Vierzehn Trostmittel für Mühselige und Beladene
(Tessaradecas)
Martin Luther
15201
Einleitung
Kurfürst Friedrich der Weise war im Sommer 1519 von der Reise zur Kaiserwahl in Frankfurt am Main kaum nach seiner Residenz Torgau zurückgekehrt, als er dort schwer erkrankte, so dass seines Lebens wenig mehr zu verhoffen". Da forderte Georg Spalatin, der kurfürstliche Hofkaplan, Luther, dem das Leiden seines fürstlichen Gönners sehr nahe ging und der ihm gern seine Teilnahme bezeugen wollte, auf, seinem Landesherrn eine Trostschrift zu senden. Im August machte sich Luther an die Erfüllung dieses Wunsches und übersandte das vollendete Manuskript am 22. September an Spalatin, mit der Bitte, von seiner lateinischen Niederschrift für den Gebrauch des Kurfürsten eine freie deutsche Übersetzung anzufertigen. Ent Ende November übergab Spalatin seine Verdeutschung seinem Herrn, der Luthers Gabe gnädig aufnahm. Luther, dem Spalatin seine Handschrift bald wieder zustellte, beabsichtigte nicht, diese Trostschrift dem Druck zu übergeben; aber auf Spalatins Betreiben ließ er sie dann doch lateinisch und deutsch im Februar 1520 in Wittenberg erscheinen. Hierfür fügte er noch eine Widmung an den Kurfürsten hinzu, die freilich im ersten lateinischen Druck durch ein Versehen ausgelassen wurde, und daher zunächst nur deutsch erschienen ist. In beiden Ausgaben wurde die Schrift wiederholt nachgedruckt; schließlich veranstaltete noch Luther selbst im Jahre 1535/36 eine neue Ausgabe, die er mit einem neuen Vorwort versah. Aus diesem ersehen wir, dass er mit dem Inhalt im Einzelnen selbst nicht mehr ganz einverstanden war. In der Tat wird jeder Leser hier und da auf Auseinandersetzungen stoßen, die noch nach mittelalterlicher Lehrweise schmecken; aber Luther beschloss, diese Unvollkommenheiten unausgetilgt zu lassen, ihm selbst zum Zeugnis seiner inneren Entwicklung, böswilligen Gegnern als Handhabe, um sich über Luthers „Selbstwidersprüche“ ärgern zu können.
Titel und Form der Schrift sind eigentümlich und bedürfen der Erklärung. Die Frömmigkeit des Mittelalters hatte aus der großen Zahl von Heiligen, die man anrief, ihrer vierzehn zu „Nothelfern“ in allerlei Not erwählt: Acatius, Blasius, Christusphorus, Cyriacus, Dionysius, Egidius, Erasmus, Eustachius, Georg, Pantaleon, Vitus Barbara, Katharina, Margarethe: jeder von ihnen sollte bei einzelnen bestimmten Übeln besonders hilfreich sein. Wie nun manche Altartafel die Bilder dieser Vierzehn vor Augen führte, so malt hier Luthers Feder vor des Kranken Auge ein großes zweitafliges Gemälde, jede Hälfte aus sieben Bildern zusammengesetzt: die ersten sieben zeigen die Übel dieses und des zukünftigen Lebens und an ihnen ihr Gottes Gerechtigkeit, ,noch mehr aber sein Erbarmen‘; die andern sieben die Güter des Christen und in ihnen den Trost der göttlichen Gnade. Diese „vierzehn Tröster“ oder „Trostmittel“ der Schrift sollen an die Stelle der „Nothelfer“ treten, die menschlicher Aberglaube ersonnen. Spalatin hat im Titel seiner deutschen Übersetzung diese Beziehung fallen lassen und Luthers Tessaradecas consolatoria wiedergegeben mit: „Ein tröstliches Büchlein in aller Widerwärtigkeit eines jeden christgläubigen Menschen“. Wir haben versucht den Titel Tessaradecas consolatoria pro laborantibus et oneratis möglichst getreu wiederzugeben.
Unsere Verdeutschung der Schrift benutzt die Bearbeitung, welche Delius (M. Luthers Trostschriften. Gotha 1884) von Spalatins Übersetzung gegeben hat; doch musste der größere Teil neu übersetzt werden, da Delius Luthers Trostschrift außerordentlich verkürzt hat; und an vielen Stellen war außerdem die benutzte Übersetzung nach dem Original zu berichtigen oder zu ergänzen. Wir geben, wie ausdrücklich bemerkt sei, den Text Luthers ohne Verkürzungen; der Leser möge selbst beurteilen, was darin der in evangelischer Erkenntnis gereifte Luther als Reste katholisch-mönchischer Weltanschauung betrachtet haben mag.
G. Kawerau
Dieses Buch habe ich im Beginn meines Handels dem edlen Fürsten Friedrich, Herzog zu Sachsen, zugeschrieben, als er schwer erkrankt war; es wünschten aber Viele, dass es gedruckt würde. Als es aber wieder und wieder gedruckt wurde, ward es so entstellt und verstummelt, dass ich viele Worte vermisse, von denen ich selbst nicht einmal zu ahnen vermag, wie sie gelautet haben; dem Sinne nach habe ich sie jedoch möglichst wiederhergestellt und zwar so, wie ich meine, dass er ursprünglich gewesen ist. Auch habe ich diesen jetzt weder verändern noch weiter ausführen wollen, wie ich wohl könnte. Denn ich will mit diesem Buche ein Zeugnis meiner inneren Entwicklung an den Tag stellen und denen, die meine „Widersprüche“ sammeln, einen Dienst erweisen, damit sie etwas haben, woran sie ihre Bosheit üben. Mir ist's genug, dass ich meinem Herrn Christus und seinen Heiligen gefalle; dass ich dem Teufel und seinen Schuppen [Dienern] verhaftet bin, das freut mich von Herzen und ich danke meinem Gott dafür.
Dem durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Herrn Friedrich, Herzog zu Sachsen, des Heiligen Römischen Reiches Erzmarschall und Kurfürsten, Landgrafen in Thüringen und Markgrafen zu Meißen, seinem gnädigsten Herrn.
Unser Herr und Heiland Jesus hat ein Gebot hinterlassen, das alle Christen gleicher Weise angeht, dass wir die Dienstleistungen der Menschlichkeit oder vielmehr, wie die Schrift es nennt, die Werke der Barmherzigkeit den Angefochtenen und Leidenden erweisen sollen, dass wir uns angelegen sein lassen, die Kranken zu besuchen, die Gefangenen ledig zu machen, und dergleichen mehr unseren Nächsten tun, um dadurch die Übel, wenn sie da sind, etwas zu lindern. Und zwar hat unser Herr Jesus Christus an sich selbst das herrlichste Vorbild für dies sein Gebot uns vor Augen gestellt, dadurch, dass er aus unermesslicher Liebe gegen das menschliche Geschlecht aus des Vaters Schoß in unser Elend und unser Gefängnis, d. h. in unser Fleisch und unser Leben voller Leiden sich gesenkt und unsrer Sünden Strafe auf sich genommen hat, auf dass wir errettet würden, wie er sagt Jes. 43 (V. 24): „Du hast mir Arbeit gemacht in deinen Sünden und hast mir Mühe gemacht in deinen Missetaten usw.“
Wen dies herrliche Vorbild nicht bewegt und wen außerdem die Majestät des göttlichen Gebotes nicht antreibt, solche Werke der Liebe zu leisten, der wird wahrlich im jüngsten Gericht die Stimme des zornigen Richters hören: „Geh hin, du Verfluchter, in das ewige Feuer. Denn ich bin krank gewesen, und du hast mich nicht besucht, sondern hast in äußerstem Undank gegen die höchsten Wohltaten, die auf dich und die ganze Welt von mir verwandt worden sind, nicht einmal mit den geringsten Diensten deinen Brüdern, ja vielmehr mir, Christus, deinem Gott und Heiland, in den Brüdern Hülfe gebracht.“ [vgl. Matth. 25, 41.]
Da ich nun sehe, durchlauchtigster Fürst, dass E. K. F. G. [Eure Kurfürstliche Gnaden] von schwerer Krankheit heimgesucht sind und dass also Christus in Euch krank geworden ist, hab' ich's für meine Schuldigkeit erachtet, E. K. F. G. mit einer Zuschrift zu besuchen. Denn ich kann mich nicht stellen, als hörte ich nicht Christi Stimme aus E. K. F. &. Leib und Fleisch mir zurufen und sagen: „Siehe, ich bin hier krank.“ Denn solche Übel, als da sind Krankheiten u. drgl., leiden nicht wir Christen, sondern Christus selbst, unser Herr und Heiland, in dem wir leben, wie Christus deutlich im Evangelium bezeugt [Matth. 25, 40]: „Was ihr einem dieser meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und wenn wir gleich diesen Liebesdienst allen insgemein schulden, die von Krankheit geplagt werden, so sind wir's doch in besonderem Maße des Glaubens Genossen schuldig. Denn auch Paulus [Gal. 6, 10] macht einen deutlichen Unterschied zwischen den Fremden und den Glaubensgenossen oder denen, die mit engem Bande mit uns verbunden sind.
Doch ich habe auch noch andere Gründe für meine Verpflichtung. Denn ich erkenne, dass ich als einer der Untertanen E. K. F. G. mit der ganzen übrigen Schar Eurer Untertanen von E. K. F. G. Krankheit mitgetroffen sein und gleichsam an ihr mitleiden muss wie ein Glied mit dem Haupt, auf welchem all unser Heil, Landesfrieden und Wohlfahrt ruht. Denn wir erblicken in E. K. F. G. gleichsam einen Naeman [2. Kön. 5, 1], durch den Gott heutigen Tages Deutschland Heil beschert, wie er einst durch jenen Syrien Heil widerfahren ließ. Daher richtet auch das ganze römische Reich allein auf E. K. F. G. seine Blicke, verehrt und huldigt Euch als dem Vater des Vaterlandes, als einem Kleinod des ganzen Reiches, vorzüglich aber als deutscher Nation Zierde und Schirm.
Wir sind aber auch E. K. F. G. nicht allein das schuldig, dass wir euch nach Kräften trösten und Euer Leid als unser eigenes tragen, sondern viel mehr noch, dass wir Gott für Eure Gesundheit und Genesung anrufen, was, wie ich hoffe, E. K. F. G. Untertanen mit höchstem Fleiß und Ernst tun werden. Und ich, den sich E. K. F. G. zahlreiche und sonderliche Wohltaten und Verdienste vor andern zum Schuldner gemacht haben, erachte es für meine Pflicht, mit einer besonderen Dienstleistung meinen Dank zu bezeugen. Da ich aber bei der Dürftigkeit meines Geistes und meiner Mittel nichts Sonderliches zu leisten vermag, kam mir die Aufforderung sehr gelegen, die Herr Georg Spalatinus, E. K. F. G. Hofkaplan, an mich richtete, dass ich eine geistliche Vertröstung zurichten und dieselbe E. K. F. G. übersenden sollte; denn ein solcher Dienst werde E. K. F. G. höchst willkommen sein. Da hab' ich denn des Freundes Rath nicht widerstehen wollen und habe diese vierzehn Kapitel zusammengestellt, gleichsam als die Abteilungen einer Gedenktafel, und ihnen den Namen „die Vierzehn“ gegeben, dass sie die Stelle der vierzehn Heiligen verträten, welche unser Aberglaube zu Helfern wider alle Nöte gemacht und „die vierzehn Nothelfer“ genannt hat. Es ist aber diese Tafel nicht von Silber, sondern geistlicher Art; nicht die Kirchenwände soll ste zieren, sondern ein frommes Herz aufrichten und stärken, und wird, wie ich hoffe, E. K. F. G. bei gegenwärtiger Krankheit von gutem Nutzen sein. Sie besteht aber aus zwei Teilen; der erste enthält sieben Abbildungen von Übeln, bei deren Betrachtung die Leiden der Gegenwart sich mildern; der andre führt in ähnlicher Weise sieben Bilder von Gütern vor Augen, die zu gleichem Brauche zusammengestellt sind.
E. K. F. G. geruhe diese meine geringe Arbeit gnädig anzunehmen und wolle sie so gebrauchen, dass fleißiges Lesen und Betrachten dieser Bilder ein wenig Trost gewähre. E. K. F. G. befehle ich mich in aller Demut.
E. K. F. G. untertäniger
Martinus Luther D.
Vorrede
Der Apostel Paulus spricht, da er Röm. 15 (V. 4) vom Trost der Christen redet: „Lieben Brüder, alles, was geschrieben steht, ist uns zur Lehre geschrieben, auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben". Hiermit zeigt der Apostel deutlich, dass wir unseren Trost aus der Heiligen Schrift nehmen sollen. Aber die Heilige Schrift gebraucht eine zweifache Form der Vertröstung, indem sie uns zwei Bildnisse der Dinge, in heilsamem Grad gemischt, vorhält, nämlich der bösen und der guten Dinge, wie Jesus Sirach spricht [11, 26]: „In der Zeit des Unglücks gedenke der guten Dinge und in der Zeit des Glücks der bösen.“ Denn der Heilige Geist weiß, dass eine jegliche Sache für den Menschen so beschaffen und so viel wert ist, als seine Ansicht darüber beschaffen ist. Denn eine Sache, die wir für nichtig und gering halten, kann wenig zu unserer Freude, wenn wir sie besitzen, oder zu unserm Leid, wenn wir sie verlieren, beitragen. Deshalb wendet der Heilige Geist alles auf, den Menschen frei zu machen von seiner Schätzung und seiner Liebe zu den Dingen. Denn wenn er das zuwege gebracht hat, so sind alle Dinge dem Menschen gleich. Da nun dieses Freiwerden am besten durch das Wort erreicht wird, durch welches unsere Gedanken von der Sache, die uns augenblicklich anficht, auf eine Sache hinübergeleitet werden, die entweder abwesend ist oder doch uns augenblicklich nicht anficht, so werden wir mit vollstem Rechte jenes nicht anders erlangen, als durch den Trost der Schrift, der in der Zeit des Unglücks unsren Blick ablenkt, dass wir auf die Güter schauen, die Gegenwart oder Zukunft uns bieten, zugleich aber in der Zeit des Glücks unseren Blick auf die Betrachtung der Übel lenkt. Damit wir aber diese beiden Bilder und Gemälde umso besser fassen, so wollen wir einer jeden Tafel ihre sieben Teile geben.
Die erste Tafel enthält also die Übel, und zwar wollen wir betrachten: 1. Das Übel in uns; 2. Das Übel vor uns; 3. Das Übel hinter uns; 4. Das Übel unter uns; 5. Das Übel zu unserer Linken; 6. Das Übel zu unserer Rechten; 7. Das Übel über uns2.
Ebenso ist es mit der zweiten Tafel, die die guten Dinge, die Güter, enthält.
I. Erste Tafel. - Die Übel
Erstes Bild
Das Übel in uns
Das ist gewiss und wahr, es glaube es der Mensch oder nicht: kein körperlicher Schmerz im Menschen kann so groß sein, dass er das größte der Übel wäre, die in ihm sind: denn es sind in ihm viel mehr und viel größere Übel als die, welche er empfindet. Denn wenn der Mensch sein [inneres] Übel empfände, so würde er die Hölle empfinden; denn er hat die Hölle in sich selbst. Möchtest du fragen: Wie das? Der Prophet sagt [Ps. 116, 11]: „Ein jeglicher Mensch ist ein Lügner“; und abermals [Ps. 39, 6]: „Ein jeglicher Mensch ist ganz eitel.“ Ein Lügner aber und eitel sein, das heißt entleert sein von Wahrheit und Wesen. Ohne Wahrheit und Wesen aber sein, das heißt ohne Gott sein und gar nichts sein; das heißt aber in der Hölle und verdammt sein. Deshalb lässt Gott, da er uns nur barmherzig züchtigen will, uns nur die geringeren Übel empfinden und tragen; denn er weiß, wenn er den Menschen dahin führte, dass er sein ganzes Übel erkennte, dass er augenblicklich verginge; doch hat er es auch etlichen Menschen zu kosten gegeben, von welchem in der Heiligen Schrift gesagt ist [1. Sam. 2, 6]: „Er führt sie in die Hölle herab, und wiederum heraus.“ Daher sagen die recht, die die leiblichen Leiden nur eine Erinnerung an das innerliche Übel nennen. Und der Apostel heißt sie Hebr. 12 (V. 9) väterliche Züchtigungen Gottes, da er sagt: „Er züchtigt aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt“. Und das tut er darum, dass er durch solche Züchtigungen und kleinen Übel jene großen Übel austreiben will, damit wir sie einst nicht dürfen empfinden, wie es Sprüche 22 (V. 15) heißt: „Torheit steckt dem Knaben im Herzen, aber die Rute der Zucht wird sie ferne von ihm treiben.“ Tragen nicht auch fromme Eltern mehr Leid über ihre Söhne, wenn sie Diebe und Bösewichte werden, als wenn sie eine Wunde haben? Ja sie selbst schlagen sie wohl blutig, damit sie nicht Bösewichte werden. Was hindert denn nun, dass dies wahrhaftige Übel nicht empfunden wird? Das geschieht also, wie gesagt, nach Gottes Ordnung, damit der Mensch nicht vergehe, wenn er seine Noth tief innerlich zu sehen bekäme. Darum „gedenke am Tage des Unglücks der guten Dinge!“ [Pred. 7, 14.] Siehe an, wie ein großes Gut ist es, dass man das ganze Übel nicht kenne. Gedenke dieses Gutes, so wird dich das äußere Übel desto weniger anfechten. Und wiederum „in guten Tagen gedenke der bösen Dinge“, das ist: solange du die wahrhaftigen Übel nicht empfindest, so sei darüber dankbar und gedenke der wahrhaftigen Übel: dann wirst du das sinnliche Übel desto weniger empfinden. Darum ist's offenbar, dass das Freisein von Schmerz allezeit in dem Menschen den Schmerz überwiegt in diesem Leben. Nicht darum, dass das ganze Übel nicht gegenwärtig wäre, sondern dass der Mensch von demselben Übel durch die Güte Gottes, der dasselbe verbirgt, nichts merkt und nicht angefochten wird.
Daher sehen wir wie heftig diejenigen Menschen, denen Jes. Sirach 11, 26 es beschieden ist, ihr wahres Übel zu erkennen, gegen sich selbst wüten, wie sie das alles für gar nichts achten, was sie in diesem ganzen Leben leiden können, wenn sie nur ihre Höllenqual nicht fühlen müssten. So würde ein Jeder tun, wenn er sein inwendiges Übel fühlte oder fest glaubte: freiwillig würde er äußere Übel herbeirufen, sie würden ihm ein Scherz sein und er würde niemals trauriger sein, als wenn er ohne Leiden wäre, wie wir wissen, dass etliche Heilige getan haben, z. B. David Ps. 6.
Demnach ist dies das erste tröstliche Bildnis, dass ein Mensch zu sich also spreche: „Mensch, du erkennst und weißt doch dein Übel nicht. Freue dich und danke Gott, dass du nicht gezwungen wirst, es zu empfinden.“ Also wird das geringe Übel, wenn man es mit dem größten Übel vergleicht, leicht. Das ist's, dass andre sagen: „Ich habe viel Ärgers, ja die Hölle selbst verdient“, ein Wort, leicht zu sagen, aber entsetzlich auszudenken.
Und wiewohl dies Übel ganz innerlich verborgen ist, dennoch gibt es seine Früchte sehr empfindlich an den Tag. Das ist die Furcht und Unsicherheit eines erschrockenen Gewissens, dadurch der Glaube angefochten wird, wenn der Mensch nicht weiß oder zweifelt, ob er einen gnädigen Gott habe. Und dieselbe Furcht ist so viel bitterer, je schwächer der Glaube ist. Und diese Schwäche allein überwiegt, recht ermessen, da sie geistlicher Art ist, bei weitem alle Leibesschwäche; ja bei sorgfältiger Vergleichung lässt sie diese federleicht erscheinen.
Weiter gehören auch zu den innerlichen Übeln alle die traurigen Erfahrungen, die der Prediger Salomo beschreibt, da er so viel und oft von der Eitelkeit und Anfechtung des Geistes spricht [Pred. 1, 2. 14]. Denn wie viel Ratschläge fassen wir vergeblich? Wie viel unserer Wünsche werden betrogen? O wie viele Dinge sehen und hören wir wider unseren Willen! Und wie viele Dinge, die nach unserem Wunsche ergehen, kommen uns doch unerwünscht! Also gar nichts ist ganz und vollkommen. Und alle diese Übel sind so viel größer, in je höherem Stande und Ehren einer sitzt; denn ein solcher muss notwendig viel größere und mehr Anfechtungen, Qualen und Stürme erleiden, denn andere Leute, die gleiche Mühsal tragen, also dass Ps. 103 [104, 25] mit Recht sagt: im Meer dieser Welt, „da wimmelt es ohne Zahl, beide, große und kleine Tiere“, das heißt, unzählige Arten von Anfechtungen. Darum nennt auch Hiob im 7. Kapitel (V. 1) das Leben des Menschen eine beständige „Anfechtung“.
Und alle diese innerlichen Übel sind nicht etwa darum keine Übel mehr, weil sie weniger empfunden werden, sondern weil sie durch die Gewohnheit ihre Kraft verloren und dank der göttlichen Gnade unsere Empfindung und Beachtung derselben abgenutzt sind; daher versehen uns die, welche selten kommen, viel mehr in Unruhe, da wir noch nicht gelernt haben, sie durch Gewöhnung gering zu achten. Es ist daher sehr wahr, dass wir kaum den tausendsten Teil unserer Übel empfinden, und dass wir überhaupt unsere Übel nicht nach ihrer wirklichen Größe, sondern nur nach unserer Einbildung und Gefühl abschätzen, empfinden oder nicht empfinden.
Zweites Bild
Das zukünftige Übel oder das Übel vor uns
Das wird auch alle gegenwärtigen Übel um ein Bedeutendes leichter machen, wenn ein Mensch sein Gemüt zu den zukünftigen Übeln kehrt, deren es so viele, so verschiedenartige und so große gibt, dass davon allein eine der heftigsten Gemütsbewegungen, die Furcht, herkommt, weshalb der Apostel sagt Röm. 11 (V. 20): „Sei nicht stolz, sondern fürchte dich". Dies Übel ist um so größer, je weniger wir wissen, welcher Art und wie groß es sein werde. Daher geht auch das Sprichwort im Schwange: „Kein Lebensalter ist sicher vor der Krätze“ die doch eine Kinder-, ja eine Kleinkinderkrankheit ist. So ist kein Mensch völlig sicher vor allen Leiden aller Menschen, denn alles, was der Eine leidet, kann auch der Andre noch zu leiden bekommen. Die Leidensgeschichte aller Jahrhunderte gehört hierher, das ganze Klagegeschrei der ganzen Welt; hierher das Heer von mehr als dreihundert Krankheiten - so viele will man ja jetzt kennen die den menschlichen Körper quälen können. Sind aber schon der Krankheiten so viele, wie groß wird dann wohl die Zahl andrer Unfälle an Hab und Gut, an Freunden, ja an dem eignen Geiste sein, der allen Übeln besonders ausgesetzt ist, als die Stätte, da Traurigkeit und andre Leiden einkehren?
Es wächst aber der Übel Macht und Empfindung, je höheren und angeseheneren Standes wir sind, da man Armuth, Schande und Erniedrigendes aller Art, zumal es plötzlich über uns kommen kann, notwendig stündlich wie denn alles an dünnem Faden hängt zu fürchten hat, nicht anders, als das Schwert, das der Tyrann Dionysius über das Haupt des, den er zu sich zu Tisch geladen, gehängt hatte.
Und was von solchen möglichen Übeln uns nicht widerfährt, soll alles für einen Gewinn geschätzt werden und für einen großen Trost in dem Übel, das uns begegnet, also dass du gezwungen bist mit Jeremia zu sprechen [KL 3,22]: „Die Güte des Herrn ist es, dass wir nicht gar aus sind.“ Denn all das Übel, so uns nicht getroffen, ist durch gnädige Verhinderung der Rechten des allerhöchsten Gottes ausgeblieben, welche uns allenthalben so kräftig umschirmt (wie an Hiobs Geschichte zu sehen ist), dass Satan und alle Übel grollen, dass sie gehemmt worden sind. Darum sehen wir, wie herzlich der Herr von uns soll geliebt werden, so oft uns etwas Widerwärtiges trifft, denn der Vater erinnert uns in seiner Freundlichkeit durch dies eine Übel daran, dass wir erkennen, wie viel Übel drohen und uns treffen würden, wenn er nicht wehrte, als wollte er sprechen: Der Teufel und die unergründliche Menge der Übel trachtet nach dir, dich gleichwie durch ein Sieb zu sichten [Luk. 22, 32]; aber ich habe dem Meer eine Grenze gesetzt und zu ihm gesagt: „Bis hierher werden deine stolzen Wogen kommen und zerbrochen werden“ [Hiob 38, 10].
Und wenngleich vielleicht durch göttlichen Willen dieser Übel keines über dich geht, so wird doch das Übel, so der allergrößte aller Schrecken genannt wird, kommen; nämlich der Tod wird gewiss kommen, wiewohl nichts Ungewisseres ist als seine Stunde. Und dies Übel, der Tod, ist so groß, dass, wie wir sehen, viele Menschen auch mit und bei allen vorerwähnten Übeln lieber leben wollen, als einmal sterben und das Ende ihrer Übel erreichen. Diesem Einen legt auch die Schrift, während sie andres gering achtet, die Furcht bei und spricht: „Gedenke deines Endes, so wirst du nicht sündigen ewiglich“ [Sir. 7, 40]. Hier sich hin! wie viel Betrachtungen, wie viel Bücher, wie viel Mittel und Wege sind schon zusammengebracht, um durch Erinnerung an dies eine Übel von Sünden abzuschrecken, die Welt verächtlich zu machen, Leiden und Übel zu lindern, Angefochtene zu trösten: alles durch Vergleich mit diesem so schrecklichen und großen, aber doch einmal unvermeidlichen Übel! Niemand ist, der nicht lieber alles Leiden auf sich nehmen wollte, wenn er damit dem Übel des Todes entgehen könnte. Vor diesem haben auch die Heiligen gebangt, und auch Christus hat's mit Zagen und blutigem Schweiße auf sich genommen [Luk. 22, 44], so dass Gottes Barmherzigkeit in keiner größeren Angelegenheit unseren Kleinmut zu stärken bedacht gewesen ist, als in diesem Übel, wie wir weiter unten sehen werden.
Doch diese Übel sind allen Menschen auf Erden gemein, wie auch die Heilswohltaten in denselben Übeln allen gemein sind. Aber ein Christenmensch hat noch eine besondere Ursache, sich vor dem zukünftigen Übel zu fürchten, und das ist vielleicht noch schlimmer, als alle vorerwähnten Übel. Die ist's, die der Apostel 1. Kor. 10 (V. 12) anzeigt, da er sagt: „Wer da steht, der sehe, dass er nicht falle.“ So schlüpfrig ist der Weg, so mächtig ist der Feind, der mit unseren eignen Kräften gewaffnet ist, d. h. mit den Machtmitteln unsers Fleisches und aller bösen Begierden, umringt mit den unzähligen Heerschaaren der Welt, ihren Ergötzungen und Wollüsten zur rechten, den Widerwärtigkeiten und dem bösen Willen der Menschen zur linken Hand; dazu seine eigne Kunst, in der er Meister ist, auf tausenderlei Weise uns zu schaden, zu verführen und zu verderben. Wir leben so, dass wir auch nicht einen Augenblick sicher sind unsrer eignen guten Vorsätze. Cyprian, der viel dergleichen in seinem Schreiben „von der Sterblichkeit" aufführt, lehrt daher, man solle den Tod wünschen, als den schnellen Retter aus alle diesen Übeln. [Cypr. de mortal. c. 5.] In der Tat, wo nur solch recht gesinnte Leute gewesen sind, die diese unzähligen Höllengefahren recht im Sinne bewegen, da sehen wir sie Leben und Sterben verachten d. h. alle vorerwähnten Übel und ihr Ende herbeiwünschen, damit sie von dem Sündenübel, dem gegenwärtigen, von dem wir im ersten Bilde redeten, und dem ihnen noch drohenden, von dem wir jetzt reden, zugleich erlöst würden. Und sicherlich sind das die beiden rechtschaffensten Gründe, nicht allein den Tod zu wünschen, sondern alle Übel gering zu achten, geschweige denn ein einzelnes Übel leicht zu ertragen, wenn der Herr Jemand gegeben hat, von denselben bewegt zu werden; eine Gabe Gottes ist's allerdings, davon bewegt zu werden.
Wie
Denn welcher rechte Christenmensch wollte sich nicht wünschen, zu sterben, geschweige denn krank zu sein, wenn er sieht und spürt, dass er in seiner Gesundheit in Sünden ist, und stets in mehr Sünden fallen könnte, ja täglich in Sünden fallen werde, und also wider den Willen seines allgütigen Vaters ohne Unterlass handeln werde? S. Paulus im Eifer des Unmuts darüber, dass er nicht das Gute tue, das er tun möchte, sondern das Böse, das er nicht tun möchte, klagend ausruft Röm. 7 (V. 24): „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ „Die Gnade Gottes“ [Gratia Dei], sagt er, durch Jesus Christus usw.“ Denn der Mensch hat Gott, seinen Vater, nicht recht lieb, der nicht das Übel der Sünde für größer hält, denn das Übel des Todes, weil Gott den Tod allein dazu verordnet hat, das Übel der Sünde endlich aufzuheben, also dass der Tod der Diener des Lebens und der Gerechtigkeit ist, wie weiter hernach folgen wird [Bild der zweiten Tafel].
Drittes Bild
Das Übel der Vergangenheit oder das Übel hinter uns.
In diesem dritten Bilde erscheint vornehmlich die süße Barmherzigkeit Gottes des Vaters, die uns vermag in allen unseren Ängsten zu trösten. Denn kein Mensch empfindet die Gewalt Gottes kräftiger über sich, als wenn er die Jahre seines vergangenen Lebens betrachtet. Darum spricht S. Augustinus: „Wenn dem Menschen die Wahl gegeben würde, entweder zu sterben oder sein vergangenes Leben noch einmal zu leben, so würde er den Tod erwählen, weil er so viel Gefährlichkeiten und Übel sähe, denen er nur so eben und mit knapper Noth entronnen ist.“ Dies Urteil ist durchaus richtig, wenn man es recht erwägt.
Denn hier erkennt der Mensch, wie oftmals er vieles getan und gelitten hat ohne sein Bemühen, seine Fürsorge, ja ohne und gegen seinen Wunsch, Dinge, die er, ehe sie geschahen oder noch während sie geschahen, so wenig beabsichtigte, dass er erst, wenn sie vollendet waren, verwundert ausrufen musste: „Wohin ist mir das geraten, daran ich nicht dachte, oder wo ich an ganz anderes dachte!" Hier erweist sich die Wahrheit des Sprichwortes: „Der Mensch denkt und Gott lenkt“ [Spr. 16, 9], d. h. Gott macht, dass es ins Gegenteil ausschlägt, und bewirkt, dass es ganz anders kommt, als der Mensch dachte. So können wir schon an diesem einen Punkte nicht leugnen, dass unser Leben und unsre Handlungen nicht von unsrer Klugheit, sondern durch Gottes wunderbare Macht, Willen und Güte gelenkt worden sind. Und hier wird erkannt, wie gar oft Gott bei uns gewesen ist, da wir's doch weder gesehen noch empfunden haben, wie Petrus sagt [I, 5, 7]: „Er sorgt für uns.“
Darum, wenngleich keine Bücher oder Predigten wären, so bezeugt dennoch unser Leben, unter so viel Übeln und Gefährlichkeiten zugebracht, wenn man's betrachtet, uns genugsam, dass die Güte Gottes aufs allerlieblichste bei uns gegenwärtig ist, die da uns weit über unseren Rath und Empfinden gleich als in ihrem Schoß getragen, und wie Mose 5. Mos. 32 (V. 10 f.) spricht: „Der Herr hat ihn wie seinen Augapfel behütet und ihn geführt und auf seinen Schultern getragen.“
Daher kommen jene Mahnungen im Psalter: „Ich gedenke an die vorigen Zeiten, ich rede von allen deinen Taten und sage von den Werken deiner Hände.“ [Ps. 143, 5]. „Ich gedenke an deine vorigen Wunder“ [Ps. 77, 12]. Und abermals: „Wenn ich gedenke, wie du von der Welt hergerichtet hast, so werde ich getröstet“ [Ps. 119, 52]. Alle diese und ähnliche Worte gehören hierher, also dass wir wissen sollen, dass, wie Gott bei uns gewesen ist, da wir's nicht gedacht noch gesehen, er auch unzweifelhaft immer bei uns sein werde, wenn er gleich fern zu sein scheint. Denn der unser in so vielen Nöthen sich ohne unser Zutun hat angenommen, wird uns auch in einem geringen Übel, ob wir uns wohl lassen dünken, er verlasse uns, nicht verlassen, wie er bei Jesaja spricht [54, 7]: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich samıneln.“
Weiter: Wer hat denn Sorge für uns gehabt, wenn wir so viele Nächte geschlafen haben? wer für uns gesorgt, so oft wir gearbeitet, gespielt und all jene unzähligen Dinge getrieben haben, in welchen wir selber gar nicht für uns sorgten? Oder wie viel Zeit ist es denn wohl, in der wir für uns selbst Sorge tragen? Muss doch selbst der Geizhals, wenn er darauf aus ist, Geld zu gewinnen, mitten im Gewinnen und Schaffen sein Sorgen ruhen lassen3. So sehen wir, dass alle Fürsorge für uns, wir wollen oder wollen nicht, wiederum allein auf Gott kommt und wir nur sehr selten unserm eigenen Rat überlassen waren. Das aber tut Gott der Herr darum, um uns zu unterweisen, seine Güte zu erkennen und endlich zu sehen, ein wie großer Unterschied sei zwischen seiner und unserer Sorge. Also kommt es, dass Gott uns zuweilen lässt mit einer geringen Krankheit oder einer anderen Widerwärtigkeit angefochten werden, und stellt sich eben, als sorgte er die Zeit nicht für uns (denn er sorgt allezeit für uns), und verhindert doch dabei, dass so viel Übel, die uns von allen Seiten drohen, nicht mit einander uns überfallen; also versucht er uns, als seine liebsten Kinder, ob wir uns seiner Sorge, die wir sonst in all' unserem Leben erfahren haben, vertrauen wollen und einsehen, wie gar unnüt4z und ohnmächtig unsere Sorge ist. Denn was helfen wir uns oder könnten uns wohl in unserm Leben helfen, die wir nicht einmal einen einzigen Schmerz am Bein auch nur eine kurze Spanne Zeit stillen können? Warum sind wir denn trotzdem so ängstlich, in dem Augenblick, wo uns eine einzelne Gefahr oder Übel begegnet, und überlassen ihm nicht die Sorge, da wir doch, wie uns unser Leben bezeugt, schon aus so viel Übeln von ihm errettet und ohne unser Zutun behütet worden sind? Solches verstehen heißt Gottes Werke verstehen, seiner Werke gedenken und durch solches Gedenken getröstet werden in Widerwärtigkeiten. Die aber das nicht wissen, die fallen unter das Wort Ps. 27 [28, 5]: „Sie wollen nicht achten auf das Tun des Herrn, noch auf die Werke seiner Hände; darum wirst du sie zerbrechen und nicht bauen". Denn die sind voll Undanks gegen all die Fürsorge Gottes, die er ihnen im ganzen Leben erwiesen hat, die nicht an einem kleinen Zeitpunkt die Sorge für sich ihm abtreten wollen.
Viertes Bild.
Das Übel von unten her oder unter uns.
Bisher haben wir in allen Übeln, die wir erleiden, nichts anderes gesehen, als dass die göttliche Güte so groß und so nahe ist, dass unter den zahllosen Übeln, von denen wir in diesem Leben umringt und völlig gefangen gehalten werden, doch immer nur einige wenige und diese nicht unaufhörlich uns anfechten dürfen, so dass jedes einzelne Übel, wenn es da ist und uns bedrückt, doch nur eine große Mahnung an einen großen Gewinn ist, mit dem uns Gott beschenkt, da er nicht zulässt, dass die ganze Menge der Übel, in denen wir stecken, uns niederdrücken darf. Denn ist's nicht ein Wunder, wenn der, nach dem unzählige Pfeile zielen, nur dann und wann von einem getroffen wird? Ia, Gnade ist's, dass sie nicht alle treffen, ein Wunder, dass nicht ihrer viele treffen!
Das erste Übel nun von denen, die unter uns sind, ist der Tod, und das andere die Hölle.
Wenn wir nun den so mannigfaltigen Tod Anderer, den so schrecklichen Tod, damit die Sünder gestraft werden, betrachten, so werden wir leichtlich sehen, wie viel weniger wir leiden, als wir verdient haben. Denn wie viele werden gehängt, ertränkt, erwürgt oder geköpft, die vielleicht weit weniger Sünde getan haben, denn wir! also, dass derselben Tod und Elend uns von Christus als ein Spiegel vorgehalten wird, darinnen zu sehen, was wir verdient haben. Denn als ihm Luk. 13 (V. 1 ff.) von etlichen Galiläern gemeldet wurde, deren Blut Pilatus mit ihrem Opfer vermischt hatte, antwortete er: „Meint ihr, dass diese Galiläer vor allen Galiläern Sünder gewesen, dieweil sie solches erlitten haben? Ich sage: Nein, sondern, wenn ihr nicht Buße tut, so werdet ihr alle auch also umkommen. Oder meint ihr, dass jene achtzehn, auf welche der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldig gewesen seien vor allen, die zu Jerusalem wohnen? Ich sage: Nein, sondern so ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle gleicher Weise umkommen.“ Denn wir können nicht denken, dass uns geringere Übel gebühren, so wir doch größere oder gleiche Sünden begangen haben. Und Gottes Gerechtigkeit und Wahrheit wird nicht um unsertwillen eine Ausnahme machen und zur Lügnerin werden, die da verordnet hat, einem Jeden zu geben nach seinen Werken [Röm. 2, 6], es sei denn, dass wir selbst zuvorkommen und wenigstens durch geduldiges Tragen eines kleinen Übels ihr Genüge tun.
In der Hölle aber und in der ewigen Verdammnis, wie viel tausend sind ihrer, die auch den tausendsten Teil unserer Sünde kaum haben? Wie viel junge Mädchen und Knaben und die wir unschuldige" Kinder nennen, sind dort? Wie viel Mönche, Priester, Eheleute, die ihr ganzes Leben Gott zu dienen schienen und nun ewig gestraft werden, vielleicht wegen eines einzigen Sündenfalles? Denn es darf nicht verschwiegen werden: dieselbe Gerechtigkeit Gottes übt ihr Amt an jeglicher Sünde, ohne Unterschied hasst und verdammt sie die Sünde, an wem auch immer sie gefunden wird. Sehen wir allhier nicht die unermessliche Barmherzigkeit Gottes, welche die, so die Verdammnis so oft verdient, nicht verdammt hat? Denn, ich bitte dich, wie groß ist das, was wir auch unser Leben lang leiden mögen, gegen die ewige Pein, welche jene um einer Sünde willen leiden, während wir indes frei und unversehrt geblieben sind trotz vieler Sünden, die Gottes Gnade uns nicht anrechnete! Denn dass wir diese Wohltaten Gottes nicht bedenken oder nur so gleichgültig ihnen gegenüber bleiben, das ist Undank und die Verstocktheit eines gefühllosen Unglaubens.
Dahin gehören auch so viel Ungläubige, Heiden, Juden und Kinder; wäre ihnen die Gnade gegeben worden, die uns gegeben ist, sie wären nicht in der Hölle, sondern im Himmel, und hätten viel weniger gesündigt. Denn auch dies Bildnis hat Christus uns vorgehalten, da er sagt Matth. 11 (V. 21 ff.): „Wehe dir, Chorazim, wehe dir, Bethsaida! Denn so die Wunderwerke wären zu Tyrus und Sidon geschehen, welche bei euch geschehen sind, so hätten sie vorlängst in Sack und Asche Buße getan. Aber ich sage euch: am Tage des Gerichts wird es Tyrus und Sidon erträglicher gehen denn euch. Wehe dir, Kapernaum, die du bist erhoben bis an den Himmel, du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden. Denn so zu Sodom die Taten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, sie stünde noch heutzutage. Doch ich sage euch: Es wird der Sodomer Lande erträglicher ergehen am Jüngsten Gericht denn dir". Deshalb sehen wir, wie viel Lob und Liebe wir unserem gnädigen Gott schuldig sind in einem jeglichen Übel dieser Welt, weil es kaum ein Tröpflein ist der Übel, so wir verdient haben, welche Hiob selbst dem Meer und dem Sand des Meeres vergleicht [Hiob 6, 3].
Fünftes Bild
Das linke Übel oder das Übel zu unserer Linken
Hier muss man vor Augen setzen den großen Haufen unserer Widersacher und der bösen Menschen. Und an denselben sollen wir erstlich sehen, was sie für Übel unserem Leibe, unseren Gütern, unserem Rufe und Namen und unseren Seelen nicht erzeigt haben, die sie uns hätten wollen erzeigen, wenn sie durch göttliche Schickung daran nicht wären verhindert worden. Und je höheren Standes und Ansehens jemand ist, um so viel mehr ist er solcher Feinde Nachstellungen, List, Nachrede und Anfechtungen ausgesetzt. Und hierin kann man wiederum die allerwirksamste Hilfe Gottes merken und erfahren. Was wollen wir uns also wundern, wenn uns einmal eine solcher Anfechtungen trifft? Dann aber sollen wir unserer Widersacher und der bösen Menschen eigene Übel ansehen, nicht uns darinnen zu erfreuen, sondern ein Mitleiden mit ihnen zu haben. Sind doch auch sie selber alle denselben Übeln insgemein preisgegeben wie wir, wie aus den vorigen Bildern leicht ersehen werden kann. Aber darin sind sie viel elender als wir, dass sie dabei außerhalb der leiblichen wie geistlichen Gemeinschaft stehen, in der wir uns befinden. Denn das Übel, so wir leiden, ist nichts gegen ihr Übel, darum, dass sie in Sünden, in Unglauben, in dem Zorn Gottes, unter der Obrigkeit des Teufels und elende Knechte der Sünde sind, also dass, wenn die ganze Welt sie verfluchte, sie ihnen nichts Ärgeres anwünschen könnte. Wenn wir das alles recht betrachten, so sehen wir zugleich, wie viel leichter wir durch Gottes Güte im Glauben, in Christi Reich, in Gottes Knechtschaft solch ein kleines Leiden des Leibes ertragen können, das wir in der reichen Fülle edelster Gaben nicht einmal fühlen sollten; ja das Elend jener muss einem christlichen und frommen Herzen so drückend erscheinen, dass es dagegen die eignen Beschwerden für Süßigkeiten erachtet. Denn so gebietet Paulus Phil. 2 (V. 4 f.): „Ein jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, das des andern ist. Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war, welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt war, Knechtsgestalt annahm usw.“ Das will sagen: in heiliger Liebe nahm er unsre Gestalt an und tat mit unseren Leiden nicht anders, als wenn es seine eignen wären; so sehr vergaß er und entäußerte er sich seiner Güter, dass er in allen Dingen uns Menschen gleich erfunden ward, nichts Menschliches sich fremd erachtend, nur unseren Leiden hingegeben.
Von gleicher Liebe beseelt und von dieser bewogen pflegen die Heiligen für die Gottlosen, ja auch für ihre eigenen Feinde zu beten und alles das zu tun, wie Christus getan hat, und des ihnen angetanen Unrechts sowie ihrer Gerechtigkeit zu vergessen und allein zu sorgen, wie sie ihre Feinde oder die bösen Menschen möchten von ihren Übeln ledig machen, von welchen sie ungleich mehr gepeinigt werden, als durch ihre leiblichen Übel; wie es von Lot 2. Petr. 2 (V. 8) heißt, dass er gewohnt habe unter denen, die täglich seine gerechte Seele mit unrechten Werken peinigten. Darum siehst du allhier, wie sehr der Abgrund der Übel [der Gottlosen] auch Ursache ist, sich zu erbarmen und ein Mitleiden zu haben mit ihnen, und zugleich unseres kleinen Übels zu vergessen, wenn anders die Liebe Gottes in uns ist, und wie Gott uns gar nichts leiden lässt gegen die Beschwerungen, so jene leiden. Dass uns dieser Gedanke nur so wenig bewegt, daran ist schuld, dass das Auge unseres Herzens nicht rein genug ist, um sehen zu können, wie groß die Schmach und das Elend des Menschen ist, der unter der Sünde liegt, d. h. von Gott geschieden und vom Teufel besessen ist. Denn wer ist so hart, der nicht vor der erbärmlichen Gestalt derer, die vor den Kirchen und auf den Gassen liegen mit verzehrten und durch Eiter und Fäule entstellten Angesichtern, Nasen, Augen und anderen Gliedmaßen, also erschrecke, dass seinem Gemüt auch daran zu gedenken graut, geschweige denn, dass er sie möchte recht ansehen! Aber was will Gott durch diese jämmerlichen und schrecklichen Bilder unserer Brüder anders anzeigen, denn dass er uns dadurch die Augen unseres Gemüts öffnen will, dass wir sehen mögen, in wie viel erschrecklicherer Gestalt die Seele des Sünders in Eiter und Fäule liegt, wenn der Sünder gleich in Purpur, Gold, Rosen und Lilien, gleich als ein Kind des Paradieses, sein Leben zubrächte. Und doch wie viel ärger steht es mit den Sündern in der Welt verglichen mit einem von diesen Aussätzigen!
Wahrlich, weil wir diese Übel, die unermesslich und ohne Zahl sind, in unserem Nächsten nicht achten, darum geschieht es, dass, wenn uns einmal ein Übel trifft, es sei so klein, wie es wolle, dasselbe gleich für das einzige und allergrößte gehalten wird. Auch sind wahrlich unsere Feinde notwendig in leiblichen Übeln schlimmer daran als wir. Denn was mag ihnen doch lieblich und eine reine Freude sein, wenn sie gleich alles hätten und erlangten, was sie wollten und begehrten, wenn ihr Gewissen nicht mag ruhig sein? Ist doch kein grausameres Übel als die Unruhe eines beißenden Gewissens; wie Jesaias spricht Kap. 57 (V. 20 f.): „Die Gottlosen sind wie das ungestüme Meer, welches nicht ruhen mag, dessen Wellen Koth und Unrath auswerfen. Die Gottlosen haben keinen Frieden, spricht mein Gott". So können wir an ihnen sehen, was 5. Mos. 28 (V. 65 f.) geschrieben steht: „Der Herr wird dir ein bebendes Herz geben und verschmachtete Augen und eine von Betrübnis verdorrte Seele, dass dein Leben wird vor dir schweben. Tag und Nacht wirst du dich fürchten und deines Lebens nicht sicher sein. Des Morgens wirst du sagen: Ach, dass ich den Abend erleben möchte! Des Abends wirst du sagen: Ach, dass ich den Morgen erleben möchte! vor Furcht deines Herzens, die dich schrecken wird, und vor dem, was du mit deinen Augen sehen wirst.“ Kurz, wer mit rechtem Sinn die Übel aller Übel ansähe, sei es bei seinen Feinden oder Freunden, derselbige vergäße nicht allein seiner eigenen Übel und hielt's dafür, dass er nichts leide, sondern er hätte auch eine brünstige Begierde mit Mose [II, 32, 32] und S. Paulus, dass ihm möchte gebühren, für sie zu sterben und vom Herrn Christus verbannet und aus dem Buch des Lebens getilgt zu werden (wie Röm. 9 (V. 3) geschrieben steht), damit sie dadurch erledigt würden. In solcher Liebe hat Christus gebrannt, da er um unsertwillen gestorben und in die Hölle abgestiegen ist und uns ein Exempel und Vorbild gelassen, dass wir auch also um anderer Leute Übel und Leiden bekümmert sein und unserer eigenen Übel vergessen, ja, nach unseren Leiden verlangen sollen.
Sechstes Bild
Das rechte Übel oder das Übel zu unserer Rechten
Auf unserer rechten Seite sind unsere Freunde, die uns mit ihren Leiden ebenfalls in unseren Leiden trösten, wie S. Peter spricht 1. Petr. 5 (V. 9): „Widersteht dem Teufel, stark im Glauben, und wisset, dass dieselben Leiden über euere Brüder in der Welt ergehen". Also bittet auch die heilige christliche Kirche in ihren Gebeten, dass wir uns mögen durch die Vorbilder der Heiligen reizen lassen, ihren Leiden nachzufolgen, und singt: „Wie viel Marter haben alle Heiligen gelitten, dass sie möchten sicher kommen zu der Palme des Martyriums.“ [im römischen Brevier]. Aus diesen Worten und aus den Liedern der Kirche erkennen wir, dass die Feste, Gedächtnisse, Kirchen, Altäre, Namen und Bilder der Heiligen darum gefeiert und gemehrt werden, auf dass wir durch ihr Vorbild ermahnt und getröstet werden, die Leiden, so sie erlitten, auch zu erleiden. Werden sie nicht auf diese Weise gefeiert, so wird jede andere Art, sie zu verehren, unmöglich frei von Aberglauben bleiben; wie denn viele dies alles feiern, um das Leiden, welches, wie der Heiligen Vorbild und Gedächtnis uns lehrt, getragen werden soll, nicht zu tragen, so dass sie denen ganz unähnlich werden, deren Feste sie doch halten, um ihnen ähnlich zu werden.
Und hier tröstet uns sehr sein der Apostel Hebr. 12 (V. 4-11), wenn er sagt: „Ihr habt noch nicht bis auf das Blut widerstanden und wider die Sünde gefochten und habt vergessen den Trost, der zu euch redet als zu den Kindern: Mein Sohn, du sollst die Züchtigung des Herrn nicht verachten, noch müde werden, wenn du von ihm gestraft wirst; denn wen der Herr liebt, den züchtigt er, er geißelt einen jeglichen Sohn, den er annimmt [Spr. 3, 11 f.]. Erduldet die Züchtigung; so erbietet sich euch Gott als Kindern. Denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid ihr aber ohne Züchtigung, welcher sie alle sind teilhaftig geworden, so seid ihr Bastarde und nicht Kinder. Auch so wir haben unsre leiblichen Väter zu Züchtigern gehabt und sie gescheut, sollen wir denn nicht vielmehr untertan sein dem geistlichen Vater, dass wir leben? Alle Züchtigung aber, wenn sie da ist, dünkt sie uns nicht Freude, sondern Traurigkeit zu sein; aber darnach wird sie geben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die dadurch geübt sind.“ So sagt S. Paulus. Wer sollte nicht von solchen Worten Pauli erschreckt werden, wo dieser deutlich erklärt, das seien nicht Kinder Gottes, die ohne Züchtigung Gottes sind?
Wer möchte aber kräftiger ermahnt und besser getröstet werden, denn der da hört, dass die von dem Herrn geliebt werden, die von ihm gestraft werden, dass sie Kinder Gottes und in der Gemeinschaft aller Heiligen, daher auch nicht verlassen sind, wenn sie leiden müssen? Dieser kräftige Zuspruch macht die Züchtigung auch lieblich und angenehm.
Hier darf man nicht vorwenden, dass etliche geringe und etliche große Beschwerung und Widerwärtigkeit leiden. Denn einem Jeglichen wird Anfechtung nach Maß gegeben und nicht über Vermögen, wie Ps. 79 (80, 6) geschrieben steht: „Du speisest uns mit Tränenbrot und tränkest uns mit Tränen mit Maßen“ [So nach der Vulg., potum dabis nobis in lacrymis in mensura'; Neuere übersetzen: „Du tränktest sie mit Tränen kannenweise.“]; was auch Paulus sagt [1. Kor. 10, 13]: „Gott ist treu, der euch nicht lässt versuchen über euer Vermögen, sondern macht, dass die Versuchung also ein Ende gewinne, dass ihr es könnt ertragen.“ Je mehr nun des Übels und der Anfechtung, je mehr Hilfe und göttlichen Beistandes ist, also dass die Leiden und Anfechtungen mehr ungleich scheinen, als sie an sich selbst sind. Denn beschämt nicht auch Johannes der Täufer, an dessen Enthauptung durch Herodes wir heute gedenken [29.08.], uns alle und macht uns staunen, dass der Mann, so groß, dass unter allen, so von Weibern geboren sind, nicht aufgekommen ist, der größer wäre als er [Matth. 11, 11], er der einzige „Freund des Bräutigams“ [Joh. 3, 29], der Vorläufer Christi, der da größer ist als alle Propheten [Matth. 11, 9], nicht wenigstens durch einen öffentlichen Urteilsspruch getötet wird, nicht wenigstens unter dem Vorgeben eines Grundes (wie Christus) angeklagt wird, auch nicht um des Volkes willen, sondern im Kerker um einer Tänzerin willen, der Tochter einer Ehebrecherin? Dieses einen Heiligen schmählicher Tod und so nichtsnutzig, auf so unwürdige Weise in die Hände seiner ärgsten Feindin, der Ehebrecherin, preisgegebenes Leben möge uns all unser Leiden lindern. Wo ist hier Gott, dass er solches ansehen konnte? Wo ist Christus, dass er das anhören und völlig stillschweigen kann? Ja, er kommt um, als wenn er Gott, Menschen und allen Kreaturen unbekannt wäre! Was leiden wir denn, dass wir uns gar nicht zu reden von rühmen - nicht schämen müssen, wenn es mit dem Tode dieses verglichen wird? Oder wo wollen wir uns denn sehen lassen, wenn wir nichts leiden wollen, während so große Männer sogar so verächtlichen Tod dulden, ohne ihn verdient zu haben, und ihr Leib noch nach dem Tode dem Schimpf der Feinde preisgegeben wird? „Siehe", spricht der Herr bei Jeremias [Jer. 49, 12], „diejenigen, so es nicht verschuldet hatten, den Kelch zu trinken, müssen ihn trinken; und du solltest ungestraft bleiben? Du sollst nicht ungestraft bleiben, sondern du musst auch trinken!" Mit Recht klagte daher jener Einsiedler, der, während er sonst Jahr für Jahr krank gewesen, nun einmal ein ganzes Jahr gesund gewesen war, heftig und weinte, da er meinte, Gott habe ihn vergessen und ihm seine Gnade versagt. So notwendig und so heilsam ist nämlich die Züchtigung des Herrn allen Christen.
Lasst uns bedenken, wie gar nichts das ist, was wir leiden, wenn wir der lieben Heiligen Peinigung, Gefängnis, Schwert, Feuer, grausame wilde Tiere und unzählige Marter betrachten, ja, wenn wir auch die Anfechtungen in Anschlag bringen, die unsre Zeitgenossen erfahren, wenn sie die schwersten Nachstellungen des Teufels erdulden müssen. Denn es fehlt nicht an solchen, die viel heftiger und schwerer als wir an Leib und Seele leiden.
Nun sprechen etliche: „Das klage ich, dass mein Leiden der lieben Heiligen Leiden nicht mag verglichen werden; denn ich bin ein Sünder und nicht würdig, dass ich ihnen verglichen werde. Sie sind um ihrer Unschuld willen gemartert worden, aber ich leide für meine Sünde; darum ist es nicht Wunder, dass sie all ihr Leiden und Beschwerung willig und herzlich gerne erlitten haben“. O, das ist ein Wort großer Torheit. Denn leidest du um deiner Sünde willen, so sollst du dich freuen, dass deine Sünden gereinigt und von dir genommen werden. Meinst du nicht, dass die Heiligen auch Sünder gewesen sind? Aber du fürchtest und besorgest dich, dass du dem Herodes und dem Schächer zur linken Hand gleich seist? Du bist ihnen nicht gleich, wenn du geduldig bist; denn was unterschied den rechten und linken Schächer, als allein die Geduld und die Ungeduld? Bist du ein Sünder? schon recht; denn der rechte Schächer war auch ein Sünder, aber mit der Geduld hat er erworben [Meruit (er hat verdient); noch ein Rest katholischen Sprachgebrauchs] die Ehre der Gerechtigkeit und Heiligkeit. So tu auch du desgleichen! Darum kannst du nichts leiden, denn entweder für die Sünden oder für die Gerechtigkeit. Und dieselben Leiden beide machen den Menschen heilig und selig, wenn er sie lieb hat. Darum hast du gar keine Entschuldigung. Auch, sobald du bekennst, dass du billig Widerwärtigkeit für deine Sünde leidest, so bist du gerecht und heilig wie der Schächer zur Rechten. Denn Bekenntnis der Sünde, dieweil es Wahrheit ist, macht den Menschen gerecht und heilig, und leidet er alsbald in dem Augenblick, dass er dieses bekennt, nicht mehr für die Sünden, sondern für die Unschuld. Denn der gerechte Mensch leidet allezeit nicht anders denn unschuldig. Aber du Mensch wirst gerecht, wenn du bekennst, dass du deine Anfechtung, Leiden oder Beschwerung mit deinen Sünden verdient hast. Darum wird dein Leiden mit Recht und würdig der lieben Heiligen Leiden verglichen, gleichwie recht und würdig dein Bekenntnis der Sünden verglichen wird dem Bekenntnis der Heiligen. Denn es ist eine einige Wahrheit aller, ein einiges Bekenntnis der Sünden, ein einiges Leiden der Uebel und eine wahrhaftige Gemeinschaft aller Heiligen in allen und durch alle Dinge.
Siebentes Bild.
Das Übel in der Höhe oder das Übel über uns.
Zuletzt soll man das Herz erheben und mit der Braut steigen auf den Myrrhenberg [HL 4, 6]; das ist unser gekreuzigter Herr und Seligmacher, Jesus Christus, das Haupt aller Heiligen und der Fürst aller Leidenden, von dem viele vieles und alle [die Schreiber der biblischen Bücher] alles, wie es sich gebührt, geschrieben haben. An ihn zu denken wird der Braut empfohlen, wo die Worte lauten: [HL 8, 6] „Setze mich wie ein Siegel auf dein Herz und wie ein Siegel auf deinen Arm.“ Dieses Lammes Blut, an die Türschwelle gezeichnet, hält den Würgengel fern [2. Mose 12, 7,13]. Dieser rühmt die Braut: „Dein Haar ist wie eines Königs Purpur“ [HL 7, 5], d. h. das Denken an ihn wird gerötet von der Erinnerung an Christi Leiden. Er ist das Holz, das Mose in die bitteren Wasser Mara, d. h. in die bitteren Leiden musste senken, davon dieselben süß geworden sind [2. Mose 15, 23 ff.]. Denn kein Leiden so bitter ist, das dies Leiden Christi, unseres Herrn, nicht süß machte, auch den Tod selbst, gleichwie die Braut spricht: „Seine Lippen sind wie Lilien, die von edelster Myrrhe triefen.“ [HL 5, 13.] Wie vergleichen sich Lilien und Lippen, da diese rot und jene weiß sind? Ihre Rede hat den geistlichen Sinn, dass Christi Worte ganz weiß und rein sind, darinnen nichts von dunkler Bitterkeit oder Missgunst ist, sondern sie sind sanft und mild, und doch fließen und geben sie Zeugnis von edelster und auserlesener Myrrhe, d. h. von seinem bitteren Tod; diese reinen und holdseligen Lippen sind im Stand, den bittersten Tod, der, gleich der edelsten Myrrhe, alle Fäulnis der Sünde auf einmal hinwegnimmt, süß, hell, weiß und angenehm zu machen.
Wie geschieht denn das? Also geschieht es: Wenn du hörst, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, durch sein heiliges Leiden [Suo sanctissimo contactu, also wörtlich: durch seine heilige Berührung, nämlich mit Leiden und Tod.] alle Leiden, ja den Tod auch selbst geweiht und geheiligt und den Fluch zum Segen gemacht, die Schande und Unehre geehrt und die Armuth reich gemacht hat, also dass der Tod des Lebens Thür, der Fluch zum Segensquell und die Schande eine Mutter der Ehre zu sein gezwungen werden: wie magst du noch so hart und undankbar sein, dass du nicht wolltest wünschen und lieben alles Leiden, das mit dem allerreinsten und allerheiligsten Fleisch und Blut Christi dir zu Heil und Segen gefärbt, geheiligt, schuldlos, heilsam und selig gemacht ist?
Denn wenn er durch die Berührung mit seinem heiligen Leib [bei seiner Taufe] alle Wasser zur Taufe geheiligt hat, ja noch mehr: alle Kreatur, wie viel mehr hat er dann durch die Berührung mit demselben seinem reinen Fleisch und Blut allen Tod, alle Leiden, alles Unrecht, allen Fluch, alle Schmach geheiligt zur Geistes- oder Bluttaufe!4 Wie er denn von derselbigen seiner Leidenstaufe Luk. 12 (V. 50) sagt: „Ich muss mich taufen lassen mit einer Taufe; und wie ist mir so bange, bis sie vollendet werde!“ Siehst du es, wie sich der Herr ängstigt, wie er begierig ist und darnach dürstet, die Leiden und den Tod zu heiligen und lieblich zu machen? Denn er hat gesehen, dass wir durch Leiden erschreckt werden, gesehen, dass man sich vor dem Tode entsetzt und scheut. Darum hat er, als ein gütiger Hirt und treuer Arzt, diesem unserem Übel ein Ende zu sehen geeilt und sich emsig bemüht, dass er stürbe und die Leiden, indem er sie auf sich nahm, uns süß machte: so dass man eines christgläubigen Menschen Tod gleich halten sollte, wie die eherne Schlange [4. Mose 21, 8], welche allenthalben eine Gestalt hatte wie eine rechte Schlange, aber dennoch nirgends weder Leben noch Bewegung, weder Gift noch Biss hatte. So haben wohl die Narren die heiligen und gerechten Menschen für gestorben gehalten, während sie doch im Frieden ruhen. Wir sind wohl den Sterbenden ähnlich und unser Tod hat keine andere Gestalt denn der Tod der andern Menschen; und doch ist's ein ganz anderes Ding: denn für uns ist der Tod gestorben. Also sind auch unsere anderen Leiden gleich den Leiden der anderen Menschen, aber allein dem Schein nach. Denn in Wirklichkeit sind unsere Leiden der Anfang der Leidlosigkeit, gleichwie unser Tod der Anfang des Lebens ist. Wie der Herr sagt Joh. 8 (V. 31): „Wer mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit". Wie wird er den Tod nicht sehen? Denn, wenn er stirbt, so hebt das Leben an, also dass er vor dem Leben, das er sieht, den Tod nicht mag sehen. Denn allhier wird die Nacht so licht wie der Tag, indem das Licht des anhebenden Lebens viel klarer ist, denn der sich endende Tod. Und dies begegnet in der Tat allen Menschen, die an den Herrn Christus glauben; aber den Ungläubigen widerfährt diese Gnade nicht.
Wenn du nun den Rock [der „heilige Rock“], die Gefäße, Wasserkrüge und alles das, so Christus berührt und was er gebraucht hat, als hohe Heiltümer [Reliquien], die er durch seine Berührung geheiligt hat, küsst, liebst und ehrst: warum wolltest du nicht vielmehr die Trübsal, die Leiden der Welt, Schande und Unehre und den Tod, welches alles er nicht allein durch seine Berührung geheiligt, sondern auch mit seinem reinen Blut bestrichen und gesegnet und mit willigem Herzen und in höchster Liebesbegier umfasst hat, lieben, küssen und ehren, noch dazu, da du darin viel größeres Verdienst, Lohn und viel größeres Gut denn in den anderen Heiltümern hast? Hast du doch darin den Sieg über Tod, Hölle und alle Sünden, aber in den anderen Heiltümern keineswegs. O, dass man das Herz Christi, da er am heiligen Kreuz gehangen, sehen möchte, wie er sich bemüht, den Tod zu töten und verächtlich zu machen, wie brünstig und freundlich er für die furchtsamen Menschen, die sich vor Tod und Pein fürchten, den Tod und die Pein angenommen, und wie gern er diesen Kelch den Kranken vorgetrunken hat, dass wir uns auch nicht davor entsetzen sollten, diesen Trunk zu nehmen, da wir sehen, dass ihm nichts Böses, sondern Gutes, durch die Auferstehung, daraus entstanden ist: unzweifelhaft würde diese edelste Myrrhe, die von Christi Lippen fließt und die seine Worte uns anempfehlen, uns gar lieblich und süß, gleich dem Wohlgeruch und der Schöne der Lilien. So mahnt auch Petrus 1. Petr. 4 (V. 1): „Weil nun Christus im Fleische für uns gelitten hat, so wappnet auch ihr euch mit demselben Sinn!“ und Paulus Hebr. 12 (V. 3): „Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, dass ihr nicht in eurem Mut matt werdet und ablasst“.
Wahrlich, wenn wir an den bisherigen Bildern, die uns noch Übel zeigten, die unter uns oder neben uns lagen, unsere Leiden geduldig zu tragen gelernt haben, so werden wir durch dies letzte Bild eines Leidens, das über und außer uns liegt, in Christus versetzt und über alle Übel erhoben und werden dieselben nicht bloß willig leiden, sondern auch lieb gewinnen, wünschen und suchen 1). Se weiter einer von dieser Empfindung entfernt ist, um so weniger richtet an ihm Christi Leiden aus, wie bei denen geschieht, die sich des Kreuzeszeichens und Wappens Christi bedienen gegen ihre Übel und den Tod, um nicht leiden oder sterben zu müssen,
eine Sinnesweise, die dem Kreuz und Leiden Christi schnurstracks zuwiderläuft. Darum müssen in diesem siebenten Bildnis verschlungen und verzehrt werden alle Übel und Leiden, die wir zu erleiden haben, also dass sie uns nicht mehr wehe tun, sondern uns lieb und wert sind, wenn anders dieses Bild des Leidens Christi in unsere Herzen eindringt und sich in unser innerstes Gemüt festsetzt.
Soviel von der ersten Tafel. Es folgt
II. Die zweite Tafel. - Die Güter
Auch dieser zweiten Tafel sind ihre sieben Bilder zu geben, entgegengesetzt den früheren. Das erste zeigt uns das inwendige Gut, das zweite das zukünftige, das dritte das in der Vergangenheit, das vierte das Gut, das von unten herkommt, das fünfte das Gut zur linken, das sechste das zur rechten Hand, das siebente das Gut, das von oben herkommt.
Erstes Bild
Das Gut in uns
Wer vermöchte nur die Güter aufzuzählen, die ein jeglicher Mensch in seiner Person hat und besitzt? Erstlich, wie groß sind die Zierden und Gaben des Leibes, die Schönheit, die Stärke, die Gesundheit, die Lebhaftigkeit der Empfindung, wozu noch bei dem Manne der Geschlechtsvorzug hinzukommt, der ihn befähigt sowohl im häuslichen wie im öffentlichen Leben Vieles und Treffliches zu vollbringen, was dem Weibe fremd ist. Nun, ein wie großes Gut ist das, wenn du durch Gottes Gnade diese herrlichen Gaben zehn, zwanzig oder dreißig Jahre mit Wohlgefühl gebraucht hast und dabei zuweilen einen Tag oder zehn krank bist und Beschwerung leidest? Taugenichtse sagen wohl, wie das Sprichwort lautet: „Es ist um eine böse Stunde zu tun“, und abermals: „Eine gute Stunde ist einer bösen wert.“ Sollen wir nicht gern, wenn wir so viele gute Stunden haben, auch einmal einige böse erleiden wollen? Wir sehen also, mit wie viel Gütern uns Gott überschüttet, und von wie wenigen Übeln wir kaum gestreift werden, wenigstens gilt das von den meisten unter uns.
Aber an diesen Gütern lässt sich der allgütige Gott nicht begnügen, sondern legt uns zu Reichtum und überflüssiges Genüge aller Dinge und Güter, wenn nicht allen, so doch vielen, und den Leuten am meisten, die zu schwach sind, Übel zu ertragen. Denn, wie vorhin gesagt: wem Gott zu wenig leibliches Gut oder Gesundheit gibt, dem gibt er desto mehr Muth, also dass alle Dinge gleich werden und dass er ein gerechter Richter aller Menschen sei. Denn viel Reichtum tröstet nicht so sehr als ein freudiges, getrostes und fröhliches Herz und Muth. Dazu gibt er Etlichen Nachkommenschaft, und was man so die höchste Lust zu nennen pflegt, Macht, Herrschaft, Ehre, Ansehen, Ruhm, Gunst u. s. w., Dinge, die wenn einem vergönnt ist, sie lange Zeit, ja auch nur kurze Zeit genießen zu können, uns leicht sagen können, was uns in kleinem Leiden zu tun gebühre.
Die Güter des Geistes jedoch, wie Verstand, Wissen, Erkenntnis, Beredsamkeit, Klugheit, sind besser denn die anderen Güter alle. Und hierin nicht minder als in jenem andern zeigt sich die Gerechtigkeit seiner Weltregierung, dass, wenn er dem einen mehr verliehen hat, der andere dadurch nicht zu kurz kommt, denn er hat statt jener Güter andere, Frieden und Ruhe und ein frohes Gemüt. Hierin sollen wir die gütige Hand Gottes dankbar erkennen, und unser schwacher Muth soll getrost werden, und wir sollen uns nicht verwundern, dass in die mannigfachen und großen Güter zuweilen eine Bitterkeit und Widerwärtigkeit sich mit einmischt. Denn wie den Lüstlingen kein Braten ohne Salz schmeckt und überhaupt fast keine Speise angenehm ist, die nicht von Natur oder durch Zusatz von Gewürz einen herberen Geschmack hat, so wäre beständige und ausschließliche Süßigkeit ein unerträgliches Ding, so dass jener recht gesagt hat: „Jeder Genus erzeugt, wenn er andauert, Überdruss“, und ein andrer: „Schließlich wird die Lust selbst zur Last", weil nämlich unser Leben außer Stande ist, ohne Beimischung von Übeln nichts als Güter zu genießen vor der Überfülle von Gütern. Daher ist auch das Sprichwort entstanden: „Es müssen starke Beine sein, die gute Tage ertragen können.“ Ich habe das Sprichwort oft erwogen und mich gewundert, wie wunderbar richtig seine Aussage ist, also dass bei den Menschen Wunsch mit Wunsch sich streitet; und die Menschen, die immer nach guten Tagen trachten, können dieselben, wenn sie sie erlangen, weniger ertragen als die bösen.
Was anders lehrt uns denn Gott hiermit, als dass das Kreuz sogar bei den Feinden des Kreuzes Wunder tut? Unser Leben muss grade so mit einem Stückchen Kreuz angerichtet und geheiligt werden, um nicht zu verderben, wie das Fleisch mit Salz gewürzt werden muss, damit nicht Würmer hineinkommen. Warum nehmen wir also diese Würze, die Gott uns sendet, nicht freudig an, die, wenn er sie nicht sendete, unser Leben, das lauter Lust und Güter nicht ertragen könnte, selber herbeiwünschen würde? So kommen wir dazu, dass wir erkennen, wie recht der Weise von Gott gesagt hat [Weish. 8, 1]: „Er reichet von einem Ende zum andern gewaltig und regieret Alles wohl". Denn wenn wir auf diese Güter schauen, dann wird uns offenbar, dass Moses Wort Wahrheit ist 5. Mos. 32 (V. 10 f.): „Er trug ihn auf seinen Schultern, er führte ihn und behütete ihn wie seinen Augapfel.“ Damit wird den undankbaren Menschen der Mund verstopft, die davon schwatzen, dass dies Leben viel mehr Übel als Güter habe; denn es gebricht nicht an guten Dingen und unzähligen Gütern, sondern es gebricht allein an denen, die da verständig sein sollten mit dem, der da sagt [Ps. 33, 5]: „Die Erde ist voll der Güte des Herrn“, und abermals: „Die Erde ist voll seines Lobes“ [Hab. 3, 3], und Ps. 104 (V. 24): „Die Erde ist voll deiner Güter“; „Du lässt mich fröhlich singen von deinen Werken“ [Ps. 92, 5].
Deshalb singen wir täglich in der Messe: „Himmel und Erde sind voll deiner Herrlichkeit“ [Im Sanctus, Jes. 6, 3]. Warum das? Weil es sehr viele gute Dinge gibt, darum Gott gelobt wird, aber allein von den Menschen, die diese Fülle sehen. Denn eben wie ich bei dem ersten Bildnis der bösen Dinge gesagt habe, dass ein jeglicher Mensch so viel Übel habe, so viel er Meinung und Erkenntnis davon hat, also ist es auch mit den guten Dingen, den Gütern; obwohl sie uns allenthalben zufallen und uns umringen, so kommt es doch darauf an, wie hoch sie von uns geschätzt werden. Denn alle die Dinge, so Gott gemacht hat, sind sehr gut, wiewohl sie nicht von allen Menschen als solche erkannt werden; wie denn die Leute gewesen sind, davon der 106. Psalm (V. 24) sagt: „Und sie haben das gelobte Land für nichts geachtet.“ [Ps. 78]
Hiob bietet uns für dieses Bild das schönste und lehrreichste Beispiel, der, als er alle seine Güter verloren hatte, sagte [Hiob 2, 10]: „Haben wir Gutes aus den Händen des Herrn empfangen, warum wollten wir nicht auch Übel erleiden?“ Wahrlich, es ist ein güldnes Wort und ein kräftiger Trost in der Anfechtung, denn er litt nicht allein, sondern er ward auch von seiner Frau zur Ungeduld angefochten, die zu ihm sprach [Hiob 2, 9]: „Bleibst du noch in deiner Frömmigkeit? Segne [Sage ab] den Herrn und stirb!“ Als wollte sie sagen: „Das ist offenbar, dass der nicht Gott ist, der dich also verlässt; warum vertraust du denn auf ihn und verleugnest ihn nicht vielmehr, fluchest ihm und erkennst dich für eine sterbliche Kreatur, die nach diesem Leben nichts mehr zu erwarten hat?" Das und dergleichen gibt einem jeglichen seine Frau ein (das ist die Sinnlichkeit) in der Anfechtung; denn der Sinn versteht nicht die Dinge, die Gottes sind.
Doch alle diese Güter sind leibliche Güter und allen Menschen gemein. Aber ein Christenmensch hat viel bessere und vortrefflichere Güter inwendig in sich; das ist, er hat in sich den Glauben an Christus; davon Ps. 45 (V. 14) gesagt ist: „Des Königs Tochter ist ganz herrlich inwendig; sie ist mit goldenen Stücken gekleidet.“ Denn wie ich bei dem Übel des ersten Bildnisses gesagt habe, dass kein Übel im Menschen so groß sein mag, dass es an Größe die Übel überträfe, die in ihm sind: also ist das allerbeste und vortrefflichste Gut, das inwendig in einem Christenmenschen ist und das er selbst nicht sehen kann. Denn wenn ein Christenmensch dasselbige Gut sichtbar empfände, so wäre er bereits im Himmel; denn das Himmelreich, wie Christus sagt [Luk. 17, 21], ist in uns selbst. Denn wer den Glauben hat, hat die Wahrheit und das Wort Gottes; wer das Wort Gottes hat, hat Gott, den Schöpfer aller Dinge. Und wenn der Seele offenbar würde, was das für große Güter wären, so würde sie im Augenblick von dem Leibe abgesondert vor überschwänglicher Gnadenfülle. Deshalb sage ich mit Recht, dass die anderen Güter gleichwie Erinnerungen sind an die Güter, die wir in uns haben und die Gott uns durch jene anzeigt, weil dies zeitliche Leben nicht gestattet, dass sie uns sollten offenbart werden. Sie werden aber von Gott gnädig verborgen gehalten, bis sie ihr vollkommenes Maß erreichen, gerade wie fromme Eltern zuweilen ihren Kindern Spielsachen und geringe Gaben schenken, die Gemüter ihrer Kinder dadurch zu der Hoffnung größerer Gaben zu erregen und zu bewegen.
Doch erzeigen sich diese innerlichen Güter zuweilen und treten hervor, wenn das Herz mit frohem Vertrauen und Zuversicht sich in Gott freut und gern von ihm redet, mit Lust und Liebe sein Wort hört und willig und freudig wird, Gott zu dienen zu guten Werken und die Übel zu leiden. Das alles sind Anzeichen des hier verborgenen unendlichen und unvergleichlichen Gutes, welches solche kleinen Tröpfchen in schwachem Rieseln hervorquellen lässt; wiewohl es auch zuweilen vorkommt, dass solches innerliche Gut den beschaulichen Seelen ganz und voll eröffnet wird, dass sie also versinken, dass sie nicht wissen, wo sie gewesen sind, wie denn S. Augustinus und seine Mutter von sich bekennen, und viel andere mehr.
Zweites Bild
Das zukünftige Gut oder das Gut vor uns
Den Menschen, die nicht Christen sind, mag von den zukünftigen Gütern wenig Trost gegeben werden in ihren Übeln, darum, dass ihnen das alles ungewiss ist. Wiewohl in dieser Sache der Trieb der Seele, den man „Hoffnung" nennt, häufig eine große Erregung hervorruft; durch ihn lassen wir uns unter einander in menschlichem Zuspruch mahnen, auf bessere Zeiten zu hoffen; durch ihn fassen wir gar so oft große Pläne aufs Ungewisse, ja werden stets von ihm betrogen, wie Christus von jenem im Evangelium Luc. 12 (V. 18 ff.) lehrt, der zu seiner Seele sprach: „Ich will meine Scheunen abreißen und größere bauen, und will zu meiner Seele sagen: Liebe Seele, habe nun Ruhe, iss, trink, schmause, du hast einen großen Vorrath auf viele Jahre". Gott aber sprach zu ihm: „Du Narr, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und wes wird es sein, das du bereitet hast?" „So geht es, wer ihm Schätze sammelt und ist nicht reich in Gott.“
Wiewohl Gott die Kinder der Menschen auch nicht also verlassen hat, dass er sie nicht mit der Hoffnung auf Beseitigung des Übels und auf das Kommen des Guten tröstete; obwohl sie der Zukunft ungewiss sind, hoffen sie doch zuversichtlich, und das hält sie inzwischen aufrecht, dass nicht das Übel der Verzweiflung noch hinzukomme und sie dann das gegenwärtige Übel nicht ertragen könnten und daher täten, was noch ärger ist. Daher ist auch der Trieb einer solchen Hoffnung eine Gabe Gottes, nicht dass er wollte, dass wir uns auf sie verlassen sollten, sondern dass wir uns dadurch mahnen ließen zu der zuverlässigen Hoffnung - das ist die, die sich auf ihn allein richtet. Denn darum ist Gott langmütig, dass er die Menschen zur Buße leite, wie es Röm. 2 (V. 4) heißt; auch lässt er nicht sofort, auch nicht Jedermann durch solche unzuverlässige Hoffnung betrogen werden, ob sie etwa in ihr Herz gehen [s. Jes. 46, 8.] und rechte Hoffnung fassen wollten.
Aber die Christen haben außer diesen zwiefachen5 Gütern noch die größten Güter, die ihrer gewisslich warten, aber der Weg zu ihnen führt durch Tod und Leiden. Auch sie erfreuen sich natürlich jener allgemeinen, aber unzuverlässigen Hoffnung, dass das Übel der Gegenwart enden und dass sein Gegenteil, das Gute, sich mehren werde; wiewohl ihnen das nicht so sehr am Herzen liegt, wie dass ihr ihnen eigentümliches Gut zunehme, nämlich die Wahrheit in Christus, in der sie von Tag zu Tag vorwärts schreiten, um deren willen sie auch leben und hoffen. Aber außerdem haben sie, wie gesagt, noch in ihrem Tode zwei zukünftige größte Güter gewiss. Erstens nämlich werden durch den Tod beschlossen und beendet alle Übel und Widerwärtigkeiten dieses Lebens, wie geschrieben steht [Ps. 116, 15]: „Wie teuer ist vor dem Herrn der Tod seiner Heiligen“; und abermals [Ps. 4, 9]: „Ich liege und schlafe ganz in Frieden.“ Und [Weish. 4, 7]: „Der Gerechte, ob er gleich vom Tode übereilt wird, ist er doch in der Ruhe.“ Dagegen ist der Tod den gottlosen Menschen der Anfang der Übel, wie geschrieben steht [Ps. 34, 22, nach Vulgata]: „Schrecklich ist der Tod der Sünder“, und [Ps. 140, 12, nach Vulgata]: „Den gottlosen Mann werden die Übel ergreifen, wenn er zu Grunde geht.“ So wird Lazarus getröstet werden, der sein Übel in diesem Leben empfangen hat, aber der reiche Mann wird gepeinigt werden, der sein Gutes hier empfangen hat [Luk. 16, 25]. So kommt es, dass es einem Christen, er sterbe oder lebe, allezeit wohl und selig geht. Ein so selig Ding ist es, ein Christenmensch sein und an den Herrn Christus glauben, wie S. Paulus sagt [Phil. 1, 22]: „Christus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn“, und Röm. 14 (V. 7 f.): „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ Diese Zuversicht hat Christus uns erworben, dadurch dass er gestorben und wieder auferstanden ist, auf dass er wäre ein Herr der Lebendigen und Todten, mächtig, uns frei, ledig und sicher zu machen im Leben wie im Tode, wie der Ps. 23 (V. 4) sagt: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Und so uns dieser Gewinn des Todes noch nicht recht bewegt, so ist es ein Zeichen, dass der Glaube an Christus in uns noch schwach ist. Denn er schätzt den Lohn und Gewinn eines seligen Todes nicht genugsam und glaubt noch nicht, dass der Tod etwas Gutes sei, denn noch hindert ihn der alte Mensch und die fleischliche Weisheit, die noch allzu lebendig in ihm sind. Drum müssen wir es wagen, dass wir dazu fortschreiten, solche Wohltat des Todes zu erkennen und lieb zu gewinnen. Es ist ein großes Ding damit, dass der Tod, der den andern das Größte aller Übel ist, uns der größte Gewinn wird. Und wenn uns Christus das nicht geleistet hätte, was hätte er denn vollbracht, das des teuren Preises, den er mit sich selbst gezahlt, wert gewesen wäre? Ein Gotteswerk ist's sicherlich, das er vollbracht hat; drum wundre sich keiner, dass er das Übel in ein höchstes Gut gewandelt hat.
So ist also der Tod für die Gläubigen selber tot und hat nichts Schreckliches mehr, abgesehen von seiner äußeren Gestalt. Geradeso wie eine getötete Schlange zwar noch ebenso schrecklich aussieht als vorher, in Wahrheit aber ist das nur noch äußerer Schein; das Übel ist tot und schadet Niemandem mehr. Sa wie Gott 4. Mose 21 (V. 8 ff.) die eherne Schlange aufrichten ließ, vor deren Anblick die lebendigen Schlangen starben, so stirbt unser Tod vor dem gläubigen Anblick des Todes Christi und erscheint uns nur noch als ein Bild des Todes 1). Also zeigt uns Schwachen Gottes Barmherzigkeit an diesem schönen Bilde im Voraus, dass er, da doch der Tod selbst nicht aufgehoben werden soll, doch seine Kraft bis auf den äußeren Schein hinwegnimmt der Tod wird deshalb auch in der Schrift mehr ein Schlaf denn ein Tod genannt.
Das andere Gut des Todes ist, dass er nicht allein die Übel dieses Lebens beschließt und abschneidet, sondern auch, was noch viel trefflicher ist, unseren Sünden und Übertretungen ein Ziel setzt; was gläubigen Seelen den Tod noch viel wünschenswerter macht, wie wir schon oben sagten, denn das erste berührte Gut. Denn die Übel der Seele, welches die Sünden sind, sind unvergleichlich ärger, denn die Übel des Leibes; und wenn wir diese nur recht erkennten, so machten sie schon allein uns den Tod sehr lieb. Wenn sie aber uns den Tod nicht lieb machen, so ist es ein Zeichen, dass wir die Übel unserer Seele noch nicht genugsam empfinden noch hassen. Weil nun dies Leben höchst gefährlich ist, da uns die Sünde in ihrer Schlangenart allenthalben nachstellt und wir ohne Sünde nicht mögen leben: Deshalb ist der Tod das allerbeste Ding, das uns von diesen Anfechtungen erlöst und die Sünde gänzlich von uns abschneidet. Daher heißt es Weish. 4 (V. 10 ff.) zum Lob des Gerechten: „Er gefällt Gott wohl und ist ihm lieb und ist weggenommen aus dem Leben unter den Sündern. Er ist hingerückt, dass die Bosheit seinen Verstand nicht verkehrte, noch falsche Lehre seine Seele betröge. Denn das Blendwerk losen Geschwätzes verdunkelt das Gute und die Unbeständigkeit der Begierde verkehrt unschuldige Herzen. O, wie wahr ist das und wie gilt es für alle Zeit! Er ist bald vollkommen geworden und hat viele Jahre erfüllt. Denn seine Seele gefiel Gott; darum eilte er mit ihm aus dem bösen Leben.“
So ist der Tod, der dem Menschen eine Strafe für die Sünde war, durch die Barmherzigkeit Gottes dem Christen das Ende der Sünden und der Anfang des Lebens und der Gerechtigkeit geworden. Deshalb, wer das Leben und die Gerechtigkeit liebt, der muss notwendig auch den Diener und die Werkstätte des Lebens und der Gerechtigkeit, den Tod, nicht fürchten, sondern lieb haben; sonst wird er nimmermehr weder zu dem Leben, noch zu der Gerechtigkeit jemals gelangen. Wer es aber nicht vermag zu tun, der bitte Gott darum, dass er es vermöge. Denn deshalb werden wir unterwiesen zu sprechen: „Dein Wille geschehe“ [Matth. 6, 10], weil wir den Willen Gottes von uns selbst nicht tun können, die wir vielmehr, da wir den Tod fürchten, Tod und Sünde lieben, statt dass wir das Leben und die Gerechtigkeit liebten. Denn dass Gott den Tod verordnet hat, damit die Sünde untergehe, mögen wir schon daraus schließen, dass er Adam unmittelbar nach seiner Versündigung den Tod aufgelegt hat, gleichsam als ein Mittel, von der Sünde loszukommen, und zwar noch ehe er ihn aus dem Paradies trieb, um uns zu zeigen, dass der Tod nichts Böses sei, sondern lauter Gutes uns schaffe, da er ja noch im Paradies uns gleichsam als Buße und Genugtuung auferlegt worden ist. Denn es ist wohl wahr, dass der Tod durch des Teufels Arglist in die Welt eingezogen ist; aber das ist die Tat der herrlichen, göttlichen Güte, dass sie den also eingedrungenen Tod nicht nur Schaden bringen lässt, sondern ihn von Anfang an verordnet und verwendet als Strafe und Tod der Sünde.
Denn das hat Gott damit angezeigt, dass, obgleich er Adam den Tod schon beim Erlass seines Gebotes vorher verkündigt hatte [1. Mose 2, 17], er doch hernach nicht schwieg, sondern von neuem den Tod auflegte und die Schärfe seines Gebotes zugleich milderte, ja dabei des Todes auch nicht mit einer Silbe gedachte, sondern nur sagte [1. Mose 3, 19]: „Du bist Erde und sollst zu Erde werden“, und „Bis dass du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist", gleich als wenn Gott hier schon den Tod hasste, dass er ihn nicht einmal mit Namen nennen möchte, laut des Spruches: „Er hasset den Zorn und hat Lust zum Leben“ [Ps. 30, 6]; es scheint, als rede er also, weil er, wenn der Tod nicht notwendig gewesen wäre, die Sünde hinwegzuschaffen, von ihm nichts hätte wissen, noch ihn nennen wollen, geschweige denn ihn auflegen. Also, nämlich gegen die Sünde, die den Tod gewirkt hat, rüstet der göttliche Eifer seinerseits nichts anderes als eben den Tod, so dass man hier des Dichters [Ovid] Wort schauen kann: „Wer Tod anstiftet, geht an seiner eignen Kunst zu Grunde“, dass also auch die Sünde an ihrer eignen Frucht umkommt und von dem Tode, den sie erzeugt hat, getötet wird, gleichwie die Viper von ihren eignen Jungen. Das ist ein herrliches Schauspiel, zu sehen, wie die Sünde nicht durch ein fremdes, sondern durch ihr eignes Werk zu Grunde geht, von ihrem eignen Schwerte gewürgt und ihr wie dem Goliath mit dem eignen Schwert das Haupt abgeschlagen wird [1. Sam. 17, 51]. Denn auch Goliath war ein Abbild der Sünde, jener Riese, vor dem alle erschraken außer dem kleinen David, d. i. Christus, der allein ihn niedergestreckt hat, ihm mit seinem eignen Schwert das Haupt abschneidet und dann spricht, kein Schwert sei besser als das des Goliath, 1. Sam. 21 (V. 9).
Wenn wir an diese Freuden der Kraft Christi und an die Gaben seiner Gnade denken, wie will uns dann noch ein kleines Uebel quälen, da wir doch in dem so großen Uebel der Zukunft so große Güter erblicken?
Drittes Bild
Das vergangene Gut oder das Gut hinter uns
Die Betrachtung dieses Gutes ist leicht aus seinem Gegenbild von dem vergangenen Uebel zu nehmen; doch lasst uns dem, der es betrachtet, zu Hülfe kommen! In diesem Stücke ist S. Augustinus in seinen „Bekenntnissen“ ein trefflicher Meister, in denen er ganz köstlich die Wohltaten Gottes gegen ihn von Mutterleib an herzählt. Das Gleiche tut der herrliche 139. Psalm „Herr, du erforschst mich“, wo der Psalmist unter anderem voller Bewunderung der Vorsehung Gottes über ihm spricht: „Du verstandest meine Gedanken von ferne; meinen Pfad und meine Erbe erforschtest du"; als wollte er sagen: Was immer ich je gedacht, was immer ich getan habe, und wieviel ich erreichen und besitzen würde sehe jetzt, dass es nicht meine Anstrengung war, die es vollbrachte, sondern deine Fürsorge hatte es lange zuvor geordnet, kurz: „Du sahst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge" nun, wo denn? „in deiner Gewalt“ [Ps. 139, 2-4].
Das lernen wir aus eigner Erfahrung; denn wenn wir unser vergangenes Leben betrachten, verwundern wir uns dann nicht, dass wir solches gedacht, getan, gewollt, geredet haben, was wir gar nicht vorhersehen konnten? wie viel anders hätten wir's ausgerichtet, wenn es in unserem freien Willen gestanden hätte! Nun erst merken wir es, wir sehen nämlich, dass Gottes Fürsorge uns so nahe, sein Sorgen so beständig über uns gewesen ist, dass wir auch weder reden noch wollen noch denken gekonnt haben, außer was er uns gegeben hatte. Wie es heißt Weish. 7 (V. 16): „In seiner Hand sind beide, wir selbst und unsre Rede“; und Paulus sagt: „Der da wirkt alles in uns“ [1. Kor. 12, 6]. Warum schämen doch wir fühllosen und verhärteten Menschen uns nicht, die wir doch durch eigne Erfahrung gelernt haben und sehen, wie treu der Herr bis auf diese Stunde für uns gesorgt und alle Güter uns gegeben hat? Und doch sind wir nicht im Stande, dieselbige Sorge um uns ihm bei einem kleinen gegenwärtigen Uebel zu überlassen und tun eben, als hätte er uns verlassen oder könnte überhaupt uns verlassen? Ganz anders Ps. 39 (40, 18): „Ich bin arm und elend, der Herr aber sorgt für mich“, zu welcher Stelle S. Augustinus bemerkt: „Möge der für dich sorgen, der dich geschaffen hat; der für dich gesorgt hat, ehe du da warst, wie sollte der nicht für dich sorgen, nun du das bist, was er wollte, dass du würdest?“ Aber wir nehmen uns heraus, die Herrschaft mit Gott zu teilen; Ihm lassen wir es, dass er uns geschaffen, und auch das nur so eben und gar lau; uns aber maßen wir die Sorge für uns selbst an, gleich als wenn er uns geschaffen und alsbald davon gegangen wäre und hätte uns überlassen, mit eigner Hand uns zu regieren!
Wollen uns unsre Weisheit und unsre Anschläge hindern, dass wir die Sorge Gottes über uns nicht sehen, da vielleicht vieles nach unserm Vorhaben eingetroffen ist, so lasst uns mit Ps. 138 (139, 15) wieder dahin zurückkehren, dass wir in uns schauen: „Es war dir mein Gebein nicht verholen, da ich im Verborgenen gemacht ward (d. h. du sahst und bildetest mein Gebein im Mutterleib), da ich gebildet ward unten in der Erde“ (d. h. Gestalt und Form meines Leibes war dir nicht verborgen, als es inwendig in meiner Mutter Schoße ruhte, denn du warst es, der ihm Gestalt gab). Denn was will der Psalm mit solchen Worten, als an gewaltigem Beispiel uns zeigen, wie Gott allezeit ohne uns für uns Sorge getragen? Denn wer kann sich rühmen, dazu geholfen zu haben, dass er im Mutterleibe gebildet wurde? Wer hat der Mutter den sorgsamen Sinn gegeben, dass sie uns tränkte, hegte, liebte und alle jene Mutterpflichten ausübte, da wir unser Leben noch nicht einmal fühlten? kurz Dienste, von denen wir gar nichts wussten und deren wir nicht gedächten, wenn wir nicht anderen Ähnliches geschehen sähen und daher glaubten, dass es auch an uns geschehen sei? Denn uns wurden diese Dienste zu teil, als wenn sie Schlafenden oder Toten, ja vielmehr noch Ungeborenen erwiesen würden, so viel dabei unser Wissen davon angeht.
So sehen wir, wie Gottes Erbarmungen und Tröstungen uns ganz ohne unser Zutun tragen. Und da zweifeln wir noch, ja verzweifeln sogar, ob er auch bis auf den heutigen Tag für uns sorge! Wenn einen diese Erfahrung nicht belehrt und bewegt, so weiß ich nicht, was ihn belehren und bewegen könnte. Denn dieselbige sehen wir allerorten an allen kleinen Kindern uns dicht vor Augen gerückt, also dass so viele Beispiele, unserm Unverstand und unsrer Härtigkeit vorgehalten, uns zu großer Beschämung gereichen müssen, wenn wir bezweifeln wollen, dass auch nicht das geringste Gut oder Uebel ohne besondere Fürsorge Gottes uns zuteil wird. Daher spricht S. Petrus 1. Petr. 5 (V. 7): „Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorget für euch.“ Und Ps. 36 (55, 23)1): „Wirf dein Anliegen auf den Herrn; der wird dich versorgen“. Und S. Augustinus spricht in seinen „Bekenntnissen“ zu seiner Seele: „Was stehst du auf dir und stehst doch nicht? Wirf dich auf ihn! Er wird die Hand nicht abziehen, dass du fallest". Und wiederum steht 1. Petr. 4 (V. 19) geschrieben: „Darum sollen auch die, welche leiden nach Gottes Willen, dem treuen Schöpfer ihre Seelen befehlen in guten Werken.“
O, wenn ein Mensch auf diese Weise seinen Gott erkennte, wie sicher, wie ruhig und wie fröhlich würde er leben! Derselbige hätte wahrhaftig einen Gott, denn er wüsste gewiss, dass alles das, was ihm begegnet, durch Schickung seines allgütigen Willens ihm widerfahren sei und noch widerfahre. Petri Wort steht fest: „Er sorgt für euch!“Was können wir Süßeres denn ein solches Wort hören? „Darum“, spricht er, „werft alle Sorge auf ihn.“ Tun wir das nicht und wollen wir selber für uns sorgen, was tun wir dann anders, denn dass wir uns unterwinden, Gottes Sorge zu verhindern und machen zugleich unsre Lebenszeit traurig, mühsam und geängstigt durch viel Sorge und Unruhe? Und das alles vergeblich; denn wir richten damit nichts zum Segen aus, sondern es ist, wie der Prediger sagt [Luther bringt aus dem Gedächtnis Ps. 37, 5 und 55, 23 zusammen] „Eitelkeit der Eitelkeiten“ und „Kummer der Gemüter“. Denn dies ganze Buch der Schrift redet von solcher Erfahrung, als von einem geschrieben, der an seinem Teil vieles erfahren hat und doch in dem allen nichts als Mühe, Eitelkeit und Herzeleid gefunden hat, so dass er den Schluss macht, es sei eine Gabe Gottes, wenn ein Mensch esse und trinke und fröhlich sei mit seinem Weibe, d. h. ohne Sorgen gelebt und Gott die Sorge um ihn befohlen habe. Darum sollen auch wir keine andre Sorge um uns tragen, denn dass wir nicht für uns sorgen und Gott die Sorge für uns aus der Hand reißen. Das andere alles wird ein jeglicher sich aus dem Gegenbild (wie ich gesagt habe) und aus der Betrachtung des ganzen Lebens, das hinter ihm liegt, leicht entnehmen können.
Viertes Bild
Das Gut von unten her oder unter uns
Bisher haben wir die Güter betrachtet, welche unser sind und in uns selbst; lasst uns nun auch diejenigen sehen, die sich in Andern und außer uns befinden. Da sehen wir das erste Gut an denen, die unter uns sind, d. h. den Todten und Verdammten. Das sollte wohl ein wunderliches Gut sein, das sich an Todten und Verdammten finden ließe! Wahrlich, so groß ist überall die Kraft göttlicher Güte, dass sie selbst noch in den höchsten Übeln Gutes zu sehen gibt. Sobald wir jene mit uns vergleichen, dann sehen wir den unschätzbaren Vorzug, den wir haben, wie leichtlich dem Gegenbild der Übel, die sie haben, entnommen werden kann. Denn soviel Übel des Todes und der Hölle wir dort an jenen erblicken, soviel Vorzüge sehen wir unzweifelhaft auf unsrer Seite, und zwar umso größere, je größer die Übel jener sind. Das alles darf man nicht leichten Herzens gering achten, denn es ist eine gewaltige Predigt von der Barmherzigkeit Gottes. Und es ist Gefahr, dass wir, wenn wir diese Dinge gering schätzen, undankbar erfunden werden und mit jenen in gleiche Verdammnis oder in noch ärgere Pein geraten. Je mehr wir daher jene leiden und heulen sehen, umso mehr müssen wir uns an Gottes Güte gegen uns erfreuen, nach dem Wort Jes. 65 (V. 13 ff.): „Siehe, meine Knechte sollen essen, ihr aber sollt hungern; siehe, meine Knechte sollen trinken, ihr aber sollt dürsten; siehe, meine Knechte sollen fröhlich sein, ihr aber sollt zu Schanden werden; siehe, meine Knechte sollen vor gutem Muth jauchzen, ihr aber sollt vor Herzeleid schreien und vor Jammer heulen, und sollt euren Namen lassen meinen Auserwählten zum Schwur usw.“. Kurz, wie ich gesagt habe: die Beispiele derer, die in Sünden sterben und verdammt sind - wie auch S. Gregorius davon in seinem „Dialog“ Bericht gibt, sind uns nütze zur Mahnung und bringen uns das Gut, weise zu werden, also dass „Glücklich der Mann, den fremder Schaden Vorsicht lehrt.“ Freilich, dies Gut macht, weil es allgemein bekannt ist, nur wenig Eindruck auf uns, während es doch unter die größten Güter zu rechnen ist und es bei denen, die verständigen Herzens sind, hoch geachtet ist, da ja ein großer Teil der ganzen Heiligen Schrift darauf hinweist, nämlich überall da, wo sie von Gottes Zorn, Gerichten und Drohungen lehrt. Diese heilsamen Lehren werden uns heilsam bestätigt durch die Beispiele jener Unglücklichen; diese werden aber dann erst auf uns Eindruck machen, wenn wir uns in die Gemütslage derer recht versehen, die uns diese Beispiele bieten und wir gewissermaßen an ihre Stelle treten, als wenn wir wären, was sie jetzt sind; denn dann werden sie uns erschüttern und uns zum Preis der Güte Gottes treiben, der uns davor bewahrt hat.
Aber wir vergleichen jene auch mit Gott selbst, damit wir die göttliche Gerechtigkeit an ihnen sehen. Das ist freilich eine hohe Sache; doch wollen wir es wagen. Denn da Gott ein gerechter Richter ist, müssen wir auch seine Gerechtigkeit lieben und loben und also an Gott auch dann unsre Freude haben, wenn er die Bösen an Leib und Seele übel zu Grunde gehen lässt, weil in dem allen seine allerhöchste und unaussprechliche Gerechtigkeit hervorleuchtet. Also ist auch die Hölle, nicht weniger als der Himmel, Gottes und des höchsten Gutes voll. Denn Gottes Gerechtigkeit ist Gott selbst, Gott aber ist das höchste Gut. Daher müssen wir in gleicher Weise wie seine Barmherzigkeit, so auch seine Gerechtigkeit oder sein Gericht hoch lieben, loben und preisen. In diesem Sinne sagt David: „Der Gerechte wird sich freuen, wenn er solche Rache sieht, und wird seine Hände waschen im Blute des Gottlosen“ [Ps. 58, 11]. Aus diesem Grunde verbot der Herr dem Samuel 1. Sam. 16 (V. 1), dass er nicht länger um Saul trauerte, und sagte: „Wie lange trägst du Leid um Saul, den ich verworfen habe, dass er nicht König sei über Israel?“ Als wollte er sagen: Missfällt dir denn mein Wille so sehr, dass du Menschenwillen mir vorziehest? Kurz, das ist die Stimme des Lobes und der Freude den ganzen Psalter hindurch, dass der Herr sei „ein Richter der Witwen und ein Vater der Waisen“, dass er „der Armen Sache und der Elenden Recht ausführen“ [Ps. 68, 8; 139, 13] werde, dass seine Feinde zu Schanden werden, die Gottlosen umkommen werden, und viel dergleichen. Will Iemand mit dem Geschlecht der Blutgierigen, das die Gerechten, ja sogar Gottes Sohn tötet, und mit dem Haufen der Gottlosen in törichter Barmherzigkeit Mitleid haben, so wird er erfunden werden als einer, der an ihrer Gottlosigkeit Freude hat und ihre Taten billigt; ein solcher ist wert, mit denen gleicher Weise umzukommen, deren Sünden er nicht will rächen lassen, und er wird das Wort zu hören bekommen 2. Sam. 19 (V. 6): „Du hast lieb, die dich hassen, und hassest, die dich lieb haben". Denn so sagte Joab zu David, als er um Absalom, der ihn gottlos hatte morden wollen, zu heftig Leid trug. Drum sollen wir in diesem Bilde unsre Mitfreude haben an der gesamten Frömmigkeit der Heiligen und an Gottes Gerechtigkeit, welche die Verfolger der Frommen nach gerechtem Maße straft, um seine Auserwählten von ihnen zu befreien. Und so siehst du, wie an den Toten und Verdammten nicht geringe, sondern vielmehr höchste Güter hervorleuchten, nämlich die Nache des Unrechts, das alle Heiligen haben leiden müssen und auch du, wenn anders du ein Gerechter bist in ihrer Zahl. Was Wunder also, wenn er auch durch dein gegenwärtiges Übel Nache nimmt an deinem Feind, d. h. an der Sünde deines Leibes? Freue dich vielmehr an solchem Werk der herrlichen Gerechtigkeit Gottes, die, auch wenn du ihn nicht darum bittest, deinen ärgsten Feind, d. i. deine Sünde in dir selbst also tötet und vernichtet! Hast du aber Mitleid mit diesem deinen Feind, so wirst du erfunden als ein Freund der Sünde und als ein Feind der Gerechtigkeit, die in dir ihr Werk treibt; davor hüte dich mit allem Fleiß, damit nicht auch dir gesagt werde: „Du liebst, die dich hassen, und hasst, die dich lieb haben“. Wie du also der Gerechtigkeit, die gegen deine Sünde wütet, mit Freuden zustimmen sollst, so sollst du ihr auch zustimmen, wenn sie gegen die Sünder, die Feinde aller und Gottes selbst, wütet. Du siehst also, wie in den höchsten Übeln höchste Güter offenbar werden, und wie wir unter den höchsten Leiden fröhlich sein können, nicht wegen der Leiden selbst, aber wegen der großen Güte der Gerechtigkeit, die uns Recht schafft.
Fünftes Bild
Das linke Gut oder das Gut zu unserer Linken
Das sind unsere Widersacher, die noch am Leben sind (denn im vorigen Bilde galt unsere Hoffnung denen, die schon die Verdammnis empfangen und den Teufeln ähnlich geworden sind); diese ziemt es mit anderen Gedanken anzuschauen und ein zwiefaches Gut an ihnen zu sehen. Zuerst nämlich sehen wir, dass sie an zeitlichen Gütern die Fülle haben, so sehr, dass auch die Propheten ihr großes Glück schier zum Neide gereizt hat, wie wir Psalm 72 (73, 2 f.) lesen: „Ich hätte schier gestrauchelt mit meinen Füßen, mein Tritt hätte beinahe geglitten; denn es verdross mich auf die Ruhmredigen, da ich sah, dass es den Gottlosen so wohl ging.“ Und weiter unten [Ps. 73, 12]: „Siehe, das sind die Gottlosen, die sind glückselig in der Welt und werden reich.“ Jer. 12 (V. 1): „Herr, wenn ich gleich mit dir rechten wollte, so behältst du doch Recht, dennoch muss ich vom Recht mit dir reden. Warum geht es doch den Gottlosen so wohl und die Verächter haben alles die Fülle?“ Denn warum anders schüttet Gott so viel Güter umsonst über sie aus und lässt sie zu Grunde gehen, denn dass er uns tröste und uns zeige, wie gütig er gegen die ist, die richtigen Herzens sind, wie derselbe Psalm 72 [Ps. 73,1] sagt? Der den Bösen so gütig ist, wie viel gütiger wird er den Guten sein! Dass er aber die Bösen mit keinerlei Übel plagt, die Guten aber mit vielen Übeln heimsucht, das tut er, damit sie nicht nur, wenn das Gute sichtbar ist, sondern auch, wenn es verborgen und noch zukünftig ist, ihn als ihren gütigen Gott erkennen und mit demselben Psalm sprechen [Ps. 73, 28]: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht sehe auf den Herrn", als wollte er sagen: auch wenn ich etwas zu leiden habe, wovon ich jene frei sehe, so habe ich doch das Vertrauen, dass Gott mir viel gütiger ist als jenen. Auf diese Weise wird das sichtbare Glück der Bösen uns ein Stachel, auf die unsichtbaren Güter zu hoffen und die Übel, die wir leiden, gering zu achten, grade so, wie uns Christus Matth. 6 (V. 26 ff.) die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes heißt betrachten und spricht: „So denn Gott das Gras, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, also kleidet, sollte er das nicht vielmehr euch tun, o ihr Kleingläubigen!“ Darum wird durch Vergleich der Güter, deren die Bösen die Fülle haben, und des Übels, das wir leiden, unser Glaube geübt, und wir lernen uns Gottes trösten (und der Trost allein ist heilig); so muss es geschehen, dass seinen Heiligen alle Dinge zum Besten dienen [Röm. 8, 28].
Das andere Gut, das wir hier sehen, ist noch viel wunderbarer, dass nämlich auch die Übel jener für uns Güter sind, indem Gott uns auf diese Weise in Pflege nimmt. Denn wenn auch die Sünden jener den Schwachen ein Anstoß sind, so sind sie doch den Starken eine Übung der Tugend und ein Anlass zum Kampf und zu einer Mehrung des Verdienstes. Denn „selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen“ [Jak. 1, 12]. Was gibt es aber für eine größere Versuchung als eine Menge schlechter Beispiele? Wird doch eben deswegen die Welt einer der Feinde der Heiligen Gottes genannt, weil sie mit ihren Lockungen und ihren gottlosen Werken uns reizt, einladet und lockt von Gottes Weg auf ihren Weg, wie 1. Mose 6 (V. 2) geschrieben ist: „Die Kinder Gottes sahen nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren“, und so wurden sie „Fleisch“ [1. Mose 6, 3]. Und 4. Mose 25 (V. 1 ff.): „Die Kinder Israel fielen in Sünde mit der Moabiter Töchtern.“ Darum ist es uns heilsam stets von irgendeinem Ungemach bedrückt zu werden, damit wir Schwachen nicht an den Ärgernissen der Welt uns stoßen, zu Fall kommen und in Sünde geraten. So lobt Petrus den Lot 2. Petr. 2 (V. 7), dass er von dem schändlichen Wandel der Leute in Sodom hat leiden müssen, um dadurch in seiner Gerechtigkeit gefördert zu werden. Es ist also notwendig, dass solche Ärgernisse kommen, die uns Kampf und Sieg verschaffen; aber wehe der Welt der Ärgernisse halben“ [Matth. 18, 7]. Wenn uns aber Gott in den Sünden anderer so großes Gut verschafft, wie viel mehr müssen wir dann von ganzem Herzen glauben, dass er in unserm eigenen Ungemach uns Gutes wirken will, ob auch unser Sinn und Fleisch anders davon urteilen.
Nicht weniger Gutes bringt uns die Welt von der anderen Seite ihrer Übel her, nämlich mit ihrer Feindschaft. Denn was sie mit Lockmitteln nicht verschlingen und mit ihren Ärgernissen nicht sich zu eigen machen kann, das versucht sie durch Leiden von sich zu stoßen und durch Strafen zu beunruhigen; so bemüht sie sich unablässig, entweder uns Nachstellungen durch ihr böses Beispiel zu bereiten oder uns ihre Wuth kosten zu lassen, indem sie uns mit Strafen quält. Denn sie ist jenes Ungeheuer Chimäre, dessen Haupt gleich dem einer Jungfrau und verlockend, dessen Leib gleich dem eines Löwen und erschreckend, dessen Schwanz gleich einer Schlange und todbringend ist; denn das Ende der Welt ist ebenso ihrer Lust wie ihrer Tyrannei völliges Gift und Tod. Wie uns also Gott in den Sünden der Welt unser Gutes finden ließ, so sind auch ihre Verfolgungen, damit sie uns nicht umsonst und ohne Nutzen träfen, uns zu einer Mehrung unsres Gutes verordnet; eben dadurch, womit sie uns schaden, müssen sie uns Nutzen bringen, wie S. Augustinus von den kleinen Kindern sagt, die Herodes töten ließ: „Nimmer hätte er ihnen so viel nützen können durch Gehorsam, wie er ihnen genützt hat durch seinen Hass.“ Und die heilige Agathe ging ins Gefängnis voll Rühmens, als wenn sie zu einem Gastmahl gehen sollte, und begründete das auf folgende Weise: „Wenn du nicht meinen Leib von deinen Henkern so fein berühren ließest, könnte meine Seele nicht mit der Siegespalme ins Paradies eingehen, gleichwie das Weizenkorn, wenn es nicht seiner Hülse beraubt und auf der Tenne stark geklopft wird, nicht in die Scheuer eingesammelt wird.“
Aber was rede ich hier mit meinen geringen Worten, da wir in diesem Punkte die ganze Schrift, aller Väter Schriften und Worte, aller Heiligen Werke und Taten zusammenstimmen sehen, dass nämlich die den Gläubigen am nützlichsten sind, die ihnen am schädlichsten sind, wenn man sie nur recht zu tragen weiß; wie Petrus sagt 1. Petr. 3 (V. 13): „Und wer ist, der euch schaden könnte, so ihr dem Guten nachkommt?“; Psalm 88 (89, 23): „Die Feinde sollen ihn nicht überwältigen und die Ungerechten sollen ihn nicht dämpfen". Aber wie schadet er nicht, wenn er doch so gern oftmals den Tod zufügt? Darum nicht, weil er grade durch Schaden am meisten Nutzen bringt. So sehen wir, dass wir rings unter lauter Gutem wohnen, wenn wir nur weise sind, und doch zugleich mitten unter den Übeln; also sind alle Dinge wunderbar gemischt durch die Regierung der Güte Gottes.
Sechstes Bild.
Das rechte Gut oder das Gut zu unserer Rechten.
Das ist die Gemeinde der Heiligen, die neue Kreatur Gottes, unsere Brüder und Freunde, an denen wir lauter Gutes, lauter Trost ersehen, wiewohl nicht immer mit den leiblichen Augen (denn nach diesen scheinen sie in's Gegenbild der Übel zu gehören), aber mit geistlichen Augen. Gleichwohl sind auch die Güter an ihnen, die man mit Augen sehen kann, nicht zu verwerfen, vielmehr sollen wir erkennen, dass wir mit solchen von Gott Trost empfangen. Denn auch Psalm 72 (73, 15) wagt nicht alle zu verdammen, die in dieser Welt Reichtum erhalten, sondern sagt: „Wenn ich also gesagt hätte, siehe, so hätte ich das Geschlecht deiner Kinder verdammt", das ist: hätte ich sagen wollen, dass alle böse seien, die da reich, gesund und geehrt sind, so hätte ich auch deine Heiligen verdammt, deren viele in der Zahl dieser zu finden sind. Aber auch der Apostel lehrt Timotheus nur, den Reichen dieser Welt zu gebieten, dass sie nicht stolz seien, verbietet aber nicht reich zu sein [I, 6, 17]; und von Abraham, Isaak und Jacob meldet die Schrift, dass sie reich gewesen [1. Mose 13, 2; 26, 12; 32, 11]. Ferner waren Daniel und seine Gefährten [Dan. 2, 48 f.] sogar in Babel angesehene Leute; außerdem waren auch viele Könige von Juda heilige Männer. Diese hat der Psalm vor Augen, wenn er sagt: „Wenn ich also gesagt hätte, siehe, so hätte ich das Geschlecht deiner Kinder verdammt.“ Gott gibt, wie gesagt, auch den Seinen die Fülle dieser Güter, ihnen und andern zum Troste; aber dies sind nicht ihre eigentlichen Güter, sondern sie sind ihnen Schattenbild und Zeichen der wahrhaftigen Güter, welche sind Glaube, Hoffnung, Liebe und andere Gnadengaben und Geschenke, welche alle durch die Liebe uns mitgeteilt werden.
Das ist die „Gemeinschaft der Heiligen“, deren wir uns rühmen. Und wer wollte hier nicht hohen Mutes auch in großen Übeln sein, der das glaubt, was in Wahrheit vorhanden ist, nämlich dass die Güter aller Heiligen seine Güter sind und sein Übel auch ihnen gehöre? Denn das ist ein gar liebliches und angenehmes Bild, welches der Apostel den Galatern (6, 2) mit diesem Worte abmalt: „Einer trage des anderen Last, und so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Ist es nicht ein Gut, dass wir in einer Gemeinschaft stehen, in der, wenn ein Glied leidet (wie 1. Kor. 12 (V. 262) geschrieben steht), auch die anderen Glieder mitleiden, und wenn eines verherrlicht wird, alle Glieder sich mitfreuen? Wenn ich daher zu leiden habe, so leide nicht mehr ich einer; mit mir leidet Christus und alle Christen, wie geschrieben steht [Sach. 2, 8]: „Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.“ So tragen andere meine Last, und ihre Kraft gehört mir zu. Der Glaube der Kirche kommt meinem Zagen zu Hülfe, die Keuschheit anderer besteht den Anlauf meiner unreinen Lust, die Fasten anderer sind mein Gewinn, das Gebet des andern bemüht sich mir zu gut, und kurz: so tragen untereinander die Glieder Sorge, dass die Ehrlicheren auch die Unehrlichen bedecken, behüten und ehrlich machen, wie Paulus 1. Kor. 12 (V. 22 ff.) schön beschreibt. Auf diese Weise kann ich in Wahrheit mich der Güter anderer rühmen, als wären es meine eigenen, und eben dann sind sie wirklich meine eigenen, wenn ich an ihnen dankbare Mitfreude habe. Mag ich also hässlich und unrein sein: sind doch die, die ich liebe, denen ich Beifall gebe, schön und aller Zierde voll. Durch diese Liebe mache ich mir nicht nur ihre Güter, sondern auch sie selbst zu eigen; daher wird unter ihrer Ehre wohl auch meine Schande leichtlich ehrlich, meine Armuth durch ihren Überfluss reich, meine Sünde mit ihren Verdiensten gesund gemacht. Wer könnte also verzweifeln in seinen Sünden, wer wollte sich nicht freuen in seinen Strafen, da er ja seine Sünden und Strafen nicht mehr selber trägt, oder doch nicht mehr alleine trägt, sondern von so viel heiligen Kindern Gottes, ja schließlich von Christus selbst Beistand erhält? So ein großes Ding ist's um die Gemeinschaft der Heiligen und die Kirche Christi.
Wer nicht glaubt, dass solches geschieht und ausgerichtet wird, der ist ein Ungläubiger, der leugnet Christus und seine Kirche. Denn auch wenn davon nichts wahrnehmbar ist, so geschieht es doch in Wahrheit so; aber wer sollte nicht etwas davon wahrnehmen? Denn dass du nicht verzweifelst, dass du nicht in Ungeduld gerätst, wem hast du das zu danken? Deiner Kraft? Keineswegs, sondern der Gemeinschaft der Heiligen, andernfalls würdest du auch nicht eine geringfügige Sünde tragen können, auch nicht ein Wort, das ein anderer gegen dich redete, aushalten. So nahe ist dir Christus und die Kirche. Das ist's, was wir bekennen: „Ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige katholische [allgemeine] Kirche.“ Was bedeutet denn „eine heilige Kirche glauben", wenn nicht die Gemeinschaft der Heiligen glauben? Woran haben aber die Heiligen Gemeinschaft? Natürlich an den Gütern und an den Übeln; alles gehört allen zu, wie solches das Sakrament des Altars in Brot und Wein abbildet, wo wir vom Apostel ein Leib, ein Brot, ein Trank genannt werden [1. Kor. 10, 17]. Denn wer mag einem kleinen Teil des Leibes wehe tun, dass nicht der ganze Leib den Schmerz empfinde? Was kann der äußersten Spitze deiner Zehe an Leid widerfahren, das nicht dem ganzen Leib widerführe? Oder was kann auch nur deinen Füßen Gutes angetan werden, woran nicht der ganze Leib seine Freude hätte? Nun aber sind wir ein Leib. Alles, was der andere leidet, das leide ich; alles, was ihm Gutes geschieht, das geschieht mir. So sagt Christus, dass ihm getan werde, was wir einem seiner geringsten Brüder getan haben [Matth. 25, 40].
Wenn einer vom Brot des Altars auch nur ein kleines Stückchen empfangen hat, sagen wir da nicht, er habe „das Brot" empfangen? Und wenn einer dies Stückchen verachtet hätte, sagen wir da nicht, er hätte „das Brot“ verachtet?
Darum wenn wir Schmerz haben, wenn wir leiden, wenn wir sterben, so richte sich unser Blick hierher, und lasst uns tapfer glauben und gewiss sein, dass nicht wir oder nicht wir allein, sondern Christus und seine Kirche mit uns Schmerz haben, leiden und sterben. Denn also hat Christus dafür gesorgt, dass wir den Weg des Todes nicht einsam zu gehen brauchen, vor dem jeder Mensch zurückschreckt, sondern treten unter dem Geleit der ganzen Kirche auf den Weg des Leidens und des Todes, und die Kirche trägt kräftiger als wir selbst, sodass wir in Wahrheit jenes Wort des Elisa 2. Kön. 6 (V. 16 ff.) auf uns anwenden können, was er zu seinem furchtsamen Diener sprach: „Fürchte dich nicht, denn derer ist mehr, die bei uns sind, denn derer, die bei ihnen sind. Und Elisa betete und sprach: „Herr, öffne diesem Knaben die Augen, dass er sehe. Da öffnete der Herr dem Knaben die Augen, dass er sah, und siehe, da war der Berg voll feuriger Rosse und Wagen um Elisa her.“ Dies Eine bleibt auch für uns übrig, dass wir darum bitten, dass uns die Augen geöffnet werden und wir die Kirche um uns her erblicken - ich meine die Augen des Glaubens; dann gibt es nichts, davor wir uns fürchten sollten, wie auch Ps. 124 (125, 2) gesagt ist: „Berge sind um ihn her, und der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit.“ Amen.
Siebentes Bild
Das Gut in der Höhe oder das Gut über uns
Hier rede ich nicht von den ewigen und himmlischen Gütern, welche die Seligen genießen im klaren Anschauen Gottes, auch nicht wie dieselben im Glauben ergriffen werden und auf welche Weise sie von uns begriffen werden können. Daher redet dies siebente Bildnis von Jesu Christus, dem König der Ehren, wie er von den Todten aufersteht, gleichwie das siebente Bild der Übel ihn uns zeigte in seinem Leiden, Sterben und Begräbnis. Hier können wir unsres Herzens höchste Freude sehen und die beständigen Güter, da gar kein Übel mehr ist; denn „Christus von den Todten auferstanden, stirbt hinfort nicht mehr; der Tod wird über ihn nicht herrschen“ [Röm 6, 9]. Das ist „der Feuerofen der Liebe und das Feuer Gottes in Zion“ [Jes. 31, 9], wie Jesaja sagt; denn Christus ist uns geboren und nicht nur geboren, sondern auch uns gegeben), darum gehört seine Auferstehung mir zu und alles, was er durch seine Auferstehung erwirkt hat, und wie der Apostel Röm. 8 (V. 31) in heller Freude rühmt: „wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken!“ Was hat er aber durch seine Auferstehung erwirkt? Fürwahr er hat die Sünde vernichtet, die Gerechtigkeit erweckt, den Tod verschlungen und das Leben gebracht, die Hölle besiegt und ewige Herrlichkeit mitgeteilt. Das sind Güter von unschätzbarem Wert, so dass das Menschenherz kaum wagt zu glauben, dass sie ihm geschenkt sind, gleichwie Jacob 1. Mose 45 (V. 26 ff.), als er hörte, dass sein Sohn Joseph in Ägypten Herrscher sei, wie aus tiefem Schlaf erwachend, es ihnen nicht glauben wollte, bis es ihm die von Joseph mitgesendeten Wagen alles bewiesen, was seine Söhne wiederholt versichert hatten. So wäre es fürwahr ein schweres Stück, zu glauben, dass uns Unwerten so große Güter in Christus zu teil geworden sind, wenn er es nicht mit vielen Worten bezeugt, und gleichwie er seinen Jüngern durch vielfache Erscheinungen sich offenbart, so auch uns endlich, gleichwie durch Josephs Wagen, durch häufige Erfahrung also zu glauben lehrte. Das ist wahrlich solch ein Wagen, der reichen Trost mit sich bringt, zu hören, dass er uns von Gott gemacht ist zur Gerechtigkeit, Heiligung, Erlösung und Weisheit", wie der Apostel 1. Kor. 1 (V. 30) sagt. Denn ich bin ein Sünder, aber ich fahre daher in seine Gerechtigkeit, die mir geschenkt ist; ich bin unrein, aber seine Heiligkeit ist meine Heiligung, darin ich tröstlich einherfahre; ich bin töricht, aber seine Weisheit trägt mich; ich bin der Verdammung wert, aber seine Freiheit ist meine Erlösung, der Wagen, in dem ich wohlgeborgen bin, also dass ein Christ, wenn er nur solchen Glauben hat, der Verdienste Christi und aller seiner Güter nicht anders sich rühmen kann, als wenn sie sein eigenes Werk wären; so vollständig gehören sie ihm zu, dass er auch getrosten Mutes sogar Gottes Gericht erwarten darf, in dem doch kein Mensch bestehen kann. Ein so großes Ding ist es um den Glauben, so hohe Güter schafft er uns, zu so herrlichen Kindern Gottes macht er uns. Denn wir können nicht Kinder sein, wenn wir nicht auch die väterlichen Güter ererben. Darum mag ein Christ mit aller Zuversicht sprechen: „Tod, wo ist dein Sieg, Tod, wo ist dein Stachel (das ist die Sünde)! Denn der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft aber der Sünde ist das Gesek. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesus Christus, unsern Herrn!“ [1. Kor. 15, 55 f.] Das heißt: das Gesek macht uns zu Sündern, die Sünde macht uns des Todes schuldig; wer hat diese beiden überwunden? Unsere Gerechtigkeit? Unser Leben? Nein, aber Jesus Christus, der vom Tode aufersteht, Sünde und Tod verdammt, seine Gerechtigkeit uns mitteilt, seine Verdienste uns schenkt, seine Hand über uns hält; so geht es uns wohl und wir erfüllen das Gesetz und überwinden Sünde und Tod; dafür sei Gott Ehre, Lob und Dank in alle Ewigkeit! Amen.
Das also ist das allerhöchste Bildnis, in welchem wir nun nicht allein über unsere Übel, sondern auch über unsere Güter erhoben sind und sitzen in fremden Gütern, die fremde Arbeit erworben hat, die wir doch zuvor in Übeln gelegen haben, die fremde Sünde [Erbsünde] uns erworben und unsere eigene Sünde vermehrt hatte. Wir sitzen, sage ich, in der Gerechtigkeit Christi, durch welche er selbst gerecht ist; denn wir halten uns an die Gerechtigkeit, durch welche er selbst Gott wohlgefällig ist und für uns als Mittler eintritt und sich ganz und gar uns zu eigen gibt, er, der beste Priester und Schutzherr. Denn wie es unmöglich ist, dass Christus in seiner Gerechtigkeit Gott nicht gefallen sollte, ebenso unmöglich ist es, dass wir in unserm Glauben, durch den wir an seiner Gerechtigkeit haften, nicht gefallen sollten. Daher kommt es, dass ein Christenmensch ein allmächtiger Herr aller Dinge ist, der alle Dinge besitzt, gänzlich ohne alle Sünde. Denn wenn er gleich in Sünden ist, so dürfen sie ihm doch nicht mehr schaden, sondern werden vergeben durch die unüberwindliche und alle Sünden vertilgende Gerechtigkeit Christus, auf die sich unser Glaube verlässt, indem er fest glaubt, Christus sei uns der, als den wir ihn bezeichnet haben. Denn wer das nicht glaubt, dem predigt man vor tauben Ohren, der erkennt Christus nicht und versteht auch nicht, wozu er ihm nütze ist und wie er seiner gebrauchen soll.
Darum vermag schon dies eine Bild allein, wenngleich kein anderes da wäre, uns mit solchem Troste zu erfüllen, wenn es mit feinem und aufmerksamem Herzen angeschaut wird, dass wir nicht nur über unsere Übel nicht mehr Leid tragen, sondern uns auch unsrer Anfechtungen rühmen und dieselben vor der Freude, die wir in Christus haben, kaum noch spüren. Solches Rühmen wolle uns Christus selbst lehren, unser Herr und unser Gott, hochgelobt in Ewigkeit. Amen.
Ende
Mit diesem meinem Geschwätz, durchlauchtigster Fürst, das Euch ein Zeugnis sein möge, damit ich Euch meine Dienstwilligkeit, so gering meine Armut sie vermag, bezeugen wollte, empfehle ich mich E. K. F. G., der ich gern bereit bin, Größeres zu bieten, wenn einmal meines Geistes Vermögen meinen Wünschen entsprechen wird. Denn ich werde allezeit ein Schuldner bleiben wie einem jeglichen meiner Nächsten, so besonders E. K. F. G., welche uns unser Herr Jesus Christus nach seiner milden Güte gesund erhalten und endlich durch ein seliges Ende zu sich führen wolle. Amen.
E. K. F. G.
Fürbitter
Bruder Martinus Luther,
Augustiner zu Wittenberg.
1 Entnommen aus: Luthers Werke für das christliche
Haus. Hrsg. von Buchwald, Kawerau … Bd. 6. Braunschweig: C.A. Schwetschke und
Sohn. 1891. S. 1 ff. https://www.google.de/books/edition/Luthers_Werke_f%C3%BCr_das_christliche_Haus/idFMCZ_hZrUC?hl=de&gbpv=1&dq=luther+werke+f%C3%BCr+das+christliche+haus&printsec=frontcover
2 Luthers Anordnung der Übel entspricht in dieser
Aufzählung im lateinischen Text nicht der nachfolgenden Ausführung; das Übel
„unter uns“ zählt er als sechstes, hernach aber als viertes. Wir haben dem
entsprechend hier umgestellt.
3 D. h. auch er kann nicht unablässig sorgen, so sehr er es auch möchte. Sollicitudinem ponat ponat darf nicht nicht mit in quaerendo usw. verbunden werden: „er setze seine Sorge auf Gewinnen und Schaffen“.
4 Man redete von dreierlei Taufe fluminis, flaminis und
sanguinis, der Wassertaufe, der Taufe durch den Geist (auch ohne äußeren
Sacramentsempfang) und der Bluttaufe der Märtyrer. Auf diesen Sprachgebrauch
bezieht sich Luther.
5 Nämlich spes mali amovendi und spes boni accessuri,
die Hoffnung, dass das Böse weichen und dass Gutes kommen werde.