Wie man beten soll, für Meister Peter Balbierer

 

Martin Luther

 

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Lieber Meister Peter2, ich geb's euch so gut, als ich's habe und wie ich selber mich mit Beten halte. Unser Herr Gott geb' es Euch und jedermann besser zu machen. Amen.

Erstlich, wenn ich fühle, dass ich durch fremde Geschäfte oder Gedanken bin kalt und unlustig zu beten geworden wie denn das Fleisch und der Teufel allwege das Gebet wehren und hindern nehme ich mein Psälterlein, laufe in die Kammer oder, so es der Tag und Zeit ist, in die Kirche zum Haufen [Gemeinde] und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben und, darnach ich Zeit habe, etliche Sprüche Christi, Pauli oder Psalter mündlich bei mir selbst zu sprechen, allerdinge wie die Kinder tun. Darum ist's gut, dass man früh morgens lasse das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein, und hüte sich mit Fleiß vor diesen falschen, betrüglichen Gedanken, die da sagen: Harre ein wenig, über eine Stunde will ich beten, ich muss dies oder das zuvor fertigen; denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet in die Geschäfte, die halten und umfangen dann einen, dass aus dem Gebet des Tages nichts wird.

Und wiewohl etliche Werke vorfallen können, die so gut oder besser, denn das Gebet sind, sonderlich wenn sie die Not fordert, so geht ein Spruch unter des S. Hieronymus Namen: Alles Werk der Gläubigen ist Gebet; und ein Sprichwort: Wer treu arbeitet, der betet zwiefältig. Welches muss aus diesem Grunde geredet sein, dass ein gläubiger Mensch in seiner Arbeit Gott fürchtet und ehrt und an sein Gebot denkt, damit er Niemand unrecht tun, noch stehlen oder übernehmen [übervorteilen] oder veruntreuen wolle; und solche Gedanken und Glaube machen ohne Zweifel aus seinem Werk ein Gebet oder Lobopfer dazu. Wiederum [umgekehrt]muss dagegen auch die Wahrheit sein, dass eines Ungläubigen Werk eitel Fluchen sei, und: wer untreu arbeitet, der flucht zwiefältig. Denn seines Herzens Gedanken müssen in seiner Arbeit also stehen, dass er Gott verachte und sein Gebot [zu] übertreten und seinem Nächsten Unrecht zu tun, [zu] stehlen und veruntreuen gedenke. Solche Gedanken, was sind [sie] anders, denn eitel Flüche gegen Gott und den Menschen, dadurch sein Werk und Arbeit auch zwiefältiger Fluch wird, damit er sich selbst verflucht; und das bleiben auch endlich Bettler und Humpler. Von diesem stetigen Gebet sagt freilich Christus Luk. 11: man soll ohne Unterlass beten [Luk. 11, 5-13]. Denn man soll ohne Unterlass sich vor Sünden und Unrecht hüten, welches nicht geschehen kann, wo man Gott nicht fürchtet und sein Gebot vor Augen hat, wie Ps. 1, 2 sagt: Wohl dem, der Tag und Nacht denkt an Gottes Gebot usw.

Doch muss man auch darauf sehen, dass wir nicht uns vom rechten Gebet gewöhnen und deuten uns zuletzt selbst nötige Werke [zur Seligkeit], die es doch nicht sind, und werden dadurch zuletzt lass und faul, kalt und überdrüssig zum Gebet. Denn der Teufel ist nicht faul noch lass um uns her, so ist unser Fleisch noch allzu lebendig und frisch zur Sünde und gegen den Geist des Gebets geneigt.

Wenn nun das Herz durch solches mündliches Gespräch erwärmt und zu sich selbst gekommen ist, so knie nieder oder stehe mit gefalteten Händen und Augen gen Himmel, und sprich oder denke aufs kürzeste [so kurz] du kannst:

Ach himmlischer Vater, du lieber Gott, ich bin ein unwürdiger, armer Sünder, nicht wert, dass ich meine Augen oder Hände gegen dich aufhebe oder bete. Aber weil du uns allen geboten hast zu beten und dazu auch Erhörung verheißen, und über das selbst uns beide, Wort und Weise, gelehrt durch deinen lieben Sohn, unsern Herrn Jesus Christ, so komme ich auf solches dein Gebot, dir gehorsam zu sein, und verlasse mich auf deine gnädige Verheißung, und im Namen meines Herrn Jesu Christi bete ich mit allen deinen heiligen Christen auf Erden, wie er mich gelehrt hat: „Vater unser, der du bist usw.“ (ganz aus von Wort zu Wort).

Darnach wiederhole ein Stück, oder wie viel du willst, nämlich

 

Die erste Bitte:

Geheiligt werde dein Name, und sprich: Ach ja, Herr Gott, lieber Vater, heilige doch deinen Namen beide in uns selbst und in aller Welt. Zerstöre und vertilge die Gräuel, Abgötterei und Ketzerei des Türken, des Papstes und aller falschen Lehrer oder Rottengeister, die deinen Namen fälschlich führen und so schändlich missbrauchen und gräulich lästern, sagen und rühmen, es sei dein Wort und der Kirche Gebot, so es doch des Teufels Lüge und Trügerei ist, wodurch sie unter deinem Namen so viele arme Seelen jämmerlich verführen in der ganzen Welt und darüber auch töten, unschuldiges Blut vergießen und verfolgen, meinen, dir damit einen Gottesdienst zu tun. Lieber Herr Gott, hier bekehre und wehre: bekehre die, so noch sollen bekehrt werden, dass sie mit uns und wir mit ihnen deinen Namen heiligen und preisen, beide mit rechter, reiner Lehre und gutem, heiligen Leben. Wehre aber denen, die sich nicht bekehren wollen, dass sie aufhören müssen, deinen heiligen Namen zu missbrauchen, schänden und entehren und die armen Leute zu verführen. Amen.

 

Die zweite Bitte:

Dein Reich komme, und sprich: Ach lieber Herr, Gott Vater, du siehst, wie nicht allein der Welt Weisheit und Vernunft deinen Namen schändet und deine Ehre der Lüge und dem Teufel gibt, sondern alle ihre Gewalt, Macht, Reichtum und Ehre, die du auf Erden ihnen gegeben hast, weltlich zu regieren und dir damit zu dienen, gegen dein Reich setzt und strebt. Sie sind groß, mächtig und viel, dick, fett und satt, und plagen, hindern, zerstören den geringen Haufen deines Reiches, die schwach, verachtet und wenig sind, wollen sie auf Erden nicht leiden; meinen gleichwohl, damit dir einen großen Gottesdienst zu tun. Lieber Herr, Gott Vater, hier bekehre und wehre. Bekehre die, so noch sollen Kinder und Glieder deines Reiches werden, dass sie mit uns und wir mit ihnen dir in deinem Reich in rechtem Glauben und wahrhaftiger Liebe dienen und aus diesem angefangenen Reich in das ewige Reich kommen; wehre aber denen, so ihre Macht und Vermögen nicht wollen abkehren lassen von deines Reiches Zerstörung, dass sie, vom Stuhl gestürzt und gedemütigt, ablassen müssen. Amen.

 

Die dritte Bitte:

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden, und sprich: Ach lieber Herr, Gott Vater, du weißt, wie die Welt, wo sie nicht deinen Namen ganz zunichte machen kann und dein Reich ganz vertilgen, so gehen sie doch Tag und Nacht mit bösen Tücken und Stücken um, treiben viel Ränke und seltsame Anschläge, halten Rat, raunen zusammen, trösten und stärken sich, drohen und sprühen, gehen voll alles bösen Willens gegen deinen Namen, Wort, Reich und Kinder, wie sie dieselben umbringen.

Darum, lieber Herr, Gott Vater, bekehre und wehre! Bekehre, die deinen guten Willen noch erkennen sollen, dass sie mit uns und wir mit ihnen deinem Willen gehorsam seien und darüber alles Übel, Kreuz und Gegenwärtigkeit gern, geduldig und fröhlich leiden und deinen gütigen, gnädigen, vollkommenen Willen hierin erkennen, prüfen und erfahren; wehre aber denen, so von ihrem Wüten, Toben, Hassen, Drohen und bösen Willen, Schaden zu tun nicht ablassen wollen, und mache ihren Rath, böse Anschläge und Praktiken zunichte und zu Schanden, dass über sie selbst ausgehe, wie Psalm 7, 16 singt. Amen.

 

Die vierte Bitte:

Unser täglich Brot gib uns heute, und sprich: Ach lieber Herr, Gott Vater, gib auch deinen Segen in diesem zeitlichen, leiblichen Leben. Gib uns gnädig den lieben Frieden. Behüte uns vor Krieg und Unfriede. Gib unserm lieben Herrn Kaiser Glück und Heil gegen seine Feinde. Gib ihm Weisheit und Verstand, dass er sein irdisches Reich ruhig und glückselig regiere. Gib allen Königen, Fürsten und Herren guten Rat und Willen, ihr Land und Leute in Stille und gutem Recht zu erhalten, sonderlich hilf und leite unsern lieben Landesherrn N., unter dessen Schutz und Schirm du uns bewahrst, dass er vor allem Übel bewahrt, vor falschen Zungen und untreuen Leuten sicher, selig regiere. Gib allen Untertanen Gnade, treulich zu dienen und gehorsam zu sein. Gib allen Ständen, Bürgern und Bauern, dass sie fromm werden und einander Liebe und Treue erzeigen. Gib gnädiges Wetter und Früchte der Erde. Befehle dir auch Haus, Hof, Frau und Kind: hilf, dass ich sie wohl regiere und christlich ernähren und erziehen möge. Wehre und steuere dem Verderber und allen bösen Engeln, die hierin Schaden und Hindernis tun. Amen.

 

Die fünfte Bitte:

Vergib uns unsre Schuld, als wir vergeben unseren Schuldigern, und sprich: Ach lieber Herr, Gott Vater, gehe nicht mit uns ins Gericht, denn vor dir ist kein lebendiger Mensch gerecht. Ach, rechne uns auch nicht zur Sünde, dass wir, leider, so undankbar sind für alle deine unaussprechliche Wohltat, geistlich und leiblich, und dass wir täglich vielmal straucheln und sündigen, mehr denn wir wissen und merken können (Ps. 19, 13). Aber siehe du nicht an, wie fromm oder böse wir sind, sondern deine grundlose Barmherzigkeit in Christus, deinem lieben Sohn, uns geschenkt. Vergib auch all unsern Feinden und allen, die uns Leid oder Unrecht tun, wie auch wir ihnen von Herzen vergeben. Denn sie tun sich selbst damit das größte Leid, dass sie dich an uns erzürnen; und uns ist mit ihrem Verderben nichts geholfen, sondern [wir] wollten sie viel lieber mit uns selig sehen. Amen.

Und wer hier sich fühlt, dass er nicht wohl vergeben kann, der mag um Gnade bitten, dass er vergeben könne. Aber das gehört in die Predigt.

 

Die sechste Bitte:

Und führe uns nicht in Versuchung, und sprich: Ach lieber Herr, Gott Vater, erhalte uns wacker und frisch, hitzig und fleißig in deinem Wort und Dienst, dass wir nicht sicher, faul und träge werden, als hätten wir's nun alles. Damit uns der grimmige Teufel nicht erschleiche und übereile und nehme uns wieder dein liebes Wort oder richte Zwietracht und Rotten unter uns an oder führe uns sonst in Sünde und Schande, beide, geistlich und leiblich; sondern gib uns durch deinen Geist Weisheit und Kraft, dass wir ihm ritterlich gegenstehen und den Sieg behalten. Amen.

 

 

Die siebente Bitte:

Sondern erlöse uns von dem Bösen, und sprich: Ach lieber Herr, Gott Vater, es ist doch dieses elende Leben so voll Jammer und Unglück, so voll Fährlichkeit und Unsicherheit, so voll Untreue und Bosheit - wie S. Paulus sagt: Die Tage sind böse (Eph. 5, 16) - dass wir billig des Lebens müde und des Todes begierig sein sollten. Aber du, lieber Vater, kennst unsere Schwachheit, darum hilf uns durch solch mannigfaltiges Übel und Bosheit sicher fahren, und wenn die Zeit) kommt, gib uns ein gnädiges Stündlein und seligen Abschied von diesem Jammertal. Dass wir vor dem Tod nicht erschrecken noch verzagen, sondern mit festem Glauben unsere Seelen in deine Hände befehlen. Amen.

 

Zuletzt merke, dass du musst das Amen allewege stark machen und nicht zweifeln, Gott höre dir zu gewisslich mit allen Gnaden und sage Sa zu deinem Gebet, und denke ja, dass du nicht allein da kniest und stehst, sondern die ganze Christenheit, oder alle frommen Christen bei dir und du unter ihnen in einmütigem, einträchtigen Gebet, welches Gott nicht verachten kann; und gehe nicht vom Gebet, du habest denn gesagt oder gedacht: Wohlan, dies Gebet ist bei Gott erhört, das weiß ich gewiss und fürwahr. Das heißt Amen.

Also sollst du wissen, dass ich nicht will diese Worte alle im Gebet gesprochen haben. Denn da würde doch zuletzt ein Geplapper und eitel lediges Gewäsch aus, aus dem Buch oder Buchstaben daher gelesen, wie die Rosenkränze bei den Laien und die Gebete der Pfaffen und Mönche gewesen sind; sondern ich will das Herz damit gereizt und unterrichtet haben, was es für Gedanken im Vater Unser fassen soll. Solche Gedanken aber kann das Herz, wenn's recht erwärmt und zu beten lustig ist, wohl mit viel anderen Worten, auch wohl mit wenigen oder mehr Worten aussprechen; denn ich auch selber mich an solche Worte und Syllaben [Silben] nicht binde, sondern heute so, morgen andere Worte spreche, darnach ich warm und lustig bin. [Ich] bleibe doch, so nahe ich immer kann, gleichwohl bei denselben Gedanken und Sinn; [es] kommt wohl oft, dass ich in einem Stücke oder Bitte in so reiche Gedanken spazieren komme, dass ich die anderen sechs alle lasse anstehen. Und wenn auch solche reichen, guten Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn da predigt der Heilige Geist selber. Und [von] seiner Predigt ein Wort ist weit besser, denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt in einem Gebet, wie ich aus viel Lesen und Nachdenken hätte kriegen können.

Darum liegt die größte Macht daran, dass sich das Herz zum Gebet frei anderer Gedanken und lustig mache. Wie auch der Prediger 4, 17 sagt: Bereite dein Herz vor dem Gebet, auf dass du nicht Gott versuchst. Was ist's anders, denn Gott versuchen, wenn das Maul plappert und das Herz anderswo zerstreut ist? Wie jener Pfaff betete auf die Weise: Deus in adjutorium meum intende [Herr, achte auf mein Gebet] - Knecht hast du ausgespannt? Domine ad adjuvandum me festina [Eile, Herr, mir zu helfen]. Magd, gehe, melke die Kuh. - Gloria patri et filio et spiritui sancto [Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem heiligen Geist] - Lauf, Bube, dass dich der Ritt [d.i. das Fieber] schüttle usw. Welcher Gebete ich meine Tage im Papsttum viel gehört und erfahren habe, und sind fast alle ihre Gebete der Art. Damit wird Gottes nur gespottet, und wäre besser, sie spielten dafür, wenn sie ja nichts Besseres tun könnten oder wollten. Denn ich habe selbst solche horas canonicas [festgesetzte Gebetszeiten] meine Tage viel gebetet, leider [so], dass der Psalm oder die Gezeit [Gebetsstunde] aus war, ehe ich gewahr wurde, ob ich angefangen oder in der Mitte wäre [d.i. ohne mit den Gedanken dabei zu sein]. Und wiewohl sie nicht alle so herausfahren, mündlich, wie obgenannter Pfaff, die Geschäfte und Gebete unter einander werfen, so tun sie doch im Herzen mit den Gedanken also: werfen das Hundertste ins Tausendste, und wenn's aus ist, wissen sie nicht, was sie gemacht oder wie sie hindurch gekommen sind; heben an Laudate [Lobet], flugs sind sie im Schlaraffenland: dass ich's dafür halte, es sollte kein lächerlicheres Gaukelspiel Jemand vorkommen mögen, denn so er sehen möchte die Gedanken, so ein kaltes, unandächtiges Herz im Gebet unter einander treibt.

Aber nun sehe ich, Gott Lob! wohl, dass nicht fein gebetet ist, so einer vergisst, was er geredet hat. Denn ein rechtes Gebet gedenkt gar fein aller Worte und Gedanken, von Anfang bis zu Ende des Gebets. Gleich als ein guter, fleißiger Balbierer muss seine Gedanken, Sinne und Augen gar genau auf das Schermesser und auf die Haare richten und nicht vergessen, wo er sei im Strich oder Schnitt; wo er aber zugleich will viel plaudern oder anderswo hindenken oder gucken, sollte er wohl einem Maul und Nase, die Kehle dazu abschneiden. So gar will ein jegliches Ding, so es wohl gemacht soll werden, den Menschen ganz haben mit allen Sinnen und Gliedern, wie man spricht: Pluribus intentus, minor est ad singula sensus, „wer mancherlei denkt, der denkt nichts, macht auch nichts Gutes" wie vielmehr will das Gebet das Herz einig, ganz und allein haben, soll's anders ein gutes Gebet sein.

Das ist kurz vom Vaterunser oder Gebet gesagt, wie ich selbst zu beten pflege. Denn ich noch heutigen Tages an dem Paternoster [Vaterunser] sauge wie ein Kind, trinke und esse wie ein alter Mensch, kann sein nicht satt werden, und ist mir auch [noch] über den Psalter, den ich doch sehr lieb habe, das allerbeste Gebet. Fürwahr, es findet sich, dass es der rechte Meister gestellt und gelehrt hat, und ist Jammer über Jammer, dass solches Gebet solches Meisters soll also ohne alle Andacht zerplappert und zerklappert werden in aller Welt. Viele beten des Jahres vielleicht etliche tausend Paternoster, und wenn sie tausend Jahre also sollten beten, so hätten sie doch nicht einen Buchstaben oder Tüttel [Strichlein] davon geschmeckt noch gebetet. Summa, das Paternoster ist der größte Märtyrer so wohl wie der Name und Wort Gottes auf Erden; denn jedermann plagt's und missbraucht's, wenige trösten's und machen's fröhlich im rechten Brauch.

Wenn ich aber Zeit und Raum habe vor dem Paternoster, so tue ich mit den zehn Geboten auch also und hole ein Stück nach dem anderen, damit ich ja ganz ledig [frei von zerstreuenden Gedanken] werde, so viel es möglich ist, zum Gebet, und mache aus einem jeglichen Gebot ein geviertes oder ein vierfaches gedrehtes Kränzlein: Wie, ich nehme ein jegliches Gebot an, zum ersten als eine Lehre, wie es denn an ihm selber ist, und denke was unser Herr Gott darin so ernstlich von mir fordert. Zum zweiten mache ich eine Danksagung daraus. Zum dritten eine Beichte. Zum vierten ein Gebet. Nämlich also oder mit dergleichen Gedanken und Worten:

 

Das erste Gebot

Ich bin der Herr, dein Gott Du sollst keine anderen Götter haben neben mir usw.

Hier denke ich erstlich, dass Gott von mir fordert und lehrt herzliche Zuversicht zu ihm in allen Sachen, und ist sein hoher Ernst, dass er wolle mein Gott sein. Und dafür solle ich ihn halten bei Verlust der ewigen Seligkeit, und dass mein Herz sonst auf nichts solle bauen noch trauen, es sei Gut, Ehre, Weisheit, Gewalt, Heiligkeit oder einige Kreatur.

Zum zweiten danke ich seiner grundlosen Barmherzigkeit, dass er sich so väterlich zu mir verlorenen Menschen herunter senkt und sich selbst ungebeten, ungesucht, unverdient mir anbietet, mein Gott zu sein, sich meiner anzunehmen und in allen Nöten mein Trost, Schutz, Hilfe und Stärke sein will. So doch sonst wir armen, blinden Menschen so mancherlei Götter gesucht haben und noch suchen müssten, so er sich nicht selbst so öffentlich hören ließe und uns in unserer menschlichen Sprache sich anböte, dass er unser Gott sein wolle. Wer kann ihm dafür immer und ewiglich genug danken?

Zum dritten beichte und bekenne ich meine große Sünde und Undankbarkeit, dass ich solche schöne Lehre und hohe Gabe durch mein ganzes Leben so schändlich verachtet und mit unzähligen Abgöttereien seinen Zorn so gräulich gereizt habe, das ist mir leid und bitte um Gnade.

Zum vierten bitte ich und spreche: Ach mein Gott und Herr, hilf mir durch deine Gnade, dass ich solches dein Gebot möge täglich besser lernen und verstehen und mit herzlicher Zuversicht darnach tun. Behüte ja mein Herz, dass ich nicht mehr so vergessen und undankbar werde, keine anderen Götter noch Trost auf Erden, noch in allen Kreaturen suche, sondern allein rein und fein an dir, meinem einigen Gott bleibe. Amen, lieber Herr, Gott Vater, Amen.

Darnach, so ich will oder Zeit habe, das zweite Gebot auch so ins Geviert 1) gedreht, also:

 

Das zweite Gebot

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen usw.

Beispiel, etwa so:

Erstlich lerne ich, dass ich Gottes Namen soll herrlich, heilig und schön halten, nicht dabei schwören, fluchen, lügen, nicht hoffärtig sein, noch eigene Ehre oder Namen suchen, sondern demütig seinen Namen anrufen, anbeten, preisen und rühmen, und lassen das alle meine Ehre und Ruhm sein, dass er mein Gott ist und ich seine arme Kreatur und unwürdiger Knecht bin.

Zum zweiten danke ich der herrlichen Gaben, dass er mir seinen Namen offenbart und gegeben hat, dass ich mich seines Namens rühmen kann und nennen lasse Gottes Diener, Kreatur usw., dass sein Name meine Zuflucht ist, wie eine feste Burg, als Salomo sagt (Sprüche 18, 10), zu welcher flieht der Gerechte und wird beschirmt.

Zum dritten beichte und bekenne ich meine schändliche, schwere Sünde, wider dies Gebot mein Lebtage getan: da ich seinen heiligen Namen nicht allein unangerufen, ungerühmt und ungeehrt gelassen habe, sondern auch undankbar für solche Gabe gewesen bin und derselben zu allerlei Schande und Sünde missbraucht habe, mit Schwören, Lügen, Trügen usw., das mir leid ist, und bitte Gnade und Vergebung.

Zum vierten bitte ich um Hülfe und Stärke, dass ich hinfort solches Gebot wohl lernen möge und [Gott] mich behüte vor solcher schändlichen Undankbarkeit, Missbrauch und Sünde wider seinen heiligen Namen, sondern dass ich dankbar erfunden werde und in rechter Furcht und Ehre seines Namens.

Und wie ich droben gesagt habe im Vater Unser, so ermahne ich abermals: Falls der Heilige Geist unter solchen Gedanken käme und ansinge in dein Herz zu predigen mit reichen, erleuchteten Gedanken, so tue ihm die Ehre, lasse diese gefassten Gedanken fahren, sei still und höre dem zu, der's besser kann denn du; und was er predigt, das merke und schreibe es an, so wirst du Wunder erfahren, wie David sagt (Ps. 119, 18) im Gesetz Gottes.

 

Das dritte Gebot

Gedenke, dass du den Feiertag heiligst.

Hierin lerne ich erstlich, dass der Feiertag eingesetzt ist nicht zum Müßiggang, noch zu fleischlicher Wollust, sondern dass er von uns solle geheiligt werden. Durch unsere Werke aber und Tun wird er nicht geheiligt, denn unsere Werke sind nicht heilig, sondern durchs Wort Gottes, welches allein ganz rein und heilig ist, und alles heiligt, was damit umgeht, es sei Zeit, Stätte, Person, Werk, Ruhe usw. Denn durchs Wort werden unsere Werke auch heilig, wie S. Paulus 1. Tim. 4, 5 sagt, dass auch alle Kreatur geheiligt wird durchs Wort und Gebet. Darum erkenne ich hierin, dass ich am Feiertag solle zuvorderst Gottes Wort hören und bedenken, danach im selben Wort danken, Gott loben für alle seine Wohltat und beten für mich und alle Welt. Wer sich also hält am Feiertag, der heiligt den Feiertag; wer's nicht tut, der tut ärger denn die, so daran arbeiten.

Zum zweiten danke ich in diesem Gebot für die große, schöne Wohltat und Gnade Gottes, dass er uns sein Wort und Predigt gegeben hat und auf den Feiertag besonders zu üben befohlen, welchen Schatz kein menschliches Herz genugsam bedenken kann. Denn sein Wort ist das einzige Licht in der Finsternis dieses Lebens, und ein Wort des Lebens, Trostes und aller Seligkeit, und wo das liebe, heilsame Wort nicht ist, da ist eitel schreckliche, gräuliche Finsternis, Irrtum, Rotten [Sekten], Tod, alles Unglück und des Teufels eigene Tyrannei, wie wir täglich vor Augen sehen.

Zum dritten beichte und bekenne ich meine große Sünde und schändliche Undankbarkeit, dass ich die Feiertage so lästerlich habe mein Lebtage zugebracht und sein teures, wertes Wort so jämmerlich verachtet, so faul, unlustig und überdrüssig dasselbe zu hören gewesen, geschweige, dass ich's herzlich begehrt oder jemals dafür gedankt hätte. Habe also meinen lieben Gott umsonst mir predigen und den edlen Schatz fahren lassen und mit Füßen darüber gegangen, welches er mit eitel göttlicher Güte von mir geduldet und darum nicht abgelassen, immerfort mir zu predigen und zu rufen zu meiner Seelen Seligkeit mit aller väterlichen, göttlichen Liebe und Treue. Das ist mir leid und bitte um Gnade und Vergebung.

Zum vierten bete ich für mich und alle Welt, dass der liebe Vater wollte uns bei seinem heiligen Wort erhalten und dasselbe nicht von uns nehmen um unserer Sünde, Undankbarkeit und Faulheit willen. Wolle uns behüten vor Rottengeistern und falschen Lehrern, sondern sende uns treue und rechte Arbeiter in seine Ernte, das ist, treue und fromme Pfarrherrn und Prediger. Gebe uns allen auch Gnade, dass wir derselben Worte als seiner selbst Worte demütig hören, annehmen und ehren, dazu auch von Herzen dafür danken und loben usw.

 

Das vierte Gebot

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Erstlich lerne ich hier Gott, meinen Schöpfer, erkennen, wie wunderbar er mich mit Leib und Seele geschaffen, aus meinen Eltern das Leben gegeben, und hat ihnen das Herz gegeben, dass sie mir, als ihres Leibes Frucht, mit allen Kräften gedient, [hat mich] zur Welt gebracht, mich ernährt, mein gewartet, gepflegt und erzogen mit großem Fleiß, Sorge, Gefahr, Mühe und Arbeit, und bis auf diese Stunde mich, sein Geschöpf, an Leib und Seele vor unzähliger Gefahr und Noth behütet und auch oft ausgeholfen, als schaffte er mich alle Stunden aufs neue. Denn der Teufel gönnt uns nicht einen Augenblick das Leben.

Zum zweiten danke ich dem reichen, gütigen Schöpfer für mich und alle Welt, dass er in diesem Gebot gestiftet und bewahrt hat Vermehrung und Erhaltung des menschlichen Geschlechts, das ist, Haus- und Stadtwesen [Familie und Staat], oder Oeconomiam und Politiam, denn ohne diese zwei Wesen oder Regimente könnte die Welt nicht ein Jahr bestehen, weil ohne weltliches Regiment kein Friede ist; wo kein Friede ist, kann kein Hauswesen sein; wo kein Hauswesen ist, da können weder Kinder gezeugt noch erzogen werden, und müsste Vater- und Mutterstand ganz aufhören. Aber davor steht dies Gebot und hält und bewahrt beide, Hauswesen und Stadtwesen, gebietet den Kindern und Untertanen Gehorsam, hält auch darüber, dass es geschehen muss. Oder, wo es nicht geschieht, lässt [dies Gebot] es nicht ungestraft, sonst hätten die Kinder durch Ungehorsam längst alles Hauswesen und die Untertanen durch Aufruhr das Stadtwesen zerrissen und wüst gemacht: weil ihrer viel mehr sind, denn Eltern und Regenten. Darum ist solche Wohltat auch unaussprechlich.

Zum dritten beichte und bekenne ich meinen leidigen Ungehorsam und Sünde, dass ich gegen dies Gebot meines Gottes meine Eltern nicht geehrt noch gehorsam gewesen bin, sie oft erzürnt und beleidigt, ihre väterliche Strafe mit Ungeduld angenommen, gegen sie gemurrt, ihre treue Vermahnung verachtet, vielmehr loser Gesellschaft und bösen Buben gefolgt [bin]. So doch Gott selbst solchen ungehorsamen Kindern flucht und langes Leben abspricht, wie denn gar viele darüber auch schändlich umkommen und untergehen, ehe sie zu Leuten [Erwachsene] werden. Denn wer Vater und Mutter nicht gehorcht, muss dem Henker gehorchen oder sonst durch Gottes Zorn böse um sein Leben kommen usw. Solches alles ist mir leid und bitte um Gnade und Vergebung.

Zum vierten bete ich für mich und alle Welt, dass Gott uns wollte seine Gnade verleihen und seinen Segen reichlich ausschütten, beide über Hauswesen und Stadtwesen. Dass wir hinfort fromm werden, die Eltern in Ehren halten, den Herrschaften gehorsam sind, dem Teufel gegenstehen und seinem Reizen nicht folgen zu Ungehorsam und Unfriede, und also mit der Tat helfen das Haus und Land bessern und den Frieden erhalten, Gott zu Lob und Ehren, uns selbst zu Nuk und allem Guten, und dass wir solche seine Gaben erkennen und dafür danken. Hier soll mit unterlaufen auch das Gebet für die Eltern und Oberherrn, dass ihnen Gott Verstand und Weisheit verleihe, friedlich und selig uns vorzustehen und zu regieren. Er behüte sie vor Tyrannei, Toben und Wüten und wende sie davon, dass sie Gottes Wort ehren, nicht verfolgen, noch Jemand Unrecht tun. Denn solche hohen Gaben muss man mit Beten erlangen, wie S. Paulus lehrt. Sonst ist der Teufel der oberste Abt zu Hofe und geht übel und wüst zu.

Und wenn du auch Vater und Mutter bist, so ist's hier Zeit, dass du dein selbst nicht vergessest noch deiner Kinder und Gesinde; sondern bittest mit Ernst, dass der liebe Vater, so dich in seines Namens und Amtes Ehre gesetzt und dich auch will Vater genannt und geehrt haben, dir Gnade und Segen verleihe, dein Weib, Kind und Gesinde göttlich und christlich zu regieren und ernähren, gebe dir Weisheit und Kraft, sie wohl zu erziehen und ihnen ein gutes Herz und Willen, deiner Lehre zu folgen und gehorsam zu sein. Denn Gottes Gaben sind beide, Kinder und ihr Gedeihen, beide, wohl geraten und gut bleiben. Sonst wird ein Haus nichts anders denn ein Saustall, ist eine Bubenschule, wie man sieht bei den gottlosen, groben Leuten.

 

Das fünfte Gebot

Du sollst nicht töten.

Hier lerne ich erstlich, dass Gott von mir haben will, ich solle meinen Nächsten lieben, also, dass ich ihm kein Leid soll tun an seinem Leibe, weder mit Worten noch mit Werken, nicht durch Zorn, Ungeduld, Neid, Hass oder einige Bosheit mich an ihm rächen oder Schaden tun, sondern soll wissen, dass ich schuldig bin, ihm zu helfen und raten in allen seinen Leibesnöten. Denn er hat mir mit diesem Gebot meines Nächsten Leib zu bewahren befohlen, und wiederum meinem Nächsten befohlen, meinen Leib zu bewahren. Und wie Sirach spricht: er hat unser jeglichem seinen Nächsten befohlen [Sir. 9. 21].

Zum zweiten danke ich hier solcher unaussprechlichen Liebe, Sorge und Treue gegen mich, dass er eine solche große, starke Hut und Mauer um meinen Leib hergestellt hat, dass alle Menschen sollen schuldig sein, mein zu schonen und mich zu behüten, und wiederum ich auch gegen alle Menschen; hält auch darüber, und wo es nicht geschieht, hat er das Schwert befohlen zur Strafe derjenigen, die es nicht tun. Sonst, wo solches sein Gebot und Stift 1) nicht wäre, sollte der Teufel ein solches Morden unter uns Menschen anrichten, dass keiner nicht eine Stunde sicher leben könnte; wie es denn geschieht, wenn Gott erzürnt und die ungehorsame und undankbare Welt straft.

Zum Dritten beichte und klage ich hier über meine und der Welt Bosheit, dass wir nicht allein so gräulich undankbar sind für solche seine väterliche Liebe und Sorge für uns, sondern, das doch ja zumal schändlich ist, dass wir solches Gebot und Lehre nicht können, auch nicht lernen wollen, sondern verachten, als ginge es uns nichts an oder als hätten wir nichts davon. Gehen dazu sicher dahin, machen uns kein Gewissen, dass wir unsern Nächsten gegen dies Gebot so verachten, verlassen, ja verfolgen und verletzen, oder auch im Herzen wohl töten; folgen unserm Zorn, Grimm und aller Bosheit, als täten wir recht und wohl daran. Fürwahr, hier ist's Klagens und Schreiens Zeit [Klagezeit] über uns böse Buben und blinde, wilde, ungütige Leute, die wir, wie die grimmigen Tiere, unter einander uns treten, stoßen, kratzen, reißen, beißen und fressen, und fürchten solch ernstes Gebot Gottes nicht usw.

Zum vierten bitte ich, er wollte, der liebe Vater, uns solches sein heiliges Gebot lehren erkennen und helfen, dass wir uns auch darnach halten und leben: behüte uns alle unter einander vor dem Mörder, der alles Mordens und Schadens Meister ist [dem Teufel], und gebe seine reiche Gnade, dass die Leute, und wir mit ihnen, gegen einander freundlich, sanft, gütig werden, einander herzlich vergeben und einer des zweiten Fehl und Gebrechen christlich und brüderlich trage und also in rechtem Frieden und Einigkeit leben, wie dies Gebot uns lehrt und fordert.

 

Das sechste Gebot

Du sollst nicht ehebrechen.

Hier lerne ich abermals, was Gott gedenkt über mich und was er von mir haben will: nämlich, dass ich soll keusch und züchtig und mäßig leben, beide, mit Gedanken, Worten und Werken und soll einem jeglichen seine Frau, Tochter, Magd ungeschändet lassen; sondern helfen retten, schützen und alles tun, was zur Erhaltung ihrer Ehre und Zucht dient; auch helfen die unnützen Mäuler stopfen, so ihnen ihre Ehre abschneiden oder stehlen. Denn solches alles bin ich schuldig, und Gott will's von mir haben, dass ich nicht allein soll meines Nächsten Frau und die Seinen ungeschändet lassen, sondern auch schuldig sein, dass ich seine Zucht und Ehre helfe erhalten und bewahren, wie ich wollte, dass mein Nächster gegen mich solches tun müsste und dies Gebot an mir und den Meinen üben.

Zum zweiten danke ich dem treuen, lieben Vater für solche seine Gnade und Wohltat, dass er mit diesem Gebot in seinen Schutz und Schirm nimmt meinen Mann, Sohn, Knecht, Frau, Tochter, Magd, und verbietet so ernstlich und hart, dass man sie nicht zu Schanden soll machen. Denn er gibt mir sicheres Geleit, hält auch darüber und läßt's nicht ungestraft, sollte er's auch selber tun [strafen], wo jemand solches Gebot und Geleit übertritt und bricht. Es entläuft ihm keiner, er muss es entweder hier bezahlen oder solche Lust zuletzt im höllischen Feuer büßen; denn er will Keuschheit haben und Ehebruch nicht leiden. Wie wir's denn täglich sehen an allen unbußfertigen, ruchlosen Leuten, dass sie endlich Gottes Zorn ergreift und schändlich hinrichtet. Sonst wäre es nicht möglich, vor dem unsaubern Teufel eine Stunde seine Frau, Kind, Gesinde bei Zucht und Ehren zu erhalten. Es würden eitel Hundehochzeit und viehisches Wesen daraus, wie es geht, wo Gott im Zorn seine Hand abtut und läßt's drunter und drüber gehen.

Zum dritten beichte und bekenne ich meine Sünde wie ich gegen dies Gebot gesündigt habe, es sei mit Gedanken, Worten und Werken mein Lebtage, und nicht allein undankbar gewesen für solche schöne Lehre und Gabe, sondern auch wohl gegen Gott gemurrt habe, dass er solche Zucht und Keuschheit geboten und nicht allerlei Unzucht und Büberei frei und ungestraft gelassen hat, den Ehestand verachtet, verspottet, verdammt gehalten usw. Wie denn dieses Gebotes Sünden vor allen zweiten die gröbsten und allerkenntlichsten sind, keinen Deckel noch Schmücklein haben. Das ist mir leid usw.

Zum vierten bitte ich für mich und alle Welt, dass uns Gott wolle geben Gnade, solches sein Gebot mit Lust und Liebe zu halten, dass nicht allein wir keusch leben, sondern auch zweiten dazu helfen und raten.

So fahre ich fort mit den zweiten Geboten, so ich Zeit und Weile habe oder mich gelüstet. Denn, wie ich gesagt habe, will ich Niemand gebunden [haben] an diese meine Worte oder Gedanken, sondern mein Exempel dargestellt haben, dem da folgen mag, wer da will, oder bessern, wer's kann, und auf einmal vor sich nehmen alle Gebote oder so viel ihm gelüstet. Denn die Seele, wenn sie auf ein Ding gerät, es sei böse oder gut, und ihr Ernst ist, so kann sie in einem Augenblick mehr denken, denn die Zunge in zehn Stunden reden und die Feder in zehn Tagen schreiben. So ein behändes, subtiles und mächtiges Ding ist's um die Seele oder Geist. Darum hat sie die zehn Gebote durch alle vier Stücke gar bald ausgerichtet, wenn sie es tun will und Ernst ist.

 

Das siebente Gebot

Du sollst nicht stehlen.

Erstlich lerne ich hier, ich solle meines Nächsten Güter nicht nehmen noch haben gegen seinen Willen, weder heimlich noch offenbar, nicht untreu noch falsch sein mit Handeln, Dienen, Arbeiten, damit ich das Meine nicht diebisch gewinne, sondern solle mich im Schweiß meiner Nase nähren und mein eigenes Brod essen mit allen Treuen. Ebenso dass ich helfen soll, dass meinem Nächsten, gleich wie mir selbst, das Seine durch obgenannte Stücke nicht genommen werde. Ich lerne auch, dass Gott durch solches Gebot mir mein Gut befriedet und einhegt aus väterlicher Sorge und großem Ernst, weil er verbietet, man solle mir nichts stehlen; und wo man's nicht tut, so hat er die Strafe darauf gelegt, den Galgen und Strick Meister Hansen [Henker] befohlen, oder wo der nicht kann, so straft er's doch selbst, dass sie müssen zuletzt Bettler werden; wie man spricht: Wer jung gern stiehlt, der geht im Alter betteln. Ebenso: Unrecht Gut gedeiht nicht. Und: Übel gewonnen, böse zerronnen.

Zum zweiten danke ich seiner Treue und Güte, dass er mir und aller Welt so gute Lehre und damit auch Schuh und Schirm gegeben hat. Denn wo er nicht schützte, bliebe keinem ein Heller noch Bissen Brotes im Hause.

Zum dritten beichte ich alle meine Sünde und Undankbarkeit, wo ich Jemand unrecht und zu kurz oder untreu getan habe mein Lebelang usw.

Zum vierten bitte ich, er wollte Gnade verleihen, dass ich und alle Welt solches sein Gebot doch lernen und bedenken möge und auch [mich] davon bessern, dass doch des Stehlens, Raubens, Schindens, Veruntreuens, Unrechts weniger werde, und in kurzem durch den jüngsten Tag, da alles, aller Heiligen und Kreaturen Gebet hindringt (Röm. 8, 19), gar ein Ende werde. Amen.

 

Das achte Gebot

Du sollst nicht falsches Zeugnis usw.

Das lehrt erstlich uns, wahrhaftig unter einander sein und allerlei Lügen und Verleumden meiden, gern das Beste von zweiten reden und hören, und ist damit unserm Gerücht [Ruf] und Unschuld eine Mauer und Schutz gestiftet gegen böse Mäuler und falsche Zungen, welche auch Gott nicht ungestraft lässt, wie von zweiten Geboten gesagt. Dafür sollen wir ihm danken, beide für die Lehre und Schutz, die er uns so gnädig hiermit gibt, und zum dritten beichten und Gnade begehren, dass wir unser Lebtag so undankbar und sündlich zugebracht haben mit Lügen, falschen, bösen Mäulern gegen unsern Nächsten, dem wir doch Rettung aller seiner Ehre und Unschuld schuldig sind, wie wir selbst gern hätten. Zum vierten bitten wir um Hülfe, solches Gebot hinfort zu halten, und um eine heilsame Zunge.

 

Das neunte und zehnte Gebot

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Ebenso seine Frau usw.

Das lehrt uns erstlich, wie wir mit keinem Schein des Rechten unsers Nächsten Güter und was sein ist ihm abspannen, abwenden, abdringen sollen, sondern helfen, dass er's behalten möge, wie wir's selbst gern wollten uns geschehen. Und ist auch ein Schutz gegen die spitzen Fündlein und Ränke der Weltweisen [Juristen, Prozesskünstler], die doch auch ihre Strafe zuletzt kriegen. Zum zweiten sollen wir dafür danken; zum dritten unsere Sünde beichten mit Reue und Leid; zum Vierten bitten um Hilfe und Stärke, fromm zu werden und solches Gottes Gebot zu halten.

 

Das sind die zehn Gebote vierfältig gehandelt, nämlich als ein Lehrbüchlein, als ein Dankbüchlein, als ein Beichtbüchlein, als ein Betbüchlein. Hieraus sollte ja ein Herz zu sich selbst kommen und warm werden zum Gebet. Aber siehe zu, dass du es nicht alles oder zu viel vor dich nehmest, damit der Geist nicht müde werde. Ebenso, ein gutes Gebet soll nicht lang sein, auch nicht lange aufgezogen werden, sondern oft und hitzig sein. Ist genug, wenn du ein Stück oder ein halbes [vom Vaterunser oder den Geboten] kannst kriegen, daran du in deinem Herzen ein Feuerlein kannst entzünden Nun, das wird und muss der Geist geben und weiter lehren im Herzen, wenn es so mit Gottes Wort geräumt und befreit ist von fremden Geschäften und Gedanken.

 

Vom Glauben oder heiliger Schrift ist hier nicht zu sagen, denn das wäre ein unendliches Ding. Wer geübt ist, kann hier wohl einen Tag die zehn Gebote, den zweiten einen Psalm oder ein Kapitel aus der Schrift zu solchem Feuerzeug nehmen und in seinem Herzen damit Feuer aufschlagen.

 

Eine einfältige Weise, den Glauben zu betrachten

Wer nun übrige Zeit hat oder sonst Lust hat, der mag mit dem Glauben auch so tun und ein viergedrehtes Kränzlein daraus machen. Der Glaube aber hat drei große Hauptstücke oder Artikel, nach den drei Personen göttlicher Majestät, wie sie vorhin und auch in dem Katechismus geteilt sind.

 

 

 

Der erste Artikel

Von der Schöpfung.

Ich glaube an Gott, den Vater allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erde.

Hier leuchtet erstlich ein großes Licht in dein Herz, so du es willst haben, und lehrt dich in kurzen Worten, was mit allen Zungen und vielen Büchern nicht ausgeredet noch ausgeschrieben werden kann. Nämlich, was du bist, woher du kommst, wo Himmel und Erde herkommen. Denn du bist Gottes Geschöpf, Gemächte, Kreatur und Werk: das ist, von dir selbst und in dir selbst bist du nichts, kannst nichts, weißt nichts, vermagst nichts. Denn was bist du vor tausend Jahren gewesen? Was ist Himmel und Erde vor sechstausend Jahren gewesen? Ebenso gar nichts ist's, als das nichts ist, so nimmer soll geschaffen werden. Was du aber bist, weißt, kannst, vermagst, das heißt Gottes Geschöpf, wie du hier mit deinem Munde bekennst. Darum du vor Gott dich gar nichts zu rühmen hast, denn dass du gar nichts seiest, und er dein Schöpfer sei und dich alle Augenblicke zunichte machen kann. Von solchem Licht weiß die Vernunft nichts; viel hohe Leute haben gesucht, was Himmel und Erde, Mensch und Kreatur sei, und haben's doch nicht gefunden. Aber hier heißt es: der Glaube sagt, Gott habe alles geschaffen aus Nichts. Hier ist der Seele Lustgarten, zu spazieren in Gottes Werken. Aber es ist zu lang, hier davon zu schreiben.

Zum zweiten soll man hier danken, dass wir durch Gottes Güte aus Nichts geschaffen sind und aus Nichts täglich erhalten werden, ein solches sein Geschöpf, das Leib und Seele, Vernunft, fünf Sinne usw. hat, und uns zu Herren über die Erde, Fisch, Vogel, Tier gesetzt usw. Hier gehört her 1. Mose 1. 2. 3. Kap.

Zum dritten soll man beichten und klagen über unsern Unglauben und Undankbarkeit, dass wir solches nicht zu Herzen genommen, geglaubt, bedacht, noch erkannt haben, ärger denn die unvernünftigen Tiere.

Zum vierten bitten um rechten, gewissen Glauben, dass wir den lieben Gott für unsern Schöpfer hinfort ernstlich glauben und halten, wie dieser Artikel sagt.

 

Der zweite Artikel

Von der Erlösung

Und an Jesus Christus, seinen einigen Sohn, unsern Herrn usw.

Hier leuchtet abermals ja so großes Licht und lehrt uns, wie wir durch Christum, Gottes Sohn, erlöst sind von dem Tod, darin wir nach der Schöpfung durch Adams Sünde gefallen sind und ewig verderben mussten. Und hier ist geboten: gleichwie du im ersten Artikel dich selbst auch für eine unter den Kreaturen Gottes rechnen musst und nicht daran zweifeln, also musst du dich hier auch für einen unter den Erlösten rechnen und nicht zweifeln, und bei allen Worten setzen das erste Wort „unsern“, wie: Jesus Christus, unsern Herrn. So auch, unsern gelittenen, unsern gestorbenen, unsern auferstandenen, dass es alles unser sei und uns gelte und du unter denselben „unsern“ mit seiest, wie es das Wort selbst gibt.

Zum zweiten herzlich für solche Gnade danken und fröhlich sein über solche Erlösung.

Zum dritten bitterlich klagen und beichten den schändlichen Unglauben oder Zweifel an solcher Gnade. Ach, was wirst du hier zu denken kriegen, wie viel Abgötterei du hier wieder geübt hast mit so viel Heiligendienst und unzähligen eigenen Werken, die solcher Erlösung widerstrebt haben.

Zum vierten bitte nun, dass dich Gott bei rechtem, reinem Glauben an Christo, deinen Herrn, hinfort erhalte bis an das Ende.

 

Der dritte Artikel

Von der Heiligung

Ich glaube an den heiligen Geist usw.

Das ist das dritte große Licht, das uns lehrt, wo solcher Schöpfer und Erlöser auf Erden äußerlich zu finden und anzutreffen sei, und wo es alles zuletzt bleiben werde. Davon viel zu reden wäre; und ist kurz die Summa: wo die heilige christliche Kirche ist, da findet man Gott Schöpfer, Gott Erlöser und Gott heiligen Geist, das ist, der da täglich heiligt durch Vergebung der Sünden usw. Da ist aber die Kirche, wo Gottes Wort von solchem Glauben recht gepredigt und bekannt wird.

Hier hast du abermals viel zu denken von allem, was der Heilige Geist täglich in der Kirche übt usw. Darum danke hier, dass du auch in solche Kirche gekommen und berufen bist. Beichte und klage über deinen Unglauben und Undankbarkeit, dass du solches alles nicht geachtet hast, und bitte um rechten, festen Glauben, der da harre und bleibe, bis du kommst dahin, da es alles bleiben wird ewiglich, das ist, nach der Auferstehung von den Todten im ewigen Leben. Amen.

 

1 Entnommen aus: Luthers Werke für das christliche Haus. Hrsg. von Buchwald, Kawerau … Bd. 6. Braunschweig: C.A. Schwetschke und Sohn. 1891. S. 125 ff. https://www.google.de/books/edition/Luthers_Werke_f%C3%BCr_das_christliche_Haus/idFMCZ_hZrUC?hl=de&gbpv=1&dq=luther+werke+f%C3%BCr+das+christliche+haus&printsec=frontcover

2 Der Barbier Meister Peter, eine bekannte Persönlichkeit in Wittenberg und Luthers guter Freund, hatte von diesem eine Anweisung zum Beten begehrt. Luther erfüllte seinen Wunsch in obigem schlichten und frommen Schriftchen.