Wie ist Offenbarung 20,1-6(-10) zu verstehen?

 

Roland Sckerl

 

    1 ¶  Und ich sah einen Engel vom Himmel fahren, der hatte den Schlüssel zum  Abgrund und eine große Kette in seiner Hand 2  und ergriff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und  der Satan, und band ihn tausend Jahre. 3  Und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und versiegelte oben darauf,  dass er nicht verführen sollte die Heiden, bis dass vollendet würden  tausend Jahre; und danach muss er los werden eine kleine Zeit.

    4  Und ich sah Stühle, und sie setzten sich darauf, und ihnen ward gegeben  das Gericht; und die Seelen der Enthaupteten um des Zeugnisses Jesu und  um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier  noch sein Bild und nicht genommen hatten sein Malzeichen an ihre Stirn  und auf ihre Hand: diese lebten und regierten mit Christo tausend Jahre. 5  Die andern Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis dass tausend Jahre  vollendet wurden. Dies ist die erste Auferstehung. 6  Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung; über  solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes  und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre.

    7  Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satanas los werden aus  seinem Gefängnis 8  und wird ausgehen, zu verführen die Heiden in den vier Örtern der Erde,  den Gog und Magog, sie zu versammeln in einen Streit, welcher Zahl ist  wie der Sand am Meer. 9  Und sie traten auf die Breite der Erde und umringten das Heerlager der  Heiligen und die geliebte Stadt. Und es fiel das Feuer von Gott aus dem  Himmel und verzehrte sie. 10  Und der Teufel, der sie verführte, ward geworfen in den feurigen Pfuhl  und Schwefel, da das Tier und der falsche Prophet war; und werden gequält  werden Tag und Nacht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

 

    Es gibt keinen Text in der Heiligen Schrift, der so kontrovers diskutiert wird wie Offenbarung 20, und zwar vor allem die ersten sechs Verse.1 Gerade über ihn gibt es die unterschiedlichsten Theorien und in seinem Zusammenhang haben sich sehr unterschiedliche Schriftverständnisse entwickelt. Die vier grundlegenden Auffassungen lassen sich so zusammenfassen: Postmillenialismus, historischer Prämillenialismus, dispensationalistischer Prämillenialismus, Amillenialismus.

    Der Postmillenialismus, ein Kind des allgemeinen Fortschrittsglaubens des 19. Jahrhunderts, besagt, dass Christus nicht vor einem sogenannten Tausendjährigen Reich wiederkommen werde, sondern erst nach einer lange andauernden Zeit einer triumphierenden Christenheit. Sie meinten, dass das „Tausendjährige Reich“ (wobei sie die Zeitdauer nicht wörtlich meinten) Ergebnis einer Entwicklung eines immer stärkeren christlichen Einflusses auf die Menschheit sei, ja, christlicher Glaube und christliche Werte würden die Norm für alle Länder und Nationen werden. Leid, Hunger, Krieg würden überwunden werden. Und der Abschluss dieses „goldenen Zeitalters“ wäre die Wiederkunft Christi zur ewigen Herrlichkeit. Diese Auffassung wurde zwar durch die beiden Weltkriege im 20. Jahrhunderts völlig desavouiert2, aber sie ist in Abänderungen auch heute noch, wenn auch nicht als Postmillenialismus, virulent, da sie ja alte Elemente eines irdischen, von Menschen erschaffenen oder miterschaffenen Gottesreiches beinhaltet: Sie findet sich im social gospel, in der Befreiungstheologie, im Gedanken eines „christlichen Staates“, in der missionalen Bewegung und besonders bei der Emerging Church, aber auch in evangelikalen Kreisen, die neben der missionarischen Tätigkeit die soziale Arbeit als einen von Gott gegebenen Auftrag der Gemeinde Jesu Christi proklamieren.

    Der historische Prämillenialismus behauptet, dass Christus wiederkommen werde, um ein Tausendjähriges Friedensreich auf Erden aufzurichten, und zwar nach der großen Trübsal. Die im Glauben an Christus Gestorbenen würden dann auferweckt und mit Christus zusammen auf Erden herrschen. Im Laufe dieser Zeit würde es zu einer allgemeinen Bekehrung der Juden kommen, die dann mit Christus und den Gläubigen aus den Heiden regieren würden. Sünde und Tod wären zwar noch da, aber das Übel wäre sehr eingegrenzt. Dieses Tausendjährige Reich wäre ein nie dagewesenes Reich an sozialer, politischer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit und großer Wohlfahrt. Am Ende dieser Zeit würde Satan noch einmal los kommen und die Völker würden sich in einer letzten Erhebung gegen die Gemeinde Jesu Christi stellen. Satan und seine Gefolgschaften werden überwunden, und dann käme es zur leiblichen Auferstehung der Ungläubigen und zum Jüngsten Gericht.

    Diese Auffassung wurde von etlichen in der alten Kirche geteilt, etwa Papias, Justin Martyr, Irenäus, Tertullian, Hippolytus und anderen Chiliasten vor dem 19. Jahrhundert oder auch von Chiliasten im Bereich reformatorischer Kirchen. Die frühe Kirche hatte sie durch Augustinus endgültig überwunden.3

    Der dispensationalistische Prämillenialismus ist die derzeit wohl am meisten verbreitete Variante des Chiliasmus, wie er in fundamentalistischen und evangelikalen Kreisen zu finden ist, und geht zurück auf die Brüderversammlungen und ihre Auffassungen, wie sie im 19. Jahrhundert durch John Nelson Darby (1800-1882) entwickelt und dann besonders durch C.I. Scofield und die Scofield Reference Bible verbreitet wurden. Eine Grundbehauptung dieser Schriftauffassung ist es, dass es angeblich sieben Dispensationen oder Haushaltungen in der Bibel gäbe, die jeweils durch besondere Ereignisse, Prüfungen, Gerichte markiert seien, in denen es jeweils darum gehe, in Verantwortung vor Gott das Leben zu bewältigen. Dabei gehe es jeweils um einen gewissen Fortschritt in der Offenbarung. Ein Kernpunkt in dieser Auffassung ist eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem völkischen oder leiblichen Israel und der Gemeinde Jesu Christi. Angeblich gebe es nach dieser Auffassung durch die ganze Heilsgeschichte hindurch zwei Grundlinien Gottes, eine irdische mit dem Volk Israel und eine geistliche mit der Gemeinde Jesu Christi.4

    Die Dispensationalisten behaupten, Gott habe Israel ein großartiges irdisches Reich verheißen, das durch den Messias regiert werde. Da die Juden Christus während seines Erdenlebens verworfen hätten, sie diese Zeit verschoben worden. Während dieser Zwischenzeit sei die Kirche aus den Heiden gebildet worden. Zu Beginn der großen Trübsal würde die Gemeinde Jesu Christi in den Himmel genommen und es kämen sieben Jahre Trübsal mit der Herrschaft des Antichristen. Dann würde Gottes Plan mit Israel erfüllt werden. Während der irdischen Schlacht bei Harmageddon würde Christus auf die Erde zurückkommen und das Tausendjährige Reich Israels errichten.5

    Der Amillenialismus ist diejenige Schriftauffassung, die ein wörtlich genommenes Tausendjähriges Friedensreich auf Erden, gleichgültig ob vor oder nach Christi Kommen, ablehnt und 1000 (10x10x10) als eine symbolische Zahl nimmt – wie die anderen Zahlen in der Offenbarung – für die gesamte Zeit des Neuen Testaments, also der Zeit zwischen erstem und zweitem Kommen Christi. Das ist die historische Schriftauffassung der Kirche Jesu Christi durch die Jahrhunderte, wie sie auch von den Reformatoren geteilt wurde.6

 

    Was aber ist nun die Lehre der Schrift? Wie sind die Aussagen in Offenbarung 20 zu verstehen? Rechte Schriftauslegung zieht in Betracht, um welche eine Art von Schrift es sich handelt, sie sieht auch den engeren und weiteren Zusammenhang eines Textes und zieht die Parallelstellen bzw. Paralleltexte heran, die Aussagen zu dem gleichen Thema machen.

    Und da ist es nun wichtig, dass es sich, wie schon die Eingangsverse der Offenbarung, 1,1-3 deutlich machen, um ein apokalyptisches Buch handelt, das ähnliche Themen behandelt, wie wir sie bei Daniel und Hesekiel finden. Und das ist nun ein Buchtyp, auch das wird 1,1 unterstrichen, der in symbolischen Bildern seine Aussagen kleidet, die gedeutet werden müssen.7

    Was ist nun das Ziel des Buches der Offenbarung? Es geht darum, die Christen, gerade angesichts der immer wieder auftretenden Bedrängnisse, Verfolgungen, zu trösten und zu stärken. Dabei ist die Schriftlehre wichtig, wie sie Apg. 14,22 Paulus hervorhebt: Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen. Schon diese Lehre, die auch 2. Tim. 3,12 wiederholt wird, zeigt an, dass es für die Gemeinde Jesu Christi nie eine besondere Friedenszeit, eine Herrlichkeitszeit hier auf Erden geben wird, sondern dass der Charakter der Gemeinde des HERRN immer der einer Gemeinde unter dem Kreuz sein wird. Im Blick auf die verschiedenen Schriftauffassungen, wie sie oben dargelegt wurden, treffen zwei grundsätzliche Theologien aufeinander: Theologie des Kreuzes und Theologie der Herrlichkeit. Alle chiliastischen Theologien sind letztlich Theologien der Herrlichkeit und wollen die Kreuzeszeit der Kirche verkürzen.

    Von den Chiliasten wird der Eindruck erweckt, als sei die Bibel von der Offenbarung her oder doch von den prophetischen Texten her zu verstehen. Tatsächlich aber sind diese nicht der Schlüssel zur Bibel, sondern die Bibel ist vielmehr von den klaren, nicht in Bildern dargestellten, Texten zu verstehen, die ihrerseits der Schlüssel auch zur Offenbarung und den anderen prophetischen Texten sind. Viele Aussagen in der Offenbarung sind ja Bilder, die wiederum dem Alten Testament, vor allem Jesaja, Hesekiel und Daniel entnommen sind. Zahlen spielen in der Offenbarung eine große Rolle.8

    Gerade der Dispensationalismus greift eine ganze Reihe klarer Schriftlehren an, unter anderem die allgemeine leibliche Auferstehung aller Toten, wie sie Joh. 5,28-29 gelehrt wird, vor allem aber auch den Grundcharakter der Gemeinde Jesu Christi als Gemeinde des Messias durch die gesamte Heilsgeschichte von Adam und Eva an bis zum Jüngsten Tag als Gemeinde derer, die aus den Juden wie derer, die aus den Heiden zum Glauben an den Messias gekommen sind – und dass eben diese Gemeinde das auserwählte geistliche Israel ist.9 Er verkennt, dass durch das Alte wie das Neue Testament hindurch eine klare Unterscheidung ist zwischen dem leiblichen und dem geistlichen Israel und schon im Alten Bund keineswegs alle Israeliten gläubig waren, im Gegenteil. Immer wieder ist, wie Röm. 11 hervorhebt, es nur ein Rest aus Israel, der gerettet wird, eben diejenigen, die von Ewigkeit her erwählt sind zur Rettung durch den Glauben an Jesus Christus. Und um dieses geistliche Israel, die Gemeinde Jesu Christi, um die geht es in der gesamten Heiligen Schrift, um die Rettung der Menschen aus der Sündensklaverei durch den Glauben an den Messias und sein stellvertretendes Opfer. Das tritt im Dispensationalismus mehr und mehr in den Hintergrund. Der vom Dispensationalismus künstlich hochgehaltene Unterschied zwischen Juden und Christen ist in Christus ja tatsächlich aufgehoben, wie besonders Eph. 2,11-18 hervorgehoben wird.

    Die Chiliasten aller Varianten übersehen auch, dass Christi Reich nicht von dieser Welt ist, Joh. 18,36, und wollen stattdessen ein irdisches Reich Christi. Damit tritt Christi Rettungswerk am Kreuz zurück hinter der Hoffnung auf ein irdisches Friedensreich. Außerdem sagt die Schrift immer wieder, sowohl in Jesu Endzeitreden als auch 1. Thess. 5, dass Christi Wiederkunft und der Jüngste Tag überraschend, wie ein Dieb in der Nacht, kommen. Das wäre aber nicht mehr gegeben, wenn man wüsste, dass nach einem „Tausendjährigen Reich“ der Jüngste Tag anbrechen würde. Der Dispensationalismus hat darüber hinaus, hier durchaus seiner reformierten Herkunft folgend, im Zentrum nicht Gottes Gnade und Erbarmen in Christus, sondern die Ehre Gottes und sichtbare Manifestationen Gottes sowie den Gehorsam gegenüber Gott, anstatt des Glaubens an Christi Triumph über die Sünde am Kreuz, s. 1. Kor. 2,2. Er stellt außerdem eine willkürliche Zerstörung der Einheit der Schrift dar, die nur zwei Kommen Christi kennt und sich gliedert in Verheißung und Erfüllung sowie in Gesetz und Evangelium, wobei Gesetz und Evangelium im Alten wie im Neuen Bund vorhanden sind.10

 

    Wie aber ist der Text nun im Einzelnen zu verstehen. In den ersten drei Versen geht es um die Auseinandersetzung Christi mit Satan bzw. das Binden Satans. Da ist ja von einem Engel die Rede, der die Schlüssel zum Abgrund hat und eine große Kette in der Hand. Zum grundsätzlichen Verständnis noch eine Vorbemerkung: Nicht alles, was in der Offenbarung geschildert wird, liegt in der Zukunft. Dies zeigt etwa auch Kap. 12.11 Wer ist nun dieser Engel? Handelt es sich um einen aus dem großen Engelheer des HERRN? Hier ist nun zu bedenken: 1. Der Engel kommt vom Himmel. Das kann natürlich auch auf einen aus dem Engelheer des HERRN hindeuten. 2. Dann aber heißt es von ihm, dass er die Schlüssel zum Abgrund hat. Das schließt nun sehr eng an Offenb. 1,18 an, wo Jesus Christus von sich sagt, dass er die Schlüssel der Hölle und des Todes hat. Das ist ein ganz starker Hinweis darauf, dass es sich bei dem Engel um Christus selbst handelt. 3. Von dem Engel heißt es, dass er Satan ergriff, band und in den Abgrund warf. Der Kampf mit Satan, der Sieg über Satan, das ist Christi Werk, wie auch Luk. 3,27; Joh. 12,31; Matth. 12,29; Luk. 11,21 sowie Offenb. 12,7-9 zeigen. Damit ist es klar: Der Engel, von dem hier die Rede ist, das ist Christus selbst.

    Die nächste Frage ist ja: Wann geschieht dieses Binden? Wenn wir an die Aussagen der Schrift zu Christi Kampf mit Satan, angeführt in den oben genannten Schriftstellen, sowie die Aussagen über seinen Triumph über Satan, dass er die Werke des Teufels zerstört hat, 1. Joh. 3,8, dass er das Gefängnis gefangen geführt hat, Eph. 4,8, dass er ausgezogen hat die Fürstentümer und Gewaltigen und einen Triumph aus ihnen gemacht hat, Kol. 2,15, dann ist klar, dass dies kein zukünftiges Ereignis ist, sondern eines, das während Christi Erdenleben, kulminierend mit seinem Sieg am Kreuz und seiner Himmelfahrt, geschehen ist.

    Wie müssen wir uns das Binden Satans vorstellen? Satan ist ein Geist. Ein Geist kann mit einer Eisenkette nicht gebunden werden. Hier haben wir es also eindeutig mit einem Bild zu tun. Wie also geschieht dann das Binden Satans? Dies wird deutlicher, wenn wir bedenken, zu welchem Zweck, mit welchem Ziel er gebunden wird: um die Heiden nicht zu verführen, d.h. V. 8 f., sie nicht gegen die Gemeinde Christi weltweit zu versammeln, um der Gemeinde endgültig den Garaus zu machen. Daran also soll Satan in diesen 1000 Jahren gehindert werden.

    Was aber ist nun dieses Binden Satans? Heißt das, dass er gar nichts mehr tun kann während dieser Zeit? Das wird ja im Text überhaupt nicht gesagt. Vielmehr heißt es nur, dass er die Heiden nicht weltweit verführen soll gegen die Gemeinde Christi. Wichtig sind dabei auch Texte, die über Ähnliches berichten. So heißt es 2. Petr. 2,4, dass Gott die gefallenen Engel mit Ketten der Finsternis zur Hölle verstoßen hat und behalten zum Gericht, s.a. Jud. 6. Nun wird sicher keiner behaupten, dass der Teufel und seine Dämonen vor der Erdenzeit Christi oder auch während er da war oder auch jetzt nichts machen könnten. Aber wir wissen ebenso, dass die Macht des Teufels begrenzt ist: Er ist zwar wie ein brüllender Löwe, der umhergeht, um zu sehen, wen er verschlingen kann, 1. Petr. 5,8 f., aber andererseits können wir uns in der Kraft Gottes gegen ihn schützen, Eph. 6,10 ff., gerade durch Gottes Wort als dem Schwert des Geistes. Denn wenn wir ihm widerstehen, so muss er fliehen, Jak. 4,7. Das heißt: Satan und seine Dämonen liegen, im Bild gesprochen, an einer Kette wie ein Hund, und haben nur einen stimmten Bereich, in dem sie gefährlich werden können. Wer sich in diesen Bereich begibt, den können sie packen und sich unterwerfen; wer dagegen gegen ihre Anfechtungen, Versuchungen kämpft mit Gottes Wort, vor denen muss er weichen.

    Das heißt also: Das Binden Satans besagt keineswegs, dass Satan und seine Dämonen während dieser 1000 Jahre völlig zur Untätigkeit verurteilt sind, sondern nur, dass sie ihr großes Ziel, den weltweiten Generalangriff auf die Gemeinde Jesu Christi, nicht ausführen können, sonst aber, wenn auch in einer beschränkten Weise, durchaus aktiv und auch für uns als Christen nicht ungefährlich sind.

    Wie aber ist dieses Binden zu verstehen, da es sich ja um einen Geist handelt? Das wird uns nicht im Einzelnen gesagt. Christus hat ihn durch seinen Gehorsam, sein Leiden und Sterben und Auferstehen besiegt. Und er hat ihn gestürzt durch sein Wort, wie wir in den Evangelien lesen. Wie wird in dieser Zeit nun die Macht Satans besonders eingeschränkt? Dadurch, dass Gottes Wort rein und lauter gepredigt wird und viele Menschen dadurch zum rettenden Glauben kommen.12

    Wenn aber durch Gottes Zulassung die Bindung Satans durch Christus wieder gelöst wird, das heißt, Satan noch einmal eine uneingeschränkte Macht über die Menschen weltweit gegeben wird, sie gegen die Gemeinde zu verführen, dann wird er dies auch tun und das Widerstreben der Menschen weltweit gegen die frohe Botschaft wird zunehmen und zu einer weltweiten Feindschaft gegen die Gemeinde Jesu Christi führen. So etwas bereitet sich in der westlichen Welt schon vor, während an vielen anderen Orten, etwa in China, in Afrika, selbst in der islamischen Welt, wir derzeit (2013) auch noch ein rapides Wachstum der Gemeinde Christi finden.

    Eine ganz wichtige Frage aber ist noch: Was ist mit den 1000 Jahren gemeint? Wann sind sie? Der Antwort nähern wir uns, indem wir auf den Anfangs- und den Endpunkt achten. Der Endpunkt, wie wir gesehen haben, ist dies, dass Satan wieder frei wird, die Völker weltweit massiv gegen die Gemeinde Christi zu verführen. Wenn dies aber seinen Höhepunkt erreicht hat, in der großen Trübsal, dann kommt der entscheidende und die gesamte Weltgeschichte für immer beendende Gegenschlag Christi, also der Jüngste Tag. Ob nun diese Kleine Zeit, von der V. 3 die Rede ist, den Abschluss dieser 1000 Jahre bilden oder an sie anzuhängen sind, so dass die gesamte neutestamentliche Zeit also die 1000 Jahre zuzüglich der Kleinen Zeit umfasst, ist eine exegetische Frage, die nicht völlig eindeutig zu lösen ist. Immerhin weisen die Aussageformen in VV. 3 und 7 doch recht deutlich darauf hin, dass die Kleine Zeit anzuhängen ist.13

    Der Beginn dieser 1000 Jahre, das haben wir bereits festgestellt, ist mit dem Sieg Christi über Satan anzusetzen, also seiner Kreuzigung und glorreichen leiblichen Auferstehung am dritten Tag. Das zeigt zugleich auch, dass die 1000 Jahre nicht wörtlich gemeint sein können, umso weniger, als die Zahlen in der Offenbarung durchgängig einen symbolischen Charakter haben. 1000 setzt sich zusammen aus 10x10x10. Zehn ist eine Zahl der vollendeten Abgeschlossenheit (Completeness) und beschreibt hier, in der dreifachen Potenz, dass es sich hier um eine feste, in sich abgerundete Zeit, eine Voll-Zeit, handelt, eben die neutestamentliche Zeit.14 G.K. Beale führt als Argumente dafür, dass es sich hier um eine symbolische Zahl handelt, unter anderem an: der durchgängig bildhafte Gebrauch von Zahlen in der Offenbarung; der bildhafte Charakter des unmittelbaren Kontexts (Kette, Drachen, Schlange, Abgrund, verschließen, versiegeln); der vorherrschend bildhafte Ton der Offenbarung überhaupt (s. 1,1).15

 

    In den Versen 4-6 geht es um das, was in den 1000 Jahren oder der neutestamentlichen Zeit geschieht. Die Frage ist ja: Was sieht der Apostel Johannes im Einzelnen und wo geschieht das? Es ist zunächst die Rede von Stühlen, auf die sich jemand setzt, denen das Gericht gegeben ist. Dann ist die Rede von den Seelen der Enthaupteten um des Zeugnisses Jesu und des Wortes Gottes willen. Steht hier der Begriff „Seelen“ für „Personen“, wie ihn etliche, gerade die Chiliasten, nehmen? Nein, das ist unmöglich, denn hier ist von „Seelen der Enthaupteten“ die Rede, also von Seelen von Personen, so dass hier tatsächlich nur die von den Leibern unterschiedenen Seelen gemeint sind. Und es ist dann von denen die Rede, die nicht angebetet haben das Tier noch sein Bild und das Mahlzeichen nicht genommen haben. Das umfasst damit alle, die im Glauben an Christus treu beharren. Somit können wir sagen, dass diejenigen, die da mit Christus regieren, alle die sind, die im Glauben an Jesus Christus sind, wobei die Märtyrer besonders genannt werden – und zwar ist hier von den Seelen die Rede. Das zeigt wiederum an, dass es sich hier nicht um ein irdisches Reich handeln kann, zu dem man schließlich nicht nur Seelen, sondern wirkliche Personen benötigt, sondern um ein geistliches Reich. Es ist auch nirgends in diesen Versen davon die Rede, dass Christus auf Erden regieren würde. Das wird einfach in den Text hinein gelegt. Ja, es ist überhaupt nicht direkt von der Herrschaft Christi die Rede, sondern der Schwerpunkt liegt vielmehr auf denen, die mit Christus regieren.16

    Es handelt sich also, das ist ganz deutlich, nicht um ein irdisches Reich, das wird aus den Worten in V. 4 ganz deutlich, denn es geht ja um die Seelen, die mit Christus regieren, also um ein geistliches Herrschen und Richten. Dies stimmt auch mit Joh. 18,36 überein, wo Christus ganz deutlich sagt, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist. Diesem Vers widersprechen auch all die chiliastischen Behauptungen eines irdischen Friedensreiches. Wie aber ist dieses Herrschen und Richten dann zu verstehen? In Kap. 1,6 ist davon die Rede, dass Christus die Seinen zu Königen und Priestern gemacht hat. Und in 1. Petr. 2,9 wird die Gemeinde Christi beschrieben als das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums. Die Gemeinde Christi regiert und richtet mit Christus durch lehren und den Gebrauch der Schlüssel, also der Gnadenmittel, die ja nach Joh. 20,21-23 gerade auch das Binden und Lösen mit einschließen.17

    Die Chiliasten sprechen in diesem Zusammenhang und besonders von V. 5 her von einer ersten und zweiten leiblichen Auferstehung und behaupten, dass es sich bei denen, die mit Christus regieren, um solche handelt, die an einer ersten leiblichen Auferstehung teilhaben. Davon aber sagt der Text gar nichts. Das neue Gesicht, das Johannes in den Versen 4-10 hat, spricht eindeutig nur davon, dass er Seelen gesehen hat (was auch bereits deutlich macht, dass es sich hier um bildhafte Rede handelt, eben eine Vision, denn Seelen sind ja eigentlich nicht sichtbar). Was Vers 5 sagt ist dies, dass „die anderen Toten“ in dieser neutestamentlichen Zeit nicht wieder lebendig wurden (vom Griechischen her heißt es ganz genau: „lebten nicht, bis dass …“; was nicht besagt, dass sie es danach lebten18). Dass es keine zwei leiblichen Auferstehungen gibt, ist das klare Zeugnis auch aller anderen Bücher der Bibel. Christus spricht in seinen Endzeitreden eindeutig nur von einer leiblichen Auferstehung am Jüngsten Tag. Mit seinem Wiederkommen ist jegliche Möglichkeit einer Umkehr, einer Bekehrung genommen. Mit seinem Wiederkommen sind vielmehr die Scheidung und das Ende der Weltgeschichte da. Joh. 5,28-29 besagt unmissverständlich, dass alle, an Christus Gläubige wie Ungläubige, zur gleichen Zeit leiblich auferstehen werden. Auch müssen wir bedenken, dass in V. 4 eindeutig von „Seelen“ die Rede ist. Seelen aber sterben nicht, können damit auch nicht leiblich auferstehen.19

    Was aber ist dann mit der „ersten Auferstehung“ gemeint? Die Bibel verwendet den Begriff der Auferweckung oder Auferstehung oder Lebendigmachung nicht nur für die leibliche Auferstehung, sondern auch geistlich, nämlich für die Wiedergeburt oder Bekehrung, so besonders Eph. 2,4-6; 5,14 und Kol. 2,12-13; 3,1-4. Damit ist auch angezeigt, was in Offenb. 20,5 mit der „ersten Auferstehung“ gemeint ist, nämlich die geistliche Auferstehung oder Wiedergeburt und Bekehrung. Und das passt auch ganz klar in die Aussagen von Offenb. 20,4-7: Denn damit ist ausgesagt, dass es sich bei denen, die mit Christus regieren und richten um die Gläubigen bzw. die Seelen der Gläubigen handelt, also derer, die im Verlauf der 1000 Jahre oder neutestamentlichen Zeit durch das Evangelium geistlich auferweckt, lebendig gemacht werden. Die anderen Toten sind dann die geistlich Toten, sind die Menschen, die nicht an Christus als ihren Retter glauben und auch während der 1000 Jahre oder neutestamentlichen Zeit nicht zum rettenden Glauben an ihn kommen, das heißt, geistlich nicht lebendig werden. Darum ist auch der selig, der Teil hat an der ersten Auferstehung, weil über den der andere Tod keine Macht hat. Der „andere Tod“ ist also nicht der leibliche Tod, sondern der ewige Tod, die Verdammnis, wie V. 14 ganz klar aussagt. Wer durch das Evangelium geistlich lebendig gemacht, wiedergeboren wurde, der ist ja vom Tod zum Leben hindurchgedrungen, an dem hat die Verdammnis keinen Anteil, kein Anrecht mehr. Wer dagegen in diesem Leben nicht wiedergeboren wird, also nicht geistlich auferstanden ist, der kommt vom geistlichen Tod in den ewigen Tod oder die Verdammnis. Die aber Teil haben an der ersten Auferstehung, die sind Priester Gottes und regieren mit Christus, wie schon in V. 4 ausgedrückt. Die Aussage in V. 6 bestätigt damit nochmals, dass es sich in V. 4 um die (Seelen der) Gläubigen handelt, die mit Christus geistlich regieren und richten.

    Von der leiblichen Auferstehung, und zwar aller Toten, ist ja erst in Offenb. 20,11-15 die Rede.20

 

    Die Verse 7-10 sprechen dann von der Kleinen Zeit, wenn also die Beschränkungen, die Satan auferlegt wurden, sein Binden, wieder gelöst werden, so dass er jetzt die Heiden weltweit zum letzten umfassenden Angriff auf die Gemeinde Jesu Christi versammeln kann. Damit tritt das ein, was Christus in Matth. 24 mit der großen Trübsal beschreibt, der großen Verführung weltweit durch Satan. „Gog“ und „Magog“ stehen dabei allgemein für die Feinde der Kirche, die sich ja unter den unterschiedlichsten Gesichtern im Laufe der Geschichte zeigen. Die Schlacht, die dann beschrieben wird, ist identisch mit der schon in Kap. 16,16 und in Kap. 19 dargelegten Schlacht von Harmageddon, von der auch schon Hesekiel in Kap. 39-17-20 schrieb.21



1 vgl. Laurence White: The Book of Revelation. Excursus: The Millenium. http://www.osl.cc/believe/revhome.htm

2 vgl. ebd.

3 vgl. ebd.

4 vgl. Lewis Sperry Chafer: Dispensationalism, S. 107, in: White, a.a.O.

5 vgl. White, a.a.O.

6 vgl. ebd.

7 vgl. Andreas Drechsler: Revelation 20. CELC Europe – Regional Meeting in Pilsen, Czech Republic, 19-21. April 2007. S. 1

8 vgl. Drechsler, a.a.O., S. 2. 3

9 vgl. John Stephenson: Eschatology (Confessional Lutheran Dogmatics), in: White, a.a.O.

10 vgl. Missouri Synod, Commission on Theology and Church Relations: Eschatology, S. 42-43; in: White, a.a.O.

11 vgl. Drechsler, a.a.O., S. 4

12 vgl. Drechsler, a.a.O., S. 5. Dies Binden allerdings, wie es bei Siegbert Becker und Drechsler geschieht, allein mit der Verkündigung des Evangeliums zu umschreiben, erscheint mir zu kurz, da es gewiss auch in der Kleinen Zeit noch verkündigt wird, nur der Widerstand immer größer wird.

13 Siegbert Becker weist allerdings in seinem Kommentar, S. 303, darauf hin, dass es sich bei der Zeitform um einen subjunktiven Aorist handelt und nicht um einen vollendeten Aorist, so dass die Möglichkeit offen bleibt, dass mit dem, was vollendet wird, nur die vorangegangenen Ereignisse umschrieben werden, während das Folgende, hier die Kleine Zeit, deshalb aus dem Gesamtzeitraum nicht ausgeschlossen sein muss. Vgl. Drechsler, a.a.O., S. 6 f.

14 vgl. Drechsler, a.a.O., S. 6.

15 vgl. White, a.a.O., zu 20,2

16 vgl. Drechsler, a.a.O., S. 8

18 Der hier im Griechischen verwendete Begriff für „leben“, „zao“, wie auch das Substantiv dazu, „zoe“, wird im Neuen Testament im Allgemeinen und besonders auch bei Johannes nur verwendet für das wahre, ewige Leben, das wir nur in der Gemeinschaft mit Jesus Christus haben. Auch das macht es unmissverständlich deutlich, dass es sich hier bei „leben“ und „auferstehen“ nicht um das irdische, natürliche Leben und die leibliche Auferstehung handelt, sondern um das geistliche Leben, in das ein Mensch eben nur durch die „erste Auferstehung“, also die Wiedergeburt, die geistliche Auferweckung oder Auferstehung kommt. vgl. White, a.a.O., u 20,5

19 vgl. Drechsler, a.a.O., S. 9

20 vgl. Adams, a.a.O., zu 20,4-6. Einige, wie Lenski oder auch White, a.a.O., zu 20,6, meinen, dass die „erste Auferstehung“ den Übergang der Seelen beim leiblichen Tod des Gläubigen in den Himmel bedeute. Dies ergibt sich aber aus dem Text hier nicht und stimmt auch nicht mit den anderen Schriftstellen überein, von Auferstehung, Auferweckung oder Lebendigmachung in einem geistlichen Sinne sprechen, nämlich von der Wiedergeburt, Bekehrung.

21 vgl. Drechsler, a.a.O., S. 10-11