Vom Gottesdienst der Gemeinde Jesu Christi in Abgrenzung zu den „Lobpreisgottesdiensten“

 

    1. Neben den in der evangelisch-lutherischen Kirche üblichen Gottesdienstformen, die alle dem Grundschema des Synagogengottesdienstes folgen, haben sich, insbesondere aus dem reformierten, methodistischen und evangelikalen Raum kommend, neue Gottesdienstformen herausgebildet, besonders der „Lobpreisgottesdienst“, z.T. in bewusstem Gegensatz zu den traditionellen Gottesdienstformen. Wie wir in dem Augsburgischen Bekenntnis, Artikel VII, bekennen, ist die Ordnung des Gottesdienstes frei, soweit sie von ihrem Inhalt, ihrer Ausrichtung und Theologie her biblisch ist. Es ist daher notwendig, diese neuen Gottesdienstformen – die trotz ihrer Vielfalt ebenfalls aus einer gemeinsamen Grundhaltung kommen – zu prüfen. Schwerpunktmäßig geschieht dies mit dem „Lobpreisgottesdienst“.

    2. Ziel des Lobpreisgottesdienstes (LGD) ist ein „Leben in der Nähe des Herzens des Vaters“. Es geht also beim LGD darum, dass der Mensch sich Gott nähert, nicht, dass Gott zum Menschen kommt. Daher treten die Mittel gottes, wie das Gesetz, ebenso Taufe und Abendmahl, völlig zurück, auch das Evangelium kommt nur wenig vor. Neues, vom Menschen gesetztes und gemachtes Mittel, ist die Musik, die in drei Stufen zu dieser „Nähe am Herzen Gottes“ führen soll, nämlich a) zunächst herausführen aus der Welt des Alltages, b) Anleiten zum Lobpreis, mit einer „zweiten Segnung“ (Geistestaufe) als Kern, c) als Schlusspunkt eine „körperliche Manifestation des Heiligen Geistes“ (oder „dritte Segnung“), etwa in Zungenrede, Prophetie, Vision, Heilung.In Extremfällen versteigt man sich darin zu behaupten, dass durch Lobpreis Gott etwas vom Menschen gegeben werde, was er, Gott, sonst nicht bekäme bzw., dass der Mensch dabei Gott segne.

    3. Was kennzeichnet also den LGD? A) Die Ferne Gottes soll überwunden werden – und zwar vom Menschen her. Dabei wird die wahre Ursache der „Ferne Gottes“ völlig ausgeblendet, nämlich einmal die natürliche Distanz zwischen Schöpfer und Geschöpf, zum anderen die durch die Sünde hervorgerufene Distanz des Sünders zu dem heiligen Gott. B) Durch Musik und Lobpreis wird versucht, die Nähe Gottes zu erzwingen. C) Ausgangspunkt ist der Mensch mit seinem Können und Wollen sowie seinen Bedürfnissen. Das Tun des Menschen tritt an die Stelle des Wirkens Gottes; das Leben des Menschen an die Stelle der Lehre Gottes; die Heiligung an die Stelle der Rechtfertigung. Ziel des Lobpreises ist nämlich – als Folge – die Möglichkeit eines „vollkommenen“, „ewigen Siegeslebens“. Damit wird die Tatsache, dass auch der Wiedergeborene Gerechter und Sünder zugleich ist, ausgeblendet, geleugnet, damit auch das Christenleben als Pilgerleben unter dem Kreuz. Der LGD ist damit deutlich Ausdruck des scharmgeistigen Triumphalismus. D) Der LGD geht aus vom „freien Willen“ des Menschen, der durch die Musik bereit gemacht werden soll für die Begegnung mit Gott. E) Jesus Christus tritt in den Hintergrund; bedeutend sind 1) der Vater, 2) der Heilige Geist, der aber nicht mehr zu Christus führt, sondern sich als „Kraft“ mitteilt. Er wirkt auch nicht mehr durch die beiseite geschobenen Gnadenmittel, sondern wird jetzt an menschliches Tun (Lobpreis) gebunden.

    4. Im Hintergrund dieses Denkens steht eindeutig die Mystik, nur dass jetzt Gott im Menschen verschwindet. Aus dem Dargelegten wird klar, dass mit dem LGD ein anderes Verständnis von Gott, Christus, Heiliger Geist und dem Menschen verbunden ist bzw. dahin führt.

    5. Mit dem LGD grundsätzlich eng verwandt sind die Gottesdienstformen, wie sie sich etwa in den Evangelization Camps Charles Finneys, in den Frontier Gottesdiensten, in den Evangelisationen Moodys und Grahams entwickelt haben, sich aber auch gerade in der Theologie der Gemeindewachstumsbewegung und ihrem Gottesdienst zeigen. Ohne den verschiedenen Bewegungen ihre Liebe zu Jesus Christus als dem Heiland der Welt, ihre Liebe zu den Verlorenen und ihren Eifer für deren Rettung absprechen zu wollen, muss doch festgestellt werden, dass ihre Theologie und die daraus folgenden Gottesdienstformen von einem falschen Ansatz herkommen, nämlich des – mehr oder weniger – freien Willens, den der natürliche Mensch angeblich hat. Damit aber zielen dann alle Gottesdienste nicht mehr auf das Gewissen, sondern auf den Willen, nämlich den natürlichen (und damit doch geistlich toten) Menschen zu einer „Entscheidung“ (für Jesus) zu bewegen. Zu diesem Zweck meint man, auf die „Bedürfnisse“ des Menschen eingehen zu müssen (und verkennt, dass allein der dreieinige Gott die wahren Bedürfnisse des Sünders kennt und in der Bibel dargelegt hat: Buße, Umkehr, Glauben, Frieden mit Gott; und ihm zu ihrer Erlangung seine Mittel – Gesetz und Evangelium – gegeben hat); meint, die Kirche auf das Niveau und die Art der Welt bringen zu müssen – und verkennt, dass Gemeinde Gottes eigentlich ein heiliger Raum ist, ein Stück Reich Gottes auf Erden, nicht verchristlichte Welt. Daher glaubt man auch, die Botschaft ändern, verkürzen, abschwächen zu können und letztlich so den Menschen in seinem Ich bestätigen zu müssen – und verkennt, dass tatsächlich aber der alte Mensch sterben muss, dass es durch Gericht zur Gnade, durch Sterben, Zerbruch zum Leben geht, Römerbrief 6. Ja, man meint, alles Anstößige wegnehmen zu müssen – und verkennt, dass die Botschaft vom Kreuz doch DAS Ärgernis ist und sein muss, 1 Korinther 1;2.

 

    6. Biblisch gegründeter evangelisch-lutherischer Gottesdienst hat als Ziel die Gottesgemeinschaft, wie uns ja Christi Gegenwart in seiner ganzen Person, nach göttlicher und menschlicher Natur, verheißen ist, wenn wir in seinem Namen versammelt sind, Matthäus 18,20, und sie im ersten Gebot vorgezeichnet ist. Er geht dabei aus von der natürlichen Distanz zwischen Schöpfer und Geschöpf sowie der heiligen Distanz zwischen dem heiligen, allmächtigen Gott und dem Sünder, der Gott zu keiner Zeit etwas bringen kann, Lukas 17,10. Gottesgemeinschaft kann daher nur verwirklicht werden, wo diese durch die Sünde aufgebrochene Distanz überwunden wird. Das ist für den Sünder unmöglich. Jede Begegnung mit Gott, auch für den Wiedergeborenen, hat als Grundlage einzig die Gnade Gottes in Jesus Christus, Johannes 3,16; 1 Johannes 4,9.10; 1,7-10, die allein eine solche Gemeinschaft ermöglicht. Wir aber können Gott nur begegnen in Buße und Glauben, die beide Gott der Heilige Geist durch das Wort wirkt, Johannes 16,8 ff.

    7. Der rechte Gottesdienst wird schon vorzeichnet im ersten Gebot: Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Hier haben wir den Ausgangspunkt, nämlich Gottes kräftiges Reden im Gesetz (du sollst nicht) und Evangelium (dein Gott, der dich aus der Knechtschaft geführt hat), das zielt auf den Glauben, nämlich dass wir Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen. Dieser Glauben wird durch das Wort Gottes gewirkt. Das macht auch deutlich, dass der rechte Gottesdienst unser ganzes Leben umfasst, wie es als Gottes Willen in den Zehn Geboten beschrieben ist. Solchen Glauben zu erreichen und zu erhalten und zu stärken dient der Gottesdienst im engeren Sinne.

    8. Evangelisch-lutherischer Gottesdienst als Gottesgemeinschaft (als Ziel, das erreicht wird nur durch den Kampf Gottes gegen die abgöttischen oder dämonischen Mächte, ein Kampf, der sich gerade auch im Gottesdienst abspielt) hat als seine zwei Pole daher Gottes Wirken und den durch dieses Wirken geweckten Glauben, der als Frucht auf Gottes Wirken antwortet in Klage und Lob. Evangelisch-lutherischer Gottesdienst weiß dabei darum, dass nicht wir Menschen zu Gott kommen können, sondern dass es allein der dreieinige Gott ist, der diese Ferne Gottes überwunden hat, nämlich in der Menschwerdung Jesu Christi, seinem Opfer auf Golgatha und seiner Auferstehung und in der von Christus veranlassten Sendung des Heiligen Geistes, der uns in alle Wahrheit leiten soll. Gott kommt jetzt im Gottesdienst zu uns Sündern und überwindet die Gottesferne durch sein Wort und Sakrament. Gott selbst ist in seinem Wort gegenwärtig, Johannes 6,63, redet durch sein Wort zu uns und wirkt durch sein Wort an uns: Nämlich durch das Gesetz die Sündenerkenntnis, Herzensreue, Herzensbuße; durch das Evangelium den rettenden Glauben und leitet ihn im neuen Leben, 1 Petrus 1,23; Römer 10,14-17; 1,16.17. Ebenso kommt der dreieinige Gott in der Taufe zu uns, Matthäus 3, dass er den alten Menschen in den Tod gebe, das neue Leben erwecke, den Geist Gottes schenke, Johannes 3,3.5; Titus 3,5; Römer 6. Im heiligen Abendmahl reicht Christus uns durch seine Einsetzung, Befehl und Ordnung durch die Hand des Dieners seinen Leib und sein Blut, unter Brot und Wein, um uns so die Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit anzubieten, darzureichen, zu schenken. In der Absolution – im Zusammenhang mit deer Einzel- wie der allgemeinen Beichte, worin wir ja unsere Sündenlast, die uns drückt, bei Christus abladen – spricht er selbst durch den Mund des Dieners uns los von der Sündenschuld, Matthäus 16; 18; Johannes 20: Christus handelt an uns. Dieses Wirken Gottes selbst stellt das Zentrum des Gottesdienstes dar, und da es durch das Wort geschieht, so ist das Wort das Zentrum des Gottesdienstes.

    9. Die Heilstatsachen, die Gott einst auf Golgatha für uns hat geschehen lassen, die Verheißungen, die er über die Jahrtausende uns gegeben hat, sie reicht er uns dar, bietet er uns an, schenkt er uns durch das Wort. Durch das Wort (rein und verbunden mit den äußeren Zeichen) empfangen wir auch alle Schätze des dreieinigen Gottes in vielfältiger Weise. Gott ist uns nirgends näher als in Wort und Sakrament.

    10. Das ist Gottes Wirken an uns, das immer voran geht, denn er kommt zum Sünder und zeigt sich uns als der handelnde Gott, der für uns in diese Welt gekommen, für uns gekreuzigt, für uns auferstanden ist und nun an uns handelt im Wort, in der Taufe, in der Absolution, im Abendmahl, der dadurch den Glauben weckt und stärkt. Als solcherart Begnadigte, Gesegnete, in denen durch das Evangelium der Glauben geweckt wurde, antworten wir dann auch im Glauben, sei es im Sündenbekenntnis, sei es in der Beschreibung eigener und fremder Not, sei es im Loben, Rühmen und Danken des dreieinigen Gottes und insbesondere unseres Erlösers Jesus Christus, 2. Gebot. Der Glaube antwortet, aus der Liebe Christi, die in sein Herz ausgegossen ist durch den Heiligen Geist, Römer 5, dann mit der immer neuen Hingabe an seinen Heiland und Erlöser als seinem Herrn, 2 Korinther 5,14.15; Römer 12,1.2; Titus 2,11-14. Der Glaube ist damit die Erfüllung des ersten Gebotes. Und hier sehen wir, wie diese Gottesgemeinschaft des Gottesdienstes eben nicht nur den Gottesdienst selbst umfasst, sondern unser gesamtes Leben – und alle Elemente – Sündenbekenntnis, Buße, Ergreifen der Vergebung, Danken, Hingabe – auch in unseren Alltag hineingehören und so unser ganzes Leben in rechter Weise zu einem Gottesdienst wird, Psalm 50, wofür dann der sonn- und feiertägliche Gottesdienst der Gemeinde in besonderer Weise Kraftquelle, Ruhepol, Wegweiser sein will.

    11. Wenn die evangelisch-lutherische Kirche, bei allen Variationen ihres Gottesdienstes, in der Grundform an der über die Jahrhunderte entwcikelten Form des liturgischen Gottesdienstes festhält, so darum a) weil darinnen Gottes Wirken und das Antworten aus dem Glauben am besten entfaltet werden; b) weil wir damit auch in der Kontinuität und Gemeinschaft der Gemeinde Jesu Christi über die Jahrtausende stehen, was nicht ohne Grund aufgegeben werden darf; c) weil die Liturgie eine Aktualisierung des Bekenntnisses ist als gebetetes und bezeugtes Dogma.

    12. Wir verwerfen daher als falsche Lehre und Praxis: dass der natürliche Mensch einen mehr oder weniger freien Willen in geistlichen Dingen hätte; dass der Mensch von sich aus die Distanz zu Gott überwinden könnte; dass unser Verhältnis zu Gott durch unseren Willen gestaltet werde; dass Gottesdienst dazu dienen müsse, den Willen des Menschen zu bewegen,noch bevor er von Gott bekehrt und wiedergeboren wurde; dass Gottesdienst darum auf die natürlichen Bedürfnisse, Lebensumstände, Gewohnheiten der Welt eingehen müsse; dass die Nähe Gottes durch menschliche Methoden (z.B. Musik, Meditation, Gebetskämpfe) herbeiführbar, erzwingbar wäre; dass Gott anders als durch die Gnadenmittel, Wort und Sakrament, zu uns komme, an uns wirke, uns segne; dass die Lehre in den Hintergrund tritt; dass nicht mehr Gott und sein Wirken, sondern der Mensch und sein Tun im Zentrum steht; dass die Tatsache des Gottesdienstes und Christenlebens als eines Streiterlebens zurückgedrängt und von einer triumphalistischen Haltung überlagert wird.