenes Zeichen zu fordern, so gibt ihm nun Gott selbst ein Zeichen, dass das Reich Juda noch nicht zugrunde gehen soll. Warum, so fragen wir, wollte ihm Gott trotz allem dafür ein Zeichen geben? Wir finden die Antwort im elften Vers des 132. Psalms: „Der HERR hat David einen wahren Eid geschworen, davon wird er sich nicht wenden: Ich will dir auf dienen Stuhl setzen die Frucht deines Leibes.“ Diese David mit einem Eid bekräftigte Verheißung lautet 2. Sam. 7,12.13: „Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leib kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen ewiglich.“ Das sin dieser Zusage nicht etwa von Salomo die Rede ist, geht deutlich daraus hervor, dass Gott diesen Samen Davids erst dann erwecken will, wenn David schon gestorben ist, mit seinen Vätern schlafen liegt. Salomo aber war schon zwanzig Jahre alt, als David starb. Dieser noch zukünftige Same war vielmehr der verheißene Messias, und dessen Königreich, so verheißt der HERR, wolle er ewig bestätigen. Nun war aber dieser Messias und König zur Zeit des Ahas noch nicht geboren, und darum konnte und durfte, so gewiss Gott den David geschworenen Eid halten musste, das Geschlecht David nicht vom Thron gestürzt und das Reich Juda nicht zerstört werden, bis die David gegebene und beschworene Verheißung erfüllt war. Also, weil Gott als der Wahrhaftige seine Verheißungen und besonders die David beschworene erfüllen musste, deshalb gab er Ahas zum Zeichen, dass das Reich Juda noch fortbestehen werde, die in unserem Text enthaltene herrliche Verheißung.

    Diese Verheißung lautet zunächst: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären.“ Eine wunderbare Verheißung! Es heißt nicht: eine Frau, auch nicht: eine junge Frau ist schwanger; denn wenn eine solche schwanger wird und einen Sohn gebiert, so ist das kein besonderes Zeichen für etwas, was geschehen oder nicht geschehen soll, weil das infolge des Segens, den Gott auf den Ehestand gelegt hat, auf natürliche Weise fort und fort geschieht. Dieses von den HERRN gegebene Zeichen soll aber etwas Wunderbares sein, etwas, was nicht nach dem natürlichen Lauf, sondern allein durch Gottes Allmacht bewirkt werden kann. Und ein solches alle Kräfte der Natur übersteigendes und der menschlichen Vernunft unbegreifliches Zeichen gibt Gott hier, indem er spricht: „Siehe eine Jungfrau ist schwanger.“ Eine Jungfrau, die von keinem Mann berührt ist, die ist durch ein von Gott gewirktes Wunder schwanger. Dies allein sagt das Wort, welches in der Grundsprache für unser Wort Jungfrau steht. Und zwar heißt es eigentlich die, das ist eine von Gott ersehene, erwählte Jungfrau, die ist schwanger und soll einen Sohn gebären. Aber war diese Verheißung bis dahin etwas ganz Neues und Unbekanntes, nicht vielmehr schon in der ersten Verheißung von dem Weibessamen enthalten und angedeutet, der der Schlange den Kopf zertreten sollte? In dieser Verheißung heißt es ja nicht: des Mannes, sondern: der Frau Same soll der Schlange den Kopf zertreten, über die Frau hatte Satan durch die Versuchung zuerst Macht bekommen, durch den Samen der Frau soll ihm nach Gottes gerechtem Gericht die Macht wieder genommen werden. Und diese schon in der ersten Weissagung enthaltene Verheißung ist in den Worten „Eine Jungfrau ist schwanger“ wiederholt, aber näher bestimmt, da gesagt wird, dass der Same der Frau nicht auf natürliche, sondern durch ein von Gott gewirktes Wunder von einer Jungfrau geboren werden wird.

    Dass dieses und kein anderes das rechte Verständnis dieser Weissagung ist, erkennen wir aus Matth. 1,18, wo es heißt: „Die Geburt Christi war aber so getan: Als Maria, seine Mutter, dem Joseph vertraut war, ehe er sie heimholte, fand sich’s, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.“ Und als Joseph sie deswegen verlassen wollte, erschien ihm der Engel des HERRN im Traum und sprach zu Ihm: „Joseph, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria dein Gemahl zu dir zu nehmen, denn was in ihr geboren ist, das ist von dem Heiligen Geist.“ Und Lukas sprach der Engel zu Maria, der zur ihr gesandt wurde, um ihr die Botschaft zu überbringen, dass sie von Gott erwählt sei, die Mutter des verheißenen Heilandes zu werden: „Siehe, du wirst schwanger werden im Leib und einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen. Der wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden.“ Als Maria staunend fragte: „Wie soll das zugehen, da ich von keinem Mann weiß?“ da antwortete der Engel: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.“ Daher bekennen wir den aufgrund des klaren Schriftwortes von unserem HERRN: „Empfangen von dem Heiligen Geist“ und darum nicht wie alle anderen Menschen in Sünden empfangen und geboren, sondern heilig, unschuldig, von den Sündern abgesondert. Und nur der Heilige konnte der Sünder Heiland sein; denn vor dem heiligen Gott ist alles von Sünden Befleckte verwerflich. Aber obwohl durch seine heilige Empfängnis und Geburt von den Sündern abgesondert, doch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren, unser Bruder, der menschlichen Natur teilhaftig.

    Fragen wir: Wie konnte Christus als wahrer Mensch durch Wirkung des Heiligen Geistes von einer Jungfrau geboren werden? so lautet die Antwort: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Oder sollte der Gott, der Himmel und Erde durch sein Wort aus nichts hervorgebracht, der den ersten Menschen aus einem Erdenkloß so wundervoll gebildet, Eva, die Mutter aller Menschen, aus der Rippe Adams gebaut und den Leib Adams durch seinen Hauch zu einem lebenden Wesen gemacht hat, nicht auch die so wunderbare Empfängnis und Geburt des verheißenen Heilandes bewirken können? Wer kann die natürliche Empfängnis und Geburt eines gewöhnlichen Menschen begreifen? Wenn nun diese ein unbegreifliches Geheimnis und Wunder Gottes ist, wer kann dann, wenn er noch an einen allmächtigen Gott glaubt, die wunderbare Geburt des Heilandes leugnen? Konnte der Gott, der solch eine wunderbare Empfängnis und Geburt bewirkt, nicht auch die Anschläge der beiden Könige vernichten?

    Doch wir gehen zum zweiten Teil des wunderbaren Zeichens in unserem Text über, dass dieser von der Jungfrau geborene Sohn von ihr Immanuel genannt wird.

 

2.

   „Den wird sie heißen Immanuel“, setzt der Prophet hinzu. Das Zeichen besteht nicht allein darin, dass dieser Sohn von einer reinen Jungfrau geboren, sondern auch darin, dass er Immanuel, das heißt, „Gott mit uns“, genannt werden wird. Wie ist aber dieser Name Immanuel, Gott mit uns, zu verstehen, von seinem Amt oder von seiner Person? Haben wir ihn von seinem Amt oder Werk zu verstehen, so wäre damit nur gesagt: Gott ist mit uns, ist uns gnädig, er will und wird uns aus allen Nöten erretten, schützen und bewahren, denn er ist der Allmächtige; darum haben wir keine Ursache, uns zu fürchten, sondern können getrost und sicher sein, wie es Ps. 46 heißt: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken.“ Aber wenn der Name Immanuel nur dies besagen sollte, warum musste er denn von einer Jungfrau geboren werden, warum nicht auf natürliche, sondern auf übernatürliche, wunderbare Weise? Als Gott Mose den Befehl gab, zu Pharao zu gehen, und dieser antwortete: „Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten?“ sprach der HERR nicht zu ihm: „Ich will mit dir sein“? Sprach er nicht zu Josua, als dieser an Moses Stelle treten sollte: „Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tust“? War er nicht mit Gideon, als dieser Israel von den Midianitern befreite, mit Simson gegen die Philister, mit Petrus und Johannes, als er sie durch seinen Engel aus dem Gefängnis führte? Mit diesen allen war der HERR, obwohl sie nur sündige Menschen waren. Haben nicht alle Gläubigen die Verheißung (Jes. 43): „So du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht anzünden. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir“? Wenn der Name Immanuel nur diesen Schutz, diese Hilfe, allen Gläubigen verheißen, bedeutete, wäre dann seine Geburt ein außerordentliches Zeichen, ein Zeichen aus der Tiefe und der Höhe? Wenn sie aber dieses sein sollte, wie deutlich aus dem ganzen Text hervorgeht, so kann dieser Name nur Bezeichnung der Person sein, eine Aussage, was und wer dieser Sohn der Jungfrau ist, das heißt, in diesem in so wunderbarer Weise empfangenen und geborenen Sohn der Jungfrau hat Gott selbst Fleisch und Blut angenommen, ist Gott Mensch geworden. Das war es, was der Engel Gabriel Maria sagte, als er ihr die heilige Empfängnis ankündigte: „Du wirst einen Sohn gebären, … der über das Haus Jakobs ein König sein wird ewiglich; und seines Königsreichs wird kein Ende sein.“ So singen wir mit Recht:

Des ewgen Vaters einig Kind

Jetzt man in der Krippe findt;

In unser armes Fleisch und Blut

Verkleidet sich das ewige Gut.

 

Was kann euch tun die Sünd und Tod?

Ihr habt mit euch den wahren Gott.

Lasst zürnen Teufel und die Höll,

Gotts Sohn ist worden eur Gesell.

    Diesen Immanuel beschreibt nun der Prophet in den Worten: „Butter und Honig wird er essen, dass er wisse, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen.“ Obwohl wahrer Gott, ist er doch auch wahrer Mensch; denn er wird als ein kleines Kind von der Jungfrau geboren, und als ein wahres Menschenkind hat er sich entwickelt wie gewöhnliche Kinder. Wie diese musste er wachsen, zunehmen an Erkenntnis, Verstand und Unterscheidungsvermögen, wie Lukas berichtet: „Das Kind wuchs und wurde stark im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm“ und: „Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Zu dieser natürlichen Entwicklung eines Kindesalters bedurfte er der Speise, redet der Prophet, indem er sagt, er werde Butter (oder Dickmilch) und Honig essen, wenn er das Alter erreicht habe, in dem er lerne, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. Aber soll mit dieser Angabe, dass Butter (oder Dickmilch) und Honig des Immanuels Speise werden, nur gesagt sein, dass er als wahrer Mensch auch natürlicher Speise bedürfe? Das ist doch schon damit gesagt, dass er der Jungfrau Sohn ist. Als solcher musste er, wie kleine Kinder, auch an seiner Mutter Brust liegen und ihre Milch seine Speise sein lassen und dann, größer geworden, auch härtere Speise genießen. Aber warum gerade Butter und Honig? Die Antwort lautet im folgenden Vers: „Denn ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen Königen“, mit anderen Worten: Noch ehe der Knabe Immanuel das Alter erreicht, in dem er die Fähigkeit hat, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, werden die beiden Reiche Syrien und Samaria, die damals Jerusalem bedrohten, von ihren Einwohnern verlassen sein.

     Aber weissagte Jesaja nicht etwa 730 Jahre vor der Geburt des HERRN, so dass ein weiter Zeitraum zwischen Verheißung und Erfüllung lag? Und wie konnte die nach so langer Zeit erst erfolgte Geburt des Immanuel ein Zeichen dafür sein, dass jene beiden feindlichen Könige ihren Plan nicht ausführen sollten? Die Antwort lautet zunächst: Mit etwa drei Jahren fängt ein Kind an, Gutes und Böses zu unterscheiden und feste Speisen zu genießen. Und innerhalb drei Jahren waren Syrien und Samaria von ihren Königen verlassen; denn schon ein Jahr nach dieser Weissagung erschien der König von Assyrien, eroberte Samaria und führte einen großen Teil der Bewohner in die Gefangenschaft. Im dritten Jahr wurde Syrien dasselbe Schicksal von ihm bereitet, und beide Könige wurden getötet. Aber auch Ahas und das jüdische Volk bekamen die Hand des assyrischen Königs zu fühlen; sie wurden von ihm abhängig und mussten schweren Tribut zahlen. Das war die gerechte Strafe dafür, dass Ahas das ihm angebotene Zeichen nicht fordern wollte. Hätte er es gefordert, und es wäre ihm, woran kein Zweifel ist, gegeben worden, so hätte er auf die Hilfe des Königs von Assyrien verzichten müssen; das aber wollte er nicht, weil er mehr auf den als auf Gott vertraute. Er rief ihn herbei und wurde mit seinem Land von ihm bedrückt und geknechtet.

    Sodann ist wohl zu beachten, dass Jesaja nicht sagt: Sie, die Jungfrau, wird, sondern ist schwanger, also das in der Zukunft liegende als gegenwärtig erblickt, wie er ja auch von der Geburt des HERRN Kap. 9 ausruft: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben“ und ihn im 11. Kapitel als gegenwärtigen Herrscher schaut, nach dem die Heiden fragen. Wenn er daher sagt: „Ehe der Knabe lernt, Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor die graut, verlassen sein von seinen zwei Königen“, so verkündigt er damit: Wie von der Empfängnis und Geburt des Immanuel bis zu der Zeit, da er anfängt, Böses und Gutes zu unterscheiden, etwa zwei bis drei Jahre liegen, so werden die zwei Könige und deren Länder innerhalb von drei Jahren getötet und verwüstet sein – eine Weissagung, die innerhalb dieser Zeit buchstäblich durch den König von Assyrien in Erfüllung ging.

    Überblicken wir die Umstände, unter denen dem König Ahas dies wunderbare Zeichen in seiner Bedrängnis gegeben wurde, welche wichtige Lehren sind uns damit gegeben! Lasst mich nur einige herausheben. Wir sehen, schon im Alten Testament wurde in klaren Worten verkündigt, dass der Heiland der Welt wahrer Mensch und wahrer Gott in einer einigen Person, ein allmächtiger Erlöser sein wird, der uns von Sünden und Tod erlösen kann und wird. Daher bekennen wir fröhlich: Jesus Christus ist wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, mein HERR. Wir sehen ferner: Das Wort Gottes, ob Verheißung oder Drohung, fehlt nicht, sondern muss bis auf den letzten Titel erfüllt werden. Sodann: Wer sich auf Menschen und deren Macht verlässt, wie der König Ahas, stützt sich auf einen Rohrstab, der ihm die Hand durchbohrt, führt sein Unglück selbst herbei; wer aber auf den HERRN vertraut, hat wohl gebaut. Wer glaubt, der bleibt; wer nicht glaubt, bleibt nicht. Endlich: Nehmen wir es ja mit jedem Wort Gottes ernst, sei es Lehre oder Ermahnung, Trost oder Strafe! Wer dies Wort verachtet, der verderbt sich selbst; wer sich aber im Glauben daran hält, es seines Fuße Leuchte sein lässt, bleibt ewig. Der HERR aber erhalte uns bei seinem Wort um unseres hochgelobten Immanuel willen! Amen.

 

Predigt zum Altjahrsabend ueber 1. Johannes 1, 8: Verfuehre dich nicht selbst wegen deiner Suende

 

Probepredigt

des

Candidaten der Theologie

Johann Konrad Wilhelm Löhe aus Fürth,

über 1. Joh. 1, 8:

So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.

Als Predigt zum Altjahrsabend.

Entnommen aus Deinzers Biographie über Löhe, Bd. 1, S. 207 ff.


    Die Glieder einer Gemeinde sind verschieden. Etliche sind wiedergeboren, etliche sind erweckt, und viele sind, die von Wiedergeburt und Erweckung Nichts wissen, die nur mit dem äußern Ohr der Predigt zuhören, aber in ihrem Herzen die himmlische Berufung noch nicht vernommen haben. Ihnen allen soll die Predigt den nötigen Dienst leisten. Die Schlafenden und Todten sollen durchs Wort des Herrn zum neuen Leben erweckt, die Erweckten zur Wiedergeburt gefördert, und die Wiedergeborenen in dem neugeborenen Wesen gestärkt und befestiget werden. Für die Einen ist dieser, für die Anderen jener Text dienlicher, und es ist des Predigers Amt, Gottes Wort unter die Verschiedenen recht zu teilen.

    Unser Text nun gehört für Wiedergeborene, denn er ist von Johannes selbst an Wiedergeborene geschrieben: Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Gottes Geist gesalbt sind die, an welche Johannes schreibt. Auch passt der Text nur für Wiedergeborene. Er ist ein warnender Unterricht von der Verleugnung der Sünde, weil die Verleugnung der Sünde ist:

1) eine Verführung seiner selbst vom rechten Weg zum Leben und

2) ein Verlust der Wahrheit aus dem Herzen.

 

   Wer nun die Sünde nicht erkannt hat, verleugnet sie auch nicht, wenn er sagt: „Ich habe keine Sünde“; – wer nicht auf dem rechten Weg zum Leben wandelt, wird auch nicht von demselben abgeführt und verführt; – wer die Wahrheit nicht im Herzen trägt, kann sie auch nicht verlieren. Seine Sünde aber erkennen, den Weg zum Leben wandeln, die Wahrheit in sich tragen, sind lauter Zeichen der Wiedergeborenen. So gehört denn unser Text und die Auslegung desselben, mit der sich unsere Predigt beschäftigen soll, für Wiedergeborene. Die Erweckten aber, und welche erst erweckt werden sollen, mögen, was ich sagen werde, getrost mit ihres eigenen Herzens Zustand vergleichen; vielleicht gibt Gott, dass auch ihnen Etwas zur Förderung diene.

    Ihr aber, begnadigte, wiedergeborene Christen, seid ja gedemütigt durch den Geist eures Gottes und verwerfet ja auch die Lehre, Warnung und Ermahnung nicht, die euch von den Kindern dieser Welt gegeben wird. Darum werdet ihr es auch vertragen, wenn ich aus Begierde, den Text, der euch gehört, euch darzubringen, in der Predigt fehle. Denn ich kann vor euch nicht predigen, sondern nur lallen von geistlichen Dingen, weil ich euch nicht gleich bin in der Wiedergeburt. Doch ist mein Lallen aus gutem Willen, Gott zu Ehre, euch zu Liebe.

 

I.

    Johannes sagt im ersten Theil unseres Textes: So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst. Verführen heißt: vom rechten Weg, der zum bestimmten Ziele führt, abführen auf einen anderen falschen Weg, auf dem man nie zum Ziele kommt. Wer also seine Sünde verleugnet, kommt von dem rechten, sichern Wege ab, verliert die Aussicht auf das selige Ziel und Ende dieses Weges und dazu die Hoffnung es zu erreichen.

    Ihr, die ihr jetzt auf der richtigen Straße dem ewigen Ziele zu wandelt, Heilige und Geliebte, wiedergeborene mit Gottes Geist gesalbte Kinder Gottes! Ihr sehet vor euch das goldene Ziel eures Weges; ihr wisset, wohin ihr geht! – nämlich zur Stadt, die einen Grund hat von Gott erbauet, zur ewigen Heimat, mit der auch jedem von euch, der dahin gelangt, die seinige bereitet ist! Ihr kennet das Ziel! – Und den rechten sichern Weg dahin kennt ihr auch! „Ich bin der Weg“ spricht unser Herr Jesus. Ja, er ist’s auch, euer Weg, Jesus der Gesalbte, der Prophet und Priester und König, mit den reichen Segnungen seines dreifachen Amtes. Ihr wisset den Weg, ja, für jetzt wandelt ihr auch auf ihm: und eure Füße, damit ihr auf ihm wandelt, sind der Glaube. Ihr glaubt an Jesus! ihr wandelt den rechten Weg.

    Aber beharret auf diesem Weg, seid standhaft im Glauben an Jesus und Sein heiliges Verdienst: Gott mach’ euch standhaft, Sein heiliger Geist erhalte euch im Glauben! – Denn was hilft’s, eine kleine Weile auf dem rechten Pfad gewandelt, eine kurze Zeit geglaubt zu haben?

    Nur wer im Glauben, nur wer auf dem rechten Pfad bis in den Tod beharret, nur der wird das Ende seines Glaubens davon bringen, nur der das Ziel seines Weges erreichen, nämlich der Seelen Seligkeit in der ewigen Stadt.

    Wer aber nicht beharret, wer abkommt von dem einzig rechten Weg Jesu, der kommt zu diesem seligen Ziele nicht! Den Weg hat er verloren, so ist ihm das Ziel entrückt. Wie ein verlorenes Schaf weiß er nicht, wohin er geht, er gehe, welchen Weg er will. Jeder Weg, der nicht Jesus heißt, ist ein Irrweg, ohne Jesus, ohne den Weg, der Wahrheit und Leben ist, geht man immer nur der ewigen Finsternis, dem ewigen Tode zu.

    Vor solcher ewigen Finsternis, vor diesem ewigen Tode möcht’ euch euer Gott in Gnaden bewahren, möcht’ euch gerne sicher zu seiner ewigen und seligen Ruhe bringen.

    Darum hat Er auch den rechten Weg offenbaret, und euch auf ihn versetzt, darum offenbaret Er euch auch in unserem Text, worin die Verführung von dem einzig rechten Weg bestehet, damit ihr euch gegen sie mit Wachen und Beten besser rüsten könnet! Das ist die Verführung, Geliebte! dass ihr saget: „Wir haben keine Sünde“, dass ihr eure Sünde verleugnet.

    Und das ist wahr. Ja, so wahr in keinem Andern Heil, auch kein anderer Name den Menschen gegeben ist, darin sie sollen selig werden, ja so wahr Jesus der einzig wahre Weg zur Seligkeit ist, so wahr ists, dass die Verleugnung der Sünde die Verführung ist, dadurch wir diesen einzig wahren Weg verlieren.

    Gott hat alle Welt beschlossen unter die Sünde, auf dass Er sich Aller erbarme in Christus Jesus.

    Alle Menschen, die in die Welt kommen, müssen Gott darin Recht geben, dass sie Sünder sind, nur dann haben sie Teil an Jesus Christus und seinem Heil. Aus unbegreiflicher Liebe zu den Sündern, nicht zu den Gerechten, die Sünder selig zu machen von ihren Sünden, hat sich der eingeborene Sohn seiner Herrlichkeit entäußert und Knechtsgestalt angenommen.

    Die Sünde hat Er getragen in Seinem Tod am Kreuz, die Sünder vom Fluch befreiet, eingeladen zu Seinem Reich, „Sünder sind Sein Himmelreich!“

|   Ist aber Christus für Sünder in die Welt gekommen, sind Sünder Sein Himmelreich, so kann freilich an Ihm, an Seines Reiches Seligkeit keinen Anspruch machen, wer kein Sünder sein will, sondern sagt: „Ich habe keine Sünde!“ Er hat ja keine Sünde, was geht also ihn Jesus an, der Sünder Heiland? Was Jesus, die Versöhnung für unsere Sünde? Was das Lamm Gottes, um unserer Missetat willen verwundet, um unserer Sünde willen zerschlagen? Er hat keine Sünde, er ist ja selbst gerecht; wozu für ihn das blutige Sühnopfer, wozu für ihn die fremde zugerechnete Gerechtigkeit Jesu Christi, des Gerechten?

     So verwirft die Welt den einzigen Weg zur Seligkeit, den ihr Gottes höchste Weisheit selbst erfunden hat. Sie will Jesus, sie will den Weg Gottes ihren Augen nicht gefallen lassen, billig kommt sie also auch nicht zum Ziele dieses Weges, zu der ewigen seligen Ruhe Gottes in Christus Jesus.

 Dass nun die Welt der ewigen Seligkeit verlustig geht, ist nicht zu verwundern. Ihr ist kein neuer Sinn gegeben zur Erkenntnis ihrer selbst und Jesu; ihre Augen sind gehalten, ihre Sinne und ihr Herz umnebelt und gefangen vom Gotte dieser Welt, dass sie in Jesus den einzig wahren Weg nicht erkennen kann.

    Aber dass die, die schon erkannten ihre Sünde, und gewaschen waren von derselben, und versetzt durch Gnad’ und Glauben auf den rechten Weg, die schon von fern gesehen und gegrüßt hatten das herrliche Ziel des Weges und geschmeckt den Vorschmack der ewigen Seligkeit, dass die Kinder Gottes, aus Gott geboren, mit Seinem Geist gesalbt, dass ihr, ihr gesalbten Kinder Gottes, – ihr eure Sünde und mit ihr die Notwendigkeit des Opfers Jesu für euch wiederum verleugnen solltet; – das hätt’ ich nimmermehr für möglich gehalten, wenn nicht Johannes in unserm Texte eures Gleichen, Kinder Gottes, davor warnte!

    Weil’s aber so ist, weil der Geist, der in Johannes lehrte, jene hohen Christen, denen’s bei ihrem schmalen Weg Jesu bereits so wohl geworden war, doch noch für verführbar hält, – freilich ja! so seid auch ihr Geliebte! noch nicht so fest auf dem rechten Weg, dass ihr nicht verführbar wäret.

    Ich sah davor in euch heilige Vorbilder auf dem Weg zur Seligkeit; ich sah euch ausgerüstet mit den Gütern der Gnade Gottes, mit Kraft von oben zu beharren auf dem rechten Weg. O! dacht’ ich, dass du wärest, wie deren einer, diese werden beharren, diese kann Nichts verführen, diese gelangen gewiss zum ewigen Ziel! O, sagte ich, wie wird die Fülle der Gnade sie demütigen, wie tief werden sie dadurch gegründet werden in der Erkenntnis ihrer Unwürdigkeit und Sünde, wie werden sie Gott die Ehre geben, wie wird aus ihrem Herzen, von ihren Lippen nie das Bekenntnis weichen: Ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die du, Herr, an mir tust! „Und siehe!“ – Und siehe! Ich muss erfahren aus Gottes Wort, dass auch ihr die Warnung vor dem Fall bedürfet, – dass auch ihr Jesus und Sein Verdienst verlassen, euer Verdienst erheben, eure Sünde verkleinern, stolz, selbstgerecht werden und sagen könnet: „Wir haben keine Sünde!“ – Ja denn, wenn ihr’s tut, wenn ihr euch selbst verführt vom wohlerkannten, wohlbetretenen rechten Weg; siehe! so ist eure Verdammnis ganz recht! Ihr seid dann doppelter Streiche wert, über euch muss ein schwererer Fluch erfüllt werden, als selbst über Kapernaum, die am meisten Seiner Taten gesehen und sich doch nicht bekehret hat! denn ihr wart bekehret, ihr liefet fein auf dem lebendigen Weg, ihr hattet Kraft von oben auf ihm zu beharren, und habt ihn samt seinem ewigen Ziele nichts geachtet!

    O, so verleugnet doch eure Sünde nicht, Geliebte! Betet um Demuth, betet, dass ihr immer kleiner, immer unmündiger vor Gott werden, immer brünstiger das Bekenntnis der Gerechtigkeit allein aus Seiner Gnade vor ihm tun mögt!

    So werdet ihr doch bewahret bleiben, so werdet ihr doch entrinnen dem schrecklichen Gerichte Gottes über die Verleugnung der Sünde, dass sie ewig bleiben muss, was sie ist, eine Selbstverführung vom erkannten rechten Weg, eine immer weitere Entfernung von dem goldenen, seligen Ziel des Christenlaufs, endlich ein ewiger Verlust der seligen Ruhe Gottes in der Heimat.

 

II.

 Wir haben nun nach dem ersten Theil unseres Textes die Verleugnung der Sünde betrachtet als eine Selbstverführung. Im zweiten Theil des Textes sagt Johannes: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit nicht in uns.“ Die Verleugnung der Sünde ist sonach zweitens ein Verlust der Wahrheit aus unserm Herzen.

    Wenn Johannes von der Wahrheit redet, redet er nicht von ihr, wie die Welt von ihr redet. In der Welt hat ein Jeder seine eigenen Gedanken von der Wahrheit, Jedem gilt etwas Anderes für Wahrheit, aber kein Weltkind kennt sie selbst, keines hat sie selbst gefunden. Die Welt hat keinen Sinn für die Wahrheit. Es geht ihr wie Pilatus, sie sucht die Wahrheit, und wenn die Wahrheit endlich lebendig zu ihr kommt, fragt sie doch noch verlegen: Was ist Wahrheit? Nicht so Johannes. Er kennt die Wahrheit, er hat sie gesehen und beschauet mit seinen Augen, betastet mit seinen Händen, sein Haupt hat an ihrer Brust geruht, und mehr als das, sein Herz hat an sie geglaubt und sie geliebt. Ihr merket, was ich sagen will: „Jesus ist die Wahrheit.“

    Zwar ist Jesus nicht mehr leibhaftig auf Erden, die Wahrheit ist in Jesus aufgefahren in den Himmel. Aber durch Seinen Geist wohnet sie dennoch auf Erden, nämlich in unserm Herzen. Sein Geist lehrt uns Ihn kennen, an Ihn glauben und in Liebe mit Ihm verbunden bleiben. Sein Geist lehrt uns auch Alles, was zu seinem Reich gehört. Wo Sein Geist in einem Herzen wohnet, da ist das Herz mit Wahrheit erfüllt, da ist im Herzen die Erkenntnis göttlichen Wortes ausgegossen, wie eine köstliche Salbe, da ist das Herz mit heiliger Wahrheit gesalbt, irret und lüget nicht. Das ist die Wahrheit, die unser Text meint. Diese Wahrheit aber, dieser Geist der Wahrheit flieht, und die Salbung des Herzens höret auf, wo man wieder seine Sünde leugnet. So wir sagen, wir haben keine Sünde, so ist die Wahrheit schon nicht mehr in uns.

    Wie unser Text sagt, so ist’s ihr Lieben! Denn ehe uns der Geist von der weitern Wahrheit unterrichten, ehe Er in uns die Gerechtigkeit Jesu, der zum Vater ging, und den Sieg Jesu über Teufel, Welt und Sünde verklären kann, muss Er zuerst unser eigenes Wesen in Seinem Licht uns sehen lassen, uns überzeugen, dass wir Sünde haben. Die Erkenntnis der Sünde ist der Anfangsgrund der Wahrheit.

    Ist aber die Erkenntnis der Sünde der Anfangsgrund der Wahrheit, so muss ja dem die ganze Wahrheit fehlen, der nicht ihren ersten Anfang, der nicht die Erkenntnis der Sünde in sich hat. Und wer, nachdem der König der Wahrheit mit allen seinen Gaben, mit seinem ganzen Reich in ihm eingezogen ist, nachdem die Wahrheit schon Wohnung in ihm gemacht hat durch den heiligen Geist, – wer danach den Anfang der Wahrheit, die Erkenntnis der Sünde verliert, und sagt, er habe keine Sünde, der verliert mit dem Anfang der Wahrheit die ganze Wahrheit, das ganze Reich der Wahrheit samt ihrem König Jesus aus dem Herzen.

    Hier mögen sich prüfen, die sich lassen dünken, sie wissen Wahrheit und tragen sie in sich, – die unbekehrten, weltlich-weisen Leute meine ich. Was nützt ihnen ihr Wissen, was alle tiefen und mühsamen Untersuchungen über „das Wesen der Wahrheit“, wenn sie nicht den ersten Anfangsgrund der Wahrheit gelernt, wenn sie nicht gelernt haben, dass sie in Sünden empfangen und geboren und dem Gesetz der Sünde untertan, in sich selber finster, ferne von der Wahrheit Gottes sind? Ein demütiges, zerbrochenes Herz – das ist allein der Boden, auf dem ein wahres Wissen keimet. Wisse was und so viel Du willst, wenn’s nicht auf den ersten Grundsatz alles Wissens, auf die Erkenntnis der Sünde gegründet ist, bläst es Dich und die Dich hören, doch nur auf und dient euch nicht zum Frieden.

   Das ist der Weisheit Anfang, dass ein Mensch seine Sünde erkennt und sich fürchtet vor Gott, dem Herrn. Das ist der erste Strahl des anbrechenden Tages der Wahrheit, der Dir die Nacht der Sünden mit allem ihrem Grausen offenbart. Wer aber seine Sünde leugnet, wer sagt, er habe keine Sünde, der weiß das Erste nicht, das man wissen muss, in dem ist auch der erste Strahl der Wahrheit nicht, sondern eitel finstre Nacht.

    Darum, Geliebte! die ihr jetzt noch der Wahrheit Raum gebt und dem Geiste, der euch von der Sünde in euch predigt, noch nicht widersprechet, widersprechet ihm nie! Verleugnet nie die erste Wahrheit des Heiligen Geistes, verleugnet eure Sünde nie; denn wie wir gehöret haben, wer diese Wahrheit leugnet, vertreibet alle Wahrheit aus dem Herzen.

    Zwar kommt man nicht gleich von der vollen Erkenntnis der Sünde, wie ihr sie jetzt habt, zu der gänzlichen Verleugnung derselben, mit der die Wahrheit von uns weicht. Aber nach und nach kann’s dahin kommen.

    Es ist die Verleugnung der Sünde inwendig und verborgen: noch betrübt sich Dein eignes Herz, wenn Dein alter Mensch sich wieder heben, diese oder jene Deiner alten oder neuen Sünden leugnen will; noch zeugt der Heilige Geist in Dir laut gegen diese innere Verleugnung Deiner Sünde, und Du würdest es noch nicht über Deine Lippen bringen können, zu behaupten: „Diese oder jene meiner Sünden ist keine Sünde!“ Aber gib ihr nur nach, dieser Lust, Deine Sünde zu verleugnen, o wie wird dann die Sünde der Verleugnung so schnell in Dir wachsen, wie wird ein Geist der Verleugnung in Dir Überhand gewinnen, und Dich verblenden über alle Sünde, – wie wird Dein Herz immer kecker, immer freventlicher dem Geist der Wahrheit widersprechen, immer zügelloser der Lüge sich überlassen, immer verstockter bei sich selber sprechen: „Ich habe keine Sünde! es ist nicht so arg mit der angeborenen Sünde und Sündenlust; auch hab’ ich ihr nicht so oft nachgegeben, als ich dachte; es ist vieles gar keine Sünde, das ich vor Kurzem noch für Sünde hielt!“ – Schon ist Dein Herz voll Verleugnung der Sünde, bald wird Dein Mund davon übergehen. Je lauter Du der Stimme des Geistes, die Dich straft um Deine Sünde, widersprichst, desto leiser lässt sie sich in Deinem Herzen hören. Endlich schweigt sie! Jetzt kannst Du’s ohne Störung heraussagen, was Du meinst: „Ich habe keine Sünde!“ Die Welt wird sich freuen, dass Du in ihre Losung einstimmst, sie wird Dich stärken in Deiner Behauptung. –

    Aber die Wahrheit ist entflohen, der Geist der Wahrheit ist von Dir gewichen, die Erkenntnis der Wahrheit in Dir ist Nacht, Dein Herz ist in Lügen gefangen. Das Ende der Verleugnung der Sünde ist in Dir erfüllt, der Verlust der Wahrheit ist in Dir völlig worden. Johannes hat Dir’s in unserm Text geweissagt, nun ist’s geschehen. –

    O, wenn Du Dir dann vorkämest, wie ein Engel des Lichts so hell und klar, Du bist doch ohne Licht und aller Lüge voll, wie ein Engel der Finsternis. Gott weiß es, die heiligen Engel und Deine Brüder, die in der Wahrheit geblieben sind, wissen es, und weinen über Deinen Abfall, Deinen Tod. Nur Du siehst Deine Finsternis und Deinen Tod nicht, Du bist der Welt wieder gleich worden, die auch ihre Sünde leugnet, damit sie desto ungestörter sündigen könne. Du bist, wer Du warst, ehe Du Dich bekehrtest, ja Deine Finsternis ist ärger, denn zuvor. –

    Darum, Geliebte! fürchtet solche Finsternis, wachet über eure Seelen! gebt dem ersten Gedanken, der eure Sünde verkleinern oder leugnen will, mit Abscheu und Grauen den Abschied, er ist nicht vom Geist der Wahrheit. Lasset ihn nicht aufkommen in eurer Seele! Ihr wisset nun, er ist der erste Schritt zum gänzlichen Verlust der Wahrheit!

 



   Wir haben gesehen, Geliebte: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns!“ Jetzt sind freilich Viele, welche sagen: „Wir haben keine Sünde“, – und wer seine Sünde bekennt, gilt jetzt als für verführt, in ihm ist keine Wahrheit, er ist in Aberglauben und Finsternis versunken. Man leugnet die Erbsünde und angeborene Sündenlust, die Sünde ist höchstens eine böse Gewohnheit oder Schwachheit, um deren Willen ein guter Vater in dem Himmel Keinem die ewige Seligkeit missgönne. – Aber was ist’s? Soll etwa unser Text, soll Gottes Wort deshalb Unrecht haben, weil so viele Menschen widersprechen? Nicht also! Gottes Wort bleibet wahr! Aber viele Verführte sind jetzt in der Welt, viele, in denen die Wahrheit nicht ist, – weil viele ihre Sünde leugnen. Wir, lieben Brüder! wollen unsere Sünde nicht verleugnen, weder die Erbsünde, noch die andere Sünde; wir wollen im Bekenntnis unserer Sünde bleiben und allein auf Jesus und Sein Verdienst unsere Hoffnung auf die ewige Seligkeit bauen. Am Ende unseres Laufes angekommen in der ewigen Stadt, werden wir erkennen, dass wir die Wahrheit und den rechten Weg zum Ziel erwählet haben. Der große Tag aber wird’s offenbaren vor der Welt!

Amen!

 

Alttestamentliche Predigt zu Neujahr ueber Jeremia 3,12-15: Der gnadenvolle Ruf Gottes an sein Volk: „Kehre wieder!“

 

Jeremia 3,12-15: Gehe hin und predige gegen Norden so und sprich: Kehre wieder, du abtrünniges Israel, spricht der HERR, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen. Allein erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast und hin und her gelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen und habt meiner Stimme nicht gehorcht, spricht der HERR. Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder, spricht der HERR; denn ich will euch mir vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt und zwei ein ganz Land führen sollen; und will euch bringen gen Zion. Und will euch Hirten geben nach meinem Herzen, die euch weiden sollen mit Lehre und Weisheit.

 

    In Christus, unserem Heiland, geliebte Mitpilger!

    Die Zeit unserer irdischen Pilgerfahrt ist so gar kurz. Der Apostel Jakobus antwortet auf die Frage: „Was ist euer Leben?“ „Ein Dampf ist’s, der eine kleine Zeit währt, danach aber verschwindet er.“ Und diese Wahrheit müssen alle, die in einem höheren Alter stehen, bestätigen. Wenn sie auf ihr Leben von fünfzig oder mehr Jahren zurückblicken, so erscheint es ihnen nur ein Dampf, der schnell verschwunden ist. So auch mit dem letzten, eben vergangenen Jahr. Wie schnell ist es dahingeschwunden! Es verschwindet ein Jahr nach dem anderen, und ehe der Mensch sich dessen versieht, sieht er sich am Ende angekommen.

    Aber so kurz das menschliche Leben ist, so wichtig ist es; denn am Ende desselben steht der Richterstuhl, von dem über das Leben eines jeden ein unfehlbares Urteil gefällt wird. „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deiner Jugend. Tue, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; und wisse, dass dich Gott um dies alles wird vor Gericht führen“, heißt es Pred. 11,9; und der Apostel schreibt: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit ein jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse.“ Der Richter ist unfehlbar und unbestechlich, ist allwissend und allmächtig, vor ihm gilt kein Verbergen, er weiß alles; vor ihm gilt kein Heucheln, denn er ist der Herzenskündiger; er beurteilt jedes Werk nach seinem wahren Wert. Manches Werk, das hier gut erscheint, verurteilt er als verwerflich, und weil er allmächtig ist, so vollstreckt er auch das Urteil. Wie viele würden anders handeln und anders leben, wenn ihnen dieser Richterstuhl und das Urteil, das ihnen bevorsteht, vor Augen stünde!

    Ist nun dem so – und wer könnte leugnen, da selbst dem Ungläubigen sein Gewissen es bezeugt – so soll dies kurze Leben für einen jeden Menschen die Vorbereitungszeit auf das jenseitige, ewige Leben sein. Wie dieses, so jenes Leben. Wer in diesem Leben von Gott geschieden ist, wird dort auch von ihm geschieden sein; wer hier der Sünde gedient hat, wird dort mit Schmach bedeckt sein; wer hier in der Finsternis der Sünde gelebt hat, wird dort in ewiger Finsternis sein; wer hier kärglich gesät hat, wird dort kärglich ernten. Den Heuchlern wird der Richter das Wort zurufen: „Ich habe euch noch nie erkannt, weicht alle von mir, ihr Übeltäter!“ seinen treuen Dienern aber: „Ei du frommer und treuer Knecht! Du bist über wenigem treu gewesen, ich will ich über viel setzen; gehe ein zu deines HERRN Freude.“

    Diesem Richterstuhl des HERRN und seinem Urteil sind wir wieder um ein bedeutendes, um ein ganzes Jahr näher gekommen. Wer von uns weiß, ob er nicht mit dem heutigen Tag die Schwelle des letzten Jahres in diesem Leben überschritten, nicht dem Richterstuhl ganz nah gekommen ist? Der Richter will keines Sünders Tod, er möchte über einen jeden auch von uns einen gnädigen, seligsprechenden Urteilsspruch fällen, und damit dies geschehe, lässt er seinen Ruf zur Umkehr immer wieder an alle ergehen, die von dem schmalen Weg abgetreten sind. Einen solchen gnädigen Ruf vernehmen wir heute aus dem verlesenen Text. So hört denn

 

Den gnadenvollen Ruf des HERRN an sein Volk: „Kehre wieder!“

 

    Wir erkennen, dass er

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      An sein abtrünniges Volk gerichtet ist,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Ihm Barmherzigkeit verheißt,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Aufrichtige Erkenntnis seiner Sünde fordert.

 

1.

    „Gehe hin und predige gegen Mitternacht [Norden]“, so, Geliebte, sprach Gott der HERR zu seinem Propheten Jeremia. Er soll sich gegen Mitternacht, nach Norden, wenden, weil sich dort das Volk Israel in der assyrischen Gefangenschaft (V. 18) befand. Dieses war dem HERRN abtrünnig geworden, hatte das Wort des Propheten, den er zu ihm gesandt, verachtet und musste deswegen in der Gefangenschaft in Assyrien schmachten. Doch hat der HERR es auch dort nicht vergessen, sondern fordert es zur Umkehr von seinem gottlosen Wesen auf und verheißt ihm, wenn es umkehrt, die Heimkehr in sein Land, nach Zion. Um der Abgötterei, ihres geistlichen Ehebruchs willen hatte Gott dem Volk Israel, wie es im achten Vers dieses Kapitels heißt, einen Scheidebrief gegeben wie ein Mann der ehebrecherischen Frau; aber doch will er es nicht auf immer verstoßen, sondern, wenn es umkehrt, Buße tut, wieder annehmen und lässt ihm daher durch seinen Propheten zurufen: „Kehre wieder!“

    Worin die Sünde des Volkes Israel vornehmlich bestand, ersehen wir aus den Worten unseres Textes: „Ihr seid hin und her gelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen und habt meiner Stimme nicht gehorcht, spricht der HERR.“ Abgötterei war also die vornehmste und Grundsünde des Volkes Israel. Gott der HERR hatte es sich zu seinem Volk, zum Volk des Eigentums, erwählt, hatte es mit mächtiger Hand aus der Knechtschaft Ägyptens geführt, mit ihm auf Sinai den Bund des Gesetzes gemacht und ihm als das erste und Hauptgebot das Gebot gegeben: „Ich bin der HERR, dein Gott … Du sollst nicht andere Götter haben neben mir“; und das Volk hatte gelobt: „Alles, was der HERR geredet hat, das wollen wir tun.“ Er hatte es sodann durch die Wüste in das verheißene Land, in dem Milch und Honig floss, geführt. Aber das Volk hatte alle diese Wohltaten vergessen, den mit Gott gemachten Bund schmählich gebrochen und war hingelaufen zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen. Seitdem der Tempel zu Jerusalem gebaut war, in dem sich Gott in der Lichtwolke über den Cherubim der Bundeslade als dem Volk in Gnaden gegenwärtig offenbarte, war alles Opfern an anderen Orten streng verboten. Aber immer wieder tat das Volk es den Heiden gleich, die auf den Höhen und unter den Bäumen ihre Altäre errichteten und darauf ihren Götzen opferten. Heidnische Abgötterei, die so oft mit Wollust, Fleischeslust, besonders bei dem Dienst der Göttin Astarte, verbunden war, war es, was der Prophet meint, wenn er sagt, sie seien zu den fremden Göttern unter allen grünen Bäumen gelaufen und hätten der Stimme Gottes nicht gehorcht. Aber alle Abgötterei ist Abfall von dem einigen wahren Gott, ist die Quelle aller anderen Sünden. Wo jene geschieht, da folgen diese. Wer Gott nicht liebt, liebt etwas anderes; wer Gott nicht fürchtet, fürchtet etwas anderes; wer nicht auf Gott vertraut, vertraut auf etwas anderes. Und wie leicht schleicht sich neben Gott ein Götze ein! Zwar will man Gott nicht den Abschied geben, aber doch nicht ihm allein, sondern neben ihm noch einem anderen dienen, wie es so oft von dem Volk Israel geschah. So war es bei Laban, der neben Gott seine Hausgötzen hatte; so bei Rahel, die ihrem Vater Laban seine Hausgötzen stahl und, als dieser sie suchte, sie unter die Streu der Kamele versteckte und sich darauf setzte. Daher musste Jakob seinen Hausgenossen den Befehl geben: „Tut von euch die fremden Götter, so unter euch sind, und reinigt euch.!“ Denselben Befehl musste Josua dem Volk Israel im Land Kanaan geben. Dennoch hatte sich dieser Götzendienst wieder unter dem Volk eingeschlichen; denn 1. Sam. 7,3 sprach Samuel zu dem Volk: „So ihr euch mit ganzem Herzen zu dem HERRN bekehrt, dann tut von euch die fremden Götter und Astarot und richtet euer Herz zu dem HERRN und dient ihm allein.“ Immer mussten sie neben dem einigen wahren Gott einige Nebengötter haben trotz aller Warnung, Drohung und Strafe durch die Propheten.

    Aber dessen machen wir uns doch nicht schuldig? Sei dessen nicht zu sicher, mein Freund! Diese Art von Abgötterei geht heute noch mitten in der Christenheit im Schwang. Hat man in der römischen Kirche nicht eine ganze Anzahl Götzen in den sogenannten Heiligen neben Gott gesetzt, die angerufen werden? Und dient nicht manch anderer diesem oder jenem Götzen, der sich in sein Herz eingeschlichen hat? Die Heilige Schrift nennt manche solcher Nebengötter und warnt sehr vor ihnen: „Wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert“, spricht der HERR und macht einen Hausgötzen namhaft. „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm!“ heißt es, und damit ist ein zweiter genannt. „Alles, was in der Welt ist, nämlich des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“, schreibt Johannes und warnt damit vor drei weiteren Götzen. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“, spricht Christus und nennt damit den Götzen, vor dem sich die ganze Welt beugt wie Israel vor dem goldenen Kalb. Der Apostel nennt den Geizigen einen Götzendiener. Aber wer kann die Götter alle aufzählen? Um den Mammon wird selbst unter Verwandten gestritten, um ihn wird gelogen und betrogen, um des Mammons willen werden allerlei Schandtaten verübt. Die Ägypter hatten einen Stier als Götzen, den sie Apis nannten; und der Stierdienst ist heute noch nicht ausgestorben. Es gibt kaum ein Ding, das dieser und jener nicht zu seinem Abgott macht. Aber was bedarf’s weiteren Nachweises? Wir dürfen uns nur das Wort des HERRN als Spiegel vorhalten: „Du sollst lieben Gott, deinen HERRN, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“, in diesem Spiegel unser Herz aufrichtig prüfen, so wird bald dieser oder jener Abgott zum Vorschein kommen. Darum ergeht aber auch immer wieder der Ruf Gottes: „Kehre wieder!“ Wende dich ab von deinem Abgott; kehre dich wieder zu mir! Ich dulde keine anderen Götter neben mir, „denn ich, der HERR, das ist mein Name, und will meine Ehre keinem anderen geben, noch meinen Ruhm den Götzen.“ Ich habe dich geschaffen, dir Leib und Seele, Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne gegeben; was du hast, ist alles mein, das Werk meiner Hände. So diene nicht dem Geschöpf, sondern mir, deinem Schöpfer, allein.

    Hiernach prüfe sich ein jeder, ob er im vergangenen Jahr seinem Gott ganz gelebt und gedient hat, oder ob er abtrünnig gewesen ist und also Ursache hat, den Ruf seines Gottes: „Kehre wieder!“ sich zu Herzen zu nehmen. Wohl dem, der es tut! Denn ihm wird Barmherzigkeit verheißen.

 

2.

    Es heißt weiter in unserem Text: „So will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen; denn ich bin barmherzig, spricht der HERR, und will nicht ewig zürnen.“ Gott ruft sein abtrünniges Volk zur Wiederkehr, zur Buße, weil er barmherzig ist. Wenn du die Götzen von dir tust und dich wieder zu mir kehrst, so will ich mein Antlitz nicht gegen euch verstellen, das heißt, nicht im Zorn auf euch herabblicken und euch strafen, wie ihr es verdient habt. Wohl ist er der Gerechte, der die Sünde nicht ungestraft hingehen lassen kann. Wohl ist er der heilige Gott, dem jede Sünde ein Greuel ist. Er ist nicht ein Gott, wie es im 5. Psalm heißt, dem gottloses Wesen gefällt; wer böse ist, der bleibt nicht vor ihm. Das hatte er dem Volk Israel bei der Gesetzgebung in den Worten gesagt: „Denn ich, der HERR; dein Gott, bin ein starker, eifriger Gott, der über die, so mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.“ Das hatte auch Israel in der Wüste erfahren; denn sooft es sich der Abgötterei und anderer Sünden schuldig machte, musste es die Strafe über sich ergehen lassen. Aber er hatte auch hinzugefügt: „Und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich liebhaben und meine Gebote halten.“ So ruft er auch hier dem abtrünnigen Volk zu: „Ich bin barmherzig und will nicht ewig zürnen.“

    Ist das nicht wunderbar, ja unbegreiflich? Gott ruft das abtrünnige Volk zur Wiederkehr und versichert es seiner Barmherzigkeit! Der Schöpfer ruft sein Geschöpf, der Heilige das sündige Volk, das seinen gerechten Zorn verdient hat; dem sichert er Barmherzigkeit zu und verheißt ihm, dass er alle seine Sünden und Übertretungen vergeben wolle. „Bekehrt euch, ihr abtrünnigen Kinder!“ fügt er hinzu; „denn ich will euch mir vertrauen und will euch holen, dass einer eine ganze Stadt und zwei ein ganzes Land führen sollen; und will euch bringen nach Zion.“ Nicht nur barmherzig will er sich dem Volk gegenüber beweisen, ihm alle Abgötterei und Sünde vergeben, sondern er will es sich vertrauen. Was heißt das? Dies erkennen wir aus dem Zusammenhang; denn im achten Vers sagt der HERR, er habe des abtrünnigen Israels Ehebruch gestraft, sie verlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben, womit das Verhältnis Gottes zu dem Volk unter dem Bild der Ehe, als ein Verhältnis, wie es zwischen Ehegatten besteht, dargestellt wird. Wie Mann und Frau beim Eingehen der Ehe geloben, dass sie sich allein angehören und mit keiner anderen Person zu schaffen haben wollen, so hatte Israel dem HERRN gelobt, ihm allein anzugehören, seinem Wort gehorsam zu sein, ihm allein zu dienen. Dieses Gelübde hatte das Volk gebrochen, es hatte sich zu den Götzen gewandt und dadurch geistlich Ehebruch getrieben. Deswegen hatte Gott sich von ihm scheiden müssen. Nun aber verheißt er, dass, wenn es sich bekehre, die Götzen fahren lasse, er ihm nicht nur alles vergeben, sondern sich aufs neue mit ihm vertrauen, verloben, es lieben, ihm wohltun wie vorher, es auch aus der Gefangenschaft in Assyrien wieder holen und nach Zion zurückbringen wolle. Und wenn sich nur wenige, einer aus einer Stadt und zwei aus einem Stamm bekehren, die anderen aber in Unbußfertigkeit verharren, so will er selbst die wenigen annehmen und nach Zion zurückführen. Diese sollen um der Unbußfertigen willen nicht dem Verderben preisgegeben werden. Diesen will er sodann, wie es am Schluss unseres Textes heißt, Hirten nach seinem Herzen geben, die sie mit Lehre und Weisheit lehren sollen, sein Wort rein und lauter verkündigen und sie vor Abfall zu heidnischer Abgötterei und Wesen bewahren. Das ist die Barmherzigkeit, die der HERR dem Volk Israel verheißt, wenn es wiederkehrt. Er will seinen Zorn fahren lassen, ihm alles vergeben, es wieder zu Gnaden und in Liebe annehmen wie ein Mann seine verstoßene Gemahlin und ihm treue und gewissen hafte Lehrer geben.

    Die Erfüllung dieser Verheißung geschah zur Zeit des Neuen Testaments, auf welche der Prophet auch in unserem Text blickt; denn nicht von dem irdischen Zion redet er, sondern von dem geistlichen Zion, der Kirche des Neuen Testaments, zu der Juden und Heiden aus allen Völkern von dem HERRN gebracht werden sollen und noch stets gebracht werden. Sollte diese Barmherzigkeit unsers Gottes nicht auch uns zur Umkehr bewegen, wenn und wo wir bei ernster Selbstprüfung erkennen, dass wir hier und dort nicht in seinen Wegen gewandelt, seinem Wort nicht gehorsam gewesen sind? Meine Freunde, die Wiederkehr oder die Buße zu Gott ist nicht eine abgeschlossene Handlung, die einmal im Leben der Christen stattgefunden hat, sondern dauert durch das ganze Leben hindurch. Müssen wir nicht täglich bitten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern“? Heißt es nicht: „Der Gerechte fällt des Tages siebenmal“? Bedeutet unsere Taufe nicht, „dass der alte Adam durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten, und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewig lebe“? Tägliches Sündigen, tägliche Reue, tägliche Wiederkehr zu dem barmherzigen Gott, der uns um Christi, unseres Heilandes willen, alle Sünden vergeben hat und täglich vergeben will, das ist das Leben der Christen. Wem verheißt er Barmherzigkeit? Denen, die in aufrichtiger Erkenntnis ihrer Missetat zu ihm kommen. Das ist der dritte Punkt unserer Betrachtung.

 

3.

    „Allein, erkenne deine Missetat, dass du gegen den HERRN, deinen Gott, gesündigt hast“, spricht der HERR. Das ist die einzige, aber auch unerlässliche Forderung, die Gott an das Volk Israel stellt. Es soll erkennen, dass es an dem HERRN, seinem Gott, gesündigt hat, an dem HERRN, Jahwe, mit dem es seinen Bund gemacht hat, und an dem es bundesbrüchig geworden ist. Bundesbrüchigkeit ist wahrlich keine geringe Sünde, und diese Sünde hat es gegen seinen Gott, seinen Schöpfer, begangen. Die Ehre, die allein dem allmächtigen Schöpfer gebührt, haben sie ihren eigenen Machwerken erwiesen. Das ist die Sünde aller Sünden. Oder ist’s ein Geringes, meine Geliebten, wenn dein Kind die ungehorsam ist, dich verachtet? Wirst du darüber nicht betrübt und zornig? Greifst du, wenn du kannst, dann nicht zur Strafe? Und sollte das eine geringe Sünde sein, wenn der Mensch das Wort und den Willen seines Gottes verachtet, wenn Christen, mit denen er in der heiligen Taufe den Gnadenbund gemacht, die er zu seinen Kindern aufgenommen hat, gegen ihren gnädigen und barmherzigen Gott sündigen, sein Wort verachten? Ach, dass Christen die Sünde gering achten, wohl mit ihr tändeln können!

    Darum aber fort der HERR: Allein, erkenne deine Sünde, erkenne, wie groß sie ist, wie sehr du mich dadurch betrübt, zum Zorn gereizt hast! Tue darüber von Herzen aufrichtige Buße, oder mein Zorn bleibt über dir. Und muss er nicht so mit den Unbußfertigen handeln? Wenn er ihnen auch vergeben würde, hieße das nicht, ihre Sünde billigen, ja, sie darin bestärken und zum Weitersündigen geradezu ermuntern? Dann wäre er kein heiliger und gerechter Gott. Er wäre einem Vater gleich, der, wenn seine Kinder ihm ins Gesicht schlagen, dazu lacht. Nein, ohne bußfertige Erkenntnis ist keine Barmherzigkeit, keine Vergebung. Denn:

Wahr ist’s, Gott ist wohl stets bereit

Dem Sünder mit Barmherzigkeit;

Doch wer auf Gnade sündigt hin,

Fährt fort in seinem bösen Sinn

Und seine Seele selbst nicht schont,

Der wird mit Ungnad abgelohnt.

    Könnte Gott ohne Erkenntnis der Missetat Barmherzigkeit erzeigen, wozu hätte er dann seinen einigen Sohn in die Welt gesandt, die Sünde der Welt auf ihn gelegt, ihn um der Sünde willen gestraft und gemartert, ihn am Kreuz büßen lassen? Das wäre alles unnötig, vergeblich gewesen. Aber so gewiss Christi, unseres Stellvertreters, Leiden die Strafe unserer Sünden war, so gewiss kann er nur dem, der seine Sünde bußfertig erkennt, vergeben, nur dem Gnade erzeigen, der um des Leidens Christi willen gläubig um Gnade fleht:

Zu dir flieh ich,

Verstoß mich nicht,

Wie ich’s wohl hab verdienet!

Ach Gott, zürn nicht,

Geh nicht ins Gricht!

Dein Sohn hat mich versühnet.

    Zu solcher herzlichen Erkenntnis unserer Missetat, deren wir wahrlich genug im verflossenen Jahr begangen haben, lasst uns denn, meine Brüdern und Schwestern, in das neue Jahr eintreten; dann schwebt in ihm nicht unseres Gottes Zorn wie eine finstere, drohende Wolke, sondern seine Barmherzigkeit wie das freundliche Sonnenlicht über uns; er wirft dann alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres, dass ihrer nicht mehr gedacht wird. Kein Bußfertiger darf an Gottes Barmherzigkeit zweifeln; denn wo die Sünde mächtig geworden ist, da ist die Gnade noch viel mächtiger geworden. Und wenn die Sonne der Barmherzigkeit unseres Gottes in diesem Jahr auf uns herniederscheint, mögen dann auch finstere Wolken der Trübsal sich in ihm zusammenziehen, mag es dann selbst donnern und blitzen: Seine Barmherzigkeit bricht durch sie hindurch, und wir werden gesegnet sein. Darum, wo immer du auch bist, folge dem Ruf deines Gottes: „Kehre wieder!“ Ja,

Kommt, die ihr den Bund gebrochen;

Stellt euch reuig wieder ein!

Denn der HERR hat uns versprochen:

Kehre wieder, du bist mein!

Beugt euch unter sein Gericht

Und fasst neue Zuversicht!

Wollt ihr euch mit ihm verbinden,

Sollt ihr alles wiederfinden.

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag nach Neujahr ueber 1. Mose 2,18-25: Die Erschaffung der Frau

 

1. Mose 2,18-25: Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei. Denn als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Feld und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nannte; denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen. Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen; aber für den Menschen wurde keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre.

    Da ließ Gott der HERR einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Man wird sie Männin heißen, darum dass sie vom Mann genommen ist. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und sie werden Sein ein Fleisch. Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.

 

    In dem HERRN geliebte Zuhörer!

    Der heutige Text berichtet uns neben anderem die Benennung der Tiere, die Gott geschaffen hatte. Diese Benennung geschah nicht von Gott, sondern von Adam, dem ersten Menschen. „Denn“, so lesen wir, „als Gott der HERR gemacht hatte von der Erde allerlei Tiere auf dem Feld und allerlei Vögel unter dem Himmel, brachte er sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nannte. Denn wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.“

    Welch ein einzigartiger Vorgang: Die Tiere gingen an Adam paarweise vorüber! Sie kamen nicht von selbst, sondern Gott brachte sie zu ihm; aber sie kamen doch nicht gezwungen, sondern infolge der allmächtigen Lenkung Gottes, der jede von ihm erschaffene Kreatur in seiner Hand hat und sie leitet, wie er will. Verschaffte er nicht einen großen Fisch, der den Propheten Jona verschlingen und nach drei Tagen aber wieder ans Land speien musste? Lenkte nicht Christus bei dem wunderbaren Fischzug des Petrus die große Menge Fische so, dass sie in das ausgeworfene Netz gehen musste? Sind ihm nicht Wind und Meer gehorsam? Er hat Himmel und Erde und das Meer mit allen ihren Bewohnern, die er geschaffen hat, in seiner allmächtigen Hand; er gebietet ihnen, und sie sind seinem Wort gehorsam.

    Warum aber sollte Adam den Tieren ihren Namen geben? Weil Gott ihn zum Herrn über sie gesetzt hatte, und diese Vorführung der Tiere und ihre Benennung durch ihn das Verhältnis herstellte, in welchem sie zu ihm stehen, indem sie ihm dienen, er aber über sie herrschen sollte. Diese Vorführung und Benennung geschah am sechsten Schöpfungstag und erforderte keine so lange Zeit, wie es uns scheinen möchte; denn noch war der Sündenfall nicht geschehen, durch den auch das Verhältnis, in dem die Tiere zu dem Menschen standen, verändert worden ist.

    Adam erkannte auf den ersten Blick die Art und Beschaffenheit eines jeden Tieres und gab jedem einen zutreffenden Namen; denn es heißt: „Und der Mensch gab einem jeglichen Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Feld seinen Namen.“ Er erkannte die Eigenart eines jeden Tieres viel besser, als alle heutigen Naturforscher durch lange Beobachtung und Untersuchung sie kennen zu lernen imstande sein, wie Luther mit Recht sagt: „Wie ist doch in dem einigen Adam eine so treffliche, reiche Erkenntnis und Weisheit gewesen!“ Aber nicht die Namengebung war der alleinige Zweck, weshalb Gott ihm die Tiere vorführte, auch nicht, dass er damit seine Herrschaft über sie antrete, sondern er sollte dadurch sich bewusst werden, dass der Mensch allein dastehe, keine Gehilfin um sich habe, wie es im 20. Vers heißt: „Aber für den Menschen wurde keine Gehilfin gefunden, die um ihn wäre“, und dass das Verlangen nach einer solchen in ihm erweckt werde, ein Verlangen, das alsbald erfüllt werden sollte. Davon handelt der heutige Text, aufgrund dessen wir jetzt betrachten wollen:

 

Die Erschaffung der Frau

 

    Dies geschah

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Nach göttlichem Beschluss auf Verlangen des Menschen;

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Indem Gott sie aus der Rippe baute;

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Indem er sie Adam selbst als eine Frau zuführte.

 

1.

    Unser Text beginnt, in dem HERRN Geliebte, mit den Worten: „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Wie Gott Adam nach einem besonderen Ratschluss geschaffen hatte, indem er sprach: „Last uns Menschen machen!“ so fasste er auch in Bezug auf die Erschaffung der Frau einen besonderen Ratschluss, da er sah, dass alle aus der Erde hervorgebrachten Geschöpfe paarweise vorhanden waren, während der Mensch, den er zum Herrscher über sie geschaffen hatte, allein dastand. Dieser Beschluss lautete: „Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.“ Dieses Alleinsein empfang auch Adam, dessen wurde er sich recht bewusst, als die Tiere paarweise an ihm vorübergingen und er einem jeden von ihnen den Namen gab, und dies erweckte in ihm das Verlangen, eine Person, wie er war, um sich zu haben, mit der er in Gemeinschaft stehen und leben könne.

    Aber wird nicht im ersten Kapitel in den Worten: „Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer“ und: „Er schuf sie ein Männliches und ein Weibliches“ berichtet, dass die Frau mit dem Mann zugleich geschaffen wurde? Und scheint es nicht ein Widerspruch zu sein, wenn nun in unserem Text berichtet wird, dass Gott die Frau erst schuf, nachdem Adam einem jeden der ihm vorgeführten Tiere seinen Namen gegeben und dabei gesehen hatte, dass er allein keine Gehilfin hatte? Dieser scheinbare Widerspruch verschwindet sogleich, wenn wir beachten, dass Mose im ersten Kapitel einen kurz zusammengefassten Bericht über die Schöpfung Himmels und der Erde selbst, nun aber, von Kap. 2,4 an, eine Geschichte Himmels und der Erde gegeben hat oder erzählt, was auf der geschaffenen Erde geschehen ist, und da dieses vornehmlich eine Geschichte des Menschen ist, so geht Mose auf die Schöpfung des Menschen zurück, berichtet, dass Gott seinen Leib aus einem Erdenkloß bildete, ihm einen lebendigen Odem in seine Nase blies, ihn dadurch zu einem lebendigen Wesen machte, und berichtet nun auch näher die Erschaffung der Frau. Wir dürfen daher nicht etwa meinen, dass zwischen der Erschaffung Adams und der Frau ein längerer Zeitraum gelegen habe, vielmehr geschah die Schöpfung der Landtiere, des Menschen, die Vorführung und Benennung der Tiere und die Erschaffung der Frau an einem, dem sechsten, Tag.

    Wie Adam, so ist demnach Eva, die Frau, auf besonderen Beschluss Gottes nach seinem Bild geschaffen worden. Auch sie schuf Gott heilig und gerecht, auch sie hat er mit Vernunft und Sprache begabt; denn sie sollte Adams Gehilfin sein. In dieser Beziehung steht sie also hinter Adam nicht zurück. Und der Mensch bedurfte einer solchen Gehilfin, da er nach göttlichem Ratschluss die Erde füllen und über sie herrschen sollte. Wenn Gott der HERR daher sprach: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, so redet er nicht, wie Luther sagt, von dem Gut, das Adams Person allein, sondern von dem allgemeinen Gut, dass das ganze menschliche Geschlecht anging, nämlich die Vermehrung des ganzen menschlichen Geschlechts. Wohl war Adam das edelste unter allen Geschöpfen, aber es mangelte ihm eins, die Gabe der Mehrung und des Segens, da er allein war. aber eine Gehilfin sollte die Frau für den Mann sein, und damit ist das Verhältnis ausgesprochen, in welchem die Frau zu dem Mann stehen sollte. Sie soll ihn umgeben, ihm dienen, nicht über ihn herrschen, keine unabhängige Stellung neben ihm einnehmen, sondern ihm untergeordnet sein; aber doch keine Sklavin sein, sondern eine Gehilfin, die überall um ihn ist, und die er liebt.

    Dieses Verhältnis der Frau zum Mann gilt es besonders zu unserer Zeit zu beachten, in welcher die sogenannte Frauenbewegung (heute: Feminismus) immer weitere Kreise zieht, viele Frauen dem Mann völlig gleichgestellt sein wollen. Sie wollen nicht nur Lehrerinnen, sondern auch Ärzte, Advokaten, im staatlichen und politischen Leben tätig, in allen Wahlen stimmberechtigt sein, kurz, im öffentlichen Leben dieselben Rechte haben wie die Männer. Damit treten sie aus der Stellung heraus, die Gott der Frau bei der Schöpfung zugewiesen und nach dem Sündenfall durch die Worte: „Dein Wille soll deinem Mann unterworfen sein“ verschärft hat. Der Wirkungskreis der Frau ist das Haus, nicht das öffentliche Leben, weshalb Paulus Tit. 2,5 schreibt, dass sie nicht nur sittig und keusch, sondern auch häuslich und dem Mann untertan sein, „häuslich“, das heißt, das Hauswesen besorgen, es wohl instand halten, dem Mann angenehm und behaglich machen soll. Dazu hat ihr Gott besondere Kräfte und Eigenschaften gegeben, die der Mann nicht hat. Luther bemerkt mit Recht: zum Kinderpflegen schicke sich der Mann wie das Kamel zum Tanz, während die Frau mit ihrer Liebe, Geduld und zarten Hand dazu besonders geschickt ist. Frauen, die sich in das öffentliche Leben drängen, in das politische Getriebe stürzen, verlieren die Zierde, die sie als liebende Hausfrauen schmückt, erniedrigen und beschmutzen sich in dem unsauberen Getriebe des politischen Lebens, vernachlässigen, ja, zerstören das häusliche Glück, das eheliche Leben. Sie sind nicht um den Mann, sondern von ihm weg.

 

2.

    „Da ließ Gott der HERR“, so heißt es weiter, „einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen; und er schlief ein. Und er nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte zu mit Fleisch. Und Gott der HERR baute eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm.“

    Einen tiefen Schlaf ließ Gott der HERR auf Adam fallen, so dass er fest schlief, ähnlich wie jetzt ein Mensch fest und tief schläft, wenn er von der Anstrengung der Arbeit ermüdet ist. Es war ein wirklicher Schlaf, aber unmittelbar in übernatürlicher Weise von Gott bewirkt; denn vor dem Sündenfall ermüdete und ermattete die Arbeit den Menschen nicht wie nach dem Fall. Sodann nahm Gott eine der Rippen des Menschen und schloss die dadurch entstandene Lücke zu, indem er Fleisch an Stelle der entnommenen Rippe setzte. Dies darf freilich nicht in grob sinnlicher Weise verstanden werden, als ob Gott wie ein Wundarzt ein scharfes Messer genommen, einen Einschnitt in den Körper des Menschen gemacht, die Rippe losgelöst und die Wunde zugenäht hätte. Wie er bei der Schöpfung der leblosen und lebenden Kreaturen und des Menschen kein anderes Mittel oder, dass ich sage, Instrument, als sein Wort gebrauchte, so geschah auch die Schaffung der Frau durchs Wort. Durch dieses entnahm er eine der Rippen Adams, durch dieses baute er aus der Rippe die Frau.

    Beachten wir aber das Wort „bauen“. Den Leib Adams bildete Gott aus einem Erdenkloß, die Frau aber ist nicht von der Erde benommen, sondern von dem Mann, aus einer seiner Rippen erbaut, nicht geschaffen. Mit dem Wort „erbauen“ ist angedeutet, wie fein und künstlich der Körper der Frau in allen seinen einzelnen Teilen von Gott gebildet, wie vollendet ihre Gestalt aus Gottes Schöpferhand hervorgegangen ist. Unterscheidet sich doch auch das menschliche Geschlecht von den anderen Geschöpfen, dass bei diesen das männliche gewöhnlich schöner als das weibliche ist, bei den Menschen die Frau den Mann an Schönheit und Anmut übertrifft. Dass aber die Frau nicht wie der Mann von der Erde, sondern von dem Mann genommen ist, hat tiefere Bedeutung. Es deutet nämlich an, dass Mann und Frau gänzlich eins und unzertrennlich im Leben miteinander verbunden sein und innige Gemeinschaft miteinander haben sollen. Wohl hat der Mann den Vorzug, dass er das Haupt der Frau ist; denn er ist nicht von der Frau, sondern diese ist von ihm genommen; aber damit ist auch zugleich ausgesprochen, dass der Mann durch zärtliche Liebe mit einer Frau verbunden sein soll. Sie ist aus seiner Seite genommen, darum soll sie ihm zur Seite stehen, seine Gehilfin sein. Dieses Verhältnis erkannte Adam auch sogleich, so dass er, als Gott ihm, nachdem er vom Schlaf erwacht war, die Frau zuführte, bei ihrem Anblick mit freudigem Erstaunen ausrief: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen ist.“ Und wie die Frau dem Fleisch nach mit dem Mann eins ist, weil es aus der Rippe des Mannes gebaut ist, so auch dem Geist nach; denn ihr hat Gott nicht noch einen lebendigen Odem eingehaucht wie dem von der Erde gebildeten Körper des Mannes, weil dessen Rippe, aus der sie gebaut wurde, schon mit dem Hauch Gottes belebt und durchdrungen war. So völlig sind also beide nach Leib und Leben eins.

    „Wie sonderbar“, sagt dieser, „wie unglaublich“, ein anderer, „dass die Frau aus einer Rippe des Mannes von Gott gebaut sein soll!“ Ja, die heutige sogenannte Wissenschaft lehrt, dass sich der Mensch aus einem Urschleim, von selbst von Stufe zu Stufe fortschreitend, entwickelt hätte. Aber was ist eher zu glauben vernünftiger: die Lehre der Heiligen Schrift, dass der allmächtige und allweise Gott den ersten Menschen aus einem Erdenkloß und die Frau aus seiner Rippe so wunderbar geschaffen hat, oder die Lehre, dass ein schleimartiger, unvernünftiger Stoff sich von selbst zu einem mit Vernunft und Sprache begabten Menschen geformt haben soll? [Wie übrigens auch die Wissenschaft erkannt hat: Organisches Leben kann nicht aus Anorganischem entstehen, wie Louis Pasteur feststellte.] Sonst sagt die Vernunft: Je künstlicher ein Werk ist, desto größer muss der Künstler sein, der es gemacht hat. Aber das größte Kunstwerk unter allen Geschöpfen, der Mensch, gegen den auch die künstlichsten Maschinen armselige Machwerke, ja, tote Dinge sind, während der Mensch von Leben durchströmt ist, der soll keinen weisen Schöpfer haben, sondern sich von selbst blindlings aus einer Art Schleim entwickelt haben! Gilt da nicht das Wort des Apostels: „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden“? Und ist die Erschaffung der Frau aus einer Rippe Adams etwa unglaublicher als die Adams aus einem Erdenkloß oder die der Landtiere durch das Wort Gottes: „Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein jegliches nach seiner Art“? [Auch hier hat die Wissenschaft übrigens im Nachhinein Gott bestätigen müssen: In allen Zellen des Menschen sind alle nötigen Informationen der DNA enthalten.] Wir wissen sehr wohl, dass das ganze Schöpfungswerk Gottes für die Vernunft ein unbegreifliches Geheimnis ist, aber wir wissen auch, dass die ungläubige, gottfeindliche Wissenschaft den allmächtigen und allweisen Schöpfer gerne aus seiner Schöpfung verbannen möchte.

    Nachdem Gott der HERR die Frau in so wunderbarer Weise für den Menschen geschaffen hatte, führte er sie ihm selbst als seine Gehilfin und Gefährtin zu. Das wollen wir drittens betrachten.

 

3.

    „Gott der HERR baute eine frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm“, heißt es. Wenige, aber inhaltsreiche Worte! Luther nennt sie eine feine Beschreibung der Verlobung oder des hochzeitlichen Gepränges, und mit ihnen ist allerdings die göttliche Stiftung oder Einsetzung des Ehestandes beschrieben. Denn wenn Gott die Frau nicht allein für Adam geschaffen, sondern sie ihm auch selbst zugeführt hat, damit er nicht allein sei, sondern sie als eine Gehilfin um sich habe, so ist das Verhältnis, in dem beide zueinander stehen und das wir den Ehestand nennen, ein von Gott geschaffenes und geheiligtes. Und diesen Ehestand hat Gott im Paradies, vor dem Sündenfall, eingesetzt, als beide, der Mann und die Frau, heilig, ohne jegliche böse Lust, waren. Welch ein Frevel ist es daher, wenn die Römischen den Ehestand für einen fleischlichen Stand erklären und behaupten, dass das ehelose Leben, namentlich das Mönchs- und Nonnenleben, der Stand der Vollkommenheit sei.

    Adam erkannte auch ohne besondere göttliche Offenbarung das Verhältnis, in dem die von Gott ihm Zugeführte zu ihm stand; denn er sprach mit freudigem Erstaunen, als er sie erblickte: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“; sie hat nicht nur Fleisch und Bein wie ich, sondern ist auch von meinem Fleisch und Bein gemacht; und er fügt hinzu: „Man wird sie Männin heißen, darum, dass sie vom Mann genommen ist.“ Wie er die Tiere mit treffenden Namen benannt hat, so gibt er auch der Frau den treffenden Namen Männin. Er sieht in Eva sein Verlangen nach einer Gehilfin erfüllt und erkennt die Gedanken Gottes, der durch die Erschaffung der vor ihm Stehenden sein Verlangen erfüllt hat. Sie gehört ihm zu, ist mit ihm eins; darum nennt er sie Männin und setzt hinzu: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seiner Frau hängen; und sie werden sein ein Fleisch“, werden in der Ehe so innig und unzertrennlich miteinander verbunden sein, als ob sie nicht zwei, sondern ein Fleisch wären. So sprach Adam ohne alle fleischlichen, sündlichen Gedanken. Beide waren heilig; darum heißt es am Schluss des Textes: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht.“ Die Scham trat erst mit der Sünde ein; durch diese wurden die gegen die Seele streitenden Begierden erweckt, die heilige Ordnung Gottes in Sinnenreiz verkehrt.

    Diese göttliche Stiftung der Ehe lehrt uns ein zweifaches: zunächst, dass Gott die Einehe eingesetzt hat, die Vielweiberei daher eine Verkehrung der Ordnung Gottes ist; sodann, welch ein Frevel die Ehescheidung ist, weil dadurch die innige Gemeinschaft zwischen Mann und Frau zerrissen wird. Wer immer daher die Ehescheidung, sei es durch Sünde gegen das sechste Gebot, sei es durch böswillige Verlassung seines Gemahls, veranlasst, der begeht eine Sünde, durch die er aus der Gnade fällt, ein Kind des Zorns und der Verdammnis wird. Wie schrecklich wird daher in unserem Land durch die zahllosen Ehescheidungen gesündigt, die Ehe, diese göttliche, heilige Ordnung, mit Füßen getreten! Umso mehr sollen die Christen sich vor dieser Sünde hüten und sich befleißigen, keusch und züchtig zu leben in Worten und Werken, und jeder, der in der Ehe lebt, soll sein Gemahl lieben und ehren. Weil es aber auch unter christlichen Eheleuten um des Fleisches willen nicht ohne mannigfache Sünden abgeht, weil besonders das liebevolle Verhältnis oft getrübt und verletzt wird, so müssen sie auch darüber in täglicher Reue und Buße stehen, im Blut ihres Heilandes, das er auch zur Büßung dieser Sünde vergossen hat, Vergebung suchen, damit sie in diesem göttlichen Stand göttlich leben. Dazu verleihe ihnen Gott der HERR seine Gnade um Jesu willen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zu Epiphanias ueber 4. Mose 24,15-19: Bileams eigenartige Weissagung vom Messias

 

4. Mose 24,15-19: Und er hob an seinen Spruch und sprach: Es sagt Bileam, der Sohn Beors; es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind; es sagt der Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis hat des Höchsten, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet: Ich werde ihn sehen, aber jetzt nicht; ich werde ihn schauen, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seths. Edom wird er einnehmen, und Seir wird seinen Feinden unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben. Aus Jakob wird der Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist von den Städten.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Die in den vernommenen Textworten enthaltene Weissagung ist in mehrfacher Beziehung eine ganz eigenartige, wenn wir auf die Umstände achten, unter denen sie verkündigt worden ist. Sie ist eine Weissagung Bileams, des Sohnes Beors; denn es heißt zu Anfang unseres Textes: „Es sagt Bileam, der Sohn Beors; es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind.“ Wer war dieser Bileam? Nach dem, was uns die Heilige Schrift über ihn berichtet, war er ein heidnischer Seher, Wahrsager und Beschwörer, dem die Macht zugeschrieben wurde, in wirksamer Weise zu segnen und zu fluchen. Als daher das Volk Israel auf seinem Zug durch die Wüste die beiden Könige der Amoriter, Sihon und Og, völlig geschlagen hatte und sich in dem Gefilde der Moabiter lagerte, wurde deren König Balak von einer solchen Furcht ergriffen, dass ihm und seinem Volk graute vor den Kinder Israel. Sie befürchteten, wie es im 22. Kapitel dieses heiß9t, dass sie alles ringsumher auffressen würden wie ein Ochse das Kraut. Sie verzweifelten daran, dem Volk Israel mit Waffengewalt widerstehen zu können, da es die beiden mächtigen Könige der Amoriter bis zur ihrer Vernichtung geschlagen hatte. In dieser Not meinte Balak, von dem Seher Bileam, der zu Pethor in Mesopotamien wohnte, Hilfe zu erlangen. Daher sandte er die Ältesten der Moabiter und Midianiter mit reichen Geschenken an Bileam, um ihn zu bewegen, dem Volk Israel zu fluchen. Er glaubte, wenn Bileam Israel verfluche, dann würde dessen Macht gebrochen, und sie von ihm überwunden werden.

    Die Gesandten kamen zu Bileam und forderten ihn auf, mit ihnen zu ziehen. Dieser bat die Gesandten, über Nacht dort zu bleiben, damit er den HERRN fragen könne, was er tun solle. Er war ein Freund Balaks, war lüstern nach den reichen Geschenken und wäre daher gern dem Ruf gefolgt, wagte es aber nicht, da er sich vor Gott fürchtete. Als nun Gott zu ihm sprach: „Gehe nicht mit ihnen, verfluche das Volk auch nicht, denn es ist gesegnet“, da erklärte er den Gesandten, dass er nicht mit ihnen ziehen könne, weil es ihm der HERR nicht gestatte. Da sandte Balak eine zweite Gesandtschaft von Fürsten an ihn mit dem Versprechen, ihn hoch zu ehren, wenn er käme und dem Volk Israel fluchte. Er antwortete: „Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so würde ich doch nicht übergehen das Wort des HERRN, meines Gottes, Kleines oder Großes zu tun.“ Aber da er gar zu gerne die reichen Geschenke gehabt hätte, lud er die Gesandten wieder ein, über Nacht bei ihm zu bleiben, da er hoffte, Gott den HERRN umstimmen zu können. Und nun erhielt er auch die Erlaubnis, mit ihnen zu ziehen, jedoch mit der Weisung, nur das zu tun, was ihm der HERR sagen werde. Da zog er mit den Gesandten. Als sich ihm aber auf der Reise der Engel des HERRN in den Weg stellte und ihn scharf strafte, wollte er umkehren, erhielt aber den Befehl: „Zieh hin mit den Männern; aber nichts anderes, als was ich dir sagen werde, sollst du reden.“ Und er musste reden, was er sollte. Viermal versuchte Balak ihn zu bewegen, Israel zu fluchen, aber viermal musste er segnen und mit dem viermaligen Segensspruch die ganze Fülle des Segens über das Volk aussprechen. Er sieht es unter der Regierung und dem Schutz Gottes unbezwingbar seinen Siegeslauf vollenden und zu königlicher Macht heranwachsen, die über die heidnischen Völker triumphiert. In dem letzten Segensspruch schaut sein Blick in die ferne Zukunft, und er verkündigt: „Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter.“ Betrachten wir denn vornehmlich aufgrund dieser Worte:

 

Bileams eigenartige Weissagung vom Messias

 

    Als eine solche erkennen wir sie

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Aus den Umständen,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Aus ihrem Inhalt.

 

1.

    Als Bileam zu dem König Balak gekommen war, taten sie alles, ihn zu bewegen, das Volk Israel zu verfluchen. Der König führte den Seher am nächsten Morgen auf die Höhe Baal, damit er von dort aus das äußere Ende des Lagers Israel sehen könne, weil er meinte, wenn Bileams Fluch über das Volk wirksam sein solle, so müsse er es vor Augen haben. Dort baute Balak auf Geheiß Bileams sieben Altäre und opferte auf diesen sieben Stiere und sieben Widder, um Gott den HERRN sich geneigt zu stimmen und die Erlaubnis zu erhalten, den Fluch über Israel auszusprechen. Nachdem die Opfer dargebracht waren, ließ er den König mit allen Fürsten der Moabiter bei den Brandopfern zurück, während er selbst wegging, um zu erfahren, ob ihm Gott etwa begegne, das heißt, durch bedeutsame Zeichen und Erscheinungen in der Natur ihm zu erkennen gäbe, ob er fluchen oder segnen solle. Zu den Altären zurückgekehrt, hob er, wie es in Kap. 23,8.9 heißt, seine Spruch an: „Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht? Wie soll ich schelten, den der HERR nicht schilt? Denn von der Höhe der Felsen sehe ich ihn wohl, und von den Hügeln schaue ich ihn. Siehe, das Volk wird besonders wohnen und nicht unter die Heiden gerechnet werden. Wer kann zählen den Staub Jakobs und die Zahl des vierten Teils Israels? Meine Seele müsse sterben des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie dieser Ende!“ Balak glaubte, er stehe in der Macht und im Belieben Bileams, zu segnen oder zu fluchen; dieser erklärt ihm aber durch diesen Spruch, dass er ohne Gottes Willen nicht fluchen könne und dürfe, weil das Volk Israel von allen heidnischen Völkern abgesondert und geschieden, ein von Gott reich gesegnetes und reich begnadigten Volk sei. Bileam erkannte, dass Gott sich dieses Volk zum Volk des Eigentums erwählt, mit starker Hand aus Ägypten geführt, ihm sein Gesetz gegeben und es von den Heiden abgesondert habe, dass es ein heiliges Volk, von dem HERRN gesegnet sei und darum auch von den Heidenvölkern nicht bezwungen werden könne, solange es in der Gemeinschaft mit Gott bleibe, seinen Bund halte. Anstatt unterzugehen, werde es so zahlreich werden wie der Staub; anstatt wie die heidnischen mächtigen Reiche zu zerfallen, werde es bleiben. Als Balak über diesen Segensspruch Bileams unwillig wurde, antwortete er ihm: „Muss ich nicht das halten und reden, was mir der HERR in den Mund gibt?“

    Da aber Balak glaubte, an einem anderen Ort den von ihm gewünschten Fluch erlangen zu können, führte er Bileam an einen freien Platz auf der Höhe Pisga, von wo aus er das ganze Lager des Volkes überblicken konnte. Auch dort wurden sieben Altäre gebaut und dieselben Opfer wie vorher gebracht. Aber vergeblich; denn auf die Frage Balaks an Bileam, was ihm der HERR gesagt habe, erhielt er unter anderem die Antwort: „Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten? Siehe, zu segnen bin ich hergebracht; ich segne und kann’s nicht wenden. … Siehe, das Volk wird aufstehen wie ein junger Löwe und wird sie erheben wie ein Löwe; es wird sich nicht legen, bis es den Raub fresse und das Blut der Erschlagenen saufe.“ Weil diese Volk, sagt Bileam in diesem Spruch, sich nicht auf Zauberer und Wahrsager, sondern allein auf die Offenbarungen seines Gottes verlässt, von seinem Gott selbst geleitet und mit Kraft ausgerüstet wird, so ist es nicht nur unbezwingbar, sondern wird wie ein Löwe alle seine Feinde überwinden und nimmt Balak damit alle Hoffnung, das Volk zu überwinden.

    Dennoch macht Balak einen weiteren Versuch. Wohl ist er über diesen Segen Bileams entrüstet und ruft ihm zu: „Weder verfluchen sollst du es noch segnen.“ Als ihm dieser aber entgegnet, was er ihm von Anfang an gesagt hatte, dass er nichts anderes tun könne, als was Gott zu ihm reden werde, besinnt er sich und fordert ihn auf, nach einem dritten Ort mit ihm zu gehen, auf den Gipfel des Berges Peor, ob  es Gott vielleicht gefalle, von dort aus Israel zu verfluchen. Wieder werden sieben Altäre von Balak errichtet, wieder sieben Stiere und Widder geopfert. Dort erblickt Bileam das Volk nach seinen Stämmen gelagert, der Geist Gottes kommt über ihn, und sein Spruch lautet: „Wie fein sind deine Hütten, Jakob, und deine Wohnungen, Israel!“ und er weissagt: Wie sich die Gärten und die Zedern an den Wassern ausbreiten so wird Israels Same wie ein großes Wasser und sein König höher als Agag werden. Er wiederholt das in den vorigen Segenswünschen Ausgesagte und fügt hinzu: „Gesegnet sei, wer dich segnet, und verflucht, wer dir flucht!“ Nun ergrimmt Balak und sagt zu ihm: „Hebe dich an deinen Ort!“ Bileam erinnert ihn nochmals, dass er ja zu seinen Boten gesagt habe, wenn er ihm sein ganzes Haus voll Silber und Gold gäbe, müsse er doch das reden, was der HERR ihm sage. Aber ehe er den König verlässt, verkündigt er ihm den vierten und letzten Segensspruch: „Komm, ich will dir raten, was dies Volk deinem Volk tun wird zur letzten Zeit“, wie du dich zu ihm verhalten hast, wenn dieses Volk in der letzten Zeit seinem Volk Segen anstatt Fluch bringen soll: „Ich werde ihn sehen, aber jetzt nicht; ich werde ihn schauen, aber nicht von nahe. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen, und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth. Edom wird er einnehmen, und Seir wird seinen Feinden unterworfen sein. Israel aber wird Sieg haben. Aus Jakob wird ein Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist in den Städten.“ So hatte Bileam stufenweise einen immer größeren Segen und in dem letzten Spruch die ganze Fülle des Segens über das Volk ausgesprochen. Während Balak ihn mit allen Mitteln dazu bringen wollte, Israel zu verfluchen, musste Bileam, da der Geist des HERRN über ihn kam, es mit Segen überschütten, obwohl er, um die hohe Ehre und den reichen Lohn, den ihm Balak versprochen hatte, zu erhalten, dem Volk gerne geflucht hätte. Dieser heidnische Seher musste Gott dazu dienen, um seine Macht über die heidnischen Seher und Beschwörer zu offenbaren, zu zeigen, dass der über Israel ausgesprochene Segen unwiderruflich sei, und sein herrlicher Name unter den heidnischen Völkern kund werde.

    Ich bin, meine Zuhörer, ausführlicher auf die Umstände, unter denen diese Weissagung von Christus verkündigt worden ist, eingegangen, um zu zeigen, wie einzigartig sei in mehrfacher Beziehung ist und eben dadurch umso herrlicher und leuchtender. Bileam ist ein heidnischer Seher und Beschwörer und hat doch eine verstandesmäßige Erkenntnis des wahren Gottes; er nennt den HERRN seinen Gott und meint doch, ihn wie die Heiden mit seinen Opfern umstimmen, sich dienstbar machen zu können. Er fürchtet sich vor Gott, und doch ist sein Herz von Ehrgeiz und Habsucht erfüllt. Er ist ein unlauterer Mann, und doch redet Gott mit ihm. Gott verbietet ihm zuerst, mit den Gesandten Balaks zu ziehen, erlaubt es ihm dann und stellt sich ihm doch auf dem Weg feindlich entgegen. Bileam will dem Volk gerne fluchen, um den Lohn der Ungerechtigkeit zu erlangen, aber der Geist des HERRN kommt über ihn, und er muss segnen. Er ist trotz seiner Gotteserkenntnis ein blinder Heide, und doch öffnet ihm Gott der HERR die Augen, dass er nicht nur den Sieg des Volkes Israel über seine Feinde erblickt, sondern in ferner Zukunft den von den Propheten verheißenen großen Herrscher aus dem Volk wie einen leuchtenden Stern aufkommen sieht. So hat diese Weissagung Ähnlichkeit mit der Jakobs auf seinem Sterbebett: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme, und demselben werden die Völker anhangen“, unterscheidet sich von dieser aber dadurch, dass Jakob verkündigt, dem Helden würden die Heidenvölker anhangen, Bileam hingegen, er werde die Heidenvölker zerstören und vernichten. Ist das nicht eine einzigartige Weissagung von Christus? Aber eine solche ist sie auch ihrem Inhalt nach. Das lasst uns zweitens erkennen.

 

2.

    Bileam beginnt seinen letzten Segensspruch, der die Weissagung von dem Messias enthält, fast mit denselben Worten, mit denen er schon den dritten Segen über Israel eingeleitet hatte: „Es sagt der Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis hat des Höchsten, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet2, und bekennt damit, dass er das, was er verkündigen wird, nicht aus sich selbst, sondern aus göttlicher Offenbarung hat. Er nennt sich den Hörer göttlicher Rede, sagt, dass er die Offenbarung des Allmächtigen sieht, und dass ihm die Augen geöffnet sind, geöffnet durch den Geist, der über ihn gekommen ist. Was er mit den geöffneten Augen sieht, spricht er in den Worten aus: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahe.[1] Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“

    Wen sieht, schaut, Bileam? Den Stern, der aus Jakob aufgeht, das Zepter, das aus Israel aufkommt. Und dass mit diesem Stern und Zepter eine Person gemeint ist, sagt er im 19. Vers: „Aus Jakob wird der Herrscher kommen“; denn die drei Benennungen sagen dasselbe, nur in verschiedener Beziehung, die Eigenschaften beschreibend. Er sieht einen Stern aus Jakob aufgehen. Es war bei den alten Völkern etwas Gewöhnliches, die Geburt und Thronbesteigung großer Könige durch Erscheinungen von Sternen angezeigt zu finden. Wenn Bileam daher einen solchen Stern aufgehen sieht, so ist ihm dies das Sinnbild der Erscheinung eines großen und glänzenden Herrschers. Und dieser große und glänzende Herrscher wird aus dem Volk erstehen, das er auf Balaks Drängen verfluchen sollte. Und aus demselben Volk, aus Israel, wird ein Zepter aufkommen, ein mächtiger Herrscher aus dem Volk, dessen Lager er von der Spitze des Berges aus, auf dem er steht, überblickt, hervorgehen. Aber wie? Das sagen die Worte: „Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahe.“ Dieser mächtige Herrscher ist noch nicht unter dem Volk Israel, das sich unten auf dem Gefilde Moab gelagert hat, wird auch nicht in naher, sondern in ferner Zukunft, „am Ende der Tage“, erscheinen.

    Aber Bileam sagt auch, wodurch sich dieser Zukünftige als ein mächtiger Herrscher erweisen wird; denn er fährt fort: „Und wird zerschmettern die Fürsten der Moabiter und verstören alle Kinder Seth.“ Dieselben Fürsten mit ihrem Volk, die damals durch den Fluch Bileams Israel vernichten wollten, die Moabiter, die Kinder des Getümmels[2], die, von Lot und seinen Töchtern (1. Mose 19,31 ff.) abstammend, mit Israel stammverwandt, ihm damals aber so feindlich gesinnt waren, die wir der künftige Herrscher zerschmettern und zerstören. Was für eine Weissagung für Balak, den damaligen König der Moabiter! Er will das Volk, vor dem ihm graut, durch Bileam verflucht haben, und dieser verkündigt ihm, dass aus demselben Volk ein Herrscher erstehen wird, der die Geschlechter seines Volks zerschmettern wird.

    Doch damit ist Bileams Weissagung noch nicht zu Ende; denn er fährt fort: „Edom wird er einnehmen und Seit wird seinen Feinden unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben.“ Auch die Edomiter, die Nachkommen Esaus und daher ebenfalls mit Israel stammverwandt, die im Lande Seir, einem Nachbarland von Moab, wohnten, werden von demselben Schicksal betroffen, sein Besitz werden, und zwar so vollständig, dass alles, was noch von den Edomitern in den Städten übrig ist, vertilgt werden wird. Und noch mächtiger wird sich dieser Herrscher aus Jakob erweisen; denn wie in den unserem Text folgenden Worten von Bileam weiter gesagt wird, werden auch die Amalekiter, die sich unter den heidnischen Völkern Israel zuerst auf seinem langen Zug durch die Wüste feindlich entgegenstellten, aber durch Josua geschlagen wurden, von seiner Macht erreicht werden. Zuletzt verkündigt Bileam den Untergang seines eigenen Volkes, er Assyrer, was ihm tief zu Herzen geht, daher er ausruft: „Wehe, wer wird leben, wenn Gott solches tun wird?“ Alle genannten Völker werden fallen, selbst die gewaltigen Weltreiche wie Assyrien werden untergehen; aber der aus Jakob aufstehende Herrscher und sein Reich werden bleiben und bestehen. Welch eine wunderbare, eigenartige Weissagung aus dem Mund eines Bileam!

    Nun aber die Frage: „Wer ist der glänzende Stern aus Jakob, das Zepter aus Israel, der mächtige Herrscher, der aus Jakob kommen wird? Wer ist es, der in einer Zukunft von mehr als tausend Jahren sich als ein solcher Herrscher erweisen wird. Wohl hat David, der Heldenkönig Israels, diese Feinde seines Volkes überwunden, so dass er 1. Chron. 24,25 sagen konnte: „Der HERR, der Gott Israels, hat seinem Volk Ruhe gegeben“; aber damit war diese Weissagung Bileams nicht erfüllt. Dieser Herrscher ist vielmehr kein anderer als der verheißene Messias, von dem Jakob g4eweissagt hat: „Es wird das Zepter von Juda nicht entwendet werden noch ein Meister von seinen Füßen, bis dass der Held komme; und demselben werden die Völker anhangen.“ Der wird alle Feinde Israels zerschmettern, ein ewiges Reich gründen, dem alle Reiche dieser Welt werden erliegen müssen. Als er zu Bethlehem geboren wurde, als der von Bileam geweissagte Stern aus Jakob aufging, da erschienen die Weisen aus dem Morgenland, der Heimat Bileams, und fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.“ Der von ihnen gesehene Stern war nicht etwa der, welcher Bileam vor Augen schwebte, aber ein wunderbarer Stern, der ihnen anzeigte, dass die Weissagung Bileams erfüllt sei. Darum fragten sie nach dem neugeborenen König der Juden und sagten, dass sie gekommen seien, ihn anzubeten, weil sie nach der ihnen bekannten Weissagung glaubten, dass er über die Heidenvölker herrschen werde.

    Fragen wir nach der Erfüllung dieser Weissagung? Sie liegt vor Augen. Christus, der Herrscher aus Jakob, streckt sein Zepter über die Völker der Heiden; und die sich gegen ihn aufgelehnt haben, sind zerschmettert, zugrunde gegangen. Die Moabiter, Edomiter, Amalekiter und Keniter sind aus der Geschichte verschwunden, die größeren Weltmächte der Assyrer, Babylonier und anderer sind zugrunde gegangen. Erfüllt ist Bileams Weissagung sowie die des 2. Psalms: „Heische von mir, so will ich dir die Heiden zum Erbe geben und der Welt Enden zum Eigentum. Du sollst sie mit einem eisernen Zepter zerschlagen, wie Töpfe sollst du sie zerschmeißen“ und des 72. Psalms: „Er wird herrschen von einem Meer bis ans andere und von dem Wasser an bis zur Welt Ende. Vor ihm werden sich neigen die in der Wüste, und seine Feinde werden Staub lecken.“

    So ist denn diese Weissagung Bileams von Christus auch ihrem Inhalt nach eine eigenartige, wunderbare, da sie ihn als einen glänzenden, über seine Feinde triumphierenden Herrscher verkündigt, dem keiner seiner Feinde widerstehen kann. Vollendet aber wird er als ein solcher offenbar werden, wenn er, umgeben von den heiligen Engeln, erscheinen, auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit sitzen und die vor ihm versammelten Völker richten wird. Wohl allen, die ihm in wahren Glauben dienen, in deren Herzen sein seligmachendes Wort als der schönste Stern leuchtet! Vor ihm wollen wir unsere Knie beugen wie die Weisen aus dem Morgenland und ihm unsere Gaben darbringen. Ja:

Du wollst in mir entzünden

Dein Wort, den schönsten Stern.

Dass falsche Lehr und Sünden

Sein von meim Herzen fern.

Hilf, dass ich dich erkenne

Und mit der Christenheit

Dich meinen König nenne

Jetzt und in Ewigkeit!

    Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum ersten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 4,3-16: Kains Brudermord

 

1. Mose 4,3-16: Es begab sich aber nach etlichen Tagen, dass Kain dem HEERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes, und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fetten. Und der HERR sah gnädig an Abel und seine Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich.

    Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du, und warum verstellt sich deine Gebärde? Ist’s nicht so? Wenn du gerecht bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht gerecht, so ruht die Sünde vor der Tür. Aber lass du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie.

    Da redete Kain mit seinem Bruder Habel. Und es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

    Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Bluts schreit zu mir von der Erde. Und nun verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort sein Vermögen nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

     Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Sünde ist größer, als dass sie mir vergeben werden könnte. Siehe, du treibst mich heute aus dem Land und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlage, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, wer ihn fände.

    So ging Kain von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits Eden, gegen Osten.

 

    In dem HERRN, geliebte Zuhörer!

    Wenn wir den Bericht über den Sündenfall im dritten Kapitel des ersten Buches Mose näher ansehen, so erkennen wir, wie es bei unseren ersten Eltern zu der Sünde, der Übertretung des göttlichen Verbots kam. Die Schlange erregte zuerst in dem Herzen Evas Zweifel an der Wahrheit des Verbots: „Von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen“, indem sie zu ihr sprach: „Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten!“ Auf die Versicherung der Frau, dass Gott das Gebot allerdings gegeben habe, leugnete die Schlange die Wahrheit der dem Verbot beigefügten Drohung, indem sie sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben!“ Dem „Du wirst gewiss, unfehlbar, des Todes sterben“ setzt4e sie das „Keineswegs“ entgegen und erregte in der Frau die Lust nach der verbotenen Frucht, indem sie behauptete, dass durch das Essen der Frucht ihre Augen aufgetan, sie wie Gott sein und wissen würden, was gut und böse sei. Das war Wahrheit und Lüge zugleich: Wahrheit, insofern ihre Augen wirklich aufgetan wurden; Lüge, insofern sie erkannten, dass sie nackt waren und sich schämten. Diese Lüge war umso gefährlicher, als sie, mit einer gewissen Wahrheit vermischt, eine meisterhafte, satanische Zweideutigkeit war und die Beschuldigung gegen Gott enthielt, dass er ihnen die Frucht an dem Baum nicht aus Liebe, um sie vor dem Tod zu bewahren, sondern aus Neid und Missgunst, damit sie ihm durch Erkenntnis des Guten und Bösen nicht gleich würden, gegeben habe.

    Die Frau richtet ihren Blick auf den Baum. Die Frucht ist eine Lust für das Auge, lieblich anzuschauen, begehrenswert; ihr Wille stimmt der Begierde zu, sie nimmt und isst, und wie sie von der Schlange verführt ist, so verführt sie den Mann. Und wie schnell entfaltet sich die Sünde! Wie sich aus einem kleinen Samenkorn ein voller Strauch oder Baum entwickelt, aus einer kleinen Flamme ein großer Brand entsteht, so auch die Sünde. Beide haben der Lüge Satans geglaubt und sind dadurch zu Lügnern geworden. Sie versteckten sie in ihrem Schuldbewusstsein unter den Bäumen, gaben aber vor, dass sie sich nur versteckten, weil sie nackt seien, und als sie diese Unwahrheit nicht aufrechterhalten können, schob der Mann die Schuld auf die Frau, indem er zu Gott sagte: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß.“ Die Frau schob die Schuld auf die Schlange, die auch von Gott erschaffen war, und so wollten beide Gott selbst im letzten Grund für ihre Sünde verantwortlich machen. Wie ganz anders und hässlich ist dies Bild, das sie nun an sich tragen! Wo ist das ihnen anerschaffene Bild Gottes, die Heiligkeit und Gerechtigkeit, geblieben?

    Aber das Bild pflanzte sich auf ihre Nachkommen fort. Sie zeugten Kinder, die ihrem Bild ähnlich waren. Das erkennen wir sogleich an Kain, dem ersten ihrer Söhne. Als dieser geboren wurde, rief Eva erfreut aus: „Ich habe den Mann, den HERRN!“ Aber wie täuschte sie sich! Sie hatte den geboren, in dem sich die ganze Verderbtheit der sündlichen Natur zu erkennen gab, die Sünde sich bis zu dem grauenvollen Brudermord steigerte. Diese Sünde berichtet der verlesene Text. Betrachten wir daher jetzt:

 

Kains Brudermord

 

    Wir sehen, dass Kain seinen Bruder Abel ermordete,

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Weil Gott Abels und nicht auf sein Opfer gnädig ansah,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Obwohl er ernst von Gott gewarnt worden war,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Dass er deswegen von Gott verflucht wurde.

 

1.

    Kain und Abel waren die ersten Söhne Adams und Evas. Kain war ein Ackermann, Abel ein Schäfer. Beide brachten dem HERRN ein Opfer dar, und zwar jeder ein solches, das seinem Beruf entsprach: Kain als Acker- oder Landmann von den Früchten des Feldes, Abel als Schäfer von seiner Herde. Beide taten dies aus freiem Willen; denn von einem Befehl, den ihnen Gott gegeben hätte, berichtet uns die Heilige Schrift noch nichts. Sie taten es in dem Bewusstsein, dass Gott der Schöpfer und der Geber aller guten Gaben sei, dass sie von ihm abhängig seien. Keines von beiden war ein Sühnopfer, wodurch sie eine Schuld sühnen, sondern es waren Dank- und Bittopfer, durch die sie Gott ihren Dank und ihre Bitte darbringen wollten, weil sie ohne Zweifel von Adam über die Schöpfung und die Verheißung Gottes unterrichtet worden waren. In dieser Beziehung waren also beider Opfer völlig gleich.

    Dennoch aber waren sie völlig ungleich. „Der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an“, das heißt, er blickte auf Abel und dessen Opfer mit Wohlgefallen, hingegen auf Kain und dessen Opfer mit Missfallen. Weshalb? Auf eine Verschiedenheit der beiden Opfer weist der Text hin, da er berichtet, dass Kain sein Opfer von den Früchten des Feldes, Abel aber das seine von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fetten darbrachte. Kain traf also unter den Früchten seines Feldes keine Auswahl, sonderte für seine Opfer nicht die besten Früchte aus, sondern nahm dazu irgendwelche; Abel hingegen wählte zu seinem Opfer von den Erstlingen und von den fettesten Tieren seiner Herde, die besten, welche sich in ihr fanden. Dadurch gaben beide die Gesinnung zu erkennen, in der sie opferten. Kain dachte, für Gott sei irgendetwas, Abel, für Gott sei nur das Beste gut genug, und das zeigte, dass jener ungläubig, dieser gläubig war, jener im Unglauben, dieser im Glauben sein Opfer darbrachte. Daher heißt es Hebr. 11,4: „Durch den Glauben hat Abel Gott ein größeres Opfer getan als Kain, durch welchen er Zeugnis überkommen hat, dass er gerecht sei, da Gott zeugte von seiner Gabe.“ Und weil Abel sein Opfer im Glauben darbrachte, sah es Gott gnädig, mit Wohlgefallen, Kains Opfer dagegen mit Missfallen an, weil es ein bloß äußerliches, heuchlerisches Werk war, ohne die rechte Gesinnung, ohne Dankbarkeit, ohne Glauben.

    Darüber, dass Gott sein Opfer nicht gnädig ansah, ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärden verstellten sich. Er ergrimmte in seinem Zorn, blickte finster vor sich auf die Erde[3], wie das bei solchen zu geschehen pflegt, die zornig und gehässig sind. Er wurde darüber zornig, dass Abels Opfer von Gott angenommen, das seine verworfen wurde, dann aber auch über seinen Bruder Abel, obwohl dieser ganz unschuldig war; denn was konnte Abel dafür, dass er, Kain, gottlos war? Anstatt in sich zu gehen, Buße zu tun, hasste er Abel, als wäre dieser die Ursache, dass Gott mit Missfallen auf sein heuchlerisches Opfer blickte. Und da er den in seinem Herzen aufsteigenden Hass nicht bekämpfte, sondern ihm freien Lauf ließ, so wurde dieser Hass immer größer und trieb ihn zu dem schändlichen Brudermord.

    So trat schon bei Kain die Sünde in ihrer unverhüllten, teuflischen Gestalt hervor, tränkte die Erde mit unschuldigem Bruderblut. Der Gottlose hasst den Gottesfürchtigen, hasst ihn um seiner Gottesfurcht, seiner Frömmigkeit willen. So ist’s allezeit gewesen. Seit Kain und Abel haben sich die Menschen je und je in zwei Klassen, in Gottlose und Gottesfürchtige, Ungläubige und Gläubige, geschieden. Die Nachkommen Kains schlugen die Wege ihres Vaters ein. Er baute, wie uns der zweite Teil dieses Kapitels berichtet, die erste Stadt und nannte sie nach seinem Sohn Henoch. Sein Nachkomme Lamech nahm zuerst zwei Frauen, und damit begann die Vielweiberei. Die Söhne Lamechs waren die Erfinder der Künste, besonders der Schmiedewerkzeuge und Mordwaffen, welche Lamech in einem trotzigen Lied vor seinen beiden Frauen, Ada und Zilla, besang und verherrlichte. „Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal“, sang er, auf seine Kraft und Waffen pochend, in frechem Übermut. Kain, der Stammvater, hatte mit einer Mordtat begonnen, sein Nachkomme Lamech feiert die Mordwaffe mit einem Lied. Schon im siebten Glied des kainitischen Geschlechts ist alle Gottesfurcht erloschen; an Stelle der Gottesfurcht ist Pochen auf eigene Kraft, anstelle der Friedensliebe Kampfes- und Mordgier, anstelle der Keuschheit fleischliche Lust getreten; irdischer, gottloser Sinn ist zur Herrschaft gelangt. Und seit Kains Brudermord ist diese Erde mit Bruderblut getränkt, die Geschichte der Menschheit mit Blut geschrieben worden. So grauenvoll hat sich die Sünde entfaltet, dass Gott der HERR das ganze menschliche Geschlecht mit Ausnahme Noahs und seiner Familie durch die Sintflut ersäufte und von dem Erdboden vertilgte.

    Doch, meine Lieben, Kains Brudermord war eine umso schrecklichere Sünde, weil er sie beging, obwohl er von Gott so ernst gewarnt worden war. Darauf lasst uns zum anderen unsere Aufmerksamkeit richten.

 

2.

    Als Kain darüber ergrimmte, dass Gott auf Abels Opfer mit Wohlgefallen, auf das seine aber mit Missfallen blickte, sprach Gott zu ihm: „Warum ergrimmst du, und warum verstellt sich deine Gebärde? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so bist du angenehm; bist du aber nicht fromm, so ruht die Sünde vor der Tür? Aber lass du ihr nicht ihren Willen, sondern herrsche über sie!“ Gott fragt ihn, warum er, voll Grimm und Zorn, so finster vor sich niederblickt. Er redet ihm ins Herz, er soll sich prüfen, ob er irgendeine Ursache hat, zornig und grimmig zu sein. Er soll, wenn er dazu Ursache hat, diese nicht bei seinem Bruder Abel, auch nicht bei ihm, Gott, sondern bei sich selbst suchen. Denn Gott sagt zu ihm: Ist es nicht so: Wen du fromm, gut bist, auf etwas Gutes sinnst oder bedacht bist, dann blickt du nicht finster vor dich nieder, sondern erhebst dein Angesicht, blickst frei und offen empor; wenn du aber auf Böses sinnst, um das auszuführen, so lauert die Sünde vor deiner Tür, um über dich zu herrschen und dich zu einer bösen Tat anzutreiben? Sie trachtet begierig danach, Macht und Gewalt über dich zu bekommen. Aber lass ihr nicht den Willen, lass sie nicht über dich herrschen, sondern herrsche du über sie! Die Sünde ist wie ein böses Tier, die dem Menschen, wie die Schlange Eva, auflauert, ihn zu überreden und in ihre Gewalt zu bekommen sucht. So eindringlich warnt Gott den Kain, seinen Zorn fahren zu lassen, damit der Zorn ihn nicht überwinde.

    Aber diese eindringliche Mahnung und Warnung war vergeblich. „Kain redete mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“ Was Kain mit Abel redete, ist nicht gesagt. Es kann sein, dass er ihn aufforderte, mit ihm aufs Feld zu gehen, oder dass er ihm mitteilte, was Gott zu ihm gesagt hatte, dass Gott ihn wegen seines Zorns gestraft habe, also auch diese Strafe und Warnung Gottes, als von Abel veranlasst, diesem zur Last legen wollte. Aber was immer er gesagt haben mag: Als beide auf dem Feld waren, überfiel er Abel und tötete ihn. Trotz der Warnung Gottes lässt er die Sünde über sich herrschen und wird an seinem leiblichen, frommen Bruder zum Mörder. Er ist von dem Argen, dem Satan, hat dessen Gesinnung. Wie dieser ein Mörder von Anfang ist, so macht er Kain zum ersten Mörder unter den Menschen. Der giftige Same, der mit dem Essen von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in die menschliche Natur gepflanzt war, schießt bei dem erste Sohn Adams in Grimm, Hass und Brudermord empor. In Kain ist der natürliche, aus sündlichem Samen gezeugte Same zum Schlangensamen geworden; in seinem Brudermord tritt die furchtbare Macht des Bösen, des Menschenmörders, offen hervor.

    So steht Kain, dessen Hände mit dem Blut seines unschuldigen Bruders befleckt sind, für alle Menschen zu allen Zeiten da als ein warnendes, abschreckendes Beispiel. Hüte dich vor dem Anfang! Es ist ein gefährliches Ding um die Sünde, wenn sie genährt wird. Die bittere Wurzel gegen den Nächsten schießt schnell empor; sie wird zur Abneigung, die Abneigung zum Zorn, der Zorn zur Feindschaft, die Feindschaft zum Hass, der Hass zum tätlichen Mord. Wie mancher trägt dasselbe Gesicht wie Kain! Seine Gebärden verstellen sich, er blickt finster zu Boden, kann seinem Bruder nicht offen ins Auge sehen, obwohl er keine Ursache zum Zorn hat. Hüte dich, auch Gottes Warnung zu verachten! Zuerst spricht er zu dir wie Kain: „Zürne und sündige nicht; lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen!“ Hasst du, so ermahnt er dich: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger.“ Verstellen sich deine Gebärden, er erinnert dich an Kain und spricht auch zu dir: „Wen du auf Gutes sinnst, so sind der Blick deiner Augen und dein Angesicht hell und freundlich; wenn du aber finster zu Boden blickst, so ruht nichts Gutes in deinem Herzen, dein Blick ist der Spiegel deines Herzens, und die Sünde lagert vor deiner Tür wie ein böses Tier.“ Und wehe denen, die solchen Mahnungen und Warnungen ihre Ohren verstopfen, die in ihrem Grimm und Hass fortfahren! Sie sind, soweit es auf ihre Gesinnung ankommt, in ihrem Herzen Brudermörder und stehen in der Gefahr, ihn wie Kain durch die äußere Tat totzuschlagen. „Wenn die Lust empfangen hat“, schreibt Jakobus, „gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod.“ Ja, auf die Sünde folgt die Strafe. Das ist das dritte, was Kains Brudermord lehrt.

 

3.

    Hatte Kain die erste Warnung Gottes verachtet, so musste er nun die gerechte Strafe hinnehmen; denn „da sprach der HERR zu Kain: ‚Wo ist dein Bruder Abel?‘ Er sprach: ‚Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?‘“ Dreierlei geht aus diesen Worten Kains hervor: zuerst, dass er in seiner Sünde so verblendet war, dass er meinte, seine schändliche Tat sei auch Gott verborgen. Aber sollte das Auge des Allsehenden sie nicht gesehen haben? Sodann log er Gott frech ins Angesicht, indem er auf die Frage, wo Abel sei, antwortete: „Ich weiß nicht.“ Drittens erkennen wir seine freche Unverschämtheit aus der Frage: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Gott fragt ihn  nicht nach dem Verbleib eines Freundes, sondern nach dem seines leiblichen Bruders. Er stellt sich, als ob ihn sein leiblicher Bruder gar nichts angehe. So steigert sich die Sünde. Adam und Eva fürchteten sich vor Gott und bekannten ihre Sünde; Kain leugnet sie frech ab und ist trotzig und unverschämt. Das wagt das Geschöpf dem Schöpfer, der Mensch dem heiligen Gott zu bieten !

    Aber Gott sagt ihm seine Sünde ins Gesicht; denn er spricht zu ihm: „Was hast du getan? Die Stimme deines Bruders Blut schreit zu mir von der Erde. Und nun, verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“ Dreimal gebraucht der HERR das Wort „Bruder“ und hebt damit die Abscheulichkeit des Verbrechens hervor. Bruderblut hast du vergossen, mit Bruderblut die Erde getränkt, und unschuldiges Bruderblut dazu; und dies Blut schreit zu mir im Himmel von der Erde. „Was hast du getan?“ fragt Gott und spricht damit die Abscheu vor Kains Tat aus. Ja, wenn Kain seines Bruders Hüter nicht sein wollte, Gott ist es. Er kümmert sich um seine Kinder, ihr Tod ist wert gehalten vor ihm, und sein Ohr hört die Stimme des unschuldig vergossenen Blutes, wenn des Menschen Ohren sie auch nicht hören. Enthalten diese Worte Gottes, an Kain gerichtet, die Anklage, so fällen die Worte: „Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen!“ das Urteil: Wie die Sünde, so die Strafe. Hat er die Erde, dass ich so sage, Bruderblut zu schlucken gegeben, so soll er auf dieser Erde verflucht sein; sie soll ihm, wenn er sie bebaut, ihr Vermögen nicht geben, sie soll unfruchtbar sein. Er soll sie nicht nur wie Adam im Schweiß seines Angesichts, sondern auch fruchtlos, vergeblich bebauen; er soll säen, aber nicht ernten, und er soll unstet und flüchtig auf ihr sein, keinen dauernden Wohnsitz auf ihr haben, sondern ruhelos von einem Ort zum anderen wandern. Das war die Strafe für den Brudermord.

    Nun verwandelt sich der freche Trotz des Brudermörders in Verzagtheit und Verzweiflung; denn er ruft aus: „Meine Sünde ist größer, als dass sie mir vergeben werden könnte“, oder: dass ich sie tragen könnte. Er meinte, unter ihrer Last vergehen zu müssen. Dennoch war er nicht bußfertig, denn nicht die Größe seiner Sünde, sondern die Größe der Strafe beklagt er, wie die folgenden Worte zeigen: „Siehe, du treibst mich heute aus dem Land, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlage, wer mich findet.“ Er fürchtet die Blutrache. Er, der mit kaltem Blut den Bruder erschlagen hat, bebt und zittert nun vor Furcht, selbst getötet zu werden; er ist zum Feigling geworden. Von seinem Gewissen geplagt, wittert er überall Gefahr, wie es heute noch von Verbrechern geschieht und Spr. 28,1 heißt: „Der Gottlose flieht, und niemand jagt ihn.“ „So ging Kain“, so schließt unser Texgt, „von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Land Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ „Nod“ heißt Flucht, Verbannung. Hatte er bisher im Land Eden, dem Wonneland, wo Gott sich den Menschen offenbarte, gewohnt, so musste er nun in der Verbannung leben, wo sich Gott nicht offenbarte und sich ihm nicht gnädig erzeigte, wo sich die Gottlosigkeit seiner Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht steigerte.

    Hätte Gott der HERR den nun feigen Brudermörder nicht sogleich mit dem Tod bestrafen sollen? Aber obwohl er unbußfertig war und nur die Strafe, Wiedervergeltung, fürchtete, ließ er ihm doch schonende Langmut zuteil werden. Zwar gab er ihm nicht die Versicherung, dass ihn niemand töten solle, sondern nur die, dass sein Tod siebenfach gerächt werden solle. Sodann machte er ein Zeichen an Kain, damit ihn keiner, der ihn finde, erschlüge. Was das für ein Zeichen war, ob ein Zittern an allen Gliedern, ein scheuer, furchtsamer Blick, wissen wir nicht. Die meisten Verbrecher haben ja einen unsteten Blick, können anderen nicht offen ins Gesicht sehen, sondern weichen dem Blick aus. Für Kain war das Zeichen ein gewisses Schutzmittel, weil es wahrscheinlich Mitleid erregte, aber auch zugleich eine Strafe, die er tragen musste. Und der HERR wollte Kain von keinem Menschen getötet haben, weil er jede Privatrache verboten, die Strafe sich selbst vorbehalten hat. „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der HERR.“ Dies Wort hatte schon damals Geltung.

    Diese Strafe Kains lehrt uns die Gerechtigkeit und Langmut Gottes. Er ist der gerechte Gott, der die Sünde straft und strafen muss. „Du bist“, spricht der Psalmist, „nicht ein Gott, dem gottloses Wesen gefällt. Wer böse ist, bleibt nicht vor dir.“ Doch eilt er nicht mit der Strafe oder vollzieht sie nicht mit der ganzen Schärfe, um dem Sünder Zeit zur Buße zu geben. Er will ja nicht des Sünders Tod, sondern dass er sich bekehre und lebe. Wird diese Gnadenzeit versäumt, gar auf Mutwillen gezogen, dann bleibt auch die volle Strafe nicht aus. Denn:

Wahr ist’s, Gott ist wohl stets bereit

Dem Sünder mit Barmherzigkeit;

Doch wer auf Gnade sündigt hin,

Fährt fort in seinem bösen Sinn

Und seine Seele selbst nicht schont,

Der wird mit Ungnad abgelohnt.

    Der treue Gott verleihe uns allen ein bußfertiges Herz, vergebe uns um Christi, seines Sohnes willen, der für alle Sünden mit seinem auf Golgatha vergossenen teuren Blut bezahlt und den Fluch gesühnt hat, alle unsere Sünden und verleihe, dass wir in wahrer Liebe zu unserem Nächsten wandeln, ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten. Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum zweiten Sonntag nach Epiphanias ueber Jesaja 6: Die Weihe des Propheten Jesaja

 

Jesaja 6: In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den HERRN sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl; und sein Saum füllte den Tempel. Seraphim standen über ihm, ein jeglicher hatte sechs Flügel; mit zwei deckten sie ihr Antlitz, mit zwei deckten sie ihre Füße und mit zwei flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll! dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus wurde voll Rauchs.

    Da sprach ich: Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog der Seraphim einer zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnt sei. Und ich hörte die Stimme des HERRN, dass er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich!

    Und er sprach: Gehe hin und sprich zu diesem Volk: Hört es und versteht es nicht; seht es und merkt es nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren dick sein und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen. Ich aber sprach: HERR, wie lange? Er sprach: Bis dass die Städte wüst werden ohne Einwohner und Häuser ohne Leute und das Feld ganz wüst liege. Denn der HERR wird die Leute fern wegtun, dass das Land sehr verlassen wird. Doch soll noch das zehnte Teil drinbleiben; denn es wird weggeführt und verheeret werden wie eine Eiche und Linde, welche den Stamm haben, obwohl ihre Blätter abgestoßen werden. Ein heiliger Same wird solcher Stamm sein.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Das Bild, welches uns in dem verlesenen Wort Gottes vor die Augen geführt wird, ist ein ganz eigenartiges und wohl das erhabenste, das wir in der Heiligen Schrift finden. Wir erblicken in ihm zuerst Gott selbst in seinem Heiligtum, sitzend auf seinem himmlischen Thron, umgeben von den Seraphim als seinen Dienern, die mit gewaltiger Stimme durch Zu- und Gegenruf die Ehre des Heiligen in Israel verkündigen. Dies erblickt Jesaja in einem Gesicht, und davon überwältigt, wird er von #Schrcken ergriffen und ruft aus: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Da schwebt einer der hohen, heiligen Seraphim herab, berührt mit einer glühenden Kohle, die er von dem Altar genommen hat, die Lippen Jesajas und entsündigt ihn dadurch, denn er spricht zu ihm: „Deine Missetat ist von dir genommen, deine Sünde ist versöhnt.“ Der Heilige entsündigt den Sündigen, der Reine reinigt den Unreinen, ein Diener im Heiligtum des HERRN der Heerscharen einen Menschen, der dessen Diener auf Erden unter Menschen sein soll. Denn nachdem dies geschehen ist, hört Jesaja die Frage des HERRN: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ Auf diese Frage antwortet Jesaja sogleich: „Hier bin ich, sende mich!“ Und Gott nimmt dies Anbieten an und gibt ihm nicht nur den Befehl, als sein Bote zu dem Haus Juda-Israel zu gehen und ihm sein Wort zu verkündigen, sondern sagt ihm auch, welche Wirkung seine Predigt unter dem Volk haben und welch schweres Strafgericht es treffen werde.

    Doch es ist nicht meine Aufgabe, euch das im Text gegebene Bild in seinen einzelnen Zügen und in seiner einzigartigen Größe darzustellen. Ich könnte das auch nicht, denn dazu ist jede menschliche Zunge zu schwach; ich will vielmehr das hervorzuheben suchen, was dem Anlass entspricht, der uns jetzt hier zu einer besonderen Feier versammelt hat.

    Sie sind keine Männer wie Jesaja, keinen von Ihnen kommt es in den Sinn, sich dem größten unter den Propheten gleichzustellen. Aber wie Jesaja, so sollen auch Sie Gottes Boten sein. Es ist derselbe Gott, der Heilige in Israel, wie ihn Jesaja mit Vorliebe nennt, der Sie sendet. Jenen sandte er in kein entferntes Land. Wie jener, so sollen auch Sie unter einem Volk von unreinen Lippen als Gottes Boten auftreten, sollen dasselbe Wort wie er, der Evangelist des Alten Bundes, verkündigen. Sie werden, wie der große Prophe5t, wenn auch in geringerem Maß, dieselben Kämpfe zu führen haben und klagen müssen: „Wer glaubt unserer Predigt, und wem wird der Arm des HERRN offenbart?“ aber auch rufen: „Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.“ Darum lasst Sie mich Ihnen jetzt mit einigen Worten darstellen:

 

Die Weihe des Propheten Jesaja

 

    Wir betrachten

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Die wunderbare Gotteserscheinung,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Die Entsündigung des Propheten,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Seine Sendung zu dem Volk Israel.

 

 

1.

     Wie einst Mose durch eine wunderbare Erscheinung des HERRN im feurigen Busch zum Führer des Volkes Israel aus Ägypten, wie Jeremia und Hesekiel ebenfalls durch besondere Gotteserscheinungen zu Propheten berufen und geweiht wurden, so auch Jesaja, der größte unter allen Propheten.

    Welch eine Erscheinung! Jesaja erblickt den Heiligen in Israel in seinem Palast, sitzend auf einem erhabenen Thron, umgeben von den Seraphim. Die Säume, das heißt, die Enden seines herabwallenden Gewandes, bedecken den Boden des ganzen himmlischen Heiligtums, so dass es ganz von seiner Herrlichkeit bedeckt, erfüllt ist. Die Seraphim, die seinen Thron umgeben, sind Gestalten mit menschlichem Angesicht und menschlichen Füßen. Sie haben je drei Paar Flügel. Mit zwei bedecken sie ihre Füße, mit zwei schweben sie durch das Heiligtum dahin, mit zwei bedecken sie in ehrerbietiger, heiliger Scheu ihr Angesicht vor dem Heiligen in Israel. Sie sind leuchtende, wie vom Feuer durchglühte Wesen und stellen, wie die Cherubim die Macht, die Heiligkeit Gottes dar. Sei sind von allem Irdischen und Menschlichen, besonders von allem Unreinen und Sündlichen, unterschieden. Aber nicht schweigend schweben sie in dem himmlischen Palast dahin, sondern sie erheben ihre Stimmen, und wie Donnerhall ertönt ihr Preis- und Lobgesang: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll!“ so dass die Grundfesten von dem Hall der Rufenden erbeben, und das Haus voll Rauchs wird.

    Wozu diese einzigartige, gewaltige, ich könnte sagen, donnerartige Erscheinung bei der Weihe des Jesaja? Wozu diese Erscheinung, welche die Allherrschaft Gottes als des absoluten Königs über die ganze Welt und seine vollkommene Heiligkeit in einer Weise wie nichts anderes darstellt? Jesaja sollte aus ihr erkennen und es nie vergessen, wer der sei, in dessen Dienst er treten, als dessen Bote er zu dem sündigen Volk gehen sollte. Dessen Bote sollte er sein, der an königlicher Größe und Macht alles Irdische überragt, der in seiner unantastbaren Heiligkeit von allem Irdischen so weit unterschieden ist wie der Himmel von der Erde, der aller Unreinigkeit und Sündhaftigkeit gegenüber ein verzehrendes Feuer ist; diesen allmächtigen und allheiligen Gott sollte er unter einem durch und durch sündigen Volk als dessen Bote vertreten. Das erkannte Jesaja auch; deswegen rief er voll Erschrecken aus: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“

    Aber doch auch erhebend und tröstlich war diese Gotteserscheinung für Jesaja. Denn wenn er als Bote dieses Gottes unter das Volk trat und des Schutzes dieses Gottes versichert war, wer konnte ihn dann antasten? Mit welchem Vertrauen und welcher Freudigkeit konnte er trotz allen Widerspruchs sein Amt ausrichten!

    Ihnen, meine Freunde, ist eine solche Gotteserscheinung nicht zuteil geworden und wird Ihnen auch nicht zuteil werden. Solche Erscheinungen gehören der Patriarchen- und Prophetenzeit des Alten Bundes an. Wir haben im Neuen Testament eine, wenn auch nicht sichtbar in die Augen fallende, so doch größere und herrlichere Gotteserscheinung; denn Gott ist erschienen im Fleisch und hat seine Herrlichkeit offenbart. „Nachdem vorzeiten Gott manchmal und auf mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ In dem Wort des Sohnes und seiner Apostel haben wir die letzte, abschließende und vollkommene Offenbarung Gottes und seines Willens und sollen deshalb auch nicht nach besonderen, wunderbaren Erscheinungen und Offenbarungen ausblicken. Darum beruft Gott seine Boten nicht mehr unmittelbar, sondern mittelbar, durch seine Kirche. Aber es ist derselbe göttliche, kräftige Beruf, göttlich nach Ursache, Inhalt und Zweck, der Beruf des Heiligen in Israel, des Königs Himmels und der Erde, der in seiner Macht unbeschränkt, in seiner Heiligkeit unverletzlich ist. Ein solcher Beruf ist auch der Ihre. Ist das nicht auch für Sie erhebend, tröstlich? Können Sie nicht im Vertrauen darauf getrost ausgehen und als seine Boten auftreten, im Namen Ihres Gottes inmitten eines sündigen Volkes allen Feinden und Spöttern ohne Furcht Trotz bieten?

    Aber nun betrachten Sie zweitens, was auch für Sie von höchster Wichtigkeit ist, dass nämlich auch an Ihnen geschehen muss, was an Jesaja geschah, ehe er von Gott als sein Bote ausgesandt wurde: die Entsündigung.

 

2.

    Angesichts dieser Erscheinung des heiligen Gottes und der heiligen Seraphim rief Jesaja voll Schrecken aus: „Wehe mir, ich vergehe! … Denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.“ Dies brachte ihn zur vollen Erkenntnis seiner Unreinigkeit und Sündhaftigkeit. Er meinte, vergehen, vernichtet werden zu müssen, weil er – denn damit begründet er den Ausruf: „Wehe mir, ich vergehe!“ – „unreiner Lippen“ war, ein sündiger Mensch. Konnte er als solcher vor dem heiligen Gott bestehen? Konnte er, der Sünder, des heiligen Gottes Bote sein? Freilich nicht, denn der dreimal Heilige kann keine Sünder als seine Boten in seinen Dienst stellen. Aber wohl dem Propheten, dass er zu solcher Erkenntnis kam! Denn alsbald schwebte einer der Seraphim mit einer glühenden Kohle, von dem heiligen Feuer, von dem Altar genommen, zu ihm hernieder, rührte dreimal seine Lippen an und sprach zu ihm: „Siehe, hiermit sind deine Lippen gerührt, dass deine Missetat von dir genommen werde und deine Sünde versöhnt sei.“ So wird der Sündige entsündigt durch himmlisches Feuer an den Lippen als den Organen, mit denen er den Heiligen in Israel dem Volk, das ihn nicht kannte, verkündigen sollte. Und nun war er geeignet zum Boten, geschickt, die Botschaft unter einem sündigen Volk auszurichten.

    Sind Sie, meine Freunde, entsündigt, geheiligt? Sie sind es, wenn auch Sie, auf sich selbst blickend, ähnlich wie Jesaja ausrufen: „Wehe uns, wir vergehen; denn wir sind unreiner Lippen!“ Denn nur die, welche in wahrer, lebendiger Sündenerkenntnis stehen, vor dem heiligen Gott, der in seiner Heiligkeit ein verzehrendes Feuer ist, erschrecken, können entsündigt, geheiligt werden und werden entsündigt durch den Glauben an den, der mit seinem reinen und teuren Gottesblut die Sündenschuld der ganzen Welt gebüßt und bezahlt hat. Ja, das auf dem Altar des Kreuzes vergossene Blut ist die feurige Kohle, mit der die unreinen Lippen und die sündigen Herzen noch immer gereinigt und entsündigt werden. Schreibt nicht Paulus den sündigen Korinthern: „Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des HERRN Jesus und durch den Geist unseres Gotts“? Spricht nicht Petrus: „Gott machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen und reinigte ihre Herzen durch den Glauben“? Und in seiner ersten Epistel redet er alle Gläubigen so an: „Ihr seid das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Ja, Sie sind schon durch die heilige Taufe entsündigt worden; denn „sie wirkt Vergebung der Sünden“. Und Sie sind es noch, wenn Sie in Ihrer Taufgnade, im Glauben an Christus, Ihrem Heiland, stehen; denn „das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“. „Dies Blut, der edle Saft, hat solche Stärk und Kraft, dass auch ein Tröpflein kleine die ganze Welt kann reine, ja selbst aus Teufels Rachen frei, los und ledig machen.“ Dies fließt in einem unaufhörlichen Strom auf alle bußfertigen Sünder hernieder und entsündigt sie täglich und reichlich; und das Evangelium ist der Träger dieses reinigenden Blutes, ist – im Anschluss an unseren Text – die Zange, mit der es vom Himmel herniedergebracht, mit der die Lippen berührt, die Herzen gereinigt werden.

    Nun antworten Sie auf die Frage des HERRN: „Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein?“ mit Bereitwilligkeit, mit einer Freudigkeit, die alles Zögern und Zagen überwindet: „Hier bin ich, sende mich!“ Sende mich, wohin du willst, auch in die weite Ferne; ich will dein Bote sein, auch unter einem Volk von unreinen Lippen. Dann sind Sie wohl ausgerüstet zu Boten des heiligen Gottes und bereit zur Sendung. Davon noch drittens einige Worte.

 

3.

   Auf das Anerbieten des Jesaja: „Hier bin ich, sende mich!“ antwortet der HERR sogleich: „Gehe hin!“ und sandte ihn als seinen Boten aus. Aber welch einen Befehl erteilte er ihm, welch einen, ich könnte sagen, scheinbar widerspruchsvollen Auftrag gab er ihm! „Gehe hin und sprich zu diesem Volk: Hört es und versteht es nicht; seht es und merkt es nicht! Verstocke das Herz dieses Volks und lass ihre Ohren dich sein und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen.“ Es mangelt an Zeit, hierauf näher einzugehen. Nur einige erläuternde Worte. Sollte denn die Sendung des Propheten zur Verstockung, Verblendung, zum Verderben des Volkes dienen? Dahin lautet sein Auftrag allerdings nach den angeführten Worten. Und wenn diese in eine bloße Zulassung Gottes umgedeutet werden, so ist das rationalistische Verkehrung. Sie werden uns aber verständiger, wenn wir auf den 19. und 24. Vers im vorhergehenden Kapitel blicken, wo es heißt: „Lass eilend und bald kommen sein Werk, dass wir sehen; lass herfahren und kommen den Anschlag des Heiligen in Israel, dass wir’s innewerden!“ Es war ein Volk, dem das Wort des HERRN oft verkündigt, das oft zur Buße gerufen, dem, wenn es sich nicht bekehrte, sein unabwendbares Strafgericht angedroht worden war, das aber auf das alles nur mit Hohn, Spott, Herausforderung geantwortet hatte. Deswegen sollte es nun mit dem Gericht der Verstockung bestraft werden, das über die boshaften Lästerer des göttlichen Wortes ergeht.

    Aber diese Verstockung sollte doch nicht der Endzweck der Sendung des Propheten sein. Das erkannte er und fragte deshalb: „HERR, wie lange?“ Die Antwort lautete: „Bis dass die Städte wüst werden ohne Einwohner und Häuser ohne Leute, und das Feld ganz wüst liege. Denn der HERR wird die Leute ferne wegtun, dass das Land sehr verlassen wird.“ Aber selbst bei diesem stufenweise fortschreitenden Gericht soll es noch nicht sein Bewenden haben; denn so lauten die Worte im 13. Vers eigentlich: „Und wenn noch der zehnte Teil drin ist [im Land], so soll es wiederum weggefegt werden, so dass das Volk Israel wie eine stolze Eiche erscheint, die Blätter, Zweige und Äste verloren hat und nur der Stamm übrig ist.“ Aber dieser Stamm bleibt wie ein Nachspross, mit dem der HERR Herrliches, Großes vorhat. Das Endziel aller Wege und Werke Gottes und auch das der Sendung des Propheten ist doch das Heil aus Juda und die Erfüllung der ganzen Erde mit der Herrlichkeit des HERRN, wie die Seraphim mit ihrem Lobgesang verkündigt haben.

   Konnte der erste Teil dieses Auftrages den Propheten nicht verzagt machen? Im Gegenteil, er sollte ihn vor der Täuschung bewahren, als müsste seine Botschaft überall ungeteilten Beifall und Aufnahme finden, als könnte er durch seine Predigt das gerechte Gericht abwenden; andererseits aber sollte er auch nicht hoffnungslos werden, als ob sein Werk ganz vergeblich sein werde.

    Das sollen auch Sie sich gesagt sein lassen. Sie dürfen sich nicht der Hoffnung hingeben, dass Sie in kurzer Zeit alles ausrichten, alle Sünder bekehren und dem HERRN zu Füßen legen können. Die Botschaft des HERRN findet unter einem sündigen Geschlecht überall bei vielen Widerspruch. So ist’s zu allen Zeiten gewesen. Auch Jesaja, wie gehört, musste klagen: „HERR, wer glaubt unserer Predigt?“ und im 49. Kapitel: „Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und brächte meine Kraft umsonst und unnütz zu, wiewohl meine Sache des HERRN und mein Amt meines Gottes ist.“ Aber doch hat er Großes in dem HERRN getan. Das werden auch Sie tun, wenn Sie treu in dem Amt Ihres Gottes sind. Sein Wort kommt nicht leer zurück, sondern tut, wirkt, was ihm gefällt, wozu er es sendet. Werden Sie darum nicht hoffnungslos mitten im Widerspruch und Kampf und Streit, sondern seien Sie hoffnungsvoll im Vertrauen auf die Verheißung Ihres Gottes, freudig, wenn Sie keinen besonderen Erfolg sehen! Des HERRN Werk geschieht oft im Verborgenen. Sie werden nach Ihrem geringen Teil, soviel Gott Gnade gibt, dazu beitragen, dass auch das Land, wohin Sie gehen sollen, der Ehre des HERRN voll wird. Er, der Heilige in Israel, sei und bleibe mit Ihnen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum dritten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 22,1-19: Isaaks Opferung

 

1. Mose 22,1-19: Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir sagen werde.

    Da stand Abraham am Morgen früh auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, davon ihm Gott gesagt, hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von fern. Und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel; ich und der Knabe wollen dorthin gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak; er aber nahm das Feuer und Messer in seine Hand, und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier sind Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie kamen an die Stätte, die ihm Gott sagte, baute Abraham daselbst einen Altar und legte das Holz drauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 11

    Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts! Denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einigen Sohn nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter ihm in der Hecke mit seinen Hörnern hängen; und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. Und Abraham hieß die Stätte: Der HERR sieht. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berg, da der HERR sieht.

    Und der Engel des HERRN rief Abraham abermals vom Himmel und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der HERR, weil du solches getan hast und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont, dass ich deinen Samen segnen und mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore seiner Feinde. Und durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, darum dass du meiner Stimme gehorcht hast. So kehrte Abraham wieder zu seinen Knechten; und sie machten sich auf und zogen miteinander nach Beerscheba und er wohnte dort.

 

    In Christus, dem eingeborenen Sohn des Vaters, geliebte Zuhörer!

    Schon zweimal hatte Gott der HERR Abraham einen Befehl gegeben, dessen Befolgung auch für den glaubensstarken Erzvater nicht leicht war. Der erste lautete: „Gehe aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus in ein Land, das ich dir zeigen will.“ Alles sollte Abraham verlassen, was ihm in irdischer Beziehung teuer und wert war: Vaterland, Verwandtschaft und Vaterhaus, und in ein unbekanntes Land ziehen, das ihm der HERR erst zeigen wollte. Abraham war auch ein Mensch wie jeder andere, hatte Fleisch und Blut, Gefühl und Neigungen wie andere. Er hing an seinem Vaterland, war seiner Verwandtschaft zugetan, liebte sein Vaterhaus. Von dem allem sollte er sich losreißen und in die Fremde ziehen. Das war kein geringes Opfer, es kostete ihn Entsagung. Aber Abraham besprach sich nicht mit Fleisch und Blut, sondern folgte dem Befehl Gottes, weil er dem Wort des HERRN glaubte, wie es Hebr. 11 heißt: „Durch den Glauben wurde gehorsam Abraham, da er berufen wurde, auszugehen in das Land, das er ererben sollte; und er ging aus und wusste nicht, wo er hinkäme.“

    Der andere Befehl, dem nachzukommen ihm wohl noch schwerer wurde, war der, seinen Sohn Ismael, den er von Hagar hatte, mit dieser auszutreiben. Als ihn Sarah dazu aufforderte, gefiel es ihm übel. War Ismael auch  nach dem Fleisch geboren, nicht der Sohn der Verheißung, er war doch sein Sohn, an dem er mit väterlicher Liebe hing. Aber als der HERR zu ihm sprach: „Alles, was dir Sarah gesagt hat, dem gehorche“, da kam er auch diesem Befehl sogleich nach. Da musste er Selbstverleugnung üben, seinen Willen dem Willen Gottes unterordnen und glauben lernen, glauben an das Wort seines Gottes und sich von ihm leiten lassen. Er musste auf mancherlei Weise versucht, geprüft und geläutert werden, um auf die Höhe zu kommen, auf die ihn Gott stellen wollte, um der Vater der Gläubigen zu werden. Aber durch manche Anfechtungen geläutert, wurde er nun einer Prüfung unterworfen, die weit schwerer als alle bisherigen war, so schwer, dass sie jede Menschenkraft weit zu übersteigen scheint. Er erhielt den Befehl, den Sohn der Verheißung – nicht etwa auszustoßen wie Ismael –, sondern ihn mit eigener Hand zu opfern. Da fragen wir: Wie konnte Gott ihm einen solchen Befehl geben und Abraham ihm gehorchen? Beides scheint uns gleich unmöglich zu sein; dennoch geschah beides, wie der verlesene Text berichtet. Betrachten wir denn aufgrund desselben:

 

Isaaks Opferung

 

    Diese wurde

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Abraham von Gott befohlen,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Von ihm vollzogen,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Für ihn überaus segensreich.

 

1.

        Abraham befand sich in Beerscheba, dem südlichsten Ort des Heiligen Landes. Dort hatt4e er einen Bund mit Abimelech, dem König der Philister, gemacht, Bäume gepflanzt, weil er dort lange zu bleiben gedachte, und predigte dort von dem Namen des HERRN, wie es im vorhergehenden Kapitel heißt. Daraus weisen die ersten Worte unseres Textes: „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham“ hin.

    Dort zu Beerscheba rief Gott Abraham und sprach zu ihm: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und gehe in das Land Morija und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir zeigen werde.“ Welch einen Befehl enthalten die Worte! Mussten sie dem Vater nicht wie scharfe Pfeile ins Herz dringen? Erwägen wir sie näher, um das recht zu erkennen.

    „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast“, sprach Gott zu ihm. Seinen Sohn soll er nehmen und opfern, nicht etwa das beste Tier in seiner Herde oder einen Teil derselben, nicht sonstiges Hab und Gut, wie Gold und Silber, sondern seinen Sohn, sein eigen Fleisch und Blut. Wie lange hatte er auf die Geburt dieses Sohnes von Sarah gewartet! Er war ihm verheißen worden, und als die Erfüllung der Verheißung jahrelang verzog, dass er, wie wir im 15. Kapitel lesen, klagend zu dem HERRN sprach: „HERR, Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder, und mein Hausvogt, dieser Elieser von Damaskus, hat einen Sohn. Mir hat du keine Samen gegeben; und siehe, der Sohn meines Gesindes soll mein Erbe sein“, da hatte ihm der HERR auf diese Klage die Antwort gegeben, sein Same solle so zahlreich werden wie die Sterne am Himmel. Abraham glaubte, und das rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit. Er war inzwischen 99 Jahre alt geworden, und noch war der verheißene Leibeserbe nicht geboren. Da sprach der HERR abermals zu ihm: „Du sollst deine Frau Sarai nicht mehr Sarai heißen, sondern Sarah soll ihr Name sein; denn ich will sie segnen, und von ihr will ich dir einen Sohn geben.“ Diese Verheißung erfüllte ihn mit solcher Freude, dass er auf sein Angesicht fiel und vor Freude lachte. Als ihm darauf der HERR in Begleitung zweier Engel in menschlicher Gestalt im Hain Mamre erschien, ihm die bestimmte Zusage gab, dass Sarah ihm ums Jahr einen Sohn schenken werde, diese Zusage auch in Erfüllung ging, wie groß war da seine Freude!

    Aber diesen wiederholt verheißenen, so lange ersehnten Sohn sollte er nun dem HERRN wiedergeben, opfern. Und Isaak war sein einiger, einziger Sohn. Wohl war ihm von der Hagar der andere Sohn, Ismael, geboren worden, aber der war nicht mehr vorhanden, denn er hatte ihn mit seiner Mutter ausstoßen müssen. Nun soll er Isaak, der zu einem Jüngling herangewachsen war, dem HERRN zum Brandopfer darbringen. Ihm soll er das Messer ins Herz stoßen und dann seinen Leib auf dem Altar verbrennen. Das sollte er dem Sohn tun, den er, wie der Befehl noch besonders hervorhebt, liebhatte, mehr liebte als alles andere, was er hatte. Und das sollte er nicht zu Beerscheba, wo er wohnte, sogleich, sondern im Land Morija, wohin er drei Tage zu reisen hatte, tun. War dies nicht ein Befehl, so grausam, wie er nur sein konnte? Und ferner: Wenn er diesen Befehl ausführte, fielen damit nicht alle Verheißungen hin, die ihm Gott gegeben hatte: die Verheißungen, dass aus ihm viele Völker kommen, seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne am Himmel werden sollten, also auch die Verheißung von dem Erlöser, dem Heiland der Welt? Führte er nicht den Todesstoß gegen Isaak, den Sohn der Verheißung, tötete er damit nicht, das ich so sage, alle Verheißungen? „Die menschliche Vernunft“, sagt Luther, „musste schlechthin schließen: Entweder lügt die Verheißung, oder der Befehl kommt nicht von Gott, sondern vom Teufel; denn es ist ein offener Widerspruch. Wenn Isaak getötet werden muss, so ist die Verheißung nicht wahr; ist sie aber wahr, so ist es unmöglich, dass dieser Befehl ein Befehl Gottes sein kann.“ Das war die schwerste Versuchung, in die Abraham durch diesen Befehl versetzt wurde.

    Und doch war es ein ausdrücklicher Befehl Gottes, nicht eine Eingebung des Teufels, auch nicht ein eigener Gedanke oder Wahn, der in Abrahams Herzen aufstieg, auf den er etwa gekommen war, weil er sah, dass die heidnischen Kanaaniter in ihrer Blindheit ihren Götzen Menschenopfer darbrachten, um sie zu versöhnen. Nein, der Befehl kam von dem persönlichen, wahren Gott. Aber wie, so fragen wir, konnte ihm Gott, der ihn bisher so wunderbar geführt, sich ihm so gnädig und barmherzig erwiesen hatte, seinen einzigen, geliebten Sohn als Opfer von ihm fordern? Die Antwort ist in dem einen Wort unseres Textes, in dem Wort „versuchte“ gegeben. „Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham“, heißt es. Er versuchte ihn zur Prüfung und Bewährung seines Glaubens, ob er trotz dieses Befehls auf ihn unentwegt vertraue, an der ihm gegebenen Verheißung festhalte und seinen Glauben von den Schlacken fleischlicher Liebe zu Isaak, die sich etwa bei ihm angesetzt hatten, zu befreien suche.

   Führt Gott heute noch dieses und jenes seiner gläubigen Kinder in eine ähnliche Versuchung? Er gibt sicherlich keinem den Befehl, eines der Kinder oder gar das einzige Kind zum Brandopfer darzubringen; aber wenn es in tödlicher Krankheit auf dem Bett liegt, wenn alle menschliche Hilfe vergeblich zu sein scheint oder wirklich vergeblich ist, dann befindet sich das Elternherz in einer ähnlichen Versuchung wie Abraham, wie jeder Christ weiß, der es erfahren hat. Hat Gott nicht Leben und Tod in seiner Hand? Ist’s ihm, dem Allmächtigen, nicht ein Geringes, der Krankheit zu gebieten, das Leben zu erhalten? Scheint da der gnädige nicht ein zorniger, der liebevolle nicht ein unbarmherziger, grausamer Gott zu sein? Welch eine schwere Versuchung ist auch das! Aber wohl dem, der in solcher Versuchung am Glauben festhält, dem Willen Gottes gehorsam, sich ihm untergibt wie Abraham. Das lehrt uns der zweite Teil unserer Betrachtung.

 

2.

    Abraham säumte nicht, den Befehl auszuführen. Am Morgen stand er früh auf, spaltete selbst das Holz, dessen er zum Brandopfer bedurfte, gürtete einen Esel und machte sich mit Isaak und zwei Knechten auf den Weg. Am dritten Tag der Reise erblickte er den Ort, wo die Opferung geschehen sollte. Mit welchen Gefühlen er das Holz gespaltet, den Esel gesattelt, die Reise zurückgelegt hat, lässt sich weniger in Worten beschreiben als im Herzen empfinden. Bracht ihn nicht jeder Schritt der Opferstätte näher, an der er dem geliebten Sohn den Todesstoß geben sollte? Musste er vor der Stätte nicht Grauen empfinden? Als er an dem Berg angekommen war, sprach er zu den Knechten: „Bleibt hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen; und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.“ Er hatte also weder Isaak noch den Knechten mitgeteilt, zu welchem Zweck die Reise geschehe, und die Knechte sollten nicht Zeugen des blutigen Vorgangs sein. Die letzte, kurze Strecke wurde vom Vater und Sohn allein zurückgelegt. Welch ein Gang! Der Sohn trägt das Holz auf seinem Rücken, das ihm der Vater aufgelegt hat, dieser das Feuer, mit dem das Holz angezündet, und das Messer, mit dem der Todesstoß geführt werden soll. Isaak spricht zu Abraham: „Mein Vater!“ Dieser antwortet: „Hier bin ich, mein Sohn.“ Dieser sagt: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ Welch eine zärtliche Liebe zueinander geht aus diesen wenigen Worten hervor! Aber mussten die Worte des Sohnes das Herz des Vaters nicht wie ein zweischneidiges Schwert durchbohren, die Worte: „Wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ Isaak wusste es nicht, aber der Vater wusste es nur zu wohl. Doch gewinnt er es nicht über sich, dem Sohn zu sagen: Du selbst bist es, sondern er antwortet: „Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“ So gingen die beiden, schweigend, miteinander den Berg hinan. Dort angekommen, baut Abraham den Altar von Erde und Steinen, legt das mitgebrachte Holz darauf, bindet dann den Sohn und legt ihn oben auf das Holz. Nun wusste dieser, welches das Schaf zum Brandopfer sein sollte. Ob er sich gegen das Binden gesträubt hat? Unser Text sagt darüber nichts, aber ich glaube nicht, dass er sich gesträubt hat, sei es, dass er durch den Vorgang völlig überrascht wurde, sei es durch besondere göttliche Lenkung. Nun reckt der Vater seine Hand aus und fasst das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Eben erhebt er die Hand und will den schrecklichen Stoß in das Herz des Sohnes führen. „Abraham, Abraham!“ schallt in diesem Augenblick die stimme vom Himmel herab, „lege deine Hand nicht an den Knaben und tue ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deinen einzigen Sohn nicht verschont um meinetwillen.“

    Aber wozu erhielt denn Abraham den Befehl, Isaak zu opfern, wenn er nicht ausgeführt werden sollte? Wozu alle Vorbereitungen, die weite Reise? Trieb Gott der Wahrhaftige mit Abraham ein grausames Spiel? Keins von beiden. Denn Abraham hat seinen Sohn wirklich geopfert, freilich nicht äußerlich, durch die Tat, aber innerlich, in seinem Herzen. Und nichts weiteres wollte Gott von ihm als die Bereitwilligkeit, um seinetwillen auch das Liebste und Teuerste willig dahinzugeben. Diese Bereitwilligkeit hatte Abraham gezeigt, und darum erging nun der Befehl an ihn, seine Hand nicht an den Knaben zu legen, weil er bewiesen hatte, dass er Gott mehr leibte als den einzigen, geliebten Sohn. Und Gott hatte auch schon für einen Ersatz gesorgt. Denn als sich Abraham umwandte, erblickte er einen Widder mit den Hörner in einer Hecke oder einem Dickicht hängen. Da er sogleich erkannte, dass der Widder an Stelle seines Sohnes zum Opfer dienen sollte, opferte er ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt. So erfüllte sich sein Wort: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“

    Seht da, meine Zuhörer, was der Glaube vermag, was Glaubensgehorsam ist. So groß die Versuchung war, Abraham bestand sie. Warum? Die Antwort gibt uns der Apostel in den Worten Hebr. 11,17: „Durch den Glauben opferte Abraham den Isaak, da er versuchte wurde, und dachte: Gott kann auch wohl von den Toten erwecken.“ Obwohl alle Verheißungen Gottes und Abrahams Hoffnungen auf Isaak beruhten, so war er doch im Glauben gewiss, dass Gott ihn wieder von den Toten auferwecken und die Verheißung erfüllen werde, da er als der Wahrhaftige sie erfüllen müsse.

    Wir bewundern diesen Glaubensgehorsam Abrahams. Aber Größeres als Abraham hat Gott selbst getan. Denn Abraham hat seinen einzigen geliebten Sohn Gott geopfert, von dem er unzählige Wohltaten empfangen hatte; Gott hat seinen einzigen geliebten Sohn, Jesus Christus, für uns geopfert, für die Sünder, die ihn mit ihren Sünden zum Zorn und zur Strafe gereizt hatten. Ihn hat er dort auf Golgatha auf dem Altar des Kreuzes geopfert, ihn hat er von dem Feuer seines Zorns verzehren lassen. Wie Abraham dort auf dem Berg Morija anstatt seines Sohnes einen Widder opfern musste, so hat Gott selbst seinen einzigen Sohn an unserer Statt geopfert. Wie dort Isaak das Holz selbst hinauftragen musste, so hat Gottes Sohn das Holz des Kreuzes nach Golgatha hinaufgetragen und sein Leben für uns in den Tod dahingegeben. Ja, „Gott hat seinen einzigen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben“, sachreibt Paulus Röm. 8, und im 5. Kapitel sagt er: „Darin preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. So werden wir vielmehr durch ihn behalten werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind.“

O Wunderlieb, o Liebesmacht!

Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,

Gott seinen Sohn abzwingen!

O Liebe, Liebe, du bist stark,

Du streckest den ins Grab und Sarg,

Vor dem die Felsen springen,

so müssen wir im Hinblick auf diese Liebe Gottes, die er in der Opferung seines einzigen Sohnes uns bewiesen hat, mit dem Dichter ausrufen. Lasst uns diese Liebe Gottes immer mehr erkennen, sie aber auch durch unseren Glaubensgehorsam preisen, indem wir jedem Befehl des HERRN, jedem Wort, willig Gehorsam leisten, ja, ihm uns selbst mit allem zum Opfer geben, das da lebendig, heilig und ihm wohlgefällig ist, und das umso mehr, als das auch für uns überaus segensreich ist.

 

3.

    War es für Abraham nicht schon ein Segen, dass ihm von Gott selbst seine Gottesfurcht bezeugt wurde, indem er zu ihm sprach: „Nun weiß ich, dass du Gott fürchtest“? Wie musste dies Zeugnis den Erzvater stärken und erquicken, der drei Tage lang einen solch furchtbaren Seelenkampf gekämpft hatte! Die Versuchung war ja auch nicht um Gottes, sondern um Abrahams willen, zu seinem Besten, geschehen. Da bewahrheitete sich an Abraham das Wort: „Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen.“

    Der eigentliche Segen bestand aber darin, dass der Engel des HERRN Abraham zum zweiten Mal vom Himmel herab rief und ihm teils die schon früher gegebenen Verheißungen wiederholte, dass er seinen Samen mehren wolle wie die Sterne am Himmel, und dass durch seinen Samen alle Geschlechter auf Erden gesegneten werden sollten, teils neue hinzugefügt wurden in den Worten: „Ich will deinen Samen mehren wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Tore seiner Feinde“; das heißt, er soll die Feinde und ihre Städte siegreich bewältigen, in Besitz nehmen; und endlich, dass ihm diese Verheißungen durch einen feierlichen Eid bestätigt wurden, was nur dies eine Mal bei den Patriarchen geschehen ist. Wir ersehen auch hieraus: So groß die Versuchung für Abraham war, so groß war der Segen, der ihm zuteil wurde. Ehe er wusste, welchen wunderbaren Ausgang diese Versuchung nehmen würde, während er in seinem Herzen willig den einzigen Sohn opferte, glaubte er gewiss, dass Gott ihn lebendig machen könne, „der da“, wie Paulus Röm. 4,17 in Bezug darauf schreibt, „lebendig macht die Toten und ruft dem, das nicht ist, dass es sei“.

    Und sind diese Verheißungen in Erfüllung gegangen? Freilich ist in ihnen nicht die leibliche Nachkommenschaft Abrahams gemeint. Diese ist weder so zahlreich wie die Sterne am Himmel noch wie der Sand am Ufer des Meeres geworden, sondern von dem geistlichen Samen ist die Rede, von der Zahl der Gläubigen an deren Spitze Abraham als Vater von Gott gestellt wurde. Die denselben Glauben wie Abraham haben, die sind sein Same, seine Kinder. Und wer vermag die Menge derer zu zählen, die seit Abraham durch Jahrtausende hindurch bis auf den heutigen Tag geglaubt haben, glauben und glauben werden wie er? Jeder wahrhaft Gläubige, mag er noch so gering sein, ist einer der unzählbaren Glaubenssterne, eins der Sandkörner im Meer der Seligkeit.

    Lasst uns daher, meine Teuren, in allen Versuchungen, die an uns herantreten, glauben lernen wie Abraham, auf die Verheißungen des HERRN auch dann unentwegt vertrauen, wenn es scheint, als ob sie zunichte werden müssten. Himmel und Erde vergehen, die Verheißungen des wahrhaftigen und allmächtigen Gottes müssen erfüllt werden. Dann werden auch wir reich gesegnet werden in Zeit und Ewigkeit.

    Unser Text schließt mit den Worten: „So kehrte Abraham wieder zu seinen Knechten“ (die er unten am Berg zurückgelassen hatte); „und machte sich auf und sie zogen miteinander nach Beerscheba; und er wohnte dort.“ So schwer für ihn die Hinreise war, so glücklich, selig war die Heimreise. Der HERR gebe auch uns eine selige Heimreise in die rechte Heimat, in der Brunnen lebendigen Wassers quillen, wo wir ewig wohnen sollen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum vierten Sonntag nach Epiphanias ueber 1. Mose 28,10-22: Jakobs Traum zu Bethel

 

1. Mose 28,10-22: Aber Jakob zog aus von Beerscheba und reiste gen Haran. Und kam an einen Ort, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein des Orts und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an demselben Ort schlafen. Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel; und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. Und der HERR stand oben drauf und sprach: Ich bin der HERR, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott. Das Land, da du drauf liegst, will ich dir und deinem Samen geben. Und dein Same soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen den Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag; und durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.

    Da nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Mal und goss Öl oben drauf. Und hieß die Stätte Bethel; vorhin hieß sonst die Stadt Lus. Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: So Gott wird mit mir sein und mich behüten auf dem Weg, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen, und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein, und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus werden; und alles, was du mir gibst, des will ich dir den Zehnten geben.

 

    Geliebte in Christus!

    Das verlesene Textwort lenkt unseren Blick auf den Erzvater Jakob. Dieser befindet sich auf der Reise nach Haran. Ein Zweifaches hatte ihn veranlasst, diese Reise anzutreten. Zunächst war es die Feindschaft seines Bruders Esau und dessen Drohung, ihn zu ermorden.

    Noch ehe die beiden Brüder geboren waren, hatte der HERR zu ihrer Mutter Rebekka gesagt: „Zweierlei Leute werden sich aus deinem Leib scheiden; und der Ältere wird dem Jüngeren dienen.“ Damit war ihr angekündigt worden, dass nicht der Ältere, wie es nach dem Recht der Erstgeburt hätte geschehen müssen, sondern der Jüngere der Träger der messianischen Verheißungen sein und über jenen herrschen solle; und schon bei der Geburt der Zwillingsbrüder gab sich der Unterschied zwischen den beiden zu erkennen. Der Erstgeborene war von rötlich-brauner Farbe und dicht behaart wie ein Fell, Anzeichen seiner Kraft und Wildheit, der zweite weiß und glatt. Jener erhielt den Namen Esau, das ist, „der Haarige“, und dieser, weil er bei der Geburt die Ferse des Erstgeborenen hielt, den Namen Jakob, das heißt „der Fersenhalter“ oder auch „der Listige“. Die Verschiedenheit trat, als sie heranwuchsen, deutlich hervor. Esau wurde ein Jäger und Ackermann, ein auf dem Feld Umherschweifender; Jakob aber war ein frommer Mann und blieb in den Hütten, das heißt, er hatte Gefallen am häuslichen Still-Leben. Und wie es so oft geschieht, wenn nur zwei Kinder in der Familie sind, so war es auch im Haus Isaaks: Esau war der Liebling des Vaters, Jakob der Liebling der Mutter, wodurch das Verhältnis der Brüder zueinander getrübt wurde, zumal sich Esau besonders die Gunst des Vaters zu erwerben suchte, indem er ihm von dem Wildbret brachte, das er gerne aß.

    Esau aber aß gerne eine Speise von Linsen. Als er daher einst, vom Feld kommen und hungrig, ein Linsengericht, von Jakob zubereitet, sah, verlangte er, davon zu essen. Jakob willigte unter der Bedingung ein, dass er ihm dafür das Recht der Erstgeburt verkaufe; und Esau ging ohne Besinnen auf den Handel ein, indem er sagte: „Siehe, ich muss doch sterben; was soll mir dann die Erstgeburt?“ verkaufte also seine Erstgeburt um ein Linsengericht, ein hohes Vorrecht um einen lächerlichen Preis – ein hohes Vorrecht, weil mit der Erstgeburt bei den Patriarchen die Herrschaft über die Familie und der Anspruch auf den Verheißungssegen verbunden war. So hatte Jakob ein doppeltes Anrecht auf die Erstgeburt, nämlich durch göttliche Bestimmung und durch Kauf von seinem Bruder.

    Nun war Isaak alt geworden und wollte, ehe er starb, ungeachtet der göttlichen Bestimmung und des Verkaufs der Erstgeburt an Jakob, seinem Lieblingssohn Esau den Segen der Erstgeburt erteilen. Als Rebekka das hörte, nahm sie ihre Zuflucht zu einer List. Sie überredete Jakob, ein von ihr bereitetes Mahl seinem Vater zu bringen, zog ihm Esaus Kleider an, umwickelte seine Hände mit dem Fell des geschlachteten Böckleins und vertraute darauf, dass Isaak in solcher Verkleidung Jakob für Esau halten würde, da seine Augen dunkel geworden waren. Und die List gelang. Jakob erhielt den Segen der Erstgeburt, ehe sein Bruder von seiner Jagd auf dem Feld zurückgekehrt war. Darüber ergrimmte dieser, als er zurückkehrte und erfuhr, wie ihn Jakob überlistet hatte. Daran, dass er diesem seine Erstgeburt verkauft hatte, dachte er nicht oder wollte den Handel nun nicht gelten lassen. Er stieß die Drohung aus: „Es wird die Zeit kommen, dass mein man um meinen Vater Leid tragen muss; dann will ich meinen Bruder Jakob erwürgen.“ Als Rebekka von dieser Drohung hörte, überredete sie Jakob, zu ihrem Bruder Laban nach Haran zu reisen, Isaak aber dazu, seine Einwilligung dazu zu geben, indem sie vorgab, dass Jakob sich aus ihrer Familie eine Frau holen sollen, da ihr die kanaanitischen Frauen Esaus viel Herzeleid bereiteten.

    Wir sehen aus dieser Geschichte, wie auch die Kinder Gottes oft ihre eigenen, sündlichen Wege gehen, verwerfliche Mittel anwenden, um ihre Zwecke zu erreichen. Isaak wollte in seiner schwachen Vorliebe für Esau der4 göttlichen Bestimmung entgegen diesem den Segen der Erstgeburt zuwenden; Rebekka betrog ihren Gemahl, Jakob seinen Vater, und bereiteten sich damit Kummer und Herzeleid. Anstatt auf Gottes Walten zu vertrauen und zu warten, griffen sie selbst auf sündliche Weise ein. Aber wir sehen hieraus auch, dass Gott selbst die Torheiten der Menschen in seine Hand nimmt, und wie durch göttliche Weisheit und menschliche Torheit die Geschicke der Menschen gelenkt werden. Das sehen wir besonders an dem wichtigsten Ereignis, das Jakob auf seiner Reise nach Haran begegnete, und von dem unser Text handelt. Betrachten wir daher:

 

Jakobs Traum zu Bethel auf seiner Reise nach Haran

 

    Wie er

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Darin eine Himmelsleiter erblickt,

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Eine herrliche Verheißung erhält,

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Aus Dankbarkeit ein feierliches Gelübde tut.

 

1.

    Von dem elterlichen Haus zu Beerscheba aus trat Jakob seine Reise nach Haran an, um dort, wie ihm sein Vater besonders auftrug, eine Frau von den Töchtern Labans, des Bruders einer Mutter zu nehmen. Isaak fertigte ihn zu dieser Reise besonders ab. Ohne ihn wegen seiner Überlistung zu strafen, da er sich selbst nicht ohne Schuld wusste, erteilt er ihm noch den Segen Abrahams, durch den ihm der Besitz des Landes Kanaan zugesichert wurde.

    So gesegnet, begab sich Jakob auf den Weg und „kam“, wie es in unserem Text heißt, „an einen Ort, da blieb er über Nacht; denn die Sonne war untergegangen“; und er nahm von den Steinen, die sich an dem Ort befanden, machte sich aus ihnen ein Kopflager[4], legte sich hin, schlief ein und hatte einen wunderbaren Traum. In diesem erblickte er eine Leiter, die von der Erde bis an den Himmel reichte, an der die Engel auf- und niederstiegen, auf deren Spitze aber Gott der HERR stand. Das war kein gewöhnlicher Traum, sondern eine neue Weise der Gottesoffenbarung. Zu Abraham war das Wort des HERRN so geschehen: Er hatte Gott den HERRN in leiblicher Gestalt im Haim Mamre gesehen und bewirtet, der HERR war ihm erschienen; auch Isaak hatte Gesichte gesehen und geweissagt (Kap. 26,2.24); aber eine Offenbarung im Traum wurde hier zum ersten Mal Jakob zuteil.

    Dass diese Himmelsleiter, von Jakob im Traum gesehen, eine hohe Bedeutung nicht allein für Jakob, sondern für alle Gläubigen hate, ist schon frühzeitig erkannt worden. Was für ein Bild stellt sie dar? Unten auf der Erde Jakob, ein einsamer Wanderer! Die Erde ist sein Bett, einige Steine sein Kopfkissen, das Dunkel der Nacht um ihn her. Er befindet sich in einem fremden, feindlichen[5], Esau befreundeten Land, vor dessen Rache er die Flucht hatte ergreifen müssen. Und hatte er sich nicht selbst durch seine List und seinen Betrug an seinem Bruder dahin gebracht? Musste er nicht umso mehr in Furcht und Bedrängnis sein? Oben auf der Spitze am Himmel steht Gott der HERR, der Heilige und Gerechte, dem Sünde ein Greuel ist, der sie straft, heimsucht, bis ins dritte und vierte Glied! Aber fast noch wunderbarer als dies: Die Engel Gottes steigen auf der Leiter auf und nieder, die Diener Gottes, die seine Befehle ausrichten, die Wächter und Beschützer der Kinder Gottes, die um ihr Sterbelagere stehen und ihre Seele im Triumph in die seligen Wohnungen des Himmels tragen. Musste das Jakob nicht andeuten, dass ihm der heilige Gott trotz seiner Schwachheitssünde, zu der er sich von seiner Mutter hatte überreden lassen, gnädig sei? Wie tröstlich musste die ganze Erscheinung für Jako sein, der sich dort in dunkler Nacht, von Furcht erfüllt, unter freiem Himmel befand! Ja, sie bedeutete für ihn das Mittel der Vereinigung zwischen Gott und ihm. Aber was bedeutet sie für uns, meine Freunde?

    Keiner von uns hat eine solche Erscheinung wie Jakob gehabt, keiner hat in einem Traum oder Gesicht eine solche Himmelsleiter gesehen; aber wir alle haben das oder den, welchen sie bedeutet: Christus, Gottes und Mariens Sohn, Gott vom Himmel und wahren Menschen, unseren Bruder. Wie die Leiter dort zu Bethel Himmel und Erde verband, so verbindet der Gottmensch Himmel und Erde; denn er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Schreibt nicht der Apostel 1. Tim. 2, 5: „Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung, dass solches zu seiner Zeit gepredigt würde“? Bezeichnet er sich nicht selbst als die Himmelsleiter, indem er spricht: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als durch mich“? Ja, durch ihn ist alles versöhnt und vereinigt, was im Himmel und auf Erden ist. Durch seine Vermittlung kommen die Engel Gottes vom Himmel auf die Erde hernieder, um die Heiligen und Geliebten Gottes zu schützen vor ihren Feinden, zu bewahren vor so manchen Gefahren und, wie bei Lazarus, ihre Seele in den Himmel hinaufzutragen. Ja, Christus, der Heiland, ist unsere Himmelsleiter, auf der wir durch den Glauben von dieser armen Erde zum Himmel emporsteigen, nicht das Gesetz, dessen Sprossen die Gebote sind, an denen niemand emporsteigen kann, an dessen Spitze auch nicht der gnädige und barmherzige, sondern der heilige und zürnende Gott steht. „Denn die mit des Gesetzes Werken umgehen, die sind unter dem Fluch.“

    Wenn du darum verlassen bist wie dort Jakob, dein Herz voll Angst und Sorge ist wie dort Jakobs; wenn deine Sünde dich bekümmert und dein Herz dich anklagt, wenn du im Staub auf der Erde liegst wie dort Jakob: dein Heiland, eine Himmelsleiter, steht bei dir und sendet dir seine Engel hernieder, und Gott der HERR offenbart sich auch dir in freundlichen, tröstlichen Worten und spricht: „Ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst; ich will dich nicht lassen“, wie er dort zu Jakob redete. Das führt uns zum zweiten Teil unserer Betrachtung.

 

2.

    Jakob erblickte in seinem Traum nicht nur die Himmelsleiter, sondern Gott sprach auch zu ihm: „Ich bin der HERR, Abrahams, deines Vaters, Gott und Isaaks Gott“; gab sich ihm damit zu erkennen, bestätigte alle Verheißungen, die er den Vätern gegeben hatte, und fügte eine andere hinzu. Die erste lautet: „Das Land, da du drauf liegst, will ich dir und deinem Samen geben“; die zweite: „Dein Same soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden wie der Staub auf Erden; und du sollst ausgebreitet werden gegen Abend, Morgen, Mitternacht und Mittag“; die dritte: „Durch dich und deinen Samen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden“; die vierte: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land.“ Die ersten drei sind eine Wiederholung der Verheißungen, die Gott schon Abraham und Isaak gegeben hatte, und werden hier Jakob besonders zugeeignet; denn bei seiner Berufung hatte Gott zu Abraham in Haran gesagt: „Ich will dich zum großen Volk machen; du sollst ein Segen sein, und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden“ (Kap. 12), und später, wie wir 1. Mose 15, 7 lesen: „Ich bin der HERR; der dich aus Ur in Chaldäa geführt hat, dass ich dir dies Land zu besitzen gebe.“ Diese Verheißungen waren dem Anfang nach durch die wunderbare Geburt Isaaks, die in Kraft der Verheißung des HERRN geschah, erfüllt. Indem aber Gott die dritte Verheißung, dass in seinem Samen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden sollen, wiederholte und Jakob zueignete, bezeugte er, dass der messianische Segen, den er von seinem Vater erhalten, sein, Gottes Segen, sei, dass ich so sage, er sein göttliches Siegel unter denselben drücke. Die vierte Verheißung aber, durch die ihn Gott seines Schutzes versichert und ihm verheißt, ihn in sein Vaterland zurückzubringen, tat Jakob kund, dass er trotz seiner Schwachheitssünde doch bei ihm in Gnaden sei., Und damit er an dieser Verheißung nicht zweifle, fügte der HERR hinzu: „Denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“ Welch eine große, herrliche Verheißung war das!

    Wie musste diese Verheißung und der darin ausgesprochene Segen Jakob aufrichten! Zu dem dort einsam Übernachtenden redet der HERR in seiner Freundlichkeit; der Verlassene sieht sich in Gemeinschaft der heiligen Engel, der Furchtsame die starken Helden zu seinem Schutz bereit; den, welchen sein Gewissen beunruhigt, versichert Gott seiner Gnade und Vergebung. Welche Nachsicht und Langmut beweist Gott seinen schwachen Kindern! Wie kann eine Sünde das Herz bedrücken, das Gewissen unruhig machen! Während der Ungläubige ruhig dahingeht, ja, über die Sünde lacht und scherzt, wenn sich die Stimme des Gewissens bei ihm meldet, diese alsbald wieder zum Schweigen bringt, ist der Gläubige mit Unruhe erfüllt. Seine Sünde steht, besonders in den Trübsalen, wie eine Scheidewand zwischen ihm und seinem Gott; er meint, er dürfe sich seinem Gott nicht nahen. War es nicht etwa so bei Jakob dort in Bethel? Esau ruhte sicher im Zelt seines Vaters, er aber befand sich auf der Flucht in einem fremden Land. Musste es ihm da nicht scheinen, als ob der Segen, mit dem ihn sein Vater gesegnet hatte, unmöglich in Erfüllung gehen könne, dass sich Gott zürnend von ihm abgewandt habe? Aber der HERR erscheint ihm, bestätigt den Segen seines Vaters, versichert ihn seiner Gnade und seines Schutzes. Wie hat das den Schwachen gestärkt!

    Lernen wir daher aus dieser freundlichen Offenbarung Gottes, dass wir in unseren Nöten und Ängsten nicht von, sondern zu Gott fliehen sollen. Er wendet sich um unserer Schwachheit willen nicht von uns ab, wenn wir nur aufrichtig sind, unsere Sünden nicht leugnen und verdecken oder gar verteidigen wollen, sondern sie reumütig bekennen. Er spricht ja: „Wenn eure Sünden gleich blutrot sind, sollen sie doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich sind wie Rosinfarbe, sollen sie doch wie Wolle werden.“ Wiederum: „Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen. Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, er hört ihr Schreien und hilft ihnen.“ Er ist viel mehr bereit zu geben, als wir zu bitten, viel geneigter, alle Schwachheiten und Sünden zu vergeben, als wir, sie zu bekennen.

    Mehr noch: Wir haben dieselben, ja größere Verheißungen, denselben, ja größeren Segen als Jakob. Oder sind wir nicht in dem Samen Jakobs, in Christus, gesegnet? Sind wir nicht durch ihn von allen Sünden erlöst, durch den Glauben an ihn Gottes geliebte Kinder? Ruft nicht der Apostel aus: „Gelobt sei Gott und der Vater unseres HERRN Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus“? Ist uns nicht ein Land verheißen, viel besser und herrlicher als das irdische Kanaan, wo wir mit den heiligen Engeln in innigster Gemeinschaft leben werden, wo kein Feind droht und keine Furcht unser Herz erfüllen kann? Haben wir nicht die Verheißung, dass der HERR uns auf unserem Weg dorthin geleiten und beschützen wird? Oder heißt es nicht Ps. 32,8: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du wandeln sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten“? Wahrlich, er will auch uns nicht lassen, bis er alles tut, was er uns geredet hat.

    Was tat Jakob im Hinblick auf die ihm gewordene Erscheinung und Verheißung? Sein Herz war so mit Dank gegen den HERRN erfüllt, dass er an jenem Ort ein feierliches Gelübde tat. Das wollen wir noch zum Schluss betrachten.

 

 

3.

    „Als nun Jakob“, so lesen wir weiter, „von seinem Schlaf erwachte, sprach er: ‚Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht.‘ Und er fürchtete sich und sprach: ‚Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.‘ Und Jakob stand am Morgen früh auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Mal und goss Öl oben drauf und hieß die Stätte Bethel; zuvor hieß sonst die Stadt Lus.“

    Jakob wusste wohl, dass Gott allgegenwärtig sei; wenn er daher sagt, er habe nicht gewusst, dass der HERR an jenem Ort sei, so meinte er damit die besondere, die Gnadengegenwart Gottes. Nach dieser, dachte er, sei Gott nur an den Stätten in seiner Heimat, die, wie die von Abraham und seinem Vater gebauten Altäre, seinem Dienst geweiht waren, auf denen ihm Opfer dargebracht und an denen von seinem Namen gepredigt wurde. Er aber befand sich ja fern von einer solchen geweihten Stätte, an einem fremden Ort. Durch diesen Traum erfuhr er aber, dass seines Gottes Gnadengegenwart an keine Stätte, keinen Ort gebunden sei. Daher rief er voll Staunen und Verwunderung aus: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Von einem heiligen Schauer[6] ergriffen durch das göttliche Gesicht, stand er früh auf, nahm den Stein und richtete ihn zum Gedächtnis an die Erscheinung des HERRN auf, goss Öl auf die Spitze des Steines und weihte ihn dadurch zu einer Gedenksäule und nannte die Stätte Bethel, das heißt, Gottes Haus. Zugleich tat er dabei ein feierliches Gelübde, um sich für die ihm widerfahrene Gnade und Barmherzigkeit dankbar zu erweisen: „So Gott wird mit mir sein“, sprach er, „und mich behüten auf dem Weg, den ich reise, und Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein, und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus werden; und alles, was du mir gibst, davon will ich dir den Zehnten geben.“

    Das war ein dreifaches Gelübde. Zunächst gelobte Jakob, dass der HERR, Jahwe, sein Gott sein solle. Das ist nicht so zu verstehen, als ob Jakob sich von Gott ab- und einem Götzen zuwenden wolle, wenn die ihm gegebenen Verheißungen nicht erfüllt würden – denn wie hätte er angesichts der eben erhaltenen Offenbarungen daran zweifeln können! – vielmehr gelobte er ohne Rückhalt, ihn, den einigen und gnädigen Gott, allein zu ehren und ihm zu dienen. – Sodann gelobte er, dass der von ihm zum Gedächtnis aufgerichtete Stein zu einem Gotteshaus werden solle. Das heißt nicht, dass er einen Tempel oder überhaupt ein Gebäude errichten wolle, sondern dass der Ort eine Stätte sein solle zum Dienst und zur Verehrung Gottes. Hatte er doch eben die Stätte ein Gotteshaus genannt, obwohl sich kein Gebäude irgendwelcher Art da befand. Wahrscheinlich dachte er an die Errichtung eines Altars, wie Abraham und Isaak an ihren Wohnsitzen einen Altar errichteten und von dem Namen des HERRN predigten. Und dass Jakob dieses Gelübde hielt, ersehen wir aus Kap. 35,7, wo es heißt: „Jakob kam nach Lus im Land Kanaan, das da Bethel heißt, samt all dem Volk, das mit ihm war, und baute daselbst einen Altar.“ Dass er zugleich auch das Gelübde des Zehnten hielt, ist selbstverständlich, indem er Dank- und Brandopfer darbrachte.

    Folgen wir hierin dem Beispiel des frommen Erzvaters, meine Zuhörer? Beweisen wir unseren Dank für die gnädigen Führungen Gottes, dass wir ihm Dank opfern und ihm, dem Höchsten, unsere Gelübde erfüllen? Er ist, dass ich so sage, mit wenigem zufrieden, wenn es in aufrichtiger Dankbarkeit dargebracht wird. Von all den reichen Gütern, die Gott ihm verliehen hatte, gab ihm Jakob den zehnten Teil. Gott hatte ihm zehn Teile gegeben, er gab Gott davon einen Teil wieder. War das für Jakob nicht ein vorteilhaftes Nehmen und Geben? Wieviel hast du bisher deinem Gott von den Gütern, die er dir gegeben hat, wiedergegeben? Ich glaube nicht, dass nur einer unter uns ist, der sich Jakob zum Vorbild genommen hätte. Die Kollekten zeigen das! Wie gering fallen sie meistens aus! Und wenn einmal eine größere Summe gegeben wird, so geschieht es mehr aus dem „Muss“ als aus freier herzlicher Dankbarkeit. Geben doch die Ärmeren im allgemeinen doppelt, drei- und vierfach so viel wie die Wohlhabenden und Reichen. Würde heute der Zehnte, ja der Zwanzigste und Fünfzigste für das Reich Gottes, für die Mission und dergleichen, gegeben, so hätten wir anstatt des fortwährenden Mangels Überfluss. Und es ist traurig, aber leider nur zu wahr: In keiner anderen kirchlichen Gemeinschaft werden so geringe Opfer für die Zwecke des Reiches Gottes dargebracht wie in unserer, und dabei rühmen wir uns, die einzige rechtgläubige Kirchengemeinschaft zu sein! Aber bedenken wir wohl das Wort: „Welchem viel gegeben ist, von dem wird man viel fordern“ und das andere: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und er da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen.“ Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Septuagesimae (70 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 32,24-31: Jakobs Ringen an der Furt Jabbok

 

1. Mose 32,24-31: Und er blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und da er sah, dass er ihn nicht übermochte, rührte er das Gelenk seiner Hüfte an; und das Gelenk seiner Hüfte wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist gesiegt. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob hieß die Stätte Pniel; denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Und als er vor Pniel überkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    In unserer letzten Betrachtung sahen wir den Erzvater Jakob auf seiner Reise nach Haran in Mesopotamien an einem Ort mit Namen Lus übernachten. Einsam, von Menschen verlassen, mit Furcht erfüllt, lag er da; die Erde war sein Bett, sein Stein sein Kopfkissen. Aber der HERR hatte ihn nicht verlassen, sondern offenbarte sich ihm durch ein herrliches Gesicht im Traum. An einer Leiter, deren Spitze bis an den Himmel reichte, stiegen die Engel auf und nieder, Gott redete zu ihm, bestätigte ihm den Segen, den er vor seiner Abreise von seinem Vater Isaak empfangen hatte, und verhieß ihm, ihn auf seiner Reise zu leiten und ihn in seine Heimat zurückzuführen.

    Seitdem waren zwanzig Jahre verflossen, und nun erblicken wir ihn nach dem heutigen Text auf der Heimreise aus Mesopotamien. Nicht arm, sondern reich kehrt er zurück. Dafür ist sein Herz voll Dankbarkeit; er spricht: „Ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knecht getan hast. Denn ich hatte nicht mehr als diesen Stab, da ich über den Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere geworden.“ Die ihm auf seiner Reise nach Haran gegebene Verheißung war teils erfüllt, teils in der Erfüllung begriffen. Nicht allein, einsam, kehrte er zurück, sondern mit einer großen Familie und im Besitz von zwei großen Herden. Den ihm nachziehenden Laban hat Gott gewarnt: „Hüte dich, dass du mit Jakob nicht anders als freundlich redest!“ und ihm dadurch befohlen, Jakob in Frieden seines Weges weiter ziehen zu lassen. Dieser war nun an die Furt Jabbok, an die Furt eines Flusses, der durch das Hochland Gilead fließt und sich in den Jordan ergießt, gekommen. Unterwegs waren ihm schon zu Mahanaim die Engel Gottes erschienen, die ihn nicht nur an die Engel erinnerten, die zu Lus an der Himmelsleiter auf und ab stiegen, sondern deren Erscheinung ihn auch jetzt des Geleits seines Gottes versicherte und ihm die Erfüllung der Verheißung, die ihm zu Bethel gegeben war: „Ich will dich wieder in dies Land bringen“ versichert4e.

    Und wie sehr bedurfte Jakob einer solchen Botschaft! Denn als die Boten, die er zu seinem Bruder Esau, der im Land Seir inzwischen zu einem Fürsten geworden war, gesandt hatte, um ihm seine Rückkehr zu melden, ihm meldeten, dass Esau mit 400 Mann heranziehe, fürchtete er sich sehr. Er dachte an die Drohung Esaus, ihn  ermorden zu wollen; er wusste nicht, ob er noch mit Hass gegen ihn erfüllt oder anderen Sinnes geworden sei. Da er befürchtete, dass Esau seine Rache ausführen werde, teilte er seine Leute und seine Herde in zwei Lager, damit, wenn Esau das eine überfiele, doch das andere entrinnen könne. Darauf wandte er sich im Gebet zu dem HERRN und flehte um Schutz gegen seinen Bruder, sandte diesem reichte Geschenke an Schafen, Rindern und Kamelen entgegen, um ihn günstig zu stimmen, führte dann seine Familie mit allem, was er hatte, über den Jabbok hinüber und bleib allein auf der Nordseite des Flusses zurück. Wieder war es Nacht, und wieder befand eer sich allein, und wieder hatte er dort eine wunderbare Erscheinung. Denn während er, wie wir aus Hos. 12,4.5 ersehen, betete und weinte, trat plötzlich ein Mann, ein himmlisches Wesen, zu ihm und rang mit ihm. Von diesem Ringen berichtet der verlesene Text, und darüber lasst mich denn jetzt zu euch reden. Wir betrachten daher:

 

Jakobs Ringen an der Furt Jabbok

 

    Wir sehen, dass er dort

1.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Mit einem Mann bis zur Morgenröte rang;

2.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Siegreich mit ihm rang;

3.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Von ihm gesegnet wurde.

 

1.

    Nachdem Jakob seine Frauen, Mägde und Kinder samt seiner anderen Habe über das Wasser, wie es in dem unserem Text vorhergehenden Vers heißt, hinübergeführt hatte, blieb er allein an der andern Seite; und da „rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach“. Wer war dieser Mann? Dass es kein gewöhnlicher Mann, sondern ein übernatürliches Wesen war, geht aus dem Text deutlich hervor. Das erkannte auch Jakob sogleich. Aber diese Mann stellte sich nicht freundlich, sondern feindlich; denn er griff ihn an und rang, kämpfte mit ihm, als wolle er ihn töten. Das Ringen war aber nicht ein bloßes geistliches Ringen in Gedanken, im Traum oder im Gebet, sondern ein leibliches, körperliches Ringen, wie in einem Ringen zwei Personen miteinander kämpfen, bis einer den anderen zu Fall bringt und ihn überwindet. Denn der, mit dem Jakob rang, hatte ja die Gestalt eines natürlichen Menschen. Wer war also dieser Mann?

    Der Prophet Hosea nennt ihn einen Engel und Gott, indem er sagt: „Er [Jakob] hat von allen Kräften mit Gott gekämpft. Er kämpfte mit dem Engel und siegte, denn er weinte und bat ihn.“ Dieser Mann war also kein anderer als der Engel des HERRN, die zweite Person der heiligen Dreieinigkeit, der in der Fülle der Zeit erschienen Sohn Gottes, derselbe, welcher Abraham im Hain Mamre in Begleitung zweier erschaffener Engel erschienen war und von ihm bewirtet worden war. Das Eigentümliche dieser Erscheinung des HERRN bestand aber darin, dass er sich zu Jakob nicht freundlich, sondern feindlich stellte. Wie ganz anders bei den früheren Erscheinungen! Wohl waren Abraham, Isaak und Jakob selbst bei solchen Erscheinungen des HERRN von einem heiligen Schauer, von Furcht, ergriffen worden; Jakob hatte nach der Erscheinung zu Bethel ausgerufen: „Wie heilig“ (oder vielmehr furchtbar) „ist diese Stätte!“ Aber wie freundlich hatte Gott mit und zu ihnen geredet, welch herrliche Verheißungen ihnen gegeben! Zu Abraham hatte er gesprochen: „Fürchte dich nicht, Abraham! Ich bin dein Schild und dein sehr4 großer Lohn“; zu Isaak, als er ihm zu Beerscheba erschien: „Fürchte dich nicht; denn ich bin mit dir und will dich segnen“ (Kap. 26,24); zu Jakob zu Bethel ebenso: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dieses Land; denn ich will dich nicht lassen, bis dass ich tue alles, was ich dir geredet habe.“ Das waren doch lauter freundliche, tröstliche Worte. Aber bei dieser Erscheinung greift er Jakob an, ringt und kämpft mit ihm, stellt sich, als wäre er sein bitterster Feind. Und es war kein Kurzer, sondern ein langer Kampf, der andauerte, bis die Morgenröte aufging. Dieser Kampf war für Jakob umso schwerer, da er sich in Not befand, mit Furcht vor seinem heranziehenden Bruder Esau erfüllt war. Dazu kam noch, dass der HERR lange Zeit nicht mit ihm redete, der Kampf also schweigend vor sich ging. Wahrlich, ein schwerer, heißer Kampf, bei dem Jakob alle Kräfte seines Leibes anstrengen musste, um nicht zu unterliegen, durch den er sicherlich sehr ermüdete, bei dem er betete und weinte.

    Kämpft, meine Freunde, der HERR heute noch so mit einem seiner Gläubigen? Freilich nicht leiblich, körperlich, wie dort mit Jakob. Aber erinnert euch an den Kampf des HERRN mit der kanaanäischen Frau. Als sie ihn anflehte, ihrer vom Teufel übel geplagten Tochter zu helfen, antwortete er ihr zuerst kein Wort. Als sie ihm nachschrie, und die Jünger fürbittend für sie eintraten, antwortete er: „Ich nicht gesandt als nur zu den verlorenen Schafen von dem Haus Israel.“ Als sie dann vor ihm niederfiel und flehte: „HERR, hilf mir!“ da sprach er das harte Wort: „Es ist nicht fein, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ Wie unfreundlich stellte er sich der armen, geängstigten Frau gegenüber! So unfreundlich, scheinbar feindlich, stellt er sich gar oft den Seinen gegenüber in den Stunden der Not und Anfechtungen. Als David im 38. Psalm flehte: „HERR, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm! Denn deine Pfeile stecken in mir, und deine Hand drückt mich. Es ist nichts Gesundes an meinem Leib vor deinem Drohen und kein Friede in meinen Gebeinen vor meiner Sünde“, da befand er sich in einem ähnlichen Ringen mit dem HERRN. Ja, der HERR kann sich freundlich und schrecklich offenbaren: freundlich im Evangelium, schrecklich durchs Gesetz. Alles, was dort auf Jakob eindrang, das hat Gott später in sein Gesetz gelegt. Wenn dieses die Sünde lebendig und groß macht, wenn es seine Drohungen über die Sünde ausspricht, dann kommt es bei dem Gläubigen zu einem Ringen mit Gott, da wird ihm angst und bange, da scheint sich ihm der freundliche, gnädige Gott in einen strengen Richter verwandelt zu haben. Aber wohl dem, der im Glauben feststeht, ringt und kämpft, bis die Morgenröte anbricht, wie Jakob; denn er wird wie dieser siegreich kämpfen.

 

2.

    Das Ringen Jakobs mit dem Mann war allerdings ein leiblich-körperliches Ringen, aber doch noch mehr ein geistliches im und durch den Glauben. Durch diesen erhielt er die Kraft, dass er widerstehen und überwinden konnte. Dies geht schon daraus hervor, dass er in diesem Kampf, wie Hosea schreibt, betete und weinte. Also ein leiblich-körperlicher und doch ein geistlicher Glaubenskampf.

    Ein Glaubenskampf konnte es aber nur dann sein, wenn Jakob sich an das Wort hielt, und zwar an ein bestimmtes, ihn besonders betreffendes Wort, wie es die Einzigartigkeit dieses Kampfes forderte. Wie der allen Christen gemeinsame Glaube sich an die allen gegebenen Verheißungen hält, so hält sich der Glaube in besonderen Fällen auch an eine besondere Verheißung. Wo diese fehlt, ist der sogenannte Glaube kein Glaube, sondern Schwärmerei. Das Wort Gottes und der Glaube sind unzertrennlich miteinander verbunden; wo jenes nicht ist, kann auch dieser nicht sein. So gab Gott Abraham die Verheißung, dass sein Same so zahlreich werden soll wie die Sterne am Himmel; und dieser Verheißung glaubte er. Und welches war nun die Verheißung, die in diesem Kampf Jakob glaubte, an die er sich hielt, ohne zu wanken? Er selbst sagt es uns in den Worten des neunten Verses dieses Kapitels, in dem er betete: „HERR, du hast mir zugesagt. Zieh wieder in dein Land und zu deiner Verwandtschaft; ich will dir wohltun und deinen Samen mehren wie den Sand am Meer, den man nicht zählen kann vor der Menge.“ Dies Wort war Jakobs Kraft und Stärke, dies hielt er fest; er sagte sich: Gott hat mir verheißen, dass er mich wieder in mein Vaterland und zu meiner Verwandtschaft bringen, mich zu einem großen Volk machen will, und dies Wort muss wahr werden, sollten auch Himmel und Erde fallen. Und kraft dieses Wortes siegte er, nicht durch seine natürlich leibliche Stärke, obwohl er auch diese bis aufs äußerste anstrengen musste, was deutlich daraus hervorgeht, dass der Mann endlich zu ihm sprach: „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“ Jakob wollte also noch weiter ringen, und daher sprach der Mann. „Lass mich gehen“, lass ab von mir, ich will nicht mehr mit dir ringen, worauf Jakob antwortete: „Ich lasse dich nicht du segnest mich denn.“ So rang und kämpfte er siegreich, und das bezeugte der HERR ihm in den Worten: „Du hast mit Gott und Menschen gekämpft und hast gesiegt.“

    Aber wie konnte Jakob, ein Mensch, in diesem Kampf über Gott den Sieg davontragen, der in sich Schwache über den Starken, der Ohnmächtige über den Allmächtigen, das Gebilde von Staub und Asche über den Schöpfer, obgleich er im Glauben kämpfte? War es nicht derselbe Jakob, der am eben vergangenen Tag in so großer Furcht vor seinem Bruder Esau war, als er hörte, dass dieser mit 400 Mann heranzog, der gefleht hatte: „HERR, errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus – denn ich fürchte mich vor im –, dass er nicht komme und schlage mich, die Mutter samt den Kindern!“? Dem, leiblichen Bruder gegenüber so schwach, dem HERRN gegenüber so stark, ja unüberwindlich? Nun, Geliebte, dieser siegreiche Kampf hat viel Geheimnisvolles und Wunderbares, was wir nicht begreifen können. Aber das wissen wir, dass Jakob nicht in eigener Kraft siegte, sondern durch die Kraft, die ihm der HERR selbst mitteilte; das ersehen wir daraus, dass, als der Mann Jakobs Hüftgelenk anrührte, dieses verrenkt wurde und Jakob hinkte. Daraus musste er erkennen, dass er seinen Gegner nicht mit natürlicher, mit Fleischeskraft, sondern durch Glaubenskraft, mit der er Gott festhielt, bis er von ihm gesegnet wurde, überwunden hat.

    Das aber ist die wichtige Lehre, die wir für uns aus diesem siegreichen Ringen Jakobs nehmen sollen. Auch wir sollen Gott in unserem Gebet festhalten, festhalten mit den Armen unseres Glaubens. Wie halten wir ihn so fest? Wenn wir uns fest und unentwegt an sein Wort, seine Verheißung halten, sie ihm im Gebet vorhalten, wie der Psalmist spricht: „Mein Herz hält dir vor dein Wort.“ In dem Wort seiner Verheißung fassen und halten wir Gott selbst; denn er ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss, so gewiss er wahrhaftig ist. Die Zeit, wann, der Ort, wo, die Art und Weise, wie er unser Gebet erhört, müssen wir ihm überlassen, denn wie Jakob bis zur Morgenröte ringen musste, so auch wir oft in unserem Gebet. Aber auch: Wie Jakob siegte, so auch wir. Der Mensch, welcher das Wort und in ihm Gott selbst festhält, ist so mächtig, dass er durch sein Gebetsringen den Arm des Allmächtigen in seinen Dienst stellt. Überwand nicht die arme kanaanäische Frau Christus, dass er endlich sagen musste: „O Frau, dein Glaube ist groß! Dir geschehe, wie du willst“? Hat nicht Elia durch sein Gebet den Himmel verschlossen, dass es nicht regnete, und ihn wieder aufgeschlossen, dass es regnete? Hat Luther nicht durch Wort und Gebet den römischen Papst überwunden? So lerne denn, mein Christ, von Jakob mit Gott ringen, kämpfen, siegen; sprich auch du wie er: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn“, und er wird dich segnen; denn er hat Wohlgefallen daran, von dir überwunden zu werden. Seine Augen sehen nach dem Glauben, der sich nicht abschrecken, hinwegtreiben, nicht überwältigen lässt, sondern siegt.

 

3.

    „Lass mich gehen, den die Morgenröte bricht an“, so sprach der HERR zu Jakob. Aber dieser antwortete: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“ Er hielt ihn fest und ließ ihn nicht los. Die eben gehörten waren die ersten Worte, die während des Ringens gesprochen wurden. Nun aber fragte der HERR: „Wie heißt du?“ Jakob nannte seinen Namen. Darauf sprach der HERR zu ihm: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel.“ Welch ein ehrenvoller Name! Denn Israel heißt Gotteskämpfer. So deutet der HERR diesen Namen selbst, indem er den Grund für die Namensänderung in den Worten angibt: „Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hat gesiegt.“ Am Ende dieses Kampfes ging Jakob das Licht der Erkenntnis wie die Morgenröte am Himmel auf; er erkannte nun an der Verrenkung seiner Hüfte durch die bloße Berührung von dem mit ihm Ringenden wie aus den eben gehörten Worten, mit wem er gerungen hatte, und da er die göttliche Person so nahe hatte, hielt er sie mit beiden Händen fest, um den Kampf nicht ohne herrliche Frucht zu beenden. Nicht mit einem Feind, sondern mit dem HERRN hatte er gerungen. Auch dadurch, dass er diese Person festhielt, bewies er sich schon bei seiner Geburt als der rechte Fersenhalter. Bei dieser hatte es sich um den Segen der Erstgeburt gehandelt, hier handelte es sich wiederum um einen besonderen Segen. Und er bekommt ihn. Wohl erhielt er auf seine Frage, die er an den Kämpfer richtete: „Sage doch, wie heißt du?“ nur die Antwort: „Warum fragst du mich?“ Aber der Segen, den er begehrte, wurde ihm zuteil; denn es heißt: „Und er segnete ihn dort.“

    Der hohe Ehrenname Israel ist von dem Erzvater als ein Vermächtnis auf seine Nachkommen übergegangen; denn nach diesem wurden sie das Volk Israel, der Einzelne Israelit genannt. Und wie stolz waren die Juden auf diesen Namen, dessen Führung sie als ein besonderes Vorrecht betrachteten. Das Volk Israel, die Gemeinde Israel, das Haus Israel, die Kinder Israel sind immer wiederkehrende Bezeichnungen der Nachkommen Jakobs. Aber mit diesen Namen wurde ihnen auch die Verpflichtung auferlegt, in den Fußtapfen des großen Erzvaters zu wandeln, gleichem Kampf zu bewahren, was ihnen vertraut war.

    Nach beendetem, siegreichen Kampf nannte Jakob den Ort, wo der Kampf stattgefunden hatte, Pniel; denn er sprach: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen und bin genesen.“ Wie er selbst dort den neuen Namen Israel von Gott erhalten hatte, so sollte der neue Name des Ortes das Gedächtnis des wunderbaren Kampfes erhalten, verewigen. Durch den Kampf an diesem Ort war seine Seele, wie er sagt, genesen, vom Tod gerettet worden. Durch ihn war mit dem Aufgang der Sonne auch die Nacht und Furcht aus seinem Herzen verschwunden. Nachdem er Gott in diesem Kampf überwunden hatte, fürchtete er sich vor seinem Bruder Esau nicht mehr, sondern zog getrost seines Weges weiter. Als ein neuer Mensch war er aus diesem Kampf hervorgegangen, der nicht mehr wie bisher öfter auf Fleisch und Blut vertraut und zu sündlichen Mitteln gegriffen hatte, sondern allein auf den HERRN vertraute. „Da hat er die alte Haut fein müssen ausziehen und sich brechen und sich gestellt auf die Wahrheit, die nicht trügen konnte.“[7]

    Wie Jakobs siegreicher Kampf ihm die Frucht eines reichen, großen Segens brachte, so, meine Teuren, bringt jeder rechte Kampf einem gläubigen Christen Segen. Er erstarkt in der Erkenntnis, im Glauben, in der Liebe. Der Kampf schwächt ihn nicht, sondern stärkt ihn. Er lernt seinen Gott und HERRN immer besser erkennen, wie freundlich, gnädig und barmherzig er ist. „Alle Züchtigung, wenn sie da ist“, schreibt der Apostel, „dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber danach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind“; und wiederum: „So jemand auch kämpft, wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht.“ Die Frucht, der Gewinn des Kampfes soll und wird also eine Krone sein, ja, die Krone der Gerechtigkeit, eine Krone der Ehren. So werde denn, mein Freund, nicht müde in deinem Glaubenskampf! Kämpfe ihn durch in der Nacht der Angst und Trübsal und halte deinen Gott fest; denn er ist dein Heiland, dein Erretter; er kämpft mit dir, um dich zu segnen, und es wird dir die Morgenröte eines neuen Tages aufgehen, in dem du nicht mehr kämpfen, sondern ruhen wirst, ruhen in deinem Gott und schauen sein Angesicht in ewiger Seligkeit. Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Sexagesimae (60 Tage vor Ostern) ueber 1. Mose 3,1-7: Die Versuchung der ersten Menschen im Paradies

 

1. Mose 3,1-7: Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten. Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt es auch nicht an, dass ihr nicht sterbt! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

    Und die Frau schaute an, dass von dem Baum gut zu essen wäre und lieblich anzusehen, dass es ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte, und nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß. Da wurden ihrer beiden Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Vor dem Sündenfall befand sich der Mensch in vollkommener Glückseligkeit. Er war, wie die Benennung der Tiere zeigt, reich an Erkenntnis aller Dinge, heilig und gerecht, ohne irgendwelche Neigung zur Sünde und zum Herrscher über alle Kreaturen gesetzt, die ihm willig, ohne Zwang, gehorchten. Durch den über ihn ausgesprochenen Segen hatte ihm Gott die Kraft mitgeteilt, sich zu mehren und die Erde zu füllen. Welch eine Wunderbare Wohnstätte hatte ihm Gott in dem Garten, den er für ihn in Eden, dem Land der Wonne, gepflanzt hatte, bereitet! Die wunderbare Schönheit dieses Gartens, des Paradieses, wie wir ihn nennen, war so groß, dass wir uns davon keine rechte Vorstellung zu machen vermögen. In ihm waren allerlei Bäume mit den herrlichsten Früchten, die den Menschen zur Speise dienten; in ihm entsprang ein Strom, von dem er bewässert wurde, und der sich bei seinem Austritt in vier Arme teilte. Wo dieser Garten einst war, wissen wir nicht. Gelehrte aller Zeiten haben sich alle Mühe gegeben, die Lage dieses Gartens zu bestimmen, aber vergeblich, da ohne Zweifel die Gestalt der Erde durch die Sintflut völlig verändert worden ist.

    In diesen Garten hatte Gott den Menschen gesetzt., um ihn zu bebauen und zu bewahren. Aber diese Arbeit minderte seine Glückseligkeit nicht, sondern vermehrte sie vielmehr; denn sie war ihm keine Last, ermüdete ihn nicht, sondern war ihm eine Lust. #wo gibt es heute auf der ganzen Erde einen Ort, der im entferntesten mit jenem Garten verglichen werden könnte? Aber unter den mancherlei Bäumen befanden sich zwei von einzigartiger Beschaffenheit: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Hätte der Mensch von jenem gegessen, so würde er bei steter Jugend erhalten worden sein und ewig gelebt haben. Kein Leiden, keine Krankheit würde ihn angerührt, kein Alter ihn geschwächt, ihn zum Greis gemacht haben. Der andere Baum war von bezaubernder Schönheit, eine Lust der Augen, lieblich anzuschauen und begehrenswert, davon zu essen. Aber gerade von diesem Baum sollte der Mensch nicht essen; denn Gott hatte zu ihm gesagt: „Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sollst du nicht essen; denn an welchem Tag du davon isst, wirst du des Todes sterben.“ Da aber nahte sich ihm der Versucher, um ihn zu verleiten, dieses Verbot Gottes zu übertreten. Dies sei der Gegenstand unserer jetzigen Betrachtung, nämlich:

 

Die Versuchung der ersten Menschen im Paradies

 

    Diese zeigt uns

    1. den Versucher,

    2. den Gegenstand,

    3. den Ausgang der Versuchung

 

1.

    Unser Text beginnt, Geliebte, mit den Worten: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld, die Gott gemacht hatte, und sprach zu der Frau: ‚Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?‘“

    Die Schlange naht sich dem Menschen als Versucher. War das eine wirkliche, natürliche Schlange? Ohne Zweifel. Denn wir haben in dem ganzen Bericht über den Sündenfall keine bildliche Darstellung, sondern eine wirkliche Geschichte, in der alle Namen und Bezeichnungen nicht bildlich, sondern buchstäblich zu verstehen sind. Der Garten, die Bäume, die Menschen, die Früchte, sie alle bedeuten nicht etwas anderes als das, was wir heute im eigentlichen Sinn unter diesen Worten verstehen, sondern dasselbe, und so auch unter dem Wort Schlange nicht etwa das Böse, sondern eine natürliche Schlange, zumal hinzugefügt wird: „Die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Feld.“ Aber die Schlange war das Werkzeug, dessen sich der Satan bediente. Dass dieser der eigentliche Versucher, die Schlange nur sein Werkzeug war, geht schon daraus hervor, dass sie redete, also die Fähigkeit menschlicher Rede hatte, die ihr ebenso wenig wie einem anderen Tier des Feldes von Gott gegeben war. Und die Schlange redete nicht nur in menschlicher, der Frau verständlicher Sprache, sondern auch in menschlich-vernünftiger Weise. In listiger Weise zieht sie das klare Verbot Gottes von dem Baum der Erkenntnis in Zweifel, als ob er dies Verbot aus Neid oder Missgunst, da<mit die Menschen ihm nicht gleich würden, gegeben hätte, und zeiht dann Gott geradezu der Lüge, indem sie sagt: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ So listig kann kein Tier, konnte auch damals die Schlange aus sich selbst nicht reden oder mit dem Menschen disputieren. Stets wird daher in der Schrift des Neuen Testaments, wo von der Versuchung der Menschen die Rede ist, der Satan als der Versucher bezeichnet. Offb. 12, 9 wird der Satan als die alte Schlange und der Teufel genannt, der die ganze Welt verführt. Wohl war also die Schlange eine wirkliche, natürliche Schlange, wie sie sich heute noch überall auf der Erde findet, aber sie war das Werkzeug Satans, durch die dieser böse Geist redete und die Menschen zur Sünde, zur Übertretung des göttlichen Verbots und damit zum Abfall von Gott, zu verleiten suchte.

    Dasselbe Werk treibt der böse Geist heute noch. Darum warnt Petrus die Christen: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!“ Hat er nicht Christus selbst in der Wüste versucht, nicht Judas, einen aus den zwölf erwählten Zeugen des HERRN, nicht David, den großen König Israels? Und er geht jetzt noch ebenso listig zu Werk wie damals im Paradies. Er weiß die geeignetsten Werkzeuge und Mittel zu finden und zu gebrauchen. Dort bediente er sich der Schlange, die listiger war als alle anderen Tiere auf dem Feld, die damals noch nicht auf dem Bauch ging, sich im Staub wand und dem Menschen wie heute Abscheu und Ekel einflößte, sondern eines der schönsten Tiere war. In dieser nahte er sich der Frau. So tritt er auch jetzt nicht in seiner eigenen, unverhüllten und hässlichen Gestalt an den Menschen heran, sondern versucht ihn durch geeignete Werkzeuge. Wie machen Christen versucht er durch seinen Nachbarn, seinen Freund oder sonst eine ihm nahestehende Person! Die Eva versuchte er durch die listige Schlange. Adam wieder durch seine Frau, die Eva. Wie ist schon mancher Mann durch seine Frau und manche Frau durch ihren gottlosen Mann, wie es besonders in den Mischehen unserer Tage geschieht, zur Sünde, zum Abfall vom Glauben, versucht und verleitet worden! „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist; auf Erd ist nicht seinsgleichen“, sagt Luther; und so ist es. Sei darum, mein Christ, auf deiner Hut, wenn dein Nächster, dein bester Freund oder wer dir sonst nahe steht, dich zu irgendeiner Sünde, zum Ungehorsam gegen Gottes Wort, verleiten will, indem er dir einen Gewinn vorspiegelt. Mag er sich dessen selbst auch nicht bewusst sein, es steckt gewiss Satan, der Versucher, dahinter, der dich zu Fall bringen will.

    Aber so listig der Versucher in der Wahl seines Werkzeuges in der Versuchung ist, so listig verfährt er auch in Bezug auf den Gegenstand. Das lasst uns zweitens betrachten.

 

2.

    Auf die ersten Worte des Versuchers, wodurch der das Verbot Gottes, von dem Baum der Erkenntnis zu essen, in Zweifel zog, antwortete die Frau: „Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esst nicht davon, rührt’s auch nicht an, dass ihr nicht sterbt!“ Beachtet die Worte „mitten im Garten“. Dieser Baum stand in der Mitte des Gartens, bildete, dass ich so sage, seinen Mittelpunkt. Seine Früchte waren schöner, begehrenswerter als die aller anderen Bäume, und auf diese richtete Satan Evas Blicke. Und diese sah, dass er eine Lust für die Augen, lieblich anzuschauen und gut oder begehrenswert, von ihm zu essen, wäre, weil er klug machte, geeignet, um Einsicht zu erlangen. Schon hat die verführerische Rede des Versuchers Eindruck auf sie gemacht. Sie kann sich an den herrlichen Früchten gleichsam nicht satt sehen, sie üben einen anziehenden Reiz auf sie aus. Wohl hält sie dem Versucher das ausdrückliche Gebot Gottes entgegen, von diesem Baum nicht zu essen, sie übertreibt dies Verbot sogar, indem sie sagt, es sei ihnen verboten, die Früchte des Baumes auch nur anzurühren, aber durch die Vorspiegelung Satans üben sie einen bannenden Zauber auf sie aus. Wie herrlich müssen die Früchte dieses Baumes schmecken, die an Schönheit alle anderen übertreffen! Der Gegenstand, dessen sich Satan zur Versuchung bediente, war somit der schönste unter allen Bäumen im Garten, an dem sich das Verbot Gottes, so zu reden, als eine Warnungstafel befand.

    Warum aber, so fragen wir, wollte Gott gerade von diesem einen Baum nicht gegessen haben? Luther antwortet: „Weil dieser Baum für den Menschen der Altar und Predigtstuhl sein sollte, an dem er Gott schuldigen Gehorsam leisten, Gottes Wort und Willen erkennen, dabei auch Gott gegen die Anfechtung anrufen sollte.“ Gott gab ihm dies Verbot nicht zu seinem Verderben, sondern zu seinem Besten. Er sollte daran erkennen, was dem göttlichen Willen gemäß und was ihm zuwider war, lernen, das Böse zu meiden, die ihm anerschaffene Freiheit zwischen Gehorsam und Ungehorsam gegen Gottes Wort zu gebrauchen. Hätte er der Versuchung Satans widerstanden und dem Verbot Gottes Gehorsam geleistet, so würde es für ihn nicht mehr möglich gewesen sein zu sündigen. Die Möglichkeit, nicht zu sündigen, würde sich zur Unmöglichkeit zu sündigen gestaltet haben, während der Mensch nun in die Knechtschaft der Sünde gefallen ist, so dass er, wie er von Natur beschaffen ist, nichts Gutes tun, sondern nur sündigen kann, da sein Verstand verfinstert und sein Wille zum Bösen geneigt ist. Und Gott wollte von dem Menschen keinen unbewussten, sondern einen bewussten, freiwilligen Gehorsam, weil dieser es ist, der jedem Werk seinen Wert verleiht. Der Mensch ist ja keine tote Maschine, sondern ein mit Verstand und Willen ausgerüstetes Wesen, eine sich selbst bestimmende Person, und als solche von Gott, dazu heilig und gerecht, erschaffen, sollte er an dem Verbot Gottes zwischen Gehorsam und Ungehorsam wählen. Aber, wie Luther sagt, „hat es Gott so gefallen, dass sich Adam versuchen und sein Vermögen üben sollte“.

    Wenn nun auch der Gegenstand oder das, wodurch Satan jetzt die Christen versucht, kein so prächtiger Baum ist, so ist es doch etwas, was ihm besonders gefällt, worauf sich seine Wünsche und Begierden richten. Er kennt die schwache Seite des Menschen. Davies Blicke richtete er auf die Schönheit der Bathseba, Judas verblendete er durch den schimmernden Glanz der Silberlinge, Petrus brachte er durch Vermessenheit zu Fall, dem HERRN Christus zeigte er die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: „Das alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest“, wollte also selbst den Sohn Gottes durch Herrschsucht zum Abfall bringen. Aber wodurch er auch versucht, immer ist es etwas, was Gott verboten hat, oder ist doch die Art und Weise, in der es geschehen soll, eine sündliche. Die irdischen Güter sind an sich nicht sündlich, sondern Gottes Gaben, aber sie auf sündliche Weise, durch List und Betrug, in seinen Besitz bringen wollen, ist eine Versuchung des bösen Feindes, ebenso wie der Baum der Erkenntnis von Gott geschaffen und daher an sich ein guter Baum war; aber unsere ersten Eltern sündigten doch, weil sie gegen Gottes Gebot ihre Hände nach seiner Frucht ausstreckten. Darum hüte dich, mein Zuhörer, vor dem Blendwerk des Satans, „dass du in keine Sünde willigst, noch tust gegen Gottes Gebot“!

    Aber, so wendet die menschliche Vernunft ein, hätte Gott nicht die Versuchung der ersten Menschen verhindern können, da er wusste, dass er fallen würde? Könnte er nicht ebenso auch verhindern, dass ich versucht werde, da er weiß, wie gefährlich die Versuchung für mich ist? Diese und ähnliche Fragen werden so oft und von vielen gestellt. Die Antwort lautet: Die Versuchungen sind von Gott nicht zu unserem Schaden, sondern zum Guten gemeint. In ihnen sollen wir auch unseren Glauben und Gehorsam beweisen, soll unser Glaube bewährt und gestärkt, geläutert werden. Halte nur Gottes Wort, ob Ge- oder Verbot, fest, halte wie der HERR Christus jedem verführerischen Wort des Versuchers das wahrhaftige Wort deines Gottes entgegen, gebrauche es als das Schwert des Geistes, so kann er nichts gegen dich ausrichten; „denn selig ist der Mann, der die Anfechtung“, die Versuchung, „erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen“. Dies führt uns zum dritten Teil unserer Betrachtung, auf den Ausgang der Versuchung.

 

3.

    Unser Text berichtet uns, welchen Ausgang diese Versuchung nahm: Die Frau gehorchte nicht dem Wort Gottes, sondern dem Wort des Versuchers, glaubte der Lüge, streckte ihre Hand nach der verbotenen Frucht aus, gab ihrem Mann auch davon, er aß, und damit war der Abfall von Gott, der Sündenfall, geschehen.

    Beachtet, wie sich dieser Abfall von Gott von Stufe zu Stufe vollzog. Der Anfang begann schon damit, dass sich Eva überhaupt mit der Schlange einließ. Sie hätte daraus, dass die Schlange reden konnte, und durch ihre Worte sogleich die Wahrheit des Wortes Gottes, dass sie gewiss des Todes sterben würde, wenn sie von dem Baum essen würde, erkennen, sowie dass sie es mit einer ihrem gnädigen Schöpfer feindlichen Macht zu tun habe, und sie ohne weiteres abweisen sollen. Aber statt sofortiger Abweisung ließ sie sich mit dem Versucher auf eine Unterredung ein. Und als dieser nun das Verbot Gottes nicht mehr bloß anzweifelte, sondern zu frecher Verneinung der angedrohten Strafe überging, zu ihr sagte: „Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß, dass, an welchem Tag ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“, damit also den Wahrhaftigen für einen Lügner erklärte, da blickte sie mit begehrlichem Auge auf die verbotene Frucht. Das Verlangen zu wissen, was gut und böse sei, Gott gleich zu sein, siegte; sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß. Also zuerst Unterredung mit der Schlange, dann Zweifel an dem Wort Gottes, sodann das Glauben der Lüge und die Tat, das Essen: So vollzog sich der Sündenfall. Und der eigentliche, wirkliche Ausgang? Den berichten die Worte unseres Textes: „Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Und sie flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.“

    Welch ein Ausgang! Ihre Augen waren nun allerdings aufgetan; aber was erkannten sie? Nicht, das sie gleich wie Gott, sondern dass sie nackt waren. Die selige Unwissenheit der Unschuld ist dahin, die von keiner Nacktheit wusste. Durch die Sünde sind sie zu dieser Erkenntnis gekommen; diese Erkenntnis aber wirkt Scham, und in dieser Scham flechten sie sich aus Feigenblättern Schürze, um damit die Schande ihrer Blöße zu bedecken, ihre Hüfte zu umhüllen, weil dieser Teil ihres Leibes, der bisher rein und vom Geist Gottes beherrscht wurde, nun unrein geworden und in die Macht der Sünde, des Argen, geraten ist. Die gefallenen Menschen schämen sich der Folgen der Sünde, erkennen, wie schmachvoll sie von dem Versucher betrogen worden sind durch seine Zweideutigkeit und Verkehrung des Wortes Gottes. Sie wissen nun, was gut und böse ist; aber dieses Wissen, durch Sünde erlangt, ist ein schuldvolles Wissen, das sie mit Scham vor sich selbst und mit Scham und Furcht vor Gott erfüllt.

    Wieviel ließe sich, meine Freunde, hierüber noch sagen! Möge es für heute genügen, nur das eine hervorzuheben, dass jede Sünde denselben Ausgang, dieselben Folgen hat: nicht Gewinn, sondern Verlust: Scham, Schande, böses Gewissen, Furcht vor Gott, den Tod. Ja, „wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert sie den Tod“. Darum, mein Christ, hüte dich vor jeder Sünde, wenn sie auch noch so gering zu sein scheint! Wie gering scheint die Sünde unserer ersten Eltern zu sein, aber wie groß war sie, wie ihre Folgen zeigen, in der Tat! Wo sollten wir bleiben, wenn wir nicht den zum Heiland hätten, der in seiner Versuchung den Satan überwunden und am Holz des Kreuzes die Schuld gesühnt, die Adam am Baum der Erkenntnis auf sich und seine Nachkommen geladen hat. Was Adam im Garten Eden gesündigt, hat er im Garten Gethsemane gesühnt. Dessen können und wollen wir uns in bußfertigem Glauben getrösten und durch seine Kraft jeder Versuchung zu widerstehen uns befleißigen. Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Estomihi (Sei mir ein starker Fels; Ps. 30,3) ueber 2. Mose 3, 1-10: Die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb

 

2. Mose 3, 1-10: Mose aber hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe hinter in die Wüste und kam an den Berg Gottes Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er sah, dass der Busch mit Feuer brannte, und wurde doch nicht verzehrt. Und sprach: Ich will dahin und besehen dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt. Da aber der HERR sah, dass er hinging zu sehen, rief ihm Gott aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land. Und sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

    Und der HERR sprach: Ich habe gesehen das Elend meines Volks in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie treiben; ich habe ihr Leid erkannt. Und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, nämlich an den Ort der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Kinder Israel vor mich gekommen ist und habe  auch dazu gesehen ihre Angst, wie sie die Ägypter ängstigen, so gehe nun hin, ich will dich zu Pharao senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Als Gott der HERR Jesaja zu seinem Propheten unter dem Volk Israel berief, ließ er ihm eine einzigartige und überaus erhabene Erscheinung zuteil werden. Jesaja erblickte nämlich Gott selbst als den König und Herrscher über alles in seiner Majestät, auf einem Thron in seinem himmlischen Palast, der zugleich sein heiliger Tempel ist, sitzend. Seine Umgebung bildeten die Seraphim, leuchtend und strahlend, wie von heiligem Feuer durchglüht. Sie stellten die Heiligkeit Gottes dar, nach der er allem Unreinen und Sündlichen gegenüber ein verzehrendes Feuer ist.

    Jeder der Seraphim hatte sechs Flügel. Mit zwei bedeckten sie in heiliger Scheu und Ehrfurcht vor dem dreimal heiligen ihr Angesicht, mit zwei ihre Füße und mit zwei flogen sie durch den Palast. Aber nicht stillschweigend schwebten sie durch den heiligen Raum, sondern mit einer Stimme, deren Widerhall wie Donner durch den Palast tönte, priesen sie die Heiligkeit und Herrlichkeit des majestätischen Gottes, indem sie einander zuriefen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der HERR Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll“, „so dass die Überschwellen bebten von der Stimme ihres Rufens, und das Haus voll Rauch wurde“, wie es wörtlich heißt. War es ein Wunder, dass Jesaja, als er diese Erscheinung hatte, von tödlichem Schrecken ergriffen wurde und ausrief: „Wehe mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den HERRN Zebaoth, gesehen mit meinen Augen“? Wenn die Überschwellen des Hauses von der Stimme des Rufens erbebten, hätte da Jesaja, der sich als Sünder erkannte, nicht erbeben, zittern sollen?

    Aber nicht verderben, töten, wollte der HERR Jesaja durch diese für ihn furchtbare Erscheinung, sondern ihn vorbereiten auf die Sendung, zu der er ihn ausersehen hatte. Er sollte daraus erkennen, wer der sei, als dessen Bote er zu dem sündigen Volk gehen sollte, nämlich der Heilige, dem jede Sünde ein Greuel ist, aber auch der Allmächtige, der seinen Sendboten unter einem gottentfremdeten Geschlecht schützen könne und werde. Und Jesaja wurde nun von dem HERRN selbst zu seinem Boten geschickt gemacht. Denn auf das Bekenntnis seiner Unwürdigkeit wurde er von einem der Seraphim mit dem heiligen Feuer, das dieser vom Altar genommen hatte, an den Lippen berührt und dadurch entsündigt. So geheiligt, war er geschickt und ausgerüstet, der Bote des heiligen Gottes unter einem sündigen Volk zu sein. Deshalb wurde ihm auch sogleich der Auftrag erteilt, zu dem Volk zu gehen, die ihm aufgetragene Botschaft auszurichten.

    Das war das große Gesicht, die wunderbare Erscheinung, durch welche Jesaja zum Propheten des Volkes berufen wurde. Eine ähnliche wunderbare Erscheinung wurde Mose zuteil, als ihn Gott zum Befreier des Volkes Israel berief. Der Gegenstand unserer Betrachtung sei:

 

Die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches am Berg Horeb

 

    1. Der Busch brannte und wurde doch nicht verzehrt.

    2. Der Ort wurde zu einem heiligen Ort.

    3. Mose wurde zum Befreier Israels berufen.

 

1.

    „Mose aber“, so beginnt unser Text, „hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian; und trieb die Schafe hinter in die Wüste und kam an den Berg Gottes Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch. Und er sah, dass der Busch mit Feuer brannte und wurde doch nicht verzehrt.“ Im Dienst seines Schwiegervaters bekleidete Mose die Stellung eines Hirten, und als solcher trieb er die Herde durch eine Wüste bis an den Horeb, wo es reiche Weidetriften und Wasser die Fülle gab.

    Dort nun wurde ihm eine wunderbare Erscheinung des HERRN zuteil. Er erblickte plötzlich eine feurige Flamme aus einem Busch. Er sah, dass der Busch brannte und doch nicht verbrannte. Hätte das Feuer den Busch auch verzehrt, so würde das schon seine Aufmerksamkeit erregt haben, denn er befand sich dort allein mit seiner Herde; aber da er sah, dass der Busch nicht von der Flamme verzehrt wurde, so erregte das sein Erstaunen, seine Verwunderung umso mehr, und darum sprach er: „Ich will dahin und besehen dies große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt.“ Er erkannte also indem brennenden Busch ein „großes Gesicht“, eine wunderbare Erscheinung. Es war ihm sogleich gewiss, dass das Feuer kein natürliches, sondern ein wunderbares Feuer sein, dass es eine besondere Bedeutung haben müsse. Und er täuschte sich darin nicht; denn sobald er sich dem brennenden Busch näherte, erhielt er die Bestätigung seiner Annahme. Was aber bedeutete dieser brennende und doch nicht verbrennende Busch? Nichts anderes als das Volk Israel in seiner traurigen Lage in Ägypten.

    Dieses befand sich schon über 300 Jahre in Ägypten. Als der Erzvater Jakob mit seiner Familie dorthin kam, fand er Errettung in der Hungersnot, freundliche und liebevolle Aufnahme bei Pharao und wohnte dann in einem der besten, fruchtbarsten Teile des Landes, in Goschen, einem fetten Landstrich. Doch wuchs die Familie Jakobs zu einem großen Volk heran. Es wurde so zahlreich, dass Pharao befürchtete, es könnte sich, wenn ein Krieg entstünde, auf die Seite der Feinde schlagen und den Ägyptern gefährlich werden. Um dies zu verhindern, wurde die Bedrückung der Israeliten begonnen. Sie wurden mit Unbarmherzigkeit zu den schwersten Frondiensten gezwungen, mussten Ziegelsteine machen und die Städte Phiton und Raemses, die als Schatzhäuser des Landes dienen sollten, bauen. Die Kinder Israel sollten durch ihre Kräfte übersteigende Frondienste geschwächt werden. Als diese Bemühungen sich als vergeblich erwiesen, die Kinder Israel hingegen sich immer mehr vermehrten, gab Pharao den hebräischen Hebammen den Befehl, alle neugeborenen israelitischen Knäblein zu töten. Diese aber fürchteten Gott und gehorchten dem Befehl nicht; sie ließen die Knäblein leben. Aber immer trauriger wurde der Zustand der Kinder Israel in Ägypten. Sie wurden bedrückt, geplagt, zu Sklaven herabgewürdigt. „Sie seufzten über ihrer Arbeit und schrien.“ Sie befanden sich in der Gewalt ihrer Bedrücker, im Ofen der Trübsal. In dieser traurigen, ohnmächtigen Lage war das Volk Israel in Ägypten einem niedrigen Strauch oder Busch ähnlich, während Ägypten und die anderen Weltmächte wie stolze, starke Bäume dastanden. Das Feuer im Busch ist Bild der strafenden und züchtigenden Gerechtigkeit Gottes. Wohl war die Bedrückung und Verachtung des Volkes ein Werk der Ägypter, aber Gott nahm dieselbe in seine Hand, um sein Volk zu läutern. Darum sprach Mose: „Euch aber hat der HERR angenommen und aus dem eisernen Ofen, nämlich aus Ägypten, geführt.“ Dass die Bedrückung nicht ein vernichtendes, sondern ein Läuterungsfeuer war, wird auch dadurch angezeigt, dass das Feuer den Busch nicht verzehrte. Denn Gott die Seinen wohl, aber übergibt sie nicht dem Tod. So züchtigte Gott sein Volk in Ägypten, in dem Feuerofen der Trübsal, um es auf seinen hohen Beruf, ihm ein heiliges Volk, ein priesterliches Königtum zu sein, vorzubereiten.

    Einem feurigen Busch, der nicht von der Flamme verzehrt wird, ist die Kirche allezeit gleich gewesen. Sie ist niemals ein mächtiges Weltreich gewesen, sondern im Vergleich zu den weltlichen Reichen eine kleine Herde, wie der HERR selbst sie nennt. Und in welchem Feuer der Trübsal hat sie sich stets befunden! In der ersten Verfolgung, die über die Gemeinde zu Jerusalem ging, wurden ihre Glieder in Judäa und Samaria zerstreut. Und sie ist bis auf die heutige Zeit im Feuer gewesen. Unter dem grausamen Kaiser Nero begannen um das Jahr 60 nach Christi Geburt die mehr oder minder grausamen Verfolgungen der Christen und dauerten, mit oft nur geringen Unterbrechungen, bis in den Anfang des vierten Jahrhunderts fort. Dann kam der Türke, der die Christen stets, soweit seine Macht reichte, ebenso grausam wie Pharao das Volk in Ägypten bedrückt hat. Und nicht weniger der römische Papst, als dieser zur Macht gelangte. Aber gleich dem brennenden Busch ist die Kirche durch diese Verfolgungen und Bedrückungen, dieser Feuer der Hölle, nicht verzehrt, vernichtet worden. Die Pforten der Hölle konnten sie nicht überwältigen, denn der HERR war, wie dort im feurigen Busch, so in dem Feuer, so in dem Feuer der Trübsal unter seinem Volk laut der Verheißung: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“

    Aber wunderbar war jene Erscheinung des brennenden Busches auch deshalb, weil sie an einem heiligen Ort stattfand.

 

2.

    Als Mose dieses große Gesicht, den brennenden und doch nicht verbrennenden Busch, erblickte und sprach: „Ich will hin und sehen das große Gesicht, warum der Busch nicht verbrennt“, rief ihm Gott aus dem Busch und sprach: „Mose, Mose!“ Er antwortete: „Hier bin ich.“ Und der HERR sprach: „Tritt nicht herzu! Zieh deine Schuhe aus von deinen Fußen; denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land.“ Warum war der Ort ein heiliges Land? Weil der Engel des HERRN dort dem Mose in der feurigen Flamme aus dem Busch erschien. Aber wer war dieser Engel des HERRN? Keiner der erschaffenen Engel, nicht Gabriel oder Michael, keiner der Engelfürsten, nicht einer der Cherubim und Seraphim, sondern der unerschaffene Engel, der aus dem Wesen Gottes in Ewigkeit gezeugte Sohn Gottes selbst, der in der Heiligen Schrift der Engel des HERRN genannt wird, der schon Abraham im Hain Mamre erschien und mit ihm redete. Dass es dieser und kein erschaffener Engel war, sagen die deutlich die Worte im vierten Vers unseres Textes, wo es heißt: „Da also der HERR sah, dass er hinging zu seshen, rief ihm Gott aus dem Busch: ‚Mose, Mose!‘“ Denn im zweiten Vers heißt es: „Der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Busch“ und hier: „Da der HERR, Jahwe, sah, dass er hinging, rief ihm Gott aus dem Busch“, woraus deutlich hervorgeht, dass der Engel des HERRN, der HERR und Gott eine und dieselbe Person waren, nur mit verschiedenen Namen benannt. Denn allein der Sohn Gottes wird der Engel des HERRN genannt, niemals der Vater, auch nicht der Heilige Geist, viel weniger ein erschaffener Engel, sondern allein die zweite Person der Dreieinigkeit, der Sohn Gottes. Und weil in dieser wunderbaren Erscheinung der Sohn Gottes gegenwärtig war und mit Mose redete, darum war der Ort ein heiliges Land. Heißt es nicht im sechsten Vers: „Und sprach“, nämlich der Engel des HERRN: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“? Wo aber Gott auf Erden erscheint oder wohnt, da ist wahrlich eine heilige Stätte. Darum nannte Jakob Lus eine heilige Stätte, als er dort im Traum eine Leiter erblickte, die vom Himmel bis auf die Erde reichte, wo die Engel auf- und niederstiegen, oben aber Gott stand und zu ihm redete, indem er, als er erwachte, ausrief: „Gewiss ist der HERR an diesem Ort, und ich wusste es nicht. Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels!“ und nannte die Stätte Bethel, das heißt, Gottes Haus. Deshalb hieß auf Jerusalem die Heilige Stadt, weil Gott in dem Allerheiligsten des Tempels über der Bundeslade in der Luftwolke, als dem sichtbaren Zeichen seiner Gnadengegenwart unter dem Volk, thronte.

    Haben wir, meine Zuhörer, eine solche heilige Stätte, ein solches heiliges Land? An jedem Ort, wo sein Wort gepredigt wird. Wohl findet heute nicht mehr ein solch großes Gesicht, eine so wunderbare Erscheinung statt wie im feurigen Busch; es bedarf einer solchen wunderbaren Erscheinung auch nicht mehr, denn Gott ist offenbart im Fleisch, der Sohn Gottes ist Mensch geworden und hat unter den Menschen auf Erden in sichtbarer Gestalt gewandelt. Das ist die größte und höchste sichtbare Erscheinung Gottes auf Erden. Aber obwohl er seine sichtbare Erscheinung uns Menschen durch seine Himmelfahrt entzogen hat, ist er doch an jedem Ort, wo sein Wort verkündigt wird, gegenwärtig laut seiner Verheißung: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, bin ich mitten unter ihnen.“ Und heißt es nicht 2. Mose 20, 24: „An welchem Ort ich meines Namens Gedächtnis stiften werde, da will ich zu dir kommen und dich segnen“? Aber jede Feier des heiligen Abendmahls geschieht zum Gedächtnis des HERRN; durch sie wird des HERRN Tod verkündigt. Ja, was ist jede Predigt des Evangeliums anders als ein Gedächtnis des HERRN? So ist denn wahrlich jeder Ort, an dem dies geschieht, eine Stätte, an welcher der HERR gegenwärtig ist, ein heiliger Ort.

    Darum ergeht aber auch die an Mose gerichtete Aufforderung in unserem Text: „Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen! Denn der Ort, da du drauf stehst, ist ein heiliges Land“ an alle, die zum Gotteshaus kommen. Da ist freilich nicht wörtlich zu verstehen wie bei Mose; aber sie sollen dessen eingedenk sein, dass die Kirche ein Gotteshaus ist, ein heiliger Ort, und sollen daher ihre irdischen Gedanken dahinten lassen, viel weniger mit sündlichen und fleischlichen Gedanken und Begierden herzukommen und sich hier über irdische Dinge unterhalten, wie das oft genug geschieht. „Bewahre deinen Fuß, wenn du zum Haus Gottes gehst, und komm, dass du hörst!“ Mit heiliger Scheu und Ehrfurcht vor dem gegenwärtigen Gott und HERRN soll daher jeder Christ im Gotteshaus erfüllt sein, wie Mose in heiliger Scheu sein Angesicht verhüllte, weil er sich fürchtete, Gott anzuschauen; denn in ihm redet Gott selbst zu ihm durch den Mund seines Dieners, wie er dort zu Mose aus dem brennenden Busch redete. „Alle unsere Kirchen“, sagt Luther, „sind darum auch heilig, dass Gottes Wort darin gepredigt und die Sakramente gereicht werden.“

    Zu welchem Zweck aber erschien der Engel des HERRN dort Mose in dem brennenden Busch? Weshalb redete er zu ihm? Um ihn dort zum Befreier des Volkes Israel zu berufen. Auch dadurch wurde die Erscheinung des HERRN eine wunderbare, was wir drittens betrachten wollen.

 

3.

    Nachdem sich der Engel des HERRN dem Mose als der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekannt gegeben und ihn damit an die Verheißungen erinnert, die er den Erzvätern gegeben hatte und die er nun an deren Nachkommen, dem Volk Israel, erfüllen wolle, besonders aber die bei der Berufung Abrahams: „Deinem Samen will ich das Land“, nämlich Kanaan, das Gelobte Land, „geben“, fuhr er fort: „Ich habe gesehen das Elend meines Volkes in Ägypten und habe ihr Geschrei gehört über die, so sie treiben; ich habe ihr Leid erkannt und bin herniedergefahren, dass ich sie errette von der Ägypter Hand und sie ausführe aus diesem Land in ein weites und gutes Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließen. … So gehe nun hin; ich will dich zu Pharao senden, dass du mein Volk, die Kinder Israel, aus Ägypten führst.“ Damit berief der HERR Mose zum Erretter seines Volkes aus dem Diensthaus Ägypten.

    Doch wunderbar ist diese Berufung nicht nur in der Art und Weise, wie sie geschah, sondern auch, wenn wir auf Mose blicken. Wer war Mose? Er hütete die Schafe Jethros, seines Schwiegervaters, war also ein Schafhirte. Und dieser Schafhirte soll Gottes Sendbote an den mächtigen, stolzen und grausamen Pharao, einen der mächtigsten Könige seiner Zeit, sein! Mose war keineswegs redegewandt, sondern sogar ein Stammler, und doch soll er Gottes Sache vor Pharao führen! Vom Hirten einer Schafherde soll er zum Hirten eines zahlreichen Volkes, vom Leiter geduldiger und folgsamer Tiere zum Führer eines widerspenstigen Volkes emporsteigen! Welch eine Aufgabe! Ist es zu verwundern, wenn Mose sich weigerte, eine solch schwere Aufgabe zu übernehmen, wenn er sprach: „Wer bin ich, dass ich zu Pharao gehe und führe die Kinder Israel aus Ägypten? Und hatte Mose nach dem Urteil der menschlichen Vernunft nicht recht? Er, ein geringer, ohnmächtiger Schafhirte, soll dem mächtigen Tyrannen gegenübertreten, soll der Befreier seines Volkes aus der Knechtschaft und der Führer während des Zuges in das verheißene Land sein! Haben sich seine Befürchtungen nicht bewahrheitet? Ja, Mose ist seit seiner Flucht aus Ägypten bis an seinen Tod stets ein Hirte gewesen, vierzig Jahre in Midian ein Hirte von Schafen, dann fast ebenso lang der Hirte des Volkes Israel, aber er hat es erfahren müssen, dass die unvernünftigen, dummen Schafe viel verständiger und vernünftiger waren als das vernünftige Volk der Juden, das sich immer wieder als ein halsstarriges Volk erwies.

    Aber so wunderbar handelt Gott. Den geringen, verachteten Schafhirten (und die Viehhirten wurden von den Ägyptern besonders verachtet) macht er zu seinem Botschafter an den großen, stolzen König und zum Führer und Fürsten seines Volkes, ja im Hinblick auf unseren Text und die Worte Richter 9, 15, wo der Dornbusch zu den hohen Bäumen sprach: „Ist’s wahr, dass ihr mich zum König salbt über euch?“ macht er Mose, einen geringen Busch, zum Herrscher über Pharao, den stolzen Baum! Aber das sind Gottes wunderbare Wege: Was die Menschen verachten, das macht er groß; den Ohnmächtigen macht er mächtig. Den Saul nahm er von den Eselinnen seines Vaters hinweg und machte ihn zum König Israels, ebenso den Hirtenknaben David, arme Fischer und Zöllner zu seinen Boten an die ganze Welt, den Verfolger Saulus zu seinem auserwählten Rüstzeug, um seinen Namen vor die Heiden und die Könige zu tragen, und den Augustinermönch Martin Luther zum Reformator seiner Kirche, zum siegreichen Bestreiter des römischen Papstes, vor dem sich die mächtigsten irdischen Herrscher beugten. Er ist, wie Luther bemerkt: „Man soll das Wort Gottes ansehen und nicht auf die Person schauen; denn Gott nimmt jetzt einen Engel, bald Petrus und Magdalena oder auch irgendeinen Esel, wie mit dem Bileam geschah, durch welchen er sein Wort redet.“ Wer konnte Mose widerstehen, da er Gottes Bote und Gott mit ihm war? Der Hirtenstab des Schafhirten Mose war mächtiger als das Zepter Pharaos.

    Das, meine Zuhörer, war die wunderbare Erscheinung des brennenden Busches, die Mose am Berg Gottes Horeb erblickte. Der Busch brannte, aber verbrannte nicht; denn der HERR war das Feuer. Der Ort wurde zum heiligen Land, und Mose wurde zum Befreier des Volkes Israel berufen, um es durch die Wüste in das verheißene Land zu führen. Erkennen wir daraus die wunderbaren Wege Gottes, und gehen wir sie getrost, wenn er uns auf solchen führt; sie gehen durch mancherlei Trübsale zu einem seligen Ziel. Sprechen wir mit David: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Und ob ich gleich wanderte im finsteren Tag, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Invocavit (Er ruft mich an, darum will ich ihn erhoeren. Ps. 91,15) ueber Jesaja 39: Der Hochmut des Koenigs Hiskia

 

Jesaja 39: Zu der Zeit sandte Merodach–Baladan, der Sohn Baladans, König zu Babel, Briefe und Geschenke zu Hiskia; denn er hatte gehört, dass er krank und wieder stark geworden wäre. Des freute sich Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus, Silber und Gold und Spezerei, köstliche Salben und alle seine Zeughäuser und allen Schatz, den er hatte. Nichts war, das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem Haus und in seiner Herrschaft. Da kam der Prophet Jesaja zum Könige Hiskia und sprach zu ihm: Was sagen diese Männer und von wo kommen sie zu dir? Hiskia sprach: Sie kommen von fern zu mir, nämlich von Babel. Er aber sprach: Was haben sie in deinem Haus gesehen? Hiskia sprach: Alles, was in meinem Haus ist, haben sie gesehen; und ist nichts, das ich ihnen nicht hätte gezeigt in meinen Schätzen.

    Und Jesaja sprach zu Hiskia: Höre das Wort des HERRN Zebaoth! Siehe, es kommt die Zeit, dass alles, was in deinem Haus ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, wird nach Babel gebracht werden, dass nichts bleiben wird, spricht der HERR. Dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen werden und du zeugen wirst, nehmen, und müssen Kämmerer sein im Hof des Königs zu Babel. Und Hiskia sprach zu Jesaja: Das Wort des HERRN ist gut, das du sagst. Und sprach: Es sei nur Friede und Treue, während ich lebe!

 

    Geliebte in dem HERRN!

    Unter den Sünden ist Gott der HERR besonders dem Stolz und Hochmut feind. Was ist Stolz oder Hochmut? Es ist das Vertrauen auf eigene Kraft, Weisheit, Gerechtigkeit, Geld und Gut und dergleichen. Der Hochmut ist eigentlich nichts anderes als Abgötterei; denn der Hochmütige vertraut nicht auf Gott, sondern auf sich selbst, seine Gaben, seinen Besitz und begeht somit fort und fort die Sünde gegen das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Darum heißt es: „Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt und hält Fleisch für seinen Arm und mit seinem Herzen vom HERRN weicht!“ „Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand.“ Wiederum Ps. 101, 5: „Ich mag den nicht, der stolze Gebärden und hohen Mut hat.

    Wie greulich der Stolz und Hochmut der Menschen vor Gott ist, erkennen wir, wenn wir dem Menschen Gott gegenüberstellen: Gott ist der Schöpfer, der Mensch sein Geschöpf, vom Staub der Erde durch Gottes Hand gebildet; Gott ist allmächtig., der Mensch ein ohnmächtiges Wesen; Gott ist allwissend, der Mensch, selbst wenn er große Kenntnisse besitzt, doch so unwissend; Gott ist Weise, der sich niemals täuscht, der Mensch irrt in der Wahl der Mittel, um ein Ziel zu erreichen, zur Rechten und zur Linken. Gott ist heilig, der Mensch ein Sünder durch und durch. Und dieser ohnmächtige, unwissende, irrende, sündige Mensch rühmt sich seiner Kraft, pocht auf sein Wissen und seine Weisheit, pocht vor Gott auf seine Gerechtigkeit, auf seine irdischen Güter, die ihm Gott gegeben hat! Der Empfänger brüstet sich mit dem, was er ist und hat, dem Geber gegenüber, von dem er alles empfangen hat! Ist das nicht ein greuliches, ja ein lächerliches Ding?

    Darum hat Gott auch je und je den Hochmut gedemütigt, den Stolzen tief erniedrigt. Der Hochmut hat den Satan, der einer der vornehmsten Engel war, aus dem Himmel in die Hölle gestürzt, unsere ersten Eltern, die durch Satans Verführung gleich wie Gott sein sollten, aus dem Paradies vertrieben, zu elenden Kreaturen gemacht, ja den Fluch über die ganze Erde gebracht. Als Pharao, auf seine Macht pochend, trotzig sprach: „Wer ist der HERR, dessen Stimme ich gehorchten müsste?“ da wurde er durch die Plagen bald inne, wie töricht es sei, dem HERRN zu widerstehen, und als er dennoch in seinem Hochmut beharrte, wurde er mit all seiner Macht im Roten Meer begraben. Als Nebukadnezar die große Stadt Babel überblickte und voll Stolz ausrief: „Das ist das große Babel, das ich erbaut habe durch meine große Macht zu Ehren meiner Herrlichkeit“, da wurde er, noch ehe er ausgeredet hatte, unter die unvernünftigen Tiere des Feldes geworfen. Ja: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und stolzer Mut kommt vor dem Fall“, heißt es Spr. 16,18.

    Dies sollen auch wir wohl bedenken, meine Zuhörer; denn der Hochmut steckt allen Menschen von Natur in den Gliedern, und solange die Christen noch den alten Adam an sich haben, müssen sie gegen den Stolz und Hochmut fort und fort kämpfen, wenn sie nicht von Gott gedemütigt und erniedrigt werden sollen. „Gott widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Das lehrt und das verlesene Textwort, aufgrund dessen wir heute blicken auf:

 

Den Hochmut des Königs Hiskia

 

    1. Erzeigte ihn dadurch, dass er sich seiner Schätze rühmt,

    2. dass er deswegen von dem Propheten gestraft wird; aber

    3. er demütigt sich darauf bußfertig vor Gott.

 

1.

    Hiskia war ein frommer, gottesfürchtiger König, ja einer der edelsten unter den Königen Judas. Er tat, wie wir 2. Kön. 18 lesen, „was dem HERRN wohlgefiel, wie sein Vater David. … Er hing dem HERRN an und wich nicht hinten von ihm ab und hielt seine Gebote“. In seinem Eifer für die Ehre des HERRN reinigte er das Land von den heidnischen Götzenaltären und Götzen, ja selbst die eherne Schlagen, die Mose in der Wüste gemacht und die man als Reliquie aufbewahrt hatte, ließ er zerstoßen, als sie von dem abergläubigen Volk verehrt wurde.

    Nun war Hiskia todkrank gewesen, und es war ihm von dem Propheten Jesaja angekündigt worden, dass er sterben werde und deswegen sein Haus bestellen solle. Als er darauf den HERRN unter Tränen inbrünstig angerufen hatte, ihn wieder genesen und noch leben zu lassen, hatte ihm Jesaja auf Befehl des HERRN verkündigt, dass er noch fünfzehn Jahre leben und schon am dritten Tag in das Haus des HERRN gehen werde. Zum Beweis dafür war ihm noch ein besonderes Zeichen gegeben worden, indem Gott den Stundenzeiger an der Uhr des Ahas um zehn Stufen hatte zurückgehen lassen.

    Diese Wunderzeichen wurden bald weithin bekannt. Auch der König zu Babel hörte davon, und das veranlasste ihn, eine Gesandtschaft mit Geschenken an Hiskia zu senden; denn so lesen wir zu Anfang unseres Textes: „Zu der Zeit sandte Merodach Bal Adan, der Sohn Bal Adans, König zu Babel, Briefe und Geschenke zu Hiskia; denn er hatte gehört, dass er krank und wieder stark geworden wäre.“ Wie 2. Chron. 32 berichtet wird, sollten sich die Gesandten auch besonders nach dem Wunder erkundigten, das Hiskia an dem Sonnenzeiger gegeben worden war. Wahrscheinlich verfolgte aber der König zu Babel mit dieser Gesandtschaft auch einen anderen Zweck, nämlich die Freundschaft mit Hiskia noch mehr zu befestigen und ihn als Bundesgenossen gegen die Assyrer zu gewinnen.

    Über diese Gesandtschaft und die ihm dadurch erwiesene Ehre freute sich Hiskia sehr; denn so lesen wir weiter: „Des freute sich Hiskia und zeigte ihnen das Schatzhaus, Silber und Gold und Spezerei, köstliche Salben und alle seine Zeughäuser und allen Schatz, den er hatte. Nichts war, das ihnen Hiskia nicht zeigte in seinem Haus und in seiner Herrschaft.“ Was veranlasste Hiskia dazu, vor den Gesandten des babylonischen Königs seinen Reichtum gleichsam zu Schau zu stellen? Wir erkennen das aus der Antwort auf die Frage des Propheten: „Von wo kommen diese Männer die zur?“ die so lautete: „Sie kommen von ferne zu mir, nämlich von Babel.“ Er fühlte sich durch diese Gesandtschaft aus weiter Ferne geschmeichelt und wollte ihr zeigen, was für einen Reichtum er besitze, und dass daher seine Freundschaft oder gar ein Bündnis mit dem König zu Babel nicht ohne großen Wert für diesen sei. Kurz, es waren Eitelkeit und Hochmut, die ihn dazu veranlassten, mit seinen Schätzen vor den Gesandten zu prunken. Das ganze war für den frommen König, wie 2. Chr. 32, 31 bemerkt wird, eine Versuchung, der er, da er nicht über sich wachte, erlag.

    Aber wie viele Christen unterliegen einer ähnlichen Versuchung, werden eitel und hochmütig, wenn ihnen Gott mehr gegeben hat oder gibt als anderen. Anstatt dadurch umso demütiger zu werden, mit Jakob, der in der Fremde reich geworden war, zu sprechen: „HERR, ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die du an deinem Knecht getan hast“, werden sie stolz und hochmütig und rühmen sich ihrer Güter und Schätze. In dem Reichwerden und Reichtum liegt eine große Gefahr, weshalb es heißt: „Fällt euch Reichtum zu, so hängt das Herz nicht dran!“ und Spr. 30, 8: „Reichtum gib mir nicht; ich könnte sonst, wenn ich zu satt würde, verleugnen und sagen: Wer ist der HERR?“ Wie vielen wird die Wohlhabenheit oder der Reichtum zu einem Strick! Wie viele werden, je wohlhabender, desto geiziger, so dass sie für das Reich Gottes und für den Nächsten nichts mehr übrighaben. Solange sie in dürftigen oder geringeren Verhältnissen sind, halten sie sich zum Wort Gottes, aber wenn sie reich werden, kehren sie der Kirche den Rücken und meinen, ohne Gott und sein Wort fertig werden zu können. Oft wird auch ihr Verhalten gegen ihre Mitmenschen ein anderes. Sie treten selbstbewusst auf, lassen es sie fühlen, dass sie mehr haben, gemachte Leute und unabhängig sind, klingen mit ihrem Gold und Silber in den Taschen. Sie haben ihren Gott nur in der Tasche und stellen ihn auch vor den Augen der Mitmenschen zur Schau. Aber nicht bei diesen allein gibt sich der Hochmut zu erkennen. Wie viele sind stolz auf andere vergängliche Dinge! Dieser brüstet sich mit seinen Geistesgaben, seinem Verstand, seinem Wissen, jener stolziert mit einem neuen Kleid oder einem modernen Hut wie ein gespreizter Pfau einher, wieder ein anderer mit seinem hübschen Gesicht und dergleichen Dingen mehr; und sie alle wissen nicht, was für Narren sie sind. Durch das alles geben sie nur ihre Eitelkeit, ihren Hochmut zu erkennen und bedenken nicht, wie schwer sie sündigen und welche Strafe ihnen bevorsteht.

 

2.

    Es heißt in unserem Text weiter: „Da kam der Prophet Jesaja zum König Hiskia und sprach zu ihm: ‚Was sagen diese Männer, und von wo kommen sie zu dir?‘ Hiskia sprach: ‚Sie kommen von fern zu mir, nämlich von Babel.‘ Er aber sprach: ‚Was haben sie in deinem Haus gesehen?‘ Hiskia sprach: ‚Alles, was in meinem Haus ist, haben sie gesehen; und ist nichts, das ich ihnen nicht gezeigt in meinen Schätzen.‘ Da sprach Jesaja zu Hiskia: ‚Höre das Wort des HERRN Zebaoth: Siehe, es kommt die Zeit, dass alles, was in deinem haus ist und was deine Väter gesammelt haben bis auf diesen Tag, wird nach Babel gebracht werden, dass nichts bleiben wird, spricht der HERR. Dazu werden sie deine Kinder, so von dir kommen, nehmen und müssen Kämmerer sein am Hof des Königs zu Babel.‘“

    Hiskia sagte ganz offen heraus, dass er den Gesandten alle seine Schätze gezeigt hatte, und man merkt es seinen Worten an, dass er sich der Sünde, die er dadurch begangen hatte, kaum bewusst war. Wahrscheinlich täuschte er sich über sich selbst und war ihm die Größe seiner Sünde noch nicht zum Bewusstsein gekommen. Aber das machte seine Sünde nicht geringer und bewahrte ihn nicht vor der Strafe, die ihm Jesaja auf Befehl Gottes sogleich verkündigte. Diese Strafe entsprach durchaus der Sünde. Hatte er in seiner Eitelkeit den babylonischen Gesandten alle seine Schätze gezeigt und damit vor ihnen geprunkt, so sollen zur Strafe alle die Schätze von den Babyloniern genommen und weggeführt werden. Hatte er sich die Freundschaft des heidnischen Königs als eine besondere Ehre angerechnet, so sollen seine Nachkommen so gedemütigt, erniedrigt werden, dass sie am Hof des Königs zu Babel Kammerdienste leisten sollen. Die Strafe für seinen Hochmut sollte also tiefe Erniedrigung sein. Und wahrlich, hatte Hiskia, der König Israels, des auserwählten Volkes, irgendwelche Ursache, auf die Freundschaft des heidnischen Königs stolz zu sein? Hatte er irgendwelche Ursache, sich seiner Schätze zu rühmen, damit zu prahlen? Erst vor vier Jahren hatte er seine Schätze hergegeben, um den König von Assyrien zum Abzug zu bewegen, war nur durch die wunderbare Hilfe des HERRN vor der Eroberung Jerusalems und Gefangenschaft bewahrt worden und vor kurzen von einer tödlichen Krankheit genesen. Hätte ihm das nicht genug sein sollen, allein auf die Hilfe und den Schutz seines Gottes zu vertrauen, sich nicht auf die Freundschaft eines heidnischen Königs zu verlassen? So erniedrigte Hiskia durch sein Handeln nicht nur sich selbst, sondern beleidigte auch seinen gnädigen Gott, der ihm seine Allmacht so deutlich kundgetan hatte.

    Wie Jesaja Hiskia gedroht hatte, so geschah es, als Nebukadnezar, der König zu Babel, Jerusalem, als Jojakim zu Jerusalem war, eroberte; denn dieser nahm nicht nur alle Schätze aus dem Haus des Königs, sondern auch die kostbaren Geräte des Tempels, die Salomo hatte machen lassen, brachte er nach Babel. (2. Kön. 24, 13.) Den König Jojakim und eine Anzahl junger Männer vom königlichen Stamm und aus den vornehmsten Geschlechtern nahm er mit sich nach Babel in die Gefangenschaft, um an seinem Hof zu dienen, unter denen Daniel, Misael und Hananja besonders genannt werden (Dan. 1, 1-7). So gar entsprach diese Strafe der Sünde des Hiskia. Er fühlte sich durch die Gesandtschaft aus einem fernen Land besonders geehrt, und in demselben fernen Land mussten junge Männer aus seinem Stamm als Hofbeamte dienen.

    In derselben Weise straft Gott heute noch, straft die Menschen an dem, woran und womit sie sündigen, und – beachten wir wohl! – straft die Sünden besonders an denen, die seine Kinder sind. An diesen kann er die Sünden, besonders die Sünden der Eitelkeit und des Hochmuts, am wenigsten dulden. Das Strafgericht beginnt zuerst am Haus Gottes. Das sehen wir an dem frommen Hiskia, das sehen wir an dem gottesfürchtigen Hiob; als dieser die Wurzel der Selbstgerechtigkeit in seinem Herzen aufwachsen ließ, wurde er so von Gott heimgesucht, dass er im Sack und in der Asche sitzen musste, bis er sich vor Gott demütigte. Als David in fleischlichem Stolz das Volk zählen ließ, wurde er bald inne, dass er sich auf sein Fleisch verlassen hatte. Vertraue darum, mein Zuhörer, nicht auf deine irdischen Schätze; Gott kann sie dir bald nehmen, sie wie Spreu im Wind zerstieben lassen. Er kann auch zu dir sagen wie zu jenem reichen Mann: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und wes wird’s sein, das du bereitet hast?“ Verlass dich nicht auf deine Kraft, deine Gesundheit; der Kraftvolle kann sich, im Augenblick gebrochen, wie ein zertretener Wurm im Staub winden, der Gesunde wie eine geknickter Blume verwelken. Wir Menschen sind zerbrechliche Gefäße, ein Gebilde von Staub und Asche, die, wenn sie die Höhe ihres Alters erreicht haben, täglich abnehmen, immer gebrechlicher werden, bis sie verwelken und in den Staub dahinsinken. Haben wir uns daher der Sünde der Eitelkeit und der Hoffart schuldig gemacht, so lasst uns dafür von Herzen Buße tun, damit die Strafe nicht in aller Strenge treffe. Das führt uns zum dritten Teil.

 

3.

    Unser Text schließt mit den Worten: „Und Hiskia sprach zu Jesaja: ‚Das Wort des HERRN ist gut, das du sagst.‘ Und sprach: ‚Es sei nur Friede und Treue, solange ich lebe.‘“ Zur Erkenntnis seiner Sünde gekommen, sucht er nicht, sie zu bemänteln oder zu entschuldigen, sondern gesteht sie rückhaltlos zu und erkennt auch die ihm angekündigte Strafe als gerecht an; denn dies sagen die Worte: „Das Wort des HERRN“, nämlich das mir die Strafe verkündigt, „ist gut.“ Aber er fügt hinzu: „Wenn nur Friede und Treue ist, während ich lebe“, das heißt, wenn mir Gott nur, während ich lebe, Frieden beschert und seine Treue nicht entzieht. So demütigte sich Hiskia in aufrichtiger Buße vor dem HERRN. Er erkannte seine Sünde, nahm die ihm angekündigte Strafe als eine gerechte hin und bat nur um Milderung aufgrund der göttlichen Barmherzigkeit.

Möchte ein jeder von uns hierin, meine Zuhörer, Hiskia gleich sein, wie er im Sündigen ihm gleich ist. Eitelkeit und Hochmut waren die Sünde Hiskias; Eitelkeit und Hochmut sind die Sünden eines jeden Christen, solange er auf Erden wandelt. Wer sich einbildet, von dieser Sünde ganz frei z sein, der kennt sich nicht, und wenn er auf nichts anderes stolz ist, so ist er stolz auf seine vermeintliche Demut; und das ist der schlimmste Hochmut, den es gibt. Dann geht der Pharisäer im Zöllnergewand einher. Wer lässt sich, wenn er gesündigt hat, gern strafen? Bei wem erhebt sich da nicht, wenigstens im Herzen, Widerspruch? Wer sucht sich nicht in der einen oder anderen Weise zu entschuldigen? Wie viele murren nicht, wenn Gott sie um ihre Sünde willen straft! Was ist das aber anderes als eine Ausgeburt, ein Zeichen des Hochmuts? Werfen wir einen Blick auf unser Leben, werden wir nicht alle bekennen müssen, dass wir uns vor Gott der Sünde des Hochmuts schuldig gemacht und seine Strafe wohl verdient haben? So lasst uns denn wie Hiskia diese Sünde bußfertig erkennen, damit wir in wahrer, herzlicher Demut wandeln. Denn nur in dem Demütigen hat Gott sein Werk. „Er widersteht den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Sie allein begehren Gnade um Christi, ihres Heilandes, willen, ihnen allein wird sie zuteil, sie allein werden aber auch von Gott erhöht, denn: „Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Lasst uns alles, was wir sind, unsere Güter und Gaben, die wir haben und die er uns darreicht, nicht uns selbst und unserer Würdigkeit, sondern allein der Gnade Gottes zuschreiben, die er uns um Christi, unseres Heilandes, willen schenkt, und Christus in der Demut nachjagen. Das verleihe er uns um Jesu willen! Amen.

 

Predigt zum Sonntag Reminiscere (Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit, Ps. 25, 5) ueber Matthaeus 22, 1-14: Das Bild eines Scheinchristen

(entnommen aus: Carl Ferdinand Wilhelm Walther: Lutherische Brosamen. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House. 1897. S. 195 ff.)

 

Gnade sei mit euch, und Friede von Gott, unserem Vater, und dem HERRN Jesus Christus. Amen.

 

                                                                                                           In demselben, unserem teuren Heiland, herzlich geliebte Zuhörer!

                                        „Meidet allen bösen Schein“, spricht St. Paulus im fünften Kapitel seines ersten Brieses an die Thessalonicher. Diese Worte legen einem jeden Christen eine große wichtige Pflicht auf. Nach denselben soll er nicht nur das Böse meiden, sondern auch den Schein des Bösen. Es ist sonach nicht genug, dass ein Christ bei seinen Handlungen sich selbst nichts Böses bewusst sei; er ist schuldig, auch darauf zu sehen, dass durch seine Handlungen auch andere nicht veranlasst werden, etwas Böses von ihm zu denken. Es ist nicht genug, dass ein Christ vor Gottes Augen recht wandele und sagen könne: Gott, der in das Herz sieht, weiß, dass ich es nicht böse meine; ein Christ soll auch vor den Augen der Menschen untadelhaft wandeln: Auch derjenige sündigt daher wider Gott, welcher etwas tut, was Gott zwar nicht ausdrücklich verboten hat, wodurch er aber seinem Nächsten zum Anstoß und Ärgernis wird. Nach diesem Gesetz der Liebe handelte selbst Christus, der doch über allen Verdacht der Menschen unendlich erhaben war. Einstmals bewies er zwar erst, dass er und seine Jünger nicht schuldig seien den Zinsgroschen zu geben, aber -- setzt er gegen Petrus hinzu: „Auf dass wir sie nicht ärgern, -- so nimm denselben, und gib ihn für mich und dich.“ So folgte denn hierin auch ein Paulus seinem HERRN und Meister, und spricht zu denen, die die heidnischen Opfermahlzeiten besucht hatten: „Ich habe es zwar alles Macht, aber es frommet nicht alles. Seid nicht ärgerlich weder den Juden noch den Griechen, noch der Gemeine Gottes. Darum, so die Speise meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht ärgerte. So aber dein Bruder über deiner Speise betrübet wird, so wandelst du schon nicht nach der Liebe.“

                                                    O wie viele mag es hiernach geben, die nicht nach der Liebe wandeln! Wie viele fragen nur nach ihrer Freiheit, aber nicht darnach, ob sie nicht vielleicht durch den Gebrauch derselben ihrem Nächsten zum Anstoß und Ärgernis werden! Lasst uns daher alle des Apostels Ermahnung wohl merken: „Meidet allen bösen Schein.“

                                                   So teuer aber, meine Lieben, diese Pflicht ist, so ist jedoch hingegen auch das eine wichtige Christenpflicht, den bösen Schein, den ein anderer gibt, nicht sogleich bös auszulegen, sondern ihn zu entschuldigen, Gutes von ihm zu reden und alles zum Besten zu kehren, und nicht eher den Stab zu brechen, als bis man alles wohl erkundet hat und dazu gezwungen und gedrungen ist. Es geschieht nämlich nicht selten, dass auch auf den besten Christen ein böser Schein fällt, entweder ohne alle seine Schuld, oder weil auch ein guter Christ zu Zeiten aus Schwachheit unvorsichtig wandelt. Darum ruft uns Christus in jenem Evangelium zu: "Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Was siehst du aber einen Splitter in deines Bruders Auge, und des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr?" Dieses Wort wiederholt daher auch St. Paulus und spricht: "Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn.  So wird nun ein jeglicher für sich selbst Rechenschaft geben. Darum lasst uns nicht mehr einer den andern richten."

                                                    O wie viele Kränkungen, wie viele Seufzer, wie viele Unruhe, wie vielen Zank und Streit würde man sich ersparen, wie viele Sünden der Lieblosigkeit, des Afterredens und der Verleumdung würden in einer  Gemeinde weniger und wie viel erbaulicher, lieblicher und lockender würde die christliche Gemeinschaft überhaupt sein, wenn jeder immer an jene Worte Christi und Pauli und an den Ausspruch des Propheten Sacharja dächte: „Denke keiner wider seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen!“ Sagt selbst: tut es uns nicht auch wohl, wenn wir einen bösen Schein gegeben haben, und wir hören, dass andere es auf das mildeste auslegen und uns gegen Splitterrichter entschuldigen und verteidigen? Gewiss! Wohlan, was wir wollen, dass uns die Leute tun sollen, das lasst uns ihnen auch tun. Doch, meine Lieben, wie es Christen gibt, die einen bösen Schein geben und doch wahre Christen sind, so gibt es hingegen noch mehr Christen, die zwar einen guten Schein haben, und doch Nichtchristen sind; und das sind die Scheinchristen, von welchen St. Paulus schreibt: „Die da haben den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie.“ Von solchen Scheinchristen ist in unserem heutigen Evangelium, die Rede; lasst mich jetzt zu unser aller Prüfung und Warnung das Bild derselben aus Gottes Wort entwerfen.

 

Matthäus 22, 1-14: Und Jesus antwortete und redete abermals durch Gleichnisse zu ihnen und sprach: Das Himmelreich ist gleich einem König, der seinem Sohn Hochzeit machte. Und sandte seine Knechte aus, dass sie die Gäste zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen hin, einer auf seinen Acker, der andere zu seiner Hantierung. Etliche aber griffen seine Knechte, höhnten und töteten sie. Da das der König hörte, wurde er zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Da sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren es nicht wert. Darum geht hin auf die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet. Und die Knechte gingen aus auf die Straßen und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute. Und die Tische wurden alle voll. Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereinkommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappen; denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.

 

                                                    In dem verlesenen Text vergleicht Christus sein Gnadenreich auf Erden mit einem Hochzeitsmahle und das Evangelium von seiner Gnade mit der Einladung dazu. Das Ganze zerfällt in zwei Theile. In dem ersten Theile zeigt Christus mit seinem Gleichnis, wie die meisten Juden das Evangelium, das ihnen schon durch die Propheten verkündigt worden sei, verachtet haben und wie sie, nachdem er, der Sohn Gottes selbst, gekommen sei, ihn endlich gar töten werden. Im zweiten Theile zeigt nun Christus, wie Gott, nach Bestrafung der Juden, die Heiden in sein Gnadenreich berufen lassen werde und wie zwar eine große Menge Heiden der Einladung des Evangeliums folgen und sich äußerlich zum Christentum bekehren, aber unter den Guten auch viele Böse sich einfinden würden. Die Bösen vergleicht er nämlich mit einem Gast, der zwar bei der Hochzeit erscheine, aber ohne ein hochzeitliches Kleid. Hiermit stellt Christus niemand anderen dar, als die Scheinchristen. Lasst mich daher heute bei dem uns zunächst angehenden zweiten Theile des Evangeliums stehen bleiben und euch jetzt vorstellen:

 

Den Scheinchristen

 

1. will ich euch zu eurer Prüfung das Bild eines Scheinchristen in diesem Leben entwerfen, und

2. euch zu eurer Warnung auch sein Schicksal in jener Welt vor Augen stellen.

 

                                               Gott, wir wissen, dass Du das Herz prüfst, und Aufrichtigkeit ist Dir angenehm, darum bitten wir Dich, behüte uns, dass unser keiner mit bloßem Scheine des Glaubens und Christentums sich betrüge. Gib uns selbst zu erkennen, wie wir sind und wie wir mit Dir stehen, damit Du uns nicht einst, wenn wir vor Deinem Angesichte erscheinen, als unnütze Knechte von Dir weisen müssest, sondern dass wir Dir hier von ganzem Herzen dienen und einst von Dir als die Deinigen erkannt und selig werden. Erhöre uns, Du treuer Gott, um Jesu Christi, Deines lieben Sohnes, willen. Amen.

 

I.

                                                Soll ich euch, meine Lieben, das Bild eines Scheinchristen entwerfen, so muss ich euch zweierlei zeigen, erstlich den christlichen Schein, den ein solcher Mensch hat, und zweitens, was ihm, um ein Christ zu sein, fehle, also mit einem Worte erstens sein Äußeres und zweitens sein Inneres.

                                                Was nun das Erste betrifft, so beschreibt Christus den Scheinchristen in dem in unserm Evangelium enthaltenen Gleichnisse als einen solchen, welcher die Einladung zur Hochzeit angenommen und ihr Folge geleistet hat, der in den Hochzeitssaal eingegangen ist, sich unter die festlich geschmückten Gäste gemischt und sich mit an die Tafel gesetzt hat, der nun mitisst und -trinkt, und sich gänzlich wie die anderen Hochzeitsgäste gebärdet. Hiermit gibt uns Christus selbst in wenig Worten das vollständige Bild eines Scheinchristen nach seiner äußeren Gestalt.

                                          Hieraus sehen wir: ein Scheinchrist ist also nicht derjenige, der in offenbarem Unglauben oder in offenbaren Sünden lebt. Nein, wer nicht einmal an das Wort Christi und seiner heiligen Propheten und Apostel und überhaupt nicht an das heilige Bibelbuch glaubt, dasselbe nicht für Gottes Wort und Christum nicht für Gottes Sohn hält; daher die Gnadenmittel verachtet, nicht zur Kirche und zur Feier des heiligen Abendmahls kommt, sich des Betens schämet, Christum vor der Welt verleugnet, sich von den Christen absondert und sich zu den Spöttern hält; oder wer in Fluchen und Schwören, oder in ungebändigtem Zorn, in Unversöhnlichkeit, Feindschaft und Rachsucht, oder in unzüchtigen Worten und Gebärden und in Trunkenheit und Völlerei, oder in Betrug, Wucher und offenbarem Geiz, oder in Lügen und Verleumdung anderer und in Prahlerei und Selbstlob, und dergleichen, lebt und alle Lust und Eitelkeit der Welt offenbar mitmacht: ein solcher gehört nicht zu den Scheinchristen, sondern zu den Nichtchristen, nicht zu den Heuchlern, sondern zu den Gottlosen, nicht zu den falschen Brüdern, sondern zu den offenbar Abgefallenen, nicht zu dem leicht täuschenden Unkraut unter dem Weizen auf dem Acker Gottes, sondern zu den Dornen und Disteln.

                                                 Der Scheinchrist hat vielmehr, wie uns Christus im Evangelium, sagt, die Einladung zur himmlischen Hochzeit auch angenommen und ihr Folge geleistet; er ist also auch ein getaufter Christ und rühmt sich seiner Taufe, er hört auf das Wort Gottes, und bekennet, dass er daran glaube, und dass er Christum für den Sohn Gottes halte, der gekommen sei, ein Himmelreich auf Erden zu stiften. Der Scheinchrist ist, wie Christus ferner sagt, auch in den Hochzeitssaal eingegangen; das heißt, er hat sich auch zu der rechten Kirche gewendet, hält es mit ihr, bekennt sich zu ihr, nimmt die reine Lehre an, hat vielleicht eine sehr gute Erkenntnis von derselben und verteidigt sie wohl auch mit großem Ernst und Eifer. Der Scheinchrist hat sich ferner, wie Christus sagt, unter die festlich geschmückten Gäste gemischt; das heißt, er hält sich nicht mehr zur Welt, sondern hält Freundschaft und Gemeinschaft mit wahren gläubigen Christen, unterredet sich mit ihnen gern über geistliche Gegenstände, besucht sie und ladet sie zu sich ein. Der Scheinchrist hat sich ferner, wie Christus sagt, mit an die Tafel gesetzt und isst und trinkt mit; das heißt, er gebraucht die Gnadenmittel, wie die wahren Christen, genießt fleißig das Brod des Lebens, hört nämlich fleißig Gottes Wort, und erscheint oft am Tische des HERRN, treibt auch wohl Gottes Wort mit den Seinigen und liest eifrig in der Schrift und anderen gottseligen Büchern. Der Scheinchrist gebärdet sich endlich, wie Christus sagt, wie die andern Hochzeitsgäste; das heißt, er lebt äußerlich, wie fromme Christen zu leben pflegen; man kann ihm keine offenbaren Sünden vorwerfen; er lebt ehrbar; seine Reden sind christlich und verraten keine Hoffart; seine Gebärden sind anständig und zeigen Bescheidenheit; seine Werke sind löblich; er eifert gegen das Unrecht; er ist freigebig, dienstfertig und nimmt sich des allgemeinen Besten, wie es Christen geziemt, an; er gibt jedem das Seine und ist kein loser Schuldner; er ist mäßig; er ist fleißig in seiner Arbeit; er zeigt  sich versöhnlich gegen seine Beleidiger und lässt sich, wo er eines Fehlers überwiesen wird, strafen. Worin besteht also die äußerliche Gestalt eines Scheinchristen? Es ist mit kurzen Worten die Gestalt eines rechtschaffenen frommen Christen.

                                               Aber wie? sollte es möglich sein, so christlich zu leben, und doch nur ein Scheinchrist zu sein? – Ist‘s nicht schrecklich, dass ein Mensch trotz eines solchen rühmlichen Wandels verloren gehen soll? Denn werden selbst viele, die so christlich leben, nicht selig, welche Hoffnung können sich dann die machen, die es noch nicht einmal so weit gebracht haben? Wer kann dann noch selig werden? -- So schrecklich diese Wahrheit ist, so ist sie doch eben Wahrheit, denn Christus setzt deutlich hinzu: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“        

                                                Was ist es nun, was allen Scheinchristen fehlt, dass sie bei allem ihrem christlichen, ehrbaren Leben, ihren guten Werken, ihren gottseligen Übungen und ihrem tätigen Eifer doch keine wahren Christen sind? - Christus sagt, es fehle ihnen das „hochzeitliche Kleid“. Was mag Christus hiermit meinen? Um Christi Meinung gewiss zu treffen, müssen wir die Heilige Schrift selbst zu Rate ziehen und dürfen nicht nach unseren eigenen Gedanken gehen. Die Heilige Schrift redet aber auch an anderen Stellen nicht selten von gewissen Kleidern, deren ein Mensch bedarf, wenn er selig werden soll. Unter anderen lässt Christus dem Bischof zu Laodicäa sagen: „Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das mit Feuer durchläutert ist, dass du reich werdest; und weiße Kleider, dass du dich antust, und nicht offenbarwerde die Schande deiner Blöße.“ Dahin geht, was von der Kirche Christi geschrieben steht im 19. Kapitel der Offenbarung an St. Johannes, woselbst es heißt: „Und es wurde ihr gegeben, sich anzutun mit reiner schöner Seide“; zur Erklärung aber wird hinzugesetzt: „Die Seide aber ist die Gerechtigkeit der Heiligen.“ Daher spricht auch Jesaja: „Der HERR hat mich angezogen mit Kleidern des Heils, und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet.“ Am allerdeutlichsten aber wird die Meinung Christi durch den Ausspruch des St. Paulus im Briefe an die Galater: „Wie viel euer getauft sind, die haben Christum angezogen“, oder, wie er an die Römer schreibt: „Zieht an den HERRN Jesus Christus."

                                          Hieraus ist klar: Wenn Christus den Scheinchristen als einen Hochzeitsgast ohne ein hochzeitliches Kleid darstellt, so will er sagen: Ein Scheinchrist ist ein Mensch, der bei allem seinem herrlichen äußerlichen christlichen Schein doch den wahren Glauben, durch welchen die wahren Christen Christum und seine Gerechtigkeit wie ein Kleid anziehen, noch nicht in seinem Herzen trägt. Der Scheinchrist glänzt wohl äußerlich vor Menschen durch sein scheinbar christliches Leben, aber vor Gottes allsehenden Augen hat sein Leben eine Gestalt, die ihm nicht gefallen kann, „denn“, sagt die Schrift, „ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Der Scheinchrist ist wohl reich an sogenannten guten Werken, aber weil dieselben nicht aus der guten Quelle eines durch den wahren Glauben gereinigten Herzens fließen, so sind sie vor Gott nichts Besseres, als Sünden, „denn“, sagt die Schrift, „was nicht aus dem Glauben geht, ist Sünde“. Der Scheinchrist redet wohl schön von Christus, aber Christus ist nur auf seiner Zunge, nicht im Herzen. Der Scheinchrist trägt wohl den Namen eines Christen, aber er ist nicht, was der Name sagt, denn ein Christ heißt auf Deutsch ein Gesalbter, nämlich mit dem Heiligen Geist, und dieser wohnt nicht in seiner Seele. Der Scheinchrist ist wohl durch sein rechtgläubiges Mundbekenntnis eine Rebe am Weinstock Christo, aber eine dürre Rebe. Der Scheinchrist bringt auch wohl schön aussehende Früchte eines ehrbaren Wandels, aber die Früchte sind innerlich faul, denn er selbst ist noch ein wilder fauler Baum, der noch nicht auf den Baum des Lebens, aus Christus gepflanzt ist. Der Scheinchrist hat wohl auch eine Decke über seinen Sünden, aber es sind das die Feigenblätter seiner Einbildung, aber nicht das Kleid, welches gesponnen ist von der Wolle des Lammes Gottes, das der Welt Sünden trägt. Der Scheinchrist ist ein Grab, das äußerlich lieblich aussieht, aber im Innern ist noch der Moder des geistlichen Todes; er ist dem Bilde eines Christen gleich, das zwar große Ähnlichkeit, aber kein Wesen noch Leben hat. Der Scheinchrist ist daher wohl in der Kirche, aber nicht von der Kirche, das heißt, er gehört nicht zur Kirche, er ist kein lebendiger Stein dieses geistlichen Baues, kein lebendiges Glied dieses geistlichen Leibes.

                                                 Ein solcher Scheinchrist war Judas. Er tat alles, was die anderen Jünger taten, aber in seinem Herzen war kein Glaube; darin herrschte der Geiz. Ein solcher Scheinchrist war auch Simon, der vormalige Zauberer; er bekannte den Glauben an Christum wohl mit dem Mund, und ließ sich taufen; aber in seinem Herzen herrschte der Stolz und die Hoffart. Ein solcher Scheinchrist war endlich auch der Bischof von Sardes; er zeigte sich lebendig in vielen christlichen Werken; aber er hatte, wie Christus sagt, mit vielen Gliedern seiner Gemeinde „seine Kleider besudelt“, d. h. er hatte durch Sünden wider das Gewissen den lebendigen Glauben aus dem Herzen verloren und somit das weiße Kleid der Gerechtigkeit und Unschuld Christi eingebüßt; daher lässt ihm Christus sagen: „Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.“

                                                Wie viele auch unter uns Scheinchristen sind, die zwar die äußerliche Gestalt der Christen haben, aber ohne den lebendigen Glauben, ohne den Geist, ohne das innere Leben der Christen sind, das ist Gott allein bekannt; denn die offenbar Gottlosen können wir Menschen wohl von den Frommen (Seite 202) unterscheiden, aber nicht die Scheinchristen von den wahren Christen. Sie sind das Unkraut auf dem Acker der Kirche, das wir nicht ausjäten, sondern wachsen lassen sollen bis auf den Tag der Ernte. Sie sind die Hochzeitsgäste, welche mit den Christen hier zu Tische sitzen, bis endlich der König, der die Hochzeit bereitet hat, selbst kommen wird. Was dann geschehen wird, das lasst mich euch nun zweitens zeigen, lasst mich euch nämlich nun zu eurer Warnung auch das Schicksal des Scheinchristen in jener Welt vor Augen stellen.

 

II.

                                                 Wir folgen hierbei den Worten Christi in unserem Evangelium. Darin heißt es aber weiter also: „Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen.“ Hiernach gibt es also einen Tag, an welchem Gott, der das Hochzeitsfest seiner Gnade auf Erden gestiftet hat, eine Besichtigung aller Gäste vornehmen wird. Es wird also nicht immer so bleiben, wie es jetzt ist. Jetzt hält Gott noch keine Musterung, er lässt es geschehen, dass in seiner Kirche Tausende sich unter die Christen mischen, die für Christen gehalten werden, und die es doch nicht sind; Gott offenbaret den Scheinchristen noch nicht; er lässt ihm dieselbe Ehre wie dem wahren, er lässt ihm dieselbe Taufe erteilen, dasselbe Wort der Gnade predigen, dieselbe Absolution sprechen und denselben Leib und dasselbe Blut seines Sohnes im heiligen Abendmahl reichen. Er macht keinen Unterschied, sondern lässt Christen und Scheinchristen dahingehen, wie Weizen und Unkraut mit einander auf Einem Felde wachsen, von Einer Sonne beschienen, von Einem Regen und Tau gefeuchtet und von Einem Zaun geschützt. Es scheint daher, als wisse es Gott selbst nicht, oder als acht er es doch nicht, dass manche darunter sind, die wohl andere Werke haben, als die offenbar Ungläubigen, aber kein anderes Herz; es scheint daher, als würden einst alle, die sich christlich verhalten und hier zusammen leben, auch einst dort zusammen zu Tische sitzen an der Hochzeitstafel des ewigen Lebens. Aber so scheints nur. Es kommt ein Tag, da wird der König des Himmels alle, die sich bei ihm als „Gäste“ eingefunden haben, „besehen“. Wie? sollte ihm, der Augen hat, wie Feuerflammen, dann etwas entgehen?               

                                              Lasst uns weiter hören. Christus spricht nämlich ferner: „Und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an.“ Hier hören wir es. Dem Auge Gottes wird dann nichts entgehen. Was kein Mensch auf Erden sehen konnte, das wird Gott augenblicklich entdecken. Das christliche Leben, was ein Scheinchrist geführt hat, wird dann wie ein   schmutziges, zerrissenes Kleid erscheinen, das seine nackte sündhafte Seele nicht bedecken kann. Was dann auch die Scheinchristen vornehmen mögen, in der ganzen jenseitigen Welt wird es keinen Winkel geben, in welchem sie sich vor Gottes Auge verstecken, keinen Berg und keinen Hügel, mit welchem sie sich bedecken könnten. Vor Gott und allen Engeln und Auserwählten werden sie dann dastehen in der ganzen Schande ihrer Blöße.

                                                Was wird nun der Himmelskönig tun? Christus antwortet uns hierauf: „Und (er) sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen, und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?“ Ihr sehet, Gott wird einst die Scheinchristen auffordern, sich zu verantworten, warum sie trotz so vieler Predigten, die sie gehört, trotz so vieler Ermahnungen, Warnungen und Bestrafungen, die sie erhalten, trotz so vieler Züge und Erweckungen des Heiligen Geistes, die sie erfahren, und trotz der christlichen Gemeinschaft, in welcher sie gelebt haben, sich doch nie rechtschaffen und von Herzen bekehrt haben, doch zu keinem lebendigen Glauben und doch zu keinem neuen Herzen gekommen sind. Was werden aber dann die Scheinchristen antworten? -- Christus sagt es uns -- er spricht: -- „Er aber verstummte.“ -- Sie werden also keine Entschuldigung wissen. Ihr eignes Herz wird sie überzeugen, ihr eignes Gewissen sie verdammen, und sie werden fürchten, dass alle ihre rechtschaffenen Mitchristen, die dieselben Mittel, ja vielleicht weniger als sie, gehabt haben, wenn sie sich entschuldigen wollten, als Zeugen gegen sie auftreten würden. Sie werden daher bald vor Scham erröten, bald vor Schrecken erbleichen -- zittern -- beben und – „verstummen“.

                                              Wird es aber Gott etwa mit dieser verdienten Beschämung sein Bewenden haben lassen? Ach nein! Christus fährt vielmehr also fort: „Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße, und werfet ihn in die äußerste Finsternis hinaus, da wird sein Heulen und Zähnklappen; denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“ O furchtbares Urteil! dann werden dem Scheinchristen Hände und Füße gebunden; die Gnadenzeit, wo er noch Gutes tden Weg zum Himmel noch gehen kann, wird ihm also abgeschnitten. Er muss hinaus aus dem Himmel, wo Gott und das Lamm als die Sonne leuchtet; er muss hinaus in die ewige „Finsternis“, wo kein Licht des Trostes ihm wieder aufgeht, wo kein Lob Gottes mehr von seinen heuchlerischen Lippen gehört wird, sondern „Heulen und Zähnklappen“, das heißt, unerträgliche glühende Hitze und zugleich unerträgliche schaurige Kälte wird ihn peinigen. Kein wahrer Christ, der ihn hier seinen Bruder nannte, wird dann um ihn sein; seine Gemeinschaft sind die Verdammten und die Geister der Hölle; -- und das alles ohne Ende; kein Stern der Hoffnung einer einstigen Erlösung erleuchtet der Scheinchristen dunkle Nacht; sie wissen es, sie müssen ihre Qual tragen -- nicht hundert, nicht tausend Jahre -- nein! -- von Ewigkeit zu Ewigkeit. -

                                                Was soll ich nun, nachdem ich mit euch jetzt vor Gottes Thron gestanden bin, seinem strengen Urteilsspruch mit euch zugehört und der Vollstreckung desselben mit euch zugeschaut habe, was soll ich nun zum Schlusse sagen? -- Ich rufe euch allen zu: Ach, meine lieben teuren Brüder und Schwestern, lasset uns hierbei um Gottes willen nicht an unseren Nachbar, nicht an den und jenen denken, den unser arges Herz vielleicht für einen Scheinchristen hält, sondern lasset uns alle an uns selbst denken. Lasset uns bedenken: mit Gott und unserer Seligkeit ist nicht zu scherzen! Lasset uns diese Warnung seines Wortes nicht in den Wind schlagen. Lasset uns selbst uns prüfen, ehe der HERR kommt, uns zu besehen. Lasset uns nicht zufrieden sein mit einem bloßen Scheinchristentum, sondern uns dem HERRN darstellen, wie wir sind; lasset uns hier täglich als arme Sünder ihm zu den Füßen fallen, mit Ernst nach der Seligkeit trachten, von Herzen an Christum glauben, von Herzen Christo folgen, von Herzen ihm dienen; so wird er uns auch einst für die Seinigen erkennen, ja, wenn wir einst in die Ewigkeit eingehen, so wird man fragen: „Wer sind diese mit weißen Kleidern angetan? Und woher sind sie gekommen?“ Und der HERR selbst wird antworten: "Diese sind es, die gekommen sind aus großer Trübsal, und haben ihre Kleider gewaschen, und haben ihre Kleider helle gemacht in dem Blut des Lammes.“ Amen. Amen.

 

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Oculi (Meine Augen sehen stets auf den HERRN. Ps. 25, 15) ueber Sacharja 3, 1-7: Der Hohepriester Sacharja vor dem Richterstuhl des HERRN

 

Sacharja 3, 1-7: Und mir wurde gezeigt der Hohepriester Josua, stehend vor dem Engel des HEERRN; und der Satan stand zu seiner Rechten, dass er ihm widerstünde. Und der HERR sprach zu dem Satan: Der HERR schelte dich, du Satan; ja, der HERR schelte dich, der Jerusalem erwählt hat! Ist dieser nicht ein Brand, der aus dem Feuer errettet ist? Und Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel, welcher antwortete und sprach zu denen, die vor ihm stunden: Tut die unreinen Kleider von ihm! Und er sprach zu ihm: Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen und habe dich mit Feierkleidern angezogen. Und er sprach: Setzt einen reinen Hut auf sein Haupt! Und sie setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an, und der Engel des HERRN stand da. Und der Engel des HERRN bezeugte Josua und sprach: So spricht der HERR Zebaoth: Wirst du in meinen Wegen wandeln und meiner Hut warten, so sollst du regieren mein Haus und meine Höfe bewahren; und ich will dir geben von diesen, die hier stehen, dass sie dich geleiten sollen.

 

    Geliebte in dem HERRN Christus!

    In der ganzen Heiligen Schrift wird uns die Rechtfertigung oder Vergebung der Sünden unter dem Bild einer Gerichtshandlung dargestellt, so schon in den Worten 1. Mose 15, 6: „Aram glaubte dem HERRN, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.“ Der HERR hatte Abraham in seiner schweren Anfechtung die Verheißung gegeben, dass seine Nachkommenschaft so zahlreich sein werden wie die Sterne am Himmel. Das war für ihn, der schon im hohen Alter stand und noch keinen leiblichen Sohn hatte, eine unbegreifliche Verheißung. Dennoch glaubte sie Abraham, und das rechnete ihm der HERR zur Gerechtigkeit, erklärte ihn deswegen für einen Gerechten.

    In demselben Sinn spricht David im 143. Psalm: „Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht. Denn der Feind verfolgt meine Seele.“ David erblickt sich nach diesen Worten als einen Ungerechten, einen Sünder, den Feind, den Satan, als seinen Ankläger, Gott als seinen Richter, der das Urteil über ihn zu sprechen hat, und fleht daher zu ihm, dass er nicht mit ihm ins Gericht gehen, nämlich kein verdammendes Urteil über ihn fällen möge.

    Noch vollständiger aber erscheint die Rechtfertigung als eine gerichtliche Handlung in den bekannten Worten Röm. 8: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“ Da haben wir alle Personen, die in einer Gerichtsverhandlung erscheinen: die Auserwählten als die Angeklagten, den, der sie beschuldigt oder verklagt, nach Offb. 12, 10 Satan, „der sie verklagt Tag und Nacht vor Gott“; ferner den Anwalt, Christus, der die Angeklagten vor dem Richterstuhl Gottes verteidigt, und endlich Gott als den Richter, der die Angeklagten aufgrund des Todes und der Auferstehung Christi und seiner Vertretung für gerecht erklärt, ein freisprechendes Urteil über sie fällt.

    Dasselbe, und zwar ein nach allen Seiten vollständiges Bild der Rechtfertigung als einer gerichtlichen Handlung, haben wir in den verlesenen alttestamentlichen Textworten, in welchen der Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN als der Angeklagte erscheint. Der Gegenstand unserer Betrachtung sei daher:

 

Der Hohepriester Josua vor dem Richterstuhl des HERRN

 

    Dieser wird

    1. von dem Satan verklagt,

    2. vom dem HERRN gerechtfertigt,

    3. in seinem Amt bestätigt.

 

1.

    „Mir wurde gezeigt der Hohepriester Josua, stehend vor dem Engel des HERRN. Und der Satan stand zu seiner Rechten, dass er ihm widerstände.“ So lesen wir zu Anfang unseres Textes. Der Prophet Sacharja erblickt also den Hohenpriester Josua, den ersten Hohenpriester des Volkes, als dieses aus der Gefangenschaft in Babel nach Jerusalem zurückgekehrt war, vor dem Engel des HERRN als Angeklagten. Der Engel des HERRN ist kein anderer als der Engel des Bundes, Christus, und vor diesem war der Satan als Ankläger Josuas erschienen, denn das sagen die Worte: „dass er ihm widerstände“. Er verklagte Josua vor dem HERRN, aber nicht ihn allein für seine Person, sondern mit ihm das ganze Volk, dessen Vertreter er in seiner Eigenschaft als Hoherpriester war. Als Angeklagter stand Josua zur Linken, Satan als Ankläger zu seiner Rechten, wie es zu jener Zeit in Gerichtsverhandlungen zu geschehen pflegte.

    Weswegen verklagte Satan den Hohenpriester? Das sagen und die Worte V. 3: „Und Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel“, das heißt, er stand dort in seinen Sünden und Missetaten des Menschen, weshalb es Jes. 64, 4 heißt: „Wir sind allesamt wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätiges Kleid.“ Wenn aber Josua in unreinen Kleidern dastand, so ist damit nicht etwa gesagt, dass er ein besonders großer Sünder war, sich schwerer Sünden schuldig gemacht hatte. Aber er hatte sich mit den Gefangenen lange Zeit in einem heidnischen Land, in Babel, befunden, er selbst und viele andere waren darin aufgewachsen, und da hatte es denn an dieser oder jener Beteiligung, an allerlei Verschuldigungen in gottesdienstlicher Hinsicht nicht gefehlt. Dessen gab sich Josua, den die Propheten Haggai und Sacharja sonst hoch in Ehren hielten, ohne Zweifel auch schuldig; und deswegen verklagt ihn nun der Satan vor dem HERRN, dass er als ein Unreiner, mit Sünden Befleckter, nicht würdig sei, das Hohepriesteramt zu verwalten oder als ein Unreiner der Hohepriester und Vertreter des unreinen Volkes zu sein, im Heiligtum des HERRN vor Gott zu erscheinen.

    Aber wie Josua dort, so stehen auch wir, meine Zuhörer, vor dem Richterstuhl des HERRN, und wie dort Satan Josua widerstand, als sein Ankläger auftrat, so ist er auch der Ankläger eines jeden von uns, wie uns das schon vorhin aus der Offenbarung angeführte Wort, dass der Satan die Heiligen Tag und Nacht vor Gott anklagt, deutlich lehrt. Verklagte er nicht selbst den frommen und gottesfürchtigen Hiob vor Gott, indem er dessen Aufrichtigkeit anzweifelte, seine Frömmigkeit auf Eigennutz zurückzuführen suchte? Das zeigt uns, welch ein boshafter Geist der Satan ist. Zuerst versucht er die Kinder Gottes, um sie zu allerlei Sünden zu verleiten, wie er unsere ersten Eltern im Paradies versuchte und sie von Gott abfällig machte, ferner Christus selbst, um ihn zum Misstrauen, zur Verleugnung seines himmlischen Vaters und zu fluchwürdiger Abgötterei zu verleiten. Ist ihm das boshafte Werk gelungen, hat er die Gläubigen zu dieser oder jener Sünde verführt, dann ändert er seine Rolle, wird aus dem Versucher der Ankläger und macht die vorher so lieblich dargestellte Sünde so schwarz und groß, wie er nur kann, um sie wie Judas in Verzweiflung zu stürzen. Daher schreibt Petrus: „Seid nüchtern und wacht! Denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widersteht fest im Glauben!“ So ein frecher Geist ist dieser Widersacher, dass er es wagt, vor dem heiligen Gott selbst als Ankläger zu erscheinen, dass er, obwohl selbst ein Verdammter, von dem gerechten Richter es geradezu fordert, dass er über die Gläubigen das Urteil der Verdammnis ausspreche.

    Hat er Anlass, als unser Ankläger vor Gott aufzutreten? Merkt wohl, ich sage nicht: Hat er ein Recht dazu? Denn woher sollte er, der Versucher und Verführer, dieses Recht haben? Ich frage vielmehr: Hat er Anlass, uns zu verklagen? Freilich, denselben Ansatz wie bei Josua! Denn stehen wir in reinen oder unreinen Kleidern, als Sünder oder als Heilige vor Gott? Ach, wenn wir auf unsere Werke, unseren Wandel blicken, so stehen auch wir in unreinen Kleidern, mit so mancher Sünde verunreinigt, da; denn wer will einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist? Da ist kein Gebot Gottes, dessen Übertretung wir uns nicht schuldig bekennen müssen, wenn auch nicht äußerlich grober Taten, so doch im Herzen, in Gedanken und Worten. Wie so gar fehlt es, um nur das eine zu erwähnen, an der Erfüllung des ersten Gebots, dass wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen! Wie oft fürchten wir Menschen mehr als Gott; wie oft lieben wir Geld und Gut und Menschen mehr als Gott; wie oft vertrauen wir auf irdische, vergängliche Dinge mehr als auf Gott! So müssen wir denn wahrlich mit Johannes sagen: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, dann verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns“ und mit Hiob: „Wenn ich mich gleich mit Schneewasser wüsche und reinigte meine Hände mit dem Brunnen, so wirst du mich doch tunken in den Kot, und werden mir meine Kleider scheußlich anstehen.“ Wen wir aber dies bekennen müssen, was für ein Urteil haben wir dann von dem heiligen Richter zu erwarten? Darauf lasst uns nun zweitens nach unserem Text blicken.

 

2.

    Wir lesen nicht, dass Josua auch nur mit einer Silbe sich gegen die Anklagen Satans verantwortet hätte, sondern nur: „Josua hatte unreine Kleider an und stand vor dem Engel.“ Schweigend stand er da, und sein Schweigen war das Bekenntnis seiner Schuld. Im Buch Esra wird berichtet, dass mehrere unter seinen Kindern heidnische Frauen in Babel genommen und sich dadurch gegen das ausdrückliche Gebot Gottes versündigt hatten. Im Bewusstsein seiner Schuld wagte er es nicht, auch nur ein Wort zu seiner Verteidigung vorzubringen.

    Aber stand er schuldbewusst und schweigend da, so übernahm nun der Engel des HERRN selbst seine Verteidigung; denn so heißt es weiter: „Der HERR schelte dich, du Satan; ja, der HERR schelte dich, der Jerusalem erwählt hat! Ist dieser nicht ein Brand, der aus dem Feuer errettet ist?“ Er wies also nicht bloß den Satan mit seiner Anklage ab, sondern schalt ihn aufs höchste, dass er es wagte, Josua zu verklagen, und gibt als Grund an, dass der HERR selbst Jerusalem erwählt habe, und dass Josua als ein Brand aus dem Feuer errettet worden sei. Gott der HER hatte sich aufs neue die aus der Gefangenschaft Zurückgekehrten zu seinem Volk und Erbteil und Jerusalem als den Ort erwählt, wo sein Name wohnen sollte, und dies wollte nun der Satan hindern, Josua und das Volk verworfen haben. Gott der HERR hatte besonders Josua wie einen Brand aus dem Feuer errettet, ihn aus der Gefangenschaft befreit, in der er so viele Leiden und Trübsale, Spott und Hohn wie in einem Feuer hatte erdulden müssen, dass er wie ein ins Feuer geworfenes und angebranntes Holzscheit, das aus dem Feuer herausgerissen wird, erschien. Gott selbst hatte ihn aus Barmherzigkeit herausgerissen, aus dem feurigen Ofen der babylonischen Gefangenschaft errettet, und nun wollte Satan ihn verdammt und in das ewige Feuer geworfen haben. So widerstand Satan nicht allein Josua, sondern auch Gott dem HERRN selbst, indem er den Gerechten verworfen, den Erretteten der Verdammnis überantwortet wissen wollte.

    Nachdem aber Satan mit seiner Anklage abgewiesen und gescholten war, wandte sich der HERR denen zu, die um ihn standen, das heißt, zu den heiligen Engeln, die allezeit vor seinem Thron als seine Diener stehen, damit sie seine Befehle vollziehen, und sprach zu ihnen: „Tut die unreinen Kleider von ihm!“ Und er sprach zu ihm: „Siehe, ich habe deine Sünde von dir genommen.“ Das Ausziehen der unreinen Kleider bezeichnet nichts anderes als Vergebung der Sünden, deren sich Josua schuldig gemacht hatte. Nicht also verurteilt, verdammt, wurde Josua von dem HERRN, sondern gerechtfertigt. Anstatt der unreinen wurden ihm Feier- oder Festkleider angezogen. Welch ein Wechsel oder Wandel ging also mit Josua vor! Mit unreinen Kleidern, als ein Sünder, war er vor dem Richterstuhl erschienen, mit festlichen, glänzenden Kleidern, als Reiner oder Heiliger, steht er jetzt da. Satan ist mit seiner Anklage zuschanden geworden; Josua ist gerechtfertigt, zu Gnaden angenommen worden.

    So, meine Zuhörer, handelt Gott der HERR noch immer in Bezug auf bußfertige Sünder. Mögen sie immerhin Sünder, mögen ihre Sünden noch so groß, und mögen ihrer noch so viele sein, mag sie Satan noch so sehr verklagen: Gott der HERR nimmt sich ihrer dennoch an, weist den Satan mit seinen Anklagen ab und vergibt ihnen um Christi, ihres Heilandes, willen, der sie von allen Sünden, vom Tod und von der Gewalt des Teufels mit seinem heiligen und teuren Blut erlöst hat, alle ihre Sünden. Er spricht zu ihnen, wie es Jes. 1 heißt: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden; und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.“ Er zieht auch sie mit Feierkleidern an, mit dem herrlichen Verdienst Christi, und in diesen stehen sie als vollkommene Heilige da, an denen kein Flecken oder Runzel oder des etwas ist, sondern die ganz heilig und unsträflich sind.

    Fürchte dich darum, mein Zuhörer, vor den Anklagen Satans nicht, sondern halte dich in bußfertigem Glauben an Christus, deinen Heiland! Auf ihn hat Gott der HERR alle deine Sünden geworfen; er hat sie alle gebüßt, die Strafe bezahlt, das Gesetz vollkommen für dich erfüllt und dir eine vollkommene Gerechtigkeit erworben, und die rechnet Gott auch dir zu und rechtfertigt dich wie Josua. Verklagen dich deine Sünden, verklagt dich Satan so, dass du ausrufst:

Wo soll ich fliehen hin,

Weil ich beschweret bin

Mit viel und großen Sünden?

Wo soll ich Rettung finden?

Wenn alle Welt herkäme,

Mein Angst sie nicht wegnähme,

kannst du auf alle Anklagen ebenso wenig wie Josua ein Wort zu deiner Verteidigung erwidern, rufe ihm dennoch keck und kühn zu:

Wirfst du mir mein Sündgen vor?

Wo hat Gott befohlen,

Dass mein Urteil über mir

Ich bei dir soll holen?

Wer hat dir die Macht geschenkt,

Andre zu verdammen,

Der du selbst doch liegst versenkt

In der Höllen Flammen?

 

Hab ich was nicht recht getan,

Ist mir’s leid von Herzen;

Dahingegen nehm ich an

Christi Blut und Schmerzen;

Denn das ist die Ranzion

Meiner Missetaten;

Bring ich dir vor Gottes Thron,

Ist mir wohl geraten.

    Ja, so sprich in festem Vertrauen; denn der HERR wird den Satan auch als deinen Ankläger schelten, deine Missetat von dir nehmen und dich mit Feierkleidern antun, dass du mit dem Propheten Jesaja fröhlich rühmen kannst: „Ich freue mich in dem HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mich angezogen mit Kleidern des Heils und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Schmuck geziert.“ Ja, mit priesterlichem Schmuck geziert, wie Josua dritt4ens in seinem priesterlichen Amt bestätigt wurde.

 

3.

    Josua wird nicht allein von dem HERRN gerechtfertigt, sondern auch in seinem Amt als Hoherpriester bestätigt; denn so heißt es weiter: „Und sprach: ‚Setzt einen reinen Hut auf sein Haupt!‘ Und sie setzten einen reinen Hut auf sein Haupt und zogen ihm Kleider an; und der Engel des HERRN stand da.“ Der Hut war ein Teil der Amtstracht des Hohenpriesters, die er bei seinen Amtshandlungen im Tempel anzulegen hatte. Er war mit einem Stirnband aus feinem Gold versehen, in welches die Worte: „Die Herrlichkeit des HERRN“ eingegraben waren. Außer mit diesem Hut wurde er mit den anderen hohepriesterlichen Gewändern geschmückt, so dass er in dem vollen hohepriesterlichen Ornat dastand und feierlich als Hoherpriester Gottes erklärt und bestätigt wurde. Dies bezeugte ihm der Engel des HERRN in den Worten: „Wirst du in meinen Wegen wandeln und meiner Hut warten, so sollst du regieren mein Haus und meine Höfe bewahren; und ich will dir geben von diesen, die hier stehen, dass sie dich geleiten sollen.“ Als Hoherpriester soll Josua das Haus Gottes, das heißt, die Kirche des Alten Testaments, und dessen Vorhöfe, alles, was mit ihm in Beziehung stand, bewahren und in acht nehmen, und dies dadurch, dass er in den Wegen des HERRN wandelte, seine Ordnungen bewahrte und sich in allen seinen Handlungen nach dem Wort, den Geboten, richtete. Wenn er dies treu und gewissenhaft tue, dann solle er dermaleinst auch unter denen, die dort vor dem Richterstuhl Christi standen, den heiligen Engeln, wandeln vor dem Angesicht Gottes. Solche herrliche Verheißung wurde Josua gegeben.

    Können wir dies alles auf uns anwenden? Nun, wir sind keine Hohenpriester wie Josua, aber alle Gläubigen sind geistliche Priester; denn Petrus schreibt in seinem ersten Brief an alle Christen: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums.“ Schon durch die heilige Taufe sind sie geistliche Priester geworden. Und worin besteht ihr priesterlicher Dienst? Petrus sagt es in den Worten: „dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“ Die Tugenden, die Gnade und Barmherzigkeit Gottes, alle Wohltaten, die Gott ihnen erwiesen hat, indem er sie von der Finsternis des Unglaubens zu dem Licht seliger Erkenntnis berufen und gebracht hat, sie sollen sie lehren, anderen verkündigen, die Hausväter und Hausmütter als Priester ihre Kinder und Hausgenossen lehren, sie im Wort mit Fleiß unterrichten, mit ihnen die Opfer des Gebets darbringen. Wenn wir als gläubige Christen das tun, dann beweisen wir uns als geistliche Priester, dann wandeln wir in den Wegen Gottes, bewahren seine Ordnungen, lehren wie die Hausgemeinde Gottes.

    Dass alle Christen stets der hohen Würde, die sie als geistliche Priester besitzen, eingedenk sein und sich als solche besonders in ihrem Haus, in ihrer Familie, beweisen möchten! Wie ganz anders würde es in so vielen Häusern aussehen, wenn in ihnen das Wort Gottes gelesen und betrachtet würde, wenn das Gebet von dem Altar des Hauses emporstiege, das Opfer des Dankes dargebracht würde! Beweisen wir uns denn als solche geistlichen Priester! Lasst uns je länger je völliger im Dienst unseres Gottes und Heilandes stehen! Er hat ja auch uns in Gnaden angenommen, den Satan für uns gescholten, mit seinen Anklagen abgewiesen, uns die unreinen Kleider der eigenen Gerechtigkeit aus- und die Kleider des Heils, den Rock der Gerechtigkeit, uns angezogen und uns zu seinem königlichen Priestertum gemacht, so wird er denn auch seine Verheißung an uns erfüllen, dass wir dereinst unter den heiligen Engeln wandeln, mit ihnen vor seinem Thron in der seligen Ewigkeit stehen und seine Gnade und Barmherzigkeit ohne Unterlass preisen. Das geschehe um Christi, unseres Heilandes, willen! Amen.

 

Alttestamentliche Predigt zum Sonntag Laetare (Freuet euch mit Jerusalem, Jes. 66,10) ueber Sacharja 12, 10 – 13, 1: Die grosse Bussklage zu Jerusalem

 

Sacharja 12, 10-13, 1: Aber über das Haus David und über die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets; denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben, und werden ihn klagen, wie man klagt ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind. Zu der Zeit wird große Klage sein zu Jerusalem, wie die war bei Hadad–Rimon im Feld Megiddo. Und das Land wird klagen, ein jegliches Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Weiber besonders, das Geschlecht Simei besonders und ihre Frau besonders; also alle übrigen Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre Frauen auch besonders.

    Zu der Zeit wird das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen freien offenen Born haben wider die Sünde und Unreinigkeit.

 

    In dem gekreuzigten Heiland geliebte Zuhörer!

    Wenn wir die Weissagungen von dem Messias im Alten Testament mit der im Neuen Testament berichteten Erfüllung vergleichen, so sehen wir, dass jene nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im Einzelnen, in den scheinbar unwichtigen, den Nebenumständen, auf das genaueste in Erfüllung gegangen sind. Der Prophet Jesaja hatte geweissagt: „Siehe eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel“ – und von der reinen Jungfrau Maria ist der Immanuel geboren worden. Derselbe Prophet hatte verkündigt: „Er schießt auf vor ihm wie eine Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich“ und hatte damit auf die unscheinbare, niedrige Geburt Christi nach seiner menschlichen Natur hingewiesen, und Maria, seine Mutter, war, obwohl aus dem Geschlecht Davids, eine arme, niedrige Magd, die Vertraute eines einfachen Handwerkers, so dass er vor den Menschen als ein schwacher, unansehnlicher Sprössling aus einem dürren Wurzelstock erschien. Maria wohnte zu Nazareth in Galiläa, der nördlichen Provinz des gelobten Landes; aber der Prophet Micha hatte geweissagt: „Du Bethlehem-Ephrata, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel HERR sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist“, und damit diese Weissagung buchstäblich erfüllt werde, musste der mächtige römische Kaiser Augustus sein Gebot der Schatzung ausgehen lassen, durch das Maria veranlasst wurde, die Reise nach Bethlehem in Judäa, der südlichen Provinz des Heiligen Landes, anzutreten, damit dort von ihr der Heiland geboren werde. Nach Nazareth zurückgekehrt, wuchs der HERR dort in der Abgeschiedenheit und Stille unbeachtet auf, wurde für den Sohn eines Zimmermanns oder Baumeisters gehalten, und als er aus der Verborgenheit heraus sein öffentliches Lehramt antrat, da erfüllte sich das Wort des Propheten: „Er hatte keine Gestalt noch Schönheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.“ Die Juden hatten in dem Messias einen Mann von vornehmer Herkunft, von imponierender Gestalt, die allgemeines Aufsehen und Bewunderung hervorrufen würde, erwartet; stattdessen ging er in der Gestalt eines einfachen Lehrers einher, der in den Synagogen lehrte und das Evangelium vom Reich Gottes verkündigte. Anstatt eines glänzenden Herrschers sehen sie einen einfachen Lehrer, an dem sie kein Gefallen finden konnten. Seht da die buchstäbliche Erfüllung dieser Weissagungen in scheinbar geringfügigen Dingen.

    So auch hinsichtlich der Weissagung in unserem heutigen Text. Sie richtet den Blick auf den leidenden, ja den toten Heiland, verkündet, dass er „zerstochen“, eines gewaltsamen Todes gestorben ist, dessen Anblick denen, die ihn zerstochen haben, ins Herz schneidet, dass sie um ihn eine schmerzliche Weh- und Bußklage anstimmen, als sie erkennen, was sie getan haben. Hierauf lasst mich denn aufgrund des verlesenen Textes eure Aufmerksamkeit richten, nämlich auf

 

Die große Bußklage zu Jerusalem

 

    Wir sehen, dass sie

    1. um den geschieht, welchen sie zerstochen haben,

    2. eine allgemeine und schmerzliche ist,

    3. eine segensreiche Frucht hat.

 

1.

    „Zu der Zeit wird eine große Klage sein zu Jerusalem“, so, meine Zuhörer, heißt es in unserem Text. Fragen wir, über wen diese große Klage sein werde, so erhalten wir die Antwort von dem Propheten in den Worten: „Denn sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben.“

    Wer ist es, der durch den Propheten von sich sagt, dass sie ihn zerstochen oder durchbohrt haben? Derselbe, welcher im ersten Vers dieses Kapitels von sich sagt, dass er den Himmel ausbreitet und die Erde gründet und den Odem des Menschen in ihm macht, sodann, dass er Jerusalem zum Taumelbecher für alle Völker, die Schwachen und Strauchelnden unter seinen Einwohnern zu Helden wie einst David machen und alle Heiden, die feindlich gegen Jerusalem gezogen sind, vertilgen, aber über das Haus David und die Bürger zu Jerusalem den Geist der Gnade ausgießen werde. Wer breitet den Himmel aus, wer gründet die Rede, wer macht in dem Menschen den Odem, wer gießt seinen Geist der Gnade über Jerusalem aus? Das kann kein anderer sein als der einige wahre Gott, Jahwe; denn das sind lauter Werke der Allmacht, der Schöpfung, dessen, der da spricht, und es geschieht, der da gebietet, und es steht da.

    Aber dieser allmächtige Gott, der unveränderlich, ewig und unsterblich ist, sagt durch den Propheten in unserem Text von sich: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben, und werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind“, das heißt, sie werden um ihn die schmerzlichste Totenklage anstimmen. Wie! der Allmächtige soll von Ohnmächtigen getötet, der Unsterbliche gestochen werden, der Ewige soll ein Ende – und ein solches Ende – gefunden haben? Meine Freunde! Die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs oder unlösbaren Rätsels ist im Text selbst gegeben, wenn wir nur genau auf seine Worte achten. Denn während der Redende zuerst von sich selbst sagt: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben“, also von sich selbst redet, wendet er sogleich diese Rede, als gälte sie einer anderen Person, da er fortfährt: „Und werden um ihn klagen, wie klagt um ein einiges Kind.“ Aber der, welcher zuerst von sich sagt: „Sie werden mich ansehen“ und dann: „Wie werden um ihn klagen“, als um eine andere, dritte, von ihm geschiedene Person, ist doch derselbe. Er sagt es von sich und kann es von sich sagen, weil er beides, Gott und Mensch in einer Person ist, nämlich der Heiland, Jesus Christus, wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, der, sofern er wahrer Gott ist, ewig und unsterblich, aber insofern er wahrer Mensch ist, sterblich ist und zerstochen werden konnte und zerstochen worden ist. Wie? Das wissen wir alle, denn wir bekennen im zweiten Artikel: „Ich glaube an Jesus Christus, seinen einigen Sohn, unseren HERRN, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Ja, fassen wir das Wort „zerstochen“ im weiteren Sinn, so weissagt der Prophet damit das ganze unschuldige Leiden des HERRN, dessen Höhepunkt oder Letztes das Zerstechen war. Denn zerstochen, durchbohrt wurde sein Rücken, als er von den römischen Kriegsknechten so furchtbar gegeißelt wurde, durchstochen sein Haupt, als ihm die Dornenkrone mit ihren scharfen Stacheln aufs Haupt gesetzt und gedrückt wurde, durchstochen wurden seine Hände und Füße mit Nägeln, mit denen er ans Kreuz geschlagen wurde, durchstochen seine Seite, als einer der Kriegsknechte, als er sah, dass er schon gestorben war, anstatt, wie bei den beiden Übeltätern, ihm die Beine zu brechen, seine Seite mit einem Speer öffnete; und dies Letztere ist es, was der Prophet besonders mit dem Wort „zerstochen“ weissagt.

    Welch ein Bild, Geliebte, stellt uns also der Prophet bei näherer Betrachtung in den Worten: „Sie werden mich ansehen, welchen jene zerstochen haben“ im Licht der Erfüllung vor das Auge! Ein Bild, in dem wir Gott selbst, den eingeborenen Sohn Gottes, im Fleisch erschienen, am Kreuz auf Golgatha erblicken, sein Haupt durch eine Dornenkrone zerstochen, seine Hände und Füße mit Nägeln durchbohrt, seine Seite mit einem Speer geöffnet, zerstochen am Haupt, zerstochen an Händen und Füßen, zerstochen in der Seite, aus der Blut und Wasser hervorquillt. Und auf ihn, den so Zerstochenen, ist der Blick derer, die unter dem Kreuz stehen, gerichtet; sie sehen ihn an und klagen um ihn. Stehen auch wir heute im Geist unter seinem Kreuz, sehen wir ihn an als den, welchen wir zerstochen haben; sprechen wir mit dem Dichter:

O Haupt voll Blut und Wunden,

Voll Schmerz und voller Hohn!

O Haupt, zum Spott gebunden

Mit einer Dornenkron!

O Haupt, sonst schön gezieret

Mit höchster Ehr und Zier,

Jetzt aber höchst schimpfieret:

Gegrüßet seist du mir!

Dann werden auch wir in die große Klage einstimmen, von der der Prophet in unserem Text redet.

 

2.

    Der Prophet fährt fort: „Zu der Zeit“ oder, wie es eigentlich heißt, an dem Tag, „wird große Klage sein zu Jerusalem, wie die war bei Hadad-Rimon im Feld Megiddo“ und vergleicht die große Klage zu Jerusalem um den Zerstochenen mit der, welche einst bei Hadad-Rimon stattgefunden hat.

    Was das für eine Klage war, ersehen wir aus dem 35. Kapitel des 2. Buches der Chronik. Als nämlich der König Necho von Ägypten mit seinem Kriegsheer heranzog, zog ihm Josia, der König Israels, entgegen. Auf dem Feld oder im Tal Megiddo kam es zur Schlacht, und in ihr wurde Josia von einem Pfeil durchbohrt, tödlich verwundet. Er wurde aus der Schlacht geführt, nach Jerusalem gebracht und starb dort an seiner Wunde. Dieser Josia war der frömmste unter allen Königen Judas und wurde daher von dem ganzen Volk, namentlich aber von den Gottesfürchtigen, aufs schmerzlichste beklagt. Der Prophet Jeremia verfasste ein Trauerlied, Sänger und Sängerinnen klagten um ihn in Trauerliedern, die in eine Sammlung von Trauerliedern aufgenommen und lange Zeit von dem Volk gesungen wurden. Mit dieser Wehklage des ganzen Volkes vergleicht der Prophet die Wehklage um die Tötung des Messias und bezeichnet sie schon dadurch als eine allgemeine und überaus schmerzliche.

    Aber dies auch damit, dass er sagt: „Sie werden ihn beklagen, wie man klagt um ein einiges Kind, und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübt um ein erstes Kind.“ Wenn Eltern das erstgeborene Kind durch den Tod verlieren, so ist der Schmerz über seinen Verlust viel größer, als wenn sie von mehreren Kindern eines verlieren. Und so groß, so schmerzlich werde, so weissagt der Prophet, die Trauer oder Klage um den zerstochenen Messias sein. Aber nicht nur überaus schmerzlich, sondern auch allgemein, denn er führt fort: „Das ganze Land wird klagen, ein jegliches Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses David besonders und ihre Frauen besonders; das Geschlecht des Hauses Nathan besonders und ihre Frauen besonders; das Geschlecht des Hauses Levi besonders und ihre Frauen besonders; das Geschlecht Simei besoners und ihre Frauen besonders, also alle übrigen Geschlechter, ein jegliches besonders und ihre Frauen auch besonders.“ Kurz: So allgemein wird diese laute Wehklage sein, dass die königlichen und priesterlichen Geschlechter, die Männer und die Frauen, Junge und Alte, allesamt sie erheben werden.

    Ist diese Weissagung in Erfüllung gegangen, meine Freunde? Ertönt dort unter dem Kreuz auf Golgatha nicht vielmehr Hohn und Spott und Lästerung? Wohl! Aber lesen wir nicht auch, als der HERR zur Richtstätte hinausgeführt wurde: „Es folgte ihm nach ein großer Haufe Volk und Frauen, die klagten und beweinten ihn“, nicht auch, dass der Hauptmann, als er sah, was da geschah, ausrief: „Wahrlich, dieser ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen“, und dass alle, die dabei waren und zusahen, an ihre Brust schlugen? Mochte diese Klage bei vielen nur die Folge natürlicher Rührung oder natürlichen Mitleids sein, sie wurde doch laut. Und klagte nicht das ganze Land, als die Sonne ihren Schein verlor, das Land sich gleichsam in das Trauergewand der Finsternis hüllte, wodurch die Bewohner umso mehr in Furcht und Schrecken versetzt wurde, da sie eine plötzliche und wunderbare war?

    Aber damit hatte diese Bußklage kein Ende. Blickt auf jene große Versammlung zu Jerusalem am ersten neutestamentlichen Pfingsten! Da predigte Petrus den aus allen Ländern Zusammengekommenen den, welchen ihre Obersten zerstochen und getötet hatten, und rief ihnen am Schluss zu: „So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zu einem HERRN und Christ gemacht hat.“ Die Rede ging ihnen durchs Herz und erschütterte sie so, dass sie zu den Aposteln sprachen: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ Sie erhielten die Antwort: „Tut Buße, und lasse sich ein jeglicher taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung der Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des Heiligen Geistes.“ Damit wurde auch die in unserem Text enthaltene Weissagung erfüllt: „über das Haus David und die Bürger zu Jerusalem will ich ausgießen den Geist der Gnade und des Gebets“, nämlich den Heiligen Geist, der in den sündigen Menschen die Erfahrung der göttlichen Gnade wirkt, so dass sie, erleuchtet mit seinen Gaben, um Gnade, Vergebung der Sünde flehen und dann erst recht erkennen, wen sie zerstochen, welche Sünde und Schuld sie dadurch auf sich geladen haben. Denn ohne die Mitteilung des Heiligen Geistes gibt es keine bußfertige Erkenntnis des gekreuzigten Heilandes und keine wahre Bußklage um ihn.

    Wird diese Bußklage heute noch gehört? Blickt, meine Zuhörer, auf den dort am Kreuz Zerstochenen! Lässt dich sein Anblick kalt? Meinst du etwa, dass du ihn nicht auch zerstochen oder durchbohrt hast? Oder musst du nicht bei seinem Anblick ausrufen:

Ich, ich und meine Sünden,

Die sich wie Körnlein finden

Des Sandes an dem Meer,

Die haben dir erreget

Das Elend, das dich schläget,

Und das betrübte Marterheer.

 

Ich bin’s, ich sollte büßen,

An Händen und an Füßen

Gebunden in der Höll.

Die Geißeln und die Banden,

Und was du ausgestanden,

Das hat verdienet meine Seel!

    Das ist die große Bußklage, die in den Herzen aller Bußfertigen im ganzen Land ertönt, da sie durch den Heiligen Geist zur Erkenntnis ihrer Sünde und Schuld gekommen sind, mit der sich aber auch das Gnadenflehen verbreitet:

Nun, was du, HERR, erduldet,

Ist alles meine Last;

Ich hab es selbst verschuldet,

Was du getragen hast.

Schau her, hier steh ich Armer,

Der Zorn verdienet hat:

Gib mir, o mein Erbarmer,

Den Anblick deiner Gnad!

 

Ich will hier bei dir stehen,

Verachte mich doch nicht!

Von dir will ich nicht gehen,

Wenn dir dein Herze bricht.

Wenn dein Haupt wird erblassen

Im letzten Todesstoß,

Alsdann will ich dich fassen

In meinen Arm und Schoß.

    Selig, die so in Buße über ihre Sünde klagen und um Gnade flehen; denn sie sind es, denen die große Verheißung am Schluss unseres Textes gilt, die wir drittens noch kurz betrachten wollen.

 

3.

    Diese Verheißung lautet: „Zu der Zeit werden das Haus David und die Bürger zu Jerusalem einen freien, offenen Born haben gegen die Sünde und Unreinigkeit.“ Haben das Haus David und die Bürger zu Jerusalem eine so furchtbare Schuld dadurch auf sich geladen, dass sie den Schuldlosen zerstochen, auf grausame Weise gemartert und getötet haben, so hat der barmherzige Gott ihre Tat nach seinem ewigen Rat so gewendet, dass in ihr ihnen die größte Gnade zuteil werden soll, weil ihnen nämlich von jener Zeit an ein offener Born, das heißt, eine unaufhörlich fließende Quelle, eröffnet werden wird, durch die sie von aller Sünde und Unreinigkeit gereinigt werden sollen. Und dieser Born, diese stetig fließende Quelle, welches ist sie? Es sind die Wunden, die unserem Heiland geschlagen worden sind, es ist der breite Spalt in seiner Seite, durch den Stoß des Speers geöffnet, und das aus den Wunden und dem Spalt fließende Blut und Wasser sind der reinigende Strom, der die Tatsünde wie die ganze Unreinigkeit und Sündhaftigkeit hinwegschwemmt. So verkündigt denn unser Prophet in diesen Worten dasselbe, was Jesaja verkündigt hat, indem er weissagte: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Ja, „das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“.

    Welch ein Born der Gnade! Und dieser Born fließt im Evangelium, in der Taufe und im heiligen Abendmahl wie in seinen Kanälen daher, strömt in und durch die Vergebung der Sünden auf alle herab, aus deren Herzen über die Lippen diese Bußklage in der Kirche, dem neutestamentlichen Jerusalem, ertönt. Welch selige, herrliche Frucht: volle Rechtfertigung oder Vergebung und aus ihr hervorgehend wahre Heiligung; denn wer durch diesen Born gereinigt ist und immerdar gereinigt wird, der spricht auch von Herzen mit dem Dichter:

Ach, lass deine tiefen Wunden

Frische Lebensbrunnen sein!

Wenn mir alle Kraft verschwunden,

Wenn ich schmacht in Seelenpein,

Senk in Abgrund deiner Gnaden

Alle Schuld, die mich beladen.

Ach, lass deine Todespein

Nicht an mir verloren sein!

Aber auch:

Ich will mich mit dir schlagen

Ans Kreuz und dem absagen,

Was meinem Fleisch gelüst‘.

Was deine Augen hassen,

Das will ich fliehn und lassen,

Soviel mir immer möglich ist.