An die Bürgermeister und Ratsherren aller Städte in
deutschen Landen, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen
Martin Luther
Gnade und Friede von Gott unserm Vater und Herrn Jesu Christo. Vorsichtige, weise, liebe Herren! Wiewohl ich nun wohl drei Jahre verbannt und in die Acht getan, hätte sollen schweigen, wenn ich Menschen Gebot mehr denn Gott gescheut hätte; wie denn auch viele in deutschen Landen, beide groß und klein, mein Reden und Schreiben aus derselben Sache noch immer verfolgen und viel Bluts darüber vergießen: aber weil mir Gott den Mund aufgetan hat und mich heißen reden, dazu so kräftiglich bei mir stehet und meine Sache ohne meinen Rat und Tat so viel stärker macht und weiter ausbreitet, so viel sie mehr toben, und sich gleich stellet, als lache und spotte er ihres Tobens, wie der 2. Psalm sagt — an welchem allein merken mag, wer nicht verstockt ist, dass diese Sache muss Gottes eigen sein; sintemal sich die Art göttliches Worts und Werks hier ereignet, welches allezeit dann am meisten zunimmt, wenn man es auf das höchste verfolget und dämpfen will, darum will ich reden, wie Jesaias sagt, und nicht schweigen, weil [solange] ich lebe, bis dass Christi Gerechtigkeit ausbreche wie ein Glanz und seine heilwärtige Gnade wie eine Lampe angezündet werde; und bitte nun euch alle, meine lieben Herren und Freunde, wollet diese meine Schrift und Ermahnung freundlich annehmen und zu Herzen fassen. Denn ich sei gleich an mir selber, wie ich sei, so kann ich doch vor Gott mit rechtem Gewissen rühmen, dass ich darinnen nicht das Meine suche, welches ich viel besser möcht' mit Stillschweigen überkommen; sondern meine es von Herzen treulich mit euch und ganzem deutschen Lande, dahin mich Gott verordnet hat, es glaube oder glaube nicht, wer da will. Und will eurer Liebe das frei und getrost zugesagt und angesagt haben, dass, wo ihr mir hierin gehorchet, ohne Zweifel nicht mir, sondern Christo gehorchet; und wer mir nicht gehorchet, nicht mich, sondern Christum verachtet. Denn ich weiß je wohl und bin gewiss, was und wohin ich rede oder lehre; so wird es auch jedermann wohl selbst spüren, so er meine Lehre recht will ansehen.
Aufs erste erfahren wir jetzt in Deutschland durch und durch, wie man allenthalben die Schulen zergehen lässt. Die hohen Schulen werden schwach, Klöster nehmen ab, und will solches Gras dürre werden, und die Blume fällt dahin, wie Jesaias sagt, weil der Geist Gottes durch sein Wort drein wehet und scheinet so heiß drauf durch das Evangelium. Denn nun durch das Wort Gottes kund wird, wie solches Wesen unchristlich und nur auf den Bauch gerichtet sei. Ja weil der fleischliche Haufe sieht, dass sie ihre Söhne, Töchter und Freunde nicht mehr sollen oder mögen in Klöster und Stifte verstoßen und aus dem Hause und Gute weisen und auf fremde Güter sehen, will niemand mehr lassen Kinder lernen noch studieren. Ja, sagen sie, was soll man lernen lassen, so nicht Pfaffen, Mönche und Nonnen werden sollen? Man lasse sie so mehr lernen, damit sie sich ernähren.
Dass aber der böse Teufel sich also zur Sache stellet und gibt solches ein den fleischlichen Weltherzen, die Kinder und das junge Volk so zu verlassen, ist nicht Wunder, und wer will es ihm verdenken? Wie sollte er das zugeben oder anregen, dass man junges Volk recht ausziehe? Ja ein Narr wäre er, dass er in seinem Reich sollte das lassen und helfen aufrichten, dadurch er aufs allergeschwindeste müsste zu Boden gehen. Denn wo ihm soll ein Schade geschehen, der da recht beiße, der muss durch das junge Volk geschehen, das in Gottes Erkenntnis aufwächst und Gottes Wort ausbreitet und andere lehret.
Derohalben bitte ich euch alle, meine lieben Herren und Freunde, um Gottes willen und der armen Jugend willen, wollet diese Sache nicht so geringe achten, wie viele tun, die nicht sehen, was der Welt Fürst gedenket. Denn es ist eine ernste und große Sache, da Christus und aller Welt viel anliegt, dass wir dem jungen Volke helfen und raten. Damit ist denn auch uns und allen geholfen und geraten. Und denket, dass solche stille, heimliche tückische Anfechtung des Teufels will mit großem christlichen Ernst gewehrt sein. Liebe Herren, muss man jährlich so viel wenden an Büchsen, Wege, Stege, Dämme und dergleichen unzählige Stücke mehr, damit eine Stadt zeitlichen Frieden und Gemach habe: warum sollte man nicht vielmehr doch auch so viel wenden an die dürftige, arme Jugend, dass man einen geschickten Mann oder zwei zu Schulmeistern hielte.
Gott der allmächtige hat fürwahr uns Deutsche jetzt gnädig daheim gesucht, und ein recht gülden Jahr aufgerichtet. Da haben wir jetzt die feinsten, gelehrtesten jungen Gesellen und Männer, mit Sprachen und aller Kunst geziert, welche so wohl Nutzen schaffen könnten, wo man ihrer gebrauchen wollte, das junge Volk zu lehren. Ist's nicht vor Augen, dass man jetzt einen Knaben kann in drei Jahren zurichten, dass er in seinem fünf zehnten Jahre oder achtzehnten Jahre mehr kann, denn bisher alle hohen Schulen und Klöster gekonnt haben? Ja, was hat man gelernt in hohen Schulen und Klöstern bisher, denn nur Esel, Klöße und Blöcke werden? Zwanzig, vierzig Jahre hat einer gelernt, und hat noch weder lateinisch, noch deutsch gewusst. Ich schweige das schändliche, lästerliche Leben, darinnen die edle Jugend so jämmerlich verdorben ist.
Aber nun uns Gott so reichlich begnadet und solcher Leute die Menge gegeben hat, die das junge Volk fein lehren und ziehen mögen, wahrlich so ist's not, dass wir die Gnade Gottes nicht in Wind schlagen, und lassen ihn nicht umsonst anklopfen. Er steht vor der Tür, wohl uns, so wir ihm austun; er grüßt uns, selig, der ihm antwortet. Versehen wir es, dass er vorüber geht, wer will ihn wiederholen?
Lasset uns unsern vorigen Jammer ansehen und die Finsternis, darinnen wir gewesen sind. Ich achte, dass Deutschland noch nie so viel von Gottes Wort gehört habe, als jetzt; man spürt je nichts in der Historie davon. Lassen wir's denn so hingehen ohne Dank und Ehr', so ist's zu besorgen, wir werden noch gräulicher Finsternis und Plage leiden. Lieben Deutschen, kaufet, weil der Markt vor der Thür ist, sammelt ein, weil es scheinet und gut Wetter ist, brauchet Gottes Gnade und Wort, weil es da ist. Denn das sollt ihr wissen, Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin; sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn in Griechenland, hin ist auch hin; nun haben sie den Türken. Rom und Lateinischland hat ihn auch gehabt, hin ist hin; sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, dass ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben. Darum greifet zu und haltet zu, wer greifen kann und halten kann, faule Hände müssen ein böses Jahr haben.
Gottes Gebot treibt so oft durch Moses und fordert, die Eltern sollen die Kinder lehren, dass auch der 78. Psalm spricht: „Wie hat er so hoch unseren Vätern geboten, den Kindern kund zu tun und zu lehren Kindes Kind.“ Und das weiset auch aus das vierte Gebot Gottes, da er der Eltern Gehorsam den Kindern so hoch gebeut, dass man auch durchs Gericht töten soll ungehorsame Kinder. Und warum leben wir Alten anders, denn dass wir des jungen Volks warten, lehren und ausziehen? Es ist nicht möglich, dass sich das junge Volk sollte selbst lehren und halten; darum hat sie uns Gott befohlen, die wir alt und erfahren sind, was ihnen gut ist, und wird gar schwere Rechnung von uns für dieselben fordern. Darum auch Mose befiehlt 5 Mos. 32 und spricht: „Frage deinen Vater, der wird dir es sagen, die Alten werden dir's zeigen.“ Wiewohl es Sünde und Schande ist, dass dahin mit uns kommen ist, dass wir allererst reizen und uns reizen lassen sollen, unsere Kinder und junges Volk zu ziehen und ihr Bestes denken, so doch dasselbe uns die Natur selbst sollte treiben und auch der Heiden Exempel uns mannigfach weisen. Es ist kein unvernünftiges Tier, das seiner Jungen nicht wartet und lehrt, was ihnen gebührt, ohne der Strauß, davon Gott sagt Hiob 39: „Dass er gegen seine Jungen so hart ist, als wären sie nicht sein, und lässt seine Eier auf der Erde liegen.“ Und was hilft es, dass wir sonst alles hätten und täten und wären gleich eitel Heiligen, so wir das unterwegs lassen, darum wir allermeist leben, nämlich: des jungen Volks pflegen. Ich achte auch, dass unter den äußerlichen Sünden die Welt vor Gott von keiner so hoch beschweret ist und so gräuliche Strafe verdienet, als eben von dieser, die wir an den Kindern tun, dass wir sie nicht ziehen.
O wehe der Welt immer und ewiglich! Da werden täglich Kinder geboren und wachsen bei uns daher, und ist leider niemand, der sich des armen jungen Volks annehme und regiere, da lässt man's gehen, wie es geht. Die Klöster und Stifte sollten es tun; so sind sie eben die, von denen Christus sagt: „Wehe der Welt um der Ärgernisse willen; wer dieser Jungen einen ärgert, die an mich glauben, dem wäre es besser einen Mühlstein an den Hals gehenkt und in das Meer gesenkt, da es am tiefsten ist.“ Es sind nur Kinderfresser und Verderber.
Ja, sprichst du, solches alles ist den Eltern gesagt, was gehet das die Ratsherren und Obrigkeit an? Ist recht geredet; ja, wie wenn die Eltern aber solches nicht tun? Wer soll es denn tun? Soll es darum nachbleiben, und die Kinder versäumet werden? Wo will sich da die Obrigkeit und Rat entschuldigen, dass ihnen solches nicht sollte gebühren? Dass es von den Eltern nicht geschieht, hat mancherlei Ursache:
Aufs erste sind etliche auch nicht so fromm und redlich, dass sie es täten, ob sie es gleich könnten, sondern wie die Strauße härten sie sich auch gegen ihre Jungen und lassen es dabei bleiben, dass sie die Eier von sich geworfen und Kinder gezeugt haben, nicht mehr tun sie dazu. Nun, diese Kinder sollen dennoch unter uns und bei uns leben in gemeiner Stadt. Wie will denn nun Vernunft und sonderlich christliche Liebe das leiden, dass sie ungezogen aufwachsen und den andern Kindern Gift und Geschmeiß sein, damit zuletzt eine ganze Stadt verderbe, wie es denn zu Sodom und Gomorrha und Gaba und etlichen mehr Städten ergangen ist.
Aufs andere, so ist der größte Haufe der Eltern leider ungeschickt dazu und weiß nicht, wie man Kinder ziehen und lehren soll. Denn sie selbst nichts gelernt haben, ohne den Bauch zu versorgen; und gehören sonderliche Leute dazu, die Kinder wohl und recht lehren und ziehen sollen.
Aufs dritte, obgleich die Eltern geschickt wären und wollten es gerne selbst tun, so haben sie vor anderen Geschäften und Haushalten weder Zeit noch Raum dazu, also dass die Not zwingt, gemeine Zuchtmeister für die Kinder zu halten. Es wollte denn ein jeglicher für sich selbst einen eigenen halten. Aber das würde dem gemeinen Mann zu schwer, und würde abermals mancher feiner Knabe um Armut willen versäumet. Dazu so sterben viele Eltern und lassen Waisen hinter sich, und wie dieselben durch Vormünder versorgt werden, ob uns die Erfahrung zu wenig wäre, sollte uns das wohl zeigen, dass sich Gott selbst der Waisen Vater nennet, als derer, die von jedermann sonst verlassen sind. Auch sind etliche, die keine Kinder haben, die nehmen sich auch darum nichts an.
Darum will es hier dem Rat und der Obrigkeit gebühren, die allergrößte Sorge und Fleiß auf das junge Volk zu haben. Denn weil der ganzen Stadt Gut, Ehre, Leib und Leben ihnen zu treuer Hand befohlen ist, so täten sie nicht redlich vor Gott und der Welt, wo sie der Stadt Gedeihen und Besserung nicht suchten mit allem Vermögen Tag und Nacht. Nun liegt einer Stadt Gedeihen nicht allein darin, dass man große Schätze sammle, feste Mauern, schöne Häuser, viele Büchsen und Harnisch zeuge - ja, wo des viel ist und tolle Narren darüber kommen, ist so viel desto ärger und desto größerer Schade derselben Stadt -; sondern das ist einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft, dass sie so viel feiner, gelehrter, vernünftiger, ehrbarer, wohlgezogener Bürger hat, die können darnach wohl Schätze und alles Gut sammeln, halten und recht brauchen.
Wie hat die Stadt Rom getan, die ihre Knaben also ließ ziehen, dass sie inwendig fünfzehn, achtzehn, zwanzig Jahren aufs ausbündigste konnten Lateinisch und Griechisch und allerlei freie Künste (wie man sie nennet), darnach flugs in den Krieg und Regiment; da wurden gewitzte, vernünftige und treffliche Leute daraus, mit allerlei Kunst und Erfahrung geschickt, dass, wenn man jetzt alle Bischöfe und alle Pfaffen und Mönche in deutschen Landen auf einen Haufen schmelzte, sollte man nicht so viel finden, als man da wohl in einem römischen Kriegsknecht fand. Darum ging auch ihr Ding vonstatten, da fand man Leute, die zu allerlei tüchtig und geschickt waren. Also hat es die Not allzeit erzwungen und erhalten in aller Welt, auch bei den Heiden, dass man Zuchtmeister und Schulmeister hat müssen haben, so man anders etwas Redliches hat wollen aus einem Volke machen. Daher ist auch das Wort Zuchtmeister im St. Paulo Gal. 3 als aus dem gemeinen Gebrauch menschlichen Lebens genommen, da er spricht: „Das Gesek ist unser Zuchtmeister gewesen."
Weil denn eine Stadt soll und muss Leute haben, und allenthalben das größte Gebrechen, Mangel und Klage ist, dass es an Leuten fehle, so muss man nicht harren, bis sie selbst wachsen; man wird sie auch weder aus Steinen hauen noch aus Holz schnitzeln; so wird Gott nicht Wunder tun, so lange man der Sachen durch andere seine dargetane Güter geraten [Rat schaffen] kann. Darum müssen wir dazu tun, und Mühe und Kost daran wenden, sie selbst erziehen und machen. Denn wes ist die Schuld, dass es jetzt in allen Städten so dünne sieht von geschickten Leuten, ohne der Obrigkeit, die das junge Volk hat lassen aufwachsen, wie das Holz im Walde wächst, und nicht zugesehen, wie man es lehre und ziehe? Darum ist es auch so unordentlich gewachsen, das zu keinem Bau, sondern nur ein unnützes Gehege und nur zum Feuerwerk tüchtig ist.
Es muss doch weltlich Regiment bleiben. Soll man denn zulassen, dass eitel Rülzen und Knebel regieren, so man es wohl bessern kann? ist je ein wildes, unvernünftiges Fürnehmen. So lass man ebenso mehr Säue und Wölfe zu Herren machen und sehen über die, so nicht denken wollen, wie sie von Menschen regieret werden. So ist's auch eine unmenschliche Bosheit, so man nicht weiter denkt, denn also: wir wollen jetzt regieren, was gehet uns an, wie es denen gehen werde, die nach uns kommen. Nicht über Menschen, sondern über Säue und Hunde sollten solche Leute regieren, die nicht mehr denn ihren Nuk und Ehre im Regiment suchen. Wenn man gleich den höchsten Fleiß vorwendet, dass man eitel feine, gelehrte, geschickte Leute erzöge zu regieren, es würde dennoch Mühe und Sorge genug haben, dass es wohl zu= ginge. Wie soll es denn zugehen, wenn man da gar nichts zutut?
Ja, sprichst du abermals, ob man gleich sollte und müsste Schulen haben, was ist uns aber nütze, lateinische, griechische und hebräische Zungen [Sprachen] und andere freie Künste zu lehren? Könnten wir doch wohl deutsch die Bibel und Gottes Wort lehren, die uns genugsam ist zur Seligkeit? Antwort: ja, ich weiß leider wohl, dass wir Deutschen müssen immer Bestien und tolle Tiere sein und bleiben, wie uns denn die umliegenden Länder nennen und wir auch wohl verdienen. Mich wundert aber, warum wir nicht auch einmal sagen: was soll uns Seide, Wein, Gewürze und der fremden ausländischen Waren, so wir doch selbst Wein, Korn, Wolle, Flachs, Holz und Steine in deutschen Landen nicht allein die Fülle haben zur Nahrung, sondern auch die Kür und Wahl zu Ehren und Schmuck? Die Künste und Sprachen, die uns ohne Schaden, ja größerer Schmuck, Nutz, Ehre und Frommen sind, beide zur Heiligen Schrift zu verstehen und weltlich Regiment zu führen, wollen wir verachten; und der ausländischen Waren, die uns weder not noch nütze sind, dazu uns schinden bis auf den Grat, der wollen wir geraten [entbehren]; heißen das nicht billig deutsche Narren und Bestien?
Zwar, wenn kein anderer Nutz an den Sprachen wäre, sollte doch uns das billig erfreuen und anzünden, dass es so eine edle, feine Gabe Gottes ist, damit uns Deutsche Gott jetzt so reichlich, fast über alle Länder, heimsuchet und begnadet. Man sieht nicht viel, dass der Teufel dieselben hätte lassen durch die hohen Schulen und Klöster aufkommen; ja sie haben allzeit auf das höchste dagegen getobt und auch noch toben. Denn der Teufel roch den Braten wohl: wo die Sprachen hervorkämen, würde sein Reich ein Fach gewinnen, dass er nicht wieder leicht könnte zustopfen. Weil er nun nicht hat mögen wehren, dass sie herfür kämen, denket er doch, sie nun also schmal zu halten, dass sie von sich selbst wieder sollen vergehen und fallen. Es ist ihm nicht ein lieber Gast damit ins Haus kommen, darum will er ihn auch also speisen, dass er nicht lange solle bleiben. Diesen bösen Tück des Teufels sehen unser gar wenig, lieben Herren.
Darum, lieben Deutschen, lasset uns hier die Augen auftun, Gott danken für das edle Kleinod und fest darob halten, dass es uns nicht wieder entzogen werde, und der Teufel nicht seinen Mutwillen büße [übe]. Denn das können wir nicht leugnen, dass, wiewohl das Evangelium allein durch den heiligen Geist ist kommen, und täglich kommt, so ist es doch durch Mittel der Sprachen kommen und hat auch dadurch zugenommen, muss auch dadurch behalten werden. Denn gleich als da Gott durch die Apostel wollte in alle Welt das Evangelium lassen kommen, gab er die Zungen dazu und hatte auch zuvor durch der Römer Regiment die griechische und lateinische Sprache so weit in alle Länder ausgebreitet, auf dass sein Evangelium je bald fern und weit Frucht brächte. Also hat er jetzt auch getan. Niemand hat gewusst, warum Gott die Sprachen herfür ließ kommen, bis dass man nun allererst sieht, dass es um des Evangeliums willen geschehen ist, welches er hernach hat wollen offenbaren und dadurch des Endechrists [Antichrists] Regiment aufdecken und zerstören. Darum hat er auch Griechenland den Türken gegeben, auf dass die Griechen, verjaget und zerstreuet, die griechische Sprache ausbrächten und ein Anfang würden, auch andere Sprachen mitzulernen.
So lieb nun als uns das Evangelium ist, so hart lasset uns über den Sprachen halten. Denn Gott hat seine Schrift nicht umsonst allein in die zwei Sprachen schreiben lassen, das Alte Testament in die hebräische, das Neue in die griechische. Welche nun Gott nicht verachtet, sondern zu seinem Wort erwählet hat vor allen andern, sollen auch wir dieselben vor allen andern ehren. Und lasst uns das gesagt sein, dass wir das Evangelium nicht wohl werden erhalten ohne die Sprachen. Die Sprachen sind die Scheiden, darinnen dies Messer des Geistes steckt; sie sind der Schrein, darinnen man dies Kleinod trägt; sie sind das Gefäß, darinnen man diesen Trank fasset; sie sind die Kemnot [Kammer], darinnen diese Speise liegt. Und wie das Evangelium selbst zeigt, sie sind die Körbe, darinnen man diese Brote und Fische und Brocken behält. Ja, wo wir es versehen, dass wir (da Gott für sei) die Sprachen fahren lassen, so werden wir nicht allein das Evangelium verlieren, sondern wird auch endlich dahin geraten, dass wir weder Lateinisch noch Deutsch recht reden oder schreiben können. Des lasst uns das elende gräuliche Exempel zur Beweisung und Warnung nehmen in den hohen Schulen und Klöstern, darinnen man nicht allein das Evangelium verlernet, sondern auch lateinische und deutsche Sprache verderbet hat, dass die elenden Leute schier zu lauter Bestien geworden sind, weder deutsch noch lateinisch recht reden oder schreiben können und beinahe auch die natürliche Vernunft verloren haben.
Darum haben es die Apostel auch selbst für nötig angesehen, dass sie das Neue Testament in die griechische Sprache fassten und anbanden, ohne Zweifel, dass sie es uns daselbst sicher und gewiss verwahrten wie in einer heiligen Lade. Denn sie haben gesehen alle dasjenige, das zukünftig war und nun also ergangen ist, wo es allein in die Köpfe gefasst würde, wie manche wilde, wüste Unordnung und Gemenge, so mancherlei Sinnen, Dünkel und Lehren sich erheben würden in der Christenheit, welchen in keinem Weg zu wehren noch die Einfältigen zu schützen wären, wo nicht das Neue Testament gewiss in Schrift und Sprache gefasst wäre. Darum ist es gewiss, wo nicht die Sprachen bleiben, da muss zuletzt das Evangelium untergehen.
Das hat auch bewiesen und zeigt noch an die Erfahrung. Denn so bald nach der Apostel Zeit, da die Sprachen aufhörten, nahm auch das Evangelium und der Glaube und ganze Christenheit je mehr und mehr ab, bis dass sie unter dem Papst gar versunken ist, und ist, seit der Zeit die Sprachen gefallen sind, nicht viel besonders in der Christenheit ersehen, aber gar viel gräulicher Gräuel aus Unwissenheit der Sprachen geschehen. Also wiederum weil jetzt die Sprachen hervorgekommen sind, bringen sie ein solch Licht mit sich und tun solch' große Dinge, dass sich alle Welt verwundert, und muss bekennen, dass wir das Evangelium so lauter und rein haben, fast als die Apostel gehabt haben, und ganz in seine erste Reinigkeit gekommen ist, und gar viel reiner, denn es zur Zeit St. Hieronymus oder Augustinus gewesen ist. Und Summa, der Heilige Geist ist kein Narr, gehet auch nicht mit leichtfertigen unnötigen Sachen um; der hat die Sprachen so nütze und not geachtet in der Christenheit, dass er sie oftmals vom Himmel mit sich gebracht hat. Welches uns allein sollte genugsam bewegen, dieselben mit Fleiß und Ehren zu suchen und nicht zu verachten, weil er sie nun selbst wieder auf Erden erwecket.
Ja, sprichst du, es sind viele Väter selig geworden, haben auch gelehrt ohne Sprachen. Das ist wahr. Wo rechnest du aber auch hin, dass sie so oft in der Schrift gefehlt haben? Wie oft fehlet St. Augustinus im Psalter und anderen Auslegungen, so wohl als Hilarius, ja auch alle, die ohne die Sprachen sich die Schrift haben unterwunden auszulegen? Und ob sie gleich etwa recht geredet haben, sind sie doch der Sachen nicht gewiss gewesen, ob dasselbe recht an dem Orte stehe, da sie es hindeuten? Daher kommt's, dass seit der Apostel Zeit die Schrift so finster ist geblieben und nirgends gewisse, beständige Auslegungen darüber geschrieben sind. Denn auch die heiligen Väter (wie gesagt) oft gefehlt, und weil sie der Sprachen unwissend gewesen, sind sie gar selten eins, der fährt sonst, der fährt so. St. Bernhard ist ein Mann von großem Geist gewesen, dass ich ihn schier dürfte über alle Lehrer sehen, die berühmt sind, beide alte und neue; aber siehe, wie er mit der Schrift so oft (wiewohl geistlich) spielet und sie außer dem rechten Sinn führt.
Darum ist das auch ein tolles Vornehmen gewesen, dass man die Schrift hat wollen lernen durch der Väter Auslegen und viel Bücher und Glossen [Erklärungen] lesen. Man sollte sich dafür auf die Sprachen begeben haben. Denn die lieben Väter, weil sie ohne Sprachen gewesen sind, haben sie zuweilen mit vielen Worten an einem Spruch gearbeitet und dennoch nur kaum hiernach geahnt und halb geraten, halb gefehlt. So läufst du demselben nach mit vieler Mühe und könntest dieweil durch die Sprachen demselben viel besser selbst raten, denn der, dem du folgest. Denn wie die Sonne gegen den Schatten ist, so ist die Sprache gegen aller Väter Glossen.
Weil denn nun den Christen gebühret, die Heilige Schrift zu üben als ihr eigen einiges Buch, und eine Sünde und Schande ist, dass wir unser eigen Buch nicht wissen, noch unseres Gottes Sprache und Wort nicht kennen, so ist es noch viel mehr Sünde und Schande, dass wir nicht Sprachen lernen, besonders, so uns jetzt Gott darbietet und gibt Leute und Bücher und allerlei, was dazu dienet, und uns gleich dazu reizt und sein Buch gerne wollte offen haben. O wie froh sollten die lieben Väter gewesen sein, wenn sie hätten so können zur Heiligen Schrift kommen und die Sprachen lernen, als wir könnten. Wie haben sie mit großer Mühe und Fleiß kaum die Brocken erlanget, da wir mit halber, ja schier ohne alle Arbeit das ganze Brot gewinnen könnten. wie schändet ihr Fleiß unsere Faulheit, ja, wie hart wird Gott auch rächen solchen unsern Unfleiß und Undankbarkeit.
Darum, obwohl der Glaube und das Evangelium durch schlichte Prediger mag ohne Sprachen gepredigt werden, so geht's doch faul und schwach, und man wird zuletzt müde und überdrüssig und fället doch zu Boden. Aber wo die Sprachen sind, da gehet es frisch und stark und wird die Schrift durch= trieben, und findet sich der Glaube immer neu durch andere und aber andere Worte und Werke, dass der 104. Psalm solch Studieren in der Schrift vergleichet einer Jagd und spricht: „Gott öffne den Hirschen die dicken Wälder", und Psalm 1 „einem Baum, der immer grünet und immer frisch Wasser hat".
Es soll uns auch nicht irren, dass etliche sich des Geistes rühmen und die Schrift geringe achten, etliche auch, wie die Brüder Valdenser, die Sprache nicht nützlich achten. Aber, lieber Freund, Geist hin, Geist her, ich bin auch im Geist gewesen und habe auch Geist gesehen (wenn's je gelten soll von eigenem Fleisch rühmen), vielleicht mehr, denn eben dieselben noch im Jahr sehen werden, wie fast [sehr] sie auch sich rühmen. Auch hat mein Geist sich etwas beweiset, so doch ihr Geist im Winkel gar stille ist und nicht viel mehr tut, denn seinen Ruhm aufwirft. Das weiß ich aber wohl, wie fast der Geist alles allein tut, wäre ich doch allen Büschen zu ferne gewesen, wo mir nicht die Sprachen geholfen und mich der Schrift sicher und gewiss gemacht hätten. Ich hätte auch wohl können fromm sein und in der Stille recht predigen; aber den Papst und die Sophisten mit dem ganzen endechristischen [antichristlichen] Regiment würde ich wohl haben lassen sein, was sie sind. Der Teufel achtet meinen Geist nicht so fast, als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprachen machen ihm die Welt zu enge und tut ihm Schaden in seinem Reich.
Nun das sei gesagt von Nuh und Not der Sprachen und christlichen Schulen für das geistliche Wesen und zur Seelen Heil. Nun lasset uns auch den Leib vornehmen und sehen: ob schon keine Seele noch Himmel oder Hölle wäre, und sollten allein das zeitliche Regiment ansehen nach der Welt, ob dasselbe nicht bedürfte vielmehr guter Schulen und gelehrter Leute denn das Geistliche? Denn bisher sich desselben die Sophisten so gar nichts haben angenommen und die Schulen so gar auf den geistlichen Stand gerichtet, dass gleich eine Schande gewesen ist, so ein Gelehrter ist ehelich geworden, und hat müssen hören sagen: siehe, der wird weltlich und will nicht geistlich werden; gerade als wäre allein ihr geistlicher Stand Gott angenehm, und der weltliche (wie sie ihn nennen) gar des Teufels und unchristlich.
Nun ist hier nicht Not zu sagen, wie das weltliche Regiment eine göttliche Ordnung und Stand ist, davon ich sonst viel gesagt habe, dass ich hoffe, es zweifelt niemand daran, sondern ist zu handeln, wie man feine geschickte Leute darein kriege. Und hier bieten uns die Heiden einen großen Trotz und Schmach an, die vorzeiten, sonderlich die Römer und Griechen, gar nichts gewusst haben, ob solcher Stand Gott gefiele oder nicht, und haben doch mit solchem Ernst und Fleiß die jungen Knaben und Mädchen lassen lehren und aufziehen, dass sie dazu geschickt würden, dass ich mich unserer Christen schämen muss, wenn ich daran gedenke, und sonderlich unserer Deutschen, die wir sogar Stöcke und Tiere sind und sagen dürfen: ja, was sollen die Schulen, so man nicht soll geistlich werden? Die wir doch wissen, oder je wissen sollen, wie ein nötiges und nützliches Ding es ist, und Gott so angenehm, wo ein Fürst, Herr, Ratsmann oder was regieren soll, gelehrt und geschickt ist, denselben Stand christlich zu führen.
Wenn nun gleich (wie ich gesagt habe) keine Seele wäre, und man der Schulen und Sprachen gar nicht bedürfte um der Schrift und Gottes Willen, so wäre doch allein diese Ursache genugsam, die allerbesten Schulen beide für Knaben und Mädchen an allen Orten aufzurichten, dass die Welt auch ihren weltlichen Stand äußerlich zu halten doch bedarf feiner, geschickter Männer und Frauen, dass die Männer wohl könnten regieren Land und Leute, die Frauen wohl ziehen und halten könnten Haus, Kinder und Gesinde. Nun solche Männer müssen aus Knaben werden, und solche Frauen müssen aus Mädchen werden; darum ist's zu tun, dass man Knaben und Mädchen dazu recht lehre und aufziehe. Nun habe ich offen gesagt: der gemeine Mann tut hier nichts zu, kann's auch nicht, will's auch nicht, weiß auch nicht. Fürsten und Herren sollten es tun; aber sie haben auf Schlitten zu fahren, zu trinken und in der Mummerei zu laufen und sind beladen mit hohen merklichen Geschäften des Kellers, der Küche und der Kammer. Und ob es etliche gerne täten, müssen sie die andern scheuen, dass sie nicht für Narren oder Ketzer gehalten werden. Darum will es euch, liebe Ratsherren, allein in der Hand bleiben; ihr habt auch Raum und Fug dazu, besser denn Fürsten und Herren.
Ja, sprichst du, ein jeglicher mag seine Söhne und Töchter wohl selber lehren oder sie ziehen mit Zucht. Antwort: Ja man sieht wohl, wie sich's lehrt und ziehet. Und wenn die Zucht aufs höchste getrieben wird und wohl gerät, so kommt es nicht weiter, denn dass ein wenig eine eingezwungene und ehrbare Gebärde da ist; sonst bleiben's gleichwohl eitel Holzblöcke, die weder hiervon noch davon wissen zu sagen, niemand weder raten noch helfen können. Wo man sie aber lehrte und zöge in Schulen oder sonst, da gelehrte und züchtige Meister und Meisterinnen wären, die da Sprachen und andere Künste und Historien lehrten, da würden sie hören die Geschichten und Sprüche aller Welt, wie es dieser Stadt, diesem Reiche, diesem Fürsten, diesem Manne, diesem Weibe gegangen wäre; und könnten also in kurzer Zeit gleich der ganzen Welt von Anbeginn Wesen, Leben, Rat und Anschläge, Gelingen und Ungelingen für sich fassen wie in einem Spiegel, daraus sie denn ihren Sinn schicken und sich in der Welt Lauf richten könnten mit Gottesfurcht, dazu witzig und klug werden aus denselben Historien, was zu suchen und zu meiden wäre in diesem äußerlichen Leben, und andern auch darnach raten und regieren. Die Zucht aber, die man daheim ohne solche Schulen vornimmt, die will uns weise machen durch eigene Erfahrung. Ehe das geschieht, so sind wir hundertmal tot, und haben unser Leben lang alles unbedächtig gehandelt; denn zu eigener Erfahrung gehört viel Zeit.
Weil denn das junge Volk muss lecken [ausschlagen] und springen oder je etwas zu schaffen haben, da es Lust innen hat, und ihm darin nicht zu wehren ist, es auch nicht gut wäre, dass man alles wehrte: warum sollte man denn ihm nicht solche Schulen zurichten und solche Kunst vorlegen? Sintemal es jetzt von Gottes Gnaden alles also zugerichtet ist, dass die Kinder mit Lust und Spiel lernen können, es seien Sprachen oder andere Künste oder Historien. Und ist jetzt nicht mehr die Hölle und das Fegfeuer unsere Schulen, darinnen wir gemartert sind über den Casualibus und Temporalibus [Deklinieren und Konjugieren], da wir doch nichts den eitel nichts gelernt haben durch so viel Stäupen, Zittern, Angst und Jammer. Nimmt man doch so viel Zeit und Mühe, dass man die Kinder spielen auf Karten, singen und tanzen lehrt; warum nimmt man auch nicht so viel Zeit, dass man sie lesen und andere Künste lehrt, weil sie jung und müßig, geschickt und lustig dazu sind? Ich rede für mich: wenn ich Kinder hätte und vermöchte es, sie müssten mir nicht allein die Sprachen und Historien hören, sondern auch singen und die Musik mit der ganzen Mathematik lernen. Denn was ist dies alles denn eitel Kinderspiel, darinnen die Griechen ihre Kinder vorzeiten erzogen, dadurch doch wunder geschickte Leute daraus geworden, zu allerlei hernach tüchtig? Ja wie leid ist mir's jetzt, dass ich nicht mehr Poeten und Historien gelesen habe, und mich auch dieselben niemand gelehrt hat. Und habe dafür müssen lesen des Teufels Dreck, die Philosophen und Sophisten mit großer Kost, Arbeit und Schaden, dass ich genug habe daran auszufegen.
So sprichst du: Ja, wer kann seine Kinder so entbehren und alle zu Junkern ziehen? sie müssen im Haus der Arbeit warten usw. Antwort: Ist's doch auch nicht meine Meinung, dass man solche Schulen anrichte, wie sie bisher gewesen sind, da ein Knabe zwanzig oder dreißig Jahre hat über den Donat und Alexander [berühmte Schulbücher jener Zeit] gelernt und dennoch nichts gelernt. Es ist jetzt eine andere Welt, und gehet anders zu. Meine Meinung ist, dass man die Knaben des Tages eine Stunde oder zwei lasse zu solcher Schule gehen und nichtsdestoweniger die andere Zeit im Hause schaffen, Handwerke lernen, und wozu man sie haben will, dass beides mit einander gehe, weil das Volk jung ist und erwarten kann. Bringen sie doch sonst wohl zehnmal so viel Zeit zu mit Keulchen schießen, Ball spielen, Laufen und Rammeln.
So kann ein Mägdlein ja so viel Zeit haben, dass sie des Tages eine Stunde zur Schule gehe und dennoch ihres Geschäfts im Hause wohl warte; sie verschläft und vertanzt und verspielet doch wohl mehr Zeit. Es fehlt allein daran, dass man nicht Lust noch Ernst dazu hat, das junge Volk zu ziehen, noch der Welt zu helfen und zu raten mit feinen Leuten. Der Teufel hat viel lieber grobe Blöcke und unnütze Leute, dass es den Menschen ja nicht zu wohl gehe auf Erden.
Welche aber der Ausbund [die tüchtigsten] darunter wären, der man sich verhofft, dass es geschickte Leute sollen werden zu Lehrern und Lehrerinnen, zu Predigern und anderen geistlichen Ämtern, die soll man desto mehr und länger dabei lassen oder selbst ganz daselbst verordnen.
Darum es hohe Not ist, nicht allein der jungen Leute halben, sondern auch beide unsere Stände, geistlichen und weltlichen, zu erhalten, dass man in unserer Sache mit Ernst und in der Zeit dazu tue, auf dass wir's nicht hinten nach, wenn wir's versäumt haben, vielleicht müssen lassen, ob wir's denn gerne tun wollten und umsonst den Reuling [Reue] uns mit Schaden beißen lassen ewiglich. Denn Gott erbietet sich reichlich und reicht die Hand dar und gibt dazu, was dazu gehöret. Verachten wir's, so haben wir schon unser Urteil mit dem Volk Israel, davon Jesaja sagt: „Ich habe meine Hand dargeboten den ganzen Tag dem ungläubigen Volk, das mir widerstrebet", und Spr. 1: „Ich habe meine Hand dargeboten, und niemand wollte es ansehen; ihr habt alle meinen Rat verachtet; wohlan, so will ich eurer auch lachen in eurem Verderben und spotten, wenn über euch kommt euer Unglück usw.“ Da lasset vor uns hüten. Sehet an zum Exempel, welch einen großen Fleiß der König Salomo hierin getan hat, wie hat er sich des jungen Volkes angenommen, dass er unter seinen königlichen Geschäften auch ein Buch für das junge Volk gemacht hat, das da heißet Sprichwörter. Und Christus selbst, wie zieht er die jungen Kindlein zu sich? Wie fleißig befiehlt er sie uns und rühmet auch die Engel, die ihrer warten, Matth. 18, dass er uns anzeige, wie ein großer Dienst es ist, wenn man das junge Volk wohl zieht; wiederum, wie gräulich er zürnt, so man sie ärgert und verderben lässt.
Darum, liebe Herren, lasst euch das Werk anliegen, das Gott so hoch von euch fordert, dass euer Amt schuldig ist, das der Jugend so not ist, und das weder Welt noch Geist entbehren kann. Wir sind leider lange genug in Finsternis verfaulet und verdorben, wir sind allzu lange deutsche Bestien gewesen. Lasset uns auch einmal der Vernunft brauchen, dass Gott merke die Dankbarkeit seiner Güter, und andere Lande sehen, dass wir auch Menschen und Leute sind, die etwas Nützliches entweder von ihnen lernen oder sie lehren könnten, damit auch durch uns die Welt gebessert werde. Ich habe das Meine getan, ich wollte je deutschen Landen gerne geraten und geholfen haben, ob mich gleich etliche darüber werden verachten und solchen treuen Rat in Wind schlagen und besser wissen wollen, das muss ich geschehen lassen. Ich weiß wohl, dass es andere könnten besser ausgerichtet haben, aber weil sie schweigen, richte ich's aus, so gut als ich's kann. Es ist je besser dazu geredet, wie ungeschickt es auch sei, denn aller Dinge davon geschwiegen. Und bin der Hoffnung, Gott werde je eurer etliche erwecken, dass mein treuer Rat nicht gar in Asche falle, und werden ansehen nicht den, der es redet, sondern die Sache selbst bewegen und sich bewegen lassen.
Zum letzten ist auch das wohl zu bedenken allen denjenigen, so Liebe und Lust haben, dass solche Schulen und Sprachen in deutschen Landen aufgerichtet und erhalten werden, dass man Fleiß und Kosten nicht spare, gute Libereien [Bibliotheken] und Bücherhäuser, sonderlich in den großen Städten, die solches wohl vermögen, zu verschaffen. Denn so das Evangelium und allerlei Kunst soll bleiben, muss es je in Bücher und Schriften verfasst und angebunden sein, wie die Propheten und Apostel selbst getan haben, als ich droben gesagt habe. Und das nicht allein darum, dass diejenigen, so uns geistlich und weltlich vorstehen, sollen zu lesen und zu studieren haben; sondern dass auch die guten Bücher behalten und nicht verloren werden samt der Kunst und Sprache, so wir jetzt von Gottes Gnaden haben.
Aber mein Rat ist nicht, dass man ohne Unterschied allerlei Bücher zu Hause raffe und nicht mehr gedenke, denn nur auf die Menge und den Haufen der Bücher. Ich wollte die Wahl darunter haben, dass es nicht not sei, aller Juristen Komment [Klügeleien], alle Theologen Sentenzen [Meinungen] und aller Philosophen Quästionen [Untersuchungen] und aller Mönche Sermone [Reden] zu sammeln. Ja ich wollte solchen Mist ganz ausstoßen und mit rechtschaffenen Büchern meine Liberei versorgen und gelehrte Leute darüber zu Rat nehmen.
Erstlich sollte die Heilige Schrift, beide auf Lateinisch, Griechisch, Hebräisch und Deutsch, und ob sie noch in mehr Sprachen wäre, darinnen sein. Darnach die besten Ausleger und die Ältesten, beide Griechisch, Hebräisch und Lateinisch, wo ich sie finden könnte.
Darnach solche Bücher, die zu den Sprachen zu lernen dienen, als die Poeten und Oratoren, nicht angesehen, ob sie Heiden oder Christen wären, griechisch oder lateinisch. Denn aus solchen muss man die Grammatik lernen.
Darnach sollten sein die Bücher von den freien Künsten und sonst von allen anderen Künsten. Zuletzt auch Bücher der Rechte und Arznei, wiewohl auch hier unter den Kommenten eine gute Wahl nötig ist.
Mit [unter] den Vornehmsten aber sollten sein die Chroniken und Historien, welcherlei Sprachen man haben könnte: denn dieselben wunder nütze sind, der Welt Lauf zu erkennen und zu regieren, ja auch Gottes Wunder und Werke zu sehen, wie manche feine Geschichten und Sprüche sollte man jetzt haben, die in deutschen Landen geschehen und ergangen sind, deren wir jetzt gar keines wissen. Da macht, niemand ist da gewesen, der sie beschrieben, oder ob sie schon beschrieben gewesen wären, niemand die Bücher behalten hat; darum man auch von uns Deutschen nichts weiß in anderen Landen, und müssen in aller Welt die deutschen Bestien heißen, die nichts mehr können denn kriegen, fressen und saufen. Aber die Griechen und Lateiner, ja auch die Hebräer, haben ihr Ding so genau und fleißig beschrieben, dass, wo auch ein Weib oder Kind etwas Sonderliches getan oder geredet hat, das muss alle Welt lesen und wissen: dieweil sind wir Deutsche noch immer Deutsche und wollen Deutsche bleiben.
Weil uns denn jetzt Gott so gnädig beraten hat mit aller Fülle, beide der Kunst, gelehrter Leute und Bücher, so ist's Zeit, dass wir ernten und einschneiden das Beste, das wir können, und Schätze sammeln, damit wir etwas behalten auf das Zukünftige von diesen güldenen Jahren und nicht diese reiche Ernte versäumen. Denn es zu besorgen ist und jetzt schon wieder anfängt, dass man immer neue und andere Bücher macht, dass es zuletzt dahin komme, dass durch des Teufels Werk die guten Bücher, so jetzt durch den Druck hervorgebracht sind, wiederum unterdrückt werden, und die losen, heillosen Bücher von unnützen und tollen Dingen wieder einreißen und alle Winkel füllen.
Derohalben bitte ich euch, meine lieben Herren, dass ihr wollet diese meine Treue und Fleiß bei euch lassen Frucht schaffen. Und ob etliche wären, die mich zu geringe dafür hielten, dass sie meines Rats sollten leben, oder mich, als den Verdammten von den Tyrannen, verachten: die wollten doch das ansehen, dass ich nicht das Meine, sondern allein des ganzen deutschen Landes Glück und Heil suche. Und ob ich schon ein Narr wäre, und träfe doch etwas Gutes, sollte es je keinem Weisen eine Schande dünken, mir zu folgen. Und ob ich gleich ein Türke und Heide wäre, so man doch sieht, dass nicht mir daraus kann der Nuk kommen, sondern den Christen, sollen sie doch billig meinen Dienst nicht verachten. Es hat wohl jemals ein Narr besser geraten, denn ein ganzer Rat der Klugen. Mose musste sich von Jethro lehren lassen.
Hiermit befehle ich euch alle Gottes Gnade, der wolle eure Herzen erweichen und anzünden, dass sie sich der armen, elenden, verlassenen Jugend mit Ernst annehmen und durch göttliche Hilfe ihnen raten und helfen zu seligem und christlichem Regiment deutschen Landes an Leib und Seele mit aller Fülle und Überfluss, zu Lob und Ehren Gott dem Vater durch Jesus Christus unsern Heiland! Amen. Datum Wittenberg, Anno 1524.