MARTIN
LUTHER
KURZE
ERKLÄRUNG DES
CHRISTLICHEN
GLAUBENS
Neu herausgegeben
von
Roland Sckerl
in Anlehnung an Luthers „Betbüchlein“
von 1522
Durmersheim
2023
Es ist nicht
ohne besonderen Grund geschehen, dass Gott einem jedem Christen, unter denen
viele die Schrift nicht lesen können, geboten hat, die 10 Gebote, das
Glaubensbekenntnis und das Vaterunser zu lernen und sie auswendig zu kennen. In
diesen drei Stücken ist fürwahr alles, was in der Heiligen Schrift geschrieben
steht und auch immer gepredigt werden mag, kurz, alles, was für einen Christen
zu wissen nötig ist, gründlich und vollständig zusammengefasst – und zwar in
solcher Kürze und so verständlich, dass sich niemand beklagen oder vorschieben
kann, es sei zu viel oder zu schwer zu behalten, was ihm nötig ist zur
Seligkeit. Drei Dinge nämlich muss ein Mensch wissen, damit er selig werde: zum
ersten, was er tun und lassen soll; zum zweiten, wenn er nun merkt,
dass er es aus seinen Kräften heraus nicht tun oder lassen kann, wo er
schöpfen und suchen und finden soll, damit er es dennoch tue und lasse; zum
dritten, wie er es suchen und holen soll. Gleichwie bei einem
Kranken ist es zuallererst nötig, dass er weiß, was er für eine Krankheit hat,
d. h. was er tun und lassen und was er nicht tun und lassen kann. Danach ist es
nötig, dass er weiß, woher er die Arznei bekommen kann, die ihm hilft, damit er
tun und lassen kann, was ein gesunder Mensch tut oder lässt. Und zum dritten muss
er diese Arznei haben wollen, d. h. sie suchen, holen oder sich bringen lassen.
So lehren die
Gebote den Menschen seine Krankheit erkennen, dass ersieht und empfindet,
was er tun und nicht tun, lassen und nicht lassen soll und sich so als
einen Sünder, d. h. einen (durch die Abkehr von Gott) verdorbenen Menschen
erkennt.
Danach hält
ihm das Glaubensbekenntnis vor und lehrt ihn, wo er die Arznei, welche
Gnade heißt, finden kann, welche ihm hilft, fromm zu werden, dass er die Gebote
halten kann. So zeigt Gott dem Menschen also seine Barmherzigkeit, die er
ihm in Jesus Christus entgegenbringt und anbietet.
Und drittens
lehrt das Vaterunser den Menschen, auf welche Art er diese Gnade
begehren, ergreifen und sich aneignen soll, nämlich durch das im Glauben
gesprochene, demütige und trostreiche Gebet. Dann wird sie ihm gegeben
werden und er wird durch die Erfüllung der Gebote Gottes selig. Das sind die
drei Dinge, um die es in der ganzen Heiligen Schrift geht.
Darum
beginnen wir, zuerst von den Geboten zu lehren, damit wir unsere Sünde und Verderbtheit
– das ist unsere geistliche Krankheit – erkennen, durch welche wir nicht tun
und lassen können, was wir zu tun und zu lassen schuldig sind.
Sie umfasst
die ersten drei Gebote, in denen der Mensch belehrt wird, was er gegenüber
Gott zu tun und zu lassen schuldig ist, d. h. wie er sich zu Gott verhalten
soll.
Das erste
Gebot lehrt, wie sich der Mensch zu Gott innerlich in seinem Herzen verhalten
soll, d. h., was er allezeit von ihm denken, halten und wie er ihn achten soll:
dass Gott es nämlich ist, der ihm alles Gute zuteil werden
lässt, und dass der Mensch ihn wie einen Vater und guten Freund mit seiner
ganzen Treue, Liebe und seinem Glauben allezeit fürchten und nie beleidigen
soll, ebenso wie ein Kind sich zu seinem Vater verhält. Denn das ist ja ganz
natürlich (und eine allgemeine Auffassung), dass ein Gott ist, der alles Gute
gibt und in allem Übel hilft. Dass es so ist, wird deutlich im Gegenüber zu den
Götzen der Heidenvölker. Das Gebot lautet:
„Du sollst
keine anderen Götter haben.“ (2.
Mose 20,2; 5. Mose 5,7).
Was ist das?
Wir
sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.
Das zweite
Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Worten
verhalten soll, sei es in denen, die er zu anderen Menschen oder in denen, die
er innerlich zu sich [138] selbst spricht, dass er nämlich Gottes Namen ehre.
Denn niemand kann Gott selbst – gemäß der Natur Gottes –die Ehre erweisen,
weder vor anderen Menschen noch vor sich selbst, sondern nur seinem Namen. Das
Gebot lautet:
„Du
sollst den Namen deines Gottes nicht unnütz im Munde führen.“ (2. Mose 20,7; 5. Mose 5,11).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir bei seinem Namen nicht schwören,
zaubern, lügen oder trügen, sondern denselben in allen Nöten anrufen, beten,
loben und danken.
Warum beginnt jede Erklärung mit: „Wir sollen Gott
fürchten und lieben“?
Damit will Luther zeigen, dass es in allen Geboten um unser Verhalten
gegenüber Gott und unser Verhältnis zu ihm geht und dass sie alle nur durch
rechte Gottesfurcht und Gottesliebe erfüllt werden können.
Das dritte
Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Werken
verhalten soll, dass er nämlich darin Gott dienen soll. Das Gebot lautet:
„Du
sollst den Feiertag heiligen.“
(2. Mose 20,8; 5. Mose 5,12).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht
verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen.
So lehren
diese drei Gebote den Menschen, wie er sich gegenüber Gott in seinen Gedanken,
Worten und Werken verhalten soll, d. h. in seinem ganzen Leben.
Sie umfasst
die sieben restlichen Gebote, in denen der Mensch belehrt wird, was er den
Menschen, d. h. seinen Nächsten, zu tun und lassen schuldig ist.
Das vierte
Gebot lehrt, wie man sich gegenüber aller Obrigkeit verhalten soll, die an
seiner Statt eingesetzt ist. Darum folgt dieses Gebot auch gleich vor anderen
Geboten auf die ersten drei, die Gott selbst betreffen. An Gottes Stelle sind
die leiblichen Eltern Vater und Mutter und die geistlichen und weltlichen
Herren. Das Gebot lautet:
„Du
sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ (2. Mose 20,12; 5. Mose 5,16).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht
verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen,
sie lieb und wert haben.
Das fünfte
Gebot lehrt, wie man sich gegenüber seinesgleichen oder gegenüber seinen Nächsten,
soweit es sie persönlich betrifft, verhalten soll: dass man ihnen nicht Leid
zufügen, sondern, wo sie dessen bedürfen, sie unterstützen und ihnen helfen
soll. Das Gebot lautet:
„Du sollst
nicht töten.“ (2. Mose 20,13; 5.
Mose 5,17).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserem Nächsten an seinem Leib
keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und
fördern in allen Leibesnöten.
Das sechste
Gebot lehrt, wie man sich gegenüber dem höchsten Gut seines Nächsten und auch
dem seiner eigenen Familie – das sind Ehegemahl, Kinder und Freunde – verhalten
soll: dass man ihnen nicht Unehre antun, sondern sie in Ehren halten soll, und
zwar mit allen Mitteln, die einem möglich sind. Das Gebot lautet:
„Du
sollst nicht ehebrechen.“ (2.
Mose 20,14; 5. Mose 5,18).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir keusch und züchtig leben in
[Gedanken,] Worten und Werken, und ein jeglicher sein Gemahl liebe und ehre.
Das siebente
Gebot lehrt, wie man sich gegenüber den zeitlichen Gütern seines Nächsten
verhalten soll: dass man sie ihm nicht wegnehmen noch ihn hindern soll, sie zu
erwerben, sondern ihn darin unterstütze. Das Gebot lautet:
„Du sollst
nicht stehlen.“ (2. Mose 20,1 5;
5. Mose 5,19).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserem Nächsten sein Geld oder Gut
nicht nehmen noch mit falscher Ware oder Handel an uns bringen, sondern ihm
sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten.
Das achte
Gebot lehrt, wie man sich gegenüber der zeitlichen Ehre und dem guten Ruf seines
Nächsten verhalten soll: dass man diese nicht schwächen, sondern vermehren,
schützen und erhalten soll. Das Gebot lautet:
„Du
sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten.“ (2. Mose 20,1 6; 5. Mose 5,20).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht fälschlich
belügen, verraten, nachreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn
entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.
So ist es
also verboten, seinem Nächsten in allen seinen Gütern zu schaden, und geboten,
ihm darin zu helfen. Wenn wir nun das ansehen, was von Natur ganz
selbstverständlich sein sollte, so finden wir, wie recht und billig alle diese
Gebote sind. Denn hier wird nichts geboten, gegenüber Gott und dem Nächsten
einzuhalten, was nicht jeder gegenüber sich selbst eingehalten haben wollte,
wenn er Gott bzw. an Gottes oder seines Nächsten Stelle wäre.
Die letzten
beiden Gebote lehren, wie verdorben die menschliche Natur ist und wie rein wir
sein sollten von allen verderblichen Gelüsten und dem Verlangen nach vielem
Besitz. Aber hierin bleiben Kampf und Anstrengung, solange wir leben. Die
Gebote lauten:
„Du sollst
nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren seine Frau, seine
Knechte und Mägde, sein Vieh und alles, was sein ist.“ (2. Mose 20,1 7; 5. Mose 5,21).
Was ist das?
Wir
sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserem Nächsten nicht mit List nach
seinem Erbe oder Haus stehen, noch mit einem Schein des Rechts an uns bringen,
sondern ihm dasselbe zu behalten förderlich und dienstlich sein.
Wir sollen
Gott fürchten und lieben, dass wir unserem nicht seine Frau, Mitarbeiter oder
Vieh abspannen, abdringen oder abwendig machen, sondern dieselben anhalten,
dass sie bleiben und tun, was sie schuldig sind.
Sie
geschieht Matth. 7,12 durch Christus selbst: „Was ihr wollt, das euch die
Menschen tun sollen, dasselbe tut auch ihr ihnen. Das ist das ganze Gesetz und
die Propheten.“ Denn niemand will Undank erleiden für seine Wohltaten oder
dass mit seinem Namen ein anderer Ruhm erntet. Niemand will, dass ihn andere
überheblich anschauen. Niemand will Ungehorsam oder Zorn erdulden, eine Frau
haben, die die Ehe bricht, seiner Güter beraubt werden, Lug, Trug und üble
Nachrede erleiden. Vielmehr will jeder Liebe und Freundschaft, Dankbarkeit und
Hilfe, Wahrheit und Treue von seinem Nächsten erfahren. Das gebieten aber alles
die Zehn Gebote.
Gegen das erste
Gebot:
Wer ist
seiner Widerwärtigkeit Zauberei, Schwarzkunst [schwarze und weiße Magie],
Teufels Bundesgenossen sucht [sich dem Teufel verschreibt];
wer Brief,
Zeichen, Kräuter, Wörter, Segen und desgleichen gebraucht [das sind
magisch-esoterische Dinge, mit denen man Beschwörungen, Schutzmagie, Heilmagie
versucht];
wer
Wünschelruten, Schatzbeschwörungen, Kristalle sehen, Mantel hängen, Milch
stellen[, Pendeln] übt;
wer sein
Werk und Leben nach Tagen [Tagewählen], Himmelszeichen [Astrologie, Horoskop]
und der Weissager Dünkel richtet;
wer sich
selbst, sein Vieh, Haus, Kinder und allerlei Gut vor Wölfen, Eisen, Feuer,
Wasser, Schaden mit bestimmten [schutzmagischen] Gebeten segnet und beschwört;
wer sein
Unglück und Widerwärtigkeit dem Teufel oder bösen Menschen zuschreibt und nicht
mit Liebe und Lob alles Böse und Gute von Gott alleine aufnimmt und ihm wieder
heimträgt mit Danksagen und williger Gelassenheit;
wer Gott
versucht und in unnötige Gefahr Leibes oder der Seele sich begibt;
wer in
seiner Frömmigkeit, Verstand oder andern geistlichen Gaben hoffärtig [stolz,
hochmütig, angeberisch] ist;
wer Gott mit
Vergessen der Seelennot nur um zeitlichen Nutzens willen ehrt;
wer Gott
nicht vertraut allezeit und in allen seinen Werken nicht Zuversicht hat in
Gottes Barmherzigkeit;
wer zweifelt
an dem Glauben oder an Gottes Gnaden;
[wer sich
nicht aus Gottesfurcht vor aller Sünde scheut;
wer aus
Menschenfurcht seinen Glauben verleugnet;
wer
Menschenmeinung über Gottes Wort stellt;
wer Güter
und Gaben dieser Welt mehr liebt als Gott;
wer sein
Herz von Ehrgeiz, Karrieredenken beherrscht sein lässt;
wer Menschen
oder Ideologien vergöttert;
wer
egoistisch ist, sich nur um sich selbst dreht;
wer sich
bestimmen lässt von Sorge um Geld und Gesundheit;]
wer nicht
andern weht den Unglauben und Zweifel und hilft nicht, dass sie glauben und
Gottes Gnade vertrauen, so viel er vermag. Und da hören her aller Unglauben,
Verzweifeln, Missglauben.
Erfüllung des ersten Gebots:
Gottesliebe
und –furcht im rechten Glauben, und allezeit in allen Werken fest vertrauen,
ganz bloß, lauter in allen Dingen gelassen stehen, sie sind böse oder gut.
Da gehört
her alles, was in der ganzen Schrift von Glauben, Hoffnung und der Liebe Gottes
geschrieben ist, welches alles kürzlich in diesem Gebot begriffen ist.
Gegen das
zweite Gebot:
Wer ohne Not
oder aus Gewohnheit leichtsinnig schwört;
wer falschen
Eid schwört oder sein gutes Gelübde[, Versprechen] bricht;
wer übel Tun
gelobt oder schwört;
wer mit
Gottes Namen flucht;
wer
närrische Fabeln von Gott schwätzt und die Worte der Schrift leichtfertig
verkehrt;
wer Gottes
Namen nicht anruft in seiner Widerwärtigkeit und nicht lobt in Liebe und Leid,
in Glück und Unglück;
wer Ruhm und
Ehre und Namen sucht von seiner Frömmigkeit, Weisheit her usw.;
wer Gottes
Namen fälschlich anruft oder falsche Lehre gibt wie die Ketzer und alle
hoffärtigen Heiligen;
wer Gottes
Namen nicht lobt in allen Dingen, was vor ihn kommt;
[wer
leichtfertig über Gott, Gottesdienst, Bibel, Kirche spricht oder spottet;
wer Gottes
Namen als Mittel benutzt, um übersinnliche Kräfte in seinen Dienst zu bringen;
wer nicht
treu ist in der Fürbitte für seine Angehörigen, Vorgesetzten, Freunde,
Regierung, Prediger, Kirche;
wer nicht
andächtig betet;]
wer nicht
wehrt andern, die Gottes Namen verunehren, fälschlich gebrauchen und durch
denselben Böses wirken;
und daher
gehören die eitel Ehre, Ruhm und geistliche Hoffart.
Erfüllung des zweiten Gebots:
Lob, Ehre, Gebenedeiung [Lobpreisen] und Anrufung des Namens Gottes
und seinen eigenen Namen und Ehre ganz vernichten, dass allein Gott gepriesen
sei, der allein alle Dinge ist und wirkt.
Da gehört
her alles, was von Gottes Lob, Ehre, Dank, Namen, Wort in der Schrift gelehrt
ist.
Gegen das
dritte Gebot:
Wer nicht
Gottes Wort hört oder lernt;
wer nicht
betet und Gott geistlich dient;
wer nicht
alle seine Werke lässt Gottes Werke sein;
wer nicht
geduldig ist und seinen Willen bricht und tötet;
wer nicht
gelassen steht in allen seinen Werken und Leiden, dass Gott mit ihm mache, wie
er will;
[wer nicht
regelmäßig und pünktlich zum Gottesdienst kommt, auch wenn er es könnte;
wer Gottes
Wort nicht aufmerksam hört und liest;
wer das
heilige Abendmahl nicht freudig begehrt;
wer durch
seine Freizeitbeschäftigung seine Gesundheit an Leib oder Seele gefährdet;
wer nicht
jeden Tag durch Wort und Gebet heiligt;
wer nicht
nach seinen Möglichkeiten seiner Gemeinde dient;]
wer nicht
den andern dies zu tun hilft und ihnen wehrt, dagegen zu tun.
Hierher
gehören alle halsstarrigen, eigensinnigen, widerspenstigen Köpfe.
Erfüllung des dritten Gebots:
Sich Gott
ergeben, dass alle unsere Werke er alleine tu in uns, denn dieses Gebot fordert
eine geistesarme Seele, die da ihres (nicht sein) für Gott opfert, dass er ihr
Gott sei und ihr seine Werke und Namen bekomme nach den zwei ersten Geboten.
Da gehört
her alles, was von Gottesdienst, Predigt hören und guten Werk, den Leib unter
den Geist zu werfen befohlen ist, dass alle unsere Werke Gottes sind und nicht
unser.
Gegen das
vierte Gebot:
Wer sich
Armut, Gebrechen, Verachtung seiner Eltern schämt;
wer sie
nicht in ihrer Notdurft mit Speise und Kleidung versorgt;
viel mehr,
wer ihnen flucht, sie schlägt, nachredet, sie hasst und ihnen ungehorsam ist;
wer nicht
von Herzen hoch von ihnen hält um Gottes Gebot willen;
wer sie
nicht ehrt, ob sie gleich Unrecht und Gewalt tun;
wer seine
Herren und Obrigkeit nicht ehrt, treu und gehorsam ist; sie seien gut oder
böse;
[wer seine
Eltern, Lehrer, Vorgesetzten belügt oder betrügt;
wer nicht
die Schwächen seiner Eltern und Herren geduldig trägt und zuzudecken versucht;
wer nicht
für seine Kinder oder sonst ihm anbefohlene Menschen in allen Dingen sorgt;
wer die, die
ihm anbefohlen sind, nicht vor schlechten Einflüssen zu bewahren sucht;
wer nicht
versucht, ihnen ein gutes Vorbild zu sein;
wer
gegenüber den ihm Anbefohlenen zu streng oder zu nachsichtig ist;
wer gegen
sie heftig, lieblos, verständnislos ist;
wer sich
keine Zeit nimmt für die, die ihm anbefohlen sind;]
wer nicht
hilft zu diesem Gebot und widersteht den Übertretern desselben.
Und da
gehört her alle Hoffart, Aufruhr, Untreue und Ungehorsam.
Erfüllung des vierten Gebots:
Williger
Gehorsam, Demütigkeit, Untertänigkeit aller Gewalt um Gottes Wohlgefallen
willen, wie der Apostel Paulus sagt, ohne alles Widerbellen, Klagen und
Murmeln.
Da gehört
her alles, was von Gehorsam, Demut, Untertänigkeit, Ehrerbietung geschrieben
ist.
Gegen das
fünfte Gebot:
Wer mit
seinem Nächsten zürnt;
wer zu ihm
sagt Racha (das sind allerlei Zornes- und Hasseszeichen);
wer zu ihm
sagt Fatue, du Narr, das sind allerlei Schandworte,
Flüche, Lästerung, Nachreden, Richten, Urteilen, Hohnsprüche usw.;
wer seines
Nächsten Sünde oder Gebrechen [öffentlich] rügt und nicht bedeckt und
entschuldigt;
wer seinen
Feinden nicht vergibt, nicht für sie bittet, nicht freundlich ist [gegen sie],
nicht [ihnen] wohltut
[wer seinem
Nächsten fahrlässig oder willentlich schadet;
wer andere
im Verkehr gefährdet;
wer sich im
Jähzorn zu bösen Worten oder Taten hinreißen lässt
wer Hass
oder Rachegedanken Raum gibt;
wer die
eigene Leibesfrucht abtreibt oder dazu rät, drängt, hilft].
Und
hierinnen sind alle Sünde des Zornes und Hasses, wie Totschlag, Krieg, Rauben,
Brennen, Zanken, Hadern, Trauern über des Nächsten Glück, Freuen über sein
Unglück;
wer nicht
übt die Werke der Barmherzigkeit, auch gegen seine Feinde;
wer die
Leute zusammenhetzt oder verbindet;
wer nicht
versöhnt die Uneinigen;
wer nicht
wehrt oder zuvorkommt Zorn und Uneinigkeit, wo er kann.
Erfüllung des fünften Gebots:
Geduld,
Sanftmütigkeit, Gütigkeit, Freundlichkeit, Barmherzigkeit und aller Ding ein
süßes, freundliches Herz, ohne allen Hass, Zorn, Bitterkeit gegen einen
jeglichen Menschen, auch den Feinden.
Da gehört
her alle Lehre von der Geduld, Sanftmütigkeit, Friede, Einigkeit.
Gegen das
sechste Gebot:
Wer
Jungfrauen schwächt, die Ehe bricht, Blutschande und dergleichen Unkeuschheit
wirkt;
[wer
Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe hat;]
wer
unnatürliche Weise oder Personen (das sind stumme Sünden [Selbstbefriedigung,
Homosexualität]) gebraucht;
wer mit
schandbaren Worten, Liedern, Historien [Geschichten], Bildern die böse Lust
reizt oder zeigt [oder andere verführt];
wer mit
sehen, greifen, willigen Gedanken sich reizt und befleckt [Selbstbefriedigung];
wer die
Ursache nicht meidet, wie Fressen, Saufen, Müßigkeit, Faulheit, Schlafen und
Weibes- oder Mannspersonen Gemeinschaft;
wer mit
übrigem Schmuck, Gebärden usw. andere zur Unkeuschheit reizt;
wer Haus,
Zeit, Hilfe gestattet, solche Sünde zu tun [Kuppelei, Zuhälterei];
wer eines
anderen Keuschheit nicht hilft bewahren mit Rat und Tat[;
wer seinem
Ehepartner nicht die gebührende Liebe erweist;
wer das
geistliche Wohl seines Ehepartners nicht im Auge hat;
wer nicht
Lasten und Freuden seines Ehepartners teilt;
wer das
Gelöbnis ehelicher Treue nicht in Gedanken, Worten und Werken hält;
wer seinen
Ehepartner kränkt oder vernachlässigt;
wer seinen
Ehepartner gegen andere Menschen zurücksetzt oder vor ihnen bloßstellt;
wer gegen
seinen Ehepartner unversöhnlich ist].
Erfüllung des sechsten Gebots:
Keuschheit,
Zucht, Schamhaftigkeit in Werken, Worten, Gebärden und Gedanken; auch Mäßigkeit
in Essen, Trinken, Schlafen und alles, was der Keuschheit förderlich ist.
Da gehören
her alle Lehren von der Keuschheit, Fasten, nüchtern, mäßig sein, beten,
wachen, arbeiten und womit Keuschheit erhalten wird.
Gegen das
siebte Gebot:
Wer Dieberei
und Räuberei und Wucher [überhöhte Preise, Mieten, Zinsnehmen] treibt;
wer falsche
Gewichte und Maße gebraucht oder schlechte Ware für gut ausgibt;
wer unrechte
Erbgüter und Zins einnimmt;
wer
verdienten Lohn vorenthält und Schulden verleugnet;
wer seinem
nächsten Bedürftigen nicht borgt noch leiht ohne allen Aufsatz [Zins];
alle, die
geizig sind und eilen, reich zu werden;
[wer
neidisch oder habsüchtig, nur auf Profit aus ist;
wer einen
Lohn bezahlt, von dem ein Arbeitnehmer nicht leben kann;]
und wie
sonst fremdes Gut behalten oder zu sich gebracht wird;
wer des
anderen Schaden nicht wehrt;
wer den
andern nicht warnt vor Schaden;
[wer nicht
sorgfältig mit ihm anvertrauten fremden Gütern umgeht;]
wer seines
Nächsten Vorteil behindert;
wer über
seines Nächsten Gewinn Verdruss hat.
Erfüllung des siebten Gebots:
Armut des
Geistes, Milde, Willigkeit, seine Güter zu leihen und zu geben, ohn allen Geiz und Begierde leben.
Da gehören
her alle Lehren von dem Geiz, unrechtem Gut, Wucher, List, Betrug, Schaden,
Hindernis des Nächsten am zeitlichen Gut.
Gegen das achte
Gebot:
Wer vor
Gericht die Wahrheit verschweigt und unterdrückt;
wer
schädlich lügt und betrügt;
also alle
schädlichen Schmeichler, Ohrenbläser und Doppelzüngigen;
wer des
Nächsten Gut, Leben, Werk und Wort übel auslegt und schmäht;
wer
denselben bösen Zungen stattgibt, hilft und nicht widersteht;
wer seine
Zunge nicht gebraucht zu entschuldigen seines Nächsten Namen;
wer nicht
straft den Nachredner;
wer nicht
alles Gute von jedermann sagt und alles Böse verschweigt;
wer die
Wahrheit verschweigt oder nicht verficht;
wer Gerüchte
weiterträgt oder duldet;
wer sich
über andere lustig macht, sie verspottet;
[wer andere
zur Unwahrhaftigkeit veranlasst].
Erfüllung des achten Gebots:
Eine
friedsame, heilsame Zunge, die niemand schadet und jedermann frommt, die die
Uneinigen versöhnt, die Verlästerten entschuldigt und verteidigt. Das ist
Wahrheit und Einfältigkeit in Worten.
Da gehören
her alle lehren von Schweigen und Reden, was des Nächsten Ehre, Recht, Sache
und Seligkeit anbetrifft.
Gegen das
neunte und das zehnte Gebot:
[Wen es
quält, dass andere mehr haben oder sind als er;
wer
versucht, fremdes Eigentum durch Umgehen der Gesetze und Ordnungen, mit
Unredlichkeit, Scheinheiligkeit, selbstsüchtiger Berechnung sich anzueignen;
wer
geschlossene Verträge und Zusagen nicht hält;
wer
versucht, des Anderen Ansehen, Lebensstellung, Lebensglück zu untergraben;
wer
versucht, Menschen abspenstig zu machen;
wer andere
nicht an ihre Verantwortung erinnert und zur Pflichterfüllung anhält.]
Die
letzten zwei Gebote sind Ziel und Mal, gesetzt, da wir hinkommen sollen und
täglich durch Buße dahin arbeiten mit Hilfe und Gnade Gottes. Denn die böse
Neigung stirbt nicht eher gründlich, das Fleisch werde denn zu Pulver und neu
geschaffen.
Die fünf
Sinne werden eingeschlossen im 5. und 6. Gebot; die sechs Werke der
Barmherzigkeit im 5. und 7.; die sieben Todsünden, Hoffart im 1. und 2.;
Unkeuschheit im 6.; Zorn und Hass im 5.; Fraß im 6.; Hochmut im 3. und wohl in
allen. Die fremden Sünden sind in allen Geboten, denn mit Heißen, Raten und
Hilfe gegen alle Gebote gesündigt kann werden. Die rufenden und stummen Sünden
sind gegen das 5. und 6. und 7. Gebot usw.
In allen
diesen Werken sieht man nichts anders als Eigenliebe, die das ihre sucht, nimmt
Gott, was sein ist, und den Menschen, was denselben ist und gibt nicht, weder
Gott noch Menschen, etwas von dem, das sie hat, ist und mag, dass wohl
Augustinus sagt: Der Anfang aller Sünde ist die eigene, die Selbstliebe.
Aus diesen
allen folgt, dass die Gebote nichts anders als Liebe gebieten und Liebe
verbieten; und die Gebote nichts erfüllt als Liebe und auch nichts übertritt
als Liebe. Darum spricht Paulus, dass die Liebe sei die Erfüllung aller
Gebote, gleichwie die böse Liebe die Übertretung aller Gebote.
Erfüllung des neunten und zehnten Gebots:
Das ist
vollkommene Keuschheit [Selbstzucht] und Verachtung zeitlicher Lust und Güter
gründlich, was allein in jenem Leben [in der Ewigkeit] vollbracht wird.
In allen
diesen Werken sieht man nichts anders als fremde, gemeine, das ist Gottes und
des Nächsten Liebe, die sucht nicht was ihr, sondern was Gottes und des
Nächsten ist und ergibt sich jedermann frei zu eigen, Dienst und Willen.
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So siehst
du, dass in den zehn Geboten gar ordentlich und kurz begriffen sind alle
Lehren, die dem Menschen Not sind, welche, so jemand sie halten will, hat alle
Stunde gute Werke zu tun, dass ihm nicht Not wäre, andere Werke zu erwählen,
hierhin und dahin zu laufen und das tun, da nichts von geboten ist.
„Die Zehn Gebote sind ein Ausbund
göttlicher Lehre, was wir tun sollen, dass unser ganzes Leben Gott gefalle, und
der rechte Born und Röhre, aus und in welchen quellen
und gehen müssen alles, was gute Werke sein sollen, so dass außer den Zehn
Geboten kein Werk noch Wesen gut und Gott gefällig sein kann, es sei so groß
und köstlich vor der Welt, wie es wolle.“ (Gr. Kat. I, 312) [Regel]
Das ist
alles merklich angezeigt damit, dass nichts in diesen Geboten gelehrt ist, was
der Mensch sich selbst tun, lassen oder von andern begehren soll, sondern was
er andern, Gott und den Menschen, tun und lassen soll, dass wir es begreifen
müssen, dass die Erfüllung steht in der Liebe gegen den andern und nicht
gegen uns. Denn der Mensch tut, lässt und sucht sich selbst schon zu viel,
dass es nicht zu lehren, sondern zu wehren Not ist. Darum lebt der am
allerbesten, der sich selbst nicht lebt.
Und der lebt
am allerärgsten, der sich selbst lebt, denn also lehren die zehn Gebote. Daraus
man sieht, wie wenig Menschen wohl leben; ja, so wir da erkennen, müssen wir
nun lernen, wo wir’s nehmen sollen, dass wir wohl leben und die Gebote
erfüllen.
Was sollen die Gebote als Gottes Gesetz bewirken?
1) Bei dem noch Ungläubigen
sollen sie rechte Furcht vor dem heiligen und gerechten Gott und dessen
strafendem Zorn hervorrufen und ihm so zumindest äußerlich wehren, das Böse zu
tun und eine erste Liebe zu dem Gott bewirken, der auf seine Gunst für die
Erfüllung zugesagt hat; vor allem aber sollen sie zu rechter Erkenntnis der
Sünden und der Verdorbenheit führen, dass wir der Sünde von uns aus nicht
entrinnen können und Gottes Gnade in Christus unverzichtbar ist.
2) Bei dem an Christus gläubigen sollen sie zudem auch ihn anleiten, in
rechter Ehrfurcht vor dem heiligen Gott sich zu scheuen, gegen seine Gebote zu
handeln; vor allem aber aufgrund der Liebe zu dem in Christus barmherzigen Gott
ihm den Willen Gottes zeigen, den er von Herzen tun will und im Glauben auf ihn
vertrauen, dass er auf das Gebet auch die Kraft dazu gibt.
Wozu sollen uns die Gebote
anleiten?
„Darum heben wir am ersten an den Geboten an,
zu lehren und zu erkennen unsere Sünde und Bosheit, das ist, geistliche
Krankheit, dadurch wir nicht tun noch lassen, wie wir wohl schuldig sind.“
(Luther, Kurze Form)
Das erste Hauptstück zeigt „alles, was Gott von uns will getan und
gelassen haben“. Weil aber „aller
Menschen Vermögen viel zu gering und schwach ist, dieselben zu halten“ „folgt
nun billig der Glaube, der uns vorträgt alles, was wir von Gott erwarten und
empfangen müssen … dass man wisse, wie man dazu komme, woher und wodurch
solche Kraft zu nehmen … Und lehrt ihn, wo er die Arznei, die Gnade, finden
soll, die ihm helfe, fromm werden, dass er die Gebote halte; und zeigt ihm
Gott und seine Barmherzigkeit, in Christus erzeigt und angeboten.“ (Luther Gr.
Kat. II,1-4; Kurze Form …, Walch X,150.)
(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)
Hier müssen
wir bekennen, wie St. Paulus Röm. 5,11 sagt, dass die Sünde sei von Adam,
dem einigen Menschen, hergekommen, durch welches Ungehorsam alle Menschen sind
Sünder geworden, dem Tod und dem Teufel unterworfen. Dies heißt die
Erbsünde oder Hauptsünde.
Solcher
Sünden Früchte sind danach die bösen Werke, so in den Zehn Geboten verboten
sind, wie Unglaube, falscher Glaube, Abgötterei, ohne Gottesfurcht sein,
Vermessenheit, Verzweifeln, Blindheit, und zusammenfassend, Gott nicht kennen
oder achten. Danach lügen, bei Gottes Namen schwören, nicht beten, nicht
anrufen, Gottes Wort nicht achten, den Eltern ungehorsam sein, morden,
Unkeuschheit, stehlen, trügen usw.
Solche
Erbsünde ist so gar eine tiefe böse Verderbung der
Natur, dass sie keine Vernunft kennt, sondern muss aus der Schrift Offenbarung
geglaubt werden, Ps. 51; Röm. 5; 2. Mose 33; 1. Mose 3. Darum sind das eitel
Irrtum und Blindheit gegen diesen Artikel, was die Schultheologen
[Scholastiker] gelehrt haben, nämlich:
Dass nach
dem Erbfall Adams des Menschen natürliche Kräfte sind ganz und verdorben
geblieben und der Mensch habe von Natur eine rechte Vernunft und guten Willen,
wie die Philosophen solches lehren.
Ebenso, dass
der Mensch habe einen freien Willen, Gutes zu tun und Böses zu lassen, und
wiederum Gutes zu lassen und Böses zu tun.
Ebenso, dass
der Mensch könne aus natürlichen Kräften alle Gebote Gottes tun und halten.
Ebenso, er
könne aus natürlichen Kräften Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie
sich selbst.
Ebenso, wenn
ein Mensch tut, so viel an ihm ist, so gibt ihm Gott gewiss seine Gnade.
Ebenso, wenn
er zum Sakrament [Abendmahl] will gehen, ist nicht not einen guten Vorsatz,
Gutes zu tun, sondern sei genug, dass er nicht einen bösen Vorsatz, Sünde zu
tun, habe; so gar gut ist die Natur und das Sakrament so kräftig.
Es sei nicht
in der Schrift gegründet, dass zum Guten Werk vonnöten sei der Heilige Geist
mit seiner Gnade. …
Hier halten
wir, dass das Gesetz gegeben sei von Gott, erstlich den Sünden zu steuern mit
Drohen und Schrecken der Strafe und mit Verheißen und Anbieten der Gnade und
Wohltat. Aber solches alles ist der Bosheit halben, so die Sünde im Menschen
gewirkt, übel geraten. Denn ein Teil ist davon ärger geworden, als die dem
Gesetz feind sind, darum, dass es verbietet, was sie gerne tun, und gebietet,
was sie ungern tun. Deshalb, wo sie vor der strafe können, tun sie mehr gegen
das Gesetz als zuvor. Das sind die rohen, bösen Leute, die Böses tun, wo sie
Stätte und Raum haben.
Die anderen
werden blind und vermessen, lassen sich dünken, sie halten und können das
Gesetz halten aus ihren Kräften, wie jetzt droben gesagt ist von den
Schultheologen; daher kommen die Heuchler und falschen Heiligen.
Aber das
vornehmste Amt oder Kraft des Gesetzes ist, dass es die Erbsünde mit den
Früchten und allem offenbare und dem Menschen zeige, wie gar tief seine Natur
gefallen und abgrundtief verdorben ist, als dem das Gesetz sagen muss, dass er
keinen Gott habe noch achte, und bete fremde Götter an, welches er zuvor und
ohne das Gesetz nicht geglaubt hätte. Damit wird er erschreckt, gedemütigt,
verzagt, verzweifelt, wollte gerne, dass ihm geholfen würde, und weiß nicht, wo
aus, fängt an, Gott feind zu werden und zu murren usw. Das heißt dann Röm. 4: Das
Gesetz erregt Zorn. Und Röm. 5: Die Sünde wird größer durchs Gesetz.
Solches Amt
behält das Neue Testament und treibt’s auch, wie St. Paulus Röm. 11 tut und
spricht: Gottes Zorn wird vom Himmel offenbart über alle Menschen.
Ebenso 3: Alle Welt ist vor Gott schuldig. Und: Kein Mensch ist vor
ihm gerecht. Und Christus Joh. 16: Der Heilige Geist wird die Welt
strafen um die Sünde.
Das ist nun
die Donneraxt Gottes, damit er beide, die offenbaren Sünder und die falschen
Heiligen in einen Haufen schlägt und lässt keinen Recht haben, treibt sie
allesamt in den Schrecken und Verzagen. Das ist der Hammer, wie Jeremia
spricht: Mein Wort ist ein Hammer, der die Felsen zerschmettert. Das ist
nicht eine gemachte Reue, sondern das rechte Herzeleid, Leiden und Fühlen des
Todes.
Und das
heißt denn die rechte Buße anfangen, und muss der Mensch hier hören solches
Urteil: Es ist nichts mit euch allen, ihr seid öffentliche Sünder oder Heilige,
ihr müsst alle anders werden und anders tun, was auch immer ihr jetzt seid und
tut, ihr seid, wer und wie groß, weise, mächtig und heilig ihr wollt, hier ist
niemand fromm.
Aber zu
solchem Amt tut das Neue Testament flugs die tröstliche Verheißung der Gnade
durchs Evangelium, der man glauben solle, wie Christus spricht Markus 1: Tut
Buße und glaubt dem Evangelium, das ist, werdet und macht’s anders und
glaubt meiner Verheißung, Und vor ihm her wird Johannes genannt ein Prediger
der Buße, doch zur Vergebung der Sünden, das ist, er sollte sie alle strafen
und zu Sündern machen, auf dass sie wüssten, was sie vor Gott wären, und sich
erkennten als verlorene Menschen, und so dem Herrn bereit würden, die Gnade zu
empfangen und der Sünden Vergebung von ihm erwarten und annehmen. So sagt auch
Christus Luk. 24 selbst: Man muss in meinem Namen in aller Welt predigen
Buße und Vergebung der Sünden.
Wo aber das
Gesetz solches sein Amt allein treibt ohne Zutun des Evangeliums, da ist der
Tod und die Hölle und muss der Mensch verzweifeln, wie Saul und Judas, wie St.
Paulus sagt: Das Gesetz tötet durch die Sünde. Wiederum gibt das
Evangelium nicht auf einerlei Weise Trost und Vergebung, sondern durchs Wort,
Sakrament und dergleichen, wie wir hören werden, auf dass die Erlösung ja
reichlich sei bei Gott, wie 130. Psalm sagt, gegen das große Gefängnis der
Sünden. …
So kann die
Beichte auch nicht falsch, ungewiss oder nur teilweise sein. Denn wer bekennt,
dass alles mit ihm eitel Sünde sei, der umfasst alle Sünde, lässt keine draußen
und vergisst auch keine. So kann die Genugtuung auch nicht ungewiss sein, denn
sie ist nicht unser ungewisses, sündliches Werk,
sondern das Leiden und Blut des unschuldigen Lämmleins
Gottes, das der Welt Sünde trägt. …
Und diese
Buße währt bei den Christen bis in den Tod; denn sie beißt sich mit der übrigen
Sünde im Fleisch durchs ganze Leben, wie St. Paulus Röm. 7 zeugt, dass er kämpfe
mit dem Gesetz in seinen Gliedern usw., und das nicht durch eigene Kräfte,
sondern durch die Gabe des Heiligen Geistes, welche folgt auf die Vergebung der
Sünden. Dieselbe Gabe reinigt und fegt täglich die übrigen Sünden aus und
arbeitet, den Menschen recht rein und heilig zu machen. …
Darum so ist
vonnöten zu wissen und zu lehren, dass, wo die heiligen Leute über das, so sie
Erbsünde noch haben und fühlen, dagegen auch täglich Buße tun und streiten,
etwa in öffentliche Sünde fallen, wie David in Ehebruch, Mord und
Gotteslästerung, dass alsdann der Glaube und Geist ist weg gewesen. Denn der
Heilige Geist lässt die Sünde nicht walten und überhand gewinnen, dass sie
vollbracht werde, sondern steuert und wehrt, dass sie nicht darf tun, was sie
will. Tut sie aber, was sie will, so ist der Heilige Geist und Glaube nicht
dabei; denn es heißt, wie St. Johannes sagt: Wer aus Gott geboren ist, der
sündigt nicht und kann nicht sündigen. Und ist doch auch die Wahrheit (wie
derselbe St. Johannes schreibt): So wird sagen, wir haben keine Sünde, so
lügen wir, und Gottes Wahrheit ist nicht in uns.
Wir wollen
nun wieder zum Evangelium kommen, welches gibt nicht einerlei Weise, Rat und
Hilfe gegen die Sünde; denn Gott ist überschwänglich reich in seiner Gnade.
Erstens durchs mündliche Wort, darin gepredigt wird Vergebung der Sünde in
aller Welt, welches ist das eigentliche Amt des Evangeliums. Zum andern durch
die Taufe. Zum dritten durchs heilige Sakrament des Altars [heiliges
Abendmahl]. Zum vierten durch die Kraft der Schlüssel, und auch durch
gegenseitiges Befragen und brüderlichen Trost, Matth. 18: Wo zwei versammelt
sind in meinem Namen.
Dass
Jesus Christus, unser Gott und Herr, sei um unserer Sünde willen gestorben und
um unserer Rechtfertigung willen auferstanden, Röm. 4,24;
Und er
allein das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt, Joh. 1,29, Und
Gott unser aller Sünde auf ihn gelegt hat, Jes. 53,6;
Ebenso: Sie
sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch
die Erlösung Jesu Christi in seinem Blut, Röm. 3,23 f.
Dieweil nun
solches muss geglaubt werden und sonst mit keinem Werk, Gesetz noch Verdienst
kann erlangt oder gefasst werden, so ist es klar und gewiss, dass allein
solcher Glaube uns gerecht mache, wie Röm. 3,28 St. Paulus spricht: Wir
halten, dass der Mensch gerecht werde ohne Werk des Gesetzes durch den Glauben.
Ebenso V. 26: Auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da
ist des Glaubens an Jesus.
Von diesem
Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde oder
was nicht bleiben will. Dennes ists kein anderer Name den Menschen gegeben,
dadurch wir können selig werden, spricht Petrus Apg. 4,12. Und durch
seine Wunden sind wir geheilt, Jes. 53,3. …
Hier soll
ich das Evangelium zu Rate ziehen und hören, welches lehrt, nicht, was ich tun
solle, denn das ist das eigentliche Amt des Gesetzes, sondern was Jesus
Christus, der Sohn Gottes, für mich getan habe, nämlich, dass er für mich
gelitten hat und gestorben ist, um mich von Sünde und Tod frei zu machen. Dies
anzunehmen und zu glauben befiehlt mir das Evangelium, und dies ist und heißt
die Wahrheit des Evangeliums.
Und dies ist
der Hauptartikel der ganzen christlichen Lehre, in welchem die Erkenntnis der
ganzen Gottseligkeit besteht. (Galaterbriefvorlesung 1535, Walch IX, Sp. 128
f.)
Predigt am Tag des Apostels Thomas[1]
über Johannes 20,24-29
Thomas aber, der Zwölfen einer,
der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, da Jesus kam. Da sagten die anderen
Jünger zu ihm: Wir haben den HERRN gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei
denn, dass ich in seinen Händen sehe die Nägelmale
und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege
meine Hand in seine Seite, will ich’s nicht glauben. Und über acht Tage waren
abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen
verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch!
Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände;
und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubig,
sondern gläubig. Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein HERR und mein Gott!
Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubst du.
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Inhalt
Von der wahren Frömmigkeit, so vor Gott gilt
* Von der Legende des H. Thomas. 1.
* Wenn die Geschichte dieses Evangeliums geschehen
und was darin gelehrt wird. 2.
I. Dass die Menschen von Natur durch eigene Werke
fromm zu werden suchen. 3.4.
II. Warum die wahrhaftige Frömmigkeit nicht durch
eigene Werke kann erlangt werden. 4.5.
III. Dass die wahre Frömmigkeit allein in den
Werken Christi steht. 5 ff.
1.
Was dieses für Werke sind. 5.
2.
Auf was Weise diese Werke geschehen 6.7.
3.
Dass diese Werke Christi uns zugute geschehen und
durch den Glauben geschenkt werden 8.
4.
Wie man im Glauben auf diese Werke, Gesetz, Tod,
Teufel und Hölle überwinden kann. 9.
5.
Ohne diese Werke bleibt man ewig unter der
Verdammnis. 10.
6.
Durch diese Werke wird das ganze Papsttum mit aller
eigenen Heiligkeit und Werken verworfen. 11
7.
Die Jungfrau Maria und alle Heiligen sind durch die
Werke Christi selig geworden. 12.
8.
Dass Christus durch das Zeigen seiner Hände und
Füße lehrt, wie allein durch seine Werke die Seligkeit zu erlangen sei. 13.14.
9.
Die Lehren von diesen Werken sind der Vernunft und
Welt eine Narrheit. 15.
I.
* Wie und wodurch man im Papsttum von dem Glauben
an Christus abgeführt worden ist. 16.17
II.
* Wie sich der rechtschaffene Glaube gegen Gott und
den Nächsten erzeigt. 18.19.
III.
* Worin ein christliches Leben besteht. 20.
IV.
V.
Zusammenfassung des Evangeliums
1. Thomas glaubt nicht, dass Christus auferstanden
sei, bis dass er sieht und fühlt.
2. Die Jünger glauben nicht ohne öffentliche
Zeichen; aber selig sind, die es nicht gesehen haben und glauben allein dem
Wort.
3. Dies ist eine große Erkenntnis, Christus
erkennen als einen Gott und HERRN. Denn wer die Erkenntnis von Christus hat,
der fürchtet sich weder vor Sünde noch Tod, weder vor Teufel noch Hölle. Summa,
er ist sicher vor Angst, Not und Anfechtung; denn er hat einen, der größer
und mächtiger ist, als der in der Welt ist, wie Johannes sagt in seinem
ersten Brief, Kap. 4,4.
Auslegung des Evangeliums
1. Von
St. Thomas weiß ich nichts Gewisseres, als was hier dies Evangelium von ihm
schreibt; das andere, was man sonst von ihm sagt aus dem Legendenbuch, ist
alles erstunken und erlogen: Und ob es gleich zum Teil wahr wäre, so ist doch
nichts drauf zu bauen, es macht uns auch nicht besser; darum wollen wir’s
lassen anstehen und etwas von diesem Evangelium sagen, das uns nützlicher und
nötiger sein wird als alle Legenden.
2. Der
erste Teil der Geschichte dieses Evangeliums ist geschehen am Ostertag am
Abend, da die zwei von Emmaus wiederkamen und verkündigten den anderen Jüngern,
wie der HERR auferstanden wäre. Der letzte Teil ist am achten Tag hernach
geschehen. Darum liest man auch dies Evangelium am achten Tag nach Ostern;
daselbst habt ihr genügend gehört die Auslegung des Evangeliums; wollt Gott!
ihr hättet’s behalten. Denn es ein sehr tröstliches
Evangelium ist, zeigt uns an die Früchte des Glaubens, nämlich Friede und
Freude; wie auch St. Paulus an die Römer 5,1 sagt: So wir denn sind gerecht
geworden durch den Glauben, so haben wir Friede mit Gott durch unseren HERRN
Jesus Christus. Jetzt aber wollen wir ein wenig sagen, was das sei, dass
der HERR den Jüngern seine Hände und Füße weist; dadurch uns ist angezeigt, was
uns Christus nütze sei, wozu er uns dient und was wir von ihm sollen erwarten.
3. Es ist
in aller Menschen Herzen gleich als von Natur eingepflanzt, dass wir gerne
wollten fromm sein, und denkt ein jeglicher, wie er könnte zur Seligkeit
kommen; daher auch mancher dies, der andere jenes erdacht hat und gemeint, er
wolle für sich damit einen gnädigen Gott erlangen und den Himmel erwerben. Aber
es hat nie einer den rechten Weg getroffen, da sie alle darauf gestanden sind,
sie wollten’s mit Tun und Werken ausrichten. Es haben
auch die hochgelehrten Doktoren und heilige Väter viel geschrieben und gelehrt,
wie man zur Frömmigkeit kommen sollte, haben sich darüber sehr bemüht; aber wie
man sieht und auch leider mit unserem merklichen Schaden erfahren, haben sie
wenig ausgerichtet. Darum ist es wohl vonnöten, dass man einen rechten Grund
davon wisse, wie wir doch könnten zur wahrhaftigen Frömmigkeit kommen, weil es
daran viel ist gelegen; denn wer hier fehlt, der hat des rechten Hauptstücks
des christlichen Wesens gefehlt. Davon müssen wir ein wenig sagen.
4. Die
rechte wahrhaftige Frömmigkeit, die vor Gott gilt, steht in fremden Werken und
nicht in eigenen Werken, Dazu nehmt ein Beispiel: Einer baut Kirchen; der
andere wallt nach St. Jakob, nach Aachen, nach Rom, zum heiligen
Grab; der dritte fastet, betet, trägt eine Kappe, geht barfuß oder tut sonst
irgendein Werk, was das mag sein; das sind eigene Werke, Gott hat sie nicht
geboten, sondern die Menschen und Heuchler, die Werkheiligen haben sie selbst
erdacht und gemeint, es wären köstliche gute Werke und hätten vor Gott ein
großes Ansehen, wussten nichts anderes, als sie wollten und sollten dadurch
ihrer Sünden los werden und einen gnädigen Gott erlangen. Aber solche selbst
erlesenen Werke sind ganz nichts und müssen zugrunde gehen, dieweil sie ohne Glauben
geschehen und sind Sünde, wie St. Paulus sagt: Was nicht aus dem Glauben
geht, das isst Sünde. Röm. 14,23. Denn solche unsere Werke sind beschmutzt
und unrein vor Gottes Augen, ja, er hat einen Greuel
davor und einen Ekel.
5. Darum,
wollen wir vor Gott handeln, so dürfen wir nicht mit unseren Werken hinauf
kommen, sondern mit fremden. Was sind nun die fremden Werke, die vor Gott
gelten? Das sind die Werke unseres HERRN Jesus Christus, welchen Gott der Vater
vom Himmel gesandt hat, für unsere Sünde genug zu tun durch sein Sterben und
Leiden. Diese Genugtuung ist so zugegangen: Wir waren in großer Gefahr, hatten
über uns schwere Tyrannen, die uns Tag und Nacht ohne Unterlass ängstigten: Das
Gesetz, so Gott auf den Menschen schlug, trieb uns, forderte viel von uns, und
wir konnten’s nicht tun; deshalb verdammte es uns.
Die Sünde lag uns auf dem Hals, welche das Gesetz noch immerdar je größer und
größer machte. Der Tod wollte uns fressen, als der der Sünden Sold ist. Der
Teufel wollte uns in die Hölle reißen, als der uns um die Sünde sollte strafen;
da war Jammer und Not. Des Jammers erbarmte sich Gott und schickte seinen
einigen Sohn, aus lauter Gnade und Güte, ohne unser Verdienst, dass er uns
sollte von solchem grausamen Tyrannen erretten; und das hat er gewaltig auf die
Weise.
6. Dem
Gesetz tat er auch genug, er hat das Gesetz erfüllt ganz und gar; denn er
hat Gott geliebt von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzen Kräften, von
ganzem Gemüt und den Nächsten wie sich selbst. Denn darin steht das ganze
Gesetz und die Propheten, wie Christus selbst sagt Matth. 22,37.40. Alles,
was nun Christus getan hat, das ist in diesen zwei Stücken daher gegangen. Er
liebte Gott in dem, dass er seinem Willen gehorchte, wurde Mensch und richtete
das aus in allem Gehorsam, was er sollte ausrichten und was ihm von seinem
himmlischen Vater befohlen war, wie St. Paulus an die Phil. Kap. 2, V. 8 sagt: Er
war dem Vater gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz. Danach liebte er
seinen Nächsten; denn alle seine Werke, die er hier auf Erden tat, gingen
dahin, dass er den Menschen damit diente: Ja, so sehr liebte er den Nächsten,
dass er auch sein Leben ließ. Wie er auch zu seinen Jüngern sagt Joh. Kap.
15,13: Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine
Freunde. Ja, St. Paulus macht’s größer und spricht: für seine Feinde,
da er so zu den Römern Kap. 5,8 sagt: Darum preist Gott seine Liebe gegen
uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren.
7.
Dieweil nun Christus so das Gesetz erfüllt hat, so hat es ihn nicht können
verklagen; so hat die Sünde auch nichts bei ihm können schaffen. Sie legte sich
wohl an ihn, aber er war ihr zu mächtig, er verschlang sie, in ihm musste sie
verlöschen wie ein Fünklein Feuers im ganzen Meer:
Denn das war eitel Gerechtigkeit. Der Tod kam auch und wollte ihn fressen; er
fraß ihn wohl, er konnte ihn aber nicht verdauen, musste ihn wieder ausspeien;
ja, dieser Bissen kam dem Tod zu großem Schaden und wandte sich das Spiel um,
dass Christus den Tod fraß: Denn er legte sich an den, zu welchem er kein Recht
hatte, dieweil keine Sünden vorhanden waren. Wo keine Sünde ist, da hat der Tod
nichts zu schaffen, wie St. Paulus sagt 1. Kor. 15, V. 56: Die Sünde ist des
Todes Stachel oder Spieß, damit würgt er, sonst wäre er stumpf und könnte
nichts ausrichten. Der Teufel versuchte seine Macht auch an ihm, aber er musste
sich leiden, denn er griff den an, zu dem er kein Recht hatte, er wurde in
diesem Kampf überwunden und richtete wenig aus; wie Christus sagt: Es kommt
der Fürst dieser Welt und hat nichts an mir. Joh. 14,30. Ebenso die Hölle
sperrte ihren Rachen auf und wollte den Christus verschlingen; aber sie ward
von ihm verschlungen, dass also in diesem Kampf zu Schanden geworden sind Gesetz, Sünde, Tod, Teufel und
Hölle, die er alle in einem Triumph geführt hat und ein Heerprangen daraus
gemacht, wie St. Paulus sagt Kol. Kp. 2,15.
8. Dieses
alles nun ist uns nicht allein zugute geschehen, sondern uns auch geschenkt,
wen wir an diesen HERRN Christus glauben. Denn alles, was er hat, das ist
unser. Der selbst auch ist unser, wie St. Paulus sagt Röm. Kap. 8,32: Gott
hat uns seinen Sohn geschenkt, wie sollte er uns nicht alles mit ihm schenken:
So dass ich mich alles des Sieges könne rühmen, den er getan hat, am Gesetz,
Sünde, Tod, Teufel, Hölle, und kann mir zuschreiben alle seine Werke, als wären
sie mein eigen und als hätte ich sie selbst getan, wenn ich nur an Christus
glaube; sonst hülfen mir seine Werke gar nichts, wenn sie mir nicht geschenkt
wären. Das sind die fremden Werke, die uns fromm und selig machen vor Gott;
unsere Werke werden’s nicht tun, wir sind zu schwach
im Harnisch, mit allen unseren Kräften auch der geringsten Sünde zu
widerstehen, geschweige denn, dem Tod, dem Teufel und der Hölle unter Augen zu
gehen und mit ihnen zu kämpfen.
9. Darum,
wenn das Gesetz kommt und verklagt dich, dass du es nicht hast gehalten, so
weise es hin zu Christus und sprich: Dort ist der Mann, der es getan hat, an
dem hänge ich, der hat’s für mich erfüllt und mir seine Erfüllung geschenkt; so
muss es stille schweigen. Kommt die Sünde und will dich erwürgen, weise sie
dorthin zu Christus und sprich: So viel du dem kannst anhaben, so viel kannst
du mir auch anhaben; denn ich bin in ihm und er in mir. Kommt der Tod und will
dich fressen, so sprich zu ihm: Lieber Tod, kennst du auch den Mann dort, gehe,
beiße ihm einen Zahn aus, er hat dir einmal dein Beißen sauer genug gemacht;
gelüstet dich etwas, so reib dich noch einmal an ihn. Du meintest, du wolltest
auch Teil an ihm haben, da er zwischen zwei Mördern hing und eines lästerlichen
Todes starb, der auch vor Gott und vor der Welt verdammt war; aber was half es
dir? Du tatest da einen Biss, der dir nicht wohl
geriet. Dem Mann gehöre ich an: Ich bin sein, er ist mein, und wo er bleibt, da
bleibe ich auch; du hast ihm nichts können anhaben, wirst mich auch wohl zufrieden lassen. Kommt der Teufel und will auch Teil an
dir haben, und die Hölle will dich verschlingen, weise sie hin zu Christus, da
wirst du sie wohl stillen.
10. So
seht ihr, was wir an Christus haben, nämlich den Mann, der uns von Gott
geschenkt ist, der da sollte die Sünde auslöschen, den Tod zerknirschen,
die Hölle zerbrechen und den Teufel gefangen nehmen, und das alles uns zugut.
Denn wenn er es nicht getan hätte und solches uns geschenkt, hätten wir ewig
müssen unter der Verdammung durch das Gesetz, unter der Sünde, unter dem Tod,
unter dem Teufel und unter der Hölle stecken. Davon hat uns Gott durch diesen
Christus errettet; darum spricht St. Paulus zu den Korinthern in seinem ersten
Brief, Kap. 15,54-57 aus dem Propheten Hosea, Kap.
13,14: Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod, wo ist dein Stachel?
Hölle, wo ist dein Sieg? Aber der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft
aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat
durch unseren HERRN Jesus Christus.
11.
Hieraus sehen wir nun wohl, was es für Werke sind, die uns sollen fromm und
gerecht machen vor Gott, nämlich fremde Werke, nicht unsere eigenen
selbsterwählten Werke. Darum fällt hiermit darnieder das ganze Papsttum, mit
allen seinen auch köstlichsten, heiligsten Werken, welches gar dahin gerichtet
ist, dass die armen, elenden, verblendeten Leute meinen, den Himmel mit ihrem
Verdienst und eigenen Werken zu erlangen; daher so viele Orden erwachsen sind,
dass man sie schier nicht wohl zählen kann, und hat immer einer über den
anderen wollen heiliger sein, nachdem er harte, große, schwere Werke hat
getrieben. Aber solche ihre Arbeit, Mühe und Ängstigung, Beten, Fasten,
Kasteiung des Leibes und was des Dinges mehr, ist gar verloren und vergeblich,
hat nicht so viel vermocht, dass es die allergeringste tägliche Sünde hätte
können wegnehmen, haben diesen Spruch Jesajas, Kap. 29,13, den der HERR bei
Matthäus wiederholt, nicht zu Herzen genommen: Dies Volk naht sich zu mir
mit seinem Mund und ehrt mich mit seinen Lippen; aber ihr Herz ist ferne von
mir. Aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehre, die
nichts als Menschengebot ist, Matth. 15,8.
12.
Daraus kannst du nun schließen, dass alle Heiligen, sie seien gewesen so heilig
wie sie immer wollen, haben sie doch die Seligkeit nicht durch ihre Heiligkeit,
Verdienst und Werk erlangt. Es ist auch Maria, die Mutter Gottes, ihrer
Jungfrauschaft halben und darum, das sie eine Mutter Gottes gewesen ist, nicht
fromm, selig noch gerecht geworden; sondern alle sind sie selig geworden durch
den HERRN Jesus Christus, als durch fremde Werke. Denn merkt das eben, dass
unsere Seligkeit nicht in unseren, sondern in fremden Werken stehe, nämlich
Christi Jesu, unseres Heilandes, welche wir allein durch den Glauben an ihn
erlangen.
13. Das
will auch die Geschichte hier in diesem Evangelium, da der HERR den Jüngern und
besonders dem lieben Thomas seine Hände und Füße wies, damit er zu verstehen
gab, dass es diese Hände und Füße tun müssten, und sonst keine, das ist, seine
Werke gehörten zur Seligkeit und nicht andere: Denn durch Hände und Füße werden
in der Heiligen Schrift verstanden Werke und Wandel.
14. Diese
Hände und Füße zeigt uns Christus noch immerdar und spricht: Siehe Mensch, ich
bin alleine der, des Werke und Wandel vor Gott etwas gilt; mit deinen Werken
wirst du es nicht ausrichten, deine Frömmigkeit dient hierher nichts, sie
gehört anderswo hin: Bist du fromm, so genieße es unter den Leuten, hast Lob
und Preis davon hier auf Erden, wie Sankt Paulus sagt Röm. 4,2, vor Gott
aber gilt diese Frömmigkeit nicht, du musst eine andere Frömmigkeit haben. Das
bin ich; die sieht Gott, mein Vater, an: Denn ich habe dich erlöst von Sünden,
Tod, Teufel, Hölle und von allem Unglück; deinethalben steckst du wohl noch
drinnen, ja, du würdest nimmermehr heraus kommen; ich habe den Zorn Gottes
hinweg genommen und aus einem zornigen Richter einen gnädigen, barmherzigen,
gütigen Vater gemacht. Das glaube, so hat es mit dir keine Not, du bist schon
selig, fromm und gerecht. Komme ja nicht mit deiner Frömmigkeit vor Gott;
willst du vor ihm handeln, so kriech in mich, zieh mich an, so wirst du
erlangen vom Vater, was du nur haben willst und begehrst. Wie er bei Johannes,
Kap. 16,23, sagt zu seinen Jüngern: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So
ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er’s euch geben.
Darum, gleicherwiese wie wir die Sünde anfänglich und ursprünglich von Adam,
als von einer fremden Sünde, bekommen haben; denn weder ich noch du haben den
Apfel gegessen: So müssen wir auch durch eine fremde Gerechtigkeit wiederum
gerecht und fromm gemacht werden; das ist nun Christus Jesus, durch welches
Gerechtigkeit und Werke wir alle sind selig geworden, wie ihr genügend habt
gehört. Das hat St. Paulus sehr reichlich in einem Spruch gefasst, da er 1.
Kor. 1,30.31 so sagt: Christus Jesus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit
und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass (wie
geschrieben steht) wer sich rühmt, der rühme sich des HERRN. Und an die
Römer, Kap. 4,25, spricht er: Jesus Christus ist um unserer Sünde willen
dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt.
15. In
diesen zwei Sprüchen habt ihr, gleich wie in ein Bündlein
zusammengefasst, alles, was wir von Christus sollen erwarten. Das geschieht
aber alles durch den Glauben. Denn wer den Glauben nicht hat, dem ist solch
Ding unmöglich zu begreifen; ja, es ist der Vernunft eine Torheit, und die Welt
hält’s für eine Narrheit, wie St. Paulus sagt 1. Kor. 1,23: Christus ist den
Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit, das ist, wenn man Christus
predigt, dass der unsere Gerechtigkeit ist, dass wir durch den sollen selig
werden und Kinder des ewigen Lebens, ohne unsere Werke und Frömmigkeit, so
ärgern sich die frommen heiligen Leute dran, wie die Juden waren; den Klugen
aber und Weisen dieser Welt ist es eine Torheit und ein närrisch Ding, dass
solches ein gekreuzigter, getöteter Mensch soll ausrichten. So muss sich alles,
was da fromm, heilig, weise und klug ist vor der Welt, an diesem Christus
ärgern und an ihm anlaufen. Denen aber, spricht St. Paulus V. 24 ferner,
die berufen sind, beide, Juden und Griechen, predigen wir Christus,
göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Und an die Römer, Kap. 1,16.17 sagt
er so: Das Evangelium von Christus ist eine Kraft Gottes, die da selig macht
alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen, da darin
offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben
in Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird seines Glaubens leben.
Darum sagt der HERR zu den Jüngern des Johannes: Selig ist, der sich nicht
an mir ärgert, Matth. 11,6.
16. Und
da siehst du auch klar, dass dieser Glauben, den wir in Christus haben, durch
die Predigt des Evangeliums herkomme, wie St. Paulus sagt Röm. 10,17: Der
Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes. Ja,
da liegt die Macht, aus dem Wort Gottes, nicht aus Menschenwort, das Wort
Gottes tut’s nicht, wenn man von Ablassbriefen oder von Werken predigt, wie
bisher, leider, geschehen, mit unserem merklichen Schaden, beide, des Gutes,
Leibes und der Seele. Doch wollten wir des Guts schweigen, welches wir häufig
haben hingegeben, wenn sie uns nicht am Leib, mit Fasten, Kasteien, Wallfahrten
und dergleichen Narrenwerk bekümmert hätten. Ja, das wäre auch noch zu
verschmerzen, wenn sie uns nicht mit ihrem falschen Vertrauen auf solche ihre
Werke von dem rechtschaffenen Glauben und Vertrauen zu Gott durch Christus so
jämmerlich und erbärmlich geführt und verführt hätten. Nun, Gott habe Lob, dass
wir’s jetzt noch erkennen; denn es ist die Welt voll des Jammers gewesen, dass
sie schier ist übergegangen; welches allein Strafe und Zorn Gottes ist, darum,
dass wir sein Wort verachtet haben und Menschenworten, auch unserem eigenen
Kopf und Gutdünken, gefolgt. Da sind wir so verblendet gewesen, dass wir einem
jeglichen schier geglaubt haben, er habe für ein Werk gebraucht, was er nur
gewollt hat.
17. Davon
sind nun unsere Gewissen errettet und frei gemacht; aber niemand dankt Gott
einmal darum. Versehen wir’s, so haben wir ein größeres Unglück auf dem Hals
als dies ist gewesen; aber es geschähe uns kaum unrecht, wir verdienen’s mit unserer Undankbarkeit. Vorher hat man so
viel können geben Mönchen und Pfaffen, dass sie schier Herren der Welt von dem
Geben geworden sind; jetzt kann man kaum sechs oder sieben arme Menschen in
einer Stadt erhalten, ja, man kann jetzt nicht einen Prediger oder Pfarrer
ernähren, da man vorher schier einen Schock Pfaffen hat ernährt. Da sehen wir
fein, was wir gewesen sind, jetzt bricht es heraus; hätte man uns mit Zwang und
Treiben nicht dazu gedrungen, hätten wir es auch lassen anstehen wir jetzt.
Darum darfst du an solchem verkehrten Wesen nicht dem Evangelium die Schuld
geben, wie jetzt unsere Widersacher unverschämt tun. Es heißt dich nicht, dass
du deinen Nächsten solltest neben dir lassen Not leiden: Ja, das ganze
Evangelium geht eben dahin, dass es dich auf deinen Nächsten weise, dass du ihm
Wohltat erzeigst, ihm helfest und ratest, wie dir Gott geraten und geholfen
hat.
18. Und
das tut gewiss ein rechtschaffener Glaube, der da fährt heraus und tut anderen,
wie ihm Gott getan hat, und wie er wollte, dass man ihm tun sollte, wenn er in
Armut, Angst und Not steckte. Unserer guten Werke bedarf Gott nicht, an unserem
Beten und Fasten, Kirchen bauen und Messe stiften, hat er keinen Gefallen, unser
Opfer begehrt er nicht, ja er spricht bei Jesaja, Kap. 1,11, er hasse
sie und habe einen Greuel daran. Er hat daran
genug, dass wir ihn für einen Gott halten, auf ihn trauen und ihm danken. Wie
er im 50. Psalm, V. 9-15 sagt: Höre mein Volk, lass mich reden, Israel, lass
mich unter dir zeugen: Ich, GOTT, bin dein GOTT. Deines Opfers wegen strafe ich
dich nicht; sind doch deine Brandopfer sonst immer vor mir. Ich will nicht von
deinem Haus Ochsen nehmen noch Böcke aus deinen Ställen. Denn alle Tiere im
Wald sind mein und das Vieh auf tausend Bergen. Ich kenne alle Vögel auf den
Bergen, und allerlei Tier auf dem Acker ist vor mir. Wenn mich hungerte, wollte
ich dir nicht davon sagen; denn der Erdboden ist mein und alles, was drinnen
ist. Meinst du, dass ich Fleisch essen wolle von den Ochsen oder Blut trinken
von den Böcken? Opfere GOTT Dankopfer und zahle dem Höchsten deine Gelübde. Und
rufe mich an in der Zeit der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich
preisen.
19. Mit
den Werken aber weist uns Gott herunter auf unseren Nächsten, auf die armen
elenden trostlosen Menschen; denen sollen wir zu Hilfe kommen, die sollen wir
trösten, lehren und unterweisen; und was wir denselben tun, das haben wir Gott
und seinem Christus, unserem HERRN, selbst getan; wie er sagen wir im Jüngsten
Gericht: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern,
das habt ihr mir getan. Matth. 25,40.
20. So
habt ihr, dass ein christliches Leben darin stehe, dass wir müssen durch fremde
Werke fromm und gerecht werden, nämlich durch Christi Werke, welchen wir allein
durch den Glauben können haben. Derselbe Glaube bringt mich sich natürlich die
Liebe, dadurch wir unserem Nächsten tun, wie wir erkennen, dass uns Gott getan
hat. Davon habt ihr anderswo mehr gehört, wollen es jetzt dabei lassen bleiben
und Gott um Gnade anrufen.
Ein anderer kurzer Sermon am Tag, da Maria zu Elisabeth ging[2]
Lukas 1
1. Dies
Evangelium ist geschrieben uns zu einem Beispiel und Lehre, nämlich, was da
sind die Früchte des Glaubens; denn, wie ihr oft gehört habt, ein christlich
Wesen steht allein in diesen zwei Stücken, im Glauben und in der Liebe. Diese
zwei werden uns auch hier in den zwei Frauen Maria und Elisabeth angezeigt. Das
wollen wir sehen.
2. Da
Maria voll des Heiligen Geistes war und hatte nun in ihrem Leib den Sohn
Gottes, so, dass sie beide, an Leib und Seele, schwanger war und voll aller
Güte Gottes, machte sie sich auf und ging zu ihrer Tante Elisabeth, ihr zu
dienen: Denn sie hatte vom Engel gehört, dass sie schwanger wäre und trüge auch
noch ein Kind in ihren alten Tagen; so, dass Maria nicht ihrethalben ist zu
Elisabeth gegangen; auch nicht um einer anderen Ursache willen, als nur, dass
sie ihr, als einer schwangeren Frau, dienen könnte. Damit sich zurückgestoßen
alle Stände und Orden, die allein dahin gerichtet sind, sich selbst und nicht
anderen zu helfen, oder darum anderen dienen und Gutes tun, dass sie dadurch
wollen fromm werden. Vermaledeit sei das Leben, das sich allein lebt und dient.
Wenn du Maria hier hättest gefragt, warum sie hingehe zu Elisabeth, hätte sie
zweifelsohne gesagt: Nicht darum, dass ich will fromm werden; denn sie war
vorher fromm und voll aller Güter Gottes; sondern darum, dass ich meiner Tante
Elisabeth diene will, ihr helfen und sie trösten.
3. Da
sehen wir ein Beispiel, dass, je höher die Gabe ist, je mehr wir uns herab
werfen sollen, uns demütigen und anderen dienen. Darum ist das ein rechter
Christ, der jedermann dient, wie Christus getan hat, und der sich seiner Gaben,
ihm von Gott gegeben, nicht überhebt, auch andere deshalb nicht verschmäht. Es
hätte Maria wohl können sagen: Ich habe jetzt genug, ich bin eine Mutter Gottes
und habe Gottes Sohn in meinem Leib; es wäre mir eine Schande, dass ich jemand
diente, es sollte mir billig alle Welt dienen, ja, alle Kreaturen sollten auf
mich sehen: Ich sollte auf einem Polster sitzen und eine Magd oder sechs um
mich haben, die auf mich warteten und dienten mir. Aber das tut sie nicht, sie
geht dahin und will anderen dienen.
4. Wir
armen Madensäcke, wenn wir kaum eines Hellers wert Güter von Gott haben, so
blasen wir uns auf und wissen nicht, wie wir uns sollen warten lassen; da muss
uns jedermann dienen, und wir wollen niemand dienen. Darum ist das eigentlich ein
christliches Wesen, anderen dienen und helfen. Obgleich einer eines höheren
und größeren Standes ist als die anderen, so soll doch sein Leben und Wesen
allein dahin gerichtet seien, dass er damit anderen nützlich sei, so, dass, je
höher der Stand ist, je mehr er dahin soll gerichtet sein, dass es anderen zu
Nutz und Frommen komme, und je tiefer sich herunter lasse. Nicht, dass er den
Stand von sich werfe oder sich seines Amts entsetze, wenn er allein gewiss ist,
dass dieser Stand Gott gefalle: sondern denselben behalte und sich gleichwohl
so demütige, wie hier Maria tut: Ob sie wohl eine Mutter Gottes war, dennoch
tat sie den Stand nicht hinweg, sondern eben mit der Frucht, mit dem Sohn
Gottes, den sie im Leib hatte, geht sie hin und dient ihrer Tante Elisabeth.
5. Seht,
das ist gar ein großes Beispiel der Liebe, dass sich die, die aller Gnaden
Gottes voll war, ja Gott selbst bei sich hatte, so solle niederwerfen und so
tief sich demütigen. Dem Beispiel sollen wir auch nachfolgen. Gott hat uns frei
gemacht durch Jesus Christus, seinen Sohn, und uns errettet von Sünde, Tod,
Teufel, Hölle und von allem Unglück, und uns mit unaussprechlichen Gnaden
reichlich überschüttet, so, dass wir dem Gesetz nichts mehr schuldig sind; die
Sünde ist uns vergeben, der Tod ist gefressen, der Teufel erwürgt, der Höllen
Rachen zugesperrt, dass wir alles Unglück nun in unserer Gewalt haben, dazu
Kinder Gottes sind und Erben des ewigen Lebens, Um solcher Reichtümer und
Gnaden willen will Gott nichts mehr von uns haben, als dass wir uns nun auch so
gegen unserem Nächsten mit Dienst und Wohltat erzeigen, wie er sich gegen uns
erzeigt hat; das ist sein Wille und Wohlgefallen, davon wir oft und viel mehr
gesagt haben.
6. Lukas
schreibt ferner, dass Maria sei in dieser Reise züchtig gewesen, ohne
Zweifel daher gegangen als eine junge Frau, die neulich das Jahr mit ihrem Mann
Joseph war zu Hause gesessen, in allen Züchten und ehrbaren Gebärden. Welches
der Heilige Geist ohne Zweifel so hat schreiben lassen, anzuzeigen, wie die
Frauen auf der Gasse und in den Straßen züchtig sein sollen und niemand
Ärgernis geben mit unzüchtigen Gebärden. Denn das ist der Frauen bestes Kleinod
und Zierde, ein züchtiges Leben und ehrbares Gebärden; wenn sie den Schatz
verlieren, so ist es aus mit ihnen. Und wiewohl der Evangelist nicht mit klaren
Worten ausdrückt, dass jemand mit Maria über Land gegangen sei, so ist es doch
nicht unglaublich, dass entweder Joseph oder je eine Magd mit ihr gegangen ist;
denn es wäre weiblicher Zucht ungemäß, allein über Land zu reisen. Das sage ich
alles darum, dass wir sehen, wie der Heilige Geist immer damit anzeigt in der
Schrift hin und wieder den ehrbaren und züchtigen Wandel der Heiligen, auch in dem
äußerlichen Leben; welches gegen die ist, die da meinen, wenn sie Christen
geworden sind, dürfen sie nun frei dahin leben, ohne alle Zucht und Ehrbarkeit;
wie man jetzt derselben Gesellen viel findet, die dem Evangelium und Wort
Gottes merklichen Schaden und Abfall bringen.
7.
Allhier wäre es wohl vonnöten, dass man auch sagte wie wir unsere Kinder so
übel erziehen, dass es zu erbarmen ist, da ist keine Ehre noch Zucht: Die
Eltern lassen ihren Kindern den Willen, halten sie in keiner Furcht; die Mütter
sehen nicht auf ihre Töchter, lassen ihnen alles nach, strafen sie nicht,
lehren sie weder züchtig noch ehrbar leben. Daher kommt’s auch, dass so
ungezogenes und wildes Volk unter uns Deutschen und Christen ist, dergleichen
man kaum in der Welt findet. Das macht alles, dass wir in der Jugend nicht wohl
werden auferzogen. Auf alle Dinge legen wir größeren
Fleiß, nur allein auf die Kinderzucht nicht. Da sehen Fürsten und Herren,
Bürgermeister und Obrigkeit nicht drauf. Denen gebührt es, ein äußerlich
züchtiges Regiment zu ordnen und anzustellen; aber es fehlt hinten und vorne;
Gott, der wolle es bessern. Ich halte, dass sich Gott so ungnädig gegen uns
stellt, sei keine andere Ursache, als dass die Jugend so versäumt wird und die
Kinder nicht werden in Zucht und Ehrbarkeit auferzogen;
denn wie man die Leute haben will, muss man sie in der Jugend dazu erziehen.
Dass die Christenheit jetzt so übel steht, kommt alles daher, dass sich niemand
der Jugend annimmt. Und soll es wiederum in einen guten Schwang kommen, so muss
es wahrlich an den Kindern angefangen sein. Darum sagt hier der Heilige Geist
nicht vergebens, Maria sei mit Züchten zu Elisabeth gekommen.
8. Da nun
Maria hinkommt zu ihrer Tante Elisabeth, geschieht ein großes Wunder, nämlich, da
Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kindlein mit Freuden auf in ihrem
Leib und [sie] ward erfüllt mit dem Heiligen Geist und erkannte, dass Maria
eine Mutter Gottes wäre; welches gar eine scharfe Erkenntnis war. Allhier ist
uns abgemalt, wie es zugehen muss, wenn wir fromm werden sollen, nämlich, dass
der Glaube nicht aufgehen kann als durch den Heiligen Geist, und dasselbe doch
nicht ohne das äußerliche Wort. Denn da Maria hier, welche in ihrem Leib den
Sohn Gottes hatte, mit ihrem Gruß an Elisabeths Ohren stieße und ihre Worte in
Elisabeths Ohren erklungen, da entspringt in ihr der Glaube, dass sie das
erkennt, welches keine Vernunft je erkannt hätte. Also muss man vorher das äußerliche
Wort hören und dasselbe nicht verachten, wie etliche meinen. Denn Gott wird
nicht zu dir in dein Kämmerlein kommen und mit dir allein reden. Es ist so
beschlossen, das äußerliche Wort muss gepredigt werden und vorher gehen;
danach, wenn man das Wort in die Ohren und zu Herzen gefasst hat, alsdenn so
kommt der Heilige Geist, der rechte Schulmeister, und gibt dem Wort Kraft, dass
es Wurzel schlägt.
9. Der
Gruß Marias zu Elisabeth ist ohne Zweifel gewesen, nach Gewohnheit der
hebräischen Sprache, wie es oft in den Evangelisten angezogen wird: Friede
sei mit dir! In welchem Gruß eigentlich das Evangelium verkündigt wird,
nämlich Vergebung der Sünde und Friede des Herzens. Wenn das Wort einem vor die
Ohren kommt, ist anders ein frommes Herz da und das da nach
Friede dürstet, da geht der Heilige Geist mit ein; der macht dies Wort im
Herzen kräftig und lehrt Christus recht erkennen; da muss denn zu Boden gehen
alle menschliche Vernunft, Sinn, Witz und Verstand. Darum müssen wir dem
Evangelium die Ehre geben und ihm diesen Preis lassen, dass es sei ein Mittel
und Weg und gleichwie eine Röhre, durch welche der Heilige Geist einfließt und
in unsere Herzen kommt. Darum spricht St. Paulus an die Galatern Kap. 3,2, dass
sie den Heiligen Geist empfangen haben, nicht durch die Werke des Gesetzes,
sondern durch die Predigt des Glaubens. Und an die Römer, Kap. 10,17
schließt er so: Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch
das Wort Gottes.
10. Aus
dem folgt, dass die närrisch tun, ja, gegen Gottes Ordnung und Einsetzung, die
das äußerliche Wort verachten und verwerfen, meinen, der Heilige Geist und der
Glaube sollen ohne Mittel zu ihnen kommen; das wir noch lang nicht geschehen.
Geschieht es aber etlichen, so ist es etwas Besonderes; durch die gemeine Bank
hin ist’s so, dass Gott seinen Heiligen Geist ohne das äußerliche Wort nicht
geben will. Daher heißt auch St. Paulus Röm. 1,16; 1. Kor. 1,24 das
Evangelium eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben,
da er ohne Zweifel von dem leiblichen äußerlichen Wort redet. Wo das nicht
zuvor gepredigt wird, da vermute man nicht, dass der Heilige Geist allda wirke
oder irgendein Glaube da sei. Gelichwie es mit der Sonne zugeht, die hat zwei
Arten an sich, nämlich den Schein und die Hitze. Wo nun der Schein oder Glanz
hingeht, da kommt auch die Hitze hin; wo aber der Glanz nicht hingeht, da
bleibt die Hitze auch draußen. So geht’s hier mit dem äußerlichen Wort und mit
dem Heiligen Geist auch zu. Der Heilige Geist wirkt nirgends, wo er nicht zuvor
durch das Wort, wie durch eine Röhre, in das Herz kommt. Davon haben wir oft
mehr gesagt und geschrieben.
11. Folgt
nun weiter in der Geschichte, was für Worte Elisabeth gegen Maria gebraucht
hat, welche sie aus Eingebung des Heiligen Geistes geredet hat, nämlich da sie
sprach: Gebenedeit [gepriesen] bist zu unter den Frauen und
gebenedeit sei die Frucht deines Leibes. Und woher kommt mir das, dass die
Mutter meines HERRN zu mir kommt?
12. Als
sollte sie sagen: Dergleichen Frauen noch Frucht ist keine auf Erden gekommen;
denn von allen Frauen und von allen Früchten muss man sagen, dass die
vermaledeit sind. Allein du und deine Frucht seid gebenedeit. Das erkenne ich:
Denn die Frucht, die du trägst, ist nicht eine gemeine schlichte Frucht; so
bist du auch nicht eine gemeine schlichte Mutter, denn du bist die Mutter
meines HERRN. O, wie groß demütigst du dich, dass du zu mir kommst. Ich sollte
billig zu dir kommen und dir nachlaufen, ja, ich sollte dir die Füße und die
Fußstapfen deiner Füße küssen, des bist du wohl wert; so kommst du her und
willst mir dienen.
13. Da
sollen wir rechte Demut lernen. Denn das ist ein großes Ding hier, dass sich
Maria dieser Worte keines lässt bewegen, lässt sich die Ehre und den Preis
nicht kitzeln, wird auch nicht aufgeblasen, sondern fällt dahin und will ihrer
alten Tante dienen; Elisabeth wirst dich auch herunter und demütigt sich vor
ihr. Da steht ja ein feines recht christliches Beispiel; die Junge wirft’s auf
die Alte, die Alte wieder auf die Junge. Nun, wo soll sie mit hin? Sie will die
Ehre und den Preis auch nicht behalten, noch die Güter Gottes sich zuschreiben;
deshalb läuft sie damit hin zu Gott und entblößt sich aller Güter und zieht
ihre Seele nackt aus und trägt alles frei und lauter auf Gott und singt ihm das
Magnificat. Welcher Gesang allein dahin geht, dass ein Mensch erkenne seine
Niedrigkeit und Nichtigkeit und die Höhe des HERRN, dazu die Fülle seiner
göttlichen Güter, nämlich, dass ein Mensch wisse, dass er nichts sei, und Gott
alle Dinge sei, von sich nichts halte und von Gott alles. Das zu erkennen, ist
der Natur ganz unmöglich; denn sie kann nicht dahin kommen, dass sie gerne
wollte nichts sein; darum ist das ein hoch übernatürlich Ding, dass ein Mensch
seine Nichtigkeit erkenne und die Fülle göttlicher Gnade. Das seht ihr an allen
Menschen. Denn es ist keiner so gelehrt, keiner so heilig, der da gerne sehe,
dass man ihn schände und lästere oder verspreche ihm sein Leben. Wir sehen
auch, wie die Leute zappeln und tun in Todesnöten, dass sie alles gerne darum
gäben, was sie hätten, allein, dass sie lebendig blieben, ja, dass sie nur eine
Stunde könnten länger leben. Das ist ja nicht in unserer Natur, zunichte werden, es kommt uns zu sauer an, es verdrießt den
alten Adam, wenn er soll ein einiges Wort leiden, das
gegen ihn ist, geschweige denn Schande oder den Tod willig zu leiden; ja, wenn
ihm ein Fuß oder kaum eine Zehe dran wehe tut, so ist er unleidlich und
ungeduldig darüber. Darum, so kann der Mensch das nicht von Grund des Herzens
sagen, dass er nichts sei. Mit dem Maul können wir wohl alle sagen, wir sind
nichts; aber wenn es Gott lässt sagen und will uns recht zunichte
machen, da trumpfen und würgen wir uns und können’s nicht leiden.
Deshalb ist’s vergebens, dass wir viel mit dem Mund sagen, wir sind nichts und
doch mit dem Herzen nicht dazu einwilligen.
14. So
ist nun das die Summa im Magnificat, wir sind nichts, Gott ist alles, mächtig,
barmherzig, stark, fromm, gerecht, treu, und was nur Gutes mag gesagt werden;
daraus denn folgt, alles, was wir haben, das haben wir von Gott, und ist alles
sein. Darum, wenn er kommt und nimmt’s von uns hinweg, dürfen wir nicht sauer
sehen oder deshalb zürnen: Denn er nimmt das Seine und nicht das Unsere. Wie
aber das Magnificat von Wort zu Wort zu verstehen sei, habt ihr klar genug in
einem besonderen Büchlein ausgedruckt. Wollen’s jetzt
dabei lassen bleiben und Gott um Gnade anrufen.
Predigt vom
Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium
über Gal.
3,23-24
Gehalten den 1. Januar 1532[3]
Gal. 3,23.24: Ehe denn aber der Glaube kam, wurden wir unter dem
Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben, der da sollte offenbart
werden. So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir
durch den Glauben gerecht würden.
1. Des St. Paulus Meinung ist
diese: Dass in der Christenheit soll von beiden, Predigern und Zuhörern, ein
gewisser Unterschied gelehrt und gefasst werden zwischen dem Gesetz und
Evangelium, zwischen den Werken und dem Glauben; wie er denn solches auch
Timotheus befiehlt, da er ihn ermahnt, 2. Brief 2,15, das Wort der Wahrheit
recht zu teilen usw. Denn dieser Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium
ist die höchste Kunst in der Christenheit, die alle und jede, so sich des
christlichen Namens rühmen oder annehmen, können und wissen sollen. Denn wo es
an diesem Stück mangelt, da kann man einen Christen vor einem Heiden oder Juden
nicht erkennen; so gar liegt es an diesem
Unterschied.
2. Darum dringt St. Paulus so
hart darauf, dass diese zwei Lehren, nämlich des Gesetzes und des Evangeliums,
bei den Christen wohl und recht von einander
geschieden werden. Beides ist wohl Gottes Wort, das Gesetz oder die zehn Gebote
und das Evangelium; dieses anfänglich im Paradies, jenes auf dem Berg Sinai,
von Gott gegeben. Aber daran liegt die Macht, dass man die zwei Worte recht
unterscheide und sie nicht ineinander menge, sonst
wird man weder von diesem noch von jenem rechten Verstand wissen und behalten
können; ja, wenn man meint, man habe sie beide, wird man keines haben.
3. Unter dem Papsttum ist es
so zugegangen, dass weder der Papst noch alle seine Gelehrten, Kardinäle,
Bischöfe und Hochschulen jemals gewusst haben, was Evangelium oder Gesetz wäre;
ja, sie haben es noch nie geschmeckt oder in allen ihren Büchern vermeldet, wie
eines vom andern zu unterscheiden wäre, wie des Gesetzes Lehre vom Evangelium
sollte oder könnte geschieden werden. Darum ist ihr Glaube, wenn sie aufs
höchste kommen, ein lauter Türkenglaube, der allein auf dem bloßen Buchstaben
des Gesetzes und äußerlichem Tun und Lassen steht, wie: Du sollst nicht töten,
nicht stehlen usw.; meinen also, es sei dem Gesetz genug geschehen, wenn man
nur mit der Faust nicht tötet, noch jemand das Seine stiehlt, und so fortan.
Ja, sie halten es dafür, es sei solche äußerliche Frömmigkeit eine
Gerechtigkeit, die vor Gott gilt usw. Aber solche Lehre und Glauben, obgleich
die Werke gut und von Gott geboten sind, ist falsch und unrecht. Denn das
Gesetz fordert eine viel höhere Gerechtigkeit als die auf äußerlichen Tugenden
und Frömmigkeit steht. Dazu wird das Evangelium von Gnade und Vergebung der
Sünden gar dadurch niedergeschlagen. Denn wiewohl nicht stehlen, nicht töten
recht ist und durchs Gesetz gefordert wird, so ist es doch nicht mehr als eine
heidnische Frömmigkeit, die des Gesetzes Gerechtigkeit nicht erreicht; viel
weniger ist es Vergebung der Sünden, davon das Evangelium lehrt und predigt.
4. Es ist darum vonnöten, dass
diese zweierlei Worte recht und wohl unterschieden werden; denn[4],
wo das nicht geschieht, kann weder das Gesetz noch das Evangelium verstanden
werden, und müssen die Gewissen in Blindheit und Irrtum verderben. Denn das
Gesetz hat sein Ziel, wie weit es gehen und was es ausrichten soll, nämlich bis
auf Christus, die Unbußfertigen schrecken mit Gottes Zorn und Ungnade.
Desgleichen hat das Evangelium auch sein besonderes Amt und Werk, Vergebung der
Sünden den betrübten Gewissen zu predigen. Mögen darum diese beiden ohne
Verfälschung der Lehre nicht ineinander gemengt, noch eines für das andere
genommen werden. Denn Gesetz und Evangelium sind wohl beide Gottes Wort, aber
nicht einerlei Lehre. Gleichwie das Gottes Wort ist, 2. Mose 28,12: „Du sollst
deinen Vater und deine Mutter ehren.“ Und wiederum Eph. 6,2.3.4: „Ihr Väter,
zieht eure Kinder auf in Gottesfurcht“ usw. Aber weil es nicht von einerlei Amt
und Person geredet ist, was würde wohl für eine Unordnung daraus folgen, wenn
es mit dem Schein, dass es alles Gottes Wort wäre, ineinander geworfen sollte
werden? Da würde der Sohn wollen Vater, der Vater wollen Sohn sein; die Mutter
Tochter, die Tochter Mutter. Dies aber reimt sich übel, ist auch nicht zu
leiden. Darum soll der Vater tun, was ihm von Gott aufgelegt und befohlen ist;
desgleichen halte sich der Sohn an seinen Beruf; so ist es denn recht
unterschieden und ausgeteilt. So auch geführt es einer Hausmutter, Kinder zu
gebären, zu säugen und aufzuziehen; einem Ehemann für sein Haus und Mitarbeiter
zu sorgen und ihnen treu vorzustehen; nicht Kinder zu gebären, reinigen, wischen
und warten usw. Wenn nun eines dem andern in sein befohlenes Amt greifen wollte
oder ihrer eines beides sein, was würde hieraus für ein wildes, wüstes Wesen
werden? Darum muss man das Werk recht unterscheiden, auf dass ein jeder seinem
Beruf und Amt vorstehe, dabei bleibe und nicht weiter fahre, so wird es nicht
irren.
5. Was brachte Thomas Münzer
in den greulichen Jammer anders, als dass er in den
Büchern von den Königen hat gelesen, wie David die Gottlosen mit dem Schwert
totgeschlagen, wie Josua die Kanaaniter, Hethiter und andere gottlose Völker,
im Lande Kanaan wohnend, umgebracht hätte usw. Das Wort fand er und schloss
daraus: Wir müssen auch so tun, die Könige, Fürsten im Regiment unterdrücken,
denn hier haben wir dafür ein Beispiel. Was mangelte hier Münzer anderes, als
dass er das Wort nicht rechte unterschied und seine Rechnung so machte: David
hat wohl gekriegt. Bin ich aber auch David? Das Wort, das David hat heißen
kriegen, geht mich nicht an; ist ihm geboten zu kriegen, die Könige zu
erschlagen, so ist mir zu predigen geboten. Dabei sollte es Münzer haben
bleiben lassen und auf der Kanzel das Evangelium rein, nach dem Befehl Christi:
„Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“ usw., gelehrt
haben, so wäre er nicht in solche schreckliche Lehre und Aufruhr geraten. Denn
zu David, und nicht zu Münzer, ist gesagt: Du sollst die Frommen schützen, die
Bösen mit dem Schwert strafen und Frieden erhalten usw. Wenn aber David solches
anstehen ließe und maßte sich priesterlichen Amts an,
und ich wollte das Predigen fallen lassen und das Schwert führen, und so alles
durcheinander mengen: Was würde das für ein löblich Regiment und große Kunst
sein? Die auch Säue und Kühe wohl könnten!
6. Darum sage ich abermals,
dass es eine sehr hohe Kunst ist, das Gesetz und Evangelium recht voneinander
scheiden, weil es auch in den Geboten (die doch unter dem Einen Wort „Gesetz“
begriffen werden) vonnöten ist zu tun, und eines von dem andern abzuscheiden,
wo man nicht will, dass alles durcheinander, ja, über und über gehen soll, weil
es noch Fehl und Mangel hat, da alles recht und wohl unterschieden wird.
7. Darum ist es ein großer
Unverstand, ja Torheit, dass man vorgeben will: Es ist Gottes Wort, Gottes
Wort! Darum ist es recht usw. Ja, Gottes Wort ist nicht einerlei, sondern
unterschieden. Das Gesetz ist ein anderes Wort als das Evangelium; so sind die
Gesetze oder Gebote auch nicht einerlei. Denn dies Wort Gottes: Schütze die
Frommen, strafe die Bösen, geht mich nichts an, wie auch dies Wort: Du sollst
Kinder gebären, säugen, wischen, warten usw. die Frauen allein betrifft.
Wiederum: Du sollst predigen, die Sakramente reichen, nicht Frauen-, sondern
Mannspersonen, die dazu berufen sind, zugehört.
8. Von diesem Unterschied
wissen unsere Schwärmer gar nichts, weder active,
noch effective, noch speculative,
wie man ein Gesetz gegen das andere hält, dass eines gleich sowohl ein Gesetz
ist wie das andere. Ist es aber in Gesetzen vonnöten, dass man sie voneinander
scheide, und die Personen, darauf sie gerichtet sind, recht ansehe: Wieviel
mehr ist Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium zu machen! Darum,
welcher diese Kunst, das Gesetz vom Evangelium zu scheiden, wohl kann, den
setze obenan und heiße ihn einen Doktor der heiligen
Schrift. Denn ohne den Heiligen Geist ist es unmöglich, diesen Unterschied zu
treffen. Ich erfahre es an mir selbst, sehe es auch täglich an anderen, wie
schwer es ist, die Lehre des Gesetzes und Evangeliums voneinander zu sondern.
Der Heilige Geist muss hier Meister und Lehrer sein, oder es wird’s kein Mensch
auf Erden verstehen noch lehren können. Darum vermag kein Papist, kein falscher
Christ, kein Schwärmer diese zwei voneinander zu teilen, besonders in im Blick
auf die Materie und die Objekte.
‚Durchs Gesetz‘ soll anders
nicht verstanden werden als Gottes Wort und Gebot, darin er uns gebietet, was
wir tun und lassen sollen, und unsern Gehorsam oder Werk von uns fordert.
Solches ist leicht zu verstehen in der Formursache, aber in der Zweckursache
sehr schwer. Die Gesetze aber oder Gebote, so von Werken reden, die Gott von
einem jeden besonders, nach Natur, Stand, Amt, Zeit und anderen Umständen mehr
fordert, sind mancherlei. Daher sie auch einem jeden Menschen sagen, was ihm
Gott seiner Natur und Amt nach aufgelegt hat und von ihm fordert; wie, die Frau
soll die Kinder pflegen, den Hauswirt regieren lassen usw. Das ist ihr Gebot.
Ein Knecht soll seinem Herrn gehorsam sein, und was mehr zu eines Knechts Amt
gehört. Gleicherweise hat eine Magd auch ihren Befehl. Das allgemeine Gesetz
aber, das uns Menschen alle betrifft, ist dies, Matth. 22,39: „Du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst“, ihm in seiner Not, wie die vorfällt, raten
und helfen: Hungert ihn, so speise ihn; ist er nackt, so kleide ihn, und was
dergleichen mehr ist. Das heißt, das Gesetz recht abzirkeln und vom Evangelium
abmessen, nämlich, dass das Gesetz heiße und sei, welches auf unsere Werke
dringt.
Dagegen das Evangelium oder
der Glaube ist solche Lehre oder Wort Gottes, das nicht unsere Werke fordert,
noch uns gebietet, etwas zu tun, sondern heißt uns die angebotene Gnade von
Vergebung der Sünden und ewiger Seligkeit schlicht annehmen und uns schenken
lassen. Da tun wir ja nichts, sondern empfangen nur und lassen uns geben, was
uns durchs Wort geschenkt und dargeboten wird, dass Gott verheißt und dir sagen
lässt: Dies und das schenke ich dir usw.
Wie, in der Taufe, die ich nicht gemacht, noch mein Werk, sondern Gottes
Wort und Werk ist, spricht er zu mir: Halt her, ich taufe dich und wasche dich
von allen deinen Sünden; nimm sie an, sie soll dein sein. Wenn du dich nun so
taufen lässt, was tust du mehr, als dass du solches Gnadengeschenk empfängst
und annimmst? So ist nun der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium dieser:
Durch das Gesetz wird gefordert, was wir tun sollen, dringt auf unser Werk
gegenüber Gott und den Nächsten; im Evangelium aber werden wir zur Spende oder
zum reichen Almosen gefordert, da wir nehmen und empfangen sollen Gottes Huld
und ewige Seligkeit.
9. Dieser Unterschied ist
leicht hieraus zu merken: Das Evangelium bietet uns an Gottes Gabe und
Geschenk, Hilfe oder Heil, heißt uns nur, den Sack herhalten und uns lassen
geben; das Gesetz aber gibt nichts, sondern nimmt und fordert von uns. Nun sind
je die zwei, geben und nehmen, sehr weit voneinander geschieden. Denn wenn mit
etwas geschenkt wird, so tue ich nichts dazu, sondern nehme und empfange es und
lasse mir es geben. Wiederum, wenn ich in meinem Beruf ausrichte, was mir
befohlen ist, ebenso, rate und helfe meinem Nächsten, so empfange ich nichts,
sondern gebe einem andere, dem ich diene. Also werden das Gesetz und Evangelium
nach der Formursache unterschieden; dieses verheißt, das andere gebietet.
Evangelium gibt und heißt nehmen; Gesetz fordert und sagt: Das sollst du tun.
Gleich als wenn ein Fürst oder Lehensherr einem Edelmann sein Gut schenkt oder
leiht, da tut der Edelmann nichts, ist nicht sein Werk, sondern des Fürsten
Geschenk; wenn er aber seinem Herrn zu Dienst oder zu Hof reitet[5],
alsdann tut er etwas.
10. So sind diese zwei Lehren
weit voneinander zu scheiden, aber im Geist. Denn der Teufel hat das Herzeleid
anzurichten, lässt uns Formursache und Zielursache nicht bleiben; lässt es wohl
geschehen, dass man etwas tue oder wirke, führt aber von dem, davon uns geboten
ist, auf ein anderes, als ein Höheres und Besseres. Dergleichen tut er auch in
der Zielursache, weist immer vom rechten Ziel zum falschen, als dazu das Gesetz
gegeben soll sein. Das Gesetz heißt dies und das tun (wie: du sollst nicht
stehlen, nicht morden usw., und redet von solchem Tun, das aus dem Herzen und
Geist hergeht), das ist Formursache. Geschieht nun solches Werk nicht, so
werden entweder Heuchler daraus (die das Gesetz vom äußerlichen Tun verstehen,
und wenn sie solches Tun oder Werk haben, achten sie sich für unschuldig und
gerecht)[6],
oder die gar verzweifeln. Das Evangelium aber tröstet und sagt: Siehe da,
Christus ist dein Schatz, dein Geschenk, dein Heiland, Hilfe und Trost! Wenn
nun das Herz auf diese Wegscheide zwischen Gesetz und Evangelium kommt, und
hier Gnade, dort Schuld, hier Verheißung, dort Gebot, hier geben, dort fordern
sieht: Da will es nicht hinan, sondern prallt zurück, kann weder das Gesetz
überwinden, noch die Gnade ergreifen. Ursache, es kann diese zwei Worte, Gesetz
und Evangelium, nicht voneinander scheiden.
11. Wo nun das Gewissen recht
getroffen wird, dass es die Sünde recht fühlt, in Todesnöten steckt, mit Krieg,
Pestilenz, Armut, Schande und dergleichen Unglück beladen wird, und alsdann das
Gesetz spricht: Du bist des Todes und verdammt, dies und das fordere ich von
dir, das hast du nicht getan noch vermocht zu tun. Wo das Gesetz (sage ich) so
herein schlägt und schreckt den Menschen mit Todes- und Höllenangst und
Verzweiflung, da ist es denn hohe Zeit, Gesetz und Evangelium voneinander zu
scheiden zu wissen und ein jedes an seinen Ort zu weisen. Hier scheide, wer
scheiden kann, denn hier ist Scheidens Zeit und Not.
1.2 Hierher gehört, was St.
Paulus sagt: „Ehe denn der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und
verschlossen“ usw., dass ein Christ wisse Unterschied zu machen zwischen dem
Gesetz und Evangelium, Werk und Glauben, besonders in den Ziel- und
Stoffursachen, und dem Gesetz so begegne: Du forderst wohl viel und steckst in
schwere Verdammnis die, so nicht geben können; aber weißt du auch, wie weit
dein Regiment gehen soll? Hast du vergessen, dass es eine bestimmte Zeit hat,
wie St. Paulus sagt: Wenn der Glaube kommt, soll es aufhören, nicht weiter
fordern, schrecken noch verdammen?
13. Wer das nicht weiß, noch
Achtung drauf haben will, der verliert das Evangelium und kommt nimmer zum
Glauben. Wie denn jetzt der Teufel durch die Schwärmer ineinander mengt Gesetz
und Verheißung, Glauben und Werke, und zermartert die armen Gewissen, lässt sie
weder Gesetz noch Evangelium recht unterschiedlich ansehen, treibt und jagt sie
in das Gesetz, spannt ein Netz vor, das heißt: Das soll ich tun und lassen.
Unterscheide ich hier nicht wohl Mose und Christus, so bin ich und bleibe ich
gefangen, kann nicht frei und los werden, sondern muss verzweifeln.
14. Wenn ich aber das Gesetz
und Evangelium recht wusste zu teilen, so hätte es nicht Not, so könnte ich
sagen: Hat denn Gott nur einerlei, nämlich das Gesetz, gegeben? Hat er nicht
auch das Evangelium von der Gnade und Vergebung der Sünden predigen heißen? Ja,
spricht das Gewissen, wo nicht Glaube ist an die Verheißung, da dringt das
Gesetz bald darauf: Dies und das ist dir geboten, das hast du nicht getan,
darum musst du herhalten. In solchem Kampf und Todesangst ist es hohe Zeit und
Not, dass sich der Glaube ermanne und mit ganzer Macht hervorbreche und dem
Gesetz unter die Augen trete und ihm getrost zuspreche: Ei, liebes Gesetz, bist
du allein Gottes Wort? Ist das Evangelium nicht auch Gottes Wort? Hat denn die
Verheißung ein Ende? Hat Gottes Barmherzigkeit aufgehört? Oder sind die zwei,
Gesetz und Evangelium, oder Verdienst und Gnade, nunmehr ineinander gemengt und
gekocht, ein Ding geworden? Wir wollen den Gott nicht haben, der nicht mehr
kann als Gesetz geben, das wisse gar eben; so wollen wir auch das Gesetz mit
dem Evangelium unvermengt haben. Darum lasse uns
diesen Unterschied ungewehrt und ungehindert frei
gehen: dass du auf Pflicht und Recht dringst, das Evangelium auf eitel Glaube
und Geschenk uns weise.
15. Darum, wenn mich das
Gesetz beschuldigt: Ich habe dies und das nicht getan, ich sei ungerecht und
ein Sünder, in Gottes Schuldregister geschrieben, muss ich bekenne, es sei
alles wahr. Aber die Folgerede: Darum bist du verdammt, muss ich nicht
einräumen, sondern mich mit starken Glauben wehren und sagen: Nach dem Gesetz,
welches mir meine Schuld zurechnet, bin ich wohl ein armer, verdammter Sünder,
aber ich appelliere an vom Gesetz zum Evangelium, denn Gott hat über das Gesetz
noch ein anderes Wort gegeben, das heißt das Evangelium, welches uns seine
Gnade, Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Leben schenkt, dazu frei
und los spricht von deinem Schrecken und Verdammnis, und tröstet mich, alle
Schuld sei bezahlt durch den Sohn Gottes, Jesus Christus selbst. Darum ist es
hoch vonnöten, dass man beide Worte recht wisse zu lenken und zu handeln, und
fleißig zusehe, dass sie nicht ineinander vermengt werden.
16. Denn Gott diese zweierlei
Wort, Gesetz und Evangelium, eines sowohl als das andere gegeben hat, und ein
jegliches mit seinem Befehl: Das Gesetz, das vollkommene Gerechtigkeit von
jedermann fordere; das Evangelium, das die vom Gesetz erforderte Gerechtigkeit
denen, so die nicht haben (das ist, allen Menschen), aus Gnaden schenke. Wer
nun dem Gesetz nicht genug getan, in Sünde und Tod gefangen liegt, der wende
sich vom Gesetz zum Evangelium, glaube der Predigt von Christus, dass er
wahrhaftig sei das Lämmlein Gottes, das der Welt
Sünde trägt, seinen himmlischen Vater versöhnt, ewige Gerechtigkeit, Leben und
Seligkeit allen, die es glauben, lauter umsonst und aus Gnaden schenkt. Zu
dieser Predigt allein halte er sich, rufe Christus an, bitte um Gnade und Vergebung
der Sünden, glaube fest (denn allein mit dem Glauben wird dies große Geschenk
gefasst), so hat er, wie er glaubt.
17. Das ist nun der rechte
Unterschied; und liegt allerdings die ganze Macht daran, dass man ihn recht
treffe. Predigen lässt es sich wohl oder mit Worten scheiden, zum Gebrauch aber
und in die Praxis zu bringen ist hohe Kunst und schwer zu treffen. Die Papisten
und Schwärmer wissen es gar nicht; so sehe ich es auch an mir und anderen, die
aufs beste davon wissen zu reden, wie schwer dieser
Unterschied sei. Die Kunst ist allgemein: Bald ist es geredet, wie das Gesetz
ein anderes Wort und Lehre sei als das Evangelium; aber in der Praxis zu
unterscheiden und die Kunst ins Werk zu setzen, ist Mühe und Arbeit. St.
Hieronymus hat auch viel davon geschrieben, aber wie ein Blinder von der Farbe.
Das Gesetz nennen sie, dass man sich muss beschneiden, opfern, dies und das
nicht essen usw. Darnach sie aus dem Evangelium ein neues Gesetz, welches da
lehrt, wie man beten und fasten soll, wie du ein Mönch oder Nonne werden sollst
oder ein die Kirche gehen usw. Und das heißen sie unterscheiden. Ja, es heißt
vielmehr ineinander geworfen. Denn sie wissen selbst nicht, was sie waschen.
Darum höre St. Paulus, der lehrt dich, dass du höher kommen musst als wie man
sich beschneiden oder nicht beschneiden soll usw. (denn das ist noch alles,
unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen sein), nämlich zu dem Glauben an
Christus, dadurch wir Kinder Gottes und ewig selig werden; oder bleiben unter
dem Gefängnis und Zorn Gottes.
18. Wahr ist es, das Gesetz
oder die zehn Gebote sind nicht so aufgehoben, dass wir nun aller Dinge frei
davon würden und sie nicht haben müssten. (Denn Christus hat uns vom Fluch,
nicht vom Gehorsam des Gesetzes befreit.) Nein, das will er nicht, sondern,
dass wir sie mit ganzem Ernst und Fleiß halten sollen; aber, wo wir es getan
haben, nicht darauf trauen, noch, wo es nicht getan, verzweifeln sollen. Darum
siehe zu, dass du beide Worte recht unterscheidest, dem Gesetz nicht mehr gibst
als ihm gebührt, sonst verlierst du das Evangelium. Auch sollst du das
Evangelium nicht so ansehen und davon Gedanken machen, dass das Gesetz
untergehe, sondern lasse ein jegliches in seinem Kreis und Zirkel bleiben.
Gleichwie man nicht predigen darf, dass keine Obrigkeit oder ein Predigtstuhl
mehr sein solle, sondern soll beiderlei Personen und Amt unterscheiden, dass
eine jegliche bei ihrem Amt bleibe und das versorge: Die Obrigkeit nach ihrem
Landrecht. So fern sich das erstreckt: der Prediger
nach seinem Lehramt. In des Bürgermeisters Amt schlage ich mich nicht, sondern
scheide mich von ihm wie Winter und Sommer. Denn mein Amt ist predigen, taufen,
die Seelen zum Himmel bringen und arme, betrübte Herzen trösten usw. Der
Obrigkeit aber gebührt, Frieden zu erhalten, auf dass die liebe Jugend in
Gottes Furcht und Zucht auferzogen werde; dagegen
kann sie nicht, weder Fürst noch Bürgermeister, predigen, studieren oder die
Leute mit Gottes Wort trösten.
19. Also gilt es recht
unterscheiden. Nicht wie der Papst tut, der weder Hund noch Rüde, weder Fürst
noch Bischof ist, und will’s doch beides unter sich haben, trägt Kappen und
Platten[7]
zu seinem eigenen Schanddeckel; desgleichen tun seine Bischöfe, die auch weder
Bischöfe noch Fürsten sind. So sollst du ihm aber tun: Wenn du dich im Treffen
findest, dass dich das Gesetz verdammen will, so wisse, dass nicht allein das
Gesetz von Gott gegeben ist, sondern auch, was ein viel höheres Wort ist, das
liebe Evangelium von Christus. Wenn sie nun beide, Gesetz und Evangelium, auf
einander stoßen, und das Gesetz befindet mich als einen Sünder, beschuldigt und
verdammt mich; das Evangelium aller spricht, Matth. 9,2: „Sei getrost, dir sind
deine Sünden vergeben“, du sollst selig sein; beides ist’s Gottes Wort; welchem
aber soll ich hier folgen? Das lehrt dich St. Paulus: „Wenn der Glaube kommt
(spricht er), so sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister“, so hört das
Gesetz auf. Denn es soll und muss, als das geringere Wort, dem Evangelium Statt
und Raum geben. Beide sind sie Gottes Wort, das Gesetz und Evangelium; aber sie
sind nicht beide gleich. Eines ist niedriger, das andere höher; eines schwächer,
das andere stärker; eines geringer, das andere größer- Wenn sie nun miteinander
ringen, so folge ich dem Evangelium und sage: Ade, Gesetz! Es ist besser, das
Gesetz nicht wissen, als das Evangelium verlassen.
20. Denn gleichwie es im
Gesetz ist, wenn Gott gebietet 2. Mose 20,7: „Du sollst meinen Namen nicht
missbrauchen“ usw., und dein Fürst oder deine Eltern gebieten dir: Du sollst
Gott oder sein Evangelium verleugnen. Allhier spricht Gott: Ehre meinen Namen;
und das Gesetz: Du sollst Gott mehr lieben als deinen Nächsten. Hier soll ich
das geringere Gebot (den Gehorsam gegen Menschen) fahren und untergehen lassen,
und das höchste Gebot der ersten Tafel (welches soll der andern aller Meister
sein) halten und dem allein gehorsam sein. Vielleicht muss nun solches da
gehalten werden, da das Gesetz mich dringen will, dass ich Christus, sein
Geschenk und Evangelium verlassen soll; da lasse ich vielmehr das Gesetz fahren
und spreche: Liebes Gesetz, habe ich die Werke nicht getan, so tue du sie, ich
will mich um deinetwillen nicht zu Tode martern, gefangen nehmen oder unter dir
halten lassen und so das Evangelium vergessen. Habe ich gesündigt, Unrecht
getan oder nicht getan, da lasse ich dich, Gesetz, für sorgen. Trolle du dich
und lass mir mein Herz zufrieden, ich will dich darin nicht wissen. Wenn du
aber das forderst und haben willst, dass ich hier auf Erden soll fromm sein,
das will ich gern tun; aber wo du mir da hinein willst klettern und brechen,
dass ich das verlieren soll, das mir geschenkt ist, da will ich dich viel
lieber gar nicht wissen als das Geschenk fahren lassen.
21. Diesen Unterschied will
uns Paulus lehren, da er spricht: Das Gesetz hat dazu gedient, dass es uns hat
gefangen genommen usw. Denn man muss es auch haben, die Kinder und rohe Leute
damit zu fangen und zu zwingen, als da ist: Du sollst deinen Vater und Mutter
ehren; du sollst nicht ehebrechen, nicht stehen, nicht töten usw. Denn der alte
Mensch muss gebunden und unter dem Gesetz gefangen sein, damit es uns
innenhält, treibt und fordert von uns, auf dass wir nicht mutwillig leben. Aber
solcher Zwang und Gefängnis soll nicht länger wären, bis das Evangelium
offenbar und erkannt wird, wie wir an Christus glauben sollen. Alsdann spreche
ich: Gesetz, hebe dich, ich will nicht länger von dir in meinem Herzen gefangen
sein, dass ich vertrauen sollte, dass ich dies und das getan habe, oder
verzweifeln, dass ich es nicht getan habe. Der Glaube gibt mir hier eine
himmlische Predigt, welche ist das Evangelium, damit das Gesetz den betrübten
und zerschlagenen Herzen nicht mehr anhaben könne noch solle; es hat genug
gemartert und geschlagen. Darum sollst du nun dem Evangelium, welches uns
Gottes Gnade und Barmherzigkeit anbietet und schenkt, Raum geben.
22. Solches will St. Paulus in
die Christenheit wohl einbilden, und ist zwar den Worten und ihrer Art nach,
auch an Früchten (was ein jedes von diesen beiden wirke oder ausrichte) bald zu
unterscheiden. Denn es ist zweierlei, nehmen und geben, schrecken und fröhlich
machen. Das Gesetz fordert von uns und schreckt; das Evangelium aber gibt uns
und tröstet. Aber solches darnach im Gebrauch zu scheiden oder ins Werk zu
bringen, wenn diese beiden Worte, Gesetz und Evangelium, im Gewissen
aufeinander stoßen, dass du alsdann sie recht scheiden und sagen könntest: Ich
will die zwei Worte unvermengt, sondern ein jedes an
seinen Ort gewiesen haben, in seiner Materie, das Gesetz für den alten Adam,
das Evangelium für mein blödes, erschrockenes Gewissen (denn ich bedarf jetzt
keines Treibers zu guten Werken, viel weniger kann ich seine Anklage leiden,
nachdem ich von eigenem Gewissen allzu hart, nicht allein verklagt, sondern
überwiesen bin, sondern bedarf Trostes und Hilfe aus dem Evangelium von Jesus
Christus)[8];
dies nun zu tun, ist sehr schwer, besonders wenn das Gesetz das Gewissen
einnehmen will. Da siehe denn zu, dass du die Verheißung ergreifst, und das
Gesetz nicht lässt die Oberhand gewinnen noch regieren in deinem Gewissen und
du dadurch ins Gericht kommst, denn da wäre das Evangelium verleugnet. Sondern
du musst dich herum werfen und das Gnadenwort oder Evangelium von der Vergebung
der Sünden ergreifen, dass Gott auch habe geboten, den Armen das Evangelium zu
predigen, darin er mit dir nicht nach dem Rechten spielen, sondern nach seiner
Gnade als ein gütiger Vater gegen seinem bedürftigen Kind handeln will, dass er
alles, was du nicht getan hast, dir aus Gnaden vergeben, und was nicht tun
kannst, alles dir schenken will.
23. So soll das Gesetz allein
auf die äußerliche Zucht dringen und das Kämmerlein, darin das Evangelium
wohnen soll, zufriedenlassen; wie er spricht: „Ehe denn der Glaube kam, waren
wir unter dem Gesetz beschlossen.“ Darum soll noch zu dem Gesetz, und über das
Gesetz, ein anderes Wort kommen, nämlich das Evangelium, welches uns in eine
fremde Frömmigkeit setzt, die außerhalb von uns allein in Christus ist. Deshalb
ist es unmöglich, dass wir durch das Gesetz sollten gerecht werden; denn es ist
vormals wohl mehr versucht worden, was es ausrichte. Darum ist auch unleugbar,
dass kein Mensch durch des Gesetzes Werke fromm und gerecht werde. Denn so es
möglich wäre, so wäre es vorlängst geschehen. Darum gehört hierzu ein anderes
und höheres Wort, welches ist das Evangelium und der Glaube an Christus, wie
gehört ist. Gott gebe uns Gnade und stärk unsern Glauben. Amen!
Predigt
Luthers zum Fest der heiligen Dreieinigkeit
Johannes 3,1-15(-16): Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen
Nikodemus, ein Oberster unter den Juden. Der kam zu Jesus bei der Nacht und
sprach zu ihm: Meister, wir wissen, dass du bist ein Lehrer, von Gott gekommen;
denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus
antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand
nicht von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus
spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er
auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete:
Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren werde aus dem
Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch
geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.
Lass dich’s nicht wundern, dass ich dir gesagt habe:
Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst
sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wo er kommt und wohin er fährt. So
ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und
sprach zu ihm: Wie mag solches zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm:
Bist du ein Meister in Israel und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage
dir, wir reden, was wir wissen, und zeugen, was wir gesehen haben, und ihr
nehmt unser Zeugnis nicht an. Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen
Dingen sage, wie würdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sagen
würde? Und niemand fährt zum Himmel, als der vom Himmel herniedergekommen ist,
nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist. Und wie Mose in der Wüste eine
Schlange erhöht hat, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle,
die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Dieses ist
ein sehr schönes Evangelium, in welchen wir sehen, was der richtige Weg, der
gewisse Weg zum ewigen Leben ist. Es scheint aber, dass man dieses
Evangelium auf diesen heiligen Tag der Dreieinigkeit legt, das so fein
der Unterschied der Personen angezeigt ist, in dem höchsten und größten Werk,
das Gott mit uns armen Menschen handelt, dass er uns von Sünden frei, die
recht und selig macht. Denn hier steht vom Vater, dass er die Welt geliebt
und ihr seinen eingeborenen Sohn geschenkt hat. Das sind die zwei
unterschiedlichen Personen, Vater und Sohn, eine jegliche mit ihrem besonderen
Werk. Der Vater liebt die Welt und schenkt ihr den Sohn; der Sohn lässt sich
der Welt schenken, und, wie Christus hier sagt, lässt er sich wie die Schlange
in der Wüste am Kreuz erhöhen, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht
verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Zu solchem Werk kommt danach
die dritte Person, der Heilige Geist, welcher durch das Wasser der seligen
Taufe den Glauben im Herzen anzündet, uns also eine Wiedergeburt zum Reiche
Gottes schenkt.
Dieses ist
eine sehr tröstliche Predigt, die uns ein fröhliches Herz gegen Gott machen soll;
darin wir sehen, dass alle drei Personen, die ganze Gottheit, sich dahin wendet
und damit umgeht, dass den armen, elenden Menschen wider die Sünde, den Tod und
Teufel zur Gerechtigkeit, ewigem Leben und dem Reich Gottes geholfen werde. Wie
können wir denn vor Gott unserer Sünden wegen uns fürchten? Wie können wir ein
böses Herz zudem haben? Wenn er uns unserer Sünde willen verdammen wollte, wie
wir immer wieder uns sorgen, besonders wenn das Stündlein kommt: So würde der
Vater seinen eingeborenen Sohn nicht gegeben haben, Vater und Sohn würden uns
nicht zum Bad der Wiedergeburt und unter des Heiligen Geistes Flügel gefördert
haben. Also ist dieser Artikel von der Dreieinigkeit auf das schönste und
freundlichste hier angezeigt. Aber davon ist in der nächsten Predigt noch genug
gehandelt, wollen deswegen jetzt das Evangelium von Stück zu Stück vor uns
nehmen, in welchem wir hören, wie der Herr mit Nikodemus, dem Schriftgelehrten,
eine lange Diskussion hat, in welcher der alte gute Mann sich ganz und gar
nicht zurecht finden dann. Wir müssen zuerst erkennen, was den Nikodemus
gehindert hat, dass er gar nicht weiß, was der Herr redet und haben will.
Eine gute
Sache ist es, dass Nikodemus dem Herrn nachgeht, und weil er es öffentlich
nicht darf, geschieht dieses zur Nacht. So sehen wir an seinen Worten auch,
dass er es mit dem Herrn Jesus Christus nicht übel meint, sondern sehr viel von
ihm hält, ihn hält für einen besonderen Prediger, welchen Gott in die Welt
gesandt und seine Lehre mit herrlichen Wunderwerken bestätigt hat.
Solche Worte redet er nicht aus einem falschen Herzen, wie die Pharisäer,
Matthäus 22,16: „Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist, und lehrst den
Weg Gottes recht.“ Nein, wie Nikodemus redet, so meint er es auch in seinem
Herzen, dass unser lieber Herr Jesus Christus muss ein besonderer und teurer
Lehrer sein, weil Gott mit so trefflichen Wunderzeichen seine Lehre bestätigt.
Dieser
Gedanke gefällt unseren Heiland wohl. Darum, weil Nikodemus ihn sehr als
den höchsten Lehrer rühmt, so will er ihm jetzt dafür die höchste Predigt
halten, von dem höchsten und größten Werk, wovon man predigen kann, nämlich,
wie man das Reich Gottes sehen könne, das ist, wie man könne von Sünden los
werden, zu Gottes Reich kommen und das ewige Leben erlangen. Denn dieses ist
die Predigt, welche allein der Sohn Gottes vom Himmel zu uns auf Erden gebracht
hat, wie Johannes sagte: „Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist,
der hat es verkündigt.“
Das ist wahr,
dass alle Welt je und je sich damit bekümmert, und sich besondere Weisen und
Wege gemacht und ausgedacht hat, selig zu werden. Denn Nikodemus selbst
kommt mit den Gedanken, er wisse, Gott Lob! auch ohne Christus, wie er solle
und könne selig werden. Meint, weil er ein Jude ist und das Gesetz hat, habe er
den Vorteil, der könne wissen, was er tun soll, wenn er Gott zu Gefallen leben
und den besten Gehorsam erzeigen will. An diesem meint er, hat der
genug, denkt nicht, dass es eine ganz andere Meinung hat, wie er jetzt von
Christus hören wird. Wie wir auch an den Katholiken sehen. Wenn ein Mönch es
soweit bringt, dass er seinem Orden oder Kloster genug bringt, so denkt er, er
säße schon bei Gott im Schoß, wie der Pharisäer in Lukas, 18. Kapitel, der sein
Fasten, Zehnten geben und andere gute Werke rühmt. In der Summe, die
Menschenherzen sind so gestaltet. Wenn sie sich fürchten und entsetzen, wenn
sie ihre Sünde fühlen, so trauen und hoffen sie, sie seien mit Gott wohl dran,
wenn sie äußerlich fromm sind, und keine bösen Taten haben, wodurch ihr
Gewissen erschreckt und zaghaft wird. Darum nimmt sich einer dies, jener ein
anderes vor, jeder wie es ihn am besten gefällt, womit er meint, vor Gott
bestehen zu können. Der Jude hat seinen Mose, ein Mönch sein Kloster. Wir
sind alle in dem Wahn, wenn wir die Zehn Gebote halten, so hätten wir keine Not
vor Gott. So denkt Nikodemus auch. Aber weil er Christus für einen hohen,
besonderen Prediger hält, will Christus sich also gegen ihn beweisen und gibt ihm
diesen Unterricht: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht von
neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Nun, hier
steht der Handel mit klaren, runden Worten, und Christus lässt sich hier hören
als ein besonderer Lehrer; denn so etwas hat Nikodemus zuvor nicht gehört,
darum versteht er es auch nicht. Dieses aber versteht er wohl, dass er noch
nicht wiedergeborenen ist. Wie er aber zur Wiedergeburt kommen soll, davon weiß
er nichts.
Da denke nun
du auch drüber nach, was doch unser Heiland mit diesem Spruch will. Denn so man
das Reich Gottes nicht sehen kann, man sei erst wiedergeboren: daraus folgt ja,
dass so, wie wir geboren sind mit Vernunft, freiem Willen, mit dem
Gesetz und allen guten Übungen, welche beides die Vernunft und der Wille kann
erfüllen, müssen wir verdammt sein; dieses alles hilft nicht zum
Reich Gottes. Was ist aber das für ein jämmerlicher Handel, dass man die
Leute von dieser Wiedergeburt nichts lehrt, sondern verweist sie bloß,
wie der Papst tut, auf eigene Werke, dass sie dadurch selig werden sollen? Wie
reimt sich diese Lehre mit Christus hier? Sie sprechen: Gute Werke machen
selig. Christus spricht: Bist du nicht wieder geboren, so wirst du nicht selig.
Nun ist es
aber wahr und kann man nicht leugnen, dass ein Mensch selbst und aus eigenen
Kräften, wie man an den Heiden sieht, kann sich zur Zucht, Ehrbarkeit
und Tugend gewöhnen. Wie man sieht, dass nicht alle Menschen Mörder,
Ehebrecher, Hurer, Diebe, Weinsäufer, Müßiggänger sind, sondern viel fromme,
ehrbare Leute vor der Welt sind. Solches sind alles herrliche, schöne Tugenden
und Werke, dazu man auch jedermann anhalten soll; denn Gott fordert dieses in
den zehn Geboten. Aber das ist beschlossen, es können so viel gute Tugenden und
gute Werke sein, wie sie wollen: Ist die Wiedergeburt nicht da, so gehört
alles an Tugenden und Werken zum Teufel und in die Hölle. In den Himmel und in
das Reich Gottes geht es dadurch nicht. Dieses sagt Christus selbst und es
soll niemand daran zweifeln.
Die Vernunft
aber ist gefangen, die Vernunft redet: Stehlen, Morden, Ehebrechen missfällt
Gott und er straft es, da muss man ja denken, dass, wenn man diese Sünden
meidet, es Gott wohl gefällt und er es belohnt; sonst, spricht die Vernunft,
müsste Gott ungerecht sein. Nun ist es wahr, es gefällt Gott wohl, solche und
andere Sünde zu meiden und Gutes zu tun; dieses will er auch nicht unbelohnt
lassen. Aber das Himmelreich sehen, da gehört etwas anderes und Größeres zu,
nämlich, dass man, wie hier steht, anders geboren werde. Darum ist Gott dem
Pharisäer in Lukas 18 nicht darum Feind, dass er kein Räuber, kein Ehebrecher
noch Ungerechter ist, wie andere Leute, dass der fastet und den Zehnten gibt.
Solches lässt sich Gott wohl gefallen, wenn nicht die schändliche Untugend
daran hinge, dass er meinte, er würde dadurch in den Himmel kommen, meint auch,
er wäre viel besser als andere Sünder.
Darum ist es
hier beschlossen: Die Vernunft ist ein edel, köstliches Ding, der Willen
zum Guten ist auch sehr edel und ein köstliches Ding, das Gesetz und die Zehn
Gebote, ein feiner, ehrbarer Wandel sind alles herrliche, große Gaben, wofür
man Gott danken soll: Aber wenn man vom Reich Gottes sagt, wie man dazu kommen
soll, da helfen weder Vernunft, Wille, Gesetz, oder andere gute Werke zu;
allein das macht es, dass man von neuem geboren wird; anders kann man das Reich
Gottes nicht sehen, sondern man muss mit Vernunft, freiem Willen, Gesetz und
zehn Geboten verdammt sein und bleiben.
Ja, sprichst
du, so will ich besser gar nichts Gutes tun? Nein, das taugt auch nicht, und
wird dir mit dieser Weise das Gericht Gottes nur noch schwerer werden. Darum
tue beides, übe dich, die Zehn Gebote zu halten, und bekenne doch mit
rechtem Ernst daneben, dass du ein armer Sünder bist, der wegen seines Tuns
wegen ewig müsste verdammt sein. Danach höre unserem Heiland
Christus weiter zu, wie er wiederum tröstet, nachdem er, unserer ersten Geburt
wegen, uns die Seligkeit so einfach abgesagt hat.
Nikodemus
fühlt das harte Urteil sehr wohl. Er denkt sich, was doch die Wiedergeburt sei,
und merkt, dass er in leiblicher Weise nicht noch einmal wieder geboren werden
kann von Vater und Mutter, fragt deshalb, wie so etwas zu gehen soll? Denn
daraus kann ja nichts werden, spricht er, dass ich noch einmal in meiner Mutter
Leib kriechen und auf ein Neues sollte geboren werden. Mit solcher Frage bringt
er unseren Heiland dahin, dass er lehrt, wie die Wiedergeburt zugehen muss, und
spricht:
„Wahrlich, wahrlich, die sage dir, wenn jemand nicht
geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes
kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren
wird, das ist Geist.“
Hier spricht
unser Heiland ein Urteil gegen die erste Geburt, dass diese fleischlich und
voller Sünden ist, und zum Reich Gottes nicht gehört. Als wollte er sagen: Du
fragst, ob du von deiner Mutter anders geboren werden müsstest. Wenn du
tausendmal anders von deiner Mutter geboren würdest, so wärest du und bliebest
der alte Nikodemus. Vom Fleisch kann nichts als Fleisch geboren werden. Darum
gehören zu dieser Wiedergeburt nicht Vater und Mutter, weil beide Fleisch und
voll Sünden sind; sondern es gehören dazu Wasser und Geist. Wer so wieder
geboren ist, der ist ein neuer Mensch und wird in das Reich Gottes kommen.
Dieses wird
ohne Zweifel dem Nikodemus ein sehr lächerlicher Handel gewesen sein, er wird
gedacht haben: Nun, sollen es meine Vernunft und Wille, und auch das Gesetz und
Mose nicht können, und das Wasser vermag es: Was ist dies für eine Meinung?
Hier wird der gute Mann so irre, dass er nicht weiß, was er sagen soll, wohl
muss frei bekennen, dass er kein Wort versteht, obwohl er Mose und die Zehn
Gebote sehr gut versteht, deswegen meint er auch, er sei ein großer Lehrer.
Lasst uns nun
die Worte fleißig merken und den Handel gut zusammenfassen. Beschlossen ist es,
gute Werke sollen wir tun, und uns im Gehorsam des Gesetzes üben; aber dadurch
sehen wir das Reich Gottes nicht. Wollen wir es aber sehen, so müssen nicht
unsere Werke, sondern es muss ein anderer und neuer Mensch werden.
Dieses geschieht nicht durch die leibliche Geburt, sondern durch Wasser und
Geist; dieses sind die rechten Vater und Mutter zu dieser neuen Frucht
Das Wasser
nun ist anderes nichts als die heilige Taufe. Denn so spricht Christus, Markus im 16. Kapitel, Vers 16: „Wer glaubt
und getauft wird, der wird selig.“ Nun aber hat das Wasser solche reine Kraft
nicht von Natur aus. Denn Wasser ist Wasser, das ist, ein Element und Kreatur,
die für sich selbst das Herz nicht rühren rund nicht ändern, oder die Sünden
abwaschen kann. Kleider und was Unflat an der Haut ist, kann man mit Wasser
reinigen und säubern, aber die Seele lässt sich durch Wasser nicht rühren noch
reinigen. Das Wasser aber, wovon der Herr hier spricht und wir dazu Taufwasser
sagen, ist nicht ein bloßes, natürlich es Wasser; sondern es ist ein Wasser,
da Gottes Worte, Befehl und Verheißung drin sind. Da kommen zwei Dinge
zusammen, Wasser und Wort, und werden so ineinander gefügt, dass man keines vom
anderen abschneiden kann. Tust du das Wort vom Wasser, so hast du keine Taufe;
tust du das Wasser vom Wort, so hast du auch keine Taufe. Wenn aber Wasser und
Worte zusammen bleiben, da ist dann ein solches Wasser, in welchem der Heilige
Geist ist, und durch dasselbe wirst du zum Reich Gottes wieder geboren, das
ist, dir deine Sünde vergeben und er dich selig machen will.
Darum sollen
wir diesen Spruch fleißig merken, hauptsächlich gegen das blinde Volk der
Wiedertäufer, welche die Kindertaufe für untüchtig und unfruchtbar achten. Aber
wie kann diese Taufe untüchtig sein, so du hier hörst, dass durch
Christus das Wasser dazu auch wird, dass es zur Wiedergeburt durch die
Mitwirkung des Heiligen Geistes helfen soll? So nun die Kinder bedürfen, dass
sie wieder geboren werden, und sonst das Reich Gottes nicht sehen können: Warum
wollte man doch ihnen die Taufe verweigern? Oder es dafürhalten, als sollte
solches Wasser, so in Gottes Worte gefasst und mit Gottes Wort verbunden ist,
ihnen zur Wiedergeburt nicht hilfreich sein? Ist es nicht wahr, dass die Worte
Christi uns dahin dringen, wer wieder geboren werden will, der muss durch das
Wasser wieder geboren werden? Also, obwohl das Wasser ohne den Heiligen Geist
nichts schafft, so will dennoch der Heilige Geist seine Wirkung ohne dass
Wasser in uns nicht haben.
Deswegen ist
es ein schrecklicher großer Irrtum, dass an etlichen Orten etliche Prediger die
Kinder ohne Wasser getauft haben. Denn soll die Taufe richtig sein und der
Mensch zur Wiedergeburt kommen, so muss nicht allein Wort, nicht allein Geist,
sondern auch Wasser dabei sein. Denn so hat es Christus hier geordnet, und mit
dieser Ordnung soll niemand brechen.
Das
Wassertaufen sieht man mit den Augen, aber die Wirkung der Wiedergeburt, welche
der Heilige Geist durch solches Taufen dem Herzen anrichtet, sieht man nicht.
Auf dass man aber um solcher heimlichen, unsichtbaren Wirkung willen des
Heiligen Geistes das äußerliche, schlichte, unansehnliche Wassertaufen nicht
verachte, darum spricht der Herr zu Nikodemus weiter: „Lass dich’s
nicht wundern, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden.
Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht,
von wo er kommt, und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist
geboren ist.“
Dieses sind
sehr einfältige Worte, wie auch das Werk einfältig und schlicht ist. Denn es
hat kein besonderes Ansehen bei unserer Vernunft. Dass man ein Kind, oder einen
alten Menschen, herbringt und bekennt, es liege wegen der Sünden unter des
Teufels Banden, und kann sich selbst davon nicht freimachen, und soll doch in
solcher hohen, großen Not mehr nicht tun, als das man im Namen des Vaters, des
Sohnes und des Heiligen Geistes ein wenig ins Wasser tauche oder mit Wasser
begieße. Aber, spricht Christus, verachte ja niemand um solches schlichten
Aussehens willen dieses Werk. Denn der Heilige Geist führt sein Werk heimlich; da
gehört der Glaube zu, der die Worte fasst, und nicht daran zweifelt, es sei
also, wie die Worte hier lauten. Denn mit den Augen wirst du es nie sehen,
verstehen noch fassen können. Eben wie es mit dem Wind auch ist: Den Wind hörst
du sausen; aber das durch ihn so solltest fassen, dass du sagen könntest: hier
fängt er an, da hörte auf, das ist nicht möglich. Also geht es hier auch zu.
Das äußerliche Werk mit dem Wasser sieht man, und hört das Worte klingen oder
sausen, dass es geschehe in Namen Jesu, zur Abwaschung der Sünden. Wer an
das Wort sich nicht halten, und den Geist und seine Wirkung anders fassen oder
suchen will, der wird fehlen. Denn soll er aus dem Geist geboren werden,
so gehört mehr nicht dazu, als das wer sich taufen lässt mit Wasser, und auf
das Sausen (das ist, auf das Wort) merke auf dasselbe und mit Glauben annehme;
so wird er zu dem Reich Gottes wieder geboren, und durch nichts anderes.
Wo sind nun
die lästerlichen Rotten und Schwärmer, die mehr nicht können, als vom Geist
schreien und rühmen? Aber der ist der böse Geist, der Teufel selbst, der sie
leibhaftig besessen hat, weil sie Taufe, Sakrament, Wort, die uns Christus
selbst teuer erworben hat, als unnötige, unnütze Dinge zur Seligkeit, verworfen
haben. Gott strafe den Lästergeist. (Rotten und Schwärmer sind die
Wiedertäufer) So lehrt aber Christus hier nicht, sondern weist uns auf die heilige
Taufe und Sausen, das ist, auf das Wort; und warnt, wenn wir uns am Wasser und
Sausen nicht genügen lassen können, so werden wir nichts vom Heiligen Geist
behalten und nie zu einer neuen Geburt kommen. Deswegen lasst uns unsere Taufe
und das Wort als unseren höchsten Schatz befohlen sein, da wir gewiss wissen,
wenn wir dabei bleiben, dass wir zum Reich Gottes wieder geboren sind.
Das ist nun
die Lehre, wie man zur Wiedergeburt, das ist, zum Reich Gottes, kommen soll;
eine neue, unerhörte Predigt in der Welt, aber die allein gewiss und richtig
ist, und uns nicht belügt. Dagegen sind aber alle anderen Lehren falsch und
belügen uns, sie haben vor der Welt einen großen Schein. Es hatten auch das
Leben der Pharisäer und das Judentum, sowie das ganze Papsttum mit den Mönchen,
einen besonderen Schmuck und großer Schein; ebenso, wenn Menschen sich
fein züchtig, ehrbar und nach den zehn Geboten halten: Aber durch dieses alles
wird man nicht wieder geboren. Allein das Wasser und der Geist müssen es tun,
welcher doch sich nicht anders sehen oder merken lassen will, als wie der Wind
durch sein Sausen. Wer das Sausen annimmt, das ist, wer dem Wort glaubt und
getauft wird, der ist wieder geboren und wird selig.
Aber
Nikodemus steckt so tief in seinen Gedanken vom Gesetz und von guten Werken,
dass er diese Predigt nicht fassen und verstehen kann. Wie wir ja bei den
Katholiken auch sehen, die es richtig meinen und auch nicht böse sind, aber das
liegt ihnen im Weg, dass sie denken: Soll unser Tun denn nichts sein? Soll es
den Gott nicht gefallen, dass wir so viel beten, fasten, Tag und Nacht ihm
dienen, so ein strenges Leben führen? Darum fährt Christus den Nikodemus auch
härter an. Weil er unserem Heiland nicht glauben und auch von ihm nicht
weisen lassen will, so spricht er: Bist du ein Meister in Israel, und weißt das
nicht?
Als wollte er
sagen: Du bist ein Meister im Volk Gottes, dass du lehren und ihm den Weg zur
Seligkeit zeigen sollst. Ach deines Lehrens und Wegweisens! Du bist nicht
einmal so weit gekommen, dass du deine eigene Natur und dein eigenes Wesen
recht erkennen kannst, dazu noch in den Gedanken stehst, du würdest denn den
Himmel kommen, auch wenn du nicht von neuen geboren bist. Damit verwirft unser
Heiland den Nikodemus und alle Prediger, die nicht mehr als von Gesetz und
guten Werken predigen können, als irrige und verführerische Prediger: Nicht
darum, als sollte es nicht richtig sein gute Werke zu lehren und die Leute dazu
ermahnen, denn dieses tut Gott selbst durch sein Gesetz, darum ist es recht gut
getan; aber das ist Unrecht, dass man die Leute bei dieser Lehre lässt, als
wenn man nicht mehr zum ewigen Leben braucht. Denn hier steht es klar: Wenn
man Gesetz und Werke aufs Beste befolgt, so können sie doch zum Reich Gottes
nicht helfen, es sei denn, dass man wiedergeboren wird durch Wasser und Geist.
Der Geist nun
ist es, der durch das Wasser und Wort andere Menschen und neue Herzen macht. Das Gesetz und die Werke ändern an den Menschen und an
den Herzen nichts. Deswegen, wer die Leute zum Himmelreich richtig unterweisen
will, der höre was der Heiland hier sagt, fange es nicht mit Werken und Gesetz
an, welche das alte Herz nicht ändern, sondern weise die Menschen zur Taufe und
Geist, das ist, zum Wort, dadurch der Heilige Geist die Herzen anweht und neu
gebiert. Denn eben wie wir von dem Wind mehr nicht erkennen und wissen als das
Sausen, so haben wir vom Heiligen Geist auch nicht mehr denn als das Wort; da
mögen wir uns dran halten, und des Heiligen Geistes und seiner Wirkung warten.
Was nun solches Wort sei, und wie der Heilige Geist sause, lehrt der Herr
Christus weiter, und spricht: Niemand fährt in den Himmel, als der vom Himmel
heruntergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist.
Hier geht die
Predigt an, da der Herr von sagt: „Glaubt ihr mir nicht, wenn ich euch von
irdischen Dingen sage; wie werdet ihr mir glauben, wenn ich euch von
himmlischen Dingen sagen würde?“ Denn diese Predigt ist nie in eines Menschen
Herz gekommen, sondern der eingeborene Sohn, in der in des Vaters Schoß ist,
hat es uns verkündigt. Nun hat solche Predigt zwei Teile. Der erste Teil ist
sehr hart und trefflich; denn da ist kurz beschlossen: „Niemand fährt in den
Himmel, als der herniedergekommen ist.“
Das ist
genauso als wenn gesagt ist, wie oben: „Wenn jemand nicht wiedergeboren werde,
so kann er das Reich Gottes nicht sehen“; das ist, kein Mensch kann zur
Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, Seligkeit und ewigem Leben kommen durch
das Gesetz, Gute Werke, Vernunft noch freien Willen; ja, wenn gleich das
Gesetz, gute Werke, Vernunft rund freier Wille auf das Beste ist, hilft es doch
nicht, wir sind und bleiben arme, verdammte Sünder, und können in den Himmel
nicht kommen. Dieses ist ein heller und klarer Spruch, der den Juden und
Katholiken, wo sie es glaubten, alles Vertrauen auf eigene Werke und
Frömmigkeit nehmen sollte. Denn, sage mir, welcher Mensch ist vom Himmel
gekommen? Keiner, Adam und Eva selbst nicht; der eingeborene Sohn Gottes von
der Jungfrau Maria ist es, wie Johannes hier sagt. So denn nun niemand in den
Himmel fahren soll, als der vom Himmel heruntergekommen ist, so ist es fest
beschlossen, und wird nie ein Mensch es anders machen können. Alle Menschen,
wie sie von Vater und Mutter auf diese Welt geboren sind, müssen unten bleiben,
und werden in den Himmel so nicht kommen, kommen sie aber in den Himmel nicht,
wo werden sie denn bleiben? Auf Erden haben sie auch keine gewisse, beständige
Herberge, denn sie müssen sterben. Wenn sie aber nicht in den Himmel kommen, so
müssen sie im Tode bleiben. Dieses ist das Urteil, welches Christus über die
ganze Welt fällt, niemand ausgenommen, es sei Adam, Eva, Abraham, Mose, David,
alle müssen sie hier unten bleiben und können von sich selbst nicht in den
Himmel kommen. Denn der allein fährt in den Himmel, der vom Himmel
heruntergekommen ist. Wo bleiben denn nun die guten Werke, Verdienst, Gesetz,
freier Wille? Alles dieses gehörte in die Hölle, und hilft uns nicht in den
Himmel, das ist gewiss.
Ja, sprichst
du, sollen denn alle Menschen verdammt sein und verloren werden? Ja, ihretwegen
ist es unmöglich, dass es könnte anders sein, sie tun und lassen, was sie immer
wollen oder können, sie werden doch keinen Weg oder ein Loch in den Himmel
machen. Ein einziger Weg aber ist es, den wir nicht machen, sondern der Sohn
Gottes. Davon predigt Christus weiter und sagt: Wie Moses in der Wüste eine
Schlange erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden. Auf dass alle,
die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Dieses ist der
andere Teil von dieser himmlischen Predigt, und das rechte Sausen des Heiligen
Geistes; und es ist ja so tröstlich, wie der erste Teil schrecklich ist. Denn
ein schreckliches Urteil ist es, dass niemand in den Himmel fahren und selig
werden soll. Es dient aber solches schreckliche Urteil dazu, dass der Herr
damit zeigen will, wie unsere erste Geburt sündhaft ist, und nichts an uns ist,
dessen wir des ewigen Lebens wert sind, auf das wir nicht allein sicher noch
hoffärtig werden, sondern in uns schlagen, uns vor Gott demütigen und Gnade
begehren. Da geht dann der richtige Trost an, dass, eben wie du vorher
gehört hast, kein Mensch in den Himmel kommt: Also hörst du hier, dass alle,
die da glauben an Jesus Christus, die sollen nicht verloren werden, sondern das
ewige Leben haben. Das ist nun das liebliche Sausen, wo man den Heiligen
Geist spüren und fassen kann.
Denn da
müssen beide Predigten in der Christenheit gesprochen werden. Die erste, von der Sünde und unserer verdorbenen
Art und Natur, dass wir unseres Werkes, Lebens, Tuns und Lassens wegen ganz
verzagt sein müssen, dass wir merken, so kommen wir nicht in den Himmel. Wenn
nun die Herzen durch solche Predigt richtig getroffen und erschreckt sind, da
muss auch der Trost folgen, wie Jesus Christus, der Sohn Gottes, vom Himmel
herunter auf die Erde gekommen, unser Fleisch und Blut an sich genommen,
und den Tod unserer Sünde erlitten hat, auf dass wir dadurch von den Sünden
frei und wieder zum Erbe des ewigen Lebens gebracht werden sollen. Wer diese
Predigt annimmt, dass er es fürwahr hält und sich tröstet, der ist genesen,
dass ihn Christus nicht hier unten auf Erden und im Tode lassen, sondern will
ihn mit sich hinauf in den Himmel führen.
Dieses ist
die Predigt von himmlischen Dingen. Diese will aber auch heute nicht in die
Leute, und besonders nicht in den Nikodemus, das ist, wenn die, so mit den
Gedanken kommen, wenn man das Gesetz halte, so bedarf man weiter zur Seligkeit
nichts mehr. Denn diese sind es, die erstlich nicht wissen, obgleich das Gesetz
recht und gut ist, dass es doch uns darum nicht helfen und nützen kann, weil
wir von Natur böse sind, und um solcher angeborenen, mitgebrachten Bosheit
wegen dem Gesetz nicht genug können tun, ob wir auch gleich dem Schein nach der
äußerlichen Werke etwas tun. Zum anderen wissen sie das viel weniger, dass wir
durch diesen Menschen, den Sohn Marias, der allein vom Himmel gekommen ist, in
den Himmel kommen werden. Hieraus wächst ein anderer sehr großer Schaden, dass
sie nicht allein sich auf Werke und eigene Gerechtigkeit verlassen, sondern sie
verachten und verfolgen die Gerechtigkeit, die da kommt aus dem Glauben an Jesu
Christum. Wie wir an den Katholiken sehen, die nichts weniger dulden können, ja
gegen nichts heftiger streiten, als dass wir lehren, wir müssen allein durch
den Glauben an Jesus Christum selig werden, mit guten Werken werden wir es
nicht ausrichten. Das haben wir nicht erdacht; Christus, unseren Herrn,
reden wir das nach, der die Wahrheit selbst ist. Wer diesem nicht glauben will,
der lasse es.
Im vierten
Buch Mose, 21. Kapitel, steht eine solche Geschichte, dass das Volk Israel in
der Wüste verdrossen geworden war und gegen Mose gemurrt, und besonders die
herrliche Wohltat, dass ihnen Gott in der Wüste ein Himmelsbrot gegebenen hat,
verachtet hatte. Solche Sünde straft Gott so, dass er giftige Schlangen kommen
ließ, die bissen die Israeliten. Von diesem Biss entzündete sich der Leib und
brannte wie das höllische Feuer, dass sie umfielen und viele davon sterben
mussten. Da erkannten sie ihre Sünde, dass sie unrecht
getan hatten, und gingen zu Mose, und baten, Mose soll den Herrn bitten, dass
er ihnen von der Plage der Schlangen helfen soll. Der Herr befahl Mose, er
sollte eine eherne Schlange machen und sie in der Wüste aufrichten. Wer dann
auf die eherne Schlange sieht, der soll gesund werden und nicht sterben.
Diese
Geschichte führt der Herr hier ein und zieht sie auf sich, dass er auch so
müsse erhöht werden, wie die Schlange. Wer dann das ansehen, das ist, wie er
selbst auslegt, an ihn glauben wird, der soll nicht verloren werden, sondern
das ewige Leben haben.
Hier lasst
uns zum ersten die Ursache des schrecklichen Urteils, dass der Herr vorher
zweimal über alle Menschen gefällt hat, bedenken, da er spricht: Niemand
fahre in den Himmel, als des Menschen Sohn, der vom Himmel heruntergekommen
ist; sowie: Wenn jemand nicht von neuem geboren werde, könne er das
Himmelreich nicht sehen. Wo kommt nun dem Menschen dieser Jammer her, dass er
nicht so in den Himmel kommen und bleiben kann, so wie er von erster Geburt
ist, auf ewig verloren ist? Nirgendwo anderswo her, als dass die alte Schlange,
der Teufel, den ersten Menschen so gebissen und durch die Sünde so vergiftet
hat, dass er den Tod am Hals hat, und ist unmöglich, dass er sich selbst eine
Arznei geben oder sich selbst helfen könnte. Wie man an dem guten sieht, was
gebissen war, war des Todes, es gab keine Arznei. So ist es mit uns allen.
Denn der Sünden Sold ist der Tod, und wo Sünde ist, da muss der Tod auch
folgen. Weil nun alle Menschen in der ersten Geburt von Vater und Mutter
als Sünder geboren werden, müssen sie auch das Urteil tragen und den Tod darum
leiden. Wie der Herr dem Adam und Eva mit ausdrücklichen in Worten droht: „An
welchem Tag ihr von diesem Baum essen werdet, sollt ihr des Todes sterben.“
Aber da lässt
Gott seine Barmherzigkeit leuchten, dass er diesen armen, vergifteten und zum
Tode verurteilten Menschen nicht verderben will, und eben, wie er dort heißt
eine eherne Schlange aufrichten, die den anderen Schlangen gleich aussah, aber
dass sie kein Gift hatte und wieder vom Gift helfen sollte, so lässt er seinen
Sohn erhöhen am Stamm des Kreuzes, auf das alle, die ihn ansehen, nicht
verloren, sondern vom Tod Heil werden und das ewige Leben haben sollen. Unser
Heiland führt am Kreuz auch die Gestalt der giftigen Schlange, aber er ist kein
Gift, sondern nur das bloße Ansehen. Denn Christus, ob er wohl unser Fleisch
und Blut angenommen hat, so ist es doch ein Fleisch und Blut ohne Gift und
Sünde, ja, es dient dazu, dass uns von dem Gift und den Sünden geholfen wird.
Dieses ist
das richtige Sausen des Heiligen Geistes, dadurch Christus die neue Geburt im
Herzen anrichtet, dass man glaube, und solche eherne Schlange mit gewisser
Zuversicht ansehen und gesund werde.
Aber es wird bei den Juden nicht anders gegangen sein, einige werden es
verachtet und gesagt haben, meinst du, dass dieser Anblick helfen wird? Ich
glaube, wenn man diese oder eine andere Arznei hätte, was aber soll die eherne
Schlange für eine Kraft haben? Oder, so eine Kraft bei ihr wäre, wie soll
solche Kraft wirken, wenn man die Schlange anfassen und aufs Maul drücken, aber
das nur durch das Ansehen uns soll geholfen werden?
So geht es
noch heutigen Tages mit der rechten ehernen Schlange, unseren Heiland Jesus
Christus. Alle Menschen denken, soll ihnen geholfen werden, so kann es das
bloße Ansehen oder der Glaube nicht tun. Wer gute Werke tut und sich nicht
versündigt, der müsste bei Gott mehr Vorteile haben. Darum predige man, es
hilft doch nicht. Dieser nimmt sich dieses vor, ein anderer etwas anderes, denn
der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Sie wollen einen anderen Weg zu der Gesundheit
finden als das Ansehen, das ist, den Glauben an Jesu Christus. Aber du lerne:
Beschlossen ist es, der Teufel hat dich durch die Sünde so vergiftet, dass du
darum den ewigen Tod am Hals hast; da kannst du nicht weglaufen, sondern musst
schlecht herhalten. Soll dir aber von solchem Gift und dem Tod geholfen werden,
so denke du an keine andere Arznei als nur an diesen Anblick, dass du den
erhöhten Christus am Kreuz mit rechten Augen ansiehst, dass er für dich
gestorben, sein Leben geopfert, mit seinem Tod für deine Sünde bezahlt, und dich
so mit Gott versöhnt hat. Glaubt du das und bist getauft, so bist du richtig
wieder geboren durch den Heiligen Geist zum Reich Gottes, da sollst du nicht
dran zweifeln. Denn das hast du oben gehört, dass diese Wiedergeburt so
zugeht, dass es auch kein anderes Mittel gibt als nur das Sausen, das ist, an
das Wort muss man sich halten, und glauben, wie es Christus uns vorsagt, dass
es also wahr und Amen sei.
Diese Lehre ist es, die andere Menschen und
ganze neue Herzen macht, dass wir in Sünden, im Tod und anderer Anfechtung
sagen können. „Es ist wahr, die alte Schlange, der Teufel, hat mich übel
gebissen und schrecklich vergiftet, aber dagegen tröste ich mich, dass ich
weiß, wenn auch mein Herr Jesus Christus seiner Menschheit wegen auch das
Ansehen hat, er sei voller Gift wie eine andere Schlange, so hat er doch kein
Gift an sich, sondern darum hängt er, dass er mich von meinem Gift
reinigen und mir helfen will gegen meine Sünden, Tod und Teufel. Deswegen lass
nur den Teufel getrost kommen, lass den Teufel mich fressen und mir alles
Unglück anlegen, ich will mich an meinen Herrn und Heiland Jesus Christus
halten, und mich dessen trösten, dass er darum erhöht ist, auf das die, die an
ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Wo also
dieser Trost gegen das ewige Gift im Herzen ist, da wird auch weiter ein
feines, freundliches Leben folgen gegen andere Leute. Wir können so etwas von unseren Herrn Jesus Christus
erwarten, dass er uns gegen alles Unglück hilft, so sollen auch wir Hilfe
erweisen wo wir können. Denn ein solcher Mensch sieht weit um sich, und ob ihm
gleich von anderen Leuten Unrecht geschieht, so lässt er sich doch nicht zum
Zorn reizen, sondern erbarmt sich über sie. Denn er sieht, dass solches
nirgends anders herkommt, als von dem Gift, welches wir alles durch den Biss
des Teufels empfangen haben, sucht deswegen Mittel, wie er andere auch dahin
bringen kann, dass sie zu dieser Arznei kommen und von dem schädlichen Gift
erlöst werden. So ist diese Lehre der rechte Brunnen und Quelle, da alle
Tugend, aller Trost, alle Freude und Sicherheit herkommt. Gott, der
allmächtige, barmherzige Vater, möchte uns um seines lieben Sohnes Christi
Willen in dieser Lehre erhalten und dass wir von Tag zu Tag darin wachsen, dass
wir ja den Anblick nicht verlieren, und so durch rechten Glauben an Jesus
Christus vom ewigen Tod erlöst werden, Amen.
„So ist das wahre und eigentliche Amt des Gesetzes anzuklagen und zu
töten; das des Evangeliums, lebendig zu machen.“ (Luther, WA 39 I, 382,22;
363,19)
„Gesetz und Evangelium können und dürfen nicht getrennt werden, ebenso
wenig wie Buße und Sündenvergebung. Denn auf diese Weise sind sie miteinander
verbunden und verflochten.“ (Luther, WA
39 I, 416,8)
Das Glaubensbekenntnis teilt sich in drei Hauptstücke,
weil darin von den drei Personen der heiligen göttlichen Dreieinigkeit die
Rede ist; das erste ist dem Vater, das zweite dem Sohn, das dritte dem Heiligen
Geist gewidmet. Denn der letzte ist der wichtigste Artikel im Glaubensbekenntnis.
In ihm sind die anderen alle inbegriffen.
Hier gilt es nun zu beachten, dass auf zweierlei Weise
geglaubt wird:
1. von Gott; das ist, wenn ich glaube, dass es
wahr ist, was man von Gott sagt, wie, wenn ich glaube, dass es wahr ist, was
man vom Türken, vom Teufel, von der Hölle sagt. Dieser Glaube ist mehr ein
Wissen oder eine Kenntnis als ein Glaube.
2. an Gott; das ist, wenn ich nicht nur glaube,
dass es wahr ist, was von Gott gesagt wird, sondern mein ganzes Vertrauen in ihn setze, es ihm gebe und es wage, mich mit
ihm einzulassen; wenn ich ohne jeden Zweifel glaube, dass er so zu mir sein
und so an mir handeln wird, wie man von ihm sagt.
Auf solche Weise würde ich dem Türken oder einem Menschen
niemals glauben, wie hoch man ihn auch loben würde. Denn ich will gern glauben,
dass ein Mann gut und fromm ist, wage es aber darum doch nicht, auf ihn zu
bauen. Ein solcher Glaube, der es wagt, auf Gott, wie von ihm gesagt wird, es
sei im Leben oder im Sterben, fest zu vertrauen, nur der macht einen
Christenmenschen und erlangt von Gott alles, was er will. Der kann kein böses,
falsches Herz haben, denn das ist ein lebendiger Glaube. Er wird im ersten
Gebot gefordert, das da sagt: „Ich bin dein Gott, du sollst keine anderen
Götter haben“ (2. Mose 20,2; 5. Mose 5,7).
Darum ist das Wörtchen „an“ sehr gut hinzugesetzt und
mit Fleiß wahrzunehmen, damit wir nicht sagen: „Ich glaube Gott dem Vater“ oder
„ich glaube von dem Vater“, sondern „ich glaube an Gott den Vater, an
Jesus Christus, an den Heiligen Geist“. Und diesen Glauben soll
man niemand geben außer allein Gott. Darum wird die Gottheit Christi und
des Hl. Geistes damit bekannt, dass wir an ihn wie an den Vater glauben. Und
wie es ein gleicher Glaube ist an alle drei Personen, so sind die drei
Personen auch ein Gott.
Der erste Teil des Glaubens:
Ich glaube an Gott, den Vater, den
Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden.
Ich entsage dem bösen Geist
aller Abgötterei, aller Zauberei und Missglaubens.
Ich setze mein Vertrauen auf
keinen Menschen auf Erden, auch nicht auf mich selbst, noch auf meine Gewalt,
Kunst, Gut, Frömmigkeit oder was ich haben mag.
Ich setze mein Vertrauen auf
keine Kreatur, sie sei im Himmel oder auf Erden.
Ich erwäge und setze mein
Vertrauen allein auf den bloßen unsichtbaren einigen Gott, der Himmel und Erden
geschaffen hat und allein über aller Kreatur ist. Wiederum entsetze ich mich
nicht vor aller Bosheit des Teufels und seiner Gesellschaft, denn mein Gott
über sie alle ist.
Ich glaube nichtsdestoweniger
an Gott, ob ich gleich von allen Menschen verlassen oder verfolget werde.
Ich glaube
nichtsdestoweniger, ob ich arm, unverständig, ungelehrt, verachtet bin oder mir
aller Dinge mangelt.
Ich glaube
nichtsdestoweniger, obwohl ich ein Sünder bin. Denn dieser mein Glaube soll und
muss schweben gegen alles, was da ist und nicht ist, über Sünde und Tugend und
über alles, auf dass er an Gott lauter und rein sich halte, wie mich das erste
Gebot dringet.
Ich begehre auch kein Zeichen
von ihm, ihn zu versuchen.
Ich traue beständig auf ihn,
wie lange er auch verzieht und setze ihm kein Ziel, Zeit, Maß oder Weise,
sondern stelle es alles anheim seinem göttlichen Willen in einem freien,
richtigen Glauben.
Da er denn allmächtig ist,
was mag mir gebrechen, das er mir nicht geben und tun könne?
Da er der Schöpfer Himmels
und der Erden ist und aller Ding ein Herr, wer will mir etwas nehmen oder
schaden? Ja, wie sollen mir nicht alle Dinge zugute kommen
und dienen, wenn er mir Gutes gibt, dem sie alle gehorsam und untertan sind?
Da er denn Gott ist, so kann
er und weiß, wie er‘s machen soll mit mir auf‘s
beste; da er Vater ist, so will er‘s auch tun und tut es herzlich gerne.
Da ich daran nicht zweifle
und setze mein Vertrauen so auf ihn, so bin ich gewiss und sein Kind, Diener
und Erbe ewiglich und wir mir geschehen, wie ich glaube.
Der zweite
Teil des Glaubens:
Und an Jesus Christus, seinen einzigen
Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus der
Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und
begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters,
von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Ich glaube nicht allein, dass
Jesus Christus wahrhaftiger einziger Gottessohn ist, in einer ewigen göttlichen
Natur und Wesen, von Ewigkeit immer geboren, sondern auch, dass ihm vom Vater
alle Dinge unterworfen sind und auch nach der Menschheit mein und aller Ding
ein Herr gesetzt ist, die er mit dem Vater nach der Gottheit geschaffen hat.
Ich glaube, dass niemand an
den Vater glauben und zu dem Vater zu kommen vermag, weder durch Kunst, Werk,
Vernunft noch alles, das man nennen kann im Himmel und auf Erden, als allein in
und durch Jesus Christus, seinem einzigen Sohn, das ist, durch den Glauben an
seinem Namen und Herrschaft.
Ich glaube fest, dass er mir
zugut empfangen ist von dem Heiligen Geist, ohne alles menschliche und
fleischliche Werk, ohne leiblichen Vater oder Mannessamen, auf dass er mein und
aller, die an ihn glauben, sündliche, fleischliche,
unreine, verdammliche Empfängnis reinigte und geistlich machte durch den
gnädigen Willen seines und des allmächtigen Vaters.
Ich glaube, dass er mir geboren
ist von der reinen Jungfrau Maria ohne allen Schaden ihrer leiblichen und
geistlichen Jungfrauenschaft, auf dass er nach der Ordnung väterlicher
Barmherzigkeit meine sündliche und verdammte Geburt
und die aller seiner Gläubigen segnete, unschädlich und rein machte.
Ich glaube, dass er sein
Leiden und Kreuz für meine und aller Gläubigen Sünde getragen hat und dadurch
alle Leiden und Kreuz gesegnet und nicht allein unschädlich, sondern auch
heilsam gemacht hat.
Ich glaube, dass er gestorben
und begraben ist, meine Sünde und die aller Gläubigen ganz zu töten und zu
begraben, dazu den leiblichen Tod erwürget und ganz unschädlich, nützlich,
heilsam gemacht hat.
Ich glaube, dass er zu der
Hölle niedergestiegen, den Teufel und alle seine Gewalt, List und Bosheit mir
und seinen Gläubigen zu dämpfen und gefangen zu nehmen, dass mir der Teufel
hinfort nicht schaden kann; und mich von der Höllen Pein erlöset, die auch
unschädlich gemacht.
Ich glaube, dass er sei
auferstanden am dritten Tage von den Toten, mir und allen seinen Gläubigen ein
neues Leben zu geben, und also mich und alle Gläubigen mit ihm in Gnaden und
Geist erwecket hat, hinfort nicht zu sündigen, sondern ihm allein zu dienen in
allerlei Gnaden und Tugenden und also Gottes Gebote zu erfüllen.
Ich glaube, dass er
aufgefahren sei in den Himmel und von dem Vater empfangen hat Gewalt und Ehre
über alle Engel und Kreaturen und also sitzet zu der rechten Hand Gottes; dass
er ist ein König und Herr über alle Gottesgüter im Himmel, in der Hölle und auf
Erden. Deshalb kann er mir und allen Gläubigen helfen in allen unseren Nöten
gegen alle unsere Widersacher und Feinde.
Ich glaube, dass er wieder
von dort von dem Himmel kommen wird am Jüngsten Tage, zu richten die
Lebendigen, die dann gefunden werden, und Toten, die inzwischen verstorben
sind, und alle Menschen, alle Engel und Teufel vor seinen Gerichtsstuhl kommen
müssen und ihn leiblich sehen; mich und alle seine Gläubigen zu erlösen von dem
leiblichen Tod und allen Gebrechen und zu strafen ewiglich seine Feinde und
Widersacher und uns von ihrer Gewalt auf ewig zu erlösen.
Der dritte
Teil des Glaubens:
Ich glaube an den Heiligen Geist, eine
heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden,
Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.
Ich glaube nicht allein, dass
der Heilige Geist ein wahrhaftiger Gott ist mit dem Vater und Sohn, sondern
auch in und zu dem Vater durch Christus und sein Leben, Sterben und alles, was
von ihm gesagt ist, niemand kommen oder etwas von demselben erlangen kann ohne
des Heiligen Geistes Werk, mit welchem der Vater und Sohn mich und alle die
Seinen rühret, wecket, rufet, zieht, durch und in Christus lebendig, heilig und
geistlich macht und so zum Vater bringt, denn er ist das, womit der Vater durch
Christus und in Christus alles wirkt und lebendig macht.
Ich glaube, dass da sei auf
Erden so weit die Welt ist nicht mehr als eine heilige allgemeine christliche
Kirche, welche nichts anders ist als die Gemeinde oder Versammlung der
Heiligen, der frommen, gläubigen Menschen auf Erden, welche durch denselben
Heiligen Geist versammelt, erhalten und regiert wird und täglich durch die Sakramente
und Gottes Wort gemehrt.
Ich glaube, dass niemand kann
selig werden, der nicht in dieser Gemeinde gefunden wird, einträchtig mit ihr
haltend in einem Glauben, Wort, Sakramenten, Hoffnung und Liebe und dass kein
Jude, Heide, Ketzer oder Sünder mit ihr selig werde, es sei denn, dass er sich
mit ihr versöhne, vereinige und ihr gleichförmig werde in allen Dingen.
Ich glaube, dass in dieser
Gemeinde oder Christenheit alle Dinge gemeinsam sind, eines jeglichen Güter des
andern eigen und niemand sich selbst eigen sei, weshalb einem jeglichen
Gläubigen alle Gebete und guten Werke der ganzen Gemeinde zu Hilfe kommen,
beistehen und stärken müssen zu aller Zeit, im Leben und Sterben, und so ein
jeglicher des andern Bürde trägt, wie Paulus lehret.
Ich glaube, dass da sei in
derselben Gemeinde und sonst nirgends Vergebung der Sünden, dass außerhalb
derselben nicht Hilfe, wie viel und groß die guten Werke immer sein mögen, zur
Sündenvergebung sei, aber in derselben nicht schade, wie viel, groß und oft
gesündigt werden mag zu Vergebung der Sünde, welche bleibt, wo und wie lange
dieselbe eine Gemeinde bleibt, welcher Christus die Schlüssel gibt und spricht
Matthäus 18: Was ihr werdet binden auf Erden, soll gebunden sein in dem Himmel.
Desselben zu dem einzelnen Petrus an Statt und Bedeutung der Einzelnen und
einen Kirche, Matthäus 16: Was du wirst binden, usw.
Ich glaube, dass da zukünftig
ist eine Auferstehung der Toten, in welcher durch denselben Heiligen Geist wird
wieder auferweckt werden alles Fleisch, da ist: alle Menschen nach dem Leib
oder Fleisch, Fromme und Böse, so dass eben dasselbe Fleisch, das gestorben,
begraben, verwest und auf manche Weise umkommen ist, wieder kommen soll und
lebendig werden.
Ich glaube, dass nach der
Auferstehung sein wird ein ewiges Leben der Heiligen und ewiges Sterben der
Sünder und zweifele an dem allem nicht, dass der Vater durch den Sohn Jesus
Christus, unsern Herrn, mit und in dem Heiligen Geist werde mir diese Stücke
lassen geschehen, das ist Amen, das ist: es ist treulich und gewisslich wahr.
Was zeigt uns das Glaubensbekenntnis?
Gott schenkt uns in Christus und um Christi
willen alles, was wir brauchen, sowohl für unser äußeres Leben (1. Artikel) wie
auch zu unserem Heil (2. u. 3. Artikel) und zur Bewahrung im Glauben (3.
Artikel).
Wie man vor Gott gerecht wird und von guten Werken
(aus dem
dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)
Was ich davon bisher und stetig gelehrt
habe, das weiß ich gar nicht zu ändern, nämlich dass wir durch den Glauben
(wie St. Paulus sagt), ein anderes neues reines Herz kriegen und Gott um
Christi willen, unseres Mittlers, uns für ganz gerecht und heilig halten will
und hält. Ob wohl die Sünde im Fleisch noch nicht gar weg oder tot ist, so
will er sie doch nicht rächen noch wissen.
Und auf solchen Glauben, Erneuerung und
Vergebung der Sünden folgen denn gute Werke. Und was an denselben auch noch
sündlich oder Mangel ist, soll nicht für Sünde oder
Mangel gerechnet werden eben um desselben Christus willen, sondern der Mensch
soll ganz, beide nach der Person und seinen Werken, gerecht und heilig heißen
und sein aus lauter Gnade und Barmherzigkeit in Christus über uns ausgebreitet.
Darum können wir nicht rühmen viel Verdienst und Werk, wo sie ohne Gnade und
Barmherzigkeit angesehen werden, sondern wie geschrieben steht 1. Kor. 1: Wer
sich rühmt, der rühme sich des Herrn, das ist, dass er einen gnädigen Gott
hat. So ist’s alles gut. Sagen auch weiter, dass, wo gute werke nicht folgen,
so ist der Glaube falsch und nicht recht.
Nachdem
Paulus den Grund der christlichen Lehre gelegt hat, pflegt er Gold, Silber und
Edelsteine darauf zu bauen. Der Grund aber ist kein anderer, als er im ersten
Brief an die Korinther sagt, nämlich Jesus Christus selbst oder die
Gerechtigkeit Christi. Auf diesen Grund baut er nun gute Werke, und zwar
wahrhaft gute Werke, die er alle in dieses kurze Gebot fasst: „Liebe deinen
Nächsten wie dich selbst.“ … Wen du daher zu wissen begehrst, wie man den
Nächsten lieben solle, und ein klares Exempel davon haben willst, so gib
sorgfältig Acht, wie du dich selbst liebst. Sicherlich würdest du in Not und
Gefahr aufs herzlichste wünschen, dass du geliebt würdest und dir Hilfe zuteil werde mit allem Rat, Gütern und aus allen Kräften
aller Menschen und Kreaturen. Darum bedarfst du keines Buchs, welches dich
unterrichte und ermahne, wie du deinen Nächsten lieben sollst, denn du hast das
schönste und beste Buch, welches alle Gesetze enthält, in deinem Herzen. … Dies
ist die vollkommene Lehre vom Glauben und von der Liebe und die kürzeste und
längste Theologie. Die kürzeste, was die Worte und Sätze anbetrifft, aber was
den Gebrauch und die Sache selbst anbelangt, ist sie breiter, länger, tiefer
und höher als die ganze Welt. (Galaterbriefvorlesung, a.a.O., Sp. 661.669.671)
Warum ist das Gebet so
elementar wichtig?
Hier machen wir uns selbst und
vor Gott deutlich, dass wir Bettler sind, die Gott nichts bringen können,
sondern alles von ihm erwarten und erbitten und so anfangen, die Gebote, vor
allem das erste, zu erfüllen; bitten, dass er uns den rettenden Glauben schenke
und darin erhalte, weil wir nur durch ihn die Erfüllung der Gebote in Christus
haben und anfangen können, sie in unserem Leben umzusetzen; erbitten all das,
was wir zum Leben brauchen – und erwarten und vertrauen, dass er als der uns in
Christus liebende, barmherzige Vater alles gibt durch sein Wort, Taufe und
Abendmahl, zu seiner Zeit, weil er allein der Ursprung alles Guten ist.
Vorrede und Zurüstung zu den sieben Bitten, die wir an
Gott richten
„Vater unser, der du bist im Himmel“
Hiermit
erkennen und erbitten wir:
O
allmächtiger Gott! Du hast uns deine Barmherzigkeit ganz umsonst erwiesen. Du
hast uns nicht nur erlaubt, sondern durch deinen einzigen lieben Sohn, unseren
Herrn Jesus Christus, auch geboten und gelehrt, dass wir durch sein Verdienst
und Vermittlung dich „Vater“ nennen und als solchen ehren dürfen – und das,
obwohl verdientermaßen aller Gerechtigkeit nach du ein strenger Richter über
uns Sünder sein könntest, die wir so oft und schwer gegen deinen göttlichen
allerbesten Willen verstoßen und dich erzürnt haben.
So gib uns
durch dieselbe Barmherzigkeit die tröstliche Zuversicht in unser Herz, dass du
uns als ein Vater liebhast. Und lass uns empfinden den allerlieblichsten, süßen
Geschmack kindlicher Geborgenheit, dass wir dich mit Freuden einen Vater
nennen und dich als einen solchen lieben und in allen Nöten anrufen können.
Behüte uns, dass wir deine Kinder bleiben und nicht verschulden, dass wir aus
dir, unserem allerliebsten Vater, einen schrecklichen Richter und uns selbst
aus deinen Kindern zu deinen Feinden machen.
Du willst
auch, dass wir dich nicht nur (jeder für sich) „Vater“, sondern insgesamt
„unser Vater“ anrufen und also alle einträchtig füreinander bitten sollen.
Darum gib uns eine Liebe in Eintracht und Brüderlichkeit, damit wir uns alle
miteinander wirklich als Brüder und Schwestern erkennen und achten und dich als
unseren gemeinsamen lieben Vater ehren, damit wir für uns alle und für jeden
einzelnen bitten, wie es Geschwister vor ihrem Vater tun. Lass niemanden unter
uns das Seine suchen und den anderen vergessen vor dir, sondern allen Hass,
Neid und Streit ablegen, damit wir als wirkliche und fromme Kinder Gottes
einander liebhaben und also einträchtig nicht „mein Vater“, sondern „unser
Vater“ sagen können.
Dich bitten
wir auch, weil du nicht ein leiblicher Vater, der auf Erden ist, sondern unser
Vater im Himmel bist, der nicht stirbt und nicht unsicher ist und sich etwa
selbst nicht helfen kann wie der irdische und leibliche Vater, wodurch du uns
zeigst, ein wieviel besserer Vater du bist. Und du lehrst uns, wie gering im
Vergleich zu dir vergängliche Vaterschaft, Vaterland, Freunde, Besitz, Fleisch
und Blut zu achten sind. So gib uns, o Vater, dass wir auch deine himmlischen
Kinder sein können. Lehre uns, dass wir nur das Erbteil der Seelen und das
ewige Erbe wahrnehmen (vgl. Kol. 1,12), damit uns das Vaterland und Gut, das
wir auf Erden haben und ererben, nicht betrüge, umgarne und hindere und also
gänzlich zu Kindern der vergänglichen Welt mache; (lehre es uns) damit wir mit
rechtem und wahrem Grund sagen können: „Vater unser im Himmel“, und
wirklich deine himmlischen Kinder sind.
Die erste Bitte
„Geheiligt werde dein Name“
Hiermit
bekennen und erbitten wir:
O
allmächtiger Gott, lieber himmlischer Vater! Dein heiliger Name wird leider in
diesem elenden Jammertal so oft und auf so verschiedene Arten entheiligt,
gelästert und geschmäht. Er wird mit vielen Dingen in Verbindung gebracht, an
denen deine Ehre nicht ist, und ebenso in vielen Stücken und zu Sünden missbraucht,
so dass auch das schändliche Leben mit Recht eine Schande und Unehre deines
heiligen Namens genannt werden muss.
So gib uns
also deine göttliche Gnade, dass wir uns vor dem allen hüten, was deinem
heiligen Namen nicht zur Ehre und Lob gereicht. Hilf, alle Zauberei und
falschen Segenssprüche beseitigen.
Hilf, dass
man aufhört, den Teufel oder allerlei vergängliche Geschöpfe unter deinem Namen
zu beschwören.
Hilf, dass
aller Irr- und Aberglauben ausgerottet wird.
Hilf, dass
alle Ketzerei und falsche Lehre, die sich nicht scheut, deinen Namen für sich
in Anspruch zu nehmen, zunichte gemacht wird.
Hilf, dass
aller falsche Schein von Wahrheit, Frömmigkeit und Heiligkeit keinen betrüge.
Hilf, dass
niemand in deinem Namen schwört, lügt oder betrügt.
Behüte uns
vor allem falschen Trost, der unter deinem Namen erdichtet wird.
Behüte uns
vor jeglichem geistlichem Hochmut und Stolz und vor eitler Ehrsucht nach einem
vergänglichen Ruhm oder Namen.
Hilf, dass
wir in allen unseren Nöten und Gebrechen deinen heiligen Namen anrufen können.
Hilf, dass
wir in der Angst unseres Gewissens und wenn wir im Sterben liegen deinen Namen
nicht vergessen.
Hilf, dass
wir in allem, was wir haben, sagen und tun, nicht uns daraus einen Namen machen
oder suchen, sondern nur dich loben und ehren, dem allein alle Dinge gehören.
Behüte uns
vor dem schändlichen Laster der Undankbarkeit. Hilf, daß
durch unsere guten Taten und unser Leben alle anderen gelockt werden, nicht
uns, sondern dich, der du durch uns wirkst, zu loben und deinen Namen zu ehren.
Hilf, dass
durch unsere schlechten Taten oder durch unser Verzagen niemand verleitet wird,
deinen Namen zu beleidigen oder in deinem Lobe nachzulassen.
Behüte uns,
dass wir nichts, weder Zeitliches noch Ewiges begehren, das deinem Namen nicht
zu Lob und Ehre gereicht. Und wenn wir solches erbitten, so wollest du uns in
unserer Unvernunft nicht erhören.
Hilf, dass
unser Leben so ist, dass wir als wahrhaftige Kinder Gottes befunden werden und
dein väterlicher Name nicht umsonst oder zu Unrecht über uns genannt wird.
Amen.
In diese erste Bitte gehören alle Psalmen und Gebete,
mit denen man Gott lobt, ehrt, singt und dankt und alle (Bitten und Lobgesänge,
wo das) Halleluja (erklingt).
Die zweite Bitte
„Zu uns komme dein Reich“
Hiermit
bekennen und erbitten wir:
Dieses arme
Leben ist ein Reich voller Sünde und Bosheit, worin der böse Geist Herr ist,
Anfänger aller Bosheit und Sünde und selbst der Hauptbösewicht. Dein Reich aber
ist ein Reich voller Gnade und Kraft. Darin ist Jesus Christus, dein lieber
Sohn, Herr, Haupt und Anfang aller Gnade und Kraft. Darum hilf uns und sei
gnädig, lieber Vater. Gib uns vor allem anderen einen rechten und beständigen
Glauben an Christus und eine unerschrockene Hoffnung [WA 7,223] auf deine
Barmherzigkeit gegen alle Verzagtheit unseres durch die Sünde geplagten Gewissens;
(gib uns) eine grundgütige Liebe zu dir und zu allen Menschen. Behüte uns vor
Unglauben, Verzweiflung und Neid.
Hilf uns
heraus aus der Genuss-Sucht und Unkeuschheit und gib, dass wir gern enthaltsam
in mancherlei sind.
Hilf uns
heraus aus Streit, Krieg und Unfrieden und lass die Kraft deines Reiches über
uns kommen, den Frieden, die Einigkeit, die Ruhe:
Hilf uns, dass
nicht Zorn oder andere Bitterkeit in uns sein Reich baue, sondern durch deine
Gnade in uns die Herzlichkeit, brüderliche Treue, Freundschaft, Mildherzigkeit,
Sanftmut usw. regieren.
Hilf, dass
keine verwirrende Traurigkeit und Schwermut in uns ist, sondern lass die Freude
und Lust an deiner Gnade und Barmherzigkeit zu uns kommen.
Und endlich:
Hilf, dass alle Sünden von uns abgewendet werden und wir, von deiner Gnade,
aller deiner Kraft und guten Werken erfüllt, dein Reich werden können, dass wir
mit ganzem Herzen, Gemüte und Trachten, mit allen unseren Kräften, innerlich
und äußerlich. Dir, deinen Geboten und deinem Willen gehorsam dienen und uns
von Dir allein regieren lassen und nicht uns selbst noch Sinneslust, Welt oder
Teufel folgen.
Hilf, dass
dieses dein Reich in uns anfange und täglich besser werde und zunehme. Hilf, dass
uns nicht jene hinterlistige Bosheit überfällt, die Trägheit, die uns hindert,
Gott zu dienen, damit wir nicht wieder zurückfallen. Gib uns vielmehr einen ernsten Vorsatz und
die Kraft, nicht nur anfangsweise fromm zu sein, sondern mutig darin
fortzuschreiten und zu vollenden, wie der Prophet betet: „Erleuchte meine
Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe oder faul werde in dem bei mir
angefangenen wahren, guten Leben und der Feind also meiner wieder mächtig
werde“ (Ps. 13,4f.).
Hilf, dass
wir also beständig bleiben und dein kommendes Reich dieses dein angefangenes
Reich beschließe und vollende.
Hilf uns
heraus aus diesem sündlichen Leben von gefahrvoller
Unbeständigkeit. Hilf uns, dass wir jenes Leben begehren und diesem feind
werden. Hilf uns, dass wir den Tod nicht fürchten, sondern-wenn er kommt-
begehren.
Wende von uns ab, dass wir nur diesem Leben nachjagen
und anhängen, damit in allen Dingen dein Reich bei uns wirklich wird.
In diese zweite Bitte gehören alle Psalmen, Sprüche
und Gebete, in denen man von Gott Gnade und Kraft erbittet.
Die dritte Bitte
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“
Hiermit
bekennen und erbitten wir:
Unser Wille
ist, verglichen mit deinem Willen, niemals gut, sondern allezeit böse. Dein
Wille aber ist immer der beste und auf das höchste zu lieben und zu begehren.
Darum erbarme dich unser, lieber Vater, und lass nichts nach unserem Willen geschehen.
Gib es und
lehre uns, dass wir recht von Grund auf Geduld haben, wenn unser Wille gebrochen
oderverhindert wird.
Hilf, dass
wir nicht zornig und böse werden, nicht fluchen, klagen, schreien, richten,
verdammen, nicht Böses wünschen usw., wenn jemand etwas redet oder
verschweigt, tut oder nicht tut, was unserem Willen entgegen ist.
Hilf, dass
wir denen, die gegen uns stehen und unseren Willen verhindern, in Demut weichen
und also das, was wir wollten, fahrenlassen und sie loben, segnen und ihnen
Gutes tun, weil sie deinen allerbesten göttlichen Willen gegen unseren
vollbringen.
Gib uns die
Gnade, dass wir allerlei Krankheiten, Armut, Schmach und Verachtung, Leiden und
Widerwärtigkeiten willig ertragen und in all dem erkennen, dass es dein
göttlicher Wille ist, den unseren zu kreuzigen.
Hilf uns, dass
wir auch Unrecht gern erleiden und behüte uns davor, Rache zu üben. Lass uns
nicht Böses mit Bösem vergelten und Gewalt mit Gewalt bekämpfen, sondern hilf,
dass wir an diesem deinem Willen, der uns alles das zufügt, Wohlgefallen
haben, dich loben und dir danken.
Lass es uns
nicht dem Teufel oder den bösen Menschen zurechnen, wenn etwas gegen unseren
Willen geschieht, sondern allein deinem göttlichen Willen, der das alles
ordnet, um unseren Eigensinn zu hindern, aber die Seligkeit in deinem Reich zu
fördern.
Hilf uns, dass
wir willig und frohen Mutes sterben und den Tod, dann, wenn du es willst, gerne
annehmen. Hilf, dass wir weder durch Ungeduld noch durch Verzagen dir
ungehorsam werden.
Hilf, dass
wir alle unsere Glieder, die Augen, Zungen, Herzen, Hände und Füße, nicht ihren
Gelüsten noch Verlangen überlassen, sondern dass sie in deinen Willen
gefangen, gebunden und (in ihrem Eigensinn) gebrochen werden.
Behüte uns vor jedem bösen, widerspenstigen,
störrischen, halsstarrigen, eigensinnigen und selbstsüchtigen Willen.
Gib uns
einen rechten Gehorsam und eine vollkommene, (von jeglichem Zwange) freie Gelassenheit
in allen Dingen, den geistlichen und den weltlichen, den ewigen und den
zeitlichen.
Behüte uns
vor dem entsetzlichen Laster der üblen Nachrede, der Verleumdung und auch
davor, dass wir anderer Menschen Übeltaten richten, sie verdammen und
verfluchen. 0 wende das große Unglück und die schwere Plage solcher Reden von
uns ab. Lehre uns vielmehr, dass wir, sobald wir etwas sehen oder über andere
etwas hören, das uns der Strafe wert erscheint und missfällt, darüber
schweigen, es vor anderen zudecken und nur dir klagen und deinem Willen
anheimgeben und also allen, die an uns schuldig geworden sind, von Herzen
vergeben und Mitleid mit ihnen haben.
Lehre uns
erkennen, dass uns niemand einen Schaden antun kann, er schade sich denn selbst
vor deinen Augen ohnehin tausendmal mehr, so dass wir dadurch mehr zum Erbarmen
über ihn bewegt werden als zum Zorn, mehr ihn zu beklagen als uns zu rächen.
Hilf, dass
wir uns nicht freuen, wenn es denen schlecht geht, die nicht nach unserem
Willen getan, die uns Leid zugefügt oder sonst durch ihr Leben unser Missfallen
erregt haben. Hilf aber ebenso, dass wir nicht betrübt sind, wenn es ihnen
wohlergeht.
In diese dritte Bitte gehören alle Psalmen, Sprüche
und Gebete, in denen man um Beistand gegen die Sünde und die Feinde bittet.
Die vierte Bitte
„Unser tägliches Brot gib uns heute“
Hiermit
bekennen und erbitten wir:
Das Brot ist
unser Herr Jesus Christus, der die Seele speist und tröstet. Darum, o himmlischer
Vater, gib Gnade, dass Christi Leben, sein Wort und Werk und seine
Leidensgeschichte uns und der ganzen Welt gepredigt, bekannt und auch behalten
werde.
Hilf, dass
wir in jeder Lebenslage sein Wort und Werk für alles, was taugt, als ein
eindrückliches Beispiel und als einen Spiegel vor Augen haben.
Hilf, dass
wir uns im Leiden und in Widerwärtigkeiten durch sein Leiden und in seinem
Kreuz stärken und trösten können.
Hilf, dass
wir unseren Tod durch seinen Tod im festen Glauben überwinden und also fröhlich
dem, der uns liebt und den wir lieben und der uns vorangegangen ist, in jenes
Leben folgen.
Gib Gnade,
dass alle Prediger dein Wort und Christus so verkünden, dass sie zu Förderung
und Heil aller Welt predigen.
Hilf, dass
alle, die dein Wort verkündet hören, dadurch Christus kennenlernen und daran
sich selbst erkennen und bessern.
Erweise auch
darin deine Gnade, dass alle fremde Predigt und Lehre, durch welche Christus
nicht erkannt werden kann, aus der heiligen Kirche vertrieben wird.
Erbarme dich
über alle Bischöfe, Priester und Geistlichen und über alle Obrigkeit, dass sie,
durch deine Gnade erleuchtet, uns recht lehren und leiten mit Wort und Vorbild.
Behüte alle,
die sich wenig zum Glauben halten, dass sie nicht ärger werden, wenn ihnen die
Oberen ein schlechtes Beispiel geben.
Behüte uns
vor ketzerischen und abtrünnigen Lehren, damit wir in dem einen
täglichen Brot, d. h. in der einmütigen Lehre und dem einen Wort Christi, einig
bleiben.
Lehre uns
durch deine Gnade das Leiden Christi recht betrachten, von ganzem Herzen
erfassen und in unser Leben hineinnehmen.
Lass uns
(ein Leben im Glauben führen, so dass wir) des heiligen und wahren Leibes
Christi an unserem Ende nicht beraubt werden.
Hilf, dass
alle Priester das hochwürdige Altarsakrament würdig verwalten und es zur
Besserung der ganzen Christenheit heilsam austeilen.
Hilf, dass
wir und alle Christen das heilige Altarsakrament zu seinerzeit und unter deiner
Gnade empfangen.
Und, um es
zusammenzufassen, gib uns unser tägliches Brot, damit Christus in uns und wir
in ihm ewig bleiben (vgl. Joh. 15,4-7) und wir also dem Namen „Christen“, mit
dem wir nach ihm genannt sind, Ehre machen.
In diese vierte Bitte gehören alle Gebete und Psalmen,
in denen man für die Obrigkeit bittet, besonders aber auch jene, in denen für
die falschen Lehrer, die Juden, die Ketzer und für alle Menschen gebetet wird,
die in ihren Irrtümern befangen, auch für alle, die betrübt sind und ohne jeden
Trost zu leiden haben.
Die fünfte Bitte
„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren
Schuldigern“
Diese Bitte hat einen Zusatz und eine Bedingung, dass
wir nämlich zuvor unseren Schuldigem vergeben sollen. Wenn das geschehen ist, dann können wir
sprechen: „Vergib uns unsere Schuld“. Und in diesem Sinne ist oben in
der dritten Bitte gebetet worden: „Dein Wille geschehe“. Denn Gott will,
dass man alles geduldig ertragen und nicht Böses mit Bösem vergelten, sich
nicht rächen, sondern Böses mit Gutem vergelten soll, wie es unser Vater im
Himmel tut, der ,,seine Sonne über die Frommen und über die Bösen auf gehen
lässt und es regnen lässt über die, die ihm danken und die, die ihm nicht
danken“ (Matth. 5,45).
Darum bitten
wir: = Vater, tröste uns und unser Gewissen, das angesichts unserer Sünden und
deines Gerichtes in furchtbare Schrecken gerät und noch erschrecken wird, jetzt
und auch zuletzt an unserem Ende. Gib unseren Herzen deinen Frieden, so dass
wir dein Gericht mit Freude erwarten können.
Geh mit uns
nicht in dein scharfes Gericht, denn dann wird kein Mensch für gerecht befunden
werden (vgl. Ps. 143,2).
Lehre uns,
lieber Vater, dass wir uns nicht auf unsere guten Werke oder Verdienste
verlassen noch uns mit ihnen trösten, sondern es allein auf deine grundlose
Barmherzigkeit hin wagen und uns ihr völlig und fest anvertrauen. Desgleichen
lass uns auch nicht verzagen, weil unser Leben strafwürdig und sündig ist,
sondern deine Barmherzigkeit für höher, mehr und stärker halten als alles sonst
in unserem Leben.
Hilf allen
Menschen, die in Todesnöten sind und durch solcherart Verzweiflung angefochten
und geängstet werden. Und hilf ganz besonders dem N.
N. und dem N. N. Erbarme dich auch all der armen Seelen, die im Fegefeuer sind,
besonders des N. N. und des N. N.
Vergib ihnen
und uns allen unsere Schuld, tröste sie und nimm sie an in deiner Gnade.
Erweise uns
deine Güte anstelle unserer Bosheit, gleichwie du uns zu tun geboten hast.
Gebiete dem erbarmungslosen bösen Nachredner zu schweigen, dem Ankläger, der
unsere Sünden groß herausstellt, dem bösen Geist, jetzt und zuletzt bei unserem
Ende und in allen Gewissensängsten, solange wir uns auch der bösen Nachrede
enthalten und die Sünden der Menschen nicht groß herausstellen.
Richte uns
nicht nach der Anklage des Teufels und unseres verzagten Gewissens. Höre nicht
auf die Stimmen unserer Feinde, die uns Tag und Nacht vor dir beschuldigen, wie
auch wir nicht auf die hören wollen, die andere verleumden und anklagen.
Nimm von uns die schwere Last aller Sünden und Gewissensnöte,
damit wir mit einem unbeschwerten, fröhlichen Herzen und voller Zuversicht aus
deiner Barmherzigkeit leben und sterben, ertragen und tätig sein können.
In diese fünfte Bitte gehören alle Psalmen und Gebete,
welche in Schuld die Barmherzigkeit Gottes anrufen.
Die sechste Bitte
„Und führe uns nicht in Versuchung“
Drei (Ursachen von) Versuchungen oder Anfechtungen
gibt es für uns: das Fleisch, die Welt und den Teufel. Aus diesem Grund bitten
wir:
Lieber
Vater, gib uns Gnade, damit wir die Gelüste des Fleisches bezwingen.
Hilf, dass
wir dem unmäßigen Essen, Trinken und Schlafen, dem Faulenzen und Müßiggang
widerstehen.
Hilf, dass
wir durch Fasten, maßvolles Essen und einfache Kleidung, durch geregeltes
Schlafen und Wachen und durch Arbeit dienstbar und bereit werden, gute Werke zu
tun.
Hilf uns, dass
wir eine böse Neigung zur Unkeuschheit und alle Begierden und Gelüste mit
Christus ans Kreuz schlagen und töten können und in keine Versuchung, die uns
befällt, einwilligen und ihr nicht nachgeben.
Hilf, dass
es uns keine Versuchung, sondern ein Anlass ist, die Keuschheit zu lieben und
dich in deinen Geschöpfen zu loben, wenn wir einen schönen Menschen, ein
schönes Bild oder irgendein anderes Kunstwerk sehen.
Hilf, dass
wir nicht unsere Gelüste, sondern dein Lob und deine Ehre darin suchen, wenn
wir etwas Süßes und Liebliches hören oderempfinden.
Behüte uns
vor dem großen Laster des Geizes und davor, die Reichtümer dieser Welt zu
begehren.
Behüte uns
davor, die Ehre und Macht dieser Welt zu suchen oder in Versuchungen durch sie
einzuwilligen.
Behüte uns,
dass wir durch Untreue, falschen Schein und Versuchungen in der Welt nicht
bewegt werden, es ihr gleichzutun.
Behüte uns,
dass wir von den Bosheiten und Widerwärtigkeiten in der Welt nicht zu
Ungeduld, Rache, Zorn oder anderen Untugenden hingerissen werden.
Hilf, dass
wir dem Lug und Trug, den Versprechungen und der Falschheit der Welt und all
ihrem Guten und Bösen absagen und darauf verzichten – wie wir es bereits im
Taufbekenntnis versprochen haben – und darin fest stehen und täglich mehr und
mehr zunehmen.
Behüte uns
vor den Einflüsterungen des Teufels, damit wir nicht auf Grund von Reichtum,
Macht, Kunstfertigkeit, Adel, Schönheit und von anderen deiner Gaben hochmütig
werden und der Selbstgefälligkeit und Verachtung anderer stattgeben.
Behüte uns,
damit wir nicht aus irgendeinem Grund in Hass und Neid verfallen.
Behüte uns,
dass wir weder jetzt noch bei unserem Ende der Anfechtung des Glaubens, (nämlich)
der Verzweiflung, nachgeben.
Lass dir, himmlischer Vater, alle die anbefohlen sein,
die gegen diese große, vielfältige Anfechtung streiten und arbeiten. Stärke
die, die ihr widerstehen. Hilf denen wieder auf, die in ihr gefallen sind und
daniederliegen. Und gib uns allen deine Gnade, damit wir in diesem gefährdeten,
unsicheren Leben, in dem wir zu jeder Stunde von so vielen Feinden umgeben
sind, mit einem edlen und festen Glauben beständig fechten und die ewige Krone
empfangen (vgl. Jak. 1,12; 1. Petr. 5,4).
Die siebente Bitte
„Sondern erlöse uns von dem Bösen“
In dieser Bitte wird (um Bewahrung) vor allem Bösen
durch Peinigung und Strafe gebeten, wie es die heilige Kirche auch in den
Litaneien tut.
Erlöse uns,
o Vater, von deinem ewigen Zorn und den Qualen der Hölle.
Erlöse uns
von deinem strengen Urteilsspruch nach dem Tode am Jüngsten Tage.
Bewahre uns
vor einem plötzlichen und gewaltsamen Tod.
Behüte uns
vor Überschwemmung und Feuersbrunst, vor Blitz und Hagel. Behüte uns vor
Hungersnot und Zeiten der Teuerung.
Behüte uns
vor Kriegen und Blutvergießen. Behüte uns vor deinen großen Plagen (vgl. 2.
Mose 9,14 ff.), vor der Pest, schlimmen Seuchen und anderen schweren
Krankheiten.
Behüte uns
vor allen Übeln und Nöten des Leibes, jedoch so, dass in diesem allem (was wir
erbitten) dein Name geehrt, dein Reich vermehrt und dein göttlicher Wille
geschehe.
Amen.
„Amen“
Hilf Gott, dass wir alles, was wir erbitten, in Gewissheit
empfangen. Und lass uns nicht daran zweifeln, dass du uns in allem erhört hast
und erhören wirst, dass (deine Antwort) ja und nicht nein oder zweifelhaft ist.
So sprechen wir fröhlich „Amen“, das heißt, es ist
wahr und gewiss. Amen.
Eine einfältige Weise zu beten, für M. Peter,
Balbierer. Anno 1534
Lieber M.
Peter, ich geb’s euch so gut wie ich’s habe und wie
ich selber mich mit Beten halte. Unser HERR Gott gebe es Euch und jedermann, es
besser zu machen. Amen.
Erstens, wen
ich fühle, dass ich durch fremde Geschäfte oder Gedanken bin kalt und unlustig
zu beten geworden (wie denn das Fleisch und der Teufel allwege
das Gebet wehren und hindern), nehme ich meinen Psalter, laufe in die Kammer
oder so es Tag und Zeit ist in die Kirche zum Haufen und hebe an, die zehn
Gebote, den Glauben und darnach ich Zeit habe etliche Sprüche Christi, von
Paulus oder den Psalmen mündlich bei mir selbst zu sprechen, aller Dinge, wie
die Kinder tun.
Darum ist’s
gut, dass man frühmorgens lasse das Gebet das erste und des Abends das letzte
Werk sein. Und hüte sich mit Fleiß vor diesen falschen betrüglichen
Gedanken, die da sagen: Harre ein wenig, über eine Stunde will ich beten. Ich
muss dies oder das zuvor fertigen. Denn mit solchen Gedanken kommt man vom
Gebet; die Geschäfte, die halten und umfangen den einen, dass aus dem Gebet an
dem Tag nichts wird.
Und wiewohl
etliche Werke vorfallen können, die so gut oder besser als das Gebet sind,
besonders sie die Not fordert. So geht ein Spruch unter des St. Hieronymus
Namen: Alle Werke der Gläubigen sind Gebet. Und ein Sprichwort: Wer treu
arbeitet, der betet zweifach. Welches muss aus diesem Grund geredet sein, dass
ein gläubiger Mensch in seiner Arbeit Gott fürchtet und ehrt und an sein Gebot
denkt, damit er niemand Unrecht tun noch stehlen oder übernehmen oder veruntreuen
wolle. Und solche Gedanken und Glauben machen ohne Zweifel aus seinem Werk ein
Gebet und Lobopfer dazu.
Wiederum
muss dagegen auch die Wahrheit sein, dass eines Ungläubigen Werk eitel Fluchen
sei; und wer untreu arbeitet, der flucht zweifach.
Denn seines Herzens Gedanken müssen in seiner Arbeit so stehen, dass er Gott
verachte und sein Gebot übertreten und seinem Nächsten Unrecht zu tun, stehlen
und veruntreuen gedenke. Solche Gedanken, was sind’s anders als eitel Flüche
gegen Gott und den Menschen, dadurch sein Werk und Arbeit auch ein zweifacher
Fluch werden, damit er sich selbst verflucht. Und das bleiben auch endlich
Bettler oder Humpler.
Von diesem
stetigen Gebet sagt freilich Christus Lukas 11: Man soll ohne Unterlass beten.
Denn man soll ohne Unterlass sich vor Sünden und Unrecht hüten, welches nicht
geschehen kann, wo man Gott nicht fürchtet und sein Gebot vor Augen hat, wie
Psalm 1 [sagt]: Wohl dem, der Tag und Nacht denkt an Gottes Gebot usw.
Doch muss
man auch darauf sehen, dass wir uns nicht vom rechten Gebet gewöhnen und deuten
uns zuletzt selbst nötige Werke, die es doch nicht sind, und werden dadurch
zuletzt müde und faul, kalt und überdrüssig zum Gebet. Denn der Teufel ist
nicht faul noch müde um uns her. So ist unser Fleisch noch allzu lebendig und
frisch zur Sünde und gegen den Geist des Gebets geneigt.
Wenn nun das
Herz durch solch mündliches Gespräch erwärmt und zu sich selbst gekommen ist,
so knie nieder oder stehe mit gefalteten Händen und Augen zum Himmel und sprich
oder denke aufs Kürzeste, wie du kannst.
Ach,
himmlischer Vater, du lieber Gott, ich bin ein unwürdiger armer Sünder, nicht
wert, dass ich meine Augen oder Hände zu dir aufhebe oder bete. Aber weil du
uns allen geboten hast zu beten und dazu auch Erhörung verheißen, und über
dasselbe uns beides, Worte und Weisen, gelehrt durch deinen lieben Sohn, unsern
HERRN Jesus Christus, so komme ich auf solches dein Gebot, dir gehorsam zu
sein, und verlasse mich auf deine gnädige Verheißung. Und im Namen meines HERRN
Jesus Christus bete ich mit allen deinen heiligen Christen auf Erden, wie er
mich gelehrt hat.
Vater unser,
der du im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille
geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und
führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Amen.
Danach
wiederhole ein Stück oder wie viel du willst, nämlich die erste Bitte.
Geheiligt werde dein Name.
Und sprich:
Ach ja, HERR
Gott, lieber Vater, heilige doch deinen Namen, beide ins uns selbst und in
aller Welt. Zerstöre und vertilge die Greuel,
Abgötterei und Ketzerei der Türken [Moslems], des Papsts und aller falschen
Lehrer oder Rottengeister, die deinen Namen falsch führen und so schändlich
missbrauchen und greulich lästern, sagen und rühmen,
es sei dein Wort und der Kirche Gebot, so es doch des Teufels Lügen und Betrug
ist. Damit sie unter deinem Namen so viele arme Seelen jämmerlich verführen in
der ganzen Welt, und darüber auch töten, unschuldiges Blut vergießen und
verfolgen und meinen, dir damit einen Gottesdienst zu tun.
Lieber HERR
Gott, hier bekehre und wehre. Bekehre die, so noch sollen bekehrt werden, dass
sie mit uns und wir mit ihnen deinen Namen heiligen und preisen, beide, mit
rechter reiner Lehre und gutem heiligen Leben.
Wehre aber denen, die sie nicht bekehren wollen, dass sie
aufhören müssen, deinen heiligen Namen zu missbrauchen, schänden und entehren
und die armen Leute zu verführen. Amen.
Dein Reich komme.
Und sprich:
Ach lieber
HERR Gott Vater. Du siehst, wie nicht allein der Welt Weisheit und Vernunft
deinen Namen schändet und deine Ehre den Lügen und dem Teufel gibt, sondern
alle ihre Gewalt, Macht Reichtum und Ehre, die du auf Erden ihnen gegeben hast,
weltlich zu regieren und dir damit zu dienen, gegen dein Reich setzt und
strebt. Sie sind groß, mächtig und viel, dick, fett und satt und plagen,
hindern, verstören den geringen Haufen deines Reichs, der schwach verachtet und
wenig ist, wollen sie auf Erden nicht leiden, meinen gleichwohl, damit dir
einen großen Gottesdienst zu tun.
Lieber HERR
Gott Vater, hier bekehre und wehre. Bekehre die, so noch sollen Kinder und
Glieder deines Reichs werden, dass sie mit uns und wir mit ihnen dir in deinem
Reich in rechtem Glauben und wahrhaftiger Liebe dienen und aus diesem
angefangenen Reich in das ewige Reich kommen.
Wehre aber denen, so ihre Macht und Vermögen nicht wollen
abkehren lassen von deines Reichs Zerstörung, dass sie, vom Stuhl gestürzt und
gedemütigt, ablassen müssen. Amen.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch
auf Erden.
Und sprich:
Ach lieber
HERR Gott Vater, du weißt, wie die Welt, wo sie nicht kann deinen Namen ganz zunichte machen und dein Reich ganz vertilgen, so gehen sie
doch Tag und Nacht mit bösen Tücken und stücken um, treiben viel Ränke und
seltsame Anschläge, halten Rat, rennen zusammen, trösten und stärken sich,
drohen und spüren, gehen voll alles bösen Willens gegen deinen Namen, Wort,
Reich und Kinder, wie sie dieselben umbringen.
Darum,
lieber HERR Gott Vater, bekehre und wehre. Bekehre, die deinen guten Willen
noch erkennen sollen, dass sie mit uns und wir mit ihnen deinem Willen gehorsam
seien und darüber alles Übel, Kreuz und Widerwärtigkeit gern, geduldig und
fröhlich leiden und deinen gütigen, gnädigen, vollkommenen Willen hierin
erkennen, prüfen und erfahren.
Wehre aber denen, so von ihrem Wüten, Toben, Hassen, Drohen
und bösem Willen, Schaden zu tun, nicht ablassen wollen. Und mache ihren Rat,
böse Anschläge und Praktiken zunichte und zuschanden, dass über sie selbst
ausgehe, wie Psalm 7 singt. Amen.
Unser täglich Brot gib uns heute.
Und sprich:
Ach lieber
HERR Gott Vater, gib auch deinen Segen in diesem zeitlichen, leiblichen Leben.
Gib uns gnädig den lieben Frieden, behüte uns vor Krieg und Unfriede. Gib
unserem lieben Vaterland Glück und Heil gegen seine Feinde. Gib den Regierenden
Weisheit und Verstand, dass sie ihr irdisches Reich ruhig und glückselig
regieren. Gib allen Königen, Fürsten und Herren guten Rat und Willen, ihr Land
und Leute in stillem und gutem Recht zu erhalten. Besonders hilf und leite
unseren lieben Landesherrn N., unter dessen Schutz und Schirm du uns bewahrst,
dass er, vor allem Übel behütet, vor falschen Zungen und untreuen Leuten
bewahrt, selig regiere.
Gib allen
Untertanen Gnade, treu zu dienen und gehorsam zu sein. Gib allen Ständen,
Bürgern und Bauern, dass sie fromm werden und einander Liebe und Treue
erzeigen. Gib gnädiges Wetter und Früchte der Erde. Ich befehle dir auch Haus,
Hof, Frau und Kind. Hilf, dass ich sie wohl regiere und christlich ernähren und
erziehen möge.
Wehre und
steure dem Verderber und allen bösen Engeln, die hierin schaden und Hindernis
tun. Amen.
Und vergib uns unsere Schuld, wie wir
vergeben unseren Schuldigern.
Und sprich:
Ach lieber
HERR Gott Vater, gehe nicht mit uns ins Gericht, denn vor dir ist kein
lebendiger Mensch gerecht. Ach rechne uns auch nicht zur Sünde, dass wir leider
so undankbar sind für alle deine unaussprechliche Wohltat, geistlich und
leiblich, und dass wir täglich vielmal straucheln und sündigen, mehr als wir
wissen und merken können. Psalm 19.
Aber sieh du
nicht an, wie fromm oder böse wir sind, sondern deine grundlose Barmherzigkeit
in Christus, deinem lieben Sohn, uns geschenkt.
Vergib auch
allen unseren Feinden und allen, die uns Leid oder Unrecht tun, wie wir auch
ihnen von herzen vergeben. Denn sie tun sich selbst damit das größte Leid, dass
sie dich an uns erzürnen und uns mir ihrem Verderben
nichts geholfen ist, sondern sie viel lieber mit uns wollen selig sehen. Amen.
Und wer hier
fühlt, dass er nicht wohl vergeben kann, der mag um Gnade bitten, dass er
vergeben könne. Aber das gehört in die Predigt.
Und führe uns nicht in Versuchung.
Und sprich:
Ach lieber
HERR Gott Vater, erhalte uns wacker und frisch, hitzig und fleißig in deinem
Wort und Dienst, dass wir nicht sicher, faul und träge werden, als hätten wir’s
nun alles, damit uns der grimmige Teufel nicht erschleiche und übereile und
nehme uns wieder dein liebes Wort oder richte Zwietracht und Rotten unter uns
an, oder führe uns sonst in Sünde und Schande, beide, geistlich und leiblich.
Sondern gib
uns durch deinen Geist Weisheit und Kraft, dass wir ihm ritterlich widerstehen
und den Sieg behalten. Amen.
Sondern erlöse uns von dem Übel.
Und sprich:
Ach lieber
HERR Gott Vater. es ist doch dieses elende Leben so voll Jammer und Unglück,
Unsicherheit, so voll Untreue und Bosheit (wie St. Paulus sagt: Die Tage sind
böse), dass wir billig des Lebens müde und des Todes begierig sein sollten.
Aber du, lieber Vater, kennst unsere Schwachheit.
Darum hilf
uns durch solches mannigfaltige Übel und Bosheit sicher fahren. Und wenn die
Zeit kommt, gib uns ein gnädiges Stündlein und seligen Abschied von diesem
Jammertal, dass wir vor dem Tod nicht erschrecken noch verzagen, sondern mit
festem Glauben unsere Seelen in deine Hände befehlen. Amen.
Amen.
Zuletzt
merke, dass du musst das Amen allewege stark machen und nicht zweifeln, Gott
höre dir zu gewiss mit allen Gnaden und sage ja zu deinem Gebet.
Und denke
ja, dass du nicht allein da kniest und stehst, sondern die ganze Christenheit
oder alle fromme Christen bei dir und unter ihnen in einmütigem, einträchtigem
Gebet, welches Gott nicht verachten kann. Und gehe nicht vom Gebet, du habest
denn gesagt oder gedacht: Wohlan, dies Gebet ist bei Gott erhört, das weiß ich
gewiss und fürwahr. Das heißt Amen.
Auch sollst
du wissen, dass ich nicht will diese Worte alle im Gebet gesprochen haben, denn
da würde doch zuletzt ein Geklepper und eitel ledig
Gewäsch draus, aus dem Buch oder Buchstaben daher gelesen, wie die Rosenkränze
bei den Laien und die Gebete der Pfaffen und Mönche gewesen sind. Sondern ich
will das Herz damit gereizt und Unterricht haben, was es für Gedanken im
Vaterunser fassen soll. Solche Gedanken aber kann das Herz (wenn’s recht
erwärmt und zu beten lustig ist) wohl mit viel anderen Worten, auch wohl mit
weniger oder mehr Worten, aussprechen.
Denn ich
auch selber mich an solche Worte und Silben nicht binde, sondern heute so und
morgen anders die Worte spreche, wie ich warm und lustig bin. Bleibe doch so
nahe ich immer kann gleichwohl bei denselben Gedanken und Sinn. Kommt wohl oft,
dass ich in einem Stück oder Bitte in so reiche Gedanken spazieren komme, dass
ich die andern sechs lasse alle anstehen.
‚Durchs
Gesetz‘ soll anders nicht verstanden werden als Gottes Wort und Gebot, darin er
uns gebietet, was wir tun und lassen sollen, und unsern Gehorsam oder Werk von
uns fordert. Solches ist leicht zu verstehen in der Formursache, aber in der
Zweckursache sehr schwer. Die Gesetze aber oder Gebote, so von Werken reden,
die Gott von einem jeden besonders, nach Natur, Stand, Amt, Zeit und anderen
Umständen mehr fordert, sind mancherlei. …
Dagegen das
Evangelium oder der Glaube ist solche Lehre oder Wort Gottes, das nicht unsere
Werke fordert, noch uns gebietet, etwas zu tun, sondern heißt uns die
angebotene Gnade von Vergebung der Sünden und ewiger Seligkeit schlicht
annehmen und uns schenken lassen. Da tun wir ja nichts, sondern empfangen nur
und lassen uns geben, was uns durchs Wort geschenkt und dargeboten wird, dass
Gott verheißt und dir sagen lässt: Dies und das schenke ich dir usw. Wie, in der Taufe, die ich nicht gemacht,
noch mein Werk, sondern Gottes Wort und Werk ist, spricht er zu mir: Halt her,
ich taufe dich und wasche dich von allen deinen Sünden; nimm sie an, sie soll
dein sein. Wenn du dich nun so taufen lässt, was tust du mehr, als dass du
solches Gnadengeschenk empfängst und annimmst? So ist nun der Unterschied
zwischen Gesetz und Evangelium dieser: Durch das Gesetz wird gefordert, was wir
tun sollen, dringt auf unser Werk gegenüber Gott und den Nächsten; im
Evangelium aber werden wir zur Spende oder zum reichen Almosen gefordert, da
wir nehmen und empfangen sollen Gottes Huld und ewige Seligkeit. …
15. Darum,
wenn mich das Gesetz beschuldigt: Ich habe dies und das nicht getan, ich sei
ungerecht und ein Sünder, in Gottes Schuldregister geschrieben, muss ich
bekenne, es sei alles wahr. Aber die Folgerede: Darum bist du verdammt, muss
ich nicht einräumen, sondern mich mit starken Glauben wehren und sagen: Nach
dem Gesetz, welches mir meine Schuld zurechnet, bin ich wohl ein armer,
verdammter Sünder, aber ich appelliere an vom Gesetz zum Evangelium, denn Gott hat
über das Gesetz noch ein anderes Wort gegeben, das heißt das Evangelium,
welches uns seine Gnade, Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Leben
schenkt, dazu frei und los spricht von deinem Schrecken und Verdammnis, und
tröstet mich, alle Schuld sei bezahlt durch den Sohn Gottes, Jesus Christus
selbst. Darum ist es hoch vonnöten, dass man beide Worte recht wisse zu lenken
und zu handeln, und fleißig zusehe, dass sie nicht ineinander vermengt werden.
….
Wer nun dem
Gesetz nicht genug getan, in Sünde und Tod gefangen liegt, der wende sich vom
Gesetz zum Evangelium, glaube der Predigt von Christus, dass er wahrhaftig sei
das Lämmlein Gottes, das der Welt Sünde trägt, seinen
himmlischen Vater versöhnt, ewige Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit allen, die
es glauben, lauter umsonst und aus Gnaden schenkt. Zu dieser Predigt allein
halte er sich, rufe Christus an, bitte um Gnade und Vergebung der Sünden,
glaube fest (denn allein mit dem Glauben wird dies große Geschenk gefasst), so
hat er, wie er glaubt.[9]
11. Und ist
zu wissen, dass die ganze Heilige Schrift wird in zweierlei Wort geteilt,
welche sind Gebote oder Gesetze Gottes und Verheißungen oder Zusagen. Die
Gebote lehren und schreiben uns vor mancherlei gute Werke, aber damit sind sie
noch nicht geschehen. Sie weisen wohl, sie helfen aber nicht; lehren, was man
tun soll, geben aber keine Stärke dazu. Darum sind sie nur dazu geordnet, dass
der Mensch darin sehe sein Unvermögen zu dem Guten und lerne, an sich selbst
verzweifeln. Und darum heißen sie auch das Alte Testament und gehören alle ins
Alte Testament. Wie das Gebot: „Du sollst nicht böse Begierde haben“, beweist,
dass wir allesamt Sünder sind, und kein Mensch vermag zu sein ohne böse
Begierde, er tue, was er will; daraus er lernt, an sich selbst verzagen und
anderswo Hilfe zu suchen, dass er ohne böse Begierde sei und so das Gebot
erfülle durch einen anderen, das er aus sich selbst nicht vermag. So sind auch
alle anderen Gebote uns unmöglich.
12. Zum
neunten. Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unvermögen gelernt und
empfunden hat, dass ihn nun angst wird, wie er dem Gebot genugtue, da das Gebot
muss erfüllt sein oder er muss verdammt sein, so ist er recht gedemütigt und
zunichte geworden in seinen Augen, findet nichts in sich, damit er könne fromm
werden. Denn so kommt das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusage, und
spricht: Willst du alle Gebote erfüllen, deiner bösen Begierde und Sünde los
werden, wie die Gebote zwingen und fordern; siehe da, glaube an Christus, in
welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit, glaubst
du, so hast du; glaubt du nicht, so hast du nicht. Denn das dir unmöglich ist
mit allen Werken der Gebote, der viel und doch kein nutz sein müssen, das wird
dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kurz in den Glauben
gestellt alle Dinge, dass, wer ihn hat, soll alle Dinge haben und selig sein;
wer ihn nicht hat, soll nichts haben.
13. So geben
die Zusagen Gottes, was die Gebote fordern, und vollbringen, was die Gebote
heißen, auf dass es alles Gottes eigen sei, Gebot und Erfüllung. Er verheißt
allein; er erfüllt auch allein. Drum sind die Zusagen Gottes Worte des Neuen
Testament und gehören auch ins Neue Testament.[10]
Dieses ist
ein sehr schönes Evangelium, in welchen wir sehen, was der richtige Weg, der
gewisse Weg zum ewigen Leben ist. …
(Hervorhebungen sind jeweils vom Hrsg.) „Wer ein Christ sein und in das
Reich Gottes kommen will, der muss eine andere Geburt haben als die erste
fleischliche Geburt. Die alte fleischliche Geburt tut es nicht. Wer da will ein
Christ sein, der muss den alten Adam gar ausziehen, eine andere Geburt suchen
und von neuem geboren werden.“[11] Zu
solchem Werk kommt danach die dritte Person, der Heilige Geist, welcher durch
das Wasser der seligen Taufe den Glauben im Herzen anzündet, uns also eine
Wiedergeburt zum Reiche Gottes schenkt.
Denn so man
das Reich Gottes nicht sehen kann, man sei erst wiedergeboren: daraus folgt ja,
dass so, wie wir geboren sind mit Vernunft, freiem Willen, mit dem Gesetz und
allen guten Übungen, welche beides die Vernunft und der Wille kann erfüllen,
müssen wir verdammt sein; dieses alles hilft nicht zum Reich Gottes.
… „Denn ob es wahr ist, dass Gott das
Gesetz gegeben und von euch fordert so seid ihr darum noch nicht vor Gott
gerecht. Denn es ist zweierlei, das Gesetz haben und das Gesetz erfüllen. Es ist
noch lange nicht erfüllt, dass ihr äußerlich die Werke tut. Es muss ganz und
gar gehalten sein, mit Leib und Seele und von Grund des Herzens, ohne allen
Ungehorsam und Sünde. … „Es ist’s und tut’s nichts vor Gott mit deiner und
aller Pharisäer, ja, aller Menschen Leben und Werken, so ihr für Heiligkeit
haltet; es muss ein ander Ding werden, dass der
Mensch von neuem geboren, das ist, gar ein anderer Mensch werde, sonst kann er
nicht in Gottes Reich kommen.“[12] Aber das ist beschlossen, es können so viel
gute Tugenden und gute Werke sein, wie sie wollen: Ist die Wiedergeburt
nicht da, so gehört alles an Tugenden und Werken zum Teufel und in die Hölle.
In den Himmel und in das Reich Gottes geht es dadurch nicht. Dieses sagt
Christus selbst und es soll niemand daran zweifeln. …
Darum tue
beides, übe dich, die Zehn Gebote zu halten, und bekenne doch mit rechtem
Ernst daneben, dass du ein armer Sünder bist, der wegen seines Tuns wegen ewig
müsste verdammt sein. Danach höre unserem Heiland Christus weiter zu, wie
er wiederum tröstet, nachdem er, unserer ersten Geburt wegen, uns die Seligkeit
so einfach abgesagt hat. … Denn hier steht es klar: Wenn man Gesetz und
Werke aufs Beste befolgt, so können sie doch zum Reich Gottes nicht helfen, es
sei denn, dass man wiedergeboren wird durch Wasser und Geist. … Es
dient aber solches schreckliche Urteil dazu, dass der Herr damit zeigen will,
wie unsere erste Geburt sündhaft ist, und nichts an uns ist, dessen wir des
ewigen Lebens wert sind, auf das wir nicht allein sicher noch hoffärtig werden,
sondern in uns schlagen, uns vor Gott demütigen und Gnade begehren. … .
„Dass alle Menschen, wie sie sind und leben von Natur, verdammt und unter der
Sünde sind; wie auch St. Paulus in der Epistel an die Römer bald am Anfang
beweist und schließt. Und ist also erstlich dieser Spruch und Schluss gesetzt:
Dass der Mensch in seiner Natur und nach allem Vermögen derselben Gottes Gesetz
nicht erfüllen kann, ob er’s schon sich zu halten untersteht, und dass es nicht
heißt, das Gesetz gehalten, dass er äußerlich nach menschlichen Kräften die
Werke tut: Darum könne auch das Gesetz dem Menschen nicht zur Frömmigkeit vor
Gott helfen, noch von Sünden und ewigem Zorn erretten.“[13]
Wollen wir es
aber sehen, so müssen nicht unsere Werke, sondern es muss ein anderer und
neuer Mensch werden. Dieses geschieht nicht durch die leibliche Geburt,
sondern durch Wasser und Geist; dieses sind die rechten Vater und Mutter zu
dieser neuen Frucht. … Das Wasser nun ist anderes nichts als die heilige
Taufe. Denn so spricht Christus, Markus im 16. Kapitel, Vers 16: ‚Wer
glaubt und getauft wird, der wird selig.‘ Nun aber hat das Wasser solche reine
Kraft nicht von Natur aus. Denn Wasser ist Wasser, das ist, ein Element und
Kreatur, die für sich selbst das Herz nicht rühren rund nicht ändern, oder die
Sünden abwaschen kann. Kleider und was Unflat an der Haut ist, kann man mit
Wasser reinigen und säubern, aber die Seele lässt sich durch Wasser nicht
rühren noch reinigen. Das Wasser aber, wovon der Herr hier spricht und wir dazu
Taufwasser sagen, ist nicht ein bloßes, natürlich es Wasser; sondern es ist
ein Wasser, da Gottes Worte, Befehl und Verheißung drin sind. Da kommen
zwei Dinge zusammen, Wasser und Wort, und werden so ineinander gefügt, dass man
keines vom anderen abschneiden kann. Tust du das Wort vom Wasser, so hast du
keine Taufe; tust du das Wasser vom Wort, so hast du auch keine Taufe. Wenn
aber Wasser und Worte zusammen bleiben, da ist dann ein solches Wasser, in
welchem der Heilige Geist ist, und durch dasselbe wirst du zum Reich Gottes
wieder geboren, das ist, dir deine Sünde vergeben und er dich selig machen will. …
„Der Mensch
muss durch diese Predigt des Evangeliums und Amt der Taufe von neuem geboren
werden, in welchem wirkt der Heilige Geist usw. Denn durch das Wort erleuchtet
er das Herz und zeigt Gottes Zorn über die Sünde und wiederum Gottes Gnade, um
seines Sohnes Christus willen verheißen; dadurch die Herzen entzündet, anfangen
zu glauben und sich nun zu Gott kehren, [sich] seiner Gnade trösten, ihn
anrufen usw.; und ihren Glauben zu erwecken und stärken auch die Taufe gibt als
ein gewisses Zeichen neben dem Wort, dass er unsere Sünde abwasche und tilge
und uns solche verheißene Gnade zuspricht stets fest zu halten und den Heiligen
Geist zu reden usw.“[14]
Aber, spricht
Christus, verachte ja niemand um solches schlichten Aussehens willen dieses
Werk. Denn der Heilige Geist führt sein Werk heimlich; da gehört der Glaube
zu, der die Worte fasst, und nicht daran zweifelt, es sei also, wie die Worte
hier lauten. Denn mit den Augen wirst du es nie sehen, verstehen noch
fassen können. Eben wie es mit dem Wind auch ist: Den Wind hörst du sausen;
aber das durch ihn so solltest fassen, dass du sagen könntest: hier fängt er
an, da hörte auf, das ist nicht möglich. Also geht es hier auch zu. Das
äußerliche Werk mit dem Wasser sieht man, und hört das Worte klingen oder
sausen, dass es geschehe in Namen Jesu, zur Abwaschung der Sünden. Wer an
das Wort sich nicht halten, und den Geist und seine Wirkung anders fassen oder
suchen will, der wird fehlen. Denn soll er aus dem Geist geboren werden,
so gehört mehr nicht dazu, als das wer sich taufen lässt mit Wasser, und auf
das Sausen (das ist, auf das Wort) merke auf dasselbe und mit Glauben annehme;
so wird er zu dem Reich Gottes wieder geboren, und durch nichts anderes. …
Da geht dann der richtige Trost an, dass, eben wie du vorher gehört hast, kein
Mensch in den Himmel kommt: Also hörst du hier, dass alle, die da glauben an
Jesus Christus, die sollen nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Das ist nun das liebliche Sausen, wo man den Heiligen Geist spüren und fassen
kann. …
Denn da
müssen beide Predigten in der Christenheit gesprochen werden. Die erste, von
der Sünde und unserer verdorbenen Art und Natur, dass wir unseres Werkes,
Lebens, Tuns und Lassens wegen ganz verzagt sein müssen, dass wir merken, so
kommen wir nicht in den Himmel. Wenn nun die Herzen durch solche Predigt
richtig getroffen und erschreckt sind, da muss auch der Trost folgen, wie
Jesus Christus, der Sohn Gottes, vom Himmel herunter auf die Erde gekommen,
unser Fleisch und Blut an sich genommen, und den Tod unserer Sünde erlitten
hat, auf dass wir dadurch von den Sünden frei und wieder zum Erbe des ewigen
Lebens gebracht werden sollen. Wer diese Predigt annimmt, dass er es fürwahr
hält und sich tröstet, der ist genesen, dass ihn Christus nicht hier unten auf
Erden und im Tode lassen, sondern will ihn mit sich hinauf in den Himmel
führen. …
Also haben
wir auf das einfältigste die Lehre des heutigen Evangeliums: Dass wir Menschen
von Natur Sünder und des ewigen Todes würdig sind. Aber dadurch sollen wir vom
ewigen Tod erlöst werden, wenn wir den Menschen Christus Jesus am Kreuz
ansehen, dass er für uns da bezahlt, den Tod erwürgt, und uns mit Gott versöhnt
und zum ewigen Leben gebracht hat. Diese Lehre ist es, die andere Menschen und
ganze neue Herzen macht, dass wir in Sünden, im Tod und anderer Anfechtung
sagen können. ‚Es ist wahr, die alte Schlange, der Teufel, hat mich übel
gebissen und schrecklich vergiftet, aber dagegen tröste ich mich, dass ich
weiß, wenn auch mein Herr Jesus Christus seiner Menschheit wegen auch das
Ansehen hat, er sei voller Gift wie eine andere Schlange, so hat er doch kein
Gift an sich, sondern darum hängt er, dass er mich von meinem Gift reinigen und
mir helfen will gegen meine Sünden, Tod und Teufel. Deswegen lass nur den
Teufel getrost kommen, lass den Teufel mich fressen und mir alles Unglück
anlegen, ich will mich an meinen Herrn und Heiland Jesus Christus halten, und
mich dessen trösten, dass er darum erhöht ist, auf das die, die an ihn glauben,
nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. „Das ist ein geistliches
Ansehen, nämlich wenn ich Christus, am Kreuz erhöht, so ansehe, dass ich
glaube, er sei mir zugut geboren und Mensch geworden, für meine Sünden
gestorben und um meiner Gerechtigkeit willen wieder auferweckt. In Summa, dass
er Gottes Lamm sei, welches der Welt Sünde trägt.“[15]
„Durch Wasser
und Geist, spricht Christus, das ist, durch die Predigt des Evangeliums und
Taufe, dadurch, als durch das äußerliche Amt in den Kirchen, der Heilige Geist
wirkt in des Menschen Herzen. Das Wort des Evangeliums zeigt und offenbart dem
Herzen den erhöhten und gekreuzigten Christus, als den einigen Heiland und
Mittler. Die Taufe ist ein gewisses Zeichen und Zeugnis neben dem Wort, dadurch
das Wort versichert wird, und darin Gott seine verheißene Gnade, dass er unsere
Sünde abwaschen und tilgen wolle, verspricht, stets und fest zu halten. Bei dem
Wort und Taufe ist der Heilige Geist mit seiner Kraft; der zündet an und
erweckt das Herz zum Glauben, dass es in Furcht und Schrecken sich mit gewisser
Zuversicht halte an die Verheißung von Christus. Wenn nun ein Mensch durch den
Heiligen Geist fest glaubt, dass Christus Gottes Sohn für unsere Sünde am Kreuz
erhöht und gestorben ist, das macht ein neues Herz und neuen Sinn und wird so
ein ganz neuer Mensch hier durchs Wort, an der Seele.“[16] [17]
1. Es gibt zweierlei Gerechtigkeit der Christen,
wie auch die Sünde der Menschen zweierlei ist. Die erste Gerechtigkeit ist eine
fremde und von außen eingegossen, das ist die, durch welche der HERR Christus
gerecht ist und durch den Glauben rechtfertigt; wie St. Paulus im ersten Brief
an die Korinther im ersten Kapitel, Vers 30, spricht: „Der uns gemacht ist von
Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.“
Denn der HERR Christus hat auch selbst, wie im Evangelium von St. Johannes im elften Kapitel, Vers 25, steht, gesagt:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird nicht sterben
in Ewigkeit.“ Und abermals bei St. Johannes im Evangelium im 14. Kapitel, Vers
6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“
2. Deshalb
wird dieselbe Gerechtigkeit den Menschen in der Taufe gegeben und zu aller Zeit
in der wahren Buße, so dass sich der Mensch mit
Vertrauen kann in dem HERRN Christus rühmen und freuen und sprechen: Das
ist mein, was der HERR Christus gelebt, gehandelt, getan, geredet und gelitten
hat und in der Folge gestorben ist, nicht anders, als wenn ich dasselbe Leben,
Handeln, Wesen, Reden, Leiden und Sterben geführt und erlitten hätte, eben wie
der Bräutigam alles das hat, das der Braut ist; und die Braut alles das hat,
das des Bräutigams ist. Denn alles, das sie haben, ist ihnen beiden gemeinsam,
denn sie sind ein einiges Fleisch; so sind der HERR Christus und die Kirche
oder christliche Versammlung ein einiger Geist; Eph. 5,29 ff.; Gal. 3,28.
5. Deshalb
wird durch den Glauben an Christus die Gerechtigkeit Christi unsere
Gerechtigkeit, und alles, das sein ist; ja, er wird selbst der Unsere. Demnach
nennt sie St. Paulus in der Epistel an die Römer im ersten [Kapitel], V.17:
„die Gerechtigkeit Gottes“. Die Gerechtigkeit wird offenbart und entdeckt im
Evangelium, wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt seines Glaubens“; Hab.
2,4; Hebr.10,38. So wird auch ein solcher Glaube genannt die Gerechtigkeit Gottes,
wie St. Paulus meldet in der berührten Epistel an die Römer im 3. [Kapitel], V.
28: „So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde allein durch den
Glauben.“
6. Dieses ist
die unendliche Gerechtigkeit, die alle Sünden im Augenblick verzehrt; denn es
ist unmöglich, dass eine Sünde in oder an Christus hafte und hänge. Aber wer an
Christus glaubt, der haftet an ihm und ist ein einiges Ding mit Christus; hat
auch eine einige Gerechtigkeit mit ihm. Darum ist es unmöglich, dass in ihm
Sünde bleibe.
9. Darum ist
das eine fremde Gerechtigkeit und ohne unsere Werke, allein durch die Gnade uns
eingegossen, wenn uns inwendig der himmlische Vater zu dem Sohn Christus zieht;
und wird entgegengesetzt der Erbsünde, welche auch eine fremde ist, ohne unsere
Handlung, allein durch die Geburt an uns gewachsen, geflossen und gekommen. Und
so vertreibt der HERR Christus [den alten Adam][18]
von Tag zu Tag mehr und mehr, in dem Maß, in dem der Glaube und die Erkenntnis
Christi zunehmen. Denn diese fremde Gerechtigkeit ist nicht gleich ganz
eingegossen; sondern hebt an, nimmt zu und wird endlich durch den Tod
vollkommen.[19] [20]
V. 16: Doch, weil wir wissen, dass der Mensch durch
des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus
Christus.
… Die rechte
christliche Weise zu lehren ist diese: Dass der Mensch zuerst durch das Gesetz
erkennen soll, dass er ein Sünder sei, dem es unmöglich ist, irgendein gutes
Werk zu tun. Denn das Gesetz spricht: Du bist ein böser Baum, deshalb streitet
alles gegen Gott, was du denkst, redest und tust. Daher kannst du mit deinen
Werken die Gnade nicht verdienen. Wenn du dies dennoch unternimmst, so machst
du aus Übel Ärgeres, denn, weil du ein böser Baum bist, so kannst du nichts als
böse Früchte bringen, das heißt, Sünden, denn „was nicht aus dem Glauben geht,
das ist Sünde“ [Röm. 14,23]. Deshalb, wer durch vorhergehende Werke Gnade
verdienen will, der will Gott durch Sünden versöhnen, das ist nichts anderes,
als Sünden auf Sünden häufen, Gott verlachen und seinen Zorn herausfordern.
Wenn der
Mensch durch das Gesetz so unterrichtet, geschreckt und gedemütigt wird, und in
Wahrheit die Größe seiner Sünde sieht, und nicht die geringste Spur von Liebe
gegen Gott bei sich findet, so gibt er Gott recht in seinem Wort und bekennt,
dass er des ewigen Todes und der Verdammnis schuldig sei. Der erste Teil der
christlichen Lehre ist also die Predigt von der Buße und von der rechten
Selbsterkenntnis.
Der zweite
Teil [dieser Lehre] ist: Wenn du selig werden willst, so kannst du die
Seligkeit nicht durch Werke überkommen, sondern „Gott hat seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt, dass wir durch ihn
leben sollen“ [1. Joh. 4,9]. Der ist für dich gekreuzigt und gestorben und „hat
deine Sünden an seinem Leib geopfert“ [1. Petr. 2,24]. Da ist nichts, was Gott
billigerweise ansehen müsste oder irgendein Werk vor der Gnade, sondern nichts
als Zorn, Sünde, Schrecken und Tod. Daher zeigt das Gesetz die Sünde nur an,
erschreckt und demütigt, und bereitet auf diese Weise zur Rechtfertigung und
treibt zu Christus hin. Denn Gott hat durch sein Wort offenbart, dass er ein
gnädiger Vater sein werde, welcher uns, da wir nichts verdienen können, ohne
unser Verdienst umsonst die Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und ewiges
Leben um Christi willen schenken wolle. Denn er ist ein Gott, der allen umsonst
seine Gaben schenkt, und das ist der Ruhm, dadurch seine Gottheit gepriesen
wird. Aber diese seine Gottheit kann er gegen die Werkgerechten nicht
verteidigen, denn sie wollen Gnade und ewiges Leben von ihm nicht umsonst
annehmen, sondern mit ihren Werken verdienen; darum wollen sie ihm
schlechterdings die Ehre der Gottheit rauben. Damit er diese nun behalten
könnte, musste er das Gesetz vorher senden, um diese überaus harten Felsen zu
schrecken und zu zerschmettern, wie durch einen Blitz und Donnerschlag vom
Himmel.
Dies ist in
der Kürze unsere Theologie von der christlichen Gerechtigkeit. …
Darum ist der
christliche Glaube nicht eine müßige Eigenschaft (qualitas)
oder eine leere Hülse im Herzen, welche auch bei einer Todsünde vorhanden sein
könnte, bis dass die Liebe hinzukomme und ihn lebendig mache, sondern wenn es
der rechte Glaube ist, so ist er eine gewisse Zuversicht des Glaubens und ein
festes Vertrauen, durch welches Christus ergriffen wird, so dass Christus der
Gegenstand ist, auf welchen sich der Glaube richtet, ja, nicht der Gegenstand,
sondern, dass ich so sage, Christus ist im Glauben selbst gegenwärtig. …
Es
rechtfertigt also der Glaube, weil er diesen Schatz ergreift und besitzt,
nämlich den gegenwärtigen Christus. …
Gegen das
unnütze Geschwätz und ganz nichtige Träume lehren wir, wie wir … den Glauben
und die rechte Weise des christlichen Wesens so, dass der Mensch zuerst durch
das Gesetz unterrichtet werden soll, sich selbst zu erkennen, damit er beten
lerne mit dem Propheten: „Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den
sie an Gott haben sollten“, desgleichen: „Da ist kein Gerechter, auch nicht
Einer, da ist kein Verständiger, da ist keiner, der nach Gott frage; alle sind
sie abgewichen“ usw. [Ps. 14,1.2.3], desgleichen [Ps. 51,6]: „An dir allein
habe ich gesündigt“ usw. So schrecken wir in entgegengesetzter Weise die
Menschen von dem Verdienst nach Billigkeit und Würden ab. Wenn der Mensch aber
durch das Gesetz gedemütigt und dazu gebracht worden ist, dass er sich selbst
erkenne, dann ist er wahrhaft bußfertig geworden (denn die wahre Buße fängt an
der Furcht und dem Gericht Gottes an), und sieht, dass er ein so großer Sünder
ist, dass er durch seine Kräfte, Bemühungen und Werke von den Sünden nicht befreit
werden könne.
Erst dann
versteht er recht, was Paulus meine, da er sagt: Der Mensch sei ein Knecht und
Gefangener der Sünde; desgleichen: Gott habe alles unter die Sünde beschlossen;
die ganze Welt sei schuldig vor Gott usw. [Röm. 7,23; 6,20; Gal. 3,22]. … Hier
erhebt sich nun ein solches seufzen: Wer kann hier helfen? Denn so verzweifelt
der Mensch, welcher durch das Gesetz erschreckt ist, ganz und gar an seinen
Kräften, sieht umher und seufzt um Hilfe nach einem Mittler und Heiland.
Da kommt denn
das heilsame Wort des Evangeliums zu gelegener Zeit und spricht: Sei getrost,
mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben. Glaube an Jesus Christus, der für
deine Sünden gekreuzigt ist usw. Wenn du deine Sünden fühlst, so siehe sie
nicht an dir an, sondern gedenke, dass sie auf Christus gelegt sind, dessen
Wunden dich geheilt haben usw. Jes. 53,5; 1. Petr. 2,24.
Dies ist der
Anfang der Seligkeit. Auf diese Weise werden wir von der Sünde befreit, wir
werden gerechtfertigt, und das ewige Leben wird uns geschenkt, nicht um unserer
Verdienste und Werke willen, sondern um des Glaubens willen, durch welchen wir
Christus ergreifen. …
Christus aber
ist recht eigentlich nicht ein Gesetzgeber, sondern ein Versöhner und Heiland.
Dies ergreift der Glaube und glaubt ohne Zweifel, dass er die Werke und
Verdienste nach Billigkeit und nach Würden mehr als überflüssig zuwege gebracht
habe, denn er hätte mit einem einzigen Tröpflein Blut für die Sünden der Welt
genugtun können. Nun aber hat er reichlich für uns genuggetan. Hebr. 9,12:
„Durch sein eigenes Blut ist er einmal in das Heilige eingegangen“ usw., und
Röm. 3,24 f.: „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die
Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist, welchen Gott hat vorgestellt
zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut“ usw. Darum ist es etwas
Großes, dass man Christus im Glauben ergreife, der da trägt die Sünde der Welt,
und allein dieser Glaube wird zur Gerechtigkeit gerechnet, Röm. 3,28; 4,5.
Hier ist wohl
zu merken, dass diese drei Dinge, der Glaube, Christus und [Gottes] Annehmen
oder Zurechnen [der Gerechtigkeit Christi] zusammen gehören. Der Glaube
ergreift Christus und hat ihn gegenwärtig und hält ihn eingeschlossen, wie ein
Ring einen Edelstein umfasst, und ein jeglicher, der erfunden wird, dass er
Christus mit dieser Zuversicht im Herzen ergriffen habe, den rechnet Gott für
gerecht. Dies ist die Weise und das Verdienst, dadurch wir zur Vergebung der
#Sünden und zur Gerechtigkeit gelangen. Weil du an mich glaubst, sagt Gott, und
dein Glaube Christus ergreift, den ich dir geschenkt habe, damit er dein
Mittler und Hoherpriester wäre, darum sollst du
gerecht sein.[21]
12. Das ist
aber der Glaube, der (wie wir zu reden pflegen) Christus ergreift, welcher um
unserer Sünden willen gestorben und um unserer Rechtfertigung[22]
willen auferstanden ist.
13. Das ist,
der nicht bloß hört, was die Juden und Pilatus mit dem gekreuzigten Christus
gehandelt und was von dem auferstandenen Heiland erzählt wird;
14. sondern
der auch erkennt die Liebe des himmlischen Vaters, der dich durch den für deine
Sünden dahingegebenen Christus hat erlösen und selig machen wollen.
15. Diesen
Glauben predigt Paulus, welchen der Heilige Geist mittelst des Wortes des
Evangeliums in den Herzen derer, die es hören, schenkt und erhält.
16. Das ist
der Glaube, der in Wahrheit der eingegossene zu nennen ist, und den wir aus
unseren Kräften nicht erlangen können (wie man jenen erlangten überkommen
kann).
17. Der
erlangte oder der Sophisten eingegossene Glaube spricht von Christus: Ich
glaube, dass der Sohn Gottes gelitten hat und wieder auferweckt worden ist.
Hier hört er auf und geht nicht weiter.
18. Hingegen
spricht der wahre Glaube: Ich glaube zwar, dass der Sohn Gottes gelitten hat
und wieder auferstanden ist; das hat er aber alles für mich getan, für meine
Sünden, dessen bin ich gewiss.
19. Denn er
ist ja für die Sünden der ganzen Welt gestorben. Nun aber ist kein Zweifel,
dass ich auch mit zur Welt gehöre. Also ist’s ganz gewiss, dass er auch für
meine Sünden gestorben sei.
20. Der
erlangte Glaube braucht das Leiden Christi zur bloßen Beschaulichkeit; der
wahre Glaube hingegen braucht dasselbe zum Leben und zur Seligkeit. …
31. Es hören
zwar alle das Wort, wie geschrieben steht Psalm 19: Ihr Schall ist in alle
Lande ausgegangen.
32. Allein,
nicht bei allen ist der Glaube anzutreffen, wie gleichfalls geschrieben ist
Jes. 52: Wer glaubt unserer Predigt?
33. So geben
alle, die da sagen, die Werke machen vor Gott gerecht, zu erkennen, dass sie
gar nichts von Christus und vom Glauben verstehen.[23]
1. Aus dieser
Stelle ist es klar genug, dass die Art und Weise, wie der Mensch vor Gott
gerecht wird, von der Art und Weise, wie derselbe vor Menschen gerechtfertigt
wird, weit unterschieden sei.
2. Denn
Paulus setzt ausdrücklich den Glauben den Werken entgegen, nimmt den Werken die
Rechtfertigung vor Gott und legt sie dem Glauben bei.
3. Wenn der
Mensch durch die Werke gerecht wird, so hat er zwar Ruhm vor Menschen, aber
nicht vor Gott, Röm. 4.
4. Der Mensch
wird durch den Glauben vor Gott gerecht, ob er schon vor Menschen und in sich
selbst Schande und Unehre findet.
5. Das ist
das Geheimnis Gottes, der seine Heiligen wunderlich führt, Ps. 4, welches nicht
nur die Gottlosen einzusehen und zu erkennen nicht fähig sind, sondern auch
selbst den Frommen wunderbar und fast unglaublich vorkommt.[24]
27. Nun aber
ist’s ausgemacht, dass Christus oder seine Gerechtigkeit, weil sie außer uns
und eine fremde Gerechtigkeit ist, könne durch unsere Werke nicht ergriffen
werden.
28. Sondern
der Glaube selbst, der aus der Predigt von Christus durch den Heiligen Geist
uns eingegossen wird, ergreift Christus.
29. So macht
auch allein der Glaube gerecht, ohne unsere Werke. Denn ich kann nicht sagen:
Ich tue Christus oder die Gerechtigkeit Gottes.
30. Gleichwie
ich kann sagen: Ich tue die Werke entweder der himmlischen Gerechtigkeit, durch
den Heiligen Geist; oder der irdischen und weltlichen Gerechtigkeit, durch die
bloße Natur.
31.Deshalb
sagt man ganz recht, dass wir durch den Glauben gerecht werden ohne des
Gesetzes Werke.
32. Welches Gerechtfertigtwerden dieses mit einschließt, dass wir
nämlich um Christi willen durch den Glauben für gerecht angesehen werden.
33. Und dass
uns gar keine Sünde, welche solche, die wir vorher begangen, noch auch
diejenige, die in unserm Fleisch noch übrig bleibt, zugerechnet, sondern gleich
als wenn keine mehr da wäre, durch die Vergebung von uns weggenommen werde.[25]
21. Und zwar
werden wir allein durch den Glauben dergestalt gerecht, dass weder die
Vernunft, noch das Gesetz, noch selbst die Erfüllung des Gesetzes, welche Liebe
genannt wird, etwas zur Rechtfertigung beitragen.
22. Denn der
Glaube allein erlangt vor der Hoffnung und vor der Liebe die Vergebung der
Sünden allein um Christi willen und macht durch denselben [Christus] die Person
angenehm, vor dem Verdienst der Liebe und ohne dasselbe.[26]
41. Siehe, so
musst du Christus in dich bilden und sehen, wie in ihm Gott seine
Barmherzigkeit dir vorhält und anbietet ohne alle deine zuvorkommenden
Verdienste: Und aus solchem Bild seiner Gnade schöpfen den Glauben und
Zuversicht der Vergebung aller deiner Sünden. Darum hebt der Glaube nicht an
den Werken an; sie machen ihn auch nicht; sondern er muss aus dem Blut, Wunden
und Sterben Christi quellen und fließen, in welchem du siehst, dass dir Gott so
hold ist, dass er auch seinen Sohn für dich gibt, muss dein Herz süß und Gott
wiederum hold werden, und so die Zuversicht aus lauter Gunst und Liebe
erwachsen, Gottes gegen dir und deiner gegen Gott. So lesen wir noch nie, dass
jemandem der Heilige Geist gegeben sei, wenn er gewirkt hat; aber allezeit, wenn
sie haben das Evangelium von Christus und die Barmherzigkeit Gottes gehört. Aus
demselben Wort muss auch noch heute und allezeit der Glaube, und sonst
nirgends, herkommen; denn Christus ist der Fels, da man Butter und Honig aus
saugt, wie Mose sagt, 5. Mose 32,14.[27]
9. Zum
siebten. Darum sollte das billig aller Christen einiges Werk und Übung sein,
dass sie das Wort und Christus wohl in sich bildete, solchen Glauben stetig
übten und stärkten. Denn kein anderes Werk kann einen Christen machen, wie
Christus Joh. 6,28.29 zu den Juden sagt, da sie ihn fragten, „was sie für Werke
tun sollten, dass sie göttliche und christliche Werke täten? sprach er: Das ist
das einige göttliche Werk, dass ihr glaubt an den, den Gott gesandt hat“,
welchen Gott der Vater allein auch dazu verordnet hat. Darum ist’s gar ein
überschwänglicher Reichtum, ein rechter Glaube an Christus, denn er mit sich
bringt alle Seligkeit und nimmt ab alle Unseligkeit, wie Mark. 16,16: „Wer da
glaubt und getauft ist, der wird selig; wer nicht glaubt, der wird verdammt.“
Darum der Prophet, Jes. 10,23.22, den Reichtum desselben Glaubens ansah und
sprach: „Gott wird eine kurze Summa machen auch Erden, und die kurze Summa wird
wie eine Sündflut einfließen die Gerechtigkeit“, das ist, der Glaube, darinnen
kurz aller Gebote Erfüllung steht, wird überflüssig rechtfertigen alle, die ihn
haben, dass sie nichts mehr bedürfen, dass sie gerecht und fromm seien. So sagt
St. Paulus Röm. 10,10: „dass man von Herzen glaubt, das macht einen gerecht“
und fromm.
10. Zum
achten. Wie geht es aber zu, dass der Glaube allein mag fromm machen und ohne
alle Werke so überschwänglichen Reichtum geben, so doch so viel Gesetze,
Gebote, Werke, Stände und Weisen uns vorgeschrieben sind in der Schrift? Hier
ist fleißig zu merken und je mit Ernst zu behalten, dass allein der Glaube ohne
alle Werke fromm, frei und selig macht, wie wir hernach mehr hören werden.[28]
15. „Glaube“
ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten. Und
wenn sie sehen, dass keine Besserung des Lebens noch gute Werke folgen und doch
vom Glauben viel hören und reden können, fallen sie in den Irrtum und sprechen:
Der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke tun, soll man fromm und selig
werden. Das macht, wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und
machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich
glaube. Das halten sie denn für einen rechten Glauben. Aber wie es ein
menschliches Gedicht und Gedanken ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt, so
tut er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.
16. Aber
Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott,
Joh. 1,13, und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herzen,
Mut, Sinn und allen Kräften, und bringt den Heiligen Geist mit sich. …
17. Glaube
ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er
tausendmal darüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher
Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches
der Heilige Geist tut im Glauben. Daher der Mensch ohne Zwang willig und lustig
wird, jedermann Gutes zu tun, jedermann zu dienen, allerlei zu leiden Gott zu
Liebe und Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, so dass [es] unmöglich ist,
Werke vom Glauben [zu] scheiden, ja so unmöglich wie Brennen und Leuchten vom
Feuer mag geschieden werden. Darum siehe dich vor vor
deinen eigenen falschen Gedanken und unnützen Schwätzern, die vom Glauben und
guten Werken klug sein wollen zu urteilen, und sind die größten Narren. Bitte
Gott, dass er den Glauben ein dir wirke, sonst bleibst du wohl ewig ohne
Glauben, du dichtest und tust, was du willst oder kannst.[29]
10. Die
andere Gerechtigkeit ist unser und eigen; nicht darum, dass wir sie allein
wirken, sondern dass wir zusammen mit der ersten, fremden wirken; das ist die
gute Übung in den guten Werken, erstens in der Tötung und Verzehrung des
Fleisches und der Kreuzigung der Begierden gegen sich selbst; wie St. Paulus an
die Galater (5,24) schreibt: „Welche aber Christus angehören, die kreuzigen ihr
Fleisch samt den Lüsten und Begierden“; zweitens in der Liebe gegen den Nächsten;
drittens in der Demut und Furcht gegen Gott. Davon sind der Apostel St. Paulus
und alle Heilige Schrift voll. Aber St. Paulus umfasst das alles kurz in der
Epistel an Titus im 2. Kapitel, V. 12, und spricht: „Züchtig“, das ist, gegen
sich selbst in der Kreuzigung des Fleisches, und „gerecht“, als gegen den
Menschen, „und gottselig“, als gegen Gott, sollen wir in dieser Welt leben.
11. Diese
Gerechtigkeit ist ein Werk, Frucht und Folge der ersten Gerechtigkeit, wie St.
Paulus an die Galater (5,22) schreibt: „Die Früchte aber des Geistes – das ist,
des geistlichen Menschen, der durch den Glauben in Christus wird – sind: Liebe,
Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit“ usw. Denn der geistliche Mensch wird an
demselben Ort der Geist genannt: Welches aus diesem erkennbar wird, dass
dieselben Früchte sind Werke des Menschen. Und Joh. 3,6: „Was vom Fleisch
geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“
Diese Gerechtigkeit vollzieht und macht vollkommen[30]
die erste Gerechtigkeit, denn sie arbeitet und bemüht sich allezeit, auf dass
der Adam verderbt und der Leib der Sünde zerstört werde. Darum hasst sie sich
selbst und liebt den Nächsten; sie sucht nicht das Ihre, sondern was einem
andern dienstlich, gut und förderlich ist. Und in dem steht all ihr Wesen und
Übung; denn in dem, dass sie sich selbst hasst und nicht das Ihre sucht, macht
sie sich eine Kreuzigung des Fleisches; dass sie aber eines andern Frommen und
Förderung sucht, wirkt sie die Liebe. Und so tut sie in den beiden den Willen
Gottes, dass sie gegen sich selbst züchtig, gegen den Nächsten gerecht und
gegen Gott gottselig lebt.
14. Und in
dem folgt sie dem Vorbild und Beispiel Christi, 1. Petr. 2,21, und wird
gleichförmig seinem Bildnis. Denn dieses fordert Christus auch, eben da er alle
Dinge für uns getan und nicht das Seine, sondern allein das Unsere gesucht, und
in dem Gott auf’s allergehorsamste gewesen ist, so
will er, dass wir dies Beispiel auch gegen unseren Nächsten erzeigen sollen.
Diese Gerechtigkeit wird entgegengesetzt der werklichen und unserer eigenen
Sünde, wie zu den Römern im 6. Kapitel, V. 19: „Gleichwie ihr eure Glieder
begeben habt zu Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zu der
andern; so begebt nun auch eure Glieder zu Dienst der Gerechtigkeit, dass sie
heilig werden.“
18. Das ist
des Apostels Meinung, dass ein jeglicher Christenmensch soll, dem Beispiel
Christi nach, eines andern Christenmenschen Knecht werden.[31]
8. Die Werke
der Gnade sind, die aus dem Glauben kommen, durch den Heiligen Geist, der den
Willen des Menschen reizt und erneuert.
9. Doch muss
derselbe auch durch das äußerliche Wort und Zeichen, das ist, durch Drohungen
und Verheißungen, erinnert und ermuntert werden.
10. Denn es
hat dem großen Gott gefallen, mittels des Worts und der Sakramente den Geist
(und dessen Gaben) mitzuteilen und zu vermehren.
11. Und eben
diese Werke rechtfertigen vor Gott nicht, sondern geschehen von bereits
Gerechtfertigten, wiewohl sie mit Recht die Gerechtigkeit der Werke, die durch
Christus Gott angenehm ist, genannt werden.
12. Man muss
laufen und wollen; doch liegt es nicht am Laufen und Wollen, sondern an Gottes
Erbarmen, Röm. 9.
13. Man muss
sich nichts bewusst sein und doch auch wissen, dass man darum nicht
gerechtfertigt sei, Röm. 6; 1. Kor. 4.
14. Man muss
trachten, durch Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben, Röm. 2, doch
liegt es nicht an unserem Trachten, sondern an Gottes Erbarmen.
15. Endlich
muss man auch den Lauf vollenden und die beigelegte Krone der Gerechtigkeit
haben, 2. Tim. 4, doch liegt es nicht am Vollenden noch Haben,
sondern an Gottes Erbarmen.
16. Es wird
also das Gesetz auf eine zweifache Art erfüllt, nämlich durch den Glauben und
durch die Liebe.
17. Durch den
Glauben wird es erfüllt in diesem Leben, indem uns Gott die durch Christus
erworbene Gerechtigkeit oder Erfüllung des Gesetzes aus Gnaden zurechnet.
18. Durch die
Liebe wird es in jenem Leben erfüllt werden, da wir als eine neue Kreatur
Gottes vollkommen sein werden.[32]
34. Wir
gestehen, dass die guten Werke auf den Glauben folgen müssen, ja nicht nur
folgen müssen, sondern von freien Stücken folgen, gleichwie ein guter Baum
nicht muss gute Früchte tragen, sondern er trägt diese freiwillig.
35. Und
gleichwie die guten Früchte nicht erst einen Baum machen, so machen die guten
Werke die Person nicht gerecht.
36. Sondern
die guten Werke geschehen von einer Person, die schon vorher durch den Glauben
ist gerecht geworden, gleichwie die guten Früchte von einem Baum gegeben
werden, die schon vorher durch den Glauben ist gerecht geworden, gleichwie die
guten Früchte von einem Baum gegeben werden, der schon vorher seiner Natur nach
gut war.[33]
25. Erst wird
die Person für sich selbst gerecht gemacht, danach erweist sie sich geschäftig
gegen andere, gleichwie ein Baum zuerst in sich selber gut wird, danach gegen
andere durch Früchte sich geschäftig erzeigt.[34]
37. Zum einundzwanzigsten. Aber dieselben Werke dürfen nicht geschehen in der
Meinung, dass dadurch der Mensch fromm werde vor Gott, denn die falsche Meinung
kann der Glaube nicht leiden, der allein ist und sein muss die Frömmigkeit vor
Gott, sondern nur in der Meinung, dass der Leib gehorsam werde und gereinigt
von seinen bösen Lüsten, und das Auge nur sehe auf die bösen Lüste, sie
auszutreiben. Denn dieweil die Seele durch den Glauben rein ist und Gott liebt,
wollte sie gern, dass auch so alle Dinge rein wären, zuvor ihr eigener Leib,
und jedermann Gott mit ihr liebte und lobte. So geschieht’s, dass der
Mensch seines eigenen Leibes halben nicht kann müßig gehen und muss viele gute
Werke drüber üben, dass er ihn zwinge; und doch die Werke nicht das rechte Gut sind, davon er fromm und gerecht sei vor Gott, sondern
tue sie aus freier Liebe umsonst, Gott zu gefallen; nichts darin anders gesucht
noch angesehen, als dass es Gott so gefällt, welches Willen er gern täte aufs
allerbeste.[35]
43. Zum dreiundzwanzigsten. Darum sind die
zwei Sprüche wahr: Gute fromme Werke machen nimmermehr
einen guten frommen Mann; sondern ein guter frommer Mann macht gute fromme
Werke. Böse Werken machen nimmermehr einen bösen Mann; sondern ein böser Mann
macht böse Werke. Also, dass allewege die Person zuvor muss gut und fromm sein
vor allen guten Werken, und gute Werke folgen und ausgehen von der frommen
guten Person. Gleichwie Christus sagt Matth. 7,18: „Ein böser Baum trägt keine
guten Früchte. Ein guter Baum trägt keine bösen Früchte.“ Nun ist’s
offenbar, dass die Früchte tragen nicht den Baum, so wachsen auch die Bäume
nicht auf den Früchten, sondern wiederum, die Bäume tragen die Frucht, und die
Früchte wachsen auf den Bäumen. Wie nun die Bäume müssen eher sein als die
Früchte, und die Früchte machen nicht die Bäume weder gut noch böse, sondern
die Bäume machen die Früchte; so muss der Mensch in der Person zuvor fromm oder
böse sein, ehe er gute oder böse Werke tut, und seine Werke machen ihn nicht
gut oder böse, sondern er macht gute oder böse Werke.
44. Desgleichen sehen wir in allen
Handwerken. Ein gutes oder böses Haus macht keinen guten oder bösen Zimmermann,
sondern ein guter oder böser Zimmermann macht ein böses oder gutes Haus. Kein
Werk macht einen Meister, darnach das Werk ist; sondern wie der Meister ist,
darnach ist sein Werk auch. Also sind die Werke der Menschen auch; wie es mit
ihm steht im Glauben oder Unglauben, danach sind seine Werke gut oder böse. Und
nicht wiederum, wie seine Werke stehen, darnach sei er fromm oder gläubig. Die
Werke, gleichwie sie nicht gläubig machen, so machen sie auch nicht fromm. Aber
der Glaube, gleichwie er fromm macht, so macht er auch gute Werke.
45. So denn die Werke niemand fromm machen,
und der Mensch zuvor muss fromm sein, ehe er wirkt: So ist’s offenbar, dass
allein der Glaube aus lauter Gnaden, durch Christus und sein Wort, die Person
genugsam fromm und selig macht. Und dass kein Werk, kein Gebot einem Christen
not sei zur Seligkeit, sondern er frei ist von allen Geboten und aus lauterer
Freiheit umsonst tut alles, was er tut, nichts damit gesucht seines Nutzens
oder Seligkeit, denn er schon satt und selig ist durch seinen Glauben und Gottes
Gnade, sondern tut gute Werke, nur Gott darin zu gefallen.[36]
47. Also, wer da will gute Werke tun, darf
nicht an den Werken anheben, sondern [muss] an der Person [anheben], die die
Werke tun soll. Die Person aber macht niemand gut als allein der Glaube, und
niemand macht die böse als allein der Unglaube. Das ist wohl wahr: Die Werke
machen einen fromm oder böse vor den Menschen, das ist, sie zeigen äußerlich
an, wer fromm oder böse ist, wie Christus sagt Matth. 7,20: „Aus ihren Früchten
sollt ihr sie erkennen.“ Aber das ist alles im Schein und äußerlich, welches Ansehen
irre macht viele Leute, die da schreiben und lehren, wie man gute Werke tun
soll und fromm werden, so sie doch des Glaubens nimmer gedenken, gehen dahin
und führt immer ein Blinder den anderen, martern sich mit vielen Werken und
kommen doch nimmer zu der rechten Frömmigkeit, von welchen St. Paulus sagt 2.
Petr. 3,5: „Sie haben einen Schein der Frömmigkeit, aber der Grund ist nicht
da“, gehen hin und lernen immer und immer und kommen doch nimmer zur Erkenntnis
der wahren Frömmigkeit.[37]
53. Zum sechsundzwanzigsten. Das sei von
den Werken gesagt insgemein, und die ein Christenmensch gegen seinen eigenen
Leib üben soll. Nun wollen wir von mehr Werken sagen, die er gegen andere
Menschen tut. Denn der Mensch lebt nicht allein in seinem Leib, sondern auch
unter anderen Menschen auf Erden. Darum kann er nicht ohne Werke sein gegen
dieselben, er muss je mit ihnen zu reden und zu schaffen haben; wiewohl ihm
derselben Werke keines not ist zur Frömmigkeit und Seligkeit. Darum soll seine
Meinung in allen Werken frei und nur dahin gerichtet sein, dass er anderen
Leuten damit diene und nützlich sei; nichts anderes sich vorbilde, als was den
anderen not ist. Das heißt denn ein wahrhaftiges Christenleben, und da geht der
Glaube mit Lust und Liebe ins Werk, wie St. Paulus lehrt die Galater [Kap.
5,6].
54. Denn zu den Philippern, da er sie
gelehrt hatte, wie sie alle Gnade und Genüge hätten durch ihren Glauben an
Christus, lehrt er sie weiter und sagt [Phil. 2,1-4]: „Ich ermahne euch alles
Trostes, den ihr in Christus habt, und alles Trostes, den ihr habt von unserer
Liebe zu euch, und aller Gemeinschaft, die ihr habt mit allen geistlichen
frommen Christen, ihr wollt mein Herz erfreuen vollkommen; und das damit, dass
ihr hinfort wollt Eines Sinnes sein, einer gegen den anderen Liebe erzeigen,
einer dem anderen dienen, und ein jeglicher Acht habe, nicht auf sich noch auf
das Seine, sondern auf den anderen und was demselben not sei.“
55. Siehe, da hat Paulus klar ein
christliches Leben dahin gestellt, dass alle Werke sollen gerichtet sein dem
Nächsten zugut, dieweil ein jeglicher für sich selbst genug hat an seinem
Glauben, und alle anderen Werke und Leben ihm übrig sind, seinem Nächsten damit
aus freier Liebe zu dienen. Dazu führt er ein Christus zu einem Beispiel und
sagt Phil. 2,5.6: „Seid so gesinnt, wie ihr seht in Christus, welcher, ob er
wohl voll göttlicher Form war“ und für sich selbst genug hatte, und ihm sein
Leben, Wirken und Leiden nicht nötig war, dass er damit fromm oder selig würde,
„dennoch hat er sich des alles geäußert und gebärdet wie ein Knecht“, allerlei
getan und gelitten, nichts angesehen als unser Bestes; und [ist] so, ob er wohl
frei war, doch um unseretwillen ein Knecht geworden.[38]
57. Siehe, so fließt aus dem Glauben die
Liebe und Lust zu Gott, und aus der Liebe ein frei, willig, fröhlich Leben, dem
Nächsten zu dienen umsonst. Denn genauso wie unser Nächster Not leidet und
unseres Übrigen bedarf, so haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnaden
bedurft. Darum, wie uns Gott hat durch Christus umsonst geholfen, so sollen wir
durch den Leib und seine Werke nicht anders, als dem Nächsten helfen. So sehen
wir, wie ein hohes, edles Leben sei um ein christliches Leben, das leider in
aller Welt nicht allein darniederliegt, sondern auch nicht mehr bekannt ist
noch gepredigt wird.[39]
65. Zum dreißigsten. Aus dem allen folgt
der Beschluss, dass ein Christenmensch lebt nicht in sich selber, sondern in
Christus und seinem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch
die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott; aus Gott fährt er
wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher
Liebe.[40]
Sermon vom Sakrament der Buße[41]
1519
Der
reformatorische Durchbruch, der sich ja über Jahre hin entwickelt hatte und
dann gerade über dem Begriff der „Gerechtigkeit Gottes“ sich ergab musste
notwendig auch zu einem neuen Verständnis und einer neuen Gestaltung des
Glaubens, des Glaubenslebens und damit auch der Frömmigkeit überhaupt, nicht
zuletzt auch des Sakramentsverständnisses, führen. Da in diese Zeit, dem
reformatorischen Durchbruch noch vorausgehend, auch der Beginn des
Ablass-Streites mit Luthers 95 Thesen fiel, war es gerade die Buße, das
Verständnis der Buße, das Luther in dieser Zeit besonders beschäftigte, so dass
er über Buße und Bann sich 1518 und 1519 öfter äußerte. Aber er erkannte auch
immer deutlicher, dass allgemein eine Sakramentsnot herrschte, weil die
Menschen zum einen das Wesen und den Nutzen der Sakramente gar nicht recht
verstanden, zum anderen durch die falsche Lehre von der Buße, der Reue, der
Genugtuung der Trost der Sakramente völlig zerstört war. Daher war es Luther
wichtig, dass er den Menschen zu einem biblisch begründeten Verständnis der
Sakramente und dadurch auch zu einem auf der Bibel gegründeten Glaubensleben
verhalf. Aus diesem Grund erschienen 1519 seine Sermone über die Buße, die
Taufe und das Abendmahl. Luther lehnte sich dabei zunächst an das Schema
Augustins an, der zwischen dem sichtbaren Zeichen (signum)
und der Bedeutung oder der Sache selbst (res)
unterschied. Dann aber fügte Luther noch ein drittes, entscheidend wichtiges
hinzu: den Glauben, der auch Zeichen und Sache verbindet.
Im Sermon
den der Buße stellte Luther eindeutig das Evangelium ins Zentrum, machte
deutlich, dass es vor allem um die Vergebung der Sünden geht, „durch die das
Gewissen befreit und der Mensch mit Gott versöhnt wird“. Dieses frohe Gewissen
aber ist nicht Ergebnis eigener Leistung, Verdienste, sondern der durch das
Evangelium geschenkten rechtfertigenden Vergebung, aus der allein dann nur die
Werke folgen können. Darum gehört ins Zentrum der Buße der Glauben, der diese
Zusage Gottes im Evangelium empfängt, ergreift – er, und nicht eine persönliche
„Würdigkeit“, auch nicht eine „genugsame Reue“, ist
die Grundlage, dass der Sünder tatsächlich die Vergebung hat. Der Glaube sieht
nicht auf sich selbst, nicht auf die Person, da bleiben ja immer Zweifel,
sondern allein auf Christus und sein Wort. Ja, es ist dieses Wort der
Vergebung, die Absolution, die dem Sünder direkt zugesprochen wird, die den
Glauben geradezu fordert, herausfordert, wirkt, der daher wiederum eben allein
auf das Wort Christi gerichtet und gegründet ist. Darum ist in der Beichte auch
nicht nach der Reue zu fragen – es sei denn, man erkennt eindeutig, dass gar
keine vorhanden ist, dann ist auch die Buße nicht recht –, sondern nach dem
Glauben. Und diese Vergebung, auch das stand eindeutig gegen die römische Buß-
und Amtslehre, hängt allein am Wort der Absolution, nicht am Priester; der hat
vielmehr nur eine dienende Funktion. In diesem Sermon von der Buße klingt auch
schon das allgemeine Priestertum aller Gläubigen an, nämlich dass eben nicht
nur ein ordinierter Priester oder Pastor kräftig, gültig die Sünden vergeben
kann, sondern notfalls jeder Christ.
Luther
hatte schon in seiner „Kurzen Unterweisung, wie man beichten soll“ Januar 1519
deutlich gemacht, dass eine „vollständige“ Beichte, wie Rom sie verlangt, gar
nicht möglich ist. Auch darf aus der Beichte kein Zwang werden, auch kein
Krampf. Sie ist kein gutes Werk, das wir Gott darbringen. Niemand soll auf
seine Beichte trauen, auf sie sich verlassen, sondern auf Christus, den
Gekreuzigten und Auferstandenen allein. Gerade also im Bereich von Buße,
Beichte und Bann entfaltet sich früh sehr klar die neu entdeckte biblische
Rechtfertigungslehre.[42]
Zuschrift an die Herzogin Margarethe von
Braunschweig
Der
Durchlauchtigen und Hochgeborenen Fürstin und Frau, Frau Margarethe, geborene
von Rittberg, Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, meiner gnädigen Frau,
entbiete ich, Martinus Luther, Augustiner zu Wittenberg, nach all meinem guten
in Gott Vermögen Gottes Gnade und Friede in Christus, unserem HERRN.
Es haben
bei mir, Hochgeborene Fürstin, gnädige Frau, etliche meiner guten Freunde,
Väter und Herren gesonnen, etwas Geistliches und Christliches E.F.G.
zuzuschreiben, damit E.F.G. gnädigen Willen und Gefallen, so sie gegen mich
Unwürdigen trägt, dankbar zu erkennen und untertänige meine Dienste erzeigen.
Dahin mich auch vielmals mein eigenes verpflichtetes Gewissen getrieben, doch
schwer dazu gewesen, dass ich bei mir nicht so viel erfunden, damit ich solcher
Begierde und Pflicht möge genug sein, sonderlich weil ich’s gewiss dafür achte,
dass unser aller Meister, Christus, bei E.F.G. mir gar lang und weit zuvor
gekommen sei; hab ich zuletzt mich bewegen lassen, E.F.G. Andacht zu der heiligen Schrift, die mir höchlich gepriesen ist, etliche
Sermone unter E.F.G. Namen auszulassen von dem heiligen hochwürdigen und
tröstlichen Sakrament der Buße, der Taufe, des heiligen Fronleichnams;
angesehen, dass so viel betrübte und geängstigte Gewissen gefunden, und ich bei
mir selbst erfahren, die die heiligen und voller Gnade [steckenden] Sakramente
nicht erkennen, noch zu gebrauchen wissen, sich leider mit ihren Werken mehr
vermessen zu stillen als durch die heiligen Sakramente in Gottes Gnade Friede
suchen. So gar sind durch Menschenlehre die heiligen Sakramente uns bedeckt und
entzogen. Bitte, E.F.G. wolle solchen meinen geringen Dienst in Gnaden erkennen
und meine Vermessenheit mir nicht verargen; denn E.F.G. zu dienen, bin ich alle
Zeit untertänig bereit, die Gott sich lasse hier und dort befohlen sein, Amen.
Ein Sermon von dem Sakrament der Buße Doktor Martin
L(uthers), A(ugustiner), W(ittenberg)
1. Zum
ersten: [Es] sind zwei Vergebungen in dem Sakrament der Buße: Vergebung der
Pein und Vergebung der Schuld. Von der ersten Vergebung, der Pein oder
Genugtuung, ist genug gesagt in dem Sermon von dem Ablass, unlängst
ausgegangen. An welcher nicht so viel gelegen und unermesslich geringer ist als
[die] Vergebung der Schuld, die man möchte heißen göttlichen oder himmlischen
Ablass, den niemand als Gott allein vom Himmel geben kann.
2. Zum
zweiten: Ist unter beiden Vergebungen dieser Unterschied, dass Ablass oder
Vergebung der Pein ablegt aufgesetzte Werke oder Mühe der Genugtuung und
versöhnt den Menschen mit der christlichen Kirche äußerlich. Aber Vergebung der
Schuld oder himmlischer Ablass legt ab die Furcht und Blödigkeit des Herzens
gegen Gott und macht leicht und fröhlich das Gewissen innerlich, versöhnt den
Menschen mit Gott; und das heißt eigentlich und recht, die Sünde vergeben, dass
den Menschen seine Sünden nicht mehr beißen noch unruhig machen, sondern eine
fröhliche Zuversicht überkommen hat, sie seien ihm von Gott immer und ewig
vergeben.
3. Zum
dritten: Wenn der Mensch nicht in sich selbst befindet und fühlt ein solches
Gewissen und fröhliches Herz zu Gottes Gnaden, dem hilft kein Ablass, ob er
schon alle Briefe und Ablässe löste, die je gegeben sind. Denn ohne Ablass und
Ablassbrief kann man selig werden und die Sünde bezahlen oder genugtun durch
den Tod; aber ohne fröhliches Gewissen und leichtes Herz zu Gott, das ist, ohne
Vergebung der Schuld, kann niemand selig werden. Und [es] wäre viel besser,
dass man keinen Ablass löste, als dass man diese Vergebung der Schuld vergisst
oder nicht vorerst [vielmehr] täglich am meisten übt.
4. Zum
vierten: Zu solcher Vergebung der Schuld und das Herz zu stillen vor den Sünden
sind mancherlei Wege und Weise. Etliche vermeinen durch Briefe und Ablass das
auszurichten, laufen hin und her, nach Rom, zu St. Jakob, lösen Ablass hier und
da; das ist alles umsonst und ein Irrtum. Es wird dadurch viel ärger; denn Gott muss selber die Sünde vergeben und dem
Herzen Friede geben. Etliche mühen sich mit vielen guten Werken, auch zu viel
Fasten und Arbeiten, dass etliche ihren Leib darob zerbrochen und tolle Köpfe
gemacht haben, dass sie vermeinten, so mit Geld der Werke ihre Sünde abzulegen
und Ruhe dem Herzen zu machen. Diesen beiden gebricht, dass sie zuvor wollen
gute Werke tun, ehe die Sünden vergeben sind; so doch wiederum zuvor die Sünden
vergeben sein müssen, ehe gute Werke geschehen, und nicht die Werke austreiben
die Sünde, sondern die Austreibung der Sünde tut gute Werke. Denn gute Werke
müssen geschehen mit fröhlichem herzen und gutem Gewissen zu Gott, das ist, in
der Vergebung der Sünden.
5. Zum
fünften: Der rechte Weg und die rechte Weise, ohne welche keine andere zu
finden, ist das hochwürdige, gnadenreiche, heilige Sakrament der Buße, welches
Gott zu Trost allen Sündern gegeben hat, da er St. Peter [stellvertretend für
die] ganze christliche Kirche die Schlüssel gab und sprach, Matth. 16,19:
„Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und
alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch los sein im Himmel.“ Diese heiligen,
tröstlichen, gnadenreichen Worte Gottes muss ein jeglicher Christenmensch tief
und wohl zu Herzen nehmen und mit großem Dank in sich bilden. Denn hierin liegt
das Sakrament der Buße, Vergebung der Sünde, Trost und Friede des Gewissens,
alle Freude und Seligkeit des Herzens gegen alle Sünde, gegen alles Erschrecken
des Gewissens, gegen Verzweiflung und Anfechtung der Pforten der Hölle.
6. Zum
sechsten: Nun sind drei Dinge in dem heiligen Sakrament der Buße. Das erste ist
die Absolution; das sind Worte des Priesters, die zeigen an, sagen und
verkündigen dir, du seist los und deine Sünden seien vor Gott vergeben nach
Laut und Kraft der oben gesagten Worte Christi zu St. Petrus. Das andere ist
die Gnade, Vergebung der Sünde, der Friede und Trost des Gewissens, wie denn
die Worte lauten. Darum heißt es ein Sakrament, ein heiliges Zeichen, dass man
die Worte hört äußerlich, die da bedeuten die geistlichen Güter inwendig, davon
das Herz getröstet wird und befriedet. Das dritte ist der Glaube, der da fest
dafür hält, dass die Absolution und Worte des Priesters seien wahr in der Kraft
der Worte Christi: „Alles, was du löst, soll los sein“ usw. Und an dem Glauben
liegt es alles miteinander, welcher allein macht, dass die Sakramente wirken,
was sie bedeuten, und alles wahr wird, was der Priester sagt; denn wie du
glaubst, so geschieht dir. Ohne welchen Glauben alle Absolution, alle
Sakramente umsonst sind, ja mehr schaden als frommen. So ist ein allgemeiner
Spruch unter den Lehrern: Nicht das Sakrament, sondern der Glaube, der das
Sakrament glaubt, legt die Sünde ab; so sagt St. Augustin: „Das Sakrament nimmt
die Sünde nicht darum, dass es geschieht, sondern darum, dass man ihm glaubt.“
Deshalb ist mit allem Fleiß des Glaubens wahrzunehmen in dem Sakrament und
wollen ihn weiter hervorheben.
7. Zum
siebten: Daraus folgt zum ersten, dass die Vergebung der Schuld und der
himmlische Ablass wird niemand gegeben um der Würdigkeit willen seiner Reue für
die Sünde, noch um der Werke willen der Genugtuung, sondern allein um des
Glaubens willen, auf Zusage oder Verheißung Gottes: „Alles, was du löst, soll
los sein“ usw. Wiewohl die Reue und guten Werke nicht nachzulassen sind, ist
doch auf sie in keiner Weise zu bauen, sondern allein auf die gewissen Worte Christi,
der dir zusagt: Wenn dich der Priester löst, sollst du los sein. Deine Reue und
Werke können dich trügen, und der Teufel wird sie gar bald umstoßen im Tod und
in der Anfechtung; aber Christus, dein Gott, wird dir nicht lügen noch wanken,
und der Teufel wird ihm seine Worte nicht umstoßen. Und baust du darauf mit
einem festen Glauben, so stehst du auf dem Felsen, dagegen die Pforten der
Hölle nicht können bestehen, Matth. 16,18.
8. Zum
achten folgt weiter, dass die Vergebung der Schuld auch nicht steht weder in
des Papsts, Bischofs, Priesters, noch irgendeines Menschen Amt oder Gewalt auf
Erden, sondern allein auf dem Wort Christi und deinem eigenen Glauben. Denn er
hat nicht wollen unseren Trost, unsere Seligkeit, unsere Zuversicht auf
Menschenwort oder -tat bauen, sondern allein auf sich selbst, auf seine Worte
und Tat. Die Priester, Bischöfe, Päpste sind nur Diener, die dir das Wort Christi
vorhalten, darauf du dich wagen und setzen sollst mit festem Glauben, als auf
einen festen Felsen, so wird dich das Wort behalten und müssen deine Sünden so
vergeben werden. Darum auch nicht die Worte um der Priester, Bischöfe, Papsts
willen, sondern die Priester, Bischöfe, Papst um des Wortes willen zu ehren
sind, als die deines Gottes Wort und Botschaft dir bringen, du seist los von
Sünden.
9. Zum
neunten folgt mehr, dass in dem Sakrament der Buße und Vergebung der Schuld
nichts mehr tut ein Papst, Bischof als der geringste Priester; ja, wo ein
Priester nicht ist, ebenso viel tut ein jeglicher Christenmensch, ob es schon
eine Frau oder Kind wäre. Denn welcher
Christenmensch zu dir sagen kann: Dir vergibt Gott diene Sünde in dem Namen
Christi usw., und du das Wort kannst fangen mit einem festen Glauben, als spräche
es Gott zu dir, so bist du gewiss in demselben Glauben absolviert. So ganz und
gar liegt alles Ding am Glauben auf Gottes Wort. Denn der Papst, Bischof,
Priester können zu deinem Glauben nichts tun; so kann auch keiner für den
anderen besser Gottes Wort führen als das allgemeine, das er zu Petrus sagt:
„Was du auflöst, soll los sein.“ Das Wort muss in aller Absolution sein, ja,
alle Absolutionen hängen darin. Doch soll man die Ordnung der Obrigkeit halten
und nicht verachten; allein, dass man nicht irre im Sakrament und seinem Werk,
als wäre es besser, wenn es [das Wort der Absolution] ein Bischof oder Papst
gäbe, als wenn es ein Priester oder Laie gäbe. Denn wie des Priesters Messe und
Taufe und Reichung des heiligen Fronleichnams Christi
ebenso viel gilt, als ob’s der Papst oder Bischof selbst täten, so auch die
Absolution, das ist, das Sakrament der Buße. Dass sie aber sich vorbehalten,
etliche Kasus (Fälle von Sünden) zu absolvieren, macht nicht ihr Sakrament
größer oder besser, sondern ist gleich, als wenn sie jemand die Messe, die
Taufe oder dergleichen aus Ursache vorenthielten; damit der Taufe und Messe
weder [etwas] zu- noch abgeht.
10. Zum
zehnten: Darum, wenn du glaubst des Priesters Wort, wenn er dich absolviert,
das ist, dass er in Christi Namen und in seiner Worte Kraft dich löst und
spricht: Ich löse dich von deinen Sünden, so sind die Sünden auch gewiss los
vor Gott, vor allen Engeln und vor allen Kreaturen; nicht um deinetwillen,
nicht um des Priesters willen, sondern um des wahrhaftigen Wortes Christi
willen, der dir nicht lügen kann, da er spricht: „Alles, was du löst, soll los
sein.“ Und so du nicht glaubst, dass [es] wahr sei, dass deine Sünden vergeben
und los sind, so bist du ein Heide, Nichtchrist und ungläubig deinem HERRN
Christus, das ist die allerschwerste Sünde wider Gott. Und beileibe gehe nicht
zum Priester, wenn du seiner Absolution nicht glauben willst; du verwirfst
deinen großen Schaden mit deinem Unglauben. Denn mit solchem Unglauben machst
du deinen Gott zu einem Lügner, der dir durch seinen Priester sagt: Du bist los
von Sünden; und du sprichst: Ich glaub’s nicht oder
zweifle dran; gerade als wärst du gewisser in de9inem Dünken als Gott in seinen
Worten. So du doch sollst alle Gedanken fahren lassen und dem Wort Gottes,
durch den Priester gesagt, Statt geben mit
unverrücktem Glauben. Denn was ist’s anders gesagt, wen du zweifelst, ob deine
Absolution Gott angenehm sei und du los seist von Sünden, als wenn du sprächst:
Christus hat nicht wahr gesagt, und ich weiß nicht, ob ihm sein eigenes Wort
angenehm sei, da er zu Petrus sagt: „Alles, was du löst, soll los sein“? O,
Gott behüte alle Menschen vor solchem teuflischen Unglauben.
11. Zum
elften: Wenn du absolviert bist von Sünden, ja, wenn dich in deiner Sünde und
Gewissen ein frommer Christenmensch tröstet, Mann, Frau, jung oder alt; so
sollst du das mit solchem Glauben annehmen, dass du dich solltest lassen
zerreißen, vielmals töten, ja, alle Kreaturen verleugnen, ehe du daran
zweifelst, es sei so vor Gott. Denn ist uns doch ohnedies geboten, an Gottes
Gnade zu glauben, wenn er dir desselben ein Zeichen gibt durch einen Menschen!
Es ist keine größere Sünde, als dass man nicht glaubt dem Artikel, Vergebung
der Sünden, wie wir beten im täglichen Glauben. Und diese Sünde heißt Sünde
gegen[43] den
Heiligen Geist, die alle andere Sünde stärkt und unvergebbar
macht zu ewigen Zeiten. Darum siehe, wie einen gnädigen Gott und Vater wir
haben, der uns nicht allein Sündenvergebung zusagt, sondern auch gebietet bei
der allerschwersten Sünde, wir sollen glauben, sie seien vergeben, und uns mit
demselben Gebot dringt zum fröhlichen Gewissen und mit schrecklicher Sünde uns
von den Sünden und bösem Gewissen treibt.
12. Zum
zwölften: Sind etliche, die uns gelehrt haben, man soll und muss der Absolution
ungewiss sein und zweifeln, ob wir zu Gnaden aufgenommen und die Sünden
vergeben sind, darum, dass wir nicht wissen, ob die Reue genugsam [ausreichend]
sei oder für die Sünde genug geschehen, der Unwissenheit halben auch der
Priester nicht möge gleichwertige Buße aufsetzen. Hüte dich vor diesen
verführerischen unchristlichen Plauderern. Der Priester muss ungewiss sein an
deiner Reue und Glauben, da liegt auch nichts dran. Es ist ihm genug, dass du
beichtest und eine Absolution begehrst; die soll er dir geben und ist dir sie
schuldig. Wie aber die geraten werde, soll er Gott und deinem Glauben lassen
befohlen sein. Du sollst aber nicht allererst disputieren, ob deine Reue
genugsam sei oder nicht; sondern des gewiss sein, dass nach all deinem Fleiß
deine Reue ungenugsam [nicht ausreichend] sei, und
darum zu Gottes Gnade fliehen, sein genugsam gewisses Wort im Sakrament hören,
mit freiem, fröhlichem Glauben aufnehmen und gar nicht zweifeln, du seist zu
Gnaden gekommen: nicht durch deine Verdienste oder Reue, sondern durch seine
gnädige göttliche Barmherzigkeit, die dir lauter umsonst Vergebung der Sünde
zusagt, anbietet und erfüllt; auf dass du also nicht auf dich noch dein Tun,
sondern auf deines lieben Vaters im Himmel Gnade und Barmherzigkeit lernst prachten [großtun] und pochen wider alle Anfechtung der
Sünde, des Gewissens und der Teufel. Danach reue so viel mehr und tue genug,
wie du kannst; lasse nur diesen bloßen Glauben der unverdienten Vergebung, in
Worten Christi zugesagt, vorgehen und Hauptmann im Feld bleiben.
13. Zum
dreizehnten: Die aber nicht Friede wollen haben, sie meinen denn, sie haben
genugsam Reue und Werke getan, über das, dass sie Christus Lügen strafen und
mit der Sünde gegen den Heiligen Geist umgehen, dazu das hochwürdige Sakrament
der Buße unwürdig behandeln; so nehmen sie ihren verdienten Lohn, nämlich, dass
sie auf den Sand bauen, sich selbst mehr als Gott vertrauen. Daraus denn folgen
muss je größere und größere Unruhe des Gewissens und nach unmöglichen Dingen
umsonst arbeiten, Grund und Trost suchen und nimmer finden, bis das Ende
solcher Verkehrung folgt, die Verzweiflung und ewige Verdammnis. Denn, was
suchen sie anders, als dass sie durch ihr Tun wollen gewiss werden, als wollten
sie mit ihren Werken Gottes Wort befestigen, durch welches sie sollten
befestigt werden im Glauben? Und heben an, den Himmel zu unterstützen, daran
sie sich halten sollten, das ist, dass man Gott nicht will lassen barmherzig
sein und nur für einen Richter halten, als sollte er nichts umsonst vergeben,
es wäre ihm denn vorher bezahlt. So wir doch im ganzen Evangelium nicht einen
lesen, von welchem er etwas anderes hätte gefordert als den Glauben, und alle
seine Wohltaten den Unwürdigen umsonst und aus lauter Gnade erzeigt, darnach
ihnen befohlen, wohl zu leben und hinzugehen in Frieden usw.
14. Zum
vierzehnten: Lass gleich sein, dass ein Priester irre oder gebunden sei oder
leichtfertig sei in seinem Absolvieren, so du nur einfältig die Worte empfängst
und glaubst, sofern du seines Irrtums oder Gebundenheit nicht weißt oder
verachtest, dennoch bist du absolviert und hast das Sakrament vollkommene.
Denn, wie gesagt, es liegt nicht am Priester, nicht an deinem Tun, sondern an
deinem Glauben: So viel du glaubst, so viel hast du. Ohne diesen Glauben, so es
möglich wäre, dass du aller Welt Reue hättest, so wäre es doch Judasreue, die
Gott mehr erzürnt als versöhnt. Denn nichts versöhnt Gott besser, als dass man
ihm die Ehre gebe, er sei wahrhaftig und gnädig. Das tut niemand, als wer
seinen Worten glaubt. So lobt ihn David: „HERR, du bist geduldig, barmherzig
und wahrhaftig.“ Ps. 145,8.9. Und diese Wahrheit erlöst uns auch von allen
Sünden, so wir an ihr halten mit dem Glauben.
15. Zum
fünfzehnten folgt, dass die Schlüssel und Gewalt St. Peters ist nicht eine
Gewalt, sondern ein Dienst; und die Schlüssel nicht St. Petrus, sondern dir und
mir gegeben; dein und mein sind die Schlüssel. Denn St. Petrus bedarf ihrer
nicht in dem, da er ein Papst oder Bischof [ist]; sie sind ihm auch nicht not
noch nütze. Aber alle ihre Tugend ist darin, dass sie den Sündern helfen, ihre
Gewissen [zu] trösten und zu stärken. So hat Christus geordnet, dass der Kirche
Gewalt soll sein eine Dienstbarkeit, dass durch die Schlüssel die Geistlichen
gar nichts sich selbst, sondern allein uns damit dienen sollen. Wenn man also
sieht, tut der Priester nicht mehr, als dass er ein Wort spricht, so ist das
Sakrament schon da, und das Wort ist Gottes Wort, als er sich versprochen
[gebunden] hat. Auch hat der Priest er genugsam Zeichen und Ursache zu
absolvieren, wenn er sieht, dass man von ihm begehrt die Absolution. Höher ist
er zu wissen nicht verbunden. Das sage ich darum, dass man die allergnädigste
Tugend der Schlüssel lieb habe und ehrwürdige und nicht verachte um etlicher
Missbräuche willen, die nicht mehr als bannen, drohen und plagen, lauter
Tyrannei machen aus solcher lieblicher, tröstlicher Gewalt, als hätte Christus
nur ihren Willen und Herrschaft mit den Schlüssel eingesetzt, gar nicht wissen,
wozu man sie gebrauchen soll.
16. Zum
sechzehnten: Dass nicht abermals jemand mir Schuld gebe, ich verbiete gute
Werke; so sage ich: Man soll mit allem Ernst Reu und Leid haben, beichten und
gute Werke tun. Das wehre ich aber[44],
wie ich kann, dass man den Glauben des Sakraments lasse das Hauptgut sein und
das Erbe, dadurch man Gottes Gnade erlange, und darnach viel Gutes tue allein
Gott zu Ehren und dem Nächsten zu nutz; und nicht darum, dass man sich darauf
verlassen soll, als genugsam für die Sünde zu bezahlen. Denn Gott gibt umsonst
frei seine Gnade; so sollen wir auch umsonst frei wiederum ihm dienen. Auch
alles, das ich gesagt habe von diesem Sakrament, ist denen gesagt, die
betrübte, unruhige, irrige, erschrockene Gewissen haben, die gerne wollten der
Sünden los und fromm sein und wissen nicht, wie sie es anfangen sollen; denn
dieselben haben auch wahre Reue, ja, zu viel Reue und Kleinmütigkeit. Die
tröstet Gott durch den Propheten Jesaja, Kap. 40,2: „Predigt den Kleinmütigen
und sagt ihnen ein Consolamini [Trost]: Seid getrost,
ihr Kleinmütigen, seht, das ist euer Gott.“ Und Christus Matth. 11,28: „Kommt
her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“
usw. Die Hartmütigen aber, die noch nicht begehren
Trost des Gewissens, haben auch diese Marter nie empfunden, denen ist das
Sakrament nichts nütze; die muss man mit dem schrecklichen Gericht Gottes zuvor
weich und zag machen, dass sie auch solchen Trost des Sakraments suchen und
seufzen lernen.
17. Zum
siebzehnten: Will man einen fragen in der Beichte,
oder selbst sich einer erforschen, ob er wahre Reue habe oder nicht, lass ich
geschehen; doch so, dass je niemand so frech vor Gottes Augen sei, dass er
sage, er habe genugsam Reue; denn das ist Vermessenheit und erlogen. Niemand
hat genugsam Reue für seine Sünde. Auch dass die Erforschung viel größer sei,
ob er fest glaube dem Sakrament, dass ihm seine Sünden vergeben seien;
gleichwie Christus sprach zu dem gichtbrüchigen Menschen, Matth. 9,2: „Mein
Sohn, glaube, so sind dir deine Sünden vergeben“; und zu der Frau, Matth. 9,22:
„Glaube, meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht.“ Solch Erforschen
ist ganz selten geworden in diesem Sakrament; man hat nur mit Reue, Sünde,
Genugtuung und Ablass zu schaffen. So führt immer ein Blinder den anderen.
Fürwahr, im Sakrament bringt der Priester in seinem Wort Gottes Botschaft von
der Sünden und Schuld Vergebung; darum sollte er, wahrlich, auch am meisten fragen und sehen, ob der Mensch der Botschaft auch
empfangsbereit wäre, der nimmermehr als durch den Glauben und Begierde nach
derselben Botschaft, empfangsbereit werden kann. Sünde und Reue und gute Werke
soll man in Predigten handeln vor dem Sakrament und Beichte.
18. Zum
achtzehnten: Es geschieht, dass Gott einen Menschen die Vergebung der Schuld
nicht lässt empfinden, und bleibt das Zappeln und Unruhe des Gewissens nach dem
Sakrament wie zuvor. Hier ist weise zu handeln; denn das Gebrechen ist am
Glauben. Es ist nicht möglich, dass das Herz nicht sollte fröhlich sein, so es
glaubt seiner Sünde Vergebung, so wenig, wie es auch möglich ist, dass es nicht
betrübt und unruhig sei, wenn es nicht glaubt, dass die Sünden vergeben sind. Nun, lässt Gott den Glauben so schwach bleiben, daran soll
man nicht verzagen, sondern dasselbe aufnehmen als eine Versuchung und
Anfechtung, durch welche Gott den Menschen probiert, reizt und treibt, dass er
desto mehr rufe und bitte um solchen Glauben, und um mit dem Vater des Besessenen
im Evangelium sage: „O HERR, hilf meinem Unglauben“, und mit den Aposteln, Luk.
17,5: „O HERR, mehre uns den Glauben.“ So lernt der Mensch, dass alles Gottes
Gnade sei, das Sakrament, die Vergebung und der Glaube, bis dass er Hände und
Füße fahren lasse, an sich selbst verzweifelt, lauter auf Gottes Gnade hofft
und haftet ohne Unterlass.
19. Zum
neunzehnten: Es ist ein ganz anderes Ding, die Buße und das Sakrament der Buße.
Das Sakrament steht in den drei Dingen, droben gesagt: im Wort Gottes, das ist
die Absolution; im Glauben derselben Absolution; und im Frieden, das ist, in
Vergebung der Sünde, die dem Glauben gewiss folgt. Aber die Buße teilt man auch
in drei, in Reue, Beichte und Genugtuung. Nun, wie in der Reue mancherlei
Missbrauch droben ist angezeigt; so geht es auch in der Beichte und Genugtuung.
Es sind gar viele Bücher voll dieser Dinge und leider wenige Bücher vom
Sakrament der Buße. Wo aber das Sakrament recht geht im Glauben, da ist die
Buße, Reue, Beichte und Genugtuung gar leicht und ohne alle Gefahr, sie sei zu
wenig oder zu viel. Denn des Sakraments Glaube macht alle Krümmungen schlicht
und füllt alle Abgründe, und kann niemand irren, weder ich Reue, Beichte noch
Genugtuung, wer den Glauben des Sakraments hat; und ob er schon irrt, so
schadet es ihm gar nichts. Wo aber der Glaube nicht ist, da ist keine Reue,
Beichte, Genugtuung genugsam. Und daher fließen so viele Bücher und Lehren von
der Reue, Beichte und Genugtuung, damit viele Herzen sehr geängstigt werden,
oft beichten, dass sie nicht wissen, ob es tägliche oder tödliche Sünde sei.
Doch auf diesmal wollen wir nur wenig davon sagen.
20. Zum
zwanzigsten: Man mag die tägliche Sünde nicht dem Priester, sondern allein Gott
bekennen. Nun erhebt sich aber eine neue Frage: Was tödliche oder tägliche
Sünden sind? Ist noch nie ein Doktor so gelehrt gewesen, noch wird jemals sein,
der eine gewisse Regel, tägliche vor den tödlichen zu erkennen, ausgenommen die
groben Stücke wider die Gebote Gottes, wie Ehebruch, töten, stehlen, lügen,
verleumden, betrügen, hassen und dergleichen. Es steht auch allein in Gottes
Gericht, welche anderen Sünden er tödlich achtet, und ist dem Menschen nicht
möglich zu erkennen; wie denn sagt Psalm 19,13: „O Gott, wer kann alle seine
Sünde erkennen? Mache mich rein von den verborgenen Sünden.“ Darum so gehört in
die heimliche Beichte keine Sünde, als die man öffentlich für Todsünde erkennt
und die das Gewissen zur Zeit drücken und ängstigen. Denn, sollte man alle
Sünde beichten, so müsste man alle Augenblicke beichten, weil wir nimmer ohne
Sünde sind in diesem Leben, auch unsere guten Werke nicht rein ohne Sünde sind.
Doch ist es nicht ohne Besserung, dass man auch die geringen Sünden beichtet,
besonders wenn man sonst keine Todsünde weiß. Denn, wie gesagt, im Sakrament
wird Gottes Wort gehört und der Glaube je mehr und mehr gestärkt. Und ob einer
schon nichts beichtete, dennoch wäre die Absolution und Gottes Wort vielmals zu
hören nütze, um desselben Glaubens willen, dass man so sich gewöhne, der Sünden
Vergebung zu glauben. Darum habe ich gesagt, der Glaube des Sakraments tut’s
ganz, die Beichte sei zu viel oder zu wenig. Es ist alles förderlich[45] dem, der
da Gottes Sakrament und Wort glaubt. Von der Genugtuung sei jetzt genug, dass
die beste ist, nimmer sündigen und seinem Nächsten alles Gute tun, er sei Feind
oder Freund, von welcher man auch selten handelt; nur mit aufgesetzten Gebeten
will man’s alles bezahlen.
21. Zum
einundzwanzigsten: Das ist die Gewalt, da er von sagt Matthäus im 9. [Kapitel]
(V. 6) zu den ungläubigen Schriftgelehrten: „Auf dass ihr wisst, dass der Sohn
des Menschen Macht habe auf Erden, die Sünde zu vergeben, sprach er zu dem
Gichtbrüchigen: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe in dein Haus. Und er ist
aufgestanden und in sein Haus gegangen. Da das Volk solches gesehen, hat sie es
verwundert, und sie haben Gott gelobt, der den Menschen solche Gewalt gegeben
hat.“ Denn diese Gewalt, die Sünde zu vergeben, ist nichts anderes, als dass
ein Priester, ja, so es not ist, ein jeglicher Christenmensch kann zu dem
anderen sagen und, so er ihn betrübt und geängstigt sieht in seinen Sünden,
fröhlich ein Urteil sprechen: „Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben.“ Wo
aber der Glaube nicht ist, hilft’s nicht, ob gleich Christus und Gott selbst
das Urteil sprächen; denn Gott kann niemand geben, der es nicht will haben. Der
will es aber nicht haben, der nicht glaubt, dass es ihm gegeben sei, und tut dem
Wort Gottes eine große Unehre, wie oben gesagt. So siehst du, dass die ganze
Kirche voll ist Vergebung der Sünde; aber wenig sind ihrer, die sie aufnehmen
und empfangen, darum, dass sie es nicht glauben, und wollen sich mit ihren
Werken gewiss machen.
22. So
ist es wahr, dass ein Priester wahrhaftig die Sünde und Schuld vergibt, aber er
vermag dem Sünder den Glauben nicht zu geben, der die Vergebung empfängt und
aufnimmt; den muss Gott geben. Nichtsdestoweniger ist die Vergebung so
wahrhaftig wahr, als wenn’s Gott selber spräche, es hafte durch den Glauben
oder nicht. Und diese Gewalt, die Sünde zu vergeben und so ein Urteil an Gottes
Statt zu fällen, hat im Alten Testament weder ein
oberster noch unterster Priester gehabt, noch König, noch Propheten, noch
jemand im Volk, es wurde ihm denn besonders befohlen von Gott, wie Nathan über
den König David.
23. Aber
im Neuen Testament hat sie ein jeglicher Christenmensch, wenn ein Priester
nicht da ist, durch die Zusage Christi, da er sprach zu Petrus: „Alles, was du
wirst lösen auf Erden, soll los sein im Himmel.“ Denn so das allein zu Petrus
gesagt wäre, so hätte er, Matth. 18,18, nicht zu allen insgemein gesagt: „Was
ihr auf Erden auflösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“ Da redet er zu
der ganzen Christenheit und einem jeglichen besonders. So ein großes Ding ist
es um einen Christenmenschen, dass Gott nicht voll geliebt und gelobt werden
kann, wenn uns nicht mehr gegeben wäre, als einen zu hören in solchem Wort mit
uns reden. Nun ist die Welt voll Christen und niemand das achtet noch Gott
dankt.
24.
Zusammenfassend, wer glaubt, dem ist alles förderlich, nichts schädlich. Wer
nicht glaubt, dem ist alles schädlich, nichts förderlich.
(aus dem dritten Teil der
Schmalkaldischen Artikel)
Die Taufe
ist nichts anderes als Gottes Wort im Wasser, durch seine Einsetzung befohlen,
oder, wie St. Paulus sagt Eph. 5: das Wasserbad im Wort; wie auch
Augustinus sagt: Füger das Wort zum Element hinzu, so wird es ein Sakrament.
Und darum halten wir’s nicht mit Thomas und den Predigermönchen, die des Wortes
(Gottes Einsetzung) vergessen und sagen, Gott habe eine geistliche Kraft ins
Wasser gelegt, welche die Sünde durchs Wort abwasche. Auch nicht mit Scotus und den Barfüßermönchen, die da lehren, dass die
Taufe die Sünde abwasche aus Beistehen göttlichen Willens, so dass diese
Abwaschung geschieht allein durch Gottes Willen, gar nicht durchs Wort und
Wasser.
Von der
Kindertaufe halten wir, dass man die Kinder taufen soll. Denn sie gehören auch
zu der verheißenen Erlösung, durch Christus geschehen, und die Kirche soll sie
ihnen reichen.
(aus dem großen Katechismus:)
Denn in
Gottes Namen getauft werden, ist nicht von Menschen, sondern von Gott selbst
getauft werden. Darum, ob es gleich durch des Menschen Hand geschieht, so ist
es doch wahrhaftig Gottes eigenes Werk; daraus ein jeglicher selbst wohl
schließen kann, dass es viel höher ist als sonst ein Werk, von einem Menschen
oder Heiligen getan. Denn was kann man für Werk größer machen als Gottes Werk?
…
Aus diesem
lerne nun ein richtiges Verständnis fassen und antworten auf die Frage, was die
Taufe sei, nämlich so, dass sie nicht bloß schlichtes Wasser ist, sondern ein
Wasser in Gottes Wort und Gebot gefasst und dadurch geheiligt, dass nichts
anderes ist als ein Gotteswasser, nicht dass das Wasser an sich selbst edler
sei als anderes Wasser, sondern dass Gottes Wort und Gebot dazu kommt.
Darum ist’s
lauter Bubenstück und des Teufels Gespött, dass jetzt unsere neuen Geist, die
Taufe zu lästern, Gottes Wort und Ordnung davon lassen und nicht anders ansehen
als das Wasser, das man aus dem Brunnen schöpft, und danach daher geifern: Was
sollte ein Handvoll Wasser der Seele helfen? Ja, Lieber, wer weiß das nicht,
dass Wasser Wasser ist, wenn es voneinander zu
trennen soll gelten? Wie darfst du aber in Gottes Ordnung greifen und das beste
Kleinod davon reißen, damit es Gott verbunden und eingefasst hat, und nicht
will getrennt haben? Denn das ist der Kern in dem Wasser, Gottes Wort oder
Gebot und Gottes Namen, welcher Schatz größer und edler ist als Himmel und
Erde. …
Aufs andere,
weil wir nun wissen, was die Taufe ist und wie sie zu halten sei, müssen wir
auch lernen, warum und wozu sie eingesetzt sei, das ist, was sie nütze, gebe
und schaffe. Solches kann man auch nicht besser als aus den Worten Christi,
oben angezogen fassen, nämlich: Wer da [bis ans Ende] glaubt und getauft
wird, der wird selig. Darum fasse es aufs allereinfältigste so, dass dies
der Taufe Kraft, werk, Nutz, Frucht und Ziel ist, dass sie selig mache. Denn
man tauft niemanden darum, dass er ein Fürst werde, sondern, wie die Worte
lauten, dass er selig werde. Selig werden aber weiß man wohl, das nichts
anderes heiße, als von Sünden, Tod, Teufel erlöst, in Christi Reich kommen und
mit ihm ewig leben.
Da siehst du
abermals, wie teuer und wert die Taufe zu halten sei, weil wir solchen
unaussprechlichen Schatz darin erlangen, welches auch wohl anzeigt, dass sie
nicht kann schlicht lauter Wasser sein. Denn lauter Wasser könnte solches nicht
tun, aber das Wort tut’s, und dass (wie oben gesagt) Gottes Name darinnen ist.
Wo aber Gottes Name ist, da muss auch Leben und Seligkeit sein, dass es wohl
ein göttlich, selig, fruchtbar und gnadenreich Wasser heißt; denn durchs Wort
kriegt sie die Kraft, dass sie ein Bad der Wiedergeburt ist, wie sie auch St.
Paulus nennt Tit. 3.
Dass aber
unsere Klüglinge, die neuen Geister, vorgeben, der
Glaube mache allein selig, die Werke aber und äußerlichen Dinge tun nichts
dazu, antworten wir, dass freilich nichts in uns tut als der Glaube, wie wir
noch weiter hören werden. Das wollen aber die blinden Leiter nicht sehen, dass
der Glaube etwas haben muss, das er glaube, das ist, daran er sich halte und
darauf er stehe und fuße. So hängt nun der Glaube am Wasser und glaubt, dass
die Taufe sei, darin eitel Seligkeit und Leben ist, nicht durchs Wasser (wie
genug gesagt), sondern dadurch, dass mit Gottes Wort und Ordnung verleibt ist
und sein Name darin klebt. Wenn ich nun solches glaube, was glaube ich anders,
als an Gott als an den, der sein Wort darein gegeben und gepflanzt hat und uns
dies äußerlich Ding vorhält, darin wir solchen Schatz ergreifen können. …
Aufs dritte,
weil wir den großen Nutzen und Kraft der Taufe haben, so lass nun weiter sehen,
wer die Person sei, die solches empfange, was die Taufe gibt und nützt. Das ist
abermals aufs feinste und klarste ausgedrückt eben mit den Worten: Wer da
glaubt und getauft wird, der wird selig. Das ist, der Glaube macht die
Person allein würdig, das heilsame göttliche Wasser nützlich zu empfangen. Denn
weil solches allhier in den Worten bei und mit dem Wasser vorgetragen und
verheißen wird, kann es nicht anders empfangen werden, als dass wir solches von
herzen glauben. Ohne Glauben ist es nichts nütze, ob es gleich an sich selbst
ein göttlicher überschwänglicher Schatz ist. Darum vermag das einige Wort (wer
da glaubt) so viel, dass es ausschließt und zurück treibt alle Werke, die wir
tun können, der Meinung, um dadurch Seligkeit zu erlangen und verdienen. Denn
es ist beschlossen, was nicht Glaube ist, das tut nichts dazu, empfängt auch
nichts. …
Auf letzte
ist auch zu wissen, was die Taufe bedeutet und warum Gott eben solches
äußerliche Zeichen und Gebärde geordnet hat zu dem Sakrament, dadurch wir
erstlich in die Christenheit aufgenommen werden. Das Werk aber oder Gebärde ist
das, dass man uns ins Wasser senkt, das über uns hergeht, und danach wieder
herauszieht. Diese zwei Stücke, unter das Wasser sinken und wieder
herauskommen, deuten die Kraft und das Werk der Taufe, welches nichts anderes
ist, als die Tötung des alten Adams, danach die Auferstehung des neuen
Menschen, welche beide unser Lebenlang in uns gehen
sollen, so dass ein christliches Leben nichts anderes ist als eine tägliche
Taufe, einmal angefangen und immer darin gegangen. Denn es muss ohne Unterlass
so getan werden, dass man immer ausfege, was von dem alten Adam ist, und
hervorkomme, was zum neuen gehört. Was ist denn der alte Mensch? Das ist er, so
uns angeboren ist von Adam, zornig, gehässig, neidisch, unkeusch, geizig, faul,
hoffärtig, ja ungläubig, mit allen Lastern besetzt, und von Art nichts Gutes an
sich hat. Wenn wir nun in Christi Reich kommen, soll solches täglich abnehmen,
dass wir je länger je milder, geduldiger, sanftmütiger werden, dem Unglauben,
Geiz, Hass, Neid, Hoffart je mehr abbrechen.
Das ist der
rechte Gebrauch der Taufe unter den Christen, durch das Wassertaufen bedeutet.
Wo nun solches nicht geht, sondern dem alten Menschen der Zaum gelassen wird,
dass er nur stärker wird, das heißt nicht, die Taufe gebrauchen, sondern gegen
die Taufe streben. Denn die außer Christus sind, können nichts anderes tun, als
täglich ärger werden, wie auch das Sprichwort lautet und die Wahrheit ist:
immer je ärger, je länger je böser. … Dagegen, wo Christen geworden sind, nimmt
er [der alte Mensch] täglich ab, so lange, bis er gar untergeht. Das heißt,
recht in die Taufe gekrochen und täglich wieder hervorgekommen. So ist das
äußerliche Zeichen gestellt, nicht allein, dass es soll kräftig wirken, sondern
auch etwas deuten. Wo nun der Glaube geht mit seinen Früchten, da ist’s nicht
eine lose Deutung, sondern das Werk dabei; wo aber der Glaube nicht ist, da
bleibt es ein bloß unfruchtbares Zeichen.
Sermon von dem heiligen hochwürdigen Sakrament der
Taufe[46]
1519
Die
Neufassung der Sakramentslehre war nach der reformatorischen Wende in Luthers
Leben 1518/19 von zentraler Bedeutung, da gerade in ihnen sich die
Rechtfertigungslehre besonders entfaltete. Das gilt auch für die Taufe, in der
die Rechtfertigung sich eigentlich vollzieht. Darum gehört die Taufe nicht an
den Rand des christlichen Lebens, sondern in seine Mitte, denn die Buße ist
nichts anderes als die Rückkehr zur Taufe; und unser christliches Leben
eigentlich Leben aus der Kraft der Taufe und täglicher Vollzug des Werkes der
Taufe, nämlich des Abtötens des alten Menschen und Hervorkommen des neuen. Da
gilt es, den von Gott in der Taufe mit dem Menschen gemachten Bund
durchzuhalten; dazu dienen nicht zuletzt auch Askese, Leiden, selbst der Tod
als Gottes Werkzeuge.[47]
1. Zum
ersten, die Taufe heißt auf Griechisch Baptismos, zu
Latein Mersio, das ist, wenn man etwas ganz ins
Wasser taucht, das über ihm zusammengeht. Und wiewohl an vielen Orten der
Brauch nimmer ist, die Kinder in die Taufe ganz zu stoßen und zu tauchen,
sondern sie mit der Hand aus der Taufe begießt: So sollte es doch so sein und
wäre recht, dass man laut des Wörtleins Taufe das
Kind oder jeglichen, der getauft wird, ganz hinein ins Wasser senkte und taufte
und wieder herauszöge. Denn auch ohne Zweifel in deutscher Zunge das Wörtlein „Taufe“ herkommt von dem Wort „tief“, dass man
tief ins Wasser senkt, was man tauft. Das fordert auch die Bedeutung der Taufe;
denn sie bedeutet, dass der alte Mensch und sündliche
Geburt von Fleisch und Blut soll ganz ersäuft werden durch die Gnade Gottes;
wie wir hören werden. Darum sollte man der Bedeutung genugtun und ein recht
vollkommenes Zeichen geben.
2. Zum
zweiten: Die Taufe ist ein äußerliches Zeichen oder Losung, die uns absondert
von den ungetauften Menschen, dass wir dabei erkannt werden als ein Volk
Christi, unseres Herzogs, unter welches Panier, das ist, das heilige Kreuz, wir
steig streiten gegen die Sünde. Darum müssen wir drei Dinge in dem heiligen
Sakrament ansehen: das Zeichen, die Bedeutung und den Glauben. Das Zeichen
steht darin, dass man den Menschen in dem Namen des Vaters und des Sohnes und
des Heiligen Geistes stößt ins Wasser; aber man lässt ihn nicht darin, sondern
hebt ihn wieder heraus; darum heißt man es aus der Taufe gehoben. So müssen
alle beide Stücke in dem Zeichen sein: das Taufen und das Herausheben.
3. Zum
dritten: Die Bedeutung ist ein seliges Sterben der Sünde und Auferstehen in der
Gnade Gottes, dass der alte Mensch, der in Sünden empfangen wird und geboren,
da ertränkt wird und ein neuer Mensch herausgeht und aufsteht, in Gnaden
geboren. So nennt St. Paulus, Tit. 3,5, die Taufe „ein Bad der neuen Geburt“,
dass man in demselben Bad neu geboren und erneuert wird. So auch Christus, Joh.
3,3, sagt: „Es sei denn, dass ihr anderweit geboren werdet aus dem Wasser und
Geist, der Gnade, so könnt ihr nicht eingehen in das Himmelreich.“ Denn
gleichwie ein Kind aus Mutterleib gehoben und geboren wird, das durch solche
fleischliche Geburt ein sündiger Mensch ist und ein Kind des Zorns; so wird aus
der Taufe gehoben und geboren der Mensch geistlich und durch solche Geburt ein
Kind der Gnade und gerechtfertigter Mensch. So ersaufen die Sünden in der Taufe
und geht auf die Gerechtigkeit für die Sünde.
4. Zum
vierten: Die Bedeutung und Sterben oder Ertränken der Sünde geschieht nicht
vollkommen in diesem Leben, bis der Mensch auch leiblich sterbe und ganz
verwese zu Pulver. Das Sakrament oder Zeichen der Taufe ist bald geschehen, wie
wir vor Augen sehen; aber die Bedeutung der geistlichen Taufe, das Ersäufen der
Sünden, währt, dieweil wir leben, und wird allererst im Tod vollbracht; da wird
der Mensch recht in die Taufe gesenkt und geschieht, was die Taufe bedeutet.
Darum ist dies ganze Leben nichts anderes als ein geistliches Taufen ohne
Unterlass bis in den Tod, und wer getauft wird, der wird zum Tod verurteilt;
als spräche der Priester, wenn er tauft: Siehe, du bist ein sündiges Fleisch,
darum ertränke ich dich in Gottes Namen und verurteile dich zum Tod in
demselben Namen, dass mit dir alle deine Sünden sterben und untergehen. So sagt
Paulus, Röm. 6,4: „Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod.“
Und je eher der Mensch stirbt nach der Taufe, je eher seine Taufe vollbracht
wird; denn die Sünde hört nicht ganz auf, solange dieser Leib lebt, der so ganz
in Sünden empfangen ist, dass Sünde seine Natur ist; wie der Prophet sagt, Ps.
51,7: „Siehe, in Sünden bin ich empfangen, und in Untugend hat mich meine
Mutter getragen.“ Welcher in keiner Weise zu raten ist, sie sterbe denn und
werde zunichte mit ihrer Sünde. So ist eines Christenmenschen Leben nichts
anders als ein Anheben, selig zu sterben von der Taufe bis ins Grab; denn Gott
will ich anders manchen von neu auf am Jüngsten Tag.
5. Zum
fünften: Desgleichen aus der Taufe heben geschieht auch behände; aber die
Bedeutung, die geistliche Geburt, die Mehrung der Gnade und der Gerechtigkeit,
hebt wohl an in der Taufe, währt aber auch bis in den Tod, ja, bis an den
Jüngsten Tag. Da wird allererst vollbracht, was die Taufhebung bedeutet: Da
werden wir vom Tod, von Sünden, von allem Übel auferstehen rein an Leib und
Seele, und dann ewig leben. Da werden wir recht aus der Taufe gehoben und
vollkommen geboren, anziehen das rechte Westerhemd
des unsterblichen Lebens im Himmel. Als sprächen die Gevattern [Paten], wenn
sie das Kind aus der Taufe heben: Siehe, deine Sünden sind nun ertränkt, wir
empfangen dich in Gottes Namen in das ewige, unschuldige Leben. Denn so werden
die Engel am Jüngsten Tag herausheben alle Christen, getaufte, fromme Menschen,
und werden da erfüllen, was die Taufe und die Gevattern bedeuten; wie Christus
sagt Matth. 24,31: „Er wird aussenden seine Engel [mit hellen Posaunen], und
sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des
Himmels zu dem anderen.“
6. Zum
sechsten: Die Taufe ist vor Zeiten angezeigt in der Sintflut Noahs, da die
ganze Welt ersäuft wurde, ausgenommen Noah mit drei Söhnen und ihren Frauen,
acht Menschen, die in der Arche behalten wurden. Dass die Menschen der Welt
ertränkt wurden bedeutet, dass in der Taufe die Sünden ertränkt werden; dass
aber die acht in de Arche mit allerlei Tier behalten
wurden, bedeutet, dass durch die Taufe der Mensch selig wird, wie das St. Peter
auslegt, I. 3,20.21. Nun ist die Taufe weit eine größere Sintflut als jene
gewesen ist. Denn jene hat nicht mehr als eines Jahres Menschen ertränkt; aber
diese Taufe ertränkt noch durch die ganze Welt, von Christi Geburt an bis an
den Jüngsten Tag, allerlei Menschen; und ist eine Sintflut der Gnade, wie jene
eine Sintflut des Zorns war, wie im 29. Psalm, V. 10, verkündigt ist, „Gott
wird machen eine beständige, neue Sintflut.“ Denn ohne Zweifel viel mehr
Menschen getauft werden, als in der Sintflut ersoffen sind.
7. Zum
siebten: Daraus folgt, dass wohl wahr ist, ein Mensch, so er aus der Taufe
kommt, sei rein und ohne Sünde, ganz unschuldig; aber es wird von vielen nicht
recht verstanden, die meinen, es sei gar keine Sünde mehr da, und werden faul
und lässig, die sündliche Natur zu töten; gleichwie
auch etliche tun, wenn sie gebeichtet haben. Darum, wie oben gesagt ist, soll
man es recht verstehen und wissen, dass unser Fleisch, dieweil es hier lebt,
natürlich böse und sündhaftig ist. Dem zu helfen, hat
sich Gott einen solchen Rat erdacht, dass er es ganz neu anders schaffen will.
Gleichwie Jer. 18,4-6 anzeigt, der Töpfer, da ihm der Topf nicht wohl geriet,
denselben wieder in den Ton zu Haufen stieß und knetete und machte danach einen
anderen Topf, wie es ihm gefiel. So, spricht Gott, seid
ich in meinen Händen. In der ersten Geburt sind wir nicht wohl geraten; darum
so stößt er uns wieder in die Erde durch den Tod und macht uns wiederum am
Jüngsten Tag, dass wir alsdann wohl geraten und ohne Sünde sind.
8. Diesen
Rat hebt er an in der Taufe, die den Tod und Auferstehung am Jüngsten Tag
bedeutet, wie gesagt ist. Darum, wie viel die Bedeutung oder das Zeichen des
Sakraments ist, so sind die Sünden mit dem Menschen schon tot, und er ist
auferstanden, und ist so das Sakrament geschehen; aber das Werk des Sakraments
ist noch nicht ganz geschehen, das ist, der Tod und Auferstehung am Jüngsten
Tag ist noch vorhanden.
9. Zum
achten: So ist der Mensch ganz rein und unschuldig, sakramentlich; das ist
nicht anders gesagt als: Er hat das Zeichen Gottes, die Taufe; damit angezeigt
wird, seine Sünden sollen alle tot sein und er in Gnaden auch sterben und am
Jüngsten Tag auferstehen rein, ohne Sünde, unschuldig, ewig zu leben. So ist’s
des Sakraments halben wahr, dass er ohne Sünde, unschuldig sei; aber dieweil
nun das noch nicht vollbracht ist, und er noch lebt im sündlichen
Fleisch, so ist er nicht ohne Sünde, noch rein aller Dinge, sondern hat
angefangen, rein und unschuldig zu werden.
10.
Darum, wenn der Mensch zu seinen Jahren kommt, so regen sich die natürlichen sündlichen Begierden, Unkeuschheit, Liebe, Geiz, Hoffart
und dergleichen; deren keines wäre, so die Sünden im Sakrament alle ertränkt
und tot wären. Nun sind sie nur bedeutet, zu ertränken durch den Tod und
Auferstehung am Jüngsten Tag. So klagt St. Paulus, Röm. 7,18, und alle Heiligen
mit ihm, dass sie Sünder seien und Sünde in ihrer Natur haben, ob sie wohl
getauft und heilig waren, darum, dass sich die natürlichen sündlichen
Begierden immer regen, solange wir leben.
11. Zum
neunten: So sprichst du: Was hilft mir denn die Taufe, wenn sie nicht tilgt und
ablegt die Sünde ganz und gar? Hier kommt nun der rechte Verstand und
Erkenntnis des Sakraments der Taufe. Das hilft dir das hochwürdige Sakrament
der Taufe, dass sich Gott daselbst mit dir verbindet und mit dir eines wird
eines gnädigen und tröstlichen Bundes.
12. Zum ersten, dass du dich ergibst in das Sakrament der
Taufe und seiner Bedeutung, das ist, dass du begehrst mit den Sünden zu sterben
und am Jüngsten Tag neu gemacht zu werden nach Anzeige des Sakraments; wie
gesagt ist. Das nimmt Gott auf von dir und lässt dich taufen und hebt von Stund an, dich neu zu machen, gießt dir ein seine
Gnade und Heiligen Geist, der anfängt, die Natur und Sünde zu töten und zu
bereiten zum Sterben und zum Auferstehen am Jüngsten Tag.
13. Zum zweiten. Verbindest du dich also zu
bleiben und immer mehr und mehr zu töten deine Sünde, solange du lebst, bis in
den Tod: So nimmt dasselbe Gott auch auf und übt dich dein Leben lang mit
vielen guten Werken und mancherlei Leiden; damit er tut, dass du begehrt hast
in der Taufe, das ist, dass du willst die Sünde los werden, sterben und neu
auferstehen am Jüngsten Tag und so die Taufe vollbringen. Darum lesen wir und
sehen, wie er seine lieben Heiligen so hart lässt martern und viel leiden, dass
sie nur bald getötet, dem Sakrament der Taufe genug täten, stürben und neu
würden. Denn so das nicht geschieht und wir nicht leiden noch Übung haben, so
überwindet die böse Natur den Menschen, dass er ihm die Taufe unnütz macht und
fällt in Sünde, bleibt ein alter Mensch, wie zuvor.
14. Zum zehnten: Dieweil nun solches dein
Verbinden mit Gott steht, tut dir Gott wieder die Gnade und verbindet sich dir,
er wolle dir die Sünden nicht zurechnen, die nach der Taufe in deiner Natur
sind, will sie nicht ansehen, noch dich darum verdammen. Lässt sich daran
genügen und hat ein Wohlgefallen, dass du in steter Übung und Begierde seist,
dieselben zu töten und mit deinem Sterben sie loszuwerden. Deshalb, ob sich
wohl böse Gedanken oder Begierden regen, ja, ob du auch zuweilen sündigst und
fällst; so du doch wieder aufstehst und in den Bund trittst, so sind sie in
Kraft des Sakraments und Bundes schon dahin, wie St. Paulus, Röm. 8,1, sagt:
„Es verdammt die natürliche böse, sündliche Neigung
keinen, der an Christus glaubt und derselben nicht folgt noch drein willigt.“
Und St. Johannes in seiner Epistel [Brief] spricht: „Und ob jemand fiele in
Sünde, so haben wir einen Fürsprecher bei Gott, Jesus Christus, der eine
Vergebung geworden ist für unsere Sünde“, 1. Joh. 2,1.2. Dasselbe geschieht
alles in der Taufe, da wird uns Christus gegeben, wie wir hören werden im folgenden Sermon.
15. Zum
elften: Wenn nun dieser Bund nicht wäre und Gott nicht barmherzig durch die
Finger sähe, so wäre keine Sünde so klein, sie verdammte uns. Denn Gottes
Gericht mag keine Sünde leiden. Darum ist kein größerer Trost auf Erden als die
Taufe, durch welche wir in der Gnade und Barmherzigkeit Urteil treten, welche
die Sünde nicht richtet, sondern mit vielen Übungen austreibt. So spricht St.
Augustinus einen feinen Spruch: „Die Sünde wird in der Taufe ganz vergeben,
nicht so, dass sie nicht mehr da sei, sondern dass sie nicht zugerechnet wird“;
als spräche er: Die Sünde bleibt wohl bis in den Tod in unserem Fleisch, regt
sich ohne Unterlass; aber dieweil wir nicht drein willigen oder darin bleiben,
so ist sie durch die Taufe so geordnet, dass sie nicht verdammt noch schädlich
ist, sondern ausgetilgt wird täglich mehr und mehr bis in den Tod.
16.
Deshalb soll niemand erschrecken, ob er fühlt böse Lust oder Liebe, auch nicht
verzagen, ob er schon fällt; sondern an seine Taufe denken und sich derselben
fröhlich trösten, dass Gott sich da verbunden hat, ihm seine Sünde zu töten und
nicht zur Verdammnis anzurechnen, so er nicht drein willigt oder nicht drinnen
bleibt. Auch soll man dieselben wütenden Gedanken oder Begierden, ja auch das
Fallen nicht annehmen zum Verzagen; sondern als eine Ermahnung von Gott, dass
der Mensch an seine Taufe denke, was er da geredet hat, dass er anrufe Gottes
Gnade und sich übe, zu streiten gegen die Sünde, ja, auch zu sterben begehre,
dass er der Sünden möge los werden.
17. Zum
zwölften: Hier ist nun das dritte Stück des Sakramente zu behandeln, das ist
der Glaube, das isst, dass man dies alles fest glaube, wie das Sakrament nicht
allein bedeute den Tod und Auferstehung am Jüngsten Tag, durch welche der
Mensch neu werde, ewig ohne Sünde lebe; sondern dass es auch gewiss dasselbe
anhebe und wirke und uns mit Gott verbindet, dass wir wollen bis in den Tod die
Sünde töten und wider sie streiten; und er wiederum uns wolle zugut halten und
gnädig mit uns handeln, nicht richten nach der Schärfe, dass wir ohne Sünde
nicht sind in diesem Leben, bis dass wir rein werden durch den Tod. Also
verstehst du, wie ein Mensch unschuldig, rein, ohne Sünde wird in der Taufe und
doch bleibt voll vieler böser Neigung, dass er nicht anders rein heißt, als
dass er angefangen ist, rein zu werden und derselben Reinigung ein Zeichen und
Bund hat und je mehr rein werden soll. Um welches willen ihm Gott seine noch
vorhandene Unreinigkeit nicht zurechnen will und [er] also mehr durch Gottes
gnädiges Zurechnen, als seines Wesens halben, rein ist. Wie der Prophet sagt,
Psalm 32,1.2: „Selig sind die, denen ihre Sünden vergeben sind; selig ist der
Mensch, dem Gott seine Sünde nicht zurechnet.“ Dieser Glaube ist der
allernötigste, denn er ist der Grund alles Trostes; wer den nicht hat, der muss
verzweifeln in Sünden. Denn die Sünde, die nach der Taufe bleibt, macht, dass
alle guten Werke nicht rein sind vor Gott. Deshalb muss man gar keck und frei
an die Taufe sich halten und sie halten gegen alle Sünde und Erschrecken des
Gewissens und demütig sagen: Ich weiß gar wohl, dass ich kein reines Werk habe;
aber ich bin je getauft, durch welches mir Gott, der nicht lügen kann, sich
verbunden hat, meine Sünde mir nicht zuzurechnen, sondern zu töten und
vertilgen.
18. Zum
dreizehnten: So verstehen wir nun, dass unsere Unschuld von der Taufe ganz und
gar der göttlichen Barmherzigkeit halben so heißt, die solches angefangen und
mit der Sünde Geduld trägt und uns achtet, als wären wir ohne Sünde. Daher
versteht man auch, warum die Christen heißen in der Schrift „die Kinder der
Barmherzigkeit, ein Volk der Gnade und Menschen des gütigen Willens Gottes“;
nämlich darum, dass sie angefangen durch die Taufe, rein zu werden und durch
Gottes Barmherzigkeit mit der übrigen Sünde nicht verdammt werden, bis sie
durch den Tod und am Jüngsten Tag ganz rein werden, wie die Taufe mit ihrem
Zeichen ausweist.
19. Darum
ist das ein großer Irrtum derer, so da meinen, sie seien durch die Taufe ganz
rein geworden, gehen dahin in ihrem Unverstand und töten ihre Sünde nicht, wollen’s auch nicht Sünde lassen sein, verharren darin und
machen so ihre Taufe ganz zunichte, bleiben allein in etlichen äußerlichen
Werken hangen, unter welchen die Hoffart, Hass und andere natürliche Bosheit,
die sie nicht achten, nur stärker und größer werden. Nein, es ist nicht so, es
muss die sündliche, böse Neigung für wahre Sünde
erkannt werden; dass sie aber unschädlich sei, Gottes Gnade zuschreiben, der
sie nicht zurechnen will; so doch, dass man sie mit vielen Übungen, Werken und
Leiden bestreite, zuletzt mit Sterben töte. Welche das nicht tun, denen wird er
sie nicht nachlassen, darum, dass sie der Taufe und ihrem Verbinden nicht Folge
tun und hindern das angefangene Werk Gottes und der Taufe.
20. Zum
vierzehnten: Der Art sind auch die, die da meinen, ihre Sünde mit Genugtuung
tilgen und ablegen (zu können), kommen auch so ferne, dass sie die Taufe nicht
mehr achten, gerade, als hätten sie der Taufe nicht mehr bedurft, als dass sie
herausgehoben sind; wissen nicht, dass sie durch’s
ganze Leben bis in den Tod, ja, am Jüngsten Tag Kraft hat, wie droben gesagt.
Darum meinen sie etwas anderes zu finden, die Sünde zu vertilgen, nämlich die
Werke, und machen so sich selbst und allen anderen böse, erschrockene,
unsichere Gewissen, Verzagung im Tod und wissen
nicht, wie sie mit Gott daran sind, achten’s, die
Taufe sei nun durch die Sünde verloren und nichts mehr nütze.
21. Da
hüte dich vor beileibe. Denn, wie gesagt, ist jemand in Sünde gefallen, so
denke er am stärksten an seine Taufe, wie sich Gott daselbst mit ihm verbunden
hat, alle Sünde zu vergeben, so er gegen sie fechten will bis in den Tod. Auf
diese Wahrheit und Verbindung Gottes muss man sich fröhlich wagen, so geht die
Taufe wieder in ihrem Werk und Kraft; so wird das Herz wieder zufrieden und
fröhlich; nicht in seinem Werk oder Genugtuung, sondern in Gottes Barmherzigkeit,
die ihm in der Taufe zugesagt ist, ewig zu halten. Und an dem Glauben muss man
also fest halten, dass, ob auch alle Kreaturen und alle Sünden einen
überfielen, er dennoch daran hange; angesehen, dass, wer sich davon lässt
dringen, der macht Gott zu einem Lügner in seinem Verbinden an dem Sakrament
der Taufe.
22. Zum
fünfzehnten: Den Glauben ficht der Teufel am meisten an; wenn er den umstößt,
so hat er gewonnen. Denn auch das Sakrament der Buße[48],
davon gesagt ist, seinen Grund in diesem Sakrament hat, dieweil allein denen
die Sünden vergeben werden, die getauft sind, das ist denen Gott zugesagt hat,
Sünde zu vergeben; so, dass der Buße Sakrament erneuert und wieder anzeigt der
Taufe Sakrament, als spräche der Priester in der Absolution: Siehe, Gott hat
dir deine Sünde jetzt vergeben, wie er die vorher in der Taufe zugesagt und mir
jetzt befohlen in der Kraft der Schlüssel, und kommst nun wieder in der Taufe
Werk und Wesen: Glaubst du, so hast du’s; zweifelst du, so bist du verloren. So
finden wir, dass die Taufe durch die Sünde wird wohl verhindert an ihrem Werk,
das ist Vergebung und Tötung der Sünde; aber allein durch den Unglauben ihres
Werks wird sie zunichte. Und der Glaube bringt (stellt sich gegen) dieselben
Hindernisse ihres Werks. So gar liegt es alles am
Glauben.
23. Und
wenn ich’s sollte klar sagen, so ist es ein anderes Ding, die Sünden zu
vergeben und die Sünden abzulegen oder auszutreiben. Die Vergebung der Sünden
erlangt der Glaube, ob sie wohl nicht ganz ausgetrieben sind; aber die Sünden
austreiben, ist Übung gegen die Sünde und zuletzt sterben; da geht die Sünde
ganz unter. Es ist aber alles beides der Taufe Werk. So schreibt der Apostel an
die Hebräer, Kap. 12,1, die doch getauft waren und ihre Sünden vergeben, „sie
sollen die Sünde ablegen, die ihnen anliegt“. Denn dieweil ich glaube, dass mir
Gott die Sünde nicht zurechnen will, so ist die Taufe kräftig und sind die
Sünden vergeben, ob sie wohl noch da bleiben zu einem großen Teil. Darnach
folgt das Austreiben durch Leiden und Sterben usw. Das ist der Artikel, den wir
bekennen: „Ich glaube an den Heiligen Geist, Vergebung der Sünde“ usw. Da wird
die Taufe besonders berührt, in welcher die Vergebung geschieht durch Gottes
Verbinden mit uns; darum darf man nicht zweifeln an derselben Vergebung.
24. Zum
sechzehnten: So folgt, dass die Taufe alles Leid, und besonders den Tod,
nützlich und hilfreich macht, dass sie nur dienen müssen dem Werk der Taufe,
dass ist, die Sünde zu töten. Denn es mag nun nicht anders werden, wer der
Taufe genugtun will und die Sünde loswerden, der muss sterben. Aber die Sünde
stirbt nicht gerne; darum macht sie den Tod so bitter und greulich.
So gnädig ist Gott und mächtig, dass die Sünde, die den Tod gebracht hat, wird
mit ihrem eigenen Werk, dem Tod, wieder vertrieben.
25. Man
findet viele Leute, die leben wollen, dass sie fromm werden, und sprechen, sie
wären gerne fromm. Nun ist keine kürzere Weise oder Weg, als durch die Taufe
und der Taufe Werk, das ist, Leiden und Sterben; dieweil sie das nicht wollen,
ist’s ein Zeichen, dass sie nicht recht wissen und meinen, fromm zu werden.
Darum hat Gott mancherlei Stände verordnet, in welchen man sich üben und leiden
lernen soll; etlichen den ehelichen, den anderen den geistlichen, den anderen
den regierenden Stand, und allen befohlen, Mühe und Arbeit zu haben, dass man
das Fleisch töte und gewöhne zu töten. Denn allen denen, die getauft sind,
denen hat die Taufe dieses Lebens Ruhe, Gemach und Genüge zu lauter Gift
gemacht, als ein Hindernis ihres Werks. Denn darin lernt niemand leiden, gerne
sterben, die Sünde los zu werden und der Taufe Folge zu tun; sondern wächst nur
Liebe dieses Lebens und Grauen des ewigen Lebens, Furcht des Todes und Flucht
vor der Vertilgung der Sünde.
26. Zum
siebzehnten: Nun siehe in der Menschen Leben. Es sind ihrer viel, die fasten,
beten, wallen und dergleichen Übungen haben, mit welchen sie nur Verdienst zu
sammeln meinen und hoch zu sitzen im Himmel; lernen aber nimmermehr, ihre böse
Untugend zu töten. Man sollte Fasten und alle Übungen dahin richten, dass sie
den alten Adam, die sündliche Natur, unterdrückten
und gewöhnten, zu entbehren alles des, das diesem Leben lustig ist, und so zum
Tod täglich mehr und mehr bereit machen, dass der Taufe Genüge geschähe [durch][49] aller
derselben Übungen und Mühe. Maß sollte man nehmen, nicht nach der Zahl und
Größe, sondern nach der Forderung der Taufe, das ist, dass ein jeglicher der
Übungen so viel sich nehme, die und so viel ihm nützlich und gut wären, die sündliche Natur zu unterdrücken und zum Tod zu schicken,
dieselben auch ablassen und mehren, darnach man befände die Sünde abnehmen oder
zunehmen. So fahren sie daher und laden auf sich dies und das; tun jetzt so,
jetzt anders, nur nach der Larve und Ansehen des Werks; danach geschwind wieder
fahren lassen, und so ganz unbeständig werden, dass nimmer etwas aus ihnen
wird; etliche darüber die Köpfe zerbrechen und die Natur verderben, dass sie
weder ihnen noch andern nütze sind.
27. Das
sind alles Früchte der Lehre, die uns besessen hat, dass wir meinen, nach der
Reue oder Taufe ohne Sünde zu sein, und die guten Werke, nicht um Sünde zu
vertilgen, sondern frei für sich selbst die Menge sammeln oder um [für die]
getanen Sünden genugzutun. Da helfen zu die Prediger, die der lieben Heiligen
Legenden und Werke nicht weise predigen und allgemeinen Beispiele daraus
machen. So fallen denn darauf die Unverständigen und wirken ihr Verderben aus der
Heiligen Beispiel. Gott hat einem jeglichen seine besondere Weise und Gnade
gegeben, seiner Taufe Folge zu tun. Die Taufe aber mit ihrer Bedeutung ist
allen als ein gemeines Maß gesetzt, dass ein jeglicher seines Standes sich
prüfe, welche weise ihm am besten förderlich sei, der
Taufe genugzutun, das ist, die Sünde zu töten und sterben. Auf dass so leicht
und sanft werde die Bürde Christi, und nicht mit Ängsten und Sorgen zugehe, wie
von denselben Salomo sagt, Pred. 10,15: „Die Werke
der Unweisen martern sie nur, darum, dass sie den Weg zur Stadt nicht wissen.
Denn eben wie die geängstigt sind, die zur Stadt wollen und treffen den Weg
nicht: So ist’s mit diesen auch, dass all ihr Leben und Wirken ihnen sauer wird
und richten doch nichts aus.
28. Zum
achtzehnten: Dahin gehört nun die allgemeine Frag: Ob die Taufe und Gelübde,
die wir da Gott getan, mehr oder größer sind als die Gelübde der Keuschheit,
Priesterschaft, Geistlichkeit, so doch die Taufe allgemein ist allen Christen,
und man es achtet, dass die Geistlichen ein Besonderes haben und Höheres?
Antwort: Ist aus dem Vorgesagten leicht zu beantworten. Denn in der Taufe geloben wir alle gleich Ein Ding, die Sünde zu töten und
heilig zu werden durch Gottes Wirken und Gnade. Denn wir uns dargeben und opfern wie ein Ton dem Töpfer, und ist da
keiner besser als der andere. Aber derselben Taufe Folge zu tun, dass die Sünde
ertötet werde, mag nicht Eine Weise oder Stand sein. Darum habe ich gesagt, ein
jeglicher muss sich selbst prüfen, in welchem Stand er am besten die Sünde
könne töten und die Natur dämpfen. Also ist es wahr, dass kein höheres,
besseres, größeres Gelübde ist als der Taufe Gelübde; was kann man weiter
geloben, als alle Sünde vertreiben, sterben, dies Leben hassen und heilig werden?
Über dies
Gelübde aber mag sich eines wohl verbinden in einen Stand, der ihm füglich und
förderlich sei zu seiner Taufe Vollbringung. Gleich als wenn zwei zu einer
Stadt wanden, kann einer den Fußsteig, de andere die
Landstraße gehen, wie es ihm am Besten dünkt; also,
wer sich an ehelichen Stand bindet, der wandert in desselben Standes Mühe und
Leiden, darin er seine Natur beladet, dass sie Liebe und Leides gewöhne, Sünde
meide und sich zum Tod desto besser bereite, was er nicht so wohl könnte
außerhalb desselben Standes. Wer aber mehr Leiden sucht und durch viele Übungen
sich will in Kürze zum Tod bereiten und sein Taufwerk
bald erlangen, der verbinde sich an die Keuschheit oder geistlichen Orden; denn
ein geistlicher Stand, wenn er recht steht, so soll er voll Marter und Leiden
sein, dass er mehr Übungen seiner Taufe hat als der eheliche Stand, und durch
solche Marter sich bald gewöhne, den Tod fröhlich zu empfangen und so seiner
Taufe Ende überkomme. Über diesen Stand ist nun noch ein höherer, der regierende
Stand im geistlichen Regiment, wie Bischof, Pfarrherr usw., die sollen alle
Stunden, ganz wohl durchübt mit Leiden und Werken,
fertig sein zum Tod, nicht allein um ihretwillen, sondern auch um derer willen,
die ihnen untertänig sind, zu sterben.
30. Doch
in allen diesen Ständen darf man dennoch das Maß nicht vergessen, wie droben
gesagt, dass man die Übung so halte, dass nur die Sünde ausgetrieben werde und
nicht nach der Menge oder Größe der Werke sich richte. Aber leider! Wie wir
vergessen haben die Taufe und was sie bedeutet, was wir drinnen gelobt und wie
wir in ihrem Werk wandern und zu ihrem Ende kommen sollen: So haben wir auch
die Wege und die Stände vergessen und wissen fast nicht, wozu solche Stände
eingesetzt oder wie man sich darinnen halten soll zur Tauferfüllung. Es ist
eine Pompa (Gepränge) daraus geworden und nur ein weltlicher Schein kaum übrig
geblieben, wie Jesaja sagt, Kap. 1,22: „Dein Silber ist zu Schaum geworden und
dein Getränk mit Wasser vermischt“; des erbarme sich Gott. Amen.
31. Zum
neunzehnten: So aber das heilige Sakrament der Taufe so ein großes, gnädiges
und tröstliches Ding ist, ist mit Ernst darauf zu sehen, dass man Gott je
herzlich und fröhlich dafür ohne Unterlass Dank, Lob und Ehre sage. Denn ich
besorge, der Undank hat verdient, dass wir, blind geworden, nicht würdig
gewesen sind, solche Gnade zu erkennen; und die ganze Welt voll Taufe und Gnade
Gottes gewesen und noch ist, wir aber in die ängstlichen eigenen Werke, danach
in den Ablass und dergleichen falsche Troste verführt sind; vermeinend, Gott
nicht eher zu vertrauen, wir wären denn fromm und es sei genug geschehen für
die Sünde, als wollten wir ihm seine Gnade abkaufen oder bezahlen. Fürwahr, wer
Gottes Gnade nicht so achtet, dass sie ihn als einen Sünder dulden und selig
machen werde und allein seinem Gericht entgegen geht, der wird Gottes nimmer
froh, mag ihn auch weder lieben noch loben. Aber so wir hören, dass er in der
Taufe Bund uns Sünder aufnimmt, verschont und macht uns rein von Tag zu Tag,
und das fest glauben, muss das Herz fröhlich werden, Gott lieben und loben. So
spricht er im Propheten Maleachi, 3,17: „Ich will sie verschonen, wie ein Vater
sein Kind.“ Darum ist’s not, dass man der hochgelobten Majestät, die sich gegen
uns arme, verdammte Würmlein so gnädig und barmherzig erzeigt danksage und das
Werk, wie es an ihm selbst ist, groß mache und erkenne.
32. Zum
zwanzigsten: Dabei sollen wir uns aber auch vorsehen, dass nicht eine falsche
Sicherheit dabei einreiße und spreche bei sich selbst: Ist es so ein gnädig und
groß Ding um die Taufe, dass uns Gott die Sünde nicht zurechnen will, und so bald wir wiederkommen von der Sünde, alle Dinge
geschlichtet sind in Kraft der Taufe, so will ich dieweil leben und tun nach
meinem Willen und hernachmals oder am Sterben an
meine Taufe denken und Gott wegen seines Bundes ermahnen und dann meiner Taufe
genugtun.
33. Ja,
freilich ist es so groß um die Taufe, dass, wenn du wiederkommst von Sünden und
der Taufe Bund anrufst, deine Sünden vergeben sind. Siehe aber zu, wenn du so
frevelhaft und mutwillig sündigst auf die Gnade, dass dich das Gericht nicht
ergreife und deinem Wiederkommen zuvorkomme; und ob du dann schon wolltest
glauben an die Taufe oder vertrauen, dass durch Gottes Verhängen deine
Anfechtung so groß werde, dass der Glaube nicht bestehen könne. Denn so die schwer
bleiben, die nicht sündigen oder je aus lauter Gebrechlichkeit fallen, wo will
dein Frevel bleiben, der die Gnade versucht und verspottet hat? 1. Petr. 4,18.
Darum lasst uns mit Sorgen und Furcht wandeln, dass wir die Reichtümer
göttlicher Gnaden mögen mit einem festen Glauben behalten und seiner
Barmherzigkeit fröhlich danken immer und ewig. Amen.
(aus den Schmalkaldischen
Artikeln)
Vom
Sakrament des Altars halten wir, dass Brot und Wein im Abendmahl sei der
wahrhaftige Leib und Blut Christi, und werde nicht allein gerecht und empfangen
von frommen, sondern auch von bösen Christen.
Und dass man
nicht soll einerlei Gestalt allein geben. Und wir bedürfen der hohen Kunst
nicht, die uns lehre, dass unter einer Gestalt so viel sei wie unter beiden,
wie uns die Sophisten und das Konzil zu Konstanz lehren. Denn ob’s gleich wahr
wäre, dass unter einer so viel sei wie unter beiden, so ist doch die einige
Gestalt nicht die ganze Ordnung und Einsetzung, durch Christus gestiftet und
befohlen.
(aus dem großen Katechismus:)
Das Wort
(sage ich) ist das, das dies Sakrament macht und unterscheidet, dass es nicht
lauter Brot und Wein, sondern Christi Leib und Blut ist und heißt. Denn es
heißt: Wenn das Wort zum äußerlichen Ding kommt, so wird’s ein Sakrament.
Dieser Spruch St. Augustins ist so eigentlich und wohl geredet, dass er kaum
einen besseren gesagt hat. Das Wort muss das Element zum Sakrament machen; wo
nicht, so bleibst’s ein lauteres Element. Nun ist’s
nicht eines Fürsten oder Kaisers, sondern der hohen Majestät Wort und Ordnung,
davor alle Kreaturen sollen zu Fuß fallen und ja sprechen, es sei, wie er sagt,
und mit allen Ehren, Frucht und Demut anzunehmen.
Aus dem Wort
kannst du dein Gewissen stärken und sprechen: Wenn hunderttausend Teufel samt
allen Schwärmern herfahren, wie kann Brot und Wein Christi Leib und Blut sein
usw.? so weiß ich, dass alle Geister und Gelehrten auf einem Haufen nicht so
klug sind, wie die göttliche Majestät im kleinsten Fingerlein. Nun steht hier
Christi Wort: Nehmt, esst, das ist mein Leib. Trinkt alle daraus, das ist
das neue Testament in meinem Blut. Da bleiben wir
bei, und wollen sie ansehen, die ihn meistern werden und anders machen, als
er’s geredet hat. Das ist wohl wahr, wenn du das Wort davon tust, oder ohne
Wort ansiehst, so hast du nichts als lauter Brot und Wein; wenn sie aber
dabeibleiben, wie sie sollen und müssen, so ist’s laut derselben wahrhaftig
Christi Leib und Blut. Denn wie Christi Mund redet und spricht, so ist es, als
der nicht lügen noch trügen kann.
(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)
Die
Schlüssel sind ein Amt und Gewalt, der Kirche von Christus gegeben, zu binden
und zu lösen die Sünde, nicht allein die groben und wohl bekannten Sünden,
sondern auch die subtilen, heimlichen, die Gott allein erkennt. Wie geschrieben
steht im 19. Psalm: Wer kann merken, wie oft er fehlt? Und St. Paulus
Röm. 7 klagt selbst, dass er mit dem Fleisch diene dem Gesetz der Sünde.
Denn es steht nicht bei uns, sondern bei Gott allein zu urteilen, welche, wie
groß und wie viel Sünden sind, wie geschrieben steht im 143. Psalm: Gehe
nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein lebendiger Mensch
gerecht. Und Paulus 1. Kor. 4 auch sagt: Ich bin mir wohl nichts
bewusst, aber darum bin ich nicht gerechtfertigt.
Weil die
Absolution oder Kraft der Schlüssel auch eine Hilfe und Trost ist, gegen die
Sünde und böse Gewissen im Evangelium durch Christus gestiftet, so soll man die
Beichte oder Absolution bei Leibe nicht lassen abkommen in der Kirche,
sonderlich um der einfältigen Gewissen willen, auch um des jungen rohen Volks
willen, damit es verhört und unterrichtet werde in der christlichen Lehre.
Die
Aufzählung aber der Sünden soll frei sein einem jeden, was er erzählen oder
nicht erzählen will; denn so lange wir im Fleisch sind, werden wir nicht lügen,
wenn wir sagen: Ich bin ein armer Mensch voller Stünde. Röm. 7: Ich fühle
ein anderes Gesetz in meinen Gliedern usw. Denn dieweil die
Privatabsolution von dem Amt herkommt der Schlüssel, soll man sie nicht
verachten, sondern hoch und wert halten, wie alle anderen Ämter der
christlichen Kirche.
Und in
diesen Stücken, so das mündliche, äußerliche Wort betreffen, ist fest darauf zu
bleiben, dass Gott niemand seinen Geist oder Gnade gibt, außer durch oder mit
dem vorhergehenden äußerlichen Wort. Damit wir uns bewahren vor den
Enthusiasten, das ist, Geistern, so sich rühmen, ohne und vor dem Wort den
Geist zu haben, und danach die Schrift oder mündliches Wort richten, deuten und
dehnen nach ihrem Gefallen, wie der Müntzer tat und noch viele heute, die zwischen
dem Geist und Buchstaben scharfe Richter sein wollen und wissen nicht, was sie
sagen oder setzen. Denn das Papsttum auch ein eitel Enthusiasmus ist, darin der
Papst rühmt, alle Rechte sind im Schrein seines Herzens, und was er mit seiner
Kirche urteilt und heißt, das soll Geist und Recht sein, wenn‘ gleich über und
gegen die Schrift oder das mündliche Wort ist.
(von Roland Sckerl, in
Anlehnung an Darlegungen Luthers in der Deutschen Messe)
1) Das goldene Säckchen: Der Glaube
Das
goldene Säckchen hat zwei Beutel:
a) Mit dem Beutel Gesetz
verkündigt dir der Heilige Geist den Willen und Maßstab Gottes, A) um der
groben Sünden zu wehren; B) dir klar zu machen, dass du Sünder abgrundtief
verdorben bist, tot in Übertretungen und Sünden, darum unter Gottes Zorn und in
alle Ewigkeit verdammt, und du daher einen Retter brauchst, und will so Reue,
Traurigkeit über die Sünde, Hass, Ekel, Abscheu gegen die Sünde wirken; C) um
dir, der du an Christus als deinen Retter glaubst, zu sagen, wie Gott will,
dass du aus Christi Kraft leben sollst.
1. Mose 8,21: Das
Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.
Eph. 2,1-3: Ihr
wart tot durch Übertretungen und Sünden, in welchen ihr einst gewandelt habt
nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht,
nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des
Unglaubens, unter welchen wir auch alle einst unseren Wandel gehabt haben in
den Lüsten unseres Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns
von Natur, gleichwie auch die andern.
Joh. 3,36b: Wer
dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes
bleibt über ihm.
Röm. 6,23a: Der
Tod ist der Sünde Lohn.
b) Mit dem Beutel Evangelium
verkündigt dir der Heilige Geist, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott und
wahrhaftiger Mensch in einer Person, dich erlöst hat von allen Sünden, von Tod
und Verdammnis und der Gewalt des Teufels, indem er das Gesetz für dich
stellvertretend erfüllt, deine Sünden auf sich genommen und an seinem Leib auf
das Kreuz geopfert und dort vollkommen für dich bezahlt und so Gott mit dir
völlig versöhnt hat und ruft dich zum Glauben an diese Zusage der Vergebung und
des ewigen Lebens und schenkt ihn auch.
Joh. 3,16: So
sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit
alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Gal. 4,4-5: Da
aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und
unter das Gesetz getan, damit er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, und
wir die Kindschaft empfingen.
1. Petr. 2,24: Welcher
unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz, auf dass wir,
der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid
heil geworden.
1. Petr. 1,18-19: Und
wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Gold oder Silber erlöst seid von eurem
eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als
eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.
Röm. 4,25: Er
ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen
auferweckt.
2. Kor. 5,19.21: Gott
war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre
Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. …
Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit
wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.
Joh. 3,36a: Wer
an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.
2) Das
silberne Säckchen: Das Leben
Das silberne Säckchen hat auch zwei Beutel:
Die erbarmende Liebe Gottes zu dir in Jesus Christus
wirkt in dir die über alles gehende Liebe zu Gott, die sich entfaltet in der
hingebenden Nachfolge Jesu Christi, denn der rechte Glaube kann nicht anders
als Frucht bringen (Gal. 5,6):
a) Der Beutel Kreuz
und Leid zeigt an, dass du in der hingebenden Nachfolge Jesu Christi gerade
in Kreuz, Leid, Trübsal mit ihm immer gleichförmiger werden sollst, wobei aber
dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sind, die an dir noch soll
offenbar werden in der Ewigkeit.
Apg. 14,22: Wir
müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen.
Mark. 8,34: Wer
mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich
und folge mir.
Röm. 8,18: Ich
halte es dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an
uns soll offenbar werden.
2. Tim. 3,12: Alle,
die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden.
b) Durch den Beutel Nächstenliebe ruft dich der Heilige Geist durch die erbarmende
Liebe Gottes zu dir in Christus dazu, Christus, der nun in dir wohnt, Raum zu
geben und ihm auch gleichförmig zu werden im hingebenden Dienst am Nächsten aus
Liebe.
Matth. 22,39: Du
sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Matht. 7,12: Alles,
was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen; das ist das
Gesetz und die Propheten.
Röm. 13,10: Die
Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes
Erfüllung.
3) Das
purpurne Säckchen: Die Gemeinschaft
Das purpurne Säckchen hat auch zwei Beutel:
Dadurch, dass der Heilige Geist dich mittels des
Evangeliums versetzt hat aus dem Reich des Teufels in das Reich Christi (Kol.
1,) hat er dich zugleich gesetzt in die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott
und den anderen an Christus Gläubigen (der Kirche im eigentlichen Sinn).
a) Mit dem Beutel Gottesgemeinschaft
ruft dich der Heilige Geist dazu, in der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott
zu bleiben durch regelmäßigen Gebrauch seines Wortes (tägliche Bibellese,
Gottesdienst, Beichte, Abendmahl, Bibelstunde) und regelmäßiges sowie akutes
Gebet.
Joh. 5,39: Sucht
in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie
ist’s, die von mir zeugt.
Kol. 3,16: Lasst
das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit. Lehrt und
ermahnt euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen
Liedern und singt dem HERRN in eurem Herzen.
Matth. 7,7-8: Bittet,
so wird euch gegeben, sucht, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch
aufgetan; denn wer da bittet, der empfängt, und wer da sucht, der fjndet, und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
b) Mit dem Glaubensgemeinschaft
ruft dich der Heilige Geist dazu, die konkrete, direkte Gemeinschaft der
Christen um Wort und Sakrament (Ortsgemeinde) nicht zu vernachlässigen oder zu
verlassen, sondern mit ihr zusammen die Gaben Christi zum Glauben und Leben zu
gebrauchen und zu verwalten durch Lehre, Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebet.
Apg. 2,42: Sie
blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im
Brotbrechen und im Gebet.
Kol. 3,16: Lasst
das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit. Lehrt und
ermahnt euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen
Liedern und singt dem HERRN in eurem Herzen.
Hebr. 10,25: Lasst
uns … nicht verlassen unsere Versammlung, wie etliche pflegen.
1. Kor. 1,10: Ich
ermahne euch aber, liebe Brüder, durch den Namen unseres HERRN Jesus Christus,
dass ihr allzumal einerlei Rede führt und lasst nicht Spaltungen unter euch
sein, sondern haltet fest aneinander in einem Sinn und einerlei Meinung.
Röm. 16,17: Ich
ermahne aber euch, liebe Brüder, dass ihr aufseht auf die, die da Zertrennung
und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und wicht von
denselben!
4) Das blaue
Säckchen: Gottes Gnadenmittel
Das blaue Säckchen enthält einen großen Beutel, der
noch drei weitere Beutel enthält:
a) Christi Geist spricht zu dir und wirkt an dir durch
sein Wort in Gesetz und Evangelium,
um dadurch rechte Sünden-, Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis (Gesetz)
und rechten lebendigen Glauben an Jesus Christus als den Retter (Evangelium) zu
wirken, zu erhalten und zu stärken. Der Glaube kommt aus dem Wort und gründet
sich auf das Wort und lebt daher auch aus dem Wort.
Röm. 1,16-17: Ich
schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes,
die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die
Griechen, da darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche
kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: Der Gerechte wird
seines Glaubens leben.
Röm. 10,17: So kommt der Glaube aus der Predigt, das
Predigen aber durch das Wort Gottes.
Joh. 16,8-11: Und
wenn derselbe [der Heilige Geist] kommt, der wird die Welt strafen um die Sünde
und um die Gerechtigkeit und um das Gericht: um die Sünde, dass sie nicht
glauben an mich; um die Gerechtigkeit aber, dass ich zum Vater gehe und ihr
mich hinfort nicht seht; um das Gericht, dass der Fürst dieser Welt gerichtet
ist.
Röm. 7,7: Die
Sünde erkannte ich nur durch das Gesetz.
1. Petr. 1,23: Die
da wiederum geboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem
Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewig bleibt.
Joh. 5,39: Sucht
in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie
ist’s, die von mir zeugt.
Joh. 8,32: So
ihr bleiben werdet an meiner Rede, seid ihr meine rechten Jünger und werdet die
Wahrheit erkennen; und die Wahrheit wird euch frei machen.
In seiner großen Gnade und Liebe zu uns hat Christus
aber in Verbindung mit dem Wort auch noch äußere Zeichen und Handlungen
gesetzt, um einem jeden persönlich die Vergebung der Sünden zuzueignen und zu
vergewissern:
aa) In der Taufe
wirkt er durch das Wasser den Tod des alten Menschen, Abwaschen der Sünden,
Auferstehung des neuen Menschen bei allen, die seiner Verheißung und Zusage
glauben. So ist auch hier das alles Entscheidende das Wort, das den Glauben
wirkt, worauf der Glaube sich gründet und woraus er lebt, denn die Taufe ist
nicht nur der einmalige Akt, sondern will täglich durch das Sterben des alten
und Aufstehen des neuen Menschen umgesetzt, entfaltet werden.
Matth. 28,18-20: Mir
ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin in alle Welt
und macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt halten alles, was ich euch
befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende.
Mark. 16,15-16: Geht
hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt bis
ans Ende und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der
wird verdammt werden.
Röm. 6,3-4: Wisst
ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in
seinen Tod getauft? So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod,
auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die
Herrlichkeit des Vaters, also sollt auch ihr in einem neuen Leben wandeln.
ab) Im heiligen
Abendmahl schenkt Christus uns unter Brot und Wein zum mündlichen Genuss
seinen Leib, den er für uns zur Vergebung der Sünden dahingegeben, und sein
Blut, das er für uns zur Vergebung der Sünden vergossen hat, um uns so der
Vergebung unserer Sünden im Glauben an Christus und sein Rettungswerk gewiss zu
machen und zu befestigen. Während alle Teilnehmer Christi Leib und Blut unter
Brot und Wein empfangen, so haben den geistlichen Segen nur die, die auch dem
Wort, als dem Hauptstück neben dem Essen und Trinken, glauben.
Matth. 26,26-28: Das sie aber aßen, nahm Jesus das
Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmt, esst; das ist
mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinkt
alle daraus. Das ist mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für
viele zur Vergebung der Sünden.
Mark. 14,22-24: Und indem sie aßen, nahm Jesus das
Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmt, esst; das ist mein
Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle
daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Neuen Testaments, das für
viele vergossen wird.
Luk. 22,19-20: Und er nahm das Brot, dankte du
brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben
wird; das tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem
Abendmahl und sprach: Das ist der Kelch, das neue
Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird.
1. Kor. 11,23-25: Ich habe es von dem HERRN
empfangen, das ich euch gegeben habe. Denn der HERR Jesus in der Nacht, da er
verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmt, esst;
das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis!
Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut. Solches tut, sooft ihr’s
trinkt, zu meinem Gedächtnis!
1. Kor. 10,16-17: Der Kelch des Segens, den wir
segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir
brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot
ist’s, so sind wir viele ein Leib, dieweil wir alle eines Brotes teilhaftig
sind.
ac) In der Absolution
(Lossprechnung von Sünden) schenkt Christus durch
sein Wort dem Sünder, dem seine Sünden leid sind und sie ihm bekennt die
Vergebung der Sünden durch den Diener am Wort oder den Christen, in dessen
Gegenwart du ihm deine Sünden bekannt hast. Durch den Glauben hast du, was
Christus dir zusagt.
Matth. 18,15-18: Sündigt aber dein Bruder an dir,
so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast
du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu
dir, auf dass alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Hört er
die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn wie
einen Heiden und Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden
werdet, das soll auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen
werdet, das soll auch im Himmel los sein.
Joh. 20,21-23: Da sprach Jesus abermals zu ihnen:
Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, sende ich euch. Und
da er das sagte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen
Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr
sie behaltet, denn sind sie behalten.
(Predigt von Carl Ferdinand Wilhelm Walther zum
Sonntag Oculi über Lukas 11,14-28; entnommen dem Predigtbuch „Gnadenjahr“)
Die Gnade
unseres HERRN und Heilandes, Jesus Christus, die Liebe Gottes und die
Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.
Geliebte
Brüder und Schwestern in Christus Jesus!
Zu nichts
werden die Christen im Neuen Testament öfter und dringender ermahnt als zur
Beständigkeit, und vor nichts mehr gewarnt als vor Abfall. Darum heißt es unter
anderem: „Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig.“ „Sei getreu bis in den
Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ „So besteht nun in der
Freiheit, damit uns Christus befreit hat, und lasst euch nicht wiederum in das
knechtische Joch fangen.“ „Seht euch vor, dass wir nicht verlieren, was wir
erarbeitet haben, sondern vollen Lohn empfangen.“ „Bleibe in dem, das du
gelernt hast.“ „Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme.“
Wollte
Gott, man könnte dieses alles auch den jetzigen Christen zurufen! Es steht aber
leider jetzt mit den meisten Getauften so, dass man sie keineswegs ermahnen
kann, im Glauben zu beharren bis ans Ende; denn wie kann der darin beharren,
der noch gar nicht wahrhaft zu glauben angefangen hat? Wie kann man den
ermahnen, Christus treu zu sein bis in den Tod, der es noch gar nicht mit
Christus hält und noch gar nicht unter der Fahne seines Kreuzes streitet? Wie kann
man denjenigen ermuntern, das Erarbeitete nicht wieder zu verlieren, der das
Eine, das not ist, noch gar nicht gesucht und gefunden hat? Wie kann man den
auffordern, die Krone festzuhalten und nicht aus der Gnade zu fallen, welcher
mit der Krone eines wahren Christen noch gar nicht geschmückt ist und noch gar
nicht bei Gott in Gnaden steht? – Den meisten Christen kann jetzt nicht
zugerufen werden: Fallt nicht ab! Sondern: Steht von eurem Fall wieder auf;
kehrt zurück zur Wahrheit, die ihr verlassen habt; kehrt um zu Christus, von
dem ihr euch geschieden habt; sucht die Gnade wieder, die ihr verloren habt!
Vergleicht nun das Wesen und Leben der meisten heutigen Christen mit den
Beschreibungen, welche das Wort Gottes von begnadigten Christen macht, so
werdet ihr finden, dass es jetzt mit den meisten ganz anders steht und dass die
größte Anzahl gewiss den Irrweg gehe, der nimmer zum Himmel führen kann.
Ein
wahrer Christ sucht nach Gottes Wort seinen einigen Trost in Christus; ein
wahrer Christ wird nicht mehr von seinem eigenen Geist, sondern von dem Geist
der Gnade, nämlich vom Heiligen Geist, regiert; ein wahrer Christ hält die
göttliche Wahrheit höher und köstlicher als Gold und Perlen, teurer als die
ganze Welt und streitet für sie bis an den Tod; ein wahrer Christ hat eine
innige Liebe zu allen seinen Miterlösten, auch zu seinen Feinden, besonders
aber zu seinen Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern; er freut sich nicht nur
mit den Fröhlichen, sondern weint auch mit den Weinenden und hilft ihnen gern
mit allem, das er hat und vermag; ein wahrer Christ ist ferner arm im Geist,
demütig gegen Gott und Menschen und hält sich daher gern herunter zu den
Niedrigen; ein wahrer Christ fürchtet sich vor der Sünde, kämpft daher dagegen,
entschuldigt sie nicht und reinigt sich davon täglich in dem Blut der
Versöhnung; ein wahrer Christ hat keinen Gefallen mehr an der Welt Eitelkeit,
sucht keine guten Tage mehr für sein Fleisch und wird Christus gern gleich auch
in seinem Leiden und seiner Erniedrigung; ein wahrer Christ hat endlich ein
herzliches Vertrauen zu der Fürsorge seines himmlischen Vaters und wirft daher
gläubig auch alle seine irdischen Sorgen in dieses seines lieben Vaters Schoß.
Nun sagt
selbst: Wo sind solche Christen? – Ach, über die ganze Christenheit muss der
HERR jetzt klagen, wie über die Gemeinde zu Ephesus: „Ich habe wider dich, dass
du die erste Liebe verlässt. Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße und
tue die ersten Werke. Wenn aber nicht, werde ich zu dir kommen bald und deinen
Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust.“ Ja, meine
Lieben, so viele es auch jetzt gibt, die durch die Taufe einstmals in Gottes
Gnadenbund aufgenommen und wiedergeboren worden sind, so sind doch die meisten
wieder abgefallen, haben Gottes Bund verlassen und die Gnade der Wiedergeburt
verloren. Wie aber dieser traurige Abfall gemeiniglich geschehe, davon lasst
mich jetzt zu unser aller Warnung, Ermahnung und Ermunterung weiter sprechen,
Lukas 11,14-28: Und er trieb einen Teufel aus, der war stumm. Und es geschah, da der
Teufel ausfuhr, da redete der Stumme. Und das Volk verwunderte sich. Etliche
aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Teufel aus durch Beelzebub, den
Obersten der Teufel. Die andern aber versuchten ihn und begehrten ein Zeichen
von ihm vom Himmel. Er aber vernahm ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Ein
jegliches Reich, so es mit ihm selbst uneins wird, das wird wüste, und ein Haus
fällt über das andere. Ist denn der Satanas auch mit ihm selbst uneins, wie
will sein Reich bestehen? Dieweil ihr sagt, ich treibe die Teufel aus durch
Beelzebub. So aber ich die Teufel durch Beelzebub austreibe, durch wen treiben
sie eure Kinder aus? Darum werden sie eure Richter sein. So ich aber durch
Gottes Finger die Teufel austreibe, so kommt je das Reich Gottes zu euch. Wenn
ein starker Gewappneter seinen Palast bewahrt, so bleibt das Seine mit Frieden.
Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm
seinen Harnisch, darauf er sich verließ, und teilt den Raub aus. Wer nicht mit
mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet.
Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausfährt, so durchwandelt er dürre
Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; so spricht er: Ich will wieder
umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet
er’s mit Besemen gekehrt und geschmückt. Dann geht er
hin und nimmt sieben Geister zu sich, die ärger sind als er selbst; und wenn
sie hineinkommen, wohnen sie da; und wird hernach mit demselben Menschen ärger
denn vorher. Und es begab sich, da er solches redete, erhob eine Frau im Volk
die Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und
die Brüste, die du gesogen hast. Er aber sprach: Ja, selig sind, die das Wort
Gottes hören und bewahren.
Als
Christus, wie wir hören, einen Teufel ausgetrieben hatte, so machten ihm einige
Pharisäer einen gotteslästerlichen Vorwurf: „Er treibt die Teufel aus durch Beelzebuch, den Obersten der Teufel.“ Hierauf zeigt
daher Christus erstens, wie er das Reich des Teufels in den Menschen zerstöre
und sich also nicht als seinen Freund, sondern als seinen mächtigsten Feind und
Überwinder erweise. Zuletzt aber zeigt Christus, wie es auch oft geschehe, dass
der Satan aus einem Menschen vertrieben werde, aber mit sieben ärgeren bösen
Geistern in den Menschen zurückkehre, wenn dieser nämlich abfalle und ihm
wieder in seinem Herzen Raum gebe.
Ich
spreche daher aufgrund des letzten Teiles der Rede Christi zu euch:
Von dem traurigen Rückfall aus der Gnade
1.
Wie derselbe geschehe, und
2.
Welche traurigen Folgen er habe.
O HERR
Jesus Christus! Du bist für alle Sünder gestorben und hast sie dir alle zu
deinen Schafen mit deinem Blut teuer erkauft, und du weidest nicht nur die, die
dich schon für ihren Hirten erkennen, sondern suchst auch diejenigen emsig und
ängstlich, die sich von dir verloren haben und in der Irre dahingehen. O, gehe
auch allen deinen verlorenen Schäflein unter uns jetzt nach und lass die
Predigt des Evangeliums ihnen eine Stimme sein aus deinem Mund, die ihnen
zuruft: Kehrt wieder! Und lass diese Stimme mächtig in ihr Herz dringen, dass
dasselbe göttlich bewegt werde, noch diese Stunde dich, ihren guten Hirten,
wieder aufzusuchen. Und dann, dann erhalte die zu dir Versammelten bei dir, bis
du uns alle versammelt haben wirst in deinen himmlischen Schafstall. Amen.
1.
Christus
spricht in unserem Evangelium: „Wenn
der unsaubere Geist von dem Menschen ausfährt, so durchwandelt er dürre
Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; so spricht er: Ich will wieder
umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin.“ Mit diesen Worten will der HERR sagen: Wenn ein Mensch aus der
geistlichen Gewalt des Satans gerissen und durch den Glauben in Christi
Gnadenreich aufgenommen worden ist, so verzweifelt der Satan nicht etwa daran,
einen solchen Menschen doch noch zu verführen und um seine Seligkeit doch noch
zu betrügen; nein, er durchwandelt dürre Stätten, das heißt, er wirkt dann in
den Herzen der Ungläubigen, die schon von ihm verblendet sind; aber diese
Herzen sind dem Satan kein angenehmer Aufenthalt; sie sind ihm wie Wüsteneien;
er sehnt sich daher wieder zurück in das frische Herz dessen, der Christus in
sich aufgenommen hat. Es liegt dem bösen Geist, so zu sagen, mehr am Herzen,
wenn er nur einen wahren Christen wieder herumbringen und von Christus abfällig
machen kann, als dass er tausend sichere Sünder schon an seinen
Stricken führt. Er schleicht daher dem wahren Christen Tag und Nacht auf
allen seinen Wegen und #Stegen nach und wart et auf einen günstigen Augenblick,
wo er sich in seiner Seele wieder auf den Thron schwingen und ihn zum Abfall
bringen kann.
Wenn nun der HERR weiter
spricht: „Und wenn er kommt, so findet er’s mit Besemen
gekehrt und geschmückt“, so gibt uns Christus hiermit an, wie es möglich
ist, dass derjenige, der in Gnaden steht, doch wieder in Gottes Ungnade, in
Blindheit und Sünde fallen könne; es geschieht dies nämlich dann, wenn ein
Gläubiger sein Herz vor dem Satan nicht wirklich verschließt, ja, es gleichsam
mit Besemen kehrt und schmückt, das heißt, es
zurüstet und zubereitet, dass der böse Geist wieder eine offene Tür und eine willige
Aufnahme als ein erwünschter Gast darin findet. Wir sehen hieraus: Mit Gewalt
kann derjenige nicht aus der Gnade gestoßen werden, der Christus im Herzen
trägt, denn Christus ist stärker als alles; nichts kann uns aus seiner Hand
reißen; er macht seine Gläubigen so mächtig, dass sie durch ihn alles vermögen;
werden sie daher wieder überwunden, so sind sie selbst schuld.
Fragt ihr daher, wie denn der
traurige Rückfall aus der Gnade geschehe? Fragt ihr: Wie ist es doch möglich,
dass ein Mensch, der auf den seligen Himmelsweg gekommen ist, wieder davon
abgehen könne? Und dass der, der das Heil gefunden hat, es wieder fahren lassen
und verlieren könne, so antworte ich dieses.
Es gibt zwar nur Einen Weg, zum Glauben zu kommen, aber tausend
Abwege und Arten, auf welchen man wieder von ihm abkommen kann. Manche
verlieren Gottes Gnade durch einen allmählichen, langsamen Fall, wie dies bei
den Verräter Judas geschehen zu sein scheint; andere hingegen fallen plötzlich,
wie David durch Ehebruch und Petrus durch seine Verleugnung. Manche wissen es
nicht, dass sie gefallen sind, wie der Bischof zu Laodicea, welchem Christus
sagen musste: „Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarfst nichts
und weißt nicht, dass du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß“;
andere hingegen wissen es recht wohl, dass sie gefallen sind, wie Kain; diese geraten daher oft endlich in Verzweiflung.
Manche fallen äußerlich ab, dass es jedermann sehen kann, sie verlieren den
lebendigen Glauben nicht nur aus ihren Herzen, sondern gehen auch öffentlich zu
Falschgläubigen oder noch, wie Demas, zur Welt über, sie werden aus
rechtgläubigen Christen Schwärmer, aus Bekennern der reinen Lehre Werkzeuge des
Antichrists oder sonst Lästerer, Spötter und
Verfolger; andere hingegen fallen nur innerlich ab, sie bleiben in der
äußerlichen Gemeinschaft der Christen, sie gehen noch immer zur Kirche und zum
heiligen Abendmahl; sie reden noch immer, als wären sie die besten Christen,
viel von göttlichen Dingen; sie behalten mit einem Wort, wie der Apostel sagt,
den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie, wie der
Bischof zu Sardes, welchem Christus sagen ließ: „Du hast den Namen, dass du lebst,
und bist tot.“ Manche fallen so, dass sie wieder ganz leichtfertig, ja,
lasterhaft werden und sich wie das unreinste Tier nach der Schwemme wieder in
dem Kot aller Sünden wälzen; andere hingegen fallen so ab, dass sie nur das
willige, fröhliche Herz zum Gutestun, das rechte
evangelische Wesens verlieren und in ein gesetzliches ängstliches Treiben
geraten.
Ihr seht hieraus, meine
Lieben, dass der Rückfall aus der Gnade auf gar verschiedene Weise geschieht;
es ist daher freilich eine gar ernste Prüfung nötig, ob man noch stehe; denn
bist du nicht gerade so gefallen wie der oder jener, so bist du vielleicht doch
gefallen, nur anders; wenn nicht plötzlich, vielleicht allmählich? Wenn nicht
bewusst, vielleicht unvermerkt? Wenn nicht äußerlich, vielleicht doch
innerlich? Wenn nicht auf eine grobe Weise, vielleicht auf eine subtile Weise?
– Ach, wie manche legen die Hand an den Pflug und sehen wieder zurück! Wie
manche beginnen im Geist und endigen im Fleisch! Wie manche gehen fröhlich aus
dem Ägypten dieser Welt aus, gehen mit durch das Rote Meer der ersten
Versuchungen und sehen sich doch endlich wieder nach den Fleischtöpfen
Ägyptens, kommen endlich in der Wüste um und erreichen das himmlische Kanaan
nicht!
Wie fängt es denn nun aber
Satan an, einen Menschen, der seine Ruhe schon in Christus und seinem
Evangelium gefunden hat, aus seiner Festung herauszulocken und ihm seine Krone
zu rauben? Um dieses zu erreichen, schlägt der Versucher hauptsächlich zwei
Wege ein; entweder sucht er den Menschen in mutwillige und seelengefährliche
Irrtümer oder in Sünden gegen sein Gewissen zu stürzen.
Es ist freilich wahr, dass
nicht jeder Irrtum, in welchen ein Gläubiger gerät, sogleich den Gnadenstand
umstößt; aber jeder Irrtum ist doch ein Gift für die Seele, das ihr den Tod
droht, und wer wissentlich und mutwillig in einem Irrtum verharrt,
leidet ebenso wohl an seinem Glauben Schiffbruch wie derjenige, der mutwillig
sündigt. Der Glaube hat ja keinen anderen Grund als das Wort Gottes: Wie kann
daher der wahre Glaube in einem Menschen bleiben, der wissentlich von Gottes
Wort abweicht? Wie kann da die Liebe zu Gott bleiben, wo sich die Liebe zu
Gottes offenbarter Wahrheit oder zur reinen Lehre verliert? Ein Mensch, der da
aufhört, es mit jedem Wort der Schrift genau zu nehmen, dessen ganzes
Christentum ist endlich nicht mehr auf das Wort, sondern auf sein trügerisches
Herz gebaut. Ein merkwürdiges Beispiel, wie die besten Christen durch falsche
Lehre zum Rückfall aus der Gnade gebracht werden können, sind die Galater,
welche nach des Paulus Weggang falschen Lehrern Gehör gaben und sich nur die
Lehre von der Rechtfertigung verkehren und verfälschen ließen. Diesen musste
der heilige Apostel endlich zurufen: „So auch wir oder ein Engel vom Himmel
euch würde Evangelium predigen anders, als das wir euch gepredigt haben, der
sei verflucht. – O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, dass ihr
der Wahrheit nicht gehorcht? – Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das
Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen. – Ihr lieft fein;
wer hat euch aufgehalten? – Ein wenig Sauerteig versäuert
den ganzen Teig. – Wer euch irre macht, der wird sein Urteil tragen, er sei,
wer er wolle.“ Hier sehen wir: Es ist mit der falschen Lehre nicht zu scherzen;
auch ein wenig Abweichen von der Wahrheit kann um Seele und Seligkeit
bringen. Darum macht der Satan die Christen oft neugierig, falsche Bücher zu
lesen, falsche Predigten zu hören und mit falschen Brüdern vertraute
Gemeinschaft zu halten; hat er nun dadurch einen Menschen gegen die Wahrheit
gleichgültig gemacht, so macht er ihn auch endlich selbst in den wichtigsten
Lehren ungewiss und verwandelt seinen göttlichen Glauben in einen menschlichen;
denn ist der Glaube nicht mehr auf das Wort Gottes allein gegründet, so ist der
Glaube nur ein Schein, mit dem man verloren geht. Darum werden wir auch so oft
ermahnt, bei Christi Rede zu bleiben, ob dem Wort, das gewiss ist, zu halten,
uns vor falschen Propheten vorzusehen und nicht einem jeglichen Geist zu
glauben, sondern die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind. Wozu wären alle
diese Ermahnungen gegeben, wäre falsche Lehre nicht so verderblich und
seelengefährlich?
Ein anderer Weg jedoch, auf
welchem der Satan die Christen aus der Gnade zu stoßen trachtet, ist dieser,
dass er sie entweder plötzlich in grobe Sünden stürzt oder sie nach und nach
wieder unter die Herrschaft der Sünde zu bringen sucht; und zwar hauptsächlich
zu drei Sünden, entweder nämlich zu Stolz oder zu Wollust oder zu Geiz. Viele
hören auf, über ihr Herz zu wachen, da steigt denn die Hoffart wieder empor,
sie verlieren die Armut des Geistes und den demütigen Sinn, nach welchem sie
sich erst für nichts achteten und über keinen Menschen erhoben; sie
betrachteten, was sie tun, mit Selbstgefälligkeit; sie werden aufgeblasen wegen
ihrer Erkenntnis; sie verlassen die Einfalt, grübeln über zu hohe Dinge nach
und vergessen dabei die Hauptsache; sie verlieren die Erkenntnis ihrer selbst,
sie werden blind und rechthaberisch, wollen sich nicht mehr strafen lassen,
entschuldigen endlich alle ihre Sünden und fallen so, ohne dass sie es oft
wissen, greulich aus der Gnade; sie reden noch immer
davon, dass sie an Christus glauben, aber ihr ungebrochenes Herz weiß nichts
davon.
Andere wachen nicht über ihr
Fleisch. [Einige lassen sich durch sexuelle Begierden verführen, sei es durch
das Internet, Zeitungen, Zeitschriften, Filme, Bilder, Gespräche und meinen, es
gehe doch nur um Gefühle, tatsächlich aber wird ihr Sinnen, ihre Phantasie, ihr
Denken dadurch geprägt – und die Gefahr ist groß, dass es irgendwann zur Tat,
zum Ehebruch oder zur Hurerei kommt. Andere fallen in irgendwelche Süchte, die
sie beherrschen, wodurch sie aus der Gnade fallen, sei es Ess-Sucht,
Trunksucht, Drogensucht, Spielsucht, Internetsucht, Smartphonesucht, das heißt,
sie verbringen Stunden am Tag etwa im Internet oder am Smartphone, nicht
arbeitsbedingt, sondern sie schlagen ihre Zeit damit tot. Gott ruft uns zur
Keuschheit, zur Zucht an uns selbst, zum Bekämpfen der Begierden und Lüste.][50]
Andere endlich fallen aus der
Gnade durch Liebe zum Zeitlichen und durch falsches Vertrauen darauf. Erst als
wahre Christen achten sie alles Zeitliche nichts, aber sie werden vielleicht
gesegnet mit zeitlichen Gütern; anstatt diese nur dazu anzuwenden, den armen
Brüdern auf alle mögliche Weise zu helfen und für Kirche, Schule und
Gottesdienst damit ein Opfer zu bringen, hängen sie ihr Herz daran; sie werden
immer begieriger, mehr zu erlangen, sie machen immer größere Pläne, stecken ihr
Kapital in immer neue Unternehmungen, dass sie ja eine Entschuldigung haben,
wenn sie einem Armen, der in Not ist, damit helfen sollten; sie werden, je mehr
sie zusammenscharren, anstatt freigiebiger, nur karger und geiziger, und so
verlieren sie Christus und sie sprechen im tiefsten Grund ihres Herzens endlich
zu dem Goldklumpen: „Mein Trost!“ Andere hingegen, die Gott mit Zeitlichem
nicht segnet, sondern mit Kummer und Mangel speist, werfen oft alles Vertrauen
auf Gott weg, verfallen in Traurigkeit dieser Welt und fallen so endlich in Tod
und Verdammnis. Oder sie fangen wieder an, ihr Fleisch zu pflegen und gute Tage
in dieser Welt zu suchen; sie werden träge im Beten, Lesen und Hören des Wortes
Gottes; sie kommen auf die Gedanken: Da der Mensch ja einmal mit seinen Werken
nichts verdienen könne, wozu sei es da nötig, sich so ernstlich selbst zu
verleugnen? Sie fangen daher wieder an, die Vergnügen der Welt mitzumachen und
sich der Welt gleichzustellen und nennen das christliche Freiheit; um dem Spott
der Welt auszuweichen, verleugnen sie Christus und seine Wahrheit häufig und
nennen das christliche Klugheit, und ehe sie es denken, sind sie auf diese
Weise pure Weltmenschen geworden, die nichts behalten als einige christliche
Floskeln.
Seht, so tilgt man selbst
seinen Namen wieder aus dem Buch des Lebens, so wird man aus einem Kind der
Gnade ein Kind des Zorns und tritt unvermerkt aus dem unsichtbaren Reich Jesu
Christi, des Gnadenkönigs, und wird ein Sklave des Satans, des Fürsten der
Finsternis.
2.
Lasst mich nun noch einige
Worte darüber hinzusetzen, welche traurigen Folgen ein solcher Rückfall aus der
Gnade habe. Dieses beschreibt Christus in unserem Text so: „Dann geht er hin
und nimmt sieben Geister zu sich, die ärger sind als er selbst; und wenn sie
hineinkommen, wohnen sie da; und wird hernach mit demselben Menschen ärger denn
vorher.“ Christus sagt also: Wer aus der Gnade fällt, verliert nicht nur
die empfangene Gnade, sondern gerät auch in ein siebenmal größeres Verderben
als das war, in welchem er vor seiner Bekehrung lag.
Das ist ja fürwahr
schrecklich. Aber die tägliche Erfahrung bestätigt es. Hat ein Mensch vormals
die Wahrheit erkannt, und wird er abtrünnig, lässt er sich zu Irrtümern
verführen, fällt er von der wahren rechtgläubigen Kirche ab und geht er zu
einer irrgläubigen, schwärmerischen Sekte oder gar zu dem antichristlichen
Papsttum über, so ist dann ein solcher Mensch ein bitterer Feind der Wahrheit
als alle diejenigen, welche im Irrtum aufgewachsen sind. Sieben Teufel ziehen
in die Seele eines solchen Abgefallenen ein, wenn zuvor, ehe er die Wahrheit
erkannte, nur Ein böse Geist seine Seele beherrschte. Es ist dann mehr
Hoffnung, dass der größte Spötter, der von Jugend auf im Unglauben erzogen
wurde, endlich noch zur Erkenntnis der Wahrheit komme, als dass ein solcher
Verleugner der vormals erkannten Wahrheit wieder erleuchtet werde und umkehren
sollte. Siebenfache Finsternis deckt nun seine elende Seele, und schon jauchzt
der böse Feind, dass er nun nimmer wieder Gnade finden werde. Die Geschichte
berichtet uns auch schreckliche Beispiele genug, wie wissentliche Verleugner
der Wahrheit endlich zwar aufgewacht, aber trostlos verzweifelt sind. O, wie
nötig ist es also, dass man sein Herz bewahre, dass man von der Pest des
Irrglaubens und Unglaubens nicht angesteckt werde, sondern in heller Erkenntnis
der seligmachenden Wahrheit bleibe!
Gleiche Folgen hat es aber
auch bei denen, welche durch Sünden wider das Gewissen aus der Gnade fallen. Es
ist leichter, dass der gottloseste Weltmensch endlich aus seinem Sündenschlaf
erweckt und bekehrt werde, als dass ein Christ, der den Geist der Gnade wieder
von sich getrieben hat und ein abgefallener geheimer Heuchler oder offenbarer
Verächter Christi und seines Evangeliums geworden ist, wieder zur Gemeinschaft
Christi zurückkomme. Entweder ist ein solcher in so großer Verblendung, dass er
sich immer noch für bekehrt hält, oder er verzagt gänzlich, dass für ihn noch
Hilfe sei, oder endlich er tritt freventlich das Blut der Versöhnung mit Füßen
und schmäht den Geist der Gnade, so dass er nun nicht mehr erneuert werden
kann. Daher werden solche Menschen in der Heiligen Schrift kahle, zweimal
erstorbene Bäume genannt, die schwerlich wieder grünend werden und Früchte
bringen und nun reif sind zum ewigen Feuer; und St. Petrus gibt die wichtige
Warnung: „So sie entflohen sind dem Unflat der Welt durch die Erkenntnis des
HERRN und Heilandes Jesus Christus, werden aber wiederum in denselben
geflochten und überwunden, ist mit ihnen das Letzte ärger geworden als das
Erste. Denn es wäre ihnen besser, dass sie den Weg der Gerechtigkeit nicht
erkannt hätten, als dass sie ihn erkennen und sich kehren von dem heiligen
Gebot, das ihnen gegeben ist.“
O, wer kann daher den Jammer,
das Unglück und das Elend mit Worten beschreiben, worein sich derjenige stürzt,
der, es sei durch Irrtum oder durch Sünde, das Kleinod, das er schon einmal
erfasst hatte, wieder von sich wirft! Beweinenswürdige
Menschen! Denn gerade umso kläglicher ist ihr Fall, je weniger sie ihn erkennen
und darüber bekümmert sind.
Nun, meine Lieben, ich habe
euch heute einen hellen Spiegel vorgehalten, in welchem diejenigen gewiss ihr
Bild finden werden, die entweder abgefallen oder noch nie aufgestanden sind,
wenn sie nicht mutwillig die Augen selbst dagegen verschließen.
O ihr, die ihr von eurem
geheimen oder offenbaren Rückfall überzeugt worden seid, ich frage euch: Wollt
ihr denn nicht wieder aufstehen? Wollt ihr denn nicht wieder umkehren? Jesus
Christus ruft euch jetzt wieder durch die Predigt seines Evangeliums zu sich
zurück; säumt doch keinen Augenblick; die Gefahr eurer Seele wächst wie das
Wasser einer Überschwemmung mit Macht von Stunde zu Stunde. Entfernt euch nicht
immer weiter und weiter, bis ihr vielleicht endlich Christi Gnadenruf gar nicht
mehr hört. Meint aber auch nicht, es sei nun zu spät; nein, das flüstert euch
nur der Satan ein, nachdem er euch in Irrtum oder Sünde gestürzt hat; lasst
euch mit dem Strick der Verzweiflung nur nicht binden; zerreißt ihn durch die
Gnade, die euch noch jetzt verkündigt wird. Christus hat Gaben empfangen auch
für die Abtrünnigen, also auch für dich. Seufze mit David und weine mit Petrus,
so wirst du auch mit ihnen wieder Gnade finden. Ist’s auch schwer, dass ein
Gefallener wieder aufstehe, so ist’s doch auch leicht, wenn er nur die Gnade
aufs Neue annimmt und schnell wieder umkehrt, wie der verlorene Sohn, sobald er
sein Elend erkennt.
Sprich nicht: Ich hab’s zu grob gemacht,
Ich hab die Güter seiner Gnaden
So lang und schändlich umgebracht,
Er hat mich oft umsonst geladen.
Wofern du’s nur jetzt redlich meinst,
Und deinen Fall mit Ernst beweinst:
So soll ihm nichts die Hände binden
Und du sollst noch Genade finden.
Er hilft, wenn sonst nichts helfen kann:
Mein Heiland nimmt die Sünder –
Wohl uns! – er nimmt uns alle, alle an.
Amen.
Martin Luther
1519[51]
Zum ersten
bedenken etliche das Leiden Christi so, dass sie über die Juden zornig werden,
singen und schelten über den armen Judas und lassen’s
so genug sein. Gleichwie sie gewohnt, andere Leute anzuklagen und ihre
Widersacher zu verdammen und versprechen. Das möchte wohl Christus nicht
leiden, sondern Judas und der Juden Bosheit bedacht heißen.
Zum zweiten
haben etliche angezeigt mancherlei Nutz und Frucht, so aus der Betrachtung des
Leidens Christi kommen. Dazu geht wird ihnen ein Spruch Alberts zugeschrieben,
dass es besser sei, Christi Leiden einmal oben hin zu überdenken, als dass man
ein ganzes Jahr fastet und alle Tage einen Psalter betet usw.
Dem folgen
sie blind dahin und geraden eben gegen die Frucht des Leidens Christi, denn sie
das Ihre darin suchen. Darum tragen sie mit sich Bilder und Büchlein, Briefe
und Kreuze. Auch fahren etliche so fern, dass sie sich vor Wasser, Eisen, Feuer
und allerlei Gefahr zu sichern vermeinen und so Christi Leiden ein Unleiden in ihnen wirken soll, gegen seine Art und Natur.
Zum dritten
haben sie Mitleid mit Christus, beklagen und beweinen ihn als einen
unschuldigen Menschen. Gleichwie die Frauen, die Christus aus Jerusalem
nachfolgten und von ihm gestraft wurden. Sie sollten aber über sich selbst
weinen und ihre Kinder.
Der Art
sind, die mitten in der Passion weit anreißen und von dem Abschied Christi zu
Bethanien und von den Schmerzen der Jungfrau Maria viel eintragen und kommen
auch nicht weiter. Da kommt es, dass man die Passion so viele Stunden verzieht,
weiß Gott, ob’s mehr zum Schlafen oder zum Wachen erdacht ist.
Zum vierten:
Die bedenken das Leiden Christi recht, die es so ansehen, dass sie
herzlich davor erschrecken und ihr Gewissen gleich sinkt in ein Verzagen. Das
Erschrecken soll daher kommen, dass du siehst den strengen Zorn und
unwandelbaren Ernst Gottes über die Sünde und Sünder, dass er auch seinem eigenen
allerliebsten Sohn hat nicht wollen die Sünde los geben, er täte denn für sie
eine solche schwere Buße. Wie er spricht Jes. 53,8: „Er wurde um der Missetat
meines Volkes geplagt.“
Was will dem
Sünder begegnen, wenn das liebste Kind so geschlagen wird? Es muss ein
unaussprechlicher, unerträglicher Ernst da sein, dem so eine große,
unermessliche Person entgegen geht und dafür leidet und stirbt. Und wenn du
recht tief bedenkst, dass Gottes Sohn, die ewige Weisheit des Vaters, selbst
leidet, so wirst du wohl erschrecken und je mehr je tiefer.
Zum fünften:
Dass du dir tief einbildest und gar nicht zweifelst, du seist es, der Christus
so martert. Denn deine Sünden haben’s gewiss getan. So schlug und erschreckte
St. Petrus Apg. 2 die Juden gleich wie ein Donnerschlag, da er zu ihnen allen
insgemein sprach: „Ihr habt ihn gekreuzigt.“, so dass 3000 an demselben Tag
erschreckt und zappelnd zu den Aposteln sprachen: „O liebe Brüder, was sollen
wir nun tun?“ Darum, wenn du die Nägel Christi siehst durch seine Hände
dringen, glaube sicher, dass das dein Werk ist. Siehst du seine Dornenkrone,
glaube, es sind deine bösen Gedanken usw.
Zum
sechsten: Nun siehe, wenn Christus eine Dorne sticht, so sollen dich billig
mehr als hunderttausend Dornen stechen; ja, ewig sollten sie dich so und viel ärger stechen. Wenn Christus ein Nagel seine Hände oder
Füße durchmartert, solltest du ewig solche und noch ärgere Nägel leiden. Wie
denn auch geschehen wird denen, die Christi Leiden an sich lassen verloren
werden. Denn dieser ernste Spiegel Christi wird nicht lügen noch schimpfen; was
er anzeigt, muss so sein überschwänglich.
Zum siebten.
Ein solches Erschrecken nahm St. Bernhard daraus, dass er sprach: Ich meinte,
ich wäre sicher, wusste nichts von dem ewigen Urteil, das im Himmel über mich
ergangen war, bis dass ich sah, dass der einige Gottessohn sich meiner erbarmt,
hervortritt und in dasselbe Urteil sich für mich ergibt. O weh! Es ist mir
nicht mehr zum Spielen und sicher zu sein, wenn ein solcher Ernst dahinter ist.
So gebot er
den Frauen, Luk. 23: Weint nicht über mich, sondern über euch selbst und über
eure Kinder. Und sagt die Ursache: Denn tut man das am grünen Holz, was will am
dürren werden? Als sollte er sagen: Aus meiner Marter lernt, was ihr verdient
und wie es euch gehen soll. Denn hier ist es wahr, dass ein kleines Brecklein geschlagen wird, den großen Hund zu schrecken.
So hat der
Prophet auch gesagt: Es sollen über sich selbst klagen alle Geschlechter auf
Erden. Spricht nicht, sie sollen ihn klagen, sondern sich selbst über ihn
klagen. So erschraken auch die in Apg. 2, wie oben gesagt ist, dass sie zu den
Aposteln sagten: O Brüder, was sollen wir tun? Ebenso singt die Kirche: Ich
will fleißig daran denken und wird mir verschmachten meine Seele.
Zum achten.
In diesem Punkt muss man sich gar wohl üben, denn ziemlich der ganze Nutzen des
Leidens Christi gar daran gelegen ist, dass der Mensch zur Erkenntnis seiner
selbst komme und vor sich selbst erschrecke und zerschlagen werde. Und wenn der
Mensch nicht dahin kommt, ist ihm das Leiden Christi noch nicht recht nütze
gewordene. Denn das eigentliche natürliche Werk des Leidens Christi ist, dass
er sich den Menschen gleichförmig mache, dass, wie Christus an Leib und Seele
jämmerlich in unseren Sünden gemartert wird, müssen wir auch ihm nach so
gemartert werden im Gewissen von unseren Sünden. Es geht auch hier nicht zu mit
vielen Worten, sondern mit tiefen Gedanken und die Sünden groß achten.
Nimm ein
Gleichnis. Wenn ein Übeltäter würde gerichtet darüber, dass er eines Fürsten
oder Königs Kind erwürgt hätte und du sicher wärst und sängest und spieltest,
als wärest du ganz unschuldig, bis man dich schrecklich angriffe
und dich überwände, du hättest dem Übeltäter dazu verholfen. Siehe, hier würde
dir die Welt zu eng werden, besonders, wenn das Gewissen dir auch abfiele. So
viel enger soll dir werden, wen du Christi Leiden bedenkst. Denn die Übeltäter,
die Juden, wiewohl sie nun Gott gerichtet und vertrieben hat, sind sie doch
deiner Sünden Diener gewesen, und du bist es wahrhaftig, der durch seine Sünde
Gott seinen Sohn erwürgt und gekreuzigt hat, wie gesagt ist.
Zum neunten.
Wer sich so hart und dürr empfindet, dass ihn Christi Leiden nicht so
erschreckt, und zur Selbsterkenntnis führt, der soll sich fürchten. Denn da
wird nichts anderes draus, dem Bild und Leiden Christi musst du gleichförmig
werden, es geschehe in diesem Leben oder in der Hölle. Zumindest musst du beim
Sterben in das Erschrecken fallen und zittern, beben und alles fühlen, was
Christus am Kreuz leidet. Nun ist es grausam, bis auf das Totenbett zu warten.
Darum sollst
du Gott bitten, dass er dein Herz erweiche und lasse dich fruchtbar Christi
Leiden bedenken. Denn es auch unmöglich ist, dass Christi Leiden von uns selbst
könne gründlich bedacht werden, Gott senke es denn in unser Herz. Auch weder
diese Betrachtung noch irgendeine andere Lehre dir darum gegeben wird, dass du
sollst frisch von dir selbst darauf fallen, dasselbe zu vollbringen, sondern
zuvor Gottes Gnade suchen und begehren, dass du es durch seine Gnade und nicht
durch dich selbst vollbringst. Denn daher ist’s gekommen, dass die oben
angezeigt sind, Christi Leiden nicht recht handeln, denn sie Gott nicht darum
anrufen, sondern aus ihrem eigenen Vermögen, eigene Weise dazu erfinden, ganz
menschlich und unfruchtbar damit umgehen.
Zum zehnten.
Wer also Gottes Leiden einen Tag, eine Stunde, ja, eine Viertelstunde bedenkt,
von demselben wollen wir frei sagen, dass es besser sei, als ob er ein ganzes
Jahr fastet, alle Tage einen Psalter betet, ja hundert Messen hört. Denn dies
Bedenken verwandelt den Menschen wesentlich und gar nahe, wie die Taufe
wiederum neu gebiert. Hier wirkt das Leiden Christi sein rechtes, natürliches
edles Werk, erwürgt den alten Adam, vertreibt alle Lust, Freude und Zuversicht,
die man haben mag von Kreaturen, gleichwie Christus von allen, auch von Gott,
verlassen war.
Zum elften.
Dieweil denn solches Werk nicht in unserer Hand ist, so geschieht es, dass wir
es zuweilen bitten und erlangen es doch nicht zur Stunde. Dennoch soll man
nicht verzagen oder ablassen. Zuweilen kommt’s, dass wir nicht darum bitten,
wie Gott denn weiß und will. Denn es will frei sein und ungefangen.
Da wird denn der Mensch betrübt in seinem Gewissen, und missfällt ihm selbst
übel in seinem Leben.
Und kann
wohl sein, dass er nicht weiß, dass Christi Leiden in ihm solches wirkt, daran
er vielleicht nicht denkt. Gleichwie die anderen sehr an Christi Leiden
gedenken und doch nicht zu ihrer Selbsterkenntnis daraus kommen. Bei jenen ist
das Leiden Christi heimlich und wahrhaftig. Bei diesen scheinbar und betrüglich und der Weise nach, Gott oft das Blatt umwendet,
dass die nicht das Leiden Christi bedenken, die es bedenken.
Zum
zwölften. Bisher sind wir in der Marterwoche gewesen und haben den Karfreitag
recht begangen. Nun kommen wir zu dem Ostertag und der Auferstehung Christi.
Wenn der Mensch also seiner gewahr geworden und ganz erschreckt in sich selber
ist, muss man Acht haben, dass die Sünde nicht so im Gewissen bleibe, es würde
gewiss ein lauter Verzweifeln daraus. Sondern gleichwie sie aus Christus
geflossen und erkannt worden sind, so muss man sie wieder auf ihn schütten und
das Gewissen ledig machen.
Darum siehe
ja zu, dass du nicht tust, wie die verkehrten Menschen, die sich mit ihren
Sünden im herzen beißen und fressen und sterben
danach, dass sie durch gute Werke oder Genugtuung hin und her laufen oder auch
mit Ablass sich heraus arbeiten und die Sünden losen werden wollen, was
unmöglich ist, und leider eingerissen ist solche falsche Zuversicht der
Genugtuung und Wohlfahrten.
Zum
dreizehnten. Denn wirfst du von dir deine Sünde auf Christus, wenn du fest
glaubst, dass seine Wunden und Leiden sind deine Sünde, dass er sie trage und
bezahle. Wie Jesaja 53 sagt: Gott hat unser aller Sünde auf ihn gelegt. Und St.
Petrus (1. Ep. 2): Er hat unsere Sünde an seinem Leib
getragen auf das Holz des Kreuzes. St. Paulus (2. Kor. 5): Gott hat ihn zur
Sünde gemacht für uns, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor
Gott gilt.
Auf diese
und dergleichen Sprüche musst du mit ganzem Wagnis dich verlassen, umso mehr,
je härter dich dein Gewissen martert. Denn wenn du das nicht tust, sondern
durch deine Reue und Genugtuung dich vermisst zu stillen, so wirst du
nimmermehr zur Ruhe kommen und musst zuletzt doch verzweifeln.
Denn unsere
Sünden, wenn wir mit ihnen in unserem Gewissen handeln und sie bei uns lassen
bleiben, in unserem Herzen ansehen, so sind sie uns viel zu stark und leben
ewig. Aber wenn wir sehen, dass sie auf Christus liegen und er sie überwindet
durch seine Auferstehung und wir das keck glauben, so sind sie tot und zunichte
geworden. Denn auf Christus konnten sie nicht bleiben, sie sind durch seine
Auferstehung verschlungen und siehst jetzt keine Wunden, keine Schmerzen an
ihm, das ist, keiner Sünden Anzeichen.
So spricht
St. Paulus: Dass Christus um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer
Rechtfertigung willen auferweckt, Röm. 4. Das ist, in seinem Leiden macht er
Bekanntschaft mit unserer Sünde und erwürgt sie so. Aber durch seine
Auferstehung macht er uns gerecht und los von allen Sünden, so wir anders
dasselbe glauben.
Zum
vierzehnten. Wenn du nun nicht kannst glauben, so sollst du, wie vorhin gesagt,
Gott darum bitten. Denn dieser Punkt ist auch allein in Gottes Hand frei und
wird auch gleich gehen, zuweilen öffentlich, zuweilen heimlich, wie von dem
Punkt des Leidens gesagt ist. Magst dich aber dazu reizen.
Zum ersten,
nicht das Leiden Christi mehr ansehen (denn das hat nun sein Werk getan und
dich erschreckt). Sondern durchdringen und ansehen sein freundliches Herz, wie
voller Liebe das gegen dich ist, die ihn dazu zwingt, dass er dein Gewissen und
deine Sünde so schwer trägt. So wird dir das Herz gegen ihn süß und die
Zuversicht des Glaubens gestärkt.
Danach
weiter. Steig durch Christi Herz zu Gottes Herz und siehe, dass Christus die
Liebe dir nicht hätte können erzeigen, wenn es Gott nicht hätte gewollt in
ewiger Liebe haben, dem Christus mit seiner Liebe gegen dich gehorsam ist. Da
wirst du finden das göttlich gute Vaterherz, und, wie Christus sagt, so durch
Christus zum Vater gezogen. Da wirst du denn verstehen den Spruch Christi Joh.
3: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einigen Sohn dahingab usw. Dass heißt denn Gott recht erkannt, wenn man ihn nicht bei
der Gewalt oder Weisheit, sondern bei der Güte und Liebe ergreift. Da können
der Glaube und die Zuversicht denn bestehen, und ist der Mensch so wahrhaftig
neu in Gott geboren.
Zum
fünfzehnten. Wenn so dein Herz in Christus befestigt ist und nun den Sünden
feind geworden bist, aus Liebe, nicht aus Furcht der Pein, so soll weiterhin
das Leiden Christi auch ein Beispiel sein deines ganzen Lebens und nun auf eine
andere Weise dasselbe bedenken. Denn bisher haben wir es bedacht als ein
Sakrament, das in uns wirkt und wir leiden. Nun bedenken wir es, dass wir auch
wirken, nämlich so:
Wenn dich
ein Wehtag oder Krankheit beschwert, denke, wie
gering das sei gegen die Dornenkrone und Nägel Christi.
Wenn du
musst tun oder lassen etwas, was dir zuwider ist, so denke, wie Christus
gebunden und gefangen hin und her geführt wird.
Ficht dich
die Hoffart an, siehe, wie dein HERR verspottet und mit den Schächern verachtet
wird.
Stoßen dich
Unkeuschheit und Lust an, gedenke, wie bitter Christus sein zartes Fleisch zergeißelt, durchstoßen und durchschlagen wird.
Fechten dich
Hass und Neid an oder du Rache suchst, gedenke, wie Christus mit vielen Tränen
und Rufen für dich und alle seine Feinde gebetet hat, der sich wohl
gerechtfertigter gerächt hätte.
Wenn dich
Trübsal oder welche Widerwärtigkeit leiblich oder geistlich bekümmert, stärke
dein herz und sprich: Ei, warum sollt ich denn nicht
auch eine kleine Betrübnis leiden, so mein HERR im Garten Blut vor Angst und
Betrübnis schwitzte? Ein fauler und schändlicher Knecht wäre das, der auf dem
Bett liegen wollte, wenn sein Herr in Todesnöten streiten muss.
Siehe, also
gegen alle Laster und Untugend kann man in Christus Stärke und Labsal finden.
Und das ist recht Christi Leiden bedacht, das sind die Früchte seines Leidens.
Und wer so sich darin übt, der tut besser, als dass er die gesamte Passion
hörte. Das heißen auch rechte Christen, die Christi Leiden und Namen so in ihr
Leben ziehen. Wie St. Paulus sagt Gal. 5: Welche Christus angehören, die
kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. Denn Christi Leiden darf
man nicht mit Worten und zum Schein, sondern muss mit dem Leben und wahrhaftig
gehandelt werden.
So ermahnt
uns St. Paulus: Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern
gegen sich erduldet hat, dass ihr nicht in eurem Mut matt werdet und ablasst,
Hebr. 12.
Und St.
Petrus: Wie Christus im Fleisch für uns gelitten hat, so wappnet euch auch mit
demselben Sinn, 1. Petr. 4.
Aber diese
Betrachtung ist aus der Welt gekommen und selten geworden, obwohl doch die
Episteln von St. Paulus und St. Petrus voll davon sind. Wir haben das Wesen in
einen Schein verwandelt und das Bedenken des Leidens Christi allein auf die
Briefe und an die Wände gemalt.
Martin Luther
1519[52]
Zum
ersten. Weil der Tod ein Abschied ist von dieser Welt und allen ihren Händeln,
ist’s Not, dass der Mensch sein zeitliches Gut ordentlich verschaffe, wie es
soll oder er gedenkt zu ordnen, dass nicht bleibe nach seinem Tod Ursache zum
Zank, Hader oder sonst eines Irrtums unter seinen nachgelassenen Verwandten.
Und dies ist ein leiblicher oder äußerlicher Abschied von dieser Welt und wird
Urlaub und Abschied gegen dem Gut.
Zum
zweiten. Das man auch geistlich einen Abschied nehme, das ist, man vergebe
freundlicher, lauter um Gottes Willen allen Menschen, wie sie uns beleidigt
haben. Wiederum auch begehre Vergebung lauter um Gottes Willen von allen
Menschen, deren wir viele ohne Zweifel beleidigt haben, am wenigsten mit bösen
Beispielen oder zu wenig Wohltaten, die wir schuldig gewesen sind, nach dem
Gebot brüderlicher christlicher Liebe. Auf dass die Seele nicht bleibe behaftet
mir irgendeinem Handel auf Erden.
Zum
dritten. Wenn so jedermann Urlaub auf Erden gegeben ist, soll man sich denn
allein zu Gott richten, wohin der Weg des Sterbens sich auch hinkehrt und uns
führt. Und hier heben sich an die enge Pforte, der schmale Steig zum Leben, des
muss sich jeglicher fröhlich erwägen. Denn er ist wohl sehr eng, er ist aber
nicht lang.
Und geht
hierzu gleich wie bei einem Kind, das aus der kleinen Wohnung seiner Mutter
Leib mit Gefahr und Ängsten geboren wird in diesen weiten Himmel und Erde, das
ist auf diese Welt. So geht der Mensch durch die enge Pforte des Todes aus
diesem Leben in das ewige Leben. Und wiewohl der Himmel und die Welt, da wir
jetzt drin leben, groß und weit angesehen werden, so ist es doch alles gegen
den zukünftigen Himmel viel enger und kleiner als der Mutter Leib gegen diesen
[jetzigen] Himmel ist.
Darum
heißt der lieben Heiligen Sterben eine neue Geburt und ihr Fest nennt man auf
Latein Natale, einen Tag ihrer Geburt. Aber der enge Gang des Todes macht, dass
uns dies Leben weit und jenes eng erscheint. Darum muss man das glauben und an
der leiblichen Geburt eines Kindes lernen, wie Christus sagt: „Eine Frau, wenn
sie gebiert, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie
aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude
willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist.“ So auch im Sterben muss man sich
der Angst erwägen und wissen, dass danach ein großer Raum und Freude sein
werden.
Zum
vierten. Solch zurichten und Bereitung auf diese Fahrt steht darin: Zum ersten,
dass man sich mit lauter Beichte (besonders der größten Stücke, und die zur
Zeit im Gedächtnis sind, möglichst fleißig erfunden werden) und dem heiligen
christlichen Sakrament des heiligen wahren Leichnams und Bluts Christi
versorge, dies andächtig begehre und mit großer Zuversicht empfange, so man es
haben kann. Wenn aber nicht, soll nichtsdestoweniger das Verlangen und die Begierde
danach tröstlich sein und nicht darüber zu sehr erschrecken. Christus spricht:
„Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Denn die Sakramente sind nichts
anderes als Zeichen, die zum Glauben dienen und reizen, wie wir sehen werden,
die ohne den Glauben nichts nütze sind.
Zum
fünften. Soll man je zusehen mit allem Ernst und Fleiß, dass man die heiligen
Sakramente groß achte, sie in Ehren halte, sich frei und fröhlich darauf
verlasse und sie gegen die Sünde, Tod und Hölle so erwägen, dass sie weit
darüber hinausgehen. Auch viel mehr mit den Sakramenten und ihren Tugenden sich
beschäftigen als mit den Sünden. Wie über die Ehre recht geschehe, und was die
Tugenden sind, muss man wissen.
Die Ehre
ist, dass ich glaube, es sei wahr und geschehe mir, was die Sakramente
bedeuten, und alles, was Gott darin sagt uns anzeigt. Dass man mit Maria, der
Mutter Gottes, in festem Glauben spreche: „Mit geschehe nach deinen Worten“ und
Zeichen. Denn dieweil daselbst Gott durch den Priester redet und zeichnet,
könnte man Gott keine größere Unehre in seinem Wort und Werk tun, als zweifeln,
ob es wahr sei. Und keine größere Ehre ihm tun, als glauben, es sei wahr, und
sich frei darauf verlassen.
Zum
sechsten. Die Tugend der Sakramente zu erkennen, muss man wissen die
Untugenden, dagegen sie fechten und uns gegeben sind. Der sind drei: Die erste,
das schreckliche Bild des Todes; die zweite, das greuliche
mannigfaltige Bild der Sünde; die dritte, das unerträgliche, unvermeidliche
Bild der Hölle und ewigen Verdammnis. Nun wächst ein jegliches dieser drei und
wird groß und stark aus seinen Zusätzen.
Der Tod
wird groß und schrecklich, wenn die einfältige verzagte Natur dies Bild zu tief
in sich bildet, zu sehr vor Augen hat.
Dazu
steuert nun der Teufel, damit der Mensch die greuliche
Gebärde und das Bild des Todes tief betrachte, dadurch bekümmert und weich und
zaghaft werde. Denn da soll er wohl alle schrecklichen Geschehnisse, böse Tode
vorhalten, die ein Mensch je gesehen, gehört oder gelesen hat.
Daneben
mit Ausmalen den Zorn Gottes, wie er vorzeiten hier und da die Sünder geplagt
und verderbt hat, damit die einfältige Natur zur Furcht des Todes und zur Liebe
und Sorge des Lebens zu treiben. Dadurch der Mensch zu viel beladen wird mit
solchen Gedanken, Gott vergesse, den Tod fühle und hasse und so von Gott
zuletzt ungehorsam erfunden werde und bleibe. Denn je tiefer der Tod
betrachtet, angesehen und erkannt wird, je schwerer und gefährlicher das
Sterben ist.
Im Leben
sollte man sich mit des Todes Gedanken üben und zu uns fordern, wenn er noch
fern ist und nicht treibt. Aber im Sterben, wenn er von sich selbst schon allzu
stark da ist, ist es gefährlich und nichts nütze. Da muss man sein Bild
ausschlagen und nicht sehen wollen, wie wir hören werden. Also hat der Tod
seine Kraft und Stärke in der Einfältigkeit unserer Natur und in seinen
unzeitigen zu viel Ansehen und Betrachten.
Zum
siebten. Die Sünde wächst und wird groß, auch dadurch, dass sie zu viel
angesehen und zu tief bedacht wir. Dazu hilft die Einfältigkeit des Gewissens,
das sich selbst vor Gott schämt und greulich straft.
Da hat der Teufel dann ein Bad erfunden, dass er sucht, da treibt er, da macht
er die Sünde so viel und groß. Da soll er alle die vorhalten, die wir je
gesündigt haben, und wie viele mit weniger Sünden verdammt sind, damit der
Mensch aber muss verzagen oder unwillig werden zu sterben und so Gott vergisst
und ungehorsam erfunden wird und bleibt bis in den Tod.
Besonders
wenn der Mensch meint, er müsse die Sünde alsdenn betrachten und tue wohl,
recht und nützlich daran, dass er damit umgehe. So findet er sich denn
unvorbereitet und ungeschickt so sehr, dass auch alle seine guten Werke zu
Sünden geworden sind. Aus dem denn muss folgen ein unwilliges Sterben,
Ungehorsam gegen Gottes Willen und ewige Verdammnis. Denn die Sünden tief
betrachten hat da keine Fug noch Zeit, das soll man in der Zeit des Lebens tun.
So
verkehrt uns der böse Geist alle Dinge. Am Leben, da wir sollten des Todes, der
Sünde, der Höllen Bild stetig vor Augen haben, wie Ps. 51 steht: Meine Sünde
ist immer vor mir.“ So tut er uns die Augen zu und verbirgt diese Bilder. Am
Tod, da wir sollen nur das Leben, Gnade und Seligkeit vor Augen haben, tut er
uns denn zuerst die Augen auf und ängstigt uns mit den unzeitigen Bildern, dass
wir die rechten Bilder nicht sehen sollen.
Zum
achten. Die Hölle wird groß und wächst auch dadurch, dass ihr zu viel Ansehen
und hartes Bedenken zur Unzeit gegeben wird. Dazu hilft über die Maßen sehr,
dass man Gottes Urteil nicht weiß, dahin der böse Geist die Seele treibt, dass
sie sie mit übrigem unnützen Vorwitz, ja allem gefährlichen Vorhaben beladet
und verstehen will den heimlichen Rat Gottes, ob sie versehen [erwählt] sei
oder nicht?
Hier übt
der Teufel seine letzte, größte, listigste Kunst und Vermögen. Denn damit führt
er den Menschen (so er es versieht) über Gott, dass er sucht Zeichen göttlichen
Willens und ungeduldig wird, dass er nicht wissen soll, ob er versehen sei,
macht seinen Gott verdächtig, dass er viel mehr nach einem anderen Gott sich
sehnt. Kurz, hier gedenkt er die Liebe zu Gott mit einem Sturmwind auszulöschen
und Gotteshass zu erwecken.
Je mehr
der Mensch hier dem Teufel folgt und die Gedanken leidet, umso gefährlicher
steht er und kann sich zuletzt nicht erhalten; er fällt in Gotteshass und
Lästerung. Denn was ist es anderes, dass ich wissen will, ob ich versehen sei?
Denn ich will alles wissen, was Gott weiß und ihm gleich sein, dass er nichts
mehr wisse als ich und also Gott nicht Gott sei, so er gar nichts mehr über dem
hinaus wissen soll als ich? Da hält er vor, wie viele Heiden-, Juden-, Christenkinder
verloren gehen und treibt mit solchen gefährlichen und vergeblichen Gedanken es
so weit, dass der Mensch, ob er sonst gern stürbe, doch in diesem Stück
unwillig wird.
Das
heißt, mit der Hölle angefochten, wenn der Mensch mit Gedanken seiner Versehung wird angefochten, worüber im Psalter gar viel
Klage ist. Wer hier gewinnt, der hat die Sünde, Hölle, Tod auf einen Haufen
überwunden.
Zum
neunten. Nun muss man in diesem Handel allen Fleiß anwenden, dass man dieser
drei Bilder keines ins Haus lade, noch den Teufel über die Tür male. Sie werden
selbst allzu stark hereinfallen und das Herz mit ihrem Ansehen, Disputieren und
Zeigen ganz und gar innehaben wollen. Und wenn das geschieht, dann ist der
Mensch verloren und hat Gott ganz vergessen. Denn diese Bilder gehören gar
nicht in diese Zeit, als mit ihnen zu fechten und sie auszutreiben. Ja, wenn
sie allein sind, ohne durchsehen in andere Bilder, gehören sie nirgends hin als
in die Hölle unter die Teufel.
Wer nun
wohl mit ihnen fechten will und sie austreiben, dem wird nicht genug sein, dass
er sich mit ihnen zerre und schlage oder ringe, denn sie werden ihm zu stark
sein, und wird ärger und ärger. Die Kunst ist ganz und gar, sie fallen lassen
und nichts mit ihnen handeln.
Wie geht
das aber zu? Es geht so zu. Du musst den Tod in dem Leben, die Sünde in der
Gnade, die Hölle im Himmel ansehen und dich von dem Ansehen oder Blick nicht
lassen treiben, wenn dir es gleich alle Engel, alle Kreatur, ja, wenn es dir
dünkt, Gott selbst anders vorlegen, was sie doch nicht tun. Aber der böse Geist
macht einen solchen Schein. Wie soll man denn tun?
Zum
zehnten. Du darfst den Tod nicht in ihm selbst, noch in deiner Natur, noch in
denen, die durch Gottes Zorn getötet sind, die der Tod überwunden hat, ansehen
oder betrachten – du bist sonst verloren und wirst mit jenen überwunden.
Sondern deine Augen, deines Herzens Gedanken und alle deine Sinne gewaltig
kehren von diesen Bildern und den Tod starr und emsig ansehen nur in denen, die
in Gottes Gnade gestorben und den Tod überwunden haben, vornehmlich in Christus,
danach in allen seinen Heiligen.
Siehe, in
diesen Bildern wird dir der Tod nicht schrecklich noch greulich,
sondern verachtet und getötet und im Leben erwürgt und überwunden sein. Denn
Christus ist nicht als eitel Leben, Trost und auch Seligkeit. Je tiefer und
fester du dir das Bild einbildest und ansiehst, je mehr das Todesbild abfällt
und von selbst verschwindet ohne alles Zerren und Streiten. Und hat so das Herz
Friede und mag mit Christus und in Christus getrost sterben, wie in der
Offenbarung steht: „Selig sind, die in dem HERRN Christus sterben.“
Das ist
bedeutet 4. Mose 21, da die Kinder Israel von den feurigen Schlangen gebissen
waren. Nicht sich mit diesen Schlangen zerren, sondern die tote eherne Schlange
mussten sie ansehen. Da fielen die lebendigen [Schlangen] von selbst ab und
vergingen. So musst du dich mit dem toten Christus allein bekümmern, so wirst
du das Leben finden. Und wenn du den Tod anderswo ansiehst, so tötet er dich
mit großer Unruhe und Pein. Darum sagt Christus: „In der Welt (das ist auch in
uns selbst) werdet ihr Trübsal haben, in mir aber Frieden.“
Zum
elften. So darfst du die Sünde nicht ansehen in den Sündern, noch in denen, die
in Sünden endlich bleiben und verdammt sind, du fährst gewiss nach und wirst
überwunden. Sondern du musst abkehren deine Gedanken und die Sünde nur in den
Gnadenbildern ansehen. Und dies Bild mit aller Kraft in dich bilden und vor
Augen haben.
Das
Gnadenbild aber ist nichts anderes als Christus am Kreuz und alle seine lieben
Heiligen. Wie versteht man das? Das ist Gnade und Barmherzigkeit, dass Christus
am Kreuz deine Sünde von dir nimmt und trägt sie für dich und erwürgt sie. Und
das fest glauben und vor Augen haben, nicht daran zweifeln, das heißt, das
Gnadenbild ansehen und in sich bilden.
Desgleichen alle Heiligen in ihrem Leiden und Sterben, auch mit ihrem
Tragen der Pein und mit ihrem Leiden und Arbeiten. Wie geschrieben steht:
„Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ So
spricht er selbst Matth. 11: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und
beladen seid, ich will euch erquicken.“ Siehe, so kannst du deine Sünde sicher
ansehen, außerhalb deines Gewissens. Siehe, da sind Sünden nicht mehr Sünden,
da sind sie verbunden und in Christus verschlungen.
Denn
gleichwie er deinen Tod auf sich nimmt und ihn erwürgt, dass er dir nichts
schaden kann, so du anders glaubst, dass er dir das tut und deinen Tod in ihm,
nicht in dir ansiehst. So nimmt er auch deine Sünde auf sich und in seiner
Gerechtigkeit, aus lauter Gnade, überwindet er sie dir. So du das glaubst, so
tun sie dir nimmer schaden. So ist Christus das Lebens- und Gnadenbild gegen
des Todes und der Sünde Bild, ist unser Trost. Das sagt Paulus 1. Kor. 15. „Gott
aber sei Dank, der uns den Sieg (gegen Sünde und Tod) gibt durch unseren HERRN
Jesus Christus.“
Zum
zwölften darfst du die Hölle und die Ewigkeit der Pein mit der Versehung nicht in dir, nicht in ihr selbst, nicht in
denen, die verdammt sind, ansehen, auch nicht dich bekümmern mit so vielen
Menschen in der ganzen Welt, die nicht versehen sind. Denn siehst du dich nicht
vor, so wird dich das Bild geschwind stürzen und zu Boden stoßen. Darum musst
du hier Gewalt üben, die Augen fest zuhalten vor solchem Blick, denn er gar
nichts nütze ist, ob du tausend Jahre damit umgehst, und verderbt dich allzumal.
Darum
siehe das himmlische Bild Christus an, der um deinetwillen zum Himmel gefahren
und von Gott ist verlassen gewesen, als einer, der verdammt sei ewiglich, da er
sprach am Kreuz: „Eli, Eli, lama asabthani,
O mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Siehe, in
dem Bild ist überwunden deine Hölle und deine ungewisse Versehnung
gewiss gemacht. Denn so du dich damit allein bekümmerst und glaubst, dass es
für dich geschehen sei, so wirst du in demselben Glauben behalten ewiglich.
Darum lass dir’s nur nicht aus den Augen nehmen und suche dich nur in Christus
und nicht in dir, so wirst du dich ewig in ihm finden.
Also,
wenn du Christus und alle seine Heiligen ansiehst und dir wohlgefällt die Gnade
Gottes, der sie so erwählt hat, und bleibst nur fest in demselben Wohlgefallen,
so bist du schon auch erwählt. Wie er sagt 1. Mose 12: „Alle, die dich segnen,
sollen gesegnet sein.“ Hoffst du aber nicht hierauf allein und fällst in dich,
so wird dir eine Unlust erwachsen gegen Gott und seine Heiligen und so in dir
nichts Gutes finden. Da hüte dich vor, denn da wird der böse Geist dich
hintreiben mit viel List.
Zum
dreizehnten. Diese drei Bilder oder Streite sind vorbedeutet in Richter 7, da
Gideon die Midianiter mit dreihundert Mann an drei Orten in der Nacht angriff,
doch nicht mehr tat, als dass er ließ Trompeten blasen und Tonscherben
zusammenschlagen, dass die Feine flohen und sich selbst erwürgten.
So
fliehen Tod, Sünde und Hölle mit allen ihren Kräften, wenn wir nur Christi
leuchtendes Bild in uns üben (in der Nacht, das ist, im Glauben, der die bösen
Bilder nicht sieht noch sehen mag), dazu mit Gottes Wort als mit Posaunen, dazu
reizen und stärken.
So führt
dieselbe Figur Jesaja im 9. Kapitel. Das Joch ihrer Last, die Rute ihrer
Schulter und den Stecken ihres Treibers hast du zerbrochen wie zu der Zeit der
Midianiter, die Gideon überwand. Als spreche er: Deines Volkes Sünde (das ist
ein schweres Joch seiner Last in seinem Gewissen) und den Tod (der da ist eine
Rute oder Strafe, die da drückt seinen Rücken) und die Hölle (die ein Zepter
und Gewalt ist des Treibers, damit gefordert wird ewiges Bezahlen für die
Sünde) hast du alle zerbrochen und überwunden. Wie es denn geschehen ist zur
Zeit Midians, das ist, durch den Glauben, dadurch Gideon ohne alle
Schwertschläge die Feinde verjagte. Wann hat er das getan?
Am Kreuz.
Denn daselbst hat er uns sich selbst bereitet als ein dreifältiges Bild,
unserem Glauben vorzuhalten gegen die drei Bilder, da der böse Geist und unsere
Natur uns mit anfechten, aus dem Glauben zu reißen. Er ist das lebendige und
unsterbliche Bild gegen den Tod, den er erlitten und doch mit seiner
Auferstehung von den Toten bezeugt, dass er überwunden ist in seinem Leben. Er
ist das Bild der Gnade Gottes gegen die Sünde, die er auf sich genommen und doch
durch seinen unüberwindlichen Gehorsam überwunden hat. Er ist das himmlische
Bild der von Gott Verlassenen als ein Verdammter, und hat doch durch seine
allmächtige Liebe die Hölle überwunden, bezeugt, dass er der liebste Sohn ist
und uns allen dasselbe zu eigen gibt, wenn wir so glauben.
Zum
vierzehnten. Zum Überfluss hat er nicht allein in sich selbst die Sünde, Tod,
Hölle überwunden und uns vorgehalten zu glauben, sondern zu größerem Trost auch
selbst die Anfechtung erlitten und überwunden, die wir in diesen Bildern haben.
Er ist ebenso wohl angefochten mit des Todes, der Sünde, der Hölle Bild wie
wir.
Des Todes
Bild hielten sie ihm vor, da die Juden sagten: „Er steige nun vom Kreuz. Er hat
andere gesund gemacht, er helfe sich nun selbst.“ Als sprächen sie: Da, da
siehst du den Tod, du musst sterben, da hilft nichts dagegen. Gleichwie der
Teufel einem sterbenden Menschen des Todes Bild vorrückt und mit schrecklichem
Bild die einfältige Natur einschüchtert.
Der Sünde
Bild hielten sie ihm vor, da sie sagten: „Er hat anderen geholfen. Ist er
Gottes Sohn, so steige er herab“ usw. Als sprächen sie: Seine Werke sind falsch
und lauter Betrug gewesen, er ist des Teufels Sohn und nicht Gottes Sohn, er
ist sein mit Leib und Seele, er hat nie etwas Gutes getan, sondern nur Bosheit.
Und
gleichwie die Juden Christus diese drei Bilder zutrieben mit einem Mal,
unordentlich untereinander, so wird der Mensch von denselben zugleich mit einem
Mal unordentlich bestürmt, dass er irre werde und nur bald verzweifle.
Wie der
HERR die Zerstörung Jerusalems beschreibt, Luk. 19, dass ihre Feinde sie
umgeben mit einem Wall, dass sie nicht heraus können kommen. Das ist der Tod.
Zum
zweiten. Dass sie sie an allen Enden ängstigen und treiben, dass sie nirgends
bleiben können. Das sind die Sünden.
Zum
dritten. Dass sie sie niederschlagen zur Erde und lassen keinen Stein auf dem
anderen. Das ist die Hölle und Verzweiflung.
Der
Höllen Bild trieben sie zu ihm, da sie sagten: „Er vertraute Gott; lass sehen,
ob er ihn erlöse. Er sagt, er sei Gottes Sohn.“ Als sprächen sie: Er gehört in
die Hölle, Gott hat ihn nicht erwählt. Er ist ewig verworfen, es hilft hier
kein Vertrauen noch Hilfe, es ist alles umsonst.
Wie wir
nun sehen, dass Christus zu allen den Worten und greulichen
Bildern stillschweigt, nicht mit ihnen ficht, tut, als höre und sehe er sie
nicht, beantwortet keines. Und wenn er schon geantwortet hätte, so hätte er
Ursache gegeben, dass sie mehr und greulicher hätten
geplärrt und getrieben. Sondern allein auf den liebsten Willen seines Vaters
Acht hat, so ganz und gar, dass er seinen Tod, seine Sünde, seine Hölle, auf
ihn getrieben, vergisst und für sie bittet, für ihre Sünde, Tod und Hölle.
So sollen
wir diese Bilder auch lassen hinfallen und abfallen, wie sie wollen oder mögen,
und nur gedenken, dass wir an dem Willen Gottes hängen, das ist, dass wir in
Christus haften und stets glauben, unser Tod, Sünde und Hölle seien für uns in
ihm überwunden und können uns nicht schaden. Auf dass so Christi Bild in uns
allein sei und mit ihm disputieren und handeln.
Nutzen und Kraft der Sakramente
Zum
fünfzehnten. Nun kommen wir wieder zu den heiligen Sakramenten und ihren
Tugenden, dass wir lernen, wozu sie gut sind und wie sie gebrauchen.
Welchem
nun die Gnade und die Zeit verliehen ist, dass er beichte, absolviert,
berichtet wird, der hat wohl große Ursache, Gott zu lieben, loben und danken
und fröhlich zu sterben, so er sich anders trostvoll verlässt und glaubt auf
die Sakramente, wie droben gesagt ist. Denn in den Sakramenten handelt, redet,
wirkt durch den Priester dein Gott Christus selbst mit dir und geschehen da
nicht Menschenwerk oder -wort.
Da redet
dir Gott selbst alle Dinge, die jetzt von Christus gesagt sind, und will, dass
die Sakramente ein Wahrzeichen und Urkunde seien: Christi Leben soll deinen
Tod, sein Gehorsam soll deine Sünde, seine Liebe soll deine Hölle auf sich
genommen und überwunden haben. Dazu wirst du durch diese Sakramente eingeleibt und vereinigt mit allen Heiligen und kommst in
die rechte Gemeinschaft der Heiligen, so dass sie mit dir in Christus sterben,
Sünde tragen, Hölle überwinden.
Daraus
folgt, dass die Sakramente, das sind, die äußerlichen Worte Gottes, durch einen
Priester gesprochen, gar ein großer Trost sind und gleich ein sichtbares
Zeichen göttlicher Meinung, daran man sich halten soll mit einem festen
Glauben, als an einen guten Stab, damit Jakob, der Patriarch, durch den Jordan
ging. Oder als eine Laterne, danach man sich richten und ein Auge drauf haben
soll mit allem Fleiß durch den finsteren Weg des Todes, Sünde und Hölle, wie der
Prophet sagt: „Dein Wort, HERR, ist ein Licht meiner Füße.“ Und St. Peter: „Wir
haben ein gewisses Wort Gottes. Und ihr tut wohl daran, dass ihr sein
wahrnehmt.“ Es kann sonst nichts helfen in Todesnöten.
Denn
mit dem Zeichen werden alle erhalten, die erhalten werden. Es weist auf
Christus und sein Bild, das kannst du gegen des Todes, der Sünde, Hölle Bild
sagen. Gott hat nur zugesagt und ein gewisses Zeichen seiner Gnaden in den
Sakramenten gegeben, dass Christi leben meinen Tod in seinen Tod überwunden
hat, sein Gehorsam meine Sünden in seinem Leiden vertilgt, seine Liebe meine
Hölle in seinem Verlassen zerstört hat. Solche Zeichen, solche Zusagen meiner
Seligkeit werden mir nicht lügen noch trügen, weder mit Worten noch mit Werken.
Und wer so pocht und sich auf die Sakramente stützt, dessen Erwählung und
Vorsehung wird sich selbst ohne seine Sorge und Mühe wohl finden.
Zum
sechzehnten. Hier liegt nun die allergrößte Macht dran, dass man die heiligen
Sakramente, in welchen eitel Gottes Wort, Zusagen, Zeichen geschehen, hoch
achte, in Ehren halte, sich darauf verlasse. Das ist, dass man weder an den
Sakramenten, noch an den Dingen, von denen sie gewisse Zeichen sind, zweifle.
Denn wenn daran gezweifelt wird, so ist es alles verloren. Denn wie wir
glauben, so wird uns geschehen, wie Christus sagt. Was hilft’s, dass du dir
vorbildest und glaubst die Sünde, den Tod, die Hölle der anderen seien in
Christus überwunden, wenn du nicht auch glaubst, dass deine Sünde, dein Tod,
deine Hölle dir ja überwunden und vertilgt seien und du so erlöst seist? So
wäre das Sakrament gar umsonst, da du nicht glaubst die Dinge, die dir daselbst
angezeigt, gegeben und versprochen werden.
Das aber
ist die grausamste Sünde, die geschehen kann, durch welche Gott selber in
seinem Wort, Zeichen und Werk als ein Lügner geachtet wird, als der etwas rede,
zeige, zusage, das er nicht meine noch halten wollte. Deshalb ist nicht zu
schimpfen auf die Sakramente. Es muss der Glaube da sein, der sich darauf
verlasse und fröhlich wage in solche Gotteszeichen und -zusagen. Was wäre das
für ein Seligmacher oder Gott, der uns nicht möchte oder wollte von Sünde, Tod,
Hölle selig machen? Es muss groß sein, was der rechte Gott zusagt und wirkt.
So kommt
denn der Teufel und bläst dir ein: Ja, wenn ich denn die Sakramente hätte
unwürdig empfangen, mich durch meine Unwürdigkeit solcher Gnaden beraubt? Hier
mache das Kreuz vor dich, lass dich Würdigkeit oder Unwürdigkeit nichts
anfechten, schaue nur zu, dass du glaubst, es sei ein Zeichen der wahren Worte
Gottes, so bist du und bleibst wohl würdig. Glaube macht würdig, Zweifel macht
unwürdig.
Darum
will der böse Geist dir andere Würdigkeit und Unwürdigkeit vorwenden, dass er
dir einen Zweifel und dadurch die Sakramente mit ihren Werken zunichte und Gott
in seinen Worten zu einem Lügner mache. Gott gibt dir um deiner Würdigkeit
willen nichts. Er baut auf sein Wort und Sakrament, auf deine Würdigkeit nicht,
sondern aus lauter Gnaden baut er dich Unwürdigen auf sein Wort und Zeichen.
Daran
halte nur fest und sprich: Der mir sein Zeichen und Wort gibt und gegeben hat,
dass Christi Leben, Gnade und Himmel meine Sünde, Tod, Hölle mir unschädlich
gemacht haben, der ist Gott, wird mir die Dinge wohl halten. Hat mich der
Priester absolviert, so verlasse ich mich darauf, als auf Gottes Wort selber.
Sind es denn Gottes Worte, so wird es wahr sein. Da bleibe ich drauf, da sterbe
ich drauf. Denn du sollst ebenso fest trauen auf des Priesters Absolution, als
wenn dir Gott einen besonderen Engel oder Apostel sendet, ja, als ob dich
Christus selbst absolviert.
Zum
siebzehnten. Siehe, einen solchen Vorteil hat der, der die Sakramente erlangt,
dass er ein Zeichen und Zusage Gottes erlangt, daran er seinen Glauben üben und
stärken kann, er sei in Christi Bildgüter berufen. Ohne welche Zeichen die
anderen allein im Glauben arbeiten und sie mit der Begierde des Herzens
erlangen. Wiewohl sie auch erhalten werden, so sie in demselben [Glauben]
stehen.
So sollst
du auch sagen über dem Sakrament des Altars: Hat mir der Priester gegeben den
heiligen Leichnam Christi, der ein Zeichen und Zusage ist der Gemeinschaft
Christi … , dass er mich lieb habe, für mich sorge, bitte und mit mir leide,
mich stärke, meine Sünde trage und Hölle überwinde, so wird es und muss es so
sein. Das göttliche Zeichen trügt mir nicht, und ich lass es mir nicht
verneinen. Ich wollte eher alle Welt und mich selbst verleugnen, ehe ich daran
zweifle, mein Gott, der sei mir gewiss und wahrhaftig in diesen seinen Zeichen
und sagen: Ich sei sein unwürdig oder nicht ich bin ein Glied der Christenheit,
gemäß diesem Sakrament. Es ist besser, ich bin unwürdig, als dass Gott nicht
[für] wahrhaftig gehalten werde. Heb dich, Teufel, so du mir anders sagst.
Nun
siehe, man findet Leute, die gerne wollten gewiss sein oder ein Zeichen vom
Himmel haben, wie sie mit Gott dran wären, und ihre Vorsehung wissen. Und wenn
sie gleich ein solches Zeichen bekommen und sie doch nicht glauben, was hilft
sie es? Was hülfen alle Zeichen ohne Glauben? Was halfen den Juden Christi und
der Apostel Zeichen? Was helfen noch heute die hochwürdigen Zeichen der
Sakramente und Wort Gottes? Warum halten sie sich nicht an die Sakramente, welche
gewisse und eingesetzte Zeichen sind, durch alle Heiligen probiert und
versucht, gewiss erfunden allen denen, die geglaubt haben, und überkommen
alles, was sie anzeigen.
So
sollten wir die Sakramente lernen erkennen, was sie sind, wozu sie dienen, wie
man sie gebrauchen soll. So finden wir, dass nicht größere Dinge auf Erden
seien, das betrübte Herzen und böse Gewissen lieblicher trösten kann. Denn in
Sakramenten ist Gottes Wort, das dient dazu, dass es uns Christus zeigt und
zusagt mit allem seinem Gut, das er selbst ist gegen die Sünde, Tod, Hölle. Nun
ist nichts lieblicher, begehrlicher zu hören als Sünde, Tod, Hölle zu vertilgen.
Das geschieht durch Christus in uns, so wir das Sakrament recht gebrauchen.
Der
Gebrauch ist nichts anderes als glauben, es sei so, wie die Sakramente durch
Gottes Wort zusagen und verpflichten. Darum ist not, dass man nicht allein die
drei Bilder in Christus ansehe und die Gegenbilder damit austreibe und fallen
lasse. Sondern dass man ein gewisses Zeichen habe, das uns versichere, es sei
also uns gegeben. Das sind die Sakramente.
Zum
achtzehnten. Soll kein Christenmensch an seinem Ende zweifeln, er sei nicht
allein in seinem Sterben, sondern gewiss sein, dass nach Anzeichen des
Sakraments auf ihn gar viele Augen sehen. Zum ersten Gott selbst und Christus.
Darum, dass er seinem Wort glaubt und seinem Sakrament anhängt. Danach die
lieben Engel, die Heiligen, das sind, alle Christen. Denn es ist kein Zweifel,
wie das Sakrament des Altars weist, dass die allesamt, als ein ganzer Körper,
zu seinem Gliedmaß zu laufen, helfen ihm, die Sünde,
Tod, Hölle zu überwinden und tragen alle mit ihm. Da geht das Werk der Liebe
und Gemeinschaft der Heiligen im Ernst und gewaltig.
Und ein
Christenmensch soll sich auch solches vorbilden und keinen Zweifel darüber
haben, daraus er denn keck wird zu sterben. Denn wer daran zweifelt, der glaubt
nicht recht von dem hochwürdigen Sakrament des Leichnams Christi, in welchem
gezeigt, zugesagt, verpflichtet wird Gemeinschaft, Hilfe, Liebe, Trost und
Beistand in allen Nöten. Denn so du glaubst an die Zeichen und Worte Gottes, so
hat Gott ein Auge auf dich, wie er sagt Psalm 32: „Fimabo
super te oculos meos etc.
Ich will dich mit meinen Augen leiten.“ So aber Gott dich sieht, so sehen ihm
nach alle Engel, alle Heiligen, alle Kreaturen. Und so du in dem Glauben
bleibst, halten sie alle die Hände unter. Und geht deine Seele aus, so sind sie
da und empfangen sie, du kannst nicht untergehen.
Das ist
bezeugt bei Elisa, 2. Kön. 6, der zu seinem Knecht sprach: Fürchte dich nicht,
ihrer sind mehr mit uns als mit jenen. So doch die Feinde sie umringt hatten
und niemand anders sahen. Aber Gott tat dem Knecht die Augen auf. Da war um sie
ein großer Haufen feuriger Pferde und Wagen. So ist’s auch gewiss um einen
jeglichen, der Gott glaubt. Da gehen denn die Sprüche her, Psalm 34: „Der Engel
des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen aus.“ Und
Psalm 125: „Die auf den HERRN hoffen, die werden nicht fallen, sondern ewig
bleiben wie der Berg Zion. Um Jerusalem her sind Berge (das sind Engel); und
der HERR ist um sein Volk her, von nun an bis in Ewigkeit.“
Psalm 91:
„Er hat seinen Engeln über dir befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen
Wegen; dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest. Auf Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf
den jungen Löwen und Drachen.“ (Das ist, alle Stricke und List des Teufels
werden dir nichts tun.) „Denn er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen. Er
kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen. Er ruft mich an, so will ich
ihn erhören. Ich bin bei ihm in der Not. Ich will ihn herausreißen und zu Ehren
setzen. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und ihm zeigen mein Heil.“
So spricht
auch der Apostel, Hebr. 1, dass der Engel unzählig viele sind, allzumal
dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die da ererben
sollen die Seligkeit. Daher kommt’s, dass der heilige Patriarch Jakob, 1. Mose
49, sagt, da er sterben sollte: „Ich werde zu meinem Volk versammelt“, und ist
gestorben und gesammelt zu seinem Volk. So auch zu Mose und Aaron hat Gott
gesprochen: „Du sollst gehen zu deinem Volk und deinen Vätern.“ Damit ausgedrückt
wird, dass der Tod ein Gang ist zu viel mehr Volk, die auf uns warten, als wir
verlassen.
Dies sind
alles große Dinge. Wer mag’s glauben? Darum soll man wissen, dass Gottes Werke
sind, die größer sind, als jemand denken kann, und sie doch wirkt in solchen
kleinen Zeichen der Sakramente, dass er uns lehre, wie ein großes Ding es sei,
ein rechter Glaube zu Gott.
Zum
neunzehnten. Soll aber niemand sie vermessen, solche Dinge aus seinen Kräften
zu üben, sondern Gott demütig bitten, dass er solchen Glauben und Verstand
seiner heiligen Sakramente in uns schaffe und erhalte. Auf dass also mit Furcht
und Demut zugehe und wir nicht uns solche Werke zuschreiben, sondern Gott die
Ehre lassen. Dazu soll er Christus anrufen, soll aber bitten, dass er nicht
zweifele, das Gebet werde erhört. Da hat er zwei Ursachen dazu.
Die
erste, dass er jetzt gehört hat aus der Schrift, wie Gott den Engeln befohlen
hat, dass sie lieben und helfen müssen, allen die da glauben. Das soll man sich
vorhalten und aufrücken. Nicht, dass er es nicht wisse oder sonst nicht täte,
sondern dass der Glaube und Zuversicht zu ihm und durch ihn zu Gott desto
stärker und fröhlicher werde, dem Tod unter Augen zu gehen.
Die
zweite, dass Gott geboten hat, Matth. 21; Mark. 11, wenn wir beten wollen, dass
wir ja fest glauben, es geschehe, was wir bitten und sei ein wahrhaftiges Amen.
Dasselbe Gebot muss man Gott auch aufrücken und sagen: Mein Gott, du hast
geboten zu bitten und zu glauben, die Bitte werde erhört. Darauf bitte ich und
verlasse mich, du wirst mich nicht lassen und mir einen rechten Glauben geben.
Dazu soll
man das ganze Leben Gott bitten um die letzte Stunde, um einen rechten Glauben.
Wie denn gar fein gesungen wird am Pfingsttag: Nun bitten wir den Heiligen
Geist um den rechten Glauben allermeist, usw., wenn wir heimfahren aus diesem
Elende usw.
Und wenn
die Stunde gekommen ist zu sterben, soll man Gott an das Gebet erinnern, neben
seinem Gebot und Zusage, ohne allen Zweifel, es sei erhört. Denn wenn er
geboten hat zu bitten und zu trauen im Gebet, dazu Gnade gegeben zu bitten, was
sollte man zweifeln, er habe es darum getan, dass er’s erhören und erfüllen
will?
Zum
zwanzigsten. Nun siehe, was soll dir dein Gott mehr tun, dass du den Tod willig
annimmst, nicht fürchtest und überwindest?
Er weist
und gibt dir in Christus des Lebens, der Gnade, der Seligkeit Bild, dass du vor
der Sünde, dem Tod, der Hölle nicht dich entsetzt.
Er legt
dazu deine Sünde, deinen Tod, deine Hölle auf seinen liebsten Sohn und
überwindet sie dir, macht sie dir unschädlich.
Er lässt
dazu deine Anfechtung er Sünde, des Todes, der Hölle auch über seinen Sohn
gehen und dich darin halten lehrt und sie unschädlich dazu ertragbar macht.
Er gibt
dir zu dem allem ein gewisses wahres Zeichen, dass du je nicht daran zweifelst,
nämlich die heiligen Sakramente.
Er
befiehlt seinen Engeln, allen Heiligen, allen Kreaturen, dass sie mit ihm auf
dich sehen, deiner Seele sich annehmen und sie empfangen.
Er
gebietet, du sollst solches von ihm bitten und der Erhörung gewiss sein. Was
kann oder soll er mehr tun?
Darum
siehst du, dass er ein wahrer Gott ist und rechte große göttliche Werke mit dir
wirkt. Warum sollte er dir nicht etwas Großes auflegen (wie das Sterben ist),
wenn er so großen Vorteil, Hilfe und Stärke dazu tut. Auf dass er versuche, was
seine Gnade vermag. Wie geschrieben steht, Psalm 111: „Groß sind die Werke des
HERRN, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.“
Deshalb
muss man zusehen, dass man je mit großen Freuden des Herzens danke seinem
göttlichen Willen, dass er mit uns gegen die Sünde, Tod und Hölle so
wunderliche, reichliche und unermessliche Gnade und Barmherzigkeit übt. Und
nicht so sehr vor dem Tod sich fürchten, als vielmehr seine Gnade preisen und
lieben. Denn die Liebe und das Lob das Sterben gar sehr erleichtern. Wie er
sagt durch Jesaja: Ich will zähmen dienen Mund mit meinem Lob, dass du nicht
untergehst. Das helfe uns Gott. Amen.
Die erste und rechte Tafel des Mose
Die zweite und linke Tafel des Mose
Eine kurze Zusammenfassung der Zehn
Gebote
VON DER SÜNDE, DEM GESETZ, DER BUSSE
UND DEM
Wie man vor Gott gerecht wird und
von guten Werken
DANACH FOLGT DIE AUSLEGUNG DES
VATERUNSERS
Eine einfältige Weise zu beten, für
M. Peter, Balbierer. Anno 1534
Die Bedeutung der rechten
Unterscheidung von Gesetz und Evangelium
Die Notwendigkeit der
Wiedergeburt zum Glauben an Jesus Christus
Der seligmachende Glaube und
seine Frucht
Die rechten Werke kommen aus einem
wahren Glauben
(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)
(aus den Schmalkaldischen Artikeln)
VON DEN SCHLÜSSELN UND DER BEICHTE
Grundlinien des christlichen
Glaubens:
Von dem traurigen Rückfall aus der Gnade
Sermon von der Betrachtung des
heiligen Leidens Christi
Sermon von der Bereitung zum Sterben
[1]
Entnommen aus: D. Martin Luthers Sämtliche
Schriften. Hrsg. von Johann Georg Walch. T. 11. Halle: Johann Justinus Gebauer.
1742. Sp. 2618
ff. (Kirchenpostille)
[2] Entnommen aus: D. Martin Luthers
Sämtliche Schriften. Hrsg. von Johann Georg Walch. T. 11. Halle: Johann
Justinus Gebauer. 1742. Sp. 3092 ff.
(Kirchenpostille)
[3]
Entnommen
aus: Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Hrsg. von Johann Georg Walch. Bd.
6. Nachdruck der 2., überarb. Aufl. St. Louis. Groß
Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 798 ff.
[4]
Originaltext:
„dass“ statt „denn“
[5]
Wittenberger
und Nürnberger: reiset
[6] Die Klammern sind in der St. Louiser Ausgabe gesetzt. Die eingeschlossenen Worte finden
sich nur in der Jenaer Ausgabe.
[7]
So die Jenaer
Ausgabe. In den beiden anderen Redaktionen: „trägt ein Platten und Kolben“ usw.
– Kolbe und Platte sind synonym.
[8]
Diese in der
St. Louiser Ausgabe in Klammern gesetzten Worte
finden sich allein in der Jenaer Ausgabe.
[9]
Dr. Martin Luthers
Sämtliche Schriften. Predigt vom Unterschied zwischen dem Gesetz und dem
Evangelium über Gal. 3,23-24. 1532. Hrsg. von Johann Georg Walch. Bd. 6.
Nachdruck der 2., überarb. Aufl. St. Louis. Groß Oesingen:
Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 798 ff.
[10] Martin Luther: Sämtliche Schriften. Von der Freiheit eines Christenmenschen. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Neu rev. Ausg. Bd. 19. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House. 1907. Sp. 986 ff.
[11]
Dr. Martin Luthers doppelte Hauspostille. II. Rörer’sche Ausgabe. Hrsg. von Ernst Ludwig Enders. Bd. 5.
2. Aufl. Frankfurt am Main, Erlangen: Heyder & Zimmer. 1865. S. 247.
[12]
Dr. Martin Luther. Sämtliche Schriften. Hrsg. von
Joh. Georg Walch. Bd. 11. (Kirchenpostille.) Neue rev.
Ausg. St. Louis, Missouri: Lutherischer
Concordia-Verl. 1882. Sp. 1166.
[13]
Ebd. Sp. 1168
[14]
Ebd. Sp. 1174
[16] Ebd. S. 251 f.
[17]
Der Haupttext, wenn keine anderen Quellen
angegeben sind, stammt aus: Vgl. https://www.projekt-gutenberg.org/luther/predigt/pred001.html
[18]
Diese Einfügung geschieht in Anlehnung an die
englische Übersetzung direkt aus der WA; an sie ist auch der weitere Text
dieses Satzes angelehnt. (Christ daily drives out the old Adam more and more in
accordance with the extent to which faith and knowledge of Christ grow. In: https://ms.augsburgfortress.org/downloads/9781451462708_sample_chapter.pdf)
[19] An dieser Stelle könnten
noch römisch-katholische (augustinische) Restbestände hervorkommen, die Luther
aber später auch abgelegt hat. Denn die Rechtfertigung, der Zuspruch der
fremden Gerechtigkeit, ist nicht stückweise, sondern einmal und ganz, wie Luther
selbst später gesagt hat: Luther, Walch2,
Bd. 12, 219 ff.: „Die Rechtfertigung kommt nicht durch Werke, sondern allein
aus dem Glauben, ohne alle Werke, nicht mit Stücken, sondern auf einen Haufen.
Denn das Testament hat alles in sich, Rechtfertigung, Seligkeit, Erbe und
Hauptgut. Es wird ganz auf einmal, nicht stücklich,
besessen durch den Glauben.“
Unter
Umständen könnte der Text aber auch so verstanden werden, dass dieser letzte
Satz des Abschnittes sozusagen das Scharnier zum nächsten Abschnitt ist, in dem
ja von der zweiten oder unserer aktiven oder Lebensgerechtigkeit die Rede ist.
Dies wäre nicht unmöglich, denn während im ersten Teil des Abschnittes ja die
fremde Gerechtigkeit der Erbsünde entgegengesetzt wird und allen Sünden, die
aus ihr folgen – und die werden ja, wie Abschnitt 6 dargelegt, im Augenblick
verzehrt. Dieser letzte Satz des Abschnittes aber handelt von dem täglichen
Kampf gegen den alten Adam, also unsere Erneuerung, in der Christus uns täglich
mit seiner Gerechtigkeit zu Hilfe kommt. Da geht es also bereits um die
Lebensgerechtigkeit, die ja allerdings wachsen soll und erst in der Ewigkeit
vollendet ist. (Dies ist auch gegen den Kommentar gesagt, der zu dieser Stelle
in der oben angeführten englischen Übersetzung (Anm. 20) steht, in dem
behauptet wird, dass unsere Rechtfertigung selbst wachstümlich
sei und erst in der Ewigkeit vollendet werde. Das ist die falsche augustinische
Lehre, wie sie letztlich auch bei Rom zu finden ist und leider nicht zuletzt
durch Karl Holl und die sogenannte „Lutherrenaissance“ nach dem ersten
Weltkrieg von vielen als „Luthers Rechtfertigungslehre“ dargestellt wurde. Vgl. dazu auch: Uuras
Saarnivaara: Luther discovers the Gospel. Saint
Louis: Concordia Publishing House. 1951.
S. XIII-XV. Saarnivaara unterstützt auch die zweite
Variante des Verständnisses dieser Stelle, vgl. S. 134, Anm. 229.)
[20]
Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Sermon
von der zweifachen Gerechtigkeit. Hrsg. von Joh[ann] Georg Walch. Nachdr. der 2.,
überarb. Aufl. Bd. 10. Groß Oesingen: Verlag der
Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp.
1262 ff.
[21] Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Großer Galaterbriefkommentar zu Gal. 2,16. Hrsg. von Johann Georg Walch. Bd. 6. Nachdruck der 2., überarb. Aufl. St. Louis. Groß Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 173 ff.; 224 ff.
[22] Luther hat hier nach der alten Übersetzung
„Gerechtigkeit“. (Anm. d. Hrsg.)
[23] Walch, Bd. 19. a.a.O. Erste Disputation über den Glauben, Röm. 3,28. Sp. 1754 ff.
[24]
Ebd. Dritte Disputation.
[25]
Ebd.
[26]
Walch Bd. 19. a.a.O. Disputation über Hebr. 13,4
[27] Dr. Martin Luthers sämtlichen Schriften. Sermon von den guten Werken. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Neu rev. Stereotypausg. Bd. 10. St. Louis, Mo.: Lutherischer Concordia-Verlag. 1885. Sp. 1298 ff.
[29]
Vorrede, a.a.O.
[30]
Da klingt nochmals das an, was schon unter Anm. 2
gesagt wurde; könnte aber gut eben einzig auf die Lebensgerechtigkeit bezogen
werden, die nun im Leben als Frucht und Folge das Werk vollzieht und immer mehr
vollendet, was mit der Rechtfertigung (erste Gerechtigkeit), eben als
Folgewirkung, begonnen wurde. Denn in der Rechtfertigung a) sind vollkommen
gerecht gesprochen und daher um Christi willen auch tatsächlich vor Gott
gerecht; b) wurde als Frucht und Folge die Erneuerung ausgelöst, bewirkt, die
nicht unsere Seligkeit vollendet, sondern in der wir arbeiten, weil wir
gerechtfertigt, weil wir gerettet, weil wir selig sind.
[31]
Zweifache Gerechtigkeit, a.a.O.
[32]
Walch Bd. 19, Fünfte Disputation. Ebd.
[33]
Walch Bd. 19, Erste Disputation. Ebd.
[34]
Walch Bd 19. a.a.O.
Disputation über Hebr. 13,4.
[35]
Von der Freiheit … a.a.O.
[36] Ebd.
[37]
Ebd.
[38]
Ebd.
[39]
Ebd.
[40]
Ebd.
[41]
Entnommen:
Martin Luther: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Neue rev. Ausg. Bd. 10. St. Louis,
Mo.: Lutherischer Concordia-Verl. 1885. Sp. 1230 ff.
Walch hat, wie Olearius, als Erscheinungsjahr 1518; die Weimarer Ausgabe (Bd.
2, S. 709 ff.) gibt 1519 an, so auch Martin Brecht im ersten Band seiner
Lutherbiographie, S. 342. Dies dürfte auch der historischen Tatsache
entsprechen, da Luther ja in der Zuschrift an Herzogin Margarethe auf alle drei
Sermone jenes Spätjahres 1519 Bezug nimmt: von der Buße, der Taufe und vom
Abendmahl. Luther spricht zu diesem Zeitpunkt noch von der Buße als einem
Sakrament. In der „babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ 1520 erkennt er
dann, dass nur Taufe und Abendmahl als Sakrament zu bezeichnen sind.
[42]
Vgl. dazu:
Martin Brecht: Martin Luther. Sein Weg zur Reformation. Berlin: Evangelische Verl.Anst. 1986. S. 341 ff.; Oswald Bayer: Promissio. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 1970.
(Forschungen zur Dogmen- und Kirchengeschichte. Bd. 24.) S. 192 ff.
[43]
Luther hat
„in“ an dieser Stelle. Anm. d. Hrsg.
[44]
Der Anfang
dieses Satzes klingt missverständlich. Was Luther sagen will ist: „Darauf
bestehe ich, dass …“ Denn es ging ihm ja gerade darum, abzuwehren, dass die
Menschen sich auf ihre Werke als „Genugtuung“ verließen anstatt auf Christus
allein. Anm. d. Hrsg.
[45]
Bei Walch
steht hier: „besserlich“. Anm. D. Hrsg.
[46]
Entnommen: Martin Luther: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Joh. Georg
Walch. Neue rev. Ausg. Bd. 10. St. Louis, Mo.: Lutherischer Concordia-Verl. 1885. Sp. 2112 ff.
[47] Vgl. dazu: Martin Brecht: Martin
Luther. Sein Weg zur Reformation 1483-1521. Berlin: Evangelische Verl.Anst. 1981. S. 344
[48]
Am Ende der
Schrift von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche bezeugt Luther, dass
die Buße eigentlich kein Sakrament ist. (Anm. d. Hrsg.)
[49]
In der
Walch-Ausgabe steht „und“.
[50] Ergänzung durch
Hrsg.
[51]
Entnommen aus: Martin Luther: Betbüchlin
mit Calender und Passional. Wittenberg: Hans Lufft. 1554. S. 161 ff.
[52] Entnommen aus: Martin Luther: Betbüchlin mit Calender und Passional. Wittenberg: Hans Lufft. 1554. S. 171 ff.