Kurze Ermahnung zur Beichte
Martin Luther
15291
Von der Beichte haben wir allzeit also gelehrt, dass sie solle frei sein, und des Papstes Tyrannei niedergelegt, dass wir alle seines Zwanges los sind und befreit von der unerträglichen Bürde und Last, der Christenheit aufgelegt. Denn kein schwereres Ding ist bisher gewesen, wie wir alle versucht [erfahren] haben, denn dass man jedermann zu beichten gezwungen, bei der höchsten Todsünde, dazu dasselbe so hoch beschwert hat und die Gewissen gemartert mit so mancherlei Sünden zu erzählen, dass niemand hat können rein genug beichten. Und was das Ärgste ist gewesen, niemand hat gelehrt noch gewusst, was die Beichte wäre oder wie nütz und tröstlich, sondern haben lauter Angst und Höllenmarter daraus gemacht, dass man's hat tun müssen und doch keinem Ding so feind gewesen ist. Diese drei Stücke sind uns nun entnommen und geschenkt, dass wir's aus keinem Zwang noch Furcht tun dürfen, auch der Marter entladen sind, so genau alle Sünde zu zählen; zudem haben wir den Vorteil, dass wir wissen, wie man sie selig gebrauchen soll zu Trost und Stärke unsers Gewissens.
Aber solches kann nun jedermann, und haben's, leider, allzu wohl gelernt, dass sie tun, was sie wollen, und sich der Freiheit also annehmen, als sollten oder bedürften sie nimmermehr beichten. Denn das hat man bald gefasst, was uns sonst wohl tut, und [es] geht aus der Maßen leichtlich ein, wo das Evangelium sanft und weich ist. Aber solche Säue, habe ich gesagt, sollten nicht bei dem Evangelium sein noch etwas davon haben, sondern unter dem Papst bleiben und sich lassen treiben und plagen, dass sie müssten beichten, fasten usw. mehr als je zuvor. Denn wer das Evangelium nicht glauben noch darnach leben will, und tun, was ein Christ tun soll, der soll sie [die Beichte] auch nicht genießen. Was wäre das, dass du nur wolltest Genieß haben und nichts dazu tun noch darauf wenden? Darum wollen wir solchen nichts gepredigt haben, auch mit unserem Willen nichts von unserer Freiheit einräumen noch genießen lassen, sondern wieder den Papst oder seines Gleichen über sie lassen, der sie zwinge wie ein rechter Tyrann. Denn es gehört doch unter den Pöbel, so dem Evangelio nicht gehorchen wollen, nichts, denn ein solcher Stockmeister, der Gottes Teufel und Henker sei.
Den andern aber, so sich gern sagen lassen, müssen wir immer predigen, anhalten, reizen und locken, dass sie solchen teuren und tröstlichen Schatz, durchs Evangelium vorgetragen, nicht umsonst hingehen lassen. Darum wollen wir auch von der Beichte etwas reden, die Einfältigen zu unterrichten und ermahnen.
Zum Ersten habe ich gesagt, dass außer diese Beichte, davon wir hier reden, noch zweierlei Beichte ist, die da mehr heißen mögen ein allgemeines Bekenntnis aller Christen. Nämlich, da man Gott selbst allein oder dem Nächsten allein beichtet und um Vergebung bittet, welche auch im Vater Unser gefasst, da wir sprechen: Vergib uns unsere Schuld, als wir vergeben unsern Schuldigern usw. Ja, das ganze Vater Unser ist nichts anders als eine solche Beichte. Denn was ist unser Gebet, als dass wir bekennen, was wir nicht haben noch tun, so wir schuldig sind, und begehren Gnade und ein fröhliches Gewissen? Solche Beichte soll und muss ohne Unterlass geschehen, so lange wir leben; denn darin besteht eigentlich ein christliches Wesen, dass wir uns für Sünder erkennen und um Gnade bitten.
Desgleichen die andere Beichte, so ein jeglicher gegen seinen Nächsten tut, ist auch ins Vater Unser gebunden, dass wir untereinander unsere Schuld beichten und vergeben, ehe wir vor Gott kommen und um Vergebung bitten. Nun sind wir insgemein alle unter einander schuldig, darum sollen und mögen wir wohl öffentlich vor Jedermann beichten und keiner den andern scheuen, denn es geht, wie man spricht: Ist einer fromm, so sind sie es alle, und tut keiner Gott oder dem Nächsten, was er soll.
Doch ist neben der allgemeinen Schuld auch eine besondere, wo einer einen andern erzürnt hat, dass er es ihm abbitte. Also haben wir im Vater Unser zwei Absolutionen, dass uns vergeben ist, was wir verschuldet haben, beides, wider Gott und den Nächsten, wo wir dem Nächsten vergeben und uns mit ihm versöhnen.
Über solche öffentliche, tägliche und nötige Beichte ist nun diese heimliche Beichte, so zwischen Brüdern allein geschieht, und soll dazu dienen, wo uns etwas Besonderes anliegt oder anficht, damit wir uns beißen und nicht zufrieden sein können, noch uns im Glauben stark genug finden, - dass wir solches einem Bruder klagen, Rath, Trost und Stärke zu holen, wann und wie oft wir wollen. Denn es ist nicht in Gebot gefasst, wie jene zwei, sondern einem Jeglichen, wer sein bedarf, heimgestellt, dass er's zu seiner Not brauche, und ist daher gekommen und geordnet, dass Christus selbst die Absolution seiner Christenheit in [den] Mund gelegt und befohlen hat, uns von Sünden aufzulösen. Wo nun ein Herz ist, das seine Sünde fühlt und Trost begehrt, hat es hier eine gewisse Zuflucht, da es Gottes Wort findet und hört, dass ihn Gott durch einen Menschen von Sünden entbindet und losspricht.
So merke nun, wie ich oft gesagt habe, dass die Beichte steht in zwei Stücken. Das erste ist unser Werk und Tun, dass ich meine Sünde klage und begehre Trost und Erquickung meiner Seele. Das andere ist ein Werk, das Gott tut, der mich durch das Wort, dem Menschen in [den] Mund gelegt, los spricht von meinen Sünden; welches auch das Vornehmste und Edelste ist, so sie [die Beichte] lieblich und tröstlich macht. Nun hat man bisher allein auf unser Werk getrieben und nicht weiter gedacht, denn dass wir ja rein [vollständig] gebeichtet hätten, und das nötigste andere Stück nicht geachtet noch gepredigt, gerade als wäre es allein ein gutes Werk, damit man Gott bezahlen sollte, und wo die Beichte nicht vollkommen und aufs Allergenauste getan wäre, sollte die Absolution nicht gelten, noch die Sünde vergeben sein. Damit man die Leute so weit getrieben hat, dass Jedermann hat verzweifeln müssen, so rein zu beichten (wie es denn nicht möglich war), und kein Gewissen hat mögen zu Ruhe stehen noch sich auf die Absolution verlassen. Also haben sie uns die liebe Beichte nicht allein unnütz, sondern auch schwer und sauer gemacht, mit merklichem Schaden und Verderben der Seele.
Darum sollen wir's so ansehen, dass wir die zwei Stücke weit voneinander scheiden und sehen, und unser Werk gering, aber Gottes Wort hoch und groß achten, und nicht hingehen, als wollten wir ein köstliches Werk tun und ihm geben, sondern nur von ihm nehmen und empfangen. Du bedarfst es nicht, zu kommen und zu sagen, wie fromm oder böse du bist. Bist du ein Christ, so weiß ich's sonst wohl; bist du keiner, so weiß ich's noch viel mehr. Aber darum ist's zu tun, dass du deine Not klagst und lässt dir helfen und ein fröhliches Herz und Gewissen machen.
Dazu darf dich nun niemand dringen mit Geboten. Sondern so sagen wir: Wer ein Christ ist oder gern sein wollte, der hat hier einen treuen Rat, dass er hingehe und den köstlichen Schatz hole. Bist du kein Christ oder begehrst solchen Trost nicht, so lassen wir dich von einem andern zwingen [dem Teufel]. Damit heben wir nun des Papstes Tyrannei, Gebot und Zwang allzumal auf, als die seiner zu nichts zu bedürfen. Denn wir lehren (wie gesagt) also: wer nicht willig und um der Absolution willen zur Beichte geht, der lasse es nur anstehen; ja, wer auch auf sein Werk hingeht, wie rein er seine Beichte getan habe, der bleibe nur davon. Wir ermahnen aber, du sollst beichten und deine Not anzeigen, nicht darum, dass du es für ein Werk tust, sondern hörst, was Gott dir sagen lässt. Das Wort, sage ich, oder [die] Absolution sollst du ansehen, groß und teuer achten, als einen trefflichen, großen Schatz mit allen Ehren und Dank anzunehmen.
Wenn man solches hervorhöbe und daneben die Not anzeigte, so uns dazu bewegen und reizen sollte, bedürfte man nicht viel Nötigens noch Zwingens; sein eigenes Gewissen würde einen jeglichen wohl treiben und so bange machen, dass er sein [über die Absolution] froh würde und täte, wie ein armer, elender Bettler, so er hört, dass man an einem Ort eine reiche Spende, Geld oder Kleider austeilt: da bedürfte man keines Büttels, der ihn triebe und schlüge, er würde wohl selbst laufen, was er Leibes laufen könnte, dass er's nicht versäumte. Wenn man nun ein Gebot darauf schlüge, dass alle Bettler sollten dahinlaufen, des und kein andres, und schwiege doch, was man da suchen und holen sollte: was wäre das anders, denn dass man hinginge mit Unlust, und nicht dächte etwas zu holen, sondern sich sehen [zu] lassen, wie arm und elend der Bettler wäre? Davon würde man nicht viel Freude oder Trost schöpfen, sondern nur dem Gebot desto mehr feind werden.
Ebenso haben bisher des Papstes Prediger dieses trefflichen, reichen Almosens und unaussprechlichen Schatzes geschwiegen und nur mit Haufen hingetrieben 4), zu keinem anderen Zweck, als dass man sähe, wie unreine und unflätige Leute wir wären [durch die Sünde]. Wer könnte da gern zur Beichte gehen! Wir aber sagen nicht, dass man sehen solle, wie voll Unflats du seiest, und sich darin spiegeln [nämlich die Sünde]; sondern raten und sagen: bist du arm und elend, so gehe hin, und brauche der heilsamen Arznei. Wer nun sein Elend und Not fühlt, wird wohl solches Verlangen darnach kriegen, dass er mit Freuden hinzulaufe. Welche es aber nicht achten noch von sich selbst kommen, die lassen wir auch fahren. Das sollen sie aber wissen, dass wir sie nicht für Christen halten.
So lehren wir nun, wie treffliches, köstliches und tröstliches Ding es ist um die Beichte, und ermahnen dazu, dass man solch teures Gut nicht verachte, angesehen unsere große Not. Bist du nun ein Christ, so bedarfst du weder meines Zwanges noch Papstes Gebot nichts überall, sondern wirst dich wohl selbst zwingen und mich darum bitten, dass du solches [der Absolution] könntest teilhaftig werden. Willst du es aber verachten und so stolz ungebeichtet hingehen, so schließen wir das Urteil, dass du kein Christ bist und auch das Sakrament nicht genießen sollst. Denn du verachtest, was kein Christ verachten soll, und machst damit, dass du keine Vergebung der Sünde haben kannst. Und [es] ist ein gewisses Zeichen, dass du auch das Evangelium verachtest.
Summa, wir wollen von keinem Zwang wissen. Wer aber unsere Predigt und Vermahnung nicht hört noch folgt, mit dem haben wir nichts zu schaffen, soll auch nichts von dem Evangelio haben. Wärst du ein Christ, so solltest du froh werden, dass du möchtest über hundert Meilen darnach laufen und dich nicht lassen nötigen, sondern kommen und uns zwingen. Denn da muss der Zwang umgekehrt werden, dass wir ins Gebot [d.h. die Pastoren gezwungen werden zum Beichtehören und Absolution] und du in die Freiheit kommst. Wir dringen niemand, sondern leiden, dass man zu uns dringt, gleichwie man uns zwingt, dass wir predigen und Sakramente reichen müssen.
Darum, wenn ich zur Beichte ermahne, so tue ich nichts anders, als dass ich ermahne ein Christ zu sein. Wenn ich dich dahin bringe, so habe ich dich auch wohl zur Beichte gebracht. Denn welche darnach verlangt, dass sie gern fromme Christen und ihre Sünde los wären und fröhliches Gewissen haben wollten, die haben schon den rechten Hunger und Durst, dass sie nach dem Brod schnappen, gleichwie ein gejagter Hirsch vor Hitze und Durst entbrannt. Wie der 42. Psalm (V. 3) sagt: Wie der Hirsch schreit nach den Wasserbächen, so schreit meine Seele, Gott, zu dir; das ist, wie wehe und bange einem solchen ist nach einem frischen Born, so angst und bange ist mir nach Gottes Wort oder Absolution und Sakrament usw.
Siehe, das wäre recht von der Beichte gelehrt, so könnte man Lust und Liebe dazu machen, dass die Leute herzu kämen und uns nachliefen, mehr als wir gern hätten. Die Papisten lassen wir plagen und martern sich und andere Leute, so solchen Schatz nicht achten und sich selbst zuschließen. Uns aber lasst die Hände aufheben, Gott loben und danken, dass wir zu solcher Erkenntnis und Gnade gekommen sind.
1 Entnommen aus: Luthers Werke für das christliche
Haus. Hrsg. von Buchwald, Kawerau … Bd. 6.
Braunschweig: C.A. Schwetschke und Sohn. 1891. S. 149 ff. https://www.google.de/books/edition/Luthers_Werke_f%C3%BCr_das_christliche_Haus/idFMCZ_hZrUC?hl=de&gbpv=1&dq=luther+werke+f%C3%BCr+das+christliche+haus&printsec=frontcover