MARTIN LUTHER

 

KURZE ERKLÄRUNG DES

CHRISTLICHEN GLAUBENS

 

 

 

 

 

 

Neu herausgegeben

von

Roland Sckerl

in Anlehnung an Luthers „Betbüchlein“ von 1522

 

 

 

 

 

 

Durmersheim

2023

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

 

 

 

VORREDE

 

    Es ist nicht ohne besonderen Grund geschehen, dass Gott einem jedem Christen, unter denen viele die Schrift nicht lesen können, geboten hat, die 10 Gebote, das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser zu lernen und sie auswendig zu kennen. In diesen drei Stücken ist fürwahr alles, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht und auch immer gepredigt werden mag, kurz, alles, was für einen Christen zu wissen nötig ist, gründlich und vollständig zusammen­gefasst – und zwar in solcher Kürze und so verständlich, dass sich niemand beklagen oder vor­schie­ben kann, es sei zu viel oder zu schwer zu behalten, was ihm nötig ist zur Seligkeit. Drei Dinge nämlich muss ein Mensch wissen, damit er selig werde: zum ersten, was er tun und las­sen soll; zum zweiten, wenn er nun merkt, dass er es aus seinen Kräften heraus nicht tun oder lassen kann, wo er schöpfen und suchen und finden soll, damit er es dennoch tue und lasse; zum dritten, wie er es suchen und holen soll. Gleichwie bei einem Kranken ist es zuallererst nötig, dass er weiß, was er für eine Krankheit hat, d. h. was er tun und lassen und was er nicht tun und lassen kann. Danach ist es nötig, dass er weiß, woher er die Arznei bekommen kann, die ihm hilft, damit er tun und lassen kann, was ein gesunder Mensch tut oder lässt. Und zum dritten muss er diese Arznei haben wollen, d. h. sie suchen, holen oder sich bringen lassen.

    So lehren die Gebote den Menschen seine Krankheit er­kennen, dass ersieht und empfindet, was er tun und nicht tun, las­sen und nicht lassen soll und sich so als einen Sünder, d. h. einen (durch die Abkehr von Gott) verdorbenen Menschen erkennt.

    Danach hält ihm das Glaubensbekenntnis vor und lehrt ihn, wo er die Arznei, welche Gnade heißt, finden kann, welche ihm hilft, fromm zu werden, dass er die Gebote halten kann. So zeigt Gott dem Menschen also seine Barmherzigkeit, die er ihm in Jesus Christus entgegen­bringt und anbietet.

    Und drittens lehrt das Vaterunser den Menschen, auf welche Art er diese Gnade begehren, ergreifen und sich aneignen soll, nämlich durch das im Glauben gesprochene, de­mütige und trostreiche Gebet. Dann wird sie ihm gegeben werden und er wird durch die Erfül­lung der Gebote Gottes selig. Das sind die drei Dinge, um die es in der ganzen Heiligen Schrift geht.

    Darum beginnen wir, zuerst von den Geboten zu lehren, da­mit wir unsere Sünde und Ver­derbtheit – das ist unsere geist­liche Krankheit – erkennen, durch welche wir nicht tun und las­sen können, was wir zu tun und zu lassen schuldig sind.

 

 

 

 

 

Die erste und rechte Tafel des Mose

    Sie umfasst die ersten drei Gebote, in denen der Mensch be­lehrt wird, was er gegenüber Gott zu tun und zu lassen schuldig ist, d. h. wie er sich zu Gott verhalten soll.

    Das erste Gebot lehrt, wie sich der Mensch zu Gott innerlich in seinem Herzen verhalten soll, d. h., was er allezeit von ihm denken, halten und wie er ihn achten soll: dass Gott es nämlich ist, der ihm alles Gute zuteil werden lässt, und dass der Mensch ihn wie einen Vater und guten Freund mit seiner ganzen Treue, Liebe und seinem Glauben allezeit fürchten und nie beleidi­gen soll, ebenso wie ein Kind sich zu seinem Vater verhält. Denn das ist ja ganz natürlich (und eine allgemeine Auffassung), dass ein Gott ist, der alles Gute gibt und in allem Übel hilft. Dass es so ist, wird deutlich im Gegenüber zu den Götzen der Heiden­völker. Das Gebot lautet:

    „Du sollst keine anderen Götter haben.“ (2. Mose 20,2; 5. Mose 5,7).

Was ist das?

    Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.

    Das zweite Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Worten verhalten soll, sei es in denen, die er zu anderen Menschen oder in denen, die er innerlich zu sich [138] selbst spricht, dass er nämlich Gottes Namen ehre. Denn niemand kann Gott selbst – gemäß der Natur Gottes –die Ehre erweisen, weder vor anderen Menschen noch vor sich selbst, sondern nur seinem Namen. Das Gebot lautet:

    „Du sollst den Namen deines Gottes nicht unnütz im Munde führen.“ (2. Mose 20,7; 5. Mose 5,11).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir bei seinem Namen nicht schwören, zaubern, lügen oder trügen, sondern denselben in allen Nöten anrufen, beten, loben und danken.

 

Warum beginnt jede Erklärung mit: „Wir sollen Gott fürchten und lieben“?

Damit will Luther zeigen, dass es in allen Geboten um unser Verhalten gegenüber Gott und unser Verhältnis zu ihm geht und dass sie alle nur durch rechte Gottesfurcht und Gottesliebe erfüllt werden können.

 

    Das dritte Gebot lehrt, wie sich der Mensch gegenüber Gott äußerlich in seinen Werken verhalten soll, dass er nämlich darin Gott dienen soll. Das Gebot lautet:

    „Du sollst den Feiertag heiligen.“ (2. Mose 20,8; 5. Mose 5,12).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen.

    So lehren diese drei Gebote den Menschen, wie er sich gegenüber Gott in seinen Gedanken, Worten und Werken ver­halten soll, d. h. in seinem ganzen Leben.

Die zweite und linke Tafel des Mose

    Sie umfasst die sieben restlichen Gebote, in denen der Mensch belehrt wird, was er den Menschen, d. h. seinen Näch­sten, zu tun und lassen schuldig ist.

     Das vierte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber aller Obrig­keit verhalten soll, die an seiner Statt eingesetzt ist. Darum folgt dieses Gebot auch gleich vor anderen Geboten auf die ersten drei, die Gott selbst betreffen. An Gottes Stelle sind die leiblichen Eltern Vater und Mutter und die geistlichen und welt­lichen Herren. Das Gebot lautet:

    „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ (2. Mose 20,12; 5. Mose 5,16).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen, sondern sie in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert haben.

     Das fünfte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber seines­gleichen oder gegenüber seinen Näch­sten, soweit es sie per­sönlich betrifft, verhalten soll: dass man ihnen nicht Leid zufügen, sondern, wo sie dessen bedürfen, sie unterstützen und ihnen helfen soll. Das Gebot lautet:

    „Du sollst nicht töten.“ (2. Mose 20,13; 5. Mose 5,17).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserem Nächsten an seinem Leib keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten.

    Das sechste Gebot lehrt, wie man sich gegenüber dem höch­sten Gut seines Nächsten und auch dem seiner eigenen Familie – das sind Ehegemahl, Kinder und Freunde – verhalten soll: dass man ihnen nicht Unehre antun, sondern sie in Ehren halten soll, und zwar mit allen Mitteln, die einem möglich sind. Das Gebot lautet:

    „Du sollst nicht ehebrechen.“ (2. Mose 20,14; 5. Mose 5,18).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir keusch und züchtig leben in [Gedanken,] Worten und Werken, und ein jeglicher sein Gemahl liebe und ehre.

    Das siebente Gebot lehrt, wie man sich gegenüber den zeit­lichen Gütern seines Nächsten verhalten soll: dass man sie ihm nicht wegnehmen noch ihn hindern soll, sie zu erwerben, sondern ihn darin unterstütze. Das Gebot lautet:

    „Du sollst nicht stehlen.“ (2. Mose 20,1 5; 5. Mose 5,19).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserem Nächsten sein Geld oder Gut nicht nehmen noch mit falscher Ware oder Handel an uns bringen, sondern ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern und behüten.

    Das achte Gebot lehrt, wie man sich gegenüber der zeitlichen Ehre und dem guten Ruf seines Nächsten verhalten soll: dass man diese nicht schwächen, sondern vermehren, schützen und erhalten soll. Das Gebot lautet:

    „Du sollst nicht falsches Zeugnis reden wider deinen Näch­sten.“ (2. Mose 20,1 6; 5. Mose 5,20).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht fälschlich belügen, verraten, nachreden oder bösen Leumund machen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.

    So ist es also verboten, seinem Nächsten in allen seinen Gütern zu schaden, und geboten, ihm darin zu helfen. Wenn wir nun das ansehen, was von Natur ganz selbstverständlich sein soll­te, so finden wir, wie recht und billig alle diese Gebote sind. Denn hier wird nichts geboten, gegenüber Gott und dem Nächsten einzuhalten, was nicht jeder gegenüber sich selbst eingehalten haben wollte, wenn er Gott bzw. an Gottes oder seines Nächsten Stelle wäre.

    Die letzten beiden Gebote lehren, wie verdorben die mensch­liche Natur ist und wie rein wir sein sollten von allen verderb­lichen Gelüsten und dem Verlangen nach vielem Besitz. Aber hierin bleiben Kampf und Anstrengung, solange wir leben. Die Gebote lauten:

    „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren seine Frau, seine Knechte und Mägde, sein Vieh und alles, was sein ist.“ (2. Mose 20,1 7; 5. Mose 5,21).

Was ist das?

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserem Nächsten nicht mit List nach seinem Erbe oder Haus stehen, noch mit einem Schein des Rechts an uns bringen, sondern ihm dasselbe zu behalten förderlich und dienstlich sein.

    Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserem nicht seine Frau, Mitarbeiter oder Vieh abspannen, abdringen oder abwendig machen, sondern dieselben anhalten, dass sie bleiben und tun, was sie schuldig sind.

 

Eine kurze Zusammenfassung der Zehn Gebote

    Sie geschieht Matth. 7,12 durch Christus selbst: „Was ihr wollt, das euch die Menschen tun sollen, dasselbe tut auch ihr ihnen. Das ist das ganze Gesetz und die Propheten.“ Denn niemand will Undank erleiden für seine Wohltaten oder dass mit seinem Namen ein anderer Ruhm erntet. Niemand will, dass ihn andere überheblich anschauen. Niemand will Ungehorsam oder Zorn erdulden, eine Frau haben, die die Ehe bricht, seiner Güter beraubt werden, Lug, Trug und üble Nachrede erleiden. Vielmehr will jeder Liebe und Freundschaft, Dankbarkeit und Hilfe, Wahrheit und Treue von seinem Nächsten erfahren. Das gebieten aber alles die Zehn Gebote.

 

 

 

AUSLEGUNG DER

ZEHN GEBOTE

 

Gegen das erste Gebot:

    Wer ist seiner Widerwärtigkeit Zauberei, Schwarzkunst [schwarze und weiße Magie], Teufels Bundesgenossen sucht [sich dem Teufel verschreibt];

    wer Brief, Zeichen, Kräuter, Wörter, Segen und desgleichen gebraucht [das sind magisch-esoterische Dinge, mit denen man Beschwörungen, Schutzmagie, Heilmagie versucht];

    wer Wünschelruten, Schatzbeschwörungen, Kristalle sehen, Mantel hängen, Milch stellen[, Pendeln] übt;

    wer sein Werk und Leben nach Tagen [Tagewählen], Himmelszeichen [Astrologie, Horoskop] und der Weissager Dünkel richtet;

    wer sich selbst, sein Vieh, Haus, Kinder und allerlei Gut vor Wölfen, Eisen, Feuer, Wasser, Schaden mit bestimmten [schutzmagischen] Gebeten segnet und beschwört;

    wer sein Unglück und Widerwärtigkeit dem Teufel oder bösen Menschen zuschreibt und nicht mit Liebe und Lob alles Böse und Gute von Gott alleine aufnimmt und ihm wieder heimträgt mit Danksagen und williger Gelassenheit;

    wer Gott versucht und in unnötige Gefahr Leibes oder der Seele sich begibt;

    wer in seiner Frömmigkeit, Verstand oder andern geistlichen Gaben hoffärtig [stolz, hochmütig, angeberisch] ist;

    wer Gott mit Vergessen der Seelennot nur um zeitlichen Nutzens willen ehrt;

    wer Gott nicht vertraut allezeit und in allen seinen Werken nicht Zuversicht hat in Gottes Barmherzigkeit;

    wer zweifelt an dem Glauben oder an Gottes Gnaden;

    [wer sich nicht aus Gottesfurcht vor aller Sünde scheut;

    wer aus Menschenfurcht seinen Glauben verleugnet;

    wer Menschenmeinung über Gottes Wort stellt;

    wer Güter und Gaben dieser Welt mehr liebt als Gott;

    wer sein Herz von Ehrgeiz, Karrieredenken beherrscht sein lässt;

    wer Menschen oder Ideologien vergöttert;

    wer egoistisch ist, sich nur um sich selbst dreht;

    wer sich bestimmen lässt von Sorge um Geld und Gesundheit;]

    wer nicht andern weht den Unglauben und Zweifel und hilft nicht, dass sie glauben und Gottes Gnade vertrauen, so viel er vermag. Und da hören her aller Unglauben, Verzweifeln, Missglauben.

 

 

Erfüllung des ersten Gebots:

    Gottesliebe und –furcht im rechten Glauben, und allezeit in allen Werken fest vertrauen, ganz bloß, lauter in allen Dingen gelassen stehen, sie sind böse oder gut.

    Da gehört her alles, was in der ganzen Schrift von Glauben, Hoffnung und der Liebe Gottes geschrieben ist, welches alles kürzlich in diesem Gebot begriffen ist.

 

Gegen das zweite Gebot:

    Wer ohne Not oder aus Gewohnheit leichtsinnig schwört;

    wer falschen Eid schwört oder sein gutes Gelübde[, Versprechen] bricht;

    wer übel Tun gelobt oder schwört;

    wer mit Gottes Namen flucht;

    wer närrische Fabeln von Gott schwätzt und die Worte der Schrift leichtfertig verkehrt;

    wer Gottes Namen nicht anruft in seiner Widerwärtigkeit und nicht lobt in Liebe und Leid, in Glück und Unglück;

    wer Ruhm und Ehre und Namen sucht von seiner Frömmigkeit, Weisheit her usw.;

    wer Gottes Namen fälschlich anruft oder falsche Lehre gibt wie die Ketzer und alle hoffärtigen Heiligen;

    wer Gottes Namen nicht lobt in allen Dingen, was vor ihn kommt;

    [wer leichtfertig über Gott, Gottesdienst, Bibel, Kirche spricht oder spottet;

    wer Gottes Namen als Mittel benutzt, um übersinnliche Kräfte in seinen Dienst zu bringen;

    wer nicht treu ist in der Fürbitte für seine Angehörigen, Vorgesetzten, Freunde, Regierung, Prediger, Kirche;

    wer nicht andächtig betet;]

    wer nicht wehrt andern, die Gottes Namen verunehren, fälschlich gebrauchen und durch denselben Böses wirken;

    und daher gehören die eitel Ehre, Ruhm und geistliche Hoffart.

 

Erfüllung des zweiten Gebots:

    Lob, Ehre, Gebenedeiung [Lobpreisen] und Anrufung des Namens Gottes und seinen eigenen Namen und Ehre ganz vernichten, dass allein Gott gepriesen sei, der allein alle Dinge ist und wirkt.

    Da gehört her alles, was von Gottes Lob, Ehre, Dank, Namen, Wort in der Schrift gelehrt ist.

 

Gegen das dritte Gebot:

    Wer nicht Gottes Wort hört oder lernt;

    wer nicht betet und Gott geistlich dient;

    wer nicht alle seine Werke lässt Gottes Werke sein;

    wer nicht geduldig ist und seinen Willen bricht und tötet;

    wer nicht gelassen steht in allen seinen Werken und Leiden, dass Gott mit ihm mache, wie er will;

    [wer nicht regelmäßig und pünktlich zum Gottesdienst kommt, auch wenn er es könnte;

    wer Gottes Wort nicht aufmerksam hört und liest;

    wer das heilige Abendmahl nicht freudig begehrt;

    wer durch seine Freizeitbeschäftigung seine Gesundheit an Leib oder Seele gefährdet;

    wer nicht jeden Tag durch Wort und Gebet heiligt;

    wer nicht nach seinen Möglichkeiten seiner Gemeinde dient;]

    wer nicht den andern dies zu tun hilft und ihnen wehrt, dagegen zu tun.

    Hierher gehören alle halsstarrigen, eigensinnigen, widerspenstigen Köpfe.

 

Erfüllung des dritten Gebots:

    Sich Gott ergeben, dass alle unsere Werke er alleine tu in uns, denn dieses Gebot fordert eine geistesarme Seele, die da ihres (nicht sein) für Gott opfert, dass er ihr Gott sei und ihr seine Werke und Namen bekomme nach den zwei ersten Geboten.

    Da gehört her alles, was von Gottesdienst, Predigt hören und guten Werk, den Leib unter den Geist zu werfen befohlen ist, dass alle unsere Werke Gottes sind und nicht unser.

 

Gegen das vierte Gebot:

    Wer sich Armut, Gebrechen, Verachtung seiner Eltern schämt;

    wer sie nicht in ihrer Notdurft mit Speise und Kleidung versorgt;

    viel mehr, wer ihnen flucht, sie schlägt, nachredet, sie hasst und ihnen ungehorsam ist;

    wer nicht von Herzen hoch von ihnen hält um Gottes Gebot willen;

    wer sie nicht ehrt, ob sie gleich Unrecht und Gewalt tun;

    wer seine Herren und Obrigkeit nicht ehrt, treu und gehorsam ist; sie seien gut oder böse;

    [wer seine Eltern, Lehrer, Vorgesetzten belügt oder betrügt;

    wer nicht die Schwächen seiner Eltern und Herren geduldig trägt und zuzudecken versucht;

    wer nicht für seine Kinder oder sonst ihm anbefohlene Menschen in allen Dingen sorgt;

    wer die, die ihm anbefohlen sind, nicht vor schlechten Einflüssen zu bewahren sucht;

    wer nicht versucht, ihnen ein gutes Vorbild zu sein;

    wer gegenüber den ihm Anbefohlenen zu streng oder zu nachsichtig ist;

    wer gegen sie heftig, lieblos, verständnislos ist;

    wer sich keine Zeit nimmt für die, die ihm anbefohlen sind;]

    wer nicht hilft zu diesem Gebot und widersteht den Übertretern desselben.

    Und da gehört her alle Hoffart, Aufruhr, Untreue und Ungehorsam.

 

Erfüllung des vierten Gebots:

    Williger Gehorsam, Demütigkeit, Untertänigkeit aller Gewalt um Gottes Wohlgefallen willen, wie der Apostel Paulus sagt, ohne alles Widerbellen, Klagen und Murmeln.

    Da gehört her alles, was von Gehorsam, Demut, Untertänigkeit, Ehrerbietung geschrieben ist.

 

Gegen das fünfte Gebot:

    Wer mit seinem Nächsten zürnt;

    wer zu ihm sagt Racha (das sind allerlei Zornes- und Hasseszeichen);

    wer zu ihm sagt Fatue, du Narr, das sind allerlei Schandworte, Flüche, Lästerung, Nachreden, Richten, Urteilen, Hohnsprüche usw.;

    wer seines Nächsten Sünde oder Gebrechen [öffentlich] rügt und nicht bedeckt und entschuldigt;

    wer seinen Feinden nicht vergibt, nicht für sie bittet, nicht freundlich ist [gegen sie], nicht [ihnen] wohltut

    [wer seinem Nächsten fahrlässig oder willentlich schadet;

    wer andere im Verkehr gefährdet;

    wer sich im Jähzorn zu bösen Worten oder Taten hinreißen lässt

    wer Hass oder Rachegedanken Raum gibt;

    wer die eigene Leibesfrucht abtreibt oder dazu rät, drängt, hilft].

    Und hierinnen sind alle Sünde des Zornes und Hasses, wie Totschlag, Krieg, Rauben, Brennen, Zanken, Hadern, Trauern über des Nächsten Glück, Freuen über sein Unglück;

    wer nicht übt die Werke der Barmherzigkeit, auch gegen seine Feinde;

    wer die Leute zusammenhetzt oder verbindet;

    wer nicht versöhnt die Uneinigen;

    wer nicht wehrt oder zuvorkommt Zorn und Uneinigkeit, wo er kann.

 

Erfüllung des fünften Gebots:

    Geduld, Sanftmütigkeit, Gütigkeit, Freundlichkeit, Barmherzigkeit und aller Ding ein süßes, freundliches Herz, ohne allen Hass, Zorn, Bitterkeit gegen einen jeglichen Menschen, auch den Feinden.

    Da gehört her alle Lehre von der Geduld, Sanftmütigkeit, Friede, Einigkeit.

 

Gegen das sechste Gebot:

    Wer Jungfrauen schwächt, die Ehe bricht, Blutschande und dergleichen Unkeuschheit wirkt;

    [wer Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe hat;]

    wer unnatürliche Weise oder Personen (das sind stumme Sünden [Selbstbefriedigung, Homosexualität]) gebraucht;

    wer mit schandbaren Worten, Liedern, Historien [Geschichten], Bildern die böse Lust reizt oder zeigt [oder andere verführt];

    wer mit sehen, greifen, willigen Gedanken sich reizt und befleckt [Selbstbefriedigung];

    wer die Ursache nicht meidet, wie Fressen, Saufen, Müßigkeit, Faulheit, Schlafen und Weibes- oder Mannspersonen Gemeinschaft;

    wer mit übrigem Schmuck, Gebärden usw. andere zur Unkeuschheit reizt;

    wer Haus, Zeit, Hilfe gestattet, solche Sünde zu tun [Kuppelei, Zuhälterei];

    wer eines anderen Keuschheit nicht hilft bewahren mit Rat und Tat[;

    wer seinem Ehepartner nicht die gebührende Liebe erweist;

    wer das geistliche Wohl seines Ehepartners nicht im Auge hat;

    wer nicht Lasten und Freuden seines Ehepartners teilt;

    wer das Gelöbnis ehelicher Treue nicht in Gedanken, Worten und Werken hält;

    wer seinen Ehepartner kränkt oder vernachlässigt;

    wer seinen Ehepartner gegen andere Menschen zurücksetzt oder vor ihnen bloßstellt;

    wer gegen seinen Ehepartner unversöhnlich ist].

 

Erfüllung des sechsten Gebots:

    Keuschheit, Zucht, Schamhaftigkeit in Werken, Worten, Gebärden und Gedanken; auch Mäßigkeit in Essen, Trinken, Schlafen und alles, was der Keuschheit förderlich ist.

    Da gehören her alle Lehren von der Keuschheit, Fasten, nüchtern, mäßig sein, beten, wachen, arbeiten und womit Keuschheit erhalten wird.

 

Gegen das siebte Gebot:

    Wer Dieberei und Räuberei und Wucher [überhöhte Preise, Mieten, Zinsnehmen] treibt;

    wer falsche Gewichte und Maße gebraucht oder schlechte Ware für gut ausgibt;

    wer unrechte Erbgüter und Zins einnimmt;

    wer verdienten Lohn vorenthält und Schulden verleugnet;

    wer seinem nächsten Bedürftigen nicht borgt noch leiht ohne allen Aufsatz [Zins];

    alle, die geizig sind und eilen, reich zu werden;

    [wer neidisch oder habsüchtig, nur auf Profit aus ist;

    wer einen Lohn bezahlt, von dem ein Arbeitnehmer nicht leben kann;]

    und wie sonst fremdes Gut behalten oder zu sich gebracht wird;

    wer des anderen Schaden nicht wehrt;

    wer den andern nicht warnt vor Schaden;

    [wer nicht sorgfältig mit ihm anvertrauten fremden Gütern umgeht;]

    wer seines Nächsten Vorteil behindert;

    wer über seines Nächsten Gewinn Verdruss hat.

 

Erfüllung des siebten Gebots:

    Armut des Geistes, Milde, Willigkeit, seine Güter zu leihen und zu geben, ohn allen Geiz und Begierde leben.

    Da gehören her alle Lehren von dem Geiz, unrechtem Gut, Wucher, List, Betrug, Schaden, Hindernis des Nächsten am zeitlichen Gut.

 

Gegen das achte Gebot:

    Wer vor Gericht die Wahrheit verschweigt und unterdrückt;

    wer schädlich lügt und betrügt;

    also alle schädlichen Schmeichler, Ohrenbläser und Doppelzüngigen;

    wer des Nächsten Gut, Leben, Werk und Wort übel auslegt und schmäht;

    wer denselben bösen Zungen stattgibt, hilft und nicht widersteht;

    wer seine Zunge nicht gebraucht zu entschuldigen seines Nächsten Namen;

    wer nicht straft den Nachredner;

    wer nicht alles Gute von jedermann sagt und alles Böse verschweigt;

    wer die Wahrheit verschweigt oder nicht verficht;

    wer Gerüchte weiterträgt oder duldet;

    wer sich über andere lustig macht, sie verspottet;

    [wer andere zur Unwahrhaftigkeit veranlasst].

 

Erfüllung des achten Gebots:

    Eine friedsame, heilsame Zunge, die niemand schadet und jedermann frommt, die die Uneinigen versöhnt, die Verlästerten entschuldigt und verteidigt. Das ist Wahrheit und Einfältigkeit in Worten.

    Da gehören her alle lehren von Schweigen und Reden, was des Nächsten Ehre, Recht, Sache und Seligkeit anbetrifft.

 

Gegen das neunte und das zehnte Gebot:

    [Wen es quält, dass andere mehr haben oder sind als er;

    wer versucht, fremdes Eigentum durch Umgehen der Gesetze und Ordnungen, mit Unredlichkeit, Scheinheiligkeit, selbstsüchtiger Berechnung sich anzueignen;

    wer geschlossene Verträge und Zusagen nicht hält;

    wer versucht, des Anderen Ansehen, Lebensstellung, Lebensglück zu untergraben;

    wer versucht, Menschen abspenstig zu machen;

     wer andere nicht an ihre Verantwortung erinnert und zur Pflichterfüllung anhält.]

    Die letzten zwei Gebote sind Ziel und Mal, gesetzt, da wir hinkommen sollen und täglich durch Buße dahin arbeiten mit Hilfe und Gnade Gottes. Denn die böse Neigung stirbt nicht eher gründlich, das Fleisch werde denn zu Pulver und neu geschaffen.

    Die fünf Sinne werden eingeschlossen im 5. und 6. Gebot; die sechs Werke der Barmherzigkeit im 5. und 7.; die sieben Todsünden, Hoffart im 1. und 2.; Unkeuschheit im 6.; Zorn und Hass im 5.; Fraß im 6.; Hochmut im 3. und wohl in allen. Die fremden Sünden sind in allen Geboten, denn mit Heißen, Raten und Hilfe gegen alle Gebote gesündigt kann werden. Die rufenden und stummen Sünden sind gegen das 5. und 6. und 7. Gebot usw.

    In allen diesen Werken sieht man nichts anders als Eigenliebe, die das ihre sucht, nimmt Gott, was sein ist, und den Menschen, was denselben ist und gibt nicht, weder Gott noch Menschen, etwas von dem, das sie hat, ist und mag, dass wohl Augustinus sagt: Der Anfang aller Sünde ist die eigene, die Selbstliebe.

    Aus diesen allen folgt, dass die Gebote nichts anders als Liebe gebieten und Liebe verbieten; und die Gebote nichts erfüllt als Liebe und auch nichts übertritt als Liebe. Darum spricht Paulus, dass die Liebe sei die Erfüllung aller Gebote, gleichwie die böse Liebe die Übertretung aller Gebote.

 

Erfüllung des neunten und zehnten Gebots:

    Das ist vollkommene Keuschheit [Selbstzucht] und Verachtung zeitlicher Lust und Güter gründlich, was allein in jenem Leben [in der Ewigkeit] vollbracht wird.

    In allen diesen Werken sieht man nichts anders als fremde, gemeine, das ist Gottes und des Nächsten Liebe, die sucht nicht was ihr, sondern was Gottes und des Nächsten ist und ergibt sich jedermann frei zu eigen, Dienst und Willen.

 

-----

 

    So siehst du, dass in den zehn Geboten gar ordentlich und kurz begriffen sind alle Lehren, die dem Menschen Not sind, welche, so jemand sie halten will, hat alle Stunde gute Werke zu tun, dass ihm nicht Not wäre, andere Werke zu erwählen, hierhin und dahin zu laufen und das tun, da nichts von geboten ist.

    „Die Zehn Gebote sind ein Ausbund göttlicher Lehre, was wir tun sollen, dass unser ganzes Leben Gott gefalle, und der rechte Born und Röhre, aus und in welchen quellen und gehen müssen alles, was gute Werke sein sollen, so dass außer den Zehn Geboten kein Werk noch Wesen gut und Gott gefällig sein kann, es sei so groß und köstlich vor der Welt, wie es wolle.“ (Gr. Kat. I, 312) [Regel]

 

    Das ist alles merklich angezeigt damit, dass nichts in diesen Geboten gelehrt ist, was der Mensch sich selbst tun, lassen oder von andern begehren soll, sondern was er andern, Gott und den Menschen, tun und lassen soll, dass wir es begreifen müssen, dass die Erfüllung steht in der Liebe gegen den andern und nicht gegen uns. Denn der Mensch tut, lässt und sucht sich selbst schon zu viel, dass es nicht zu lehren, sondern zu wehren Not ist. Darum lebt der am allerbesten, der sich selbst nicht lebt.

    Und der lebt am allerärgsten, der sich selbst lebt, denn also lehren die zehn Gebote. Daraus man sieht, wie wenig Menschen wohl leben; ja, so wir da erkennen, müssen wir nun lernen, wo wir’s nehmen sollen, dass wir wohl leben und die Gebote erfüllen.

 

 

Was sollen die Gebote als Gottes Gesetz bewirken?

1)  Bei dem noch Ungläubigen sollen sie rechte Furcht vor dem heiligen und gerechten Gott und dessen strafendem Zorn hervorrufen und ihm so zumindest äußerlich wehren, das Böse zu tun und eine erste Liebe zu dem Gott bewirken, der auf seine Gunst für die Erfüllung zugesagt hat; vor allem aber sollen sie zu rechter Erkenntnis der Sünden und der Verdorbenheit führen, dass wir der Sünde von uns aus nicht entrinnen können und Gottes Gnade in Christus unverzichtbar ist.

2) Bei dem an Christus gläubigen sollen sie zudem auch ihn anleiten, in rechter Ehrfurcht vor dem heiligen Gott sich zu scheuen, gegen seine Gebote zu handeln; vor allem aber aufgrund der Liebe zu dem in Christus barmherzigen Gott ihm den Willen Gottes zeigen, den er von Herzen tun will und im Glauben auf ihn vertrauen, dass er auf das Gebet auch die Kraft dazu gibt.

 

Wozu sollen uns die Gebote anleiten?

„Darum heben wir am ersten an den Geboten an, zu lehren und zu erkennen unsere Sünde und Bosheit, das ist, geistliche Krankheit, dadurch wir nicht tun noch lassen, wie wir wohl schuldig sind.“ (Luther, Kurze Form)

 

Das erste Hauptstück zeigt „alles, was Gott von uns will getan und gelassen haben“. Weil aber „aller Menschen Vermögen viel zu gering und schwach ist, dieselben zu halten“ „folgt nun billig der Glaube, der uns vorträgt alles, was wir von Gott erwarten und empfangen müssen … dass man wisse, wie man dazu komme, woher und wodurch solche Kraft zu nehmen … Und lehrt ihn, wo er die Arznei, die Gnade, finden soll, die ihm helfe, fromm werden, dass er die Gebote halte; und zeigt ihm Gott und seine Barmherzigkeit, in Christus erzeigt und angeboten.“ (Luther Gr. Kat. II,1-4; Kurze Form …, Walch X,150.)

 

 

 

VON DER SÜNDE, DEM GESETZ, DER BUSSE UND DEM

EVANGELIUM

(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)

 

Von der Sünde

    Hier müssen wir bekennen, wie St. Paulus Röm. 5,11 sagt, dass die Sünde sei von Adam, dem einigen Menschen, hergekommen, durch welches Ungehorsam alle Menschen sind Sünder geworden, dem Tod und dem Teufel unterworfen. Dies heißt die Erbsünde oder Hauptsünde.

    Solcher Sünden Früchte sind danach die bösen Werke, so in den Zehn Geboten verboten sind, wie Unglaube, falscher Glaube, Abgötterei, ohne Gottesfurcht sein, Vermessenheit, Verzweifeln, Blindheit, und zusammenfassend, Gott nicht kennen oder achten. Danach lügen, bei Gottes Namen schwören, nicht beten, nicht anrufen, Gottes Wort nicht achten, den Eltern ungehorsam sein, morden, Unkeuschheit, stehlen, trügen usw.

    Solche Erbsünde ist so gar eine tiefe böse Verderbung der Natur, dass sie keine Vernunft kennt, sondern muss aus der Schrift Offenbarung geglaubt werden, Ps. 51; Röm. 5; 2. Mose 33; 1. Mose 3. Darum sind das eitel Irrtum und Blindheit gegen diesen Artikel, was die Schultheologen [Scholastiker] gelehrt haben, nämlich:

    Dass nach dem Erbfall Adams des Menschen natürliche Kräfte sind ganz und verdorben geblieben und der Mensch habe von Natur eine rechte Vernunft und guten Willen, wie die Philosophen solches lehren.

    Ebenso, dass der Mensch habe einen freien Willen, Gutes zu tun und Böses zu lassen, und wiederum Gutes zu lassen und Böses zu tun.

    Ebenso, dass der Mensch könne aus natürlichen Kräften alle Gebote Gottes tun und halten.

    Ebenso, er könne aus natürlichen Kräften Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie sich selbst.

    Ebenso, wenn ein Mensch tut, so viel an ihm ist, so gibt ihm Gott gewiss seine Gnade.

    Ebenso, wenn er zum Sakrament [Abendmahl] will gehen, ist nicht not einen guten Vorsatz, Gutes zu tun, sondern sei genug, dass er nicht einen bösen Vorsatz, Sünde zu tun, habe; so gar gut ist die Natur und das Sakrament so kräftig.

    Es sei nicht in der Schrift gegründet, dass zum Guten Werk vonnöten sei der Heilige Geist mit seiner Gnade. …

 

Vom Gesetz

    Hier halten wir, dass das Gesetz gegeben sei von Gott, erstlich den Sünden zu steuern mit Drohen und Schrecken der Strafe und mit Verheißen und Anbieten der Gnade und Wohltat. Aber solches alles ist der Bosheit halben, so die Sünde im Menschen gewirkt, übel geraten. Denn ein Teil ist davon ärger geworden, als die dem Gesetz feind sind, darum, dass es verbietet, was sie gerne tun, und gebietet, was sie ungern tun. Deshalb, wo sie vor der strafe können, tun sie mehr gegen das Gesetz als zuvor. Das sind die rohen, bösen Leute, die Böses tun, wo sie Stätte und Raum haben.

    Die anderen werden blind und vermessen, lassen sich dünken, sie halten und können das Gesetz halten aus ihren Kräften, wie jetzt droben gesagt ist von den Schultheologen; daher kommen die Heuchler und falschen Heiligen.

    Aber das vornehmste Amt oder Kraft des Gesetzes ist, dass es die Erbsünde mit den Früchten und allem offenbare und dem Menschen zeige, wie gar tief seine Natur gefallen und abgrundtief verdorben ist, als dem das Gesetz sagen muss, dass er keinen Gott habe noch achte, und bete fremde Götter an, welches er zuvor und ohne das Gesetz nicht geglaubt hätte. Damit wird er erschreckt, gedemütigt, verzagt, verzweifelt, wollte gerne, dass ihm geholfen würde, und weiß nicht, wo aus, fängt an, Gott feind zu werden und zu murren usw. Das heißt dann Röm. 4: Das Gesetz erregt Zorn. Und Röm. 5: Die Sünde wird größer durchs Gesetz.

 

Von der Buße

    Solches Amt behält das Neue Testament und treibt’s auch, wie St. Paulus Röm. 11 tut und spricht: Gottes Zorn wird vom Himmel offenbart über alle Menschen. Ebenso 3: Alle Welt ist vor Gott schuldig. Und: Kein Mensch ist vor ihm gerecht. Und Christus Joh. 16: Der Heilige Geist wird die Welt strafen um die Sünde.

    Das ist nun die Donneraxt Gottes, damit er beide, die offenbaren Sünder und die falschen Heiligen in einen Haufen schlägt und lässt keinen Recht haben, treibt sie allesamt in den Schrecken und Verzagen. Das ist der Hammer, wie Jeremia spricht: Mein Wort ist ein Hammer, der die Felsen zerschmettert. Das ist nicht eine gemachte Reue, sondern das rechte Herzeleid, Leiden und Fühlen des Todes.

    Und das heißt denn die rechte Buße anfangen, und muss der Mensch hier hören solches Urteil: Es ist nichts mit euch allen, ihr seid öffentliche Sünder oder Heilige, ihr müsst alle anders werden und anders tun, was auch immer ihr jetzt seid und tut, ihr seid, wer und wie groß, weise, mächtig und heilig ihr wollt, hier ist niemand fromm.

    Aber zu solchem Amt tut das Neue Testament flugs die tröstliche Verheißung der Gnade durchs Evangelium, der man glauben solle, wie Christus spricht Markus 1: Tut Buße und glaubt dem Evangelium, das ist, werdet und macht’s anders und glaubt meiner Verheißung, Und vor ihm her wird Johannes genannt ein Prediger der Buße, doch zur Vergebung der Sünden, das ist, er sollte sie alle strafen und zu Sündern machen, auf dass sie wüssten, was sie vor Gott wären, und sich erkennten als verlorene Menschen, und so dem Herrn bereit würden, die Gnade zu empfangen und der Sünden Vergebung von ihm erwarten und annehmen. So sagt auch Christus Luk. 24 selbst: Man muss in meinem Namen in aller Welt predigen Buße und Vergebung der Sünden.

    Wo aber das Gesetz solches sein Amt allein treibt ohne Zutun des Evangeliums, da ist der Tod und die Hölle und muss der Mensch verzweifeln, wie Saul und Judas, wie St. Paulus sagt: Das Gesetz tötet durch die Sünde. Wiederum gibt das Evangelium nicht auf einerlei Weise Trost und Vergebung, sondern durchs Wort, Sakrament und dergleichen, wie wir hören werden, auf dass die Erlösung ja reichlich sei bei Gott, wie 130. Psalm sagt, gegen das große Gefängnis der Sünden. …

    So kann die Beichte auch nicht falsch, ungewiss oder nur teilweise sein. Denn wer bekennt, dass alles mit ihm eitel Sünde sei, der umfasst alle Sünde, lässt keine draußen und vergisst auch keine. So kann die Genugtuung auch nicht ungewiss sein, denn sie ist nicht unser ungewisses, sündliches Werk, sondern das Leiden und Blut des unschuldigen Lämmleins Gottes, das der Welt Sünde trägt. …

    Und diese Buße währt bei den Christen bis in den Tod; denn sie beißt sich mit der übrigen Sünde im Fleisch durchs ganze Leben, wie St. Paulus Röm. 7 zeugt, dass er kämpfe mit dem Gesetz in seinen Gliedern usw., und das nicht durch eigene Kräfte, sondern durch die Gabe des Heiligen Geistes, welche folgt auf die Vergebung der Sünden. Dieselbe Gabe reinigt und fegt täglich die übrigen Sünden aus und arbeitet, den Menschen recht rein und heilig zu machen. …

    Darum so ist vonnöten zu wissen und zu lehren, dass, wo die heiligen Leute über das, so sie Erbsünde noch haben und fühlen, dagegen auch täglich Buße tun und streiten, etwa in öffentliche Sünde fallen, wie David in Ehebruch, Mord und Gotteslästerung, dass alsdann der Glaube und Geist ist weg gewesen. Denn der Heilige Geist lässt die Sünde nicht walten und überhand gewinnen, dass sie vollbracht werde, sondern steuert und wehrt, dass sie nicht darf tun, was sie will. Tut sie aber, was sie will, so ist der Heilige Geist und Glaube nicht dabei; denn es heißt, wie St. Johannes sagt: Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht und kann nicht sündigen. Und ist doch auch die Wahrheit (wie derselbe St. Johannes schreibt): So wird sagen, wir haben keine Sünde, so lügen wir, und Gottes Wahrheit ist nicht in uns.

 

Vom Evangelium

    Wir wollen nun wieder zum Evangelium kommen, welches gibt nicht einerlei Weise, Rat und Hilfe gegen die Sünde; denn Gott ist überschwänglich reich in seiner Gnade. Erstens durchs mündliche Wort, darin gepredigt wird Vergebung der Sünde in aller Welt, welches ist das eigentliche Amt des Evangeliums. Zum andern durch die Taufe. Zum dritten durchs heilige Sakrament des Altars [heiliges Abendmahl]. Zum vierten durch die Kraft der Schlüssel, und auch durch gegenseitiges Befragen und brüderlichen Trost, Matth. 18: Wo zwei versammelt sind in meinem Namen.

 

Der erste und Hauptartikel

    Dass Jesus Christus, unser Gott und Herr, sei um unserer Sünde willen gestorben und um unserer Rechtfertigung willen auferstanden, Röm. 4,24;

    Und er allein das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt, Joh. 1,29, Und Gott unser aller Sünde auf ihn gelegt hat, Jes. 53,6;

    Ebenso: Sie sind allzumal Sünder und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung Jesu Christi in seinem Blut, Röm. 3,23 f.

    Dieweil nun solches muss geglaubt werden und sonst mit keinem Werk, Gesetz noch Verdienst kann erlangt oder gefasst werden, so ist es klar und gewiss, dass allein solcher Glaube uns gerecht mache, wie Röm. 3,28 St. Paulus spricht: Wir halten, dass der Mensch gerecht werde ohne Werk des Gesetzes durch den Glauben. Ebenso V. 26: Auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des Glaubens an Jesus.

    Von diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde oder was nicht bleiben will. Dennes ists kein anderer Name den Menschen gegeben, dadurch wir können selig werden, spricht Petrus Apg. 4,12. Und durch seine Wunden sind wir geheilt, Jes. 53,3. …

 

    Hier soll ich das Evangelium zu Rate ziehen und hören, welches lehrt, nicht, was ich tun solle, denn das ist das eigentliche Amt des Gesetzes, sondern was Jesus Christus, der Sohn Gottes, für mich getan habe, nämlich, dass er für mich gelitten hat und gestorben ist, um mich von Sünde und Tod frei zu machen. Dies anzunehmen und zu glauben befiehlt mir das Evangelium, und dies ist und heißt die Wahrheit des Evangeliums.

    Und dies ist der Hauptartikel der ganzen christlichen Lehre, in welchem die Erkenntnis der ganzen Gottseligkeit besteht. (Galaterbriefvorlesung 1535, Walch IX, Sp. 128 f.)

 

 

Predigt am Tag des Apostels Thomas[1]

über Johannes 20,24-29

 

Thomas aber, der Zwölfen einer, der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, da Jesus kam. Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den HERRN gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei denn, dass ich in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, will ich’s nicht glauben. Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände; und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite; und sei nicht ungläubig, sondern gläubig. Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein HERR und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

 

Inhalt

Von der wahren Frömmigkeit, so vor Gott gilt

* Von der Legende des H. Thomas. 1.

* Wenn die Geschichte dieses Evangeliums geschehen und was darin gelehrt wird. 2.

I. Dass die Menschen von Natur durch eigene Werke fromm zu werden suchen. 3.4.

II. Warum die wahrhaftige Frömmigkeit nicht durch eigene Werke kann erlangt werden. 4.5.

III. Dass die wahre Frömmigkeit allein in den Werken Christi steht. 5 ff.

1.                   Was dieses für Werke sind. 5.

2.                   Auf was Weise diese Werke geschehen 6.7.

3.                   Dass diese Werke Christi uns zugute geschehen und durch den Glauben geschenkt werden 8.

4.                   Wie man im Glauben auf diese Werke, Gesetz, Tod, Teufel und Hölle überwinden kann. 9.

5.                   Ohne diese Werke bleibt man ewig unter der Verdammnis. 10.

6.                   Durch diese Werke wird das ganze Papsttum mit aller eigenen Heiligkeit und Werken verworfen. 11

7.                   Die Jungfrau Maria und alle Heiligen sind durch die Werke Christi selig geworden. 12.

8.                   Dass Christus durch das Zeigen seiner Hände und Füße lehrt, wie allein durch seine Werke die Seligkeit zu erlangen sei. 13.14.

9.                   Die Lehren von diesen Werken sind der Vernunft und Welt eine Narrheit. 15.

I.                    * Wie und wodurch man im Papsttum von dem Glauben an Christus abgeführt worden ist. 16.17

II.                  * Wie sich der rechtschaffene Glaube gegen Gott und den Nächsten erzeigt. 18.19.

III.               * Worin ein christliches Leben besteht. 20.

IV.                

V.                 Zusammenfassung des Evangeliums

1. Thomas glaubt nicht, dass Christus auferstanden sei, bis dass er sieht und fühlt.

2. Die Jünger glauben nicht ohne öffentliche Zeichen; aber selig sind, die es nicht gesehen haben und glauben allein dem Wort.

3. Dies ist eine große Erkenntnis, Christus erkennen als einen Gott und HERRN. Denn wer die Erkenntnis von Christus hat, der fürchtet sich weder vor Sünde noch Tod, weder vor Teufel noch Hölle. Summa, er ist sicher vor Angst, Not und Anfechtung; denn er hat einen, der größer und mächtiger ist, als der in der Welt ist, wie Johannes sagt in seinem ersten Brief, Kap. 4,4.

 

Auslegung des Evangeliums

    1. Von St. Thomas weiß ich nichts Gewisseres, als was hier dies Evangelium von ihm schreibt; das andere, was man sonst von ihm sagt aus dem Legendenbuch, ist alles erstunken und erlogen: Und ob es gleich zum Teil wahr wäre, so ist doch nichts drauf zu bauen, es macht uns auch nicht besser; darum wollen wir’s lassen anstehen und etwas von diesem Evangelium sagen, das uns nützlicher und nötiger sein wird als alle Legenden.

    2. Der erste Teil der Geschichte dieses Evangeliums ist geschehen am Ostertag am Abend, da die zwei von Emmaus wiederkamen und verkündigten den anderen Jüngern, wie der HERR auferstanden wäre. Der letzte Teil ist am achten Tag hernach geschehen. Darum liest man auch dies Evangelium am achten Tag nach Ostern; daselbst habt ihr genügend gehört die Auslegung des Evangeliums; wollt Gott! ihr hättet’s behalten. Denn es ein sehr tröstliches Evangelium ist, zeigt uns an die Früchte des Glaubens, nämlich Friede und Freude; wie auch St. Paulus an die Römer 5,1 sagt: So wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Friede mit Gott durch unseren HERRN Jesus Christus. Jetzt aber wollen wir ein wenig sagen, was das sei, dass der HERR den Jüngern seine Hände und Füße weist; dadurch uns ist angezeigt, was uns Christus nütze sei, wozu er uns dient und was wir von ihm sollen erwarten.

    3. Es ist in aller Menschen Herzen gleich als von Natur eingepflanzt, dass wir gerne wollten fromm sein, und denkt ein jeglicher, wie er könnte zur Seligkeit kommen; daher auch mancher dies, der andere jenes erdacht hat und gemeint, er wolle für sich damit einen gnädigen Gott erlangen und den Himmel erwerben. Aber es hat nie einer den rechten Weg getroffen, da sie alle darauf gestanden sind, sie wollten’s mit Tun und Werken ausrichten. Es haben auch die hochgelehrten Doktoren und heilige Väter viel geschrieben und gelehrt, wie man zur Frömmigkeit kommen sollte, haben sich darüber sehr bemüht; aber wie man sieht und auch leider mit unserem merklichen Schaden erfahren, haben sie wenig ausgerichtet. Darum ist es wohl vonnöten, dass man einen rechten Grund davon wisse, wie wir doch könnten zur wahrhaftigen Frömmigkeit kommen, weil es daran viel ist gelegen; denn wer hier fehlt, der hat des rechten Hauptstücks des christlichen Wesens gefehlt. Davon müssen wir ein wenig sagen.

    4. Die rechte wahrhaftige Frömmigkeit, die vor Gott gilt, steht in fremden Werken und nicht in eigenen Werken, Dazu nehmt ein Beispiel: Einer baut Kirchen; der andere wallt nach St. Jakob, nach Aachen, nach Rom, zum heiligen Grab; der dritte fastet, betet, trägt eine Kappe, geht barfuß oder tut sonst irgendein Werk, was das mag sein; das sind eigene Werke, Gott hat sie nicht geboten, sondern die Menschen und Heuchler, die Werkheiligen haben sie selbst erdacht und gemeint, es wären köstliche gute Werke und hätten vor Gott ein großes Ansehen, wussten nichts anderes, als sie wollten und sollten dadurch ihrer Sünden los werden und einen gnädigen Gott erlangen. Aber solche selbst erlesenen Werke sind ganz nichts und müssen zugrunde gehen, dieweil sie ohne Glauben geschehen und sind Sünde, wie St. Paulus sagt: Was nicht aus dem Glauben geht, das isst Sünde. Röm. 14,23. Denn solche unsere Werke sind beschmutzt und unrein vor Gottes Augen, ja, er hat einen Greuel davor und einen Ekel.

    5. Darum, wollen wir vor Gott handeln, so dürfen wir nicht mit unseren Werken hinauf kommen, sondern mit fremden. Was sind nun die fremden Werke, die vor Gott gelten? Das sind die Werke unseres HERRN Jesus Christus, welchen Gott der Vater vom Himmel gesandt hat, für unsere Sünde genug zu tun durch sein Sterben und Leiden. Diese Genugtuung ist so zugegangen: Wir waren in großer Gefahr, hatten über uns schwere Tyrannen, die uns Tag und Nacht ohne Unterlass ängstigten: Das Gesetz, so Gott auf den Menschen schlug, trieb uns, forderte viel von uns, und wir konnten’s nicht tun; deshalb verdammte es uns. Die Sünde lag uns auf dem Hals, welche das Gesetz noch immerdar je größer und größer machte. Der Tod wollte uns fressen, als der der Sünden Sold ist. Der Teufel wollte uns in die Hölle reißen, als der uns um die Sünde sollte strafen; da war Jammer und Not. Des Jammers erbarmte sich Gott und schickte seinen einigen Sohn, aus lauter Gnade und Güte, ohne unser Verdienst, dass er uns sollte von solchem grausamen Tyrannen erretten; und das hat er gewaltig auf die Weise.

    6. Dem Gesetz tat er auch genug, er hat das Gesetz erfüllt ganz und gar; denn er hat Gott geliebt von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzen Kräften, von ganzem Gemüt und den Nächsten wie sich selbst. Denn darin steht das ganze Gesetz und die Propheten, wie Christus selbst sagt Matth. 22,37.40. Alles, was nun Christus getan hat, das ist in diesen zwei Stücken daher gegangen. Er liebte Gott in dem, dass er seinem Willen gehorchte, wurde Mensch und richtete das aus in allem Gehorsam, was er sollte ausrichten und was ihm von seinem himmlischen Vater befohlen war, wie St. Paulus an die Phil. Kap. 2, V. 8 sagt: Er war dem Vater gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz. Danach liebte er seinen Nächsten; denn alle seine Werke, die er hier auf Erden tat, gingen dahin, dass er den Menschen damit diente: Ja, so sehr liebte er den Nächsten, dass er auch sein Leben ließ. Wie er auch zu seinen Jüngern sagt Joh. Kap. 15,13: Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde. Ja, St. Paulus macht’s größer und spricht: für seine Feinde, da er so zu den Römern Kap. 5,8 sagt: Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren.

    7. Dieweil nun Christus so das Gesetz erfüllt hat, so hat es ihn nicht können verklagen; so hat die Sünde auch nichts bei ihm können schaffen. Sie legte sich wohl an ihn, aber er war ihr zu mächtig, er verschlang sie, in ihm musste sie verlöschen wie ein Fünklein Feuers im ganzen Meer: Denn das war eitel Gerechtigkeit. Der Tod kam auch und wollte ihn fressen; er fraß ihn wohl, er konnte ihn aber nicht verdauen, musste ihn wieder ausspeien; ja, dieser Bissen kam dem Tod zu großem Schaden und wandte sich das Spiel um, dass Christus den Tod fraß: Denn er legte sich an den, zu welchem er kein Recht hatte, dieweil keine Sünden vorhanden waren. Wo keine Sünde ist, da hat der Tod nichts zu schaffen, wie St. Paulus sagt 1. Kor. 15, V. 56: Die Sünde ist des Todes Stachel oder Spieß, damit würgt er, sonst wäre er stumpf und könnte nichts ausrichten. Der Teufel versuchte seine Macht auch an ihm, aber er musste sich leiden, denn er griff den an, zu dem er kein Recht hatte, er wurde in diesem Kampf überwunden und richtete wenig aus; wie Christus sagt: Es kommt der Fürst dieser Welt und hat nichts an mir. Joh. 14,30. Ebenso die Hölle sperrte ihren Rachen auf und wollte den Christus verschlingen; aber sie ward von ihm verschlungen, dass also in diesem Kampf zu Schanden  geworden sind Gesetz, Sünde, Tod, Teufel und Hölle, die er alle in einem Triumph geführt hat und ein Heerprangen daraus gemacht, wie St. Paulus sagt Kol. Kp. 2,15.

    8. Dieses alles nun ist uns nicht allein zugute geschehen, sondern uns auch geschenkt, wen wir an diesen HERRN Christus glauben. Denn alles, was er hat, das ist unser. Der selbst auch ist unser, wie St. Paulus sagt Röm. Kap. 8,32: Gott hat uns seinen Sohn geschenkt, wie sollte er uns nicht alles mit ihm schenken: So dass ich mich alles des Sieges könne rühmen, den er getan hat, am Gesetz, Sünde, Tod, Teufel, Hölle, und kann mir zuschreiben alle seine Werke, als wären sie mein eigen und als hätte ich sie selbst getan, wenn ich nur an Christus glaube; sonst hülfen mir seine Werke gar nichts, wenn sie mir nicht geschenkt wären. Das sind die fremden Werke, die uns fromm und selig machen vor Gott; unsere Werke werden’s nicht tun, wir sind zu schwach im Harnisch, mit allen unseren Kräften auch der geringsten Sünde zu widerstehen, geschweige denn, dem Tod, dem Teufel und der Hölle unter Augen zu gehen und mit ihnen zu kämpfen.

    9. Darum, wenn das Gesetz kommt und verklagt dich, dass du es nicht hast gehalten, so weise es hin zu Christus und sprich: Dort ist der Mann, der es getan hat, an dem hänge ich, der hat’s für mich erfüllt und mir seine Erfüllung geschenkt; so muss es stille schweigen. Kommt die Sünde und will dich erwürgen, weise sie dorthin zu Christus und sprich: So viel du dem kannst anhaben, so viel kannst du mir auch anhaben; denn ich bin in ihm und er in mir. Kommt der Tod und will dich fressen, so sprich zu ihm: Lieber Tod, kennst du auch den Mann dort, gehe, beiße ihm einen Zahn aus, er hat dir einmal dein Beißen sauer genug gemacht; gelüstet dich etwas, so reib dich noch einmal an ihn. Du meintest, du wolltest auch Teil an ihm haben, da er zwischen zwei Mördern hing und eines lästerlichen Todes starb, der auch vor Gott und vor der Welt verdammt war; aber was half es dir? Du tatest da einen Biss, der dir nicht wohl geriet. Dem Mann gehöre ich an: Ich bin sein, er ist mein, und wo er bleibt, da bleibe ich auch; du hast ihm nichts können anhaben, wirst mich auch wohl zufrieden lassen. Kommt der Teufel und will auch Teil an dir haben, und die Hölle will dich verschlingen, weise sie hin zu Christus, da wirst du sie wohl stillen.

    10. So seht ihr, was wir an Christus haben, nämlich den Mann, der uns von Gott geschenkt ist, der da sollte die Sünde auslöschen, den Tod zerknirschen, die Hölle zerbrechen und den Teufel gefangen nehmen, und das alles uns zugut. Denn wenn er es nicht getan hätte und solches uns geschenkt, hätten wir ewig müssen unter der Verdammung durch das Gesetz, unter der Sünde, unter dem Tod, unter dem Teufel und unter der Hölle stecken. Davon hat uns Gott durch diesen Christus errettet; darum spricht St. Paulus zu den Korinthern in seinem ersten Brief, Kap. 15,54-57 aus dem Propheten Hosea, Kap. 13,14: Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Aber der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren HERRN Jesus Christus.

    11. Hieraus sehen wir nun wohl, was es für Werke sind, die uns sollen fromm und gerecht machen vor Gott, nämlich fremde Werke, nicht unsere eigenen selbsterwählten Werke. Darum fällt hiermit darnieder das ganze Papsttum, mit allen seinen auch köstlichsten, heiligsten Werken, welches gar dahin gerichtet ist, dass die armen, elenden, verblendeten Leute meinen, den Himmel mit ihrem Verdienst und eigenen Werken zu erlangen; daher so viele Orden erwachsen sind, dass man sie schier nicht wohl zählen kann, und hat immer einer über den anderen wollen heiliger sein, nachdem er harte, große, schwere Werke hat getrieben. Aber solche ihre Arbeit, Mühe und Ängstigung, Beten, Fasten, Kasteiung des Leibes und was des Dinges mehr, ist gar verloren und vergeblich, hat nicht so viel vermocht, dass es die allergeringste tägliche Sünde hätte können wegnehmen, haben diesen Spruch Jesajas, Kap. 29,13, den der HERR bei Matthäus wiederholt, nicht zu Herzen genommen: Dies Volk naht sich zu mir mit seinem Mund und ehrt mich mit seinen Lippen; aber ihr Herz ist ferne von mir. Aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehre, die nichts als Menschengebot ist, Matth. 15,8.

    12. Daraus kannst du nun schließen, dass alle Heiligen, sie seien gewesen so heilig wie sie immer wollen, haben sie doch die Seligkeit nicht durch ihre Heiligkeit, Verdienst und Werk erlangt. Es ist auch Maria, die Mutter Gottes, ihrer Jungfrauschaft halben und darum, das sie eine Mutter Gottes gewesen ist, nicht fromm, selig noch gerecht geworden; sondern alle sind sie selig geworden durch den HERRN Jesus Christus, als durch fremde Werke. Denn merkt das eben, dass unsere Seligkeit nicht in unseren, sondern in fremden Werken stehe, nämlich Christi Jesu, unseres Heilandes, welche wir allein durch den Glauben an ihn erlangen.

    13. Das will auch die Geschichte hier in diesem Evangelium, da der HERR den Jüngern und besonders dem lieben Thomas seine Hände und Füße wies, damit er zu verstehen gab, dass es diese Hände und Füße tun müssten, und sonst keine, das ist, seine Werke gehörten zur Seligkeit und nicht andere: Denn durch Hände und Füße werden in der Heiligen Schrift verstanden Werke und Wandel.

    14. Diese Hände und Füße zeigt uns Christus noch immerdar und spricht: Siehe Mensch, ich bin alleine der, des Werke und Wandel vor Gott etwas gilt; mit deinen Werken wirst du es nicht ausrichten, deine Frömmigkeit dient hierher nichts, sie gehört anderswo hin: Bist du fromm, so genieße es unter den Leuten, hast Lob und Preis davon hier auf Erden, wie Sankt Paulus sagt Röm. 4,2, vor Gott aber gilt diese Frömmigkeit nicht, du musst eine andere Frömmigkeit haben. Das bin ich; die sieht Gott, mein Vater, an: Denn ich habe dich erlöst von Sünden, Tod, Teufel, Hölle und von allem Unglück; deinethalben steckst du wohl noch drinnen, ja, du würdest nimmermehr heraus kommen; ich habe den Zorn Gottes hinweg genommen und aus einem zornigen Richter einen gnädigen, barmherzigen, gütigen Vater gemacht. Das glaube, so hat es mit dir keine Not, du bist schon selig, fromm und gerecht. Komme ja nicht mit deiner Frömmigkeit vor Gott; willst du vor ihm handeln, so kriech in mich, zieh mich an, so wirst du erlangen vom Vater, was du nur haben willst und begehrst. Wie er bei Johannes, Kap. 16,23, sagt zu seinen Jüngern: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, so wird er’s euch geben. Darum, gleicherwiese wie wir die Sünde anfänglich und ursprünglich von Adam, als von einer fremden Sünde, bekommen haben; denn weder ich noch du haben den Apfel gegessen: So müssen wir auch durch eine fremde Gerechtigkeit wiederum gerecht und fromm gemacht werden; das ist nun Christus Jesus, durch welches Gerechtigkeit und Werke wir alle sind selig geworden, wie ihr genügend habt gehört. Das hat St. Paulus sehr reichlich in einem Spruch gefasst, da er 1. Kor. 1,30.31 so sagt: Christus Jesus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass (wie geschrieben steht) wer sich rühmt, der rühme sich des HERRN. Und an die Römer, Kap. 4,25, spricht er: Jesus Christus ist um unserer Sünde willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt.

    15. In diesen zwei Sprüchen habt ihr, gleich wie in ein Bündlein zusammengefasst, alles, was wir von Christus sollen erwarten. Das geschieht aber alles durch den Glauben. Denn wer den Glauben nicht hat, dem ist solch Ding unmöglich zu begreifen; ja, es ist der Vernunft eine Torheit, und die Welt hält’s für eine Narrheit, wie St. Paulus sagt 1. Kor. 1,23: Christus ist den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit, das ist, wenn man Christus predigt, dass der unsere Gerechtigkeit ist, dass wir durch den sollen selig werden und Kinder des ewigen Lebens, ohne unsere Werke und Frömmigkeit, so ärgern sich die frommen heiligen Leute dran, wie die Juden waren; den Klugen aber und Weisen dieser Welt ist es eine Torheit und ein närrisch Ding, dass solches ein gekreuzigter, getöteter Mensch soll ausrichten. So muss sich alles, was da fromm, heilig, weise und klug ist vor der Welt, an diesem Christus ärgern und an ihm anlaufen. Denen aber, spricht St. Paulus V. 24 ferner, die berufen sind, beide, Juden und Griechen, predigen wir Christus, göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Und an die Römer, Kap. 1,16.17 sagt er so: Das Evangelium von Christus ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen, da darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie geschrieben steht: Der Gerechte wird seines Glaubens leben. Darum sagt der HERR zu den Jüngern des Johannes: Selig ist, der sich nicht an mir ärgert, Matth. 11,6.

    16. Und da siehst du auch klar, dass dieser Glauben, den wir in Christus haben, durch die Predigt des Evangeliums herkomme, wie St. Paulus sagt Röm. 10,17: Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes. Ja, da liegt die Macht, aus dem Wort Gottes, nicht aus Menschenwort, das Wort Gottes tut’s nicht, wenn man von Ablassbriefen oder von Werken predigt, wie bisher, leider, geschehen, mit unserem merklichen Schaden, beide, des Gutes, Leibes und der Seele. Doch wollten wir des Guts schweigen, welches wir häufig haben hingegeben, wenn sie uns nicht am Leib, mit Fasten, Kasteien, Wallfahrten und dergleichen Narrenwerk bekümmert hätten. Ja, das wäre auch noch zu verschmerzen, wenn sie uns nicht mit ihrem falschen Vertrauen auf solche ihre Werke von dem rechtschaffenen Glauben und Vertrauen zu Gott durch Christus so jämmerlich und erbärmlich geführt und verführt hätten. Nun, Gott habe Lob, dass wir’s jetzt noch erkennen; denn es ist die Welt voll des Jammers gewesen, dass sie schier ist übergegangen; welches allein Strafe und Zorn Gottes ist, darum, dass wir sein Wort verachtet haben und Menschenworten, auch unserem eigenen Kopf und Gutdünken, gefolgt. Da sind wir so verblendet gewesen, dass wir einem jeglichen schier geglaubt haben, er habe für ein Werk gebraucht, was er nur gewollt hat.

    17. Davon sind nun unsere Gewissen errettet und frei gemacht; aber niemand dankt Gott einmal darum. Versehen wir’s, so haben wir ein größeres Unglück auf dem Hals als dies ist gewesen; aber es geschähe uns kaum unrecht, wir verdienen’s mit unserer Undankbarkeit. Vorher hat man so viel können geben Mönchen und Pfaffen, dass sie schier Herren der Welt von dem Geben geworden sind; jetzt kann man kaum sechs oder sieben arme Menschen in einer Stadt erhalten, ja, man kann jetzt nicht einen Prediger oder Pfarrer ernähren, da man vorher schier einen Schock Pfaffen hat ernährt. Da sehen wir fein, was wir gewesen sind, jetzt bricht es heraus; hätte man uns mit Zwang und Treiben nicht dazu gedrungen, hätten wir es auch lassen anstehen wir jetzt. Darum darfst du an solchem verkehrten Wesen nicht dem Evangelium die Schuld geben, wie jetzt unsere Widersacher unverschämt tun. Es heißt dich nicht, dass du deinen Nächsten solltest neben dir lassen Not leiden: Ja, das ganze Evangelium geht eben dahin, dass es dich auf deinen Nächsten weise, dass du ihm Wohltat erzeigst, ihm helfest und ratest, wie dir Gott geraten und geholfen hat.

     18. Und das tut gewiss ein rechtschaffener Glaube, der da fährt heraus und tut anderen, wie ihm Gott getan hat, und wie er wollte, dass man ihm tun sollte, wenn er in Armut, Angst und Not steckte. Unserer guten Werke bedarf Gott nicht, an unserem Beten und Fasten, Kirchen bauen und Messe stiften, hat er keinen Gefallen, unser Opfer begehrt er nicht, ja er spricht bei Jesaja, Kap. 1,11, er hasse sie und habe einen Greuel daran. Er hat daran genug, dass wir ihn für einen Gott halten, auf ihn trauen und ihm danken. Wie er im 50. Psalm, V. 9-15 sagt: Höre mein Volk, lass mich reden, Israel, lass mich unter dir zeugen: Ich, GOTT, bin dein GOTT. Deines Opfers wegen strafe ich dich nicht; sind doch deine Brandopfer sonst immer vor mir. Ich will nicht von deinem Haus Ochsen nehmen noch Böcke aus deinen Ställen. Denn alle Tiere im Wald sind mein und das Vieh auf tausend Bergen. Ich kenne alle Vögel auf den Bergen, und allerlei Tier auf dem Acker ist vor mir. Wenn mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der Erdboden ist mein und alles, was drinnen ist. Meinst du, dass ich Fleisch essen wolle von den Ochsen oder Blut trinken von den Böcken? Opfere GOTT Dankopfer und zahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Zeit der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen.

    19. Mit den Werken aber weist uns Gott herunter auf unseren Nächsten, auf die armen elenden trostlosen Menschen; denen sollen wir zu Hilfe kommen, die sollen wir trösten, lehren und unterweisen; und was wir denselben tun, das haben wir Gott und seinem Christus, unserem HERRN, selbst getan; wie er sagen wir im Jüngsten Gericht: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Matth. 25,40.

    20. So habt ihr, dass ein christliches Leben darin stehe, dass wir müssen durch fremde Werke fromm und gerecht werden, nämlich durch Christi Werke, welchen wir allein durch den Glauben können haben. Derselbe Glaube bringt mich sich natürlich die Liebe, dadurch wir unserem Nächsten tun, wie wir erkennen, dass uns Gott getan hat. Davon habt ihr anderswo mehr gehört, wollen es jetzt dabei lassen bleiben und Gott um Gnade anrufen.

 

 

Ein anderer kurzer Sermon am Tag, da Maria zu Elisabeth ging[2]

Lukas 1

 

    1. Dies Evangelium ist geschrieben uns zu einem Beispiel und Lehre, nämlich, was da sind die Früchte des Glaubens; denn, wie ihr oft gehört habt, ein christlich Wesen steht allein in diesen zwei Stücken, im Glauben und in der Liebe. Diese zwei werden uns auch hier in den zwei Frauen Maria und Elisabeth angezeigt. Das wollen wir sehen.

    2. Da Maria voll des Heiligen Geistes war und hatte nun in ihrem Leib den Sohn Gottes, so, dass sie beide, an Leib und Seele, schwanger war und voll aller Güte Gottes, machte sie sich auf und ging zu ihrer Tante Elisabeth, ihr zu dienen: Denn sie hatte vom Engel gehört, dass sie schwanger wäre und trüge auch noch ein Kind in ihren alten Tagen; so, dass Maria nicht ihrethalben ist zu Elisabeth gegangen; auch nicht um einer anderen Ursache willen, als nur, dass sie ihr, als einer schwangeren Frau, dienen könnte. Damit sich zurückgestoßen alle Stände und Orden, die allein dahin gerichtet sind, sich selbst und nicht anderen zu helfen, oder darum anderen dienen und Gutes tun, dass sie dadurch wollen fromm werden. Vermaledeit sei das Leben, das sich allein lebt und dient. Wenn du Maria hier hättest gefragt, warum sie hingehe zu Elisabeth, hätte sie zweifelsohne gesagt: Nicht darum, dass ich will fromm werden; denn sie war vorher fromm und voll aller Güter Gottes; sondern darum, dass ich meiner Tante Elisabeth diene will, ihr helfen und sie trösten.

    3. Da sehen wir ein Beispiel, dass, je höher die Gabe ist, je mehr wir uns herab werfen sollen, uns demütigen und anderen dienen. Darum ist das ein rechter Christ, der jedermann dient, wie Christus getan hat, und der sich seiner Gaben, ihm von Gott gegeben, nicht überhebt, auch andere deshalb nicht verschmäht. Es hätte Maria wohl können sagen: Ich habe jetzt genug, ich bin eine Mutter Gottes und habe Gottes Sohn in meinem Leib; es wäre mir eine Schande, dass ich jemand diente, es sollte mir billig alle Welt dienen, ja, alle Kreaturen sollten auf mich sehen: Ich sollte auf einem Polster sitzen und eine Magd oder sechs um mich haben, die auf mich warteten und dienten mir. Aber das tut sie nicht, sie geht dahin und will anderen dienen.

    4. Wir armen Madensäcke, wenn wir kaum eines Hellers wert Güter von Gott haben, so blasen wir uns auf und wissen nicht, wie wir uns sollen warten lassen; da muss uns jedermann dienen, und wir wollen niemand dienen. Darum ist das eigentlich ein christliches Wesen, anderen dienen und helfen. Obgleich einer eines höheren und größeren Standes ist als die anderen, so soll doch sein Leben und Wesen allein dahin gerichtet seien, dass er damit anderen nützlich sei, so, dass, je höher der Stand ist, je mehr er dahin soll gerichtet sein, dass es anderen zu Nutz und Frommen komme, und je tiefer sich herunter lasse. Nicht, dass er den Stand von sich werfe oder sich seines Amts entsetze, wenn er allein gewiss ist, dass dieser Stand Gott gefalle: sondern denselben behalte und sich gleichwohl so demütige, wie hier Maria tut: Ob sie wohl eine Mutter Gottes war, dennoch tat sie den Stand nicht hinweg, sondern eben mit der Frucht, mit dem Sohn Gottes, den sie im Leib hatte, geht sie hin und dient ihrer Tante Elisabeth.

    5. Seht, das ist gar ein großes Beispiel der Liebe, dass sich die, die aller Gnaden Gottes voll war, ja Gott selbst bei sich hatte, so solle niederwerfen und so tief sich demütigen. Dem Beispiel sollen wir auch nachfolgen. Gott hat uns frei gemacht durch Jesus Christus, seinen Sohn, und uns errettet von Sünde, Tod, Teufel, Hölle und von allem Unglück, und uns mit unaussprechlichen Gnaden reichlich überschüttet, so, dass wir dem Gesetz nichts mehr schuldig sind; die Sünde ist uns vergeben, der Tod ist gefressen, der Teufel erwürgt, der Höllen Rachen zugesperrt, dass wir alles Unglück nun in unserer Gewalt haben, dazu Kinder Gottes sind und Erben des ewigen Lebens, Um solcher Reichtümer und Gnaden willen will Gott nichts mehr von uns haben, als dass wir uns nun auch so gegen unserem Nächsten mit Dienst und Wohltat erzeigen, wie er sich gegen uns erzeigt hat; das ist sein Wille und Wohlgefallen, davon wir oft und viel mehr gesagt haben.

    6. Lukas schreibt ferner, dass Maria sei in dieser Reise züchtig gewesen, ohne Zweifel daher gegangen als eine junge Frau, die neulich das Jahr mit ihrem Mann Joseph war zu Hause gesessen, in allen Züchten und ehrbaren Gebärden. Welches der Heilige Geist ohne Zweifel so hat schreiben lassen, anzuzeigen, wie die Frauen auf der Gasse und in den Straßen züchtig sein sollen und niemand Ärgernis geben mit unzüchtigen Gebärden. Denn das ist der Frauen bestes Kleinod und Zierde, ein züchtiges Leben und ehrbares Gebärden; wenn sie den Schatz verlieren, so ist es aus mit ihnen. Und wiewohl der Evangelist nicht mit klaren Worten ausdrückt, dass jemand mit Maria über Land gegangen sei, so ist es doch nicht unglaublich, dass entweder Joseph oder je eine Magd mit ihr gegangen ist; denn es wäre weiblicher Zucht ungemäß, allein über Land zu reisen. Das sage ich alles darum, dass wir sehen, wie der Heilige Geist immer damit anzeigt in der Schrift hin und wieder den ehrbaren und züchtigen Wandel der Heiligen, auch in dem äußerlichen Leben; welches gegen die ist, die da meinen, wenn sie Christen geworden sind, dürfen sie nun frei dahin leben, ohne alle Zucht und Ehrbarkeit; wie man jetzt derselben Gesellen viel findet, die dem Evangelium und Wort Gottes merklichen Schaden und Abfall bringen.

    7. Allhier wäre es wohl vonnöten, dass man auch sagte wie wir unsere Kinder so übel erziehen, dass es zu erbarmen ist, da ist keine Ehre noch Zucht: Die Eltern lassen ihren Kindern den Willen, halten sie in keiner Furcht; die Mütter sehen nicht auf ihre Töchter, lassen ihnen alles nach, strafen sie nicht, lehren sie weder züchtig noch ehrbar leben. Daher kommt’s auch, dass so ungezogenes und wildes Volk unter uns Deutschen und Christen ist, dergleichen man kaum in der Welt findet. Das macht alles, dass wir in der Jugend nicht wohl werden auferzogen. Auf alle Dinge legen wir größeren Fleiß, nur allein auf die Kinderzucht nicht. Da sehen Fürsten und Herren, Bürgermeister und Obrigkeit nicht drauf. Denen gebührt es, ein äußerlich züchtiges Regiment zu ordnen und anzustellen; aber es fehlt hinten und vorne; Gott, der wolle es bessern. Ich halte, dass sich Gott so ungnädig gegen uns stellt, sei keine andere Ursache, als dass die Jugend so versäumt wird und die Kinder nicht werden in Zucht und Ehrbarkeit auferzogen; denn wie man die Leute haben will, muss man sie in der Jugend dazu erziehen. Dass die Christenheit jetzt so übel steht, kommt alles daher, dass sich niemand der Jugend annimmt. Und soll es wiederum in einen guten Schwang kommen, so muss es wahrlich an den Kindern angefangen sein. Darum sagt hier der Heilige Geist nicht vergebens, Maria sei mit Züchten zu Elisabeth gekommen.

    8. Da nun Maria hinkommt zu ihrer Tante Elisabeth, geschieht ein großes Wunder, nämlich, da Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kindlein mit Freuden auf in ihrem Leib und [sie] ward erfüllt mit dem Heiligen Geist und erkannte, dass Maria eine Mutter Gottes wäre; welches gar eine scharfe Erkenntnis war. Allhier ist uns abgemalt, wie es zugehen muss, wenn wir fromm werden sollen, nämlich, dass der Glaube nicht aufgehen kann als durch den Heiligen Geist, und dasselbe doch nicht ohne das äußerliche Wort. Denn da Maria hier, welche in ihrem Leib den Sohn Gottes hatte, mit ihrem Gruß an Elisabeths Ohren stieße und ihre Worte in Elisabeths Ohren erklungen, da entspringt in ihr der Glaube, dass sie das erkennt, welches keine Vernunft je erkannt hätte. Also muss man vorher das äußerliche Wort hören und dasselbe nicht verachten, wie etliche meinen. Denn Gott wird nicht zu dir in dein Kämmerlein kommen und mit dir allein reden. Es ist so beschlossen, das äußerliche Wort muss gepredigt werden und vorher gehen; danach, wenn man das Wort in die Ohren und zu Herzen gefasst hat, alsdenn so kommt der Heilige Geist, der rechte Schulmeister, und gibt dem Wort Kraft, dass es Wurzel schlägt.

    9. Der Gruß Marias zu Elisabeth ist ohne Zweifel gewesen, nach Gewohnheit der hebräischen Sprache, wie es oft in den Evangelisten angezogen wird: Friede sei mit dir! In welchem Gruß eigentlich das Evangelium verkündigt wird, nämlich Vergebung der Sünde und Friede des Herzens. Wenn das Wort einem vor die Ohren kommt, ist anders ein frommes Herz da und das da nach Friede dürstet, da geht der Heilige Geist mit ein; der macht dies Wort im Herzen kräftig und lehrt Christus recht erkennen; da muss denn zu Boden gehen alle menschliche Vernunft, Sinn, Witz und Verstand. Darum müssen wir dem Evangelium die Ehre geben und ihm diesen Preis lassen, dass es sei ein Mittel und Weg und gleichwie eine Röhre, durch welche der Heilige Geist einfließt und in unsere Herzen kommt. Darum spricht St. Paulus an die Galatern Kap. 3,2, dass sie den Heiligen Geist empfangen haben, nicht durch die Werke des Gesetzes, sondern durch die Predigt des Glaubens. Und an die Römer, Kap. 10,17 schließt er so: Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes.

    10. Aus dem folgt, dass die närrisch tun, ja, gegen Gottes Ordnung und Einsetzung, die das äußerliche Wort verachten und verwerfen, meinen, der Heilige Geist und der Glaube sollen ohne Mittel zu ihnen kommen; das wir noch lang nicht geschehen. Geschieht es aber etlichen, so ist es etwas Besonderes; durch die gemeine Bank hin ist’s so, dass Gott seinen Heiligen Geist ohne das äußerliche Wort nicht geben will. Daher heißt auch St. Paulus Röm. 1,16; 1. Kor. 1,24 das Evangelium eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, da er ohne Zweifel von dem leiblichen äußerlichen Wort redet. Wo das nicht zuvor gepredigt wird, da vermute man nicht, dass der Heilige Geist allda wirke oder irgendein Glaube da sei. Gelichwie es mit der Sonne zugeht, die hat zwei Arten an sich, nämlich den Schein und die Hitze. Wo nun der Schein oder Glanz hingeht, da kommt auch die Hitze hin; wo aber der Glanz nicht hingeht, da bleibt die Hitze auch draußen. So geht’s hier mit dem äußerlichen Wort und mit dem Heiligen Geist auch zu. Der Heilige Geist wirkt nirgends, wo er nicht zuvor durch das Wort, wie durch eine Röhre, in das Herz kommt. Davon haben wir oft mehr gesagt und geschrieben.

    11. Folgt nun weiter in der Geschichte, was für Worte Elisabeth gegen Maria gebraucht hat, welche sie aus Eingebung des Heiligen Geistes geredet hat, nämlich da sie sprach: Gebenedeit [gepriesen] bist zu unter den Frauen und gebenedeit sei die Frucht deines Leibes. Und woher kommt mir das, dass die Mutter meines HERRN zu mir  kommt?

    12. Als sollte sie sagen: Dergleichen Frauen noch Frucht ist keine auf Erden gekommen; denn von allen Frauen und von allen Früchten muss man sagen, dass die vermaledeit sind. Allein du und deine Frucht seid gebenedeit. Das erkenne ich: Denn die Frucht, die du trägst, ist nicht eine gemeine schlichte Frucht; so bist du auch nicht eine gemeine schlichte Mutter, denn du bist die Mutter meines HERRN. O, wie groß demütigst du dich, dass du zu mir kommst. Ich sollte billig zu dir kommen und dir nachlaufen, ja, ich sollte dir die Füße und die Fußstapfen deiner Füße küssen, des bist du wohl wert; so kommst du her und willst mir dienen.

    13. Da sollen wir rechte Demut lernen. Denn das ist ein großes Ding hier, dass sich Maria dieser Worte keines lässt bewegen, lässt sich die Ehre und den Preis nicht kitzeln, wird auch nicht aufgeblasen, sondern fällt dahin und will ihrer alten Tante dienen; Elisabeth wirst dich auch herunter und demütigt sich vor ihr. Da steht ja ein feines recht christliches Beispiel; die Junge wirft’s auf die Alte, die Alte wieder auf die Junge. Nun, wo soll sie mit hin? Sie will die Ehre und den Preis auch nicht behalten, noch die Güter Gottes sich zuschreiben; deshalb läuft sie damit hin zu Gott und entblößt sich aller Güter und zieht ihre Seele nackt aus und trägt alles frei und lauter auf Gott und singt ihm das Magnificat. Welcher Gesang allein dahin geht, dass ein Mensch erkenne seine Niedrigkeit und Nichtigkeit und die Höhe des HERRN, dazu die Fülle seiner göttlichen Güter, nämlich, dass ein Mensch wisse, dass er nichts sei, und Gott alle Dinge sei, von sich nichts halte und von Gott alles. Das zu erkennen, ist der Natur ganz unmöglich; denn sie kann nicht dahin kommen, dass sie gerne wollte nichts sein; darum ist das ein hoch übernatürlich Ding, dass ein Mensch seine Nichtigkeit erkenne und die Fülle göttlicher Gnade. Das seht ihr an allen Menschen. Denn es ist keiner so gelehrt, keiner so heilig, der da gerne sehe, dass man ihn schände und lästere oder verspreche ihm sein Leben. Wir sehen auch, wie die Leute zappeln und tun in Todesnöten, dass sie alles gerne darum gäben, was sie hätten, allein, dass sie lebendig blieben, ja, dass sie nur eine Stunde könnten länger leben. Das ist ja nicht in unserer Natur, zunichte werden, es kommt uns zu sauer an, es verdrießt den alten Adam, wenn er soll ein einiges Wort leiden, das gegen ihn ist, geschweige denn Schande oder den Tod willig zu leiden; ja, wenn ihm ein Fuß oder kaum eine Zehe dran wehe tut, so ist er unleidlich und ungeduldig darüber. Darum, so kann der Mensch das nicht von Grund des Herzens sagen, dass er nichts sei. Mit dem Maul können wir wohl alle sagen, wir sind nichts; aber wenn es Gott lässt sagen und will uns recht zunichte machen, da trumpfen und würgen wir uns und können’s nicht leiden. Deshalb ist’s vergebens, dass wir viel mit dem Mund sagen, wir sind nichts und doch mit dem Herzen nicht dazu einwilligen.

    14. So ist nun das die Summa im Magnificat, wir sind nichts, Gott ist alles, mächtig, barmherzig, stark, fromm, gerecht, treu, und was nur Gutes mag gesagt werden; daraus denn folgt, alles, was wir haben, das haben wir von Gott, und ist alles sein. Darum, wenn er kommt und nimmt’s von uns hinweg, dürfen wir nicht sauer sehen oder deshalb zürnen: Denn er nimmt das Seine und nicht das Unsere. Wie aber das Magnificat von Wort zu Wort zu verstehen sei, habt ihr klar genug in einem besonderen Büchlein ausgedruckt. Wollen’s jetzt dabei lassen bleiben und Gott um Gnade anrufen.

 

 

Predigt vom Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium

über Gal. 3,23-24

 

Gehalten den 1. Januar 1532[3]

 

    Gal. 3,23.24: Ehe denn aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben, der da sollte offenbart werden. So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir durch den Glauben gerecht würden.

    1. Des St. Paulus Meinung ist diese: Dass in der Christenheit soll von beiden, Predigern und Zuhörern, ein gewisser Unterschied gelehrt und gefasst werden zwischen dem Gesetz und Evangelium, zwischen den Werken und dem Glauben; wie er denn solches auch Timotheus befiehlt, da er ihn ermahnt, 2. Brief 2,15, das Wort der Wahrheit recht zu teilen usw. Denn dieser Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium ist die höchste Kunst in der Christenheit, die alle und jede, so sich des christlichen Namens rühmen oder annehmen, können und wissen sollen. Denn wo es an diesem Stück mangelt, da kann man einen Christen vor einem Heiden oder Juden nicht erkennen; so gar liegt es an diesem Unterschied.

    2. Darum dringt St. Paulus so hart darauf, dass diese zwei Lehren, nämlich des Gesetzes und des Evangeliums, bei den Christen wohl und recht von einander geschieden werden. Beides ist wohl Gottes Wort, das Gesetz oder die zehn Gebote und das Evangelium; dieses anfänglich im Paradies, jenes auf dem Berg Sinai, von Gott gegeben. Aber daran liegt die Macht, dass man die zwei Worte recht unterscheide und sie nicht ineinander menge, sonst wird man weder von diesem noch von jenem rechten Verstand wissen und behalten können; ja, wenn man meint, man habe sie beide, wird man keines haben.

    3. Unter dem Papsttum ist es so zugegangen, dass weder der Papst noch alle seine Gelehrten, Kardinäle, Bischöfe und Hochschulen jemals gewusst haben, was Evangelium oder Gesetz wäre; ja, sie haben es noch nie geschmeckt oder in allen ihren Büchern vermeldet, wie eines vom andern zu unterscheiden wäre, wie des Gesetzes Lehre vom Evangelium sollte oder könnte geschieden werden. Darum ist ihr Glaube, wenn sie aufs höchste kommen, ein lauter Türkenglaube, der allein auf dem bloßen Buchstaben des Gesetzes und äußerlichem Tun und Lassen steht, wie: Du sollst nicht töten, nicht stehlen usw.; meinen also, es sei dem Gesetz genug geschehen, wenn man nur mit der Faust nicht tötet, noch jemand das Seine stiehlt, und so fortan. Ja, sie halten es dafür, es sei solche äußerliche Frömmigkeit eine Gerechtigkeit, die vor Gott gilt usw. Aber solche Lehre und Glauben, obgleich die Werke gut und von Gott geboten sind, ist falsch und unrecht. Denn das Gesetz fordert eine viel höhere Gerechtigkeit als die auf äußerlichen Tugenden und Frömmigkeit steht. Dazu wird das Evangelium von Gnade und Vergebung der Sünden gar dadurch niedergeschlagen. Denn wiewohl nicht stehlen, nicht töten recht ist und durchs Gesetz gefordert wird, so ist es doch nicht mehr als eine heidnische Frömmigkeit, die des Gesetzes Gerechtigkeit nicht erreicht; viel weniger ist es Vergebung der Sünden, davon das Evangelium lehrt und predigt.

    4. Es ist darum vonnöten, dass diese zweierlei Worte recht und wohl unterschieden werden; denn[4], wo das nicht geschieht, kann weder das Gesetz noch das Evangelium verstanden werden, und müssen die Gewissen in Blindheit und Irrtum verderben. Denn das Gesetz hat sein Ziel, wie weit es gehen und was es ausrichten soll, nämlich bis auf Christus, die Unbußfertigen schrecken mit Gottes Zorn und Ungnade. Desgleichen hat das Evangelium auch sein besonderes Amt und Werk, Vergebung der Sünden den betrübten Gewissen zu predigen. Mögen darum diese beiden ohne Verfälschung der Lehre nicht ineinander gemengt, noch eines für das andere genommen werden. Denn Gesetz und Evangelium sind wohl beide Gottes Wort, aber nicht einerlei Lehre. Gleichwie das Gottes Wort ist, 2. Mose 28,12: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.“ Und wiederum Eph. 6,2.3.4: „Ihr Väter, zieht eure Kinder auf in Gottesfurcht“ usw. Aber weil es nicht von einerlei Amt und Person geredet ist, was würde wohl für eine Unordnung daraus folgen, wenn es mit dem Schein, dass es alles Gottes Wort wäre, ineinander geworfen sollte werden? Da würde der Sohn wollen Vater, der Vater wollen Sohn sein; die Mutter Tochter, die Tochter Mutter. Dies aber reimt sich übel, ist auch nicht zu leiden. Darum soll der Vater tun, was ihm von Gott aufgelegt und befohlen ist; desgleichen halte sich der Sohn an seinen Beruf; so ist es denn recht unterschieden und ausgeteilt. So auch geführt es einer Hausmutter, Kinder zu gebären, zu säugen und aufzuziehen; einem Ehemann für sein Haus und Mitarbeiter zu sorgen und ihnen treu vorzustehen; nicht Kinder zu gebären, reinigen, wischen und warten usw. Wenn nun eines dem andern in sein befohlenes Amt greifen wollte oder ihrer eines beides sein, was würde hieraus für ein wildes, wüstes Wesen werden? Darum muss man das Werk recht unterscheiden, auf dass ein jeder seinem Beruf und Amt vorstehe, dabei bleibe und nicht weiter fahre, so wird es nicht irren.

    5. Was brachte Thomas Münzer in den greulichen Jammer anders, als dass er in den Büchern von den Königen hat gelesen, wie David die Gottlosen mit dem Schwert totgeschlagen, wie Josua die Kanaaniter, Hethiter und andere gottlose Völker, im Lande Kanaan wohnend, umgebracht hätte usw. Das Wort fand er und schloss daraus: Wir müssen auch so tun, die Könige, Fürsten im Regiment unterdrücken, denn hier haben wir dafür ein Beispiel. Was mangelte hier Münzer anderes, als dass er das Wort nicht rechte unterschied und seine Rechnung so machte: David hat wohl gekriegt. Bin ich aber auch David? Das Wort, das David hat heißen kriegen, geht mich nicht an; ist ihm geboten zu kriegen, die Könige zu erschlagen, so ist mir zu predigen geboten. Dabei sollte es Münzer haben bleiben lassen und auf der Kanzel das Evangelium rein, nach dem Befehl Christi: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“ usw., gelehrt haben, so wäre er nicht in solche schreckliche Lehre und Aufruhr geraten. Denn zu David, und nicht zu Münzer, ist gesagt: Du sollst die Frommen schützen, die Bösen mit dem Schwert strafen und Frieden erhalten usw. Wenn aber David solches anstehen ließe und maßte sich priesterlichen Amts an, und ich wollte das Predigen fallen lassen und das Schwert führen, und so alles durcheinander mengen: Was würde das für ein löblich Regiment und große Kunst sein? Die auch Säue und Kühe wohl könnten!

    6. Darum sage ich abermals, dass es eine sehr hohe Kunst ist, das Gesetz und Evangelium recht voneinander scheiden, weil es auch in den Geboten (die doch unter dem Einen Wort „Gesetz“ begriffen werden) vonnöten ist zu tun, und eines von dem andern abzuscheiden, wo man nicht will, dass alles durcheinander, ja, über und über gehen soll, weil es noch Fehl und Mangel hat, da alles recht und wohl unterschieden wird.

    7. Darum ist es ein großer Unverstand, ja Torheit, dass man vorgeben will: Es ist Gottes Wort, Gottes Wort! Darum ist es recht usw. Ja, Gottes Wort ist nicht einerlei, sondern unterschieden. Das Gesetz ist ein anderes Wort als das Evangelium; so sind die Gesetze oder Gebote auch nicht einerlei. Denn dies Wort Gottes: Schütze die Frommen, strafe die Bösen, geht mich nichts an, wie auch dies Wort: Du sollst Kinder gebären, säugen, wischen, warten usw. die Frauen allein betrifft. Wiederum: Du sollst predigen, die Sakramente reichen, nicht Frauen-, sondern Mannspersonen, die dazu berufen sind, zugehört.

    8. Von diesem Unterschied wissen unsere Schwärmer gar nichts, weder active, noch effective, noch speculative, wie man ein Gesetz gegen das andere hält, dass eines gleich sowohl ein Gesetz ist wie das andere. Ist es aber in Gesetzen vonnöten, dass man sie voneinander scheide, und die Personen, darauf sie gerichtet sind, recht ansehe: Wieviel mehr ist Unterschied zwischen dem Gesetz und Evangelium zu machen! Darum, welcher diese Kunst, das Gesetz vom Evangelium zu scheiden, wohl kann, den setze obenan und heiße ihn einen Doktor der heiligen Schrift. Denn ohne den Heiligen Geist ist es unmöglich, diesen Unterschied zu treffen. Ich erfahre es an mir selbst, sehe es auch täglich an anderen, wie schwer es ist, die Lehre des Gesetzes und Evangeliums voneinander zu sondern. Der Heilige Geist muss hier Meister und Lehrer sein, oder es wird’s kein Mensch auf Erden verstehen noch lehren können. Darum vermag kein Papist, kein falscher Christ, kein Schwärmer diese zwei voneinander zu teilen, besonders in im Blick auf die Materie und die Objekte.

    ‚Durchs Gesetz‘ soll anders nicht verstanden werden als Gottes Wort und Gebot, darin er uns gebietet, was wir tun und lassen sollen, und unsern Gehorsam oder Werk von uns fordert. Solches ist leicht zu verstehen in der Formursache, aber in der Zweckursache sehr schwer. Die Gesetze aber oder Gebote, so von Werken reden, die Gott von einem jeden besonders, nach Natur, Stand, Amt, Zeit und anderen Umständen mehr fordert, sind mancherlei. Daher sie auch einem jeden Menschen sagen, was ihm Gott seiner Natur und Amt nach aufgelegt hat und von ihm fordert; wie, die Frau soll die Kinder pflegen, den Hauswirt regieren lassen usw. Das ist ihr Gebot. Ein Knecht soll seinem Herrn gehorsam sein, und was mehr zu eines Knechts Amt gehört. Gleicherweise hat eine Magd auch ihren Befehl. Das allgemeine Gesetz aber, das uns Menschen alle betrifft, ist dies, Matth. 22,39: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, ihm in seiner Not, wie die vorfällt, raten und helfen: Hungert ihn, so speise ihn; ist er nackt, so kleide ihn, und was dergleichen mehr ist. Das heißt, das Gesetz recht abzirkeln und vom Evangelium abmessen, nämlich, dass das Gesetz heiße und sei, welches auf unsere Werke dringt.

    Dagegen das Evangelium oder der Glaube ist solche Lehre oder Wort Gottes, das nicht unsere Werke fordert, noch uns gebietet, etwas zu tun, sondern heißt uns die angebotene Gnade von Vergebung der Sünden und ewiger Seligkeit schlicht annehmen und uns schenken lassen. Da tun wir ja nichts, sondern empfangen nur und lassen uns geben, was uns durchs Wort geschenkt und dargeboten wird, dass Gott verheißt und dir sagen lässt: Dies und das schenke ich dir usw.  Wie, in der Taufe, die ich nicht gemacht, noch mein Werk, sondern Gottes Wort und Werk ist, spricht er zu mir: Halt her, ich taufe dich und wasche dich von allen deinen Sünden; nimm sie an, sie soll dein sein. Wenn du dich nun so taufen lässt, was tust du mehr, als dass du solches Gnadengeschenk empfängst und annimmst? So ist nun der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium dieser: Durch das Gesetz wird gefordert, was wir tun sollen, dringt auf unser Werk gegenüber Gott und den Nächsten; im Evangelium aber werden wir zur Spende oder zum reichen Almosen gefordert, da wir nehmen und empfangen sollen Gottes Huld und ewige Seligkeit.

    9. Dieser Unterschied ist leicht hieraus zu merken: Das Evangelium bietet uns an Gottes Gabe und Geschenk, Hilfe oder Heil, heißt uns nur, den Sack herhalten und uns lassen geben; das Gesetz aber gibt nichts, sondern nimmt und fordert von uns. Nun sind je die zwei, geben und nehmen, sehr weit voneinander geschieden. Denn wenn mit etwas geschenkt wird, so tue ich nichts dazu, sondern nehme und empfange es und lasse mir es geben. Wiederum, wenn ich in meinem Beruf ausrichte, was mir befohlen ist, ebenso, rate und helfe meinem Nächsten, so empfange ich nichts, sondern gebe einem andere, dem ich diene. Also werden das Gesetz und Evangelium nach der Formursache unterschieden; dieses verheißt, das andere gebietet. Evangelium gibt und heißt nehmen; Gesetz fordert und sagt: Das sollst du tun. Gleich als wenn ein Fürst oder Lehensherr einem Edelmann sein Gut schenkt oder leiht, da tut der Edelmann nichts, ist nicht sein Werk, sondern des Fürsten Geschenk; wenn er aber seinem Herrn zu Dienst oder zu Hof reitet[5], alsdann tut er etwas.

    10. So sind diese zwei Lehren weit voneinander zu scheiden, aber im Geist. Denn der Teufel hat das Herzeleid anzurichten, lässt uns Formursache und Zielursache nicht bleiben; lässt es wohl geschehen, dass man etwas tue oder wirke, führt aber von dem, davon uns geboten ist, auf ein anderes, als ein Höheres und Besseres. Dergleichen tut er auch in der Zielursache, weist immer vom rechten Ziel zum falschen, als dazu das Gesetz gegeben soll sein. Das Gesetz heißt dies und das tun (wie: du sollst nicht stehlen, nicht morden usw., und redet von solchem Tun, das aus dem Herzen und Geist hergeht), das ist Formursache. Geschieht nun solches Werk nicht, so werden entweder Heuchler daraus (die das Gesetz vom äußerlichen Tun verstehen, und wenn sie solches Tun oder Werk haben, achten sie sich für unschuldig und gerecht)[6], oder die gar verzweifeln. Das Evangelium aber tröstet und sagt: Siehe da, Christus ist dein Schatz, dein Geschenk, dein Heiland, Hilfe und Trost! Wenn nun das Herz auf diese Wegscheide zwischen Gesetz und Evangelium kommt, und hier Gnade, dort Schuld, hier Verheißung, dort Gebot, hier geben, dort fordern sieht: Da will es nicht hinan, sondern prallt zurück, kann weder das Gesetz überwinden, noch die Gnade ergreifen. Ursache, es kann diese zwei Worte, Gesetz und Evangelium, nicht voneinander scheiden.

    11. Wo nun das Gewissen recht getroffen wird, dass es die Sünde recht fühlt, in Todesnöten steckt, mit Krieg, Pestilenz, Armut, Schande und dergleichen Unglück beladen wird, und alsdann das Gesetz spricht: Du bist des Todes und verdammt, dies und das fordere ich von dir, das hast du nicht getan noch vermocht zu tun. Wo das Gesetz (sage ich) so herein schlägt und schreckt den Menschen mit Todes- und Höllenangst und Verzweiflung, da ist es denn hohe Zeit, Gesetz und Evangelium voneinander zu scheiden zu wissen und ein jedes an seinen Ort zu weisen. Hier scheide, wer scheiden kann, denn hier ist Scheidens Zeit und Not.

    1.2 Hierher gehört, was St. Paulus sagt: „Ehe denn der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen“ usw., dass ein Christ wisse Unterschied zu machen zwischen dem Gesetz und Evangelium, Werk und Glauben, besonders in den Ziel- und Stoffursachen, und dem Gesetz so begegne: Du forderst wohl viel und steckst in schwere Verdammnis die, so nicht geben können; aber weißt du auch, wie weit dein Regiment gehen soll? Hast du vergessen, dass es eine bestimmte Zeit hat, wie St. Paulus sagt: Wenn der Glaube kommt, soll es aufhören, nicht weiter fordern, schrecken noch verdammen?

    13. Wer das nicht weiß, noch Achtung drauf haben will, der verliert das Evangelium und kommt nimmer zum Glauben. Wie denn jetzt der Teufel durch die Schwärmer ineinander mengt Gesetz und Verheißung, Glauben und Werke, und zermartert die armen Gewissen, lässt sie weder Gesetz noch Evangelium recht unterschiedlich ansehen, treibt und jagt sie in das Gesetz, spannt ein Netz vor, das heißt: Das soll ich tun und lassen. Unterscheide ich hier nicht wohl Mose und Christus, so bin ich und bleibe ich gefangen, kann nicht frei und los werden, sondern muss verzweifeln.

    14. Wenn ich aber das Gesetz und Evangelium recht wusste zu teilen, so hätte es nicht Not, so könnte ich sagen: Hat denn Gott nur einerlei, nämlich das Gesetz, gegeben? Hat er nicht auch das Evangelium von der Gnade und Vergebung der Sünden predigen heißen? Ja, spricht das Gewissen, wo nicht Glaube ist an die Verheißung, da dringt das Gesetz bald darauf: Dies und das ist dir geboten, das hast du nicht getan, darum musst du herhalten. In solchem Kampf und Todesangst ist es hohe Zeit und Not, dass sich der Glaube ermanne und mit ganzer Macht hervorbreche und dem Gesetz unter die Augen trete und ihm getrost zuspreche: Ei, liebes Gesetz, bist du allein Gottes Wort? Ist das Evangelium nicht auch Gottes Wort? Hat denn die Verheißung ein Ende? Hat Gottes Barmherzigkeit aufgehört? Oder sind die zwei, Gesetz und Evangelium, oder Verdienst und Gnade, nunmehr ineinander gemengt und gekocht, ein Ding geworden? Wir wollen den Gott nicht haben, der nicht mehr kann als Gesetz geben, das wisse gar eben; so wollen wir auch das Gesetz mit dem Evangelium unvermengt haben. Darum lasse uns diesen Unterschied ungewehrt und ungehindert frei gehen: dass du auf Pflicht und Recht dringst, das Evangelium auf eitel Glaube und Geschenk uns weise.

    15. Darum, wenn mich das Gesetz beschuldigt: Ich habe dies und das nicht getan, ich sei ungerecht und ein Sünder, in Gottes Schuldregister geschrieben, muss ich bekenne, es sei alles wahr. Aber die Folgerede: Darum bist du verdammt, muss ich nicht einräumen, sondern mich mit starken Glauben wehren und sagen: Nach dem Gesetz, welches mir meine Schuld zurechnet, bin ich wohl ein armer, verdammter Sünder, aber ich appelliere an vom Gesetz zum Evangelium, denn Gott hat über das Gesetz noch ein anderes Wort gegeben, das heißt das Evangelium, welches uns seine Gnade, Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Leben schenkt, dazu frei und los spricht von deinem Schrecken und Verdammnis, und tröstet mich, alle Schuld sei bezahlt durch den Sohn Gottes, Jesus Christus selbst. Darum ist es hoch vonnöten, dass man beide Worte recht wisse zu lenken und zu handeln, und fleißig zusehe, dass sie nicht ineinander vermengt werden.

    16. Denn Gott diese zweierlei Wort, Gesetz und Evangelium, eines sowohl als das andere gegeben hat, und ein jegliches mit seinem Befehl: Das Gesetz, das vollkommene Gerechtigkeit von jedermann fordere; das Evangelium, das die vom Gesetz erforderte Gerechtigkeit denen, so die nicht haben (das ist, allen Menschen), aus Gnaden schenke. Wer nun dem Gesetz nicht genug getan, in Sünde und Tod gefangen liegt, der wende sich vom Gesetz zum Evangelium, glaube der Predigt von Christus, dass er wahrhaftig sei das Lämmlein Gottes, das der Welt Sünde trägt, seinen himmlischen Vater versöhnt, ewige Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit allen, die es glauben, lauter umsonst und aus Gnaden schenkt. Zu dieser Predigt allein halte er sich, rufe Christus an, bitte um Gnade und Vergebung der Sünden, glaube fest (denn allein mit dem Glauben wird dies große Geschenk gefasst), so hat er, wie er glaubt.

    17. Das ist nun der rechte Unterschied; und liegt allerdings die ganze Macht daran, dass man ihn recht treffe. Predigen lässt es sich wohl oder mit Worten scheiden, zum Gebrauch aber und in die Praxis zu bringen ist hohe Kunst und schwer zu treffen. Die Papisten und Schwärmer wissen es gar nicht; so sehe ich es auch an mir und anderen, die aufs beste davon wissen zu reden, wie schwer dieser Unterschied sei. Die Kunst ist allgemein: Bald ist es geredet, wie das Gesetz ein anderes Wort und Lehre sei als das Evangelium; aber in der Praxis zu unterscheiden und die Kunst ins Werk zu setzen, ist Mühe und Arbeit. St. Hieronymus hat auch viel davon geschrieben, aber wie ein Blinder von der Farbe. Das Gesetz nennen sie, dass man sich muss beschneiden, opfern, dies und das nicht essen usw. Darnach sie aus dem Evangelium ein neues Gesetz, welches da lehrt, wie man beten und fasten soll, wie du ein Mönch oder Nonne werden sollst oder ein die Kirche gehen usw. Und das heißen sie unterscheiden. Ja, es heißt vielmehr ineinander geworfen. Denn sie wissen selbst nicht, was sie waschen. Darum höre St. Paulus, der lehrt dich, dass du höher kommen musst als wie man sich beschneiden oder nicht beschneiden soll usw. (denn das ist noch alles, unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen sein), nämlich zu dem Glauben an Christus, dadurch wir Kinder Gottes und ewig selig werden; oder bleiben unter dem Gefängnis und Zorn Gottes.

    18. Wahr ist es, das Gesetz oder die zehn Gebote sind nicht so aufgehoben, dass wir nun aller Dinge frei davon würden und sie nicht haben müssten. (Denn Christus hat uns vom Fluch, nicht vom Gehorsam des Gesetzes befreit.) Nein, das will er nicht, sondern, dass wir sie mit ganzem Ernst und Fleiß halten sollen; aber, wo wir es getan haben, nicht darauf trauen, noch, wo es nicht getan, verzweifeln sollen. Darum siehe zu, dass du beide Worte recht unterscheidest, dem Gesetz nicht mehr gibst als ihm gebührt, sonst verlierst du das Evangelium. Auch sollst du das Evangelium nicht so ansehen und davon Gedanken machen, dass das Gesetz untergehe, sondern lasse ein jegliches in seinem Kreis und Zirkel bleiben. Gleichwie man nicht predigen darf, dass keine Obrigkeit oder ein Predigtstuhl mehr sein solle, sondern soll beiderlei Personen und Amt unterscheiden, dass eine jegliche bei ihrem Amt bleibe und das versorge: Die Obrigkeit nach ihrem Landrecht. So fern sich das erstreckt: der Prediger nach seinem Lehramt. In des Bürgermeisters Amt schlage ich mich nicht, sondern scheide mich von ihm wie Winter und Sommer. Denn mein Amt ist predigen, taufen, die Seelen zum Himmel bringen und arme, betrübte Herzen trösten usw. Der Obrigkeit aber gebührt, Frieden zu erhalten, auf dass die liebe Jugend in Gottes Furcht und Zucht auferzogen werde; dagegen kann sie nicht, weder Fürst noch Bürgermeister, predigen, studieren oder die Leute mit Gottes Wort trösten.

    19. Also gilt es recht unterscheiden. Nicht wie der Papst tut, der weder Hund noch Rüde, weder Fürst noch Bischof ist, und will’s doch beides unter sich haben, trägt Kappen und Platten[7] zu seinem eigenen Schanddeckel; desgleichen tun seine Bischöfe, die auch weder Bischöfe noch Fürsten sind. So sollst du ihm aber tun: Wenn du dich im Treffen findest, dass dich das Gesetz verdammen will, so wisse, dass nicht allein das Gesetz von Gott gegeben ist, sondern auch, was ein viel höheres Wort ist, das liebe Evangelium von Christus. Wenn sie nun beide, Gesetz und Evangelium, auf einander stoßen, und das Gesetz befindet mich als einen Sünder, beschuldigt und verdammt mich; das Evangelium aller spricht, Matth. 9,2: „Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben“, du sollst selig sein; beides ist’s Gottes Wort; welchem aber soll ich hier folgen? Das lehrt dich St. Paulus: „Wenn der Glaube kommt (spricht er), so sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister“, so hört das Gesetz auf. Denn es soll und muss, als das geringere Wort, dem Evangelium Statt und Raum geben. Beide sind sie Gottes Wort, das Gesetz und Evangelium; aber sie sind nicht beide gleich. Eines ist niedriger, das andere höher; eines schwächer, das andere stärker; eines geringer, das andere größer- Wenn sie nun miteinander ringen, so folge ich dem Evangelium und sage: Ade, Gesetz! Es ist besser, das Gesetz nicht wissen, als das Evangelium verlassen.

    20. Denn gleichwie es im Gesetz ist, wenn Gott gebietet 2. Mose 20,7: „Du sollst meinen Namen nicht missbrauchen“ usw., und dein Fürst oder deine Eltern gebieten dir: Du sollst Gott oder sein Evangelium verleugnen. Allhier spricht Gott: Ehre meinen Namen; und das Gesetz: Du sollst Gott mehr lieben als deinen Nächsten. Hier soll ich das geringere Gebot (den Gehorsam gegen Menschen) fahren und untergehen lassen, und das höchste Gebot der ersten Tafel (welches soll der andern aller Meister sein) halten und dem allein gehorsam sein. Vielleicht muss nun solches da gehalten werden, da das Gesetz mich dringen will, dass ich Christus, sein Geschenk und Evangelium verlassen soll; da lasse ich vielmehr das Gesetz fahren und spreche: Liebes Gesetz, habe ich die Werke nicht getan, so tue du sie, ich will mich um deinetwillen nicht zu Tode martern, gefangen nehmen oder unter dir halten lassen und so das Evangelium vergessen. Habe ich gesündigt, Unrecht getan oder nicht getan, da lasse ich dich, Gesetz, für sorgen. Trolle du dich und lass mir mein Herz zufrieden, ich will dich darin nicht wissen. Wenn du aber das forderst und haben willst, dass ich hier auf Erden soll fromm sein, das will ich gern tun; aber wo du mir da hinein willst klettern und brechen, dass ich das verlieren soll, das mir geschenkt ist, da will ich dich viel lieber gar nicht wissen als das Geschenk fahren lassen.

    21. Diesen Unterschied will uns Paulus lehren, da er spricht: Das Gesetz hat dazu gedient, dass es uns hat gefangen genommen usw. Denn man muss es auch haben, die Kinder und rohe Leute damit zu fangen und zu zwingen, als da ist: Du sollst deinen Vater und Mutter ehren; du sollst nicht ehebrechen, nicht stehen, nicht töten usw. Denn der alte Mensch muss gebunden und unter dem Gesetz gefangen sein, damit es uns innenhält, treibt und fordert von uns, auf dass wir nicht mutwillig leben. Aber solcher Zwang und Gefängnis soll nicht länger wären, bis das Evangelium offenbar und erkannt wird, wie wir an Christus glauben sollen. Alsdann spreche ich: Gesetz, hebe dich, ich will nicht länger von dir in meinem Herzen gefangen sein, dass ich vertrauen sollte, dass ich dies und das getan habe, oder verzweifeln, dass ich es nicht getan habe. Der Glaube gibt mir hier eine himmlische Predigt, welche ist das Evangelium, damit das Gesetz den betrübten und zerschlagenen Herzen nicht mehr anhaben könne noch solle; es hat genug gemartert und geschlagen. Darum sollst du nun dem Evangelium, welches uns Gottes Gnade und Barmherzigkeit anbietet und schenkt, Raum geben.

    22. Solches will St. Paulus in die Christenheit wohl einbilden, und ist zwar den Worten und ihrer Art nach, auch an Früchten (was ein jedes von diesen beiden wirke oder ausrichte) bald zu unterscheiden. Denn es ist zweierlei, nehmen und geben, schrecken und fröhlich machen. Das Gesetz fordert von uns und schreckt; das Evangelium aber gibt uns und tröstet. Aber solches darnach im Gebrauch zu scheiden oder ins Werk zu bringen, wenn diese beiden Worte, Gesetz und Evangelium, im Gewissen aufeinander stoßen, dass du alsdann sie recht scheiden und sagen könntest: Ich will die zwei Worte unvermengt, sondern ein jedes an seinen Ort gewiesen haben, in seiner Materie, das Gesetz für den alten Adam, das Evangelium für mein blödes, erschrockenes Gewissen (denn ich bedarf jetzt keines Treibers zu guten Werken, viel weniger kann ich seine Anklage leiden, nachdem ich von eigenem Gewissen allzu hart, nicht allein verklagt, sondern überwiesen bin, sondern bedarf Trostes und Hilfe aus dem Evangelium von Jesus Christus)[8]; dies nun zu tun, ist sehr schwer, besonders wenn das Gesetz das Gewissen einnehmen will. Da siehe denn zu, dass du die Verheißung ergreifst, und das Gesetz nicht lässt die Oberhand gewinnen noch regieren in deinem Gewissen und du dadurch ins Gericht kommst, denn da wäre das Evangelium verleugnet. Sondern du musst dich herum werfen und das Gnadenwort oder Evangelium von der Vergebung der Sünden ergreifen, dass Gott auch habe geboten, den Armen das Evangelium zu predigen, darin er mit dir nicht nach dem Rechten spielen, sondern nach seiner Gnade als ein gütiger Vater gegen seinem bedürftigen Kind handeln will, dass er alles, was du nicht getan hast, dir aus Gnaden vergeben, und was nicht tun kannst, alles dir schenken will.

    23. So soll das Gesetz allein auf die äußerliche Zucht dringen und das Kämmerlein, darin das Evangelium wohnen soll, zufriedenlassen; wie er spricht: „Ehe denn der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz beschlossen.“ Darum soll noch zu dem Gesetz, und über das Gesetz, ein anderes Wort kommen, nämlich das Evangelium, welches uns in eine fremde Frömmigkeit setzt, die außerhalb von uns allein in Christus ist. Deshalb ist es unmöglich, dass wir durch das Gesetz sollten gerecht werden; denn es ist vormals wohl mehr versucht worden, was es ausrichte. Darum ist auch unleugbar, dass kein Mensch durch des Gesetzes Werke fromm und gerecht werde. Denn so es möglich wäre, so wäre es vorlängst geschehen. Darum gehört hierzu ein anderes und höheres Wort, welches ist das Evangelium und der Glaube an Christus, wie gehört ist. Gott gebe uns Gnade und stärk unsern Glauben. Amen!

 

 

Predigt Luthers zum Fest der heiligen Dreieinigkeit

 

Johannes 3,1-15(-16): Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden. Der kam zu Jesus bei der Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, dass du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geist geboren wird, das ist Geist. Lass dich’s nicht wundern, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wo er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist. Nikodemus antwortete und sprach zu ihm: Wie mag solches zugehen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bist du ein Meister in Israel und weißt das nicht? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wir reden, was wir wissen, und zeugen, was wir gesehen haben, und ihr nehmt unser Zeugnis nicht an. Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie würdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sagen würde? Und niemand fährt zum Himmel, als der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist. Und wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

 

    Dieses ist ein sehr schönes Evangelium, in welchen wir sehen, was der richtige Weg, der gewisse Weg zum ewigen Leben ist. Es scheint aber, dass man dieses Evangelium auf diesen heiligen Tag der Dreieinigkeit legt, das so fein der Unterschied der Personen angezeigt ist, in dem höchsten und größten Werk, das Gott mit uns armen Menschen handelt, dass er uns von Sünden frei, die recht und selig macht. Denn hier steht vom Vater, dass er die Welt geliebt und ihr seinen eingeborenen Sohn geschenkt hat. Das sind die zwei unterschiedlichen Personen, Vater und Sohn, eine jegliche mit ihrem besonderen Werk. Der Vater liebt die Welt und schenkt ihr den Sohn; der Sohn lässt sich der Welt schenken, und, wie Christus hier sagt, lässt er sich wie die Schlange in der Wüste am Kreuz erhöhen, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Zu solchem Werk kommt danach die dritte Person, der Heilige Geist, welcher durch das Wasser der seligen Taufe den Glauben im Herzen anzündet, uns also eine Wiedergeburt zum Reiche Gottes schenkt.

    Dieses ist eine sehr tröstliche Predigt, die uns ein fröhliches Herz gegen Gott machen soll; darin wir sehen, dass alle drei Personen, die ganze Gottheit, sich dahin wendet und damit umgeht, dass den armen, elenden Menschen wider die Sünde, den Tod und Teufel zur Gerechtigkeit, ewigem Leben und dem Reich Gottes geholfen werde. Wie können wir denn vor Gott unserer Sünden wegen uns fürchten? Wie können wir ein böses Herz zudem haben? Wenn er uns unserer Sünde willen verdammen wollte, wie wir immer wieder uns sorgen, besonders wenn das Stündlein kommt: So würde der Vater seinen eingeborenen Sohn nicht gegeben haben, Vater und Sohn würden uns nicht zum Bad der Wiedergeburt und unter des Heiligen Geistes Flügel gefördert haben. Also ist dieser Artikel von der Dreieinigkeit auf das schönste und freundlichste hier angezeigt. Aber davon ist in der nächsten Predigt noch genug gehandelt, wollen deswegen jetzt das Evangelium von Stück zu Stück vor uns nehmen, in welchem wir hören, wie der Herr mit Nikodemus, dem Schriftgelehrten, eine lange Diskussion hat, in welcher der alte gute Mann sich ganz und gar nicht zurecht finden dann. Wir müssen zuerst erkennen, was den Nikodemus gehindert hat, dass er gar nicht weiß, was der Herr redet und haben will.

    Eine gute Sache ist es, dass Nikodemus dem Herrn nachgeht, und weil er es öffentlich nicht darf, geschieht dieses zur Nacht. So sehen wir an seinen Worten auch, dass er es mit dem Herrn Jesus Christus nicht übel meint, sondern sehr viel von ihm hält, ihn hält für einen besonderen Prediger, welchen Gott in die Welt gesandt und seine Lehre mit herrlichen Wunderwerken bestätigt hat. Solche Worte redet er nicht aus einem falschen Herzen, wie die Pharisäer, Matthäus 22,16: „Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist, und lehrst den Weg Gottes recht.“ Nein, wie Nikodemus redet, so meint er es auch in seinem Herzen, dass unser lieber Herr Jesus Christus muss ein besonderer und teurer Lehrer sein, weil Gott mit so trefflichen Wunderzeichen seine Lehre bestätigt.

    Dieser Gedanke gefällt unseren Heiland wohl. Darum, weil Nikodemus ihn sehr als den höchsten Lehrer rühmt, so will er ihm jetzt dafür die höchste Predigt halten, von dem höchsten und größten Werk, wovon man predigen kann, nämlich, wie man das Reich Gottes sehen könne, das ist, wie man könne von Sünden los werden, zu Gottes Reich kommen und das ewige Leben erlangen. Denn dieses ist die Predigt, welche allein der Sohn Gottes vom Himmel zu uns auf Erden gebracht hat, wie Johannes sagte: „Der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat es verkündigt.“

    Das ist wahr, dass alle Welt je und je sich damit bekümmert, und sich besondere Weisen und Wege gemacht und ausgedacht hat, selig zu werden. Denn Nikodemus selbst kommt mit den Gedanken, er wisse, Gott Lob! auch ohne Christus, wie er solle und könne selig werden. Meint, weil er ein Jude ist und das Gesetz hat, habe er den Vorteil, der könne wissen, was er tun soll, wenn er Gott zu Gefallen leben und den besten Gehorsam erzeigen will. An diesem meint er, hat der genug, denkt nicht, dass es eine ganz andere Meinung hat, wie er jetzt von Christus hören wird. Wie wir auch an den Katholiken sehen. Wenn ein Mönch es soweit bringt, dass er seinem Orden oder Kloster genug bringt, so denkt er, er säße schon bei Gott im Schoß, wie der Pharisäer in Lukas, 18. Kapitel, der sein Fasten, Zehnten geben und andere gute Werke rühmt. In der Summe, die Menschenherzen sind so gestaltet. Wenn sie sich fürchten und entsetzen, wenn sie ihre Sünde fühlen, so trauen und hoffen sie, sie seien mit Gott wohl dran, wenn sie äußerlich fromm sind, und keine bösen Taten haben, wodurch ihr Gewissen erschreckt und zaghaft wird. Darum nimmt sich einer dies, jener ein anderes vor, jeder wie es ihn am besten gefällt, womit er meint, vor Gott bestehen zu können. Der Jude hat seinen Mose, ein Mönch sein Kloster. Wir sind alle in dem Wahn, wenn wir die Zehn Gebote halten, so hätten wir keine Not vor Gott. So denkt Nikodemus auch. Aber weil er Christus für einen hohen, besonderen Prediger hält, will Christus sich also gegen ihn beweisen und gibt ihm diesen Unterricht: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.

    Nun, hier steht der Handel mit klaren, runden Worten, und Christus lässt sich hier hören als ein besonderer Lehrer; denn so etwas hat Nikodemus zuvor nicht gehört, darum versteht er es auch nicht. Dieses aber versteht er wohl, dass er noch nicht wiedergeborenen ist. Wie er aber zur Wiedergeburt kommen soll, davon weiß er nichts.

    Da denke nun du auch drüber nach, was doch unser Heiland mit diesem Spruch will. Denn so man das Reich Gottes nicht sehen kann, man sei erst wiedergeboren: daraus folgt ja, dass so, wie wir geboren sind mit Vernunft, freiem Willen, mit dem Gesetz und allen guten Übungen, welche beides die Vernunft und der Wille kann erfüllen, müssen wir verdammt sein; dieses alles hilft nicht zum Reich Gottes. Was ist aber das für ein jämmerlicher Handel, dass man die Leute von dieser Wiedergeburt nichts lehrt, sondern verweist sie bloß, wie der Papst tut, auf eigene Werke, dass sie dadurch selig werden sollen? Wie reimt sich diese Lehre mit Christus hier? Sie sprechen: Gute Werke machen selig. Christus spricht: Bist du nicht wieder geboren, so wirst du nicht selig.

    Nun ist es aber wahr und kann man nicht leugnen, dass ein Mensch selbst und aus eigenen Kräften, wie man an den Heiden sieht, kann sich zur Zucht, Ehrbarkeit und Tugend gewöhnen. Wie man sieht, dass nicht alle Menschen Mörder, Ehebrecher, Hurer, Diebe, Weinsäufer, Müßiggänger sind, sondern viel fromme, ehrbare Leute vor der Welt sind. Solches sind alles herrliche, schöne Tugenden und Werke, dazu man auch jedermann anhalten soll; denn Gott fordert dieses in den zehn Geboten. Aber das ist beschlossen, es können so viel gute Tugenden und gute Werke sein, wie sie wollen: Ist die Wiedergeburt nicht da, so gehört alles an Tugenden und Werken zum Teufel und in die Hölle. In den Himmel und in das Reich Gottes geht es dadurch nicht. Dieses sagt Christus selbst und es soll niemand daran zweifeln.

    Die Vernunft aber ist gefangen, die Vernunft redet: Stehlen, Morden, Ehebrechen missfällt Gott und er straft es, da muss man ja denken, dass, wenn man diese Sünden meidet, es Gott wohl gefällt und er es belohnt; sonst, spricht die Vernunft, müsste Gott ungerecht sein. Nun ist es wahr, es gefällt Gott wohl, solche und andere Sünde zu meiden und Gutes zu tun; dieses will er auch nicht unbelohnt lassen. Aber das Himmelreich sehen, da gehört etwas anderes und Größeres zu, nämlich, dass man, wie hier steht, anders geboren werde. Darum ist Gott dem Pharisäer in Lukas 18 nicht darum Feind, dass er kein Räuber, kein Ehebrecher noch Ungerechter ist, wie andere Leute, dass der fastet und den Zehnten gibt. Solches lässt sich Gott wohl gefallen, wenn nicht die schändliche Untugend daran hinge, dass er meinte, er würde dadurch in den Himmel kommen, meint auch, er wäre viel besser als andere Sünder.

    Darum ist es hier beschlossen: Die Vernunft ist ein edel, köstliches Ding, der Willen zum Guten ist auch sehr edel und ein köstliches Ding, das Gesetz und die Zehn Gebote, ein feiner, ehrbarer Wandel sind alles herrliche, große Gaben, wofür man Gott danken soll: Aber wenn man vom Reich Gottes sagt, wie man dazu kommen soll, da helfen weder Vernunft, Wille, Gesetz, oder andere gute Werke zu; allein das macht es, dass man von neuem geboren wird; anders kann man das Reich Gottes nicht sehen, sondern man muss mit Vernunft, freiem Willen, Gesetz und zehn Geboten verdammt sein und bleiben.

    Ja, sprichst du, so will ich besser gar nichts Gutes tun? Nein, das taugt auch nicht, und wird dir mit dieser Weise das Gericht Gottes nur noch schwerer werden. Darum tue beides, übe dich, die Zehn Gebote zu halten, und bekenne doch mit rechtem Ernst daneben, dass du ein armer Sünder bist, der wegen seines Tuns wegen ewig müsste verdammt sein. Danach höre unserem Heiland Christus weiter zu, wie er wiederum tröstet, nachdem er, unserer ersten Geburt wegen, uns die Seligkeit so einfach abgesagt hat.

    Nikodemus fühlt das harte Urteil sehr wohl. Er denkt sich, was doch die Wiedergeburt sei, und merkt, dass er in leiblicher Weise nicht noch einmal wieder geboren werden kann von Vater und Mutter, fragt deshalb, wie so etwas zu gehen soll? Denn daraus kann ja nichts werden, spricht er, dass ich noch einmal in meiner Mutter Leib kriechen und auf ein Neues sollte geboren werden. Mit solcher Frage bringt er unseren Heiland dahin, dass er lehrt, wie die Wiedergeburt zugehen muss, und spricht:

„Wahrlich, wahrlich, die sage dir, wenn jemand nicht geboren werde aus dem Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen. Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.“

    Hier spricht unser Heiland ein Urteil gegen die erste Geburt, dass diese fleischlich und voller Sünden ist, und zum Reich Gottes nicht gehört. Als wollte er sagen: Du fragst, ob du von deiner Mutter anders geboren werden müsstest. Wenn du tausendmal anders von deiner Mutter geboren würdest, so wärest du und bliebest der alte Nikodemus. Vom Fleisch kann nichts als Fleisch geboren werden. Darum gehören zu dieser Wiedergeburt nicht Vater und Mutter, weil beide Fleisch und voll Sünden sind; sondern es gehören dazu Wasser und Geist. Wer so wieder geboren ist, der ist ein neuer Mensch und wird in das Reich Gottes kommen.

    Dieses wird ohne Zweifel dem Nikodemus ein sehr lächerlicher Handel gewesen sein, er wird gedacht haben: Nun, sollen es meine Vernunft und Wille, und auch das Gesetz und Mose nicht können, und das Wasser vermag es: Was ist dies für eine Meinung? Hier wird der gute Mann so irre, dass er nicht weiß, was er sagen soll, wohl muss frei bekennen, dass er kein Wort versteht, obwohl er Mose und die Zehn Gebote sehr gut versteht, deswegen meint er auch, er sei ein großer Lehrer.

    Lasst uns nun die Worte fleißig merken und den Handel gut zusammenfassen. Beschlossen ist es, gute Werke sollen wir tun, und uns im Gehorsam des Gesetzes üben; aber dadurch sehen wir das Reich Gottes nicht. Wollen wir es aber sehen, so müssen nicht unsere Werke, sondern es muss ein anderer und neuer Mensch werden. Dieses geschieht nicht durch die leibliche Geburt, sondern durch Wasser und Geist; dieses sind die rechten Vater und Mutter zu dieser neuen Frucht

    Das Wasser nun ist anderes nichts als die heilige Taufe. Denn so spricht Christus, Markus im 16. Kapitel, Vers 16: „Wer glaubt und getauft wird, der wird selig.“ Nun aber hat das Wasser solche reine Kraft nicht von Natur aus. Denn Wasser ist Wasser, das ist, ein Element und Kreatur, die für sich selbst das Herz nicht rühren rund nicht ändern, oder die Sünden abwaschen kann. Kleider und was Unflat an der Haut ist, kann man mit Wasser reinigen und säubern, aber die Seele lässt sich durch Wasser nicht rühren noch reinigen. Das Wasser aber, wovon der Herr hier spricht und wir dazu Taufwasser sagen, ist nicht ein bloßes, natürlich es Wasser; sondern es ist ein Wasser, da Gottes Worte, Befehl und Verheißung drin sind. Da kommen zwei Dinge zusammen, Wasser und Wort, und werden so ineinander gefügt, dass man keines vom anderen abschneiden kann. Tust du das Wort vom Wasser, so hast du keine Taufe; tust du das Wasser vom Wort, so hast du auch keine Taufe. Wenn aber Wasser und Worte zusammen bleiben, da ist dann ein solches Wasser, in welchem der Heilige Geist ist, und durch dasselbe wirst du zum Reich Gottes wieder geboren, das ist, dir deine Sünde vergeben und er dich selig machen will.

    Darum sollen wir diesen Spruch fleißig merken, hauptsächlich gegen das blinde Volk der Wiedertäufer, welche die Kindertaufe für untüchtig und unfruchtbar achten. Aber wie kann diese Taufe untüchtig sein, so du hier hörst, dass durch Christus das Wasser dazu auch wird, dass es zur Wiedergeburt durch die Mitwirkung des Heiligen Geistes helfen soll? So nun die Kinder bedürfen, dass sie wieder geboren werden, und sonst das Reich Gottes nicht sehen können: Warum wollte man doch ihnen die Taufe verweigern? Oder es dafürhalten, als sollte solches Wasser, so in Gottes Worte gefasst und mit Gottes Wort verbunden ist, ihnen zur Wiedergeburt nicht hilfreich sein? Ist es nicht wahr, dass die Worte Christi uns dahin dringen, wer wieder geboren werden will, der muss durch das Wasser wieder geboren werden? Also, obwohl das Wasser ohne den Heiligen Geist nichts schafft, so will dennoch der Heilige Geist seine Wirkung ohne dass Wasser in uns nicht haben.

    Deswegen ist es ein schrecklicher großer Irrtum, dass an etlichen Orten etliche Prediger die Kinder ohne Wasser getauft haben. Denn soll die Taufe richtig sein und der Mensch zur Wiedergeburt kommen, so muss nicht allein Wort, nicht allein Geist, sondern auch Wasser dabei sein. Denn so hat es Christus hier geordnet, und mit dieser Ordnung soll niemand brechen.

    Das Wassertaufen sieht man mit den Augen, aber die Wirkung der Wiedergeburt, welche der Heilige Geist durch solches Taufen dem Herzen anrichtet, sieht man nicht. Auf dass man aber um solcher heimlichen, unsichtbaren Wirkung willen des Heiligen Geistes das äußerliche, schlichte, unansehnliche Wassertaufen nicht verachte, darum spricht der Herr zu Nikodemus weiter: „Lass dich’s nicht wundern, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, von wo er kommt, und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.“

    Dieses sind sehr einfältige Worte, wie auch das Werk einfältig und schlicht ist. Denn es hat kein besonderes Ansehen bei unserer Vernunft. Dass man ein Kind, oder einen alten Menschen, herbringt und bekennt, es liege wegen der Sünden unter des Teufels Banden, und kann sich selbst davon nicht freimachen, und soll doch in solcher hohen, großen Not mehr nicht tun, als das man im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes ein wenig ins Wasser tauche oder mit Wasser begieße. Aber, spricht Christus, verachte ja niemand um solches schlichten Aussehens willen dieses Werk. Denn der Heilige Geist führt sein Werk heimlich; da gehört der Glaube zu, der die Worte fasst, und nicht daran zweifelt, es sei also, wie die Worte hier lauten. Denn mit den Augen wirst du es nie sehen, verstehen noch fassen können. Eben wie es mit dem Wind auch ist: Den Wind hörst du sausen; aber das durch ihn so solltest fassen, dass du sagen könntest: hier fängt er an, da hörte auf, das ist nicht möglich. Also geht es hier auch zu. Das äußerliche Werk mit dem Wasser sieht man, und hört das Worte klingen oder sausen, dass es geschehe in Namen Jesu, zur Abwaschung der Sünden. Wer an das Wort sich nicht halten, und den Geist und seine Wirkung anders fassen oder suchen will, der wird fehlen. Denn soll er aus dem Geist geboren werden, so gehört mehr nicht dazu, als das wer sich taufen lässt mit Wasser, und auf das Sausen (das ist, auf das Wort) merke auf dasselbe und mit Glauben annehme; so wird er zu dem Reich Gottes wieder geboren, und durch nichts anderes.

    Wo sind nun die lästerlichen Rotten und Schwärmer, die mehr nicht können, als vom Geist schreien und rühmen? Aber der ist der böse Geist, der Teufel selbst, der sie leibhaftig besessen hat, weil sie Taufe, Sakrament, Wort, die uns Christus selbst teuer erworben hat, als unnötige, unnütze Dinge zur Seligkeit, verworfen haben. Gott strafe den Lästergeist. (Rotten und Schwärmer sind die Wiedertäufer) So lehrt aber Christus hier nicht, sondern weist uns auf die heilige Taufe und Sausen, das ist, auf das Wort; und warnt, wenn wir uns am Wasser und Sausen nicht genügen lassen können, so werden wir nichts vom Heiligen Geist behalten und nie zu einer neuen Geburt kommen. Deswegen lasst uns unsere Taufe und das Wort als unseren höchsten Schatz befohlen sein, da wir gewiss wissen, wenn wir dabei bleiben, dass wir zum Reich Gottes wieder geboren sind.

    Das ist nun die Lehre, wie man zur Wiedergeburt, das ist, zum Reich Gottes, kommen soll; eine neue, unerhörte Predigt in der Welt, aber die allein gewiss und richtig ist, und uns nicht belügt. Dagegen sind aber alle anderen Lehren falsch und belügen uns, sie haben vor der Welt einen großen Schein. Es hatten auch das Leben der Pharisäer und das Judentum, sowie das ganze Papsttum mit den Mönchen, einen besonderen Schmuck und großer Schein; ebenso, wenn Menschen sich fein züchtig, ehrbar und nach den zehn Geboten halten: Aber durch dieses alles wird man nicht wieder geboren. Allein das Wasser und der Geist müssen es tun, welcher doch sich nicht anders sehen oder merken lassen will, als wie der Wind durch sein Sausen. Wer das Sausen annimmt, das ist, wer dem Wort glaubt und getauft wird, der ist wieder geboren und wird selig.

    Aber Nikodemus steckt so tief in seinen Gedanken vom Gesetz und von guten Werken, dass er diese Predigt nicht fassen und verstehen kann. Wie wir ja bei den Katholiken auch sehen, die es richtig meinen und auch nicht böse sind, aber das liegt ihnen im Weg, dass sie denken: Soll unser Tun denn nichts sein? Soll es den Gott nicht gefallen, dass wir so viel beten, fasten, Tag und Nacht ihm dienen, so ein strenges Leben führen? Darum fährt Christus den Nikodemus auch härter an. Weil er unserem Heiland nicht glauben und auch von ihm nicht weisen lassen will, so spricht er: Bist du ein Meister in Israel, und weißt das nicht?

    Als wollte er sagen: Du bist ein Meister im Volk Gottes, dass du lehren und ihm den Weg zur Seligkeit zeigen sollst. Ach deines Lehrens und Wegweisens! Du bist nicht einmal so weit gekommen, dass du deine eigene Natur und dein eigenes Wesen recht erkennen kannst, dazu noch in den Gedanken stehst, du würdest denn den Himmel kommen, auch wenn du nicht von neuen geboren bist. Damit verwirft unser Heiland den Nikodemus und alle Prediger, die nicht mehr als von Gesetz und guten Werken predigen können, als irrige und verführerische Prediger: Nicht darum, als sollte es nicht richtig sein gute Werke zu lehren und die Leute dazu ermahnen, denn dieses tut Gott selbst durch sein Gesetz, darum ist es recht gut getan; aber das ist Unrecht, dass man die Leute bei dieser Lehre lässt, als wenn man nicht mehr zum ewigen Leben braucht. Denn hier steht es klar: Wenn man Gesetz und Werke aufs Beste befolgt, so können sie doch zum Reich Gottes nicht helfen, es sei denn, dass man wiedergeboren wird durch Wasser und Geist.

    Der Geist nun ist es, der durch das Wasser und Wort andere Menschen und neue Herzen macht. Das Gesetz und die Werke ändern an den Menschen und an den Herzen nichts. Deswegen, wer die Leute zum Himmelreich richtig unterweisen will, der höre was der Heiland hier sagt, fange es nicht mit Werken und Gesetz an, welche das alte Herz nicht ändern, sondern weise die Menschen zur Taufe und Geist, das ist, zum Wort, dadurch der Heilige Geist die Herzen anweht und neu gebiert. Denn eben wie wir von dem Wind mehr nicht erkennen und wissen als das Sausen, so haben wir vom Heiligen Geist auch nicht mehr denn als das Wort; da mögen wir uns dran halten, und des Heiligen Geistes und seiner Wirkung warten. Was nun solches Wort sei, und wie der Heilige Geist sause, lehrt der Herr Christus weiter, und spricht: Niemand fährt in den Himmel, als der vom Himmel heruntergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, der im Himmel ist.

    Hier geht die Predigt an, da der Herr von sagt: „Glaubt ihr mir nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage; wie werdet ihr mir glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sagen würde?“ Denn diese Predigt ist nie in eines Menschen Herz gekommen, sondern der eingeborene Sohn, in der in des Vaters Schoß ist, hat es uns verkündigt. Nun hat solche Predigt zwei Teile. Der erste Teil ist sehr hart und trefflich; denn da ist kurz beschlossen: „Niemand fährt in den Himmel, als der herniedergekommen ist.“

    Das ist genauso als wenn gesagt ist, wie oben: „Wenn jemand nicht wiedergeboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“; das ist, kein Mensch kann zur Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, Seligkeit und ewigem Leben kommen durch das Gesetz, Gute Werke, Vernunft noch freien Willen; ja, wenn gleich das Gesetz, gute Werke, Vernunft rund freier Wille auf das Beste ist, hilft es doch nicht, wir sind und bleiben arme, verdammte Sünder, und können in den Himmel nicht kommen. Dieses ist ein heller und klarer Spruch, der den Juden und Katholiken, wo sie es glaubten, alles Vertrauen auf eigene Werke und Frömmigkeit nehmen sollte. Denn, sage mir, welcher Mensch ist vom Himmel gekommen? Keiner, Adam und Eva selbst nicht; der eingeborene Sohn Gottes von der Jungfrau Maria ist es, wie Johannes hier sagt. So denn nun niemand in den Himmel fahren soll, als der vom Himmel heruntergekommen ist, so ist es fest beschlossen, und wird nie ein Mensch es anders machen können. Alle Menschen, wie sie von Vater und Mutter auf diese Welt geboren sind, müssen unten bleiben, und werden in den Himmel so nicht kommen, kommen sie aber in den Himmel nicht, wo werden sie denn bleiben? Auf Erden haben sie auch keine gewisse, beständige Herberge, denn sie müssen sterben. Wenn sie aber nicht in den Himmel kommen, so müssen sie im Tode bleiben. Dieses ist das Urteil, welches Christus über die ganze Welt fällt, niemand ausgenommen, es sei Adam, Eva, Abraham, Mose, David, alle müssen sie hier unten bleiben und können von sich selbst nicht in den Himmel kommen. Denn der allein fährt in den Himmel, der vom Himmel heruntergekommen ist. Wo bleiben denn nun die guten Werke, Verdienst, Gesetz, freier Wille? Alles dieses gehörte in die Hölle, und hilft uns nicht in den Himmel, das ist gewiss.

    Ja, sprichst du, sollen denn alle Menschen verdammt sein und verloren werden? Ja, ihretwegen ist es unmöglich, dass es könnte anders sein, sie tun und lassen, was sie immer wollen oder können, sie werden doch keinen Weg oder ein Loch in den Himmel machen. Ein einziger Weg aber ist es, den wir nicht machen, sondern der Sohn Gottes. Davon predigt Christus weiter und sagt: Wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöht hat, so muss des Menschen Sohn erhöht werden. Auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

   Dieses ist der andere Teil von dieser himmlischen Predigt, und das rechte Sausen des Heiligen Geistes; und es ist ja so tröstlich, wie der erste Teil schrecklich ist. Denn ein schreckliches Urteil ist es, dass niemand in den Himmel fahren und selig werden soll. Es dient aber solches schreckliche Urteil dazu, dass der Herr damit zeigen will, wie unsere erste Geburt sündhaft ist, und nichts an uns ist, dessen wir des ewigen Lebens wert sind, auf das wir nicht allein sicher noch hoffärtig werden, sondern in uns schlagen, uns vor Gott demütigen und Gnade begehren. Da geht dann der richtige Trost an, dass, eben wie du vorher gehört hast, kein Mensch in den Himmel kommt: Also hörst du hier, dass alle, die da glauben an Jesus Christus, die sollen nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Das ist nun das liebliche Sausen, wo man den Heiligen Geist spüren und fassen kann.

    Denn da müssen beide Predigten in der Christenheit gesprochen werden. Die erste, von der Sünde und unserer verdorbenen Art und Natur, dass wir unseres Werkes, Lebens, Tuns und Lassens wegen ganz verzagt sein müssen, dass wir merken, so kommen wir nicht in den Himmel. Wenn nun die Herzen durch solche Predigt richtig getroffen und erschreckt sind, da muss auch der Trost folgen, wie Jesus Christus, der Sohn Gottes, vom Himmel herunter auf die Erde gekommen, unser Fleisch und Blut an sich genommen, und den Tod unserer Sünde erlitten hat, auf dass wir dadurch von den Sünden frei und wieder zum Erbe des ewigen Lebens gebracht werden sollen. Wer diese Predigt annimmt, dass er es fürwahr hält und sich tröstet, der ist genesen, dass ihn Christus nicht hier unten auf Erden und im Tode lassen, sondern will ihn mit sich hinauf in den Himmel führen.

    Dieses ist die Predigt von himmlischen Dingen. Diese will aber auch heute nicht in die Leute, und besonders nicht in den Nikodemus, das ist, wenn die, so mit den Gedanken kommen, wenn man das Gesetz halte, so bedarf man weiter zur Seligkeit nichts mehr. Denn diese sind es, die erstlich nicht wissen, obgleich das Gesetz recht und gut ist, dass es doch uns darum nicht helfen und nützen kann, weil wir von Natur böse sind, und um solcher angeborenen, mitgebrachten Bosheit wegen dem Gesetz nicht genug können tun, ob wir auch gleich dem Schein nach der äußerlichen Werke etwas tun. Zum anderen wissen sie das viel weniger, dass wir durch diesen Menschen, den Sohn Marias, der allein vom Himmel gekommen ist, in den Himmel kommen werden. Hieraus wächst ein anderer sehr großer Schaden, dass sie nicht allein sich auf Werke und eigene Gerechtigkeit verlassen, sondern sie verachten und verfolgen die Gerechtigkeit, die da kommt aus dem Glauben an Jesu Christum. Wie wir an den Katholiken sehen, die nichts weniger dulden können, ja gegen nichts heftiger streiten, als dass wir lehren, wir müssen allein durch den Glauben an Jesus Christum selig werden, mit guten Werken werden wir es nicht ausrichten. Das haben wir nicht erdacht; Christus, unseren Herrn, reden wir das nach, der die Wahrheit selbst ist. Wer diesem nicht glauben will, der lasse es.

    Im vierten Buch Mose, 21. Kapitel, steht eine solche Geschichte, dass das Volk Israel in der Wüste verdrossen geworden war und gegen Mose gemurrt, und besonders die herrliche Wohltat, dass ihnen Gott in der Wüste ein Himmelsbrot gegebenen hat, verachtet hatte. Solche Sünde straft Gott so, dass er giftige Schlangen kommen ließ, die bissen die Israeliten. Von diesem Biss entzündete sich der Leib und brannte wie das höllische Feuer, dass sie umfielen und viele davon sterben mussten. Da erkannten sie ihre Sünde, dass sie unrecht getan hatten, und gingen zu Mose, und baten, Mose soll den Herrn bitten, dass er ihnen von der Plage der Schlangen helfen soll. Der Herr befahl Mose, er sollte eine eherne Schlange machen und sie in der Wüste aufrichten. Wer dann auf die eherne Schlange sieht, der soll gesund werden und nicht sterben.

    Diese Geschichte führt der Herr hier ein und zieht sie auf sich, dass er auch so müsse erhöht werden, wie die Schlange. Wer dann das ansehen, das ist, wie er selbst auslegt, an ihn glauben wird, der soll nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

    Hier lasst uns zum ersten die Ursache des schrecklichen Urteils, dass der Herr vorher zweimal über alle Menschen gefällt hat, bedenken, da er spricht: Niemand fahre in den Himmel, als des Menschen Sohn, der vom Himmel heruntergekommen ist; sowie: Wenn jemand nicht von neuem geboren werde, könne er das Himmelreich nicht sehen. Wo kommt nun dem Menschen dieser Jammer her, dass er nicht so in den Himmel kommen und bleiben kann, so wie er von erster Geburt ist, auf ewig verloren ist? Nirgendwo anderswo her, als dass die alte Schlange, der Teufel, den ersten Menschen so gebissen und durch die Sünde so vergiftet hat, dass er den Tod am Hals hat, und ist unmöglich, dass er sich selbst eine Arznei geben oder sich selbst helfen könnte. Wie man an dem guten sieht, was gebissen war, war des Todes, es gab keine Arznei. So ist es mit uns allen. Denn der Sünden Sold ist der Tod, und wo Sünde ist, da muss der Tod auch folgen. Weil nun alle Menschen in der ersten Geburt von Vater und Mutter als Sünder geboren werden, müssen sie auch das Urteil tragen und den Tod darum leiden. Wie der Herr dem Adam und Eva mit ausdrücklichen in Worten droht: „An welchem Tag ihr von diesem Baum essen werdet, sollt ihr des Todes sterben.“

    Aber da lässt Gott seine Barmherzigkeit leuchten, dass er diesen armen, vergifteten und zum Tode verurteilten Menschen nicht verderben will, und eben, wie er dort heißt eine eherne Schlange aufrichten, die den anderen Schlangen gleich aussah, aber dass sie kein Gift hatte und wieder vom Gift helfen sollte, so lässt er seinen Sohn erhöhen am Stamm des Kreuzes, auf das alle, die ihn ansehen, nicht verloren, sondern vom Tod Heil werden und das ewige Leben haben sollen. Unser Heiland führt am Kreuz auch die Gestalt der giftigen Schlange, aber er ist kein Gift, sondern nur das bloße Ansehen. Denn Christus, ob er wohl unser Fleisch und Blut angenommen hat, so ist es doch ein Fleisch und Blut ohne Gift und Sünde, ja, es dient dazu, dass uns von dem Gift und den Sünden geholfen wird.

    Dieses ist das richtige Sausen des Heiligen Geistes, dadurch Christus die neue Geburt im Herzen anrichtet, dass man glaube, und solche eherne Schlange mit gewisser Zuversicht ansehen und gesund werde. Aber es wird bei den Juden nicht anders gegangen sein, einige werden es verachtet und gesagt haben, meinst du, dass dieser Anblick helfen wird? Ich glaube, wenn man diese oder eine andere Arznei hätte, was aber soll die eherne Schlange für eine Kraft haben? Oder, so eine Kraft bei ihr wäre, wie soll solche Kraft wirken, wenn man die Schlange anfassen und aufs Maul drücken, aber das nur durch das Ansehen uns soll geholfen werden?

    So geht es noch heutigen Tages mit der rechten ehernen Schlange, unseren Heiland Jesus Christus. Alle Menschen denken, soll ihnen geholfen werden, so kann es das bloße Ansehen oder der Glaube nicht tun. Wer gute Werke tut und sich nicht versündigt, der müsste bei Gott mehr Vorteile haben. Darum predige man, es hilft doch nicht. Dieser nimmt sich dieses vor, ein anderer etwas anderes, denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Sie wollen einen anderen Weg zu der Gesundheit finden als das Ansehen, das ist, den Glauben an Jesu Christus. Aber du lerne: Beschlossen ist es, der Teufel hat dich durch die Sünde so vergiftet, dass du darum den ewigen Tod am Hals hast; da kannst du nicht weglaufen, sondern musst schlecht herhalten. Soll dir aber von solchem Gift und dem Tod geholfen werden, so denke du an keine andere Arznei als nur an diesen Anblick, dass du den erhöhten Christus am Kreuz mit rechten Augen ansiehst, dass er für dich gestorben, sein Leben geopfert, mit seinem Tod für deine Sünde bezahlt, und dich so mit Gott versöhnt hat. Glaubt du das und bist getauft, so bist du richtig wieder geboren durch den Heiligen Geist zum Reich Gottes, da sollst du nicht dran zweifeln. Denn das hast du oben gehört, dass diese Wiedergeburt so zugeht, dass es auch kein anderes Mittel gibt als nur das Sausen, das ist, an das Wort muss man sich halten, und glauben, wie es Christus uns vorsagt, dass es also wahr und Amen sei.

Also haben wir auf das einfältigste die Lehre des heutigen Evangeliums: Dass wir Menschen von Natur Sünder und des ewigen Todes würdig sind. Aber dadurch sollen wir vom ewigen Tod erlöst werden, wenn wir den Menschen Christus Jesus am Kreuz ansehen, dass er für uns da bezahlt, den Tod erwürgt, und uns mit Gott versöhnt und zum ewigen Leben gebracht hat.

    Diese Lehre ist es, die andere Menschen und ganze neue Herzen macht, dass wir in Sünden, im Tod und anderer Anfechtung sagen können. „Es ist wahr, die alte Schlange, der Teufel, hat mich übel gebissen und schrecklich vergiftet, aber dagegen tröste ich mich, dass ich weiß, wenn auch mein Herr Jesus Christus seiner Menschheit wegen auch das Ansehen hat, er sei voller Gift wie eine andere Schlange, so hat er doch kein Gift an sich, sondern darum hängt er, dass er mich von meinem Gift reinigen und mir helfen will gegen meine Sünden, Tod und Teufel. Deswegen lass nur den Teufel getrost kommen, lass den Teufel mich fressen und mir alles Unglück anlegen, ich will mich an meinen Herrn und Heiland Jesus Christus halten, und mich dessen trösten, dass er darum erhöht ist, auf das die, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

    Wo also dieser Trost gegen das ewige Gift im Herzen ist, da wird auch weiter ein feines, freundliches Leben folgen gegen andere Leute. Wir können so etwas von unseren Herrn Jesus Christus erwarten, dass er uns gegen alles Unglück hilft, so sollen auch wir Hilfe erweisen wo wir können. Denn ein solcher Mensch sieht weit um sich, und ob ihm gleich von anderen Leuten Unrecht geschieht, so lässt er sich doch nicht zum Zorn reizen, sondern erbarmt sich über sie. Denn er sieht, dass solches nirgends anders herkommt, als von dem Gift, welches wir alles durch den Biss des Teufels empfangen haben, sucht deswegen Mittel, wie er andere auch dahin bringen kann, dass sie zu dieser Arznei kommen und von dem schädlichen Gift erlöst werden. So ist diese Lehre der rechte Brunnen und Quelle, da alle Tugend, aller Trost, alle Freude und Sicherheit herkommt. Gott, der allmächtige, barmherzige Vater, möchte uns um seines lieben Sohnes Christi Willen in dieser Lehre erhalten und dass wir von Tag zu Tag darin wachsen, dass wir ja den Anblick nicht verlieren, und so durch rechten Glauben an Jesus Christus vom ewigen Tod erlöst werden, Amen.

 

„So ist das wahre und eigentliche Amt des Gesetzes anzuklagen und zu töten; das des Evangeliums, lebendig zu machen.“ (Luther, WA 39 I, 382,22; 363,19)

„Gesetz und Evangelium können und dürfen nicht getrennt werden, ebenso wenig wie Buße und Sündenvergebung. Denn auf diese Weise sind sie miteinander verbunden und verflochten.“  (Luther, WA 39 I, 416,8)

 

 

AUSLEGUNG DES

GLAUBENSBEKENNTNISSES

Das Glaubensbekenntnis teilt sich in drei Hauptstücke, weil darin von den drei Personen der heiligen göttlichen Dreieinig­keit die Rede ist; das erste ist dem Vater, das zweite dem Sohn, das dritte dem Heiligen Geist gewidmet. Denn der letzte ist der wichtigste Artikel im Glau­bensbekenntnis. In ihm sind die anderen alle inbegriffen.

Hier gilt es nun zu beachten, dass auf zweierlei Weise ge­glaubt wird:

1. von Gott; das ist, wenn ich glaube, dass es wahr ist, was man von Gott sagt, wie, wenn ich glaube, dass es wahr ist, was man vom Türken, vom Teufel, von der Hölle sagt. Dieser Glaube ist mehr ein Wissen oder eine Kenntnis als ein Glaube.

2. an Gott; das ist, wenn ich nicht nur glaube, dass es wahr ist, was von Gott gesagt wird, son­dern mein ganzes Vertrauen in ihn setze, es ihm gebe und es wage, mich mit ihm einzu­lassen; wenn ich ohne jeden Zweifel glaube, dass er so zu mir sein und so an mir handeln wird, wie man von ihm sagt.

Auf solche Weise würde ich dem Türken oder einem Men­schen niemals glauben, wie hoch man ihn auch loben würde. Denn ich will gern glauben, dass ein Mann gut und fromm ist, wage es aber darum doch nicht, auf ihn zu bauen. Ein solcher Glaube, der es wagt, auf Gott, wie von ihm gesagt wird, es sei im Leben oder im Sterben, fest zu vertrauen, nur der macht einen Christenmenschen und erlangt von Gott alles, was er will. Der kann kein böses, falsches Herz haben, denn das ist ein lebendiger Glaube. Er wird im ersten Gebot gefordert, das da sagt: „Ich bin dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben“ (2. Mose 20,2; 5. Mose 5,7).

Darum ist das Wörtchen „an“ sehr gut hinzugesetzt und mit Fleiß wahrzunehmen, damit wir nicht sagen: „Ich glaube Gott dem Vater“ oder „ich glaube von dem Vater“, sondern „ich glaube an Gott den Vater, an Jesus Christus, an den Heiligen Geist“. Und diesen Glauben soll man niemand geben außer allein Gott. Darum wird die Gottheit Christi und des Hl. Geistes damit bekannt, dass wir an ihn wie an den Vater glauben. Und wie es ein gleicher Glaube ist an alle drei Personen, so sind die drei Personen auch ein Gott.

 

Der erste Teil des Glaubens:

    Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden.

 

Das ist:

    Ich entsage dem bösen Geist aller Abgötterei, aller Zauberei und Missglaubens.

    Ich setze mein Vertrauen auf keinen Menschen auf Erden, auch nicht auf mich selbst, noch auf meine Gewalt, Kunst, Gut, Frömmigkeit oder was ich haben mag.

    Ich setze mein Vertrauen auf keine Kreatur, sie sei im Himmel oder auf Erden.

    Ich erwäge und setze mein Vertrauen allein auf den bloßen unsichtbaren einigen Gott, der Himmel und Erden geschaffen hat und allein über aller Kreatur ist. Wiederum entsetze ich mich nicht vor aller Bosheit des Teufels und seiner Gesellschaft, denn mein Gott über sie alle ist.

    Ich glaube nichtsdestoweniger an Gott, ob ich gleich von allen Menschen verlassen oder verfolget werde.

    Ich glaube nichtsdestoweniger, ob ich arm, unverständig, ungelehrt, verachtet bin oder mir aller Dinge mangelt.

    Ich glaube nichtsdestoweniger, obwohl ich ein Sünder bin. Denn dieser mein Glaube soll und muss schweben gegen alles, was da ist und nicht ist, über Sünde und Tugend und über alles, auf dass er an Gott lauter und rein sich halte, wie mich das erste Gebot dringet.

    Ich begehre auch kein Zeichen von ihm, ihn zu versuchen.

    Ich traue beständig auf ihn, wie lange er auch verzieht und setze ihm kein Ziel, Zeit, Maß oder Weise, sondern stelle es alles anheim seinem göttlichen Willen in einem freien, richtigen Glauben.

    Da er denn allmächtig ist, was mag mir gebrechen, das er mir nicht geben und tun könne?

    Da er der Schöpfer Himmels und der Erden ist und aller Ding ein Herr, wer will mir etwas nehmen oder schaden? Ja, wie sollen mir nicht alle Dinge zugute kommen und dienen, wenn er mir Gutes gibt, dem sie alle gehorsam und untertan sind?

    Da er denn Gott ist, so kann er und weiß, wie er‘s machen soll mit mir auf‘s beste; da er Vater ist, so will er‘s auch tun und tut es herzlich gerne.

    Da ich daran nicht zweifle und setze mein Vertrauen so auf ihn, so bin ich gewiss und sein Kind, Diener und Erbe ewiglich und wir mir geschehen, wie ich glaube.

 

Der zweite Teil des Glaubens:

    Und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

 

Das ist:

  Ich glaube nicht allein, dass Jesus Christus wahrhaftiger einziger Gottessohn ist, in einer ewigen göttlichen Natur und Wesen, von Ewigkeit immer geboren, sondern auch, dass ihm vom Vater alle Dinge unterworfen sind und auch nach der Menschheit mein und aller Ding ein Herr gesetzt ist, die er mit dem Vater nach der Gottheit geschaffen hat.

    Ich glaube, dass niemand an den Vater glauben und zu dem Vater zu kommen vermag, weder durch Kunst, Werk, Vernunft noch alles, das man nennen kann im Himmel und auf Erden, als allein in und durch Jesus Christus, seinem einzigen Sohn, das ist, durch den Glauben an seinem Namen und Herrschaft.

    Ich glaube fest, dass er mir zugut empfangen ist von dem Heiligen Geist, ohne alles menschliche und fleischliche Werk, ohne leiblichen Vater oder Mannessamen, auf dass er mein und aller, die an ihn glauben, sündliche, fleischliche, unreine, verdammliche Empfängnis reinigte und geistlich machte durch den gnädigen Willen seines und des allmächtigen Vaters.

    Ich glaube, dass er mir geboren ist von der reinen Jungfrau Maria ohne allen Schaden ihrer leiblichen und geistlichen Jungfrauenschaft, auf dass er nach der Ordnung väterlicher Barmherzigkeit meine sündliche und verdammte Geburt und die aller seiner Gläubigen segnete, unschädlich und rein machte.

    Ich glaube, dass er sein Leiden und Kreuz für meine und aller Gläubigen Sünde getragen hat und dadurch alle Leiden und Kreuz gesegnet und nicht allein unschädlich, sondern auch heilsam gemacht hat.

    Ich glaube, dass er gestorben und begraben ist, meine Sünde und die aller Gläubigen ganz zu töten und zu begraben, dazu den leiblichen Tod erwürget und ganz unschädlich, nützlich, heilsam gemacht hat.

    Ich glaube, dass er zu der Hölle niedergestiegen, den Teufel und alle seine Gewalt, List und Bosheit mir und seinen Gläubigen zu dämpfen und gefangen zu nehmen, dass mir der Teufel hinfort nicht schaden kann; und mich von der Höllen Pein erlöset, die auch unschädlich gemacht.

    Ich glaube, dass er sei auferstanden am dritten Tage von den Toten, mir und allen seinen Gläubigen ein neues Leben zu geben, und also mich und alle Gläubigen mit ihm in Gnaden und Geist erwecket hat, hinfort nicht zu sündigen, sondern ihm allein zu dienen in allerlei Gnaden und Tugenden und also Gottes Gebote zu erfüllen.

    Ich glaube, dass er aufgefahren sei in den Himmel und von dem Vater empfangen hat Gewalt und Ehre über alle Engel und Kreaturen und also sitzet zu der rechten Hand Gottes; dass er ist ein König und Herr über alle Gottesgüter im Himmel, in der Hölle und auf Erden. Deshalb kann er mir und allen Gläubigen helfen in allen unseren Nöten gegen alle unsere Widersacher und Feinde.

    Ich glaube, dass er wieder von dort von dem Himmel kommen wird am Jüngsten Tage, zu richten die Lebendigen, die dann gefunden werden, und Toten, die inzwischen verstorben sind, und alle Menschen, alle Engel und Teufel vor seinen Gerichtsstuhl kommen müssen und ihn leiblich sehen; mich und alle seine Gläubigen zu erlösen von dem leiblichen Tod und allen Gebrechen und zu strafen ewiglich seine Feinde und Widersacher und uns von ihrer Gewalt auf ewig zu erlösen.

 

Der dritte Teil des Glaubens:

    Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.

 

Das ist:

    Ich glaube nicht allein, dass der Heilige Geist ein wahrhaftiger Gott ist mit dem Vater und Sohn, sondern auch in und zu dem Vater durch Christus und sein Leben, Sterben und alles, was von ihm gesagt ist, niemand kommen oder etwas von demselben erlangen kann ohne des Heiligen Geistes Werk, mit welchem der Vater und Sohn mich und alle die Seinen rühret, wecket, rufet, zieht, durch und in Christus lebendig, heilig und geistlich macht und so zum Vater bringt, denn er ist das, womit der Vater durch Christus und in Christus alles wirkt und lebendig macht.

    Ich glaube, dass da sei auf Erden so weit die Welt ist nicht mehr als eine heilige allgemeine christliche Kirche, welche nichts anders ist als die Gemeinde oder Versammlung der Heiligen, der frommen, gläubigen Menschen auf Erden, welche durch denselben Heiligen Geist versammelt, erhalten und regiert wird und täglich durch die Sakramente und Gottes Wort gemehrt.

    Ich glaube, dass niemand kann selig werden, der nicht in dieser Gemeinde gefunden wird, einträchtig mit ihr haltend in einem Glauben, Wort, Sakramenten, Hoffnung und Liebe und dass kein Jude, Heide, Ketzer oder Sünder mit ihr selig werde, es sei denn, dass er sich mit ihr versöhne, vereinige und ihr gleichförmig werde in allen Dingen.

    Ich glaube, dass in dieser Gemeinde oder Christenheit alle Dinge gemeinsam sind, eines jeglichen Güter des andern eigen und niemand sich selbst eigen sei, weshalb einem jeglichen Gläubigen alle Gebete und guten Werke der ganzen Gemeinde zu Hilfe kommen, beistehen und stärken müssen zu aller Zeit, im Leben und Sterben, und so ein jeglicher des andern Bürde trägt, wie Paulus lehret.

    Ich glaube, dass da sei in derselben Gemeinde und sonst nirgends Vergebung der Sünden, dass außerhalb derselben nicht Hilfe, wie viel und groß die guten Werke immer sein mögen, zur Sündenvergebung sei, aber in derselben nicht schade, wie viel, groß und oft gesündigt werden mag zu Vergebung der Sünde, welche bleibt, wo und wie lange dieselbe eine Gemeinde bleibt, welcher Christus die Schlüssel gibt und spricht Matthäus 18: Was ihr werdet binden auf Erden, soll gebunden sein in dem Himmel. Desselben zu dem einzelnen Petrus an Statt und Bedeutung der Einzelnen und einen Kirche, Matthäus 16: Was du wirst binden, usw.

    Ich glaube, dass da zukünftig ist eine Auferstehung der Toten, in welcher durch denselben Heiligen Geist wird wieder auferweckt werden alles Fleisch, da ist: alle Menschen nach dem Leib oder Fleisch, Fromme und Böse, so dass eben dasselbe Fleisch, das gestorben, begraben, verwest und auf manche Weise umkommen ist, wieder kommen soll und lebendig werden.

    Ich glaube, dass nach der Auferstehung sein wird ein ewiges Leben der Heiligen und ewiges Sterben der Sünder und zweifele an dem allem nicht, dass der Vater durch den Sohn Jesus Christus, unsern Herrn, mit und in dem Heiligen Geist werde mir diese Stücke lassen geschehen, das ist Amen, das ist: es ist treulich und gewisslich wahr.

 

Was zeigt uns das Glaubensbekenntnis?

Gott schenkt uns in Christus und um Christi willen alles, was wir brauchen, sowohl für unser äußeres Leben (1. Artikel) wie auch zu unserem Heil (2. u. 3. Artikel) und zur Bewahrung im Glauben (3. Artikel).

 

Wie man vor Gott gerecht wird und von guten Werken

(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)

    Was ich davon bisher und stetig gelehrt habe, das weiß ich gar nicht zu ändern, nämlich dass wir durch den Glauben (wie St. Paulus sagt), ein anderes neues reines Herz kriegen und Gott um Christi willen, unseres Mittlers, uns für ganz gerecht und heilig halten will und hält. Ob wohl die Sünde im Fleisch noch nicht gar weg oder tot ist, so will er sie doch nicht rächen noch wissen.

    Und auf solchen Glauben, Erneuerung und Vergebung der Sünden folgen denn gute Werke. Und was an denselben auch noch sündlich oder Mangel ist, soll nicht für Sünde oder Mangel gerechnet werden eben um desselben Christus willen, sondern der Mensch soll ganz, beide nach der Person und seinen Werken, gerecht und heilig heißen und sein aus lauter Gnade und Barmherzigkeit in Christus über uns ausgebreitet. Darum können wir nicht rühmen viel Verdienst und Werk, wo sie ohne Gnade und Barmherzigkeit angesehen werden, sondern wie geschrieben steht 1. Kor. 1: Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn, das ist, dass er einen gnädigen Gott hat. So ist’s alles gut. Sagen auch weiter, dass, wo gute werke nicht folgen, so ist der Glaube falsch und nicht recht.

 

    Nachdem Paulus den Grund der christlichen Lehre gelegt hat, pflegt er Gold, Silber und Edelsteine darauf zu bauen. Der Grund aber ist kein anderer, als er im ersten Brief an die Korinther sagt, nämlich Jesus Christus selbst oder die Gerechtigkeit Christi. Auf diesen Grund baut er nun gute Werke, und zwar wahrhaft gute Werke, die er alle in dieses kurze Gebot fasst: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ … Wen du daher zu wissen begehrst, wie man den Nächsten lieben solle, und ein klares Exempel davon haben willst, so gib sorgfältig Acht, wie du dich selbst liebst. Sicherlich würdest du in Not und Gefahr aufs herzlichste wünschen, dass du geliebt würdest und dir Hilfe zuteil werde mit allem Rat, Gütern und aus allen Kräften aller Menschen und Kreaturen. Darum bedarfst du keines Buchs, welches dich unterrichte und ermahne, wie du deinen Nächsten lieben sollst, denn du hast das schönste und beste Buch, welches alle Gesetze enthält, in deinem Herzen. … Dies ist die vollkommene Lehre vom Glauben und von der Liebe und die kürzeste und längste Theologie. Die kürzeste, was die Worte und Sätze anbetrifft, aber was den Gebrauch und die Sache selbst anbelangt, ist sie breiter, länger, tiefer und höher als die ganze Welt. (Galaterbriefvorlesung, a.a.O., Sp. 661.669.671)

 

DANACH FOLGT DIE AUSLEGUNG DES VATERUNSERS

 

Warum ist das Gebet so elementar wichtig?

„Weil es so mit uns getan ist, dass kein Mensch die Zehn Gebote vollkommen halten kann, ob er gleich angefangen hat zu glauben, und sich der Teufel mit aller Gewalt samt der Welt und unserem eigenen Fleisch dagegen sperrt: Ist nichts so nötig, als dass man Gott immerdar im Ohr liege, rufe und bitte, dass er den Glauben und Erfüllung der Zehn Gebote uns gebe, erhalte und mehre und alles, was uns im Weg liegt und daran hindert, hinweg räume. Damit wir aber wüssten, was und wie wir beten sollen, hat uns unser HERR Christus selbst Weise und Worte gelehrt.“ (Luther, Gr. Kat. III,1-3)

Hier machen wir uns selbst und vor Gott deutlich, dass wir Bettler sind, die Gott nichts bringen können, sondern alles von ihm erwarten und erbitten und so anfangen, die Gebote, vor allem das erste, zu erfüllen; bitten, dass er uns den rettenden Glauben schenke und darin erhalte, weil wir nur durch ihn die Erfüllung der Gebote in Christus haben und anfangen können, sie in unserem Leben umzusetzen; erbitten all das, was wir zum Leben brauchen – und erwarten und vertrauen, dass er als der uns in Christus liebende, barmherzige Vater alles gibt durch sein Wort, Taufe und Abendmahl, zu seiner Zeit, weil er allein der Ursprung alles Guten ist.

Vorrede und Zurüstung zu den sieben Bitten, die wir an Gott richten

„Vater unser, der du bist im Himmel“

Hiermit erkennen und erbitten wir:

    O allmächtiger Gott! Du hast uns deine Barmherzigkeit ganz umsonst erwiesen. Du hast uns nicht nur erlaubt, sondern durch deinen einzigen lieben Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, auch geboten und gelehrt, dass wir durch sein Ver­dienst und Vermittlung dich „Vater“ nennen und als solchen ehren dürfen – und das, obwohl verdientermaßen aller Gerech­tigkeit nach du ein strenger Richter über uns Sünder sein könn­test, die wir so oft und schwer gegen deinen göttlichen allerbesten Willen verstoßen und dich erzürnt haben.

    So gib uns durch dieselbe Barmherzigkeit die tröstliche Zu­versicht in unser Herz, dass du uns als ein Vater liebhast. Und lass uns empfinden den allerlieblichsten, süßen Geschmack kindli­cher Geborgenheit, dass wir dich mit Freuden einen Vater nennen und dich als einen solchen lieben und in allen Nöten anrufen können. Behüte uns, dass wir deine Kinder bleiben und nicht verschulden, dass wir aus dir, unserem allerliebsten Vater, einen schrecklichen Richter und uns selbst aus deinen Kindern zu deinen Feinden machen.

    Du willst auch, dass wir dich nicht nur (jeder für sich) „Vater“, sondern insgesamt „unser Vater“ anrufen und also alle ein­trächtig füreinander bitten sollen. Darum gib uns eine Liebe in Eintracht und Brüderlichkeit, damit wir uns alle miteinander wirklich als Brüder und Schwestern erkennen und achten und dich als unseren gemeinsamen lieben Vater ehren, damit wir für uns alle und für jeden einzelnen bitten, wie es Geschwister vor ihrem Vater tun. Lass niemanden unter uns das Seine suchen und den anderen vergessen vor dir, son­dern allen Hass, Neid und Streit ablegen, damit wir als wirkliche und fromme Kinder Gottes einander liebhaben und also einträchtig nicht „mein Vater“, sondern „unser Vater“ sagen können.

    Dich bitten wir auch, weil du nicht ein leiblicher Vater, der auf Erden ist, sondern unser Vater im Himmel bist, der nicht stirbt und nicht unsicher ist und sich etwa selbst nicht helfen kann wie der irdische und leibliche Vater, wodurch du uns zeigst, ein wieviel besserer Vater du bist. Und du lehrst uns, wie gering im Vergleich zu dir vergängliche Vaterschaft, Vaterland, Freunde, Besitz, Fleisch und Blut zu achten sind. So gib uns, o Vater, dass wir auch deine himmlischen Kinder sein können. Lehre uns, dass wir nur das Erbteil der Seelen und das ewige Erbe wahrnehmen (vgl. Kol. 1,12), damit uns das Vaterland und Gut, das wir auf Erden haben und ererben, nicht betrüge, umgarne und hindere und also gänzlich zu Kindern der vergängli­chen Welt mache; (lehre es uns) damit wir mit rechtem und wahrem Grund sagen können: „Vater unser im Himmel“, und wirklich deine himmlischen Kinder sind.

Die erste Bitte

„Geheiligt werde dein Name“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

    O allmächtiger Gott, lieber himmlischer Vater! Dein heiliger Name wird leider in diesem elenden Jammertal so oft und auf so verschiedene Arten entheiligt, gelästert und geschmäht. Er wird mit vielen Dingen in Verbindung gebracht, an denen deine Ehre nicht ist, und ebenso in vielen Stücken und zu Sünden miss­braucht, so dass auch das schändliche Leben mit Recht eine Schande und Unehre deines heiligen Namens genannt werden muss.

    So gib uns also deine göttliche Gnade, dass wir uns vor dem allen hüten, was deinem heiligen Namen nicht zur Ehre und Lob gereicht. Hilf, alle Zauberei und falschen Segenssprüche be­seitigen.

    Hilf, dass man aufhört, den Teufel oder allerlei vergängliche Geschöpfe unter deinem Namen zu beschwören.

    Hilf, dass aller Irr- und Aberglauben ausgerottet wird.

    Hilf, dass alle Ketzerei und falsche Lehre, die sich nicht scheut, deinen Namen für sich in Anspruch zu nehmen, zunichte gemacht wird.

    Hilf, dass aller falsche Schein von Wahrheit, Frömmig­keit und Heiligkeit keinen betrüge.

    Hilf, dass niemand in deinem Namen schwört, lügt oder be­trügt.

    Behüte uns vor allem falschen Trost, der unter deinem Namen erdichtet wird.

    Behüte uns vor jeglichem geistlichem Hochmut und Stolz und vor eitler Ehrsucht nach einem vergänglichen Ruhm oder Namen.

    Hilf, dass wir in allen unseren Nöten und Gebrechen deinen heiligen Namen anrufen können.

    Hilf, dass wir in der Angst unseres Gewissens und wenn wir im Sterben liegen deinen Namen nicht vergessen.

    Hilf, dass wir in allem, was wir haben, sagen und tun, nicht uns daraus einen Namen machen oder suchen, sondern nur dich loben und ehren, dem allein alle Dinge gehören.

    Behüte uns vor dem schändlichen Laster der Undankbarkeit. Hilf, daß durch unsere guten Taten und unser Leben alle an­deren gelockt werden, nicht uns, sondern dich, der du durch uns wirkst, zu loben und deinen Namen zu ehren.

    Hilf, dass durch unsere schlechten Taten oder durch unser Verzagen niemand verleitet wird, deinen Namen zu beleidigen oder in deinem Lobe nachzulassen.

    Behüte uns, dass wir nichts, weder Zeitliches noch Ewiges be­gehren, das deinem Namen nicht zu Lob und Ehre gereicht. Und wenn wir solches erbitten, so wollest du uns in unserer Unvernunft nicht erhören.

    Hilf, dass unser Leben so ist, dass wir als wahrhaftige Kinder Gottes befunden werden und dein väterlicher Name nicht um­sonst oder zu Unrecht über uns genannt wird.

    Amen.

 

In diese erste Bitte gehören alle Psalmen und Gebete, mit denen man Gott lobt, ehrt, singt und dankt und alle (Bitten und Lobgesänge, wo das) Halleluja (erklingt).

Die zweite Bitte

„Zu uns komme dein Reich“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

    Dieses arme Leben ist ein Reich voller Sünde und Bosheit, worin der böse Geist Herr ist, Anfänger aller Bosheit und Sünde und selbst der Hauptbösewicht. Dein Reich aber ist ein Reich voller Gnade und Kraft. Darin ist Jesus Christus, dein lieber Sohn, Herr, Haupt und Anfang aller Gnade und Kraft. Darum hilf uns und sei gnädig, lieber Vater. Gib uns vor allem anderen einen rechten und beständigen Glauben an Christus und eine unerschrockene Hoff­nung [WA 7,223] auf deine Barmherzigkeit gegen alle Verzagtheit unseres durch die Sünde geplagten Ge­wissens; (gib uns) eine grundgütige Liebe zu dir und zu allen Menschen. Behüte uns vor Unglauben, Verzweiflung und Neid.

    Hilf uns heraus aus der Genuss-Sucht und Unkeuschheit und gib, dass wir gern enthaltsam in mancherlei sind.

    Hilf uns heraus aus Streit, Krieg und Unfrieden und lass die Kraft deines Reiches über uns kommen, den Frieden, die Einig­keit, die Ruhe:

    Hilf uns, dass nicht Zorn oder andere Bitterkeit in uns sein Reich baue, sondern durch deine Gnade in uns die Herzlichkeit, brüderliche Treue, Freundschaft, Mildherzigkeit, Sanftmut usw. regieren.

    Hilf, dass keine verwirrende Traurigkeit und Schwermut in uns ist, sondern lass die Freude und Lust an deiner Gnade und Barmherzigkeit zu uns kommen.

    Und endlich: Hilf, dass alle Sünden von uns abgewendet wer­den und wir, von deiner Gnade, aller deiner Kraft und guten Werken erfüllt, dein Reich werden können, dass wir mit ganzem Herzen, Gemüte und Trachten, mit allen unseren Kräften, inner­lich und äußerlich. Dir, deinen Geboten und deinem Willen gehorsam dienen und uns von Dir allein regieren lassen und nicht uns selbst noch Sinneslust, Welt oder Teufel folgen.

    Hilf, dass dieses dein Reich in uns anfange und täglich besser werde und zunehme. Hilf, dass uns nicht jene hinterlistige Bos­heit überfällt, die Trägheit, die uns hindert, Gott zu dienen, damit wir nicht wieder zurückfallen.   Gib uns vielmehr einen ernsten Vorsatz und die Kraft, nicht nur anfangsweise fromm zu sein, sondern mutig darin fortzuschreiten und zu vollenden, wie der Prophet betet: „Erleuchte meine Augen, dass ich nicht im Tode entschlafe oder faul werde in dem bei mir angefangenen wahren, guten Leben und der Feind also meiner wieder mächtig werde“ (Ps. 13,4f.).

    Hilf, dass wir also beständig bleiben und dein kommendes Reich dieses dein angefangenes Reich beschließe und voll­ende.

    Hilf uns heraus aus diesem sündlichen Leben von gefahr­voller Unbeständigkeit. Hilf uns, dass wir jenes Leben begehren und diesem feind werden. Hilf uns, dass wir den Tod nicht fürch­ten, sondern-wenn er kommt- begehren.

Wende von uns ab, dass wir nur diesem Leben nachjagen und anhängen, damit in allen Dingen dein Reich bei uns wirklich wird.

 

In diese zweite Bitte gehören alle Psalmen, Sprüche und Gebete, in denen man von Gott Gnade und Kraft erbittet.

 

Die dritte Bitte

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

    Unser Wille ist, verglichen mit deinem Willen, niemals gut, sondern allezeit böse. Dein Wille aber ist immer der beste und auf das höchste zu lieben und zu begehren. Darum erbarme dich unser, lieber Vater, und lass nichts nach unserem Willen ge­schehen.

    Gib es und lehre uns, dass wir recht von Grund auf Geduld haben, wenn unser Wille gebro­chen oderverhindert wird.

    Hilf, dass wir nicht zornig und böse werden, nicht fluchen, klagen, schreien, richten, verdam­men, nicht Böses wünschen usw., wenn jemand etwas redet oder verschweigt, tut oder nicht tut, was unserem Willen entgegen ist.

    Hilf, dass wir denen, die gegen uns stehen und unseren Willen verhindern, in Demut weichen und also das, was wir wollten, fah­renlassen und sie loben, segnen und ihnen Gutes tun, weil sie deinen allerbesten göttlichen Willen gegen unseren vollbringen.

     Gib uns die Gnade, dass wir allerlei Krankheiten, Armut, Schmach und Verachtung, Leiden und Widerwärtigkeiten willig ertragen und in all dem erkennen, dass es dein göttlicher Wille ist, den unseren zu kreuzigen.

    Hilf uns, dass wir auch Unrecht gern erleiden und behüte uns davor, Rache zu üben. Lass uns nicht Böses mit Bösem ver­gelten und Gewalt mit Gewalt bekämpfen, sondern hilf, dass wir an diesem deinem Willen, der uns alles das zufügt, Wohlgefal­len haben, dich loben und dir danken.

    Lass es uns nicht dem Teufel oder den bösen Menschen zu­rechnen, wenn etwas gegen unseren Willen geschieht, son­dern allein deinem göttlichen Willen, der das alles ordnet, um unseren Eigensinn zu hindern, aber die Seligkeit in deinem Reich zu fördern.

    Hilf uns, dass wir willig und frohen Mutes sterben und den Tod, dann, wenn du es willst, gerne annehmen. Hilf, dass wir weder durch Ungeduld noch durch Verzagen dir ungehorsam wer­den.

    Hilf, dass wir alle unsere Glieder, die Augen, Zungen, Herzen, Hände und Füße, nicht ihren Gelüsten noch Verlangen über­lassen, sondern dass sie in deinen Willen gefangen, gebunden und (in ihrem Eigensinn) gebrochen werden.

Behüte uns vor jedem bösen, widerspenstigen, störrischen, halsstarrigen, eigensinnigen und selbstsüchtigen Willen.

    Gib uns einen rechten Gehorsam und eine vollkommene, (von jeglichem Zwange) freie Gelas­senheit in allen Dingen, den geistlichen und den weltlichen, den ewigen und den zeitlichen.

    Behüte uns vor dem entsetzlichen Laster der üblen Nach­rede, der Verleumdung und auch davor, dass wir anderer Men­schen Übeltaten richten, sie verdammen und verfluchen. 0 wende das große Unglück und die schwere Plage solcher Reden von uns ab. Lehre uns vielmehr, dass wir, sobald wir etwas sehen oder über andere etwas hören, das uns der Strafe wert erscheint und missfällt, darüber schweigen, es vor anderen zudecken und nur dir klagen und deinem Willen anheimgeben und also allen, die an uns schuldig geworden sind, von Herzen vergeben und Mitleid mit ihnen haben.

    Lehre uns erkennen, dass uns niemand einen Schaden antun kann, er schade sich denn selbst vor deinen Augen ohnehin tausendmal mehr, so dass wir dadurch mehr zum Erbarmen über ihn bewegt werden als zum Zorn, mehr ihn zu beklagen als uns zu rächen.

    Hilf, dass wir uns nicht freuen, wenn es denen schlecht geht, die nicht nach unserem Willen getan, die uns Leid zugefügt oder sonst durch ihr Leben unser Missfallen erregt haben. Hilf aber ebenso, dass wir nicht betrübt sind, wenn es ihnen wohlergeht.

 

In diese dritte Bitte gehören alle Psalmen, Sprüche und Gebete, in denen man um Beistand gegen die Sünde und die Feinde bittet.

Die vierte Bitte

„Unser tägliches Brot gib uns heute“

Hiermit bekennen und erbitten wir:

    Das Brot ist unser Herr Jesus Christus, der die Seele speist und tröstet. Darum, o himmlischer Vater, gib Gnade, dass Christi Leben, sein Wort und Werk und seine Leidensgeschichte uns und der ganzen Welt gepredigt, bekannt und auch behalten werde.

    Hilf, dass wir in jeder Lebenslage sein Wort und Werk für alles, was taugt, als ein eindrückli­ches Beispiel und als einen Spiegel vor Augen haben.

    Hilf, dass wir uns im Leiden und in Widerwärtigkeiten durch sein Leiden und in seinem Kreuz stärken und trösten kön­nen.

    Hilf, dass wir unseren Tod durch seinen Tod im festen Glauben überwinden und also fröhlich dem, der uns liebt und den wir lieben und der uns vorangegangen ist, in jenes Leben folgen.

    Gib Gnade, dass alle Prediger dein Wort und Christus so verkünden, dass sie zu Förderung und Heil aller Welt pre­digen.

    Hilf, dass alle, die dein Wort verkündet hören, dadurch Christus kennenlernen und daran sich selbst erkennen und bessern.

    Erweise auch darin deine Gnade, dass alle fremde Predigt und Lehre, durch welche Christus nicht erkannt werden kann, aus der heiligen Kirche vertrieben wird.

    Erbarme dich über alle Bischöfe, Priester und Geistlichen und über alle Obrigkeit, dass sie, durch deine Gnade erleuchtet, uns recht lehren und leiten mit Wort und Vorbild.

    Behüte alle, die sich wenig zum Glauben halten, dass sie nicht ärger werden, wenn ihnen die Oberen ein schlechtes Beispiel geben.

    Behüte uns vor ketzerischen und abtrünnigen Lehren, damit wir in dem einen täglichen Brot, d. h. in der einmütigen Lehre und dem einen Wort Christi, einig bleiben.

    Lehre uns durch deine Gnade das Leiden Christi recht be­trachten, von ganzem Herzen erfassen und in unser Leben hineinnehmen.

    Lass uns (ein Leben im Glauben führen, so dass wir) des hei­ligen und wahren Leibes Christi an unserem Ende nicht beraubt werden.

    Hilf, dass alle Priester das hochwürdige Altarsakrament würdig verwalten und es zur Besserung der ganzen Christenheit heilsam austeilen.

    Hilf, dass wir und alle Christen das heilige Altarsakrament zu seinerzeit und unter deiner Gnade empfangen.

    Und, um es zusammenzufassen, gib uns unser tägliches Brot, damit Christus in uns und wir in ihm ewig bleiben (vgl. Joh. 15,4-7) und wir also dem Namen „Christen“, mit dem wir nach ihm genannt sind, Ehre machen.

 

In diese vierte Bitte gehören alle Gebete und Psalmen, in denen man für die Obrigkeit bittet, besonders aber auch jene, in denen für die falschen Lehrer, die Juden, die Ketzer und für alle Menschen gebetet wird, die in ihren Irrtümern befangen, auch für alle, die betrübt sind und ohne jeden Trost zu leiden haben.

 

 

Die fünfte Bitte

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“

Diese Bitte hat einen Zusatz und eine Bedingung, dass wir nämlich zuvor unseren Schuldigem vergeben sollen.  Wenn das geschehen ist, dann können wir sprechen: „Vergib uns unsere Schuld“. Und in diesem Sinne ist oben in der dritten Bitte gebetet worden: „Dein Wille geschehe“. Denn Gott will, dass man alles geduldig ertragen und nicht Böses mit Bösem ver­gelten, sich nicht rächen, sondern Böses mit Gutem vergelten soll, wie es unser Vater im Himmel tut, der ,,seine Sonne über die Frommen und über die Bösen auf gehen lässt und es regnen lässt über die, die ihm danken und die, die ihm nicht danken“ (Matth. 5,45).

 

    Darum bitten wir: = Vater, tröste uns und unser Gewis­sen, das angesichts unserer Sünden und deines Gerichtes in furchtbare Schrecken gerät und noch erschrecken wird, jetzt und auch zuletzt an unserem Ende. Gib unseren Herzen deinen Frieden, so dass wir dein Gericht mit Freude erwarten können.

    Geh mit uns nicht in dein scharfes Gericht, denn dann wird kein Mensch für gerecht befunden werden (vgl. Ps. 143,2).

    Lehre uns, lieber Vater, dass wir uns nicht auf unsere guten Werke oder Verdienste verlassen noch uns mit ihnen trösten, sondern es allein auf deine grundlose Barmherzigkeit hin wagen und uns ihr völlig und fest anvertrauen. Desgleichen lass uns auch nicht verzagen, weil unser Leben strafwürdig und sündig ist, sondern deine Barmherzigkeit für höher, mehr und stärker halten als alles sonst in unserem Leben.

    Hilf allen Menschen, die in Todesnöten sind und durch solcherart Verzweiflung angefochten und geängstet werden. Und hilf ganz besonders dem N. N. und dem N. N. Erbarme dich auch all der armen Seelen, die im Fegefeuer sind, besonders des N. N. und des N. N.

    Vergib ihnen und uns allen unsere Schuld, tröste sie und nimm sie an in deiner Gnade.

    Erweise uns deine Güte anstelle unserer Bosheit, gleichwie du uns zu tun geboten hast. Gebiete dem erbarmungslosen bösen Nachredner zu schweigen, dem Ankläger, der unsere Sünden groß herausstellt, dem bösen Geist, jetzt und zuletzt bei unserem Ende und in allen Gewissensängsten, solange wir uns auch der bösen Nachrede enthalten und die Sünden der Menschen nicht groß herausstellen.

     Richte uns nicht nach der Anklage des Teufels und unseres verzagten Gewissens. Höre nicht auf die Stimmen unserer Feinde, die uns Tag und Nacht vor dir beschuldigen, wie auch wir nicht auf die hören wollen, die andere verleumden und an­klagen.

 

Nimm von uns die schwere Last aller Sünden und Gewis­sensnöte, damit wir mit einem unbeschwerten, fröhlichen Her­zen und voller Zuversicht aus deiner Barmherzigkeit leben und sterben, ertragen und tätig sein können.

In diese fünfte Bitte gehören alle Psalmen und Gebete, welche in Schuld die Barmherzigkeit Gottes anrufen.

Die sechste Bitte

„Und führe uns nicht in Versuchung“

Drei (Ursachen von) Versuchungen oder Anfechtungen gibt es für uns: das Fleisch, die Welt und den Teufel. Aus diesem Grund bitten wir:

 

    Lieber Vater, gib uns Gnade, damit wir die Gelüste des Fleisches bezwingen.

    Hilf, dass wir dem unmäßigen Essen, Trinken und Schlafen, dem Faulenzen und Müßiggang widerstehen.

    Hilf, dass wir durch Fasten, maßvolles Essen und einfache Kleidung, durch geregeltes Schlafen und Wachen und durch Arbeit dienstbar und bereit werden, gute Werke zu tun.

    Hilf uns, dass wir eine böse Neigung zur Unkeuschheit und alle Begierden und Gelüste mit Christus ans Kreuz schlagen und töten können und in keine Versuchung, die uns befällt, ein­willigen und ihr nicht nachgeben.

    Hilf, dass es uns keine Versuchung, sondern ein Anlass ist, die Keuschheit zu lieben und dich in deinen Geschöpfen zu loben, wenn wir einen schönen Menschen, ein schönes Bild oder irgendein anderes Kunstwerk sehen.

    Hilf, dass wir nicht unsere Gelüste, sondern dein Lob und deine Ehre darin suchen, wenn wir etwas Süßes und Liebliches hören oderempfinden.

    Behüte uns vor dem großen Laster des Geizes und davor, die Reichtümer dieser Welt zu begehren.

    Behüte uns davor, die Ehre und Macht dieser Welt zu suchen oder in Versuchungen durch sie einzuwilligen.

    Behüte uns, dass wir durch Untreue, falschen Schein und Ver­suchungen in der Welt nicht bewegt werden, es ihr gleichzutun.

    Behüte uns, dass wir von den Bosheiten und Widerwärtig­keiten in der Welt nicht zu Ungeduld, Rache, Zorn oder anderen Untugenden hingerissen werden.

    Hilf, dass wir dem Lug und Trug, den Versprechungen und der Falschheit der Welt und all ihrem Guten und Bösen absagen und darauf verzichten – wie wir es bereits im Taufbekenntnis versprochen haben – und darin fest stehen und täglich mehr und mehr zunehmen.

    Behüte uns vor den Einflüsterungen des Teufels, damit wir nicht auf Grund von Reichtum, Macht, Kunstfertigkeit, Adel, Schönheit und von anderen deiner Gaben hochmütig werden und der Selbstgefälligkeit und Verachtung anderer stattgeben.

    Behüte uns, damit wir nicht aus irgendeinem Grund in Hass und Neid verfallen.

    Behüte uns, dass wir weder jetzt noch bei unserem Ende der Anfechtung des Glaubens, (näm­lich) der Verzweiflung, nach­geben.

 

Lass dir, himmlischer Vater, alle die anbefohlen sein, die gegen diese große, vielfältige Anfechtung streiten und arbeiten. Stärke die, die ihr widerstehen. Hilf denen wieder auf, die in ihr gefallen sind und daniederliegen. Und gib uns allen deine Gnade, damit wir in diesem gefährdeten, unsicheren Leben, in dem wir zu jeder Stunde von so vielen Feinden um­geben sind, mit einem edlen und festen Glauben beständig fechten und die ewige Krone em­pfangen (vgl. Jak. 1,12; 1. Petr. 5,4).

Die siebente Bitte

„Sondern erlöse uns von dem Bösen“

In dieser Bitte wird (um Bewahrung) vor allem Bösen durch Peinigung und Strafe gebeten, wie es die heilige Kirche auch in den Litaneien tut.

 

    Erlöse uns, o Vater, von deinem ewigen Zorn und den Qualen der Hölle.

    Erlöse uns von deinem strengen Urteilsspruch nach dem Tode am Jüngsten Tage.

    Bewahre uns vor einem plötzlichen und gewaltsamen Tod.

    Behüte uns vor Überschwemmung und Feuersbrunst, vor Blitz und Hagel. Behüte uns vor Hungersnot und Zeiten der Teuerung.

    Behüte uns vor Kriegen und Blutvergießen. Behüte uns vor deinen großen Plagen (vgl. 2. Mose 9,14 ff.), vor der Pest, schlimmen Seuchen und anderen schweren Krankheiten.

    Behüte uns vor allen Übeln und Nöten des Leibes, jedoch so, dass in diesem allem (was wir erbitten) dein Name geehrt, dein Reich vermehrt und dein göttlicher Wille geschehe.

Amen.

„Amen“

Hilf Gott, dass wir alles, was wir erbitten, in Gewissheit empfangen. Und lass uns nicht daran zweifeln, dass du uns in allem erhört hast und erhören wirst, dass (deine Antwort) ja und nicht nein oder zweifelhaft ist.

So sprechen wir fröhlich „Amen“, das heißt, es ist wahr und gewiss. Amen.

 

Eine einfältige Weise zu beten, für M. Peter, Balbierer. Anno 1534

 

    Lieber M. Peter, ich geb’s euch so gut wie ich’s habe und wie ich selber mich mit Beten halte. Unser HERR Gott gebe es Euch und jedermann, es besser zu machen. Amen.

 

    Erstens, wen ich fühle, dass ich durch fremde Geschäfte oder Gedanken bin kalt und unlustig zu beten geworden (wie denn das Fleisch und der Teufel allwege das Gebet wehren und hindern), nehme ich meinen Psalter, laufe in die Kammer oder so es Tag und Zeit ist in die Kirche zum Haufen und hebe an, die zehn Gebote, den Glauben und darnach ich Zeit habe etliche Sprüche Christi, von Paulus oder den Psalmen mündlich bei mir selbst zu sprechen, aller Dinge, wie die Kinder tun.

    Darum ist’s gut, dass man frühmorgens lasse das Gebet das erste und des Abends das letzte Werk sein. Und hüte sich mit Fleiß vor diesen falschen betrüglichen Gedanken, die da sagen: Harre ein wenig, über eine Stunde will ich beten. Ich muss dies oder das zuvor fertigen. Denn mit solchen Gedanken kommt man vom Gebet; die Geschäfte, die halten und umfangen den einen, dass aus dem Gebet an dem Tag nichts wird.

    Und wiewohl etliche Werke vorfallen können, die so gut oder besser als das Gebet sind, besonders sie die Not fordert. So geht ein Spruch unter des St. Hieronymus Namen: Alle Werke der Gläubigen sind Gebet. Und ein Sprichwort: Wer treu arbeitet, der betet zweifach. Welches muss aus diesem Grund geredet sein, dass ein gläubiger Mensch in seiner Arbeit Gott fürchtet und ehrt und an sein Gebot denkt, damit er niemand Unrecht tun noch stehlen oder übernehmen oder veruntreuen wolle. Und solche Gedanken und Glauben machen ohne Zweifel aus seinem Werk ein Gebet und Lobopfer dazu.

    Wiederum muss dagegen auch die Wahrheit sein, dass eines Ungläubigen Werk eitel Fluchen sei; und wer untreu arbeitet, der flucht zweifach. Denn seines Herzens Gedanken müssen in seiner Arbeit so stehen, dass er Gott verachte und sein Gebot übertreten und seinem Nächsten Unrecht zu tun, stehlen und veruntreuen gedenke. Solche Gedanken, was sind’s anders als eitel Flüche gegen Gott und den Menschen, dadurch sein Werk und Arbeit auch ein zweifacher Fluch werden, damit er sich selbst verflucht. Und das bleiben auch endlich Bettler oder Humpler.

    Von diesem stetigen Gebet sagt freilich Christus Lukas 11: Man soll ohne Unterlass beten. Denn man soll ohne Unterlass sich vor Sünden und Unrecht hüten, welches nicht geschehen kann, wo man Gott nicht fürchtet und sein Gebot vor Augen hat, wie Psalm 1 [sagt]: Wohl dem, der Tag und Nacht denkt an Gottes Gebot usw.

    Doch muss man auch darauf sehen, dass wir uns nicht vom rechten Gebet gewöhnen und deuten uns zuletzt selbst nötige Werke, die es doch nicht sind, und werden dadurch zuletzt müde und faul, kalt und überdrüssig zum Gebet. Denn der Teufel ist nicht faul noch müde um uns her. So ist unser Fleisch noch allzu lebendig und frisch zur Sünde und gegen den Geist des Gebets geneigt.

 

    Wenn nun das Herz durch solch mündliches Gespräch erwärmt und zu sich selbst gekommen ist, so knie nieder oder stehe mit gefalteten Händen und Augen zum Himmel und sprich oder denke aufs Kürzeste, wie du kannst.

    Ach, himmlischer Vater, du lieber Gott, ich bin ein unwürdiger armer Sünder, nicht wert, dass ich meine Augen oder Hände zu dir aufhebe oder bete. Aber weil du uns allen geboten hast zu beten und dazu auch Erhörung verheißen, und über dasselbe uns beides, Worte und Weisen, gelehrt durch deinen lieben Sohn, unsern HERRN Jesus Christus, so komme ich auf solches dein Gebot, dir gehorsam zu sein, und verlasse mich auf deine gnädige Verheißung. Und im Namen meines HERRN Jesus Christus bete ich mit allen deinen heiligen Christen auf Erden, wie er mich gelehrt hat.

 

    Vater unser, der du im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Amen.

 

    Danach wiederhole ein Stück oder wie viel du willst, nämlich die erste Bitte.

 

    Geheiligt werde dein Name.

    Und sprich:

    Ach ja, HERR Gott, lieber Vater, heilige doch deinen Namen, beide ins uns selbst und in aller Welt. Zerstöre und vertilge die Greuel, Abgötterei und Ketzerei der Türken [Moslems], des Papsts und aller falschen Lehrer oder Rottengeister, die deinen Namen falsch führen und so schändlich missbrauchen und greulich lästern, sagen und rühmen, es sei dein Wort und der Kirche Gebot, so es doch des Teufels Lügen und Betrug ist. Damit sie unter deinem Namen so viele arme Seelen jämmerlich verführen in der ganzen Welt, und darüber auch töten, unschuldiges Blut vergießen und verfolgen und meinen, dir damit einen Gottesdienst zu tun.

    Lieber HERR Gott, hier bekehre und wehre. Bekehre die, so noch sollen bekehrt werden, dass sie mit uns und wir mit ihnen deinen Namen heiligen und preisen, beide, mit rechter reiner Lehre und gutem heiligen Leben.

    Wehre aber denen, die sie nicht bekehren wollen, dass sie aufhören müssen, deinen heiligen Namen zu missbrauchen, schänden und entehren und die armen Leute zu verführen. Amen.

 

    Dein Reich komme.

    Und sprich:

    Ach lieber HERR Gott Vater. Du siehst, wie nicht allein der Welt Weisheit und Vernunft deinen Namen schändet und deine Ehre den Lügen und dem Teufel gibt, sondern alle ihre Gewalt, Macht Reichtum und Ehre, die du auf Erden ihnen gegeben hast, weltlich zu regieren und dir damit zu dienen, gegen dein Reich setzt und strebt. Sie sind groß, mächtig und viel, dick, fett und satt und plagen, hindern, verstören den geringen Haufen deines Reichs, der schwach verachtet und wenig ist, wollen sie auf Erden nicht leiden, meinen gleichwohl, damit dir einen großen Gottesdienst zu tun.

    Lieber HERR Gott Vater, hier bekehre und wehre. Bekehre die, so noch sollen Kinder und Glieder deines Reichs werden, dass sie mit uns und wir mit ihnen dir in deinem Reich in rechtem Glauben und wahrhaftiger Liebe dienen und aus diesem angefangenen Reich in das ewige Reich kommen.

    Wehre aber denen, so ihre Macht und Vermögen nicht wollen abkehren lassen von deines Reichs Zerstörung, dass sie, vom Stuhl gestürzt und gedemütigt, ablassen müssen. Amen.

 

    Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden.

    Und sprich:

    Ach lieber HERR Gott Vater, du weißt, wie die Welt, wo sie nicht kann deinen Namen ganz zunichte machen und dein Reich ganz vertilgen, so gehen sie doch Tag und Nacht mit bösen Tücken und stücken um, treiben viel Ränke und seltsame Anschläge, halten Rat, rennen zusammen, trösten und stärken sich, drohen und spüren, gehen voll alles bösen Willens gegen deinen Namen, Wort, Reich und Kinder, wie sie dieselben umbringen.

    Darum, lieber HERR Gott Vater, bekehre und wehre. Bekehre, die deinen guten Willen noch erkennen sollen, dass sie mit uns und wir mit ihnen deinem Willen gehorsam seien und darüber alles Übel, Kreuz und Widerwärtigkeit gern, geduldig und fröhlich leiden und deinen gütigen, gnädigen, vollkommenen Willen hierin erkennen, prüfen und erfahren.

    Wehre aber denen, so von ihrem Wüten, Toben, Hassen, Drohen und bösem Willen, Schaden zu tun, nicht ablassen wollen. Und mache ihren Rat, böse Anschläge und Praktiken zunichte und zuschanden, dass über sie selbst ausgehe, wie Psalm 7 singt. Amen.

 

    Unser täglich Brot gib uns heute.

    Und sprich:

    Ach lieber HERR Gott Vater, gib auch deinen Segen in diesem zeitlichen, leiblichen Leben. Gib uns gnädig den lieben Frieden, behüte uns vor Krieg und Unfriede. Gib unserem lieben Vaterland Glück und Heil gegen seine Feinde. Gib den Regierenden Weisheit und Verstand, dass sie ihr irdisches Reich ruhig und glückselig regieren. Gib allen Königen, Fürsten und Herren guten Rat und Willen, ihr Land und Leute in stillem und gutem Recht zu erhalten. Besonders hilf und leite unseren lieben Landesherrn N., unter dessen Schutz und Schirm du uns bewahrst, dass er, vor allem Übel behütet, vor falschen Zungen und untreuen Leuten bewahrt, selig regiere.

    Gib allen Untertanen Gnade, treu zu dienen und gehorsam zu sein. Gib allen Ständen, Bürgern und Bauern, dass sie fromm werden und einander Liebe und Treue erzeigen. Gib gnädiges Wetter und Früchte der Erde. Ich befehle dir auch Haus, Hof, Frau und Kind. Hilf, dass ich sie wohl regiere und christlich ernähren und erziehen möge.

    Wehre und steure dem Verderber und allen bösen Engeln, die hierin schaden und Hindernis tun. Amen.

 

    Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.

    Und sprich:

    Ach lieber HERR Gott Vater, gehe nicht mit uns ins Gericht, denn vor dir ist kein lebendiger Mensch gerecht. Ach rechne uns auch nicht zur Sünde, dass wir leider so undankbar sind für alle deine unaussprechliche Wohltat, geistlich und leiblich, und dass wir täglich vielmal straucheln und sündigen, mehr als wir wissen und merken können. Psalm 19.

    Aber sieh du nicht an, wie fromm oder böse wir sind, sondern deine grundlose Barmherzigkeit in Christus, deinem lieben Sohn, uns geschenkt.

    Vergib auch allen unseren Feinden und allen, die uns Leid oder Unrecht tun, wie wir auch ihnen von herzen vergeben. Denn sie tun sich selbst damit das größte Leid, dass sie dich an uns erzürnen und uns mir ihrem Verderben nichts geholfen ist, sondern sie viel lieber mit uns wollen selig sehen. Amen.

    Und wer hier fühlt, dass er nicht wohl vergeben kann, der mag um Gnade bitten, dass er vergeben könne. Aber das gehört in die Predigt.

 

    Und führe uns nicht in Versuchung.

    Und sprich:

    Ach lieber HERR Gott Vater, erhalte uns wacker und frisch, hitzig und fleißig in deinem Wort und Dienst, dass wir nicht sicher, faul und träge werden, als hätten wir’s nun alles, damit uns der grimmige Teufel nicht erschleiche und übereile und nehme uns wieder dein liebes Wort oder richte Zwietracht und Rotten unter uns an, oder führe uns sonst in Sünde und Schande, beide, geistlich und leiblich.

    Sondern gib uns durch deinen Geist Weisheit und Kraft, dass wir ihm ritterlich widerstehen und den Sieg behalten. Amen.

 

    Sondern erlöse uns von dem Übel.

    Und sprich:

    Ach lieber HERR Gott Vater. es ist doch dieses elende Leben so voll Jammer und Unglück, Unsicherheit, so voll Untreue und Bosheit (wie St. Paulus sagt: Die Tage sind böse), dass wir billig des Lebens müde und des Todes begierig sein sollten. Aber du, lieber Vater, kennst unsere Schwachheit.

    Darum hilf uns durch solches mannigfaltige Übel und Bosheit sicher fahren. Und wenn die Zeit kommt, gib uns ein gnädiges Stündlein und seligen Abschied von diesem Jammertal, dass wir vor dem Tod nicht erschrecken noch verzagen, sondern mit festem Glauben unsere Seelen in deine Hände befehlen. Amen.

 

    Amen.

    Zuletzt merke, dass du musst das Amen allewege stark machen und nicht zweifeln, Gott höre dir zu gewiss mit allen Gnaden und sage ja zu deinem Gebet.

    Und denke ja, dass du nicht allein da kniest und stehst, sondern die ganze Christenheit oder alle fromme Christen bei dir und unter ihnen in einmütigem, einträchtigem Gebet, welches Gott nicht verachten kann. Und gehe nicht vom Gebet, du habest denn gesagt oder gedacht: Wohlan, dies Gebet ist bei Gott erhört, das weiß ich gewiss und fürwahr. Das heißt Amen.

    Auch sollst du wissen, dass ich nicht will diese Worte alle im Gebet gesprochen haben, denn da würde doch zuletzt ein Geklepper und eitel ledig Gewäsch draus, aus dem Buch oder Buchstaben daher gelesen, wie die Rosenkränze bei den Laien und die Gebete der Pfaffen und Mönche gewesen sind. Sondern ich will das Herz damit gereizt und Unterricht haben, was es für Gedanken im Vaterunser fassen soll. Solche Gedanken aber kann das Herz (wenn’s recht erwärmt und zu beten lustig ist) wohl mit viel anderen Worten, auch wohl mit weniger oder mehr Worten, aussprechen.

    Denn ich auch selber mich an solche Worte und Silben nicht binde, sondern heute so und morgen anders die Worte spreche, wie ich warm und lustig bin. Bleibe doch so nahe ich immer kann gleichwohl bei denselben Gedanken und Sinn. Kommt wohl oft, dass ich in einem Stück oder Bitte in so reiche Gedanken spazieren komme, dass ich die andern sechs lasse alle anstehen.

 

 

Glaube und Werke

Was der wahre Glaube ist

 

Die Bedeutung der rechten Unterscheidung von Gesetz und Evangelium

    ‚Durchs Gesetz‘ soll anders nicht verstanden werden als Gottes Wort und Gebot, darin er uns gebietet, was wir tun und lassen sollen, und unsern Gehorsam oder Werk von uns fordert. Solches ist leicht zu verstehen in der Formursache, aber in der Zweckursache sehr schwer. Die Gesetze aber oder Gebote, so von Werken reden, die Gott von einem jeden besonders, nach Natur, Stand, Amt, Zeit und anderen Umständen mehr fordert, sind mancherlei. …

    Dagegen das Evangelium oder der Glaube ist solche Lehre oder Wort Gottes, das nicht unsere Werke fordert, noch uns gebietet, etwas zu tun, sondern heißt uns die angebotene Gnade von Vergebung der Sünden und ewiger Seligkeit schlicht annehmen und uns schenken lassen. Da tun wir ja nichts, sondern empfangen nur und lassen uns geben, was uns durchs Wort geschenkt und dargeboten wird, dass Gott verheißt und dir sagen lässt: Dies und das schenke ich dir usw.  Wie, in der Taufe, die ich nicht gemacht, noch mein Werk, sondern Gottes Wort und Werk ist, spricht er zu mir: Halt her, ich taufe dich und wasche dich von allen deinen Sünden; nimm sie an, sie soll dein sein. Wenn du dich nun so taufen lässt, was tust du mehr, als dass du solches Gnadengeschenk empfängst und annimmst? So ist nun der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium dieser: Durch das Gesetz wird gefordert, was wir tun sollen, dringt auf unser Werk gegenüber Gott und den Nächsten; im Evangelium aber werden wir zur Spende oder zum reichen Almosen gefordert, da wir nehmen und empfangen sollen Gottes Huld und ewige Seligkeit. …

    15. Darum, wenn mich das Gesetz beschuldigt: Ich habe dies und das nicht getan, ich sei ungerecht und ein Sünder, in Gottes Schuldregister geschrieben, muss ich bekenne, es sei alles wahr. Aber die Folgerede: Darum bist du verdammt, muss ich nicht einräumen, sondern mich mit starken Glauben wehren und sagen: Nach dem Gesetz, welches mir meine Schuld zurechnet, bin ich wohl ein armer, verdammter Sünder, aber ich appelliere an vom Gesetz zum Evangelium, denn Gott hat über das Gesetz noch ein anderes Wort gegeben, das heißt das Evangelium, welches uns seine Gnade, Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Leben schenkt, dazu frei und los spricht von deinem Schrecken und Verdammnis, und tröstet mich, alle Schuld sei bezahlt durch den Sohn Gottes, Jesus Christus selbst. Darum ist es hoch vonnöten, dass man beide Worte recht wisse zu lenken und zu handeln, und fleißig zusehe, dass sie nicht ineinander vermengt werden. ….

    Wer nun dem Gesetz nicht genug getan, in Sünde und Tod gefangen liegt, der wende sich vom Gesetz zum Evangelium, glaube der Predigt von Christus, dass er wahrhaftig sei das Lämmlein Gottes, das der Welt Sünde trägt, seinen himmlischen Vater versöhnt, ewige Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit allen, die es glauben, lauter umsonst und aus Gnaden schenkt. Zu dieser Predigt allein halte er sich, rufe Christus an, bitte um Gnade und Vergebung der Sünden, glaube fest (denn allein mit dem Glauben wird dies große Geschenk gefasst), so hat er, wie er glaubt.[9]

 

    11. Und ist zu wissen, dass die ganze Heilige Schrift wird in zweierlei Wort geteilt, welche sind Gebote oder Gesetze Gottes und Verheißungen oder Zusagen. Die Gebote lehren und schreiben uns vor mancherlei gute Werke, aber damit sind sie noch nicht geschehen. Sie weisen wohl, sie helfen aber nicht; lehren, was man tun soll, geben aber keine Stärke dazu. Darum sind sie nur dazu geordnet, dass der Mensch darin sehe sein Unvermögen zu dem Guten und lerne, an sich selbst verzweifeln. Und darum heißen sie auch das Alte Testament und gehören alle ins Alte Testament. Wie das Gebot: „Du sollst nicht böse Begierde haben“, beweist, dass wir allesamt Sünder sind, und kein Mensch vermag zu sein ohne böse Begierde, er tue, was er will; daraus er lernt, an sich selbst verzagen und anderswo Hilfe zu suchen, dass er ohne böse Begierde sei und so das Gebot erfülle durch einen anderen, das er aus sich selbst nicht vermag. So sind auch alle anderen Gebote uns unmöglich.

    12. Zum neunten. Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unvermögen gelernt und empfunden hat, dass ihn nun angst wird, wie er dem Gebot genugtue, da das Gebot muss erfüllt sein oder er muss verdammt sein, so ist er recht gedemütigt und zunichte geworden in seinen Augen, findet nichts in sich, damit er könne fromm werden. Denn so kommt das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusage, und spricht: Willst du alle Gebote erfüllen, deiner bösen Begierde und Sünde los werden, wie die Gebote zwingen und fordern; siehe da, glaube an Christus, in welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit, glaubst du, so hast du; glaubt du nicht, so hast du nicht. Denn das dir unmöglich ist mit allen Werken der Gebote, der viel und doch kein nutz sein müssen, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kurz in den Glauben gestellt alle Dinge, dass, wer ihn hat, soll alle Dinge haben und selig sein; wer ihn nicht hat, soll nichts haben.

    13. So geben die Zusagen Gottes, was die Gebote fordern, und vollbringen, was die Gebote heißen, auf dass es alles Gottes eigen sei, Gebot und Erfüllung. Er verheißt allein; er erfüllt auch allein. Drum sind die Zusagen Gottes Worte des Neuen Testament und gehören auch ins Neue Testament.[10]

 

Die Notwendigkeit der Wiedergeburt zum Glauben an Jesus Christus

    Dieses ist ein sehr schönes Evangelium, in welchen wir sehen, was der richtige Weg, der gewisse Weg zum ewigen Leben ist. …  (Hervorhebungen sind jeweils vom Hrsg.) „Wer ein Christ sein und in das Reich Gottes kommen will, der muss eine andere Geburt haben als die erste fleischliche Geburt. Die alte fleischliche Geburt tut es nicht. Wer da will ein Christ sein, der muss den alten Adam gar ausziehen, eine andere Geburt suchen und von neuem geboren werden.“[11] Zu solchem Werk kommt danach die dritte Person, der Heilige Geist, welcher durch das Wasser der seligen Taufe den Glauben im Herzen anzündet, uns also eine Wiedergeburt zum Reiche Gottes schenkt.

    Denn so man das Reich Gottes nicht sehen kann, man sei erst wiedergeboren: daraus folgt ja, dass so, wie wir geboren sind mit Vernunft, freiem Willen, mit dem Gesetz und allen guten Übungen, welche beides die Vernunft und der Wille kann erfüllen, müssen wir verdammt sein; dieses alles hilft nicht zum Reich Gottes. …  „Denn ob es wahr ist, dass Gott das Gesetz gegeben und von euch fordert so seid ihr darum noch nicht vor Gott gerecht. Denn es ist zweierlei, das Gesetz haben und das Gesetz erfüllen. Es ist noch lange nicht erfüllt, dass ihr äußerlich die Werke tut. Es muss ganz und gar gehalten sein, mit Leib und Seele und von Grund des Herzens, ohne allen Ungehorsam und Sünde. … „Es ist’s und tut’s nichts vor Gott mit deiner und aller Pharisäer, ja, aller Menschen Leben und Werken, so ihr für Heiligkeit haltet; es muss ein ander Ding werden, dass der Mensch von neuem geboren, das ist, gar ein anderer Mensch werde, sonst kann er nicht in Gottes Reich kommen.“[12]  Aber das ist beschlossen, es können so viel gute Tugenden und gute Werke sein, wie sie wollen: Ist die Wiedergeburt nicht da, so gehört alles an Tugenden und Werken zum Teufel und in die Hölle. In den Himmel und in das Reich Gottes geht es dadurch nicht. Dieses sagt Christus selbst und es soll niemand daran zweifeln. …

    Darum tue beides, übe dich, die Zehn Gebote zu halten, und bekenne doch mit rechtem Ernst daneben, dass du ein armer Sünder bist, der wegen seines Tuns wegen ewig müsste verdammt sein. Danach höre unserem Heiland Christus weiter zu, wie er wiederum tröstet, nachdem er, unserer ersten Geburt wegen, uns die Seligkeit so einfach abgesagt hat. … Denn hier steht es klar: Wenn man Gesetz und Werke aufs Beste befolgt, so können sie doch zum Reich Gottes nicht helfen, es sei denn, dass man wiedergeboren wird durch Wasser und Geist. Es dient aber solches schreckliche Urteil dazu, dass der Herr damit zeigen will, wie unsere erste Geburt sündhaft ist, und nichts an uns ist, dessen wir des ewigen Lebens wert sind, auf das wir nicht allein sicher noch hoffärtig werden, sondern in uns schlagen, uns vor Gott demütigen und Gnade begehren. … . „Dass alle Menschen, wie sie sind und leben von Natur, verdammt und unter der Sünde sind; wie auch St. Paulus in der Epistel an die Römer bald am Anfang beweist und schließt. Und ist also erstlich dieser Spruch und Schluss gesetzt: Dass der Mensch in seiner Natur und nach allem Vermögen derselben Gottes Gesetz nicht erfüllen kann, ob er’s schon sich zu halten untersteht, und dass es nicht heißt, das Gesetz gehalten, dass er äußerlich nach menschlichen Kräften die Werke tut: Darum könne auch das Gesetz dem Menschen nicht zur Frömmigkeit vor Gott helfen, noch von Sünden und ewigem Zorn erretten.“[13]

    Wollen wir es aber sehen, so müssen nicht unsere Werke, sondern es muss ein anderer und neuer Mensch werden. Dieses geschieht nicht durch die leibliche Geburt, sondern durch Wasser und Geist; dieses sind die rechten Vater und Mutter zu dieser neuen Frucht. … Das Wasser nun ist anderes nichts als die heilige Taufe. Denn so spricht Christus, Markus im 16. Kapitel, Vers 16: ‚Wer glaubt und getauft wird, der wird selig.‘ Nun aber hat das Wasser solche reine Kraft nicht von Natur aus. Denn Wasser ist Wasser, das ist, ein Element und Kreatur, die für sich selbst das Herz nicht rühren rund nicht ändern, oder die Sünden abwaschen kann. Kleider und was Unflat an der Haut ist, kann man mit Wasser reinigen und säubern, aber die Seele lässt sich durch Wasser nicht rühren noch reinigen. Das Wasser aber, wovon der Herr hier spricht und wir dazu Taufwasser sagen, ist nicht ein bloßes, natürlich es Wasser; sondern es ist ein Wasser, da Gottes Worte, Befehl und Verheißung drin sind. Da kommen zwei Dinge zusammen, Wasser und Wort, und werden so ineinander gefügt, dass man keines vom anderen abschneiden kann. Tust du das Wort vom Wasser, so hast du keine Taufe; tust du das Wasser vom Wort, so hast du auch keine Taufe. Wenn aber Wasser und Worte zusammen bleiben, da ist dann ein solches Wasser, in welchem der Heilige Geist ist, und durch dasselbe wirst du zum Reich Gottes wieder geboren, das ist, dir deine Sünde vergeben und er dich selig machen will. 

    „Der Mensch muss durch diese Predigt des Evangeliums und Amt der Taufe von neuem geboren werden, in welchem wirkt der Heilige Geist usw. Denn durch das Wort erleuchtet er das Herz und zeigt Gottes Zorn über die Sünde und wiederum Gottes Gnade, um seines Sohnes Christus willen verheißen; dadurch die Herzen entzündet, anfangen zu glauben und sich nun zu Gott kehren, [sich] seiner Gnade trösten, ihn anrufen usw.; und ihren Glauben zu erwecken und stärken auch die Taufe gibt als ein gewisses Zeichen neben dem Wort, dass er unsere Sünde abwasche und tilge und uns solche verheißene Gnade zuspricht stets fest zu halten und den Heiligen Geist zu reden usw.“[14]

    Aber, spricht Christus, verachte ja niemand um solches schlichten Aussehens willen dieses Werk. Denn der Heilige Geist führt sein Werk heimlich; da gehört der Glaube zu, der die Worte fasst, und nicht daran zweifelt, es sei also, wie die Worte hier lauten. Denn mit den Augen wirst du es nie sehen, verstehen noch fassen können. Eben wie es mit dem Wind auch ist: Den Wind hörst du sausen; aber das durch ihn so solltest fassen, dass du sagen könntest: hier fängt er an, da hörte auf, das ist nicht möglich. Also geht es hier auch zu. Das äußerliche Werk mit dem Wasser sieht man, und hört das Worte klingen oder sausen, dass es geschehe in Namen Jesu, zur Abwaschung der Sünden. Wer an das Wort sich nicht halten, und den Geist und seine Wirkung anders fassen oder suchen will, der wird fehlen. Denn soll er aus dem Geist geboren werden, so gehört mehr nicht dazu, als das wer sich taufen lässt mit Wasser, und auf das Sausen (das ist, auf das Wort) merke auf dasselbe und mit Glauben annehme; so wird er zu dem Reich Gottes wieder geboren, und durch nichts anderes. … Da geht dann der richtige Trost an, dass, eben wie du vorher gehört hast, kein Mensch in den Himmel kommt: Also hörst du hier, dass alle, die da glauben an Jesus Christus, die sollen nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Das ist nun das liebliche Sausen, wo man den Heiligen Geist spüren und fassen kann. …

    Denn da müssen beide Predigten in der Christenheit gesprochen werden. Die erste, von der Sünde und unserer verdorbenen Art und Natur, dass wir unseres Werkes, Lebens, Tuns und Lassens wegen ganz verzagt sein müssen, dass wir merken, so kommen wir nicht in den Himmel. Wenn nun die Herzen durch solche Predigt richtig getroffen und erschreckt sind, da muss auch der Trost folgen, wie Jesus Christus, der Sohn Gottes, vom Himmel herunter auf die Erde gekommen, unser Fleisch und Blut an sich genommen, und den Tod unserer Sünde erlitten hat, auf dass wir dadurch von den Sünden frei und wieder zum Erbe des ewigen Lebens gebracht werden sollen. Wer diese Predigt annimmt, dass er es fürwahr hält und sich tröstet, der ist genesen, dass ihn Christus nicht hier unten auf Erden und im Tode lassen, sondern will ihn mit sich hinauf in den Himmel führen. …

    Also haben wir auf das einfältigste die Lehre des heutigen Evangeliums: Dass wir Menschen von Natur Sünder und des ewigen Todes würdig sind. Aber dadurch sollen wir vom ewigen Tod erlöst werden, wenn wir den Menschen Christus Jesus am Kreuz ansehen, dass er für uns da bezahlt, den Tod erwürgt, und uns mit Gott versöhnt und zum ewigen Leben gebracht hat. Diese Lehre ist es, die andere Menschen und ganze neue Herzen macht, dass wir in Sünden, im Tod und anderer Anfechtung sagen können. ‚Es ist wahr, die alte Schlange, der Teufel, hat mich übel gebissen und schrecklich vergiftet, aber dagegen tröste ich mich, dass ich weiß, wenn auch mein Herr Jesus Christus seiner Menschheit wegen auch das Ansehen hat, er sei voller Gift wie eine andere Schlange, so hat er doch kein Gift an sich, sondern darum hängt er, dass er mich von meinem Gift reinigen und mir helfen will gegen meine Sünden, Tod und Teufel. Deswegen lass nur den Teufel getrost kommen, lass den Teufel mich fressen und mir alles Unglück anlegen, ich will mich an meinen Herrn und Heiland Jesus Christus halten, und mich dessen trösten, dass er darum erhöht ist, auf das die, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. „Das ist ein geistliches Ansehen, nämlich wenn ich Christus, am Kreuz erhöht, so ansehe, dass ich glaube, er sei mir zugut geboren und Mensch geworden, für meine Sünden gestorben und um meiner Gerechtigkeit willen wieder auferweckt. In Summa, dass er Gottes Lamm sei, welches der Welt Sünde trägt.“[15]

    „Durch Wasser und Geist, spricht Christus, das ist, durch die Predigt des Evangeliums und Taufe, dadurch, als durch das äußerliche Amt in den Kirchen, der Heilige Geist wirkt in des Menschen Herzen. Das Wort des Evangeliums zeigt und offenbart dem Herzen den erhöhten und gekreuzigten Christus, als den einigen Heiland und Mittler. Die Taufe ist ein gewisses Zeichen und Zeugnis neben dem Wort, dadurch das Wort versichert wird, und darin Gott seine verheißene Gnade, dass er unsere Sünde abwaschen und tilgen wolle, verspricht, stets und fest zu halten. Bei dem Wort und Taufe ist der Heilige Geist mit seiner Kraft; der zündet an und erweckt das Herz zum Glauben, dass es in Furcht und Schrecken sich mit gewisser Zuversicht halte an die Verheißung von Christus. Wenn nun ein Mensch durch den Heiligen Geist fest glaubt, dass Christus Gottes Sohn für unsere Sünde am Kreuz erhöht und gestorben ist, das macht ein neues Herz und neuen Sinn und wird so ein ganz neuer Mensch hier durchs Wort, an der Seele.“[16] [17]

 

Der seligmachende Glaube und seine Frucht

    1.  Es gibt zweierlei Gerechtigkeit der Christen, wie auch die Sünde der Menschen zweierlei ist. Die erste Gerechtigkeit ist eine fremde und von außen eingegossen, das ist die, durch welche der HERR Christus gerecht ist und durch den Glauben rechtfertigt; wie St. Paulus im ersten Brief an die Korinther im ersten Kapitel, Vers 30, spricht: „Der uns gemacht ist von Gott zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.“ Denn der HERR Christus hat auch selbst, wie im Evangelium von St. Johannes  im elften Kapitel, Vers 25, steht, gesagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird nicht sterben in Ewigkeit.“ Und abermals bei St. Johannes im Evangelium im 14. Kapitel, Vers 6: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

    2. Deshalb wird dieselbe Gerechtigkeit den Menschen in der Taufe gegeben und zu aller Zeit in der wahren Buße, so dass sich der Mensch mit  Vertrauen kann in dem HERRN Christus rühmen und freuen und sprechen: Das ist mein, was der HERR Christus gelebt, gehandelt, getan, geredet und gelitten hat und in der Folge gestorben ist, nicht anders, als wenn ich dasselbe Leben, Handeln, Wesen, Reden, Leiden und Sterben geführt und erlitten hätte, eben wie der Bräutigam alles das hat, das der Braut ist; und die Braut alles das hat, das des Bräutigams ist. Denn alles, das sie haben, ist ihnen beiden gemeinsam, denn sie sind ein einiges Fleisch; so sind der HERR Christus und die Kirche oder christliche Versammlung ein einiger Geist; Eph. 5,29 ff.; Gal. 3,28.

    5. Deshalb wird durch den Glauben an Christus die Gerechtigkeit Christi unsere Gerechtigkeit, und alles, das sein ist; ja, er wird selbst der Unsere. Demnach nennt sie St. Paulus in der Epistel an die Römer im ersten [Kapitel], V.17: „die Gerechtigkeit Gottes“. Die Gerechtigkeit wird offenbart und entdeckt im Evangelium, wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt seines Glaubens“; Hab. 2,4; Hebr.10,38. So wird auch ein solcher Glaube genannt die Gerechtigkeit Gottes, wie St. Paulus meldet in der berührten Epistel an die Römer im 3. [Kapitel], V. 28: „So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde allein durch den Glauben.“

    6. Dieses ist die unendliche Gerechtigkeit, die alle Sünden im Augenblick verzehrt; denn es ist unmöglich, dass eine Sünde in oder an Christus hafte und hänge. Aber wer an Christus glaubt, der haftet an ihm und ist ein einiges Ding mit Christus; hat auch eine einige Gerechtigkeit mit ihm. Darum ist es unmöglich, dass in ihm Sünde bleibe.

    9. Darum ist das eine fremde Gerechtigkeit und ohne unsere Werke, allein durch die Gnade uns eingegossen, wenn uns inwendig der himmlische Vater zu dem Sohn Christus zieht; und wird entgegengesetzt der Erbsünde, welche auch eine fremde ist, ohne unsere Handlung, allein durch die Geburt an uns gewachsen, geflossen und gekommen. Und so vertreibt der HERR Christus [den alten Adam][18] von Tag zu Tag mehr und mehr, in dem Maß, in dem der Glaube und die Erkenntnis Christi zunehmen. Denn diese fremde Gerechtigkeit ist nicht gleich ganz eingegossen; sondern hebt an, nimmt zu und wird endlich durch den Tod vollkommen.[19] [20]

 

V. 16: Doch, weil wir wissen, dass der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.

    … Die rechte christliche Weise zu lehren ist diese: Dass der Mensch zuerst durch das Gesetz erkennen soll, dass er ein Sünder sei, dem es unmöglich ist, irgendein gutes Werk zu tun. Denn das Gesetz spricht: Du bist ein böser Baum, deshalb streitet alles gegen Gott, was du denkst, redest und tust. Daher kannst du mit deinen Werken die Gnade nicht verdienen. Wenn du dies dennoch unternimmst, so machst du aus Übel Ärgeres, denn, weil du ein böser Baum bist, so kannst du nichts als böse Früchte bringen, das heißt, Sünden, denn „was nicht aus dem Glauben geht, das ist Sünde“ [Röm. 14,23]. Deshalb, wer durch vorhergehende Werke Gnade verdienen will, der will Gott durch Sünden versöhnen, das ist nichts anderes, als Sünden auf Sünden häufen, Gott verlachen und seinen Zorn herausfordern.

    Wenn der Mensch durch das Gesetz so unterrichtet, geschreckt und gedemütigt wird, und in Wahrheit die Größe seiner Sünde sieht, und nicht die geringste Spur von Liebe gegen Gott bei sich findet, so gibt er Gott recht in seinem Wort und bekennt, dass er des ewigen Todes und der Verdammnis schuldig sei. Der erste Teil der christlichen Lehre ist also die Predigt von der Buße und von der rechten Selbsterkenntnis.

    Der zweite Teil [dieser Lehre] ist: Wenn du selig werden willst, so kannst du die Seligkeit nicht durch Werke überkommen, sondern „Gott hat seinen eingebornen Sohn in die Welt gesandt, dass wir durch ihn leben sollen“ [1. Joh. 4,9]. Der ist für dich gekreuzigt und gestorben und „hat deine Sünden an seinem Leib geopfert“ [1. Petr. 2,24]. Da ist nichts, was Gott billigerweise ansehen müsste oder irgendein Werk vor der Gnade, sondern nichts als Zorn, Sünde, Schrecken und Tod. Daher zeigt das Gesetz die Sünde nur an, erschreckt und demütigt, und bereitet auf diese Weise zur Rechtfertigung und treibt zu Christus hin. Denn Gott hat durch sein Wort offenbart, dass er ein gnädiger Vater sein werde, welcher uns, da wir nichts verdienen können, ohne unser Verdienst umsonst die Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und ewiges Leben um Christi willen schenken wolle. Denn er ist ein Gott, der allen umsonst seine Gaben schenkt, und das ist der Ruhm, dadurch seine Gottheit gepriesen wird. Aber diese seine Gottheit kann er gegen die Werkgerechten nicht verteidigen, denn sie wollen Gnade und ewiges Leben von ihm nicht umsonst annehmen, sondern mit ihren Werken verdienen; darum wollen sie ihm schlechterdings die Ehre der Gottheit rauben. Damit er diese nun behalten könnte, musste er das Gesetz vorher senden, um diese überaus harten Felsen zu schrecken und zu zerschmettern, wie durch einen Blitz und Donnerschlag vom Himmel.

    Dies ist in der Kürze unsere Theologie von der christlichen Gerechtigkeit. …

    Darum ist der christliche Glaube nicht eine müßige Eigenschaft (qualitas) oder eine leere Hülse im Herzen, welche auch bei einer Todsünde vorhanden sein könnte, bis dass die Liebe hinzukomme und ihn lebendig mache, sondern wenn es der rechte Glaube ist, so ist er eine gewisse Zuversicht des Glaubens und ein festes Vertrauen, durch welches Christus ergriffen wird, so dass Christus der Gegenstand ist, auf welchen sich der Glaube richtet, ja, nicht der Gegenstand, sondern, dass ich so sage, Christus ist im Glauben selbst gegenwärtig. …

    Es rechtfertigt also der Glaube, weil er diesen Schatz ergreift und besitzt, nämlich den gegenwärtigen Christus. …

    Gegen das unnütze Geschwätz und ganz nichtige Träume lehren wir, wie wir … den Glauben und die rechte Weise des christlichen Wesens so, dass der Mensch zuerst durch das Gesetz unterrichtet werden soll, sich selbst zu erkennen, damit er beten lerne mit dem Propheten: „Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollten“, desgleichen: „Da ist kein Gerechter, auch nicht Einer, da ist kein Verständiger, da ist keiner, der nach Gott frage; alle sind sie abgewichen“ usw. [Ps. 14,1.2.3], desgleichen [Ps. 51,6]: „An dir allein habe ich gesündigt“ usw. So schrecken wir in entgegengesetzter Weise die Menschen von dem Verdienst nach Billigkeit und Würden ab. Wenn der Mensch aber durch das Gesetz gedemütigt und dazu gebracht worden ist, dass er sich selbst erkenne, dann ist er wahrhaft bußfertig geworden (denn die wahre Buße fängt an der Furcht und dem Gericht Gottes an), und sieht, dass er ein so großer Sünder ist, dass er durch seine Kräfte, Bemühungen und Werke von den Sünden nicht befreit werden könne.

    Erst dann versteht er recht, was Paulus meine, da er sagt: Der Mensch sei ein Knecht und Gefangener der Sünde; desgleichen: Gott habe alles unter die Sünde beschlossen; die ganze Welt sei schuldig vor Gott usw. [Röm. 7,23; 6,20; Gal. 3,22]. … Hier erhebt sich nun ein solches seufzen: Wer kann hier helfen? Denn so verzweifelt der Mensch, welcher durch das Gesetz erschreckt ist, ganz und gar an seinen Kräften, sieht umher und seufzt um Hilfe nach einem Mittler und Heiland.

    Da kommt denn das heilsame Wort des Evangeliums zu gelegener Zeit und spricht: Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben. Glaube an Jesus Christus, der für deine Sünden gekreuzigt ist usw. Wenn du deine Sünden fühlst, so siehe sie nicht an dir an, sondern gedenke, dass sie auf Christus gelegt sind, dessen Wunden dich geheilt haben usw. Jes. 53,5; 1. Petr. 2,24.

    Dies ist der Anfang der Seligkeit. Auf diese Weise werden wir von der Sünde befreit, wir werden gerechtfertigt, und das ewige Leben wird uns geschenkt, nicht um unserer Verdienste und Werke willen, sondern um des Glaubens willen, durch welchen wir Christus ergreifen. …

    Christus aber ist recht eigentlich nicht ein Gesetzgeber, sondern ein Versöhner und Heiland. Dies ergreift der Glaube und glaubt ohne Zweifel, dass er die Werke und Verdienste nach Billigkeit und nach Würden mehr als überflüssig zuwege gebracht habe, denn er hätte mit einem einzigen Tröpflein Blut für die Sünden der Welt genugtun können. Nun aber hat er reichlich für uns genuggetan. Hebr. 9,12: „Durch sein eigenes Blut ist er einmal in das Heilige eingegangen“ usw., und Röm. 3,24 f.: „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade, durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist, welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut“ usw. Darum ist es etwas Großes, dass man Christus im Glauben ergreife, der da trägt die Sünde der Welt, und allein dieser Glaube wird zur Gerechtigkeit gerechnet, Röm. 3,28; 4,5.

    Hier ist wohl zu merken, dass diese drei Dinge, der Glaube, Christus und [Gottes] Annehmen oder Zurechnen [der Gerechtigkeit Christi] zusammen gehören. Der Glaube ergreift Christus und hat ihn gegenwärtig und hält ihn eingeschlossen, wie ein Ring einen Edelstein umfasst, und ein jeglicher, der erfunden wird, dass er Christus mit dieser Zuversicht im Herzen ergriffen habe, den rechnet Gott für gerecht. Dies ist die Weise und das Verdienst, dadurch wir zur Vergebung der #Sünden und zur Gerechtigkeit gelangen. Weil du an mich glaubst, sagt Gott, und dein Glaube Christus ergreift, den ich dir geschenkt habe, damit er dein Mittler und Hoherpriester wäre, darum sollst du gerecht sein.[21]

 

    12. Das ist aber der Glaube, der (wie wir zu reden pflegen) Christus ergreift, welcher um unserer Sünden willen gestorben und um unserer Rechtfertigung[22] willen auferstanden ist.

    13. Das ist, der nicht bloß hört, was die Juden und Pilatus mit dem gekreuzigten Christus gehandelt und was von dem auferstandenen Heiland erzählt wird;

    14. sondern der auch erkennt die Liebe des himmlischen Vaters, der dich durch den für deine Sünden dahingegebenen Christus hat erlösen und selig machen wollen.

    15. Diesen Glauben predigt Paulus, welchen der Heilige Geist mittelst des Wortes des Evangeliums in den Herzen derer, die es hören, schenkt und erhält.

    16. Das ist der Glaube, der in Wahrheit der eingegossene zu nennen ist, und den wir aus unseren Kräften nicht erlangen können (wie man jenen erlangten überkommen kann).

    17. Der erlangte oder der Sophisten eingegossene Glaube spricht von Christus: Ich glaube, dass der Sohn Gottes gelitten hat und wieder auferweckt worden ist. Hier hört er auf und geht nicht weiter.

    18. Hingegen spricht der wahre Glaube: Ich glaube zwar, dass der Sohn Gottes gelitten hat und wieder auferstanden ist; das hat er aber alles für mich getan, für meine Sünden, dessen bin ich gewiss.

    19. Denn er ist ja für die Sünden der ganzen Welt gestorben. Nun aber ist kein Zweifel, dass ich auch mit zur Welt gehöre. Also ist’s ganz gewiss, dass er auch für meine Sünden gestorben sei.

    20. Der erlangte Glaube braucht das Leiden Christi zur bloßen Beschaulichkeit; der wahre Glaube hingegen braucht dasselbe zum Leben und zur Seligkeit. …

    31. Es hören zwar alle das Wort, wie geschrieben steht Psalm 19: Ihr Schall ist in alle Lande ausgegangen.

    32. Allein, nicht bei allen ist der Glaube anzutreffen, wie gleichfalls geschrieben ist Jes. 52: Wer glaubt unserer Predigt?

    33. So geben alle, die da sagen, die Werke machen vor Gott gerecht, zu erkennen, dass sie gar nichts von Christus und vom Glauben verstehen.[23]

 

    1. Aus dieser Stelle ist es klar genug, dass die Art und Weise, wie der Mensch vor Gott gerecht wird, von der Art und Weise, wie derselbe vor Menschen gerechtfertigt wird, weit unterschieden sei.

    2. Denn Paulus setzt ausdrücklich den Glauben den Werken entgegen, nimmt den Werken die Rechtfertigung vor Gott und legt sie dem Glauben bei.

    3. Wenn der Mensch durch die Werke gerecht wird, so hat er zwar Ruhm vor Menschen, aber nicht vor Gott, Röm. 4.

    4. Der Mensch wird durch den Glauben vor Gott gerecht, ob er schon vor Menschen und in sich selbst Schande und Unehre findet.

    5. Das ist das Geheimnis Gottes, der seine Heiligen wunderlich führt, Ps. 4, welches nicht nur die Gottlosen einzusehen und zu erkennen nicht fähig sind, sondern auch selbst den Frommen wunderbar und fast unglaublich vorkommt.[24]

    27. Nun aber ist’s ausgemacht, dass Christus oder seine Gerechtigkeit, weil sie außer uns und eine fremde Gerechtigkeit ist, könne durch unsere Werke nicht ergriffen werden.

    28. Sondern der Glaube selbst, der aus der Predigt von Christus durch den Heiligen Geist uns eingegossen wird, ergreift Christus.

    29. So macht auch allein der Glaube gerecht, ohne unsere Werke. Denn ich kann nicht sagen: Ich tue Christus oder die Gerechtigkeit Gottes.

    30. Gleichwie ich kann sagen: Ich tue die Werke entweder der himmlischen Gerechtigkeit, durch den Heiligen Geist; oder der irdischen und weltlichen Gerechtigkeit, durch die bloße Natur.

    31.Deshalb sagt man ganz recht, dass wir durch den Glauben gerecht werden ohne des Gesetzes Werke.

    32. Welches Gerechtfertigtwerden dieses mit einschließt, dass wir nämlich um Christi willen durch den Glauben für gerecht angesehen werden.

    33. Und dass uns gar keine Sünde, welche solche, die wir vorher begangen, noch auch diejenige, die in unserm Fleisch noch übrig bleibt, zugerechnet, sondern gleich als wenn keine mehr da wäre, durch die Vergebung von uns weggenommen werde.[25]

 

    21. Und zwar werden wir allein durch den Glauben dergestalt gerecht, dass weder die Vernunft, noch das Gesetz, noch selbst die Erfüllung des Gesetzes, welche Liebe genannt wird, etwas zur Rechtfertigung beitragen.

    22. Denn der Glaube allein erlangt vor der Hoffnung und vor der Liebe die Vergebung der Sünden allein um Christi willen und macht durch denselben [Christus] die Person angenehm, vor dem Verdienst der Liebe und ohne dasselbe.[26]

 

    41. Siehe, so musst du Christus in dich bilden und sehen, wie in ihm Gott seine Barmherzigkeit dir vorhält und anbietet ohne alle deine zuvorkommenden Verdienste: Und aus solchem Bild seiner Gnade schöpfen den Glauben und Zuversicht der Vergebung aller deiner Sünden. Darum hebt der Glaube nicht an den Werken an; sie machen ihn auch nicht; sondern er muss aus dem Blut, Wunden und Sterben Christi quellen und fließen, in welchem du siehst, dass dir Gott so hold ist, dass er auch seinen Sohn für dich gibt, muss dein Herz süß und Gott wiederum hold werden, und so die Zuversicht aus lauter Gunst und Liebe erwachsen, Gottes gegen dir und deiner gegen Gott. So lesen wir noch nie, dass jemandem der Heilige Geist gegeben sei, wenn er gewirkt hat; aber allezeit, wenn sie haben das Evangelium von Christus und die Barmherzigkeit Gottes gehört. Aus demselben Wort muss auch noch heute und allezeit der Glaube, und sonst nirgends, herkommen; denn Christus ist der Fels, da man Butter und Honig aus saugt, wie Mose sagt, 5. Mose 32,14.[27]

 

    9. Zum siebten. Darum sollte das billig aller Christen einiges Werk und Übung sein, dass sie das Wort und Christus wohl in sich bildete, solchen Glauben stetig übten und stärkten. Denn kein anderes Werk kann einen Christen machen, wie Christus Joh. 6,28.29 zu den Juden sagt, da sie ihn fragten, „was sie für Werke tun sollten, dass sie göttliche und christliche Werke täten? sprach er: Das ist das einige göttliche Werk, dass ihr glaubt an den, den Gott gesandt hat“, welchen Gott der Vater allein auch dazu verordnet hat. Darum ist’s gar ein überschwänglicher Reichtum, ein rechter Glaube an Christus, denn er mit sich bringt alle Seligkeit und nimmt ab alle Unseligkeit, wie Mark. 16,16: „Wer da glaubt und getauft ist, der wird selig; wer nicht glaubt, der wird verdammt.“ Darum der Prophet, Jes. 10,23.22, den Reichtum desselben Glaubens ansah und sprach: „Gott wird eine kurze Summa machen auch Erden, und die kurze Summa wird wie eine Sündflut einfließen die Gerechtigkeit“, das ist, der Glaube, darinnen kurz aller Gebote Erfüllung steht, wird überflüssig rechtfertigen alle, die ihn haben, dass sie nichts mehr bedürfen, dass sie gerecht und fromm seien. So sagt St. Paulus Röm. 10,10: „dass man von Herzen glaubt, das macht einen gerecht“ und fromm.

    10. Zum achten. Wie geht es aber zu, dass der Glaube allein mag fromm machen und ohne alle Werke so überschwänglichen Reichtum geben, so doch so viel Gesetze, Gebote, Werke, Stände und Weisen uns vorgeschrieben sind in der Schrift? Hier ist fleißig zu merken und je mit Ernst zu behalten, dass allein der Glaube ohne alle Werke fromm, frei und selig macht, wie wir hernach mehr hören werden.[28]

 

    15. „Glaube“ ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten. Und wenn sie sehen, dass keine Besserung des Lebens noch gute Werke folgen und doch vom Glauben viel hören und reden können, fallen sie in den Irrtum und sprechen: Der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke tun, soll man fromm und selig werden. Das macht, wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie denn für einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanken ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt, so tut er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.

    16. Aber Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott, Joh. 1,13, und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und allen Kräften, und bringt den Heiligen Geist mit sich. …

    17. Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal darüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches der Heilige Geist tut im Glauben. Daher der Mensch ohne Zwang willig und lustig wird, jedermann Gutes zu tun, jedermann zu dienen, allerlei zu leiden Gott zu Liebe und Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, so dass [es] unmöglich ist, Werke vom Glauben [zu] scheiden, ja so unmöglich wie Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden. Darum siehe dich vor vor deinen eigenen falschen Gedanken und unnützen Schwätzern, die vom Glauben und guten Werken klug sein wollen zu urteilen, und sind die größten Narren. Bitte Gott, dass er den Glauben ein dir wirke, sonst bleibst du wohl ewig ohne Glauben, du dichtest und tust, was du willst oder kannst.[29]

 

 

 

Die rechten Werke kommen aus einem wahren Glauben

 

    10. Die andere Gerechtigkeit ist unser und eigen; nicht darum, dass wir sie allein wirken, sondern dass wir zusammen mit der ersten, fremden wirken; das ist die gute Übung in den guten Werken, erstens in der Tötung und Verzehrung des Fleisches und der Kreuzigung der Begierden gegen sich selbst; wie St. Paulus an die Galater (5,24) schreibt: „Welche aber Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden“; zweitens in der Liebe gegen den Nächsten; drittens in der Demut und Furcht gegen Gott. Davon sind der Apostel St. Paulus und alle Heilige Schrift voll. Aber St. Paulus umfasst das alles kurz in der Epistel an Titus im 2. Kapitel, V. 12, und spricht: „Züchtig“, das ist, gegen sich selbst in der Kreuzigung des Fleisches, und „gerecht“, als gegen den Menschen, „und gottselig“, als gegen Gott, sollen wir in dieser Welt leben.

    11. Diese Gerechtigkeit ist ein Werk, Frucht und Folge der ersten Gerechtigkeit, wie St. Paulus an die Galater (5,22) schreibt: „Die Früchte aber des Geistes – das ist, des geistlichen Menschen, der durch den Glauben in Christus wird – sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit“ usw. Denn der geistliche Mensch wird an demselben Ort der Geist genannt: Welches aus diesem erkennbar wird, dass dieselben Früchte sind Werke des Menschen. Und Joh. 3,6: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“ Diese Gerechtigkeit vollzieht und macht vollkommen[30] die erste Gerechtigkeit, denn sie arbeitet und bemüht sich allezeit, auf dass der Adam verderbt und der Leib der Sünde zerstört werde. Darum hasst sie sich selbst und liebt den Nächsten; sie sucht nicht das Ihre, sondern was einem andern dienstlich, gut und förderlich ist. Und in dem steht all ihr Wesen und Übung; denn in dem, dass sie sich selbst hasst und nicht das Ihre sucht, macht sie sich eine Kreuzigung des Fleisches; dass sie aber eines andern Frommen und Förderung sucht, wirkt sie die Liebe. Und so tut sie in den beiden den Willen Gottes, dass sie gegen sich selbst züchtig, gegen den Nächsten gerecht und gegen Gott gottselig lebt.

    14. Und in dem folgt sie dem Vorbild und Beispiel Christi, 1. Petr. 2,21, und wird gleichförmig seinem Bildnis. Denn dieses fordert Christus auch, eben da er alle Dinge für uns getan und nicht das Seine, sondern allein das Unsere gesucht, und in dem Gott auf’s allergehorsamste gewesen ist, so will er, dass wir dies Beispiel auch gegen unseren Nächsten erzeigen sollen. Diese Gerechtigkeit wird entgegengesetzt der werklichen und unserer eigenen Sünde, wie zu den Römern im 6. Kapitel, V. 19: „Gleichwie ihr eure Glieder begeben habt zu Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zu der andern; so begebt nun auch eure Glieder zu Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden.“

    18. Das ist des Apostels Meinung, dass ein jeglicher Christenmensch soll, dem Beispiel Christi nach, eines andern Christenmenschen Knecht werden.[31]

 

    8. Die Werke der Gnade sind, die aus dem Glauben kommen, durch den Heiligen Geist, der den Willen des Menschen reizt und erneuert.

    9. Doch muss derselbe auch durch das äußerliche Wort und Zeichen, das ist, durch Drohungen und Verheißungen, erinnert und ermuntert werden.

    10. Denn es hat dem großen Gott gefallen, mittels des Worts und der Sakramente den Geist (und dessen Gaben) mitzuteilen und zu vermehren.

    11. Und eben diese Werke rechtfertigen vor Gott nicht, sondern geschehen von bereits Gerechtfertigten, wiewohl sie mit Recht die Gerechtigkeit der Werke, die durch Christus Gott angenehm ist, genannt werden.

    12. Man muss laufen und wollen; doch liegt es nicht am Laufen und Wollen, sondern an Gottes Erbarmen, Röm. 9.

    13. Man muss sich nichts bewusst sein und doch auch wissen, dass man darum nicht gerechtfertigt sei, Röm. 6; 1. Kor. 4.

    14. Man muss trachten, durch Geduld in guten Werken nach dem ewigen Leben, Röm. 2, doch liegt es nicht an unserem Trachten, sondern an Gottes Erbarmen.

    15. Endlich muss man auch den Lauf vollenden und die beigelegte Krone der Gerechtigkeit haben, 2. Tim. 4, doch liegt es nicht am Vollenden noch Haben, sondern an Gottes Erbarmen.

    16. Es wird also das Gesetz auf eine zweifache Art erfüllt, nämlich durch den Glauben und durch die Liebe.

    17. Durch den Glauben wird es erfüllt in diesem Leben, indem uns Gott die durch Christus erworbene Gerechtigkeit oder Erfüllung des Gesetzes aus Gnaden zurechnet.

    18. Durch die Liebe wird es in jenem Leben erfüllt werden, da wir als eine neue Kreatur Gottes vollkommen sein werden.[32]

 

    34. Wir gestehen, dass die guten Werke auf den Glauben folgen müssen, ja nicht nur folgen müssen, sondern von freien Stücken folgen, gleichwie ein guter Baum nicht muss gute Früchte tragen, sondern er trägt diese freiwillig.

    35. Und gleichwie die guten Früchte nicht erst einen Baum machen, so machen die guten Werke die Person nicht gerecht.

    36. Sondern die guten Werke geschehen von einer Person, die schon vorher durch den Glauben ist gerecht geworden, gleichwie die guten Früchte von einem Baum gegeben werden, die schon vorher durch den Glauben ist gerecht geworden, gleichwie die guten Früchte von einem Baum gegeben werden, der schon vorher seiner Natur nach gut war.[33]

 

    25. Erst wird die Person für sich selbst gerecht gemacht, danach erweist sie sich geschäftig gegen andere, gleichwie ein Baum zuerst in sich selber gut wird, danach gegen andere durch Früchte sich geschäftig erzeigt.[34]

 

    36 Zum zwanzigsten. Obwohl der Mensch inwendig nach der Seele durch den Glauben genugsam gerechtfertigt ist und alles hat, was er haben soll, außer dass derselbe Glaube und Genüge muss immer mehr zunehmen bis in jenes Leben, so bleibt er doch noch in diesem leiblichen Leben auf Erden und muss seinen eigenen Leib regieren und mit Leuten umgehen. Da heben sich nun die Werke an; hier darf er nicht müßig gehen, da muss fürwahr der Leib mit Fasten, Wachen, Arbeiten und mit aller mäßiger Zucht getrieben und geübt sein, dass er dem innerlichen Menschen und dem Glauben gehorsam und gleichförmig werde, nicht hindere noch widerstrebe, wie seine Art ist, wenn er nicht gezwungen wird. Denn der innerliche Mensch ist mit Gott eins, fröhlich und lustig um Christi willen, der ihm so viel getan hat, und steht alle seine Lust darin, dass er wiederum möchte Gott auch umsonst dienen in freier Liebe; so findet er in seinem Fleisch einen widerspenstigen Willen, der will der Welt dienen und suchen, was ihn gelüstet. Das mag der Glaube nicht leiden und legt sich mit Lust an seinen Hals, ihn zu dämpfen und zu wehren. Wie St. Paulus sagt Röm. 7,22.23: „Ich habe eine Lust zu Gottes Willen nach meinem inneren Menschen; so finde ich einen anderen Willen in meinem Fleisch, der will mich mit Sünden gefangen nehmen“; ebenso 1. Kor. 9,27: „Ich züchtige meinen Leib und treibe ihn zum Gehorsam, auf dass ich nicht selbst verwerflich werde, der die anderen lehren soll“; ebenso Gal. 5,24: „Alle, die Christus angehören, kreuzigen ihr Fleisch mit seinen bösen Lüsten.“

    37. Zum einundzwanzigsten. Aber dieselben Werke dürfen nicht geschehen in der Meinung, dass dadurch der Mensch fromm werde vor Gott, denn die falsche Meinung kann der Glaube nicht leiden, der allein ist und sein muss die Frömmigkeit vor Gott, sondern nur in der Meinung, dass der Leib gehorsam werde und gereinigt von seinen bösen Lüsten, und das Auge nur sehe auf die bösen Lüste, sie auszutreiben. Denn dieweil die Seele durch den Glauben rein ist und Gott liebt, wollte sie gern, dass auch so alle Dinge rein wären, zuvor ihr eigener Leib, und jedermann Gott mit ihr liebte und lobte. So geschieht’s, dass der Mensch seines eigenen Leibes halben nicht kann müßig gehen und muss viele gute Werke drüber üben, dass er ihn zwinge; und doch die Werke nicht das rechte Gut sind, davon er fromm und gerecht sei vor Gott, sondern tue sie aus freier Liebe umsonst, Gott zu gefallen; nichts darin anders gesucht noch angesehen, als dass es Gott so gefällt, welches Willen er gern täte aufs allerbeste.[35]

    43. Zum dreiundzwanzigsten. Darum sind die zwei Sprüche wahr: Gute fromme Werke machen nimmermehr einen guten frommen Mann; sondern ein guter frommer Mann macht gute fromme Werke. Böse Werken machen nimmermehr einen bösen Mann; sondern ein böser Mann macht böse Werke. Also, dass allewege die Person zuvor muss gut und fromm sein vor allen guten Werken, und gute Werke folgen und ausgehen von der frommen guten Person. Gleichwie Christus sagt Matth. 7,18: „Ein böser Baum trägt keine guten Früchte. Ein guter Baum trägt keine bösen Früchte.“ Nun ist’s offenbar, dass die Früchte tragen nicht den Baum, so wachsen auch die Bäume nicht auf den Früchten, sondern wiederum, die Bäume tragen die Frucht, und die Früchte wachsen auf den Bäumen. Wie nun die Bäume müssen eher sein als die Früchte, und die Früchte machen nicht die Bäume weder gut noch böse, sondern die Bäume machen die Früchte; so muss der Mensch in der Person zuvor fromm oder böse sein, ehe er gute oder böse Werke tut, und seine Werke machen ihn nicht gut oder böse, sondern er macht gute oder böse Werke.

    44. Desgleichen sehen wir in allen Handwerken. Ein gutes oder böses Haus macht keinen guten oder bösen Zimmermann, sondern ein guter oder böser Zimmermann macht ein böses oder gutes Haus. Kein Werk macht einen Meister, darnach das Werk ist; sondern wie der Meister ist, darnach ist sein Werk auch. Also sind die Werke der Menschen auch; wie es mit ihm steht im Glauben oder Unglauben, danach sind seine Werke gut oder böse. Und nicht wiederum, wie seine Werke stehen, darnach sei er fromm oder gläubig. Die Werke, gleichwie sie nicht gläubig machen, so machen sie auch nicht fromm. Aber der Glaube, gleichwie er fromm macht, so macht er auch gute Werke.

    45. So denn die Werke niemand fromm machen, und der Mensch zuvor muss fromm sein, ehe er wirkt: So ist’s offenbar, dass allein der Glaube aus lauter Gnaden, durch Christus und sein Wort, die Person genugsam fromm und selig macht. Und dass kein Werk, kein Gebot einem Christen not sei zur Seligkeit, sondern er frei ist von allen Geboten und aus lauterer Freiheit umsonst tut alles, was er tut, nichts damit gesucht seines Nutzens oder Seligkeit, denn er schon satt und selig ist durch seinen Glauben und Gottes Gnade, sondern tut gute Werke, nur Gott darin zu gefallen.[36]

    47. Also, wer da will gute Werke tun, darf nicht an den Werken anheben, sondern [muss] an der Person [anheben], die die Werke tun soll. Die Person aber macht niemand gut als allein der Glaube, und niemand macht die böse als allein der Unglaube. Das ist wohl wahr: Die Werke machen einen fromm oder böse vor den Menschen, das ist, sie zeigen äußerlich an, wer fromm oder böse ist, wie Christus sagt Matth. 7,20: „Aus ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Aber das ist alles im Schein und äußerlich, welches Ansehen irre macht viele Leute, die da schreiben und lehren, wie man gute Werke tun soll und fromm werden, so sie doch des Glaubens nimmer gedenken, gehen dahin und führt immer ein Blinder den anderen, martern sich mit vielen Werken und kommen doch nimmer zu der rechten Frömmigkeit, von welchen St. Paulus sagt 2. Petr. 3,5: „Sie haben einen Schein der Frömmigkeit, aber der Grund ist nicht da“, gehen hin und lernen immer und immer und kommen doch nimmer zur Erkenntnis der wahren Frömmigkeit.[37]

    53. Zum sechsundzwanzigsten. Das sei von den Werken gesagt insgemein, und die ein Christenmensch gegen seinen eigenen Leib üben soll. Nun wollen wir von mehr Werken sagen, die er gegen andere Menschen tut. Denn der Mensch lebt nicht allein in seinem Leib, sondern auch unter anderen Menschen auf Erden. Darum kann er nicht ohne Werke sein gegen dieselben, er muss je mit ihnen zu reden und zu schaffen haben; wiewohl ihm derselben Werke keines not ist zur Frömmigkeit und Seligkeit. Darum soll seine Meinung in allen Werken frei und nur dahin gerichtet sein, dass er anderen Leuten damit diene und nützlich sei; nichts anderes sich vorbilde, als was den anderen not ist. Das heißt denn ein wahrhaftiges Christenleben, und da geht der Glaube mit Lust und Liebe ins Werk, wie St. Paulus lehrt die Galater [Kap. 5,6].

    54. Denn zu den Philippern, da er sie gelehrt hatte, wie sie alle Gnade und Genüge hätten durch ihren Glauben an Christus, lehrt er sie weiter und sagt [Phil. 2,1-4]: „Ich ermahne euch alles Trostes, den ihr in Christus habt, und alles Trostes, den ihr habt von unserer Liebe zu euch, und aller Gemeinschaft, die ihr habt mit allen geistlichen frommen Christen, ihr wollt mein Herz erfreuen vollkommen; und das damit, dass ihr hinfort wollt Eines Sinnes sein, einer gegen den anderen Liebe erzeigen, einer dem anderen dienen, und ein jeglicher Acht habe, nicht auf sich noch auf das Seine, sondern auf den anderen und was demselben not sei.“

    55. Siehe, da hat Paulus klar ein christliches Leben dahin gestellt, dass alle Werke sollen gerichtet sein dem Nächsten zugut, dieweil ein jeglicher für sich selbst genug hat an seinem Glauben, und alle anderen Werke und Leben ihm übrig sind, seinem Nächsten damit aus freier Liebe zu dienen. Dazu führt er ein Christus zu einem Beispiel und sagt Phil. 2,5.6: „Seid so gesinnt, wie ihr seht in Christus, welcher, ob er wohl voll göttlicher Form war“ und für sich selbst genug hatte, und ihm sein Leben, Wirken und Leiden nicht nötig war, dass er damit fromm oder selig würde, „dennoch hat er sich des alles geäußert und gebärdet wie ein Knecht“, allerlei getan und gelitten, nichts angesehen als unser Bestes; und [ist] so, ob er wohl frei war, doch um unseretwillen ein Knecht geworden.[38]

    57. Siehe, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott, und aus der Liebe ein frei, willig, fröhlich Leben, dem Nächsten zu dienen umsonst. Denn genauso wie unser Nächster Not leidet und unseres Übrigen bedarf, so haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnaden bedurft. Darum, wie uns Gott hat durch Christus umsonst geholfen, so sollen wir durch den Leib und seine Werke nicht anders, als dem Nächsten helfen. So sehen wir, wie ein hohes, edles Leben sei um ein christliches Leben, das leider in aller Welt nicht allein darniederliegt, sondern auch nicht mehr bekannt ist noch gepredigt wird.[39]

    65. Zum dreißigsten. Aus dem allen folgt der Beschluss, dass ein Christenmensch lebt nicht in sich selber, sondern in Christus und seinem Nächsten; in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott; aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe.[40]

VON DER BUSSE

 

Sermon vom Sakrament der Buße[41]

1519

 

    Der reformatorische Durchbruch, der sich ja über Jahre hin entwickelt hatte und dann gerade über dem Begriff der „Gerechtigkeit Gottes“ sich ergab musste notwendig auch zu einem neuen Verständnis und einer neuen Gestaltung des Glaubens, des Glaubenslebens und damit auch der Frömmigkeit überhaupt, nicht zuletzt auch des Sakramentsverständnisses, führen. Da in diese Zeit, dem reformatorischen Durchbruch noch vorausgehend, auch der Beginn des Ablass-Streites mit Luthers 95 Thesen fiel, war es gerade die Buße, das Verständnis der Buße, das Luther in dieser Zeit besonders beschäftigte, so dass er über Buße und Bann sich 1518 und 1519 öfter äußerte. Aber er erkannte auch immer deutlicher, dass allgemein eine Sakramentsnot herrschte, weil die Menschen zum einen das Wesen und den Nutzen der Sakramente gar nicht recht verstanden, zum anderen durch die falsche Lehre von der Buße, der Reue, der Genugtuung der Trost der Sakramente völlig zerstört war. Daher war es Luther wichtig, dass er den Menschen zu einem biblisch begründeten Verständnis der Sakramente und dadurch auch zu einem auf der Bibel gegründeten Glaubensleben verhalf. Aus diesem Grund erschienen 1519 seine Sermone über die Buße, die Taufe und das Abendmahl. Luther lehnte sich dabei zunächst an das Schema Augustins an, der zwischen dem sichtbaren Zeichen (signum) und der Bedeutung oder der Sache selbst (res) unterschied. Dann aber fügte Luther noch ein drittes, entscheidend wichtiges hinzu: den Glauben, der auch Zeichen und Sache verbindet.

    Im Sermon den der Buße stellte Luther eindeutig das Evangelium ins Zentrum, machte deutlich, dass es vor allem um die Vergebung der Sünden geht, „durch die das Gewissen befreit und der Mensch mit Gott versöhnt wird“. Dieses frohe Gewissen aber ist nicht Ergebnis eigener Leistung, Verdienste, sondern der durch das Evangelium geschenkten rechtfertigenden Vergebung, aus der allein dann nur die Werke folgen können. Darum gehört ins Zentrum der Buße der Glauben, der diese Zusage Gottes im Evangelium empfängt, ergreift – er, und nicht eine persönliche „Würdigkeit“, auch nicht eine „genugsame Reue“, ist die Grundlage, dass der Sünder tatsächlich die Vergebung hat. Der Glaube sieht nicht auf sich selbst, nicht auf die Person, da bleiben ja immer Zweifel, sondern allein auf Christus und sein Wort. Ja, es ist dieses Wort der Vergebung, die Absolution, die dem Sünder direkt zugesprochen wird, die den Glauben geradezu fordert, herausfordert, wirkt, der daher wiederum eben allein auf das Wort Christi gerichtet und gegründet ist. Darum ist in der Beichte auch nicht nach der Reue zu fragen – es sei denn, man erkennt eindeutig, dass gar keine vorhanden ist, dann ist auch die Buße nicht recht –, sondern nach dem Glauben. Und diese Vergebung, auch das stand eindeutig gegen die römische Buß- und Amtslehre, hängt allein am Wort der Absolution, nicht am Priester; der hat vielmehr nur eine dienende Funktion. In diesem Sermon von der Buße klingt auch schon das allgemeine Priestertum aller Gläubigen an, nämlich dass eben nicht nur ein ordinierter Priester oder Pastor kräftig, gültig die Sünden vergeben kann, sondern notfalls jeder Christ.

    Luther hatte schon in seiner „Kurzen Unterweisung, wie man beichten soll“ Januar 1519 deutlich gemacht, dass eine „vollständige“ Beichte, wie Rom sie verlangt, gar nicht möglich ist. Auch darf aus der Beichte kein Zwang werden, auch kein Krampf. Sie ist kein gutes Werk, das wir Gott darbringen. Niemand soll auf seine Beichte trauen, auf sie sich verlassen, sondern auf Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen allein. Gerade also im Bereich von Buße, Beichte und Bann entfaltet sich früh sehr klar die neu entdeckte biblische Rechtfertigungslehre.[42]

 

Zuschrift an die Herzogin Margarethe von Braunschweig

    Der Durchlauchtigen und Hochgeborenen Fürstin und Frau, Frau Margarethe, geborene von Rittberg, Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, meiner gnädigen Frau, entbiete ich, Martinus Luther, Augustiner zu Wittenberg, nach all meinem guten in Gott Vermögen Gottes Gnade und Friede in Christus, unserem HERRN.

    Es haben bei mir, Hochgeborene Fürstin, gnädige Frau, etliche meiner guten Freunde, Väter und Herren gesonnen, etwas Geistliches und Christliches E.F.G. zuzuschreiben, damit E.F.G. gnädigen Willen und Gefallen, so sie gegen mich Unwürdigen trägt, dankbar zu erkennen und untertänige meine Dienste erzeigen. Dahin mich auch vielmals mein eigenes verpflichtetes Gewissen getrieben, doch schwer dazu gewesen, dass ich bei mir nicht so viel erfunden, damit ich solcher Begierde und Pflicht möge genug sein, sonderlich weil ich’s gewiss dafür achte, dass unser aller Meister, Christus, bei E.F.G. mir gar lang und weit zuvor gekommen sei; hab ich zuletzt mich bewegen lassen, E.F.G. Andacht zu der heiligen Schrift, die mir höchlich gepriesen ist, etliche Sermone unter E.F.G. Namen auszulassen von dem heiligen hochwürdigen und tröstlichen Sakrament der Buße, der Taufe, des heiligen Fronleichnams; angesehen, dass so viel betrübte und geängstigte Gewissen gefunden, und ich bei mir selbst erfahren, die die heiligen und voller Gnade [steckenden] Sakramente nicht erkennen, noch zu gebrauchen wissen, sich leider mit ihren Werken mehr vermessen zu stillen als durch die heiligen Sakramente in Gottes Gnade Friede suchen. So gar sind durch Menschenlehre die heiligen Sakramente uns bedeckt und entzogen. Bitte, E.F.G. wolle solchen meinen geringen Dienst in Gnaden erkennen und meine Vermessenheit mir nicht verargen; denn E.F.G. zu dienen, bin ich alle Zeit untertänig bereit, die Gott sich lasse hier und dort befohlen sein, Amen.

 

Ein Sermon von dem Sakrament der Buße Doktor Martin L(uthers), A(ugustiner), W(ittenberg)

    1. Zum ersten: [Es] sind zwei Vergebungen in dem Sakrament der Buße: Vergebung der Pein und Vergebung der Schuld. Von der ersten Vergebung, der Pein oder Genugtuung, ist genug gesagt in dem Sermon von dem Ablass, unlängst ausgegangen. An welcher nicht so viel gelegen und unermesslich geringer ist als [die] Vergebung der Schuld, die man möchte heißen göttlichen oder himmlischen Ablass, den niemand als Gott allein vom Himmel geben kann.

    2. Zum zweiten: Ist unter beiden Vergebungen dieser Unterschied, dass Ablass oder Vergebung der Pein ablegt aufgesetzte Werke oder Mühe der Genugtuung und versöhnt den Menschen mit der christlichen Kirche äußerlich. Aber Vergebung der Schuld oder himmlischer Ablass legt ab die Furcht und Blödigkeit des Herzens gegen Gott und macht leicht und fröhlich das Gewissen innerlich, versöhnt den Menschen mit Gott; und das heißt eigentlich und recht, die Sünde vergeben, dass den Menschen seine Sünden nicht mehr beißen noch unruhig machen, sondern eine fröhliche Zuversicht überkommen hat, sie seien ihm von Gott immer und ewig vergeben.

    3. Zum dritten: Wenn der Mensch nicht in sich selbst befindet und fühlt ein solches Gewissen und fröhliches Herz zu Gottes Gnaden, dem hilft kein Ablass, ob er schon alle Briefe und Ablässe löste, die je gegeben sind. Denn ohne Ablass und Ablassbrief kann man selig werden und die Sünde bezahlen oder genugtun durch den Tod; aber ohne fröhliches Gewissen und leichtes Herz zu Gott, das ist, ohne Vergebung der Schuld, kann niemand selig werden. Und [es] wäre viel besser, dass man keinen Ablass löste, als dass man diese Vergebung der Schuld vergisst oder nicht vorerst [vielmehr] täglich am meisten übt.

    4. Zum vierten: Zu solcher Vergebung der Schuld und das Herz zu stillen vor den Sünden sind mancherlei Wege und Weise. Etliche vermeinen durch Briefe und Ablass das auszurichten, laufen hin und her, nach Rom, zu St. Jakob, lösen Ablass hier und da; das ist alles umsonst und ein Irrtum. Es wird dadurch viel ärger; denn Gott muss selber die Sünde vergeben und dem Herzen Friede geben. Etliche mühen sich mit vielen guten Werken, auch zu viel Fasten und Arbeiten, dass etliche ihren Leib darob zerbrochen und tolle Köpfe gemacht haben, dass sie vermeinten, so mit Geld der Werke ihre Sünde abzulegen und Ruhe dem Herzen zu machen. Diesen beiden gebricht, dass sie zuvor wollen gute Werke tun, ehe die Sünden vergeben sind; so doch wiederum zuvor die Sünden vergeben sein müssen, ehe gute Werke geschehen, und nicht die Werke austreiben die Sünde, sondern die Austreibung der Sünde tut gute Werke. Denn gute Werke müssen geschehen mit fröhlichem herzen und gutem Gewissen zu Gott, das ist, in der Vergebung der Sünden.

    5. Zum fünften: Der rechte Weg und die rechte Weise, ohne welche keine andere zu finden, ist das hochwürdige, gnadenreiche, heilige Sakrament der Buße, welches Gott zu Trost allen Sündern gegeben hat, da er St. Peter [stellvertretend für die] ganze christliche Kirche die Schlüssel gab und sprach, Matth. 16,19: „Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch los sein im Himmel.“ Diese heiligen, tröstlichen, gnadenreichen Worte Gottes muss ein jeglicher Christenmensch tief und wohl zu Herzen nehmen und mit großem Dank in sich bilden. Denn hierin liegt das Sakrament der Buße, Vergebung der Sünde, Trost und Friede des Gewissens, alle Freude und Seligkeit des Herzens gegen alle Sünde, gegen alles Erschrecken des Gewissens, gegen Verzweiflung und Anfechtung der Pforten der Hölle.

    6. Zum sechsten: Nun sind drei Dinge in dem heiligen Sakrament der Buße. Das erste ist die Absolution; das sind Worte des Priesters, die zeigen an, sagen und verkündigen dir, du seist los und deine Sünden seien vor Gott vergeben nach Laut und Kraft der oben gesagten Worte Christi zu St. Petrus. Das andere ist die Gnade, Vergebung der Sünde, der Friede und Trost des Gewissens, wie denn die Worte lauten. Darum heißt es ein Sakrament, ein heiliges Zeichen, dass man die Worte hört äußerlich, die da bedeuten die geistlichen Güter inwendig, davon das Herz getröstet wird und befriedet. Das dritte ist der Glaube, der da fest dafür hält, dass die Absolution und Worte des Priesters seien wahr in der Kraft der Worte Christi: „Alles, was du löst, soll los sein“ usw. Und an dem Glauben liegt es alles miteinander, welcher allein macht, dass die Sakramente wirken, was sie bedeuten, und alles wahr wird, was der Priester sagt; denn wie du glaubst, so geschieht dir. Ohne welchen Glauben alle Absolution, alle Sakramente umsonst sind, ja mehr schaden als frommen. So ist ein allgemeiner Spruch unter den Lehrern: Nicht das Sakrament, sondern der Glaube, der das Sakrament glaubt, legt die Sünde ab; so sagt St. Augustin: „Das Sakrament nimmt die Sünde nicht darum, dass es geschieht, sondern darum, dass man ihm glaubt.“ Deshalb ist mit allem Fleiß des Glaubens wahrzunehmen in dem Sakrament und wollen ihn weiter hervorheben.

    7. Zum siebten: Daraus folgt zum ersten, dass die Vergebung der Schuld und der himmlische Ablass wird niemand gegeben um der Würdigkeit willen seiner Reue für die Sünde, noch um der Werke willen der Genugtuung, sondern allein um des Glaubens willen, auf Zusage oder Verheißung Gottes: „Alles, was du löst, soll los sein“ usw. Wiewohl die Reue und guten Werke nicht nachzulassen sind, ist doch auf sie in keiner Weise zu bauen, sondern allein auf die gewissen Worte Christi, der dir zusagt: Wenn dich der Priester löst, sollst du los sein. Deine Reue und Werke können dich trügen, und der Teufel wird sie gar bald umstoßen im Tod und in der Anfechtung; aber Christus, dein Gott, wird dir nicht lügen noch wanken, und der Teufel wird ihm seine Worte nicht umstoßen. Und baust du darauf mit einem festen Glauben, so stehst du auf dem Felsen, dagegen die Pforten der Hölle nicht können bestehen, Matth. 16,18.

    8. Zum achten folgt weiter, dass die Vergebung der Schuld auch nicht steht weder in des Papsts, Bischofs, Priesters, noch irgendeines Menschen Amt oder Gewalt auf Erden, sondern allein auf dem Wort Christi und deinem eigenen Glauben. Denn er hat nicht wollen unseren Trost, unsere Seligkeit, unsere Zuversicht auf Menschenwort oder -tat bauen, sondern allein auf sich selbst, auf seine Worte und Tat. Die Priester, Bischöfe, Päpste sind nur Diener, die dir das Wort Christi vorhalten, darauf du dich wagen und setzen sollst mit festem Glauben, als auf einen festen Felsen, so wird dich das Wort behalten und müssen deine Sünden so vergeben werden. Darum auch nicht die Worte um der Priester, Bischöfe, Papsts willen, sondern die Priester, Bischöfe, Papst um des Wortes willen zu ehren sind, als die deines Gottes Wort und Botschaft dir bringen, du seist los von Sünden.

    9. Zum neunten folgt mehr, dass in dem Sakrament der Buße und Vergebung der Schuld nichts mehr tut ein Papst, Bischof als der geringste Priester; ja, wo ein Priester nicht ist, ebenso viel tut ein jeglicher Christenmensch, ob es schon eine Frau oder Kind wäre.  Denn welcher Christenmensch zu dir sagen kann: Dir vergibt Gott diene Sünde in dem Namen Christi usw., und du das Wort kannst fangen mit einem festen Glauben, als spräche es Gott zu dir, so bist du gewiss in demselben Glauben absolviert. So ganz und gar liegt alles Ding am Glauben auf Gottes Wort. Denn der Papst, Bischof, Priester können zu deinem Glauben nichts tun; so kann auch keiner für den anderen besser Gottes Wort führen als das allgemeine, das er zu Petrus sagt: „Was du auflöst, soll los sein.“ Das Wort muss in aller Absolution sein, ja, alle Absolutionen hängen darin. Doch soll man die Ordnung der Obrigkeit halten und nicht verachten; allein, dass man nicht irre im Sakrament und seinem Werk, als wäre es besser, wenn es [das Wort der Absolution] ein Bischof oder Papst gäbe, als wenn es ein Priester oder Laie gäbe. Denn wie des Priesters Messe und Taufe und Reichung des heiligen Fronleichnams Christi ebenso viel gilt, als ob’s der Papst oder Bischof selbst täten, so auch die Absolution, das ist, das Sakrament der Buße. Dass sie aber sich vorbehalten, etliche Kasus (Fälle von Sünden) zu absolvieren, macht nicht ihr Sakrament größer oder besser, sondern ist gleich, als wenn sie jemand die Messe, die Taufe oder dergleichen aus Ursache vorenthielten; damit der Taufe und Messe weder [etwas] zu- noch abgeht.

    10. Zum zehnten: Darum, wenn du glaubst des Priesters Wort, wenn er dich absolviert, das ist, dass er in Christi Namen und in seiner Worte Kraft dich löst und spricht: Ich löse dich von deinen Sünden, so sind die Sünden auch gewiss los vor Gott, vor allen Engeln und vor allen Kreaturen; nicht um deinetwillen, nicht um des Priesters willen, sondern um des wahrhaftigen Wortes Christi willen, der dir nicht lügen kann, da er spricht: „Alles, was du löst, soll los sein.“ Und so du nicht glaubst, dass [es] wahr sei, dass deine Sünden vergeben und los sind, so bist du ein Heide, Nichtchrist und ungläubig deinem HERRN Christus, das ist die allerschwerste Sünde wider Gott. Und beileibe gehe nicht zum Priester, wenn du seiner Absolution nicht glauben willst; du verwirfst deinen großen Schaden mit deinem Unglauben. Denn mit solchem Unglauben machst du deinen Gott zu einem Lügner, der dir durch seinen Priester sagt: Du bist los von Sünden; und du sprichst: Ich glaub’s nicht oder zweifle dran; gerade als wärst du gewisser in de9inem Dünken als Gott in seinen Worten. So du doch sollst alle Gedanken fahren lassen und dem Wort Gottes, durch den Priester gesagt, Statt geben mit unverrücktem Glauben. Denn was ist’s anders gesagt, wen du zweifelst, ob deine Absolution Gott angenehm sei und du los seist von Sünden, als wenn du sprächst: Christus hat nicht wahr gesagt, und ich weiß nicht, ob ihm sein eigenes Wort angenehm sei, da er zu Petrus sagt: „Alles, was du löst, soll los sein“? O, Gott behüte alle Menschen vor solchem teuflischen Unglauben.

    11. Zum elften: Wenn du absolviert bist von Sünden, ja, wenn dich in deiner Sünde und Gewissen ein frommer Christenmensch tröstet, Mann, Frau, jung oder alt; so sollst du das mit solchem Glauben annehmen, dass du dich solltest lassen zerreißen, vielmals töten, ja, alle Kreaturen verleugnen, ehe du daran zweifelst, es sei so vor Gott. Denn ist uns doch ohnedies geboten, an Gottes Gnade zu glauben, wenn er dir desselben ein Zeichen gibt durch einen Menschen! Es ist keine größere Sünde, als dass man nicht glaubt dem Artikel, Vergebung der Sünden, wie wir beten im täglichen Glauben. Und diese Sünde heißt Sünde gegen[43] den Heiligen Geist, die alle andere Sünde stärkt und unvergebbar macht zu ewigen Zeiten. Darum siehe, wie einen gnädigen Gott und Vater wir haben, der uns nicht allein Sündenvergebung zusagt, sondern auch gebietet bei der allerschwersten Sünde, wir sollen glauben, sie seien vergeben, und uns mit demselben Gebot dringt zum fröhlichen Gewissen und mit schrecklicher Sünde uns von den Sünden und bösem Gewissen treibt.

    12. Zum zwölften: Sind etliche, die uns gelehrt haben, man soll und muss der Absolution ungewiss sein und zweifeln, ob wir zu Gnaden aufgenommen und die Sünden vergeben sind, darum, dass wir nicht wissen, ob die Reue genugsam [ausreichend] sei oder für die Sünde genug geschehen, der Unwissenheit halben auch der Priester nicht möge gleichwertige Buße aufsetzen. Hüte dich vor diesen verführerischen unchristlichen Plauderern. Der Priester muss ungewiss sein an deiner Reue und Glauben, da liegt auch nichts dran. Es ist ihm genug, dass du beichtest und eine Absolution begehrst; die soll er dir geben und ist dir sie schuldig. Wie aber die geraten werde, soll er Gott und deinem Glauben lassen befohlen sein. Du sollst aber nicht allererst disputieren, ob deine Reue genugsam sei oder nicht; sondern des gewiss sein, dass nach all deinem Fleiß deine Reue ungenugsam [nicht ausreichend] sei, und darum zu Gottes Gnade fliehen, sein genugsam gewisses Wort im Sakrament hören, mit freiem, fröhlichem Glauben aufnehmen und gar nicht zweifeln, du seist zu Gnaden gekommen: nicht durch deine Verdienste oder Reue, sondern durch seine gnädige göttliche Barmherzigkeit, die dir lauter umsonst Vergebung der Sünde zusagt, anbietet und erfüllt; auf dass du also nicht auf dich noch dein Tun, sondern auf deines lieben Vaters im Himmel Gnade und Barmherzigkeit lernst prachten [großtun] und pochen wider alle Anfechtung der Sünde, des Gewissens und der Teufel. Danach reue so viel mehr und tue genug, wie du kannst; lasse nur diesen bloßen Glauben der unverdienten Vergebung, in Worten Christi zugesagt, vorgehen und Hauptmann im Feld bleiben.

    13. Zum dreizehnten: Die aber nicht Friede wollen haben, sie meinen denn, sie haben genugsam Reue und Werke getan, über das, dass sie Christus Lügen strafen und mit der Sünde gegen den Heiligen Geist umgehen, dazu das hochwürdige Sakrament der Buße unwürdig behandeln; so nehmen sie ihren verdienten Lohn, nämlich, dass sie auf den Sand bauen, sich selbst mehr als Gott vertrauen. Daraus denn folgen muss je größere und größere Unruhe des Gewissens und nach unmöglichen Dingen umsonst arbeiten, Grund und Trost suchen und nimmer finden, bis das Ende solcher Verkehrung folgt, die Verzweiflung und ewige Verdammnis. Denn, was suchen sie anders, als dass sie durch ihr Tun wollen gewiss werden, als wollten sie mit ihren Werken Gottes Wort befestigen, durch welches sie sollten befestigt werden im Glauben? Und heben an, den Himmel zu unterstützen, daran sie sich halten sollten, das ist, dass man Gott nicht will lassen barmherzig sein und nur für einen Richter halten, als sollte er nichts umsonst vergeben, es wäre ihm denn vorher bezahlt. So wir doch im ganzen Evangelium nicht einen lesen, von welchem er etwas anderes hätte gefordert als den Glauben, und alle seine Wohltaten den Unwürdigen umsonst und aus lauter Gnade erzeigt, darnach ihnen befohlen, wohl zu leben und hinzugehen in Frieden usw.

    14. Zum vierzehnten: Lass gleich sein, dass ein Priester irre oder gebunden sei oder leichtfertig sei in seinem Absolvieren, so du nur einfältig die Worte empfängst und glaubst, sofern du seines Irrtums oder Gebundenheit nicht weißt oder verachtest, dennoch bist du absolviert und hast das Sakrament vollkommene. Denn, wie gesagt, es liegt nicht am Priester, nicht an deinem Tun, sondern an deinem Glauben: So viel du glaubst, so viel hast du. Ohne diesen Glauben, so es möglich wäre, dass du aller Welt Reue hättest, so wäre es doch Judasreue, die Gott mehr erzürnt als versöhnt. Denn nichts versöhnt Gott besser, als dass man ihm die Ehre gebe, er sei wahrhaftig und gnädig. Das tut niemand, als wer seinen Worten glaubt. So lobt ihn David: „HERR, du bist geduldig, barmherzig und wahrhaftig.“ Ps. 145,8.9. Und diese Wahrheit erlöst uns auch von allen Sünden, so wir an ihr halten mit dem Glauben.

    15. Zum fünfzehnten folgt, dass die Schlüssel und Gewalt St. Peters ist nicht eine Gewalt, sondern ein Dienst; und die Schlüssel nicht St. Petrus, sondern dir und mir gegeben; dein und mein sind die Schlüssel. Denn St. Petrus bedarf ihrer nicht in dem, da er ein Papst oder Bischof [ist]; sie sind ihm auch nicht not noch nütze. Aber alle ihre Tugend ist darin, dass sie den Sündern helfen, ihre Gewissen [zu] trösten und zu stärken. So hat Christus geordnet, dass der Kirche Gewalt soll sein eine Dienstbarkeit, dass durch die Schlüssel die Geistlichen gar nichts sich selbst, sondern allein uns damit dienen sollen. Wenn man also sieht, tut der Priester nicht mehr, als dass er ein Wort spricht, so ist das Sakrament schon da, und das Wort ist Gottes Wort, als er sich versprochen [gebunden] hat. Auch hat der Priest er genugsam Zeichen und Ursache zu absolvieren, wenn er sieht, dass man von ihm begehrt die Absolution. Höher ist er zu wissen nicht verbunden. Das sage ich darum, dass man die allergnädigste Tugend der Schlüssel lieb habe und ehrwürdige und nicht verachte um etlicher Missbräuche willen, die nicht mehr als bannen, drohen und plagen, lauter Tyrannei machen aus solcher lieblicher, tröstlicher Gewalt, als hätte Christus nur ihren Willen und Herrschaft mit den Schlüssel eingesetzt, gar nicht wissen, wozu man sie gebrauchen soll.

    16. Zum sechzehnten: Dass nicht abermals jemand mir Schuld gebe, ich verbiete gute Werke; so sage ich: Man soll mit allem Ernst Reu und Leid haben, beichten und gute Werke tun. Das wehre ich aber[44], wie ich kann, dass man den Glauben des Sakraments lasse das Hauptgut sein und das Erbe, dadurch man Gottes Gnade erlange, und darnach viel Gutes tue allein Gott zu Ehren und dem Nächsten zu nutz; und nicht darum, dass man sich darauf verlassen soll, als genugsam für die Sünde zu bezahlen. Denn Gott gibt umsonst frei seine Gnade; so sollen wir auch umsonst frei wiederum ihm dienen. Auch alles, das ich gesagt habe von diesem Sakrament, ist denen gesagt, die betrübte, unruhige, irrige, erschrockene Gewissen haben, die gerne wollten der Sünden los und fromm sein und wissen nicht, wie sie es anfangen sollen; denn dieselben haben auch wahre Reue, ja, zu viel Reue und Kleinmütigkeit. Die tröstet Gott durch den Propheten Jesaja, Kap. 40,2: „Predigt den Kleinmütigen und sagt ihnen ein Consolamini [Trost]: Seid getrost, ihr Kleinmütigen, seht, das ist euer Gott.“ Und Christus Matth. 11,28: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“ usw. Die Hartmütigen aber, die noch nicht begehren Trost des Gewissens, haben auch diese Marter nie empfunden, denen ist das Sakrament nichts nütze; die muss man mit dem schrecklichen Gericht Gottes zuvor weich und zag machen, dass sie auch solchen Trost des Sakraments suchen und seufzen lernen.

    17. Zum siebzehnten: Will man einen fragen in der Beichte, oder selbst sich einer erforschen, ob er wahre Reue habe oder nicht, lass ich geschehen; doch so, dass je niemand so frech vor Gottes Augen sei, dass er sage, er habe genugsam Reue; denn das ist Vermessenheit und erlogen. Niemand hat genugsam Reue für seine Sünde. Auch dass die Erforschung viel größer sei, ob er fest glaube dem Sakrament, dass ihm seine Sünden vergeben seien; gleichwie Christus sprach zu dem gichtbrüchigen Menschen, Matth. 9,2: „Mein Sohn, glaube, so sind dir deine Sünden vergeben“; und zu der Frau, Matth. 9,22: „Glaube, meine Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht.“ Solch Erforschen ist ganz selten geworden in diesem Sakrament; man hat nur mit Reue, Sünde, Genugtuung und Ablass zu schaffen. So führt immer ein Blinder den anderen. Fürwahr, im Sakrament bringt der Priester in seinem Wort Gottes Botschaft von der Sünden und Schuld Vergebung; darum sollte er, wahrlich, auch am meisten fragen und sehen, ob der Mensch der Botschaft auch empfangsbereit wäre, der nimmermehr als durch den Glauben und Begierde nach derselben Botschaft, empfangsbereit werden kann. Sünde und Reue und gute Werke soll man in Predigten handeln vor dem Sakrament und Beichte.

    18. Zum achtzehnten: Es geschieht, dass Gott einen Menschen die Vergebung der Schuld nicht lässt empfinden, und bleibt das Zappeln und Unruhe des Gewissens nach dem Sakrament wie zuvor. Hier ist weise zu handeln; denn das Gebrechen ist am Glauben. Es ist nicht möglich, dass das Herz nicht sollte fröhlich sein, so es glaubt seiner Sünde Vergebung, so wenig, wie es auch möglich ist, dass es nicht betrübt und unruhig sei, wenn es nicht glaubt, dass die Sünden vergeben sind. Nun, lässt Gott den Glauben so schwach bleiben, daran soll man nicht verzagen, sondern dasselbe aufnehmen als eine Versuchung und Anfechtung, durch welche Gott den Menschen probiert, reizt und treibt, dass er desto mehr rufe und bitte um solchen Glauben, und um mit dem Vater des Besessenen im Evangelium sage: „O HERR, hilf meinem Unglauben“, und mit den Aposteln, Luk. 17,5: „O HERR, mehre uns den Glauben.“ So lernt der Mensch, dass alles Gottes Gnade sei, das Sakrament, die Vergebung und der Glaube, bis dass er Hände und Füße fahren lasse, an sich selbst verzweifelt, lauter auf Gottes Gnade hofft und haftet ohne Unterlass.

    19. Zum neunzehnten: Es ist ein ganz anderes Ding, die Buße und das Sakrament der Buße. Das Sakrament steht in den drei Dingen, droben gesagt: im Wort Gottes, das ist die Absolution; im Glauben derselben Absolution; und im Frieden, das ist, in Vergebung der Sünde, die dem Glauben gewiss folgt. Aber die Buße teilt man auch in drei, in Reue, Beichte und Genugtuung. Nun, wie in der Reue mancherlei Missbrauch droben ist angezeigt; so geht es auch in der Beichte und Genugtuung. Es sind gar viele Bücher voll dieser Dinge und leider wenige Bücher vom Sakrament der Buße. Wo aber das Sakrament recht geht im Glauben, da ist die Buße, Reue, Beichte und Genugtuung gar leicht und ohne alle Gefahr, sie sei zu wenig oder zu viel. Denn des Sakraments Glaube macht alle Krümmungen schlicht und füllt alle Abgründe, und kann niemand irren, weder ich Reue, Beichte noch Genugtuung, wer den Glauben des Sakraments hat; und ob er schon irrt, so schadet es ihm gar nichts. Wo aber der Glaube nicht ist, da ist keine Reue, Beichte, Genugtuung genugsam. Und daher fließen so viele Bücher und Lehren von der Reue, Beichte und Genugtuung, damit viele Herzen sehr geängstigt werden, oft beichten, dass sie nicht wissen, ob es tägliche oder tödliche Sünde sei. Doch auf diesmal wollen wir nur wenig davon sagen.

    20. Zum zwanzigsten: Man mag die tägliche Sünde nicht dem Priester, sondern allein Gott bekennen. Nun erhebt sich aber eine neue Frage: Was tödliche oder tägliche Sünden sind? Ist noch nie ein Doktor so gelehrt gewesen, noch wird jemals sein, der eine gewisse Regel, tägliche vor den tödlichen zu erkennen, ausgenommen die groben Stücke wider die Gebote Gottes, wie Ehebruch, töten, stehlen, lügen, verleumden, betrügen, hassen und dergleichen. Es steht auch allein in Gottes Gericht, welche anderen Sünden er tödlich achtet, und ist dem Menschen nicht möglich zu erkennen; wie denn sagt Psalm 19,13: „O Gott, wer kann alle seine Sünde erkennen? Mache mich rein von den verborgenen Sünden.“ Darum so gehört in die heimliche Beichte keine Sünde, als die man öffentlich für Todsünde erkennt und die das Gewissen zur Zeit drücken und ängstigen. Denn, sollte man alle Sünde beichten, so müsste man alle Augenblicke beichten, weil wir nimmer ohne Sünde sind in diesem Leben, auch unsere guten Werke nicht rein ohne Sünde sind. Doch ist es nicht ohne Besserung, dass man auch die geringen Sünden beichtet, besonders wenn man sonst keine Todsünde weiß. Denn, wie gesagt, im Sakrament wird Gottes Wort gehört und der Glaube je mehr und mehr gestärkt. Und ob einer schon nichts beichtete, dennoch wäre die Absolution und Gottes Wort vielmals zu hören nütze, um desselben Glaubens willen, dass man so sich gewöhne, der Sünden Vergebung zu glauben. Darum habe ich gesagt, der Glaube des Sakraments tut’s ganz, die Beichte sei zu viel oder zu wenig. Es ist alles förderlich[45] dem, der da Gottes Sakrament und Wort glaubt. Von der Genugtuung sei jetzt genug, dass die beste ist, nimmer sündigen und seinem Nächsten alles Gute tun, er sei Feind oder Freund, von welcher man auch selten handelt; nur mit aufgesetzten Gebeten will man’s alles bezahlen.

    21. Zum einundzwanzigsten: Das ist die Gewalt, da er von sagt Matthäus im 9. [Kapitel] (V. 6) zu den ungläubigen Schriftgelehrten: „Auf dass ihr wisst, dass der Sohn des Menschen Macht habe auf Erden, die Sünde zu vergeben, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Stehe auf, nimm dein Bett und gehe in dein Haus. Und er ist aufgestanden und in sein Haus gegangen. Da das Volk solches gesehen, hat sie es verwundert, und sie haben Gott gelobt, der den Menschen solche Gewalt gegeben hat.“ Denn diese Gewalt, die Sünde zu vergeben, ist nichts anderes, als dass ein Priester, ja, so es not ist, ein jeglicher Christenmensch kann zu dem anderen sagen und, so er ihn betrübt und geängstigt sieht in seinen Sünden, fröhlich ein Urteil sprechen: „Sei getrost, dir sind deine Sünden vergeben.“ Wo aber der Glaube nicht ist, hilft’s nicht, ob gleich Christus und Gott selbst das Urteil sprächen; denn Gott kann niemand geben, der es nicht will haben. Der will es aber nicht haben, der nicht glaubt, dass es ihm gegeben sei, und tut dem Wort Gottes eine große Unehre, wie oben gesagt. So siehst du, dass die ganze Kirche voll ist Vergebung der Sünde; aber wenig sind ihrer, die sie aufnehmen und empfangen, darum, dass sie es nicht glauben, und wollen sich mit ihren Werken gewiss machen.

    22. So ist es wahr, dass ein Priester wahrhaftig die Sünde und Schuld vergibt, aber er vermag dem Sünder den Glauben nicht zu geben, der die Vergebung empfängt und aufnimmt; den muss Gott geben. Nichtsdestoweniger ist die Vergebung so wahrhaftig wahr, als wenn’s Gott selber spräche, es hafte durch den Glauben oder nicht. Und diese Gewalt, die Sünde zu vergeben und so ein Urteil an Gottes Statt zu fällen, hat im Alten Testament weder ein oberster noch unterster Priester gehabt, noch König, noch Propheten, noch jemand im Volk, es wurde ihm denn besonders befohlen von Gott, wie Nathan über den König David.

    23. Aber im Neuen Testament hat sie ein jeglicher Christenmensch, wenn ein Priester nicht da ist, durch die Zusage Christi, da er sprach zu Petrus: „Alles, was du wirst lösen auf Erden, soll los sein im Himmel.“ Denn so das allein zu Petrus gesagt wäre, so hätte er, Matth. 18,18, nicht zu allen insgemein gesagt: „Was ihr auf Erden auflösen werdet, soll auch im Himmel los sein.“ Da redet er zu der ganzen Christenheit und einem jeglichen besonders. So ein großes Ding ist es um einen Christenmenschen, dass Gott nicht voll geliebt und gelobt werden kann, wenn uns nicht mehr gegeben wäre, als einen zu hören in solchem Wort mit uns reden. Nun ist die Welt voll Christen und niemand das achtet noch Gott dankt.

    24. Zusammenfassend, wer glaubt, dem ist alles förderlich, nichts schädlich. Wer nicht glaubt, dem ist alles schädlich, nichts förderlich.

 

VON TAUFE UND ABENDMAHL

 

Von der Taufe

(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)

    Die Taufe ist nichts anderes als Gottes Wort im Wasser, durch seine Einsetzung befohlen, oder, wie St. Paulus sagt Eph. 5: das Wasserbad im Wort; wie auch Augustinus sagt: Füger das Wort zum Element hinzu, so wird es ein Sakrament. Und darum halten wir’s nicht mit Thomas und den Predigermönchen, die des Wortes (Gottes Einsetzung) vergessen und sagen, Gott habe eine geistliche Kraft ins Wasser gelegt, welche die Sünde durchs Wort abwasche. Auch nicht mit Scotus und den Barfüßermönchen, die da lehren, dass die Taufe die Sünde abwasche aus Beistehen göttlichen Willens, so dass diese Abwaschung geschieht allein durch Gottes Willen, gar nicht durchs Wort und Wasser.

    Von der Kindertaufe halten wir, dass man die Kinder taufen soll. Denn sie gehören auch zu der verheißenen Erlösung, durch Christus geschehen, und die Kirche soll sie ihnen reichen.

 

(aus dem großen Katechismus:)

    Denn in Gottes Namen getauft werden, ist nicht von Menschen, sondern von Gott selbst getauft werden. Darum, ob es gleich durch des Menschen Hand geschieht, so ist es doch wahrhaftig Gottes eigenes Werk; daraus ein jeglicher selbst wohl schließen kann, dass es viel höher ist als sonst ein Werk, von einem Menschen oder Heiligen getan. Denn was kann man für Werk größer machen als Gottes Werk? …

    Aus diesem lerne nun ein richtiges Verständnis fassen und antworten auf die Frage, was die Taufe sei, nämlich so, dass sie nicht bloß schlichtes Wasser ist, sondern ein Wasser in Gottes Wort und Gebot gefasst und dadurch geheiligt, dass nichts anderes ist als ein Gotteswasser, nicht dass das Wasser an sich selbst edler sei als anderes Wasser, sondern dass Gottes Wort und Gebot dazu kommt.

    Darum ist’s lauter Bubenstück und des Teufels Gespött, dass jetzt unsere neuen Geist, die Taufe zu lästern, Gottes Wort und Ordnung davon lassen und nicht anders ansehen als das Wasser, das man aus dem Brunnen schöpft, und danach daher geifern: Was sollte ein Handvoll Wasser der Seele helfen? Ja, Lieber, wer weiß das nicht, dass Wasser Wasser ist, wenn es voneinander zu trennen soll gelten? Wie darfst du aber in Gottes Ordnung greifen und das beste Kleinod davon reißen, damit es Gott verbunden und eingefasst hat, und nicht will getrennt haben? Denn das ist der Kern in dem Wasser, Gottes Wort oder Gebot und Gottes Namen, welcher Schatz größer und edler ist als Himmel und Erde. …

    Aufs andere, weil wir nun wissen, was die Taufe ist und wie sie zu halten sei, müssen wir auch lernen, warum und wozu sie eingesetzt sei, das ist, was sie nütze, gebe und schaffe. Solches kann man auch nicht besser als aus den Worten Christi, oben angezogen fassen, nämlich: Wer da [bis ans Ende] glaubt und getauft wird, der wird selig. Darum fasse es aufs allereinfältigste so, dass dies der Taufe Kraft, werk, Nutz, Frucht und Ziel ist, dass sie selig mache. Denn man tauft niemanden darum, dass er ein Fürst werde, sondern, wie die Worte lauten, dass er selig werde. Selig werden aber weiß man wohl, das nichts anderes heiße, als von Sünden, Tod, Teufel erlöst, in Christi Reich kommen und mit ihm ewig leben.

    Da siehst du abermals, wie teuer und wert die Taufe zu halten sei, weil wir solchen unaussprechlichen Schatz darin erlangen, welches auch wohl anzeigt, dass sie nicht kann schlicht lauter Wasser sein. Denn lauter Wasser könnte solches nicht tun, aber das Wort tut’s, und dass (wie oben gesagt) Gottes Name darinnen ist. Wo aber Gottes Name ist, da muss auch Leben und Seligkeit sein, dass es wohl ein göttlich, selig, fruchtbar und gnadenreich Wasser heißt; denn durchs Wort kriegt sie die Kraft, dass sie ein Bad der Wiedergeburt ist, wie sie auch St. Paulus nennt Tit. 3.

    Dass aber unsere Klüglinge, die neuen Geister, vorgeben, der Glaube mache allein selig, die Werke aber und äußerlichen Dinge tun nichts dazu, antworten wir, dass freilich nichts in uns tut als der Glaube, wie wir noch weiter hören werden. Das wollen aber die blinden Leiter nicht sehen, dass der Glaube etwas haben muss, das er glaube, das ist, daran er sich halte und darauf er stehe und fuße. So hängt nun der Glaube am Wasser und glaubt, dass die Taufe sei, darin eitel Seligkeit und Leben ist, nicht durchs Wasser (wie genug gesagt), sondern dadurch, dass mit Gottes Wort und Ordnung verleibt ist und sein Name darin klebt. Wenn ich nun solches glaube, was glaube ich anders, als an Gott als an den, der sein Wort darein gegeben und gepflanzt hat und uns dies äußerlich Ding vorhält, darin wir solchen Schatz ergreifen können. …

    Aufs dritte, weil wir den großen Nutzen und Kraft der Taufe haben, so lass nun weiter sehen, wer die Person sei, die solches empfange, was die Taufe gibt und nützt. Das ist abermals aufs feinste und klarste ausgedrückt eben mit den Worten: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig. Das ist, der Glaube macht die Person allein würdig, das heilsame göttliche Wasser nützlich zu empfangen. Denn weil solches allhier in den Worten bei und mit dem Wasser vorgetragen und verheißen wird, kann es nicht anders empfangen werden, als dass wir solches von herzen glauben. Ohne Glauben ist es nichts nütze, ob es gleich an sich selbst ein göttlicher überschwänglicher Schatz ist. Darum vermag das einige Wort (wer da glaubt) so viel, dass es ausschließt und zurück treibt alle Werke, die wir tun können, der Meinung, um dadurch Seligkeit zu erlangen und verdienen. Denn es ist beschlossen, was nicht Glaube ist, das tut nichts dazu, empfängt auch nichts. …

    Auf letzte ist auch zu wissen, was die Taufe bedeutet und warum Gott eben solches äußerliche Zeichen und Gebärde geordnet hat zu dem Sakrament, dadurch wir erstlich in die Christenheit aufgenommen werden. Das Werk aber oder Gebärde ist das, dass man uns ins Wasser senkt, das über uns hergeht, und danach wieder herauszieht. Diese zwei Stücke, unter das Wasser sinken und wieder herauskommen, deuten die Kraft und das Werk der Taufe, welches nichts anderes ist, als die Tötung des alten Adams, danach die Auferstehung des neuen Menschen, welche beide unser Lebenlang in uns gehen sollen, so dass ein christliches Leben nichts anderes ist als eine tägliche Taufe, einmal angefangen und immer darin gegangen. Denn es muss ohne Unterlass so getan werden, dass man immer ausfege, was von dem alten Adam ist, und hervorkomme, was zum neuen gehört. Was ist denn der alte Mensch? Das ist er, so uns angeboren ist von Adam, zornig, gehässig, neidisch, unkeusch, geizig, faul, hoffärtig, ja ungläubig, mit allen Lastern besetzt, und von Art nichts Gutes an sich hat. Wenn wir nun in Christi Reich kommen, soll solches täglich abnehmen, dass wir je länger je milder, geduldiger, sanftmütiger werden, dem Unglauben, Geiz, Hass, Neid, Hoffart je mehr abbrechen.

    Das ist der rechte Gebrauch der Taufe unter den Christen, durch das Wassertaufen bedeutet. Wo nun solches nicht geht, sondern dem alten Menschen der Zaum gelassen wird, dass er nur stärker wird, das heißt nicht, die Taufe gebrauchen, sondern gegen die Taufe streben. Denn die außer Christus sind, können nichts anderes tun, als täglich ärger werden, wie auch das Sprichwort lautet und die Wahrheit ist: immer je ärger, je länger je böser. … Dagegen, wo Christen geworden sind, nimmt er [der alte Mensch] täglich ab, so lange, bis er gar untergeht. Das heißt, recht in die Taufe gekrochen und täglich wieder hervorgekommen. So ist das äußerliche Zeichen gestellt, nicht allein, dass es soll kräftig wirken, sondern auch etwas deuten. Wo nun der Glaube geht mit seinen Früchten, da ist’s nicht eine lose Deutung, sondern das Werk dabei; wo aber der Glaube nicht ist, da bleibt es ein bloß unfruchtbares Zeichen.

 

 

 

Sermon von dem heiligen hochwürdigen Sakrament der Taufe[46]

1519

 

    Die Neufassung der Sakramentslehre war nach der reformatorischen Wende in Luthers Leben 1518/19 von zentraler Bedeutung, da gerade in ihnen sich die Rechtfertigungslehre besonders entfaltete. Das gilt auch für die Taufe, in der die Rechtfertigung sich eigentlich vollzieht. Darum gehört die Taufe nicht an den Rand des christlichen Lebens, sondern in seine Mitte, denn die Buße ist nichts anderes als die Rückkehr zur Taufe; und unser christliches Leben eigentlich Leben aus der Kraft der Taufe und täglicher Vollzug des Werkes der Taufe, nämlich des Abtötens des alten Menschen und Hervorkommen des neuen. Da gilt es, den von Gott in der Taufe mit dem Menschen gemachten Bund durchzuhalten; dazu dienen nicht zuletzt auch Askese, Leiden, selbst der Tod als Gottes Werkzeuge.[47]

 

    1. Zum ersten, die Taufe heißt auf Griechisch Baptismos, zu Latein Mersio, das ist, wenn man etwas ganz ins Wasser taucht, das über ihm zusammengeht. Und wiewohl an vielen Orten der Brauch nimmer ist, die Kinder in die Taufe ganz zu stoßen und zu tauchen, sondern sie mit der Hand aus der Taufe begießt: So sollte es doch so sein und wäre recht, dass man laut des Wörtleins Taufe das Kind oder jeglichen, der getauft wird, ganz hinein ins Wasser senkte und taufte und wieder herauszöge. Denn auch ohne Zweifel in deutscher Zunge das Wörtlein „Taufe“ herkommt von dem Wort „tief“, dass man tief ins Wasser senkt, was man tauft. Das fordert auch die Bedeutung der Taufe; denn sie bedeutet, dass der alte Mensch und sündliche Geburt von Fleisch und Blut soll ganz ersäuft werden durch die Gnade Gottes; wie wir hören werden. Darum sollte man der Bedeutung genugtun und ein recht vollkommenes Zeichen geben.

    2. Zum zweiten: Die Taufe ist ein äußerliches Zeichen oder Losung, die uns absondert von den ungetauften Menschen, dass wir dabei erkannt werden als ein Volk Christi, unseres Herzogs, unter welches Panier, das ist, das heilige Kreuz, wir steig streiten gegen die Sünde. Darum müssen wir drei Dinge in dem heiligen Sakrament ansehen: das Zeichen, die Bedeutung und den Glauben. Das Zeichen steht darin, dass man den Menschen in dem Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes stößt ins Wasser; aber man lässt ihn nicht darin, sondern hebt ihn wieder heraus; darum heißt man es aus der Taufe gehoben. So müssen alle beide Stücke in dem Zeichen sein: das Taufen und das Herausheben.

     3. Zum dritten: Die Bedeutung ist ein seliges Sterben der Sünde und Auferstehen in der Gnade Gottes, dass der alte Mensch, der in Sünden empfangen wird und geboren, da ertränkt wird und ein neuer Mensch herausgeht und aufsteht, in Gnaden geboren. So nennt St. Paulus, Tit. 3,5, die Taufe „ein Bad der neuen Geburt“, dass man in demselben Bad neu geboren und erneuert wird. So auch Christus, Joh. 3,3, sagt: „Es sei denn, dass ihr anderweit geboren werdet aus dem Wasser und Geist, der Gnade, so könnt ihr nicht eingehen in das Himmelreich.“ Denn gleichwie ein Kind aus Mutterleib gehoben und geboren wird, das durch solche fleischliche Geburt ein sündiger Mensch ist und ein Kind des Zorns; so wird aus der Taufe gehoben und geboren der Mensch geistlich und durch solche Geburt ein Kind der Gnade und gerechtfertigter Mensch. So ersaufen die Sünden in der Taufe und geht auf die Gerechtigkeit für die Sünde.

    4. Zum vierten: Die Bedeutung und Sterben oder Ertränken der Sünde geschieht nicht vollkommen in diesem Leben, bis der Mensch auch leiblich sterbe und ganz verwese zu Pulver. Das Sakrament oder Zeichen der Taufe ist bald geschehen, wie wir vor Augen sehen; aber die Bedeutung der geistlichen Taufe, das Ersäufen der Sünden, währt, dieweil wir leben, und wird allererst im Tod vollbracht; da wird der Mensch recht in die Taufe gesenkt und geschieht, was die Taufe bedeutet. Darum ist dies ganze Leben nichts anderes als ein geistliches Taufen ohne Unterlass bis in den Tod, und wer getauft wird, der wird zum Tod verurteilt; als spräche der Priester, wenn er tauft: Siehe, du bist ein sündiges Fleisch, darum ertränke ich dich in Gottes Namen und verurteile dich zum Tod in demselben Namen, dass mit dir alle deine Sünden sterben und untergehen. So sagt Paulus, Röm. 6,4: „Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod.“ Und je eher der Mensch stirbt nach der Taufe, je eher seine Taufe vollbracht wird; denn die Sünde hört nicht ganz auf, solange dieser Leib lebt, der so ganz in Sünden empfangen ist, dass Sünde seine Natur ist; wie der Prophet sagt, Ps. 51,7: „Siehe, in Sünden bin ich empfangen, und in Untugend hat mich meine Mutter getragen.“ Welcher in keiner Weise zu raten ist, sie sterbe denn und werde zunichte mit ihrer Sünde. So ist eines Christenmenschen Leben nichts anders als ein Anheben, selig zu sterben von der Taufe bis ins Grab; denn Gott will ich anders manchen von neu auf am Jüngsten Tag.

    5. Zum fünften: Desgleichen aus der Taufe heben geschieht auch behände; aber die Bedeutung, die geistliche Geburt, die Mehrung der Gnade und der Gerechtigkeit, hebt wohl an in der Taufe, währt aber auch bis in den Tod, ja, bis an den Jüngsten Tag. Da wird allererst vollbracht, was die Taufhebung bedeutet: Da werden wir vom Tod, von Sünden, von allem Übel auferstehen rein an Leib und Seele, und dann ewig leben. Da werden wir recht aus der Taufe gehoben und vollkommen geboren, anziehen das rechte Westerhemd des unsterblichen Lebens im Himmel. Als sprächen die Gevattern [Paten], wenn sie das Kind aus der Taufe heben: Siehe, deine Sünden sind nun ertränkt, wir empfangen dich in Gottes Namen in das ewige, unschuldige Leben. Denn so werden die Engel am Jüngsten Tag herausheben alle Christen, getaufte, fromme Menschen, und werden da erfüllen, was die Taufe und die Gevattern bedeuten; wie Christus sagt Matth. 24,31: „Er wird aussenden seine Engel [mit hellen Posaunen], und sie werden sammeln seine Auserwählten von den vier Winden, von einem Ende des Himmels zu dem anderen.“

    6. Zum sechsten: Die Taufe ist vor Zeiten angezeigt in der Sintflut Noahs, da die ganze Welt ersäuft wurde, ausgenommen Noah mit drei Söhnen und ihren Frauen, acht Menschen, die in der Arche behalten wurden. Dass die Menschen der Welt ertränkt wurden bedeutet, dass in der Taufe die Sünden ertränkt werden; dass aber die acht in de Arche mit allerlei Tier behalten wurden, bedeutet, dass durch die Taufe der Mensch selig wird, wie das St. Peter auslegt, I. 3,20.21. Nun ist die Taufe weit eine größere Sintflut als jene gewesen ist. Denn jene hat nicht mehr als eines Jahres Menschen ertränkt; aber diese Taufe ertränkt noch durch die ganze Welt, von Christi Geburt an bis an den Jüngsten Tag, allerlei Menschen; und ist eine Sintflut der Gnade, wie jene eine Sintflut des Zorns war, wie im 29. Psalm, V. 10, verkündigt ist, „Gott wird machen eine beständige, neue Sintflut.“ Denn ohne Zweifel viel mehr Menschen getauft werden, als in der Sintflut ersoffen sind.

    7. Zum siebten: Daraus folgt, dass wohl wahr ist, ein Mensch, so er aus der Taufe kommt, sei rein und ohne Sünde, ganz unschuldig; aber es wird von vielen nicht recht verstanden, die meinen, es sei gar keine Sünde mehr da, und werden faul und lässig, die sündliche Natur zu töten; gleichwie auch etliche tun, wenn sie gebeichtet haben. Darum, wie oben gesagt ist, soll man es recht verstehen und wissen, dass unser Fleisch, dieweil es hier lebt, natürlich böse und sündhaftig ist. Dem zu helfen, hat sich Gott einen solchen Rat erdacht, dass er es ganz neu anders schaffen will. Gleichwie Jer. 18,4-6 anzeigt, der Töpfer, da ihm der Topf nicht wohl geriet, denselben wieder in den Ton zu Haufen stieß und knetete und machte danach einen anderen Topf, wie es ihm gefiel. So, spricht Gott, seid ich in meinen Händen. In der ersten Geburt sind wir nicht wohl geraten; darum so stößt er uns wieder in die Erde durch den Tod und macht uns wiederum am Jüngsten Tag, dass wir alsdann wohl geraten und ohne Sünde sind.

    8. Diesen Rat hebt er an in der Taufe, die den Tod und Auferstehung am Jüngsten Tag bedeutet, wie gesagt ist. Darum, wie viel die Bedeutung oder das Zeichen des Sakraments ist, so sind die Sünden mit dem Menschen schon tot, und er ist auferstanden, und ist so das Sakrament geschehen; aber das Werk des Sakraments ist noch nicht ganz geschehen, das ist, der Tod und Auferstehung am Jüngsten Tag ist noch vorhanden.

    9. Zum achten: So ist der Mensch ganz rein und unschuldig, sakramentlich; das ist nicht anders gesagt als: Er hat das Zeichen Gottes, die Taufe; damit angezeigt wird, seine Sünden sollen alle tot sein und er in Gnaden auch sterben und am Jüngsten Tag auferstehen rein, ohne Sünde, unschuldig, ewig zu leben. So ist’s des Sakraments halben wahr, dass er ohne Sünde, unschuldig sei; aber dieweil nun das noch nicht vollbracht ist, und er noch lebt im sündlichen Fleisch, so ist er nicht ohne Sünde, noch rein aller Dinge, sondern hat angefangen, rein und unschuldig zu werden.

    10. Darum, wenn der Mensch zu seinen Jahren kommt, so regen sich die natürlichen sündlichen Begierden, Unkeuschheit, Liebe, Geiz, Hoffart und dergleichen; deren keines wäre, so die Sünden im Sakrament alle ertränkt und tot wären. Nun sind sie nur bedeutet, zu ertränken durch den Tod und Auferstehung am Jüngsten Tag. So klagt St. Paulus, Röm. 7,18, und alle Heiligen mit ihm, dass sie Sünder seien und Sünde in ihrer Natur haben, ob sie wohl getauft und heilig waren, darum, dass sich die natürlichen sündlichen Begierden immer regen, solange wir leben.

    11. Zum neunten: So sprichst du: Was hilft mir denn die Taufe, wenn sie nicht tilgt und ablegt die Sünde ganz und gar? Hier kommt nun der rechte Verstand und Erkenntnis des Sakraments der Taufe. Das hilft dir das hochwürdige Sakrament der Taufe, dass sich Gott daselbst mit dir verbindet und mit dir eines wird eines gnädigen und tröstlichen Bundes.

    12. Zum ersten, dass du dich ergibst in das Sakrament der Taufe und seiner Bedeutung, das ist, dass du begehrst mit den Sünden zu sterben und am Jüngsten Tag neu gemacht zu werden nach Anzeige des Sakraments; wie gesagt ist. Das nimmt Gott auf von dir und lässt dich taufen und hebt von Stund an, dich neu zu machen, gießt dir ein seine Gnade und Heiligen Geist, der anfängt, die Natur und Sünde zu töten und zu bereiten zum Sterben und zum Auferstehen am Jüngsten Tag.

    13. Zum zweiten. Verbindest du dich also zu bleiben und immer mehr und mehr zu töten deine Sünde, solange du lebst, bis in den Tod: So nimmt dasselbe Gott auch auf und übt dich dein Leben lang mit vielen guten Werken und mancherlei Leiden; damit er tut, dass du begehrt hast in der Taufe, das ist, dass du willst die Sünde los werden, sterben und neu auferstehen am Jüngsten Tag und so die Taufe vollbringen. Darum lesen wir und sehen, wie er seine lieben Heiligen so hart lässt martern und viel leiden, dass sie nur bald getötet, dem Sakrament der Taufe genug täten, stürben und neu würden. Denn so das nicht geschieht und wir nicht leiden noch Übung haben, so überwindet die böse Natur den Menschen, dass er ihm die Taufe unnütz macht und fällt in Sünde, bleibt ein alter Mensch, wie zuvor.

    14. Zum zehnten: Dieweil nun solches dein Verbinden mit Gott steht, tut dir Gott wieder die Gnade und verbindet sich dir, er wolle dir die Sünden nicht zurechnen, die nach der Taufe in deiner Natur sind, will sie nicht ansehen, noch dich darum verdammen. Lässt sich daran genügen und hat ein Wohlgefallen, dass du in steter Übung und Begierde seist, dieselben zu töten und mit deinem Sterben sie loszuwerden. Deshalb, ob sich wohl böse Gedanken oder Begierden regen, ja, ob du auch zuweilen sündigst und fällst; so du doch wieder aufstehst und in den Bund trittst, so sind sie in Kraft des Sakraments und Bundes schon dahin, wie St. Paulus, Röm. 8,1, sagt: „Es verdammt die natürliche böse, sündliche Neigung keinen, der an Christus glaubt und derselben nicht folgt noch drein willigt.“ Und St. Johannes in seiner Epistel [Brief] spricht: „Und ob jemand fiele in Sünde, so haben wir einen Fürsprecher bei Gott, Jesus Christus, der eine Vergebung geworden ist für unsere Sünde“, 1. Joh. 2,1.2. Dasselbe geschieht alles in der Taufe, da wird uns Christus gegeben, wie wir hören werden im folgenden Sermon.

    15. Zum elften: Wenn nun dieser Bund nicht wäre und Gott nicht barmherzig durch die Finger sähe, so wäre keine Sünde so klein, sie verdammte uns. Denn Gottes Gericht mag keine Sünde leiden. Darum ist kein größerer Trost auf Erden als die Taufe, durch welche wir in der Gnade und Barmherzigkeit Urteil treten, welche die Sünde nicht richtet, sondern mit vielen Übungen austreibt. So spricht St. Augustinus einen feinen Spruch: „Die Sünde wird in der Taufe ganz vergeben, nicht so, dass sie nicht mehr da sei, sondern dass sie nicht zugerechnet wird“; als spräche er: Die Sünde bleibt wohl bis in den Tod in unserem Fleisch, regt sich ohne Unterlass; aber dieweil wir nicht drein willigen oder darin bleiben, so ist sie durch die Taufe so geordnet, dass sie nicht verdammt noch schädlich ist, sondern ausgetilgt wird täglich mehr und mehr bis in den Tod.

    16. Deshalb soll niemand erschrecken, ob er fühlt böse Lust oder Liebe, auch nicht verzagen, ob er schon fällt; sondern an seine Taufe denken und sich derselben fröhlich trösten, dass Gott sich da verbunden hat, ihm seine Sünde zu töten und nicht zur Verdammnis anzurechnen, so er nicht drein willigt oder nicht drinnen bleibt. Auch soll man dieselben wütenden Gedanken oder Begierden, ja auch das Fallen nicht annehmen zum Verzagen; sondern als eine Ermahnung von Gott, dass der Mensch an seine Taufe denke, was er da geredet hat, dass er anrufe Gottes Gnade und sich übe, zu streiten gegen die Sünde, ja, auch zu sterben begehre, dass er der Sünden möge los werden.

    17. Zum zwölften: Hier ist nun das dritte Stück des Sakramente zu behandeln, das ist der Glaube, das isst, dass man dies alles fest glaube, wie das Sakrament nicht allein bedeute den Tod und Auferstehung am Jüngsten Tag, durch welche der Mensch neu werde, ewig ohne Sünde lebe; sondern dass es auch gewiss dasselbe anhebe und wirke und uns mit Gott verbindet, dass wir wollen bis in den Tod die Sünde töten und wider sie streiten; und er wiederum uns wolle zugut halten und gnädig mit uns handeln, nicht richten nach der Schärfe, dass wir ohne Sünde nicht sind in diesem Leben, bis dass wir rein werden durch den Tod. Also verstehst du, wie ein Mensch unschuldig, rein, ohne Sünde wird in der Taufe und doch bleibt voll vieler böser Neigung, dass er nicht anders rein heißt, als dass er angefangen ist, rein zu werden und derselben Reinigung ein Zeichen und Bund hat und je mehr rein werden soll. Um welches willen ihm Gott seine noch vorhandene Unreinigkeit nicht zurechnen will und [er] also mehr durch Gottes gnädiges Zurechnen, als seines Wesens halben, rein ist. Wie der Prophet sagt, Psalm 32,1.2: „Selig sind die, denen ihre Sünden vergeben sind; selig ist der Mensch, dem Gott seine Sünde nicht zurechnet.“ Dieser Glaube ist der allernötigste, denn er ist der Grund alles Trostes; wer den nicht hat, der muss verzweifeln in Sünden. Denn die Sünde, die nach der Taufe bleibt, macht, dass alle guten Werke nicht rein sind vor Gott. Deshalb muss man gar keck und frei an die Taufe sich halten und sie halten gegen alle Sünde und Erschrecken des Gewissens und demütig sagen: Ich weiß gar wohl, dass ich kein reines Werk habe; aber ich bin je getauft, durch welches mir Gott, der nicht lügen kann, sich verbunden hat, meine Sünde mir nicht zuzurechnen, sondern zu töten und vertilgen.

    18. Zum dreizehnten: So verstehen wir nun, dass unsere Unschuld von der Taufe ganz und gar der göttlichen Barmherzigkeit halben so heißt, die solches angefangen und mit der Sünde Geduld trägt und uns achtet, als wären wir ohne Sünde. Daher versteht man auch, warum die Christen heißen in der Schrift „die Kinder der Barmherzigkeit, ein Volk der Gnade und Menschen des gütigen Willens Gottes“; nämlich darum, dass sie angefangen durch die Taufe, rein zu werden und durch Gottes Barmherzigkeit mit der übrigen Sünde nicht verdammt werden, bis sie durch den Tod und am Jüngsten Tag ganz rein werden, wie die Taufe mit ihrem Zeichen ausweist.

    19. Darum ist das ein großer Irrtum derer, so da meinen, sie seien durch die Taufe ganz rein geworden, gehen dahin in ihrem Unverstand und töten ihre Sünde nicht, wollen’s auch nicht Sünde lassen sein, verharren darin und machen so ihre Taufe ganz zunichte, bleiben allein in etlichen äußerlichen Werken hangen, unter welchen die Hoffart, Hass und andere natürliche Bosheit, die sie nicht achten, nur stärker und größer werden. Nein, es ist nicht so, es muss die sündliche, böse Neigung für wahre Sünde erkannt werden; dass sie aber unschädlich sei, Gottes Gnade zuschreiben, der sie nicht zurechnen will; so doch, dass man sie mit vielen Übungen, Werken und Leiden bestreite, zuletzt mit Sterben töte. Welche das nicht tun, denen wird er sie nicht nachlassen, darum, dass sie der Taufe und ihrem Verbinden nicht Folge tun und hindern das angefangene Werk Gottes und der Taufe.

    20. Zum vierzehnten: Der Art sind auch die, die da meinen, ihre Sünde mit Genugtuung tilgen und ablegen (zu können), kommen auch so ferne, dass sie die Taufe nicht mehr achten, gerade, als hätten sie der Taufe nicht mehr bedurft, als dass sie herausgehoben sind; wissen nicht, dass sie durch’s ganze Leben bis in den Tod, ja, am Jüngsten Tag Kraft hat, wie droben gesagt. Darum meinen sie etwas anderes zu finden, die Sünde zu vertilgen, nämlich die Werke, und machen so sich selbst und allen anderen böse, erschrockene, unsichere Gewissen, Verzagung im Tod und wissen nicht, wie sie mit Gott daran sind, achten’s, die Taufe sei nun durch die Sünde verloren und nichts mehr nütze.

    21. Da hüte dich vor beileibe. Denn, wie gesagt, ist jemand in Sünde gefallen, so denke er am stärksten an seine Taufe, wie sich Gott daselbst mit ihm verbunden hat, alle Sünde zu vergeben, so er gegen sie fechten will bis in den Tod. Auf diese Wahrheit und Verbindung Gottes muss man sich fröhlich wagen, so geht die Taufe wieder in ihrem Werk und Kraft; so wird das Herz wieder zufrieden und fröhlich; nicht in seinem Werk oder Genugtuung, sondern in Gottes Barmherzigkeit, die ihm in der Taufe zugesagt ist, ewig zu halten. Und an dem Glauben muss man also fest halten, dass, ob auch alle Kreaturen und alle Sünden einen überfielen, er dennoch daran hange; angesehen, dass, wer sich davon lässt dringen, der macht Gott zu einem Lügner in seinem Verbinden an dem Sakrament der Taufe.

    22. Zum fünfzehnten: Den Glauben ficht der Teufel am meisten an; wenn er den umstößt, so hat er gewonnen. Denn auch das Sakrament der Buße[48], davon gesagt ist, seinen Grund in diesem Sakrament hat, dieweil allein denen die Sünden vergeben werden, die getauft sind, das ist denen Gott zugesagt hat, Sünde zu vergeben; so, dass der Buße Sakrament erneuert und wieder anzeigt der Taufe Sakrament, als spräche der Priester in der Absolution: Siehe, Gott hat dir deine Sünde jetzt vergeben, wie er die vorher in der Taufe zugesagt und mir jetzt befohlen in der Kraft der Schlüssel, und kommst nun wieder in der Taufe Werk und Wesen: Glaubst du, so hast du’s; zweifelst du, so bist du verloren. So finden wir, dass die Taufe durch die Sünde wird wohl verhindert an ihrem Werk, das ist Vergebung und Tötung der Sünde; aber allein durch den Unglauben ihres Werks wird sie zunichte. Und der Glaube bringt (stellt sich gegen) dieselben Hindernisse ihres Werks. So gar liegt es alles am Glauben.

    23. Und wenn ich’s sollte klar sagen, so ist es ein anderes Ding, die Sünden zu vergeben und die Sünden abzulegen oder auszutreiben. Die Vergebung der Sünden erlangt der Glaube, ob sie wohl nicht ganz ausgetrieben sind; aber die Sünden austreiben, ist Übung gegen die Sünde und zuletzt sterben; da geht die Sünde ganz unter. Es ist aber alles beides der Taufe Werk. So schreibt der Apostel an die Hebräer, Kap. 12,1, die doch getauft waren und ihre Sünden vergeben, „sie sollen die Sünde ablegen, die ihnen anliegt“. Denn dieweil ich glaube, dass mir Gott die Sünde nicht zurechnen will, so ist die Taufe kräftig und sind die Sünden vergeben, ob sie wohl noch da bleiben zu einem großen Teil. Darnach folgt das Austreiben durch Leiden und Sterben usw. Das ist der Artikel, den wir bekennen: „Ich glaube an den Heiligen Geist, Vergebung der Sünde“ usw. Da wird die Taufe besonders berührt, in welcher die Vergebung geschieht durch Gottes Verbinden mit uns; darum darf man nicht zweifeln an derselben Vergebung.

    24. Zum sechzehnten: So folgt, dass die Taufe alles Leid, und besonders den Tod, nützlich und hilfreich macht, dass sie nur dienen müssen dem Werk der Taufe, dass ist, die Sünde zu töten. Denn es mag nun nicht anders werden, wer der Taufe genugtun will und die Sünde loswerden, der muss sterben. Aber die Sünde stirbt nicht gerne; darum macht sie den Tod so bitter und greulich. So gnädig ist Gott und mächtig, dass die Sünde, die den Tod gebracht hat, wird mit ihrem eigenen Werk, dem Tod, wieder vertrieben.

    25. Man findet viele Leute, die leben wollen, dass sie fromm werden, und sprechen, sie wären gerne fromm. Nun ist keine kürzere Weise oder Weg, als durch die Taufe und der Taufe Werk, das ist, Leiden und Sterben; dieweil sie das nicht wollen, ist’s ein Zeichen, dass sie nicht recht wissen und meinen, fromm zu werden. Darum hat Gott mancherlei Stände verordnet, in welchen man sich üben und leiden lernen soll; etlichen den ehelichen, den anderen den geistlichen, den anderen den regierenden Stand, und allen befohlen, Mühe und Arbeit zu haben, dass man das Fleisch töte und gewöhne zu töten. Denn allen denen, die getauft sind, denen hat die Taufe dieses Lebens Ruhe, Gemach und Genüge zu lauter Gift gemacht, als ein Hindernis ihres Werks. Denn darin lernt niemand leiden, gerne sterben, die Sünde los zu werden und der Taufe Folge zu tun; sondern wächst nur Liebe dieses Lebens und Grauen des ewigen Lebens, Furcht des Todes und Flucht vor der Vertilgung der Sünde.

    26. Zum siebzehnten: Nun siehe in der Menschen Leben. Es sind ihrer viel, die fasten, beten, wallen und dergleichen Übungen haben, mit welchen sie nur Verdienst zu sammeln meinen und hoch zu sitzen im Himmel; lernen aber nimmermehr, ihre böse Untugend zu töten. Man sollte Fasten und alle Übungen dahin richten, dass sie den alten Adam, die sündliche Natur, unterdrückten und gewöhnten, zu entbehren alles des, das diesem Leben lustig ist, und so zum Tod täglich mehr und mehr bereit machen, dass der Taufe Genüge geschähe [durch][49] aller derselben Übungen und Mühe. Maß sollte man nehmen, nicht nach der Zahl und Größe, sondern nach der Forderung der Taufe, das ist, dass ein jeglicher der Übungen so viel sich nehme, die und so viel ihm nützlich und gut wären, die sündliche Natur zu unterdrücken und zum Tod zu schicken, dieselben auch ablassen und mehren, darnach man befände die Sünde abnehmen oder zunehmen. So fahren sie daher und laden auf sich dies und das; tun jetzt so, jetzt anders, nur nach der Larve und Ansehen des Werks; danach geschwind wieder fahren lassen, und so ganz unbeständig werden, dass nimmer etwas aus ihnen wird; etliche darüber die Köpfe zerbrechen und die Natur verderben, dass sie weder ihnen noch andern nütze sind.

    27. Das sind alles Früchte der Lehre, die uns besessen hat, dass wir meinen, nach der Reue oder Taufe ohne Sünde zu sein, und die guten Werke, nicht um Sünde zu vertilgen, sondern frei für sich selbst die Menge sammeln oder um [für die] getanen Sünden genugzutun. Da helfen zu die Prediger, die der lieben Heiligen Legenden und Werke nicht weise predigen und allgemeinen Beispiele daraus machen. So fallen denn darauf die Unverständigen und wirken ihr Verderben aus der Heiligen Beispiel. Gott hat einem jeglichen seine besondere Weise und Gnade gegeben, seiner Taufe Folge zu tun. Die Taufe aber mit ihrer Bedeutung ist allen als ein gemeines Maß gesetzt, dass ein jeglicher seines Standes sich prüfe, welche weise ihm am besten förderlich sei, der Taufe genugzutun, das ist, die Sünde zu töten und sterben. Auf dass so leicht und sanft werde die Bürde Christi, und nicht mit Ängsten und Sorgen zugehe, wie von denselben Salomo sagt, Pred. 10,15: „Die Werke der Unweisen martern sie nur, darum, dass sie den Weg zur Stadt nicht wissen. Denn eben wie die geängstigt sind, die zur Stadt wollen und treffen den Weg nicht: So ist’s mit diesen auch, dass all ihr Leben und Wirken ihnen sauer wird und richten doch nichts aus.

    28. Zum achtzehnten: Dahin gehört nun die allgemeine Frag: Ob die Taufe und Gelübde, die wir da Gott getan, mehr oder größer sind als die Gelübde der Keuschheit, Priesterschaft, Geistlichkeit, so doch die Taufe allgemein ist allen Christen, und man es achtet, dass die Geistlichen ein Besonderes haben und Höheres? Antwort: Ist aus dem Vorgesagten leicht zu beantworten. Denn in der Taufe geloben wir alle gleich Ein Ding, die Sünde zu töten und heilig zu werden durch Gottes Wirken und Gnade. Denn wir uns dargeben und opfern wie ein Ton dem Töpfer, und ist da keiner besser als der andere. Aber derselben Taufe Folge zu tun, dass die Sünde ertötet werde, mag nicht Eine Weise oder Stand sein. Darum habe ich gesagt, ein jeglicher muss sich selbst prüfen, in welchem Stand er am besten die Sünde könne töten und die Natur dämpfen. Also ist es wahr, dass kein höheres, besseres, größeres Gelübde ist als der Taufe Gelübde; was kann man weiter geloben, als alle Sünde vertreiben, sterben, dies Leben hassen und heilig werden?

    Über dies Gelübde aber mag sich eines wohl verbinden in einen Stand, der ihm füglich und förderlich sei zu seiner Taufe Vollbringung. Gleich als wenn zwei zu einer Stadt wanden, kann einer den Fußsteig, de andere die Landstraße gehen, wie es ihm am Besten dünkt; also, wer sich an ehelichen Stand bindet, der wandert in desselben Standes Mühe und Leiden, darin er seine Natur beladet, dass sie Liebe und Leides gewöhne, Sünde meide und sich zum Tod desto besser bereite, was er nicht so wohl könnte außerhalb desselben Standes. Wer aber mehr Leiden sucht und durch viele Übungen sich will in Kürze zum Tod bereiten und sein Taufwerk bald erlangen, der verbinde sich an die Keuschheit oder geistlichen Orden; denn ein geistlicher Stand, wenn er recht steht, so soll er voll Marter und Leiden sein, dass er mehr Übungen seiner Taufe hat als der eheliche Stand, und durch solche Marter sich bald gewöhne, den Tod fröhlich zu empfangen und so seiner Taufe Ende überkomme. Über diesen Stand ist nun noch ein höherer, der regierende Stand im geistlichen Regiment, wie Bischof, Pfarrherr usw., die sollen alle Stunden, ganz wohl durchübt mit Leiden und Werken, fertig sein zum Tod, nicht allein um ihretwillen, sondern auch um derer willen, die ihnen untertänig sind, zu sterben.

    30. Doch in allen diesen Ständen darf man dennoch das Maß nicht vergessen, wie droben gesagt, dass man die Übung so halte, dass nur die Sünde ausgetrieben werde und nicht nach der Menge oder Größe der Werke sich richte. Aber leider! Wie wir vergessen haben die Taufe und was sie bedeutet, was wir drinnen gelobt und wie wir in ihrem Werk wandern und zu ihrem Ende kommen sollen: So haben wir auch die Wege und die Stände vergessen und wissen fast nicht, wozu solche Stände eingesetzt oder wie man sich darinnen halten soll zur Tauferfüllung. Es ist eine Pompa (Gepränge) daraus geworden und nur ein weltlicher Schein kaum übrig geblieben, wie Jesaja sagt, Kap. 1,22: „Dein Silber ist zu Schaum geworden und dein Getränk mit Wasser vermischt“; des erbarme sich Gott. Amen.

    31. Zum neunzehnten: So aber das heilige Sakrament der Taufe so ein großes, gnädiges und tröstliches Ding ist, ist mit Ernst darauf zu sehen, dass man Gott je herzlich und fröhlich dafür ohne Unterlass Dank, Lob und Ehre sage. Denn ich besorge, der Undank hat verdient, dass wir, blind geworden, nicht würdig gewesen sind, solche Gnade zu erkennen; und die ganze Welt voll Taufe und Gnade Gottes gewesen und noch ist, wir aber in die ängstlichen eigenen Werke, danach in den Ablass und dergleichen falsche Troste verführt sind; vermeinend, Gott nicht eher zu vertrauen, wir wären denn fromm und es sei genug geschehen für die Sünde, als wollten wir ihm seine Gnade abkaufen oder bezahlen. Fürwahr, wer Gottes Gnade nicht so achtet, dass sie ihn als einen Sünder dulden und selig machen werde und allein seinem Gericht entgegen geht, der wird Gottes nimmer froh, mag ihn auch weder lieben noch loben. Aber so wir hören, dass er in der Taufe Bund uns Sünder aufnimmt, verschont und macht uns rein von Tag zu Tag, und das fest glauben, muss das Herz fröhlich werden, Gott lieben und loben. So spricht er im Propheten Maleachi, 3,17: „Ich will sie verschonen, wie ein Vater sein Kind.“ Darum ist’s not, dass man der hochgelobten Majestät, die sich gegen uns arme, verdammte Würmlein so gnädig und barmherzig erzeigt danksage und das Werk, wie es an ihm selbst ist, groß mache und erkenne.

    32. Zum zwanzigsten: Dabei sollen wir uns aber auch vorsehen, dass nicht eine falsche Sicherheit dabei einreiße und spreche bei sich selbst: Ist es so ein gnädig und groß Ding um die Taufe, dass uns Gott die Sünde nicht zurechnen will, und so bald wir wiederkommen von der Sünde, alle Dinge geschlichtet sind in Kraft der Taufe, so will ich dieweil leben und tun nach meinem Willen und hernachmals oder am Sterben an meine Taufe denken und Gott wegen seines Bundes ermahnen und dann meiner Taufe genugtun.

    33. Ja, freilich ist es so groß um die Taufe, dass, wenn du wiederkommst von Sünden und der Taufe Bund anrufst, deine Sünden vergeben sind. Siehe aber zu, wenn du so frevelhaft und mutwillig sündigst auf die Gnade, dass dich das Gericht nicht ergreife und deinem Wiederkommen zuvorkomme; und ob du dann schon wolltest glauben an die Taufe oder vertrauen, dass durch Gottes Verhängen deine Anfechtung so groß werde, dass der Glaube nicht bestehen könne. Denn so die schwer bleiben, die nicht sündigen oder je aus lauter Gebrechlichkeit fallen, wo will dein Frevel bleiben, der die Gnade versucht und verspottet hat? 1. Petr. 4,18. Darum lasst uns mit Sorgen und Furcht wandeln, dass wir die Reichtümer göttlicher Gnaden mögen mit einem festen Glauben behalten und seiner Barmherzigkeit fröhlich danken immer und ewig. Amen.

 

 

 

Vom Abendmahl

(aus den Schmalkaldischen Artikeln)

    Vom Sakrament des Altars halten wir, dass Brot und Wein im Abendmahl sei der wahrhaftige Leib und Blut Christi, und werde nicht allein gerecht und empfangen von frommen, sondern auch von bösen Christen.

    Und dass man nicht soll einerlei Gestalt allein geben. Und wir bedürfen der hohen Kunst nicht, die uns lehre, dass unter einer Gestalt so viel sei wie unter beiden, wie uns die Sophisten und das Konzil zu Konstanz lehren. Denn ob’s gleich wahr wäre, dass unter einer so viel sei wie unter beiden, so ist doch die einige Gestalt nicht die ganze Ordnung und Einsetzung, durch Christus gestiftet und befohlen.

 

(aus dem großen Katechismus:)

    Das Wort (sage ich) ist das, das dies Sakrament macht und unterscheidet, dass es nicht lauter Brot und Wein, sondern Christi Leib und Blut ist und heißt. Denn es heißt: Wenn das Wort zum äußerlichen Ding kommt, so wird’s ein Sakrament. Dieser Spruch St. Augustins ist so eigentlich und wohl geredet, dass er kaum einen besseren gesagt hat. Das Wort muss das Element zum Sakrament machen; wo nicht, so bleibst’s ein lauteres Element. Nun ist’s nicht eines Fürsten oder Kaisers, sondern der hohen Majestät Wort und Ordnung, davor alle Kreaturen sollen zu Fuß fallen und ja sprechen, es sei, wie er sagt, und mit allen Ehren, Frucht und Demut anzunehmen.

    Aus dem Wort kannst du dein Gewissen stärken und sprechen: Wenn hunderttausend Teufel samt allen Schwärmern herfahren, wie kann Brot und Wein Christi Leib und Blut sein usw.? so weiß ich, dass alle Geister und Gelehrten auf einem Haufen nicht so klug sind, wie die göttliche Majestät im kleinsten Fingerlein. Nun steht hier Christi Wort: Nehmt, esst, das ist mein Leib. Trinkt alle daraus, das ist das neue Testament in meinem Blut. Da bleiben wir bei, und wollen sie ansehen, die ihn meistern werden und anders machen, als er’s geredet hat. Das ist wohl wahr, wenn du das Wort davon tust, oder ohne Wort ansiehst, so hast du nichts als lauter Brot und Wein; wenn sie aber dabeibleiben, wie sie sollen und müssen, so ist’s laut derselben wahrhaftig Christi Leib und Blut. Denn wie Christi Mund redet und spricht, so ist es, als der nicht lügen noch trügen kann.

 

 

VON DEN SCHLÜSSELN UND DER BEICHTE

(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel)

 

Von den Schlüsseln

    Die Schlüssel sind ein Amt und Gewalt, der Kirche von Christus gegeben, zu binden und zu lösen die Sünde, nicht allein die groben und wohl bekannten Sünden, sondern auch die subtilen, heimlichen, die Gott allein erkennt. Wie geschrieben steht im 19. Psalm: Wer kann merken, wie oft er fehlt? Und St. Paulus Röm. 7 klagt selbst, dass er mit dem Fleisch diene dem Gesetz der Sünde. Denn es steht nicht bei uns, sondern bei Gott allein zu urteilen, welche, wie groß und wie viel Sünden sind, wie geschrieben steht im 143. Psalm: Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein lebendiger Mensch gerecht. Und Paulus 1. Kor. 4 auch sagt: Ich bin mir wohl nichts bewusst, aber darum bin ich nicht gerechtfertigt.

 

Von der Beichte

    Weil die Absolution oder Kraft der Schlüssel auch eine Hilfe und Trost ist, gegen die Sünde und böse Gewissen im Evangelium durch Christus gestiftet, so soll man die Beichte oder Absolution bei Leibe nicht lassen abkommen in der Kirche, sonderlich um der einfältigen Gewissen willen, auch um des jungen rohen Volks willen, damit es verhört und unterrichtet werde in der christlichen Lehre.

    Die Aufzählung aber der Sünden soll frei sein einem jeden, was er erzählen oder nicht erzählen will; denn so lange wir im Fleisch sind, werden wir nicht lügen, wenn wir sagen: Ich bin ein armer Mensch voller Stünde. Röm. 7: Ich fühle ein anderes Gesetz in meinen Gliedern usw. Denn dieweil die Privatabsolution von dem Amt herkommt der Schlüssel, soll man sie nicht verachten, sondern hoch und wert halten, wie alle anderen Ämter der christlichen Kirche.

    Und in diesen Stücken, so das mündliche, äußerliche Wort betreffen, ist fest darauf zu bleiben, dass Gott niemand seinen Geist oder Gnade gibt, außer durch oder mit dem vorhergehenden äußerlichen Wort. Damit wir uns bewahren vor den Enthusiasten, das ist, Geistern, so sich rühmen, ohne und vor dem Wort den Geist zu haben, und danach die Schrift oder mündliches Wort richten, deuten und dehnen nach ihrem Gefallen, wie der Müntzer tat und noch viele heute, die zwischen dem Geist und Buchstaben scharfe Richter sein wollen und wissen nicht, was sie sagen oder setzen. Denn das Papsttum auch ein eitel Enthusiasmus ist, darin der Papst rühmt, alle Rechte sind im Schrein seines Herzens, und was er mit seiner Kirche urteilt und heißt, das soll Geist und Recht sein, wenn‘ gleich über und gegen die Schrift oder das mündliche Wort ist.

 

 

Grundlinien des christlichen Glaubens:

(von Roland Sckerl, in Anlehnung an Darlegungen Luthers in der Deutschen Messe)

 

1) Das goldene Säckchen: Der Glaube

Das goldene Säckchen hat zwei Beutel:

a) Mit dem Beutel Gesetz verkündigt dir der Heilige Geist den Willen und Maßstab Gottes, A) um der groben Sünden zu wehren; B) dir klar zu machen, dass du Sünder abgrundtief verdorben bist, tot in Übertretungen und Sünden, darum unter Gottes Zorn und in alle Ewigkeit verdammt, und du daher einen Retter brauchst, und will so Reue, Traurigkeit über die Sünde, Hass, Ekel, Abscheu gegen die Sünde wirken; C) um dir, der du an Christus als deinen Retter glaubst, zu sagen, wie Gott will, dass du aus Christi Kraft leben sollst.

1. Mose 8,21: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Eph. 2,1-3: Ihr wart tot durch Übertretungen und Sünden, in welchen ihr einst gewandelt habt nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, unter welchen wir auch alle einst unseren Wandel gehabt haben in den Lüsten unseres Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die andern.

Joh. 3,36b: Wer dem Sohn nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Röm. 6,23a: Der Tod ist der Sünde Lohn.

b) Mit dem Beutel Evangelium verkündigt dir der Heilige Geist, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott und wahrhaftiger Mensch in einer Person, dich erlöst hat von allen Sünden, von Tod und Verdammnis und der Gewalt des Teufels, indem er das Gesetz für dich stellvertretend erfüllt, deine Sünden auf sich genommen und an seinem Leib auf das Kreuz geopfert und dort vollkommen für dich bezahlt und so Gott mit dir völlig versöhnt hat und ruft dich zum Glauben an diese Zusage der Vergebung und des ewigen Lebens und schenkt ihn auch.

Joh. 3,16: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Gal. 4,4-5: Da aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, und wir die Kindschaft empfingen.

1. Petr. 2,24: Welcher unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leib auf dem Holz, auf dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben; durch welches Wunden ihr seid heil geworden.

1. Petr. 1,18-19: Und wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Gold oder Silber erlöst seid von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes.

Röm. 4,25: Er ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt.

2. Kor. 5,19.21: Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. … Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

Joh. 3,36a: Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben.

 

2) Das silberne Säckchen: Das Leben

Das silberne Säckchen hat auch zwei Beutel:

Die erbarmende Liebe Gottes zu dir in Jesus Christus wirkt in dir die über alles gehende Liebe zu Gott, die sich entfaltet in der hingebenden Nachfolge Jesu Christi, denn der rechte Glaube kann nicht anders als Frucht bringen (Gal. 5,6):

a) Der Beutel Kreuz und Leid zeigt an, dass du in der hingebenden Nachfolge Jesu Christi gerade in Kreuz, Leid, Trübsal mit ihm immer gleichförmiger werden sollst, wobei aber dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sind, die an dir noch soll offenbar werden in der Ewigkeit.

Apg. 14,22: Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen.

Mark. 8,34: Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.

Röm. 8,18: Ich halte es dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbar werden.

2. Tim. 3,12: Alle, die gottselig leben wollen, müssen Verfolgung leiden.

b) Durch den Beutel Nächstenliebe ruft dich der Heilige Geist durch die erbarmende Liebe Gottes zu dir in Christus dazu, Christus, der nun in dir wohnt, Raum zu geben und ihm auch gleichförmig zu werden im hingebenden Dienst am Nächsten aus Liebe.

Matth. 22,39: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Matht. 7,12: Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen; das ist das Gesetz und die Propheten.

Röm. 13,10: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

 

3) Das purpurne Säckchen: Die Gemeinschaft

Das purpurne Säckchen hat auch zwei Beutel:

Dadurch, dass der Heilige Geist dich mittels des Evangeliums versetzt hat aus dem Reich des Teufels in das Reich Christi (Kol. 1,) hat er dich zugleich gesetzt in die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott und den anderen an Christus Gläubigen (der Kirche im eigentlichen Sinn).

a) Mit dem Beutel Gottesgemeinschaft ruft dich der Heilige Geist dazu, in der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott zu bleiben durch regelmäßigen Gebrauch seines Wortes (tägliche Bibellese, Gottesdienst, Beichte, Abendmahl, Bibelstunde) und regelmäßiges sowie akutes Gebet.

Joh. 5,39: Sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeugt.

Kol. 3,16: Lasst das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit. Lehrt und ermahnt euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singt dem HERRN in eurem Herzen.

Matth. 7,7-8: Bittet, so wird euch gegeben, sucht, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan; denn wer da bittet, der empfängt, und wer da sucht, der fjndet, und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

b) Mit dem Glaubensgemeinschaft ruft dich der Heilige Geist dazu, die konkrete, direkte Gemeinschaft der Christen um Wort und Sakrament (Ortsgemeinde) nicht zu vernachlässigen oder zu verlassen, sondern mit ihr zusammen die Gaben Christi zum Glauben und Leben zu gebrauchen und zu verwalten durch Lehre, Gemeinschaft, Brotbrechen und Gebet.

Apg. 2,42: Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.

Kol. 3,16: Lasst das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit. Lehrt und ermahnt euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singt dem HERRN in eurem Herzen.

Hebr. 10,25: Lasst uns … nicht verlassen unsere Versammlung, wie etliche pflegen.

1. Kor. 1,10: Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch den Namen unseres HERRN Jesus Christus, dass ihr allzumal einerlei Rede führt und lasst nicht Spaltungen unter euch sein, sondern haltet fest aneinander in einem Sinn und einerlei Meinung.

Röm. 16,17: Ich ermahne aber euch, liebe Brüder, dass ihr aufseht auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und wicht von denselben!

 

4) Das blaue Säckchen: Gottes Gnadenmittel

Das blaue Säckchen enthält einen großen Beutel, der noch drei weitere Beutel enthält:

a) Christi Geist spricht zu dir und wirkt an dir durch sein Wort in Gesetz und Evangelium, um dadurch rechte Sünden-, Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis (Gesetz) und rechten lebendigen Glauben an Jesus Christus als den Retter (Evangelium) zu wirken, zu erhalten und zu stärken. Der Glaube kommt aus dem Wort und gründet sich auf das Wort und lebt daher auch aus dem Wort.

Röm. 1,16-17: Ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen, da darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: Der Gerechte wird seines Glaubens leben.

Röm. 10,17:  So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes.

Joh. 16,8-11: Und wenn derselbe [der Heilige Geist] kommt, der wird die Welt strafen um die Sünde und um die Gerechtigkeit und um das Gericht: um die Sünde, dass sie nicht glauben an mich; um die Gerechtigkeit aber, dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; um das Gericht, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Röm. 7,7: Die Sünde erkannte ich nur durch das Gesetz.

1. Petr. 1,23: Die da wiederum geboren sind, nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewig bleibt.

Joh. 5,39: Sucht in der Schrift; denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darinnen; und sie ist’s, die von mir zeugt.

Joh. 8,32: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen; und die Wahrheit wird euch frei machen.

In seiner großen Gnade und Liebe zu uns hat Christus aber in Verbindung mit dem Wort auch noch äußere Zeichen und Handlungen gesetzt, um einem jeden persönlich die Vergebung der Sünden zuzueignen und zu vergewissern:

aa) In der Taufe wirkt er durch das Wasser den Tod des alten Menschen, Abwaschen der Sünden, Auferstehung des neuen Menschen bei allen, die seiner Verheißung und Zusage glauben. So ist auch hier das alles Entscheidende das Wort, das den Glauben wirkt, worauf der Glaube sich gründet und woraus er lebt, denn die Taufe ist nicht nur der einmalige Akt, sondern will täglich durch das Sterben des alten und Aufstehen des neuen Menschen umgesetzt, entfaltet werden.

Matth. 28,18-20: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie tauft im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch bis an der Welt Ende.

Mark. 16,15-16: Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Wer da glaubt bis ans Ende und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.

Röm. 6,3-4: Wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollt auch ihr in einem neuen Leben wandeln.

ab) Im heiligen Abendmahl schenkt Christus uns unter Brot und Wein zum mündlichen Genuss seinen Leib, den er für uns zur Vergebung der Sünden dahingegeben, und sein Blut, das er für uns zur Vergebung der Sünden vergossen hat, um uns so der Vergebung unserer Sünden im Glauben an Christus und sein Rettungswerk gewiss zu machen und zu befestigen. Während alle Teilnehmer Christi Leib und Blut unter Brot und Wein empfangen, so haben den geistlichen Segen nur die, die auch dem Wort, als dem Hauptstück neben dem Essen und Trinken, glauben.

Matth. 26,26-28: Das sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus. Das ist mein Blut des Neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

Mark. 14,22-24: Und indem sie aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Neuen Testaments, das für viele vergossen wird.

Luk. 22,19-20: Und er nahm das Brot, dankte du brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Das ist der Kelch, das neue Testament in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

1. Kor. 11,23-25: Ich habe es von dem HERRN empfangen, das ich euch gegeben habe. Denn der HERR Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Nehmt, esst; das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis! Desgleichen auch den Kelch nach dem Abendmahl und sprach: Dieser Kelch ist das neue Testament in meinem Blut. Solches tut, sooft ihr’s trinkt, zu meinem Gedächtnis!

1. Kor. 10,16-17: Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist’s, so sind wir viele ein Leib, dieweil wir alle eines Brotes teilhaftig sind.

ac) In der Absolution (Lossprechnung von Sünden) schenkt Christus durch sein Wort dem Sünder, dem seine Sünden leid sind und sie ihm bekennt die Vergebung der Sünden durch den Diener am Wort oder den Christen, in dessen Gegenwart du ihm deine Sünden bekannt hast. Durch den Glauben hast du, was Christus dir zusagt.

Matth. 18,15-18: Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf dass alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund. Hört er die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er die Gemeinde nicht, so halt ihn wie einen Heiden und Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, das soll auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel los sein.

Joh. 20,21-23: Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, sende ich euch. Und da er das sagte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denn sind sie behalten.

 

 

Von dem traurigen Rückfall aus der Gnade

 

(Predigt von Carl Ferdinand Wilhelm Walther zum Sonntag Oculi über Lukas 11,14-28; entnommen dem Predigtbuch „Gnadenjahr“)

 

    Die Gnade unseres HERRN und Heilandes, Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

 

    Geliebte Brüder und Schwestern in Christus Jesus!

    Zu nichts werden die Christen im Neuen Testament öfter und dringender ermahnt als zur Beständigkeit, und vor nichts mehr gewarnt als vor Abfall. Darum heißt es unter anderem: „Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig.“ „Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ „So besteht nun in der Freiheit, damit uns Christus befreit hat, und lasst euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen.“ „Seht euch vor, dass wir nicht verlieren, was wir erarbeitet haben, sondern vollen Lohn empfangen.“ „Bleibe in dem, das du gelernt hast.“ „Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme.“

     Wollte Gott, man könnte dieses alles auch den jetzigen Christen zurufen! Es steht aber leider jetzt mit den meisten Getauften so, dass man sie keineswegs ermahnen kann, im Glauben zu beharren bis ans Ende; denn wie kann der darin beharren, der noch gar nicht wahrhaft zu glauben angefangen hat? Wie kann man den ermahnen, Christus treu zu sein bis in den Tod, der es noch gar nicht mit Christus hält und noch gar nicht unter der Fahne seines Kreuzes streitet? Wie kann man denjenigen ermuntern, das Erarbeitete nicht wieder zu verlieren, der das Eine, das not ist, noch gar nicht gesucht und gefunden hat? Wie kann man den auffordern, die Krone festzuhalten und nicht aus der Gnade zu fallen, welcher mit der Krone eines wahren Christen noch gar nicht geschmückt ist und noch gar nicht bei Gott in Gnaden steht? – Den meisten Christen kann jetzt nicht zugerufen werden: Fallt nicht ab! Sondern: Steht von eurem Fall wieder auf; kehrt zurück zur Wahrheit, die ihr verlassen habt; kehrt um zu Christus, von dem ihr euch geschieden habt; sucht die Gnade wieder, die ihr verloren habt!

    Vergleicht nun das Wesen und Leben der meisten heutigen Christen mit den Beschreibungen, welche das Wort Gottes von begnadigten Christen macht, so werdet ihr finden, dass es jetzt mit den meisten ganz anders steht und dass die größte Anzahl gewiss den Irrweg gehe, der nimmer zum Himmel führen kann.

    Ein wahrer Christ sucht nach Gottes Wort seinen einigen Trost in Christus; ein wahrer Christ wird nicht mehr von seinem eigenen Geist, sondern von dem Geist der Gnade, nämlich vom Heiligen Geist, regiert; ein wahrer Christ hält die göttliche Wahrheit höher und köstlicher als Gold und Perlen, teurer als die ganze Welt und streitet für sie bis an den Tod; ein wahrer Christ hat eine innige Liebe zu allen seinen Miterlösten, auch zu seinen Feinden, besonders aber zu seinen Glaubensbrüdern und Glaubensschwestern; er freut sich nicht nur mit den Fröhlichen, sondern weint auch mit den Weinenden und hilft ihnen gern mit allem, das er hat und vermag; ein wahrer Christ ist ferner arm im Geist, demütig gegen Gott und Menschen und hält sich daher gern herunter zu den Niedrigen; ein wahrer Christ fürchtet sich vor der Sünde, kämpft daher dagegen, entschuldigt sie nicht und reinigt sich davon täglich in dem Blut der Versöhnung; ein wahrer Christ hat keinen Gefallen mehr an der Welt Eitelkeit, sucht keine guten Tage mehr für sein Fleisch und wird Christus gern gleich auch in seinem Leiden und seiner Erniedrigung; ein wahrer Christ hat endlich ein herzliches Vertrauen zu der Fürsorge seines himmlischen Vaters und wirft daher gläubig auch alle seine irdischen Sorgen in dieses seines lieben Vaters Schoß.

    Nun sagt selbst: Wo sind solche Christen? – Ach, über die ganze Christenheit muss der HERR jetzt klagen, wie über die Gemeinde zu Ephesus: „Ich habe wider dich, dass du die erste Liebe verlässt. Gedenke, wovon du gefallen bist und tue Buße und tue die ersten Werke. Wenn aber nicht, werde ich zu dir kommen bald und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte, wenn du nicht Buße tust.“ Ja, meine Lieben, so viele es auch jetzt gibt, die durch die Taufe einstmals in Gottes Gnadenbund aufgenommen und wiedergeboren worden sind, so sind doch die meisten wieder abgefallen, haben Gottes Bund verlassen und die Gnade der Wiedergeburt verloren. Wie aber dieser traurige Abfall gemeiniglich geschehe, davon lasst mich jetzt zu unser aller Warnung, Ermahnung und Ermunterung weiter sprechen,

 

Lukas 11,14-28: Und er trieb einen Teufel aus, der war stumm. Und es geschah, da der Teufel ausfuhr, da redete der Stumme. Und das Volk verwunderte sich. Etliche aber unter ihnen sprachen: Er treibt die Teufel aus durch Beelzebub, den Obersten der Teufel. Die andern aber versuchten ihn und begehrten ein Zeichen von ihm vom Himmel. Er aber vernahm ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Ein jegliches Reich, so es mit ihm selbst uneins wird, das wird wüste, und ein Haus fällt über das andere. Ist denn der Satanas auch mit ihm selbst uneins, wie will sein Reich bestehen? Dieweil ihr sagt, ich treibe die Teufel aus durch Beelzebub. So aber ich die Teufel durch Beelzebub austreibe, durch wen treiben sie eure Kinder aus? Darum werden sie eure Richter sein. So ich aber durch Gottes Finger die Teufel austreibe, so kommt je das Reich Gottes zu euch. Wenn ein starker Gewappneter seinen Palast bewahrt, so bleibt das Seine mit Frieden. Wenn aber ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seinen Harnisch, darauf er sich verließ, und teilt den Raub aus. Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet. Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausfährt, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; so spricht er: Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s mit Besemen gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben Geister zu sich, die ärger sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie da; und wird hernach mit demselben Menschen ärger denn vorher. Und es begab sich, da er solches redete, erhob eine Frau im Volk die Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, die du gesogen hast. Er aber sprach: Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.

 

    Als Christus, wie wir hören, einen Teufel ausgetrieben hatte, so machten ihm einige Pharisäer einen gotteslästerlichen Vorwurf: „Er treibt die Teufel aus durch Beelzebuch, den Obersten der Teufel.“ Hierauf zeigt daher Christus erstens, wie er das Reich des Teufels in den Menschen zerstöre und sich also nicht als seinen Freund, sondern als seinen mächtigsten Feind und Überwinder erweise. Zuletzt aber zeigt Christus, wie es auch oft geschehe, dass der Satan aus einem Menschen vertrieben werde, aber mit sieben ärgeren bösen Geistern in den Menschen zurückkehre, wenn dieser nämlich abfalle und ihm wieder in seinem Herzen Raum gebe.

    Ich spreche daher aufgrund des letzten Teiles der Rede Christi zu euch:

 

 

Von dem traurigen Rückfall aus der Gnade

 

1.                   Wie derselbe geschehe, und

2.                   Welche traurigen Folgen er habe.

 

    O HERR Jesus Christus! Du bist für alle Sünder gestorben und hast sie dir alle zu deinen Schafen mit deinem Blut teuer erkauft, und du weidest nicht nur die, die dich schon für ihren Hirten erkennen, sondern suchst auch diejenigen emsig und ängstlich, die sich von dir verloren haben und in der Irre dahingehen. O, gehe auch allen deinen verlorenen Schäflein unter uns jetzt nach und lass die Predigt des Evangeliums ihnen eine Stimme sein aus deinem Mund, die ihnen zuruft: Kehrt wieder! Und lass diese Stimme mächtig in ihr Herz dringen, dass dasselbe göttlich bewegt werde, noch diese Stunde dich, ihren guten Hirten, wieder aufzusuchen. Und dann, dann erhalte die zu dir Versammelten bei dir, bis du uns alle versammelt haben wirst in deinen himmlischen Schafstall. Amen.

 

1.

    Christus spricht in unserem Evangelium: Wenn der unsaubere Geist von dem Menschen ausfährt, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; so spricht er: Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin.“ Mit diesen Worten will der HERR sagen: Wenn ein Mensch aus der geistlichen Gewalt des Satans gerissen und durch den Glauben in Christi Gnadenreich aufgenommen worden ist, so verzweifelt der Satan nicht etwa daran, einen solchen Menschen doch noch zu verführen und um seine Seligkeit doch noch zu betrügen; nein, er durchwandelt dürre Stätten, das heißt, er wirkt dann in den Herzen der Ungläubigen, die schon von ihm verblendet sind; aber diese Herzen sind dem Satan kein angenehmer Aufenthalt; sie sind ihm wie Wüsteneien; er sehnt sich daher wieder zurück in das frische Herz dessen, der Christus in sich aufgenommen hat. Es liegt dem bösen Geist, so zu sagen, mehr am Herzen, wenn er nur einen wahren Christen wieder herumbringen und von Christus abfällig machen kann, als dass er tausend sichere Sünder schon an seinen

Stricken führt. Er schleicht daher dem wahren Christen Tag und Nacht auf allen seinen Wegen und #Stegen nach und wart et auf einen günstigen Augenblick, wo er sich in seiner Seele wieder auf den Thron schwingen und ihn zum Abfall bringen kann.

    Wenn nun der HERR weiter spricht: „Und wenn er kommt, so findet er’s mit Besemen gekehrt und geschmückt“, so gibt uns Christus hiermit an, wie es möglich ist, dass derjenige, der in Gnaden steht, doch wieder in Gottes Ungnade, in Blindheit und Sünde fallen könne; es geschieht dies nämlich dann, wenn ein Gläubiger sein Herz vor dem Satan nicht wirklich verschließt, ja, es gleichsam mit Besemen kehrt und schmückt, das heißt, es zurüstet und zubereitet, dass der böse Geist wieder eine offene Tür und eine willige Aufnahme als ein erwünschter Gast darin findet. Wir sehen hieraus: Mit Gewalt kann derjenige nicht aus der Gnade gestoßen werden, der Christus im Herzen trägt, denn Christus ist stärker als alles; nichts kann uns aus seiner Hand reißen; er macht seine Gläubigen so mächtig, dass sie durch ihn alles vermögen; werden sie daher wieder überwunden, so sind sie selbst schuld.

    Fragt ihr daher, wie denn der traurige Rückfall aus der Gnade geschehe? Fragt ihr: Wie ist es doch möglich, dass ein Mensch, der auf den seligen Himmelsweg gekommen ist, wieder davon abgehen könne? Und dass der, der das Heil gefunden hat, es wieder fahren lassen und verlieren könne, so antworte ich dieses.

    Es gibt zwar nur Einen Weg, zum Glauben zu kommen, aber tausend Abwege und Arten, auf welchen man wieder von ihm abkommen kann. Manche verlieren Gottes Gnade durch einen allmählichen, langsamen Fall, wie dies bei den Verräter Judas geschehen zu sein scheint; andere hingegen fallen plötzlich, wie David durch Ehebruch und Petrus durch seine Verleugnung. Manche wissen es nicht, dass sie gefallen sind, wie der Bischof zu Laodicea, welchem Christus sagen musste: „Du sprichst: Ich bin reich und habe gar satt und bedarfst nichts und weißt nicht, dass du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß“; andere hingegen wissen es recht wohl, dass sie gefallen sind, wie Kain; diese geraten daher oft endlich in Verzweiflung. Manche fallen äußerlich ab, dass es jedermann sehen kann, sie verlieren den lebendigen Glauben nicht nur aus ihren Herzen, sondern gehen auch öffentlich zu Falschgläubigen oder noch, wie Demas, zur Welt über, sie werden aus rechtgläubigen Christen Schwärmer, aus Bekennern der reinen Lehre Werkzeuge des Antichrists oder sonst Lästerer, Spötter und Verfolger; andere hingegen fallen nur innerlich ab, sie bleiben in der äußerlichen Gemeinschaft der Christen, sie gehen noch immer zur Kirche und zum heiligen Abendmahl; sie reden noch immer, als wären sie die besten Christen, viel von göttlichen Dingen; sie behalten mit einem Wort, wie der Apostel sagt, den Schein eines gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie, wie der Bischof zu Sardes, welchem Christus sagen ließ: „Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.“ Manche fallen so, dass sie wieder ganz leichtfertig, ja, lasterhaft werden und sich wie das unreinste Tier nach der Schwemme wieder in dem Kot aller Sünden wälzen; andere hingegen fallen so ab, dass sie nur das willige, fröhliche Herz zum Gutestun, das rechte evangelische Wesens verlieren und in ein gesetzliches ängstliches Treiben geraten.

    Ihr seht hieraus, meine Lieben, dass der Rückfall aus der Gnade auf gar verschiedene Weise geschieht; es ist daher freilich eine gar ernste Prüfung nötig, ob man noch stehe; denn bist du nicht gerade so gefallen wie der oder jener, so bist du vielleicht doch gefallen, nur anders; wenn nicht plötzlich, vielleicht allmählich? Wenn nicht bewusst, vielleicht unvermerkt? Wenn nicht äußerlich, vielleicht doch innerlich? Wenn nicht auf eine grobe Weise, vielleicht auf eine subtile Weise? – Ach, wie manche legen die Hand an den Pflug und sehen wieder zurück! Wie manche beginnen im Geist und endigen im Fleisch! Wie manche gehen fröhlich aus dem Ägypten dieser Welt aus, gehen mit durch das Rote Meer der ersten Versuchungen und sehen sich doch endlich wieder nach den Fleischtöpfen Ägyptens, kommen endlich in der Wüste um und erreichen das himmlische Kanaan nicht!

    Wie fängt es denn nun aber Satan an, einen Menschen, der seine Ruhe schon in Christus und seinem Evangelium gefunden hat, aus seiner Festung herauszulocken und ihm seine Krone zu rauben? Um dieses zu erreichen, schlägt der Versucher hauptsächlich zwei Wege ein; entweder sucht er den Menschen in mutwillige und seelengefährliche Irrtümer oder in Sünden gegen sein Gewissen zu stürzen.

    Es ist freilich wahr, dass nicht jeder Irrtum, in welchen ein Gläubiger gerät, sogleich den Gnadenstand umstößt; aber jeder Irrtum ist doch ein Gift für die Seele, das ihr den Tod droht, und wer wissentlich und mutwillig in einem Irrtum verharrt, leidet ebenso wohl an seinem Glauben Schiffbruch wie derjenige, der mutwillig sündigt. Der Glaube hat ja keinen anderen Grund als das Wort Gottes: Wie kann daher der wahre Glaube in einem Menschen bleiben, der wissentlich von Gottes Wort abweicht? Wie kann da die Liebe zu Gott bleiben, wo sich die Liebe zu Gottes offenbarter Wahrheit oder zur reinen Lehre verliert? Ein Mensch, der da aufhört, es mit jedem Wort der Schrift genau zu nehmen, dessen ganzes Christentum ist endlich nicht mehr auf das Wort, sondern auf sein trügerisches Herz gebaut. Ein merkwürdiges Beispiel, wie die besten Christen durch falsche Lehre zum Rückfall aus der Gnade gebracht werden können, sind die Galater, welche nach des Paulus Weggang falschen Lehrern Gehör gaben und sich nur die Lehre von der Rechtfertigung verkehren und verfälschen ließen. Diesen musste der heilige Apostel endlich zurufen: „So auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, als das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht. – O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, dass ihr der Wahrheit nicht gehorcht? – Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid von der Gnade gefallen. – Ihr lieft fein; wer hat euch aufgehalten? – Ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig. – Wer euch irre macht, der wird sein Urteil tragen, er sei, wer er wolle.“ Hier sehen wir: Es ist mit der falschen Lehre nicht zu scherzen; auch ein wenig Abweichen von der Wahrheit kann um Seele und Seligkeit bringen. Darum macht der Satan die Christen oft neugierig, falsche Bücher zu lesen, falsche Predigten zu hören und mit falschen Brüdern vertraute Gemeinschaft zu halten; hat er nun dadurch einen Menschen gegen die Wahrheit gleichgültig gemacht, so macht er ihn auch endlich selbst in den wichtigsten Lehren ungewiss und verwandelt seinen göttlichen Glauben in einen menschlichen; denn ist der Glaube nicht mehr auf das Wort Gottes allein gegründet, so ist der Glaube nur ein Schein, mit dem man verloren geht. Darum werden wir auch so oft ermahnt, bei Christi Rede zu bleiben, ob dem Wort, das gewiss ist, zu halten, uns vor falschen Propheten vorzusehen und nicht einem jeglichen Geist zu glauben, sondern die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind. Wozu wären alle diese Ermahnungen gegeben, wäre falsche Lehre nicht so verderblich und seelengefährlich?

    Ein anderer Weg jedoch, auf welchem der Satan die Christen aus der Gnade zu stoßen trachtet, ist dieser, dass er sie entweder plötzlich in grobe Sünden stürzt oder sie nach und nach wieder unter die Herrschaft der Sünde zu bringen sucht; und zwar hauptsächlich zu drei Sünden, entweder nämlich zu Stolz oder zu Wollust oder zu Geiz. Viele hören auf, über ihr Herz zu wachen, da steigt denn die Hoffart wieder empor, sie verlieren die Armut des Geistes und den demütigen Sinn, nach welchem sie sich erst für nichts achteten und über keinen Menschen erhoben; sie betrachteten, was sie tun, mit Selbstgefälligkeit; sie werden aufgeblasen wegen ihrer Erkenntnis; sie verlassen die Einfalt, grübeln über zu hohe Dinge nach und vergessen dabei die Hauptsache; sie verlieren die Erkenntnis ihrer selbst, sie werden blind und rechthaberisch, wollen sich nicht mehr strafen lassen, entschuldigen endlich alle ihre Sünden und fallen so, ohne dass sie es oft wissen, greulich aus der Gnade; sie reden noch immer davon, dass sie an Christus glauben, aber ihr ungebrochenes Herz weiß nichts davon.

    Andere wachen nicht über ihr Fleisch. [Einige lassen sich durch sexuelle Begierden verführen, sei es durch das Internet, Zeitungen, Zeitschriften, Filme, Bilder, Gespräche und meinen, es gehe doch nur um Gefühle, tatsächlich aber wird ihr Sinnen, ihre Phantasie, ihr Denken dadurch geprägt – und die Gefahr ist groß, dass es irgendwann zur Tat, zum Ehebruch oder zur Hurerei kommt. Andere fallen in irgendwelche Süchte, die sie beherrschen, wodurch sie aus der Gnade fallen, sei es Ess-Sucht, Trunksucht, Drogensucht, Spielsucht, Internetsucht, Smartphonesucht, das heißt, sie verbringen Stunden am Tag etwa im Internet oder am Smartphone, nicht arbeitsbedingt, sondern sie schlagen ihre Zeit damit tot. Gott ruft uns zur Keuschheit, zur Zucht an uns selbst, zum Bekämpfen der Begierden und Lüste.][50]

    Andere endlich fallen aus der Gnade durch Liebe zum Zeitlichen und durch falsches Vertrauen darauf. Erst als wahre Christen achten sie alles Zeitliche nichts, aber sie werden vielleicht gesegnet mit zeitlichen Gütern; anstatt diese nur dazu anzuwenden, den armen Brüdern auf alle mögliche Weise zu helfen und für Kirche, Schule und Gottesdienst damit ein Opfer zu bringen, hängen sie ihr Herz daran; sie werden immer begieriger, mehr zu erlangen, sie machen immer größere Pläne, stecken ihr Kapital in immer neue Unternehmungen, dass sie ja eine Entschuldigung haben, wenn sie einem Armen, der in Not ist, damit helfen sollten; sie werden, je mehr sie zusammenscharren, anstatt freigiebiger, nur karger und geiziger, und so verlieren sie Christus und sie sprechen im tiefsten Grund ihres Herzens endlich zu dem Goldklumpen: „Mein Trost!“ Andere hingegen, die Gott mit Zeitlichem nicht segnet, sondern mit Kummer und Mangel speist, werfen oft alles Vertrauen auf Gott weg, verfallen in Traurigkeit dieser Welt und fallen so endlich in Tod und Verdammnis. Oder sie fangen wieder an, ihr Fleisch zu pflegen und gute Tage in dieser Welt zu suchen; sie werden träge im Beten, Lesen und Hören des Wortes Gottes; sie kommen auf die Gedanken: Da der Mensch ja einmal mit seinen Werken nichts verdienen könne, wozu sei es da nötig, sich so ernstlich selbst zu verleugnen? Sie fangen daher wieder an, die Vergnügen der Welt mitzumachen und sich der Welt gleichzustellen und nennen das christliche Freiheit; um dem Spott der Welt auszuweichen, verleugnen sie Christus und seine Wahrheit häufig und nennen das christliche Klugheit, und ehe sie es denken, sind sie auf diese Weise pure Weltmenschen geworden, die nichts behalten als einige christliche Floskeln.

    Seht, so tilgt man selbst seinen Namen wieder aus dem Buch des Lebens, so wird man aus einem Kind der Gnade ein Kind des Zorns und tritt unvermerkt aus dem unsichtbaren Reich Jesu Christi, des Gnadenkönigs, und wird ein Sklave des Satans, des Fürsten der Finsternis.

 

2.

    Lasst mich nun noch einige Worte darüber hinzusetzen, welche traurigen Folgen ein solcher Rückfall aus der Gnade habe. Dieses beschreibt Christus in unserem Text so: „Dann geht er hin und nimmt sieben Geister zu sich, die ärger sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie da; und wird hernach mit demselben Menschen ärger denn vorher.“ Christus sagt also: Wer aus der Gnade fällt, verliert nicht nur die empfangene Gnade, sondern gerät auch in ein siebenmal größeres Verderben als das war, in welchem er vor seiner Bekehrung lag.

    Das ist ja fürwahr schrecklich. Aber die tägliche Erfahrung bestätigt es. Hat ein Mensch vormals die Wahrheit erkannt, und wird er abtrünnig, lässt er sich zu Irrtümern verführen, fällt er von der wahren rechtgläubigen Kirche ab und geht er zu einer irrgläubigen, schwärmerischen Sekte oder gar zu dem antichristlichen Papsttum über, so ist dann ein solcher Mensch ein bitterer Feind der Wahrheit als alle diejenigen, welche im Irrtum aufgewachsen sind. Sieben Teufel ziehen in die Seele eines solchen Abgefallenen ein, wenn zuvor, ehe er die Wahrheit erkannte, nur Ein böse Geist seine Seele beherrschte. Es ist dann mehr Hoffnung, dass der größte Spötter, der von Jugend auf im Unglauben erzogen wurde, endlich noch zur Erkenntnis der Wahrheit komme, als dass ein solcher Verleugner der vormals erkannten Wahrheit wieder erleuchtet werde und umkehren sollte. Siebenfache Finsternis deckt nun seine elende Seele, und schon jauchzt der böse Feind, dass er nun nimmer wieder Gnade finden werde. Die Geschichte berichtet uns auch schreckliche Beispiele genug, wie wissentliche Verleugner der Wahrheit endlich zwar aufgewacht, aber trostlos verzweifelt sind. O, wie nötig ist es also, dass man sein Herz bewahre, dass man von der Pest des Irrglaubens und Unglaubens nicht angesteckt werde, sondern in heller Erkenntnis der seligmachenden Wahrheit bleibe!

    Gleiche Folgen hat es aber auch bei denen, welche durch Sünden wider das Gewissen aus der Gnade fallen. Es ist leichter, dass der gottloseste Weltmensch endlich aus seinem Sündenschlaf erweckt und bekehrt werde, als dass ein Christ, der den Geist der Gnade wieder von sich getrieben hat und ein abgefallener geheimer Heuchler oder offenbarer Verächter Christi und seines Evangeliums geworden ist, wieder zur Gemeinschaft Christi zurückkomme. Entweder ist ein solcher in so großer Verblendung, dass er sich immer noch für bekehrt hält, oder er verzagt gänzlich, dass für ihn noch Hilfe sei, oder endlich er tritt freventlich das Blut der Versöhnung mit Füßen und schmäht den Geist der Gnade, so dass er nun nicht mehr erneuert werden kann. Daher werden solche Menschen in der Heiligen Schrift kahle, zweimal erstorbene Bäume genannt, die schwerlich wieder grünend werden und Früchte bringen und nun reif sind zum ewigen Feuer; und St. Petrus gibt die wichtige Warnung: „So sie entflohen sind dem Unflat der Welt durch die Erkenntnis des HERRN und Heilandes Jesus Christus, werden aber wiederum in denselben geflochten und überwunden, ist mit ihnen das Letzte ärger geworden als das Erste. Denn es wäre ihnen besser, dass sie den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt hätten, als dass sie ihn erkennen und sich kehren von dem heiligen Gebot, das ihnen gegeben ist.“

    O, wer kann daher den Jammer, das Unglück und das Elend mit Worten beschreiben, worein sich derjenige stürzt, der, es sei durch Irrtum oder durch Sünde, das Kleinod, das er schon einmal erfasst hatte, wieder von sich wirft! Beweinenswürdige Menschen! Denn gerade umso kläglicher ist ihr Fall, je weniger sie ihn erkennen und darüber bekümmert sind.

    Nun, meine Lieben, ich habe euch heute einen hellen Spiegel vorgehalten, in welchem diejenigen gewiss ihr Bild finden werden, die entweder abgefallen oder noch nie aufgestanden sind, wenn sie nicht mutwillig die Augen selbst dagegen verschließen.

    O ihr, die ihr von eurem geheimen oder offenbaren Rückfall überzeugt worden seid, ich frage euch: Wollt ihr denn nicht wieder aufstehen? Wollt ihr denn nicht wieder umkehren? Jesus Christus ruft euch jetzt wieder durch die Predigt seines Evangeliums zu sich zurück; säumt doch keinen Augenblick; die Gefahr eurer Seele wächst wie das Wasser einer Überschwemmung mit Macht von Stunde zu Stunde. Entfernt euch nicht immer weiter und weiter, bis ihr vielleicht endlich Christi Gnadenruf gar nicht mehr hört. Meint aber auch nicht, es sei nun zu spät; nein, das flüstert euch nur der Satan ein, nachdem er euch in Irrtum oder Sünde gestürzt hat; lasst euch mit dem Strick der Verzweiflung nur nicht binden; zerreißt ihn durch die Gnade, die euch noch jetzt verkündigt wird. Christus hat Gaben empfangen auch für die Abtrünnigen, also auch für dich. Seufze mit David und weine mit Petrus, so wirst du auch mit ihnen wieder Gnade finden. Ist’s auch schwer, dass ein Gefallener wieder aufstehe, so ist’s doch auch leicht, wenn er nur die Gnade aufs Neue annimmt und schnell wieder umkehrt, wie der verlorene Sohn, sobald er sein Elend erkennt.

 

Sprich nicht: Ich hab’s zu grob gemacht,

Ich hab die Güter seiner Gnaden

So lang und schändlich umgebracht,

Er hat mich oft umsonst geladen.

Wofern du’s nur jetzt redlich meinst,

Und deinen Fall mit Ernst beweinst:

So soll ihm nichts die Hände binden

Und du sollst noch Genade finden.

Er hilft, wenn sonst nichts helfen kann:

Mein Heiland nimmt die Sünder –

Wohl uns! – er nimmt uns alle, alle an.

 

    Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Sermon von der Betrachtung des heiligen Leidens Christi

Martin Luther

1519[51]

 

    Zum ersten bedenken etliche das Leiden Christi so, dass sie über die Juden zornig werden, singen und schelten über den armen Judas und lassen’s so genug sein. Gleichwie sie gewohnt, andere Leute anzuklagen und ihre Widersacher zu verdammen und versprechen. Das möchte wohl Christus nicht leiden, sondern Judas und der Juden Bosheit bedacht heißen.

    Zum zweiten haben etliche angezeigt mancherlei Nutz und Frucht, so aus der Betrachtung des Leidens Christi kommen. Dazu geht wird ihnen ein Spruch Alberts zugeschrieben, dass es besser sei, Christi Leiden einmal oben hin zu überdenken, als dass man ein ganzes Jahr fastet und alle Tage einen Psalter betet usw.

    Dem folgen sie blind dahin und geraden eben gegen die Frucht des Leidens Christi, denn sie das Ihre darin suchen. Darum tragen sie mit sich Bilder und Büchlein, Briefe und Kreuze. Auch fahren etliche so fern, dass sie sich vor Wasser, Eisen, Feuer und allerlei Gefahr zu sichern vermeinen und so Christi Leiden ein Unleiden in ihnen wirken soll, gegen seine Art und Natur.

    Zum dritten haben sie Mitleid mit Christus, beklagen und beweinen ihn als einen unschuldigen Menschen. Gleichwie die Frauen, die Christus aus Jerusalem nachfolgten und von ihm gestraft wurden. Sie sollten aber über sich selbst weinen und ihre Kinder.

    Der Art sind, die mitten in der Passion weit anreißen und von dem Abschied Christi zu Bethanien und von den Schmerzen der Jungfrau Maria viel eintragen und kommen auch nicht weiter. Da kommt es, dass man die Passion so viele Stunden verzieht, weiß Gott, ob’s mehr zum Schlafen oder zum Wachen erdacht ist.

    Zum vierten: Die bedenken das Leiden Christi recht, die es so ansehen, dass sie herzlich davor erschrecken und ihr Gewissen gleich sinkt in ein Verzagen. Das Erschrecken soll daher kommen, dass du siehst den strengen Zorn und unwandelbaren Ernst Gottes über die Sünde und Sünder, dass er auch seinem eigenen allerliebsten Sohn hat nicht wollen die Sünde los geben, er täte denn für sie eine solche schwere Buße. Wie er spricht Jes. 53,8: „Er wurde um der Missetat meines Volkes geplagt.“

    Was will dem Sünder begegnen, wenn das liebste Kind so geschlagen wird? Es muss ein unaussprechlicher, unerträglicher Ernst da sein, dem so eine große, unermessliche Person entgegen geht und dafür leidet und stirbt. Und wenn du recht tief bedenkst, dass Gottes Sohn, die ewige Weisheit des Vaters, selbst leidet, so wirst du wohl erschrecken und je mehr je tiefer.

    Zum fünften: Dass du dir tief einbildest und gar nicht zweifelst, du seist es, der Christus so martert. Denn deine Sünden haben’s gewiss getan. So schlug und erschreckte St. Petrus Apg. 2 die Juden gleich wie ein Donnerschlag, da er zu ihnen allen insgemein sprach: „Ihr habt ihn gekreuzigt.“, so dass 3000 an demselben Tag erschreckt und zappelnd zu den Aposteln sprachen: „O liebe Brüder, was sollen wir nun tun?“ Darum, wenn du die Nägel Christi siehst durch seine Hände dringen, glaube sicher, dass das dein Werk ist. Siehst du seine Dornenkrone, glaube, es sind deine bösen Gedanken usw.

    Zum sechsten: Nun siehe, wenn Christus eine Dorne sticht, so sollen dich billig mehr als hunderttausend Dornen stechen; ja, ewig sollten sie dich so und viel ärger stechen. Wenn Christus ein Nagel seine Hände oder Füße durchmartert, solltest du ewig solche und noch ärgere Nägel leiden. Wie denn auch geschehen wird denen, die Christi Leiden an sich lassen verloren werden. Denn dieser ernste Spiegel Christi wird nicht lügen noch schimpfen; was er anzeigt, muss so sein überschwänglich.

    Zum siebten. Ein solches Erschrecken nahm St. Bernhard daraus, dass er sprach: Ich meinte, ich wäre sicher, wusste nichts von dem ewigen Urteil, das im Himmel über mich ergangen war, bis dass ich sah, dass der einige Gottessohn sich meiner erbarmt, hervortritt und in dasselbe Urteil sich für mich ergibt. O weh! Es ist mir nicht mehr zum Spielen und sicher zu sein, wenn ein solcher Ernst dahinter ist.

    So gebot er den Frauen, Luk. 23: Weint nicht über mich, sondern über euch selbst und über eure Kinder. Und sagt die Ursache: Denn tut man das am grünen Holz, was will am dürren werden? Als sollte er sagen: Aus meiner Marter lernt, was ihr verdient und wie es euch gehen soll. Denn hier ist es wahr, dass ein kleines Brecklein geschlagen wird, den großen Hund zu schrecken.

    So hat der Prophet auch gesagt: Es sollen über sich selbst klagen alle Geschlechter auf Erden. Spricht nicht, sie sollen ihn klagen, sondern sich selbst über ihn klagen. So erschraken auch die in Apg. 2, wie oben gesagt ist, dass sie zu den Aposteln sagten: O Brüder, was sollen wir tun? Ebenso singt die Kirche: Ich will fleißig daran denken und wird mir verschmachten meine Seele.

    Zum achten. In diesem Punkt muss man sich gar wohl üben, denn ziemlich der ganze Nutzen des Leidens Christi gar daran gelegen ist, dass der Mensch zur Erkenntnis seiner selbst komme und vor sich selbst erschrecke und zerschlagen werde. Und wenn der Mensch nicht dahin kommt, ist ihm das Leiden Christi noch nicht recht nütze gewordene. Denn das eigentliche natürliche Werk des Leidens Christi ist, dass er sich den Menschen gleichförmig mache, dass, wie Christus an Leib und Seele jämmerlich in unseren Sünden gemartert wird, müssen wir auch ihm nach so gemartert werden im Gewissen von unseren Sünden. Es geht auch hier nicht zu mit vielen Worten, sondern mit tiefen Gedanken und die Sünden groß achten.

    Nimm ein Gleichnis. Wenn ein Übeltäter würde gerichtet darüber, dass er eines Fürsten oder Königs Kind erwürgt hätte und du sicher wärst und sängest und spieltest, als wärest du ganz unschuldig, bis man dich schrecklich angriffe und dich überwände, du hättest dem Übeltäter dazu verholfen. Siehe, hier würde dir die Welt zu eng werden, besonders, wenn das Gewissen dir auch abfiele. So viel enger soll dir werden, wen du Christi Leiden bedenkst. Denn die Übeltäter, die Juden, wiewohl sie nun Gott gerichtet und vertrieben hat, sind sie doch deiner Sünden Diener gewesen, und du bist es wahrhaftig, der durch seine Sünde Gott seinen Sohn erwürgt und gekreuzigt hat, wie gesagt ist.

    Zum neunten. Wer sich so hart und dürr empfindet, dass ihn Christi Leiden nicht so erschreckt, und zur Selbsterkenntnis führt, der soll sich fürchten. Denn da wird nichts anderes draus, dem Bild und Leiden Christi musst du gleichförmig werden, es geschehe in diesem Leben oder in der Hölle. Zumindest musst du beim Sterben in das Erschrecken fallen und zittern, beben und alles fühlen, was Christus am Kreuz leidet. Nun ist es grausam, bis auf das Totenbett zu warten.

    Darum sollst du Gott bitten, dass er dein Herz erweiche und lasse dich fruchtbar Christi Leiden bedenken. Denn es auch unmöglich ist, dass Christi Leiden von uns selbst könne gründlich bedacht werden, Gott senke es denn in unser Herz. Auch weder diese Betrachtung noch irgendeine andere Lehre dir darum gegeben wird, dass du sollst frisch von dir selbst darauf fallen, dasselbe zu vollbringen, sondern zuvor Gottes Gnade suchen und begehren, dass du es durch seine Gnade und nicht durch dich selbst vollbringst. Denn daher ist’s gekommen, dass die oben angezeigt sind, Christi Leiden nicht recht handeln, denn sie Gott nicht darum anrufen, sondern aus ihrem eigenen Vermögen, eigene Weise dazu erfinden, ganz menschlich und unfruchtbar damit umgehen.

    Zum zehnten. Wer also Gottes Leiden einen Tag, eine Stunde, ja, eine Viertelstunde bedenkt, von demselben wollen wir frei sagen, dass es besser sei, als ob er ein ganzes Jahr fastet, alle Tage einen Psalter betet, ja hundert Messen hört. Denn dies Bedenken verwandelt den Menschen wesentlich und gar nahe, wie die Taufe wiederum neu gebiert. Hier wirkt das Leiden Christi sein rechtes, natürliches edles Werk, erwürgt den alten Adam, vertreibt alle Lust, Freude und Zuversicht, die man haben mag von Kreaturen, gleichwie Christus von allen, auch von Gott, verlassen war.

    Zum elften. Dieweil denn solches Werk nicht in unserer Hand ist, so geschieht es, dass wir es zuweilen bitten und erlangen es doch nicht zur Stunde. Dennoch soll man nicht verzagen oder ablassen. Zuweilen kommt’s, dass wir nicht darum bitten, wie Gott denn weiß und will. Denn es will frei sein und ungefangen. Da wird denn der Mensch betrübt in seinem Gewissen, und missfällt ihm selbst übel in seinem Leben.

    Und kann wohl sein, dass er nicht weiß, dass Christi Leiden in ihm solches wirkt, daran er vielleicht nicht denkt. Gleichwie die anderen sehr an Christi Leiden gedenken und doch nicht zu ihrer Selbsterkenntnis daraus kommen. Bei jenen ist das Leiden Christi heimlich und wahrhaftig. Bei diesen scheinbar und betrüglich und der Weise nach, Gott oft das Blatt umwendet, dass die nicht das Leiden Christi bedenken, die es bedenken.

    Zum zwölften. Bisher sind wir in der Marterwoche gewesen und haben den Karfreitag recht begangen. Nun kommen wir zu dem Ostertag und der Auferstehung Christi. Wenn der Mensch also seiner gewahr geworden und ganz erschreckt in sich selber ist, muss man Acht haben, dass die Sünde nicht so im Gewissen bleibe, es würde gewiss ein lauter Verzweifeln daraus. Sondern gleichwie sie aus Christus geflossen und erkannt worden sind, so muss man sie wieder auf ihn schütten und das Gewissen ledig machen.

    Darum siehe ja zu, dass du nicht tust, wie die verkehrten Menschen, die sich mit ihren Sünden im herzen beißen und fressen und sterben danach, dass sie durch gute Werke oder Genugtuung hin und her laufen oder auch mit Ablass sich heraus arbeiten und die Sünden losen werden wollen, was unmöglich ist, und leider eingerissen ist solche falsche Zuversicht der Genugtuung und Wohlfahrten.

    Zum dreizehnten. Denn wirfst du von dir deine Sünde auf Christus, wenn du fest glaubst, dass seine Wunden und Leiden sind deine Sünde, dass er sie trage und bezahle. Wie Jesaja 53 sagt: Gott hat unser aller Sünde auf ihn gelegt. Und St. Petrus (1. Ep. 2): Er hat unsere Sünde an seinem Leib getragen auf das Holz des Kreuzes. St. Paulus (2. Kor. 5): Gott hat ihn zur Sünde gemacht für uns, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.

    Auf diese und dergleichen Sprüche musst du mit ganzem Wagnis dich verlassen, umso mehr, je härter dich dein Gewissen martert. Denn wenn du das nicht tust, sondern durch deine Reue und Genugtuung dich vermisst zu stillen, so wirst du nimmermehr zur Ruhe kommen und musst zuletzt doch verzweifeln.

    Denn unsere Sünden, wenn wir mit ihnen in unserem Gewissen handeln und sie bei uns lassen bleiben, in unserem Herzen ansehen, so sind sie uns viel zu stark und leben ewig. Aber wenn wir sehen, dass sie auf Christus liegen und er sie überwindet durch seine Auferstehung und wir das keck glauben, so sind sie tot und zunichte geworden. Denn auf Christus konnten sie nicht bleiben, sie sind durch seine Auferstehung verschlungen und siehst jetzt keine Wunden, keine Schmerzen an ihm, das ist, keiner Sünden Anzeichen.

    So spricht St. Paulus: Dass Christus um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt, Röm. 4. Das ist, in seinem Leiden macht er Bekanntschaft mit unserer Sünde und erwürgt sie so. Aber durch seine Auferstehung macht er uns gerecht und los von allen Sünden, so wir anders dasselbe glauben.

    Zum vierzehnten. Wenn du nun nicht kannst glauben, so sollst du, wie vorhin gesagt, Gott darum bitten. Denn dieser Punkt ist auch allein in Gottes Hand frei und wird auch gleich gehen, zuweilen öffentlich, zuweilen heimlich, wie von dem Punkt des Leidens gesagt ist. Magst dich aber dazu reizen.

    Zum ersten, nicht das Leiden Christi mehr ansehen (denn das hat nun sein Werk getan und dich erschreckt). Sondern durchdringen und ansehen sein freundliches Herz, wie voller Liebe das gegen dich ist, die ihn dazu zwingt, dass er dein Gewissen und deine Sünde so schwer trägt. So wird dir das Herz gegen ihn süß und die Zuversicht des Glaubens gestärkt.

    Danach weiter. Steig durch Christi Herz zu Gottes Herz und siehe, dass Christus die Liebe dir nicht hätte können erzeigen, wenn es Gott nicht hätte gewollt in ewiger Liebe haben, dem Christus mit seiner Liebe gegen dich gehorsam ist. Da wirst du finden das göttlich gute Vaterherz, und, wie Christus sagt, so durch Christus zum Vater gezogen. Da wirst du denn verstehen den Spruch Christi Joh. 3: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einigen Sohn dahingab usw. Dass heißt denn Gott recht erkannt, wenn man ihn nicht bei der Gewalt oder Weisheit, sondern bei der Güte und Liebe ergreift. Da können der Glaube und die Zuversicht denn bestehen, und ist der Mensch so wahrhaftig neu in Gott geboren.

    Zum fünfzehnten. Wenn so dein Herz in Christus befestigt ist und nun den Sünden feind geworden bist, aus Liebe, nicht aus Furcht der Pein, so soll weiterhin das Leiden Christi auch ein Beispiel sein deines ganzen Lebens und nun auf eine andere Weise dasselbe bedenken. Denn bisher haben wir es bedacht als ein Sakrament, das in uns wirkt und wir leiden. Nun bedenken wir es, dass wir auch wirken, nämlich so:

    Wenn dich ein Wehtag oder Krankheit beschwert, denke, wie gering das sei gegen die Dornenkrone und Nägel Christi.

    Wenn du musst tun oder lassen etwas, was dir zuwider ist, so denke, wie Christus gebunden und gefangen hin und her geführt wird.

    Ficht dich die Hoffart an, siehe, wie dein HERR verspottet und mit den Schächern verachtet wird.

    Stoßen dich Unkeuschheit und Lust an, gedenke, wie bitter Christus sein zartes Fleisch zergeißelt, durchstoßen und durchschlagen wird.

    Fechten dich Hass und Neid an oder du Rache suchst, gedenke, wie Christus mit vielen Tränen und Rufen für dich und alle seine Feinde gebetet hat, der sich wohl gerechtfertigter gerächt hätte.

    Wenn dich Trübsal oder welche Widerwärtigkeit leiblich oder geistlich bekümmert, stärke dein herz und sprich: Ei, warum sollt ich denn nicht auch eine kleine Betrübnis leiden, so mein HERR im Garten Blut vor Angst und Betrübnis schwitzte? Ein fauler und schändlicher Knecht wäre das, der auf dem Bett liegen wollte, wenn sein Herr in Todesnöten streiten muss.

    Siehe, also gegen alle Laster und Untugend kann man in Christus Stärke und Labsal finden. Und das ist recht Christi Leiden bedacht, das sind die Früchte seines Leidens. Und wer so sich darin übt, der tut besser, als dass er die gesamte Passion hörte. Das heißen auch rechte Christen, die Christi Leiden und Namen so in ihr Leben ziehen. Wie St. Paulus sagt Gal. 5: Welche Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. Denn Christi Leiden darf man nicht mit Worten und zum Schein, sondern muss mit dem Leben und wahrhaftig gehandelt werden.

    So ermahnt uns St. Paulus: Gedenkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern gegen sich erduldet hat, dass ihr nicht in eurem Mut matt werdet und ablasst, Hebr. 12.

    Und St. Petrus: Wie Christus im Fleisch für uns gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn, 1. Petr. 4.

    Aber diese Betrachtung ist aus der Welt gekommen und selten geworden, obwohl doch die Episteln von St. Paulus und St. Petrus voll davon sind. Wir haben das Wesen in einen Schein verwandelt und das Bedenken des Leidens Christi allein auf die Briefe und an die Wände gemalt.

 

Sermon von der Bereitung zum Sterben

Martin Luther

1519[52]

 

    Zum ersten. Weil der Tod ein Abschied ist von dieser Welt und allen ihren Händeln, ist’s Not, dass der Mensch sein zeitliches Gut ordentlich verschaffe, wie es soll oder er gedenkt zu ordnen, dass nicht bleibe nach seinem Tod Ursache zum Zank, Hader oder sonst eines Irrtums unter seinen nachgelassenen Verwandten. Und dies ist ein leiblicher oder äußerlicher Abschied von dieser Welt und wird Urlaub und Abschied gegen dem Gut.

    Zum zweiten. Das man auch geistlich einen Abschied nehme, das ist, man vergebe freundlicher, lauter um Gottes Willen allen Menschen, wie sie uns beleidigt haben. Wiederum auch begehre Vergebung lauter um Gottes Willen von allen Menschen, deren wir viele ohne Zweifel beleidigt haben, am wenigsten mit bösen Beispielen oder zu wenig Wohltaten, die wir schuldig gewesen sind, nach dem Gebot brüderlicher christlicher Liebe. Auf dass die Seele nicht bleibe behaftet mir irgendeinem Handel auf Erden.

    Zum dritten. Wenn so jedermann Urlaub auf Erden gegeben ist, soll man sich denn allein zu Gott richten, wohin der Weg des Sterbens sich auch hinkehrt und uns führt. Und hier heben sich an die enge Pforte, der schmale Steig zum Leben, des muss sich jeglicher fröhlich erwägen. Denn er ist wohl sehr eng, er ist aber nicht lang.

    Und geht hierzu gleich wie bei einem Kind, das aus der kleinen Wohnung seiner Mutter Leib mit Gefahr und Ängsten geboren wird in diesen weiten Himmel und Erde, das ist auf diese Welt. So geht der Mensch durch die enge Pforte des Todes aus diesem Leben in das ewige Leben. Und wiewohl der Himmel und die Welt, da wir jetzt drin leben, groß und weit angesehen werden, so ist es doch alles gegen den zukünftigen Himmel viel enger und kleiner als der Mutter Leib gegen diesen [jetzigen] Himmel ist.

    Darum heißt der lieben Heiligen Sterben eine neue Geburt und ihr Fest nennt man auf Latein Natale, einen Tag ihrer Geburt. Aber der enge Gang des Todes macht, dass uns dies Leben weit und jenes eng erscheint. Darum muss man das glauben und an der leiblichen Geburt eines Kindes lernen, wie Christus sagt: „Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Traurigkeit, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass der Mensch zur Welt geboren ist.“ So auch im Sterben muss man sich der Angst erwägen und wissen, dass danach ein großer Raum und Freude sein werden.

    Zum vierten. Solch zurichten und Bereitung auf diese Fahrt steht darin: Zum ersten, dass man sich mit lauter Beichte (besonders der größten Stücke, und die zur Zeit im Gedächtnis sind, möglichst fleißig erfunden werden) und dem heiligen christlichen Sakrament des heiligen wahren Leichnams und Bluts Christi versorge, dies andächtig begehre und mit großer Zuversicht empfange, so man es haben kann. Wenn aber nicht, soll nichtsdestoweniger das Verlangen und die Begierde danach tröstlich sein und nicht darüber zu sehr erschrecken. Christus spricht: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Denn die Sakramente sind nichts anderes als Zeichen, die zum Glauben dienen und reizen, wie wir sehen werden, die ohne den Glauben nichts nütze sind.

    Zum fünften. Soll man je zusehen mit allem Ernst und Fleiß, dass man die heiligen Sakramente groß achte, sie in Ehren halte, sich frei und fröhlich darauf verlasse und sie gegen die Sünde, Tod und Hölle so erwägen, dass sie weit darüber hinausgehen. Auch viel mehr mit den Sakramenten und ihren Tugenden sich beschäftigen als mit den Sünden. Wie über die Ehre recht geschehe, und was die Tugenden sind, muss man wissen.

    Die Ehre ist, dass ich glaube, es sei wahr und geschehe mir, was die Sakramente bedeuten, und alles, was Gott darin sagt uns anzeigt. Dass man mit Maria, der Mutter Gottes, in festem Glauben spreche: „Mit geschehe nach deinen Worten“ und Zeichen. Denn dieweil daselbst Gott durch den Priester redet und zeichnet, könnte man Gott keine größere Unehre in seinem Wort und Werk tun, als zweifeln, ob es wahr sei. Und keine größere Ehre ihm tun, als glauben, es sei wahr, und sich frei darauf verlassen.

    Zum sechsten. Die Tugend der Sakramente zu erkennen, muss man wissen die Untugenden, dagegen sie fechten und uns gegeben sind. Der sind drei: Die erste, das schreckliche Bild des Todes; die zweite, das greuliche mannigfaltige Bild der Sünde; die dritte, das unerträgliche, unvermeidliche Bild der Hölle und ewigen Verdammnis. Nun wächst ein jegliches dieser drei und wird groß und stark aus seinen Zusätzen.

    Der Tod wird groß und schrecklich, wenn die einfältige verzagte Natur dies Bild zu tief in sich bildet, zu sehr vor Augen hat.

    Dazu steuert nun der Teufel, damit der Mensch die greuliche Gebärde und das Bild des Todes tief betrachte, dadurch bekümmert und weich und zaghaft werde. Denn da soll er wohl alle schrecklichen Geschehnisse, böse Tode vorhalten, die ein Mensch je gesehen, gehört oder gelesen hat.

    Daneben mit Ausmalen den Zorn Gottes, wie er vorzeiten hier und da die Sünder geplagt und verderbt hat, damit die einfältige Natur zur Furcht des Todes und zur Liebe und Sorge des Lebens zu treiben. Dadurch der Mensch zu viel beladen wird mit solchen Gedanken, Gott vergesse, den Tod fühle und hasse und so von Gott zuletzt ungehorsam erfunden werde und bleibe. Denn je tiefer der Tod betrachtet, angesehen und erkannt wird, je schwerer und gefährlicher das Sterben ist.

    Im Leben sollte man sich mit des Todes Gedanken üben und zu uns fordern, wenn er noch fern ist und nicht treibt. Aber im Sterben, wenn er von sich selbst schon allzu stark da ist, ist es gefährlich und nichts nütze. Da muss man sein Bild ausschlagen und nicht sehen wollen, wie wir hören werden. Also hat der Tod seine Kraft und Stärke in der Einfältigkeit unserer Natur und in seinen unzeitigen zu viel Ansehen und Betrachten.

    Zum siebten. Die Sünde wächst und wird groß, auch dadurch, dass sie zu viel angesehen und zu tief bedacht wir. Dazu hilft die Einfältigkeit des Gewissens, das sich selbst vor Gott schämt und greulich straft. Da hat der Teufel dann ein Bad erfunden, dass er sucht, da treibt er, da macht er die Sünde so viel und groß. Da soll er alle die vorhalten, die wir je gesündigt haben, und wie viele mit weniger Sünden verdammt sind, damit der Mensch aber muss verzagen oder unwillig werden zu sterben und so Gott vergisst und ungehorsam erfunden wird und bleibt bis in den Tod.

    Besonders wenn der Mensch meint, er müsse die Sünde alsdenn betrachten und tue wohl, recht und nützlich daran, dass er damit umgehe. So findet er sich denn unvorbereitet und ungeschickt so sehr, dass auch alle seine guten Werke zu Sünden geworden sind. Aus dem denn muss folgen ein unwilliges Sterben, Ungehorsam gegen Gottes Willen und ewige Verdammnis. Denn die Sünden tief betrachten hat da keine Fug noch Zeit, das soll man in der Zeit des Lebens tun.

    So verkehrt uns der böse Geist alle Dinge. Am Leben, da wir sollten des Todes, der Sünde, der Höllen Bild stetig vor Augen haben, wie Ps. 51 steht: Meine Sünde ist immer vor mir.“ So tut er uns die Augen zu und verbirgt diese Bilder. Am Tod, da wir sollen nur das Leben, Gnade und Seligkeit vor Augen haben, tut er uns denn zuerst die Augen auf und ängstigt uns mit den unzeitigen Bildern, dass wir die rechten Bilder nicht sehen sollen.

    Zum achten. Die Hölle wird groß und wächst auch dadurch, dass ihr zu viel Ansehen und hartes Bedenken zur Unzeit gegeben wird. Dazu hilft über die Maßen sehr, dass man Gottes Urteil nicht weiß, dahin der böse Geist die Seele treibt, dass sie sie mit übrigem unnützen Vorwitz, ja allem gefährlichen Vorhaben beladet und verstehen will den heimlichen Rat Gottes, ob sie versehen [erwählt] sei oder nicht?

    Hier übt der Teufel seine letzte, größte, listigste Kunst und Vermögen. Denn damit führt er den Menschen (so er es versieht) über Gott, dass er sucht Zeichen göttlichen Willens und ungeduldig wird, dass er nicht wissen soll, ob er versehen sei, macht seinen Gott verdächtig, dass er viel mehr nach einem anderen Gott sich sehnt. Kurz, hier gedenkt er die Liebe zu Gott mit einem Sturmwind auszulöschen und Gotteshass zu erwecken.

    Je mehr der Mensch hier dem Teufel folgt und die Gedanken leidet, umso gefährlicher steht er und kann sich zuletzt nicht erhalten; er fällt in Gotteshass und Lästerung. Denn was ist es anderes, dass ich wissen will, ob ich versehen sei? Denn ich will alles wissen, was Gott weiß und ihm gleich sein, dass er nichts mehr wisse als ich und also Gott nicht Gott sei, so er gar nichts mehr über dem hinaus wissen soll als ich? Da hält er vor, wie viele Heiden-, Juden-, Christenkinder verloren gehen und treibt mit solchen gefährlichen und vergeblichen Gedanken es so weit, dass der Mensch, ob er sonst gern stürbe, doch in diesem Stück unwillig wird.

    Das heißt, mit der Hölle angefochten, wenn der Mensch mit Gedanken seiner Versehung wird angefochten, worüber im Psalter gar viel Klage ist. Wer hier gewinnt, der hat die Sünde, Hölle, Tod auf einen Haufen überwunden.

    Zum neunten. Nun muss man in diesem Handel allen Fleiß anwenden, dass man dieser drei Bilder keines ins Haus lade, noch den Teufel über die Tür male. Sie werden selbst allzu stark hereinfallen und das Herz mit ihrem Ansehen, Disputieren und Zeigen ganz und gar innehaben wollen. Und wenn das geschieht, dann ist der Mensch verloren und hat Gott ganz vergessen. Denn diese Bilder gehören gar nicht in diese Zeit, als mit ihnen zu fechten und sie auszutreiben. Ja, wenn sie allein sind, ohne durchsehen in andere Bilder, gehören sie nirgends hin als in die Hölle unter die Teufel.

    Wer nun wohl mit ihnen fechten will und sie austreiben, dem wird nicht genug sein, dass er sich mit ihnen zerre und schlage oder ringe, denn sie werden ihm zu stark sein, und wird ärger und ärger. Die Kunst ist ganz und gar, sie fallen lassen und nichts mit ihnen handeln.

    Wie geht das aber zu? Es geht so zu. Du musst den Tod in dem Leben, die Sünde in der Gnade, die Hölle im Himmel ansehen und dich von dem Ansehen oder Blick nicht lassen treiben, wenn dir es gleich alle Engel, alle Kreatur, ja, wenn es dir dünkt, Gott selbst anders vorlegen, was sie doch nicht tun. Aber der böse Geist macht einen solchen Schein. Wie soll man denn tun?

    Zum zehnten. Du darfst den Tod nicht in ihm selbst, noch in deiner Natur, noch in denen, die durch Gottes Zorn getötet sind, die der Tod überwunden hat, ansehen oder betrachten – du bist sonst verloren und wirst mit jenen überwunden. Sondern deine Augen, deines Herzens Gedanken und alle deine Sinne gewaltig kehren von diesen Bildern und den Tod starr und emsig ansehen nur in denen, die in Gottes Gnade gestorben und den Tod überwunden haben, vornehmlich in Christus, danach in allen seinen Heiligen.

    Siehe, in diesen Bildern wird dir der Tod nicht schrecklich noch greulich, sondern verachtet und getötet und im Leben erwürgt und überwunden sein. Denn Christus ist nicht als eitel Leben, Trost und auch Seligkeit. Je tiefer und fester du dir das Bild einbildest und ansiehst, je mehr das Todesbild abfällt und von selbst verschwindet ohne alles Zerren und Streiten. Und hat so das Herz Friede und mag mit Christus und in Christus getrost sterben, wie in der Offenbarung steht: „Selig sind, die in dem HERRN Christus sterben.“

    Das ist bedeutet 4. Mose 21, da die Kinder Israel von den feurigen Schlangen gebissen waren. Nicht sich mit diesen Schlangen zerren, sondern die tote eherne Schlange mussten sie ansehen. Da fielen die lebendigen [Schlangen] von selbst ab und vergingen. So musst du dich mit dem toten Christus allein bekümmern, so wirst du das Leben finden. Und wenn du den Tod anderswo ansiehst, so tötet er dich mit großer Unruhe und Pein. Darum sagt Christus: „In der Welt (das ist auch in uns selbst) werdet ihr Trübsal haben, in mir aber Frieden.“

    Zum elften. So darfst du die Sünde nicht ansehen in den Sündern, noch in denen, die in Sünden endlich bleiben und verdammt sind, du fährst gewiss nach und wirst überwunden. Sondern du musst abkehren deine Gedanken und die Sünde nur in den Gnadenbildern ansehen. Und dies Bild mit aller Kraft in dich bilden und vor Augen haben.

    Das Gnadenbild aber ist nichts anderes als Christus am Kreuz und alle seine lieben Heiligen. Wie versteht man das? Das ist Gnade und Barmherzigkeit, dass Christus am Kreuz deine Sünde von dir nimmt und trägt sie für dich und erwürgt sie. Und das fest glauben und vor Augen haben, nicht daran zweifeln, das heißt, das Gnadenbild ansehen und in sich bilden.

    Desgleichen alle Heiligen in ihrem Leiden und Sterben, auch mit ihrem Tragen der Pein und mit ihrem Leiden und Arbeiten. Wie geschrieben steht: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ So spricht er selbst Matth. 11: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Siehe, so kannst du deine Sünde sicher ansehen, außerhalb deines Gewissens. Siehe, da sind Sünden nicht mehr Sünden, da sind sie verbunden und in Christus verschlungen.

    Denn gleichwie er deinen Tod auf sich nimmt und ihn erwürgt, dass er dir nichts schaden kann, so du anders glaubst, dass er dir das tut und deinen Tod in ihm, nicht in dir ansiehst. So nimmt er auch deine Sünde auf sich und in seiner Gerechtigkeit, aus lauter Gnade, überwindet er sie dir. So du das glaubst, so tun sie dir nimmer schaden. So ist Christus das Lebens- und Gnadenbild gegen des Todes und der Sünde Bild, ist unser Trost. Das sagt Paulus 1. Kor. 15. „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg (gegen Sünde und Tod) gibt durch unseren HERRN Jesus Christus.“

    Zum zwölften darfst du die Hölle und die Ewigkeit der Pein mit der Versehung nicht in dir, nicht in ihr selbst, nicht in denen, die verdammt sind, ansehen, auch nicht dich bekümmern mit so vielen Menschen in der ganzen Welt, die nicht versehen sind. Denn siehst du dich nicht vor, so wird dich das Bild geschwind stürzen und zu Boden stoßen. Darum musst du hier Gewalt üben, die Augen fest zuhalten vor solchem Blick, denn er gar nichts nütze ist, ob du tausend Jahre damit umgehst, und verderbt dich allzumal.

    Darum siehe das himmlische Bild Christus an, der um deinetwillen zum Himmel gefahren und von Gott ist verlassen gewesen, als einer, der verdammt sei ewiglich, da er sprach am Kreuz: „Eli, Eli, lama asabthani, O mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

    Siehe, in dem Bild ist überwunden deine Hölle und deine ungewisse Versehnung gewiss gemacht. Denn so du dich damit allein bekümmerst und glaubst, dass es für dich geschehen sei, so wirst du in demselben Glauben behalten ewiglich. Darum lass dir’s nur nicht aus den Augen nehmen und suche dich nur in Christus und nicht in dir, so wirst du dich ewig in ihm finden.

    Also, wenn du Christus und alle seine Heiligen ansiehst und dir wohlgefällt die Gnade Gottes, der sie so erwählt hat, und bleibst nur fest in demselben Wohlgefallen, so bist du schon auch erwählt. Wie er sagt 1. Mose 12: „Alle, die dich segnen, sollen gesegnet sein.“ Hoffst du aber nicht hierauf allein und fällst in dich, so wird dir eine Unlust erwachsen gegen Gott und seine Heiligen und so in dir nichts Gutes finden. Da hüte dich vor, denn da wird der böse Geist dich hintreiben mit viel List.

    Zum dreizehnten. Diese drei Bilder oder Streite sind vorbedeutet in Richter 7, da Gideon die Midianiter mit dreihundert Mann an drei Orten in der Nacht angriff, doch nicht mehr tat, als dass er ließ Trompeten blasen und Tonscherben zusammenschlagen, dass die Feine flohen und sich selbst erwürgten.

    So fliehen Tod, Sünde und Hölle mit allen ihren Kräften, wenn wir nur Christi leuchtendes Bild in uns üben (in der Nacht, das ist, im Glauben, der die bösen Bilder nicht sieht noch sehen mag), dazu mit Gottes Wort als mit Posaunen, dazu reizen und stärken.

    So führt dieselbe Figur Jesaja im 9. Kapitel. Das Joch ihrer Last, die Rute ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers hast du zerbrochen wie zu der Zeit der Midianiter, die Gideon überwand. Als spreche er: Deines Volkes Sünde (das ist ein schweres Joch seiner Last in seinem Gewissen) und den Tod (der da ist eine Rute oder Strafe, die da drückt seinen Rücken) und die Hölle (die ein Zepter und Gewalt ist des Treibers, damit gefordert wird ewiges Bezahlen für die Sünde) hast du alle zerbrochen und überwunden. Wie es denn geschehen ist zur Zeit Midians, das ist, durch den Glauben, dadurch Gideon ohne alle Schwertschläge die Feinde verjagte. Wann hat er das getan?

    Am Kreuz. Denn daselbst hat er uns sich selbst bereitet als ein dreifältiges Bild, unserem Glauben vorzuhalten gegen die drei Bilder, da der böse Geist und unsere Natur uns mit anfechten, aus dem Glauben zu reißen. Er ist das lebendige und unsterbliche Bild gegen den Tod, den er erlitten und doch mit seiner Auferstehung von den Toten bezeugt, dass er überwunden ist in seinem Leben. Er ist das Bild der Gnade Gottes gegen die Sünde, die er auf sich genommen und doch durch seinen unüberwindlichen Gehorsam überwunden hat. Er ist das himmlische Bild der von Gott Verlassenen als ein Verdammter, und hat doch durch seine allmächtige Liebe die Hölle überwunden, bezeugt, dass er der liebste Sohn ist und uns allen dasselbe zu eigen gibt, wenn wir so glauben.

    Zum vierzehnten. Zum Überfluss hat er nicht allein in sich selbst die Sünde, Tod, Hölle überwunden und uns vorgehalten zu glauben, sondern zu größerem Trost auch selbst die Anfechtung erlitten und überwunden, die wir in diesen Bildern haben. Er ist ebenso wohl angefochten mit des Todes, der Sünde, der Hölle Bild wie wir.

    Des Todes Bild hielten sie ihm vor, da die Juden sagten: „Er steige nun vom Kreuz. Er hat andere gesund gemacht, er helfe sich nun selbst.“ Als sprächen sie: Da, da siehst du den Tod, du musst sterben, da hilft nichts dagegen. Gleichwie der Teufel einem sterbenden Menschen des Todes Bild vorrückt und mit schrecklichem Bild die einfältige Natur einschüchtert.

    Der Sünde Bild hielten sie ihm vor, da sie sagten: „Er hat anderen geholfen. Ist er Gottes Sohn, so steige er herab“ usw. Als sprächen sie: Seine Werke sind falsch und lauter Betrug gewesen, er ist des Teufels Sohn und nicht Gottes Sohn, er ist sein mit Leib und Seele, er hat nie etwas Gutes getan, sondern nur Bosheit.

    Und gleichwie die Juden Christus diese drei Bilder zutrieben mit einem Mal, unordentlich untereinander, so wird der Mensch von denselben zugleich mit einem Mal unordentlich bestürmt, dass er irre werde und nur bald verzweifle.

   Wie der HERR die Zerstörung Jerusalems beschreibt, Luk. 19, dass ihre Feinde sie umgeben mit einem Wall, dass sie nicht heraus können kommen. Das ist der Tod.

    Zum zweiten. Dass sie sie an allen Enden ängstigen und treiben, dass sie nirgends bleiben können. Das sind die Sünden.

    Zum dritten. Dass sie sie niederschlagen zur Erde und lassen keinen Stein auf dem anderen. Das ist die Hölle und Verzweiflung.

    Der Höllen Bild trieben sie zu ihm, da sie sagten: „Er vertraute Gott; lass sehen, ob er ihn erlöse. Er sagt, er sei Gottes Sohn.“ Als sprächen sie: Er gehört in die Hölle, Gott hat ihn nicht erwählt. Er ist ewig verworfen, es hilft hier kein Vertrauen noch Hilfe, es ist alles umsonst.

    Wie wir nun sehen, dass Christus zu allen den Worten und greulichen Bildern stillschweigt, nicht mit ihnen ficht, tut, als höre und sehe er sie nicht, beantwortet keines. Und wenn er schon geantwortet hätte, so hätte er Ursache gegeben, dass sie mehr und greulicher hätten geplärrt und getrieben. Sondern allein auf den liebsten Willen seines Vaters Acht hat, so ganz und gar, dass er seinen Tod, seine Sünde, seine Hölle, auf ihn getrieben, vergisst und für sie bittet, für ihre Sünde, Tod und Hölle.

    So sollen wir diese Bilder auch lassen hinfallen und abfallen, wie sie wollen oder mögen, und nur gedenken, dass wir an dem Willen Gottes hängen, das ist, dass wir in Christus haften und stets glauben, unser Tod, Sünde und Hölle seien für uns in ihm überwunden und können uns nicht schaden. Auf dass so Christi Bild in uns allein sei und mit ihm disputieren und handeln.

 

Nutzen und Kraft der Sakramente

    Zum fünfzehnten. Nun kommen wir wieder zu den heiligen Sakramenten und ihren Tugenden, dass wir lernen, wozu sie gut sind und wie sie gebrauchen.

    Welchem nun die Gnade und die Zeit verliehen ist, dass er beichte, absolviert, berichtet wird, der hat wohl große Ursache, Gott zu lieben, loben und danken und fröhlich zu sterben, so er sich anders trostvoll verlässt und glaubt auf die Sakramente, wie droben gesagt ist. Denn in den Sakramenten handelt, redet, wirkt durch den Priester dein Gott Christus selbst mit dir und geschehen da nicht Menschenwerk oder -wort.

    Da redet dir Gott selbst alle Dinge, die jetzt von Christus gesagt sind, und will, dass die Sakramente ein Wahrzeichen und Urkunde seien: Christi Leben soll deinen Tod, sein Gehorsam soll deine Sünde, seine Liebe soll deine Hölle auf sich genommen und überwunden haben. Dazu wirst du durch diese Sakramente eingeleibt und vereinigt mit allen Heiligen und kommst in die rechte Gemeinschaft der Heiligen, so dass sie mit dir in Christus sterben, Sünde tragen, Hölle überwinden.

    Daraus folgt, dass die Sakramente, das sind, die äußerlichen Worte Gottes, durch einen Priester gesprochen, gar ein großer Trost sind und gleich ein sichtbares Zeichen göttlicher Meinung, daran man sich halten soll mit einem festen Glauben, als an einen guten Stab, damit Jakob, der Patriarch, durch den Jordan ging. Oder als eine Laterne, danach man sich richten und ein Auge drauf haben soll mit allem Fleiß durch den finsteren Weg des Todes, Sünde und Hölle, wie der Prophet sagt: „Dein Wort, HERR, ist ein Licht meiner Füße.“ Und St. Peter: „Wir haben ein gewisses Wort Gottes. Und ihr tut wohl daran, dass ihr sein wahrnehmt.“ Es kann sonst nichts helfen in Todesnöten.

        Denn mit dem Zeichen werden alle erhalten, die erhalten werden. Es weist auf Christus und sein Bild, das kannst du gegen des Todes, der Sünde, Hölle Bild sagen. Gott hat nur zugesagt und ein gewisses Zeichen seiner Gnaden in den Sakramenten gegeben, dass Christi leben meinen Tod in seinen Tod überwunden hat, sein Gehorsam meine Sünden in seinem Leiden vertilgt, seine Liebe meine Hölle in seinem Verlassen zerstört hat. Solche Zeichen, solche Zusagen meiner Seligkeit werden mir nicht lügen noch trügen, weder mit Worten noch mit Werken. Und wer so pocht und sich auf die Sakramente stützt, dessen Erwählung und Vorsehung wird sich selbst ohne seine Sorge und Mühe wohl finden.

    Zum sechzehnten. Hier liegt nun die allergrößte Macht dran, dass man die heiligen Sakramente, in welchen eitel Gottes Wort, Zusagen, Zeichen geschehen, hoch achte, in Ehren halte, sich darauf verlasse. Das ist, dass man weder an den Sakramenten, noch an den Dingen, von denen sie gewisse Zeichen sind, zweifle. Denn wenn daran gezweifelt wird, so ist es alles verloren. Denn wie wir glauben, so wird uns geschehen, wie Christus sagt. Was hilft’s, dass du dir vorbildest und glaubst die Sünde, den Tod, die Hölle der anderen seien in Christus überwunden, wenn du nicht auch glaubst, dass deine Sünde, dein Tod, deine Hölle dir ja überwunden und vertilgt seien und du so erlöst seist? So wäre das Sakrament gar umsonst, da du nicht glaubst die Dinge, die dir daselbst angezeigt, gegeben und versprochen werden.

    Das aber ist die grausamste Sünde, die geschehen kann, durch welche Gott selber in seinem Wort, Zeichen und Werk als ein Lügner geachtet wird, als der etwas rede, zeige, zusage, das er nicht meine noch halten wollte. Deshalb ist nicht zu schimpfen auf die Sakramente. Es muss der Glaube da sein, der sich darauf verlasse und fröhlich wage in solche Gotteszeichen und -zusagen. Was wäre das für ein Seligmacher oder Gott, der uns nicht möchte oder wollte von Sünde, Tod, Hölle selig machen? Es muss groß sein, was der rechte Gott zusagt und wirkt.

    So kommt denn der Teufel und bläst dir ein: Ja, wenn ich denn die Sakramente hätte unwürdig empfangen, mich durch meine Unwürdigkeit solcher Gnaden beraubt? Hier mache das Kreuz vor dich, lass dich Würdigkeit oder Unwürdigkeit nichts anfechten, schaue nur zu, dass du glaubst, es sei ein Zeichen der wahren Worte Gottes, so bist du und bleibst wohl würdig. Glaube macht würdig, Zweifel macht unwürdig.

    Darum will der böse Geist dir andere Würdigkeit und Unwürdigkeit vorwenden, dass er dir einen Zweifel und dadurch die Sakramente mit ihren Werken zunichte und Gott in seinen Worten zu einem Lügner mache. Gott gibt dir um deiner Würdigkeit willen nichts. Er baut auf sein Wort und Sakrament, auf deine Würdigkeit nicht, sondern aus lauter Gnaden baut er dich Unwürdigen auf sein Wort und Zeichen.

    Daran halte nur fest und sprich: Der mir sein Zeichen und Wort gibt und gegeben hat, dass Christi Leben, Gnade und Himmel meine Sünde, Tod, Hölle mir unschädlich gemacht haben, der ist Gott, wird mir die Dinge wohl halten. Hat mich der Priester absolviert, so verlasse ich mich darauf, als auf Gottes Wort selber. Sind es denn Gottes Worte, so wird es wahr sein. Da bleibe ich drauf, da sterbe ich drauf. Denn du sollst ebenso fest trauen auf des Priesters Absolution, als wenn dir Gott einen besonderen Engel oder Apostel sendet, ja, als ob dich Christus selbst absolviert.

    Zum siebzehnten. Siehe, einen solchen Vorteil hat der, der die Sakramente erlangt, dass er ein Zeichen und Zusage Gottes erlangt, daran er seinen Glauben üben und stärken kann, er sei in Christi Bildgüter berufen. Ohne welche Zeichen die anderen allein im Glauben arbeiten und sie mit der Begierde des Herzens erlangen. Wiewohl sie auch erhalten werden, so sie in demselben [Glauben] stehen.

    So sollst du auch sagen über dem Sakrament des Altars: Hat mir der Priester gegeben den heiligen Leichnam Christi, der ein Zeichen und Zusage ist der Gemeinschaft Christi … , dass er mich lieb habe, für mich sorge, bitte und mit mir leide, mich stärke, meine Sünde trage und Hölle überwinde, so wird es und muss es so sein. Das göttliche Zeichen trügt mir nicht, und ich lass es mir nicht verneinen. Ich wollte eher alle Welt und mich selbst verleugnen, ehe ich daran zweifle, mein Gott, der sei mir gewiss und wahrhaftig in diesen seinen Zeichen und sagen: Ich sei sein unwürdig oder nicht ich bin ein Glied der Christenheit, gemäß diesem Sakrament. Es ist besser, ich bin unwürdig, als dass Gott nicht [für] wahrhaftig gehalten werde. Heb dich, Teufel, so du mir anders sagst.

    Nun siehe, man findet Leute, die gerne wollten gewiss sein oder ein Zeichen vom Himmel haben, wie sie mit Gott dran wären, und ihre Vorsehung wissen. Und wenn sie gleich ein solches Zeichen bekommen und sie doch nicht glauben, was hilft sie es? Was hülfen alle Zeichen ohne Glauben? Was halfen den Juden Christi und der Apostel Zeichen? Was helfen noch heute die hochwürdigen Zeichen der Sakramente und Wort Gottes? Warum halten sie sich nicht an die Sakramente, welche gewisse und eingesetzte Zeichen sind, durch alle Heiligen probiert und versucht, gewiss erfunden allen denen, die geglaubt haben, und überkommen alles, was sie anzeigen.

    So sollten wir die Sakramente lernen erkennen, was sie sind, wozu sie dienen, wie man sie gebrauchen soll. So finden wir, dass nicht größere Dinge auf Erden seien, das betrübte Herzen und böse Gewissen lieblicher trösten kann. Denn in Sakramenten ist Gottes Wort, das dient dazu, dass es uns Christus zeigt und zusagt mit allem seinem Gut, das er selbst ist gegen die Sünde, Tod, Hölle. Nun ist nichts lieblicher, begehrlicher zu hören als Sünde, Tod, Hölle zu vertilgen. Das geschieht durch Christus in uns, so wir das Sakrament recht gebrauchen.

    Der Gebrauch ist nichts anderes als glauben, es sei so, wie die Sakramente durch Gottes Wort zusagen und verpflichten. Darum ist not, dass man nicht allein die drei Bilder in Christus ansehe und die Gegenbilder damit austreibe und fallen lasse. Sondern dass man ein gewisses Zeichen habe, das uns versichere, es sei also uns gegeben. Das sind die Sakramente.

    Zum achtzehnten. Soll kein Christenmensch an seinem Ende zweifeln, er sei nicht allein in seinem Sterben, sondern gewiss sein, dass nach Anzeichen des Sakraments auf ihn gar viele Augen sehen. Zum ersten Gott selbst und Christus. Darum, dass er seinem Wort glaubt und seinem Sakrament anhängt. Danach die lieben Engel, die Heiligen, das sind, alle Christen. Denn es ist kein Zweifel, wie das Sakrament des Altars weist, dass die allesamt, als ein ganzer Körper, zu seinem Gliedmaß zu laufen, helfen ihm, die Sünde, Tod, Hölle zu überwinden und tragen alle mit ihm. Da geht das Werk der Liebe und Gemeinschaft der Heiligen im Ernst und gewaltig.

    Und ein Christenmensch soll sich auch solches vorbilden und keinen Zweifel darüber haben, daraus er denn keck wird zu sterben. Denn wer daran zweifelt, der glaubt nicht recht von dem hochwürdigen Sakrament des Leichnams Christi, in welchem gezeigt, zugesagt, verpflichtet wird Gemeinschaft, Hilfe, Liebe, Trost und Beistand in allen Nöten. Denn so du glaubst an die Zeichen und Worte Gottes, so hat Gott ein Auge auf dich, wie er sagt Psalm 32: „Fimabo super te oculos meos etc. Ich will dich mit meinen Augen leiten.“ So aber Gott dich sieht, so sehen ihm nach alle Engel, alle Heiligen, alle Kreaturen. Und so du in dem Glauben bleibst, halten sie alle die Hände unter. Und geht deine Seele aus, so sind sie da und empfangen sie, du kannst nicht untergehen.

    Das ist bezeugt bei Elisa, 2. Kön. 6, der zu seinem Knecht sprach: Fürchte dich nicht, ihrer sind mehr mit uns als mit jenen. So doch die Feinde sie umringt hatten und niemand anders sahen. Aber Gott tat dem Knecht die Augen auf. Da war um sie ein großer Haufen feuriger Pferde und Wagen. So ist’s auch gewiss um einen jeglichen, der Gott glaubt. Da gehen denn die Sprüche her, Psalm 34: „Der Engel des HERRN lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen aus.“ Und Psalm 125: „Die auf den HERRN hoffen, die werden nicht fallen, sondern ewig bleiben wie der Berg Zion. Um Jerusalem her sind Berge (das sind Engel); und der HERR ist um sein Volk her, von nun an bis in Ewigkeit.“

    Psalm 91: „Er hat seinen Engeln über dir befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen; dass sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest. Auf Löwen und Ottern wirst du gehen und treten auf den jungen Löwen und Drachen.“ (Das ist, alle Stricke und List des Teufels werden dir nichts tun.) „Denn er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen. Er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen. Er ruft mich an, so will ich ihn erhören. Ich bin bei ihm in der Not. Ich will ihn herausreißen und zu Ehren setzen. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und ihm zeigen mein Heil.“

   So spricht auch der Apostel, Hebr. 1, dass der Engel unzählig viele sind, allzumal dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die da ererben sollen die Seligkeit. Daher kommt’s, dass der heilige Patriarch Jakob, 1. Mose 49, sagt, da er sterben sollte: „Ich werde zu meinem Volk versammelt“, und ist gestorben und gesammelt zu seinem Volk. So auch zu Mose und Aaron hat Gott gesprochen: „Du sollst gehen zu deinem Volk und deinen Vätern.“ Damit ausgedrückt wird, dass der Tod ein Gang ist zu viel mehr Volk, die auf uns warten, als wir verlassen.

    Dies sind alles große Dinge. Wer mag’s glauben? Darum soll man wissen, dass Gottes Werke sind, die größer sind, als jemand denken kann, und sie doch wirkt in solchen kleinen Zeichen der Sakramente, dass er uns lehre, wie ein großes Ding es sei, ein rechter Glaube zu Gott.

    Zum neunzehnten. Soll aber niemand sie vermessen, solche Dinge aus seinen Kräften zu üben, sondern Gott demütig bitten, dass er solchen Glauben und Verstand seiner heiligen Sakramente in uns schaffe und erhalte. Auf dass also mit Furcht und Demut zugehe und wir nicht uns solche Werke zuschreiben, sondern Gott die Ehre lassen. Dazu soll er Christus anrufen, soll aber bitten, dass er nicht zweifele, das Gebet werde erhört. Da hat er zwei Ursachen dazu.

    Die erste, dass er jetzt gehört hat aus der Schrift, wie Gott den Engeln befohlen hat, dass sie lieben und helfen müssen, allen die da glauben. Das soll man sich vorhalten und aufrücken. Nicht, dass er es nicht wisse oder sonst nicht täte, sondern dass der Glaube und Zuversicht zu ihm und durch ihn zu Gott desto stärker und fröhlicher werde, dem Tod unter Augen zu gehen.

    Die zweite, dass Gott geboten hat, Matth. 21; Mark. 11, wenn wir beten wollen, dass wir ja fest glauben, es geschehe, was wir bitten und sei ein wahrhaftiges Amen. Dasselbe Gebot muss man Gott auch aufrücken und sagen: Mein Gott, du hast geboten zu bitten und zu glauben, die Bitte werde erhört. Darauf bitte ich und verlasse mich, du wirst mich nicht lassen und mir einen rechten Glauben geben.

    Dazu soll man das ganze Leben Gott bitten um die letzte Stunde, um einen rechten Glauben. Wie denn gar fein gesungen wird am Pfingsttag: Nun bitten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist, usw., wenn wir heimfahren aus diesem Elende usw.

    Und wenn die Stunde gekommen ist zu sterben, soll man Gott an das Gebet erinnern, neben seinem Gebot und Zusage, ohne allen Zweifel, es sei erhört. Denn wenn er geboten hat zu bitten und zu trauen im Gebet, dazu Gnade gegeben zu bitten, was sollte man zweifeln, er habe es darum getan, dass er’s erhören und erfüllen will?

    Zum zwanzigsten. Nun siehe, was soll dir dein Gott mehr tun, dass du den Tod willig annimmst, nicht fürchtest und überwindest?

    Er weist und gibt dir in Christus des Lebens, der Gnade, der Seligkeit Bild, dass du vor der Sünde, dem Tod, der Hölle nicht dich entsetzt.

    Er legt dazu deine Sünde, deinen Tod, deine Hölle auf seinen liebsten Sohn und überwindet sie dir, macht sie dir unschädlich.

    Er lässt dazu deine Anfechtung er Sünde, des Todes, der Hölle auch über seinen Sohn gehen und dich darin halten lehrt und sie unschädlich dazu ertragbar macht.

    Er gibt dir zu dem allem ein gewisses wahres Zeichen, dass du je nicht daran zweifelst, nämlich die heiligen Sakramente.

    Er befiehlt seinen Engeln, allen Heiligen, allen Kreaturen, dass sie mit ihm auf dich sehen, deiner Seele sich annehmen und sie empfangen.

    Er gebietet, du sollst solches von ihm bitten und der Erhörung gewiss sein. Was kann oder soll er mehr tun?

    Darum siehst du, dass er ein wahrer Gott ist und rechte große göttliche Werke mit dir wirkt. Warum sollte er dir nicht etwas Großes auflegen (wie das Sterben ist), wenn er so großen Vorteil, Hilfe und Stärke dazu tut. Auf dass er versuche, was seine Gnade vermag. Wie geschrieben steht, Psalm 111: „Groß sind die Werke des HERRN, wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.“

    Deshalb muss man zusehen, dass man je mit großen Freuden des Herzens danke seinem göttlichen Willen, dass er mit uns gegen die Sünde, Tod und Hölle so wunderliche, reichliche und unermessliche Gnade und Barmherzigkeit übt. Und nicht so sehr vor dem Tod sich fürchten, als vielmehr seine Gnade preisen und lieben. Denn die Liebe und das Lob das Sterben gar sehr erleichtern. Wie er sagt durch Jesaja: Ich will zähmen dienen Mund mit meinem Lob, dass du nicht untergehst. Das helfe uns Gott. Amen.

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

VORREDE.. 1

Die erste und rechte Tafel des Mose. 1

Die zweite und linke Tafel des Mose. 1

Eine kurze Zusammenfassung der Zehn Gebote. 1

AUSLEGUNG DER.. 1

ZEHN GEBOTE.. 1

VON DER SÜNDE, DEM GESETZ, DER BUSSE UND DEM... 1

EVANGELIUM... 1

Von der Sünde. 1

Vom Gesetz. 1

Von der Buße. 1

Vom Evangelium... 1

Der erste und Hauptartikel 1

AUSLEGUNG DES. 1

GLAUBENSBEKENNTNISSES  1

Wie man vor Gott gerecht wird und von guten Werken  1

DANACH FOLGT DIE AUSLEGUNG DES VATERUNSERS. 1

Eine einfältige Weise zu beten, für M. Peter, Balbierer. Anno 1534. 1

Glaube und Werke. 1

Was der wahre Glaube ist 1

Die Bedeutung der rechten Unterscheidung von Gesetz und Evangelium.. 1

Die Notwendigkeit der Wiedergeburt zum Glauben an Jesus Christus. 1

Der seligmachende Glaube und seine Frucht 1

Die rechten Werke kommen aus einem wahren Glauben  1

VON DER BUSSE.. 1

VON TAUFE UND ABENDMAHL.. 1

Von der Taufe. 1

(aus dem dritten Teil der Schmalkaldischen Artikel) 1

Vom Abendmahl 1

(aus den Schmalkaldischen Artikeln) 1

VON DEN SCHLÜSSELN UND DER BEICHTE.. 1

Von den Schlüsseln. 1

Von der Beichte. 1

Grundlinien des christlichen Glaubens: 1

Von dem traurigen Rückfall aus der Gnade. 1

Sermon von der Betrachtung des heiligen Leidens Christi 1

Sermon von der Bereitung zum Sterben. 1

Inhaltsverzeichnis. 1

 



[1] Entnommen aus: D. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Hrsg. von Johann Georg Walch. T. 11. Halle: Johann Justinus Gebauer. 1742.  Sp. 2618 ff. (Kirchenpostille)

 

[2] Entnommen aus: D. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Hrsg. von Johann Georg Walch. T. 11. Halle: Johann Justinus Gebauer. 1742. Sp. 3092 ff. (Kirchenpostille)

[3] Entnommen aus: Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Hrsg. von Johann Georg Walch. Bd. 6. Nachdruck der 2., überarb. Aufl. St. Louis. Groß Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 798 ff.

[4] Originaltext: „dass“ statt „denn“

[5] Wittenberger und Nürnberger: reiset

[6] Die Klammern sind in der St. Louiser Ausgabe gesetzt. Die eingeschlossenen Worte finden sich nur in der Jenaer Ausgabe.

[7] So die Jenaer Ausgabe. In den beiden anderen Redaktionen: „trägt ein Platten und Kolben“ usw. – Kolbe und Platte sind synonym.

[8] Diese in der St. Louiser Ausgabe in Klammern gesetzten Worte finden sich allein in der Jenaer Ausgabe.

[9] Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Predigt vom Unterschied zwischen dem Gesetz und dem Evangelium über Gal. 3,23-24. 1532. Hrsg. von Johann Georg Walch. Bd. 6. Nachdruck der 2., überarb. Aufl. St. Louis. Groß Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 798 ff.

[10] Martin Luther: Sämtliche Schriften. Von der Freiheit eines Christenmenschen. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Neu rev. Ausg. Bd. 19. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House. 1907. Sp. 986 ff.

[11] Dr. Martin Luthers doppelte Hauspostille. II. Rörer’sche Ausgabe. Hrsg. von Ernst Ludwig Enders. Bd. 5. 2. Aufl. Frankfurt am Main, Erlangen: Heyder & Zimmer. 1865. S. 247.

[12] Dr. Martin Luther. Sämtliche Schriften. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Bd. 11. (Kirchenpostille.) Neue rev. Ausg. St. Louis, Missouri: Lutherischer Concordia-Verl. 1882. Sp. 1166.

[13] Ebd. Sp. 1168

[14] Ebd. Sp. 1174

[15] Luther/Enders, a.a.O., S. 242.

[16] Ebd. S. 251 f.

[17] Der Haupttext, wenn keine anderen Quellen angegeben sind, stammt aus: Vgl. https://www.projekt-gutenberg.org/luther/predigt/pred001.html

[18] Diese Einfügung geschieht in Anlehnung an die englische Übersetzung direkt aus der WA; an sie ist auch der weitere Text dieses Satzes angelehnt. (Christ daily drives out the old Adam more and more in accordance with the extent to which faith and knowledge of Christ grow. In: https://ms.augsburgfortress.org/downloads/9781451462708_sample_chapter.pdf)

[19] An dieser Stelle könnten noch römisch-katholische (augustinische) Restbestände hervorkommen, die Luther aber später auch abgelegt hat. Denn die Rechtfertigung, der Zuspruch der fremden Gerechtigkeit, ist nicht stückweise, sondern einmal und ganz, wie Luther selbst später gesagt hat: Luther, Walch2, Bd. 12, 219 ff.: „Die Rechtfertigung kommt nicht durch Werke, sondern allein aus dem Glauben, ohne alle Werke, nicht mit Stücken, sondern auf einen Haufen. Denn das Testament hat alles in sich, Rechtfertigung, Seligkeit, Erbe und Hauptgut. Es wird ganz auf einmal, nicht stücklich, besessen durch den Glauben.“

Unter Umständen könnte der Text aber auch so verstanden werden, dass dieser letzte Satz des Abschnittes sozusagen das Scharnier zum nächsten Abschnitt ist, in dem ja von der zweiten oder unserer aktiven oder Lebensgerechtigkeit die Rede ist. Dies wäre nicht unmöglich, denn während im ersten Teil des Abschnittes ja die fremde Gerechtigkeit der Erbsünde entgegengesetzt wird und allen Sünden, die aus ihr folgen – und die werden ja, wie Abschnitt 6 dargelegt, im Augenblick verzehrt. Dieser letzte Satz des Abschnittes aber handelt von dem täglichen Kampf gegen den alten Adam, also unsere Erneuerung, in der Christus uns täglich mit seiner Gerechtigkeit zu Hilfe kommt. Da geht es also bereits um die Lebensgerechtigkeit, die ja allerdings wachsen soll und erst in der Ewigkeit vollendet ist. (Dies ist auch gegen den Kommentar gesagt, der zu dieser Stelle in der oben angeführten englischen Übersetzung (Anm. 20) steht, in dem behauptet wird, dass unsere Rechtfertigung selbst wachstümlich sei und erst in der Ewigkeit vollendet werde. Das ist die falsche augustinische Lehre, wie sie letztlich auch bei Rom zu finden ist und leider nicht zuletzt durch Karl Holl und die sogenannte „Lutherrenaissance“ nach dem ersten Weltkrieg von vielen als „Luthers Rechtfertigungslehre“ dargestellt wurde. Vgl. dazu auch: Uuras Saarnivaara: Luther discovers the Gospel. Saint Louis: Concordia Publishing House. 1951. S. XIII-XV. Saarnivaara unterstützt auch die zweite Variante des Verständnisses dieser Stelle, vgl. S. 134, Anm. 229.)

[20] Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Sermon von der zweifachen Gerechtigkeit. Hrsg. von Joh[ann] Georg Walch. Nachdr. der 2., überarb. Aufl. Bd. 10. Groß Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 1262 ff.

[21] Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Großer Galaterbriefkommentar zu Gal. 2,16. Hrsg. von Johann Georg Walch. Bd. 6. Nachdruck der 2., überarb. Aufl. St. Louis. Groß Oesingen: Verlag der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 173 ff.; 224 ff.

[22] Luther hat hier nach der alten Übersetzung „Gerechtigkeit“. (Anm. d. Hrsg.)

[23] Walch, Bd. 19. a.a.O. Erste Disputation über den Glauben, Röm. 3,28. Sp. 1754 ff.

[24] Ebd. Dritte Disputation.

[25] Ebd.

[26] Walch Bd. 19. a.a.O. Disputation über Hebr. 13,4

[27] Dr. Martin Luthers sämtlichen Schriften. Sermon von den guten Werken. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Neu rev. Stereotypausg. Bd. 10. St. Louis, Mo.: Lutherischer Concordia-Verlag. 1885. Sp. 1298 ff.

[28] Von der Freiheit … a.a.O.

[29] Vorrede, a.a.O.

[30] Da klingt nochmals das an, was schon unter Anm. 2 gesagt wurde; könnte aber gut eben einzig auf die Lebensgerechtigkeit bezogen werden, die nun im Leben als Frucht und Folge das Werk vollzieht und immer mehr vollendet, was mit der Rechtfertigung (erste Gerechtigkeit), eben als Folgewirkung, begonnen wurde. Denn in der Rechtfertigung a) sind vollkommen gerecht gesprochen und daher um Christi willen auch tatsächlich vor Gott gerecht; b) wurde als Frucht und Folge die Erneuerung ausgelöst, bewirkt, die nicht unsere Seligkeit vollendet, sondern in der wir arbeiten, weil wir gerechtfertigt, weil wir gerettet, weil wir selig sind.

[31] Zweifache Gerechtigkeit, a.a.O.

[32] Walch Bd. 19, Fünfte Disputation. Ebd.

[33] Walch Bd. 19, Erste Disputation. Ebd.

[34] Walch Bd 19. a.a.O. Disputation über Hebr. 13,4.

[35] Von der Freiheit … a.a.O.

[36] Ebd.

[37] Ebd.

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Ebd.

[41] Entnommen: Martin Luther: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Neue rev. Ausg. Bd. 10. St. Louis, Mo.: Lutherischer Concordia-Verl. 1885. Sp. 1230 ff. Walch hat, wie Olearius, als Erscheinungsjahr 1518; die Weimarer Ausgabe (Bd. 2, S. 709 ff.) gibt 1519 an, so auch Martin Brecht im ersten Band seiner Lutherbiographie, S. 342. Dies dürfte auch der historischen Tatsache entsprechen, da Luther ja in der Zuschrift an Herzogin Margarethe auf alle drei Sermone jenes Spätjahres 1519 Bezug nimmt: von der Buße, der Taufe und vom Abendmahl. Luther spricht zu diesem Zeitpunkt noch von der Buße als einem Sakrament. In der „babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ 1520 erkennt er dann, dass nur Taufe und Abendmahl als Sakrament zu bezeichnen sind.

[42] Vgl. dazu: Martin Brecht: Martin Luther. Sein Weg zur Reformation. Berlin: Evangelische Verl.Anst. 1986. S. 341 ff.; Oswald Bayer: Promissio. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 1970. (Forschungen zur Dogmen- und Kirchengeschichte. Bd. 24.) S. 192 ff.

[43] Luther hat „in“ an dieser Stelle. Anm. d. Hrsg.

[44] Der Anfang dieses Satzes klingt missverständlich. Was Luther sagen will ist: „Darauf bestehe ich, dass …“ Denn es ging ihm ja gerade darum, abzuwehren, dass die Menschen sich auf ihre Werke als „Genugtuung“ verließen anstatt auf Christus allein. Anm. d. Hrsg.

[45] Bei Walch steht hier: „besserlich“. Anm. D. Hrsg.

[46] Entnommen: Martin Luther: Sämtliche Schriften. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Neue rev. Ausg. Bd. 10. St. Louis, Mo.: Lutherischer Concordia-Verl. 1885. Sp. 2112 ff.

[47] Vgl. dazu: Martin Brecht: Martin Luther. Sein Weg zur Reformation 1483-1521. Berlin: Evangelische Verl.Anst. 1981. S. 344

[48] Am Ende der Schrift von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche bezeugt Luther, dass die Buße eigentlich kein Sakrament ist. (Anm. d. Hrsg.)

[49] In der Walch-Ausgabe steht „und“.

[50] Ergänzung durch Hrsg.

[51] Entnommen aus: Martin Luther: Betbüchlin mit Calender und Passional. Wittenberg: Hans Lufft. 1554. S. 161 ff.

[52] Entnommen aus: Martin Luther: Betbüchlin mit Calender und Passional. Wittenberg: Hans Lufft. 1554. S. 171 ff.