Ob man vor dem Sterben fliehen soll?

 

Martin Luther

 

15271

 

Dem würdigen Doctor Johann Heß, Pfarrherrn zu Breslau, samt seinen Mitdienern im Evangelium Christi

Martinus Luther2

 

Gnade und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Eure Frage, so ihr anher gen Wittenberg zu uns geschickt habt, nämlich ob einem Christenmenschen gezieme zu fliehen in Sterbensläuften [in Epidemie- und Pandemiezeiten], haben wir längst empfangen. Und sollten auch wohl längst darauf geantwortet haben; aber Gott der Allmächtige hat mich etliche Zeit her in der Zucht und Staupe [harte Zuchtzeiten] so hart gehalten, dass nicht viel Lesens noch Schreibens hat bei mir sein mögen. So habe ich auch gedacht, weil Gott, der Vater aller Barmherzigkeit, euch so reichlich begabt hat mit allerlei Verstand und Wahrheit in Christo, würdet ihr durch desselbigen Geist und Gnade wohl selbst, ohne unser Zutun, solche und wohl größere Fragen entscheiden und richten.

Nun aber euer Anhalten nicht ablässt und [ihr] euch so sehr demütigt, dass ihr auch unsere Meinung hierin zu wissen begehrt, auf dass, wie S. Paulus allenthalben lehrt, einerlei Sinn und Lehre bei uns allesamt erfunden werde (2. Kor. 13, 11. Phil. 2, 2), so geben wir euch hiermit unsere Meinung, so viel uns Gott verleiht und wir immer begreifen mögen, zu erkennen, und wollen dieselbige mit aller Demuth eurem Verstand und [dem] aller frommen Christen, wie sich's gebührt, zu urteilen und richten unterworfen haben. Und nachdem auch bei uns allhier und anderswo mehr des Sterbens Geschrei geht, haben wir's durch den Druck ausgehen lassen, ob vielleicht auch andere solchen unsern Unterricht begehren und brauchen würden.

Aufs Erste stehen etliche fest darauf, man müsse und solle nicht fliehen in Sterbensläuften, sondern, weil das Sterben ist eine Strafe Gottes, uns zugeschickt um unserer Sünde willen, solle man Gott still halten und der Strafe geduldig erwarten in rechtem, festen Glauben, und achten's schier für Unrecht und Missglauben an Gott [wenn man flöhe]. Die andern aber halten, man möge wohl fliehen, besonders die, so nicht mit Ämtern behaftet sind.

Die Ersten weiß ich ihrer guten Meinung halben nicht zu tadeln. Denn sie rühmen eine gute Sache, nämlich einen starken Glauben, und sind zu loben in dem, dass sie gern wollten alle Christen im starken, festen Glauben haben. Es gehört auch nicht ein Milchglaube [schwacher oder Kinderglaube] dazu, dass man den Tod erwarte, vor welchem sich auch fast alle Heiligen entsetzt haben und noch entsetzen; und wer wollte die nicht loben, die mit Ernst so gesinnt sind, dass sie des Todes nicht groß achten und sich unter Gottes Ruthe willig geben? So fern dass solches auch geschehe ohne Gottes Versuchung, wie wir hören werden.

Aber weil es unter den Christen so getan ist, dass der Starken wenig und der Schwachen viel sind, kann man fürwahr nicht einerlei allen aufladen zu tragen. Ein Starkgläubiger kann Gift trinken und schadet ihm nichts (Mark. 16, 18); ein Schwachgläubiger aber trinkt den Tod daran. Petrus konnte auf dem Meer gehen, da er stark im Glauben war; aber da er zweifelte und schwach im Glauben ward, sank er unter und wollte ersaufen. Ein Starker, so er mit einem Schwachen wandert, muss er wahrlich sich schicken, dass er nicht nach seiner Stärke lause, er liefe sonst den Schwachen bald zu Tode. Nun will Christus seine Schwachen nicht verworfen haben, wie S. Paulus Röm. 15, 1 und 1. Kor. 8, 9 lehrt.

Und dass wir's kurz und eigentlich fassen: Sterben und Tod fliehen mag geschehen [auf] zweierlei Weise. Das erste, so es geschieht gegen Gottes Wort und Befehl. Dann nämlich, wenn jemand um Gottes Wort willen gefangen wäre und, auf dass er dem Tode entliefe, Gottes Wort leugnete oder widerrüfe: In solchem Fall hat jedermann einen öffentlichen Befehl und Gebot von Christo, dass er nicht fliehen, sondern lieber sterben soll. Wie er spricht Matth. 10, 33: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich verleugnen vor meinem Vater im Himmel. Und Matth. 10, 28: Fürchtet nicht die, so den Leib töten und darnach nichts haben, was sie tun usw.

Desgleichen die, so im geistlichen Amt sind, als Prediger und Seelsorger, sind auch schuldig zu stehen und bleiben in Sterben- und Todesnöten. Denn da steht ein öffentlicher Befehl Christi, Joh. 10, 12: Ein guter Hirt lässt sein Leben für seine Schafe; aber ein Mietling sieht den Wolf kommen und flieht. Denn im Sterben bedarf man des geistlichen Amtes am allerhöchsten, das da mit Gottes Wort und Sakrament die Gewissen stärke und tröste, den Tod im Glauben zu überwinden. Doch, wo der Prediger so viel vorhanden wären und [sie] sich unter einander selbst vereinigten, dass sie etliche unter ihnen wegzuziehen ermahnten, als die ohne Not in solcher Gefahr bleiben2), achte ich, es soll nicht Sünde sein, weil das Amt sonst genugsam versorgt wäre und sie, wo es not wäre, zu bleiben willig und bereit sind. Gleichwie man von S. Atanasius liest, dass er von seiner Kirche floh, auf dass sein Leben errettet würde, weil sonst viele da waren, die des Amtes warteten. Ebenso, S. Paulus ließen die Brüder zu Damaskus durch die Mauer in einem Korbe, dass er entrann, Apg. 9, 25. Und Kapitel 19, 30 ließ er sich die Jünger halten, dass er sich nicht auf den Markt begab in die Gefahr, weil es nicht not war.

Demnach sind auch alle die, so in weltlichen Ämtern, wie Bürgermeister und Richter und dergleichen, schuldig zu bleiben; denn da ist abermals Gottes Wort, das die weltliche Obrigkeit einsetzt und befiehlt, die Stadt und Land zu regieren, schützen und handhaben, wie S. Paulus, Röm. 13, 4, sagt: Die Obrigkeit ist Gottes Dienerin, Friede zu handhaben usw. Denn es eine gar große Sünde ist, eine ganze Gemeinde, die jemand zu versehen befohlen ist, so ohne Haupt und Regiment sitzen [zu] lassen, in aller Gefahr, als ist Feuer, Mörder, Aufruhr und allerlei Unfall, das der Teufel möchte zurichten, weil keine Ordnung da ist; und S. Paulus spricht 1. Tim. 5, 8: Wer die Seinen nicht versorgt, verleugnet den Glauben und ist ärger denn ein Heide. Fliehen sie aber ja vor großer Schwachheit: dass sie zusehen und stellen an ihre Statt ausreichende Verwalter, damit die Gemeine wohl versehen und verwahrt sei, wie droben gesagt ist, und fleißig darnach forschen [von ihrem Zufluchtsort aus] und darauf sehen, dass [es] also gehe.

Was nun von diesen zwei Ämtern gesagt ist, soll auch verstanden werden von allen anderen Personen, so mit Dienst oder Pflicht verbunden sind an einander. Wie, ein Knecht soll nicht fliehen von seinem Herrn, noch eine Magd von ihrer Frau, es sei denn mit Wissen und Urlaub des Herrn oder [der] Frau. Wiederum, ein Herr soll seinen Knecht nicht lassen, noch eine Frau ihre Magd, es sei denn, dass sie dieselben sonst und anderswo ausreichend versorgen. Denn in diesen Stücken allen ist Gottes Gebot, dass Knechte und Mägde sollen gehorsam sein; und sind verbunden wiederum Herren und Frauen, ihr Gesinde [zu] versorgen. So auch ist Vater und Mutter gegen Kinder und wiederum Kinder gegen Vater und Mutter durch Gottes Gebot verbunden, zu dienen und zu helfen usw. Ebenso, was allgemeine Personen sind, auf Sold und Lohn gedingt, als ein Stadtarzt, Stadtdiener, Söldner und wie die mögen genannt werden, dürfen nicht fliehen, sie bestellen denn andere tüchtige und ausreichende2) an ihre Statt, die von dem Herrn angenommen werden sollen.

Denn wo sonst keine Eltern sind, da sind auch die Vormünder und nächste Verwandtschaft bei ihren Angehörigen zu bleiben schuldig, oder [sie müssen] je mit Fleiß verschaffen, dass an ihre Statt andere seien, die ihre kranken Freunde versorgen. Ja, es kann kein Nachbar vom andern fliehen, wo sonst nicht sind, die der Kranken an ihrer Statt mögen warten und pflegen; denn in diesen Fällen ist allerdinge der Spruch Christi zu fürchten: Ich bin krank gewesen, und ihr besuchet mich nicht usw. (Matth. 25, 43). Aus welchem Spruch wir alle sind an einander verbunden, dass keines das andere lassen soll in seinen Nöten, sondern schuldig ist ihm beizustehen und [zu] helfen, wie er wollte sich selber geholfen haben.

Wo aber solche Not nicht ist und sonst genug vorhanden sind, die da warten und versorgen, es sei durch ihre eigene Pflicht oder freiwillig oder durch der Schwachgläubigen Verschaffung [die im Glauben Schwachen sie festhalten] bestellt, dass man ihrer nichts dazu bedarf, und zumal, so es die Kranken nicht haben wollen, sondern weigern, da achte ich, sei es frei beides, zu fliehen und zu bleiben. Ist Jemand so keck und stark im Glauben, der bleibe im Namen Gottes, er sündigt freilich) dadurch nicht. Ist aber jemand schwach und fürchtet sich, der fliehe im Namen Gottes, solange er solches ohne Nachteil seiner Pflicht gegen seinen Nächsten, sondern mit ausreichender Erstattung [Ersatz] durch andere versorgt und bestellt. Denn Sterben und Tod zu fliehen und das Leben zu retten ist natürlich, von Gott eingepflanzt und nicht verboten, wo es nicht gegen Gott und den Nächsten ist, wie S. Paulus sagt Eph. 5, 29: Njemand hasst sein Fleisch, sondern wartet und pflegt es. Ja, es ist geboten, dass ein jeglicher seinen Leib und Leben bewahre und nicht verwahrlose, so viel er immer kann, wie S. Paulus sagt 1. Kor. 12, 12, dass Gott die Gliedmaßen gesetzt hat im Leibe, dass immer eines für das andere sorgte und schaffte.

Ist's doch nicht verboten, sondern vielmehr geboten, dass wir im Schweiß unsers Angesichts unsere tägliche Nahrung, Kleidung und allerlei Notdurft suchen (1. Mose 3, 19) und Schaden oder Not meiden, wo wir können, sofern solches geschehe ohne Schaden oder Nachtheil der Liebe und Pflicht gegen unsern Nächsten: wie viel billiger ist dann, dass man das Leben suche zu erhalten und den Tod fliehe, wo es sein kann ohne Nachtheil des Nächsten, sintemal Leib und Leben ja mehr sind, denn Speise und Kleider, wie Christus selbst sagt Matth. 6, 25. Ist aber jemand so stark im Glauben, dass er willig Blöße, Hunger und Not leiden kann ohne Gott zu versuchen, und sich nicht will heraus arbeiten, ob er wohl könnte, der fahre seines Weges auch und verdamme die nicht, die solches nicht tun oder nicht tun können.

Dass aber den Tod fliehen an und für sich nicht unrecht sei, beweisen ausreichend die Exempel der Schrift: Abraham war ein großer Heiliger; dennoch fürchtete er den Tod und floh ihn, mit dem Schein, da er seine Frau Sara seine Schwester nennt, 1. Mos. 12, 13. Aber weil er das tat ohne seines Nächsten Nachtheil oder Versäumen, wird's ihm für keine Sünde gerechnet. Desselbigen gleichen tat sein Sohn Isaak auch, 1. Mos. 26, 7. Ebenso, Jakob floh vor seinem Bruder Esau, dass er nicht ertötet würde, 1. Mose 28, 1. ff. Ebenso, David floh vor Saul, 1. Sam. 19. ff., und Absalom, 2. Sam. 15, 14. Und der Prophet Uria floh nach Ägypten vor dem Könige Jojakim, Jer. 26, 21. Auch Elia, 1. Kön. 19, 3, der kühne Prophet, da er die Propheten Baals alle erwürgt hatte durch großen Glauben, doch da ihm die Königin Isebel ließ drohen, fürchtete er sich und floh in die Wüste. Und vor ihm Mose, da ihn der König in Ägypten suchte, floh er ins Land Midian, 2. Mos. 2. 15: Und so fortan viel Andere. Diese alle sind vor dem Tode geflohen, wo sie gemocht 1) haben, und [haben] das Leben gerettet, doch so fern, dass sie dem Nächsten damit nichts entwandt haben, sondern zuvor ausgerichtet, was sie schuldig waren.

Ja, sprichst du, diese Exempel reden nicht vom Sterben oder der Pestilenz, sondern vom Tod, so durch Verfolgung kommt. Antwort: Tod ist Tod, er komme, wodurch er komme. So zieht Gott seine vier Plagen an in der Schrift, als: die Pestilenz, Hunger, Schwert und wilde Tiere. Mag man nun derselbigen eine oder etliche fliehen mit Gott und gutem Gewissen, warum auch nicht alle vier? Die vorigen Exempel zeigen an, wie die lieben heiligen Väter haben das Schwert geflohen; so ist ja offenbar genug, dass Abraham, Isaak und Jacob flohen die andere Plage, nämlich den Hunger oder Teuerung, da sie nach Ägypten zogen vor Teuerung; wie wir im 1. Mos. lesen. Also, warum sollte man nicht vor den wilden Tieren fliehen? So höre ich wohl, wenn ein Krieg oder der Türke käme, so sollte niemand aus einem Dorf oder Städtlein fliehen, sondern allda der Strafe Gottes durchs Schwert warten. Ist wohl wahr, wer so stark ist im Glauben, der warte sein [auf das Schwert], aber er verdamme die nicht, so da fliehen. Also auch, wenn ein Haus brennte, dürfte njemand heraus laufen oder zulaufen, zu retten, denn Feuer ist auch eine Strafe Gottes. Und wer in ein großes Wasser fiele, dürfte nicht heraus schwimmen, sondern sich dem Wasser lassen als göttlicher Strafe. Wohlan, kannst du es tun, so tue es und versuche Gott nicht; lass aber die andern tun, was sie vermögen. Ebenso, wenn einer ein Bein bräche, oder verwundet oder gebissen wäre, dürfte er's nicht heilen lassen, sondern sagen: Es ist Gottes Strafe, die will ich tragen, bis [es] selber heilt.

Frost und Winter ist auch Gottes Strafe, daran man könnte sterben, warum läufst du zum Feuer, oder in die Stube? Sei stark und bleibe im Frost, bis es wieder warm wird! Mit der Weise dürfte man keine Apotheke noch Arznei noch Ärzte haben, denn alle Krankheiten sind Gottes Strafe. Hunger und Durst ist auch große Strafe und Marter; warum isst du und trinkst du denn, und lässt dich nicht damit strafen, bis [es] selber aufhört? Zuletzt sollten uns wohl solche Reden dahin bringen, dass wir das Vater Unser abtäten und beteten nicht mehr: Erlöse uns vom Uebel, Amen; sintemal allerlei Uebel auch Gottes Strafe ist; und [wir] dürften hinfort auch nicht bitten gegen die Hölle, noch sie meiden, denn die ist auch Gottes Strafe: was wollte hieraus werden?

Aus dem allen nehmen wir solchen Unterricht. Wir sollen gegen allerlei Uebel bitten und uns auch davor hüten, wie wir können, so fern, dass wir nicht gegen Gott damit tun, wie droben gesagt ist. Will uns Gott drinnen haben und würgen, so wird unser Hüten nichts helfen. Auf dass ein Jeglicher sein Herz also richte:

Erstlich ist er gebunden, dass er muss im Sterben [an dem Ort, wo das große Sterben ist] bleiben, seinem Nächsten zu Dienst, so befehle er sich Gott und spreche: Herr, in deiner Hand bin ich, du hast mich hier angebunden, dein Wille geschehe; denn ich bin deine arme Kreatur, du kannst mich hierin töten und erhalten, so ebenso wohl, wie wenn ich etwa im Feuer, Wasser, Durst oder andere Fährlichkeit angebunden wäre. Ist er aber los und kann fliehen, so befehle er sich abermals und spreche: Herr Gott, ich bin schwach und furchtsam, darum fliehe ich das Uebel und tue so viel dazu, als ich kann, dass ich mich davor hüte. Aber ich bin gleichwohl in deiner Hand, in diesem und allerlei Uebel, so mir begegnen mögen; dein Wille geschehe. Denn meine Flucht wird's nicht tun, sintemal eitel Uebel und Unfall allenthalben ist, denn der Teufel feiert und schläft nicht, welcher ist ein Mörder von Anfang und sucht allenthalben eitel Mord und Unglück anzurichten.

Denn auf die Weise müssen wir und sind schuldig, mit unserm Nächsten auch in allen anderen Nöten und Gefahr zu handeln. Brennt sein Haus, so heißt mich die Liebe zulaufen und helfen löschen; ist sonst Volk genug da, das löschen kann, mag ich heimgehen oder dableiben. Fällt er in ein Wasser oder Grube, so darf ich nicht davon, sondern zulaufen, wie ich kann, und ihm helfen; sind Andere da, die es tun, so bin ich frei. Sehe ich, dass er hungert oder dürstet, so darf ich ihn nicht lassen, sondern speisen und tränken, und nicht ansehen die Gefahr, ob ich arm oder geringer dadurch werde. Denn wer dem Andern nicht eher will helfen und beistehen, er möge es denn tun ohne Gefahr und Schaden seines Gutes, oder Leibes, der wird nimmer seinem Nächsten helfen, denn es wird allezeit sich ansehen '), als sei es ihm selbst ein Abbruch, Gefahr, Schaden oder Versäumnis. Kann doch kein Nachbar bei dem andern wohnen ohne Gefahr Leibes, Gutes, Weibes und Kindes, denn er muss mit ihm wagen, dass ein Feuer oder anderer Unfall aus seines Nachbars Hause komme und verderbe ihn mit Leib, Gut, Frau und Kind und Allem, was er hat.

Denn wo einer dem andern solches nicht täte, sondern ließe seinen Nächsten so liegen in Nöten und flöhe von ihm, der ist vor Gott ein Mörder. Wie S. Johannes sagt in seiner 1. Epistel (3, 15): Wer seinen Bruder nicht liebt, der ist ein Mörder; und abermals (V. 17): So Jemand dieser Welt Güter hat und sieht seinen Nächsten Not leiden, wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Denn das ist auch der Sünden eine, die Gott der Stadt Sodom zurechnet, da er spricht durch den Propheten Hesekiel (16, 49): Siehe, das war die Sünde deiner Schwester Sodom, Müßiggang, Fülle und Genüge, und reichten dem Armen die Hand nicht. So wird auch Christus am jüngsten Tage sie verdammen als Mörder, da er sprechen wird: Ich war krank, und ihr besuchtet mich nicht (Matth. 25, 43). So aber die sollen so geurteilt werden, die zu den Armen und Kranken nicht gehen und Hülfe anbieten; wie will's denen gehen, die von ihnen laufen und lassen sie liegen, wie die Hunde und Säue? Ja, wie will's denen gehen, die den Armen noch dazu nehmen, was sie haben, und legen ihnen alle Plage an? Wie jetzt die Tyrannen tun mit den armen Leuten so das Evangelium annehmen. Aber lass gehen, sie haben ihr Urteil.

Wohl wahr ist's, wo ein solch stattliches Regiment in Städten und Landen ist, dass man allgemeine Häuser und Spitäler kann halten und mit Leuten, die ihrer warten, versorgen, dahin man aus allen Häusern alle Kranken verordnete (wie denn unsere Vorfahren freilich solches gesucht und gemeint haben mit so viel Stiftern, Spitälern und Siechenhäusern, dass nicht ein jeglicher Bürger in seinem Hause müsste ein Spital halten: das wäre wohl sein, löblich und christlich, da auch billig jedermann milde zugeben und helfen sollte, besonders die Obrigkeit. Wo aber das nicht ist, wie denn an wenig Orten, da müssen wir fürwahr einer des andern Spitalmeister und Pfleger sein in seinen Nöthen, bei Verlust der Seligkeit und Gottes Gnade. Denn da steht Gottes Wort und Gebot: Liebe deinen Nächsten als dich selbst, und Matth. 7, 12: Was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut auch ihr denselben.

Wo nun das Sterben [damals: die Pest] hinkommt, da sollen wir, so da bleiben, uns rüsten und trösten, besonders dass wir an einander verbunden sind, wie droben erzählt ist, dass wir uns nicht lassen können, noch fliehen voneinander. Erstlich damit, dass wir's gewiss sind, es sei Gottes Strafe uns zugeschickt, nicht allein die Sünde zu strafen, sondern auch unsern Glauben und Liebe zu versuchen. Den Glauben, auf dass wir sehen und erfahren, wie wir uns gegen Gott stellen wollen, die Liebe aber, auf dass man sehe, wie wir uns gegen den Nächsten stellen wollen. Denn wiewohl ich achte, dass alle Pestilenz durch die bösen Geister unter die Leute gebracht werde, gleichwie auch andere Plagen, dass sie die Luft vergiften oder sonst mit einem bösen Atem anblasen und damit die tödlichen Gifte in das Fleisch schießen [so damals die Vorstellungen], so ist [es] doch gleichwohl Gottes Verhängnis und seine Strafe, der wir uns mit Geduld untergeben sollen und unserm Nächsten zu Dienst also unser Leben in die Gefahr sehen, wie S. Johannes lehrt, und spricht, 1. Epist. 3, 16: Hat Christus sein Leben für uns gegeben, so sollen wir auch für die Brüder das Leben lassen.

So aber jemand das Grauen und Scheuen vor den Kranken anstößt, der soll einen Muth nehmen und sich also stärken und trösten, dass er nicht zweifle, es sei der Teufel, der solche Scheu, Furcht und Grauen erregt im Herzen. Denn so ein bitterböser Teufel ist's, dass er nicht allein ohne Unterlass zu töten und morden sucht, sondern seine Lust damit büßen will, dass er uns scheu [vor dem Tod], erschreckt und verzagt zum Tod macht, auf das uns ja der Tod aufs allerbitterste werde oder ja das Leben keine Ruhe noch Frieden habe, und uns so mit Dreck [d.i. Todesfurcht] zu diesem Leben hinaus stoße, ob er's möchte zuwege bringen, dass wir an Gott verzweifelten, unwillig und unbereit zum Sterben würden und in solcher Furcht und Sorge, als im dunkeln Wetter, Christum, unser Licht und Leben, vergäßen und verlören und den Nächsten in Nöten ließen und uns also versündigten an Gott und Menschen: das wäre sein Herz und Lust.

Weil wir denn wissen, dass des Teufels Spiel ist solches Schrecken und Fürchten, so sollen wir wiederum uns desselbigen nur desto weniger annehmen, ihm zu Trotz und Verdrieß einen Muth fassen und sein Schrecken wieder auf ihn treiben und von uns weisen und mit solcher Rüstung uns wehren und sagen: Hebe dich, Teufel, mit deinem Schrecken, und weil dich's verdrießt, so will ich dir zu Trotz nur desto eher hinzu gehen zu meinem kranken Nächsten, ihm zu helfen, und will dich nicht ansehen, und will auf zwei Stücke gegen dich pochen.

Das erste ist, dass ich fürwahr weiß, dass dies Werk [Pflege der Pestkranken] Gott und allen Engeln wohlgefällt, und wo ich's tue, dass ich in seinem Willen und rechten Gottesdienst und Gehorsam gehe; und besonders weil es dir so übel gefällt und du dich so hart dawider setzt, so muss es freilich insonderheit Gott gefallen. Wie willig und fröhlich wollte ich's tun, wenn's nur einem Engel wohlgefiele, der mir zusähe und sich meiner darüber freute. Nun es aber meinem Herrn Iesu Christo und dem ganzen himmlischen Heer wohlgefällt und ist Gottes, meines Vaters, Willen und Gebot, was sollte mich dein Schrecken denn bewegen, dass ich solche Freude im Himmel und Lust meines Herrn sollte hindern und dir mit deinen Teufeln in der Hölle ein Gelächter und Gespött über mich anrichten und hofieren? Nicht so, du sollst's nicht enden. Hat Christus sein Blut für mich vergossen und sich um meinetwillen in den Tod gegeben, warum sollt' ich nicht auch um seinetwillen mich in eine kleine Gefahr geben und eine ohnmächtige Pestilenz nicht ansehen dürfen? Kannst du schrecken, so kann mein Christus stärken; kannst du töten, so kann Christus Leben geben; hast du Gift im Maul, Christus hat noch viel mehr Arznei. Sollte mein lieber Christus mit seinem Gebot, mit seiner Wohltat und allem Trost nicht mehr gelten in meinem Geist, denn du leidiger Teufel mit deinem falschen Schrecken in meinem schwachen Fleisch? Das wolle Gott nimmermehr. Hebe dich, Teufel, hinter mich; hier ist Christus, und ich, sein Diener in diesem Werk; der soll's walten! Amen.

Das andere ist die starke Verheißung Gottes, damit er vertröstet alle die, so sich der Dürftigen annehmen, und spricht Psalm 41, 2 ff.: Wohl dem, der sich des Dürftigen annimmt, den wird der Herr erretten zur bösen Zeit. Der Herr wird ihn bewahren und beim Leben erhalten, und ihm lassen wohlgehen auf Erden und nicht geben in seiner Feinde Willen. Der Herr wird ihn erquicken auf dem Bett seines Wehetages [d.i. Siechbett]; sein ganzes Lager wandelst du in seiner Krankheit. Sind das nicht herrliche, mächtige Verheißungen Gottes, mit Haufen heraus geschüttet auf die, so sich der Bedürftigen annehmen? Was sollte doch einen schrecken oder bewegen wider solchen großen Trost Gottes? Es ist fürwahr ein geringes Ding um den Dienst, den wir tun mögen an den Dürftigen gegen solche Verheißung und Vergeltung Gottes, dass wohl S. Paulus sagt zu Timotheus (1. Epist. 4, 8): Die Gottseligkeit ist zu allerlei nutz und hat Verheißung dieses Lebens und des zukünftigen. Gottseligkeit ist nicht anders, denn Gottesdienst; Gottesdienst ist freilich, so man dem Nächsten dient.

Es beweist auch die Erfahrung, dass die, so solchen Kranken dienen mit Liebe, Andacht und Ernst, dass sie gemeiniglich behütet werden, und ob sie gleich auch vergiftet werden, dass [es] ihnen dennoch nicht schadet; gleichwie hier der Psalm sagt: Sein ganzes Lager wandelst du in seiner Krankheit, das ist, du machst ihm aus dem Siechbette und Krankenlager ein gesundes Lager usw. Wer aber eines Kranken wartet um Geizes und Erbteil willen und sucht das Seine in solchem Werk, da ist's auch nicht Wunder, dass er zuletzt vergiftet werde und beschmeißt [mit Pestbeulen verunstaltet], dass er hinfahre und auch sterbe, ehe denn er das Gut oder Erbe besitze. Wer auf diese tröstliche Verheißung solches tut, ob er gleich einen ziemlichen Lohn darum nimmt, als der es wohl bedarf, sintemal ein jeglicher Tagelöhner seines Lohnes wert ist (Luk. 10, 7. 1. Tim. 5, 18), derselbe hat hier wiederum einen großen Trost, dass sein soll wieder gewartet werden; Gott will selbst sein Wärter sein, dazu auch sein Arzt sein. Welch ein Wärter ist das! O welch ein Arzt ist das! Lieber, was sind alle Ärzte, Apotheken und Wärter gegen Gott? Sollte einem das nicht einen Muth machen, zu den Kranken zu gehen und ihnen [zu] dienen, wenn gleich so viel Drüsen [Beulen] und Pestilenz an ihnen wären als Haare am ganzen Leibe, und ob er gleich müsste hundert Pestilenzen an seinem Halse heraustragen?

Was sind alle Pestilenz und Teufel gegen Gott, der sich hier zum Wärter und Arzt verbindet und verpflichtet? Pfui dich und abermals pfui dich, du leidiger Unglaube, dass du solchen reichen Trost solltest verachten, und lässt dich eine kleine Drüse und ungewisse Gefahr mehr schrecken, denn solche göttliche, gewisse, treue Verheißung stärken. Was hilft's, wenn alle Ärzte da wären und alle Welt deiner müsste warten 5), Gott aber wäre nicht da? Und wiederum, was schadet's, wenn alle Welt von dir liefe und kein Arzt bei dir bliebe, so Gott aber bei dir bliebe mit solcher Verheißung? Meinst du nicht, dass du alsdann mit viel tausend Engeln umgeben bist, die auf dich sehen, dass du die Pestilenz mit Füßen treten magst? Wie im 91. Psalm (V. 11 ff.) steht: Er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich bewahren auf allen deinen Wegen; auf den Händen werden sie dich tragen, dass du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest; auf den Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf den jungen Löwen und Drachen.

Darum, liebe Freunde, lasst uns nicht so verzagt sein und die Unsern, so wir verpflichtet sind, nicht so verlassen und vor des Teufels Schrecken so schändlich fliehen, davon er über uns eine Freude und Spott, und Gott ohne Zweifel samt allen Engeln einen Unwillen und Unlust hat. Denn das wird gewiss wiederum wahr sein, dass, wer solche reiche Verheißung und Gottes Gebot verachtet und die Seinen läßt in Nöthen, dass er schuldig wird sein an allen Geboten Gottes und ein Mörder erfunden werden an seinen verlassenen Nächsten; und da werden sich denn solche Verheißungen umkehren, sorge ich, und in grausames Drohen verwandeln und den Psalm gegen dieselben also deuten: Unselig ist der, so sich des Dürftigen nicht annimmt, sondern flieht und verlässt; denselben wird der Herr wiederum auch nicht erretten zur bösen Zeit, sondern auch von ihm fliehen und verlassen. Der Herr wird ihn nicht behüten noch beim Leben erhalten und wird's ihm nicht lassen wohl gehen auf Erden, sondern [ihn] geben in seiner Feinde Hände. Der Herr wird ihn nicht erquicken auf dem Bette seines Wehtages, noch sein Lager verwandeln in seiner Krankheit. Denn mit welchem Maße wir messen, wird uns wieder gemessen werden, da wird nicht anders aus. Solches ist aber schrecklich zu hören, noch schrecklicher zu erwarten und am allerschrecklichsten zu erfahren. Denn was kann da sein, da Gott die Hand abtut und verlässt, anders denn eitel Teufel und alles Uebel? Nun kann's nicht anders sein, wo man so den Nächsten verlässt wider Gottes Gebot, wird es einem Jeglichen gewiss also ergehen, er tue denn gar redliche Buße dafür.

Das weiß ich aber wohl, wenn Christus selbst oder seine Mutter jetzt etwa krank läge, da wäre ein Jeglicher so andächtig, dass er gern Diener und Helfer sein wollte. Da würde ein Jeglicher wollen kühn und keck sein, Niemand wollte fliehen, sondern alle zulaufen. Und hören doch nicht, dass er selbst spricht, Matth. 25, 40: Was ihr den Geringsten tut, das tut ihr mir selbst. Und da er vom ersten Gebot sagt, spricht er: Das andere Gebot ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst (Matth. 22, 31). Da hörst du, dass der Liebe Gebot zum Nächsten gleich sei dem ersten Gebot, der Liebe zu Gott, und was du deinem Nächsten tust oder lässt, soll heißen so viel, als Gott selber getan und gelassen.

Willst du nun Christo selber dienen und sein warten, wohlan, so hast du da vor dir deinen kranken Nächsten, gehe hin zu ihm und diene ihm, so findest du gewisslich Christum an ihm, nicht nach der Person, sondern in seinem Wort. Willst du aber und magst deinem Nächsten nicht dienen, so glaube fürwahr, wenn Christus selbst da wäre, du tätest eben auch also und ließest ihn liegen. Und ist nichts bei dir, denn eitel falsche Gedanken, die dir einen unnützen Dünkel machen, wie du Christus wolltest dienen, wenn er da wäre. Es sind eitel Lügen; denn wer Christo leiblich dienen würde, der diente seinem Nächsten auch wohl.

Das sei gesagt zur Vermahnung und Trost gegen das schändliche Fliehen und Schrecken, damit der Teufel uns ansieht, gegen Gottes Gebot zu tun an unserm Nächsten und [zu] sündigen allzu sehr auf der linken Seite [wo die Übel drohen].

Wiederum sündigen Etliche allzu sehr auf der rechten Seite [wo die Lust der Welt droht] und sind allzu vermessen und keck, also dass sie Gott versuchen und lassen alles anstehen, damit sie dem Sterben oder Pestilenz wehren sollten, verachten Arznei zu nehmen und meiden nicht Stätte und Person, so die Pestilenz gehabt und aufgekommen sind, sondern zechen und spielen mit ihnen, wollen damit ihre Freudigkeit beweisen und sagen, es sei Gottes Strafe: wolle er sie behüten, so würde er's wohl tun ohne alle Arznei und unsern Fleiß. Solches heißt nicht Gott trauen, sondern Gott versuchen. Denn Gott hat die Arznei geschaffen und die Vernunft gegeben, dem Leib vorzustehen und sein [zu] pflegen, dass er gesund sei und lebe.

Wer derselben nicht braucht, so er wohl hat und kann, ohne seines Nächsten Schaden, der verwahrlost seinen Leib selbst, und sehe zu, dass er nicht [als] seiner selbst Mörder erfunden werde vor Gott. Denn mit der Weise möchte Jemand auch Essen und Trinken, Kleider und Haus lassen anstehen und keck sein in seinem Glauben und sagen: wolle ihn Gott behüten vor Hunger und Frost, werde er's wohl ohne Speise und Kleider tun; derselbige wäre freilich seiner selbst Mörder. Zudem ist das noch gräulicher, dass ein solcher, so seinen Leib also verwahrlost und der Pestilenz nicht hilft wehren, so viel er kann, möchte damit auch viel andere anstecken und vergiften, welche sonst wohl lebendig blieben, wo er seines Leibes, wie er schuldig ist, gewartet hätte, und würde also auch schuldig seines Nächsten Todes und vielmal vor Gott ein Mörder. Fürwahr, solche Leute sind gerade, als wenn ein Haus in der Stadt brennte, dem Niemand wehrte, sondern ließe dem Feuer Raum, dass die ganze Stadt verbrennte, und wollte sagen: will's Gott tun, so wird er die Stadt wohl ohne Wasser löschen und behüten.

Nicht also, meine lieben Freunde, das ist nicht sein getan. Sondern brauche der Arznei, nimm zu dir, was dich helfen kann, räuchere Haus, Hof und Gasse, meide auch Person und Stätte, da dein Nächster dein nicht bedarf oder aufgekommen ist, und stelle dich als einer, der ein allgemeines Feuer gern wollte dämpfen helfen. Denn was ist die Pestilenz anders, denn ein Feuer, das nicht Holz und Stroh, sondern Leib und Leben auffrisst? Und denke so: Wohlan, der Feind hat uns durch Gottes Verhängnis Gift und tödliches Geschmeiß herein geschickt, so will ich bitten zu Gott, dass er uns gnädig sei und wehre; darnach will ich auch räuchern, die Luft fegen helfen [durch große Feuer], Arznei geben und nehmen, meiden Stätte und Person, da man mein nicht bedarf, auf dass ich mich selbst nicht verwahrlose und dazu durch mich vielleicht viele andere vergiften und anstecken möchte und ihnen also durch meine Hinlässigkeit [hingehen lassen] Ursache des Todes sei. Will mich mein Gott darüber haben, so wird er mich wohl finden, so habe ich doch getan, was er mir zu tun gegeben hat, und bin weder an meinem eigenen, noch an anderer Leute Tode schuldig. Wo aber mein Nächster mein bedarf, will ich weder Stätte noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen, wie droben gesagt ist. Siehe, das ist ein rechter gottesfürchtiger Glaube, der nicht dummkühn noch frech ist und versucht auch Gott nicht.

Wiederum, der die Pestilenz gehabt und zu Kräften kommt, soll auch selbst die Leute meiden und nicht wollen bei sich leiden ohne Noth. Denn wiewohl man ihm soll in seiner Not beistehen und nicht lassen, wie gesagt ist: so er aber nun aus der Noth ist gekommen, soll er sich auch wiederum gegen den andern verhalten, dass niemand um seinetwillen in seine Gefahr komme ohne Not, und Ursache gebe einem andern zum Tod. Denn wer Fährlichkeit liebt, spricht der weise Mann (Sir. 3, 27), der wird drin verderben. Wenn man sich also in einer Stadt hielte, dass man keck im Glauben wäre, wo es des Nächsten Noth fordert, und wiederum vorsichtig, wo es nicht not wäre, und hülfe ein Jeglicher also dem Gift wehren, womit man könnte, so sollte freilich ein gnädiges [ohne viele Opfer] Sterben in solcher Stadt sein. Aber wenn's so zugeht, dass ein Teil allzu verzagt ist und flieht von seinem Nächsten in der Not, der andere Teil allzu dummkühn und hilft nicht wehren, sondern mehren, da hat der Teufel gut machen und muss wohl das Sterben groß werden. Denn auf beiden Seiten wird Gott und Mensch höchlich beleidigt, hier mit Versuchen, dort mit Verzagen; so jagt den der Teufel, wer da flieht, und behält gleichwohl den, der dableibt, dass ihm also niemand entläuft.

Über das sind etliche noch ärger, welche, so 1) die Pestilenz heimlich haben, unter die Leute ausgehen und haben solchen Glauben, wo sie andere Leute könnten damit beschmeißen und vergiften, so würden sie derselbigen los und gesund [so die damalige Vorstellung]. Gehen also in solchem Namen, beide auf Gassen und in Häuser, dass sie die Pestilenz wollen andern oder ihren Kindern und Gesinde an den Hals hängen und sich damit erretten. Und will wohl glauben, dass der Teufel solches tue und helfe also das Rädlein treiben, dass es also gehe und geschehe. Auch lass' ich mir sagen, dass etliche so verzweifelt boshaft sind, dass sie mit der Pestilenz allein darum unter die Leute oder in die Häuser laufen, dass ihnen leid ist, dass die Pestilenz nicht auch da ist, und wollen sie dahin bringen, gerade als wäre die Sache ein solcher Scherz, als wenn man Jemandem zur Schalkheit Läuse in [den] Pelz oder Fliegen in die Stube setzt. Ich weiß nicht, ob ich's glauben soll; ist's wahr, so weiß ich nicht, ob wir Deutschen Menschen oder selbst Teufel sind. Und freilich, man findet über alle Maßen grobe, böse Leute; so ist der Teufel auch nicht faul. Aber mein Rath wäre, wo man solche fände, dass sie der Richter beim Kopfe nähme und überantwortete sie Meister Hansen [Henker], wie die rechten mutwilligen Mörder und Bösewichter. Was sind solche Leute anders als rechte Meuchelmörder in der Stadt? Gleichwie die Meuchelmörder stoßen hier und dort ein Messer durch einen, und muss [es] dennoch Niemand getan haben: also stecken diese auch hier ein Kind an, da eine Frau, und soll auch niemand getan haben, und gehen dennoch lachend dahin, als hätten sie es wohl ausgerichtet. Mit dieser Weise wäre es besser bei wilden Tieren zu wohnen, denn bei solchen Mördern. Diesen Mördern weiß ich nicht zu predigen: Sie achten's nicht; ich befehl's der Obrigkeit, dass die zusehe und mit Hülfe und Rat, nicht der Ärzte, sondern Meister Hansens dazu tue.

Hat nun Gott selbst im Alten Testament (3. Mos. 13 f.) befohlen, die Aussätzigen aus der Gemeinde zu tun und

außen vor der Stadt zu wohnen, um das Ansteckung zu vermeiden, so sollen wir ja vielmehr so tun in diesem gefährlichen Geschmeiß, dass, so sie jemand kriegt, sich alsbald von den Leuten selbst tue [absondere] oder tun lasse und flugs mit Arznei Hülfe gesucht. Da soll man ihm helfen und in solcher Noth nicht lassen, wie ich droben genugsam habe angezeigt, auf dass also das Gift bei Zeiten gedämpft werde, nicht allein der einigen 4) Person, sondern der ganzen Gemeine zu gut, welche dadurch möchte vergiftet werden, so man sie ließe so ausbrechen und unter andere kommen. Denn so ist jetzt unsere Pestilenz hier zu Wittenberg allein durch Ansteckung hergekommen; die Luft ist, Gott Lob! noch frisch und rein; aber aus lauter Dummkühnheit und Versäumung hat sie etliche, und derer wenig vergiftet; wiewohl der Teufel sein Freudenspiel hat mit dem Schrecken und Fliehen, so er unter uns treibt. Gott woll' ihm wehren! Amen.

Das ist unser Verstand und Meinung von dem Fliehen vor dem Sterben. So euch etwas anders dünken soll, das wolle euch Gott offenbaren! Amen.

 

Weil aber dieser Brief soll durch den Druck ausgehen, dass auch die Unsern denselben lesen sollen, so sehe ich's für gut an, einen kurzen Unterricht daneben zu stellen, wie man sich auch der Seelen halben schicken und halten soll in solchen Sterbensläuften. Wie wir denn denselben auch mündlich auf der Kanzel getan und täglich tun, damit wir auch unserm Amt genug tun, die wir zu Seelsorgern berufen sind.

Erstlich soll man das Volk ermahnen, dass sie zur Kirche in die Predigt gehen und hören, dass sie lernen Gottes Wort, wie sie leben und sterben sollen. Denn da soll man Acht drauf haben, dass, welche so roh und ruchlos sind, dass sie Gottes Wort verachten, weil sie leben die soll man auch wiederum lassen liegen in ihrer Krankheit, es sei denn, dass sie mit großem Ernst, mit Weinen und Klagen ihre Reue und Buße beweisen. Denn wer wie ein Heide oder Hund will leben und des keine öffentliche Reue hat, dem wollen wir auch das Sakrament nicht reichen, noch unter der Christen Zahl annehmen; er mag sterben, wie er gelebt hat, und sehe vor sich, denn wir sollen den Säuen nicht Perlen vorwerfen, noch den Hunden das Heiligtum (Matth. 7, 6). Man findet, leider! so viel groben, verstockten Pöbel, der weder im Leben noch Sterben für seine Seele sorgt, gehen hin und liegen, sterben auch dahin wie die Klöße, da weder Sinn noch Gedanken in ist.

Zum andern, dass ein jeglicher sich selbst beizeiten schicke und zum Sterben bereite mit Beichten und Sakrament nehmen, alle acht Tage oder vierzehn Tage einmal, versöhne sich mit seinem Nächsten und mache sein Testament, auf dass, ob der Herr anklopft und er übereilt würde, ehe denn Pfarrherr oder Kaplan dazu kommen könnten, er gleichwohl seine Seele versorgt und nicht versäumt, sondern Gott befohlen habe. Denn es auch nicht wohl möglich ist, wo großes Sterben ist und nur zwei oder drei Seelsorger sind, dass sie zu allen gehen können und einem jeglichen allererst alle Dinge sagen und lehren, was ein Christenmensch wissen soll in Sterbensnöten. Welche aber hierin lässig und säumig sein werden, die geben für sich selbst Rechnung und [es] sei ihre Schuld, ob man nicht kann vor ihrem Bette einen täglichen, sonderlichen Predigtstuhl und Altar halten, weil sie den öffentlichen Predigtstuhl und Altar so haben verachtet, dazu sie Gott berufen und gefordert hat.

Zum dritten, wenn man aber ja des Kaplans oder Seelsorgers begehrt, dass man sie fordere, oder lasse die Kranken ansagen bei Zeiten und im Anfange, ehe die Krankheit überhand nimmt und [so lange] noch Sinn und Vernunft da ist. Das sage ich darum: denn es sind etliche so säumig, dass sie nicht eher lassen fordern oder ansagen, bis die Seele auf der Zunge sitzt [sie dem Tod zueilen] und sie nicht mehr reden können und wenig Vernunft mehr da ist. Da bitten sie denn: Lieber Herr, sagt ihm das Beste vor usw. Aber vorhin, wenn die Krankheit anfängt, wünschten sie nicht, dass man zu ihm käme; sondern sprechen: Ei, es hat nicht Noth, ich hoffe, es soll besser werden. Was soll doch ein frommer Pfarrherr mit solchen Leuten machen, die weder für Leib noch Seele sorgen? Leben und sterben dahin, wie ein Vieh. Solchen soll man denn im letzten Augenblick das Evangelium sagen und das Sakrament reichen, gleichwie sie unter dem Papsttum gewohnt sind, da niemand gefragt hat, ob sie glauben oder das Evangelium wissen, sondern das Sakrament in den Hals gestoßen, wie in einen Brotsack. Nicht so, sondern welcher nicht reden oder Zeichen geben kann (besonders so er's so mutwillig versäumt [hat]), wie er das Evangelium und Sakrament glaube, verstehe und begehre, so wollen wir es ihm nicht noch reichen. Denn uns ist befohlen, das heilige Sakrament nicht den Ungläubigen, sondern den Gläubigen zu reichen, welche ihren Glauben sagen und bekennen mögen. Die andern mögen fahren, wie sie glauben, wir sind entschuldigt, weil es weder am Predigen, Lehren, Vermahnen, Trösten, Besuchen, noch an irgendeinem unserm Amt oder Dienst fehlt.

Das sei kürzlich der Unterricht, so wir an den Unsern üben, nicht für euch zu Breslau geschrieben. Denn Christus ist bei euch; der wird euch wohl ohne unser Zutun lehren reichlich durch seine Salbe, alles, was euch not ist. Dem sei Lob und Ehre, samt Gott dem Vater und heiligen Geist in Ewigkeit! Amen.

Weil wir aber in diese Sache gekommen sind, vom Sterben zu reden, kann ich's nicht lassen, auch von dem Begräbnis etwas zu reden. Aufs erste lass' ich das die Doktoren der Arznei beurteilen und alle, die darin besser erfahren sind, ob's gefährlich sei, dass man mitten in Städten Kirchhöfe hat? Denn ich weiß und verstehe mich nichts darauf, ob aus den Gräbern Dunst oder Dampf gehe, der die Luft verrücke Wo dem aber so wäre, so hat man aus obgesagten Warnungen Ursachen genug, dass man den Kirchhof außer der Stadt habe. Denn, wie wir gehört haben, sind wir allesamt schuldig, dem Gift zu wehren, womit man vermag, weil Gott uns befohlen hat, unsers Leibes also zu pflegen, dass wir sein schonen und warten, so er uns nicht Not zuschickt [der man sich nicht entziehen kann], und wiederum, auch denselben getrost wagen und aussetzen, wo es die Not fordert, auf dass wir damit, beides zu leben und zu sterben, seinem Willen bereit seien.

Denn niemand lebt ihm selber, Niemand stirbt ihm selbst, als S. Paulus sagt Röm. 14, 7.

Das weiß ich wohl, dass bei den Alten der Brauch gewesen ist, beide unter Juden und Heiden, beide unter Heiligen und Sündern, das Begräbnis außerhalb der Stadt zu haben; und sie sind ja so klug gewesen, als wir sein mögen. Denn also zeigt auch das Evangelium des S. Lukas, da Christus der Witwe Sohn vom Tode aufweckte im Stadtthor zu Nain, und der Text sagt (Luk. 7, 12): Man trug ihn zur Stadt hinaus zum Grab, und ging viel Volks mit ihr, dass freilich des Landes Weise dazumal gewesen ist, außer den Städten die Begräbnisse zu haben; auch Christi Grab selbst war außen vor der Stadt bereitet. Desselbigen gleichen kaufte Abraham sein Begräbnis auf dem Acker Ephron, bei der zwiefachen Höhle (1. Mose 23, 19), dahin sich die Patriarchen alle begraben ließen. Daher auch die lateinische Sprache efferri heißt, das ist „hinaus tragen“, was wir zu Grabe tragen heißen; denn sie trugen sie nicht allein hinaus, sondern verbrannten die Leute alle zu Pulver, auf dass die Luft ja aufs reinste bliebe.

Darum mein Rath auch wäre, solchen Exempeln nach das Begräbnis hinaus vor die Stadt [zu] machen. Und zwar, als wir hier zu Wittenberg einen Kirchhof haben, sollte uns nicht allein die Noth, sondern auch die Andacht und Ehrbarkeit dazu treiben, ein gemeinsames Begräbnis außen vor der Stadt zu machen. Denn ein Begräbnis sollte ja billig ein feiner stiller Ort sein, der abgesondert wäre von allen Orten, darauf man mit Andacht gehen und stehen könnte, den Tod, das Jüngste Gericht und Auferstehung zu betrachten und beten, also, dass derselbige Ort gleich eine ehrliche, ja fast eine heilige Stätte wäre, dass einer mit Furcht und allen Ehren darauf könnte wandeln, weil ohne Zweifel etliche Heilige [Gläubige] da liegen; und daselbst umher an den Wänden könnte man solche andächtige Bilder und Gemälde malen lassen.

Aber unser Kirchhof, was ist er? Vier oder fünf Gassen und zwei oder drei Märkte ist er, dass nicht gemeinerer oder unstillerer Ort ist in der ganzen Stadt als eben der Kirchhof, da man täglich, ja Tag und Nacht drüber läuft, beide Menschen und Vieh, und ein jeglicher aus seinem Haus eine Tür und Gasse darauf hat, und allerlei darauf geschieht, vielleicht auch solche Stücke, die nicht zu sagen sind. Dadurch wird denn die Andacht und Ehre gegen die Begräbnisse ganz und gar zunichte, und hält Jedermann nicht mehr davon, denn als wenn jemand über einen Schindanger liefe, dass der Türke nicht so unehrlich könnte den Ort halten, als wir ihn halten; und sollten doch daselbst eitel Andacht schöpfen, den Tod und Auferstehung bedenken und der Heiligen, so da liegen, schonen. Aber wie kann man solches tun auf einem gemeinen Ort, da Federmann muss überlaufen und vor Jedermanns Thür aufsteht? Dass, wenn ja Ehre soll im Begräbnis gesucht sein, ich umso lieber in der Elbe oder im Walde liegen wollte. Aber wenn das Begräbnis draußen auf einem abgesonderten, stillen Ort läge, da niemand durch noch darauf liefe, so wäre es gar geistlich, ehrlich und heilig anzusehen und könnte auch zugerichtet werden, dass er zur Andacht reizte die, so darauf gehen wollten. Das wäre mein Rath; wer's tun will, der tue es; wer's besser weiß, der fahre immer fort; ich bin niemandes Herr.

Am Ende aber ermahnen und bitten wir euch um Christi willen, dass ihr samt uns helft kämpfen mit Bitten zu Gott und Lehren gegen die rechte, geistliche Pestilenz des leidigen Satans, damit er jetzt die Welt vergiftet und beschmeißt, besonders durch die Sakramentslästerer, wiewohl auch sonst daneben viel andere Rotten aufgehen. Denn Satan ist zornig und fühlt vielleicht den Tag Christi herauf; darum tobt er so gräulich und will uns den Heiland Jesus Christus nehmen durch seine Geisterei. Unter dem Papsttum war er lauter Fleisch, dass auch Mönchskappen mussten heilig sein; nun will er lauter Geist sein, dass auch Christi Fleisch und Wort soll nichts sein. Sie haben mir auf mein Büchlein längst geantwortet; mich wundert aber, dass [diese ihre Antwort] bis auf diesen Tag nicht her nach Wittenberg gekommen ist. Ich will, so Gott verleiht, noch einmal darauf antworten und darnach sie fahren lassen. Ich sehe doch, dass sie nur ärger davon werden, und sind wie eine Wanze, welche von sich selbst überaus stinkt, aber je mehr man sie zerreibt, je ärger sie stinkt; und hoffe, wer zu erhalten ist, dem sei durch mein Büchlein genug geschrieben. Wie denn, Gott Lob! viele dadurch aus ihrem Rachen gerissen und noch viel mehr in der Wahrheit gestärkt und bestätigt sind.

Christus, unser Herr und Heiland, behalte euch alle im reinen Glauben und brünstiger Liebe unbefleckt und unsträflich auf seinen Tag, samt uns allen. Amen. Bittet für mich armen Sünder!

 

 

1 Entnommen aus: Luthers Werke für das christliche Haus. Hrsg. von Buchwald, Kawerau … Bd. 6. Braunschweig: C.A. Schwetschke und Sohn. 1891. S. 81 ff. https://www.google.de/books/edition/Luthers_Werke_f%C3%BCr_das_christliche_Haus/idFMCZ_hZrUC?hl=de&gbpv=1&dq=luther+werke+f%C3%BCr+das+christliche+haus&printsec=frontcover

2 Die Pest zog wieder einmal durchs Land. Ihr Schrecken trieb die gesamte Universität Wittenberg, Professoren und Studenten, nach Jena. Luther weigerte sich trotz dringenden Mahnungen, auch des Kurfürsten, mitzufliehen. Er stand seinem Freunde und Beichtvater, dem Stadtpfarrer Bugenhagen, in Predigt und Seelsorge bei und hielt auch einem kleinen zurückgebliebenen Studentenhäuslein Vorlesungen. Die Seuche drang in sein Haus, doch nicht in seine Familie. Überhaupt blieb die Zahl der Sterbefälle eine mäßige. Der Schrecken währte von August bis Dezember 1527. In jener Zeit richtete Johann Heß, seit 1523 Pfarrer in Breslau (geb. 1490 in Nürnberg, gest. 1547 in Breslau) zugleich im Namen andrer evangelischer Amtsgenossen an Luther die Gewissensfrage, ob man als Christ vor der Pest fliehen dürfe. Die Antwort gab Luther öffentlich in obiger Schrift.