Eine treue Ermahnung an alle Christen, sich zu hüten
vor Aufruhr und Empörung
Martin Luther
Einleitung
Durch
die Verbrennung der Bannbulle am 10. Dezember 1520 und durch sein mutiges
Bekenntnis auf dem Reichstag zu Worms am 18. April 1521 hatte Luther erklärt,
dass er in Glaubenssachen weder Papst noch Kaiser gehorchen könne. Aber fern
war er anderseits von jedem Gedanken eines Aufruhrs gegen die Obrigkeit. Als
ihm daher während seines Aufenthalts auf der Wartburg (1521-1522), wohin ihn
sein Kurfürst in Sicherheit gebracht hatte, die Gefahr eines Aufruhrs vor Augen
schwebte, weil es an manchen Orten zu Gewaltmaßregeln gegen Priester und Mönche
gekommen war, schrieb er „eine treue Vermahnung an alle Christen, sich zu
verhüten vor Aufruhr und Empörung", worin er zeigt, dass jeder Aufruhr vor
Gott Sünde sei und vor allen in geistlichen Dingen nur mit den Waffen des
Geistes gefochten werden dürfe.
Allen Christen, die diesen Brief lesen oder hören, gebe Gott Gnade und Friede. Amen.
Es ist von Gottes Gnaden in diesen Jahren das selige Licht der christlichen Wahrheit, durch den Papst und die Seinen zuvor unterdrückt, wieder aufgegangen, dadurch ihre mannigfaltige, schädliche und schändliche Verführung, allerlei Missetat und Tyrannei öffentlich an Tag gebracht und zuschanden worden ist, dass es sich ansehen lässt, es werde gelangen zu Aufruhr, und Pfaffen, Mönche, Bischöfe mit ganzem geistlichen Stand erschlagen und verjagt möchten werden, wo sie nicht eine ernstliche, merkliche Besserung selbst vorwenden; denn der gemeine Mann, in Bewegung und Verdruss seiner Beschädigung, am Gut, Leib und Seele erlitten, zu hoch versucht und über alle Maß von ihnen aufs alleruntreulichste beschweret, hinfort solches nimmer leiden möge noch wolle, und dazu redliche Ursache habe, mit Flegeln und Kolben drein zu schlagen, wie der Karsthans [aufrührerischer Bauer] droht.
Wiewohl nun ich nicht ungern höre, dass die Geistlichen in solcher Furcht und Sorge stehen, ob sie dadurch wollten in sich selbst schlagen und ihre wütende Tyrannei sänftigen, und wollte Gott, solch Schrecken und Furcht wäre noch größer: so dünkt mich doch, ich sei des gewiss, bin auch ohne alle Sorge eines zukünftigen Aufruhrs oder Empörung, sonderlich die da durch und durch dringe und den ganzen Haufen überfalle, aus der Ursache, dass ich nicht mag noch soll zweifeln, Gott werde über seinem Wort halten und viel eher lassen Himmel und Erde vergehen, ehe ein einziger Titel oder Buchstabe davon falle; wie er selbst sagt Matth. 5 u. 24.
Die Schrift gibt dem Papst und den Seinen gar sehr ein anderes Ende denn leiblichen Tod und Aufruhr. Daniel 8 spricht: „Er soll ohne Hand zerknirscht werden", das ist nicht mit dem Schwert und leiblicher Gewalt, und St. Paulus 2 Tess. 2 sagt von ihm so: „Unser Herr Jesus wird ihn töten mit dem Geist seines Mundes und wird ihn zerstören durch das Erleuchten seiner Zukunft.“
Doch obwohl die Hand nicht dazu kommen wird, und derselbigen mir nicht not ist zu wehren, so muss ich doch auch die Herzen ein wenig unterrichten. Und für das erste lasse ich die weltliche Obrigkeit und Adel jetzt anstehen, welche wohl sollten aus Pflicht ihrer ordentlichen Gewalt dazu tun, ein jeglicher Fürst und Herr in seinem Land. Denn was durch ordentliche Gewalt geschieht, ist nicht für Aufruhr zu halten. Aber dem gemeinen Mann ist sein Gemüt zu stillen und zu sagen, dass er sich enthalte auch der Begierden und Worte, so zum Aufruhr sich lenken, und zur Sache nichts vornehme ohne Befehl der Obrigkeit oder Zutun der Gewalt. Dazu sollen ihn bewegen:
1. Dass, wie gesagt, es doch nicht zur Tat kommen wird und lauter vergebliche Worte und Gedanken sind, was davon geredet und gedacht wird. Denn, wie gehört ist, Gott will und wird selber hier der Strafer sein, und sie solcher leichten Strafe ganz und gar nicht würdig sind. Man kann ihnen mit Worten und Briefen mehr denn genug tun, dass es weder Hauens noch Stechens bedarf.
2. Ob's gleich möglich wäre, dass ein Aufruhr würde, und Gott sie so gnädig wollte strafen, so ist doch die Weise kein Nutz, bringt auch nimmermehr die Besserung, die man damit sucht. Denn Aufruhr hat keine Vernunft und geht gemeiniglich mehr über die Unschuldigen als über die Schuldigen. Darum ist auch kein Aufruhr recht, wie rechte Sache er immer haben mag, und folgt allezeit mehr Schaden denn Besserung daraus, damit erfüllet wird das Sprichwort: „Aus Übel wird Ärgeres.“ Deshalb sind die Obrigkeit und das Schwert eingesetzt, zu strafen die Bösen und zu schützen die Frommen, dass Aufruhr verhütet werde, wie St. Paulus sagt Röm. 13 und 1 Petr. 2. Aber wenn Herr Omnes [der große Haufe] aufstehet, der vermag solch Unterscheiden der Bösen und Frommen weder zu treffen noch zu halten, schlägt in den Haufen, wie es trifft, und kann nicht ohne groß gräulich Unrecht zugehen.
Ich halte und will's allezeit halten mit dem Teil, der Aufruhr leidet, wie unrechte Sache er immer habe, und zuwider sein dem Teil, der Aufruhr macht, wie rechte Sache er immer habe, darum, dass Aufruhr nicht kann ohne unschuldig Blut oder Schaden ergehen.
3. So ist Aufruhr von Gott verboten, da er sagt durch Mose: „Was recht ist, sollst du mit Recht ausführen." Ebenso [ferner]: „Die Rache ist mein, ich will vergelten.“ Daher kommt das wahre Sprichwort: „Wer wieder schlägt, der ist unrecht.“ Ebenso: „Niemand kann sein eigener Richter sein.“ Nun ist Aufruhr nichts anderes denn selbst richten und rächen. Das kann Gott nicht leiden; darum ist's nicht möglich, dass Aufruhr nicht sollte die Sache allezeit viel ärger machen, weil sie wider Gott und Gott nicht mit ihr ist.
4. Ist in dieser Sache der Aufruhr ein sonderlich gewiss Eingeben des Teufels. Denn dieweil er sieht das helle Licht der Wahrheit, welches seine Götzen, Papst und Papisten aufdeckt in aller Welt, und er ihm in keinen Weg begegnen kann, fährt er zu und will Aufruhr anrichten durch die, so sich des Evangeliums rühmen, damit er hofft, unsere Lehre zu schimpfieren, als sei sie vom Teufel und nicht aus Gott, wie etliche schon auf der Kanzel rühmen aus dem Spiel, dass er zu Erfurt mit den Pfaffen anfing.
Aber es soll ihm, ob Gott will, nicht gelingen. Wir müssen den Schimpf von ihm leiden; er soll aber dagegen auch etwas leiden, das ihn reichlich bezahle. Welche meine Lehre recht lesen und verstehen, die machen nicht Aufruhr; sie haben's nicht von mir gelernt. Dass aber etliche solches tun und sich unseres Namens rühmen, was können wir dazu? Wieviel tun die Papisten unter dem Namen Christi, das nicht allein Christus verboten hat, sondern auch Christum verstört?
Darum bitt' ich, wer sich des christlichen Namens will rühmen, der halte sich wie St. Paulus sagt 2 Kor. 6, dass wir den Widersachern nicht Ursache geben, zu lästern unsere Lehre. Denn wir sehen, wie die Papisten geschickt sind, dass sie den Balken in ihren Augen stehen lassen und mit ganzem Fleiß suchen und scharren, ob sie ein kleines Stöcklein in unseren Augen finden mögen. Wir sollen ihnen nicht ausrücken, dass sie fast nichts Gutes bei sich haben. Aber wo unsereiner nicht eitel Geist und Engel ist, so soll all unser Ding unrecht sein; da freuen sie sich, da hüpfen sie, da singen sie, als hätten sie ganz gewonnen. Darum sollen wir uns hüten vor Ursache ihrer Lästerung, deren sie voll, voll, voll stecken; nicht um ihretwillen, denn sie müssen doch lästern und das Maul übergehen lassen, des das Herz voll ist, sollten sie es auch mit Lügen ausrichten, wie wir sehen, dass sie tun, sondern um des heiligen Evangelii willen, dass wir seine Schmach verwahren [dass wir es vor Schmach wahren] und ihnen ihr Maul zustopfen, als St. Petrus lehrt, dass sie mit keiner Wahrheit uns schänden mögen, so viel uns möglich ist. Denn was sie Böses von uns sagen mögen, ziehen sie sobald auf die Lehre, und muss also das heilige Wort Gottes unsere Schande tragen, davon wir alle Ehre haben. Aber sie wollen ihre Lehre ungeschändet haben, ob sie lauter Schande wirken, das edle, zarte, rechtfertige Volk.
Sprichst du aber: Was sollen wir denn tun, so die Obrigkeit nicht anfangen will? Sollen wir's noch länger dulden und ihren Mutwillen stärken? Antwort: Nein, du sollst deren keines tun. Dreierlei sollst du dazu tun:
1. Du sollst erkennen deine Sünde, welche Gottes strenge Gerechtigkeit mit solchem endchristischen [antichristlichen] Regiment geplagt hat, wie St. Paulus 2 Thess. 2 verkündigt: „Gott wird ihnen zusenden irrige Lehre und Regiment, darum dass sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie selig würden.“ Es ist lauter unsere Schuld alles, was der Papst mit den Seinen an unserm Gut, Leib und Seele getan hat. Darum musst du zuvor die Sünde bekennen und ablegen, ehe du der Strafe und Plage willst los sein; sonst wirst du wider den Spieß treten, und der Stein, den du über dich wirfst zum Himmel, wird dir auf den Kopf fallen.
2. Du sollst demütig bitten wider das päpstliche Regiment, wie da tut und lehrt der 10. Psalm und spricht: „Stehe auf, Herr Gott, und erhebe deine Hand, vergiss nicht deine Armen usw.“
3. Dass du deinen Mund lässt sein ein Mund des Geistes Christi, von dem St. Paulus droben saget: „Unser Herr Jesus wird ihn töten mit dem Mund seines Geistes.“ Das tun wir, so wir getrost fortfahren, wie angefangen ist, des Papsts und der Papisten Büberei und Trügerei unter die Leute treiben mit Reden und Schreiben, bis dass er in aller Welt bloß aufgedeckt, erkannt und zuschanden werde. Denn mit Worten muss man ihn zuvor töten; der Mund Christi muss es tun; damit wird er aus der Menschen Herzen gerissen, und seine Lügen erkannt und verachtet. Wenn er aber aus dem Herzen ist, dass sein Ding nicht mehr gilt, so ist er schon verstört. Hiermit kann man ihm besser raten denn mit hundert Aufruhren. Mit Gewalt werden wir ihm nichts abbrechen, ja mehr ihn stärken, wie es bisher vielen ergangen ist. Aber mit dem Licht der Wahrheit, wenn man ihn gegen Christum und seine Lehre gegen das Evangelium hält, da fällt er und wird zunichte, ohne alle Mühe und Arbeit. Darum darfst du nicht begehren einen leiblichen Aufruhr. Es hat Christus selbst schon einen angefangen mit seinem Mund, der dem Papst allzu schwer wird sein; demselben lass uns folgen und fortfahren. Es ist nicht unser Werk, das jetzt geht in der Welt. Es ist nicht möglich, dass ein Mensch sollte allein solch ein Wesen anfangen und führen. Es ist auch ohne mein Bedenken und Ratschlag so fern kommen, es soll auch ohne meinen Rat wohl hinaus gehen, und die Pforten der Hölle sollen's nicht hindern. Ein anderer Mann ist's, der das Rädle treibt; den sehen die Papisten nicht und geben's uns schuld; sie sollen's aber schier innewerden. Der Teufel hat sich lange Zeit vor diesen Jahren gefürchtet und den Braten von ferne gerochen, hat auch viel Prophezeien dawider lassen ausgehen, deren etliche auf mich deuten, dass ich mich oft seiner großen Schalkheit verwundere. Er hätte mich auch oft gar gerne getötet. Seht wollte er gerne, dass ein leiblicher Aufruhr würde, damit dieser geistliche Aufruhr zuschanden und verhindert würde. Es will aber und soll ihm nichts helfen, ob Gott will. Er muss ohne Hand und allein mit dem Munde verstöret werden, da hilft nichts vor.
Siehe nun, treibe und hilf treiben das heilige Evangelium. Lehre, rede, schreibe und predige, wie Menschengesetz nichts sind. Wehre und rate, dass niemand Pfaff, Mönch, Nonne werden, und wer darinnen ist, heraus gehe. Gib nicht mehr Geld zu Bullen, Kerzen, Glocken, Tafeln, Kirchen; sondern sage, dass ein christlich Leben stehe im Glauben und Liebe, und lass uns das noch zwei Jahre treiben, so sollst du wohl sehen, wo Papst, Bischof, Kardinal, Pfaff, Mönch, Nonne, Glocken, Turm, Messe, Vigilien, Kutten, Kappen, Platten, Regel, Statuten und das ganze Geschwürm und Gewürm päpstlichen Regimentes bleibe; wie der Rauch soll es verschwinden.
Aber hier in diesem Treiben muss ich abermals etliche vermahnen, die dem heiligen Evangelio einen großen Abfall und Nachrede machen. Es sind etliche, so sie ein Blatt oder zwei gelesen oder eine Predigt gehöret, rips raps auswischen und nichts mehr tun, denn überfahren und versprechen die andern mit ihrem Wesen, als die nicht evangelisch seien; unangesehen dass zuweilen schlechte einfältige Leute sind, die wohl die Wahrheit lernten, so man sie ihnen sagte. Das habe ich auch niemand gelehrt, und St. Paulus hat es hart verboten. Sie tun's nur darum, dass sie wollen etwas Neues wissen und gut lutherisch gesehen sein. Aber sie missbrauchen des heiligen Evangelii zu ihrem Mutwillen. Damit wirst du das Evangelium nimmermehr in die Herzen treiben; du wirst sie vielmehr abschrecken und musst eine schwere Antwort geben, dass du sie also von der Wahrheit getrieben hast.
Nicht also, du Narr, höre und lass dir sagen: Zum ersten, bitt' ich, man wolle meines Namens geschweigen und sich nicht lutherisch, sondern Christen heißen. Was ist Luther? Ist doch die Lehre nicht mein, so bin ich auch für niemand gekreuzigt. St. Paulus 1 Kor. 3 wollte nicht leiden, dass die Christen sich sollten heißen paulisch oder petrisch, sondern Christen. Wie käme denn ich armer, stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi sollte mit meinem heillosen Namen nennen? Nicht also, lieben Freunde, lasst uns tilgen die parteiischen Namen und Christen heißen, des Lehre wir haben. Die Papisten haben billig einen parteiischen Namen, dieweil ihnen nicht genügt an Christi Lehre und Namen, wollen auch päpstisch sein; so lasst sie päpstisch sein, der ihr Meister ist. Ich bin und will keines Meister sein. Ich habe mit der Gemeine die einige gemeine Lehre Christi, der allein unser Meister ist, Matth. 23.
Zum andern: Wenn du das Evangelium willst christlich handeln, so musst du acht auf die Personen haben, mit denen du redest. Die sind zweierlei. Zum ersten sind etliche verstockt, die nicht hören wollen, dazu andere mit ihrem Lügenmaul verführen und vergiften, als da ist der Papst, Eck, Emser, etliche unserer Bischöfe, Pfaffen und Mönche. Mit denselben sollst du nichts handeln, sondern dich halten an den Spruch Christi Matth. 7: „Ihr sollt das Heiligtum nicht geben den Hunden noch die Perlen werfen vor die Säue, auf dass sie die nicht mit Füßen treten, und die Hunde sich umkehren und euch zerreißen.“ Lasst sie Hunde und Säue bleiben, es ist doch verloren. Ebenso Sirach: „Wo nicht ist, der dir zuhört, so sollst du dein Wort nicht ausgießen.“ Wenn du aber siehst, dass dieselben Lügner ihre Lügen und Gift auch in andere Leute schenken, da sollst du sie getrost vor den Kopf stoßen und gegen sie streiten, gleichwie Paulus stieß den Elymas Apg. 13 mit harten, scharfen Worten, und Christus die Pharisäer nennt Ottergezüchte. Das sollst du nicht um ihretwillen tun, denn sie hören nicht, sondern um derer willen, die sie vergiften. So gebietet St. Paulus dem Titus, er soll solch unnütze Plauderer und Seelenverführer hart strafen.
Zum andern sind etliche, die solches zuvor nicht mehr gehört haben und wohl lernen möchten, so man's ihnen sagte, oder sind zu schwach, dass sie es nicht leicht fassen mögen. Diese soll man nicht überpoltern noch überrumpeln, sondern sie freundlich und sanft unterweisen, Grund und Ursache anzeigen. Wo sie es aber nicht gleich fassen mögen, eine Zeit lang Geduld mit ihnen haben. Davon sagt St. Paulus Röm. 15: „Den Schwachen im Glauben sollt ihr annehmen“; ebenso St. Peter: „Ihr sollt allezeit bereit sein zur Antwort einem jeglichen, der von euch begehrt Grund und Ursache eurer Hoffnung, mit Sanftmütigkeit und Furcht.“ Da siehst du, dass mit Sänfte und Gottesfurcht wir sollen Unterricht geben unsers Glaubens, so es jemand begehrt oder bedarf.
Wenn du nun vor diesen Leuten deine große Kunst willst erzeigen und so kurz herfährst und gibst vor, wie sie nicht recht beten, fasten, Messe haben, und willst Fleisch, Eier, dies und das essen auf den Freitag und sagst nicht daneben mit Sanftmütigkeit und Furcht Ursache und Grund: so kann ein solch einfältig Herz dich nicht anders achten, denn dass du ein stolzer, frecher, freveler Mensch seiest, als denn auch wahr ist, und meint, man solle nicht beten, nichts Gutes tun, Messe sei nichts und dergleichen, welches Irrtums und Anstoßes du Ursache und schuldig bist. Daher es denn kommt, dass sie übel richten und reden von dem heiligen Evangelio und meinen, man habe dich ungeheure Dinge gelehrt. Was hilft dir nun solche Beleidigung deines Nächsten und Hindernis des Evangeliums? Du hast deinen Mutwillen gekühlt; so sprechen sie: „Ei, ich will in meinem Glauben bleiben", und sperren ihr Herz zu der rechten Wahrheit.
Wenn du aber mit Furcht und Sanftmütigkeit (wie St. Petrus lehrt) Ursache anzeigtest und sprächest so: Lieber Mensch, Fasten, Eier, Fleisch, Fisch essen ist ein solch Ding, dass nicht daran liegt die Seligkeit; es mag wohl und übel geschehen und nachgelassen werden, allein der Glaube macht selig u. s. w., wie denn hierbei zu sagen ist; also auch, die Messe wäre wohl gut, wenn sie recht gehalten würde u. s. w.: mit der Weise kämen sie hinzu, hörten und lernten zuletzt, das du kannst. Aber nun du so frech bist, erhebst dich, dass du etwas wissest, das sie nicht wissen, tust wie der Pharisäer im Evangelio und lässest dir Ursache deines Übermuts sein, dass sie nicht auch dasselbe wissen, was du weißt: fällst du in das Urteil des St. Paulus Röm. 14: „Du wandelst nicht nach der Liebe“, verachtest deinen Nächsten, dem du doch mit Furcht und Sanftmütigkeit dienen solltest.
Merk ein Gleichnis. Wenn dein Bruder wäre mit einem Strick um den Hals fährlich gebunden von seinem Feind, und du Narr würdest zornig auf den Strick und Feind, liefest zu und rissest den Strick mit großem Ernst zu dir oder stächest mit einem Messer darnach, da solltest du wohl deinen Bruder erwürgen oder erstechen und mehr Schaden tun denn der Strick und Feind. Wenn du aber ihm helfen willst, musst du also tun: Den Feind magst du hart genug strafen oder schlagen, aber mit dem Strick musst du sanft und mit Furcht umgehen, bist du ihn von seinem Hals bringst, dass du deinen Bruder nicht erwürgest.
Also die Lügner, die verstockten Tyrannen magst du wohl hart antasten und frei tun wider ihre Lehre und Werk, denn sie wollen nicht hören; aber die Einfältigen, die von ihnen mit Stricken solcher Lehre fährlich gebunden sind, musst du gar viel anders behandeln, mit Furcht und Sanftmut die Menschenlehre auflösen, Grund und Ursache sagen und sie also mit der Zeit auch los machen. Also tat St. Paulus, da er allen Juden zu Trotz nicht wollte Titus lassen beschneiden und beschnitt doch Timotheus. Siehe, also musst du die Hunde und Säue anders denn die Menschen, die Wölfe und Löwen anders denn die schwachen Schafe behandeln. Den Wölfen kannst du nicht zu hart sein, den schwachen Schafen kannst du nicht zu weich sein. Wir müssen uns doch jetzt nicht anders halten, denn als lebten wir unter den Heiden, weil wir unter den Papisten leben; ja, sie sind wohl siebenfältige Heiden. Darum sollen wir, wie St. Petrus lehrt, einen guten Wandel führen unter den Heiden, dass sie uns nichts Übles mögen nachsagen mit Wahrheit, wie sie gerne wollten. Sie hören's gar gerne, so du dich dieser Lehre rühmest und den schwachen Herzen ärgerlich bist, auf dass sie die ganze Lehre mögen ärgerlich und schädlich beschreien, weil sie ihr sonst nichts mögen abbrechen und bekennen müssen, dass sie wahr sei.
Gott gebe uns allen, dass wir auch leben, wie wir lehren und die Worte auch in die Tat bringen. Unser ist viel, die da sagen: Herr, Herr, und loben die Lehre; aber das Tun und Folgen will nicht hernach. Das sei diesmal genug zur neuen Ermahnung, vor Aufruhr und Ärgernis sich zu hüten, auf dass nicht durch uns selbst das heilige Gotteswort verunheiligt werde. Amen.