Vom Verständnis oder der Auslegung des Wortes Gottes

 

I. Streitpunkte: Hinsichtlich dessen, wie die Heilige Schrift zu verstehen, auszulegen sei, ist die alte bibelgebundene Theologie angegriffen worden von den Neuerern, die die Wörterinspiration ablehnen und entweder die Philosophie oder irgendeine Wissenschaft (Naturwissenschaft, Psychologie, Linguistik, Religionswissenschaft) zur Voraussetzung des Schriftverständnisses machen, das heißt, die Schrift nach diesen äußeren Vorgaben auslegen; andere, die an der Bibel festhalten wollten, haben das „fromme Ich“ und seine Erfahrungen zum Ausgangspunkt ihres Schriftverständnisses gemacht; wieder andere haben von einem „Ganzen der Schrift“ gesprochen, das dem Verständnis der einzelnen Schriftstellen vorgeschaltet werden müsste, haben aber die Analogie des Glaubens, entnommen aus den hellen Schriftstellen, abgelehnt; wieder andere, die treu an der Schrift halten wollen, haben behauptet, die Lehre könne nicht ohne Exegese aus der Schrift entnommen werden, sondern es sei eine besondere Auslegung notwendig, um die biblische Lehre feststellen zu können; sie haben auch behauptet, aus dem, was Gott nicht verboten habe, ableiten zu können, dass dieses nicht Verbotene dann als Gottes Wille bezeichnet werden könne; andere haben behauptet, alles das sei eine offene Frage, die noch nicht in den Bekenntnisschriften erörtert worden sei; wieder andere erklärten, das sei eine offene Frage, über die die Kirche noch nicht auf einem Konzil oder einer Synode entschieden habe; etliche haben der Schrift ein von außen kommendes Korsett von sieben Haushaltungen übergestülpt, nach denen die Bibel auszulegen und verbindlich sei; etliche haben gesagt, man dürfe die Bibel nur zu den Themen nach der Seligkeit des Menschen und einem Gott wohlgefälligen Leben befragen, zu allen anderen Themen sei die Bibel nicht relevant; in diesem Zusammenhang haben etliche von einer „doppelten Wahrheit“ gesprochen, nämlich dass eine Aussage historisch falsch, aber theologisch richtig sein könne; etliche haben behauptet, dass viele Aussagen der Heiligen Schrift nur zeitbedingt oder aus ihrem historischen Umfeld her bedingt seien, aber nicht verbindlich für alle Zeiten, ohne dass die Schrift selbst dazu anleitet; etliche behaupten, die Schrift enthalte Weltbilder, Mythen, Anpassungen an den Zeitgeist, und diese Dinge müssten nun eliminiert oder in unser Weltbild übersetzt werden; etliche behaupten, das Verständnis der Schrift hänge jeweils vom Getroffensein des Lesers oder Hörers in seiner Situation ab.

 

II. Bekenntnis der biblischen Lehre:

     1. Grundlage allen Verstehens der Heiligen Schrift ist die Tatsache, dass sie ganz und gar geistgehauchtes Wort ist, also Wort Gottes, Gott ihr alleiniger Urheber, Autor, Verfasser ist, 2 Tim. 3,13-17; 2 Petr. 1,21, und sie daher in allen Aussagen, auch solchen, die Geschichte, Geographie, Naturwissenschaften und anderes „Profane“ betreffen, absolut irrtumslos, absolut widerspruchslos ist, Joh. 10,35. Sie ist darum verschieden von allen anderen Büchern auf Erden und daher alleinige Quelle, Richtschnur und Meisterin in allen Sachen des Glaubens und der Lehre. Darum können parallele Berichte zur gegenseitigen Ergänzung und Harmonisierung herangezogen werden. Sollte eine Harmonisierung nicht erreicht werden können, so liegt dennoch kein Widerspruch oder Irrtum seitens der Heiligen Schrift vor, sondern ein Mangel an Verständnis der Schrift unsererseits.

    Mit der Geistgehauchtheit oder Inspiration ist nicht nur eine Inspiration des Inhaltes – die gleichzeitig die Inspiration des Buchstabens leugnet – gemeint, auch nicht nur eine Inspiration des Wortes, die gleichzeitig die Inspiration der Wörter leugnet, nicht bloß eine Inspiration des Schriftganzen, während diejenige der einzelnen Teile geleugnet wird, sondern jeder Buchstabe der Heiligen Schrift wird als göttlich inspiriert anerkannt (Buchstaben- oder Wörter- oder Vollinspiration), weshalb jede Fassung eines Satzes, jede Form der Darstellung ein göttlicher Fingerzeig auf den rechten Sinn für den Schriftausleger ist. (siehe auch: Eikmeier, These 1)

    Lutherische Schriftauslegung erfordert auch vor allem ein vom Heiligen Geist erleuchtetes, gläubiges Herz, da kein Ungläubiger die Schrift wirklich verstehen kann, sei er sonst noch so gelehrt, klug und scharfsinnig in allen anderen Dingen. Nicht menschliche Kunst und Weisheit wirkt rechte Schriftauslegung, sondern allein der Heilige Geist. Dabei soll nicht der rechte Gebrauch menschlicher Wissenschaft für die Auslegung der Heiligen Schrift verworfen werden; ebenso ist auch zu beachten, dass die Gaben des Geistes, auch die Gabe der Auslegung, unter den Christen unterschiedlich verteilt ist. Aber diese Gabe der Auslegung ist nicht außerhalb der Kirche, in den Unwiedergeborenen, denn sie ist ein in den Herzen der Frommen angezündetes Licht des Heiligen Geistes. (siehe auch: Eikmeier, Grundsätze lutherischer Schriftauslegung, These 1) Matth. 11,25-28; Joh. 1,5; 1 Kor. 2,14.10-12; 2 Kor. 4,6

    Weil die Heilige Schrift Gottes Wort ist, darum kann nur eine solche Auslegungsmethode anerkannt werden, die dieser Tatsache und den daraus folgenden Eigenschaften der Heiligen Schrift voll Rechnung trägt und entspricht.

    Die Methode der Schriftauslegung ist von der Theologie nicht zu trennen. Daher ist eine Methode, die die Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift ablehnt und z. B. in der Folge davon Gottes Komposition durch Literatur-, Redaktions-, Form- und andere Kritiken auseinanderreißt, grundsätzlich abzulehnen. Ebenso ist jegliche Methode abzulehnen, die Axiome (Vorentscheidungen) in die Heilige Schrift hineinträgt, sei es durch die Philosophie, die Natur- oder andere Wissenschaften, die Ideologie.

    Wir glauben, lehren und bekennen den dreieinigen Gott, der nicht außerhalb unserer Welt verweilt, sich nicht zurückgezogen, die Welt, den Kosmos nicht sich selbst überlassen hat, sondern der der Herr des Kosmos, der Welt, der Geschichte und aller irdischen und außerirdischen Mächte ist und darum auch in dieser Welt wirkt, Kol. 1,16.17, und zwar  nicht nur auf natürliche, sondern auch auf wunderbare Weise.

    2. Weil die Bibel des heiligen Gottes Wort ist, so kann und darf ihr Verständnis keiner menschlichen Vernunft, Wissenschaft, Ideologie, Philosophie, Erfahrung, Tradition oder einem menschlichen Ausleger (z.B. Lehramt, Papsttum) unterworfen werden, sondern a) ist die Schrift in ihrem einen eindeutigen Sinn, dem sensus literalis, zu nehmen als dem einzig wahren Sinn, der nur einer ist; b) legt Schrift Schrift aus (Analogie des Glaubens, Röm. 12,7, dogmatische Auslegung) und ist die Vernunft gefangen zu nehmen unter den Gehorsam Christi, 2 Kor. 10,5, denn der Heilige Geist ist allein der rechte Ausleger der Schrift. Die Schrift legt die Schrift dabei entweder unmittelbar aus, nämlich indem sie die Erklärung selbst hinzufügt – und dann ist keine andere Auslegung anzuerkennen, oder mittelbar, wenn sie die Auslegungsmittel wie Ursprache, Vorhergehendes und Folgendes, Zweck, Parallelstellen, Analogie des Glaubens, allgemeiner Zweck der heiligen Schrift, historische Verhältnisse und Umstände darreicht, welche sich in der Schrift befinden, auch wenn der Gebrauch von außen hinzukommt.

    Soweit menschliche Wissenschaften, wie Archäologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, begleitend eingesetzt werden, können sie nur dienenden Charakter haben, niemals aber die Aussage der Schrift oder einer Stelle der Schrift beeinflussen oder festlegen.

    Der eigentliche buchstäbliche Sinn ist derjenige, welchen der Heilige Geist durch die eingegebenen Worte, mögen dieselben nun eigentlich oder bildlich zu nehmen sein, zunächst beabsichtigt; z.B die Aussage „Herodes ist ein Fuchs“ hat als buchstäblichen Sinn: Herodes ist einem Fuchs in List und Bosheit ähnlich. (Pfeiffer, in: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI C)

    Der buchstäbliche Sinn kann sowohl der eigentliche als der uneigentliche sein; von der eigentlichen Bedeutung eines Wortes oder Satzes ist aber nur abzugehen, wenn die Schrift selbst dazu zwingt, nämlich entweder die Umstände des Textes selbst oder eine Parallelstelle oder die Analogie des Glaubens. (siehe: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI F)

    Jede Stelle der Heiligen Schrift hat nur einen buchstäblichen Sinn, das heißt, jede hat einen bestimmten und durch die Worte, mögen sie nun eigentlich oder bildlich zu nehmen sein, vom Heiligen Geist zunächst beabsichtigten Sinn, welches eben der buchstäbliche ist. Allein dieser buchstäbliche Sinn ist beweiskräftig. (siehe: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI C; D)

    Wir wissen von keinem Geist Gottes und suchen keinen Geist Gottes außerhalb des Wortes und Buchstabens der Heiligen Schrift. (siehe: Eikmeier, These 6)

    Bei der Begründung jeder Lehre ist immer auf die vorhandenen klaren Hauptstellen, den eigentlichen Sitz der Lehre, zurückzugehen. (siehe auch: Eikmeier, These 5)

    Das Verständnis der Begriffe ergibt sich a) aus dem natürlichen Sprachgebrauch und ihrer eigentlichen und ursprünglichen Bedeutung, welche der Buchstabe oder die Grammatik und die natürliche Weise zu reden mitbringt und b) aus ihrem Gebrauch in der Heiligen Schrift, der daher nicht von der Sprachwissenschaft dominiert werden darf, sondern allein entscheidend ist. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI B; Pieper, Christliche Dogmatik, Bd 1, S. 441)

    Jede Auslegung, die nicht der Ähnlichkeit oder Analogie des Glaubens entspricht, Röm. 12,7; 2 Tim. 1,13, ist zu verwerfen. (Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI I) In diesem Zusammenhang gilt, dass die Grammatik der Dogmatik (Analogie des Glaubens) untergeordnet ist. Die Ähnlichkeit des Glaubens oder das Vorbild der heilsamen Worte ist die ganze Reihe oder Zusammenfassung der himmlischen Lehre von dem, was zu glauben ist oder von den Artikeln des Glaubens, welche aus solchen Schriftstellen entnommen ist, wo der Heilige Geist von denselben absichtlich oder doch nach aller Eingeständnis handelt, und zwar mit runden, einfachen, deutlichen und über alle Einwände erhabenen Worten. Über die Ähnlichkeit des Glaubens ist aus der Schrift und namentlich aus dem ursprünglichen und eigentlichen Sitz der Artikel in der Schrift zu urteilen. (Pfeiffer, in: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI I)

    3. Wir glauben, lehren und bekennen, dass die Heilige Schrift kein dunkles, unverständliches Buch ist, sondern unseren Füßen eine Leuchte und ein Licht auf unserem Wege, Ps. 119,105, also hell und klar, 2 Petr. 1,19; 2 Kor. 4,3.4. Jeder Lehrartikel ist zumindest an einer hellen Stelle deutlich gelehrt. Dunklere Stellen aber sind mit Hilfe der helleren Stellen auszulegen. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI G) Es gibt aber Dunkelheiten in der Schrift, aufgrund unserer menschlichen Unzulänglichkeit, die wir nicht erklären können.

    „Die Grundlage aller exegetischen Tätigkeit, ob wir darunter im allgemeinen die Entfaltung des Schriftinhalts oder im besondern die Erklärung schwieriger Stellen verstehen, ist die Tatsache, dass die ganze christliche Lehre in solchen Schriftstellen geoffenbart vorliegt, zu welchen Gelehrten und Ungelehrten der Zugang gleicherweise offen steht, die also keiner Exegese im Sinne der Erklärung von Dunkelheiten bedürfen.“ (Pieper, Christliche Dogmatik, Bd 1, S. 434) „Daher besteht die eigentliche Aufgabe des Exegeten darin, den fahrigen Menschengeist beim einfältigen Schriftwort festzuhalten und, wo er bereits davon abgewichen ist, zu dem einfältigen Schriftwort zurückzuführen.“ (Pieper, a.a.O., S. 435)

    Die Lehrartikel mögen sich zuweilen für die Vernunft wie Paradoxa zueinander verhalten. Sie dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt oder geglättet werden (etwa das Gesetz gegen das Evangelium; Gottes Liebe gegen Gottes Heiligkeit).

    Jede Schriftstelle der Heiligen Schrift ist zu verstehen a) nach den Regeln der Grammatik, b) nach dem Sprachgebrauch; c) in ihrem engeren, d) in ihrem weiteren Zusammenhang; e) in ihrer Stellung in dem bestimmten Buch; f) in ihrer Stellung in der Heiligen Schrift; g) in ihrer lehrmäßigen Stellung; h) im Blick auf den Skopus des Abschnittes; i) im Blick auf den Skopus des Kontextes; j) im Blick auf den Skopus des Buches und der Heiligen Schrift insgesamt und die Beziehung der Stelle dazu; k) die geschichtlichen und anderen Verhältnisse und Umstände, die in der Schrift selbst enthalten sind; l) nach der Analogie des Glaubens. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ..., These XVI) Da es Gott gefallen hat, sich uns in menschlicher Sprache zu offenbaren und zu uns zu reden, so kann auch der buchstäbliche oder eigentliche Sinn dieser göttlichen Worte und Reden nicht anders gefasst und begriffen werden als nach den Regeln, denen überhaupt alle menschliche Sprache und deren Auslegung unterworfen ist. (siehe auch: Eikmier, These 7). Doch ist der Buchstabe immer der (aus den klaren Stellen der Heiligen Schrift geschöpften) Analogie des Glaubens unterzuordnen, daher ist in diesem Sinne die Dogmatik die Königin über die Grammatik. (siehe Eikmeier, These 8)

    Die Anordnung der Perikope, der Bau der Sätze, die Wortwahl und Wahl des Stiles sind dabei genau zu beobachten, denn alles steht so nach Gottes Willen und Plan und hat seine Bedeutung für die Aussage. Unterschiede in Wortwahl und Stil innerhalb eines Abschnittes oder Buches bedeuten nicht unterschiedliche Verfasser, sondern stehen im Zusammenhang mit den Aussagen und sind in dieser Beziehung zu beachten.

    4. Weil die Heilige Schrift als das geistgehauchte Gotteswort vollkommen ist, also alles enthält, was zur Seligkeit und einem Gott wohlgefälligen Leben nötig ist, 2 Tim. 3,14-17, darum bedarf sie auch keiner Ergänzung durch irgendeine Tradition, Wissenschaft, Philosophie oder sonstige Lehre von außerhalb.

    5. Wir glauben, lehren und bekennen, dass die Schrift nur dann recht verstanden werden kann, wenn Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Kern und Stern der Schrift Alten und Neuen Testamentes verstanden wird, 1 Kor. 2,2; 3,11; Luk. 24,27, und somit die Rechtfertigungslehre (Rechtfertigung allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst willen, allein durch den Glauben) als die Zentrallehre der Heiligen Schrift. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVIII A) Joh. 5,39; Luk. 24,27; Joh. 14,6; Apg. 4,12; 2 Kor. 1,20.

    Der Schlüssel zum Verstehen der Heiligen Schrift ist daher die rechte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, 2 Tim. 2,15, ohne die die Aussagen der Schrift verdunkelt und verwirrt werden. (Zur ausführlichen Darlegung wird verwiesen auf die Abendvorträge von C.F.W. Walther über Gesetz und Evangelium. Und: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVIII B)

     Die Heilige Schrift ist uns gegeben zur Lehre, zur Aufdeckung der Schuld, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 2 Tim. 3,16, vorzüglich zur Unterweisung zur Seligkeit durch den Glauben an Jesus Christus, Joh. 20,21; 2 Tim. 3,15; 1 Joh. 5,13; uns zum Vorbild und zur Warnung, 1 Kor. 10,1-11; zur Vollkommenheit unserer Freude in dem Herrn, 1 Joh. 1,4; damit wir sicheren Grund unter den Füßen haben, Luk. 1,4. Sie will damit ein Zuchtmeister auf Christus sein, zur Sündenerkenntnis und Reue führen (2. Gebrauch des Gesetz, Röm. 7,7; Gal. 3,24), uns den Willen Gottes kundtun (3. Gebrauch des Gesetzes, Ps. 119; Röm. 3,31; 1 Joh. 2,5), vor allem aber die Absolution Gottes in Christus Jesus uns zueignen und den allein seligmachenden Glauben an Christus wirken (Evangelium, Joh. 6,63; Luk. 24,47; 1 Kor. 1-2; 2 Kor. 5,16-21). Sie ist kein leeres Wort, sondern ist Geist und ist Leben, Joh. 6,63, wirkkräftiges Gnadenmittel.

    Jeder Lehre des Wortes Gottes ist diejenige Stellung und Bedeutung zu geben, die dieselbe in Gottes Wort selbst hat.

    6. Wir glauben, lehren und bekennen, dass wir in der Heiligen Schrift nur zwei große Einheiten haben, die einander aber nicht widersprechen, sondern auf einander aufbauen, nämlich Altes und Neues Testament oder Alten und Neuen Bund, Jer. 31,31 f.; Hebr. 8,8 ff. Das Alte Testament führt hin auf das Neue Testament, ist vor allem auch Verheißung; das Neue Testament kommt vom Alten her, ist die Erfüllung und Vollendung. Das Alte Testament wird darum nur richtig verstanden, wenn es vom Neuen Testament her und damit christozentrisch verstanden wird, Luk. 24,23; Joh. 5,39.

    Viele Aussagen des Alten Testamentes sind direkte Prophetien auf Jesus Christus und daher auch so und nicht typologisch zu verstehen. Neben diesen direkten Prophetien (wie 2 Sam. 7), gibt es aber auch noch wirkliche typologische Prophetie, etwa in den Personen (Noah, Joseph, Mose, Josua, David, Salomo) oder den gottesdienstlichen Ordnungen (Opfer, Versöhnungsopfer, Leuchter, Schaubrote, Sabbath).

    Wir glauben, lehren und bekennen, dass das leibliche Israel in sofern eine Sonderstellung einnimmt, als es Gottes Zeichenvolk ist und bis zu Christi Wiederkunft bleiben wird (Matth. 24,34), das Volk, an dem der Herr sein Handeln in Gericht und Gnade allen anderen Völkern vor Augen führt. Das geistliche Israel oder geistliche Volk Gottes aber sind allein die an den Messias, den Heiland Jesus Christus, Gläubigen, die aus den Juden wie den Heiden kommen, Eph. 2,11 ff., und denen allein die Verheißungen des Alten und Neuen Testamentes gelten, Röm. 2,25-29.

    7. Wir glauben, lehren und bekennen, dass der lebendige, dreieinige Gott sich in der Geschichte offenbart hat, nämlich im Zusammenhang von Ereignissen in dieser Welt. Deshalb aber ist Gottes Wort, Gottes Lehre nicht zeitbedingt, sondern ewig unveränderlich, gleich für alle Zeiten, Völker, Kulturen, Rassen, Klassen, Ps. 119,89-91.

    Etliche Aussagen der Heiligen Schrift haben ihre unmittelbare Bedeutung nur für eine bestimmte Zeit (z.B. die Sozial- und Religionsgesetze des Alten Bundes), aber das geht eindeutig aus der Schrift selbst hervor. Das Sitten-, Moral- oder natürliche Gesetz gilt dagegen für alle Menschen aller Zeiten. Wir finden es im Alten Testament dort, wo Gott auch die Heiden darum straft, oder in solchen Anordnungen, die dann im Neuen Testament wiederholt werden.

    Einige Stellen sind, besonders bei prophetischen Texten, bildhafte Rede, die dann durch andere Stellen der Schrift auszulegen sind. Aber auch solche Stellen werden durch die Schrift selbst als Bildrede deutlich bezeichnet.

    8. Grundlegend für alle rechte Auslegung ist der Ur- oder Grundtext. Bei der Vergleichung der verschiedenen Handschriften ist a) vor allem ihre geistliche Herkunft wichtig; Handschriften rechtgläubiger Gemeinden sind denen von Häretikern vorzuziehen; b) zu untersuchen, wie viele Entstellungen biblischer Lehre und des Textes sich in einer Handschrift feststellen lassen (was ihren Wert reduziert); c) zu prüfen, wie groß die Anzahl der Zeugen einer Textform ist; d) die Kontinuität der Überlieferung zu beachten; e) zu prüfen, wie der Kontext zu der Textform steht; f) die Gesamtaussage der Zeugen der frühen Kirche zu berücksichtigen; g) zu prüfen, wie es um die anerkannte Verbreitung der Handschrift in der frühen Kirche stand.

    Ausgangspunkt ist dabei die Verheißung Jesu, dass wohl Himmel und Erde vergehen werden, seine Worte aber nicht, Luk. 21,33, weshalb auch tatsächlich der Urtext erhalten geblieben ist und von uns nur festgestellt werden muss.

    9. Was die Heilige Schrift selbst zu den Einleitungsfragen sagt – etwa über Schreiber, Abfassungszeitpunkt, -ort; -grund – ist biblische Lehre und damit verbindlich und keine bloß „literarische Frage“.

    10. Alles, was die Heilige Schrift lehrt, kann nicht offene Frage sein, sondern ist durch Gottes Wort schon entschieden. Zu allem aber, wozu die Heilige Schrift schweigt, muss die Theologie auch schweigen und darf keine eigene Lehre ohne Schriftgrund setzen. Solches sind dann echte offene Fragen und in dieser Welt auch nicht lösbar. Lehre in der Kirche kann nur sein, was als in Gottes Wort enthalten unwidersprechlich gewiss erwiesen ist. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XIX)

    Gottes Lehre, Gottes Ordnung und Gottes Mandat kann nur sein, was die Heilige Schrift tatsächlich lehrt. Wenn die Heilige Schrift keine Aussagen trifft, kann aus diesem Schweigen zwar gefolgert werden, dass in diesem Bereich eine christliche Freiheit gegeben ist, nicht aber, dass aus menschlicher Vereinbarung erfolgende Übereinkünfte, Ordnungen göttliches Recht sind.

    11. Die Behauptung, weil das alttestamentliche Zeremonialgesetz im Neuen Testament mit dem Neuen Bund aufgehoben ist, so könne es im Neuen Bund keine Ordnungen oder Mandate Gottes geben, ist eine philosophische und keine Schriftaussage und daher eine unbiblische Vorentscheidung, durch die die biblische Lehre verändert wird. Gottes Ordnungen und Mandate im Neuen Bund (zum Beispiel die Gnadenmittel, die örtliche Gemeinde, das heilige Predigtamt, die Kirchenzucht) sind allerdings keine Gesetze im alttestamentlichen Sinne, dass wir durch ihr Halten die Seligkeit gewinnen könnten, sondern sind evangelische Ordnungen und Mandate, deren sich Gott bedient, um uns das Heil in Jesus Christus anzubieten, darzureichen, zuzueignen.

    12. Nach evangelisch-lutherischen Grundsätzen ist die Übereinstimmung der rechtgläubigen Kirche, der Bekenntnisse und der Väter ein Zeugnis für die richtige Auslegung der Heiligen Schrift und ist darum für uns glaubensstärkend, in dem richtigen Verständnis der Heiligen Schrift uns fördernd, versichernd und befestigend, aber dasselbe kann an und für sich nicht maßgebend sein, sondern letzteres ist immer nur die heilige Schrift. (Eikmeier, These 10)

    „Ein Christ ist sich immer seiner eigenen großen Schwachheit bewusst, er ist immer bereit, von seiner eigenen Person, von seinen eigenen Gaben, von dem Maße seiner eigenen Erkenntnis das Geringste zu denken, weit entfernt darum, die Zeugnisse der Bekenntnisse und Väter gering zu schätzen, erkennt er, eingedenk dessen, was St. Paulus 1 Kor. 12,10.11 und 1 Thess. 5,20 sagt, in denselben vielmehr ein herrliches Mittel, welches nicht nur das rechte Verständnis der heiligen Schrift fördert, sondern auch das Herz fest und gewiss macht.“ (Eikmeier, These 10)

    „In Fällen aber, wo ein Christ in Sachen der Lehre oder auch der Auslegung einer Schriftstelle eine Meinungsverschiedenheit bei sich fände mit dem Zeugnis der alten Kirche oder auch eines der großen Lehrer derseslben, da müsste ihn das nur treiben, umso mehr anzuhalten mit Suchen und Forschen und um Erleuchtung des Heiligen Geistes zu bitten, bis er entweder sich von der Richtigkeit der Meinung und Lehre der alten Kirche und der Väter überzeugt hat; oder aber im andern Fall sich um so klarer, fester und gewisser geworden ist aus Gottes Wort, dass er den richtigen Sinn desselben erkannt, die alten Väter dagegen geirrt haben.“ (Eikmeier, These 10)

 

    Wir verwerfen als falsche Lehre bzw. Praxis: dass die Heilige Schrift Gottes- und Menschenwort sei; dass in der Heiligen Schrift Gottes- und Menschenwort unterschieden werden müssten; dass es in der Heiligen Schrift Anpassungen an den Zeitgeist, an menschliche Weltbilder und damit „Mythen“, Fehler, Irrtümer, Widersprüche gebe; dass die Heilige Schrift einem Vorverständnis der menschlichen Vernunft oder Philosophie oder Wissenschaft unterworfen wird (z.B. einem diesseitigen Weltbild, das Wunder und ein direktes Eingreifen Gottes ausschließt; oder dem Vorverständnis durch Naturwissenschaften, Psychologie, Soziologie, Linguistik oder anderen menschlichen Erkenntnissen); dass die Heilige Schrift nur in ihren „heilsmäßigen“ Aussagen irrtumslos sei; dass aus der Heiligen Schrift nur heilsmäßige Lehre gezogen werden dürfte, keine verbindlichen Aussagen in naturwissenschaftlichen, geographischen, historischen Dingen; dass die Aussagen der Heiligen Schrift zeitbedingt und daher je nach Kultur und Zeit veränderlich seien; dass alle Aussagen der Heiligen Schrift linear auf einer Ebene lägen und nicht um den Kern, den Jesus Christus für uns, in kleinerem oder größerem Abstand gruppiert und in der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium zu verstehen sind; dass die Heilige Schrift in (sieben) verschiedene „Haushaltungen“ zu unterteilen sei, wobei die ihnen zugeordneten Abschnitte für andere Zeiten nur bedingte Bedeutung und Verbindlichkeit hätten; dass die Prophezeiungen des Alten Testamentes auf das Israel nach dem Fleisch, nicht nach dem Geist (Gemeinde Jesu Christi) gingen; dass es neben dem buchstäblichen Sinn noch andere schriftgemäße „Sinne“ geben könnte; dass es neben der Heiligen Schrift oder über ihr Autoritäten (Vernunft, Wissenschaft, Philosphie, Lehramt, Papsttum) geben könnte, die ihre Auslegung beeinflussen oder bestimmen; dass Zweifel an der Heiligen Schrift erlaubt und nicht Sünde wären; dass abgesehen wird von den objektiven Tatsachen, die Gott geschaffen hat, hingesehen dagegen auf subjektive „existentielle Getroffenheit“ heute; dass es nicht darum gehe, was die Schrift tatsächlich, objektiv, Aussage, sondern was sie mir heute sage; dass die Schrift dunkel sei und deshalb einer besonderen Auslegung durch ein angeblich von Gott geordnetes Lehramt oder Papsttum bedürfe; dass der Ausgangspunkt für die Theologie und das Schriftverständnis die Lage des Menschen, seine Wünsche, Bedürfnisse sein müsste; dass direkte christusbezogene Prophetie des Alten Testamentes typologisch verstanden wird; dass die Methode der Schriftauslegung neutral sei und daher jede Methode in der Theologie angewendet werden dürfte; dass die Grammatik auch gegenüber der Dogmatik (Analogie des Glaubens) bestimmend sei; dass die Aussage der Begriffe aus der Sprachwissenschaft anstatt aus der Bibel zu gewinnen sei; dass es im Neuen Testament keine göttlichen Ordnungen und Mandate gebe; dass auch dies aus göttlichem Recht gesetzt sein könne, worüber die Heilige Schrift tatsächlich gar nichts aussagt; dass die biblische Lehre nicht allein aus den hellen und klaren Schriftstellen zu gewinnen ist, sondern durch die Exegese oder gar eine besondere exegetische Methode erst ermittelt werden oder zumindest unzweifelhaft gemacht werden müsste; dass die Analogie des Glaubens nicht die aus den hellen Stellen der Schrift gewonnene Schriftlehre sei, sondern die Glaubenshaltung des frommen Ich oder ein „Ganzes der Schrift“ oder ein sonst nicht allein aus der Schrift gewonnenes Lehrsystem; dass die Kenntnis der Profangeschichte über ihre apologetische Bedeutung hinaus irgendeine Bedeutung für die Auslegung der Heiligen Schrift habe oder dafür sogar notwendig sei oder sie zumindest ergänze; dass deshalb die exegetische Arbeit die Grundlage der Theologie sei; dass es eine doppelte Wahrheit gebe, bei der die eigentliche Aussage der Bibel falsch sei, man aber dennoch theologische, „heilsmäßige“ Schlüsse daraus ziehen könnte; dass die Bibel Weltbilder, Mythen, Anpassungen an den Zeitgeist, Fehler, Irrtümer enthalte; dass die Schrift so zu verstehen sei, wie der Leser oder Hörer sie in seinem „Betroffensein“ auffasse.