V o l k s k i r c h e    o d e r    B e k e n n t n i s k i r c h e ?

 

 

 

Ein Wort zur Klärung

 

 

 

 

Von Roland Sckerl

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

1. Situationsanalyse. 3

2. Was ist „Volkskirche“?. 4

3. Was ist „Bekenntniskirche“?. 7

4. Welche Kirche will Gott – was sagt die Bibel?. 9

5. Auch die Geschichte warnt vor falschen Wegen. 16

. 21

 

 

 

 

 

 

1. Situationsanalyse

 

    Ob man nun die Rosenheimer Erklärung der bayerischen Landeskirche zur Abtreibung nimmt, in der diese nicht kategorisch abgelehnt wird, oder die Wahl von Frau Jepsen, Frau Käßmann und Frau Wartenberg-Potter zu „Bischöfinnen“ oder die Akzeptanz von Homosexualität in vielen Landeskirchen, bis hin zu segensähnlichen „Handlungen“ für solche angeblichen „Paare“ oder, was ja hinter all dem steht, die seit Jahrzehnten um sich greifende Bibelkritik (historisch-kritische Methode), oder den Feminismus und sein neuestes Produkt, die „Bibel in gerechter Sprache“ – immer wieder und immer deutlicher stellt sich für viele, die sich eigentlich als Bibelchristen verstehen, die Frage, die ja seit Jahrzehnten immer wieder aufbricht: Kann ich in der Landeskirche bleiben? Ist die Volkskirche (denn als solche versteht sich die Landeskirche) wirklich richtig, Gottes Ordnung? Sollte ich nicht besser austreten? Und wenn ja: Wo soll ich hingehen?

Diese Fragen sind unbedingt berechtigt, denn die erwähnten Ereignisse sind ja nur die deutlichen Spitzen eines furchtbaren Eisberges von unbiblischer Lehre und Praxis. Es sei nur erinnert an die bibelkritische Theologie, die Gottes Wort nicht Gottes Wort sein lässt, das doch absolut irrtumslos, absolut richtig, ohne Widersprüche ist. In der bibelkritischen Theologie wird es dagegen zu Menschenwort oder einem Ineinander von Gottes- und Menschenwort gemacht, in dem Widersprüche, Irrtümer zu finden seien. Diese „Theologie“ beherrscht heute die Landeskirchen. Es sei erinnert an die sich daraus ergebenden falschen Lehren etwa über die Schöpfung, die Ehe, die Person Christi, die Auferstehung im besonderen; es sei erinnert an die Union zwischen landeskirchlichen Lutheranern und Reformierten (Calvinisten) trotz tatsächlicher (und sogar erheblicher) Lehrunterschiede. Es sei hingewiesen auf die Politisierung der Kirchen, die Unterstützung von Aufruhr und Revolution. Es sei aufmerksam gemacht auf die Lehrverkehrung hinsichtlich Homosexualität, die nicht mehr als Sünde bezeichnet wird. Es seien nicht vergessen die gemeinsamen Gebete mit Moslems und anderen Heiden. Kann ein bibeltreuer Christ da noch mitmachen?

Gerade die lutherischen Kirchen haben sich stets in besonderer Weise als Bibelkirchen verstanden, nämlich in der Weise, dass, wie es in den Bekenntnisschriften bezeugt wird, die Bibel „alleinige Regel und Richtschnur ist, nach der alle Lehre und Lehrer zu beurteilen sind“. Es hat sich dabei im lutherischen Sprachgebrauch der Begriff der Bekenntniskirche ausgebildet, einer Kirche, die sich im bewussten Gegensatz sieht zur pluralistischen Volkskirche, sich unbedingt gebunden weiß, auch praktisch, an die Bibel und die Bekenntnisschriften.

Mehr denn je steht nun heute für jeden Christen die Frage im Raum: Volkskirche oder Bekenntniskirche? Wo geht es lang?

Es soll dafür hier zunächst aufgezeigt werden, was Volks- und was Bekenntniskirche aus eigenem Verständnis sind und dann Gottes Wille, Gottes Ordnung für die Kirche aus der Schrift nachgewiesen werden. Schließlich sei in einem weiteren Abschnitt nachgezeichnet, welche Gefahren halbe Entschlüsse in diesem Zusammenhang mit sich bringen, dargelegt an Beispielen aus der neueren Kirchengeschichte, denn dieser heutige Kampf ist ja nichts absolut Neues.

 

 

2. Was ist „Volkskirche“?

 

Schon allein der Begriff „Volkskirche“ sagt sehr viel: Solch ein Verband will möglichst das gesamte Volk oder doch einen großen Teil desselben umfassen, will also „Kirche des Volkes“ sein. (Früher dachte man sich darunter eher: „Kirche für das Volk“. Aber auch das wäre problematisch: Denn wie soll solch ein Kirchenverband aufgebaut sein, ohne einerseits zumindest einen Teil der Glieder zu entrechten oder andererseits die Kirche dem Unglauben auszuliefern?) Damit wird sie – und sie will es heute auch sein – ein „Spiegelbild der Gesellschaft“.

Nun ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, wenn gemeint ist, dass Menschen aus allen sozialen Schichten, gleich welcher volklicher oder rassischer Herkunft, Glieder sind, hier kann und darf es keine Abgrenzungen geben. Aber darum geht es gar nicht. „Spiegelbild der Gesellschaft“ – das heißt heute, und heißt es praktisch seit fast 250-300 Jahren: Spiegelbild der Meinungen, des Zeitgeistes in dieser Gesellschaft. Und die Volkskirche will heute ja genau dies sein: Sammelbecken der Meinungen – und sie ist so zu einem pluralistischen Gebilde geworden. „Pluralismus“ oder „Pluralität“ oder „Einheit in der Vielfalt“ – das sind die Stichworte, die heute die Runde machen und das Bild der Kirche prägen. Viele Ansichten, Meinungen, Lehren sind vertreten, sollen vertreten, sollen möglich sein. Die Volkskirche heute will bewusst gar nicht Meinungen, Lehren ausschließen, sondern lädt sie geradezu ein (daher auch die verständnislose Haltung der Landeskirchen gegenüber anderen Kirchen, wenn dort noch Lehrzucht geübt wird).

Jeder vernünftige Mensch fragt sich da natürlich: Was ist denn dann noch Wahrheit, was stimmt denn nun noch? Diese Frage ist völlig berechtigt, aber der liebe Fragesteller wird in der Volks- oder Landeskirche darauf keine einheitliche, klare Antwort bekommen. Sie hängt vielmehr ganz von der Person ab, die er fragt. Ja, es kann heute schon von Theologen (Sonntagsblatt der Landeskirche für München und Oberbayern vom 22.03.1992; Münchner Merkur vom 22./23.03.1992) ungestraft behauptet werden, dass die Volkskirche eine „Konsensuskirche“ sei, ein Verband, der nicht festgelegt sei in seiner Haltung, sondern diese erst durch einen Diskurs, eine Diskussion, ermittle, immer neu bestimme. (Das ist übrigens genau das Gesellschaftsbild der neomarxistischen ‚Frankfurter Schule’: Wahrheit, Normen gibt es nicht, die Linien seien immer wieder neu in einem „freien Diskurs“ zu ermitteln.)

Ein unbedarfter Mensch wird da vielleicht einwerfen: Ja, gilt denn auch die Bibel nicht mehr? Oh, da ist man heute allerdings schlauer geworden – aber auch unehrlicher – als es noch die liberale Theologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war. Diese sagte offen, dass es für sie keine Wunder gebe, dass das Alte Testament für uns völlig unbrauchbar sei, dass es sich bei der Bibel so ziemlich nur um Menschenwort handele. Kurz gesagt: Sie ließ, wenn man alle Einwände zusammenzählt, außer den Buchdeckeln von der Bibel nur noch herzlich wenig übrig. So, wie gesagt, machen es deren Nachfolger heute nicht mehr. Schon die ‚dialektische Theologie’ und ein Rudolf Bultmann, der aus ihr hervorging, aber auch die anderen Modernisten seit den 1920er Jahren, lassen die Bibel ganz stehen – scheinbar. Aber sie erkennen sie nicht in ihrer wörtlichen Aussage an. Sie „entmythologisieren“ sie, wie das mit einem Fachausdruck heißt. Alles, was einem nicht passt, wird zu einem „Mythos“ erklärt, zu einem Bild, das man eben nicht wörtlich verstehen dürfe, das nur eine zeitbedingte Anschauung sei. Bei Bultmann etwa waren dies die Erbsünde, Gottes Gericht, Christi Erlösungswerk, insbesondere sein Leiden und Sterben für uns, die Engel, der Teufel, die Hölle. Andere gehen nicht so weit, aber immer wieder kann man, selbst in sogenannten „positiven Kreisen“ hören: Jesus habe sich dem Zeitgeist seiner Umgebung angepasst, das dürfe man nicht wörtlich verstehen, was er gesagt habe. Wo aber führt das hin? Die Bibel ist tatsächlich keine Autorität mehr in der Kirche, der Mensch hat sich vielmehr zum Richter über sie aufgeschwungen. Man wundere sich da nicht über einen Drewermann in der römischen Kirche, der praktisch nur noch Bilder in der Bibel sehen will (übrigens eine Auslegungsweise – Allegorie – die Luther eigentlich als schriftwidrig vertrieben hatte). Das ist nur konsequent im Modernismus und in den Volks- und Landeskirchen schon lange weit verbreitet. Man mag dies dann vielleicht etwas vornehmer ausdrücken, etwa, die Bibel sei wie ein Fundus, ein Acker, auf dem jeder das Seine bauen könne (so Professor Timm auf einer Tagung über Fundamentalismus in der Evang. Akademie in Tutzing, 1992). Auch die Feministinnen oder die Befreiungstheologen berufen sich auf die Schrift – aber sie nehmen die Wörter eben nicht, wie sie dastehen, lesen sie nicht mehr vom Zentrum her, dem Christus für uns, suchen daher auch nicht mehr, was sie wahrhaftig, von Christus her, uns Menschen sagt, sondern wollen sie, wie es jetzt heißt, „als Frau“, „als Unterdrückte“ lesen, wollen sich selbst darinnen suchen und stülpen der Schrift ein fremdes, außerbiblisches Vorverständnis über. (Gottes Schrift ist uns aber gegeben, dass sie uns zum Glauben an Jesus Christus führe und rette, Joh. 20,31; 5,39; 2. Tim. 3,14-17.)

Daran kann nun jeder sehen: Es ist heute in dem Bau, der sich Volkskirche nennt, ziemlich alles möglich, auch mit der Bibel, dem heiligen Wort Gottes. (Aber wie sagt doch Gott: Das tust du, und ich schweige. Da meinest du, ich werde sein gleich wie du. Aber ich will dich strafen und will dir’s unter Augen stellen. Psalm 50,21.)

Wenn aber nun die Volkskirche, wie sie selbst es ja sein will, ein „Spiegelbild der Gesellschaft“ ist – kann sie dann überhaupt noch nach biblischen Maßstäben leben? Dies ist und zwar seit Jahrzehnten, faktisch ausgeschlossen.

Wir sehen das in vielerlei Hinsicht: Abendmahlszucht wird, wenn überhaupt, nur noch ganz vereinzelt geübt, von einigen wenigen bibelorientierten Pfarrern, die dafür in ständiger Gefahr stehen, mit der Kirchenleitung in Konflikt zu geraten (so geschehen in Duisburg mit Pfr. Dietrich Reuter, der wegen Abendmahlszucht amtsenthoben wurde). Ebensowenig wird noch Kirchenzucht nach Matth. 18 durchgeführt, etwa bei Scheidung, Ehebruch, Hurerei, Geiz, Abtreibung, Trunksucht und Verleitung zu solchen Dingen, Verachtung der Predigt und der Sakramente. Es wäre ja eine solche Kirchenzucht auch völlig unmöglich, denn sie wäre ja doch an denjenigen zu vollziehen, die, um mit den Worten der Bibel zu reden, „die Welt wieder liebgewonnen haben“, bei denen die Sünde also wieder herrschend geworden ist. Aber wie soll noch Zucht geübt werden, wenn doch die Welt in der Kirche darinnen ist und sie bestimmt, beherrscht, wenn also die Kirche selbst verweltlicht ist, ja, wenn die Gemeinde gar keine Maßstäbe mehr hat, wie wir gesehen haben.

Und so steht es im besonderen auch mit dem wichtigsten Bereich, mit der Lehrzucht. Wer nicht als Pfarrer geradewegs zum Atheismus sich bekennt, der läuft kaum Gefahr, wegen falscher Lehre ein Lehrzuchtverfachen an den Hals zu bekommen (das kann schon eher denen passieren, die eine an der Schrift orientierte Lehre und Praxis versuchen, etwa gar Zucht üben; so geschehen mit Pfr. Tscharntke in Württemberg, der einen Bibelkritiker nicht als Kandidaten für das Vorsteheramt zuließ). Und auch das ist nicht verwunderlich: Was sollte denn der Maßstab sein, da doch die Volks- oder Landeskirche pluralistisch ist, also ganz bewusst die Bibel nicht mehr als die einzige und absolute Autorität und das Bekenntnis als den sie auslegenden Wegweiser anerkennt!

Daher sind Entscheidungen, die fallen, etwa auf den Synodaltagungen, Entscheidungen, die abhängig sind von den jeweils gerade herrschenden Mehrheitsverhältnissen, nicht aber gebunden an das, was Schrift und Bekenntnis dazu sagen. Es kann also zuweilen zu positiven Beschlüssen kommen – es kann sein – aber ebenso auch, wie in jüngerer Vergangenheit sehr häufig , zu sehr negativen: Und die Volkskirche verlangt von ihrem Selbstverständnis her, dass beide als richtig zu akzeptieren seien.

 

 

 

 

 

3. Was ist „Bekenntniskirche“?

 

Was ist nun aber, gerade im Gegensatz zur Volkskirche, unter einer „Bekenntniskirche“ zu verstehen? Ich bin selbst überseeisches Glied der Lutherischen Christuskirche in Fort Wayne, Indiana, einer Mitgliedsgemeinde der Lutherischen Kirchen der Reformation (Lutheran Churches of the Reformation, LCR), einem kleinen schrift- und bekenntnisgebundenen Bund freier lutherischer Gemeinden in den USA und Kanada. Die Darlegungen darüber, was Bekenntniskirche ist, was sie sein sollte, sind daher nicht nur theoretische Ausführungen, sondern auch an Lehre und Praxis in den LCR orientiert.

Bekenntniskirche, das ist, worauf ja auch der Name schon hinweist, eine Kirche unter Bibel und Bekenntnis. Was aber heißt dies nun? In solch einer Kirche ist die Schrift Gottes juristisch (Verfassung) und praktisch (also etwa hinsichtlich Verkündigung, Lehre, Veröffentlichungen, Lehr- und Kirchenzucht, Gemeinschaft mit anderen Kirchen, Ausbildung) oberste Autorität, und zwar in ihrer wörtlichen Aussage; eine Autorität, deren Lehre bezeugt wird in den von der Heiligen Schrift normierten lutherischen Bekenntnissen als einer abgeleiteten Autorität.

Verkündigt wird darum in einer treulutherischen Bekenntniskirche nicht Politik oder der Zeitgeist, auch nicht bestimmte Lieblingslehren des Pastors, sondern wahrhaft die Lehre der Schrift Gottes, mit dem Christus für uns, unserem Heiland und Erlöser und Herrn, als der Mitte Alten und Neuen Testamentes (s. 1. Kor. 2,2); der Rechtfertigungslehre, der Erlösung allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst willen, allein durch den Glauben als der Zentrallehre der gesamten Schrift (s. Röm. 1,16.17; 3,21-28); der klaren Unterscheidung von Gesetz und Evangelium (s. 2. Tim. 2,15); der Verbindung vom Evangelium im Wort mit dem Evangelium in den Sakramenten. Nicht Erlebnis, nicht Unterhaltung oder Gefühlsaufwallung sind Ziel lutherischer Verkündigung, sondern das Proklamieren der frohen Botschaft Christi und die Unterweisung in der ganzen Lehre Gottes (s. Matth. 28,19; Apg. 20,27), in dem freudigen Wissen, dass Gottes Wort und Sakrament nicht leere Hülsen sind, sondern kräftig und wirkmächtig, Gott durch sie ausrichtet, was er verheißen hat (s. Jesaja 55,10.11; Joh. 6,63; Röm. 1,16.17; 10,14-17; 1. Petr. 1,23; Tit. 3,5-7). Gottesdienst nach lutherischem Verständnis ist kein menschliches Wirken, um Gott etwas zu bringen, sondern in erster Linie Gottes Reden und Wirken an uns, ist geistlicher Kampf; und die Gemeinde gibt auf Gottes Handeln Antwort in Gebet, Anbetung, Lobpreis, Bekenntnis und Fürbitte. Dadurch soll lutherische Frömmigkeit als bibel- und sakramentsgebundene Frömmigkeit gefördert werden.

Ebenso ist auch alle Lehre, in Pastoralkonferenzen, auf Synodalversammlungen, im Seminar, in den Veröffentlichungen unbedingt an Schrift und Bekenntnis gebunden. Das heißt nicht, dass nicht einmal falsche Lehre aufkommen könnte, wie es leider zuweilen vorkommt: Aber diese wird nicht geduldet, sondern mit dem Betreffenden wird gesprochen mit dem Ziel, ihn von der Schriftlehre zu überzeugen. Wo dies aber nicht fruchtet, da hat – und Gott gebe, dass es immer so bleibe – stets die Trennung stattgefunden. Gemeinschaft – und das betrifft ja alles, was das kirchlich-religiöse Leben berührt, also etwa Predigt, Gottesdienst, Abendmahl, Mission, Gebet, Ausbildung, wird nur mit denen festgestellt, aufrecht erhalten und praktiziert, mit denen eine völlige Übereinstimmung in der Lehre und der daraus folgenden Praxis besteht.

Zum heiligen Predigtamt werden daher nur diejenigen Männer zugelassen, die, neben ihrer persönlichen und geistigen Befähigung zu diesem Amt, in einem Kolloquium (Prüfungsgespräch) unter Beweis gestellt haben, dass sie wahrhaft und in allem schrift- und bekenntnisgebunden lehren und daher völlig mit der Lehre und Praxis des Kirchenverbandes übereinstimmen.

Neue Glieder werden nicht sofort, wenn sie Interesse zeigen, aufgenommen, sondern, je nachdem, welchen geistlichen und Lehrhintergrund sie mitbringen, mehr oder weniger lange gründlich unterrichtet, damit sie selbst prüfen können, ob sie mit der Lehrstellung der Kirche übereinstimmen.

Um die reine Bibellehre und Praxis zu erhalten, zu festigen und zu vertiefen, treffen sich die Delegierten der Gemeinden (der Pastor und ein Laiendelegierter; bei den LCR in der Regel einmal jährlich) zu Synodalversammlungen, um die alle betreffenden Themen zu besprechen, vor allem aber, um sich durch Lehrvorträge geistlich zurüsten zu lassen. Beschlüsse solcher Synodalversammlungen erhalten gültigkeit aber erst, wenn die Gemeindeversammlungen sie angenommen haben.

Aus der Bindung an die Heilige Schrift ergibt sich auch, dass die Gemeinden Kirchenzucht gemäß Matth. 18 praktizieren.

Bekenntniskirche heißt damit gerade auch: Keine Anpassung an den Zeitgeist, keine Anpassung der Lehre an die Meinung der Welt; daher ganz praktisch: strikte Trennung von Kirche und Staat, keine politische Betätigung der Kirche, eindeutiges Nein zur Frauenordination und zum Rede- und Stimmrecht von Frauen in der Gemeindeversammlung; klares Nein zur Abtreibung und zur Geburtenbeschränkung (letzteres selbstverständlich mit seelsorgerlichen Einschränkungen); unbedingtes Nein zur Homosexualität und, selbstverständlich, Ablehnung jeglicher Ökumene als Verbindung verschieden lehrender Kirchen (was nicht heißt, dass freie Konferenzen für Lehrgespräche abgelehnt würden, im Gegenteil, sie sind erwünscht).

Es sollte aber auch nicht vergessen werden: Da auch eine treulutherische Bekenntniskirche nicht im Himmel, sondern auf Erden in dieser Zeit lebt, so gilt es immer wieder neu, diese schriftgemäßen Positionen festzuhalten, sich zu ihnen zu bekennen, gegen Anfechtungen, Versuchungen, sie aufzuweichen, sie zu verteidigen; zu Zeiten, wenn nötig, selbst auch Trennungen durchzuführen – denn die Kirche in dieser Welt ist und bleibt Kirche unter dem Kreuz und wartet auf die zukünftige Herrlichkeit.

 

 

4. Welche Kirche will Gott – was sagt die Bibel?

 

Nachdem wir nun die beiden grundlegenden und sich grundsätzlich von einander unterscheidenden Konzeptionen – Volkskirche sowie Bekenntniskirche – kennengelernt haben, ist es notwendig, dass wir anhand der Heiligen Schrift Gottes erkennen, welches denn Gottes Konzeption, Gottes Plan, Gottes Willen und Ordnung für seine Kirche ist, damit wir dementsprechend dann unseren Weg gehen, Entscheidungen treffen können.

Dabei wird bewusst darauf verzichtet, die gesamte Lehre von der Kirche darzulegen, wozu es andere sehr gute Bücher gibt (z.B.: Die freie christliche Bekenntniskirche; Neil Hilton: Kirche und Amt; Theodor Nickel: Über Kirche und Kirchengemeinschaft; Anmerkungen zu Kirche und Amt). Diese Abhandlung soll vielmehr beschränkt werden auf den Aspekt, der in der aktuellen und wichtigen Frage, ob Volkskirche, ob Bekenntniskirche, entscheidend ist: nämlich alles das, was sich um die Kirchengemeinschaft dreht.

 

These 1: Die Kirche, die Gott will und fordert, ist die rechtgläubige Kirche oder Kirche des reinen Wortes und der unverfälschten Sakramente.

In 1. Tim. 3,15 wird die Kirche beschrieben als ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit. Was sagt Gott damit? Die Kirche, so lehrt er uns hier, soll ein Pfeiler der Wahrheit sein. Ein Pfeiler trägt ein Gebäude, vor allem die Decke – und so soll die Kirche die Eine Wahrheit tragen, oder, anders ausgedrückt: Die Wahrheit hat ihren Stand, ihre Stütze in der Kirche. Die Kirche kann und darf keine falsche Lehre dulden, denn das wäre, als ob der Pfeiler angesägt, angeschlagen, ruiniert würde. Die Kirche soll ebenso die Grundfeste der Wahrheit sein. Eine Feste oder Festung ist ja eine fest ummauerte Schutz- und Trutzwehr, in der Menschen Zuflucht finden, in der sie sicher sind vor dem Feind, der wohl vor ihr stehen, sie angreifen mag, aber ihr keinen Schaden tun kann. Und so soll nun die Kirche eine Schutz- und Trutzburg der Wahrheit sein, das ist: Sie soll die Wahrheit, Gottes Wahrheit, Gottes Lehre, Gottes Wort verteidigen gegen alle Feinde, die diese Wahrheit angreifen, also gegen alle Irrlehrer und Irrlehre. Keine, keine einzige, darf sie darum in ihrer Mitte dulden, denn das wäre ja nichts anderes, als dem Feind, dem sie doch wehren soll, Einlass zu verschaffen. Und wie könnte es auch anders sein, hat doch Christus im hohepriesterlichen Gebet zum Vater gerufen: Heilige sie in der Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit (Joh. 17,17). Wenn wir geheiligt sind in der Wahrheit, in und durch Gottes Wort, so heißt dies nichts anderes, als dass wir abgesondert sind von aller falschen Lehre, ganz Gott, seiner Lehre, seinem Wort zu eigen sind.

Als die Juden Jesus anfeindeten und er seine Person ihnen verkündigte, da sprach er dann auch, die Scheidung deutlich machend, Joh. 8,31.32: So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Christus verheißt hier eine Erkenntnis der Wahrheit, durch die wir wahrhaft frei werden, nämlich frei von der Herrschaft der Sünde und ihrem Zwang, frei von dem Recht des Gesetzes und des Teufels, uns zu verklagen. Diese Freiheit, diese rechte Erkenntnis der Wahrheit haben wir im Glauben an Christus. Und im Glauben, durch den Glauben als dem Instrument, das die Verheißung Jesu ergreift, sind wir Jesu Jünger, Jesu Schüler. Was aber kennzeichnet sie? Es gibt ja mehrererlei Jünger, Schüler: Solche, die gerade noch so mitkommen, solche, die bewusst faul sind, bewusst sich abwenden von dem, was sie tun und lernen sollen und daher nicht das Ziel erreichen. Jesus zeigt uns nun hier, wer sein rechter Jünger ist: derjenige, der an seiner Rede, an seiner Lehre bleibt. Das bedarf eigentlich keiner weiteren Erklärung. Jesu Lehre ist das, was die Heilige Schrift Gottes lehrt, denn Christus ist ja wahrer Gott und ist das fleischgewordene Wort Gottes. Gottes Wort ist die Wahrheit. Bleiben wir an seiner Lehre, so heißt dies: bleiben an der Schrift Gottes, an dem, was sie uns lehrt, was also Gott uns lehrt, nichts anderes dulden. Rechte Kirche und rechte Jünger Jesu suchen also keine eigene Theologie, suchen keine eigene Lehren, keine Lehrentwicklung, nein, ihre Lehre ist, im tiefsten Sinne des Wortes, Repristinationstheologie, also Wiederholung der Theologie Gottes, Jesu, der Apostel und aller rechtgläubigen Theologen; ihre Lehre wirklich nur doctrina divina, göttliche Lehre, Lehre Gottes: Sie sprechen also, wie Luther es einmal ausgedrückt hat, nur das nach, was Jesus vorgesprochen hat, was im buchstäblichen, wörtlichen Sinne der Schrift gelehrt ist. Nur der ist also Jesu rechter Jünger. (Dass jemand, der in einem anderen als einem primären Fundamentalartikel aus Schwachheit irrt, dennoch selig werden kann, steht dem nicht entgegen. Das gehört jedoch in die Lehre von der Seligkeit und darf nicht in die Schriftlehre von der Kirchengemeinschaft gemengt werden, in der es darum geht, wie Gott seine Kirche will, es geht um rechte Jüngerschaft, nicht um eine kranke, stets gefährdete, der gegenüber gerade die rechten Jünger das Schriftzeugnis ablegen sollen.) Wer also anders lehrt oder nicht alles lehrt oder den Schwerpunkt verschiebt, der ist kein rechter Jünger mehr – und wer solches durch seine Gemeinschaft mit ihm toleriert, der hat ebenfalls Christi Lehre abgebrochen, sie umgestoßen, eigene Rede hinzugefügt.

Im Reichs- oder Missionsbefehl Matth. 28,18-20 befiehlt Jesus Christus seinen Jüngern, seiner Kirche, alle Völker zu Jüngern zu machen, indem sie sie taufen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehren zu halten alles, was er ihnen befohlen hat. Und was hat Christus denn gelehrt? Nichts anderes als die Lehre der Schrift, die Lehre Gottes: die Heilige Schrift ist die Lehre Christi,wie ja Christus wahrer Gott ist mit dem Vater und dem Heiligen Geist und die Bibel die Schrift, das Buch des dreieinigen Gottes. Und hier sagt Christus nun ausdrücklich, dass wir alles lehren sollen, was er uns anbefohlen hat. Alles, das schließt nichts aus, er schränkt es in keiner Weise ein: alles! Da gibt es keine Ausnahme, keinen Ausschlupf. Die gesamte Schrift Gottes, die gesamte Lehre Gottes ist gemeint, mit dem von Gott gesetzten Schwerpunkt: Der Christus für uns ist die Mitte Alten und Neuen Testamentes, die Rechtfertigungslehre das Zentrum der Schriftlehre und die rechte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium der Schlüssel zur Schrift. Alles: Es gibt kein nebensächliches, kein läßliches Wort, nichts, von dem man sagen könnte, es sei nicht so wichtig, darüber könne man einen Kompromiss schließen, nichts! Das aber heißt: Nur die Kirche kommt Christi Befehl nach, die wahrhaft keine falsche Lehre duldet, keine Kompromisse schließt, nicht Verbindungen mit falschgläubigen Kirchen eingeht oder unterhält, sondern in der nur die reine Bibellehre auch praktisch Recht hat, alles andere bekämpft wird.

Daher ermahnt Gott auch durch Petrus 1. Petr. 4,11 seine Kirche: So jemand rede, dass er’s rede als Gottes Wort, das heißt: In der Kirche darf nicht gelehrt werden als allein Gottes Wort, Gottes Lehre. Deshalb heißt es schon bei Jeremia 23,28: Wer aber meint Wort hat, der predige mein Wort recht – und Gott bedroht dann alle diejenigen Propheten, die anders lehren. Gott duldet keine falsche Lehre – und dasselbe erwartet, fordert er auch von seiner Kirche.

Wieder und immer wieder verbietet Gott daher in eindrücklichen Worten, von seiner Schrift, seiner Bibel irgendetwas wegzunehmen oder etwa hinzuzutun, so etwa schon durch Mose, 5. Mose 4,2 und 12,32 oder auch Spr. 30,6. Auch im Neuen Testament warnt er audrücklich davor, an seinem Wort etwas zu ändern, hinzuzufügen, wegzunehmen, Offenb. 22,18.19, und droht mit furchtbarer Strafe, bis hin zum Verlust der Seligkeit. Da erkennen wir so recht Gottes heiligen Ernst in dieser Sache und sollten uns recht scheuen und fürchten vor ihm und nichts an seinem Wort herumdeuteln. Wer falsche Lehre verbreitet, der verstößt auch gegen Gottes zweites Gebot.

Gott unterstreicht dies auch 1. Kor. 1,10, wenn er im Namen Christi fordert und ermahnt, dass in der Gemeinde einerlei Rede sei, nicht Spaltungen, ein Sinn, einerlei Meinung. Nun wirft man ja gerade den Rechtgläubigen immer wieder vor, sie behinderten doch die Einheit, sie ließen die Kirche nicht eines Sinnes sein, da sie nicht zu Kompromissen bereit seien. Wenn wir aber auch Joh. 8,31.32; Matth. 7,14 ff.; Röm. 16,17.18; 2. Kor. 6,14-18; 1. Joh. 4,1-3 mitbedenken, so wird ja ganz klar, wer hier der Adressat ist, an wen Gott sich hier wendet, wer hier gewarnt wird: nämlich die falschen Lehrer. Nicht die, die an der von Gott vorgegebenen Lehre festhalten, betreiben Spaltung, hindern die einerlei Meinung, sondern vielmehr diejenigen, die davon abweichen. Denn der Sinn, in dem wir eins sein sollen, die Meinung, die alle von Herzen vertreten sollen, dies alles ist nicht erst in einem freien Diskurs, in einer Diskussion zu ermitteln, sondern es ist von Gott schon vorgegeben. Wer aber davon abgeht, der zerstört den einen Sinn, die einerlei Meinung, der betreibt Spaltung. Und wenn durch Falschlehrer dieser eine Sinn, diese einerlei Meinung zerstört sind, wie können sie dann wieder hergestellt weden, wenn sich die Betreffenden nicht weisen lassen? Nicht anders als durch Trennung, an der dann nicht die Rechtgläubigen schuld sind, sondern die Falschgläubigen.

Lasst uns auch nicht vergessen, was die Kirche ist: 1. Tim. 3,15 wird sie als Haus Gottes bezeichnet. Ist sie aber Gottes Haus, so ist Gott der Hausherr. Und als solcher hat er seine Ordnung, seine Befehle – sein Heiliges Wort – gegeben. Wer aber sich dagegen wendet, der wendet sich gegen den Hausherrn, gegen Gott selbst, der will also nicht, dass die Kirche Gottes Haus bleibt.

Christus spricht Joh. 18,35 davon, dass sie sein Reich ist. Dann ist er ja der Herr, der König in diesem Reich, derjenige, der sie regiert – und er regiert sie durch sein Wort. Wer da nun anders lehrt, der erhebt sich gegen den König dieses Reiches, der betreibt Aufruhr und Revolution gegen Christus, der will Christus nicht mehr als Herrn haben. So verstößt jegliche falsche Lehre und ihre Duldung, was ja auch Gemeinschaft mit Falschgläubigen einschließt, gegen das erste Gebot, gegen Gottes Gottsein, Herrsein.

 

These 2: Darum ist jegliche, auch die scheinbar geringste, Abweichung von Gottes Wort, ganz gleich in welchem Artikel, Abfall von Gott und seinem Wort, ist Angriff auf Gottes Majestät und von Gott verworfen.

In 2. Tim. 3,16 lehrt uns Gott, dass alle Schrift, von ihm eingegeben, eingehaucht, nütze ist zur Lehre, Strafe, Besserung, Züchtigung in der Gerechtigkeit. Alle Schrift: Das bezieht sich hier zwar zunächst auf das Alte Testament als der Schrift, die damals schon vorlag, aber wir können diese Aussage mit gutem Recht ebenso auf die neutestamentliche Schrift anwenden, denn auch sie ist Gottes Wort. Und das müssen wir uns immer wieder vor Augen halten: Wir haben es hier nicht mit irgendeinem Buch zu tun, an dem wir kritisieren, korrigieren könnten, wie es uns beliebt, sondern wir haben es zu tun mit Gottes Buch, Gottes Schrift, Gottes Wort. Gott hat die Heilige Schrift den heiligen Schreibern eingegeben, eingehaucht, d.h. wahrhaft jedes einzelne Wort ihnen diktiert. Da ist kein Wort aus menschlicher Überlegung, menschlichem Gutdünken darinnen, sondern Gott selbst ist der alleinige Urheber, Autor, Verfasser der Heiligen Schrift, der durch die heiligen Schreiber als durch seine Griffel, Federn uns hier schreibt. Wer also von der Schrift in seiner Lehre abweicht, der wendet sich nicht gegen Menschen, sondern gegen Gott selbst, der greift Gott selbst, die göttliche Autorität und Majestät an. Und wenn es auch nur in einem scheinbar noch so geringen Punkt geschieht, so stößt er doch die gesamte Schrift Gottes um. Darum hatten auch die alten lutherischen Väter ganz recht, wenn sie sagten, dass es auch mit dem keine Gemeinschaft geben könne und dürfe, der da leugnet, dass Bileams Esel gesprochen hate oder dass David aus dem Geschlecht Boas’ komme, auch wenn er sonst scheinbar noch recht lehre.

Wie ernst es Jesus Christus um Gottes Schrift ist, das zeigt er in der Bergpredigt, als er denen entgegentritt, die ihm vorwerfen, er stoße das Gesetz um oder löse es auf. Denen aber antwortet er Matth. 5,17 ff., dass er vielmehr das Gesetze rfülle und dass auch nicht der kleinste Buchstabe oder ein Tüttel vom Gesetz vergehen werde. Ja, Gott hat Acht auf einen jeglichen Buchstaben, ein jegliches Tüttel, Häkchen in seinem Wort (im Griechischen ist ja etwa das Jota nur ein Häkchen). Oh, dass wir doch den heiligen Ernst und Eifer Gottes mit seinem Wort und um sein Wort erkennten und davor erschreckten, in irgendetwas von seinem Wort zu weichen. Wenn wir wirklich Gott Gott, Herr sein lassen wollen, ihn wahrhaft ehren, seine Majestät hoch halten: Hier ist der Ort, wo es zu geschehen hat, indem wir vorbehaltlos sein Wort, seine Lehre annehmen, auch nicht einen Millimeter davon weichen, alle Schätze dieser Welt und uns selbst bereit sind dranzugeben, alles, wenn es sein muss, verlassen, um des unverfälschten Wortes, um der unverfälschten Lehre Gottes willen, um der Kirche des reinen Wortes und der unverfälschten Sakramente willen.

Darum warnt uns Gott auch Gal. 5,9: Ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig. Dieser Vers steht im Zusammenhang mit dem Ringen des Paulus um die Galater, bei denen falsche, judaistische, gesetzliche Lehre eingebrochen war. Auch bei den Galatern mag es wohl die Meinung gegeben haben: Nun ja, es kann ja vielleicht nicht ganz so gemeint sein, dass wir die Feiertage wieder als Pflicht einführen – aber sieh doch einmal, lieber Paulus, was für ein geringes Ding das doch ist; dass wir nun diese Gesetz wieder haben, das ist doch gar nicht der Rede wert. Doch, sagt Gott, das ist alles Ringens wohl wert, denn schon ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig – und so reicht auch eine kleine, scheinbar unbedeutende Irrlehre, die Autorität der Schrift und damit die gesamte Schriftlehre umzustoßen. Denn wenn Gottes Wort in einem angegriffen und umgestoßen wird, so ist seine Autorität insgesamt angegriffen und umgestoßen. Luther hat es treffend einmal mit einem Ring verglichen: Wenn man auch nur ein kleines Stück herausbricht, so ist der Ring zerstört. So ist es mit Gottes Lehre auch.

Ist uns eigentlich der Eifer Gottes bewusst, mit dem er sich gegen die falschen Propheten stellt oder überlesen wir solche Worte wie Jer. 23,31.32 lieber? Gott kündigt hier an, dass er „an die falschen Propheten will“, um das Gericht an ihnen zu vollziehen, um sie „hinweg zu nehmen“, ihnen „ewige Schande und ewige Schmach zuzufügen“. So hasst Gott die falsche Lehre, so gewaltig ist sein Zorn gegen die, die sein Wort verkehren. Haben wir vergessen, wie es etwa bei Mose, 5. Mose 13,6-10, heißt, wie Gott diesen Eifer von uns fordert, ja, wie die alttestamentliche Kirche dazu aufgefordert war, die Verführer zu töten – und seien es die engsten Verwandten, Bruder, Sohn, Tochter, Frau. Gott ist ein heiliger, eifernder Herr, und gerade über seinem Wort, für sein Wort eifert er. Und meine ja niemand, dass sei eben im Alten Testament so gewesen. Hören wir doch, wie Paulus an die Galater schreibt, ,18-10: „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, als das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht! Wie wir jetzt gesagt haben, so sagen wir abermals: So jemand euch Evangelium prediget anders, als das ihr empfangen habt, der sei verflucht! Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zu Dienst? Oder gedenke ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.“ Ja, Gottes Fluch liegt auf den Irrlehrern! Und da sollten wir noch mit ihnen in einem Stall stehen, mit ihnen Gemeinschaft pflegen, mit ihnen zusammen arbeiten? Nimmermehr!

 

These 3: Es ist daher Gottes unbedingter Befehl, nur in rechtgläubiger Kirche Glied zu sein und sich, auch um der Seligkeit willen, von falschgläubiger Kirche zu trennen.

Eindringlich ermahnt uns Jesus Christus Matth. 7,15; 24,4.23 vor den falschen Propheten, die da kommen und die schon da sind: Sehet euch vor; sehet zu, dass euch nicht jemand verführe, glaubet ihnen nicht. Wie aber können wir uns vorsehen? Etwa dadurch, dass wir bei ihnen bleiben, über Jahrzehnte mit ihnen diskutieren? Das ist Gottes Weg nicht. Denn damit stünden wir ja in ständiger Gefahr, von der falschen Lehre infiziert, beeinflusst zu werden. In Joh. 10,5 sagt uns daher Jesus Christus: Einem Fremden aber folgen sie nicht, sondern fliehen vor ihm. Ja, wir sollen die Falschlehrer fliehen. Nun meinen manche, dazu genüge, in die Gemeinschaftsverbände zu gehen. Nein, das ist keine göttliche Ordnung. Denn auch sie stehen ja noch innerhalb der Landeskirche, wollen nicht heraus und betreiben so recht eigentlich einen unbiblischen Separatismus innerhalb der Kirche. Es kann, um der Not willen, solche Gruppen für den Übergang geben, wie es die Lutheranervereine in Sachsen waren, aus denen dann die Evangelisch-Lutherische Freikirche hervor ging: Aber sie können und dürfen keine Dauererscheinung sein, das widerspricht der Schriftlehre von der Kirche und ihrer Einheit und der Kirchengemeinschaft. Diese Gemeinschaftsverbände erfüllen so nicht wirklich das Gebot Gottes, fliehen nicht wirklich die falsche Lehre und Kirche. Sie sind menschliche Meinung, nicht Gottes Ordnung.

Darum, dass wir unvermischt bleiben mit der falschen Lehre, sollen wir auch die Geister prüfen, ob sie von Gott sind, 1. Joh. 4,1-3. Damals nun, zu Johannes’ Zeiten, ging es vornehmlich um Christi Person, um seine wahre Menschheit, die der Schrift gemäß zu bekennen war. Woran also sollen wir prüfen? An nichts anderem als an Gottes heiligem Wort, 2. Thess. 2,2.15. Das ist der Prüfstein. Was daran wahrhaft besteht, das ist recht, was aber nicht bestehen kann, da darf es keine Gemeinschaft geben. Gott will, dass wir prüfen, damit wir wahrhaft nur in juristisch und faktisch rechtgläubiger Kirche Glied sind.

Oh, bedenket doch Gottes Eifer und Ringen um seine Kirche, 2. Kor. 6,14-18. Wie ermahnt er uns da, nicht zu ziehen am fremden Joch mit den Ungläubigen, nicht also in eienm Gespann, in einer Gemeinschaft zu stehen mit solchen, die anders lehren. Das Licht kann keine Gemeinschaft haben mit der Finsternis. Nun ist aber die Wahrheit, die reine Bibellehre, das Licht; falsche Lehre aber Finsternis. Wie sollen sie zusammen in einer Kirche oder einem Verband von Kirchen sein können? Es ist unmöglich. Die Wahrheit wird daran Schaden nehmen, das zeigt uns die Bibel, etwa an Israel im Alten Testament; das zeigt uns auch die Geschichte der Kirche. Und wozu ruft und daher Gott auf? Hörte gut zu: Gehet aus von ihnen, sondert euch ab, rühret kein Unreines an. Ja, es gibt eine gottgewollte, eine von Gott befohlene Separation, Trennung. Und denken wir dann doch nicht: Wie sollen wir danach bestehen, es werden doch nur wenige sein. Wo hat Gott dir befohlen, dich darum zu sorgen, was die anderen tun? Gehorche du sesinem Wort und höre seine Verheißung und glaube ihr: Ich will euch annehmen und euer Vater sein; und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein. Meinst du, Gott kümmere sich nicht um seine Söhne und Töchter?

Bedenke: Gott ringt um dich, um dein Heil. Verachte daher nicht sein warnendes Wort: Gehet aus von ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhaftig werdet ihrer Sünden, auf dass ihr nicht empfanget etwas von ihren Plagen, Offenb. 18,4.

Diese gesamte Lehre aber hat Gott zusammengefasst in der Kernstelle, Röm. 16,17.18, wo er uns unzweideutig befihelt: 1) aufsehen auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre. Dies sind ja ganz offenbar die, die anders lehren, als es Gottes Wort lehrt. Hier heißt es nicht: die in den Fundamentalartikeln anders lehren, sondern nur: die da anders lehren. Es gibt keinen Artikel, in dem Gottes Wort umgestoßen werden darf, keinen Artikel, in dem wir ungestraft falsche Lehre verbreiten dürften oder in dem falsche Lehre geduldet werden dürfte: Nein, kein Auge dürfen wir zudrücken, sondern sollen aufmerken, mit dem Betreffenden reden. Und wenn er beharrt bei seiner falschen Lehre? 2) Weichet von denselben. Ja, Gott fordert die Trennung. Er sagt hier nicht: Dann bezeugt weiter, bis sie euch nicht mehr hören wollen und des Amtes entsetzen. Nein, er sagt hier: und weichet von denselben, also: trennet euch.

Folgerung: Die von Gott gewollte, geforderte Kirche ist die Bekenntniskirche, die, die nicht nur juristisch, sondern tatsächlich rechtgläubig ist.

Nachdem wir nun die Schriftaussagen betrachtet haben, kann es keinen Zweifel geben: Die von Gott gewollte, geforderte Kirche ist nicht eine pluralistische Kirche oder Kirchenverband, sondern eine Bekenntniskirche (oder ein Verband von Bekenntniskirche), die falsche Lehre nicht duldet, sondern sie bekämpft.

Nun sind ja auch im Bereich der Bekenntnisbewegungen dagegen andere Stimmen laut geworden. So wurde behauptet, die Volkskirche sei die Kirche Jesu Christi, was doch wohl zu der Folgerung verleiten soll, dass, wer sie verlässt, der verließe auch die Kirche Jesu Christi, der trenne sich von seinem Leib. Ich bezweifle sehr, ob diejenigen, die jene Aussage gemacht haben, sich über ihre Tragweite wirklich bewusst sind, denn, bis in die letzte Konsequenz ausgezogen, hieße dies ja: Außerhalb der Landeskirche könne niemand selig werden. Das aber sollte bestimmt nicht gesagt werden und wäre auch völlig schriftwidrig. Die Kirche Jesu Christi ist die Gemeinschaft der Gläubigen oder Heiligen, Apg. 5,14: Das ist die unsichtbare Kirche, da der Glaube im Herzen ist, für uns Menschen unsichtbar, daher auch die Kirche in sofern unsichtbar, verborgen ist, also ihre Glieder für Menschen nicht auszumachen sind, Luk. 17,20.21, nur Gott bekannt, 2. Tim. 2,19. Wir Menschen können nur erkennen, wo die Kirche gewiss ist, nämlich anhand ihrer Kennzeichen, dem Evangelium in Wort und Sakrament. Die Bekenntnislutheraner leugnen daher nicht, dass auch die Landeskirchen wirklich Kirchen sind, denn um des Evangeliums, das zumindest in der Altarlese noch verkündigt wird, und um der Taufe auf Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist willen, gibt es gewiss in ihr Gläubige. Aber das bestreiten wir: Dass sie rechtgläubig sei, dass sie schriftgemäß sei, so, wie Gott die Kirche haben will. Und das haben die Bibelstellen eindeutig gezeigt, wie die Kirche sein soll.

 

 

5. Auch die Geschichte warnt vor falschen Wegen

 

Nun ist im Zusammenhang mit den Verfallserscheinungen immer wieder angeregt worden, „Parallelstrukturen“ zu bilden, „Bekenntnissynoden“, „Notleitungen“ – und gleichzeitig betont worden, man wolle in der Landeskirche bleiben. Bewusst wird dabei auch an die ‚Bekennende Kirche’ während der Hitlerzeit angeknüpft. Ist dieser Weg biblisch richtig, gangbar? Es wird dabei etwa auch so argumentiert: Wir müssen doch in deer Landeskirche, um den Menschen dort dienen zu können. Ist dem so?

Wie die Dinge heute liegen: So wenig den Betreffenden ihre Aufrichtigkeit abzusprechen ist, es sind doch Wege der menschlichen Vernunft, nicht Wege Gottes. Wer unbedingt in der Landeskirche verbleiben will – und darauf läft dies doch hinaus – der will einfach Gottes Wort nicht wahrhaben, das die Trennung fordert, und legt sich mit der Vernunft Argumente zurecht, anstatt Gehorsamsschritte zu tun.

Weiter ist dabei zu bedenken: Wir stehen ja nicht am Anfang der Auseinandersetzungen. Es ist doch nicht so, dass die Landeskirchen bis gestern noch rechtgläubige Kirchenverbände waren und nun plötzlich hier und da falsche Lehre aufgetaucht sei. Dann, wenn dem so wäre, dann wäre es allerdings richtig und geboten zu bleiben, auch Parallelstrukturen zu entwickeln und den Kampf aufzunehmen, bis es klar ist, ob Gottes Zeugnis angenommen wird oder nicht. Aber das it eben nicht mehr die Lage. Seit dem Einbruch von Pietismus und Rationalismus sind die Landeskirchen nicht mehr rechtgläubig und nur immer tiefer gesunken. Gewiss, es hat dazwischen wieder Zeiten gegeben, in denen es sich gebessert hat, dann wieder solche, in denen es noch schlimmer geworden ist, wie jetzt auch wieder. Aber selbst in den besten Zeiten des 19. und 20. Jahrhunderts waren die Landeskirchen nicht rechtgläubig, sondern pluralistisch, hatten rationalistische, bibelkritische Theologie, auch etwa in der Christologie, geduldet. Wie oft etwa wurde Löhe gemaßregelt, nicht aber wegen der tatsächlichen falschen Lehre, die er späterhin hinsichtlich der Ordination und der Endzeit und der Bekenntnisschriften vertrat, sondern als er gegen den Unionismus auftrat und Kirchenzucht übte. Ein Kandidat Andreas Hörger wurde schließlich sogar suspendiert, weil er sich weigerte, dem Verbot der Kirchenleitung hinsichtlich (Nicht-)Übung von Kirchenzucht nachzukommen und einen Gastwirt, der durch die Förderung der Trunksucht reich zu werden suchte, wieder zu Abendmahl zuzulassen. Sowohl in Hannover als auch in Bayern gelang es nicht, bibeltreuere Katechismen und Gesangbücher einzführen. Und das alles zu Zeiten, als es doch scheinbar noch so gut stand, als noch von einem lutherischen Aufbruch in den Landeskirchen die Rede war. Aber ist es verwunderlich? Nein! Denn wer die Gottlosigkeit in der Kirche das Stimmrecht gibt, der setzt sie auf den Thron. Gemeindeversammlungen und Synoden sind richtig – aber praktikabel nur in Bekenntniskirchen; in pluralistischen Verbänden dagegen wird so die Gotteslehre zu Disposition gestellt.

Man sollte auch sehr vorsichtig sein mit den Hinweisen auf die ‚Bekennende Kirche’. Sie war kein Konfessionskirchenverband, wollte gar nicht konfessionell sein, sondern unionistisch, weshalb ja die lutherischen Landeskirchen sich bewusst getrennt hielten und den ‚Lutherrat’ bildeten. Außerdem war sie stark politisiert und hatte auch viele liberale und rationalistische Theologen in ihren Reihen (u.a. Rudolf Bultmann). Sie kann daher kein Vorbild sein, denn es darf nicht darum gehen, eine Unionskirche und eine andere zu ersetzen, sondern es geht doch um die Erneuerung biblischen, konfessionellen Luthertums.

Die „Bekenntnissynoden“, so, wie sie bisher vorgeschlagen wurden, gehen von der EKiD aus, also von der Union. Aber gerade das wäre ja die Fortsetzung des Pluralismus. Wirkliche Erneuerung, wie gerade aufgezeigt, heißt aber: zurück zu den Quellen, zurück zu Schrift und Bekenntnis. Das hieße allerdings: sich von der EKiD verabschieden. Das ist richtig. Aber ebenso auch: im Vertrauen auf Gott konfessionelle lutherische Kirchen bauen.

Die Geschichte warnt uns auch noch in anderer Hinsicht vor dem Weg der Halbheiten. Er ist nämlich keineswegs neu, sondern schon mehrfach beschritten worden.

So fanden sich, nachdem in Preußen auf Regierungbefehl Lutheraner und Calivnisten in einer Kirche zusammengezwungen waren, diejenigen, die doch irgendwie „lutherisch“ bleiben wollten, ohne sich aber der altlutherischen Freikirche anzuschließen, in sogenannten ‚Lutherischen Vereinen’ zusammen, weshalb man sie auch ‚Vereinslutheraner’ nannte. Immer wieder versuchten sie den Anschein zu erwecken, dass man so „überwintern“ könne, bis es wieder möglich sei, eine lutherische Kirche zu bilden (die es aber, in Gestalt etwa der altlutherischen, gab, aber eben nicht als Landeskirche). Aber was geschah? Nach dem Umsturz 1918 gab es keine Staatskirche in der vorigen Form mehr. Nun wäre doch die Möglichkeit gegeben gewesen, die Unionskirchen aufzulösen und, etwa aus den Provinzialverbänden, freie konfessionelle lutherische Kirchen zu bilden. Kirchenbildung auf Bekenntnisgrundlage, das forderte etwa auf der verfassungsgebenden Generalsynode der Königsberger Pastor Otto Gerß. Das Ergebnis? Er wurde glatt abgeschmettert. Die ‚Vereinslutheraner’ waren schlicht eingegangen, auch wenn die Vereine noch existierten. Heute gibt es dort, landeskirchlich, nur noch die Union. Das, was in jenen Gegenden, Pommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, an lutherischer Kirche noch vorhanden ist, das sind Freikirchen, also diejenigen, die konsequent die Trennung vollzogen (das hat übrigens dann auch besagter Pastor Gerß mit seiner Gemeinde getan).

Ein anderes Beispiel. Nicht nur in Deutschland, auch im Elsaß sind die vergangenen zwei- bis dreihundert Jahre geistlich oft sehr finster gewesen. Aber auch dort gab es im 19. Jahrhundert, wie in den anderen deutschsprachigen Gebieten, einen lutherischen Aufbruch. Um Pastor Friedrich Theodor Horning in Straßburg sammelte sich ein Kreis treuer Lutheraner, einige Pastoren, vor allem aber Laien, die hofften, dass es mit der „Evangelischen Kirche Augsburgischer Konfession in Elsaß-Lothringen“ (ECAAL) einmal „besser“ werde. Sie bildeten zur Unterstützung die ‚Evangelisch-Lutherische Gesellschaft für innere und äußere Mission’. Da die Laien wegen der rationalistischen landeskirchlichen Pfarrer oft in großer Gewissensnot waren, erreichten sie bei dem damaligen Kaiser Napoléon III., dass sie „Protestgemeinden“ formieren durften, praktisch also Personalgemeinden um diejenigen Pastoren, die sich im ‚Proteststand’ gegen die Landeskirche befanden. Es gab wohl eine relativ starke Bewegung – aber letztlich änderte sich die Landeskirche nicht. Betrachtet man die heutige ECAAL genau, so ist zumeist sehr liberal und hat sich kürzlich mit den Reformierten in einer Unionskirche verbunden. Was ist aus der Zeit der ‚Lutherischen Gesellschaft’ und der ‚Protestgemeinden’ wirklich geblieben? Wäre man der Linie von Pastor Horning gefolgt, der jegliche Separation ablehnte, so wäre es tatsächlich nichts. Aber durch Gottes Gnade gelangten vereinzelt Pastoren, vor allem aber Laien, zur klaren Schrifterkenntnis und vollzogen die Trennung, so dass es heute im Elsaß sieben freikirchliche lutherische Gemeinden gibt, von denen sechs der ‚Evangelisch-Lutherischen Kirche, Synode von Frankreich und Belgien’ angehören, eine Predigtstelle der unabhängigen lutherischen Gemeinde in Steeden bei Limburg ist. Da aber, wo die Trennung nicht vollzogen wurde oder Gemeindeteile sich der Trennung nicht anschlossen, ist ein steter geistlicher Rückgang zu beobachten gewesen.

Noch ein Beispiel zum Ausgang: Hamburg war im 19. Jahrhundert und besonders um die Wende zum 20. Jahrhundert eine geistlich zutiefst verderbte Stadt, deren Pfarrerschaft zu einem großen Teil dem ‚Protestantenverein’ angehörte, einer Organisation, die den dreieinigen Gott leugnete. Es kam zum Teil so weit, dass Kinder nicht mehr auf Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist getauft wurden, sondern auf irgendein Schiller- oder Goethewort (und damit tatsächlich gar nicht getauft wurden). Hier und da regte es sich dagegen und es bildete sich schließlich das, was man „Kapellengemeinden“ nannte, Gemeinden, die weiter innerhalb der Landeskirche standen, aber hinsichtlich der Berufung und Bezahlung der Pfarrer eine gewisse Freiheit hatten. Zeitweilig gab es wohl sieben solcher Gemeinden im Hamburgischen Staate. Und wie sieht es heute aus? Die Hamburgische Landeskirche hat als erste eine Frau zum Bischof gewählt – aber das ist nur die Spitze des Eisberges. Wohl ist nicht mehr der Zustand wie zuzeiten des Protestantenvereins herrschend, aber eine Bekenntniskirche war die Landeskirche in Hamburg seither nie. Und doch besteht nur noch eine einzige Kapellengemeinde (St. Johanniskirche) – aber auch sie in enger Bindung an die Landeskirche. Eine andere war Ende der 1920er Jahre tatsächlich unabhängig geworden (Freie Evangelisch-Lutherische St.-Anschar-Bekenntniskirche), nachdem ihr Pastor erkannt hatte: Mit der Kirche ist es wie mit einem Schiff. Wenn es untergeht, so ist es gleich, wo ich mich befinde, ob an Deck oder in meiner Kabine. Ich kann nicht, wenn die Leute an Deck schreien: Das Schiff sinkt! Denken: Nun, das geht mich nichts an, ich bin nicht an Deck, ich sitze hier in meiner Kabine. Nein, ich werde in meiner Kabine auch mitsamt dem Schiff untergehen. Und so können wir auch nicht als Kapellengemeinde sozusagen eine Spezialkabine in der Landeskirche haben, wir gehen doch auch mit ihr zugrunde (Kabinengleichnis). Aber leider war auch diese Gemeinde nicht wirklich konsequent. Sie hatte zwar mit der Hamburgischen Landeskirche gebrochen, blieb aber in Verbindung mit den anderen, genauso verderbten und sich lutherisch nennenden Landeskirchen. Daher kam es nicht zu einer Einigung mit anderen lutherischen Freigemeinden in Hamburg und schließlich, nach dem Tode ihres Pastors, kehrte sie wieder in die Landeskirche zurück und löste sich auf.

 

Was lernen wir daraus? Wenn wir auf halbem Wege stehen bleiben, so werden wir später ganz zurückfallen. Es darf hier keine Spielerei mit Gottes Wort geben. Es ist nicht umsonst, dass Gott so vielfältig und eindringlich mahnt. Und bedenken wir auch: Wir tragen auch Verantwortung für die Generationen nach uns, für unsere Kinder und Enkel. In welch einem Kirchenverband werden sie aufwachsen? Wir können keine Garantien für die Zukunft geben, gewiss: Aber an unserem Teil sollten wir das getan haben, was Gott von uns in seinem Wort will.

 

 

 

Zu diesem Thema seien als weitere Literatur empfohlen (und können vom Schreiber dieses Heftes bezogen werden):

 

- Theodor Nickel: Über Kirche und Kirchengemeinschaft.

- Die freie christliche Bekenntnisgemeinde. Mit Texten von C.F.W. Walther, Franz Pieper und Jeffrey C. Kinery. Zusammengestellt von Roland Sckerl.

- Neil Hilton: Kirche und Amt.

- Roland Sckerl: Anmerkungen zu Kirche und Amt.