Das
Buch des Propheten Micha
Luthers Vorrede
auf den Propheten Micha
1532A
1. Der
Prophet Micha ist gewesen zur Zeit Jesajas. Er führt auch desselben Propheten
Worte, die im zweiten Kapitel stehen, dass man wohl spürt, wie die Propheten,
so zu einer Zeit gelebt, von Christen schier einerlei Wort gepredigt haben, als
hätten sie miteinander davon beratschlagt.
2. E[r] ist aber der feinen Propheten
einer, der das Volk um ihrer Abgötterei willen heftig straft, und den künftigen
Christus und sein Reich immerdar anzieht. Und er ist vor allem in dem Stück ein
besonderer Prophet, dass er Bethlehem, die Stadt, so gewiss deutet und nennt,
da Christus geboren sollte werden. Daher er auch im Alten Testament hoch
berühmt gewesen ist, wie das Matth. 2,6 wohl
ausweist.
3. Zusammenfassend: Er schilt, er weissagt,
er predigt usw. Aber endlich ist das seine Meinung, wenn es gleich alles muss
zu Trümmern gehen, Israel und Juda, so wird doch der
Christus kommen, der es alles gut machen wird, gleichwie wir jetzt müssen
strafen, schelten, trösten und predigen usw., und darauf sagen: Wenn es denn
alles verloren ist, so wird doch Christus am Jüngsten Tag kommen und uns von
allem Unglück helfen.
4. Er ist im ersten Kapitel schwer; das
macht die hebräische Grammatik, uns gebraucht viele allusiones,
wie Zaenan für Schaenan und
Achsib und Maresa usw., welche Worte er zieht auf
böse Deutung, und verkehrt sie. Wie wenn ich spräche: Roma, du sollst ein Raum
werden und wohl ausgeräumt. Wittenberg, du sollst ein weiter Berg werden usw.
Das werden die Grammatiker wohl merken und unsern Fleiß spüren.
Der Prophet Micha („Wer ist wie Jahwe?“) stammte aus Morescheth in der Nähe von Gath, einer kleinen Stadt etwa 20 Meilen südwestlich von Jerusalem, und war daher als Moraschiter bekannt. Seine prophetische Tätigkeit erstreckte sich über die gesamte oder einen Teil der Regierungszeit von Jotam, Ahas und Hiskia, den Königen von Juda, in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. Er war also ein Zeitgenosse von Jesaja und Hosea. Wie der erstgenannte Prophet prophezeite er hauptsächlich in Jerusalem gegen das südliche Königreich, aber auch das nördliche Königreich wurde einbezogen.
Die Prophezeiung Michas stimmt mit den Bedingungen überein, unter denen er wirkte. Er war Zeuge eines allmählichen Abfalls von der Verehrung des einen wahren Gottes, insbesondere unter Ahas, und selbst Hiskia hatte große Schwierigkeiten, die Reformen einzuführen, die er für notwendig hielt. Die Bedingungen im nördlichen Königreich waren noch schlechter. Zur gleichen Zeit entwickelte sich Assyrien zu einer Weltmacht, und beide Königreiche begingen den schweren Fehler, die ausländische Macht um Hilfe zu bitten. So ist die Geschichte der Zeit Michas eine Geschichte des allmählichen Verfalls, und es war eines der Ziele des Propheten, die Welle der Zerstörung aufzuhalten. Aus diesem Grund ist seine Botschaft reich an Zurechtweisungen des götzendienerischen Volkes, der Gier der Machthaber, der Ungerechtigkeit der Richter und des Lügengeistes der falschen Propheten. Nach Vollstreckung des Gerichts soll das Volk des Herrn jedoch gerettet werden, wobei seine vollständige Befreiung durch das Kommen des Messias vollendet wird, auf dessen Ankunft die wahren Gläubigen immer gewartet haben.
Das Buch Micha lässt sich leicht in drei Teile gliedern: Der erste Teil, Kapitel 1 und 2, enthält einen Aufruf zur Umkehr, der an Israel und Juda gerichtet ist; der zweite Teil, Kapitel 3 bis 5, eine Zurechtweisung der grausamen Oberhäupter und Fürsten des Volkes und der falschen Propheten, zusammen mit Verheißungen über den Messias und die geistliche Herrlichkeit seiner Kirche; und der dritte Teil, Kapitel 6 und 7, eine Schilderung der Auseinandersetzung des Herrn mit seinem Volk, der moralischen Verkommenheit der Nation und der Erneuerung der früheren Gnade Gottes. „Eine Zusammenfassung des Inhalts der Prophezeiungen Michas zeigt deutlich, dass dieser Prophet in der Gewissheit und Klarheit seiner messianischen Prophezeiung sowie in der Kraft und Energie, die er im Kampf gegen die Sünden und Laster seines Volkes an den Tag legt, seinem Zeitgenossen Jesaja in nichts nachsteht, während der Hauptunterschied darin besteht, dass Micha seine Stimme nur gegen die religiöse und moralische Verderbtheit der Herrscher des Volkes erhebt und sich nicht mit der politischen Seite ihrer Machenschaften befasst.“[1]
Das
Gericht über Juda und Samaria wegen der Abgötterei
Die Zerstörung Ephraims wird angedroht (V. 1-7): V. 1. Das Wort des HERRN, das zu Micha aus Moreschet in den Tagen des Jotam, Ahas und Hiskia, der Könige von Juda, geschah, das er über Samaria und Jerusalem schaute, wobei die beiden Hauptstädte als Vertreter der jeweiligen Nationen genannt werden. V. 2. Hört, all ihr Völker, vgl. 1 Könige 22, 28; merke auf, du Erde und alles, was darin ist, vgl. Jesaja 1, 2. Gott der HERR sei Zeuge gegen euch, indem er ihre Übertretungen bezeugt, Gott aus seinem heiligen Tempel, das heißt aus dem Himmel; vgl. Psalm 11, 4. V. 3. Denn siehe, der HERR kommt aus seiner Stätte heraus, wie einer, der sich bereit macht, seine Rache zu vollstrecken, und steigt herab und tritt auf die Höhen der Erde, auf die Berge, als die Orte, an denen er sich seinem Volk mehr als einmal offenbart hat. V. 4. Und die Berge zerschmelzen unter ihm, sich vor seiner Allmacht auflösen, und die Täler spalten sich, sich vor seiner Majestät spalten, wie Wachs vor dem Feuer und wie Wasser, das einen steilen Abhang hinunterstürzt, die Abgründe niederreißen und eine allgemeine Auflösung der gesamten Erdoberfläche verursachen. V. 5. Denn all dies wegen der Übertretung Jakobs, als gerechte Vergeltung für die Bosheit des Bundesvolkes, und wegen der Sünden des Hauses Israel. Was ist die Übertretung Jakobs? Ist es nicht Samaria? Die Sünde des Götzendienstes hatte in Samaria einen solchen Höhepunkt erreicht, dass sie fester Bestandteil des Lebens der Menschen war. Und was sind die Höhen Judas? Sind es nicht Jerusalem? Auch die Einwohner Jerusalems hatten sich so sehr des Götzendienstes schuldig gemacht, dass ihre Hügel ganz der Verehrung von Götzen gewidmet waren. V. 6. Darum werde ich Samaria zu einem Trümmerhaufen im Feld machen, zu Ruinen, die zu Staub zerfallen und schließlich Teil des Bodens werden, und zu Pflanzungen für Weinberge, das heißt zu Orten, an denen Weinberge gepflanzt werden können; und ich werde seine Steine, die König Omri zum Bau der Stadt verwendet hatte, in das Tal hinabstürzen und ich werde seine Fundamente bloßlegen und es bis auf den Grund zerstören. V. 7. Und alle ihre Schnitzbilder werden zerschlagen werden, und all ihr Hurenlohn, nämlich die der geistlichen Hurerei, die geweihten Opfergaben, die auf den Götzenaltären dargebracht wurden, wird mit Feuer verbrannt werden, und alle ihre Götzenbilder werde ich verwüsten und sie zu einer Wüste machen; denn sie hat sie aus dem Hurenlohn gesammelt, durch ihren geistigen Ehebruch, und sie werden zum Hurenlohn zurückkehren, denn die reichen Schätze wurden von den Feinden weggenommen und ihren eigenen Götzen geweiht. Die Eitelkeit der falschen Anbetung scheint auch in dieser Hinsicht selten das Bewusstsein der Götzendiener zu treffen.
Klage über die Bestrafung Judas (V. 8-16): V. 8. Deshalb werde ich wegen des Unheils, das Samaria und Juda treffen wird, weinen und heulen, mit einem bitteren und traurigen Schrei, ich werde barfuß und bloß [d.i.: ohne Obergewand] gehen, von den Feinden geplündert und seines Obergewandes beraubt, das heißt, in der Lage eines Gefangenen; ich werde heulen wie die Schakale der Wüste, und trauern wie die Strauße, die vor Schmerz schreien. Vgl. Hiob 30,29. V. 9. Denn ihre Wunde ist unheilbar, tödlich sind ihre Schläge, es ist bis über Juda gekommen, das Gebiet, das das Heiligtum des Herrn beherbergte, ist in den allgemeinen Untergang mit einbezogen; es reicht bis zum Tor meines Volkes, bis zu dem Ort, wo die feierlichen Versammlungen des Herrn stattfanden, bis nach Jerusalem. V. 10. Verkündet es nicht in Gath, einer der Hauptstädte der Philister, weint nicht, damit diese Nachricht den Feinden keine Freude bereitet; in Beth-Le-Afra wälzt euch im Staub, wörtlich: „in Beth-Leaphra wälze ich mich im Staub”, denn das Verstreuen von Staub war ein Zeichen tiefer Trauer. In diesem ganzen Absatz verwendet der Prophet im Hebräischen Wortspiele, denn Gath bedeutet „Verkündigung“ und Ofra „Staubhaus“. V. 11. Macht euch auf, ihr Bewohner von Schafir (schöne Aussicht), mit eurer schimpflichen Entblößung, in schändlicher Nacktheit, auch vom Feind beraubt; die Bewohner von Zaanan (Ausgang) sind nicht ausgezogen; die Trauer von Beth-Ezel [Haus der Trennung] nimmt euch von eurem Standplatz weg, denn seine Einwohner wollten den Juden nicht erlauben, hinter seinen Mauern Schutz zu suchen. V. 12. Die Einwohnerin von Marot (Bitterkeit) zittert um ihr Heil, waren ängstlich und bitterlich darum besorgt und wand sich vor Kummer und Schmerz wegen ihres verlorenen Wohlstands; denn Unheil kam vom HERRN an das Tor Jerusalems. Aber während all diese Städte in der Nachbarschaft Jerusalems lagen, zeigt der Prophet als Nächstes, dass die Strafe nicht auf die unmittelbare Umgebung der Hauptstadt beschränkt sein würde. V. 13. Du Bewohnerin von Lachisch, einer befestigten Stadt in der Ebene im Südwesten, spanne die Wagen an, an die schnellsten Pferde, nämlich um der drohenden Strafe zu entkommen; sie war der Anfang der Sünde für die Tochter Zion, denn die Übertretungen Israels wurden in dir gefunden, sie war die erste Stadt Judas, die den Götzendienst des nördlichen Königreichs einführte. V. 14. Darum sollst du Moreschet-Gath (die Verlobte von Gath) ein Entlassungsgeschenk [d.i. Scheidebrief] geben, da die Tochter Zion gezwungen ist, diese Stadt an den Feind abzugeben oder freizugeben, wie die Mitgift einer Braut; Die Häuser von Achsib (Täuschung) werden zum Trug für die Könige Israels, ein trügerischer Bach, der dem durstigen Wanderer keine Erfrischung bietet; ebenso würde die Stadt den Königen von Juda (in diesem Fall ist das südliche Königreich gemeint) entgleiten, so dass sie nicht mehr in ihrem Besitz wäre. V. 15. Doch werde ich dir einen Erben bringen, du Bewohnerin von Marescha (Stadt des Erbes), denn Israel war der Erbe, der es von den Kanaanitern erhalten hatte, und der Feind würde nun der Erbe sein, der es vom Volk Juda erhalten würde; sogar nach Adullam wird die Herrlichkeit Israels kommen, oder besser: „Sogar nach Adullam wird der Adel Israels kommen“, um sich in der Höhle zu verstecken, in der David einst Zuflucht vor Saul suchte. Vgl. 1 Sam. 22, 1. V. 16. Mache dich kahl, Zion als Mutter der Nation, an die sich die Worte richten, und schere dich, schere ihr Haupt, um deiner zarten Kinder willen, in tiefer Trauer und klagendem Wehklagen; mache deine Glatze breit wie die des Geiers, der Greifvogel des Orients, dessen gesamte Vorderseite des Kopfes ohne Federn ist; denn sie sind von dir in die Gefangenschaft gegangen. Der gesamte Absatz ist eine kraftvolle und anschauliche Beschreibung der Eroberung des Landes durch die Armeen der Invasoren, die gesandt wurden, um die Übertretung Judas zu bestrafen.
Die Sünden des Volkes gegen die
zweite Tafel, die angedrohte Strafe und der zukünftige Retter
Offenlegung der vorherrschenden Übel (V. 1-6): V. 1. Wehe denen, die Unrecht ersinnen, nicht aus einer plötzlichen Laune heraus, sondern mit bedächtiger Planung, und Böses auf ihren Lagern aushecken! Sie nutzen sogar die Nacht, um weitere böse Pläne zu schmieden. Wenn der Morgen anbricht, sobald der Tag dämmert, setzen sie es in die Tat um, weil sie die Macht dazu haben oder „ihre Hand wie ein Gott ist“; sie kennen keine höhere Autorität, sie erkennen keine andere Macht an als die ihres Arms; sie glauben, sie hätten das Recht, zu tun, was ihnen gefällt. V. 2. Und sie begehren Felder, das Eigentum und Erbe anderer, und nehmen sie mit Gewalt, bemächtigen sich ihrer, wie es ihnen gefällt, und Häuser, und nehmen sie weg, unterdrücken die Armen mit dem Anschein von Recht. So verüben sie Gewalt, überwältigen und nutzen sie für sich selbst am Mann und seinem Haus und seinem Erbe, das nach dem Gesetz Gottes im Besitz seiner Familie bleiben sollte. Vgl. 2. Mose 20,14.17; 5. Mose 5,18. V. 3. Darum spricht der HERR: Siehe, gegen dies Geschlecht, gegen diese Generation von Übeltätern, ersinne ich ein Unheil Er wiederum plant, wie Er sie angemessen mit einem strengen Urteil bestrafen kann, aus dem ihr eure Hälse nicht herausziehen könnt, wie ein Joch, das man nicht abschütteln kann, egal wie schwer es drückt; noch sollt ihr stolz einhergehen und euch in hochmütigem Stolz benehmen; denn es ist böse Zeit, in der Niedergeschlagenheit und düsteres Schweigen über die Mitglieder der Nation kommen würden wegen des Jochs der Unterdrückung, das durch die Eroberung ihres Landes und die Not des Exils auf sie gelegt worden war. V. 4. An jenem Tag wird man ein Sprichwort über euch anheben, die Feinde werden Spottverse und spöttische Reime erfinden und ein trauriges Klagelied anstimmen, denn das spöttische Lied der Feinde wird ein trauriges Klagelied im Munde der Kinder Israels sein, und man wird sagen: Wir sind völlig vernichtet! Er gibt den Erbteil meines Volkes in fremde Hände, indem der Herr selbst den Heiden erlaubt hat, es in Besitz zu nehmen. Wie hat er es mir genommen! sodass es nicht mehr im Besitz Israels war. Zur Vergeltung teilt er unsere Felder aus und die Lose an die Eindringlinge. V. 5. Darum wirst du niemanden haben, der dir die Mess-Schnur über ein Ackerlos wirft in der Gemeinde des HERRN, ein Maßband über ein Stück Land zu werfen, denn die Besitztümer der Kinder Israels gehörten ihnen nur so lange, wie sie dem Gott des Bundes treu blieben, und würden ihnen genommen, wenn sie untreu wurden. V. 6. Weissagt nicht, sagen sie zu denen, die weissagen, wörtlich: „Hört auf damit“ oder „Redet keinen Unsinn, sie reden Unsinn“, fast wie in der amerikanischen Umgangssprache: „Hört auf damit! Sie reden Unsinn“, wenn man sich auf alberne Weise an die wahren Propheten wendet. Sie sollen solches nicht weissagen. Denn wir werden keine Schande erleiden, das heißt: Wenn die Weissagung, die die abgefallenen Juden als Geschwätz betrachteten, nicht weiterbestehen würde, gäbe es für sie keine Chance, der Schande zu entkommen, die durch die Eroberung durch die Feinde über das ganze Volk kommen würde. Die Ungläubigen weigern sich bis heute zu erkennen, dass gerade die Predigt, die sie als Geschwätz und Unsinn betrachten, das einzige Mittel ist, sie vor dem bevorstehenden Gericht zu retten.
Vertreibung der Führer und Wiederherstellung des Volkes in Christus (V. 7-13): V. 7. Darf das gesagt werden, Haus Jakob, das Volk, das sich immer noch als das Bundesvolk betrachtete, Ist der HERR etwa ungeduldig? Hat Er nicht Geduld und Langmut geübt? Sind das Seine Taten? Kommen die bevorstehenden Strafen, weil Er Freude daran hat, weil Er rachsüchtig ist? Tun seine Worte nicht Gutes dem, der aufrichtig wandelt? Ist er nicht immer bereit, denen Gutes zu erweisen, die sich nach seinem gerechten und heiligen Willen verhalten? Die Schuld liegt also ganz auf der Seite des Volkes. V. 8. Längst schon, ja sogar gestern, hat sich mein Volk als Feind aufgehlehnt [and. Vers.: Längst schon seid ihr als Feinde gegen mein Volk] und sich offen gegen den Herrn gestellt. Und diese Feindseligkeit wird offen gezeigt. Ihr zieht denen das Obergewand aus, entreißt ihnen den Mantel oder das Obergewand, die sicher vorbeigehen und sich vor Raub und Gewalt sicher wähnen, denen, die den Krieg verabscheuen, das heißt friedliebenden Menschen, die mit niemandem Streit suchen. V. 9. Die Frauen meines Volkes, die schutzlosen Witwen, habt ihr aus ihren angenehmen Häusern vertrieben, den Häusern ihrer Freude, an denen sie durch die Erinnerung an ihre eheliche Liebe hingen; ihren Kindern habt ihr meinen Schmuck genommen, den Schmuck oder die Gabe, die Er ihnen gegeben hat, für immer, indem ihr ihnen ihre Kleidung und ihr rechtmäßiges Eigentum genommen habt. Vgl. 2. Mose 22, 25. V. 10. Macht euch auf und geht fort! In die Verbannung, die die Feinde ihnen aufzwingen würden; denn dies ist nicht eure Ruhestätte, sie würden nicht in Kanaan bleiben dürfen; wegen der Verderbnis, die Vernichtung bringt, und zwar eine mächtige Vernichtung. Solche Prophezeiungen, die die Tiefe der Verderbtheit der Nation darlegen, sind natürlich für die bösen Führer sehr unwillkommen. V. 11. Wenn ein Mann käme, der dem Wind nachliefe und euch Lügen predigt, in Eitelkeit und Falschheit, nämlich indem er seine eigenen Ideen predigt: Ich will dir weissagen von Wein und starkem Getränk, das heißt vom Genuss des gegenwärtigen Lebens, das wäre ein Prediger für dieses Volk, er würde die Zustimmung ihrer Führer und derer finden, die eine Rechtfertigung für ihr Leben in Luxus und Ausschweifung suchten.
Aber mitten in dieser Anklage stellt der Prophet eine wunderbare Verheißung der Wiederherstellung des Volkes des Herrn in der messianischen Ära. V. 12. Ich werde dich, Jakob, ganz und gar sammeln, alle, die Er als Mitglieder Seiner Gemeinde vorgesehen hat; ich werde den Rest Israels ganz und gar sammeln, die Gläubigen aus allen Nationen der Erde. Ich werde sie zusammenbringen, in einer Herde, Johannes 10, 16, wie die Schafe von Bozra, dem reichen Weideland östlich des Jordan, wie die Herde in ihren Hürden, sicher vor den Angriffen der Feinde. Sie werden lärmen wegen der Vielzahl der Menschen, die mit ihrer großen Zahl heranströmen. V. 13. Der Durchbrecher zieht vor ihnen her, oder besser: „Vor ihnen her wird derjenige heraufkommen, der durchbricht“, ihr mächtiger Champion; sie brechen durch und ziehen durch das Tor, sind in das Tor der Kirche des Herrn eingetreten und gehen ein und aus, haben freien Zugang zum Thron der Gnade; und ihr König, der Messias selbst, geht vor ihnen her und der HERR an ihrer Spitze, um sie durch alle Wechselfälle dieses Lebens zum verheißenen Leben der Ewigkeit zu führen. Während die Menschen nach einem Evangelium schreien, das ihren fleischlichen Begierden und Wünschen entspricht, werden alle wahren Prediger weiterhin von Sünde und Gnade verkünden, insbesondere von der Erlösung und dem Sieg des Messias, Jesus Christus.
Strafe für die weltlichen und
geistlichen Führer; Ankündigung der Zerstörung Judas
Auch in diesem Kapitel richtet sich die Rede an den Adel des Volkes, der die Autorität seines hohen Amtes missbrauchte, indem er die Armen unterdrückte und den Weg der Gerechtigkeit verließ. V. 1. Und ich sprach: Hört doch, ihr Häupter Jakobs, ihr Führer des Volkes, ihr Obersten des Hauses Israel, in deren Händen die Rechtspflege liegt: Ist es nicht eure Sache, das Recht zu kennen? Auf das zu achten, was recht und gerecht ist, V. 2. Die ihr das Gute hasst und das Böse liebt, die genau das Gegenteil von dem tun, was ihre Stellung von ihnen verlangt; die ihr ihnen die Haut abzieht, als würden sie die Kinder ihres Volkes häuten, und ihr Fleisch von den Knochen reißt, ihnen ihre kostbarsten Besitztümer rauben, V. 3. die ihr das Fleisch meines Volkes fresst, wobei sich die Anrede hier an die dritte Person richtet, da sich die Fürsten sozusagen von der Botschaft abgewandt haben, die sie zur Umkehr aufrufen sollte, und ihnen die Haut abzieht; und ihr brecht ihre Knochen und zerlegt sie in Stücke, wie für den Topf und wie Fleisch im Kessel. Der Prophet schildert so mit Betonung der Details die übermäßige Grausamkeit, die die Herrscher des Volkes praktizierten. V. 4. Dann werden sie, die Schuldigen, zum HERRN schreien, aber er wird sie nicht hören, nämlich zur Zeit der Offenbarung seines Zorns; er wird sein Angesicht vor ihnen verbergen zu jener Zeit und sich weigern, ihrer Not auch nur die geringste Beachtung zu schenken, wie sie es mit ihren bösen Taten verdient haben und somit reif für das Gericht waren. V. 5. So spricht der HERR über die Propheten, nämlich die falschen Propheten, die sich anmaßen, im Namen des Herrn zu sprechen, ohne gesandt zu sein, die mein Volk in die Irre führen und es verführen, die, wenn sie etwas zu beißen haben, ‚Frieden‘ rufen! Das heißt, wenn sie etwas haben, mit dem sie beißen können, wenn sie eine ausreichende Bestechungssumme erhalten, verkünden sie Frieden und prophezeien, wie es dem Herzen der Menschen gefällt; und wer ihnen nichts ins Maul steckt, wer sich weigert, ihnen Bestechungsgeld zu zahlen, dem erklären sie den Krieg als ginge es um die Ehre Gottes. V. 6. Darum wird die Nacht über euch kommen, ohne Vision, ausgeschlossen vom Licht, das der Geist Gottes gewährt; und es wird finster sein für euch, ohne Wahrsagen, keine Offenbarung der Zukunft gewährt bekommt; und die Sonne wird über den Propheten untergehen, nämlich die Sonne des Heils und des Glücks, und der Tag wird finster werden über ihnen, mit der Finsternis des Tages des Gerichts. V. 7. Dann werden die Seher beschämt werden, entehrt aufgrund der Tatsache, dass ihre Vorhersagen sich nicht erfüllen, und die Wahrsager zu Spott werden, errötend vor Scham aufgrund ihres kläglichen Versagens bei dem Versuch, die Zukunft aufzudecken; ja, sie alle müssen ihren Bart [d.i.: Mund] bedecken, wörtlich „ihren Bart”, ihr Gesicht bis zu den Nasenlöchern, als Zeichen der Scham; denn es gibt keine Antwort von Gott, Er weigert sich, ihnen irgendwelche Informationen zu gewähren, die ihre falschen Behauptungen bestätigen könnten. V. 8. Aber wahrlich, ich bin voll der Kraft des Geistes des HERRN, Micha stellt sich hier selbst in Opposition zu den falschen Propheten, voll Recht, des göttlichen Rechts, das er verkünden sollte, und Stärke, einer männlichen und unerschütterlichen Kraft, um Jakob seine Übertretung und Israel seine Sünde zu verkünden und ohne Furcht und Gunst zur Umkehr aufzurufen. Er handelt sofort entsprechend dieser Aussage. V. 9. Hört doch dies, ihr Häupter des Hauses Jakob und Obersten des Hauses Israel, genau die Führer, deren Bosheit im ersten Teil des Kapitels beschrieben worden war, die das Recht verabscheuen, alles, was recht und gut ist, und alles Gerade krumm machen und das, was gerade sein sollte, krumm machen. V. 10. Sie bauen Zion mit Blut, mit Blutschuld, und Jerusalem mit Unrecht und kümmern sich beim Bau ihrer prächtigen Villen nur um Gewinn und Blutvergießen, wobei sie ihren Reichtum durch die Verurteilung und Ermordung Unschuldiger erlangen. V. 11. Seine Häupter richten für Geschenke, da sie in ihren Entscheidungen durch Bestechungsgelder beeinflusst werden, und die Priester lehren für Lohn, um zusätzliche Gebühren zu erhalten, obwohl das Gesetz vorschreibt, dass sie Streitigkeiten ohne Bezahlung entscheiden sollen, und die Propheten weissagen für Geld, da ihre Orakel nach den Geschenken gestaltet sind, die ihnen die Menschen geben; doch sie stützen sich auf den HERRN und bestehen darauf, dass sie das Werk ihres Amtes mit der Autorität des Herrn, des Gottes, der inmitten seines Volkes lebt, ausüben, und sagen: Ist der HERR nicht unter uns? nämlich mit seiner Macht und seinem Schutz. Kein Unglück kann über uns kommen, und all dies wird mit großer Frömmigkeit gesagt. V. 12. Darum wird Zion um euretwillen, wegen ihrer Bosheit, den Tempel des Herrn zu einer Höhle von Mördern gemacht zu haben, wie ein Acker gepflügt werden, das Viertel des Königs in Ackerboden verwandelt werden, und Jerusalem, der Rest der Stadt, wird zu Trümmerhaufen werden, zu Haufen zerbrochener Steine, und der Berg des Hauses, das heißt des Tempels, wie die Höhen des Waldes, mit Gestrüpp und Bäumen überwuchert sein. Es ist eine anschauliche Beschreibung des Untergangs, der über die Feinde des Herrn kommt.
Vom Reich Christi: Gott lehrt die
Völker. Erlösung aus der babylonischen Gefangenschaft
Die Herrlichkeit des Hauses des HERRN: Weltweite Kirche (V. 1-7): V. 1. Aber in den letzten Tagen, in der großen messianischen Zeit, wird es geschehen, dass der Berg des Hauses des HERRN, seit alters her ein Symbol für die Kirche des wahren Gottes, auf dem Gipfel der Berge fest stehen, wobei das ideale Zion über alles andere in der Welt erhoben wird, vgl. Jes 2, 17; 2 Kor 10, 5, und er wird über die Hügel erhaben sein, sichtbar vor den Augen aller Menschen; und die Völker werden zu ihm strömen, Mitglieder aller Nationen der Welt werden der Gemeinschaft der Heiligen hinzugefügt werden. V. 2. Und viele Heiden werden kommen, nämlich in den Vertretern, die der Herr auserwählen und berufen wird, und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, dem Ort, wo das Heil verkündet wird, und zum Haus des Gottes Jakobs, der Kirche des Messias; dass er uns seine Wege lehre, den einzigen Weg der Befreiung und Heiligung, und wir auf seinen Pfaden wandeln, in Übereinstimmung mit der offenbarten Wahrheit über die Heiligung des Volkes des Herrn; denn das Gesetz, als Offenbarung des heiligen und gerechten Willens Gottes, wird von Zion ausgehen, und das Wort des HERRN, insbesondere in der Offenbarung des Weges der Erlösung, von Jerusalem, wobei die Verkündigung des Wortes, in dem von Sünde und Gnade gesprochen wird, in den Händen der Kirche liegt. V. 3. Und er, der Gott des Bundes, wird unter vielen Völkern richten und sie in Übereinstimmung mit Seinem Willen wahre Gerechtigkeit lehren und mächtige Nationen in fernen Ländern zurechtweisen, damit sie ihre Feindschaft gegen Ihn aufgeben; und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Winzermessern umschmieden, nicht in einem irdischen, zeitlichen, tausendjährigen Frieden, von dem die Menschen von Zeit zu Zeit träumen, sondern in dem geistlichen Frieden in Ihm, der unser Friede ist, Eph. 2, 14, in dem wahrhaftig Friede auf Erden ist; Volk wird nicht mehr gegen Volk das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen, wobei dies vom inneren Frieden und der Harmonie der Kirche Christi gesagt wird. Vgl. Joh. 17, 21. V. 4: Aber jeder wird unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen und sich an den reichen Segnungen des Neuen Testaments erfreuen; und niemand wird sie erschrecken, da alle Feinde der Menschheit durch die Kraft des Messias überwunden worden sind; denn der Mund des HERRN der Heerscharen hat es gesagt, und seine feierliche Erklärung ist bis zum Ende der Zeit der Trost aller Gläubigen. V. 5. Denn alle Völker, alle, die von dieser Prophezeiung betroffen sind, ein jedes wird im Namen seines Gottes wandeln, in der Kraft des einen wahren Gottes, an den er glaubt, dessen Wesen so offenbart wird, aber wir wandeln im Namen des HERRN, unseres Gottes, für immer und ewig, mit vollem Vertrauen auf seine unterstützende Kraft und seinen mächtigen Schutz, der alle Bemühungen der Feinde, den inneren Frieden der Kirche zu stören, zunichte macht.
V. 6. An jenem Tag, in der großen messianischen Zeit, spricht der HERR, werde ich die Lahmen sammeln, alle, die in Not sind und unter dem Elend dieser Welt leiden, und die Vertriebenen zusammenbringen, diejenigen, die unter den Völkern zerstreut sind, und alle, die ich heimgesucht habe, die er für ihre Sünden bestraft hat; V. 7. und ich werde die Lahmen zu einem Überrest machen, zum Kern seiner Kirche, und die weit Verstoßenen zu einem starken Volk, die aus dem geistlichen Exil Versammelten; und der HERR wird über sie König sein auf dem Berg Zion, in seiner Kirche, von nun an bis in alle Ewigkeit. So stellt diese Skizze, die aus kühnen Bildern aus der allgemeinen Geschichte Judas zusammengestellt ist, die Herrlichkeit der Kirche des Neuen Testaments dar, die hier in der Zeit beginnt und durch alle Ewigkeit als die triumphierende Kirche fortbesteht.
Israels babylonische Gefangenschaft und Erlösung (V. 8-14): V. 8. Und du, o Turm der Herde, wobei der Begriff hier für einen Turm verwendet wird, der in Zeiten der Gefahr als Zufluchtsort für Herden dient, hier als Festung, von der aus der große König und Hirte, der Messias selbst, seine Herde beobachtet und bewacht, du Feste der Tochter Zion, der uneinnehmbare Palast der Kirche Christi, zu dir wird es kommen und wiederkehren die frühere Herrschaft, wobei die Herrlichkeit der neutestamentlichen Kirche mit der des Königreichs Israel unter seinem mächtigsten König verglichen wird; das Königreich der Tochter Jerusalem. Da das irdische Jerusalem immer die Grundlage des Typs ist, werden die Wechselfälle und Leiden der jüdischen Hauptstadt zum Symbol für die Erfahrungen des Volkes des Herrn. V. 9. Nun aber, warum schreist du so laut? Bei der Annäherung der chaldäischen Invasion. Gibt es keinen König in dir? Keinen sichtbaren Vertreter der messianischen Verheißungen? Ist dein Ratgeber umgekommen? Wird dieser Name auch auf das regierende Mitglied des Hauses David angewendet? Dass dich Wehen erfasst haben wie eine Gebärende? da die wahren Gläubigen in Israel tiefste Trauer und Kummer über die Verwüstung des Königreichs empfinden. V. 10. Ja, leide doch solche Wehen und schreie, du Tochter Zion, wie eine Gebärende, da die Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und der Verbannung des Volkes unmittelbar bevorsteht; denn nun musst du aus der Stadt hinausziehen, nachdem sie von den Feinden eingenommen worden ist, und du sollst auf dem Feld wohnen und nach Babel [Babylon] ziehen, in die Gefangenschaft verschleppt; dort wirst du errettet werden, nämlich als Kyrus das Dekret erließ, das die Juden befreite und damit den Grundstein legte, auf dem später die neutestamentliche Kirche entstand; dort wird der HERR dich aus der Hand deiner Feinde erlösen, damit das Volk des Bundes in das Land der Verheißung zurückkehren kann, das Land, in dem der Messias erscheinen sollte. V. 11. Aber jetzt, nämlich zur Zeit der tiefsten Demütigung Judas vor und während seines Exils, haben sich viele Völker gegen dich versammelt in kühner Feindseligkeit und sagen: Sie werde entweiht, und: Unser Auge soll sich daran weiden, nämlich in boshafter Freude über ihren Untergang. V. 12. Aber sie kennen die Gedanken des HERRN nicht, das Ziel, das er mit seinem Volk verfolgt, noch verstehen sie seinen Ratschluss, der sein Volk zur Umkehr führen und den Grundstein für eine erneuerte Kirche legen sollte, in der die gläubigen Juden den Kern bilden sollten; denn er hat sie gesammelt wie Garben auf die Tenne, wobei die Feinde im Gericht des Herrn zur Vernichtung angehäuft werden. V. 13. Mache dich auf und drisch, Tochter Zion, gemäß dem orientalischen Brauch, die Garben auf der offenen Tenne mit Hilfe von Ochsen zu dreschen; denn ich werde dein Horn zu Eisen machen und deine Hufe zu Bronze, um seinem Volk eine neue und unbesiegbare Kraft zu geben; und du wirst viele Völker zermalmen, nicht durch Siege des Fleisches, sondern durch die des Geistes; und ich werde ihren Gewinn dem HERRN weihen, was die Feinde durch Raub und Plünderung erlangt hatten, als ihm geweiht, und ihre Habe, all ihren Besitz, dem HERRN der ganzen Erde, den die Heiden schließlich als den einzigen Herrscher anerkennen müssten, auch wenn sie sich konsequent weigerten, ihn als den Gott ihrer Erlösung anzunehmen. Vgl. Phil. 2, 11. V. 14. Nun versammle dich Tochter des Heeres, nämlich um dem Feind Widerstand zu leisten, wobei Jerusalem selbst als Symbol für die streitende Kirche bezeichnet wird; Wir werden belagert, von den Feinden, die niemals ruhen; und den Richter Israels schlagen, den Herrscher des Volkes, sie mit einer Rute auf die Wange, denn der messianischen Zeit ging die tiefste Demütigung Judas voraus, als dem Volk all sein früherer Ruhm genommen wurde. Aber in dieser Zeit der tiefsten Demütigung des Volkes des Herrn würde die größte Herrlichkeit von allen über es kommen.
Christi Geburtsstadt, Person und
Herrschaft
Nachdem der Prophet die Bedingungen und Umstände beschrieben hat, unter denen die Zeit der messianischen Herrlichkeit beginnen würde, wendet er sich nun der direkten Vorhersage über die Person und das Werk des kommenden Erlösers zu. V. 1. Aber du, Bethlehem Ephrata, die kleine Stadt Judas südlich von Jerusalem, die mit eindrucksvoller Feierlichkeit angesprochen wird, die du klein bist unter den Tausenden in Juda, unter den Bezirken des Landes, die tausend Familien umfassen, die Stadt von geringer Bedeutung gegenüber dem mächtigen Jerusalem in ihrer Nähe, aus dir soll mir der kommen, der in Israel HERR sei, die Wahl des Messias als wahrer König Israels, der dem Heilsplan des Herrn dient, dessen Ursprung von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. So wurde der Wille und Plan des Vaters von Ewigkeit her in der Ankunft des Friedensfürsten offenbar. Und so wie sein Ursprung von Ewigkeit her war, da er der ewige Sohn des Vaters ist, so stammt er als Mensch aus Bethlehem, denn als wahrer Mensch unterwarf er sich der Zeit und ließ sich in der Regel auch von den Beschränkungen des Raumes leiten. V. 2. Darum, weil Israel, das Volk des Herrn, nicht durch seine eigene Kraft, sondern durch die gnädige Gabe des Messias erlöst werden soll, wird er sie plagen, indem der Herr das Bundesvolk in die Hände des Feindes gibt, bis die Zeit gekommen ist, da die Gebärende geboren hat, bis der Messias geboren worden ist; dann werden die Übriggebliebenen seiner Brüder zu den Kindern Israels zurückkehren, denn zu dieser Zeit wird der Herr diejenigen aus den verschiedenen Nationen der Welt zusammenbringen, die er seinem wahren Israel, seiner geistlichen Nation, hinzufügen will. Die Erniedrigung des Hauses David und Israels war Teil des Plans Gottes, aber das Endergebnis würde sein, dass der Messias, wie sein Vorfahr David, aus der bescheidenen Stadt Bethlehem hervorgehen würde. Zu diesem Zweck war es notwendig, dass das Volk unter der Herrschaft der Feinde blieb. V. 3. Und er wird auftreten und weiden, sowohl herrschen als auch nähren, als Herrscher und Hirte seines Volkes, in der Kraft des HERRN, da er selbst der mächtige Gott ist, Jes. 9, 6, in der Majestät des Namens des HERRN, seines Gottes, der ihm selbst in seinem Zustand der Erniedrigung mitgeteilt wurde; und sie werden sicher wohnen, nämlich die wahren geistlichen Kinder Israels; denn nun wird er groß sein bis an die Enden der Erde, sein Reich, die Kirche des Neuen Testaments, erstreckt sich über die ganze Erde. V. 4. Und dieser wird der Friede sein, der Name, den Paulus zu Recht auf den Messias anwendet in der wunderbaren Passage, die die Wirkung seiner Erlösung für die ganze Menschheit beschreibt, Eph. 2, 14. Vgl. Jes. 9, 6. Wenn der Assyrer in unser Land kommt und unsere Paläste betritt, dann werden wir sieben Hirten und acht Fürsten oder acht Fürsten der Menschen gegen ihn aufstellen. Dies ist eine bildliche Beschreibung der Siege, die der Herr und sein Reich über alle Mächte dieser Welt erringen würden. V. 5. Und sie werden das Land Assyrien mit dem Schwert abweiden, das stellvertretend für alle Heerscharen steht, die sich gegen den Herrn erheben, und das Land Nimrod, der Gründer der ersten großen Weltmonarchie, in seinen Toren, wobei der Sturz der Tore die Eroberung der gesamten Stadt und des Landes bedeutet; und er wird uns vom Assyrer befreien, von allen Mächten des Bösen, wenn Er in unser Land kommt und wenn er in unser Gebiet tritt. Die Feinde des Herrn mögen eine Invasion seines heiligen Territoriums planen und sogar einen Einmarsch durchführen, aber ihr endgültiger Sturz wird mit Sicherheit kommen. Dass diese Aussagen über den Krieg des Herrn mit seinen Feinden nicht im Widerspruch zur Prophezeiung in Kap. 4, 2. 3 stehen, wird sofort deutlich, wenn wir bedenken, dass in der erstgenannten Stelle die Vertreter der Nationen, die der Herr für sich auserwählt hat, auf ihrer Suche nach dem Königreich dargestellt werden, während die vorliegende Stelle vom Sturz derer spricht, die sich hartnäckig weigern, den Messias anzunehmen.
V. 6. Und der Rest Jakobs, das geistliche Israel, wird inmitten vieler Völker sein, wörtlich: „inmitten der Fülle der Nationen”, wie Tau vom HERRN mit seiner erfrischenden Kraft, wie Regenschauer auf das Gras mit ihrer lebensspendenden Kraft, der nicht auf Menschen wartet und nicht auf Menschenkinder harrt, denn das Wort Gottes entfaltet seine Kraft ohne die Hilfe des Menschen. V. 7. Und der Rest Jakobs wird unter den Heiden inmitten vieler Völker sein, wie eine wahre Stadt des Herrn, Ps. 46, wie ein Löwe unter den Tieren des Waldes, dem sie sich ohne Frage unterwerfen müssen, wie ein junger Löwe unter den Schafherden, dessen Überlegenheit in jeder Hinsicht offensichtlich ist, der, wenn er durchgeht, sowohl zertritt als auch zerreißt, und niemand kann retten. All diese Tatsachen, die mit Hilfe solch bemerkenswerter Bilder beschrieben werden, werden nun in einer Aussage in Form einer gebetsartigen Vorhersage zum Ausdruck gebracht. V. 8. Deine Hand sei gegen deine Feinde erhoben, oder: „Hoch sei deine Hand über deine Unterdrücker“, und alle deine Feinde sollen ausgerottet werden. Vgl. Jes. 9, 12. V. 9. Und es wird geschehen an jenem Tag, spricht der HERR, zur Zeit der Herrschaft des Messias, dass ich deine Pferde aus deiner Mitte ausrotten werde, gewöhnlich das Vertrauen der Menschen, und deine Kriegswagen vernichten; V. 10. und ich werde die Städte deines Landes ausrotten und alle deine Festungen niederreißen, die Festungen und Zitadellen, die der Stolz der Menschen errichtet; V. 11. Und ich werde die Zauberei, die Wahrsagerei mit Stäben, Trinkbechern und anderen Mitteln aus deiner Hand ausrotten; und du wirst keine Wahrsager mehr haben, die den Himmel und die Wolken beobachteten und alle Arten von Zauberei und Magie einsetzten. V. 12. Auch deine Götzenbilder werde ich ausrotten und deine Standbilder, die aus Metall gegossen sind, aus deiner Mitte; und du sollst das Werk deiner Hände nicht mehr anbeten. V. 3 Und ich werde deine Ascherahaine, die dem Götzendienst geweiht sind, aus deiner Mitte ausreißen und deine Städte zerstören, nämlich als Festungen und Zentren kriegerischer Aktivitäten. All dies beschreibt die Macht, die der Messias auf die Herzen der Gläubigen ausübt, indem er ihre Herzen von der Eitelkeit dieser Welt abwendet und sie zu dem einen Notwendigen hinwendet. Vgl. Jes. 9, 4-6. V. 14. Und ich werde Rache üben in Zorn und Grimm an den Heiden, die nicht gehorcht haben, die sich weigern, die Herrschaft des Messias anzuerkennen. Was den Verlauf der Prophezeiung betrifft, wie er aus diesem Kapitel hervorgeht, ist es gut, sich an die Worte eines Kommentators zu erinnern: „Die Verheißung des Erlösers war zunächst vage und allgemein gehalten. 1. Mose 3, 15. Dann wurde die semitische Teilung der Menschheit als der Ort erklärt, an dem man ihn suchen sollte, 1. Mose 9, 26. 27; dann wurde es klarer und definierte das Volk und die Nation, aus der der Erlöser kommen sollte – die Nachkommen Abrahams, die Juden, 1. Mose 12,3; dann den bestimmten Stamm, Juda, 1. Mose 49, 10; dann die Stadt seiner Geburt, hier.“
Die
Opfer, die Gott gefallen: Aufruf zu wahrer Frömmigkeit
Ein Ruf zur Buße (V. 1-8): V. 1. Hört nun, was der HERR sagt, in dieser abschließenden Ansprache an die Israeliten: Mache dich auf, führe einen Rechtsstreit vor den Bergen, wobei der Prophet aufgefordert wird, Zeuge des Rechtsstreits zu sein, der in Gegenwart der Berge entschieden werden sollte, und lass die Hügel deine Stimme hören, denn die Berge und Hügel, die während der gesamten Geschichte Israels bestanden hatten, konnten die hier vorgebrachten Tatsachen bezeugen. V. 2. Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des HERRN, die Sache des Herrn, die er in diesem Prozess entschieden haben wollte, und ihr starken Grundfesten der Erde, wörtlich: „ihr unerschütterlichen Grundfesten der Erde“, die durch keine gewöhnlichen Mittel erschüttert werden können; denn der HERR hat einen Rechtsstreit mit seinem Volk, und er will mit Israel rechten, um eine endgültige Entscheidung vor Gericht zu erwirken. V. 3. Mein Volk, was habe ich dir getan? Nämlich indem ich dir irgendein Unrecht zugefügt habe. Und womit habe ich dich ermüdet? Durch zu strenge Anforderungen. Lege Zeugnis gegen mich ab! Er war bereit, jede Antwort zu hören, die sie auf seine Anschuldigungen geben wollten. V. 4. Denn ich habe dich aus dem Land Ägypten geführt, wodurch Israel wirklich zum Volk des Herrn geworden war, und dich aus dem Haus der Sklaverei erlöst, vgl. 2. Mose 20,2; und ich habe Mose, Aaron und Mirjam vor dir hergehen lassen, die ihre Führer durch die Wüsten Sinai und Arabien waren. V. 5. Mein Volk, denke doch daran, was Balak, der König von Moab, beraten hat, den Rat, den er einholte, um ihren Untergang herbeizuführen, und was Bileam, der Sohn Beors, ihm von Schittim bis Gilgal antwortete, zwischen der ersten Station nach Bileams Segen und der ersten Station auf dem Boden des Heiligen Landes, vgl. 4. Mose 25, 1; Josua 4, 19, damit du die gerechten Taten des HERRN erkennst, wie wahrhaftig und gerecht er die Taten seiner allmächtigen Kraft vollbracht hat, indem er seinen Ratschluss der Liebe gegenüber seinem Volk ausgeführt hat. Da Israel nicht in der Lage ist, diese Herausforderung des Herrn zu beantworten, und die in seiner Aussage vorgeworfene Schuld eingesteht, ist es bereit, Wiedergutmachung zu leisten. V. 6. Womit soll ich vor den HERRN treten und mich vor dem hohen Gott demütigen? fragt der Prophet im Namen des Volkes, um die Beziehung wiederherzustellen, die durch ihre Übertretungen so grob gestört worden war. Soll ich vor ihn treten mit Brandopfern, mit einjährigen Kälbern? Diese galten als die besten Opfergaben. V. 7. Wird der HERR Gefallen finden an Tausenden von Widdern, an Zehntausenden von Strömen von Öl? Diese würden sozusagen in Strömen fließen, um seinen Zorn zu besänftigen. Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, die Frucht meines Leibes für die Sünde meiner Seele? Das Kostbarste, was man besitzen kann, wird als Sühneopfer dargebracht. Aber der Herr zeigt, dass solche äußerlichen Opfer nicht ausreichten, um die Beziehung der Liebe wiederherzustellen, sondern dass Er die Hingabe des Herzens verlangt. V. 8. Er hat dir gesagt, Mensch, was gut ist. Der Herr selbst hatte ihnen offenbart, wie sie in Gemeinschaft mit ihm bleiben konnten; und was der HERR von dir fordert: nämlich nichts als Recht tun, das zu tun, was recht ist, und Liebe üben, alle in dem Gesetz vorgeschriebenen wohltätigen Pflichten zu erfüllen und demütig wandeln vor deinem Gott. Ohne diese tatsächlichen, äußeren Ausdrucksformen des Glaubens des Herzens in den hier genannten Tugenden kann es keine wahre Anbetung des Herrn geben. Auch heute noch sind die guten Werke der Christen Ausdruck und Beweis des Glaubens, der in ihren Herzen lebt.
Androhung von Strafe (V. 9-16): V. 9. Die Stimme des HERRN ruft der Stadt zu, indem sie sein Urteil verkündet, und Weisheit ist es, deinen Namen zu fürchten, wörtlich: „Dein Name sieht Weisheit“, das heißt, es ist eine Frage wahrer Weisheit, den Namen des Herrn zu fürchten, oder seine Aufmerksamkeit richtet sich auf die wahre Weisheit des Lebens: Hört auf die Rute, erkennt die Geißel, mit der der Herr droht, die er für sein abtrünniges Volk vorbereitet hat, und den, der sie bestimmt hat, denn die assyrischen Heerscharen bereiteten schon damals ihr Kriegsmaterial vor. V. 10. Kann ich vergessen unrechtes Gut im Haus der Gottlosen? Nämlich solche, die durch Bosheit, Unterdrückung und Betrug erworben wurden, und das verfluchte verkleinerte Maß? Wörtlich: „und das verfluchte Epha der Magerkeit“, denn viele der Reichen hatten ihr Geld dadurch verdient, dass sie das Volk mit zu geringem Gewicht betrogen hatten. V. 11. Soll ich sie rein sprechen mit der unrechten Waage, wenn sie täglich beim Handel und im Geschäftsverkehr betrogen haben, und mit dem Beutel mit betrügerischen Gewichten? Mit denen die Waagen ungenau gemacht wurden. V. 12. Denn die Reichen darin sind voller Gewalttat, voller krimineller Bosheit und Unterdrückung, und die Einwohner reden Lügen, in vorsätzlicher Verdrehung der Wahrheit, und ihre Zunge ist nichts als Trug in ihrem Mund, so voller Betrug, dass sie nichts anderes mehr als Täuschung praktizieren konnte. V. 13. Darum werde ich dich auch krank machen, indem ich dich schlage, indem ich dir einen tödlichen Schlag versetze, indem ich dich wegen deiner Sünden verwüste, wobei die Verwüstung das ganze Land trifft. V. 14. Du wirst essen, aber nicht satt werden, wegen des Mangels an Nahrung nach dem Einfall des Feindes; und dein Hunger wird in deinem Inneren bleiben, wörtlich: „und deine Leere bleibt in deinen Eingeweiden”; und du wirst fortschaffen, aber nicht retten können, wenn du versuchst, mit deiner Familie und deinen Gütern zu fliehen, aber nicht in der Lage bist, sie zu retten; und was du rettest, wenn es dir gelingt, es vor dem Angriff des Feindes zu retten, werde ich dem Schwert hingeben. Vgl. Jer. 50, 37; 42, 16. V. 15. Du wirst säen, aber nicht ernten, denn der Feind wird die Ernte vernichten oder rauben; du wirst die Oliven keltern, aber du wirst dich nicht mit Öl salben, denn der Feind wird die Vorräte plündern; und süßen Wein, den Most, der aus den Trauben gepresst wird, aber du wirst keinen Wein trinken, das fertige Produkt. V. 16. Denn die Weisungen Omris, der eine gottlose Dynastie von Herrschern des Nordreichs begründete, 1 Könige 16, 25, befolgst du und alle Werke des Hauses Ahabs, die Verehrung Baals, die damals eingeführt worden war, und ihr wandelt in ihren Ratschlägen, in Übereinstimmung mit dem Götzendienst und dem Gräuel, die von diesen gottlosen Königen eingeführt worden waren, dass, als tatsächliche Folge dieses götzendienerischen Verhaltens, ich dich zu einer Wüste mache, zu einem Gegenstand des Entsetzens und des Schreckens, und ihre Bewohner zu einem Spott, der von allen Seiten verspottet wird. Und ihr sollt die Schmach meines Volkes tragen, die Schande, die gewöhnlich über das Volk Gottes kommt, wenn es in die Hände seiner Feinde gegeben wird. Je größer die Gnade und Barmherzigkeit des Herrn war, die auf ihnen lag, desto größer würde ihre Strafe sein, weil sie seine Barmherzigkeit abgelehnt hatten. Wenn Menschen eine Form der Frömmigkeit haben, aber ihre Kraft leugnen, dann ist diese äußere Erscheinung umso mehr geeignet, die Schmach des Herrn über solche Heuchler zu bringen.
Wenig Fromme sind zu finden. Die Buße
des Volkes und die Verheißung des HERRN
Klage des Propheten und Bußgebet des Volkes (V. 1-13): V. 1. Wehe mir! So ruft der Prophet im Namen der Gemeinde, denn es geht mir wie bei der Obsternte, wie wenn nur noch wenige einsame Halme auf dem Erntefeld stehen, wie bei der Nachlese in der Weinernte, wenn nur noch wenige Beeren übrig sind, das ganze Bild ist eines völliger Verwüstung: Es gibt keine Trauben mehr zu essen, alle Früchte sind entfernt worden; keine Frühfeigen, die meine Seele begehrte, sie sehnte sich nach dieser Köstlichkeit, die vom Volk besonders geschätzt wurde. Der gesamte Satz kann auch als Ausruf verstanden werden: Keine Traube mehr zu essen! Keine frühen Feigen mehr, wie sie meine Seele begehrte! Das Bild wird nun erklärt. V. 2. Die frommen Leute sind weg in diesem Land, einer, auf dessen Treue man sich verlassen kann, und die Gerechten sind nicht mehr unter den Menschen, denn die Aufrichtigen sind so selten geworden wie frühe Feigen nach der Weinlese. Sie alle lauern auf Blut, vgl. Ps. 10, 8 ff.; sie jagen jeder seinen Bruder mit dem Netz, obwohl sie Söhne eines einzigen Vaters sind und jeder durch das Gesetz verpflichtet ist, den anderen wie sich selbst zu lieben. V. 3. Auf das Böse sind ihre Hände gerichtet, um es gut zu vollbringen, sind sie froh, eifrig und voller Begeisterung für das Böse; der Oberste verlangt, und der Richter fordert Bezahlung, um Rache für sich selbst zu nehmen, wann immer sie ihre Würde verletzt sehen; und der Große rät nach seinem Mutwillen: so drehen sie es, wie sie wollen, oder „und der Große – das Böse seiner Seele spricht er aus, und gemeinsam flechten sie es“, alle Mächtigen des Volkes verschwören sich, um Intrigen zu spinnen, Fallen für ihre unachtsamen Opfer, V. 4. Der Beste von ihnen ist wie ein Dornbusch, von dem man nur Böses und Schaden erwarten kann; der Aufrichtigste, der als Vorbild der Tugend gilt, ist schlimmer als eine Dornenhecke; der Tag deiner Wächter, der von den wahren Propheten vorhergesagte Tag, und deine Heimsuchung kommt, das Gericht steht bevor; dann wird ihre Verwirrung da sein, dass die Menschen nicht wissen, wohin sie sich um Rat und Hilfe wenden sollen. Die extreme moralische Verkommenheit des Volkes wird nun mit wenigen kühnen Strichen skizziert. V. 5. Vertraut nicht auf einen Freund, auf jemanden, mit dem man täglich Umgang hat, setzt euer Vertrauen nicht auf den Vertrauten, auf einen engsten Freund; bewahrt eure Lippen vor der, die an eurer Brust liegt, denn es war nicht sicher, seiner eigenen Frau uneingeschränktes Vertrauen zu schenken. V. 6. Denn der Sohn verachtet den Vater und verachtet ihn offen, die Tochter erhebt sich gegen ihre Mutter und verweigert ihr die Liebe und Ehre, die sie ihr schuldet, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter, alle heiligsten Beziehungen sind völlig zerbrochen; die Feinde eines Mannes sind die seine Hausgenossen. Ähnliche Zustände gingen dem Fall Jerusalems voraus und werden dem Ende der Welt vorausgehen. Vgl. Matthäus 10, 21. V. 7. Deshalb, so ruft der Prophet, weil die Verhältnisse so waren, will ich auf den HERRN schauen und meine Augen zum Gott des Bundes erheben, um Erlösung zu erlangen; ich will auf den Gott meines Heils warten und trotz der scheinbar entmutigenden Verzögerung durchhalten; mein Gott wird mich erhören und mir eine wirksame, aktive Antwort geben. Vgl. Ps. 27, 9; Jes. 17, 10.
V. 8. Freue dich nicht über mich, meine Feindin, wobei die feindliche Weltmacht im Allgemeinen aus der Sicht des Volkes des Herrn angesprochen wird; wenn ich auch gefallen bin, werde ich wieder aufstehen, denn die Wiederherstellung Israels wurde vor allem im geistlichen Sinne verstanden; wenn ich in Finsternis sitze und unter den Leiden leide, die Gottes Gerichte mit sich bringen, ist doch der HERR mein Licht. Vgl. Ps. 27, 1. V. 9. Ich will den Zorn des HERRN ertragen, mit der demütigen Unterwerfung, die das reuige Herz kennzeichnet, denn ich habe gegen ihn gesündigt, wobei ein solch freies und unmissverständliches Bekenntnis unerlässlich ist, wenn die Reue echt ist, bis er meine Sache vertritt, indem er sich auf die Seite seines Volkes gegen die Feinde stellt, und mir Recht schaffe, indem er seine Kirche trotz aller Feindseligkeiten aufrechterhält und festigt; Er wird mich ans Licht bringen, nämlich aus der Finsternis der Gefangenschaft und Unterdrückung, und ich werde seine Gerechtigkeit schauen, denn die Befreiung seines Volkes stand im Einklang mit den alten Verheißungen des Herrn. V. 10. Dann wird meine Feindin es sehen, dies ist die zuversichtliche Erwartung des Volkes des Herrn, und Beschämung wird sie bedecken, die zu mir gesagt hat: Wo ist der HERR, dein Gott? in der spöttischen Frage, die gewöhnlich von den Feinden der Kirche gestellt wird. Meine Augen werden mit Befriedigung sehen, wie sie zertreten wird wie der Dreck auf der Straße.
V. 11. Es kommt der Tag, an dem deine Mauern gebaut werden, oder, „ein Tag des Bauens deiner Mauern“ (kommt), so versichert der Prophet den gläubigen Mitgliedern seines Volkes, denen, die wirklich auf das Kommen des Messias warteten, der Tag, an dem deine Grenzen weit werden, nämlich die Grenze, die eine scharfe Trennlinie zwischen Israel und den heidnischen Nationen zog. V. 12. An jenem Tag wird man zu dir kommen, zum wiederhergestellten Zion, aus Assyrien und aus den befestigten Städten Mazors, aus den Städten Ägyptens, und von Mazor, nämlich Ägypten, bis zum Strom, dem Euphrat, um alle dazwischen liegenden Länder zu bezeichnen, und von Meer zu Meer und von Gebirge zu Gebirge, aus allen Regionen und Ländern der Erde, alle, die der Herr aus den verschiedenen Ländern der Welt erwählt hatte. Vgl. Jes. 19, 18-25. V. 13. Das Land wird zur Wüste werden, wobei sich der Bezug sehr wahrscheinlich auf das irdische Palästina bezieht, wegen seiner Bewohner, wegen der Frucht ihrer Taten. Während das Land der Verheißung, das früher von Milch und Honig floss, seine Fruchtbarkeit weitgehend verloren hat, wird das geistliche Zion, die Kirche Gottes, durch Mitglieder aus allen Nationen der Erde aufgebaut.
Letztes Flehen des Propheten (V.
14-20): V. 14. Weide dein Volk mit deinem Stab, mit der Fürsorge eines
wahren Hirten, wobei der Stab das Zeichen des Hirten ist, Sach. 11, 4 ff.; Ps.
23, 4, die Herde deines Erbes, der Besitz des Herrn, die einsam im
Wald wohnen, inmitten des Karmel, oder besser
gesagt: „im Wald inmitten des Karmel sollen sie
weiden”, umgeben von den reichsten Segnungen; lass sie weiden in Baschan und Gilead, deren reiche Wiesen in Israel
sprichwörtlich waren, wie in alten Tagen, als das Königreich unter David
die Fülle materiellen und geistigen Wohlstands genoss. Der Herr antwortet auf
diese Bitte mit der Zusicherung seiner Gnade, die in größerem Maße gewährt
werden soll, als sein Volk erbeten hat. V. 15. Wie in den Tagen, als du aus
dem Land Ägypten zogst, als er die Feinde mit mächtiger Hand besiegte und
Israel seine Güte offenbarte, so will ich es Wunder schauen lassen,
indem er seiner Kirche die Wunder seiner Gnade schenkt. V. 16. Die Völker
werden es sehen und trotz all ihre Macht beschämt sein, denn all ihre
gepriesene Macht wäre in den Augen des allmächtigen Gottes wie nichts; sie
werden ihre Hand auf den Mund legen, in ehrfürchtiger Stille, in äußerster
Verwunderung, ihre Ohren werden taub sein vor dem Donner der mächtigen
Taten des Herrn. V. 17. Sie werden Staub lecken wie eine Schlange, in
tiefster Demütigung; und wie das Gewürm auf Erden, wörtlich: „wie die
Dinge, die auf der Erde kriechen”; sie werden zitternd aus ihren Verstecken
hervorkommen; sie werden sich bebend zu dem HERRN, unserem Gott, wenden,
sich ihm mit Schrecken nähern und vor dir sich fürchten. Mit diesen
Worten wendet sich der Prophet erneut direkt an den Herrn und spricht zu ihm
Worte des Lobes. V. 18. Wer ist ein Gott wie du, der die Sünde vergibt,
in der Rechtfertigung, die die Grundlage des Wirkens in seiner Kirche ist, und
erlässt die Missetat dem Rest seines Erbes? indem er denen Vergebung
gewährt, die in Wahrheit sein Volk sind. Vgl. 2. Mose 34, 6. 7. Er hält
seinen Zorn nicht für immer aufrecht, denn er hat Freude an Gnade, wobei
seine großen Taten der Barmherzigkeit das herausragende Merkmal seines Wirkens
in seiner Kirche sind. V. 19. Er wird sich unser wieder erbarmen,
versichert der Prophet den Gläubigen; er wird unsere Schuld niedertreten
und sie zertreten wie Feinde, die sich gegen die Gläubigen erheben; und du
wirst alle ihre [LXX, lat., syr. Übers.: unsere]
Sünden in die Tiefen des Meeres werfen, damit sie bedeckt sind und nicht
mehr aufsteigen können, um das Volk des Herrn zu verurteilen. V. 20. Du
wirst Jakob die Treue und Abraham Gnade erweisen, wie es in den wunderbaren
messianischen Verheißungen enthalten ist, die du unseren Vätern seit alters
her geschworen hast. Mit dieser erhabenen Lobeshymne schließt
Micha sein Buch und spricht in einem ähnlichen Ton wie Paulus in Röm 11,33-36.
Wir haben hier eine wahre Verkündigung des Evangeliums, wie sie die Gläubigen
des Alten Testaments in ihrer eifrigen Erwartung der Zeit des Messias gestützt
hat, an die auch wir uns inmitten der Verderbtheit dieser letzten Tage der Welt
wenden können, um Trost zu finden, wohl wissend, dass unser Heil nahe ist.
A Entnommen aus: Dr. Martin Luthers Sämtliche Schriften. Hrsg. von Joh. Georg Walch. Nachdr. der 2., überarb. Aufl. St. Louis, Missouri. Bd. 14. Groß Oesingen: Verl. der Lutherischen Buchhandlung Heinrich Harms. 1987. Sp. 60-63
[1] Vgl.
Fürbringer, Einleitung in das Alte Testament,87.
88; Concordia Bible Class, 86. 87.