Dass eine christliche Versammlung oder Gemeinde Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen: Grund und Ursache aus der Schrift

 

Martin Luther. 15231

 

1. Aufs erste ist vonnöten, dass man wisse, wo und wer die christliche Gemeinde sei, damit nicht, wie allezeit die Nichtchristen gewohnt, unter christlicher Gemeinde Namen Menschen menschliche Händel vornehmen. Dabei aber soll man die christliche Gemeinde gewiss erkennen, wo das lautere Evangelium gepredigt wird. Denn gleichwie man an dem Heerpanier erkennt als bei einem gewissen Zeichen, was für ein Herr und Heer zu Feld liegt, so erkennt man auch gewiss an dem Evangelium, wo Christus und sein Heer liegen. Darüber haben wir gewisse Verheißung Gottes, Jes. 55,10.11: „Mein Wort – spricht Gott – das aus meinem Mund geht, soll nicht leer wieder zu mir kommen; sondern wie der Regen vom Himmel auf die Erde fällt und macht sie fruchtbar, so soll mein Wort auch alles ausrichten, dazu ich’s aussende.“

2. Daher sind wir sicher, dass es unmöglich ist, dass nicht Christen sein sollten, da das Evangelium geht, wie wenig ihrer immer sei und wie sündlich und gebrechlich sie auch seien; gleichwie es unmöglich ist, dass da Christen und nicht nur Heiden sein sollten, da das Evangelium nicht geht und Menschenlehren regieren, wieviel ihrer auch immer sei und wie heilig und fein sie immer wandeln. Daraus folgt unwidersprechlich, dass die Bischöfe, Stifte, Klöster und was des Volks ist, längst keine Christen noch christliche Gemeinde gewesen sind, wiewohl sie solchen Namen allein vor allen aufgeworfen haben. Denn wer das Evangelium erkennt, der sieht, hört und greift, wie sie noch heute auf ihren Menschenlehren stehen und das Evangelium ganz von sich vertrieben haben und auch noch vertreiben. Darum, was solches Volk tut und vorgibt, muss man achten als heidnisch und weltlich Ding.

3. Aufs andere, in solchem Handel, nämlich Lehre zu urteilen, Lehrer oder Seelsorger ein- und abzusetzen, darf man sich gar nichts kehren an Menschengesetz, Recht, altes Herkommen, Brauch, Gewohnheit usw., Gott gebe, es sei vom Papst oder Kaiser, von Fürsten oder Bischöfen gesetzt, es habe die halbe oder die ganze Welt so gehalten, es habe ein oder tausend Jahre gewährt. Denn die Seele des Menschen ist ein ewig Ding, über alles, was zeitlich ist; darum darf sie nur mit ewigen Worten regiert und gefasst sein. Denn es gar schimpflich ist, mit Menschen-Recht und langer Gewohnheit die Gewissen vor Gott zu regieren. Darum muss man hierin handeln nach der Schrift und Gottes Wort. Denn Gottes Wort und Menschenlehre, wenn es die Seele regieren will, so kann’s nimmer fehlen, sie streiten gegeneinander. Das wollen wir beweisen klar in diesem gegenwärtigen Handel, nämlich so:

4. Menschen-Wort und -Lehre haben gesetzt und verordnet, man solle die Lehre zu beurteilen nur den Bischöfen und Gelehrten und den Konzilen lassen; was diese beschlössen, solle alle Welt für Recht und Artikel des Glaubens halten, wie das genügend ihr tägliches Rühmen über des Papstes geistliches Recht beweist. Denn man fast nichts von ihnen hört als solchen Ruhm, dass bei ihnen die Gewalt und Recht stehe, zu beurteilen, was christlich oder ketzerisch sei, und der gemeine Christenmann soll auf ihr Urteil warten und sich an dasselbe halten. Siehe, dieser Ruhm, damit sie alle Welt eingetrieben haben, und ihr höchster Hort und Trotz ist, wie unverschämt und närrisch er stürmt gegen Gottes Gesetz und Wort.

5. Denn Christus setzt gleich das Widerspiel, nimmt den Bischöfen, Gelehrten und Konzilen beides, Recht und Macht, zu beurteilen die Lehre, und gibt sie jedermann und allen Christen insgemein, da er spricht Joh. 10, 4: „Meine Schafe kennen meine Stimme“; ebenso V. 5: „Meine Schafe folgen den Fremden nicht, sondern fliehen von ihnen; denn sie kennen nicht der Fremden nicht, sondern fliehen von ihnen; denn sie kennen nicht der Fremden Stimme“; ebenso V. 8: „Wie viele von ihnen gekommen sind, das sind Diebe und Mörder; aber die Schafe hörten sie nicht.“

6. Hier siehst du ja klar, wes das Recht ist, zu beurteilen die Lehre. Bischöfe, Papst, Gelehrten und jedermann hat Macht zu lehren; aber die Schafe sollen beurteilen, ob sie Christi Stimme lehren oder der Fremden Stimme. Lieber, wag können hiergegen sagen die Wasserblasen, die da scharren: die Konzile, Konzile; ei, man muss die Gelehrten, die Bischöfe, die Menge hören, man muss den alten Brauch und Gewohnheit ansehen! Meinst du, dass mir Gottes Wort sollte deinem alten Brauch, Gewohnheit, Bischöfen weichen? Nimmermehr. Darum lassen wir Bischöfe und Konzile beschließen und setzen, was sie wollen; aber wenn wir Gottes Wort für uns haben, soll’s bei uns stehen und nicht bei ihnen, ob’s Recht oder Unrecht sei, und sie sollen uns weichen und unserem Wort gehorchen.

7. Hier siehst du, meine ich, ja klar genug, was denen zu vertrauen ist, die mit Menschen-Wort über die Seelen handeln. Wer sieht hier nun nicht, dass alle Bischöfe, Stifte, Klöster, hohe Schulen mit allem ihrem Körper gegen dieses helle Wort Christi toben, dass sie das Urteil der Lehre den Schafen unverschämt nehmen und sich selbst zueignen durch eigenen Satz und Frevel? Darum sie auch gewiss für Mörder und Diebe, Wölfe und abtrünnige Christen zu halten sind, als die öffentlich hier überwunden sind, dass sie Gottes Wort nicht allein verleugnen, sondern auch dagegen setzen und handeln; wie sich’s denn gebührt hat dem Widerchrist und seinem Reich zu tun, laut der Prophezeiung St. Pauli, 2. Thess. 2,3.4.

8. Abermals spricht Christus Matth. 7,15: „Hütet euch vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“ Siehe, hier gibt Christus nicht den Propheten und Lehrern das Urteil, sondern den Schülern und Schafen. Denn wie könnte man sich vor den falschen Propheten hier hüten, wenn man ihre Lehre nicht sollte in Bedenken nehmen, richten und beurteilen? So kann ja kein falscher Prophet sein unter den Zuhörern, sondern allein unter den Lehrern. Darum sollen und müssen alle Lehrer dem Urteil der Zuhörer unterworfen sein mit ihrer Lehre.

9. Ebenso, der dritte Spruch ist von St. Paulus, 1. Thess. 5,21: „Prüft alles; was gut ist, das behaltet.“ Siehe, hier will er keine Lehre noch Satzung gehalten haben, es werde denn von der Gemeinde, die es hört, geprüft und für gut erkannt. Denn dies Prüfen geht ja nicht die Lehrer an, sondern die Lehrer müssen zuvor sagen, was man prüfen soll. So ist auch hier das Urteil den Lehrern genommen und den Schülern gegeben unter den Christen; dass es unter den Christen ganz und gar ein anderes Ding ist als mit der Welt. In der Welt gebieten die Herren, was sie wollen, und die Untertanen nehmen’s auf. Aber unter euch, spricht Christus, soll’s nicht so sein; sondern unter den Christen ist ein jeglicher des anderen Richter, und wiederum auch dem anderen unterworfen. Wiewohl die geistlichen Tyrannen eine weltliche Obrigkeit aus der Christenheit gemacht haben.

10. Der vierte Spruch ist abermals Christi, Matth. 24,4.5: „Seht zu, dass euch niemand verführe; denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin Christus; und werden viele verführen.“ Summa, was ist’s not, mehr Sprüche herzuführen? Alle Warnungen, die St. Paulus tut, Röm. 16,13.18; 1. Kor. 10,14; Gal. 3,4.5; Kol. 2,8, und allenthalben; ebenso aller Propheten Sprüche, da sie lehren, Menschen-Lehre zu meiden, die tun nichts anderes, als dass sie das Recht und Macht, alle Lehre zu beurteilen, von den Lehrern nehmen und mit ernstlichem Gebot, bei der Seelen Verlust, den Zuhörern auflegen; so dass sie nicht allein Recht und Macht haben, alles, was gepredigt wird, zu beurteilen, sondern sind schuldig zu beurteilen bei göttlicher Majestät Ungnade. Dass wir daran sehen, wie die Tyrannen so unchristlich mit uns gefahren sind, da sie uns solches Recht und Gebot genommen haben und sich selbst zugeeignet; damit allein sie reichlich verdient haben, dass man sie aus der Christenheit vertreibe und verjage als die Wölfe, Diebe und Mörder, die gegen Gottes Wort und Willen über uns herrschen und lehren.

11. So schließen wir nun, dass, wo eine christliche Gemeinde ist, die das Evangelium hat, nicht allein Recht und Macht hat, sondern schuldig ist bei der Seelen Seligkeit ihrer Pflicht nach, die sie Christus in der Taufe getan hat, zu meiden, zu fliehen, abzusetzen, sich zu entziehen von der Obrigkeit, so die jetzigen Bischöfe, Äbte, Klöster, Stifte und ihresgleichen treiben; weil man öffentlich sieht, dass sie gegen Gott und sein Wort lehren und regieren. Dass also dies für das erste gewiss und stark genug gegründet sei und man sich darauf verlassen soll, dass es ein göttliches Recht sei und der Seelen Seligkeit notwendig, solche Bischöfe, Äbte, Klöster und was des Regiments ist, abzutun oder zu meiden.

12. Zum zweiten, weil aber christliche Gemeinde ohne Gottes Wort nicht sein soll noch kann, folgt, aus Vorigem stark genug, dass sie dennoch ja Lehrer und Prediger haben müssen, die das Wort treiben. Und weil in dieser verdammten letzten Zeit Bischöfe und das falsche geistliche Regiment solche Lehrer nicht sind, noch sein wollen, dazu auch nicht geben noch leiden wollen, und Gott nicht zu versuchen ist, dass er vom Himmel neue Prediger sende, müssen wir uns nach der Schrift halten und unter uns selbst berufen und setzen diejenigen, so man geschickt dazu finden und die Gott mit Verstand erleuchtet und mit Gaben dazu geziert hat.

13. Denn das kann niemand leugnen, dass ein jeglicher Christ Gottes Wort hat und von Gott gelehrt und gesalbt ist zum Priester; wie Christus spricht Joh. 6,45: „Sie werden alle von Gott gelehrt sein.“ Und Ps. 45,8: „Gott hat sich gesalbt mit Freudenöl vor allen deinen Mitgenossen.“ Diese Mitgenossen sind die Christen, Christi Brüder, die mit ihm zu Priestern geweiht sind; wie auch Petrus sagt 1. Petr. 2,9: „Ich seid das königliche Priestertum, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der auch berufen hat zu seinem wunderbaren Licht.“

14. Ist’s aber so, dass sie Gottes Wort haben und von ihm gesalbt sind, so sind sie auch schuldig, das zu bekennen, lehren und auszubreiten; wie Paulus sagt, 2. Kor. 4,13: „Wir haben auch denselben Geist des Glaubens, darum reden wir auch“; wie der Prophet sagt, Ps. 116,10: „Ich bin gläubig geworden, darum rede ich“; und Ps. 51,15 sagt er von allen Christen: „Ich will die Gottlosen deine Wege lehren und dass sie sich die Sünder zu dir bekehren“; also, dass hier abermals gewiss ist, dass ein Chrjst nicht allein Recht und Macht hat, das Wort Gottes zu lehren, sondern dasselbe schuldig zu tun bei seiner Seelen Verlust und Gottes Ungnade.

15. So sprichst du: Ja, wie? Wenn er nicht dazu berufen ist, so darf er ja nicht predigen, wie du selbst oft gelehrt hast? Antwort: Hier sollst du den Christen an zweierlei Orte stellen. Aufs erste, wenn er ist an dem Ort, da keine Christen sind, da bedarf es keines anderen Berufs, als dass er ein Christ ist, inwendig von Gott berufen und gesalbt; da ist der schuldig, den irrenden Heiden oder Nichtchristen zu predigen und zu lehren das Evangelium aus Pflicht brüderlicher Liebe, ob ihn schon kein Mensch dazu beruft. So tat St. Stephan, Apg. 6,7, denn er doch kein Amt von den Aposteln zu predigen befohlen war, und predigte doch und tat große Zeichen im Volk; ebenso tat auch Philippus, der Diakon, Stephans Geselle, Apg. 8,5, dem auch das Predigtamt nicht befohlen war; ebenso tat Apollos, Apg. 18,25.26. Denn in solchem Fall sieht ein Christ aus brüderlicher Liebe die Not der armen verdorbenen Seelen an und wartet nicht, ob ihm Befehl oder Brief von Fürsten oder Bischöfen gegeben werde; denn Not bricht alle Gesetze und hat kein Gesetz; so ist die Liebe schuldig zu helfen, wo sonst niemand ist, der hilft oder helfen sollte.

16. Aufs andere, wenn er aber ist, da Christen an dem Ort sind, die mit ihm gleiche Macht und Recht haben, da soll er sich selbst nicht hervortun, sondern berufen und hervorziehen lassen, dass er anstatt und Befehl der anderen predige und lehre. Ja, ein Christ hat so viel Macht, dass er auch mitten unter den Christen, unberufen durch Menschen, kann und soll auftreten und lehren, wenn er sieht, dass der Lehrer daselbst fehlt: So dass, dass es sittig und züchtig zugehe. Das hat St. Paulus klar beschrieben 1. Kor. 14,30, da er spricht: „Wird dem, der da sitzt, etwas offenbart, so soll der erste schweigen.“ Siehe da, was hier St. Paulus tut; er heißt den schweigen und abtreten mitten unter den Christen, der da lehrt, und den auftreten, der da zu hört, auch unberufen; das alles darum, dass Not kein Gebot hat.

17. So denn nun hier St. Paulus, wenn’s not ist, mitten unter den Christen, eine jeglichen heißt auch unberufen auftreten, und beruft ihn durch solches Gotteswort und heißt den anderen abtreten und setzt ihn in Kraft dieser Worte ab; wieviel mehr ist’s denn recht, dass eine ganze Gemeinde einen beruft zu solchem Amt, wenn’s not ist, wie es denn allezeit und besonders jetzt ist. Denn auch am selben Ort St. Paulus einem jeglichen Christen Macht gibt, zu lehren unter den Christen, wenn’s not ist, und spricht, 1. Kor. 14,31: „Ihr könnt wohl alle nacheinander weissagen, dass sie alle lernen und alle ermahnt werden“; ebenso V. 39.40: „Ihr sollt euch befleißigen zu weissagen, und wehrt nicht, mit Zungen zu reden; doch lasst es alles ordentlich und ehrbar zugehen.“ Diesen Spruch lass dir nicht einen ungewissen Grund sein, der so überfließend Macht gibt der christlichen Gemeinde, dass sie mag predigen, predigen lassen und berufen; besonders wo es not ist, beruft er selbst einen jeglichen besonders ohne Menschen-Beruf, damit wir des keinen Zweifel haben sollen, dass die Gemeinde, die das Evangelium hat, könne und solle unter sich selbst erwählen und berufen, der an ihrer Statt das Wort lehre.

18. Sprichst du aber: Hat doch St. Paulus dem Timotheus und Titus befohlen, sie sollten Priester einsetzen; so lesen wir auch Apg. 14,23, dass Paulus und Barnabas unter den Gemeinden Priester verordneten. Darum kann nicht die Gemeinde jemand berufen, noch jemand sich selbst hervortun, zu predigen unter den Christen, sondern man muss der Bischöfe, Äbte oder anderer Prälaten Erlaubnis und Befehl haben, die an der Apostel Statt sitzen. Antwort: Wenn unsere Bischöfe und Äbte usw. an der Apostel Statt säßen, wie sie sich rühmen, wäre das wohl eine Meinung, dass man sie ließe tun, dass Titus, Timotheus, Paulus und Barnabas taten mit Priester einsetzen usw. Nun sie aber an des Teufels Statt sitzen und Wölfe sind, die das Evangelium nicht lehren noch leiden wollen, so geht sie das Predigtamt und Seelsorge unter den Christen zu beschicken ebenso viel an wie den Türken und die Juden. Esel sollten sie treiben und Hunde leiten.

19. Überdies, wenn sie nun gleich rechtschaffene Bischöfe wären, die das Evangelium haben wollten und rechtschaffene Prediger setzen wollten, dennoch könnten und sollen sie dasselbe nicht tun ohne der Gemeinde Willen, Erwählen und Berufen; ausgenommen, wo es die Not erzwänge, dass die Seelen nicht verdürben aus Mangel göttlichen Wortes. Denn in solcher not, hast du gehört, dass nicht allein kann ein jeglicher einen Prediger verschaffen, es sei durch Bitten oder weltlicher Obrigkeit Gewalt; sondern soll auch selbst zulaufen, auftreten und lehren, so er’s kann. Denn Not ist Not und hat kein Maß; gleichwie jedermann zulaufen und treiben soll, wenn’s brennt in der Stadt, und nicht harren, bis man ihn darum bitte.

20. Sonst, wo nicht solche Not da ist, und vorhanden sind, die Recht und Macht und Gnade haben zu lehren, soll kein Bischof jemand einsetzen ohne der Gemeinde Wahl, Willen und Berufen; sondern soll den Erwählten und Berufenen von der Gemeinde bestätigen. Tut er’s nicht, dass derselbe dennoch bestätigt sei durch der Gemeinde Berufen. Das beweist sich klar daraus, dass er, Tit. 1,7 und 1. Tim. 3,2, spricht: „Ein Bischof oder Priester soll untadelig sein“; ebenso: Die Diakone soll man zuerst prüfen.“ Nun wird je Titus nicht gewusst haben, welche untadelig gewesen sind; sondern solches Gerücht muss aus der Gemeinde kommen, die muss einen solchen angeben. Ebenso, lesen wir doch Apg. 6,3.6, dass in gar einem viel geringeren Amt auch die Apostel selbst nicht durften Personen zu Diakone einsetzen ohne der Gemeinde Wissen und Willen; sondern die Gemeinde erwählte und berief die sieben Diakone, und die Apostel bestätigten sie. So nun ein solches Amt, das nur über zeitliche Nahrung auszuteilen, die Apostel nicht durften von eigener Obrigkeit einsetzen; wie sollten sie so kühn gewesen sein, dass sie das höchste Amt, zu predigen, jemand aus eigener Gewalt, ohne der Gemeinde Wissen, Willen und Berufen hätten aufgelegt?

21. Nun aber zu unseren Zeiten die Not da ist und kein Bischof ist, der evangelische Prediger verschaffe, gilt hier das Beispiel von Titus und Timotheus nichts; sondern man muss berufen aus der Gemeinde, Gott gebe, er werde von Titus bestätigt oder nicht. Denn so hätten die auch getan oder tun sollen, die Titus versorgte, wenn ihn Titus nicht hätte bestätigen wollen, oder sonst niemand gewesen wäre, der Prediger eingesetzt hätte. Darum ist diese Zeit gar ungleich den Zeiten des Titus, da die Apostel regierten und rechte Priester haben wollten; jetzt aber wollen unsere Tyrannen nur Wölfe und Diebe haben.

22. Und was verdammen uns die tobenden Tyrannen in solchem Erwählten und Berufen? Tun sie doch selbst so und müssen so tun. Es wird je unter ihnen kein Papst noch Bischof von irgendeines Gewalt eingesetzt, sondern wird von dem Kapitel erwählt und berufen, danach von anderen bestätigt; Bischöfe vom Papst als von ihrem Obersten; er aber, der Papst selbst, vom Kardinal von Ostia als von seinem Untertanen. Und ob sich’s begäbe, dass einer nicht bestätigt würde, dennoch ist er Bischof oder Papst. So frage ich nun die lieben Tyrannen: So ihrer Gemeinde Erwählen und Berufen Bischöfe macht, und ein Papst ohne aller anderer Obrigkeit Bestätigen Papst ist allein aus der Wahl: Warum sollte nicht auch eine christliche Gemeinde einen Prediger machen allein durch ihr Berufen? Da sie Bischofs- und Papststand höher halten als Predigtamt. Wer hat ihnen solches Recht gegeben und uns genommen? Sonderlich weil unser Berufen die Schrift für sich hat; ihr Berufen aber ein lauter Menschentand ist ohne Schrift, damit sie unser Recht uns rauben. Tyrannen sind es und Buben, die mit uns handeln, wie des Teufels Apostel sollen.

23. Daher ist’s auch geblieben, dass an etlichen Orten auch weltliche Obrigkeit, wie Ratsherren und Fürsten, sich selbst Prediger bestellt und besoldet haben in ihren Städten und Schlössern, welche sie gewollt haben, ohne alle Erlaubnis und Befehl der Bischöfe und Päpste, und hat auch niemand darein geredet. Wiewohl sie es, besorge ich, nicht getan haben aus christliches Rechts Verstand, sondern dass die geistlichen Tyrannen das Predigtamt verachtet und gering gehalten haben und weit gesondert von dem geistlichen Regiment; so es doch das allerhöchste Amt ist, an dem alle anderen hangen und folgen. Wiederum, wo Predigtamt nicht ist, der anderen keines folgt. Denn Johannes, Kap. 4,2, spricht: dass Christus nicht getauft habe, sondern er predigte nur. Und Paulus, 1. Kor. 1,17, rühmte sich: Er sei nicht zu taufen, sondern zu predigen gesandt.

24. Darum, wem das Predigtamt aufgelegt wird, dem wird das höchste Amt aufgelegt in der Christenheit: Derselbe kann danach auch taufen, Messe halten und alle Seelsorge tragen; oder so er nicht will, kann er an dem Predigen allein bleiben und Taufen und andere Unterämter anderen lassen. Wie Christus tat und Paulus und alle Apostel, Apg. 6. Daran man aber sieht, dass unsere jetzigen Bischöfe und Geistlichen Götzen und nicht Bischöfe sind; denn sie lassen das höchste Amt des Wortes, das ihr eigen sein sollte, den allergeringsten, nämlich Kaplänen und Mönchen, Terminarien (Bettelmönchen), dazu die geringeren Ämter auch, wie taufen und Seelsorge üben; sie aber firmeln dieweil und weihen Glocken, Altäre und Kirche, was weder christliche noch bischöfliche Werke sind, von ihnen selbst erdichtet. Es sind verkehrte, verblendete Larven und rechte Kinderbischöfe.

1 Entnommen aus: D. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Bd 10. Ausgabe St. Louis, Mo.: Lutherischer Concordia-Verl. 1885. Sp. 1538 - 1549