95 Thesen
D. Martin Luther
1517
(auf Lateinisch am 31. Oktober 1517 an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen)
(die Thesen sind entnommen aus: Projekt Gutenberg.de)
Die
95 Thesen haben die Initialzündung gegeben zu Gottes Kirchenreformation, einem
Vorgang, den Martin Luther, als er sie an der Tür der Schlosskirche zu
Wittenberg anschlug, keineswegs beabsichtigt hatte. Der Ablass war die
eigentliche Veranlassung dieses Aufrufs zur Disputation, ausgelöst durch das
ungeheuerliche Vorgehen des dominikanischen Marktschreiers Tetzel, der jegliche
Sündenerkenntnis, jegliche echte Buße und Umkehr, jegliches Verlangen nach
wahrer Vergebung und Nachfolge Christi mit seinem Anpreisen des Ablasses zunichte machte. Luther konnte, schon um seiner
Beichtkinder willen, die auch nach Jüterbog in Brandenburg wanderten, zu den
Vorgängen nicht schweigen. Darum musste er Stellung nehmen. Die Thesen sollten
zu einem Streitgespräch unter Gelehrten führen, um festzustellen, wie der
Ablass recht zu definieren und zu praktizieren sei (kirchlich war er bis dahin
noch nicht dogmatisch fixiert worden). In Verbindung mit diesen Thesen wandte
sich Luther auch mit einem Brief an den Erzbischof Albrecht von Mainz, in
dessen Namen ja Tetzel unterwegs war, weil dieser Albrecht durch die Simonie,
den Ämterkauf, den er betrieben hatte, ja von dem Ablass profitierte, um seine
Schulden bei dem Bankhaus und Wucherer Fugger abzahlen zu können. Der Brief ist
sehr devot, unterwürfig abgefasst. Luther hofft ernsthaft auf eine helfende
Reaktion aus dem Bischofspalast in Mainz.
Wiewohl
Luthers Entwicklung 1517 schon sehr weit gekommen ist, lag der letzte, der
reformatorische Durchbruch, die tiefgreifende reformatorische Erkenntnis und
damit auch die Heilsgewissheit durch den Glauben an Christus, noch vor ihm. So
enthalten die Thesen einerseits bereits viele biblisch völlig korrekte
Aussagen, vieles, was schon evangelische Ansätze verrät, aber noch nicht die
letzte Tiefe und Klarheit. Dass es eigentlich in der Kirche nicht um Ablässe
gehen sollte, sondern um die Verkündigung des Evangeliums und dem Ruf zu Werken
der Liebe und Frömmigkeit, das hat er schon erkannt und drückt es sehr deutlich
in den Thesen aus. Außer an Albrecht wandte sich Luther auch in einem Brief an
den Brandenburger Bischof Hieronymus Schulze, da Tetzel in dessen Gebiet tätig
war, vielleicht auch an die Bischöfe in Merseburg, Zeitz und Meißen.
Die
erste These, die klare biblische Lehre bringt, bringt die mit der
Rechtfertigungslehre zentrale Lehre des biblischen Luthertums, die Buße, und
zwar nicht als ein Ritual, sondern als eine Grundhaltung unseres Lebens, was
leider auf die Dauer in Lehre und Verkündigung viel zur sehr in den Hintergrund
gerückt ist. Es geht um den täglichen Kampf gegen die Sünde, die Abtötung des
Fleisches, ein Leben in der Umkehr, der grundsätzlichen und ständigen
Hinwendung zu Christus, dem Heiland, das, was Luther später auch als Leben aus
der Taufe in den Katechismen darlegt.
Im
weiteren (5-7) geht es dann um die Strafgewalt des
Papstes, darum, dass Buße nur die Lebenden betreffen kann, nicht
stellvertretend für die Toten (8-13). Daher interpretiert Luther dann auch die Fegfeuervorstellung neu (14-16-24), wobei er schon damals
aussagte, dass über den Zustand der Seelen im „Fegfeuer“ nichts Sicheres gesagt
werden kann. Später Luther sich von der römischen Fegfeuerlehre
völlig gelöst. Luther bestreitet, dass der Papst mehr Macht über die Seelen im
Fegfeuer hätte als die Bischöfe, womit er auch beginnt, die Ablassgewalt des
Papstes anzuzweifeln (25 f.-34). Ganz deutlich macht Luther, dass es ohne Buße,
ohne Reue keinen wahren Ablass geben kann (35 f.), ja, dass ein Christ auch
ohne Ablass an den Gütern der Kirche Anteil hat (37 f.), wie er ja dann auch
die problematische Spannung zwischen Buße und Ablass aufzeigt (39 f.). Ein
weiteres Problem zeigt er darin auf, dass der Ablass die Liebestätigkeit der
Menschen bedroht, wenn diese nicht aus dem Herzen kommt (41-47). In den folgenden
Thesen (48-52) hebt er den Papst gegen den Ablass hervor und warnt vor dem
Verfall der Predigt durch den Ablass (53-55).
Auch
für die Folgezeit bedeutsam wurden die Thesen 56-66 vom Schatz der Kirche,
wobei Luther diejenige, die Rom verbreitete, anzweifelte. Er verneint, dass es
sich um Verdienste Christi und der Heiligen handeln könne, da diese ohne den
Papst innerlich Gnade wirken. Kreuz und Anfechtung gehören dabei zur
christlichen Existenz. Hier stößt dann Luther schon zu klarem
biblisch-evangelischem Gedankengut durch: Der wahre Schatz der Kirche ist das
Evangelium von der Gnade Gottes in Christus. Luther weiß, dass er damit den
Ablass direkt angreift. In den Thesen 67-80 geht er auf die Missstände des
Ablasswesens ein. Gottes Gnade und die Verehrung des Kreuzes sind allemal mehr
als jeder Ablass. Er greift auch kritische Reaktionen anderer auf den Ablass
auf (81-91). Die Grundfragen sind ja, warum Ablass und nicht ein Freigeben
durch die Liebe, aus Erbarmen?
In
den Schlussthesen 92-95 leuchtet bereits Luthers Theologie des Kreuzes durch,
die er dann bei der Disputation in Heidelberg 1518 entfalten wird. Es geht um
den Ruf in die rechte Nachfolge Christi, wozu Kreuz, Anfechtung, Strafen,
Leiden gehören.
So
sehr also in den Thesen schon viel Richtiges durchleuchtet, gerade am Anfang
und am Schluss und beim Schatz der Kirche, und viele richtige Fragen gestellt
und Schäden angesprochen werden – die Thesen selbst sind, wie schon gesagt,
noch nicht genuin Ausdruck biblisch-reformatorischer lutherischer Theologie,
sondern noch getragen von der Demutstheologie, die Luther in den letzten Jahren
vor 1517/18 geprägt hat. Noch ist Luther nicht gegen den Ablass an sich,
sondern nur gegen den Missbrauch; noch wendet er sich nicht gegen den Papst,
sondern meint, den Papst verteidigen zu müssen und meint, der Papst stünde
eigentlich auf seiner Seite. Und tatsächlich gab es etliche, die bald seine
Gegner wurden (Cochläus, Emser, Herzog Georg), die
zunächst seine Kritik an der Ablasspraxis begrüßten. Andere, wie Tetzel, Eck,
der Wittenberger Schurf, haben von vornherein in den Thesen einen Angriff gegen
den Papst gesehen. Luther ahnte nicht, was aus der Sache werden sollte, er
hätte sie, wie er später sagte, sonst wohl nicht angefangen, wurde aber von
Gott gegen sein Wissen und Wollen dazu geführt, wie er sich ausdrückte.1
Aus Liebe und rechtem Fleiß, die Wahrheit an den Tag zu bringen, wird unter dem Vorsitz des Ehrwürdigen Vaters Martin Luther, der freien Künste und heiligen Theologie Magister und derselbigen ordentlichen Lehrers, zu Wittenberg über folgende Sätze disputiert werden. Darum bittet er, dass diejenigen, so gegenwärtig sich mit uns davon nicht unterreden können, solches abwesend durch Schrift tun mögen. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi. Amen.
1.
Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße etc., will er, dass das ganze Leben seiner Gläubigen auf Erden eine (stete) Buße sei.
2.
Und kann noch mag das Wort Buße nicht vom Sakrament der Buße, das ist, von der Beichte und Genugtuung, so durch der Priester Amt geübt wird, verstanden werden.
3.
Jedoch will er nicht allein verstanden haben die innerliche Buße; ja die innerliche Buße ist nichtig und keine Buße, wo sie nicht äußerlich allerlei Tötung des Fleisches wirket.
4.
Währet deshalb Reue und Leid, das ist wahre Buße, so lange einer Missfallen an sich selber hat, nämlich bis zum Eintritt aus diesem in das ewige Leben.
5.
Der Papst will noch kann nicht irgend andere Strafe erlassen außer der, welche er nach seinem Gefallen oder laut der Canones [kanonischem Recht], das ist der päpstlichen Satzungen, auferlegt hat.
6.
Der Papst kann keine Schuld vergeben als allein sofern, dass er erkläre und bestätige, was von Gott vergeben sei, oder aber, dass er es tue in den Fällen, die er sich vorbehalten hat, und wenn dies verachtet würde, so bliebe die Schuld ganz und gar unaufgehoben.
7.
Gott vergibt keinem die Schuld, den er nicht zugleich durchaus wohl gedemütigt dem Priester, seinem Statthalter, unterwerfe.
8.
Canones poenitentiales, das ist, die Satzungen, wie man beichten und büßen soll, sind allein den Lebendigen aufgelegt und sollen laut derselben Satzungen den jetzt Sterbenden nicht aufgelegt werden.
9.
Daher tut uns der Heilige Geist wohl am Papst, dass der Papst allewege in seinen Dekreten ausnimmt den Artikel des Todes und die äußerste Not.
10.
Die Priester handeln unverständig und übel, die den sterbenden Menschen Poenitentias canonica, das ist auferlegte Buße ins Fegefeuer, daselbst denselben genug zu tun, sparen und behalten.
11.
Dieses Unkraut, dass man die Buße oder Genugtuung, so durch die Canones oder Satzungen auferlegt ist, in des Fegefeuers Buße oder Pein sollte verwandeln, ist gesät worden, da die Bischöfe geschlafen haben.
12.
Vor Zeiten wurden Canonicae poenae, das ist auferlegte Buße oder Genugtuung für begangene Sünden nicht nach, sondern vor der Absolution auferlegt, dabei zu prüfen, ob Reue und Leid rechtschaffen wäre.
13.
Die Sterbenden tun durch ihren Tod oder Absterben für alles genug und sind dem Recht der Canones oder Satzungen abgestorben und also billig von Auflegung derselben entbunden.
14.
Unvollkommene Frömmigkeit oder Liebe des Sterbenden bringt notwendig große Furcht mit sich; ja diese ist umso größer, je geringer jene ist.
15.
Diese Furcht und Schrecken, dass ich anderer Dinge schweige, genügt an sich selber, dass sie des Fegefeuers Pein anrichte, dieweil sie der Angst der Verzweiflung ganz nahe ist.
16.
Hölle, Fegefeuer und Himmel scheinen also von einander verschieden zu sein wie die rechte Verzweiflung, unvollkommene Verzweiflung und Sicherheit.
17.
Es scheint, als müsse im Fegefeuer, gleichwie die Angst an den Seelen abnimmt, also auch die Liebe an ihnen zunehmen.
18.
Es scheint unerwiesen zu sein, weder durch Gründe noch durch die Schrift, dass sie außer dem Stande des Verdienstes oder des Zunehmens an der Liebe seien.
19.
Es scheint auch dies unerwiesen zu sein, dass sie ihrer Seligkeit gewiss und unbekümmert seien, ob wir schon des ganz gewiss sind.
20.
Deshalb versteht der Papst unter der vollkommenen Vergebung aller Strafen nicht, dass insgeheim alle Strafe vergeben werden, sondern nur die, so er selbst aufgelegt hat.
21.
Daher irren die Ablassprediger, die da sagen, dass durch des Papstes Ablass der Mensch von aller Strafe los und selig werde.
22.
Ja, der Papst erlässt den Seelen im Fegefeuer keine Strafe, die sie hätten in diesem Leben laut der Canones büßen und bezahlen müssen.
23.
Wenn einem irgendeine Vergebung aller Strafe gegeben werden kann, so ist's gewiss, dass sie allein den Vollkommensten, das ist gar wenigen, gegeben werde.
24.
Darum muss der größte Teil unter den Leuten betrogen werden durch die prächtige Verheißung von der bezahlten Strafe, wobei gar kein Unterschied gemacht wird.
25.
Gleiche Gewalt, wie der Papst hat über das Fegefeuer insgemein, haben auch ein jeder Bischof und Seelsorger in seinem Bistum und seiner Pfarrei insbesondere.
26.
Der Papst tut sehr wohl daran, dass er nicht aus Gewalt des Schlüssels (den er nicht hat), sondern durch Hilfe und fürbittweise den Seelen Vergebung schenkt.
27.
Die predigen Menschentand, die da vorgeben, sobald der Groschen im Kasten klinge, führe die Seele von Stund an aus dem Fegefeuer.
28.
Das ist gewiss, sobald der Groschen im Kasten klingt, dass Gewinn und Geiz kommen, zunehmen und größer werden; die Hilfe aber und Fürbitte der Kirche steht allein in Gottes Willen und Wohlgefallen.
29.
Wer weiß auch, ob alle Seelen im Fegefeuer also wollen erlöst sein, wie es mit St. Severin und Paschalis soll zugegangen sein.
30.
Niemand ist des gewiss, dass er wahre Reue genug habe; viel weniger kann er gewiss sein, ob er vollkommene Vergebung der Sünden bekommen habe.
31.
Wie selten einer ist, der wahrhaftige Reue und Leid habe, so selten ist auch der, der wahrhaftig Ablass löst, das ist, es ist gar selten einer zu finden.
32.
Die werden samt ihren Meistern in die ewige Verdammnis fahren, die da vermeinen, durch Ablassbriefe ihrer Seligkeit gewiss zu sein.
33.
Vor denen soll man sich sehr wohl hüten und vorsehen, die da sagen, des Papstes Ablass sei die höchste und werteste Gottesgnade und Geschenk, dadurch der Mensch mit Gott versöhnt wird.
34.
Denn die Ablassgnade bezieht sich allein auf die Strafe der Genugtuung, welche von Menschen geordnet worden ist.
35.
Die lehren unchristlich, welche vorgeben, dass die, so da Seelen aus dem Fegefeuer oder Beichtbriefe lösen wollen, keiner Reue noch Leides bedürfen.
36.
Ein jeder Christ, der wahre Reue und Leid hat über seine Sünden, der hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablassbrief gehört.
37.
Ein jeder wahrhaftige Christ, er sei lebendig oder schon gestorben, ist teilhaftig aller Güter Christi und der Kirche, aus Gottes Geschenk, auch ohne Ablassbriefe.
38.
Doch ist des Papstes Vergebung und Austeilung mitnichten zu verachten; denn wie ich gesagt habe, ist seine Erklärung eine Erklärung göttlicher Vergebung.
39.
Es ist über die Maßen schwer, auch für die allgelehrtesten Theologen, zugleich den großen Reichtum des Ablasses und dagegen die wahre Reue und Leid vor dem Volke zu rühmen.
40.
Wahre Reue und Zerknirschung sucht und liebt die Strafe, aber die Milde des Ablasses entbindet der Strafe und macht, dass man sie hasst, wenigstens bei Gelegenheit.
41.
Vorsichtig soll man von dem päpstlichen Ablass predigen, damit der gemeine Mann nicht fälschlich dafür halte, dass er den anderen Werken der Liebe vorgezogen oder besser geachtet werde.
42.
Man soll die Christen lehren, es sei mitnichten des Papstes Meinung, dass Ablasslösen einem Werk der Barmherzigkeit irgendwie zu vergleichen sei.
43.
Man soll die Christen lehren, dass, wer den Armen gibt oder leiht dem Dürftigen, besser tue, als wenn er Ablass löst.
44.
Denn durch das Werk der Liebe wächst die Liebe und der Mensch wird besser; durch den Ablass aber wird er nicht besser, sondern nur sicherer und freier von Strafe.
45.
Man soll die Christen lehren, dass der, so seinen Nächsten darben sieht und dessen ungeachtet Ablass löst, der löst nicht des Papstes Ablass, sondern ladet auf sich Gottes Ungnade.
46.
Man soll die Christen lehren, dass sie, wo sie nicht übrig reich sind, schuldig sind, was zur Notdurft gehört, für ihr Haus zu behalten und mitnichten für Ablass zu verschwenden.
47.
Man soll die Christen lehren, dass das Ablasslösen ein frei Ding sei und nicht geboten.
48.
Man soll die Christen lehren, dass der Papst, wie er eines andächtigen Gebetes für sich mehr bedarf, also desselben mehr begehre denn des Geldes, wenn er Ablass austeilt.
49.
Man soll die Christen lehren, dass des Papstes Ablass gut sei, sofern man sein Vertrauen nicht darauf setzt, dagegen aber nicht Schädlicheres, als wenn man dadurch Gottesfurcht verliert.
50.
Man soll die Christen lehren, dass der Papst, wenn er wüsste der Ablassprediger Schinderei, wollte er lieber, dass St. Peters Münster zu Pulver verbrannt würde, denn dass es mit Haut, Fleisch und Bein seiner Schafe erbaut werde.
51.
Man soll die Christen lehren, dass der Papst, wie er schuld ist, also auch willig wäre, von seinem eigenen Gold - und sollte gleich St. Peters Münster dazu verkauft werden - den Leuten auszuteilen, denen zumeist etliche Ablassprediger das Geld abdringen.
52.
Durch Ablassbriefe vertrauen selig zu werden ist ein nichtig und erlogen Ding, wenn gleich der Commissarius oder der Ablassvogt, ja der Papst selbst seine Seele wollte zu Pfande setzen.
53.
Das sind Feinde Christi und des Papstes, die von wegen der Ablasspredigt das Wort Gottes in andern Kirchen zu predigen ganz und gar Schweigen verbieten.
54.
Es geschieht dem Worte Gottes unrecht, wenn man in Predigt eben so viel oder mehr Zeit aufwendet, den Ablass zu verkündigen, als auf das Wort des Evangeliums.
55.
Des Papstes Meinung kann nicht anders sein, als, wenn man den Ablass (was das Geringste ist) mit Einer Glocke, Einer Prozession und Zeremonien begeht so müsse man dagegen das Evangelium (was das Höchste ist) mit hundert Glocken, hundert Prozessionen und hundert Zeremonien feiern.
56.
Die Schätze der Kirche, davon der Papst den Ablass austeilt, sind weder genugsam genannt noch bekannt bei der Gemeinde Christi.
57.
Denn dass es nicht leibliche, zeitliche Güter sind, ist daher offenbar, weil viele Prediger diese nicht so leichtlich hingeben, sondern vielmehr aufsammeln.
58.
Es sind auch nicht die Verdienste Christi und der Heiligen; denn diese wirken allezeit, ohne des Papstes Zutun, Gnade des innerlichen Menschen und Kreuz, Tod und Hölle des äußerlichen Menschen.
59.
St. Laurenzius hat die Armen der Gemeinde genannt die Schätze der Gemeinde oder Kirche, aber er hat das Wörtlein genommen, wie es zu seiner Zeit gebräuchlich war.
60.
Wir sagen aus gutem Grunde, ohne Vorwitz, dass dieser Schatz seien die Schlüssel der Kirche, durch das Verdienst Christi der Kirche geschenkt.
61.
Denn es ist klar, dass zur Vergebung der Strafe und vorbehaltener Fälle allein des Papstes Gewalt genug sei.
62.
Der rechte wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.
63.
Dieser Schatz ist aber billig der allerverhassteste; denn er macht, dass die Ersten die Letzten werden.
64.
Aber der Ablassschatz ist billig der allerangenehmste, denn er macht aus den Letzten die Ersten.
65.
Deshalb sind die Schätze des Evangeliums Netze, mit denen man vor Zeiten die Leute des Mammons fischte.
66.
Die Schätze des Ablasses aber sind Netze, womit man in jetziger Zeit den Mammon der Leute fischet.
67.
Der Ablass, den die Prediger für die größte Gnade ausrufen, ist freilich für große Gnade zu halten, insofern er großen Gewinn trägt.
68.
Und doch ist solcher Ablass wahrhaftig die allergeringste Gnade, wenn man ihn mit der Gnade Gottes und des Kreuzes Gottseligkeit vergleicht.
69.
Es sind die Bischöfe und Seelsorger schuldig, die Kommissarien des apostolischen Ablasses mit aller Ehrerbietung zuzulassen.
70.
Aber vielmehr sind die schuldig, mit Augen und Ohren aufzumerken, dass diese Kommissarien nicht statt päpstlichen Befehls ihre eigenen Träume predigen.
71.
Wer wider die Wahrheit des apostolischen Ablasses redet, der sei Anathema und vermaledeit.
72.
Wer aber wider des Ablasspredigers mutwillige und freche Worte Sorge trägt und sich bekümmert, der sei gebenedeit.
73.
Wie der Papst diejenigen billig mit Ungnade und Bann schlägt, die zu Nachteil des Ablassgeschäfts irgendwie betrügerisch handeln;
74.
So viel mehr trachtet er, diejenigen mit Ungnade und Bann zu schlagen, die unter dem Vorwand des Ablasses zum Nachteil der heiligen Liebe und Wahrheit handeln.
75.
Des Papstes Ablass so hochhalten, dass er einen Menschen absolvieren oder von Sünden los machen könnte, wenn er gleich (unmöglicher Weise zu reden) die Mutter Gottes geschwächt hätte, ist rasend und unsinnig sein.
76.
Dagegen sagen wir, dass des Papstes Ablass nicht die allergeringste tägliche Sünde hinwegnehmen könnte, so viel die Schuld derselben belangt.
77.
Dass man sagt, St. Peter, wenn er jetzt Papst wäre, vermöchte nicht größeren Ablass zu geben, ist eine Lästerung wider St. Petrus und den Papst.
78.
Dawider sagen wir, dass auch dieser und ein jeder Papst größeren Ablass hat, nämlich das Evangelium, Kräfte, Gaben, gesund zu machen usw. 1. Korinther 12,6,9.
79.
Sagen, das Kreuz, mit des Papstes Wappen herrlich aufgerichtet, vermöge so viel als das Kreuz Christi, ist eine Gotteslästerung.
80.
Die Bischöfe, Seelsorger und Theologen, die da leiden, dass man solche Reden vors Volk bringen darf, werden dafür einst Rechenschaft geben müssen.
81.
Solche freche und unverschämte Predigt und Ruhm vom Ablass macht, dass es selbst den Gelehrten schwer wird, des Papstes Ehre und Würde gegen die Verleumdung oder doch vor den scharfen listigen Fragen des gemeinen Mannes zu verteidigen.
82.
Als zum Beispiel: Warum entledigt der Papst nicht alle Seelen zugleich aus dem Fegefeuer um der allerheiligsten Liebe willen und von wegen der höchsten Not der Seelen, welches doch die allerwichtigste Ursache ist, während er unzählig viel Seelen erlöst um des elenden Geldes willen für St. Petrus Münster, welches doch die geringfügigste Ursache ist?
83.
Ebenso: Warum bleiben die Begängnis- und Jahrzeit der Verstorbenen stehen, und warum gibt er nicht wieder oder vergönnt zurückzunehmen die Pfründen, die den Toten zu gut gestiftet sind, da es nunmehr doch unrecht ist, für die schon Erlösten zu beten?
84.
Item: Was ist das für eine neue Heiligkeit Gottes und des Papstes, dass sie den Gottlosen und dem Feind um des Geldes willen vergönnen, eine fromme und gottgetreue Seele zu erlösen, und wollen doch nicht vielmehr um der großen Not derselben gottesfürchtigen und geliebten Seele willen sie aus Liebe umsonst erlösen?
85.
Item: Warum werden die Satzungen von der Buße, die nun längst in ihnen selbst mit der Tat und durch ihren Nicht-Gebrauch abgetan und tot sind, noch mit Geld gelöst durch Vergönnen des Ablasses, als wären sie noch in Kraft und lebendig?
86.
Item: Warum baut jetzt der Papst nicht lieber St. Peters Münster von seinem eigenen Gelde als vor der armen Christen Gelde, weil doch sein Vermögen sich höher erstreckt, als des reichsten Crassus Güter?
87.
Item: Was erlässt oder teilt der Papst durch seinen Ablass diesem mit, welche durch vollkommene Reue schon zu einer vollständigen Vergebung und Ablass berechtigt sind?
88.
Item: Was könnte der Kirche Besseres widerfahren, als wenn der Papst, wie er's jetzt nur einmal tut, also hundertmal im Tage jedem Gläubigen diese Vergebung und Ablass schenkte?
89.
Wenn der Papst der Seelen Seligkeit mehr durch Ablass denn durchs Geld sucht, warum hebt er denn vormals gegebene Ablassbriefe auf und erklärt sie außer Kraft, so sie doch gleich kräftig sind?
90.
Diese sehr spitzigen Fragen der Laien bloß mit Gewalt dämpfen und nicht durch angezeigten Grund und Ursache auflösen wollen, heißt die Kirche und den Papst den Feinden zum Spott und die Christen unselig machen.
91.
Darum, wenn der Ablass nach des Papstes Sinn und Meinung gepredigt würde, wären diese Einreden leichtlich zu verantworten, ja sie wären nie vorgefallen.
92.
Mögen daher alle Propheten hinfahren, die da sagen zu der Gemeinde Christi: Friede, Friede! und ist doch kein Friede (Hes. 13,10,16.)
93.
Aber wohl alle den Propheten, die da sagen zu der Gemeinde Christi: Kreuz, Kreuz! und ist doch kein Kreuz.
94.
Man soll die Christen ermahnen, dass sie Christo, ihrem Haupte, durch Kreuz, Tor und Hölle nachzufolgen sich befleißigen.
95.
Und also mehr durch viel Trübsal als durch falschen Frieden ins Himmelreich einzugehen sich getrösten.
Am Vorabend vor Allerheiligen 1517
1 Die Ausführungen lehnen sich an Martin Brecht an:
Martin Luther. Sein Weg zur Reformation, 1483-1521. Berlin: Evang. Verl.Anst. 1986. S. 187-195.