TEXTE VON WILHELM OESCH

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

TEXTE ZUR LEHRE VON DER HEILIGEN SCHRIFT   1

Vernunft oder Schrift?  1

Ungewissheit oder göttliche Gewissheit der Lehre?  1

DIE THEOLOGIE DES ICH UND DIE DIALEKTISCHE THEOLOGIE   1

TEXTE ZU KIRCHE UND AMT   1

DIE STIMME OESCHS ZU ÖKUMENE UND KIRCHENEINIGUNG   1

AMSTERDAM    1

WAS HEISST KIRCHENEINIGUNG?  1

DIE LEHRE VON DEN NOTAE ECCLESIAE [Kennzeichen der Kirche] IN IHRER BEDEUTUNG FÜR KIRCHENBEGRIFF UND KIRCHENGEMEINSCHAFT   1

Ekklesia, Ekklesiai [Kirche, Kirchen] 1

Verbum et Sacramenta - quomodo ad ecclesiam relata [Das Wort und die Sakramente und wie sie mit der Kirche verbunden sind] 1

Arcessiti adversus vocatos [Die Herausgerufenen im Gegensatz zu den Berufenen] 1

Una sancta adversus coetum vocatorum [Die eine heilige Kirche im Gegensatz zu der Versammlung der Berufenen] 1

Notae, usus notarum [Die Kennzeichen und ihr Gebrauch] 1

Antithesen  1

Notae purae, ecclesia orthodoxa adversus ecclesias heterodoxas [Die reinen Kennzeichen, die rechtgläubige Kirche gegenüber den falschgläubigen Kirchen] 1

DIE LEHRE VON KIRCHE UND AMT IN DREI KAPITELN   1

I. Kapitel 1

Die Lehre von Christi königlichem Amt im Stande seiner Erhöhung  1

II. Kapitel: 1

Die Lehre von der einen Kirche Christi in ihrer Bezogenheit auf Christus in reinem Wort und Sakrament 1

A) Ortsbestimmung der Kirchenlehre (die nirgends zu trennen ist vom König christus und vom Werk des Heiligen Geistes) 1

Begriffsbestimmung unter Berücksichtigung der "nizänischen" Eigenschaften  1

B (§§30-50) U N A   A P O S T O L I C A   ECCLESIA   1

Sonderbehandlung des punctum saliens, der hörbar-sichtbaren Wortbezogenheit in der tief verborgenen Glaubenskirche (notae, per se purae) 1

ekkleesiai (ecclesiae simplices et compositae hier besonders behandelt). 1

Beharrlich pseudokirchliche Evangeliumsverfälschung - captivitas Babylonica schwacher Gläubiger in ecclesiis heterodoxis  1

Kirchenantithesen [ergänzt durch Amtsantithesen am Ende des Dritten Kapitels] 1

III. K A P I T E L   1

Die Lehre vom öffentlichen Predigtamt der Kirche Christi 1

GULLIXON-BRIEF ZU KIRCHE UND AMT   1

Die Frage der Kirchengemeinschaft in dem ihr gemäßen Kontext der Lehre von der Kirche  1

Die Thiensville-Thesen zwischen der Missouri- und der Wisconsin-Synode von 1932  1

Die Altenburger Thesen C.F.W. Walthers aus dem Jahr 1841  1

C.F.W. Walthers Thesen in „Kirche und Amt“ 1852  1

III. Von der Kirche und dem Predigamt (aus den Einigungssätzen zwischen der Evangelisch-Lutherischen Kirche Altpreußens und der Evangelisch-Lutherischen Freikirche im Jahr 1947) 1

Thesen zu Kirche und Amt, 1

zusammengestellt aus Texten von Wilhelm Martin Oesch DD   1

 

 

 

TEXTE ZUR LEHRE VON DER HEILIGEN SCHRIFT

 

 

Die Schicksalsfrage seit 200 Jahren:

Vernunft oder Schrift?

Ungewissheit oder göttliche Gewissheit der Lehre?

 

Vortrag für die gemischte Konferenz evangelisch-lutherischer Freikirchen in Groß Oesingen

am 01. und 02. Oktober 1946

 

Von

Wilhelm Oesch

 

I.

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    Die Sache, um die es in der Kirche Christi immer und allerorts geht, ist eine doppelte, das Material- und das Formalprinzip. Sie begreift in sich sola gratia, sola fide, kurz, Gesetz und Evangelium, recht geschieden und recht angewandt, einerseits. Sie umspannt sola scriptura mit allen gottgegebenen Folgerungen der Einheit und Reinheit der Lehre andererseits. Diese beiden Prinzipien stehen und fallen miteinander, obwohl das Material- oder Gnadenprinzip die Vorderhand hat. Es geht um die eine Gnade Christi, den einen lebendigen HERRN. (Wo die göttliche Autorität und die alleinige Geltung der Schrift angetastet wird, kommt immer die Werkerei herein. Das sieht man nicht bloß an Rom, am groben Rationalismus, sondern auch am Reformiertentum und vor allem auch an fast der gesamten positiven Theologie des letzten [19., Anm. d. Hrsg.] Jahrhunderts. Da gilt denn Schrift und Vernunft, aber auch Gnade und Verdienst, wenigstens freie Mitwirkung des Menschen in der Bekehrung, also das lästerliche „Gott und dem Menschen die Ehre!“) – Wo Gesetz und Evangelium allein nach der Schrift walten, da ist nicht nur die Heilslehre in Ordnung. Da ist dann auch alsbald die Kirchenfrage gelöst, so dass kein besonderes drittes Prinzip für diese mehr nötig oder auch nur noch irgendwie zulässig ist.

    Will man die Verwobenheit des „Nicht aus den Werken, sondern allein aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben“ mit dem „Allein aus der Offenbarung“ erkennen, so braucht man nur an Joh. 1,14: „Voller Gnade und Wahrheit“ zu denken, oder an den Galaterbrief, den großen Freiheitsbrief des Christenmenschen, der gleich mit den Worten beginnt: „Paulus, ein Apostel, nicht von Menschen noch durch Menschen …“

    Warum sage ich das? Um von vornherein klarzustellen, dass die rechte Kirche Gottes evangelisch, nicht gesetzlich ist. So unantastbar das Formal- oder Schriftprinzip ist, es soll nach Gottes Willen keine Rolle für sich spielen, als ob, wer es äußerlich annähme, nun schon den guten Anfang gemacht hätte. Nein, er ist noch gänzlich Feind Gottes und Kind des Verderbens, es sei denn, dass er an die Erlösung durch Jesus Christus glaubt. Das Formalprinzip steht also im Dienst des Materialprinzips, der Verkündigung von Gesetz und Evangelium, wie aus Joh. 20,21 und 23 zu erstehen.

 

    Jesus spricht:

 „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“,

    um fortzufahren:

 „Nehmet hin den Heiligen Geist: Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.“

 

    Wenn man alles nach Wunsch gestalten könnte, sollte man bei freien Konferenzen erst gründlich die Kernfrage aller Zeiten: „Gesetz und Evangelium, angewandt auf dich und mich“ besprechen, die immer das Hauptstudium aller Christen und aller Theologen bleibt, ehe man zum principium cognescendi theologiae [Grundsatz theologischer Erkenntnis, Anm. d. Hrsg.] überginge. Aber man muss, um im einzelnen  das göttliche Gesetz und das göttliche Evangelium zu bestimmen, Vernunft, Gefühl und Menschenbeschluss ausschalten und darum formell meist den umgekehrten Weg gehen, eben mit den sogenannten Prolegommena der Dogmatik, den Fragen von Schrift und Bekenntnis, beginnen, bzw. sie ziemlich früh einreihen. Es darf daraus aber nicht das Missverständnis des Supernaturalismus erwachsen, als müsse man erst die Schrift etablieren, und das gar noch mit Vernunftbeweisen, statt erst den armen Sünder einfach mit der Anwendung von Gesetz und Evangelium für das Himmelreich zu gewinnen, wodurch ihm dann nach dem neuen Menschen die Geltung der Schrift seines lieben Heilandes von selbst ins Herz und Gemüt geschrieben wird, Joh. 6,68.69:

„HERR, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“

    Vereinbart wurde in Hermannsburg für diese Zusammenkunft das Thema: „De principio cognescendi theologiae.“ Die Notwendigkeit, hiervon ausdrücklich und ausführlicher zu handeln, zeigte sich auch in Radevormwald.

    Es geht dabei nicht um Unklarheiten, die im Raum der lutherischen Freikirchen ihren Ursprung genommen haben. Vielmehr gibt den Anlass die furchtbare Zersetzung der Theologie und die Unterhöhlung des Bekenntnisstandes der Kirchen, wie sie seit 200 Jahren im evangelischen bzw. evangelisch-lutherischen landeskirchlichen Gebiet im Gange ist und die sonderlich an den Universitäten ihren Brutherd gehabt hat. Selbst in diesem Großraum ist trotz der erneuten Unionstendenz in BK [Bekennender Kirche, Anm. d. Hrsg.] und EKD [Evangelischer Kirche in Deutschland, Anm. d. Hrsg.] und „Ökumene“ die Not des verloren gegangenen Schriftprinzipes aufgebrochen. Mancher ist durch die Kämpfe und Erfahrungen der letzten zwei Jahrzehnte hellhörig geworden. Umso größer ist die Gefahr, dass die augenblicklich sehr hoffähige Schwärmerei, die Barth’sche, die viel gegen den Kulturprotestantismus und auch gegen den pseudolutherischen Synergismus und seine „natürlichen“ Offenbarungsquellen gesagt hat, das Feld behauptet. Nur durch große Klarheit in Bezug auf Gesetz und Evangelium, die rettende Gnade und durch das wirkliche Schriftprinzip wird man helfen können. Und diese Klarheit muss vorab von der ganzen evangelisch-lutherischen Freikirche, die vom HERRN der Kirche im Jahrhundert der Kirchenauflösung sonderlicher Gnade gewürdigt worden ist, erwartet werden. Gott fordert eindeutige Bestimmtheit gegenüber der gesamten Theologie und Kirche um uns herum, und zwar, um eine Wende herbeiführen zu helfen, sonderlich in der Frage der Quelle und Gewissheit des corpus doctrinae [Lehrkörper, d.i. christliche Glaubenslehre, Anm. d. Hrsg.]. Hier ist der Irrtum durch philosophische Dünkel am tiefsten eingewurzelt und am blendendsten getarnt. Er steckt auch in den Barmer Thesen. Die warhe Kirche muss die zeitgebotenen Antithesen zusammen mit den rechten Thesen vertreten.

 

    Deshalb erlauben wir uns unsererseits gleich die Fassung:

 

Die Schicksalsfrage seit 200 Jahren:

Vernunft oder Schrift?

Ungewissheit oder göttliche Gewissheit der Lehre?

 

    Der verehrte Herr Korreferent hält seinerseits in dankenswerter Weise die Frage per se im Vordergrund:

 

„Das für lutherische Theologie und Kirche maßgebende Erkenntnisprinzip“

 

        Da es sich um eins von zwei verzahnten Prinzipien der gesamten Theologie handelt, und zwar um das am verstecktesten bekämpfte, so sah ich mich veranlasst, dem von verschiedenen Seiten ausgesprochenen Wunsche nach im voraus mitgeteilten Lehrsätzen stattzugeben, wenn leider auch, infolge von Vervielfältigungsschwierigkeiten, etwas spät. Die Paragraphen 11 und 12 waren in ihrer Kürze nicht voll verständlich. Der § 11 erhielt deshalb einen Zusatz, der § 12 eine neue ausführlichere Fassung. Ich hoffe, dass die werten Herren Amtsbrüder immerhin die Sätze in Ruhe und mit etwas Beachtung der Verweise auf die Schrift durchlesen konnten.

 

 

II.

 

    Zunächst ist litera A), die sich mit der kirchengeschichtlichen Lage auseinandersetzt, hier zu lesen! …

 

A. Praemonitio generalis de unico principio cognoscendi seu de Scriptura Sacra

(Geschichtliche und grundsätzliche Vorbemerkung)

 

    1. Die Frage, Vernunft (im weiteren Sinne für alle in Betracht kommenden eigenen Erkenntnisquellen des Menschen) oder die Heilige Schrift, ist, wie schon von den Aposteln (etwa im Kolosserbrief) gegen die Schwärmer, so auch in der Reformation gegen Rom und die Schwärmer prinzipiell dahin beantwortet worden:

 

    Nicht die Vernunft, sondern die Schrift ist in der Kirche die einzige Quelle und Richtschnur der heilsamen Lehre und die eine Norm des christlichen Lebens.

 

Diese Antwort war, wie zu Anfang iin unverderbter Kirche, so seit Martin Luther in wahrhaft lutherischer Kirche fortlaufend selbstverständlich, wie sie a priori [von vornherein] für jeden Christen feststeht.

 

    1. Kor. 1 und 2 und 14.

Kolosserbrief und Pastoralbriefe gegen Philosophie usw.

    1. Thess. 2,13: „Darum auch wir ohne Unterlaß Gott danken, dass ihr, da ihr empfinget von uns das Wort göttlicher Predigt, nahmet ihr es auf, nicht als Menschen-Wort, sondern (wie es denn wahrhaftig ist) als Gottes Wort: welcher(s) auch wirket in euch, die ihr glaubet.“

    Zwischen dem Worte Gottes als viva vox [lebendiger Stimme], als keerygma [Verkündigung], und der Heiligen Schrift ist kein Unterschied, außer was das maßgebende Erkenntnisprinzip, die norma normans [normierende Norm], betrifft. Hier gilt: Eph. 2,20; Joh. 17,20; 2.Tim. 3,13-17; 1. Petr. 1,23-25; 2. Petr. 1,15-21. Wort Gottes ist immer Gesetz und Evangelium, in der Schrift in normativer Form, in der viva vox in normierter Form, identisch als des Heiligen Geistes Wort, in dem der Heilige Geist wirkt.

 

    2. Die Frage, ob man der ganzen Heiligen Schrift als des Heiligen Geistes Wort trauen könne, ob sie mithin die Voraussetzung eines alleinigen Prinzipes besitze, hat die Kirche angesichts des Zeugnisses der Schrift und Christi von der Schrift erst beim Eindringen des modernen westeuropäischen Unglaubens wesentlich beunruhigt. Diese Zweifelsfrage nach der göttlichen Autorität der Schrift ist durch die Zertrümmerung des Kirchentums der Reformation unter dem Ansturm der von Westen her kommenden Aufklärung aufgebrochen. Sie ist seitdem in der deutschen Kirche, d.h. in ihrer Öffentlichkeit, nicht entschieden worden, weil gnesiolutherische Kirche nicht im maßgeblichen Umfange wiederhergestellt wurde.

 

    3. Wie das subjektivistische Interesse des Pietismus dem Rationalismus [Vernunftglaube] zur Beseitigung der objektiven Schranken des Schriftprinzips den Weg bahnen half, so ist es der pietistische Enthusiasmus hauptsächlich gewesen, der auch der gläubigen Theologie des letzten Jahrhunderts die Wiedereroberung des kirchlichen Schriftprinzips unnötig, untunlich, ja gefährlich erscheinen ließ. Da Enthusiasmus und offener Unglaube prinzipiell unbußfertig, selbstvergötternd und daher wahlverwandt sind, sind sie der Kirche immer schädlich und ebnen sich gegenseitig den Weg.

 

    4. Die lutherischen Bekenntnisschriften beschäftigen sich bewusst durchgängig mit Gesetz und Evangelium und nicht mit der damals gar nicht in Frage gestellten göttlichen Autorität der ganzen Heiligen Schrift. Sie setzen aber in jeder Zeile die Plenar- und Verbalinspiration [Voll- und Wörterinspiration] der Heiligen Schrift, sowie die Möglichkeit, in der Kirche durch den Heiligen Geist dies Wort zu hören und autoritativ weiterzusagen, voraus - sagen das auch.

 

    5A. Sowohl des Gesetzes wie des Evangeliums können wir nicht gewiß werden, wenn die Vernunft eine magisterielle [herrschende] statt der ministeriellen [dienenden] Rolle spielt; denn die Vernunft ist gesetzlich und legt sich aufs „Werkeln“ und aufs „Reimen“. Sie hängt die Decke Moses über das Gesetz und panzert das Menschenherz mit mißbrauchtem Gesetz gegen die Buße. Schlägt der Blitz von Sinai trotzdem die Abwehr durch und führt zu den terrores conscientiae [Schrecken des Gewissens], so tritt die Vernunft auf, um nun der Gnade, dem „allein aus Gnaden“, zu widersprechen, schaltet das Leistungsprinzip immer wieder von neuem ein und gebiert und hegt das monstrum incertitudinis [Ungeheuer der Ungewissheit]. Der seligmachende Glaube ist Geschenk von oben und steht im Gegensatz zu ihr. Die Vernunft, jedes menschliche Erkenntnisprinzip einschließend, kann deshalb im ganzen Heilshandeln nirgends befragt werden, da sie nur falsche Antworten gibt. Ohne das ungebrochene Schriftprinzip, d.h. den unbeirrten Schriftgebrauch, können Gesetz und Evangelium in ihrem gegenseitigen Verhältnis von der Kirche weder erkannt noch richtig gepredigt werden, Gal. 1 u. 2. Ohne der Volleingebung entsprechende zutrauliche Handhabung der Schrift kann konsequenterweise der unmittelbar auf der Verheißung fußende Heilsglaube weder geboren noch erhalten werden.

Mark. 1,15; Joh. 8,51; Joh. 8,31 f.

 

    5B. Ohne die Plenar- und Verbalinspiration erhebt sich anstelle der Kirche Christi jene werkerische gleißende Gegenspielerin, die Schwärmerkirche, die die Reformatoren ebenso heftig in den Sakramentierern wie in Roms Machtkirche bekämpften. Wie unter dem Tyrannenjoch des Antichristen, so wird auch innerhalb protestantisch schwärmerischer Gemeinschaft die Kirche Christi in redlichen, aber schwachen, Seelen nur durch glückliche Inkonsequenz erhalten bzw. in gewissem Umfang auch noch gebaut. Das Interesse an der Rechtfertigung, an der Scheidung von Gesetz und Evangelium, haftet an der reinen Lehre, am sola [allein], an den particulis exclusivis [ausschließende Wörter] und zwingt per se, jedes andere Erkenntnisprinzip außer der Heiligen Schrift in der Kirche abzulehnen, der ganzen göttlichen Schrift aber fröhlich zu vertrauen.

 

    6. Deshalb sind die zwei Prinzipien der Reformation, das Material - und Formalprinzip, das einheitliche Banner der echten Kirche Christi.

vgl. Joh. 1 und Gal. 1 und 2

    Luther, der Reformator, ist entsprechend seiner Sendung mit Notwendigkeit der gewaltigste Vertreter der Plenar- oder Verbalinspiration seit der Apostel Zeiten bis zum Jüngsten Tag, was jede unbefangene Prüfung seines gewaltigen Schrifttums unwiderleglich ausweist.

 

 

    Zu diesem Buchstaben A bemerke ich noch ergänzend:

    Hans Asmussen schreibt in seinen Anfang 1935 veröffentlichten

„Thesen zur konfessionellen Frage“

(als Dokument 106 veröffentlicht im dritten Band der „Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage“ von Kurt Dietrich Schmidt, Göttingen 1936)

- ich führe nur die hier interessierenden Thesen an -:

    „1. Es wird bestritten, dass diejenigen, die sich lutherisch nennen, oder die, welche auf die lutherischen Bekenntnisschriften verpflichtet sind, eine Einheit bilden oder durch einen Konsensus im Sinne von Artikel 7 der Augustana zusammengefasst sind. Vielmehr wird behauptet, dass die Lehrdifferenz innerhalb des bezeichneten Kreises größer sind als innerhalb der evangelischen Konfessionen.“

    „2. Es wird bestritten, dass man die Auflösung von Unionskirchen im Namen des Bekenntnisses proklamieren darf, solange man theoretisch und praktisch den Synkretismus huldigt oder fördert. Es wird behauptet, dass Duldung oder Förderung des Synkretismus innerhalb des unter 1) genannten Personenkreises statt hat, da der Brauch des Consensus quinquesaecularis in ihm unter Duldung „lutherischer“ Kirchenbehörden statt hat und auch Lehren, die unter Einfluss außerchristlicher Weltanschauung seit der Reformation entstanden sind, ungehindert Platz haben.“

    „5. Es wird bestritten, dass wir ein Recht haben, für eine Landeskirche unangesehen der in ihr vertretenen und geduldeten Irrlehren den Consensus aus Aug. VII zu behaupten mit der Begründung, der Bekenntnisstand der betreffenden Kirche sei ja doch eindeutig oder gesichert. Es wird behauptet, dass der Consensus aus Aug. VII ein taktischer Consensus sein muss und nicht ein idealistischer sein darf, wenn er die Einheit der Kirche begründen soll.

    „8. Es wird bestritten, dass in irgendeiner lutherischen Kirche die Voraussetzung besteht, unter der im 16. und 17. Jahrhundert die Trennung der Gemeinden zu konfessionell bestimmten Kirchenkörpern erfolgte. Es wird behauptet, dass diese Trennung nur durch die damals erfolgte Wertung der Lehrdifferenzen gerechtfertigt war oder heute berechtigt sein würde.“

    „9. Es wird bestritten, dass unter Beibehaltung der Wertung, welche die Lehrdifferenzen im 16. und 17. Jahrhundert fanden, überhaupt ein friedliches Nebeneinander der Konfessionen möglich ist. Die förderative Union kann nur dort gewollt werden, wo diese Wertung fallen gelassen ist. Es wird behauptet, dass man Gemeindeglieder, Theologen und Kirchenkörpern, welche man grundsätzlicher Irrlehre zeiht, nur angreifend missionieren kann.“ (Hier muss aber beachtet werden, dass man nicht in fremdes Amt greifen soll. W.M. Oesch.)

    „10. Es wird bestritten, dass die Union von 1817 die Quelle der Verwaschenheit in der Kirche ist. Es wird behauptet, dass die Union Folgeerscheinung der vorher bestehenden Verwaschenheit ist, die bereits in Orthodoxie, Pietismus und Rationalismus ihren Grund hatte.“

    „12. Es wird bestritten, dass die DC-Lehre Folgeerscheinung der Union sei. Es wird behauptet, dass sie letzte Zerfallserscheinung eines durch den Humanismus verderbten Christentums ist.“

    „13. Es wird bestritten, dass man ein Recht habe, sich Lutheraner zu nennen, solange man mit diesem synkretistischen Lehrgebilde nicht nur paktiert, sondern infolge dieses Paktierens den aufbrechenden praktischen Fragen ausweicht mit der Begründung, es sei noch nicht Gottes Stunde, sie zu bewerten. Es wird behauptet, dass die unerbittliche Haltung Luthers wesentlich zur lutherischen Lehre gehöre.

    (Alle Unterstreichungen durch W.M. Oesch.)

 

    Das ist natürlich Asmussen, kämpfend trotz seiner Berufung auf Luther für die Barmer Einheit zwischen sogenannten Lutheranern und Reformierten und Barth. Die Anklage aber, die lutherischen Landeskirchen seien vom Bekenntnis gewichen durch Humanismus, Menschenverherrlichung und Menschenhörigkeit, durch synergistische Verseuchung, die das „Allein aus Gnaden“ nicht mehr zur Geltung kommen ließ, die den Menschen zum freien sittlichen Faktor neben der Gnade machte, sonderlich in der Bekehrung, und sie hätten sich selbst entmächtigt durch Indifferentismus, durch Unfähigkeit und Unwilligkeit, Reinheit und Einheit der Lehre nach innen zu verwirklichen und nach außen zur Bedingung der Kirchengemeinschaft zu machen, - ich sage, diese Anklage besteht zu Recht. Nur aus diesem Zustand ist der ewig nicht sterben wollende Territorialismus zu verstehen, der die Kirche von Land, Volk, Staat, Politik, kirchlicher Behörde, das ist, von der Zeit her bestimmt, statt sie von Christus, vom Wort, vom Glauben, vom Heiligen Geist, kurz von der Ewigkeit her zu verstehen.

    In solcher Kirche herrscht der Mensch, meinetwegen der „fromme“. Doch sieht er nicht, wer grinsend hinter ihm steht. Was war im Zeitalter des Liberalismus das Menschenverständnis? Individualismus, der „Einzelne“ – Subjektivismus, das „Ich“. Das Verbindende war nicht das Wort, das Bekenntnis, der gottgewirkte Heilsglaube, sondern die freie Wissenschaft, die Vernunft, die Selbstsetzung jedes Menschen auf seinem natürlichen Hinter- und Untergrund. Die gesamte von Schleiermacher abhängige Theologie empfand sich mehr oder weniger „befreit“ von der stellvertretenden Genugtuung Christi (satisfactio vicaria), der wahren Gottheit Christi, damit zugleich aber von der Schrift. Sie war „frei“. Sie ging vom Menschen, vom emporsteigenden Menschen, aus. Die hochmütige wissenschaftliche Theologie stand in ihrem Fortschrittsdünkel, in ihrem Auflösungstaumel, in ihrem Selbstmorddilirium turmhoch erhaben über dem ungebrochenen Schrift- und Bekenntnisprinzip des alten Luthertums. Sie klagte jeden, der sich zurückrufen ließ zur Ehrfurcht gegen Gottes Rede, der gedanken- und charakterlosen Repristination, der Buchstabenknechtschaft, des Intellektualismus, der Gesetzlichkeit, der Lieblosigkeit, der Lichtfeindschaft und anderer böser Dinge an. Die Feindschaft gegen die Autoritätsgebundenheit des echten Bekenntnisluthertums, die nach der preußischen Union und zumal den Siegen Preußens 1864 selbstverständlich erschien, war natürlich nicht evangelisch, wie sie vorgab, sondern gesetzlich, nicht nüchtern, sondern schwärmerisch, nicht herzenswarm und gottinnig, sondern intellektualistisch und gottverachtend, nicht kindlich-demütig, sondern wissenschaftlich-abgöttisch, nicht theologia crucis, sondern theologia gloriae. Alle Prädikate, die diese schwärmerische Verirrung anerkennend sich selbst, aberkennend der gnesiolutherischen Stellung zur Schrift ausstellte, sind in ihrer Adresse unwahr. Sie gelten sämtlich genau umgekehrt für die beiden Lager.

    Seit der Aufklärung regierte der ungebrochene Mensch einfach mit der Vernunft auch im kirchlichen Raum. Seit dem Idealismus und der Romantik wieder mehr der schwärmerische fromme Mensch, nicht minder auf sein Ich und seine (nun fromme) Wissenschaft versessen und vermessen. Die zünftige Theologie wollte sich ja auch beständig vor den eigenen Fakultäten an der weltlich-heidnischen Universität rechtfertigen. Sie suchte beständig die einer auch weltlichen Vernunft noch einleuchtenden Innerlichkeit die sturmfreie Burg, das „dos moi pou stoo kai teen geen kineesoo“, die Vermittlung gegenüber der neueren Kultur. Sie bekannte sich nicht mehr frisch-fröhlich zur Bibel, wie sie ist, zur Lehre, wie die Bibel sie darlegt. Indem sie bei großem Aufwand von Gelehrsamkeit größeren „Wirklichkeitssinn“ vorschützte, ging sie natürlich an der Wirklichkeit vorbei, da sie sich nicht die Augensalbe von Gott im Wort reichen ließ, von Luther und der Reformation nicht lernte. Ich zeichne die Tendenz an den Schulen, deren Bann auch die positive Theologie nicht entging, mit zu zählenden Ausnahmen (wie Rudelbach in Sachsen, Guericke in Halle, Philippi und Hashagen in Rostock), ohne ein Urteil über den Glaubensstand vieler lieber, subjektiv ernstern, eben befangenen Positiven zu fällen.

 

    Für das Erkenntnisprinzip dieser wissenschaftlichen Theologie führe ich fünf Beispiele an:

    Dorner (1809-1884) schlägt in seinem „System der christlichen Glaubenslehre“ I, S. 155 ff. ein doppeltes principium cognescendi vor, nämlich 1.) principium subiectivum: das christliche Subjekt, 2.) principium obiectivum: die Heilige Schrift. (Er hätte sie auch weglassen können, wie er im Grunde weder Schrift noch Christus braucht.)

    Von Hofmann (1810-1877) heißt den Theologen sein Christentum auf seinen einfachsten und allgemeinsten Ausdruck bringen, um von da aus auf dem Wege der Evolution das Ganze der systematischen Theologie (Dogmatik und Ethik) zu gewinnen. Des Systems Einheitlichkeit und Ebenmäßigkeit biete die wissenschaftliche Bürgschaft für die Berechtigung der einzelnen Bestandteile desselben. (Nach Paul Ewald, Erlangen, 1895, „Über das Verhältnis der systematischen Theologie zur Schriftwissenschaft“, S. 13 f. Ewald hätte in seinem Titel, da er die Erlebnistheologie vertritt, schreiben sollen „Missverständnis zur Schrift“. Ewald nimmt hier ausdrücklich Bezug auf von Hofmanns „Enzyklopädie der Theologie“, herausgegeben von Bestmann, besonders S. 29 f. und 55). Hofmann sagt vom christlichen Bewusstsein, dass es „nicht von der Kirche abhängt noch von der Schrift, auf die sich die Kirche beruft, auch nicht in jener oder dieser die eigentliche und nächste Verbürgung seiner Wahrheit ist, sondern in sich selbst ruht und unmittelbar gewisse Wahrheit ist, von dem ihm selbsteinwohnenden Geiste Gottes getragen und verbürgt“ (a.a.O., S. 11). Die Schrift ist von Hofmann nur inspiriert als Urkunde sich entwickelnder heiliger Geschichte und als Ganzes („The Lutheran Cyclopediaby Jacobs and Haas, Scribners, New York, 1899, p. 24 f.) Das heißt (nach W. Rohnert: „Inspiration der Heiligen Schrift und ihre Bestreiter“, Leipzig 1889): Sie ist, wie jedes christliche Buch, Produkt von zwei Faktoren, einem selbständigen menschlichen und dazukommenden göttlichen, und darum sowohl dem Irrtum als der Kritik unterworfen.

    Von Frank betont ausdrücklich, dass der exegetische Beweis „streng genommen, nicht zu der eigentlichen Aufgabe der dogmatischen Disziplin eines Teiles der systematischen Theologie“ gehöre (System der christlichen Gewissheit I, Aufl. 2, S. 42). Er schreibt gegen Philippi: „Wer mir die objektive Versöhnungstat (Christi) und das Wort Gottes entgegenhält statt meines ‚subjektiven’ Standpunktes, mit dem vermag ich mich nicht auseinanderzusetzen, weil er die Fragestellung nicht verstanden hat.“ Ferner: „Auf den Heiligen Geist kann ich mich dabei in sofern nicht berufen, als ja erst in Frage steht, ob, was ich vernehme, Zeugnis des Heiligen Geistes sei, ebenso wie ich mich nicht auf den Heiligen Geist berufen kann, wenn in Frage steht, wie ch dazu komme, diese Schrift mir als heilige gelten zu lassen“ (a.a.O., S. 115.143). Endlich schreibt er: „Wir haben es hier mit den zentralen und spezifischen Wehen der christlichen Gewissheit zu tun, wo keine eigentliche von außen kommende Autorität für sich, sondern das christliche Subjekt selbst und persönlich über den Grund und das Recht seiner Gewissheit entscheidet.“ (a.a.O., S. 49)

    Den Vogel schießt Zöckler (1833-1906) ab, indem er (in seinem „Handbuch der theologischen Wissenschaften“, 2. Aufl., III, S. 65) die Berufung der altprotestantischen Dogmatiker auf das testimoniuim Spiritus Sancti „nicht ganz verwerfen will, es aber als die Sache nicht deckend hinstellt und hinzufügt: „Es gibt eine von uns selbst abhängige, unserer inneren Verantwortung anheimfallende freie Tat, eine moralisch notwendige, darum aber der Freiheit überlassene Konsequenz. Durch diese freie Tat erst schaffen wir selber die Gewissheit.

    Endlich lehrt R. Seeberg (zitiert bei F. Pieper: „Christliche Dogmatik“ I, S. 368), die Schrift dürfe nicht als zweites Prinzip des Protestantismus neben dem rechtfertigenden Glauben koordiniert werden. Er will die Schrift zur normate normata machen, durch den Glauben normiert. Wir fragen: Durch welchen Glauben? Ohne Zweifel durch den Glauben, der mit dem gesamten Schwärmer- und Sektierertum verwandt, in Robert Barclay, dem Dogmatiker der Quäker, seinen Sprecher gefunden hat, wenn er schreibt, die Schrift sei nicht als eine „adäquate erste Regel des Glaubens und Lebens“ anzusehen, sondern als „eine zweite, dem Geist untergeordnete Regel (regula secunda, subordinata spiritui).“

 

    So beteiligte sich diese Theologie an der Schwärmerrebellion des modernen denkenden Menschen, der ohne Buße unmittelbar zu Gott sein wollte. Diese Meinung, die Gott und Mensch, ohne „tota depravitas et caecitas“ und „sola gratia propter Christum“ zusammenkoppelt, bekam natürlich furchtbare Stöße durch den ersten und zweiten Weltkrieg. Der Jüngste Tag leuchtete auf. Götterdämmerung brach herein. Aber so, wie zu Napoleons Zeit der reformierte Schleiermacher da war, so war nun der reformierte Barth da, jener mit Gefühl und enthusiastischer Bejahung, dieser ohne Gefühl und mit betonter Verneinung, scheinbar ein Johannes der Täufer, beide aber vom nicht an das Wort und Bekenntnis gebundenen „Geist“ – Luther schreibt „Gaischt“ – herkommend.

    Grundposition Karl Barths in dieser Frage: Gottes Wort schriftlich und als viva vox ist eine Papierkugel, wird erst im Einschlag Kanonenkugel.1 Wie es zu der Zeit der Atombombe passt, sind Karl Barth und seine Schule groß in der Negation ohne Position, auf der ein armer Sünder vor Gott wirklich stehen kann. Wie Luther von Zwingli und den Sakramentierern sagt: Sie reißen die Brücke, die Gnadenmittel, weg, gerade wenn’s darauf ankommt, sie lassen alles in der Schwebe von Ja und Nein. Christus aber ist nicht Ja und Nein, sondern Ja, 2. Kor. 1,19 f. Die Barthianer greifen den Synergismus als falsche Gewissheit mit der Reformation entliehenen Waffen grausam an; aber sie bringen nicht die rechte Gewissheit. Sie bekämpfen die Geschichte als Offenbarungsquelle für die Kirche; aber ihr eigenes Erkenntnisprinzip ist, selbst in seiner besten Einkleidung, z.B. in den Barmer Thesen (30.05.1934), Irrlehre. Die Schrift wird überhaupt nicht definiert, Gesetz und Evangelium nur vermischt, die Kirche durch radikale Leugnung der natürlichen, rein gesetzlichen Gotteserkenntnis theokratisch in die Politik hineingedrängt, ins Reich der Vernunft gezogen, eben jener neuen, der „dialektischen“ Vernunft unterworfen. Barth kennt nicht das echte volle Strafamt des Gesetzes. Sein Elenchtikus frisst den Civilis, das Gesetz in seinem Sondergebrauch als Riegel, diese böse Welt einigermaßen äußerlich in Zucht zu halten. Und wozu frisst der Barthsche Elenchtikus den göttlichen Civilis? (Ich rede törlich) Um sich dann selbst trotz der Berufung auf Offenbarung als Diesseitsbrauch des Gesetzes, eben als Civilis seu Politicus, zu entpuppen. Und wo bleibt die Zusage Gottes, das dem Gesetz entgegen gesetzte letzte Wort, das nur schenkende, nicht fordernde Evangelium, auf das ich als Verdammter einfach bauen kann? Wo bleiben Wort und Sakrament per se und a priori? Wo bleibt dem Glauben das woran er sich hält, wenn’s „entweder – oder“ heißt, wenn dialektisches Schaukeln Verzweifeln bedeutet? Letzte raison: „Buchstäbisch Wort“ und „Geist“ sind getrennt, logos ouk sarxs egeneto, finitum non capax infiniti!

    Dass „dialektische“ Theologen gerade vom theokratischen Übermaß ihres Anspruchs gegenüber dem öffentlichen Raum her am hellhörigsten waren für den satanischen Totalitätsanspruch der weltlichen Seite, ihn auch wiederum im Verein mit Rom am meisten reizten und als erzwungenen Gegenschlag des Pendels erscheinen ließen, ist offenbar. Dass in oder gegenüber der mit dem Staat verquickten Kirche, ja gerade in oder gegenüber der Kirche der Union, die am bekenntnislosesten war, die beiden maßlosen Ansprüche sich am unverhohlensten begegneten, lag in der Natur der Sache. Dass Christus auch dort liebe Bekenner fand, denen man ihre Schwachheit zugute halten soll, deren Verdienste man aber rühmen soll, ist das Wunder des Evangeliums, allerorts und mitten unter seinen Feinden. Es ist weder das Verdienst der Union noch der Barthschen theokratisch-gesetzlichen Schwärmerei und Politik. Das hat allein Gott getan. Und sofern Union und Barth am Evangelium Verrat üben, haben sie keinen Ruhm an den Wundern des Evangeliums; einerlei, wie Wohlmeinende urteilen. Deshalb besteht weder für uns noch für die evangelische Christenheit die geringste Pflicht, den Barthianismus zu schonen oder die Barmer Thesen als das oder auch nur ein Bekenntnis unserer Zeit anzunehmen. Diese müssen vielmehr von der Wahrheit gerichtet werden (besser, als die Erlanger es versuchten), und zwar beginnend mit ihrem ersten Satz. Nicht wir können richten – wir sind arme Sünder und haben uns gegen Gott und Menschen auch vielfältig verfehlt – Gott muss richten in seinem Wort, und wir müssen hören. Wer mit uns hört, wird mit uns kämpfen – ohne unser Verdienst und ohne uns hörig zu sein, einfach als Gefolgsmann Christi. Lasst uns die Gewissheit des Heils gegenüber dem monstrum incertitudinis, das bei Werkerei und Geisterei triumphiert, und lasst uns die gewisse Lehre gegenüber aller Schaukeltheorie vertreten, weil die fides divina aufgrund des konkreten geoffenbarten Wortes uns beseligt und bewegt. Lasst uns zugleich abrücken von der synergistischen Erlebnistheologie jeder Ausgestaltung und in aller Schärfe auch von Barth. Lasst uns einfach kindlich mit dem Material- und Formalprinzip der Schrift und der Reformation als der einheitlichen Fahne der rechten Kämpferschar, der Una Sancta, antreten.

 

 

B. Eliminatio principiorum falsorum

(Erweis des echten principium cognoscendi [Erkenntnisprinzips] durch Elimination aller falschen prinipia)

 

7. Bei der gänzlichen geistlichen Finsternis der natürlichen Vernunft (1 Kor. 2,14), die wohl vom Gesetz etwas weiß (Röm. 2,14), das, was sie weiß, aber in geistlicher Hinsicht nur missbrauchen kann, Röm. 1,18-23 (natürliche Gotteserkenntnis); 2 Kor. 3,13-16; Röm. 8,7 vom Evangelium aber nichts weiß (1 Kor. 2,7-13; 1 Kor. 1,21.22), kann diese Vernunft kein neben die Schrift tretendes, mit ihr aber harmonisch zusammenfließendes zweites Erkenntnisprinzip abgeben (gegen Supranaturalismus), sondern es gilt:

 

Entweder Vernunft oder Schrift,

Finsternis oder Licht.

 

    8. Bei der unvollkommenen Erleuchtung des Wiedergeborenen (Röm. 7,14 ff.; Gal. 5,17) kann auch die sogenannte wiedergeborene Vernunft (die „christliche Erfahrung“, die „christliche Selbstgewissheit“, das „christliche Gefühl“, Gewissen usw.) kein zweites Erkenntnisprinzip abgeben, sondern es bleibt bei dem Sola Scriptura [allein die Schrift] (Joh. 8,31.32; Matth. 28,19.20; 1 Tim. 6,3). Da fides salvifica [rettender Glaube] in categoria relationis [als etwas, das sich auf etwas bezieht, nicht als Qualität oder Tugend] rechtfertigt, nämlich als Ergreifen Christi, der unsere Gerechtigkeit extra nos et pro nobis [außerhalb von uns und für uns] ist, wie er im Wort des Evangeliums zu uns kommt, ergibt der Heilsglaube kein Erfahrungsprinzip neben dem in der Heiligen schrift verbürgten, in Predigt und Sakrament mit uns handelnden Gotteswort, Joh. 8,31 f.

 

    9. Bei dem gemischten Charakter der sichtbaren Kirche Christi auf Erden, in der auch die Heuchler eine große Rolle spielen (Matth. 13[,48 f.]), bei der zwiespältigen Natur auch der wahren Christen, die aus Geist und Fleisch bestehen (Par. 8), kann in der nachapostolischen Kirchengeschichte keine sturmfreie Burg irgendwo oder irgendwann, in Vergangenheit oder Zukunft, aufgezeigt werden, aus deren dem Teufel entzogenen Quellbereich man die seligmachende Wahrheit beziehen könnte, ohne von der Heiligen Schrift als der in dieser nachapostolischen Zeit allein ungetrübten Quelle gespeist und von ihr als der allein richtenden Norm gelenkt und geleitet zu werden (Luk. 24; Joh. 17,20), weshalb das Wort der Apostel und Propheten vom Herrn für alle Zeit der Kirche als Grund oder Fundament gegeben ist (Matth. 16,16.28; Joh. 17,20; Eph. 2,20 f.) (gegen sancta traditio [heilige Tradition], etc., ferner gegen per se, ohne Schrift, unfehlbares Lehramt, Konzilsautorität usw.)

 

    10. Bei der Unwilligkeit des Heiligen Geistes, durch neue Offenbarungen, revelationes immediatae, novae [unmittelbare, neue Offenbarungen] Christus zu verklären (Jer. 23,28; 1 Kor. 14,37; Joh. 16,13-15; Joh. 17,20), bleibt es auch gegenüber denen, die auf unmittelbare Offenbarungen sich berufen, bei dem Entweder-Oder: „Vernunft oder Schrift“ (1 Kor. 14,37).

 

    Litera B) schaltet nacheinander alle anderen Möglichkeiten aus, weist hintereinander zurück die bekannten Versuche, die nicht maskierte Vernunft (ratio, alle natürlichen Menschenkräfte umfassend); die theologisch getarnte Vernunft, das sogenannte „christliche“ Ich oder die „Erfahrung“ des Gläubigen oder das „innere Licht“; gerne die Kirche mit ihrer Tradition, ihrem irgendwie von der Schrift unabhängigen Lehr- oder Regieramt; endlich neue Offenbarungen an die Stelle der Schrift zu setzen oder sie ihr zu koordinieren. Da der Mensch sich von Haus aus selbst selig machen will, bedeutet Schrift und Vernunft in irgendeiner der dargestellten Formen nur Vernunft. Hier hast du’s mit Gegenspielern zu tun. Gib der Vernunft den kleinen Finger, sie nimmt die ganze Hand. Umgekehrt ist auch das Reich des Königs Christus total. „Wer aus der Wahrheit ist“, spricht er, „der höret meine Stimme“, nämlich allein (Joh. 18,36). Der Heiland sagt von seinen Schafen: „Sie kennen der Fremden Stimme nicht“. (Joh. 10,15.)

    Gegen Ende des Absatzes B (§ 9) ist nochmals betont, was schon in den Schriftstellen von § 1 lag, dass das Wort der Apostel und Propheten vom Herrn der Kirche für alle Zeit als Grund oder Fundament gegeben ist. Dies wirft die Frage auf nach dem Verhältnis zwischen Wort Jesu, Wort des Heiligen Geistes und Wort der Propheten und Apostel, ferner nach dem Verhältnis zwischen dem Wort Gottes, wie eben dadurch bestimmt, als dem unicum fundamentum ecclesiae und der wahren Freiheit.

    Hierüber das Zeugnis des Neuen Testaments:

    Der Heiland sagt von dem Heiligen Geiste nicht nur: „Derselbe wird mich verklären“, sondern auch: „Von dem Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen.“ (Joh. 16,14) Und er spricht im hohepriesterlichen Gebet: „Ich bitte nicht allein für sie (die Apostel), sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden“ (Joh. 17,20), wie er vorher im selben Gebet gesagt hat: „Ich habe ihnen gegen dein Wort.“ (Vers 14.) Christi Wort, des Vaters Wort, des Heiligen Geistes Wort, der Apostel Wort (das wiederum in eine Klasse mit dem Prophetenwort gesetzt wird, schon durch den einen Artikel, Eph. 2,20) ist alles ein Wort, in dem sich Gott uns schenkt mit der Wirkung, dass wir uns selbst fallen lassen und dem Teufelsbann der Selbstanbetung entrissen werden. Des Sohnes Wort ist abgeschlossen, denn „nachdem vorzeiten Gott manchmal und mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn“, Hebr. 1,12. Der Apostel Wort ist nichts anderes als des Sohnes Wort durch den vom Himmel gesandten Heiligen Geist. Mit den Aposteln ist auch der Kanon des neuen Testaments abgeschlossen. Das Wort kann nicht geändert, nicht verbessert, nicht gemehrt, nicht gemindert werden, Offenb. 22,18 f. Aber eben dieses Wort redet noch. Das Wort der predigenden, zeugenden Kirche ist nichts anderes als das Sohneswort, Propheten-, Apostel-, Schriftwort in mündlicher Bezeugung durch den Heiligen Geist, viva vox, aber dem fahrigen Menschengeist gegenüber unter der heiligen Kontrolle der göttlichen Schrift, so dass die Losung lautet: „Nach dem Gesetz und Zeugnis; werden sie das nicht sagen, so werden sie die Morgenröte nicht haben“ (Jes. 8,20), und: „Halte an dem Vorbild der heilsamen Worte, die du von mir gelernt hast, im Glauben und in der Liebe in Christus Jesus. Diese gute Beilage (= dies beigelegte Gut) bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt.“ (2. Tim. 1,13.14.) In der Entbindung von aller anderen geistlichen Gewalt durch dies Wort, in der Bindung an dies Wort besteht unsere Freiheit. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater denn durch mich“, spricht der HERR, Joh. 14,6. Und wiederum: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh. 8,31 f.) „Darum sollen wir desto mehr wahrnehmen des Wortes, das wir hören, dass wir nicht dahin fahren.“ (Hebr. 2,1.) „Wie sollen wir entfliehen, wenn wir eine solche Seligkeit nicht achten? Welche, nachdem sie erstlich gepredigt ist durch den HERRN, ist sie auf uns gekommen durch die, so es gehört haben“ (griechisch: heetis archeen labousa laleistai dia tou kyrion hypo toon akoudantoon eis heemaas ebebaioothee, Hebr. 2,3).

    Den später zu urgierenden Gedanken der Eigenschaften des Worts schon streifend, bemerken wir noch:

    Das Wort Gottes ist „lebendig und kräftig und schärfer denn kein zweischneidig Schwert“, den einen

„ein Geruch des Lebens zum Leben“,

den andern

„ein Geruch des Todes zum Tode“.

    An dem Fels Christus stehen die einen auf aus Gnaden, zerschellen die anderen durch eigene Schuld (Hebr. 4,12; 2. Kor. 2,16; Luk. 2,34 f.; 1. Petr. 2,1-8).

 

 

C. Spiritus Sancti methodus probandae Scripturae Sacrae

[Durch den Heiligen Geist wird die Heilige Schrift beglaubigt]

  

    11. Aller rechte Heilsglaube wird des Christus der Schrift göttlich gewiss (Luk. 4,21; 24,25-27.45-47; Joh. 5,39; 1 Kor. 15,1-11), damit aber auch des Urteils Jesu über die Schrift (Matth. 4,4.6f.10; Luk. 16,29.31; Joh. 5,37-39; 10,35; Matth. 26,54), denn dieses Urteil lässt sich vom wirklichen Christus, an den der Glaube sich halten muss, konsequenterweise nicht abtrennen (Joh. 8,32 f.). Auch ist der wirkliche Christus, an den ich glaube, nicht nur immer so, wie ihn die Schrift beschreibt, nein, auch eingehüllt in diese Schrift kam er zu mir und kommt er zu mir als mein Heiland, indem viva vox [lebendige Stimme] nichts anderes ist als das geoffenbarte, ursprüngliche, inspirierte Zeugnis oder das weiterwirkende Schriftwort. Auch hier gilt: „Das Wort ward Fleisch“ und „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“.

 

    12. Alle Selbstgewissheit, die sich durch eigne, freie, schöpferische Tat selbst Gottes versichert - das Grundanliegen der ganzen Theologie seit Schleiermacher und von Hofmann in Anlehnung an Kant, Fichte, usw. - bricht, wenn der Donner Sinais durchschlägt, vor dem lebendigen Gott zusammen und endet in Verzweiflung oder hoffnungslosem Pharisäismus. Die Schrift bezeichnet Christus, und zwar gerade in seinem Wort, als den außer uns liegenden Felsen, auf den wir gestellt werden müssen (an dem wir aber zerschellen, wenn wir selbst Fels sein wollen). Jes. 8,14; 23,15; Matth. 21,42; Luk. 2,34; Röm. 9,31-10,21; 1 Petr. 2,1-8, weshalb auch Christus spricht: Matth. 24,35 und Jes. 40,6-8 (1 Petr. 1,23-25). Arme Sünder, auch Theologen, kommen nur zur Gewissheit, die vor Gott gilt, indem sie aus ihrem „Ich“ heraustreten und „durch das Wort über sich fahren (Luther Walch 2 XI,7727.736). Das bewirkt aber durchs Wort nur der Heilige Geist, 1 Kor. 12,3; 2 Kor. 1,18-22, wie umgekehrt der Heilige Geist nur durchs Wort wirkt, 2 Kor. 3,8; Gal. 3,2.

    Das Wort Gottes, wie Luther sagt, macht certus active [aktiv gewiss], der Glaube passive. [d.h.: das Wort ist aktiv, um uns des Heils gewiss zu machen; der Glaube passiv, nämlich empfangend, Anm. d. Hrsg.]. Dieser Glaube, der von dem Wort abhängt, in dem Christus sowohl seine Wohltaten anbietet als auch selbst kommt, ist das testimonium Spiritus Sancti internum [innere Zeugnis des Heiligen Geistes], durch welches Wort Gottes sich selbst im Herzen des Christen beglaubigt (1 Joh. 5,10; Joh. 3,33; 7,17). Neben ihm hat das testimonium Spritius Sancti externum [äußeres Zeugnis des Heiligen Geistes] in den vom Heiligen aus dem Glauben herausgesetzten guten Werken nur sekundäre und vornehmlich apologetische Bedeutung. Vgl. Apologie 108,113 gegen 135,155. Das testimonium Spiritus Sancti internum schreibt von selbst auch die Aussage der Schrift über sich selbst ein, d.h. wer durchs Wort Gottes zum Heilsglauben kommt, glaubt durch den Heiligen Geist, dass das Wort der Schrift göttlich ist (Röm. 1,16; 10,8.9; 1 Thess. 2,13; 1 Joh. 1,1-4; 5,6). Die „Salbung“, 1 Joh. 2,20, ist eben das testimonium Spiritus Sancti internum und vom Wort nicht zu trennen. Des Heiligen Geistes Wirkung in Anzündung des Glaubens ist identisch mit des Wortes und Christi Wirkung. Opera Sancti Trinitatis ad extra sunt communia [Die Werke der Heiligen Dreieinigkeit nach außen sind gemeinsame Werke.]

 

 

    Litera C) zeigt, wie der Heilige Geist der Schrift gewiss macht, nämlich durch das testimonium Spiritus S. internum [innere Zeugnis des Heiligen Geistes, Anm. d. Hrsg.], durch das Ja zu Christus, zur Rechtfertigung, zur Vergebung der Sünden. Der Heilige Geist macht durch schöpferisches, jenseits aller Vernunftmitteilung liegendes Wunder den wegen seiner Sünden erschrockenen, vom Gesetz getroffenen und verdammten Sünder des für ihn gestorbenen und auferstandenen menschgewordenen Gottessohnes gewiss, der in Wort und Sakrament als Heiland zu ihm kommt. Das ihn gewinnende und erhaltende Wort des Evangeliums ist aber kein anderes als das weiterwirkende Wort der Apostel, Joh. 17,20. Der Gläubige kommt zu stehen „auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist“, Eph. 2,20. Er glaubt immer vis-à-vis vom Wort, entsprechend Joh. 8,51: „So jemand mein Wort wird halten, der wird den Tod nicht sehen ewiglich.“ Er glaubt „an too euangelioo“, Mark. 1,15. Er steht mit der ganzen Kirche auf dem Fels vermittelst des Wortes und ist so Felsstein im Felsenbau, den die Pforten der Hölle nicht überwältigen, Matth. 16,16 und 1. Petr. 2,1-8. Sollte er den Hirten der Schrift, der ihn ruft, nicht an Seiner Stimme erkennen, wenn diese Stimme am gewaltigsten und ungetrübtesten in der Schrift selbst erschallt, ja immer von der Schrift herkommt? Sollte er’s nicht merken, wenn er sich diesem Kraftfeld nähert? Sollte er nicht folgen, suchen, lesen, lernen? Da sitzt er zu Jesu Füßen wie weiland Maria. Da brennt sein Herz wie den Emmausjüngern. Da traut er der evangelischen Hirtenstimme der Schrift, findet und fasst hier seinen König in der Krippe, in den Windeln, nach dessen Weisung: „Suchet in der Schrift, denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darinnen, und sie ist’s, die von mir zeuget.“ (Joh. 5,39 f.) Welcher Menschenmachtanspruch sollte ihn, den kindlichen wahren Jünger Jesu, wohl bewegen können, Christi und des Heiligen Geistes Urteil über das organische Fundament, auf dem die Kirche ruht, über den Brunnen, aus dem ihr Lebenswasser sprudelt, über den Maßstab, nach dem sie die Lehre messen soll, außer Acht zu setzen?

    Deshalb wird, nach D), ein Kind Gottes dem Geiste nach freudig die richtig verstandene Verbalinspiration annehmen. Eine andere gibt es nach der Schrift nicht (von bloßer Personal- und Realinspiration weiß sie nichts). Es gilt nur die Wahl zwischen Verbalinspiration oder gar keiner. Gott selbst sagt mir, in den bekannten, in der Vorlage und in den Berliner Thesen angeführten Stellen, das Wort der Schrift unterscheide sich von allem anderen Wort, weil es totaliter von ihm inspiriert, gottgehaucht sei, so dass Gott selbst der Sprecher des ganzen Schriftwortes ist, der durch die Propheten und Apostel geredet und geschrieben hat. Litera D) setzt auch die erste von den Berliner Thesen von der richtig verstandenen menschlichen Seite der Schrift, dem bewussten verantwortlichen Zustand der Schreiber, der Wahrung ihrer Eigenart, der gnädigen Herablassung, der heiligen Kondeszendenz Gottes, durch Menschen in unserer Rede mit uns zu reden, voraus. Abermals: Verbum caro factum est. Aber wiederum, ohne Irrtum, ohne Sünde. Vielmehr ist „die ganze Heilige Schrift des Heiligen Geistes Buch, das nirgends irren kann“. Bei allen Unterschieden der Glieder des lebendigen Schriftkörpers kommt ihr doch überall zu:

1.)   göttliche Autorität,

2.)   göttliche Kraft (efficacia) qua Gesetz und qua Evangelium.

Der Schrift eignet weiter in ihrer Ganzheit:

3.)   Genugsamkeit,

und in ihrer Offenbarungs- und Heilsgeschichte und in ihren sedes doctrinae

4)   Klarheit, bis zum Jüngsten Tage alle Menschen mit dem Glanz des ewigen Lebens zu erleuchten, die Kirche mit allem Reichtum der gewissen Lehre zu erfüllen.

    Wenn es irgendwo an Licht und Wärme, an Gnade und Kraft, an Reinheit und Einheit der Lehre fehlt, liegt die Schuld nicht am mangelnden Angebot, sondern am mangelnden Gebrauch. Gebrauchen wir demgemäß die Schrift in dankbarer Freude und lobpreisender Anbetung unter Anrufung des Heiligen Geistes öffentlich und sonderlich! Die seiner Mutter gezollte Seligpreisung gibt Jesus mit den Worten zurück: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“, Luk. 11,28. Und der Martha antwortet er: „Martha, Martha, du hjast viel Sorge und Mühe, eins aber ist Not; Maria hat das gute Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden.“ Luk. 10,42.

 

 

D. De inspiratione verbali Scripturae canonicae

[Von der Verbalinspiration der kanonischen Schriften]

 

    13. Die Schrift sagt, sie sei sowohl im Alten als im Neuen Testament Gottes Wort durch Plenar- oder Verbalinspiration (2 Tim. 3,14-17; 1 Petr. 1,10-12; 2 Petr. 1,16-21; Apg. 1,16; Apg. 28,25; Röm. 3,2).

 

    14. Sämtliche neulutherischen Einwände gegen dies Selbstzeugnis der Schrift stammen nicht aus der Schrift, sondern aus der unwiedergeborenen Vernunft, machen ab er nicht einmal der Schärfe des Verstandes Ehre, da der ungläubige Widerspruch meist durch sinnlose Errichtung von Strohmännern (metabasis eis allo genos usw., z.B. Ablenkung auf Varianten, Deuterokanonie, Form alttestamentlicher Zitate im Neuen Testament) getarnt wird. Nackt bleibe er vernünftiger, wäre er ehrlicher. Dass Plenarinspiration mechanisch gedacht werde müsse, ist nicht wahr; so wenig wie die zur Schau getragene Wissenschaftlichkeit (als kenne man jetzt erst die wirkliche Gestalt der Schrift) im Vergleich zu dem geradezu maßlos überlegenen Luther, ja selbst im Vergleich zu den beharrlich in Karikatur dargestellten lutherischen Dogmatikern einen Schatten von Berechtigung hat. Der echte Kondeszendenzgedanke ist selbst bei letzteren, nach Luther, vorhanden, wenn auch nicht so triumphierend. Weil der Sohn Gottes Mensch wurde, so bedient sich der Heilige Geist menschlicher Sprache mit persönlicher Spracheigentümlichkeit jedes Autors, und doch gibt es kein extra rationalisticum oder enthusiasticum, kein Wort der Schrift, wo der Heilige Geist nicht durch den Schreiber zu uns spräche, nichts, was nicht eigentliches, irrtumsloses Gotteswort wäre („irrtumslos“ nicht mathematisch-sophistisch, sondern natürlich-sprachlich zu verstehen).

 

    15. Auch die Eigenschaften der Heiligen Schriften sind nach dem Selbstzeugnis derselben genau mit Luther und den altlutherischen Dogmatikern festzuhalten:

 

auctoritas divina [göttliche Autorität]: (Joh. 12,48; 1 Kor. 2,4.5. - Alle Stellen, welche das Weichen von Irrlehrern gebieten, betonen sie.)

efficacia divina [göttliche Wirkkraft]: (1 Petr. 1,23-25; Hebr. 4,12)

perfectio [Vollkommenheit]: (2 Tim. 3,14-17, evident aus dem Fehlen jeder Andeutung der Ergänzung)

perspicuitas sive claritas [Deutlichkeit oder Klarheit]: (2 Kor. 2,15; Ps. 119,105 - alle Stellen von der Verpflichtung, bei der reinen Lehre zu bleiben und in ihr eins zu sein, setzen sie voraus).

 

    Zum letzten Punkt gehören die wichtigsten hermeneutischen Regeln. Die Frage, ob aus dem „Schriftganzen“ oder zunächst immer aus den sedes doctrinae [Sitze der Lehren] die Lehre zu erheben ist, gehört hierher. Dass nur der Heilige Geist zur wirklichen Erkenntnis der Lehre, zur inneren Erfassung des Unterschieds von Gesetz und Evangelium, zur Erleuchtung führen kann, war von Anfang an vorausgesetzt.

 

 

 

E. De efficacia Sancti Spiritus in verbo Scripturae Sacrae operantis et ducentis ad corpus doctrinae Christianae amplectandae et 'en pleerophoria pollee' docendae

[Von der Wirkkraft des Heiligen Geistes im Wort der Heiligen Schrift, mit dem der umfassende christlichen Lehrkörper erarbeitet und ‚in voller Gewissheit’ gelehrt wird]

        

    16. Insbesondere muss die Tätigkeit des Heiligen Geistes in, mit und unter der Schrift (Joh. 6,63; 1 Joh. 5,6 b) festgehalten werden, und zwar als richtende Lebendigkeit qua [durch das] Gesetz (Joh. 16,8 umfasst auch des Gesetzes Wirkung mit) und als wirksames Gnadenmittel qua Evangelium (Joh. 20,31; 1 Joh. 1,1-4; 5,13). Dadurch wird zugleich das von P. Kölling urgierte [behauptete] Verhältnis von logos ensarkos [dem fleischgewordenen Wort] und logos graptos [dem geschriebenen Wort] festgehalten, das Material- und Formalprinzip in evangelischer Verklammerung zusammengehalten und bloßer nomistischer Fundamentalismus abgewiesen.

 

    17. Der Heilige Geist, der Geist der Wahrheit, ist kein Skeptiker; er macht durch das Wort der Wahrheit (Joh. 17,17; Jak. 1,18) der Wahrheit, aller Wahrheit (Joh. 16,13) göttlich gewiss (1 Joh. 5,6; Hebr. 10,21 f.; Kol. 2,2), und zwar nicht nur zur Überwindung der Anfechtungen (Joh. 8,31; Röm. 8,39), sondern auch zum Zweck des Lehrens (Matth. 28,18 ff.; Gal. 1,8; 5,9; 2 Tim. 3,15-17; Tit. 1,9). Hierauf (1 Tim. 3,15) gründet sich auch die als an der norma normans [normierende Norm, die Bibel] ausgewiesene Autorität der norma normata [normierte Norm, die Bekenntnisschriften], der mit "quia" [weil] zu unterschreibenden Symbole [Bekenntnisschriften].

 

    18. „Offene Frage“ kann in der Kirche nur sein, was die Schrift nicht in klaren Stellen (sedes doctrinae) beantwortet hat, und solche Fragen können vor dem Jüngsten Tag auch nicht geschlossen werden, da der Hl. Geist sich an die einmal gegebene Schrift gebunden hat (Joh. 16,13-15; 17,20) und über die freie Gemeinde Christi nie und nirgends eine Menschenherrschaft aufgerichtet werden darf (Matth. 15,9; 23,10; Gal. 1,8; Röm. 16,17). Nur was geweissagte Ereignisse betrifft vor der Zeit des Jüngsten Tages, so wird in eventu [im Ereignis], post eventum [nach dem Ereignis] die Auslegung solcher Schriftstellen klarer bzw. evident. Dass es cruces interpretum [Kreuze in der Auslegung] und mancherlei questiones adnatae [nachfolgende Fragen] gibt (um die sich die Theologie mühen soll mit einer gewissen Verheißung), dass der Zusammenhang der Schriftlehren immer wieder neu erkannt, besser erkannt, diese auch immer neu angewandt werden müssen, verstößt nicht gegen das Gegebene, nicht erst Aufgegebene der Lehre, und aus schärfste muss auch die neueste Form der Geisterei, die Barthsche, zurückgewiesen werden.

 

   

    Litera E) steht unter dem Lutherwort aus de servo arbitrio: „Der Heilige Geist ist kein Skeptiker.“ Er ist vielmehr ein Geist der Plerophorie, um ein unserem Luther besonders ans Herz gewachsenes Wort zu gebrauchen. „Er ist,“ sagt unsere Vorlage, § 17, „der Geist der Wahrheit, aller Wahrheit (Joh. 16,13)“, der „göttlich macht (1. Joh. 5,6; Hebr. 10,21; Kol. 2,2), und zwar nicht nur zur Überwindung der Anfechtung (Joh. 8,31 f.; Röm. 8,39), sondern auch zum Zweck des Lehrens (Matth. 28,19 f.; Gal. 1,8; 5,9; 2. Tim. 3,15-17; Tit. 1,9).“ Er macht die Kirche durch das Schriftwort zum „Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit“ (1. Tim. 3,15).

    (Symbole) Darum bekennt die Kirche auch in fortlaufendem Bekenntnis, das als einmütiger Konsensus bei gegebenem großen geschichtlichen Anlass auch schriftlich fixiert und weitergeerbt wird. Durch nicht nur de iure –, sondern de facto – Bekenntnis weist sich die Kirche als Gottes Haus gegen allen Irrtum aus. Als lautere Schriftauslegung, als evangelische Summe der Schrift, als Bezeugung der einen christlichen Lehre, des trinitarischen Glaubens, ist das Bekenntnis des christlichen Konkordienbuches zum Schutze der Gemeinden von den Predigern mit „quia“ zu unterzeichnen. Es erschöpft aber nicht die ganze Lehre der Heiligen Schrift.

    Publica doctrina, corpus doctrinae, christliche Dogmatik, kann nie freigeben, was die Schrift zu glauben und anzunehmen aufgibt, denn Jesus spricht: „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Demgemäß begrenzt § 18 die „offenen Fragen“ als die von der Schrift offen gelassenen. Es können nicht ganze „Theologien“ von neueren Lutheranersn, die sich widersprechen, einfach weil sie von „Lutheranern“ kommen oder gar hier und da in freikirchlich lutherischem Raum Ansehen hatten, nebeneinander stehen bleiben kraft menschlichen Abkommens. Wir verfügen nicht über die Wahrheit, sie verfügt über uns. Sonst verweigern wir uns dem einen Meister, Christus.

    Die Schrift ist auch klar, § 15, so dass in jeder heilsamen Lehre der Konsensus bei demütigem Gefangennehmen der Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens möglich ist. Wir haben die Verheißung: „Der Heilige Geist wird euch in alle Wahrheit leiten.“ (Joh. 16,13.) „So denn ihr, die ihr arg seid, könnt euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die da bitten.“ (Luk. 11,13.)

    Wir haben die Pflicht, in der heilsamen lehre eins zu sein. „Seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens. Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einerlei Hoffnung eures Berufes. Ein HERR, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch alle und durch euch alle und in euch allen.“ (Eph. 4,3-6), „auf dass wir uns nicht mehr wägen und wiegen lassen von allerlei Wind der Lehre durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei, damit sie uns erschleichen und verführen. Lasst uns aber Wahrheitsleute in der Liebe sein und wachsen in allen Stücken an dem, der das Haupt ist, Christus.“ (Eph. 4,14 f.) „Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch den Namen unseres HERRN Jesus Christus, dass ihr allzumal einerlei Rede führt und lasst nicht Spaltungen unter euch sein, sondern haltet fest aneinander in einem Sinn und in einerlei Meinung.“ (1. Kor. 1,10.)

   

    Die Lösungen des pseudolutherischen synergistisch-rationalistischen Jahrhunderts der Indifferenz, die Lösungen der „geisternden“ Barthschen Unionsschule sind für ernste Lutheraner heute undiskutabel. Die volle Einigkeit in der Lehre ist gar nicht schwer, wenn nur die Meinung fallen gelassen wird, es ginge schon, wenn nur die Vorstellung verbannt wird, es gebe eine Einigkeit in der Kirche ohne das consentire de doctrina evangelii, Augustana 7; wenn nur die doppelte Buchführung fallen gelassen wird, als gäbe es eine Freiheit der Theologie jenseits von gut und böse, jenseits von Schrift und Bekenntnis. Hier liegen zwei herrliche Dokumente vor, die Hannover’schen Thesen von 1908 über „die Klarheit der Schrift und die Verbindlichkeit der Symobole“, und das Dokument „Z“ mit den Näherbestimmungen (künftig Dokument „ZZ“ genannt), die das gewaltige Luther-Zitat zu Gal. 5,9 „Ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig“ zusammen mit den Sätzen über die wahre und falsche Kirche enthalten. Hier ist der Punkt, wo wir im Gewissen fest werden müssen, um nicht ein faules Salz zu werden und mit Deutschland weggeworfen zu werden, sondern in Deutschland und von dem gezüchtigten Deutschland aus zu retten, was noch zu retten ist. Das seligmachende Evangelium hängt von der Reinheit ab, von der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, von dem sola, von den particularis exclusivis. Wie das Auge kein Stäublein verträgt, so verträgt das Evangelium keine Menschenlehre. Gleichgültigkeit gegen die Pseudokirche, die von Nomos, von der Bändigung des Volkes oder der Völker als halbpolitische Anstalt ohne Evangelium lebt, wie ihre großen weltmächtigen Konkurrentinnen. Lutherische Kirche ist Kirche des Evangeliums. Ist sie das aber nicht im Ernst, mit fröhlichem, jubelndem Zutrauen zum Wort, mit großem Fleiß um die Schrift und dem lieben Katechismus, mit heiliger evangelischer Lehrzucht, mit ernster Ablehnung aller kirchlichen Zusammenarbeit ohne Einigkeit im Glauben und in der Lehre, mit unerbittlichem Kampf gegen die Union in unserer Zeit der grenzenlosen kirchlichen Weltunion, dann ist sie nichts. Dann ist sie ein Aas, um das sich alle Geier sammeln. Ist sie aber treu, die Traute, der der HERR sein ganzes Wort anvertraut hat, so gilt ihr auch in der „Stunde der Versuchung, die über den Weltkreis kommt, zu versuchen, die da wohnen auf Erden“, die Verheißung an die Gemeinde Philadelphia, Offenb. 3,7-13. Harren wir aus, liebe Brüder. Unser HERR kommt bald in Herrlichkeit, seine kämpfende Ritterschar zu entsetzen und in seine Freude einzuführen, wo unser Wissen nicht mehr Stückwerk sein wird, wo wir schauen werden von Angesicht zu Angesicht (1. Kor. 13,9-12).

 

    Litera F), der Schluss, hebt die seit 200 Jahren gestellte Frage: „Vernunft oder Schrift? Ungewissheit oder göttliche Gewissheit der Lehre?“ als die Schicksalsfrage heute hervor.

 

 

F. Conclusio

[Schlussfolgerung]

       

    19. An Stelle des schwärmerischen Neuluthertums - eines Flügels des abgefallenen Neuprotestantismus - kann die gnesiolutherische Kirche nur bei der Schrift verharren bzw. nur durch bußfertige Rückkehr zum ungebrochenen Schrift- und Wahrheitsprinzip wieder erstehen; anders kann innerhalb lutherischer Kirche die Una Sancta [Eine heilige Kirche] weder recht gebaut noch recht repräsentiert werden.

 

    20. Die Schicksalsfrage der lutherischen Kirche (und des Protestantismus) in dieser Zeit ihrer äußeren und äußersten Bedrohung ist (in einem Zuge mit der Erfassung und Geltendmachung des discrimen inter legem et evangelium et inter regnum potestatis et regnum Christi [des Unterschiedes zwischen Gesetz und Evangelium und zwischen dem Macht- und Gnadenreich oder Reich Christi]) die Beseitigung der Philosophie aus der Herrscherstellung, die Demütigung der Vernunft zur Magdstellung um des Evangeliums willen, zur Ehre Gottes und Christi. Nur so kann man der Auflösung von romfreier Kirche in totalen Subjektivismus und Nihilismus bzw. der erneuten Knebelung durch Roms äußeres Traditionsprinzip oder durch anderen tyrannischen Kollektivismus entgehen.

 

    21. Gott gebe Buße über unsere natürliche, immer wieder durchbrechende Verderbtheit und [gebe] kirchliche Scheidung von prinzipiell unbußfertigen Theologen und offenkundig ungöttlichen Massen! Aber er verleihe Einigkeit im Geist mit allen, die liebhaben den Herrn Jesus unverrückt! Die innere Einigkeit der Una Sancta kann nur als Einigkeit in der Lehre (CA VII; Röm. 16,17; 1 Kor. 1,10; Phil. 3,16) zutage treten (Joh. 10,27 f.), d.h. durch vom Heiligen Geist gewirkte selige Schriftgebundenheit. Möge Gott der lutherischen Freikirche die Kraft geben, in einmütiger Freude und in des Geistes Kraft diesen Weg der Kirche Deutschlands zu weisen! Sie darf nicht aufhören, der theologischen und kirchlichen Welt die Schicksalsfrage seit 200 Jahren zu stellen:

 

 

„Vernunft oder Schrift?

Ungewissheit oder göttliche Gewissheit der Lehre?“

 

und ihr in evangelischer aber unerschrockener Weise als ceterum censeo [ich aber beschließe]:

 

Sola Scriptura

Meeden ater graphees

[Allein die Schrift

Nichts als die Schrift]

 

zuzurufen.

 

 

III.

 

    Es muss bedacht werden, dass „Vernunft“ als hier gebrauchter terminus technicus alle aus eigener Quelle stammenden und (entsprechend dem totalen Abfall und der ebsündlichen Teufelsgebundenheit) nur irreleitenden Erkenntnismöglichkeiten des Menschen in geistlichen Dingen umfasst, was auch die „dialektischen“ Urteilsmöglichkeiten halsbrecherischen „Geistes“ einschließt. Die Schrift sagt ungeheuer abwertend von der Vernunft: „Und auch ihr, da ihr tot ward durch Übertretungen und Sünden, in welchen ihr einst gewandelt habt nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, unter welchen wir auch alle einst unseren Wandel gehabt haben in den Lüsten unseres Fleisches und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft (kai toon dianoioon) und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die andern.“ Eph. 2,1-3. Und abermals: „Die ihr einst Fremde und Feinde wart durch die Vernunft (tee dianoia - Dativ) in bösen Werken.“ Kol. 1,21. Und nochmals: „Seht zu, dass euch niemand beraube durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschen Lehre (dia tees philosopohias kai kenees apan tees kata teen paradosin toon anthropoon) und nach der Welt Satzungen (kata ta stoicheia tou kosmou), und nicht nach Christus. Denn in wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig. Und ihr seid vollkommen (pepleeroomenoi) in ihm, welcher ist das Haupt aller Fürstentümer …“ Die Vernunft, gesetzlich, knechtet unter die stoicheia tou kosmou, Gesetzeslehren, die an sich nur Sklaven machen, einerlei, ob (liiert mit Aberglauben) der sogenannten revelatio naturalis entnommen, Gal. 4,8-10. Neben Kol. 2,8.9 ist auch 1. Tim. 6,20 f. hier beachtenswert: „O Timotheus, bewahre, das dir vertraut ist (teeen paratheekeen) und meide die ungeistlichen, losen Geschwätze (tas bebeelous kenophoonias) und das Gezänk der falsch berühmten Kunst (kai antitheseis tees pseudoonymou gnooseous), welche etliche vorgeben und fehlen des Glaubens.“

    So genügt zur Kennzeichnung des status controversiae gegenüber dem ganzen Lehrbabel in unserer immer noch von Pietismus und Rationalismus herkommenden Zeit die Überschrift:

 

„Vernunft oder Schrift? Ungewissheit oder göttliche Gewissheit der Lehre?“

 

    Die Doppelfrage trifft ins Herz auch der dialektischen Theologie, die sich von der Grundhaltung der Moderne trotz alles Scheines und trotz mancher weiter vorstoßenden Mitläufer nicht wesentlich unterscheidet. Man könnte höchstens vor diese Fragen noch die Fragen stellen: „Mensch oder Christus? Kooperation oder sola gratia? Gesetz oder Evangelium?“

 

    Was wären nun angesichts des heutigen status controversiae die aus der Schrift und den lutherischen Bekenntnisschriften vorzutragenden abschließenden

 

Thesen nebst ihren Antithesen?

    Ehe ich zur Antwort übergehe, erlaube ich mir eine Erklärung, die zugleich eine Bitte enthält:

    Meine Herren Brüder, ich getraue mir nicht auf einen Hieb die Fassung zu treffen, die hier alles deckt. Ich lege aber den Herren Amtsbrüdern die folgenden Sätze als christliche Lehre mit kurzem Schriftbeweis vor und hoffe, dass die Abzweckung auf die Irrtümer der Zeit noch Verbesserung erfährt durch ihre brüderliche Kritik und Mitarbeit, die ich Sie alle ersuche. Erläuternde Bemerkungen, die gesetzliches oder mechanisches Missverständnis und Ähnliches ausschließen sollen, finden im Folgenden nicht mehr einen geeigneten Platz. Das alles ist vorausgesetzt, sei’s durch die Berliner Thesen, sei’s durch die Vorlage und die heute gegebenen Ausführungen. Ebenso wenig wollen die Sätze schon die Form festlegen, in der einheitliche Stellungnahme dem aufgezeichneten status controversiae gegenüber im deutschen öffentlichen Raum bekannt werden muss; denn da müssen ja wieder Missverständnisse vorausgesetzt werden. Vielmehr suchen die Sätze zunächst im eigenen Raum aufgrund der Berliner Thesen und der heutigen Darlegung das Fazit in der Schicksalsfrage seit 200 Jahren:

 

Vernunft oder Schrift?

Ungewissheit oder göttliche Gewissheit der Lehre?

 

festzuhalten. Und zwar ist logische Folge angestrebt, aber mit beigefügtem kurzen Schriftbeweis nach dem stets zu beherzigenden Grundsatz: „Meeden ater graphees (Es steht aber geschrieben).

 

    Hiermit lege ich Ihnen denn die sechs Sätze vor:

 

    1. Die ganze Heilige Schrift ist des Heiligen Geistes Buch, verpflichtet uns als Gottes Offenbarung und kann nirgends irren.

2. Petr. 1,21: „Die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.“

2. Tim. 3,16: „Alle Schrift von Gott eingegeben.

1. Kor. 2,13: „Welches wir auch reden, nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehrt.“

Matth. 4,7: „Es steht geschrieben!

Joh. 10,35: „Die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.

    Verworfen wird jedes Zusammenzählen von zwei eigentlichen Sprechern, Gott und menschlichen Verfassern, jedes Auseinanderreißen des in der ganzen Schrift mittels menschlicher Redeweise vorliegenden Wortes Gottes, jeder böse Unterschied, als sollte uns in der kanonischen Urschrift irgendetwas begegnen können, was nicht Gottes Wort wäre, wodurch nicht der Heilige Geist als der eigentliche Sprecher zu uns redet, selbst wenn er böser Menschen Rede referiert.

    Verworfen wird, wenn irgendetwas in der Heiligen Schrift angenommen wird, was nicht unverbrüchlich oder irrtumslos und, in der Form der Herablassung, in menschlicher Rede, seine göttliche Weisheit und Wahrheit wäre.

    Verworfen wird also jede Verflüchtigung der in den angeführtes sedes doctrinae von der ganzen Schrift ausgesagten Vollinspiration (Plenar- oder Verbalinspiration).

    Verworfen wird jede Abschwächung der göttlichen Autorität der Schrift, als könne Menschenmeinung oder –wille gegen die nackte Schrift (nuda scriptura) stehen.

 

    2. Die Kirche ist seit dem Ableben der Apostel und bis zum Jüngsten Tage an die Heilige Schrift als die einzige Quelle, Regel und Richtschnur der christlichen Lehre gebunden.

Hebr. 1,2: „Am letzten in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“

Matth. 17,5: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören.“

Joh. 17,20: „Die durch ihr Wort an mich glauben werden.

Eph. 2,20: „Erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist.“

Offenb. 22,18.19: „So jemand dazu setzt, so wird Gott zusetzen auf ihn alle Plagen, die in diesem Buch geschrieben stehen. Und so jemand davon tut, so wird Gott abtun sein Teil vom Holz des Lebens und von der Heiligen Stadt, von dem, das in diesem Buch geschrieben steht.“

Psalm 119,9: „Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinen Worten.“

    Verworfen wird für die in der christlichen Kirche maßgebende Lehre jede andere Quelle und Norm neben der Heiligen Schrift. Dies gilt besonders, wenn das Vorzeichen „christlich“ davorgestellt wird („christliches Ich“, „wiedergeborene Vernunft, Gefühl“, „christliche Erfahrung“ usw.) Auch ein Glaube, der subjektiver Richter über das Wort sein soll, an das er sich doch halten muss, Mark. 1,15, wird verworfen.

 

    3A. Das Wort Gottes zerfällt in Gesetz und Evangelium. Das Gesetz fordert von uns die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, das Evangelium schenkt sie uns um Christi willen, der in Leben und Leiden das ganze Gesetz für uns stellvertretend erfüllt und uns Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit erworben hat. Das Evangelium ist das eigentliche Wort Gottes, kann aber nur auf dem Hintergrund des Gesetzes erkannt werden. Ohne das geoffenbarte Sittengesetz, im Strafamt des Heiligen Geistes, dient die „natürliche Gotteserkenntnis“ nicht zum Verzagen vor Gott wegen der Sünde, sondern wird zur Panzerung gegen die Buße missbraucht; und das um Christi willen ohne Bedingung sittlicher Leistung freisprechende Evangelium kann nur aus der Offenbarung gelernt und allein durch Wirkung des Heiligen Geistes im Evangelium und im Blick auf das Evangelium geglaubt werden, wodurch allein denn auch Licht und Kraft, Christo im Halten des Gesetzes nachzufolgen, ins Herz einzieht.

Röm. 3,20: „Durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.

Joh. 16,8: „Der Heilige Geist wird die Welt strafen (umfasst das ganze Überführen durch Gesetz und Evangelium.“

Joh. 1,17: „Das Gesetz ist durch Mose gegeben, die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

1. Joh. 2,2: „Christus ist die Versöhnung für unsere Sünde, nicht allein aber für die unsere, sondern auch für die der ganzen Welt.

Röm. 10,4: „Christus ist des Gesetzes Ende, wer an den glaubt, der ist gerecht.

Luk. 24,47; Mark. 16,15: „Und predigen lassen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden unter allen Völkern.“ „Predigt das Evangelium aller Kreatur!“

Röm. 10,17: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes.

Mark. 1,15: „Glaubt an das Evangelium!“

1. Kor. 12,3: Niemand kann Jesus einen HERRN heißen außer durch den Heiligen Geist.

Gal. 5,6: „In Christus gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“

    Verworfen wird, wenn Gesetz und Evangelium per se nicht recht bestimmt, nicht geteilt oder nicht recht aufeinander bezogen werden, weil dann Gottes Wort überhaupt nicht verkündigt wird. -

    Verworfen wird die Rede, es gäbe keine natürliche Gottes- und Gesetzeserkenntnis und äußerliche Gerechtigkeit, gegen Röm. 1,19 f. und 2,14; Röm. 8,7.

    Verworfen wird, wenn vom Erkenntnisprinzip die Rede ist, zu sagen, Jesus sei das eine Wort Gottes, als ob Jesus auch das Gesetz wäre, das Gesetz im Evangelium eingeklammert wäre, auch in seinem bürgerlichen Bereich, oder als ob es keine Bedeutung hätte oder gar nicht da wäre, gegen Röm. 1,19 f.; 2,14-17; vgl. mit 8,7; 1. Kor. 2,14; 2,6-10.

    Verworfen wird erst recht die Irrlehre, als ob vom Gesetz her der natürliche Mensch irgendeinen Zugang zur seligmachenden Wahrheit des Evangeliums haben sollte.

    Verworfen wird, wenn erst Gnade, dann Sünde gepredigt wird, gegen Röm. 1-3 und Gal. 3, ferner, wenn gute Werke anders als „durch die Barmherzigkeit Gottes“, Röm. 12,1, hervorgerufen werden sollen, oder die Aufgabe der Kirche darein gestellt wird, durch den äußeren Gebrauch des Gesetzes, kurz, durch Gesetzlichkeit, die Welt besser zu machen.

    Verworfen wird von vornherein, wenn nicht gelehrt wird, dass der Mensch von Natur gänzlich in Sünden blind, tot und Gott feind ist, Eph. 2,1.

    Verworfen wird es, wenn dem Menschen die geringste Mitwirkung bei seiner Bekehrung zugeschrieben wird gegen Eph. 2,8.9, oder wenn die bekehrende Macht des Heiligen Geistes vom Evangelium getrennt wird, als ob entweder der Heilige Geist getrennt von den Gnadenmitteln den Glaube wirke oder Gesetz bzw. Evangelium ohne den Heiligen Geist durchdringende oder erhaltende Kraft hätten, und endlich, wenn der Bekehrte von seinem Existenzgrund abgelöst wird, so, als ob der Glaube nicht am Zuspruch des Evangeliums hange, die Kirche nicht auf dem Wort ruhe, Gesetz und Evangelium nicht auch dem Christen, der das Fleisch noch an sich hat, beständig gepredigt werden müssten, Matth. 28,19 f.; 2, Tim. 4,1-2.

 

    3B. Das äußerliche, mündliche, auch sichtbare Wort, viva vox, durch das der Heilige Geist in der Kirche Buße und Glauben oder auch durch beharrliches und mutwilliges Widerstreben herausgeforderte Verstockung wirkt, in dem Christus sich in seinen Wohltaten schenkend und lebendigmachend kommt, ist nichts anderes als der logos eksarkos und ensarkos oder der Propheten und Apostel Wort, in seinem Fortwirken im Heiligen Geist beständig aus der theopneustischen [gottgehauchten] Schrift geschöpft und an der theopneustischen Schrift normiert.

Joh. 17,20: „Die durch ihr Wort an mich glauben werden.“

Eph. 2,20: „Erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten.“

    Verworfen wird es mit Nachdruck, wenn das in Christi Auftrag in der Kirche verkündigte Wort nicht voll und ganz Gottes Wort sein soll, gegen Luk. 10,16; 2 Kor. 5,18-21,

    oder wenn Menschen ein Wort, das nicht der Schrift entnommen ist und nicht mit der Schrift stimmt, als Wort Gottes in der Kirche (viva vox Dei, visibilis vox Dei) auszugeben wagen, gegen Matth. 28,19.20; 1. Tim. 6,3-5; Matth. 5,17-19; 15,9; Jes. 23,31; Gal. 1,8.10.

 

    4. Der Heilige Geist macht, eben wie den einzelnen Gläubigen, so die Gemeinde der Heiligen, die Kirche, der Lehre Gottes lebensvoll gewiss, so dass sie aufgrund der Schrift das Wort Gottes bekennt, ja, besonders durch ihr Amt inGottes Auftrag und Namen verkündigt darüber fröhlich leidet, was Gott will. Die ganze christliche Lehre hängt durch Gesetz und Evangelium zusammen, und von der Verbindlichkeit keiner geoffenbarten Lehre kann in der Kirche dispensiert werden, so wenig der Lehre etwas hinzugefügt werden kann. Grundsätzlicher Ungehorsam gegen Gottes Offenbarung in Christo, d.h. gegen die Lehre der Schrift, hebt die Kirchengemeinschaft auf, so gewiss Schwache zu tragen sind und alles in der Liebe geschehen soll.

Joh. 16,13: „Der Heilige Geist wird euch in alle Wahrheit leiten.“

2 Kor. 1,18-20: „Aber, o ein treuer Gott, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein gewesen ist. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm. Denn alle Gottesverheißungen sind Ja in ihm und sind Amen in ihm, Gott zu Lobe durch uns.

Kol. 2,(1-)2-3(-10): „Auf dass ihre Herzen ermahnt und zusammengefasst werden in der Liebe zu allem Reichtum des gewissen Verstandes (kai eis pan ploutos tees pleerophorias tees syneeseoos) zu erkennen das Geheimnis Gottes des Vaters und Christi (eis epignocsin tou mysteeriou tou theou, Christou), in wlechem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis.“

1 Tim. 3,15: Dass du wissest, wie du wandeln sollst in dem Hause Gottes, welches ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit.“

Matth. 10 mit Parallelen, als an Gläubige wie auch an besonders berufene Apostel gerichtet.

1. Petr. 2,9: „Dass ihr verkündigen sollt (exangeileete) die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht.“

Joh. 20,21-23: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch … Welchen ihr die Sünden erlasst“ usw. (also das Amt innerhalb der Gemeinde, wie 2. Kor. 5,18-20).

Joh. 1 und Gal. 1; 2; 5; 6 mit der Überschrift „Gnade und Wahrheit“ und „Gesetz und Evangelium.“

Gal. 5,6: „In Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.“ (nexus indivulsus in der ganzen Lehre, demgemäß auch zwischen Rechtfertigung und Heiligung.)

Matth. 28,19 f.: „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Joh. 8,31 f.: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede …“ (logos, Einzahl)  

1. Tim. 6,3-5; Röm. 16,17; Tit. 3,10; Matth. 18,15-18; 2. Thess. 3,4-6. 14 ff.; Eph. 6,13-17.

    Verworfen wird alles Lehren und Glauben ohne Schriftgrund, alle Lehrgleichgültigkeit, Lehrungewissheit und alle Lehrvermischung, Gal. 5,9, sowie jede Unterlassung des gottgebotenen Kampfes für Gottes Wahrheit und der nötigen Trennung von Irrlehrern und falschen Kirchen, Gal. 1,8.10; Jud. 3, sowie alle Lieblosigkeit, die dem gebotenen Kampf aus dem Fleisch beigefügt wird.

 

    5. Die lutherischen Bekenntnisschriften, das Ja der Una Sancta zu Gottes Wort, sind, weil mit der Schrift übereinstimmend, verbindliche Auslegung der Heiligen Schrift, und zwar sind sie dies in evangelischer Weise von dem Mittelpunkt derselben, Gesetz und Evangelium, kurz, von Christo her. Sie sind zur gegenwärtigen Darstellung der rechtgläubigen Kirche aller Zeiten und zum Schutz ihrer Gemeinden von allen berufenen Dienern am Wort mit einem „quia“, nicht mit „quatenus“, zu unterschreiben, müssen in der Kirche evangelisch leben, zugleich gegen alle Schwarmgeister lehrgesetzlich gelten. Augsb. Bek. VII; 1 Kor. 1,10; Konk.Formel S. 553, § 5; Augsb. Bek. X; Röm. 16,16 f.; Konk.Formel S. 698, § 5 u. 6 (Ausf. Darl. X).

    Zu verwerfen ist daher nicht nur die Union zwischen Glauben und Unglauben, wie sie in den Staatskirchen sich breit macht, auch nicht nur die in der preußischen Union zuerst zum Ausdruck gekommene Union zwischen lutherischer und reformierter Kirche, sondern auch der „lutherische“ Indifferentismus [Lehrgleichgültigkeit, Anm. d. Hrsg.] und Synkretismus [Religionsvermischung, Anm. d. Hrsg.], welcher bei grundsätzlicher Anerkennung der Alleinverbindlichkeit der Symbole [Bekenntnisse, Anm. d. Hrsg.] doch verschiedene Auslegungen der Symbole für gleichberechtigt hält oder zwischen kirchentrennenden und nicht kirchentrennenden Abweichungen in der Lehre einen bösen Unterschied macht.

 

    6. Alle Christen haben aufgrund von Schrift und Bekenntnis in der christlichen Kirche über Einheit und Reinheit der Lehre zu wachen, besonders aber die Gemeinden und Kirchen als solche unter ihren berufenen Dienern am Wort. Die Lehre muss vor und über dem Leben stehen (Luthers Auslegung der ersten Bitte: „Wie geschieht das?“). Kircheneinheit ohne Lehreinheit ist verboten, denn Einheit in der reinen Lehre des Evangeliums ist der eigentliche Ausdruck der Einheit der Kirche Gottes in Christo, dem Propheten, Hohenpriester und König, und will ständig erfleht und erkämpft sein als das größte Kleinod auf Erden und die Zuvordarstellung der zu schauenden Einheit des Reiches Gottes droben. Matth. 7,15; 1. Kor. 1,10; Eph. 4,15 f.; die Ermahnungen der Pastoralbriefe, bei dem Vorbild gesunder Lehre zu bleiben, Widersprecher zu strafen bzw. auszuschließen. Gal. 1,1.8-10; 5,9; 2. Joh. 9-11; Joh. 17.

    Verworfen wird alles, was falsche Einheit der Kirche Christi auf Erden ist oder rechte Einheit nicht pflegt.

 

    Das Material- und das Formalprinzip stehen und fallen miteinander, was sich geschichtlich schon darin zeigt, dass fast alle Leugner der Plenar- oder Verbalinspiration als sehr merkwürdige Erlebnistheologen die satisfactio vicaria Christi, ja dessen uneingeschränkte Gottheit und somit die heilige Dreieinigkeit antasteten. Es ist unumgänglich notwendig zu erkennen: Das Heils- und das Schriftprinzip stellen das einheitliche Banner der Kirche Christi dar. Da ist aber auch stehen zu bleiben. Ein selbständiges drittes Prinzip für den Kirchenbegriff ist unmöglich. Denn die Kirche besteht aus den im rechtfertigenden Glauben um Christus im Evangelium Versammelten. Sie wird erkannt an reinem Wort und Sakrament. Sie treibt wiederum nur Gesetz und Evangelium zur Rettung unsterblicher Seelen, zum Bau christlicher Gemeinden als der Zellen des Himmelreichs. Sie wird, wie sie nur auf Christus gegründet ist, auch nur von Christus regiert im Heiligen Geist. Dazu ist das Wort, wesentlich dem Schriftwort gleichzusetzen, das einzige Mittel. So erweist sich’s, dass die Kirche, die wahre, echte Kirche, im Gegensatz zur sich einmengenden Scheinkirche des Gegenspielers, ganz „christlich“, christozentrisch ist.

    Mit dem Synergismus und Synkretismus der humanistisch erweichten Kirche hatte die äußere evangelische Kirche Christus weitgehend verworfen, war „menschlich“, anthropozentrisch geworden. Der Abfall ist durch die schillernde Geisterei Karl Barths keineswegs überwunden. Auch da steht nirgends die stellvertretende Genugtuung Christi im Mittelpunkt. Das „Evangelium“ ist im Grunde gleich Gesetz. Und feste Lehre will man gerade nicht. Lehrdifferenzen „wertet“ man nach eigenem souveränen, von der Schrift gelösten Maßstab. Union will man um jeden Preis. Politischen Menschengehorsam will man als Gottesgehorsam aufrichten. Bei alledem verrät man schon in der undurchsichtigen Sprache die schaukelnde Ja- und Nein-Theologie, die Apotheose des monstrums incertitudinis [Monstrum der Ungewissheit, Anm. d. Hrsg.].

    Deshalb der Ausklang der Vorlage unter dem Buchstaben F (§§ 19-21), den man noch einmal vergleiche!

    Nur eine volle Rückkehr zum Inhalt der Schrift, Gesetz und Evangelium, und zur ungebrochenen Schriftgeltung, kurz zum ganzen Christus, kann helfen.

    Das bedeutet aber dann gnesiolutherische Kirche mit allen echten kirchlichen Folgerungen und Forderungen, Neuaufrichtung des consensus historicus Lutheranorum, in „Z“ und „ZZ“ herausgestellt.

 

    Der eingeborene Sohn voller Gnade und Wahrheit erbarme sich unser, unserer Zeit und unseres gestraften Volkes! Er baue aus Gnaden sein Reich in und durch uns, und sei von uns gelobt in Ewigkeit! Amen.

 

 

 

Anhang 1

 

Thesen über die Klarheit der heiligen Schrift und die Verbindlichkeit der Symbole

(mit besonderer Beziehung auf die Bedingungen und Grenzen der Kirchengemeinschaft). –

Aufgestellt für die am 23. und 24. Juni 1908 in Hannover stattfindende Lehrbesprechung mit Vertretern der Hannoverschen Freikirche von O. Willkomm.

 

I.

1  a) Die heilige Schrift als die einzige Quelle1 und die alleinige Regel und Richtschnur2  aller geistlichen Erkenntnis für die Einzelnen3 und für die Kirche4 ist durchaus5 klar in sich selbst6 und bedarf keines menschlichen Auslegers7.

 

1Luk. 16,29; 2. Petr. 1,19; Sol. Decl., S. 568, § 3 [Ausgabe Müller]; 2Jes. 8,19 f.; Sol. Decl, S. 5 17, § 1 u. 2, Norma normans ; 32. Tim. 3,15-17.; 4Eph. 2,20; Joh. 20,31, 5Betr. etwaiger Dunkelheiten ist 2. Petr. 3,16 zu beachten. 6Ps. 19, 19; 119, 105. 7Joh. 2,19-22, doch sind weder die sprachwissenschaftlichen und ähnliche Hilfsmittel ausgeschlossen noch darf die Gabe der Weissagung = Schriftauslegung (1. Thess. 5,20) verachtet werden.

 

(Endgültige Fassung, bzw. beantragte u. beschlossene Änderungen Anmerkung zu 1 a):

 

Unter „geistlicher Erkenntnis“ verstehen wir die notitia rerum spiritualium, d. i. alles dessen, was von den Geheimnissen Gottes auf dem Wege zur Seligkeit der Einzelne wissen muss und die Kirche lehren soll.

Sie bedarf daher, um verstanden zu werden, keiner richterlichen Entscheidung eines menschlichen Auslegers. Die Tätigkeit des Predigtamtes und derer, die sonst mit der Gabe der Weissagung ausgerüstet sind, ist also nur eine dienende (ministerium)

 

1 b) Abzuweisen ist daher nicht nur der Anspruch des Papstes, dass er kraft des ihm verliehenen Lehramtes über der Schrift stehe und sowohl neue Dogmen dekretieren könne als auch allein das Recht habe, die Schrift auszulegen, sondern auch der Anspruch der Neueren, die Lehre weiter          fortbilden und entwickeln zu können, sowie die Behauptung der modernen positiven Theologie, dass das christliche Bewusstsein oder die Erfahrung der Kirche eine Quelle der Lehre (neben der Schrift) sei oder dass erst durch das Erleben der Kirche oder durch Festsetzung einer Kirchenversammlung bzw. durch symbolische Fixierung eine in der Schrift offenbarte Lehre verbindlich werde [auf Antrag des Thesenstellers gestrichen,       dafür folgender Zusatz: „Oder endlich, dass die heilige Schrift nur für das           Lehramt klar sei, welchem die Deutlichmachung für die Gemeinde obliege“].                                                      

2 a) Diese Aufgabe und Beschaffenheit der heiligen Schrift bedingt und fordert einfache Annahme alles dessen, was sich als Tatsache oder als göttliches Gebot oder als Glaubenslehre nach den anerkannten Grundsätzen der Auslegung1 aus dem Text ergibt, der von den handelt2,gleichviel, ob sich das mit der Vernunft und Erfahrung oder auch mit anderen Schriftlehren3 nach unserem Urteil zu reimen scheint oder nicht.

           

1Sensus literalis - Kontext - notwendige Schussfolgerungen sind Schriftlehre! - Ne tropus ultra tertium! 2Sedes doctrinae. 3Matth. 4,7.                                                    

 

b) Abzuweisen ist daher nicht nur die sog. höhere Kritik, welche sich      erdreistet, bestimmen zu wollen, was Gottes würdig sei oder nicht, sondern auch die Theorie der modernen positiven Theologie, dass die einzelnen Lehren aus dem Schriftganzen gewonnen werden müssen, wie auch endlich eine solche Anwendung der Glaubensanalogie1, da man einzelne Lehren nach anderen, denen sie zu widersprechen scheinen, modifiziert2.                  

1Röm. 12,6. 2Beispiele hierfür sind die Verfälschungen der Lehren von der Dreieinigkeit, von der Person  Christi, vom heiligen Abendmahl, von der Kirche, vom Predigtamt, vom freien Willen u. d. Bekehrung, von der Gnadenwahl.                          .

 

II

 

3 a) Die Symbole sind die aus der Schrift geschöpfte und mit ihr durchaus übereinstimmende Antwort der Kirche auf die götthche Offenbarung und deshalb auch ihrem gesamten Lehrinhalt nach1 für alle Glieder und besonders für die Diener der rechtg1äubigen Kirche verbindlich2.

1Nicht verbindlich sind historische Dinge, die Exegese einzelner Stellen der Schrift und etwaige fromme Meinungen. 2Norma normata.

 

b) Abzuweisen ist daher sowohl die rein historische Auffassung der Bekenntnisse als eines bloßen Niederschlags der jeweiligen Zeittheologie1 als auch die Verpflichtung auf die Bekenntnisse mit quatenus, nicht minder aber auch die Beschränkung der Verbindlichkeit der Symbole auf die zur Zeit ihrer Entstehung in Streit gewesenen Lehren2.

 

1Mißbrauch des Satzes der Form. Conc. S. 565 § 4, welcher lautet: „bei dem sich dieser Zeit rechte Christen sollen finden lassen“. Vergleiche dagegen den Schluss der Sol. Decl. (S. 730 § 40).

2Nicht nur die Thesen u. Antithesen sondern auch die zu ihrer Begründung angeführten Lehren sind als Bekenntnis der Kirche anzusehen und daher verbindlich, z.B. die Lehre von der Verbalinspiration.

 

4 a) Weil nun die heilige Schrift klar ist und die Symbole der lutherischen Kirche die schriftgemäße Antwort der Kirche auf die göttliche Offenbarung sind, so gehört zur Kirchengemeinschaft nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass man einträchtiglich nach reinem Verstande das Evangelium predigt1, in der christlichen Lehre und allen derselben Artikeln einmütig und einhellig ist2 und daher auch die Gegenlehre einmütig verwirft3, und zwar letzteres nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Tat4.

 

1Conf. Aug. VII (M. S. 40). 21. Kor. 1,10; Form. Conc. S. 553 § 5. 3Conf. Aug. X (S. 4 1). 4Röm. 16,16 f., Form Conc. S. 698 § 5 u. 6 (Sol. Decl. X).

 

b) Zu verwerfen ist daher nicht nur die Union zwischen Glauben und Unglauben, wie sie in den Staatskirchen sich breit macht, auch nicht nur die in der preußischen Union zuerst zum Ausdruck gekommene Union zwischen lutherischer und reformierter Kirche, sondern auch der „lutherische“ Indifferentismus und Synkretismus, welcher bei grundsätzlicher Anerkennung der Alleinverbindlichkeit der Symbole doch verschiedene Auslegungen der Symbole für gleichberechtigt hält oder zwischen kirchentrennenden und nicht kirchentrennenden Abweichungen in der Lehre einen bösen Unterschied macht.

 

N.S. Ober 4 wurde die Beschlussfassung ausgesetzt bis zu einem Referat über die Grenzen der Abendmahlsgemeinschaft.

 

Vorstehendes bildet das Resultat des Colloquiums vom 23./24. Juni 1908.

 

Hamburg, den 1. Dez. 1913

 

gez. P. Löffler

       J. Böttcher

 

 

Anhang 2

 

„Berliner Thesen“ vom 14.03.1946

 

1. These:

Über die Inspiration

 

1. Die Schrift, nämlich der Urtext der kanonischen Bücher Alten und Neuen Testaments, ist von Menschen zu bestimmter Zeit, in bestimmter Lage, mit bestimmten Gaben und Kräften geschrieben worden und teilt deshalb das Geschick und die Geschichte menschlicher Bücher. (Luk. 1,1-4 u. a. St.).

 

    Die These schließt in sich, dass die Schreiber der Schrift nicht „calami“ gewesen sind in dem Sinne, dass ihr eigenes seelisches Leben ausgelöscht war.

 

    NB. Die Frage, ob (Luther oder) die späteren Dogmatiker der lutherischen Kirche einen mechanischen Inspirationsbegriff vertreten haben, ist eine rein historische Frage. Sie muss nach den Quellen untersucht und beantwortet werden. Die Antwort kann aber nie kirchentrennende Folgen haben.

 

2. Die Schrift ist göttlichen Ursprungs, weil Gottes heiliger Geist die Schreiber in seinen Dienst nahm und ihnen den Inhalt nach seinem Sachgehalt und nach seiner Wortgestaltung eingab (2. Petr. 1,21; 2. Tim. 3,16 u. a. St.).

 

    Die These schließt in sich, dass die Schrift Gottes Wort nicht nur enthält, so dass Menschen darüber urteilen könnten, was Gottes Wort sei oder nicht, sondern Gottes Wort ist. Also solches ist sie als unfehlbare Regel und Richtschnur in allen Sachen des Glaubens und der Lehre anzusehen (Joh. 10,35). Wo in untergeordneten Punkten Widersprüche oder Irrtümer vorzuliegen scheinen, ist eine Auf1ösung zu versuchen. Gelingt sie nicht, so ist die Sache Gott anheimzustellen.

 

    NB. Eine Divergenz in „theologischen“ - seien es exegetische oder historische oder andere - Fragen ist nicht als kirchentrennend anzusehen, wenn die Irrtumslosigkeit der Schrift grundsätzlich festgehalten wird. - Frucht und Wirkung des Glaubens an die Inspiration ist nicht Buchstabenknechtschaft, sondern ein kindlich demütiges: „Rede, Herr, dein Knecht hört.“

 

Zu 1)

Lukas 1.14: „Da sich viele unterwunden haben, zu stellen die Rede von den Geschichten, die unter uns ergangen sind, wie uns das gegeben haben, die es von Anfang an selbst gesehen und Diener des Worts gewesen sind, hab ich’s auch für gut angesehen, nachdem ich’s alles von Anbeginn erkundet habe, dass ich’s zu dir, mein guter Theophilus, mit Fleiß ordentlich schriebe, auf dass du gewissen Grund erfahrest der Lehre, in welcher du unterrichtet bist.“

 

Zu 2)

2. Petr. 1,2 1: „Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht; sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist.“

2. Tim. 3,16: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, damit ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt.“

Joh. 10,35: „. . und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.“

 

    In Schwenningdorf wurde nach Joh. 10,35 beigefügt 1. Kor. 2,13: „Welches wir auch reden, nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehret, und richten geistliche Sachen geistlich“ (passen geistlichen Dingen geistliche Worte an).

    Bereits in Steeden war zur These der Zusatz gutgeheißen, nach der genannten Schriftstelle: „Demgemäß gibt es auch keine andere Quelle der christlichen Erkenntnis als die Schrift und ist jedes andere Erkenntnisprinzip (Schöpfen der Lehre aus dem Erlebnis, aus dem wiedergeborenen Ich, aus der Tradition usw.) abzuweisen.

 

 

 

Erläuterung von Rektor Willkomm

 

    Der Urtext der kanonischen Bücher Alten und Neuen Testaments ist von Menschen geschrieben, die Gott als seine Werkzeuge gebraucht hat: Gott hat durch sie geredet.

    Diese Menschen waren keine mechanischen Werkzeuge, keine bloßen Maschinen (type-writers), sondern lebendige Menschen, verschieden nach Begabung, Temperamenten, Gefühlen und Redeweise, und Gott hat sich ihrer als lebendiger Menschen bedient, ohne ihre persönliche Eigenart auszuschalten oder zu vergewaltigen (gegen einen mechanischen Inspirationsbegriff).

    Gott hat diesen heiligen Menschen Gottes nicht nur die Sachen, von denen sie schreiben sollten, kundgetan (Realinspiration), auch nicht nur sie persönlich erleuchtet (Personalinspiration), sondern er hat ihnen auch die Worte eingegeben, mit denen oder durch die sie die göttliche Wahrheit aussprechen sollten (Verbalinspiration). Vergl. Ap. Gesch. 2,4.

    Die auf diese Weise, durch dies der Vernunft unfassliche Wunder entstandene Schrift ist theopneustos = gottgehaucht oder inspiriert, und enthält also nicht nur, sondern ist Gottes eigenes Wort, das Er geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten und Apostel. 2. Tim. 3,14-17, 1. Petr. 1,10- 12 und alle Stellen, in denen gesagt ist, dass Gott durch die Propheten geredet hat, z. B. Hebr. 1,1; Ap. Gesch. 28,25 (1,16) und öfter.

    Als Gottes Wort ist die inspirierte Schrift irrtumslos und die unfehlbare Quelle der Lehre und Richtschnur des Glaubens und des Lebens der Christenheit.

    Die Frage, ob die späteren Dogmatiker der lutherischen Kirche einen „mechanischen Inspirationsbegriff“ vertreten haben, ist eine rein historische Frage. Sie muss nach den Quellen untersucht und beantwortet werden. Die Antwort kann aber nie kirchentrennende Folgen haben. Die Lehre von der Verbalinspiration gehört nicht in das Gesetz, sondern ins Evangelium. Zweck der Theopneustie ist nicht, den Jüngern ein Joch aufzulegen, sondern sie zur Seligkeit zu unterweisen, sie ihres Heiles gewiss zu machen. 2. Tim. 3,15-17. Zwar ist auch das Gesetz Gottes inspiriertes Wort, aber es ist weder sein erstes noch sein letztes Wort an die Sünder, sondern es ist nebeneingekommen um der Sünde willen. Gottes eigentliches Wort, um dessen willen uns die Schrift gegeben ist, ist das Evangelium.

    Frucht und Wirkung des Glaubens an die Inspiration ist darum auch nicht Buchstabenknechtschaft, sondern ein kindlich-demütiges:

„Rede, Herr, dein Knecht höret.“

Vergleiche den 119. Psalm und Psalm 19.

 

12.01.1946.

 

 

Apg. 2,4: „Und wurden alle voll des Heiligen Geistes und fingen an zu predigen mit anderen Zungen, nachdem der Geist ihnen gab auszusprechen.“

2. Tim. 3,14-17. Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und dir vertraut ist, da du weißt, von wem du gelernt hast. Und weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißt, kann dich dieselbe unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift ...“

1. Petr. 1,10-12: „Nach welcher Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der zukünftigen Gnade auf euch geweissagt haben, und haben geforscht, auf welche und welcherlei Zeit deutete der Geist Christi, der in ihnen war, und zuvor bezeugt hat die Leiden, die in Christus sind und die Herrlichkeit hernach; sie haben’s nicht ihnen selbst, sondern uns dargetan, welches auch nun verkündigt ist durch die, so euch das Evangelium verkündigt haben, durch den Heiligen Geist vom Himmel gesandt, welches auch die Engel gelüstet zu schauen.“

Hebr. 1,1: „Nachdem vorzeiten Gott manchmal und mancherlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten . . .“

Apg. 28,25: „Da sie aber untereinander misshellig waren, gingen sie weg, als Paulus ein Wort redete, das wohl der Heilige Geist gesagt hat durch den Propheten Jesaja zu unseren Vätern . . .“

(Apg. 1,16)

 

In Schwenningdorf wurde noch beigefügt:

Röm. 15,16: „Denn ich wollte nicht wagen, etwas zu reden, wo dasselbe Christus nicht durch mich wirkte, die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk.“

1. Kor. 14,37: „So sich jemand lässt dünken, er sei ein Prophet oder geistlich, der erkenne, was ich euch schreibe, denn es sind des Herrn Gebote.“

2. Kor. 13,3: „. . . da ihr suchet, dass ihr einmal gewahr werdet des, der in mir redet, nämlich Christi, welcher unter euch nicht schwach ist, sondern ist mächtig unter euch.“

 

 

 

DIE THEOLOGIE DES ICH UND DIE DIALEKTISCHE THEOLOGIE

 

Von

Dr. Wilhelm Oesch

 

1. Die Theologie des Ich

 

    Dorner (1809-1884) schlägt in seinem „System der christlichen Glaubenslehre“ I, S. 155 ff. ein doppeltes proincipium cognescendi [Erkenntnisprinzip, Anm. d. Hrsg.] vor, nämlich 1. principium subiectivum: das christliche Subjekt, 2. principium obiectivum: die Heilige Schrift. (Er hätte sie auch weglassen können, wie er im Grunde weder Schrift noch Christus braucht.)

    Joh. Chr. Konr. v. Hofmann (1810-1877) heißt den Theologen sein Christentum auf seinen einfachten und allgemeinsten Ausdruck bringen, um von da aus auf dem Weg der Evolution das Ganze der systematischen Theologie (Dogmatik und Ethik) in einem zu gewinnen. Des Systems Einheitlichkeit und Ebenmäßigkeit biete die wissenschaftliche Bürgschaft für die Berechtigung der einzelnen Bestandteile desselben. (Nach Paul Ewald, Erlangen 1895, „Über das Verhältnis der systematischen Theologie zur Schriftwissenschaft“, S. 13 f. Ewald nimmt hier ausdrücklich Bezug auf v. Hofmanns „Enzyklopädie der Theologie“, herausgegeben von Bestmann, besonders S. 29 f. und 55). Hofmann sagt vom christlichen Bewusstsein, dass es „nicht von der Kirche abhängt noch von der Schrift, auf die sich die Kircheberuft, auch nicht in jener oder dieser die eigentliche und nächste Verbürgung seiner Wahrheit hat, sondern in sich selbst ruht und unmittelbar gewisse Wahrheit ist, von dem ihm selbst einwohnenden Geiste Gottes getragen und verbürgt“ (a.a.O. S. 11). Die Schrift ist v. Hofmann nur inspiriert als Urkunde sich entwickelnder heiliger Geschichte und als Ganzes (The Lutheran Cyclopedia by Jacobs Haas, Scribners, New York, 1899, p. 24 f), das heißt (nach W. Rohnert: „Inspiration der Heiligen Schrift und ihre Bestreiter“, Leipzig 1889): sie ist, wie jedes christliche Buch, Produkt von zwei Faktoren, einem selbständigen menschlichen und einem dazukommenden göttlichen, und darum sowohl dem Irrtum als der Kritik unterworfen.

    Franz Hermann Reinhold Frank (1827-1894) betont ausdrücklich, dass der exegetische Beweis, „streng genommen, nicht zu der eigentlichen Aufgabe der dogmatischen Disziplin als eines Teiles der Systematischen Theologie“ gehöre (System der christlichen Gewissheit I, 2. Aufl., S. 42). Er schreibt gegen Philippi: „Wer mir die objektive Versöhnungstat (Christi) und das Wort Gottes entgegenhält statt meines ‚subjektiven’ Standpunktes, mit dem vermag ich mich nicht auseinanderzusetzen, weil er die Fragestellung nicht verstanden hat.“ Ferner: „Auf den Heiligen Geist kann ich mich dabei in sofern nicht berufen, als ja erst in Frage steht, ob, was ich vernehme, Zeugnis des Heiligen Geistes sei, ebenso wie ich mich nicht auf den Heiligen Geist berufen kann, wenn in Frage steht, wie ich dazu komme, diese Schrift mir als heilige gelten zu lassen.“ (a.a.O. S. 115.143) Endlich schreibt er: “Wir haben es hier mit den zentralen und spezifischen Wehen der christlichen Gewissheit zu tun, wo keine eigentliche von außen kommende Autorität für sich, sondern das christliche Subjekt selbst und persönlich über den Grund und das Recht seiner Gewissheit entscheidet“ (a.a.O. S. 49).

    Zöckler (1833-1906) will in seinem „Handbuch der theologischen Wissenschaften“ III, 65, die Berufung der altprotestantischen Dogmatiker auf das testimonium Spiritus Sancti „nicht ganz verwerfen“, stellt es aber als die Sache nicht deckend hin und fügt hinzu: „Es gibt eine von uns selbst abhängige, unserer inneren Verantwortung anheimfallende freie Tat, eine moralisch notwendige, darum aber der Freiheit überlassene Konsequenz. Durch diese freie Tat erst schaffen wir selber die Gewissheit.

    Endlich lehrt R. Seeberg (s. Pieper, Dogmatik I, 368), die Schrift dürfe nicht als zweites Prinzip des Protestantismus dem rechtfertigenden Glauben koordiniert werden. Er will die Schrift zur norma normata machen, durch den Glauben normiert. Wir fragen: Durch welchen Glauben? Das erinnert an Robert Barklay, den Dogmatiker der Quäker: Die Schrift sei nicht als eine „adäquate erste Regel des Glaubens und Lebens“ anzusehen, sondern als „eine zweite, dem Geist untergeordnete Regel (regula scunda, subordinata Spiritui)“, vgl. M. Günther, Symbolik, § 1 f., 2 b.

    F.A. Philippi: „Die Quelle, aus der die Dogmatik zu schöpfen hat, ist also die durch die Offenbarung erleuchtete Vernunft des theologisierenden Subjekts. Die christliche Einzelpersönlichkeit weiß aber, dass die göttliche Offenbarung ihrem Inhalt und Zwecke entsprechend nicht nur einem einzelnen Subjekte gegeben, sondern für die ganze Menschheit bestimmt ist, sowie dass innerhalb der Menschheit sich eine Gemeinschaft derer vorfindet, an welchen diese göttliche Bestimmung der Heilsoffenbarung in Christo sich tatsächlich verwirklicht hat. Daher wird das dogmatisierende Subjekt das Bedürfnis fühlen, die Erleuchtung seiner Vernunft in Zusammenhang zu bringen mit der Erleuchtung der Christus-Gemeinschaft überhaupt, und die Übereinstimmung seines individuellen Bewusstseins mit dem christlichen Gesamtbewusstsein wird ihm eine Bestätigung der wahrheit deer ersten bieten... Um nun aber die Prüfung der verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften richtig zu vollziehen und sich dann frei entscheiden zu können, bedarf es einer untrüglichen Regel und Richtschnur, nach welcher die Lehren dieser Gemeinschaften bemessen werden können. Diese Norm wird dann mit der Lehre der Einzelkirche auch die der Gesamtkirche zu unterwerfen sein, um der Voraussetzung ihrer Richtigkeit das unverbrüchliche Siegel unbedingter Gewissheit aufzuprägen ... Wir haben nun als Quelle, aus welcher die christliche Glaubenslehre ihren Stoff zu schöpfen hat, eine dreifache erkannt, nämlich die erleuchtete Vernunft des dogmatisierenden Subjekts, die Lehre der Kirche und die kanonische Schrift des Alten und Neuen Testaments ... Aus unserer ganzen bisherigen Entwicklung geht von selbst hervor, dass die Schriftlehre bei uns nicht, wie in der älteren Dogmatik, an den jedesmaligen Anfang, sondern an das jedesmalige Ende des dargelegten Glaubensartikels treten wird, weil wir die Schrift nicht als die erste Quelle, sondern als letzte Norm der dogmatischen Erkenntnis betrachten. (Kirchliche Glaubenslehre. Stuttgart 1854. I, S. 86-92; 226).

    Der [nach dem ersten Weltkrieg, Anm. d. Hrsg.] neueste Vertreter dieser Theologie ist R. Jelke, Heidelberg. Von ihm erschien 1929 bei Dörffling und Franke in Leipzig „Die Grunddogmen des Christentums“ mit dem Untertitel „Die Versöhnung und der Versöhner“. Dort heißt es S. 2 von der Aufgabe des Theologen, im Unterschied vom allgemeinen Religionswissenschaftler und Religionsphilosophen: „Worin besteht dieses Eigene (der Theologie, das ihr weder die allgemeine Religionswissenschaft selbst noch eine ihrer Sonderdisziplinen streitig machen kann)? Man hat gesehen in dem Rechte, die christliche Religion allein zu behandeln, oder wenigstens in dem Rechte, die Begründung der objektiven Wahrheit der christlichen Religion allein zu geben. In Wirklichkeit aber besitzt die Theologie weder das eine noch das andere Recht. Das Eigene liegt vielmehrt in dem beschlossen, dass die Theologie in der Wahrheitsbegründung der christlichen Religion auf ganz bestimmte Faktoren zurückzugehen imstande ist, auf Faktoren, die dem allgemeinen Religionswissenschaftler, also auch dem speziellen Religionsphilosophen als solchem eben nicht zur Verfügung stehen. Diese Faktoren liegen aber in der eigensten Erfahrung des christlichen Subjekts. Das individuell-persönliche Erlebnis, das den Christen wahrhaft zum Christen macht, in Rechnung zu stellen und zur Begründung der christlichen Wahrheit auszumerzen, das ist die eigenste Arbeit des Theologen. Er redet vom Standpunkt des Menschen aus, dem das Christentum persönlich zur Wahrheit geworden ist, und zeigt die Gründe auf, auf denen ein solcher Glaube ruht.“ (R. Jelke: Grunddogmen, S. 2).

 

 

2. Die dialektische Theolgie

 

    Nach Karl Barth, den man wohl eigentlich als den Vater dieser dialektischen Theologie wird bezeichnen können, ist die letzte Voraussetzung der Theologie die Überzeugung, dass die menschliche Existenz unter einem unbedingten Widerspruch steht, den die Vernunft nicht lösen kann. Die Frage nach Gott ist die Frage nach der Einheit über unserem Existenzwiderspruch. Soll aber das Wort Gottes die Antwort auf die Frage unserer Existenz als Ganzheit sein, so kann die Antwort niemals abgeschlossen sein. Von der Antwort, die das Wort Gottes gibt, können wir niemals als von einer fertigen Größe reden. Die Frage nach unserer Existenz ist in jedem Augenblick neu da; eben darum ist es unmöglich, dass das Wort eine ein für allemal geltende Erkenntnis bietet. Außer dem bereits genannten Karl Barth (Das Wort Gottes und die Theologie, Gesammelte Vorträge 1925; Dogmatik I (1927)) sind als führende dialektische Theologen zu nennen: Emil Brunner (Die Mystik und das Wort, 1922; Philosophie und Offenbarung, 1925; Religionsphilosophie und evangelische Theologie, 1926), Rudolf Bultmann (Die Geschichte der synoptischen Tradition, 1921; Jesus, 1926; als Aufsatz: Die Frage der dialektischen Theologie zwischen den Zeiten, 1926 und viele ähnliche Aufsätze), Friedrich Gogarten (Ich glaube an den dreieinigen Gott, 1926), Friedrich Karl Schumann (Der Gottesgedanke und der Zerfall der Moderne, 1929) und endlich Adolf Sannwald (Der Begriff der Dialektik und die Anthropologie, 1931). Von der Dialektik, der er mit seiner Schrift „Die gegenwärtige Geisteslage und die dialektische Theologie“, 1930, ziemlich nahe stand, rückte W. Koepp wieder ab in seiner „Einführung in die evangelische Dogmatik“, 1934.

 

    Aus Karl Barth: „Die Lehre vom Worte Gottes“, München 1927, S. 366: „Mit Worten, und zwar mit Menschenworten, haben wir auf der Linie zu tun bei dem, was da zu uns redet, von den Textworten bis zu den Worten, die aus der Notwendigkeit des ‚kairos’ beim Lesen oder Hören in mir selbst mitreden. Menschenworte als Gotteswort. Nicht Gott selber höre ich reden, sondern Menschenworte über und von Gott“ ... Die Heilige Schrift gibt sich uns „in Gestalt einer Sammlung antiker Religionsliteratur. In dieser Gestalt hat sie der Leser und Hörer zu verstehen und zu deuten, nachzudenken, mitzudenken, selber zu denken.“ (S. 342) „Sollte nicht dieser und jener mit gutem Recht behaupten dürfen, dass er durch seine fromme Mutter viel mehr empfangen habe als durch die ganze Bibel?“ Wie denn auch nach Horst Stephan (Glaubenslehre, S. 181) Schleiermachers Reden und Goethes Faust manchem ein mächtigeres Gotterleben vermitteln als die Predigt oder sogar die Lektüre der Bibel. (Barth, S. 385): „Sie (die Kirche) wird sich aber auch in der geistlichen Behauptung ihrer Autorität vor dem Gebrauch letzter Worte zu höten haben.“ Denn schließlich letzte und stärkste Autorität ist „das Gebot der Stunde“. Das ist wieder etwas Neues: Es ist das „innere Wort der Stunde, das letzte Wort meines bisherigen Daseins, das zugleich das erste meines zukünftigen ist.“ (S. 366.368) Es ist „das Wort der Stunde, das mir nicht erlauben will zu hören und anzunehmen, was mir passt, als ob ich im Jahre 1500 oder 500 lebte, sondern mir gebietet, zu hören und anzunehmen, was ich ale heute, als jetzt und hier Lebender annehmen muss.“

    Einerseits wird eingeräumt: Die Schrift ist fehlsames Mesnchenwort, Wahrheit und Dichtung. Der ganzen ungläubigen Bibelkritik wird die Bahn freigegeben (Barth: Kirchliche Dogmatik, I, 2, S. 562f.; 564 f.; 590; 580). Andererseits ist von der Heiligen Schrift geradezu die Verbalinspiration auszusagen (Dogmatik, S. 344; Kirchliche Dogmatik, I, 1, S. 105; I, 2, S. 572; 575). Durch Irrtum, durch lauter Anthropologie spricht Gott in jedem Wort, im ganzen heiligen Buch und allen seinen Teilen (Kirchliche Dogmatik I, 2, S. 584). Gottes Wort ist ja gerade fehlendes Menschenwort geworden, um zu uns zu sprechen (Dogmatik 1927, S. 343; 345 f.) Aber freilich, Gott spricht nur. Sofern er gehört wird. Er spricht nicht im Buch, sondern durch das Buch in dem Augenblick, wo ich höre, wo Gott, das heißt Jesus Christus mir Ereignis wird. Graphisch dargestellt: Der alte Glaube sagt: Die Bibel ist Gottes Wort. Der Liberale sagt: Die Bibel enthält Gottes Wort. Barth sagt: Die Bibel wird Gottes Wort, das heißt durch den Empfänger, durch den Heiligen Geist im Hörer (Kirchliche Dogmatik, I,1 S. 113). Die Bibel ist Papierkugel, wird aber in dem Augenblick, wo sie einschlägt, das heißt das rechte wagende, Kierkegardisch-Barthisch-schwärmerische Spannungsverhältnis zwischen Gott und Mensch herstellt, zur Kanonenkugel. Jesus Christus, oder besser der sprechende Gott in Christus, spricht durch das „Echo“ seines Sprechens, die „Zeichen“, „Hinweise“ erster Rangordnung in der Schrift. Oder er spricht auch nicht. Oder auch sonst? Sich offenbaren und zugleich verhüllen? Sich verhüllend und dadurch offenbarend?

 

    Karl Barth: Kirchliche Dogmatik, I, 2, S 587 f.: „Reden wir von einem Wunder, wenn wir sagen, dass die Bibel Gottes Wort ist, dann dürfen wir die Menschlichkeit ihrer Gestalt und die Möglichkeit des Anstoßes, den man an ihr nehmen kann, weder direkt noch indirekt in Abrede stellen. So gewiss Christus am Kreuz, so gewiss Lazarus Joh. 11 wirklich gestorben ist usw. – so gewiss waren auch die Apostel als solche, auch in ihrem Amt, auch in ihrer Funktion als Zeugen, auch im Akt der Niederschrift ihres Zeugnisses wirkliche, geschichtliche und also in ihrem Tun sündige und tatsächlich irrende Menschen wie wir alle ... Nach dem Zeugnis der Schrft vom Menschen, das auch von ihnen gilt, konnten sie in jedem Wort fehlen und haben sie auch in jedem Wort gefehlt. ...“ Vergleiche auch S. 564 ff. – Auch Barths System kommt darauf hinaus, dass die Bibel Gottes Wort nur „enthält“, wie er ausdrücklich sagt: „Das christliche Verständnis der Offenbarung“ (München 1948), S. 14 f.; 17. Denn die Bibel ist ihm ja nie Gottes Wort. Mag er sich auch Kirchliche Dogmatik I, 2, S. 590 gegen Auswahl wenden, er hat ja die Auswahlmethode des Liberalismus und der Vermittlungstheologie nicht nötig, weil ihm die ganze Schrift nur Menschenwort ist, bis sie durch den Geist der Stunde und den Glauben des Empfängers Gott Wort wird – ein Gotteswort natürlich, das sich mit dem Text keineswegs deckt! Spalten Liberale und „Positive“ vertikal, so spaltet K. Barth im Einschlagsaugenblick das sonst tote Gestein horizontal.

 

    Es versteht sich, dass die eigentliche Offenbarung bei Karl Barth jenes „Augenblicksereignis“ ist, dem die Schrift in ihrer Weisee, aber ebenso die mündliche Verkündigung Anlass gibt. Barth ersetzt „Was ist Gottes Wort?“ durch seine Fragestellung: „Wie ist Gottes Wort?“ (Kirchliche Dogmatik, I, 1, 194) und verfolgt dann eine „dreifache Gewalt“ in Verkündigung, Schrift und dahinterliegender, im Augenblick sich neusetzender Offenbarung (Kirchliche Dogmatik, I, 1, S. 120 ff.; 141 ff.; auch 90 ff.; 104 ff.; I, 2, S. 512; Vergleiche „Das christliche Verständnis der Offenbarung“). Auch die Inspiration „wird“. Es kommt zur Auseinandersetzung mit dem altkirchlichen Inspirationsbegriff unter Entstellung der Dogmatiker und falscher Anbiederung an die Reformatoren, Kirchliche Dogmatik, I, 2, S. 571 ff. Falsche Berufung auf die christologische Analogie, S 555; I, 1, S. 236; 143 f.; falsche Betonung der „Freiheit“ Gottes, Kirchliche Dogmatik I, 1, S. 143; 169 f. „Gottes Wort ist und bleibt immer Gottes Wort, nicht gebunden, nicht festzuhalten auf diese These und auf jene Antithese“, S. 170. Deshalb gibt es keine sedes doctrinae und Loci. Vergleiche auch I, 2, S. 569 f.; 585. Die „finitum non est capax infinitim“ – Distanz zum lutherischen „Est“ ist Barths letztes Wort, Kirchliche Dogmatik, I, 1, S. 250; „Das Wort Gottes und die Theologie“ S. 178.

 

 

3. Die dialektische Theologie – linker Flügel (Bultmann)

 

    Crimen laesae majestatis [Majestätsbeleidigung, Hrsg.] im höchsten Grade liegt vor in Rudolf Bultmanns „Entmythologisierung der Neuen Testaments“ (vergleiche Bultmanns programmatischen Aufsatz von Anfang 1942 in „Theologische Forschung. Kerygma und Mythos. Ein theologisches Gespräch. Herausgegeben von H.W. Bartsch. Hamburg 1948“ unter dem Titel „Neues Testament und Mythos“ S. 15-33. Ebenda Stellungnahme anderer S. 54 ff. Vergleiche ferner K. Barth „Kirchliche Dogmatik“ III, 2, S. 531-537).

 

    1. Bultmann vertritt in neuer existentialistischer Form den alten historisch-kritischen Liberalismus (den etwa die Schlagworte kennzeichnen: „Die Idee liebt es nicht, ihre Fülle in ein Individuum auszugießen“, „Zufällige Geschichtstatsachen können nicht Träger ewiger Vernunftwahrheiten sein“ – stets verwandt mit dem reformierten Schlagwort: „finitum non est capax infiniti“). Ausgangspunkt seines Denkens ist ein deterministisches Naturgeschehen, in das kein Gott und kein Teufel hineinwirken kann, und eine ebenso geschlossen aufgefasste Einheit des menschlichen Bewusstseins, das sich unabhängig entscheidet, obwohl es seine Bestimmung verfehlt und sich dessen auch bewusst ist. Er lehnt deshalb alle Wunder, auch die Menschwerdung des Sohnes Gottes, auch die Auferstehung als Mythologie, das heißt „Herabziehen des Ewigen ins Diesseitige“ ab. Er verwirft besonders die stellvertretende Genugtuung, die Vergebung der Sünden, den Heiligen Geist und sein Werk und alle Zukunftseschatologie.

    2. Das existentielle Seins- bzw. Lebensverständnis, das alle Sicherungen aufgibt und alles nur unter dem Vorbehalt des „als ob“ gebraucht, macht per se frei, selig und gütig. Obschon es nach den Prämissen irgendwo auch in dem seine Existenz verfehlenden Menschen vorhanden sein muss, und entschlossene Bultmannianer wie Wilhelm Kamlah („Christentum und Selbstbehauptung. Frankfurt am Main 1940“) deshalb der Religion den Abschied geben und die Philosophie als einzigen Heilsweg ausrufen, meint sein Marburger Meister (op.cit. S. 39): „Nach der Meinung des Neuen Testaments hat der Mensch die faktische Möglichkeit verloren, ja auch sein Wissen und seine Eigentlichkeit ist dadurch verfälscht, dass er mit der Meinung, ihrer mächtig zu sein, verbunden ist!“ Ein „Wort“, das mit dem toten Schriftwort nichts zu tun hat, aber an den historischen Jesus irgendwie anknüpft – weiß man wirklich etwas Zuverlässiges von ihm? – und das aus dem Christus-, Kreuz- und Auferstehungsmythos den Kern, die zuvorkommende Liebe des außerweltlichen Wesens, nimmt, befreit den Menschen zum existentiellen Verständnis seiner Selbst. Indem der Mensch zu sich selbst kommt und so aufersteht, ist der Auferstehungsmythos geschichtliche Wirklichkeit in Raum und Zeit. Bultmann ist sich wohl selbst nicht ganz klar darüber, warum er nicht auch den Gedanken, dass es einen Gott gibt, gleich mit entmythologisiert.

    3. Bultmann ist unerbittlicher Dogmatiker des beschriebenen Semi-Nihilismus in seiner Exegese. Sie ist gerade auch in der oben erwähnten Programmschrift so lächerlich, dass man sich schon als Deutscher schämt, solche abgeschmackte Eisegese in weiten akademischen Kreisen als neutestamentliche Wissenschaft gefeiert zu sehen. Als Christ ermisst man an dem Ansehen Bultmanns den Abfall der Theologenwelt.

    4. Am besten hat Julius Schniewind in dem erwähnten Gesprächsband (S. 85 ff) Bultmann geanwortet. Aber auch er macht noch Konzessionen und hält das Gespräch hin und her noch für möglich, was verfehlt ist. Das ganze Unterfangen Bultmanns ist gottlos. Form und Inhalt des Gotteswortes lassen sich nirgends scheiden, dieser nestorianische Versuch hebt stets den Inhalt auf. Das Christentum ist keine erhabene „Vernunftswahrheit“, der im Vorfeld der Form und Geschichte unnötige Klötze im Wege liegen. Deer wirkliche Anstoß für die Vernunft ist nicht der Ausdruck, sondern das Verkündigte, die Menschwerdung des ewigen Sohnes für völlig verlorene Sünder und das rettende Kreuz selbst, wofür im modernen Weltbild (= Weltanschauung), das heißt aber zugleich im natürlichen Menschen aller Zeiten und Zonen, kein Raum vorhanden ist. Dieser gefallene, sich selbst als Gott setzende Mensch muss in sesinem ganzen Selbst- und Weltverständnis und vor allem in seinem Willen durch Gesetz und Evangelium „entmythologisiert“ werden, 1 Kor. 1 und 2 (besonders Vers 14) und hat dann, wenn es gründlich geschieht, nicht mehr Lust oder Macht, im ganzen Wort des Alten Testaments und des Neuen Testaments auch nur ein Eckchen oder Fleckchen zu „entmythologisieren“, sondern spricht dann demütig und selig: „Rede, Herr, denn dein Knecht höret.“ – Über die Kondeszendenz Gottes in der Heiligen Schrift, der allein der eigentlich Redende ist, aber durch Menschen in menschlicher Weise redet, ist am anderen Ort genug gesagt worden. Bei „de Deo“ geben die Anthropomorphismen neue Veranlassung zur Behandlung dieses Themas. Bei „de creatione“ wird die zu allen Zeiten allgemeinverständliche „Kindlichkeit“ der erhabenen Sprache des Schöpfungsberichtes (im Gegensatz zu der ephemeren Diktion jedweder Wissenschaft) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. In beiden Fällen zieht Gott zugleich eine unendliche lebendige Sprache der Schulmeister vor, redet selbst diese Sprache durch die Heiligen Schreiber, und wir haben zu hören, nicht den heiligen Gott zu schulmeistern. – Die Aneignung und Verkündigung als eine Übersetzung des gewissen, unverbrüchlichen Wortes in die Gegenwart des Lesers bzw. der Hörer, ist keine Aufspaltung in „Form“ und „Inhalt“, hat mit „Entmythologisierung“ nicht das geringste zu tun, sondern gehört in das Werk des Heiligen Geistes, der das gegebene Wort der Schrift (verbum Dei in statu) beständig zum verbum Dei in actu macht infolge seiner immanentia in Scriptura Sacra und in ecclesia (2 Tim. 3,14-17; 1 Petr. 1,10-12; 1 Tim. 3,15 c).

 

 

 

TEXTE ZU KIRCHE UND AMT

 

DIE STIMME OESCHS ZU ÖKUMENE UND KIRCHENEINIGUNG

 

    Dieses Jahrhundert [20. Jahrhundert, Anm. d. Hrsg.] ist in gewisser Hinsicht auch als das Zeitalter des Ökumenismus bezeichnet worden; und da ist etwas dran, wenn es auch schon im vergangenen Jahrhundert vorbereitet (Unionismus), ihm der Weg bereitet wurde. Besonders aber tritt es in diesem Jahrhundert vor Augen: Kirchenzusammenschlüsse, Kirchenbünde. Wie soll sich der Christ dazu verhalten, ist es nicht schön und begrüßenswert, wenn christliche Kirchen zusammenfinden? Wilhelm Oesch ist darauf angesichts der Bildung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) 1948 in Amsterdam und der 'Einigung' zwischen der ELFK und der ELAK um eben diese Zeit eingegangen und streicht dabei heraus, was Gottes Ordnungen und Grundsätze für die rechte kirchliche Einheit sind - und welche 'Einheit,' 'Ökumene' wir als Christen ablehnen müssen. Dazu hier zwei Artikel von ihm, die in ihren grundsätzlichen Aussagen von bleibender Gültigkeit sind:

 

AMSTERDAM

 

(ursprünglich erschienen in: 'Der Lutheraner'. Zeitblatt für evangelisch-lutherische Gemeinden in Deutschland. Frankfurt/M. 2. Jahrgang. 10/1948)

 

    Die Welt ist voll von Berichten über das Amsterdamer Weltkonzil. Ein Bruchteil der Meldungen durchflutete auch Deutschland. In Amsterdam, auf der ersten Tagung, gab sich der Weltbund der Kirchen, genannt "Ökumenischer Rat" (World Council of Churches), vom 23. August bis 3. September dieses Jahres [1948, Anm. d. Hrsg.] seine Verfassung, wählte seine Leitung und nahm außerdem Stellung zu dem Thema "Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan". In der Tat ein Konzil eines sehr großen Teiles der äußeren Christenheit - 450 Hauptdelegierte aus 147 verschiedenen Kirchen aller Welt waren da, darunter 25 Deutsche, darunter ferner die skandinavischen Lutheraner, ein Teil der amerikanischen Lutheraner und ein Teil der griechisch-katholischen Welt.

    Was ist von der Tagung in Amsterdam und von der ökumenischen Bewegung, die ohne Zweifel nun mehr als je sich in aller Welt geltend machen wird, zu halten?

    Man wird die religiösen und die kirchlichen Ziele unterscheiden müssen.

    Was das religiöse Streben anbetrifft, das hinter Amsterdam steht, so läßt sich nicht verkennen: der Umfang der eingetretenen kirchlichen Zersplitterung, besonders des Protestantismus, hat sich überlebt [in den Augen der bekenntnislosen Teilnehmer, Anm. d. Hrsg.]. Das Ziel des Weltrats ist offenkundig die eine Weltkirche. Die russische Kirche hofft man trotz allem noch zu gewinnen. Mit Rom, das den Seinen selbst die inoffizielle Teilnahme verbot, hofft man durch die Kirche von England noch einmal zu einem Vergleich zu kommen. Das Luthertum, soweit es mitmacht, stellt kein Problem dar. Bestimmend sind die Anglikaner, die außer der apostolischen Sukzession kaum ein gemeinsames Dogma besitzen, und die Reformierten aller Schattierungen und Denominationen, vom sozialen Diesseitsglauben über Karl Barth hin bis zu etlichen Altreformierten. Was wurde nun in Amsterdam? Eine Überkirche mit Befehlsgewalt entstand nicht, aber auch nicht bloß ein Bund in rein äußerlichen Dingen, der es mit dem Bekenntnis nicht zu tun hätte. In Wirklichkeit entstand eine werdende Unionskirche von Weltformat, in der die kleineren Unionskirchen, einschließlich der EKiD, ja sogar die Lutherische Weltföderation [Lutherischer Weltbund, LWB, Anm. d. Hrsg.], eingebaut und eingeebnet werden.

    Es ist in Amsterdam manches Gute gesagt und beschlossen worden. Wir glauben, daß es an Regungen der Buße vor Gott und des Glaubens an unsern Herrn Jesum Christum nicht gefehlt hat. Die eine Eröffnungspredigt, gehalten von Pastor Niles aus Ceylon, ergriff. Die kirchliche Unionsbewegung ist noch nie ganz ohne Wahrheiten und Geistesregungen gewesen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, daß Gott Einheit in der Lehre in Seiner ganzen Kirche will und die Union zwischen rechter und falscher Lehre verbietet. [Hervorh. Hrsg.] Christus spricht: "So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger" (Joh. 8,31). Der Apostel sagt von der Kirche, sie sei "erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist" (Eph. 2,20), und ermahnt: "Seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist, wie ihr berufen seid auf einerlei Hoffnung eurer Berufung, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller" (Eph. 4,3-6).

    Der Weg, den Anglikaner und Reformierte seit Jahrhunderten verfolgen, unter Umgehung der Wahrheitsfrage alle Kirchen unter ein Dach zu bringen, mit sehr betonten politischen Nebenzielen, stellt den Versuch dar, den Hausbau vom Dach her anzufangen, ehe man weiß, was der Grund sein soll. Wenn Christus regiert, steht es nicht im Ermessen der Menschen, neben der Wahrheit, die Christus aufgrund der Heiligen Schrift zu halten befiehlt, einigen Irrtum als gleichberechtigt anzuerkennen. Nicht einmal die Grundbestimmung, die in Amsterdam beteiligten Kirchen nähmen Jesum Christum "als Gott und Heiland" an, ist eindeutig, wie der Generalsekretär zugibt und die Praxis beweist. Die führenden Leugner der Gottheit und der Kraft des Blutes Christi aus den Vereinigten Staaten, von anderen Ländern ganz abgesehen, stehen im Weltbund der Kirchen an entscheidenden Stellen. Einer der Modernisten aus den USA, der Methodistenbischof Bromley Oxnan, ist unter die 6 Präsidenten gerückt.

    Da man Einigkeit in der Wahrheit, die wahre Kirche und das wahre Werk der Kirche, die Ausbreitung des einen seligmachenden Evangeliums, nicht ernstlich und einfältig sucht, erstrebt man eifrig die diesseitige Rettung der Welt durch Stärkung des äußeren kirchlichen Einflusses. Dies alles, obwohl Christus (Joh. 18,36.38) ausdrücklich spricht: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt ... Ich bin dazu geboren und in die Welt [ge]kommen, daß ich die Wahrheit [be]zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme."

    Der New Yorker Rechtsanwalt, der vielleicht der nächste amerikanische Außenminister sein wird, John Foster Dulles [er wurde es unter Präs. Eisenhower, Anm. d. Hrsg.], sagte ganz offen: die eine Kirche ist nötig, um die eine Welt in die richtigen Bahnen zu lenken, um den Weltfrieden zu sichern. Er suchte den russischen Bolschewismus als den Feind des Christentums und des Friedens hinzustellen. Der Freund Karl Barths aus Prag, der Prof. Hromadka, trat ihm leidenschaftlich entgegen. Karl Barth, der seit 1945 die deutsche Kirche zu politisieren suchte, war wieder Prophet, redete von Gottes Wort und zeugte gegen einen "christlichen Marshallplan", der sich ihm gegen den Kommunismus zu richten scheint. Jetzt soll man lieber leiden - anders als 1938-1945!

    ...

    Die Konferenz, einschließlich der Lutheraner, nahm einmütig eine Botschaft an die Christenheit der Welt an. Sie entspricht in großen Teilen nicht der vollen christlichen Wahrheit. Sie sagt, bei der Gründung des neuen Weltkirchenrates habe man sich von Christo "in Pflicht nehmen lassen". Die Wiederherstellung aller Dinge, nämlich daß alle Menschen noch selig werden, schimmert nach Karl Barth an einer Stelle deutlich durch. Keine Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, keine Herausstellung der wirklichen Heilsbotschaft erreicht das Herz. Gegen Ende wird ein Nein und ein Ja gesprochen. Aber kein Nein gegen falsche Lehre, sondern ein Nein gegen die, die "uns auffordern, den Krieg als unvermeidliches Schicksal hinzunehmen". Das entspricht der pazifistischen Stimmung der Gegenwart, aber der Pazifismus als kirchliche Lehre ist gegen den 16. Art. der Augsburgischen Konfession. Und ein Ja - nicht zu Gottes lauterem Wort und zu dem allein um dieses himmlische Zeichen zu sammelnden ewigen Gottesvolk. Wohl aber ein Ja "zu allem, was mit der Liebe Christi übereinstimmt, zu allen Menschen, die das Rechte aufrichten, zu allen, die in der Welt einen rechten Frieden schaffen möchten, zu allen, die um der Menschen willen hoffen, kämpfen, leiden, - ein Ja zu allen denen, die - ohne es selbst zu wissen - sich ausstrecken nach einem neuen Himmel und nach einer neuen Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt." Könnte das alles nicht auch das Programm einer weltweiten Partei mit religiösem Einschlag sein?

    Wir hoffen, daß die europäische Völkerfamilie etwas Nutzen von dieser "Ökumene" hat. Wir freuen uns jeder Verständigung zwischen den Völkern und bitten Gott, das furchtbare Gericht eines neuen Weltkrieges abzuwenden, aus unverdientem Erbarmen mit uns armen Sündern in Christo, unserem Fürsprecher und Versöhner. Wir freuen uns jedes evangelischen Zeugnisses, wo auch immer es erschallen möge, und wissen, daß vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang, in alten und in jungen Kirchen, noch viele Gotteskinder zerstreut sind, die allein durch das Blut Jesu Christi selig werden wollen und einst mit uns eine ewige sichtbare Einheit darstellen werden. Wie Gott uns trägt, so wollen wir in Liebe und Geduld Schwache tragen. Wir dürfen aber Gottes Wahrheit nicht verleugnen und uns der Anerkennung des Irrtums nicht teilhaftig machen. Wir bedauern aufs tiefste, daß die Ökumene insofern der Sache Jesu Christi schadet, als sie Wahrheit und Irrtum vermischt und eine werdende weltweite kirchenpolitische Union darstellt, gegen deren Verletzung des göttlichen Wortes sogar gewisse ernste Reformierte in Amsterdam einen Gegenbund zu gründen versuchten. Das Anliegen der lutherischen Weltföderation, eine Gliederung nach Konfessionen zu erreichen, setzte sich nicht durch. Welchem Trugbild der Einheit jagen doch die Lutheraner nach, die sich die seidenen Fesseln von Amsterdam anlegen ließen! Für uns aber gilt: "Bestehet nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat!" (Gal. 5,1)

 

 

WAS HEISST KIRCHENEINIGUNG?

 

(Erstmals erschienen in: 'Der Lutheraner'. Zeitblatt für evangelisch-lutherische Gemeinden in Deutschland. Frankfurt/M. 5/1948 S. 36 f.)

 

I.

   

    Dürfen Zweckmäßigkeitserwägungen bei kirchlichem Zusammengehen entscheiden oder mitbestimmen? Ist z.B. heute der Schluß angebracht: "Weltumspannende christentumsfeindliche Fronten bilden sich. Gottesleugnung und altes und neues Heidentum reichen sich die Hände, um dem Christentum in der ganzen Welt den Garaus zu machen. Deshalb müssen die Grenzpfähle und Zäune zwischen allen Kirchen und Bekenntnissen fallen. Da kommt es auf etwas mehr oder weniger Wahrheit nicht an"? Oder dürfen die Großkirchen des deutschen Raumes etwa sagen: "Damit das deutsche Volk nicht ganz auseinanderfällt, deshalb muß wenigstens die Evangelische Kirche eine Einheit bilden, unbeschadet der verschiedenen Bekenntnisse in ihrer Mitte. Das ist auch nötig, um endlich geschlossen vom Evangelium her auf das öffentliche Leben unseres zerbrechenden Volkes einwirken zu können." -  Um auf unsere eigenen Kirchen zu kommen: Könnten die lutherischen Freikirchen so sagen: "Es gab eine Zeit, Unterschiede zwischen uns zu betonen. Wollten wir das heute tun, so wäre das Selbstmord. Also unterstreichen wir heute das Einigende. Dann werden wir auch Anerkennung und Unterstützung von außen finden"?

    Wenn es erlaubt wäre, so zu reden und zu handeln, dann müßte die Kirche nicht Herrschaftsbereich Christi, sondern der Menschen sein. Dann müßte die Kirche Jesu Christi ganz oder teilweise ein weltliches Gebilde sein, wäre bürgerlichen Vereinen und weltlichen Staaten ähnlich. In diesen mag man nach äußerem Nutzen fragen. Da hat man es nicht mit der Seligkeit zu tun. Von der Kirche aber sagt der Heiland: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." (Joh. 18,36) Und sein Apostel spricht: "Die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich." (2. Kor. 10,4) Setzen wir den unmöglichen Fall, der hellstes Scheinwerferlicht auf unsere Frage wirft: Wenn der Mensch sich vor Gott selbst rechtfertigen, sich Gottes Gunst, Vergebung der Sünden und den Himmel selbst verdienen könnten - nun freilich, dann könnte er mit seinen Mitteln die Kirche bauen und sie mit seinen Anschlägen zur Einheit zusammenfassen. Aber was sagt die Schrift?

    Unser Blick ruht auf drei großen Tagen der Kirche, auf Karfreitag, Ostern und Pfingsten. Im Hinblick auf den Fluchpfahl, das Kreuz auf Golgatha, und auf das offene Grab daneben sagt Petrus den Juden: Den ihr gekreuziget habt, den hat Gott auferwecket." - "Das ist der Stein, von euch Bauleuten verworfen, der zum Eckstein worden ist. Und ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden." (Apg. 4,11.12. Vgl. Ps. 118,22.23)

    Weil die Juden und ihre Führer ihre Schuld, ihre Erbsünde, das völlige Verderben ihres gefallenen Zustandes nicht eingestehen mochten, weil sie selbst Gott einen Tempel in ihrem Volkstum und in ihrer Leistung aufbauen wollten, deshalb haben jene Bauleute Jesum, den Herrn der Herrlichkeit, gekreuzigt. - Halten wir uns für besser als jene Juden? Oder wohnt auch in unserm Herzen die Gesinnung, die vor Gott selbst etwas sein will? O, wenn wir wirklich Christen sind, dann beklagen wir unsere ganze abgrundtiefe Bosheit, mit der wir am Blut des Sohnes Gottes auf Golgatha mitschuldig geworden sind. Aber wir beten die Gnade an! Wir töteten durch unsere Sünden zusammen mit Juden und Heiden Gottes ewigen Sohn, der unser Bruder geworden war. Und Gott rechnete seinen Tod als Sühne für unsere Schuld! Gott schenkte uns den von uns Gekreuzigten als unsern Stellvertreter, daß wir nicht um unserer Sünde willen verdammt würden. Gott erweckte ihn von den Toten am dritten Tage und sprach: Du bist das Haupt der Erlösten. Wer's im Glauben auf dich wagt, der ist frei und ewig selig.

    Gott tat das alles aus lauter Gnade. Und Gott tut noch mehr. Pfingsten kommt hinzu. Niemand hört auf, selbst Eckstein sein zu wollen, niemand erkennt sein Attentat auf Gott, niemand läßt sich auf den rechten Eckstein bauen "ohne durch den Heiligen Geist". (1. Kor. 12,3) Der Glaube, der das Kreuz Christi als einzige Hoffnung ergreift, der selig und zum Gliede der Kirche macht, ist "Gottes Gabe, nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme". (Eph. 2,8.9) Es ist auch nicht teilweise ein besseres menschlichen Verhalten, sondern von Anfang bis Ende Wirkung des Heiligen Geistes, der durch die wunderbaren Mittel, Wort und Sakrament, kommt. (1. Petr. 1,23; Joh. 3,5) Himmlische Berufung hat uns elende Sünder, die wir in all unserm sündlichen Tun und Trachten gegen Gott stehen, zu Gott gezogen, daß wir nun glauben, Gott ist für uns, und ihm danken und ihm dienen, sein sind und sein bleiben wollen, alle Unterschiede zwischen einander fahren lassen und sagen: Was sind wir? Jesus ist alles in allem für uns alle.

    Sollten wir nach Karfreitag, Ostern und Pfingsten noch selbstherrlich bauen wollen am Gottesbau? Sollten wir noch etwas halten von unsern Mitteln? So wie der Geist Gottes durch das göttliche Wort uns auf den Fels Jesus Christus gebaut hat, so allein entsteht die eine heilige christliche Kirche. Und so, nicht anders, nämlich durch Bauen des Heiligen Geistes mittels des Wortes, wird sie auch erhalten. Vom ganzen Aufbau auf den Eckstein gilt: "Das ist vom Herrn geschehen." (Ps. 118,23 a)

    Ein "Wunder vor unsern Augen" (Ps. 118,23 b) ist dann auch jede rechte Kirchenvereinigung, jedes wahre kirchliche Zusammengehen. Da kommt zu Tage, daß die Erbsünde, die von Gott losreißt und voneinander trennt, überwunden, durchgestrichen, durchkreuzt ist, durch des Lammes Blut. Da zeigt sich, daß wir von uns selbst losgerissen sind und auf Christo stehen, daß wir Gottes Volk geworden sind durch Gottes Gnadenmacht und nicht mehr über uns selbst verfügen. Da wird offenbar, daß wir in Christus eins sind, daß er über uns alle miteinander gebietet und als unser Haupt uns zu Gliedern seines Leibes zusammenfügt. Da zeigt sich, daß wir eines, weil seines Sinnes sind, daß wir des einen Hirten Stimme hören und der Fremden Stimme nicht mehr hören.

    Wenn wir uns über die Geltung des Wortes Gottes noch so vergleichen können, daß wir ein Gotteswort für verbindlich, ein anderes für unverbindlich erkären, wenn wir noch sagen können: "Dies und jenes Stück davon ist nicht kirchentrennend", um so an einer Klippe der Zusammenarbeit vorbeizukommen und nach beliebiger Weise Union zu machen, dann bauen wir noch. Das gleiche gilt, wenn wir sagen: "Wir könnten zusammenkommen, wir können's aber auch lassen." Wenn wir aber gebaut worden sind auf den einigen Eckstein, dann verfügen wir weder über Gottes Wort noch über uns selbst. Sondern das Wort Gottes unseres Heilandes verfügt über uns. Das eine Haupt macht uns zu dem einen Leibe und ermahnt: "Seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens!" Denn das Wesen rechter Kircheneinheit ist da: "Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eures Berufs, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller." (Eph. 4,3-6)

 

II.

 

    Wir Christen sind eine Einheit im Geist und im Wort. Wir brauchen nicht Herzensrichterei zu treiben, um festzustellen, wo diese unsere göttliche Einigkeit auf dem Plan ist. Wir brauchen uns auch nicht abzusorgen, ob sie etwa von der Erde ganz ausgewandert ist. Wo immer von dem einen Fels, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, treulich gelehrt wird - in kirchlicher Sprache: wo Gesetz und Evangelium recht geteilt und angewandt werden -; wo immer man nicht selbst regiert, sondern vom Wort Gottes nach Maßgabe der unverbrüchlichen von Gott nach Inhalt und Wortlaut eingegebenen Heiligen Schrift regiert wird; wo immer Matthäi am letzten erfüllt wird: "Gehet hin und lehret (machet zu Jüngern) alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe, und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende", da ist die Einheit. Da sind die Kennzeichen, daß die Kirche da ist. Denn das Evangelium kommt nie leer zurück. Da sind die Wahrzeichen, daß die Kirche so da ist, wie Christus sie gestiftet hat: als seine eine reine, gehorsame Braut. Er läßt sagen: "Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte". (1. Kor. 7,23) Er spricht selbst zum Abschied "Einer ist euer Meister, Christus, ihr aber seid alle Brüder" (Matth. 23,8); "so ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger" (Joh. 8,31).

    So sagt darum auch das Grundbekenntnis unserer Kirche, die ungeänderte Augsburgische Konfession, im 7. Artikel:

"Es wird auch gelehrt, daß allezeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben, welche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut des Evangelii gereicht werden. Denn dies ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirche, daß da einträchtiglich nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und ist nicht not zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirche, daß allenthalben gleichförmige Zeremonien, von Menschen eingesetzt, gehalten werden, wie Paulus spricht Eph. 4,4.5: "Ein Leib, ein Geist, wie ihr berufen seid zu einelei Hoffnung euers Berufs, ein Herr, ein Glaube, eine Taufe.""

    Kirchliche Einheit erweist sich also gerade nicht in dem, worin weltliche Einheit liegt, daß man gleiche äußerliche Ziele hat, gleiche Sitten, Gebräuche, Ordnungen anerkennt, die gleiche Geschichte hat, gar gleiche politische Ansichten hätte usw. Sie liegt in Gott, in Christus, im Geist und Wort der Wahrheit. Sie wird im Herzen erfaßt, kommt im Bekenntnis zum Ausdruck. (Joh. 17) Weltkriege und Weltanschauungskriege zertrennen sie nicht, einerlei, auf welcher Seite wir unsern harten bürgerlichen Dienst zu tun haben. Große Schwachheit des Lebens muß und kann gegenseitig getragen werden, wenn nicht die Herrschaft Christi grundsätzlich in Frage gestellt wird. (1. Thess. 5,14) Auch in der Lehre Schwache sind zu tragen und zu stärken. Aber grundsätzlicher Widerspruch gegen die Lehre des göttlichen Wortes kann nicht geduldet werden in der heiligen christlichen Kirche. Da gilt: "Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesu Christi, daß ihr allzumal einerlei Rede führt und lasset nicht Spaltungen unter euch sein, sondern haltet fest an einander in einem Sinn und einerlei Meinung." (1. Kor. 1,10) Wie wenig falsche Lehre unter dem Vorwand, die Liebe fordere Toleranz, geduldet werden kann, erfährt der heutige unkirchliche Mensch mit Schrecken, wenn er Gal. 1,8 liest: "Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch geprediget haben, der sei verflucht" oder aus Christi eigenem Mund hört: "Die Schrift kann nicht gebrochen werden". (Joh. 10,35) Jede Unionskirche, die im Namen der Liebe Einheit ausruft, ohne einheitliches Bekenntnis der ganzen seligmachenden Wahrheit zum Fundament zu machen (Eph. 2,20), ist in diesem ihrem Tun eine Versammlung von Bauleuten, die den rechten Bau- und Eckstein verwerfen. (Ps. 118,22 a) Eine Einheit neben dem Grund hebt die Einheit auf dem Grund auf. In jeder herrschenden falschen Lehre und in jeder Gleichgültigkeit gegen falsche Lehre, in jeder Form des heute die äußere Christenheit überflutenden Unionismus erheben sich die Menschen der Kirche in eitler Selbstherrlichkeit, als "Übermenschen", die selbst bauen wollen. Da soll denn der vom Heiligen Geist geleitete Christ, da soll denn die rechte Gemeinde kindlich nach Röm. 16,17 handeln: "Ich ermahne euch, liebe Brüder, daß ihr aufsehet auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet von denselbigen."

    Daraus folgt, daß die Menschen sich zwar gegen die Einheit der Kirche versündigen, sie aber nicht bauen können und daß gerade der falsche Unionismus die echte wahre Einheit der Kirche zerstört. Gehört doch zum rechten Bau der Kirche Gottes Finger. Da jede Gemeinde und jede Kirchengemeinschaft unter der Verpflichtung der einen Kirche Christi steht, so ergibt sich, daß die sichtbare Einigkeit, auf die es praktisch ankommt (nämlich Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft und treue gegenseitige Hilfe nach der Liebe), aus Zweckmäßigkeitserwägungen heraus weder gestaltet noch abgelehnt werden kann. Praktisches kirchliches Zusammengehen - das allerdings unter den verschiedensten Formen vor sich gehen kann - muß Ausdruck des geistlichen Einsseins im Glauben und Wort sein. Und wo der Heilige Geist dies höchste Geschenk gibt, da muß man sich mit Wort und Tat zueinander bekennen. Da hört ein unverbindliches Nebeneinander auf. Wo man auf Gottes Weg zueinander geführt wurde, hat man das höchste Wunder erfahren und erlebt, das Christus uns hier kosten läßt bis zum Einzug in das himmlische Reich, wo wir die selige Einheit ewiglich schauen.

...

 

 

 

MISSION UND KIRCHE

 

Wilhelm M. Oesch D.D.

(Referat, gehalten bei der Synode des Nördlichen Bezirks der Evangelisch-Lutherischen Freikirche

am 27. und 28. August 1951 in Hörpel )

 

(Wenn auch einige Ausführungen dieses Referats, naturgemäß, zeitbedingt sind, nämlich die Zeitaufnahmen aus dem Ringen um die Stellung der Hermannsburger Mission, die inzwischen gänzlich an die Landeskirche verloren ist und ganz den Irrweg derselben geht, so ist das Referat insgesamt, mit seinen Thesen und deren Erläuterungen, ein wichtiges Dokument bibel- und bekenntnistreuer lutherischer Missionstheologie und daher von bleibender Bedeutung. Anm. d. Hrsg.)

 

Verehrte Synodalversammlung, teure Brüder und Schwestern!

 

    Wir stehen in entscheidungsvoller Zeit, und zwar gerade als lutherische Freikirche. Wie jeder weiß, hat sich um uns herum eine unierte Kirche ganz Deutschlands gebildet, die jeder sogenannten lutherischen Landeskirche und auch der sogenannten Vereinigten Ev.-Luth. Kirche Deutschlands übergeordnet ist, auch allen Gliedkirchen in irgendeiner Form das Barmer Unionsbekenntnis und die Interkommunion aufgedrängt hat.1 Den geschichtlichen und gesellschaftlichen Druck, den dies Gebilde schließlich auf unsre Freikirche ausüben mag, ermessen wir noch nicht. Wir ahnen auch noch kaum, was der darum gelegte noch größere unierte Ring der Ökumene, des World Council of Churches, an Gefährdung bringt, dem sich auch die meisten sogenannten lutherischen Kirchen des Auslandes angeschlossen haben. Wir überblicken auch die Entwicklung in der amerikanisch-lutherischen Kirche noch nicht.2 Ob neue politische Ereignisse alles ruhige Weiterwachsen erneut stören werden, weiß nur Gott. Wir sehen aber, dass uns noch eine Atempause vergönnt ist, unser freikirchliches Haus in richtiger Weise auf den Felsengrund des göttlichen Wortes zusammenzubauen und durch Gottes Gnade zusammenwachsen zu lassen. Wir bitten: „Heilige uns in Deiner Wahrheit; Dein Wort ist die Wahrheit.“ Joh. 17,17.

    Gottes Wort, das sowohl im Gesetz wie im Evangelium mit dem Anspruch absoluter Autorität an uns herantritt, will in der Kirche allein herrschen. Die Kirche ist auf das Wort gebaut, sie wird durch das Wort gesammelt, genährt und erhalten. Sie wird auch nur durch das Schwert des Geistes verteidigt, durch das Gotteswort, von dem wir rühmen: „Das Wort sie sollen lassen stahn.“ Am Wort und Sakrament allein wird überhaupt an einem Ort erkannt, dass die Kirche als Gemeinde der Gläubigen vorhanden ist, da man niemand ins Herz schauen kann, das im Schwange gehende Wort aber nie an einem Ort ohne Frucht zurückkommt. An der Alleinherrschaft des Wortes in einer Gemeinde und Kirche wird offenbar, dass Christus dort allein regiert und nicht zweierlei Fahnen über solcher Gemeinde, solcher Kirche wehen, zweierlei Gefolgschaft, die Christi und die Belials, dort öffentlich angeworben und zum Kampf eingesetzt wird, dass das Haus nicht mit sich selbst uneins und abbruchreif ist. Soll unsere lutherische Bekenntniskirche in ganz Deutschland, aus den vereinigten Freikirchen bestehend, nicht auch nur eine betonter lutherisch gefärbte Union sein, so darf gerade bei uns das Bekenntnis, die Herrschaft der reinen göttlichen Wahrheit, nicht auf dem Papier stehen.3 Ihr muss nicht nur unbeschränkt die rechtliche Geltung, die Herrschaft de iure, eingeräumt werden, sondern tatsächlich, de facto, muss die Wahrheit herrschen. Kein grundsätzlicher Widerspruch, kein grundsätzlicher Ungehorsam darf geduldet werden, nach den Worten Christi: „Niemand kann zwei Herren dienen. Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich.“ (Matth. 6,24; 12,30)

    Soll z.B. die Verkündigung bekenntnistreu sein, so muss auch die Ausbildung der Diener am Wort hierfür, soweit möglich, gewissenhaft Gewähr leisten, so muss die Theologie bekenntnistreu und gegenüber den Widersprechern im Raum um uns herum selbständig sein. Dann muss aber auch die gesamte kirchliche Praxis, das Handeln von Kirchenwegen, von einem Punkt, vom Bekenntnis aus, bestimmt und ausgerichtet sein. Dieses lautere Bekenntnis muss auch bei der Ausbreitung der Kirche nach außen, bei dem Werk der Mission, Kaiserin sein. Hier liegen, von der Vergangenheit her, z.T. noch unklare, dem Wahrheitszeugnis widerstrebende, Schwebezustände vor, die in Zukunft überwunden werden müssen, wenn nicht Union siegen, Konfession oder Bekenntniskirche aber erliegen soll.4

    Darum sei zwar mit besonderem Blick auf die Heidenmission, aber nicht ohne Anwendung auch auf allerlei sonst mit Missionszielen verknüpften Bünden und Organisationen, dies heute und morgen das Thema der Lehrverhandlungen:

 

MISSION UND KIRCHE

 

    Dazu das Unterthema: Mission ist Kirchensache und gemeinsame Mission setzt Bekenntniseinheit voraus.5

 

    Es sei gestattet, erst alle Lehrsätze zu verlesen:

 

    1. den Auftrag und die Träger betreffend:

    Der Missionsauftrag der Kirche drängt über die Einzelgemeinde hinaus zu übergemeindlichem, gemeinschaftlichem Werk. Matth. 28,19 f.; Apg. 8,14 ff.; 9,31; 13,1 ff.; Gal. 2,6-10; Eph. 4.

    2. die bekenntnismäßige Voraussetzung betreffend:

    Gemeinschaftliche Mission setzt Bekenntniseinheit [besser: Kirchengemeinschaft in Lehreinheit, Anm. d. Hrsg.] in Lehre und Praxis voraus, denn Christi Missionswerk überhaupt ist seiner Natur nach kirchlich, d.h. es ist nicht bloß eine Äußerung privater christlicher Frömmigkeit, sondern stets und überall Sache des öffentlichen Bekenntnisses der Wahrheit. Matth. 28,19 f.; Gal. 2; Eph. 2,20.

    3. den heutigen gefährlichsten Angriff Satans betreffend:

    Gemeinsame Ausbreitung des Evangeliums ohne volle Einigkeit in der Wahrheit ist daher Unionismus, Religionsmengerei. Gal. 1,8 f.; 2. Joh. 10 f.; Gal. 5,9; Röm. 16,17; 2. Kor. 6,14 ff.; 2. Thess. 3,6.14 f.

    4. die Anwendung auf Gesellschaften der äußeren Mission betreffend:

    Sind rechtgläubige Christen durch ihre Geschichte oder sonst noch mit bloß nominell rechtgläubigen, in Wirklichkeit aber unionistisch gebundenen Missionsunternehmungen verbunden, so ist in einer begrenzten Übergangszeit unter klarer Protesthaltung – Bewährung im status confessionis – alles zu tun, um die Alleingeltung des Bekenntnisses durchzusetzen. Ist dies nicht möglich oder könnte der öffentliche Gewissensprotest (die Treue im status confessionis) gegenüber der Unionsbindung nicht aufrecht erhalten werden oder als solcher wirksam bleiben, und wäre so eine Verleugnung unvermeidlich, so ist das Band zu lösen, bzw. muss der Austritt erfolgen. Maßgebend für die Beurteilung einer Missionsgesellschaft ist auch nicht nur deren erklärte Stellung zu Schrift und Bekenntnis, sondern zugleich deren Praxis. Arbeitet z.B. eine Missionsgesellschaft im Rahmen der VELKD oder einer Gliedkirche der EKD, so steht sie damit von vorneherein in Unionsbindung und befindet sich in sofern schon in offenkundigem Widerspruch zum lutherischen Bekenntnis. Folgt aus 2) und 3), verglichen mit Luk. 11,23; 2. Ko4. 10,4-8; 13,8 – Konk.Formel X.

    5. die Anwendung auf sonstige Formen und Erscheinungen sogenannter Zusammenarbeit betreffend:

    Zwischen gemeinschaftlicher Ausbreitung des Evangeliums und gelegentlicher beschränkter Zusammenarbeit in äußeren Dingen (cooperatio in externis) ist sorgfältig zu unterscheiden. Letztere darf nie falsche Lehre bemänteln oder ihr den Weg bereiten. Echte Liebe steht nur im Dienste Christi und der wahren Einheit der Kirche. Folgt aus 2) und 3), verglichen mit 1. Kor. 5,12 f.; Tit. 3,1 f.14; Joh. 17; Eph. 4 – Konk.Formel X.

 

I.

    Lehrsatz 1 lautet: Der Missionsauftrag der Kirche drängt über die Einzelgemeinde hinaus zu übergemeindlichem, gemeinschaftlichem Werk.

    Ich beginne gleich mit dem „Missionsauftrag der Kirche“, nicht mit dem des einzelnen Christen. Selbstverständlich soll jeder Christ Missionar sein. Aber wer Christ wird, ist damit schon eingebaut und eingegliedert in den Leib Christi. Einzelchristentum in einem grundsätzlichen Sinn gibt es nicht. Und die Schlüssel des Himmelreichs sind überhaupt niemals einem Einzelnen für sich gegeben6. Deshalb beginnen wir mit der Gemeinde.

    Es ist nun zunächst festzuhalten, dass jede christliche Ortsgemeinde auch für sich Kirche Christi ist, selbst wenn Umstände sie von der Betätigung christlicher Gemeinschaft mit anderen Gemeinden äußerlich völlig abschneiden sollten. Auch dann noch hat sie die Macht, das Predigtamt aufzurichten und alle Gnadenmittel zu verwalten. Christus spricht Matth. 18,18 ff.: „Sage es der Gemeinde. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein. … Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ Wo Christus ist, ist alle Vollmacht. Wo immer Wort und Sakrament im Schwange gehen, da ist die Gemeinde, bei der Christus selbst ist.

    Jede Gemeinde ist als Kirche grundsätzlich Missionsgemeinde, Missionskirche.  (Hervorh. d. Hrsg.) Eine Gemeinde, die Wort und Sakrament nur zur Erbauung in der eigenen Mitte und nicht zur Ausbreitung unter Juden und Heiden hätte, kann es gar nicht geben, da es kein an besondere Personen, Orte, Einrichtungen und Mächte gebundenes Wort Gottes gibt. 2. Tim. 2,9 spricht Paulus: „Aber Gottes Wort ist nicht gebunden.“ Der eine Mittler, der sich für alle gegeben hat zur Loskaufung, dass solches zu seiner Zeit gepredigt würde (1. Tim. 2,5), hat bei seiner Erhöhung sein Wort grundsätzlich für alle Welt in Kurs gesetzt.

    Das zeigt der große Reichs- und Missionsbefehl am Ende aller Evangelien, sonderlich die ausführliche Wiedergabe desselben Matth. 28,18 ff.. Ich gebe zwei Worte gleich nach dem Griechischen: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie (fest- und inne-) halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Bis zum Jüngsten Tag hat die weltweite Sendung, die Mission der Christenheit weiterzugehen. Von allen Christen in allen Gemeinden sollen alle Menschen so angesehen werden, wie Paulus sie 2. Kor. 5,14 ansieht: „Ist einer (Christus) gestorben, so sind sie alle gestorben.“ Also nicht als bloße Nebenmenschen sind die Personen von mir zu betrachten, mit denen ich es zu tun habe, die mich angehen, die mit mir zu erschaffen und erlöst sind, ja alle Welt, sondern als Seelen, für die Christus gestorben ist, denen das Heil im Sohn zu verkündigen ist, sollen sie mir vor Herz und Gewissen stehen. Joh. 20 sagt Christus zu den Jüngern: „Gleich wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Der Vater aber hat den Sohn der Welt, der Menschheit aller Zeiten gesandt. Bei Markus im letzten Kapitel heißt es drastisch: „Predigt das Evangelium aller Kreatur“, sagt’s jedem Menschen, den Gott geschaffen hat!

    Daraus ergibt sich einerseits, wessen sich die christliche Gemeinde in ihrer Umgebung anzunehmen hat. Für alle in der Umwelt, die nicht mit Wort und Sakrament versorgt werden, ist jede unserer Gemeinden verantwortlich. Das bloße rechtliche und gesellschaftliche Verhältnis zu einer Kirche macht die tatsächliche gemeindelose große Mehrzahl unserer deutschen evangelischen Bevölkerung nicht zu Kirchenmitgliedern. Unseren Gottes reines Wort ausbreitenden Gemeinden gilt inmitten eines großen, meist dem Glauben entfremdeten Volkes der prophetische Zuruf: „Zion, du Predigerin, steige auf einen hohen Berg.“ (Jes. 40,9). Die nähere Missionsadresse ruht aber auf der weiteren: „Gehet hin in alle Welt.“ Die Schuldigkeit, das Wort weiterzutragen, die in nächster Nähe anhebt, dehnt und erstreckt sich bis an die Enden der Erde. Über die Pflicht der Heidenmission brauche ich nichts weiter zu sagen, da es gestern bei Gelegenheit des Missionsfestes vor größerer Versammlung viel ausführlicher geschah. Darum darf entsprechend auch der Träger dieses Auftrages nicht vereinzelt, verengt, örtlich beschränkt gesehen werden.

    Die These besagt diesbezüglich: „Der Missionsauftrag der Kirche drängt über die Einzelgemeinde hinaus zu übergemeindlichem, gemeinschaftlichem Werk.“

    So unzweifelhaft die einzelne christliche Ortsgemeinde die Hauptzelle bleibt für das gesamte Werk der Mission, so unzweifelhaft die wichtigste Arbeit immer die dem einzelnen Pastor, dem einzelnen Christen vor der Tür liegende Arbeit ist, ebenso gewiss nötigt nun auch das Werk des Herrn rechtgläubige Gemeinden zur Zusammenarbeit gerade bei der Ausrichtung des großen Auftrags. Eine Gemeinde kann für sich allein ja nicht einmal für den Pastorennachwuchs in eigener Mitte richtig sorgen, wie am Tage ist. Christus, ihr Haupt, ist aber zugleich das Haupt der ganzen Kirche: „Gott hat ihn gesetzt zum Haupt der Gemeinde über alles [zum über alles ragenden Haupt der Gemeinde], welche da ist sein Leib, nämlich die Fülle des, der alles in allen erfüllt.“ (Eph. 1,22 f.) Das eine Haupt verbindet alle Glieder zu einem Leibe, ist darum auch nach Eph. 4,16 in ihnen allen wirksam zu gemeinschaftlichem Handeln, den gesamten Leib Christi aufzuerbauen. Gerade bei dem Hingehen in alle Welt, das Christus im Missionsbefehl der Apostel und der Christenheit, jeder Gemeinde und jedem Amtsträger zur Pflicht macht, schon bei ernsthafter Heimatmission, erst recht bei der Heidenmission wird offenbar, dass die räumlich zerteilte Kirche Christi grundsätzlich eine ist, dass die Christen an einem Ort denen am andern Ort helfen müssen, die Netze auszuwerfen und des Sohnes Gottes Beute ans Ufer zu ziehen. Dies Werk ist ein Werk des ganzen Leibes Christi. So war’s von Anbeginn. Das zeigte nicht nur der bereits behandelte Missionsbefehl mit seinen Bestimmungen: „in alle Welt“, „allen Völkern“. Das zeigen auch die weiteren Schriftstellen, auf die unser Leitsatz sich beruft, die uns einen Einblick in die Ausführung desselben in apostolischer Zeit gewähren. In Apg. 8,14 ff. wird uns berichtet, dass sich die Gemeinde in Jerusalem der  durch den Evangelisten Philippus neugegründeten Missionsgemeinde zu Samaria alsbald annahm, sogar die hohen Apostel Petrus und Johannes dorthin entsandte. Apg. 9,31 ist von einer Kirche oder Gemeinde die Rede mit dem Zusatz „durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria“. Die Stelle ist ein unauffälliger, aber klarer, Beweis, dass immer in allen Gemeinden die eine Kirche zu sehen ist, deren Haupt Christus ist, deren Geschick und Werk zusammenhängt. Apg. 13,1 ff. lesen wir, dass die vom Heiligen Geist bestimmten Heidenmissionare, der Apostel Paulus und der Apostelgehilfe Barnabas, obschon hier unmittelbare Berufung vorlag, unter Fasten, Beten und Handauflegen von der Gemeinde zu Antiochien ausgesandt wurden, dass somit die antiochenische Gemeinde gleichsam die Verantwortung einer ersten Muttergemeinde der Heidenmission übernahm. D.h. sie unterzog sich gesamtkirchlicher Verantwortung und Pflicht, wirkte auch hernach mit den neuerstehenden Gemeinden auf dem Missionsfeld zusammen. Gal. 2,6-10 zeigt uns, dass die große Heidenmission des Paulus in brüderlicher Verbundenheit mit der Arbeit an den Juden getan wurde. Denn die beiden hohen Vertreter der beiden Missionszweige gaben sich die „rechte Hand der Gemeinschaft“. Das schloss in der Folge sowohl die persönliche Unterstützung als auch Liebesgabenspenden ein.

    Hiermit wäre der erste Teil des Unterthemas „Mission ist Kirchensache“ besprochen.

    Der zweite Teil oder Satz des Unterthemas ist das eigentliche Ziel dieser Arbeit und schließt sich dem Vorstehenden wie folgt an: „Da Mission Kirchensache ist, so setzt gemeinsame Mission Bekenntniseinheit voraus.“

 

II.

    Wir kommen also zur zweiten These, die bekenntnismäßigen Voraussetzungen betreffend. Zu ihr fügen wir gleich die dritte These hinzu, die den heute gefährlichsten Angriff Satans aufweist.

    These 2 lautet: Gemeinschaftliche Mission setzt Bekenntniseinheit in Lehre und Praxis voraus, denn Christi Missionswerk überhaupt ist seiner Natur nach kirchlich, d.h. es ist nicht bloß eine Äußerung privater christlicher Frömmigkeit, sondern stets und überall Sache des öffentlichen Bekenntnisses der Wahrheit.

    These 3: Gemeinsame Ausbreitung des Evangeliums ohne volle Einigkeit in der Wahrheit ist daher Unionismus, Religionsmengerei.

    Geht es um gemeinsame kirchliche Arbeit, so muss zunächst etwas darüber gesagt werden, wie die Kirche oder Gemeinde, die ja aus allen Gläubigen, aber nur den Gläubigen, besteht, erkennbar wird. Die Kirche Christi auf Erden ist keine dem diesseitigen Blick zugängliche Größe. „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden“, Luk. 17,20. Wenn daher von der Ausbreitung der Kirche in der Apostelgeschichte die Rede ist, heißt es zu wiederholten Malen: „Das Wort Gottes wuchs“ (6.7; 12,24; 19,20). Der Sieg der Kirche ist Sieg des Wortes, das Neuland einnimmt. Das Wort aber kann man mit Sicherheit äußerlich feststellen, nicht den Glauben.

    In dem Augenblick, in dem das Wort Gottes teilweise, aber nicht völlig, verfälscht wird – was Satan geradezu als sein Hauptmittel zur Zerstörung des Reiches Gottes ansieht – entsteht allerdings eine äußerst widerspruchsvolle Lage. Ist z.B. die Taufe noch recht, nämlich dem vernommenen Reichsbefehl entsprechend eine Taufe auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, so kann nicht geleugnet werden, dass die so getauften und noch in der Taufgnade stehenden Kindlein im Reich Gottes, in der Kirche sind. Wir schweigen von anderen Stücken des Evangeliums, die da, wo die rechte Taufe ist, auch noch vorhanden sind. Aber welche seelengefährlichen und gotteslästerlichen Irrtümer bestehen z.B. in der römischen Kirche daneben! Welche Werklehre, welche Leugnung der Genugsamkeit des Verdienstes Christi, welche abgöttische Menschenanbetung und Menschenherrschaft! Will Christus, dass wir eine Organisation, in der noch die Kirche vorhanden ist, die aber daneben die Irrlehre vertritt, die der Feind hervorgebracht hat und die das Feindreich baut, auch öffentlich als Kirche, als Schwesterkirche, anerkennen? Ich betone die entstandene Lage: In der Organisation ist noch Kirche vorhanden, weil auch noch Evangelium zu Worte kommt, Sakramente noch da sind und wirken, und die Organisation kann auch noch Kirche genannt werden. Sie heißt falsche Kirche, also bei aller Verfälschung noch Kirche, weil sie noch das Amt des Evangeliums besitzt; doch der Irrtum läuft daneben, schlägt der Wahrheit beständig ins Angesicht, baut das Gegenreich! Will Christus nun, wenn so noch das Dasein der Kirche in betreffenden Haufen durch Wirkung des Heiligen Geistes und der Liebe anzunehmen ist, dass wir trotz öffentlich vertretener Irrtümer, ja Lästerungen (welcher hartnäckige Lehrirrtum wäre keine Lästerung?) die betreffende Organisation als solche kirchlich anerkennen? Täten wir’s, so könnten wir nicht umhin, den Irrtum mit anzuerkennen. Das aber ist uns aufs strengste vom HERRN verboten.

    Unter unserem dritten Leitsatz sind besonders deutliche Stellen ausgegeben, die dieses Verbot aussprechen und einschärfen. Voraus gehe ihnen die nicht vorgemerkte Stelle Matth. 7,15, wo Christus spricht: „Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe!“ Dazu hören wir jene in der Vervielfältigung angegebenen apostolischen Stellen zum dritten Leitsatz: Gal. 1,8 f: „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, als das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht! Wie wir jetzt gesagt haben, so sagen wir auch abermals: So jemand auch Evangelium predigt anders, als das ihr empfangen habt, der sei verflucht!“ Der Apostel der Liebe, Johannes, sagt in den Versen 9-11 seines kurzen zweiten Briefes: „Wer übertritt (weitergeht, Fortschrittler ist) und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott; wer in der Lehre Christi bleibt, der hat beide, den Vater und den Sohn. So jemand zu euch kommt und bringt diese Lehre nicht, den nehmt nicht ins Haus und grüßt ihn auch nicht. Denn wer ihn grüßt, der macht sich teilhaftig seiner bösen Werke.“ Gal. 5,9 findet sich dazu, und zwar eindeutig von der Lehre ausgesagt, das inhaltsschwere warnende Wort: „Ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig.“ VomKatechismus her ist Röm. 16,17 bekannt: „Ich ermahne euch, liebe Brüder, dass ihr aufsehet (euer Augenmerk genau richtet) auf die, die Zerstreuung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weicht von denselben!“ Die beiden letzten Stellen beziehen sich nicht etwa nur auf die gänzliche, sondern auch auf eine teilweise Verfälschung. Grundsätzlich ist einer stückweisen Verfälschung genauso zu widerstehen wie einer radikalen oder restlosen. Denn jeder Gehorsam ist ungeteilt. Wer ihn teilt oder stückelt oder anderen das Teilen oder Stückeln freistellt, der hat ihn gekündigt. Endlich weisen wir noch hin auf die große Stelle gegen alle Religionsmengerei, der noch viele andere Weisungen gleichen Inhalts zur Seite stehen, nämlich 2. Kor. 6,14 ff. Die im Bekenntnis wiederholt angeführte Stelle lautet: „Zieht nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen, denn was hat die Gerechtigkeit für Genieß (zu schaffen) mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial? Oder was für ein Teil hat der Gläubige mit den Ungläubigen? Was hat der Tempel Gottes für eine Gleiche (Gleichheit) mit den Götzen? Ihr aber seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie denn Gott spricht: Ich will in ihnen wohnen und in ihnen wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein. Darum geht aus von ihnen und sondert euch ab, spricht der HERR, und rührt kein Unreines an, so will ich euch annehmen und will euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein, spricht der allmächtige HERR.“ Welch eine Vermessenheit, das Verbotene, nämlich das Beieinanderbleiben, das Zusammenarbeiten der Anhänger der Wahrheit und der Anhänger des Irrtums, dennoch zu wagen! Ist das aber nicht gerade beim größten Teil der äußeren Christenheit die selbstverständliche Voraussetzung alles ihres sogenannten ökumenischen kirchlichen Handelns und Tuns geworden? Wir können angesichts dieses frevlen Beginnens und Treibens nicht anders, als den HERRN und Meister, der uns erkauft hat mit seinem Blut, zu bitten, uns durch den Heiligen Geist in seinem Gehorsam zu erhalten.

    (Nachmittagssitzung.) Wir waren, als wir abbrachen, damit beschäftigt gewesen, den zweiten Teil des Unterthemas: „Und gemeinsame Mission setzt Bekenntniseinheit voraus“ zu behandeln. Die Leitsätze 2 und 3 wurden dazu zusammengenommen, und es wurden zunächst die großen Lehrsitze (sedes doctrinae) besprochen, die unter der dritten These stehen. Sie wandten sich gegen die Verfälschung der Lehre Christi und gegen jede Zusammenarbeit mit Verfälschern. Wir fahren fort:

    Nicht unwichtig ist aber, was die Schrift über die Art und Weise des Vorgehens gegen Gehorsamsverweigerer sagt. Unser HERR will seelsorgerliche Gemeinde- und Kirchenzucht, Lebens- und Lehrzucht. Daher kennt die Schrift – um erst ein Beispiel aus der Lebenszucht zu bringen – zunächst noch die Zwischenstufe zwischen dem Ausschluss Unbußfertiger aus der christlichen Ortsgemeinde und der vollen ungestörten Gemeinschaft. 2. Thess. 3,6 und 14 f. lesen wir: „Wir gebieten euch aber, liebe Brüder, in dem Namen unseres HERRN Jesus Christus, dass ihr euch entzieht von jedem Bruder, der da unordentlich wandelt und nicht nach der Satzung, die er von uns empfangen hat.“ Das wird acht Verse weiter wiederholt: „So aber jemand nicht gehorsam ist unserem Wort, den zeigt an durch einen Brief (genau: wenn aber jemand unserm Wort in dem Brief nicht gehorcht, den merkt euch!) und habt nichts mit ihm zu schaffen, auf dass er schamrot werde; doch haltet ihn nicht als einen Feind, sondern ermahnt ihn als einen Bruder.“ Das entspricht der Weisung und dem Geist von Matth. 18,15 ff. Die Art und Weise des rechten Vorgehens in Lehrsachen entspricht demselben Geist. Selbst wo es um offenkundige grobe Irrlehre geht, heißt es: „Einen ketzerischen Menschen meide, wenn er einmal und abermals ermahnt ist.“ (Tit. 3,10) Das hindert jedoch nicht, dort gleich öffentlich zu strafen, wo der Widerspruch selbst in aller Öffentlichkeit hervortritt und Gefahr im Verzug ist. Dann befiehlt Gott dem Einreißen des Irrtums frisch und hurtig zu wehren und unverzüglich ein Exempel zu statuieren, und zwar eben wieder aus echter Liebe, der Gemeinde und Kirche wegen. Davon heißt es 1. Tim. 5,30: „Die da sündigen, die strafe vor allem, auf dass sich auch die andern fürchten.“

    Aus all den angeführten Zeugnissen geht hervor, dass es dem HERRN Christus mit der Einheit und Reinheit der Lehre und mit dem ungeteilten Gehorsam gegenüber seinem Wort in seiner Kirche ein heiliger Ernst ist. Bei aller seelsorgerlichen Liebe, mit der Gott gegen die Personen vorzugehen gebietet, setzt Gott dennoch sein Entweder – Oder. Denn die Kirche ist „erbaut auf dem Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist“, Eph. 2,20. An diesem Grund ist nicht zu rütteln. Im Reichsbefehl heißt es: „Macht zu Jüngern alle Völker!“ „Lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Obwohl mit Schwachen Geduld zu üben ist, ist Irrlehre und grundsätzlicher Ungehorsam gegen Gottes Wort nicht zu dulden.

    Weiter: Weil Christi Reich Wahrheitsreich ist, haben auch Mitteldinge, die Gott weder geboten noch verboten hat, die zur Ehre Gottes, nach der Liebe, zum Heil des Nächsten einmal so und dann wieder anders eingerichtet und geordnet werden können, unter Umständen eine Bekenntnisbedeutung. Sie hören nämlich in dem Augenblick auf, Mitteldinge zu sein, wo sie in den Kampf um die Wahrheit des Evangeliums mit einbezogen werden. So war die Beschneidung im AT geboten. Das fiel mit der Gründung der christlichen Kirche zu Pfingsten weg. Ebenso erging’s allen anderen Bestimmungen des mosaischen Zeremonialgesetzes. Sie standen frei. Sie waren aber auch den Christen nicht verboten. Wir sehen Petrus noch die Speisegebote beachten, Apg. 10. Und Paulus lässt sich nach der dritten Missionsreise noch im Tempel reinigen, Apg. 21. Noch auf der zweiten Missionsreise hat er den Timotheus, den er in der Missionsarbeit in dem starb von Juden bewohnten Kleinasien gebrauchen wollte, beschnitten, damit der Arbeit kein unnötiges Hindernis entstehe, Apg. 16,3. – Gal. 2 aber lesen wir (Verse 1 ff.): „Darnach, über 14 Jahre, zog ich abermals hinauf nach Jerusalem mit Barnabas und nahm Titus auch mit. Ich zog aber hinauf aus einer Offenbarung und besprach mich mit ihnen über das Evangelium, das ich predige unter den Heiden, besonders aber mit denen, die das Ansehen hatten, auf dass ich nicht vergeblich liefe oder gelaufen wäre. Es ward aber auch Titus nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen, obwohl er ein Grieche war. Denn da etliche falsche Brüder sich auch eingedrängt hatten und neben eingeschlichen waren, auszukundschaften unsere Freiheit, die wir haben in Christus Jesus, dass sie uns gefangen nähmen, wichen wir denselben nicht eine Stunde, untertan zu sein, auf dass die Wahrheit des Evangeliums bei euch bestünde.“ Und den Galatern, denen ebenfalls die Beschneidung von falschen Lehrern aufgedrängt werden sollte als zur Seligkeit nötig, kann der Apostel Paulus hernach zunächst grundsätzlich zurufen (5,1.2): „So besteht nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasst euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen“, und die eindeutige Anwendung folgen lassen: „Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wo ihr euch beschneiden lasst, so ist euch Christus nichts nütze.“ In seinem Bericht im zweiten Kapitel des Galaterbriefes aber führt Paulus nach dem Handel mit Titus noch ein bedeutsameres Beispiel seines eigenen Verhaltens ein, indem er von Vers 11 an uns sonst Unbekanntes erzählt: „Da aber Petrus gen Antiochien kam, widerstand ich ihm unter Augen; denn es war Klage über ihn gekommen. Denn zuvor, ehe etliche von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden: da sie aber kamen, entzog er sich und sonderte sich ab, darum, dass er die aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihnen heuchelten auch die Juden, also dass auch Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln. Aber da ich sah, dass sie nicht richtig wandelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Petrus vor allen öffentlich: So du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du denn die Heiden, jüdisch zu leben?“ Am Ende der Rede heißt es: „Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn so durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.“ (Gal. 2,21) Wir sehen: Die Mitteldinge der Beschneidung und Beobachtung der Speisegebote hörten in dem Augenblick auf, solche zu sein, als man sie für nötig erklärte, als ihre Beobachtung die Geltung des reinen Evangeliums beeinträchtigte. In diesem Augenblick musste auch alle Rücksicht auf die Einstellung anderer Menschen und die Erhaltung des kirchlichen Friedens schwinden. Und Paulus redet hier ganz betont grundsätzlich, und zwar durch den Heiligen Geist. Die Bekenntnispflicht ist höchste Pflicht nach dem ersten Gebot: „Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ und nach der ersten Bitte: „Geheiliget werde dein Name!“ und auch nach dem zweiten Gebot: „Du sollst den Namen deines Gottes nicht vergeblich führen.“ Dieser Pflicht kann nicht die Liebe zum Nächsten entgegen treten, denn die zweite Tafel steht unter der ersten. Der Nächste ist nicht, wie Gott, anzubeten. Deshalb ist in Mitteldingen zwar immer, wenn es möglich ist und frommt, um der Liebe willen andern zu weichen. Die Rücksicht auf das Wohl anderer ist über den eigenen Willen zu setzen, wie Paulus einmal sagt: „Ich bin den Juden ein Jude; ich bin jedermann allerlei geworden, auf dass ich allenthalben ja etliche selig mache.“ (1. Kor. 10,20.22) Wenn es aber um die Wahrheit des Evangeliums geht, ist nicht zu weichen. Die Kirche Christi ist ihrem innersten Wesen nach Bekenntniskirche, Leib des Königs der Wahrheit. Diesem ihrem Wesensgesetz kann nichts über- oder auch nur nebengeordnet werden. Ihm dient alles. –

    In diesem Zusammenhang werfen Unverständige und Ahnungslose immer wieder die an sich überflüssige Frage auf, ob nicht etwa ein Missionswerk von dieser Forderung, dass das reine Bekenntnis in der Kirche rechtlich und tatsächlich regiere, ausgenommen werde kann. Hinter dieser Frage verbirgt sich der Angriff Satans, der augenblicklich wohl der verschlagenste und listigste ist. Der Wortlaut der Leitsätze 2 und 3 bringt die Antwort.

    Die Antwort lautet selbstverständlich: „Nein!“ Die Mission kann in keiner Weise aus der Wesensbestimmung, aus dem Gesetz, unter dem die Kirche steht, herausgenommen werden. Sie ist Ausführung des kirchlichen Werkes überhaupt, keine Sache für sich. Die Kirche ist in allen Dingen bezogen auf das Haupt. Isoliertes, Losgelöstes gibt es nicht. Das ist nun Mission, dass dem HERRN Seelen durch Wort und Sakrament gewonnen und damit um Wort und Sakrament zu christlicher Gemeinde gesammelt werden nach dem Befehl: „Weide meine Schafe! Weide meine Lämmer!“ Christus will aber, dass nicht Gift mit verabreicht wird, dass Wort und Sakrament rein behalten und rein ausgeteilt werden und dass wir uns gegenüber dem Evangelium keiner Verleugnung schuldig machen. Bekenntniseinigkeit und –gebundenheit ist deshalb, wie bei der Versorgung der bereits Gesammelten, so auch bei aller in neue Gebiete vorstoßenden Missionsarbeit zu fordern. Das ganze Werk des Gewinnens und Bewahrens der Seelen ist ein einheitliches und fällt unter den einen Reichsbefehl. Es stellt dar die eine unzertrennlich zusammengehörende Funktion oder Verrichtung der heiligen Kirche, die Gnadenmittel rein zu handhaben, in denen Christus selbst kommt. Das gilt dem Pastor, das gilt dem Missionar, das gilt der alten, das gilt der jungen Gemeinde, das gilt der Kirchen-, das gilt der Missionsleitung.7 Die Auf- und Annahme des ganzen heilsamen Wortes ist alsbald auch neugewonnenen Christen als Wille des guten Hirten vorzustellen. Sie treten ein in des HERRN Volk und Schar. Sein Hirtenwort gilt allen, den Neubekehrten und den Längstgläubigen der Herde: „Meine Schafe hören meine Stimme und sie folgen mir. … Eines Fremden Stimme aber hören sie nicht.“

    Wir weisen einfach nochmals hin auf den Wortlaut des Missionsbefehles nach dem Griechischen: „Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker und taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie [fest und inne] halten alles, was ich euch befohlen habe.“ Jeder Christ sieht hier auf den ersten Blick die unauflösliche Verknüpfung des Werkes der Mission mit dem Werk der Kirche überhaupt. Er sieht weiter die Bindung aller Wortverkündigung und aller Sakramentsverwaltung an die von Gott durch die Apostel geschenkte und treu zu bewahrende Reinheit und Einheit dieses Wortes.

    Es kann kein Zweifel walten, es ist göttliche Wahrheit, was die beiden berührten Leitsätze aussprachen:

 

    (2) Gemeinschaftliche Mission setzt Bekenntniseinheit in Lehre und Praxis voraus, denn Christi Missionswerk überhaupt ist seiner Natur nach kirchlich, d.h. es ist nicht bloß eine Äußerung privater christlicher Frömmigkeit, sondern stets und überall Sache des öffentlichen Bekenntnisses der Wahrheit.

    (3) Gemeinsame Ausbreitung des Evangeliums ohne volle Einigkeit in der Wahrheit ist daher Unionismus, Religionsmengerei.

 

    Zu Letzteren noch ein Wort!

   Die zweite Schriftstellenreihe: Matth. 7,15; Gal. 1,8 f.; 2. Joh. 10 f.; Gal. 5,9; Röm. 16,17; 2. Kor. 6,14 ff.; 2. Thess. 3,6.14 f.; Titus 3,10 wurde vorangestellt, als wir oben diese beiden Leitsätze zusammen zu behandeln begannen. Dadurch gewannen wir vom Verbot her einen eindrucksvolleren Zugang zum Gebot der Bekenntnisreinheit und –einheit. Hier brauchen wir nicht die Einzelheiten zum Verbot noch einmal zu bringen. Worin die Sünde des Unionismus, der von Gott verbotenen Religionsmengerei, besteht, ging aus den angeführten und besprochenen Stellen der Heiligen Schrift unwidersprechlich hervor. Eben das ist Unionismus: Dass man das Werk der Kirche, die Verkündigung des Evangeliums und die Verwaltung der heiligen Sakramente und damit den Bau der christlichen Gemeinde, sei’s nun bei der Gewinnung und Sammlung der Seelen, sei’s bei der Erhaltung und Förderung derselben, mit denen gemeinschaftlich betreibt, die falsche Lehre verkündigen, die Gottes Wort fälschen. Jedes Zusammenziehen mit Irrlehrern und somit jede grundsätzliche Arbeitsgemeinschaft mit der Irrlehre, also jedes Dulden derselben, ist ein Ziehen am fremden Joch, bei dem man bei aller guten Meinung in Wirklichkeit dem Teufel selbst Vorspanndienste tut, bei der man andere verführt und auch seine eigene Seligkeit gefährdet, sich in eine von Gott verbotene Abhängigkeit vom Widersacher Christi, dem Fürsten der Finsternis, begibt. – Nachträgliche Begriffsbestimmung: Unter Irrlehrern verstehen wir nicht solche, die gelegentlich einmal etwas Falsches sagen oder in einer Lehrfrage aus Schwachheit noch etwas unklar sind, sondern solche, die in einem Glaubensartikel einen Irrtum beharrlich verbreiten, obwohl sie wiederholt aus dem Worte ermahnt und gestraft wurden. Dann vertreten und verfechten sie den Irrtum. Haben sie nun eine ganze Gemeinde oder einen größeren Kirchenverband mit hineingerissen oder sind diese durch geschichtliche Entwicklung allmählich zu Trägern der Irrlehre geworden, so liegt der Fall, der Scheidung gebietet, umso klarer.

    Blicken wir zurück, so ist zu sagen, dass unsere These 3 das Ergebnis der Leitsätze 1 und 2 festhält. Die kirchliche Linie wird folgerichtig durchgeführt, zu Ende geführt. Genau so wie die Unterhaltung des heimatlichen Predigtamtes, so ist auch die Mission in aller und jeder Gestalt nichts anderes als „gemeinsame Ausbreitung des Evangeliums“, wie die dritte These es nennt (sei dies nun die Heimat- und Volks- zusammen der mit geistlicher Ausrichtung betriebenen Inneren Mission oder Anstaltsmission, auch Schriftenmission, oder sei es die Heidenmission in der Ferne). Geschieht solches Werk zusammen mit Kirchen oder Personen, mit denen man in der Wahrheit nicht ehrlich voll und ganz einig ist, so mengt man die Lehre, praktiziert, was Gott verboten hat, betreibt Unionismus, Synkretismus, zu deutsch: Religions- oder Glaubensmengerei. Die Lunge der Kirche kennt keine Lungenspitzen, in denen dieser Bazillus sich gleichsam mit Gottes Erlaubnis und mit unverletztem Gewissen des Gottesvolkes und verschont von der Durchatmung des Sauerstoffes des reinen Wortes ansiedeln dürfte, wie auch ein gesunder menschlicher Körper nie einen Pestherd dulden darf. Das Schiff der Kirche darf keine Räume führen, die gegen das Ganze, das Innere abgedichtet wären. Hier sind Schotten unmöglich.

    Die Lehre selbst ist nun, so weit es das Thema erfordert, aus Gottes Wort erhärtet worden. Wir aber sollen den Willen Gottes nun auch tun. Dazu muss die göttliche Wahrheit recht angewandt werden. In den Leitsätzen 4 und 5 liegt je eine von uns heute geforderte Anwendung vor.

 

 

(Zweiter Tag. Vormittagssitzung)

 

III.

    Die erste Anwendung der erörterten, grundsätzlich das Verhältnis von Kirche und Mission regierenden Wahrheit hat es mit Gesellschaften für Heiden- und Judenmission zu tun. Diese Gesellschaften sind meist vor 100 und mehr Jahren zur Zeit des Wiedererwachens des evangelischen Glaubenslebens nach dem Winterschlaf des Rationalismus entstanden. Damals sah man in der ersten Begeisterung darüber, nach glaubensloser Zeit überhaupt wieder Christen im Lande zu finden, die Kirchenfrage meist nicht mehr oder noch nicht deutlich genug. Die Folge war der Sieg der preußischen Union und die Eroberung der vorher rationalistischen Universitäten durch eine Mischtheologie, die Impulse der Erweckung in sich aufgenommen hatte, aber zugleich mit dem großen Abfall paktierte, die auch da, wo sie gegen die offizielle Kirchenunion kämpfte (wie in Erlangen), aus dem Schaukeln zwischen Vernunft und Offenbarung nicht herauskam. Diese Zwitterhaltung setzte sich nun auf über 100 Jahre an den Hochburgen der Theologie fest. Sie stellt gleichsam einen Bund von Vernunftgläubigen und Pietismus dar.8 Neben die kirchenpolitische tritt also die theologische Union, die im Grunde noch heute sämtliche Universitäten beherrscht! Die ersten Missionsgesellschaften, vor allem Basel, vertraten Gefühlsfrömmigkeit der noch weithin „unkirchlichen“ Erweckung. Auch die Missionsgesellschaften, die im Gegensatz zur preußischen Union gerade das bekenntnistreue Luthertum pflegen wollten und dazu auch viel beigetragen haben, kamen doch infolge der verweltlichten, zu äußerlicher Sicherheit strebenden Art und Natur aller Staats- und Volkskirchen dieser Spätzeit nicht zu kirchlich echter, das heißt unionsfreier, wahrhaft bekenntnisgebundener Gestaltung ihres Werkes. Eine Beimischung von Pietismus, dem das Grundsätzliche dann doch wieder hinter „fromme“ Erwägungen der Liebe zurücktritt, daneben zu große Achtung vor der gerade regierenden Theologie lutherischer Färbung, hinderten meist daran, den Schaden des Indifferentismus und Unionismus zu sehen, bis er durch die Vorstöße des Reformiertentums vom Westen her in den Weltkirchenbewegungen heute schon zu einem weltweiten, weltbedeckenden Krebsschaden geworden ist. Auch alle deutschen Missionsgesellschaften (außer Bleckmar) werden immer mehr „lutherische“ Weltbunds- und Ökumene-Missionen und bringen die jungen Kirchen in diese Verbindungen hinein.9 Die richtigen Folgerungen in Bezug auf die Heidenmission (an die wir in diesem Vortrag vorzüglich denken) zogen in Deutschland die kleine Bleckmarer Mission und in Nordamerika die lutherischen Synoden des Mittelwestens.10 Sie übernahmen einfach von Kirchenwegen als Werk der Gesamtkirche, ebenso wie die heimatlich gewordene Auswanderer- und Disaporamissionen, so auch die Heidenmissionen. Die Schwäche und Zerrissenheit des deutschen freikirchlichen Luthertums im 19. Jahrhundert hinderte die einheitliche Lösung, so dass nicht alle Teile desselben sich das Vorbild zu eigen machten, das hier von Bleckmar und in Amerika besonders von der Synodalkonferenz gegeben wurde.

    Dass auch die Missionsfrage mit dem Bekenntnis entsprechend gelöst werden muss, dies müssen heute alle freikirchlichen Lutheraner einsehen, soll die vollzogene Vereinigung sich innerlich ganz durchsetzen und Bestand haben. Deshalb unser vierter Leitsatz. Er lautet:

    Sind rechtgläubige Christen durch ihre Geschichte oder sonst noch mit bloß nominell rechtgläubigen, in Wirklichkeit aber unionistisch gebundenen Missionsunternehmungen verbunden, so ist in einer begrenzten Übergangszeit unter klarer Protesthaltung – Bewährung im status confessionis – alles zu tun, um die Alleingeltung des Bekenntnisses durchzusetzen. Ist dies nicht möglich oder könnte der öffentliche Gewissensprotest (die Treue im status confessionis) gegenüber der Unionsbildung nicht aufrecht erhalten werden oder als solcher wirksam bleiben, so ist das Band zu lösen, bzw. muss der Austritt erfolgen. Maßgebend für die Beurteilung einer Missionsgesellschaft ist auch nicht nur deren erklärte Stellung zu Schrift und Bekenntnis, sondern zugleich deren Praxis. Arbeitet z.B. eine Missionsgesellschaft im Rahmen der VELKD oder einer Gliedkirche der EKD8, so steht sie damit von vornherein in Unionsbindung und befindest sich in sofern schon in offenkundigem Widerspruch zum lutherischen Bekenntnis.

    Folgt aus 2. und 3., verglichen mit Luk. 11,23; 2. Ko5. 10, 4-8; 2. Kor. 13,8; Konk.Formel, Art. X.

    Auch die hinter rechtgläubigen Christen und Gemeinde liegende Geschichte stellt keineswegs nur eine Glaubenslinie dar, sondern ist überall mit unendlich viel Sünde und Ungehorsam verknüpft. Ann all unsere schwache menschliche Geschichte aber bindet sich auch Verpflichtung. So kann es leicht geschehen, dass auch dann, wenn man sich zu allem, was in Lehre und Praxis zu rechtgläubiger Kirchengemeinschaft notwendig ist, grundsätzlich richtig stellt, doch noch gewisse Bindungen von früher bleiben, die nach christliche Treue nicht sofort siegreich geklärt oder abgebrochen werden konnten. Sie müssen aber unbedingt in absehbarer Zeit bereinigt werden, wenn die Glaubenshaltung nicht unglaubwürdig, die Bekenntnisstellung nicht durchlöchert werden soll. Im Raum der lutherischen Freikirchen betrifft These 4 das Verhältnis zu Hermannsburger und Neuendettelsauer Missionsgesellschaft und zu der unter dem Namen Evangelisch-Lutherischer Zentralverein für Mission unter Israel wieder in Erscheinung getretenen Judenmission.9 Sie treiben kirchliches Werk, Evangeliums- und Sakramentsverkündigung und den Aufbau christlicher Gemeinden, ja die Gründung ganzer Kirchen in den Heidenländern und in der Diaspora. Wenn sie auch die Form selbständiger Missionsgesellschaften haben, so stehen in Wirklichkeit hinter ihnen sendende Kirchen, und sie werden im Heidenland eingebaut in junge Kirchen.

    Hinter der Hermannsburger Mission steht seit dem 15. März 1890 mit überragendem finanziellem und kirchlich-theologischem sowie wissenschaftlichem Schwergewicht die hannoversche Landeskirche, neben ihr (wohl im älteren Personalbestand auch dem Missionsfeld immer noch überwiegend) die frühere Hermannburg-Hamburger Ev.-Luth. Freikirche, jetzt Diözese der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche.10 Zu Hause haben die Missionare der beiden Sendekirchen keine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft untereinander. Gleichwohl aber haben sie in der Heimat eine Mission, eine Missionsgesellschaft und –anstalt, die sie in Schrift und Bekenntnis schult, soweit dies ohne klare Kirchenlinie und bei Umgehung mancher Lehrfragen möglich sein mag, und die sie dann im Namen des dreieinigen Gottes und der evangelisch-lutherischen Kirche aussendet. Auf dem Missionsfeld bilden nun alle direkt einen Missionskörper und damit nichts anderes als eine Kirche unter einem landeskirchlichen und einem freikirchlichen Missionsdirektor.11 Sie steht mit der Hannoverschen Landeskirche, mit der VELKD, mit der Lutherischen Weltföderation12 in Kirchengemeinschaft. Diese betätigte Kirchengemeinschaft weitet sich unvermeidlich rechtlich und tatsächlich so oder so bis zur EKD und Ökumene hin aus, da das Weltluthertum in der Weltunion als beteiligter, mittragender Körper steht.

    Andererseits steht die Hermannsburger Mission in unmittelbarer Kirchengemeinschaft mit besagter Hermannsburg-Hamburger Diözese. Schon tritt man in Südafrika zusammen zu einem „Bund“ evangelisch-lutherischer Missionen, zu der führend gerade die Berliner Mission aus uniertem Raum gehört. Nach dem Willen der Urheber und nach allen Erfahrungen wird dieser Bund immer mehr zu einer föderativen Kirche werden, die nur in weltweiter, stark unionistischer Glaubens- und Kirchengemeinschaft stehen kann. Zu Hause aber ist die Hannoversche Landeskirche unabänderlich gebundene Gliedkirche der EKD, ist selbst Teil einer Unionskirche.

    Es liegt auf der Hand, dass die noch bestehende indirekte Verbindung der Hermannsburg-Hamburger Diözese mit der Hannoverschen Landeskirche nicht bestehen bleiben kann. Ob Hermannsburg mit der Mission in Verbindung bleiben kann, hängt von dem Ausgang des Kampfes im „status confessionis“ ab. Wir wären niemals mit der Hermannsburg-Hamburger Diözese (und insofern mit der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche) in Kirchengemeinschaft getreten, wenn die Diözese sich nicht vorher durch feierliche Beschlüsse und durch Kündigung des Abkommens vom 15.03.1890 als verantwortlich im sogenannten „status confessionis“ stehend, als im öffentlichen Kampf gegen diese Unionsbindung begriffen, erklärt hätte. Die Dokumente der Vereinbarung sind seinerzeit allen Gemeinden vor deren Abstimmung zugeleitet worden. Sie sind alle zur Hand und können, soweit erwünscht, verlesen werden. Sie befassen sich vor allem auch mit dem Lehrpunkt, was unter einem gewissenhaft verantworteten status confessionis, das heißt unter einem besonderen Bekenntnisstand aufgrund eines Bekenntniskampfes, zu verstehen sei, stecken die Grenzen ab, inwiefern dabei das Weiterbestehen einer untragbar gewordenen alten Verbindung eine zeitlang noch zu ertragen ist. Das geschieht vor allem in der Anlage III B, deren vollen Wortlaut ich hier auf jeden Fall zu Gehör bringe. [siehe Abdruck am Ende des Referates]

 

    Nun aber müssen folgende Feststellungen in aller Öffentlichkeit gemacht werden:

    1) Die Hermannsburg-Hamburger Diözese hat bis heute nicht mitgeteilt, welche Antwort der Hermannsburger Missionsausschuss auf den in Anlage III B erwähnten Vorstoß erteilte. Nach dieser Antwort ist mündlich auf zwei Tagungen der Kirchenleitungen in Hannover gefragt worden.

    2) Die Forderung der Diözese an die Missionsleitung, das Abkommen vom 15.03.1890 wegen des formellen Beitritts der Hannoverschen Landeskirche zur allgemeinen deutschen Unionskirche für ungültig zu erklären, bezog sich, wie vernommen, auf eine Veröffentlichung der Missionsleitung vom Jahre 1924 und schlug die damalige Formulierung als bleibende Basis vor. Ich verlese den Wortlaut, der seinerzeit allen unseren Gemeinden mitgeteilt wurde: „„Der Missionsausschuss wolle die Abmachung mit der hannoverschen Landeskirche vom 15.3.1890 als auf nicht mehr bestehenden Voraussetzungen beruhend zugunsten der Erklärung des Missionsausschusses von 1924 für aufgehoben erklären. – Die Synode bittet den Missionsausschuss um eine öffentliche Erklärung darüber, dass die Hermannsburger Mission aufgrund ihrer in der Verfassung verankerten Bekenntnisverpflichtung weder direkt noch indirekt etwas mit der EKD zu tun haben und keinerlei Weisungen von dort her als für sie geltend annehmen kann.“

    Außerdem geht dem Missionsausschuss folgende Erklärung der Synode zu: „Die Synode erklärt dem Missionsausschuss in brüderlicher Offenheit, dass sie in der gegenwärtigen Situation den Missionsausschussmitgliedern und Direktoren auch deshalb ihr Vertrauen entgegen bringt, weil sie die Überzeugung hat, dass diese den Widerspruch zwischen dem lutherischen Bekenntnis und der Grundordnung der EKD erkennen und letzterer in Wort und Tat die Verbindlichkeit bestreiten.“

    Die Erklärung von 1924 lautet:

1.     Die Hermannsburger Mission ist eine freie unabhängige Anstalt zur Ausbreitung des Evangeliums unter den Heiden.

2.     Sie betreibt dieses Werk auf der Grundlage des ev.-luth. Bekenntnisses. Es ist ihr ernster Wille, sich unverworren zu halten mit allen das Bekenntnis erweichenden Strömungen der Zeit und diese gegebenenfalls mit Entschiedenheit zu bekämpfen.

3.     Die Mitarbeit der Mission geschieht von landes- wie von freikirchlicher Seite. Beide sind grundsätzlich in der Leitung der Mission, im Ausschuss wie im Direktorium je zur Hälfte vertreten.

Die Kirchenleitungen haben als solche keinerlei Einfluss auf die Führung der Anstalt (vergl. Satz 1), so gern ihnen auch ein Einblick in das Leben gewährt wird.

4.     Die Mission nimmt dankbar jede Hilfeleistung hin, die ihr aus beiden Kirchen zuteil wird. Sie fühlt sich andererseits verpflichtet, in beiden Kirchen an der Förderung des kirchlichen Lebens mitzuwirken.

5.     Die besonderen kirchlichen Rechte und Pflichten der Mitglieder werden durch die Teilnahme am Missionswerk in keiner Weise berührt.“13

    Unsere Kirche hat im Begleitschreiben an unsere Gemeinden mit Wissen und Billigung der Leitung der Selbständigen Kirche14 und speziell des Superintendenten in Hermannsburg den ganzen Akt der Diözese als öffentlichen Protest gedeutet nicht nur gegen jeden bestimmenden Einfluss der EKD, sondern auch der VELKD und gegen die Hannoversche Landeskirche als Gliedkirche einer Union. Sie hat einen vollen Bekenntniskampf, der natürlich auch den seit langem herrschenden wirklichen (oder de facto-)Zuständen in Lehre und Gemeindeleben gelten musste, als begonnen unterstellt, dem weitere Schritte folgen würden. Dies alle akzeptierte die Leitung der Diözese ohne den von ihr im Fall der Fehldeutung schuldigen und von uns angeforderten Widerspruch. So wurde sie für die Annahme eines echten status confessionis oder nun eröffneten Bekenntniskampfes, für die annahme, die unsere Gemeinden in gutem Glauben zur Bejahung der Kirchengemeinschaft führte, eindeutig verantwortlich.

    3) Die Diözese hat aber seitdem gerade keinen öffentlichen Bekenntniskampf gegenüber der Unionsbindung der Mission geführt. Sie hat es bisher an dem Beweis fehlen lassen, dass sie folgerichtig darauf hinarbeitet, die Hermannsburger Mission schrittweise vor die Entscheidung zu stellen. Die Entscheidung für die Mission kann schließlich nur sein, entweder selbst geschlossen in einen status confessionis oder Bekenntniskampf einzutreten oder aber auseinander zu treten, in den landeskirchlichen Teil, der den Kampf der Tat verweigert, und den freikirchlichen Teil, der, wenn er treu bleibt, ihn führt und fordert, getrennt ihre Wege zu gehen. Stattdessen hat die Diözese durch verschiedene öffentliche Vorkommnisse das Zeugnis, das sie vor Eintritt in die Kirchengemeinschaft mit uns ablegte, abgeschwächt. Nicht ohne ihre Schuld befestigt sich der Eindruck, es werde in Hermannsburg auf dem Papier protestiert, aber man lasse doch alles beim Alten.

    Deshalb hat der Bleckmarer Missionsausschuss folgende, nach seiner Neukonstituierung wiederholte, in der Nummer 7/8, 1951, S. 70, des Missionsblattes erwähnte Erklärung den verbündeten Freikirchen übergeben:

 

Die Stellungnahme des Missionsausschusses lautet:

    „Der Bericht von Missionssuperintendent Johannes hat uns erneut gezeigt, in welcher Weise unsere Brüder in Südafrika die Missionsfrage innerhalb der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche beurteilen.

    Sowohl die Pastoren der Freien Ev.-Luth. Synode in Südafrika als auch unsere Missionare vertreten nach wie vor die alte Bekenntnisstellung unserer Mission und lehnen deshalb die kirchliche Gemeinschaft mit der Hermannsburger Mission ab, solange diese mit der Hannoverschen Landeskirche verbunden ist.

    Unsere Brüder in Südafrika protestieren fortgesetzt dagegen, dass innerhalb der Selbst. Ev.-Luth. Kirche auch die Bindung an andere Missionen anerkannt wird, die von den Landeskirchen nicht getrennt sind15. Diese Anerkennung bedeutet eine unerträgliche Verletzung des Charakters unserer Mission als Kirchenmission, denn hinsichtlich der Kirchengemeinschaft und ihrer Grenzen müssen in Südafrika und in Deutschland die gleichen Maßstäbe gelten. Solange innerhalb der Selbst. Ev.-Luth. Kirche in der Missionsfrage einander widersprechende Grundsätze anerkannt werden, wir dadurch die Bekenntnisstellung in der Heimat ebenso wie auf dem Missionsfeld gefährdet. – Deshalb droht die Gefahr, dass unsere Brüder in Südafrika die kirchlichen Verbindungen mit ihrer Mutterkirche nicht mehr aufrechterhalten können.

   In dieser Lage wird die Überwindung der bestehenden Unklarheiten zu einer dringenden Pflicht, der sich die Selbst. Ev.-Luth. Kirche nicht länger entziehen darf. Aus diesem Grunde sieht sich der Missionsausschuss zu folgenden Bitten genötigt:

1.     Die Selbst. Ev.-Luth. Kirche möge erklären, dass von ihr die Mitarbeit an einer Mission nur dann offiziell anerkannt werden kann, wenn diese Mission die Bekenntnisstellung der vorhandenen ev.-luth. Freikirchen grundsätzlich und praktisch teilt.

2.     Die Hermannsburg-Hamburger Diözese möge gemäß ihren wiederholten Versprechungen auch vor ihren Gemeinden immer wieder offen bezeugen, dass ihre eigene Bekenntnisstellung sie zum entschiedenen Kampf gegen die Bindungen der Hermannsburger Mission an die Landeskirche zwingt.

3.     Die Pastoren der verbündeten ev.-luth. Freikirchen mögen ihre Gemeinden immer mehr zu der Erkenntnis erziehen, dass lutherische Mission nur als Sache der Kirche betrieben werden kann, und dass die Erhaltung wahrer kirchlicher Einheit nur möglich ist, wenn unsere Freikirchen auch in der Missionsfrage einig werden.“

 

    Ich bitte die ehrwürdige Bezirkssynode hiermit, durch formellen Beschluss dieser Erklärung freudig zuzustimmen.

 

    Unter dieser vierten These müssen wir noch zwei weitere Missionsunternehmungen nennen. Es besteht auch eine personelle Verbindung der badischen Diözese der Selbständigen Ev.-Luth. Kirche mit der Neuendettelsauer Mission. Letztere steht in uneingeschränkter Kirchengemeinschaft mit der bayerischen Landeskirche. Sie hat mit Wortprotesten gegen die EKD-Unionsbindung mannhafter gekämpft als die Hermannsburger Mission. Aber dass sie als Missionsgesellschaft bereits in status confessionis im Sinne eines grundsätzlich unerbittlichen Bekenntniskampfes der Tat stünde, kann man noch nicht sagen. Als zur Zeit des Kampfes des Herrn Pfarrer Hopf die echte Gelegenheit zum Handeln da war, versagte sie. Es muss hinsichtlich der badischen Diözese dieselbe Forderung wie hinsichtlich der Hermannsburg-Hamburger Diözese erhoben werden.

    Endlich ist von der erwähnten lutherischen Mission für Israel folgendes zu sagen: Da Mission Kirchensache ist und gemeinsame Mission Bekenntniseinheit [Kirchengemeinschaft, Anm. d. Hrsg.] voraussetzt, muss auch diese Mission als eine EKD-Mission angesehen werden, sofern sie nicht als Mission in eine offene, ehrliche Protesthaltung eintritt und den status confessionis bejaht und ihm durch Kampf entspricht. Soweit bisher freikirchlich-lutherische Kräfte und Personen mitwirkten, müssen sie von der Erfüllung dieser ihrer Forderungen ihren Verbleib in der Mission abhängig machen, wollen sie im Bekenntnis ehrlich bleiben.16 Außerdem haben die Freikirchen ganz besonders an diese Mission die Frage zu stellen, ob sie denn auch selbst rechtgläubig lehre. Der dort aufgetauchte Chiliasmus (sogar in der krassen Abart, z.B. auf einer sehr merkwürdigen bildlichen Darstellung)) ist als schrift- und bekenntniswidrig von allen unseren Kirchen vor der Vereinigung abgelehnt worden. Dabei muss es unter allen Umständen bleiben.

 

    Abschließend sei diese erste anwendende These selbst wiederholt und noch auf die beigefügten Belegstellen aufmerksam gemacht:

    4. Sind rechtgläubige Christen durch ihre Geschichte oder sonst noch mit bloß nominell rechtgläubigen, in Wirklichkeit aber unionistisch gebundenen Missionsunternehmungen verbunden, so ist in einer begrenzten Übergangszeit unter klarer Protesthaltung – Bewährung im status confessionis – alles zu tun, um die Alleingeltung des Bekenntnisses durchzusetzen. Ist dies nicht möglich oder könnte der öffentliche Gewissensprotest, die Treue im status confessionis, gegenüber der Unionsbindung nicht aufrecht erhalten werden oder als solcher wirksam bleiben und wäre so eine Verleugnung unvermeidlich, so ist das Band zu lösen, bzw. muss der Austritt erfolgen. Maßgebend für die Beurteilung einer Missionsgesellschaft ist auch nicht nur deren erklärte Stellung zu Schrift und Bekenntnis, sondern zugleich deren Praxis. Arbeitet z.B. eine Missionsgesellschaft im Rahmen der VELKD oder einer Gliedkirche der EKD, so steht sie damit von vornherein in Unionsbindung und befindet sich insofern schon in offenkundigem Widerspruch zum lutherischen Bekenntnis.

    Folgt aus 2. und 3., verglichen mit Luk. 11,23; 2. Ko4. 10,4-8; 2. Kor. 13,8; Konkordienformel, Art. X.

 

     Die Schriftstellen, die zu den im grundsätzlichen Teil behandelten noch hinzuzunehmen und hier zu bedenken sind, sind folgende: Luk. 11,23: „Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, der zerstreut.“ Dieses Wort gilt gegenüber dem einen großen Propheten, an den des Vaters Stimme uns auf dem Berg der Verklärung mit dem Zuruf weist: „Den sollt ihr hören“, und der Joh. 8,32 spricht: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger.“ Befiehlt nun dieser eine große Prophet, dass wir nicht zusammen mit dneen, die das Wort fälschen (die reine und falsche Lehre, Gehorsam und Ungehorsam auf eine Linie stellen), dass wir nicht in Unionsbindung die Kirche bauen, sondern Rechtgläubigkeit und ehrliche, durch Gottes Wort beherrschte Praxis als Bedingung der Kirchengemeinschaft fordern, so haben wir darnach zu handeln. In gottgefälliger Weise müssen wir fleißig sein zu halten die Einigkeit im Geist (nicht im Fleisch). Wir müssen in Treue festhalten an einerlei Sinn und einerlei Meinung (Eph. 4,3; 1. Kor. 1,10). Nicht unwichtig sind für diese uns von Gott vorgeschriebene Gehorsamshaltung die beiden Stellen des 2. Korintherbriefes. Der geisterfüllte große Lehrer der Christenheit sagt zunächst Kapitel 10,4 ff:

 

    „Denn die Waffen unsrer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, zu zerstören die Befestigungen, damit wir verstören die Anschläge und alle Höhe, die sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alle Vernunft unter den Gehorsam Christi, und sind bereit, zu rächen allen Ungehorsam, wenn euer Gehorsam erfüllt ist. … Und so ich auch etwas weiter mich rühmte von unserer Gewalt, welche uns der HERR gegeben hat, euch zu bessern und nicht zu verderben, wollte ich nicht zuschanden werden.“

 

    Nicht anders kann auch heute in der Kirche gehandelt werden. Auch wir, wenn wir das offenbarte apostolische Wort innehalten, aufrechterhalten, dürfen dann mit Paulus drei Kapitel weiter sagen (Kap. 13,8): „Wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit.“

    Endlich ist bekannt, dass hier auch eine symbolische [in den Bekenntnissen niedergelegte] Lehrentscheidung vorliegt. Die lutherische Kirche hat nach Luthers Tod die ganze Frage durchkämpfen müssen, ob neben der Wahrheit auch dem Irrtum irgendwie Raum gegeben werden dürfe und wieweit sich das ins Handeln erstrecke.  Die ganze Konkordienformel von den Vorreden und dem Summarischen Begriff an bis zum letzten Artikel verneint die Möglichkeit, irgendwann und irgendwie auf beiden Seiten zu hinken, auf beiden Schultern Wasser zu tragen. Der von uns besonders hervorgehobene 10. Artikel nennt am Ende (siehe „Ausführliche Darlegung“, § 31) die Bedingung der Kirchengemeinschaft. Dort heißt es:

 

    „Solchergestalt werden die Kirchen von wegen Ungleichheit der Zeremonien, da in christlicher Freiheit einer weniger oder mehr derselben hat, einander nicht verdammen, wenn sie sonst in der Lehre und allen derselben Artikeln, auch rechten Gebrauch der heiligen Sakramente, miteinander einig, nach dem wohlbekannten Spruch: ‚Ungleichheit des Fastens sollt die Einigkeit des Glaubens nicht trennen.’

 

    Nur in Mitteldingen, die Gott an sich weder geboten noch verboten hat, kann in der Kirche Ungleichheit sein; in Lehrfragen und in Fragen gottgegebener Praxis dagegen ist Einhelligkeit erforderlich. Das große Beispiel, dass auch im kirchlichen Handeln in allen irgendwie das Bekenntnis berührenden Fragen die einfältig von der Wahrheit geforderte Linie gefunden und durchgestanden werden muss, liegt im 10. Artikel der Konkordienformel selbst vor. Derselbe entschied den adiaphoristischen Streit, der 1548 durch die Beteiligung Melanchthons und der Wittenberger am Leipziger Interim entstanden war. Letztere waren nach ihrer Meinung nur in Zeremonien den Päpstlichen gewichen. Die strengen Lutheraner unter Flacius’ Führung erkannten sofort den feigen Verrat, der auch in gewissen Lehrformulierungen vorlag, nicht minder aber im Zurückweichen vor päpstlichen Forderungen hinsichtlich der sogenannten Kirchengebräuche. Hier gelte nicht, riefen sie, die freie Wahl, die man an sich in Mitteldingen habe, sondern es gehe um die Verpflichtung zu bekennnen. Dem pflichtet der 10. Artikel bei. Er entscheidet vor allem die Frage, ob „zur Zeit des Bekenntnisses, da die Feinde Gottes Worte, die reine Lehre des heiligen Evangeliums begehren unterzudrücken“, eine äußere Anpassung in Mitteldingen an die kirchlichen Gegner erlaubt sei. Er stellt fest, dass hierbei die Mitteldinge aufhören, Mitteldinge zu sein und zu Instrumenten des Nachgebens und Verrats werden.

    Alle lutherischen Freikirchen haben erkannt, dass durch die Bildung der unionistischen EKD eine große Bekenntnisstunde für das noch freie Luthertum geschlagen hat. In dieser Bekenntnisstunde darf nicht einmal in Mitteldingen eine Anpassung stattfinden. Viel weniger darf zusammengearbeitet werden in der Verkündigung des Evangeliums und im Bau christlicher Gemeinden.17 Verkündigung und Gemeindebau ist eins – und eben das Werk jeder Mission und jeder Kirche.

    Fällt dieses Werk weg, so hört die Kirche auf; wird es verfälscht, so wird die Kirche verfälscht. Um die Kirche geht es, auch wenn das Werk den Sondernamen „Mission“ führt. Nicht einmal den Schein einer verräterischen Zusammenarbeit dürfen unsere Kirchen laut der symbolischen Bücher [Bekenntnisschriften] geben, die sie feierlich angenommen haben, weil sie mit Gottes Wort übereinstimmen.

 

 

(Nachmittagssitzung)

 

IV.

    Eine letzte Anwendung der in der ersten These erhärteten Grundsätze in Bezug auf Kirche und Mission liegt in dem abschließenden Leitsatz vor. Er lautet:

    5. Zwischen gemeinschaftlicher Ausbreitung des Evangeliums und gelegentlicher beschränkter Zusammenarbeit in äußeren Dingen (cooperatio in externis) ist sorgfältig zu unterscheiden. Letztere darf nie falsche Lehre und Praxis bemänteln oder ihr den Weg bereiten. Echte Liebe steht nur im Dienst Christi und der wahren Einheit der Kirche.

    Folgt aus 2. und 3., verglichen mit 1. Kor. 5,12 f.; Tit. 3,1 f. 14; Joh. 17; Eph. 4; Konkordienformel X.

 

    Es ist gegen fanatische Eiferer zuzugeben, dass in äußeren Dingen, soweit ihnen keine Bekenntnisbedeutung zukommt, und ihnen eine solche auch nicht etwa durch die Umstände gegeben wird, zwischen bekenntnisuneinigen Kirchen eine gelegentliche Zusammenarbeit möglich ist. Die von sich gegenseitig unterstützenden Komiteen der katholischen und lutherischen Kirche Amerikas geführten Verteidigungskämpfe gegen den Ansturm des Freimaurertums und überpatriotischer, chauvinistisch-amerikanischer Kreise, die dort zu Anfang dieses Jahrhunderts ein Verbot aller Kirchen- oder Gemeindeschulen zugunsten der öffentlichen Schulen (Public Schools) erzwingen wollten, hat oft als hervorragendes Beispiel gedient. Es ist aber auch klar, dass dabei Gottes Wort nicht verkündigt, sondern an die Vernunft der Mitbürger appelliert wurde, ferner, dass das Bündnis nur diesem bürgerlichen Verteidigungszweck diente und darnach aufhörte. Eigentliche kirchliche Zusammenarbeit lag gerade nicht vor. Sie ist bekenntnismäßigen Kirchen nach Gottes Wort nie und nirgends möglich.

    Da Christus seiner Kirche nach dem Reichsbefehl am Ende sämtlicher Evangelien nun aber überhaupt keine weltlichen, bürgerlichen Unternehmungen befohlen hat, die Waffen unserer Ritterschaft geistlich sind, wie wir aus 2. Kor. 10,14 hörten, so handelt bei solcher Zusammenarbeit die lutherische Kirche als solche überhaupt nicht, nicht anders, als wenn Paulus der Rechtsverletzung gegenüber auf sein römisches Bürgerrecht sich berief, oder wenn eine unserer Gemeinden als eingetragene Korporation einen Eigentumsvertrag mit Hilfe eines Rechtsanwaltes durchficht. Der Rechtsanwalt bleibt dabei in weltlicher Funktion, die Gemeinde tut um des Evangeliums willen im weltlichen Beruf ein fremdes, weltliches Werk. Folglich, tut sie solche äußeren Dinge ohne Not, so fällt sie damit schon aus ihrem Beruf heraus, Braut Christi zu sein, der der Heiland sein Werk aufgetragen hat, und vergeht sich gegen ihren HERRN. Ein grobes Beispiel als Beigabe: Baut eine Gemeinde ein Kirchengebäude oder ein Pfarrhaus, so tut sie das fremde Werk des Bauens um des Evangeliums willen, innerhalb ihres Berufs. Gründet sie dagegen ein Baugeschäft, eine Ziegelei, eine Schreinerwerkstatt und betreibt das Bauen forthin um des Gewinns willen, so ist sie aus ihrem Beruf herausgefallen, so baut sie damit das Reich Gottes nicht auf, sondern ab, vermengt die Reiche gegen Jesu Worte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Joh. 18,36). „Wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt? (Luk. 12,14) und ähnliche Stellen, die der 28. Artikel der Augsburgischen Konfession anführt.

    Nur in den engen Grenzen dessen, was direkt um des kirchlichen Dienstes willen nötig ist, kann die christliche Kirche ihr an sich nicht aufgetragene weltliche Werke tun, muss sie fortlaufend tun, und bei diesen rein äußerlichen Werken kann gelegentlich mit falschen Kirchen eine äußere Berührung stattfinden, die aber auf bürgerlichem Gebiet liegt.

    Bürgerlich arbeiten Christen ohnehin beständig zusammen mit den Unchristen und Falschgläubigen, sollen und müssen es im Reich zur Linken tun. Sie sollen nach 1. Kor. 5,10 f. die Welt eben nicht „räumen“, nach Tit. 3,1 f.14 „zu allem guten Werk bereit sein“, jedermann behilflich, „wo man ihrer bedarf“, aus ernstlicher Nächstenliebe oder allgemeiner Liebe. Die Liebe, die ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan ist, die für den anderen da ist nur um Christi willen, der nicht kam, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene, diese Liebe fließt aus dem Glauben, Gal. 5,6.

    Der Glaube selbst aber ist und bleibt ein freier Herr aller Dinge und niemand untertan, wie Luther in der gleichen Schrift von der „Freiheit eines Christenmenschen“ betont. Denn der Glaube lebt unmittelbar aus Gott und seinem Wort. Dass ich den anderen in Liebe diene, z.B. ein frommes Dienstmädchen ungläubigen Herrschaften willig und unermüdlich zur Hand geht, bedeutet keineswegs die Herstellung einer Glaubensgemeinschaft zwischen Herrschaft und Dienstbote. Christliche Liebeswerke, z.B. die Tätigkeit christlicher Diakonissen, begründen nicht Kirchengemeinschaft mit denen, die sich den äußeren Dienst der Liebe gefallen lassen. Noch viel weniger kommt Glaubens- und Kirchengemeinschaft zustande durch das, was nicht einmal ein Liebesdienst, sondern eine äußerliche bürgerliche Gefälligkeit dargstellt. Die „Einigkeit im Geist“ kann nur da anerkennt und bekannt werden, wo ein Leib und ein Geist ist, man sich über einerlei Hoffnung der göttlichen Berufung freut, ein HERR, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater unser aller ist, Eph. 4. Da man niemand in’s Herz sehen kann, kann nur da, wo das Bekenntnis lauter und rein ist und in der Kirche und Gemeinde regiert, die Einigkeit im Geist bei der anderen Seite vorausgesetzt und von uns öffentlich anerkannt werden. Gerade die größte Stelle von der Einheit der Kirche, Joh. 17, das hohepriesterliche Gebet unseres hochgelobten HERREN und Heilandes, zeigt das. Da ist die Einigkeit und Einheit gebunden an das Wort. „Heilige sie in deiner Wahrheit, dein Wort ist die Wahrheit“, das ist der Grundton.

    Wird nun die äußere Zusammenarbeit (cooperatio in externis) zu dem Zweck geübt, um dadurch die innere Einheit herzustellen, so wendet man ein verkehrtes Mittel an und verrät dabei das rechte Mittel, das Wort Gottes, durch das allein Gott selbst die Einigkeit herstellt. Man verrät Gottes Werk; man will durch selbsterwähltes Menschenwerk das Werk des Heiligen Geistes, der durchs Evangelium wirkt, ersetzen. Arbeitet man aber äußerlich zusammen, um eine Bekenntniseinheit vorzutäuschen, die in Wirklichkeit nicht besteht, so lügt und trügt man bei Gottes Namen gegen das 2. Gebot und die 1. Bitte.

    Folgende Organisationen sind unter dem Gesichtspunkt dieser These genau zu prüfen:

1)    Das Hilfswerk der Evangelischen Kirche, soweit freikirchliche Mitbeteiligung vorliegt oder etwa beim Siedlungsprogramm uns neu vorgeschlagen wird.18

2)    Der Martin-Luther-Bund, in dem die beiden anderen Freikirchen vertreten sind.19

3)    Die Lutherische Weltförderation, die auch Missouri und uns an sich heranziehen möchte.20

 

    Wollen wir der Wahrheit des Evangeliums, die uns anvertraut worden ist, treu bleiben, so müssen wir alle unklaren Übergänge, bei denen das gute Gewissen nicht bestehen kann, in denen das Gewissen sich die volle unbelastete Freiheit zum Wort- und Tatzeugnis für die Wahrheit nicht sichern kann, zu vermeiden und ganz ehrlich zu handeln. Wir müssen sowohlin unserer engeren Kirche wie auch in unserer weiteren freikirchlichen Gemeinschaft auf die Einhaltung dieses 5. Satzes und Grundsatzes dringen. Er sei abschließend wiederholt:

 

    5. Zwischen gemeinschaftlicher Ausbreitung des Evangeliums und gelegentlicher beschränkter Zusammenarbeit in äußeren Dingen (cooperatio in externis) ist sorgfältig zu unterscheiden. Letztere darf nie falsche Lehre und Praxis bemänteln oder ihr den Weg bereiten. Echte Liebe steht nur im Dienst Christi und der wahren Einheit der Kirche.

 

    Gott gebe, dass unsere Freikirche, ja alle unsere Freikirchen, diese entscheidungsvolle Zeit nicht versäumen, dass bei ihnen in der Theologie und in den Werken der Mission und in aller Berührung mit anderen Kirchen nicht die Konfusion, sondern die Konfession regiere zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen, der wahren Liebe entsprechend! Es sei uns stets gegenwärtig und lenke unsere Herzen und Sinne, dass wir der göttlichen Ermahnung durch Paulus, 1. Tim. 6,11-16, entsprechen:

 

    „Aber du, Gottesmensch, flieh solches! Jage aber nach der Gerechtigkeit,  der Gottseligkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut. Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, dazu du  auch berufen bist und bekannt hast ein gut Bekenntnis vor vielen Zeugen. Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus  Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeuget hat ein gut Bekenntnis, dass du haltest das Gebot ohne Flecken, untadelig, bis auf die Erscheinung  unsers HERRN Jesus Christus, welche wird zeigen zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der  König aller Könige, und HERR aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat; der da wohnet in einem Licht, da niemand  zukommen kann; welchen kein Mensch gesehen hat noch sehen kann: dem sei  Ehre und ewiges Reich! Amen.“

 

S. D. G.

 

 

 

 

DIE LEHRE VON DEN NOTAE ECCLESIAE [Kennzeichen der Kirche] IN IHRER BEDEUTUNG FÜR KIRCHENBEGRIFF UND KIRCHENGEMEINSCHAFT

 

Thesen von Wilhelm Oesch, D.D. +

1971

           

    (Über die Kirche kann nicht unabhängig von den Gnadenmitteln Gottes, durch die Gott sie baut und erhält, gelehrt werden, noch unabhängig vom Glauben an Christus, den Heiland der Welt und Haupt der Kirche, der sie durch Wort und Sakrament weidet und regiert. Wo recht von der Kirche gelehrt wird, da tritt Gottes ganze Lehre in Gesetz und Evangelium deutlich hervor, da strahlt hell das Evangelium, das Zentrum der Schrift, auf dem aller Schwerpunkt liegt, die frohe Botschaft von der Rettung des Sünders durch Christus.

    So hat, wie wir im Folgenden anhand eines thesenartigen Abrisses zur Kirchenlehre sehen werden, P. Wilhelm Oesch, D.D. wahrhaft gelehrt und sich so hierinnen als rechter biblisch-lutherischer Theologe erwiesen. Anm. d. Hrsg.)

 

Ekklesia, Ekklesiai [Kirche, Kirchen]

         

    (In der ersten These stellt Oesch die Universalität der Kirche heraus, der wahren Kirche als dem Volke Gottes, der Gemeinde der wahrhaft an Christus Gläubigen, die sich finden in allen Denominationen, in denen das Evangelium noch im Schwange ist.

    Er grenzt dabei die Bibellehre deutlich ab gegen die Schwärmer, indem er hervorhebt, daß die wahre Kirche, die Versammlung der an Christus Gläubigen, eine verborgene Gemeinschaft des Glaubens ist (Luk. 17,20.21), nur Gott bekannt (2 Tim. 2,19), es keine sichtbare, äußerliche Versammlung der Reinen oder Gläubigen geben kann, sondern nur durch Wort und Sakrament feststellbar ist, wo Kirche ist, aber nicht, wer dazugehört. Das ist ebenso auch gegen Rom gerichtet, das seine äußerliche Gemeinschaft als DIE Kirche, die Heilsgemeinde hinstellt. Und es ist schließlich auch gegen alle kongregationalistischen Irrtümer gerichtet, die Ortsgemeinde total zu setzen, zu meinen, eine Verbindung von Ortsgemeinden sei eine bloße Ansammlung von Ortskirchen, so, als ob es dann mehr als einen Leib Christi gebe: sondern es ist der eine Leib Christi, wie er in der Gemeinschaft der Ortskirchen wahrzunehmen ist. Anm. d. Hrsg.)

    Das Neue Testament kennt nur eine Kirche, das aus der verdammten und untergehenden, aber von Christo teuer erkauften Welt vom Heiligen Geist durch Wort und Sakrament herausgerufene Volk Gottes, den einen Leib Christi, den er droben in Herrlichkeit darstellen wird. Diese eine Kirche besteht aus den wahrhaft an die Frohbotschaft von Christi Verdienst für alle Sünder Gläubigen, die dadurch die Gerechtfertigten und von daher auch trotz aller noch anklebenden Schwachheit die Geheiligten sind. Sie kann als solche nicht mit dem Auge erkannt oder in ihrem zahlenmäßigen Umfang und wahren Wesen sinnlich festgestellt werden, sondern sie ist empirisch, örtlich nur an Wort und Sakrament als an ihren "Kennzeichen" fixierbar. Denn wie sie aus den Gnadenmitteln geboren ist und von den Gnadenmitteln lebt, so sind ihr auch principaliter et immediate [grundsätzlich und unmittelbar, Anm. d. Hrsg.] die Schlüssel des Himmelreichs (die nach innen und außen zu verwaltenden Gnadenmittel) aufgetragen - (NOTAE per se PURAE [die für sich reinen Kennzeichen]). Die Kirchen in der Mehrzahl (ekklesiai) [wie der Begriff im Neuen Testament anzutreffen ist, Anm. d. Hrsg.] stellen nicht Kirchen anderer Art dar als die ekklesia, sondern sind die Eine Kirche, wie sie am jeweils genannten Ort besteht und in ihrer Weise dort wahrgenommen wird.

 

Verbum et Sacramenta - quomodo ad ecclesiam relata [Das Wort und die Sakramente und wie sie mit der Kirche verbunden sind]

 

 

    (Die zweite These hebt deutlichst hervor, woraus die Kirche erwächst: aus dem Evangelium in Wort und Sakrament allein; und sagt daher - mit 1 Kor. 1,18 ff.; 1 Kor. 2,2 ff. - nein zu dem Versuch der Reformierten, Gesetz und Evangelium auf eine Ebene zu stellen (obwohl das Gesetz doch auch die Heiden haben; das Evangelium allein ist das proprium der Kirche); mit Luk. 16,29; 1 Kor. 1,18 ff. auch nein zu allen Versuchen, die Kirche an irgendetwas anderes als dem Evangelium erkennen zu wollen bzw. sie durch irgendetwas anderes als das allein wirkkräftige Heilswort und Sakrament Gottes bauen zu wollen. Die Verführungen und Versuchungen gerade in diesem Bereich sind heute vielfältig: die einen wollen die politische Befreiung (Befreiungstheologie), die anderen Moral, wieder andere geben sich fromm, trauen aber Wort und Sakrament Gottes nicht alles zu und meinen, mithelfen zu müssen, etwa durch psychologische Beeinflussung (Musik, Theater), durch Kirche als 'Unterhaltung', durch besondere Methoden, die den Glauben, die Erweckung herbeiführen sollen, so, als ob Gott dies in unsere Gewalt gegeben und nicht sich selbst vorbehalten hätte (Gemeindewachstumsbewegung, Evangelikale, Pfingstler, Charismatiker), durch Appelle an den natürlichen Menschen, bis hin zu Aufrufen zur 'Entscheidung', alles letztlich immer verbunden mit tatsächlicher Verkürzung von Gesetz und von Evanglium.

    Wilhelm Oesch aber stellt das eine heraus, das Gott uns gegeben hat: sein wirkmächtiges Wort (1 Petr. 1,23; Joh. 6,63; 2 Tim. 3,14; Jes. 55,10.11). Hier wird so deutlich, was die von Gott verordnete äußerliche Versammlung  (Apg. 2,42.47) wahrhaft ist: Versammlung um Wort und Sakrament, Versammlung, in der Gottes Wort rein gepredigt und die Sakramente schriftgemäß verwaltet werden. Das ist die Aufgabe der Kirche; alles andere soll eben dies unterstützen. Was damit nichts zu tun hat, gehört auch nicht zu dem Amt der Kirche und ist bereits ein Irrweg (etwa politische Betätigung; soziale Betätigung ohne eindeutige missionarisch-diakonische Akzentuierung). Daran erkennen wir auch, wie Kirche und Predigtamt zusammengehören: denn durch das von Gott eingesetzte, verordnete heilige Predigtamt, das die Kirche weitergibt, in das sie beruft, das unterschieden ist vom allgemeinen Priestertum, übt die Kirche ihr Amt öffentlich in erster Linie aus, nämlich als durch die Predigt des Evangeliums, wodurch Gott Menschen bekehrt, rechtfertigt, selig macht. Anm. d. Hrsg.)

    Die einzigen Kennzeichen, aus denen mit Gewißheit das Vorhandensein der einen Kirche an einem Ort feststellbar ist, sind örtlich im Schwange gehendes Wort und Sakrament (Predigt von Gesetz und Evangelium; Reichung der Taufe und des Abendmahls). Infolge der vis dativa et effectiva [gegebenen und wirkenden Kräfte, Anm. d. Hrsg.] aller Gnadenmittel (in denen Christus sich selbst als Versöhner und Heiland anbietet und bringt) sind Wort und Sakrament allerorts, wo sie in Übung stehen, der Same der Kirche, der nicht gänzlich ohne Frucht bleibt, das Fundament der Kirche, durch welches sie auf dem Eckstein Christus gebaut ist, der eine Auftrag der Kirche, durch dessen Ausführung der Heilige Geist sie selbst erbaut und andere hinzu rettet, demgemäß auch der Betätigungsgegenstand des einen Amtes der Kirche, endlich das eine Regiermittel der Kirche, nach dem sich in ihr alles bestimmt. Es gibt noch mancherlei Kennzeichen des Einbruchs der einen Kirche als eines aeternums [Ewigen, Anm. d. Hrsg.] in die Geschichte (Luther in "Von den Conciliis und Kirchen"), aber unfehlbare Kennzeichen der an sich nicht sichtbaren [d.i. verborgenen, Anm. d. Hrsg.] einen Kirche, durch die sie jeweils am Ort oder an Orten faßbar wird, sind nur das hörbare Evangelium (in seinem beständigen Bezugsverhältnis zum Gesetz) und die sichtbaren Sakramente.

 

Arcessiti adversus vocatos [Die Herausgerufenen im Gegensatz zu den Berufenen]

 

    (Dem Wirken Gottes durch sein Wort kann aber widerstanden werden und wird widerstanden und widerstrebt, bis hin zur Verfolgung. Auch das ist eine Reaktion auf Gottes Wort, Joh. 15,18 ff.; 1 Kor. 1,18 ff. Das Wort vom Kreuz ist den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, d.i. der natürliche Mensch, der ja nichts vernimmt vom Geist Gottes, 1 Kor. 2,13, da sein verfinsterter Verstand, Eph. 4,8, gar nicht verstehen, begreifen kann, der ärgert sich am Wort von der Sünde, daran, daß er nicht allein sich rechtfertigen kann, daran, daß er abgrundtief verdorben ist. Dieses Ärgernis darf die Kirche nie versuchen zu umgehen oder abzuschwächen, wenn sie anders nicht Gottes Lehre in ihren Fundamenten zerstören will. Genau das aber geschieht ja heutzutage dort, wo die Kirche meint, besonders 'professionell' zu sein, und nach wirtschaftlichen Werbemethoden die Menschen zu erreichen sucht, es umgehen will, anzuecken, den Menschen Negatives zu sagen, und ihnen so nach dem Munde redet, der Menschen Knecht wird, das klare Bekenntnis wegläßt, dafür Unterhaltung, Problemlösung anbietet, anstatt von unserer Verlorenheit und der durch Christus geschehenen, in der Taufe und dem Evangeliumswort zugeeigneten Errettung zu sprechen.

    Dabei aber müssen wir unbedingt auch mit Ablehnung rechnen, ja, mit Feindschaft und Verfolgung. Wir können auch nicht von uns aus sagen, wie es die Gemeindewachstumsbewegung macht, wo Menschen bekehrt werden werden und wo nicht - das alles steht bei Gott und ist uns verborgen. Diese Scheidung und Unterscheidung ist unbedingt wichtig, denn sie betrifft gerade auch das rechte Verständnis der Kirche, betrachtet als die äußerliche Versammlung um Wort und Sakrament, in der eben auch Heuchler und Scheinchristen dabei sind und die deshalb nur synechdoche, nur im übertragenen Sinne, überhaupt Kirche heißt, nämlich um der Gläubigen willen in ihrer Mitte, also der wahren Kirche oder verborgenen Versammlung der an Christus wahrhaft Gläubigen. Das drückt Dr. Oesch dann auch in der vierten These aus. Anm. d. Hrsg.)

    Obschon im Neuen Testament die Getauften grundsätzlich erscheinen als cum effectu [d.i. als solche, die auch die Gnade durch die Taufe im Glauben empfangen haben, Anm. d. Hrsg.], d.h. in Christum hineingetauft (Gal. 3,26 f.), die durchs Wort Berufenen grundsätzlich als arcessiti, electi [Herausgerufene, Erwählte, Anm. d. Hrsg.] (Röm. 8,28 ff.), die Abendmahlsgäste grundsätzlich als der "eine Leib" Christi (1 Kor. 10,17), so zeigt doch das Neue Testament klar am Beispiel des Ananias und der Saphira (Apg. 5,3 ff.), des Simon Magus (Apg. 8,9 ff.) und vieler anderer, daß der Wirkung der Gnadenmittel widerstanden werden kann und von einem größeren oder kleineren Teil der im Sinne von Matth. 22 Berufenen auch widerstanden wird (Matth. 22,14; 23,37; 1 Kor. 10; Hebr. 3 f.), so daß im Blick auf jedes einzelne der Gnadenmittel und auf sie alle zusammen der Schluß, "omnes vocati sunt vere in Christum credentes" [alle Berufenen sind wahrhaft an Christus Gläubige, Anm. d. Hrsg.] und also wirkliche Glieder der Kirche, falsch ist (CA VIII). Manche halten sich von Anfang an nur zum Schein zu den Gnadenmitteln, andere fallen als Zeitgläubige (Luk. 8,13) wieder ab.

 

Una sancta adversus coetum vocatorum [Die eine heilige Kirche im Gegensatz zu der Versammlung der Berufenen]

 

    Entsprechend ist der coetus vocatorum [die Versammlung der durch das Wort Berufenen, Anm. d. Hrsg.] zwar immer der Ort, da das Wort nicht leer zurückkommt (Jes. 55,10; Luk. 8,8). Aber da der Glaube von den Gnadenmitteln leben muß und sich in ihrem Gebrauch betätigt, so besteht der coetus vocatorum nie aus einem staatskirchlichen "Polizeirevier" [also Kirchengemeindebezirk, Anm. d. Hrsg.] oder sonstigem Stratum [Teil, Anm. d. Hrsg.] menschlicher Gesellschaft, soweit äußerlich festgestellt, in dem alle wenigstens baptizati [getauft, Anm. d. hrsg.], vielleicht auch confirmati [konfirmiert, Anm. d. Hrsg.] und in die Kirchenbücher Eingetragene oder etwa Kirchensteuer Zahlende sind, sondern nur aus den media salutis amplectentes [d.i. den die Gnadenmittel Gebrauchenden, also regelmäßigen Kirchgängern und Sakramentsempfängern, Anm. d. Hrsg.]. Und stets muß auch unter letzteren mit der Anwesenheit eines (vielleicht großen) Teiles von admixti mali et hypocritae [untergemischten Bösen und Heuchlern, Anm. d. Hrsg.] gerechnet werden. Deshalb ist der coetus vocatorum am Ort, in seiner empirisch faßbaren Gesamtheit betrachtet, nur synekdochisch ekkleesia, nicht einfach als solcher. Weil die eine Kirche allerorts "creatura verbi" (Luther) [Schöpfung durch das Wort, Anm. d. Hrsg.] Werk, Werkstätte und Werkzeug des durch die Gnadenmittel wirkenden Heiligen Geistes ist, so befindet sich die eine Kirche nie außerhalb, sondern stets innerhalb des coetus vocatorum am Ort in der Weise, daß vor Gott die admixti sowenig dazugehören wie der Dreck zum Wagenrad, der Grind und Aussatz zum Körper.

 

Notae, usus notarum [Die Kennzeichen und ihr Gebrauch]

     

    (Darum: wer zur Kirche als der verborgenen Gemeinschaft des Glaubens gehört, das kann allerdings nicht gesagt werden, da der Glaube im Herzen verborgen ist, Luk. 17,20.21, Christi Reich kein irdisches, sondern ein geistliches Reich ist, Joh. 18,36. Aber wo die Kirche zu finden ist - das ist ja unendlich wichtig für uns: und das können wir nirgend anders erkennen als eben an den Kennzeichen der Kirche, Wort und Sakrament, durch die Gott die Kirche baut, sie trägt und erhält, durch die sie ihr Amt ausübt, wie wir schon gesagt haben, nämlich daß die Lehre und rechte Verkündigung des Wortes und schriftgemäße Verwaltung der Sakramente DAS Amt, DER Auftrag der Kirche sind. Sie sind Kennzeichen, daß dort die Kirche, die verborgene Gemeinschaft des Glaubens, vorhanden ist, da Gott durch diese Mittel Menschen wiedergebärt. Was die äußere Versammlung angeht, so sind sie deren Wesensmerkmal. Und diese äußerliche Versammlung als 'Kirche' anzusprechen, etwa wenn der Pastor sie in der Predigt als 'Gemeinde' anredet, das ist völlig legitim, trotz der Ungläubigen, die daruntergemischt sind, denn das ist der biblische Sprachgebrauch. Die wahre Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen, Erwählten, ist gar nicht anders als eben in der sichtbaren Ortskirche, der äußerlichen Versammlung um Wort und Sakrament, ansprechbar. Es ist Schwarmgeist, wer dies ablehnt und eine sichtbare Gemeinde der Gläubigen bauen will, etwa auch faktisch allen, etwa außerhalb des evangelikalen Lagers, den Glauben abspricht. Anm. d. Hrsg.)

    a) Die notae ecclesiae sind demgemäß die Kennzeichen, an denen die eine Kirche Christi, die sich als geistliches Volk dem Auge entzieht, am Ort erkannt wird.

    b) In Hinsicht auf den äußerlichen coetus vocatorum stellen die notae nicht eigentlich dessen "Erkennungszeichen" dar (als empirisch erkennbar braucht er keine heuristischen Kennzeichen), sondern der tatsächliche Gebrauch der Gnadenmittel umgrenzt den coetus vocatorum, das heißt, die als Kirche anzusprechende sichtbare Versammlung.

    c) Da diese konkret in die Geschichte hineinragende Gemeinde aber nur als Gemeinde Gottes, als congregatio sanctorum i.e. vere credentium [Gemeinde der Heiligen oder wahrhaft Gläubigen, Anm. d. Hrsg.] himmlisch berufen und mit dem Glauben beschenkt ist, auch nur als Leib Christi, nicht als corpus mixtum, den Auftrag Christi hat, sein Werk zu treiben, so kann der coetus vocatorum oder die sichtbare Ortskirche legitim nur als die eine Kirche handeln (d.h. so, daß diese ecclesia particularis [Lokalkirche, Anm. d. Hrsg.] gerade nicht als ein dem Reich zur Linken unterworfener Sektor der menschlichen Gesellschaft, des Staates, der "community" usw., sondern als Una Sancta handelt).

 

Antithesen

    Es muß daher verworfen werden:

    a) Jede Materialisierung der Kirche als antievangelische Vergesetzlichung, wenn z.B. Rom lehrt, die Kirche sei ein aus Guten und Bösen bestehender, sichtbarer Rechtsverband unter den Bischöfen und dem Papst, und damit zugleich auch jede Lehre, die die Kirche primär als sichtbare "Heilsanstalt" ausruft [so vielfach in den 'lutherischen' Landeskirchen des 19. Jahrunderts, auch in der Breslauer und der Hessischen Freikirche, Anm. d. Hrsg.] (und erst sekundär, wenn überhaupt, als congregatio sanctorum, i.e. vere credentium) oder die rechtliche Elemente (Verfassung, Dependenz der Ortsgemeinde von größerem Verband, umgekehrt: Pflichtcharakter der de-facto-Independenz, Amtspersonen als solche) [wie wir es bei den reformierten Gruppen finden, die von neutestamentlicher Gemeindeverfassung sprechen; bei den Kongregationalisten oder Independentisten, die die Unabhängigkeit der Ortsgemeinde überziehen, Anm. d. Hrsg.] in das Wesen der Kirche mengt; darum auch ein Luthertum, da offen oder versteckt die baptizati mali [die getauften Bösen, Anm. d. Hrsg.] zu der einen Kirche zählt oder die sichtbare lutherische Kirche als die Una Sancta proklamiert [ersteres etwa bei Franz Delitzsch, letzteres bei Grabau, in Ansätzen auch bei Huschke, Anm. d. Hrsg.].

    b) Jede spiritualistische Auffassung, die die eine Kirche als congregatio sanctorum bzw. electorum nicht als notwendigerweise an die Gnadenmittel gebunden und von daher erkennbar ansieht (Genfer Katechismus: nec signis dignoscitur [nicht durch die Zeichen zu wissen, Anm. d. Hrsg.]).

    c) Jede ethizistische bzw. perfektionistische Auffassung, die unter Verleugnung der Rechtfertigung die eine Kirche jederorts so oder so zur sichtbaren Gemeinde der Heiligen deklariert [so in vielen evangelikalen Freikirchen, auch im Pietismus, Anm. d. Hrsg.].

    d) Jede Hilflosigkeit, die zwei Kirchen erfindet, eine unsichtbare der unmittelbaren Gnade oder Erwählung und daneben eine sichtbare, diesseitige oder halbdiesseitige Kirche, die neben Wort und Sakrament auch noch Gewalten, Ansprüchen, Beauftragungen, Sendungen auf der Ebene des aioon houtos [dieser Zeit und Welt, Anm. d. Hrsg.] unterworfen ist, sei das Verhältnis zum Reich zur Linken nur das des Übergeordnetseins (als Kirchenstaat, Theokratie) oder das des Eingeordnetseins (als Staats-, Volks-, Gesellschaftskirche oder sonstwie benannter Sozialfaktor). [Das ist die Lehre der Reformierten und all ihrer Abkömmlinge, wie wir sie in der Lehre von den konzentrischen Kreisen (Bürgergemeinde und Christengemeinde) anstatt der Zwei-Reiche-Lehre finden, bei Calvin wie auch bei Barth; ebenso findet sich das wieder in all den Spielarten der 'politischen Theologie' und des Volkskirchengedankens. Anm. d. Hrsg.]

    e) Überhaupt jede Kompromißlösung, die die eine Braut Christi an der Treue hindert, nur Christi [eigen] zu sein und nur Christi eines Werk zu treiben, in dem sie nämlich die alleinbestimmende Bezogenheit der ecclesia late dicta [Kirche im weiteren Sinne, d.i. äußerliche Versammlung um Wort und Sakrament, Anm. d. Hrsg.] zur Una Sancta verleugnet.

 

 

 

Notae purae, ecclesia orthodoxa adversus ecclesias heterodoxas [Die reinen Kennzeichen, die rechtgläubige Kirche gegenüber den falschgläubigen Kirchen]

 

    [Es ist anhand eben dieser Kennzeichen der Kirche und ihres Gebrauches, daß wir die von Gott in seiner Schrift so unbedingt geforderte Unterscheidung zwischen rechtgläubiger (orthodoxer) und falschgläubiger (heterodoxer) Kirche vorzunehmen haben, damit auch festzustellen, ob Gemeinschaft besteht oder ob Trennung da ist. Anm. d. Hrsg.]

    a) Nur die notae purae [unverfälschten, reinen Kennzeichen, Anm. d. Hrsg.] die reine Predigt von Gesetz und Evangelium und die nach Christi Einsetzung verwalteten Sakramente, weisen die eine wirkliche Kirche Christi jeweils am Ort aus, stellen den Bezug der ecclesia particularis [Teilkirche oder regionale Kirche, Anm. d. Hrsg.] zum Werk des Heiligen Geistes und demgemäß zu Christus als dem einen Haupt der Kirche dar. Deshalb sind auch, einerlei, was das kirchenrechtliche oder organisatorische Verhältnis als bloßes Mittelding sein mag, alle Ortskirchen reiner Kennzeichen in Wirklichkeit eine orthodoxe Kirche, zu gegenseitiger Gewährung der Kirchengemeinschaft (die stets ungeteilt ist) mit allen ihren Konsequenzen verpflichtet und ist zwischen ihnen jegliche Verweigerung der Kirchengemeinschaft schwere Sünde - Schisma.

    b) Jede tatsächliche Verfälschung der Botschaft Christi, d.h. der Schrift (auch in der Form wesentlicher Verkürzung), läßt eo ipso, da es kein Drittes gibt, eine Gegenbotschaft gleichberechtigt und übermächtig werden, nämlich die der natürlichen Religion, d.h. des zur Selbstrechtfertigung mißbrauchten Gesetzes, bzw. erkennt neben Christo einen anderen Herrn, einen Götzen, an.

    c) [Nicht jede falschgläubige Kirche ist Synagoge Satans im Vollsinn, nämlich nur noch Verführerin, nicht mehr Kirche, sondern da, wo Gottes Evangelium noch irgendwie im Schwange ist, da werden auch noch Menschen wiedergeboren durch dieses Evangelium in Wort und Sakrament, da ist diese Gemeinschaft wohl eine Sekte, nach der falschen Lehre betrachtet, aber auch noch Kirche, nach denen gewiß in ihr vorhandenen Gläubigen an Christus. Anm. d. Hrsg.]

    Jegliche Heterodoxie [Falschgläubigkeit, Anm. d. Hrsg.] und notwendigerweise auch aller Unionismus - da er das damnamus [Verdammungsurteil, Anm. d. Hrsg.] gegenüber falscher Lehre einschränkt oder abbaut - setzen neben die notae der einen Kirche Gottes die notae der vielgestaltigen Synagogen Satans. Sie bekämpfen die eine Kirche Christi.

    d) Heterodoxie und Unionismus richten hinsichtlich des Begriffes der synekdochischen Kirche, d.h. Kirche Christi, sofern sie als coetus vocatorum [Versammlung der Berufenen um Wort und Sakrament, Anm. d. Hrsg.] in Erscheinung tritt, heillose Verwirrung an. Sobald Irrlehre oder Unionismus sich grundsätzlich eingenistet haben, ist die Möglichkeit aufgehoben, den betreffenen coetus vocatorum für die ekkleesia tou theou [Kirche oder Gemeinde Gottes, Anm. d. Hrsg.] am Ort zu halten (unter Abrechnung der admixti [d.i. der daruntergemischten Heuchler und Scheinchristen, Anm. d. Hrsg.]). Denn im Hinblick auf die unreine publica doctrina [öffentliche Lehre, Anm. d. Hrsg.] ist derselbe coetus öffentlich zugleich als coetus vocatorum diaboli [Versammlung der Berufenen des Teufels, Anm. d. Hrsg.] etabliert. Und wenn das, was an media salutis Dei [Gottes Gnadenmittel, Anm. d. Hrsg.] noch vorhanden ist, auch die eine Kirche Christi am Ort noch gebären kann und sie bei der unendlichen Barmherzigkeit und Treue Gottes und der unauflöslichen Verbindung des Heiligen Geistes mit den Gnadenmitteln auch ins Leben ruft und in gewissem Umfang erhält, so gebiert doch zugleich der Irrtum, dem das erbsündliche Verderben aller Menschen entgegenkommt, mit absoluter Konsequenz die Synagoge Satans. Nennt man einen heterodoxen coetus "Kirche", so geschieht das nicht nur synekdochisch [im übertragenen Sinne, Anm. d. Hrsg.], sondern zugleich dialektisch, acquivoce, cum reservatione oppositi [sozusagen einbeziehend das Gegenteil, Anm. d. Hrsg.], indem man den Selbstwiderspruch dieses coetus nicht zum Ausdruck bringt. Nennt man ihn "Sekte" oder häretischen Verband, so drückt man nicht die auch noch vorhandene Ortsgegenwart der einen heiligen christlichen Kirche aus. Es bleibt dogmatisch zur umfassenden Charakterisierung keine andere Wahl, als den Ausdruck falsche oder heterodoxe Kirche  zu gebrauchen, im Sinn nicht der Leugung jeglichen Vorhandenseins der einen Kirche, sondern der Verneinug der legitimen Feststellung und Darstellung der einen Kirche am Ort.

    e) [Es gibt einen biblischen Befehl zur Trennung von falschgläubiger Kirche, Röm. 16,17.18; 2 Kor. 6,14-18, schon um Gottes, seines Wortes, seiner Majestät willen. Denn wo falsche Lehre ist, da ist immer auch die Seligkeit in Gefahr. Das gilt insbesondere, wo jemand wohl die falsche Lehre erkennt, auch weiß, er müßte eigentlich sich trennen - und es dennoch nicht tut.

    Dabei gilt auch zu bedenken: nicht der verursacht Trennung, der hinausgeht aus falschgläubiger Kirche, sondern wer falsche Lehre aufbringt und behält, denn der hat sich längst von Gottes Wort und seiner rechtgläubigen Kirche getrennt. Er ist der Verursacher der Spaltungen, die kommen müssen, 1 Kor. 11,18.

    Wie die Kirchengemeinschaft, so betrifft auch die Trennung alle Äußerungen des kirchlichen und Glaubenslebens, also z.B. Predigt, Abendmahl, Gebet, Mission, Diakonie, Musikarbeit, Schularbeit.]

    Die Kirche der notae purae (und die von ihr bestimmte orthodoxe ecclesia late dicta [rechtgläubige 'Kirche im weiteren Sinne', also Versammlung um Wort und Sakrament]) kann Heterodoxie und den stets die Heterodoxie involvierenden Unionismus nur zunächst mit elegmos [strafender Zurechtweisung, Anm. d. Hrsg.], dann, im Fall der Hartnäckigkeit, mit damnamus [Verdammen, Anm. d. Hrsg.] beantworten. Unter dieses Urteil fallende Personen in der eigenen Mitte schließt sie aus. Da infolge der Heterodoxie oder des Unionismus abgöttische Zwiespältigkeit, ja Rebellion gegen Christus bejaht und gutgeheißen werden müßte, würde man anders in einer so zweifelhaften ecclesia late dicta gleichwohl die eine Braut Christi öffentlich begrüßen und anerkennen, so bleibt - nach den Weisungen der Schrift gegenüber Irrlehre - keine andere Wahl, als bei diesem Zustand des Zwiespalts und des öffentlichen Selbstwiderspruchs zwar um die Möglichkeit und Wirklichkeit der einen Braut Christi in diesem babylonischen Gefängnis zu wissen, aber eben deshalb mit dem verirrten Babylon keine Gemeinschaft zu pflegen, sondern von ihm auszugehen, kurz, das damnamus lehrmäßig gegenüber der Irrlehre und den Irrlehrern so anzuwenden, daß mit der ecclesia heterodoxa koinoonia [Gemeinschaft, Anm. d. Hrsg.] im Sinne von betätigter Glaubensgemeinschaft und entsprechender cooperatio ausgeschlossen ist.      

 

 

 

 

 

DIE LEHRE VON KIRCHE UND AMT IN DREI KAPITELN

 

von P. Prof. Wilhelm Oesch DD 

 

 

I. Kapitel

 

Die Lehre von Christi königlichem Amt im Stande seiner Erhöhung

 

These 1:

    (Zweiteilung der Christus übergebenen Herrschaft) Geht man von dem Christus nach Auferstehung und Himmelfahrt aus, dessen menschliche Natur zum beständigen und völligen Gebrauch der mitgeteilten göttlichen Majestät und zum Präsidium über das All und alle Geschichte erhöht wurde (Mt 28,18 par; E 1,20-23; 4,10) so ist festzuhalten, daß dies auf Grund seines Erlösungswerkes geschah (Ph 2,5-11), daß also sein Königtum nicht einfach trinitarischer Natur ist - die Hoheitsstellung der zweiten trinitarischen Person an sich, so daß sich nie etwas änderte -, sondern vielmehr das messianische Priesterkönigtum (L 1,32f par - Ps 110 Is 52,13 - 53,12; Zch 6,13; 9,9; 13,7; H). Beachtet man hierbei die unleugbare Tatsache, daß Christus Herrschaft über das All (Ps 8,7; 110,1 und Dn 7,14 par; Mt 11,27; Mc 1,27) dabei ganz anderer Art ist (Kol 1,16f. 18 f; H 1,3f. 2,17 par) als seine Herrschaft über die Seinen in seinem Heilandsreich (J 10,12ff; 15,15 par), so liegt auf jeden Fall eine Zweiteilung hinsichtlich der Regierweise vor, nämlich die Unterscheidung (Luthers Ausdruck gebrauchend) des Himmelsreiches "zur rechten Hand", des Herzstückes der Herrschaft Christi und Gottes, und des sog. Weltreiches Gottes und Christi "zur linken Hand", das dem ewigen Hauptreiche dienen muß. Dabei ist zu beachten, daß "Theokratie" im NT völlig entfällt.

(Die folgenden Anmerkungen beschränken sich auf Lutherbelege, die "Theokratie"frage und die Regierung der Menschheit "zur linken Hand".)

1. Anm.: Vgl. Luther (WA ?, 301f.) W2 XVIII 1025: "Herr aller Dinge", jedoch "Haupt

allein der frommen, gläubigen Christen"; im Blick auf Mt 5-7 sogar bei den Gläubigen zu unterscheiden "Christianus per se" resp. "in relatione" W2 VII, 346 ff; Belege über "rechte, linke Hand" bei Harald Diem, "Luthers Lehre zu den beiden Reichen ...", S. 108; beachte weiter F. Lau, "Luthers Lehre von den beiden Reichen" (Serie "Luthertum"), bes. S. 82ff.

2. Anm.: Zur völligen Ablösung der "Theokratie", des Gottesstaates des AT, im NT vgl.

Mt 5 20,25ff; L 12,13f; J 18,36; G 4,8ff. 21-31; Kol 2,16f; H 8,6ff; 10,1ff; CA XXVIII, bes. 59.

3. Anm.: (Machtherrschaft über Menschheit durch bürgerlichen Gesetzesgebrauch). Obschon die Macht Gottes und Christi (Ps. 2,4f. 8f) die Interimsordnung kennzeichnet, die den verordneten Rahmen für den gesellschaftlich-politischen Bereich der Menschheit einschließlich seiner mancherlei Unterabteilungen bis zum Jüngsten Tag abgibt (Gn 3,16ff; 8,21f; 9,1-6; Mt 22,21; R 13; 1 P 2,13 - auch Is 10,5. 15; 45,1; Jr 29,4; Dn 5 par), so redet Gott doch auch dabei die Menschen auf Grund des Restbestandes von Gesetzeserkenntnis im gefallenen Menschen (R 1,18ff; 2,14ff) verantwortlich von (Ps 33,15ff; 14,3,4), zugleich auf B u ß e hinzielend (R 2). Auch abgesehen von Gottes Lenkung aller Geschicke (Mt 10,29f; R 11,36), von der Macht der gestifteten Institutionen (Ehe, Familie, Wirtschaft, Staat) und der unerbittlichen Todesschranke (Gn 2,17; R 5,12 par) hält Gott mitten im rätselhaften Lauf der Geschichte mit ihren Abgründen die Menschheit mittels eines unsichtbaren Bandes fest. Es ist das unausrottbare Wissen um bös und gut, um gegenseitige, ja schließlich um letzte Verantwortung und um Schuld. Aliquo modo erreicht Gott inmitten der Lasterfluten einen schwankenden Grad der iustitia civilis (CA XVIII par, bes. Ap IV 21-27), von daher auch Anwendung sittlicher Maßstäbe seitens irdischer Machthaber und im Urteil über sie (usus civilis seu politicus Legis Die secundum rationem - d.h. anwendbar für das sittliche Bewußtsein auch der geistlich toten Menschen und nicht von der Kirche dem Linksbereich einfach vorzuschreiben "nach der Schrift").

4. Anm.: (kein Rechtfertigungs- oder Heiligungswert der iustitia civilis irregenitorum an sich). Bürgerliche Gerechtigkeit in der Welt mindert nicht im geringsten die Herrschaft der Schuld und Satans in den Herzen, trägt zur iustitia coram Deo nicht das geringste bei (Mt. 21,31; Ph 3,5-11; Luthers Heidelberger Disp.) und läßt den letzten Gotteszorn unverändert bevorstehen (R 2,12f; 3,20; graphische Darstellung des hemisphairion infimum). Darf selbst bei den Christen die äußere Gerechtigkeit vor den Menschen, die doch unabdingbar zur nötigen Glaubensfrucht gehört (1 T 3,12; 5,7f), nicht in die Rechtfertigung aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben eingemengt werden, so ist erst recht die iustitia irregenitorum auf anderer Ebene auch nicht zum geringsten Teil der aus der dikaiosyne theou und aus der Rechtfertigung fließenden Heiligung, dem neuen Liebeswesen der Christen, mag diese auch von Schwachheit verdeckt sein, gleichzusetzen (R 14,23; G 5,6). Somit ist jeder nivellierende Ausgleich zwischen den Ebenen äußerer Werkerei und innerer Glaubensgerechtigkeit, auch zwischen gesellschaftlich-staatlicher Ordnung und der heiligen Kirche, ausgeschlossen, mag apologetisches oder pädagogisches Interesse einen Generalnenner auch unablässig gesucht haben und suchen (Apologeten der frühen Kirche, Scholastiker des Mittelalters, Kulturtheologie des Protestantismus, Karl Barths Einebnung "von oben her", usw.).

 

These 2 A:

    (Unterteilung "zur Rechten"). Selbst bei der einen eigentlichen Herrschaft, dem als aion mellon unbeweglichen regnum Christi exaltati (H 6,5; 12,27f vgl. mit Mt 25,34), muß die Art und Weise der Erscheinung nach Zeit und Ewigkeit nüchtern von uns unterschieden werden,- ob nämlich Christus hienieden mit vollendeter Gnade unter Trübsalen durch Mittel (in regno cruce tecto vel ecclesia militante per media salutis) oder dereinst droben mit vollendeter, aufgedeckter Herrlichkeit herrscht (basileia epioranios 2 T 4,18, in regno revelato, in ecclesia triumphante).

(Die drei ersten Anmerkungen gehen ein auf den Sprachgebrauch von "Reich" Gottes; 4 und 5 auf die Vollkommenheit der Gnade bzw. der Herrlichkeit - ohne "Zwischenreich")

1. Anm.: basileia Herrschaft, Reich, als Heilsbegriff: Mc 1,15 par; L 4,43; 9,2 par Mt 16,19; R 14,17 ("Reich" tritt in den Episteln zugunsten spezifischerer Heilsausdrücke zurück).

2. Anm.: basileia als gegenwärtig: Mt 12,28; entos hymon L 17,21; dazu 3,3. 5 par.

3. Anm.: basileia als zukünftig: Mt 5,3ff; 7,21; 8,11usw; Act 14,22; E 5,5f par; 2 T 4,18 (überwiegender Sprachgebrauch in den Episteln).

4. Anm.: (Gnade hier schon vollkommen) Die im Evangelium zugesprochene, vom

wagenden Glauben ergriffene Gerechtigkeit Christi anstelle unserer Blöße gilt im Blick auf das Jüngste Gericht (J 3,18; 5,24; R 8,31-39). Die aus der Rechtfertigung fließende Lebensheiligung ist ihrerseits auch nicht nur eine sich wiederholende Transitusbewegung, sondern hat Pregressus-, Wachstumskraft zum Jüngsten Tag, zur Vollkommenheit droben hin (1 C 15,58; Ph 1,9ff; 1 Th 4,1 usw.).

5. Anm.: (Herrlichkeit erst droben vollkommen: 1 C 13,12) Die Einzelheiten des Herrlichkeitsreiches fallen in den locus de novissimis und sind hier nicht vorwegzunehmen. - Abzuweisen ist hier aber der Chiliasmus, der ecclesia militans und triumphans vermischt, was die Schrift verbietet (Apokalypsen, vgl. "Einigungssätze" Kap. IV, bes. Bel. 16ff. zur bleibenden Kreuzgestalt des Reiches Christi auf Erden).

 

These 2 B:

    (Mögliche Dreiteilung der Herrschaftsweisen Christi) Ist selbst innerhalb des geistlichen Reiches Christi mit besagten zwei Stufen zu rechnen, so läßt sich die seit Joh. Gerhard (gest. 1637) verbreitete Dreiteilung auch nicht von vornherein abwerten, wenn sie nur die erste Hauptunterscheidung nicht abschwächt. Sie ergibt folgendes Schema: (I) Das Machtreich umfaßt alle Menschen und das ganze Weltall und wird durch die Allmacht und das Gesetz im 1. Brauch regiert; (II) das Gnadenreich ist, was den Gebietsumfang oder die Personen betrifft, identisch mit ekklesia tou theou, denn zu ihm gehören alle Gläubigen, aber auch nur die Gläubigen, und es wird gesammelt, belebt und regiert vom Heiligen Geist durch die Wirkung des Evangeliums in den Herzen; (III) das Reich der Herrlichkeit oder das Ehrenreich ist die ewige Fortsetzung und Vollendung des Gnadenreiches, in welchem Christus die Seinen seine aufgedeckte Herrlichkeit sehen und diese an ihr teilhaben läßt.

(Die Anmerkungen hierzu betreffen: Verhältnis zur ekklesia; Rolle des Hl. Geistes und der Gnadenmittel; Widerstand I; Liebesreich; Widerstand II; prophetische Monarchie; damnatorum; Einheitlichkeit.)

1. Anm.: (regnum gratiae et ecclesia) Die apostolische Enzyklika über die Kirche, der Epheserbrief, setzt vom 1. Kap. an voraus, daß alle Gläubigen, aber auch nur die Gläubigen zu ihr gehören, daß diese aber (lt. 2,1ff) von Gott mit Christus auferweckt und in das himmlische Wesen gesetzt - wieder parallele Kolosserbrief (1,13) sagt, versetzt - worden sind "in das Reich des Sohnes seiner Liebe".

2.Anm.: (Hl. Geist, Gnadenmittel)

Das Werk des Heiligen Geistes nach dem 3. Artikel erhellt aus J 14-16; R 5,5; 1 C 12 und E. Ohne den Geist des Vaters und des Sohnes würde weder das Gesetz Erschrecken über die Sünde (J 16,8; 2 C 3,16f) noch das Evangelium in seinen drei Gestalten Glauben an den Heiland wirken und erhalten (J 3,6; 1 C 12,3; E 1,12 f). Jedoch wirkt der vom Erhöhten gesandte Beistand, in dem dieser selbst kommt (J 14,16ff). ordentlicherweise nur durch die zum zuwendenden Abschluß des Erlösungswerkes eingesetzten Mittel, Wort und Sakrament (J 17,20; 2 C 5,18-21; Mt 28,19; Mt 26,26ff). So werden die lebengebenden Wirkungen des Geistes, des Wirkers, daneben direkt von den Gnadenmitteln ausgesagt (J. 6,63; 1 P 1,23; Jc1,18.21; Ti 3,5f; 1 P 3,20f; 1 C 11,25).

3. Anm.: (Widerstand I)

Da Christus und sein Geist in der Sammlung, Belebung und Regierung des Gnadenreiches noch nicht "von Angesicht zu Angesicht", sondern durch Mittel wirken, kann der rettenden Gotteskraft (R 1,16) widerstanden werden. Christi "Ihr habt nicht gewollt" (Mt. 23,37f; vgl. Act 7,51; 13,46) bezeugt die Schuld derer, die verlorengehen trotz der gratia universalis (SD XI 28 f). Dabei ist uns verwehrt, das "cur alii prae aliis?" zu erfassen, das Gnadenwunder zu durchschauen, inwiefern uns selbst der Glaube geschenkt und erhalten wird (E 2,8f; 1 P 1,5), die wir doch von uns aus im Vergleich mit den Verlorenen um kein Haar besser sind (L 18,9ff; R 9-11; SD XI 60).

4. Anm.: (Liebesreich)

Obschon das errettende Wirken ein allmächtiges ist (E 1,19¸ Kol. 2,12), herrscht Christus über die Seinen nie mit Zwang, sondern nur durch die Liebesmacht, durch die der Gute Hirte die Herzen an sich band und fort und fort bindet (J 13,34; 14,23; R 12,1ff - dazu W2 XII 318f - 1 C 13; 2 C 8 und 9). (alle Paränesen im NT)

5. Anm.: (Widerstand II)

Daß in den Christen der Alte Mensch den Widerstand nicht aufgibt (G 5,17 par), das Gesetz sogar gegen ihn steht (R 7,14ff), um dem neuen Menschen zu helfen, ändert nichts am Liebesreich. Denn nur durch den Geist der Kindschaft töten die Christen des Fleisches Geschäfte (R 6 - 8,17); und was nicht aus Glauben und Dank hervorgeht, ist Sünde (R 14,23). Trotz der zuzudeckenden großen Schwachheit sind die Glaubenswerke der Seinen Siege des Erhöhten (2 C 4,7ff; E 2), Früchte der Gerechtigkeit (Ph 1,11; 2 P 1,3ff), Vorschmack des Endsieges (R 5,1ff; 1 J 5,2ff).

6. Anm.: (prophetische Monarchie)

Der König ist der LOGOS, der Prophet (J 1,1.18; Dt 18,15 par). Es ist nicht zu übersehen, daß sein Liebesregiment durchs Wort monarchisch ist (Mt. 23,8; J 10,27f; 18,37). Auch der Heilige Geist bringt dasselbe Wort (J. 16,13f). Der König duldet Konkurrenzwort weder beim fremden Werk des Gesetzes noch beim eigenen Werk des Evangeliums (Mt 5,18f; 15,1ff; 28,18ff; J 8,31f; 10,4f; G 1,8f; 1 T 4,1ff). Sein Wort aber hat der König an den Mund der Apostel (und der Propheten vor ihnen) gebunden und uns dadurch an die Schrift als einzige Quelle und Norm gewiesen (Mt. 5,17; L 10,16; J 17,20; 2 C 5,20; 13,3; 2 T 3,14-17; 1 P 1,11f; 2 P 1,15-21). Durch das Wunder des Heiligen Geistes ist die - mit dem nun abschließend gegebenen Wort übereinstimmende - Verkündigung heute sachlich noch das eine apostolisch-prophetische Christuswort.

(Reichsbefehl). (Über die vis vere divina, die dem Offenbarungswort in je verschiedener Weise als Gesetz und als Evangelium eignet, wird im zweiten Kapitel sub notis ecclesiae genügend gesagt werden.)

7. Anm.: (pou damnatorum)

Die Tatsache eines pou damnatorum mit ewiger Strafe für die Ungläubigen, die bei der Lehre von den letzten Dingen zu erhärten ist, beeinträchtigt nicht die ewige Liebe im Ehrenreich, mögen wir es jetzt auch nicht fassen, und bietet keine Veranlassung für die Nebenordnung eines vierten und negativen Reiches Gottes und Christi.

8. Anm.: (Einheitlichkeit)

Indem alle drei Reiche von dem König Jesus Christus nach zusammenstimmendem Plan regiert werden, sind sie nur nach der Weise des Regierens und der Beschaffenheit der Untertanen verschieden (Mt. 28,18ff; E 1,17ff. 20ff; J 17,15ff; R 8,24f; 1 C 13,12), nicht aber in der letzten Zielsetzung der Ehre Gottes und dem Heil der Auserwählten, somit nach seiten des wirklichen Königseins Christi nur ein Reich. Es ist nichts mit der "Abwesenheit", gar dem "Verschwundensein" des KYRIOS. - sei es irgendwo im All, sei es je in Zeit oder Ewigkeit.

 

These 3:

    (usus practicus, scil. officii regii Christi in statu exaltationis) Das uns rettende, über alle Feinde triumphierende Regiment des zu preisenden KYRIOS ist Gegenstand des Glaubens und des Hoffens der Christen, ihnen deshalb auch zur Ermunterung unermüdlich auf Grund der Schrift einzuschärfen. Indem Christus seine Erhöhung in allen Ämtern zur Zueignung und Ausbreitung des in der Erniedrigung den Menschen erworbenen Heils dienen läßt, ist sein Heilswerk von einer das geschaffene All überbietenden Größe, dazu von bleibender Geltung und ewigem Bestand (Umwandlung der Christokratie in vollendete ewige Theokratie am Ende).

(Die Anmerkungen beziehen sich auf die Reichsüberlegenheit, das getroste Warten und die Antithesen.)

1.Anm.: Zur Überlegenheit des Reiches Christi vgl. auch Dn 2,44; J 16,33; E 1,10;

Kol.1,19f; 2 P 1,19fr; 2 P 1,11; 2 T 2,17ff; Apc 11,15; zur Umwandlung in die Endtheokratie 1 C 15,24-28 (Franz Pieper, Christliche Dogmatik II, Anm. 1088).

2. Anm.: Zum Wachsen in getrostem Warten als der Normalhaltung der Christenheit vgl. die

ev. Apokalypsen Mt 24 par; 1 C 1,7f; 15; Ph 3,20f; Ti 2,13; W2 IX 930 ff.

3. Anm.: In der Antithese zur Reichszuversicht steht einmal jede Einschränkung des totalen

tetelestai, das die Antwort darstellt auf "Cur Deus homo?"; sodann sowohl jede Verzweiflung an den rein geistlichen Mitteln, nämlich "Wort und Sakrament", mit dem bei Abwendung von den rechten Mitteln sofort ausgelösten Greifen nach anderen Mitteln, als auch die dem allen unweigerlich folgende Zulassung von Menschenherrschaft in der Kirche an Stelle der Alleinherrschaft Christi durch sein Wort.

 

 

 

 

II. Kapitel:

 

Die Lehre von der einen Kirche Christi in ihrer Bezogenheit auf Christus in reinem Wort und Sakrament

 

A) Ortsbestimmung der Kirchenlehre (die nirgends zu trennen ist vom König christus und vom Werk des Heiligen Geistes)

 

These 1 A: Die bereits in Kap. I (de officio regio Christi in statu exaltationis) behandelte Gleichsetzung des Gebiets (d. h. der Personen) des regnum gratiae Christi und der ekkleesia auf Erden schließt eo ipso in sich, daß alles, was dogmatisch vom Beginn der Verheißung im Paradiese an über die Kirche zu sagen ist, seinen Ort hat in dem rettenden Kampf des Heils- oder Christusreiches mit der Satansherrschaft über die gefallenen Menschen (Schlink, "Theol. ...", VI, Absätze 1 und 2).

 

 These 1 B: Auf den neutestamentlichen Befund gesehen, ist im einzelnen zu sagen: Die ekkleesia tou theou en Christo Iesou ist a), als der kahal oder die Gottesversammlung der Erfüllungszeit b), ganz und gar keine vom Diesseitsdenken bestimmbare Größe, sondern schlechthin das pneumatische Gottesvolk c). Indem dasselbe in allem auf den menschgewordenen und nunmehr erhöhten Gottessohn bezogen ist, ist dasselbe, als soma kai pleroma tou Christoud), mitten in der Zeit schon endzeitlich herausgehoben e).

 

(Die Buchstaben a-e in der These 1 B sind so angeschlossen, daß der Inhalt der sechs Anmerkungen dadurch bestimmt ist - wobei nur noch die Zusammenfassung von a) und b) unter dem Begriff "Gesamtverständnis" hinzukommt.)

 ad a): (neutestamentlicher Sprachgebrauch)

Mt 16,18f; 21,41ff; 1 P 2,3ff. - Is 38,10; 22,22

1 C 12,27f. vgl. mit 1 T 2,15; E (Universalgemeinde)

- Mt 18,17 (ekkleesia örtlich gesehen); Act c.2 (47b vgl. mit 41ff.); 8,1 usw.;

Anreden der Gemeindebriefe; vgl. Konkordanz.

 ad b): (alttestamentlicher Hintergrund) EKKLEESIA -

Hintergrund: der Weibessame (Gn 3,15); der Abrahamssame (Singular und Kollektiv: Gn 12,1ff; 22,18 vgl. mit R 4,1 ff; 9,7ff; G 3,16.28ff); das theokratisch-völkisch umschlossene Eigentumsvolk (Ex 19,5ff; 29,44ff vgl. mit G 3,17f; 1 P 2,9; Kol. 2,16ff); der "Rest" (z. B. Is 10,22f vgl. mit R 9,27f; 11,5ff); der verheißene Endzeitbund (Jr 31,31ff vgl. mit Mt 26,26;

1 C 11,25; H 8,8ff par). Darüber hinaus ist die ganze Heilsgeschichte im AT vorausgesetzt. Beachte nach Lankisch insbesondere im AT Luthers Übersetzung "Gemeinde".

 

 Zusammenfassend zu a) und b):

(Gesamtverständnis des Sprachgebrauchs; TWNT III wird nur mit Ziffer für Seite angegeben):

( a ) Die aramäischen Wörter lehala und kebischtha, die Jesus Kt 16,18; 18,17 benutzt haben mag (528f), haben gegenüber den hebräischen und griechischen Vokabeln kein Eigengewicht, entsprechen vielmehr dem Gebrauch von ekklesia und synagohgeh in der LXX (519f, 530ff) und werden von dem sie gebrauchenden Jesus ebenso "erfüllungszeitlich" gefüllt wie der term.t. ekkleesia sonst im NT.

 ( b ) Bezeichnete einst ekkleesia als wichtigste kahal -Übersetzung der LXX das alttestamentliche Gottesvolk, das als erwählt und vor Gott versammelt gedacht ist (504, 510, 522 usw.), so bezeichnet ekkleesia im NT die endzeitliche Heilsgemeinde - als die Erfüllung der Verheißung (vgl. Mc 1,15; Mt 5,17; J 19,30). Die Wendung zum "Rest Israels" und zur Heidenschaft schwingt dabei lebhaft mit (529f).

( c ) Dabei ist zunächst anzumerken: Gegenüber der ekkleesia hat der alte kahal nunmehr seine Bedeutung verloren (Mt 16,13ff; G 4,21-31; 5,4ff). Jede Volksversammlung, auch die des verbleibenden leiblichen Israels, ist nun auf der Ebene des "Reiches zur Linken" ausgesiedelt worden (vgl. unsere Thesen zum Reiche Christi), wobei der Heils- und Offenbarungsanspruch jedweder derartigen menschlichen Versammlung oder Instanz von vornherein negiert wird (518ff). Erst recht ist das andere zu betonen: Die ekkleesia ist keineswegs nur als Ablösung des theokratischen kahal zu verstehen, vielmehr ist sie in erster Linie Fortsetzung des Volkes der Verheißung, das seit Protevangelium und Protoplastenglaube kontinuierlich da war. Vgl. hierzu neben den ad b) genannten Stellen (z. B. R 4) und neben H 11 vor allem R 9-11 (9,6ff. 22ff; 11,1ff. 16-24.25ff - recht zu verstehen). Allerdings hat die Judensynagoge nicht das geringste Recht, neben der christlichen Kirche zu bestehen; ihr gilt der Anspruch der christlichen Mission genau so wie den Heidenvölkern (Mt 28,18ff; Mc 16,15ff; Act 1,8; G 2,7ff). Der, der Christ wird, borgt nichts vom leiblichen Judentum, sondern ist Erbe der ganzen Verheißung und hat alles direkt in Christus (Kol. 2,9ff). Aber: der Christos, auf den die ekklesia totaliter bezogen ist (s. unten ad d), stammt nicht nur kata sarka leiblich von Abraham und David ab (R 9,4f), sondern eben diese (lt. Verheißung fürs Heilswerk zuvorbestimmte) Person der Dreieinigkeit war von Anfang an der Logos, das Licht und das Leben (J 1,11ff), dessen Tag Abraham sah (J 8,56ff), der geistliche Wasserspender in der Wüste (1 C 10,5), der Herr Zebaoth, den Jesaias anbetete (J 12,39f), eben der, den der ganze Opferdienst zur Rettung verkündigte und dessen Verdienst im voraus galt (Lv 17,11; paresis R 3,23 par).

Im Bündel der Verheißungen (so rätselhaft er unserem historischen Auge bleibt) erfaßte bereits der Glaube derer, die seit Adams Fall selig wurden, den verheißenen Heiland und das Heil. Der Erschienene läßt sagen, daß er nicht nur in der ekkleesia das Israel kata sarka

fortsetzt, sondern daß er dabei auch den mit ihm von Abraham Abstammenden die weiter zugesagte Treue hält, sie als die natürlichen Zweige des Ölbaums ansieht (R 1,16b par; 11,15ff; 15,7ff) und sämtliche dem Volk der Wahl (R 11,28ff) gegebenen Verheißungen im ursprünglichen (nicht "nationalistischen") Sinne einst zum Ziele führen wird.

 ( d ) Der der Näherbestimmung kahal Jahwe entsprechende Genitiv ekkleesia tou theou, gfs. zusätzlich en Christo (Iesou) (G 1,22; E 3,21; 1 Th 1,1; 2,14), in R 16,16: tou Christou  nennt den, der die Heilsgemeinde erwarb, von Anfang an allein setzte und fortlaufend setzt und vor sich versammelt. Gemeint ist GOTT als der aller Welt und Zeit Überlegene, der aber im Fleisch erschienen ist, ja (u.U. einfach =) der Messias als der erschienene Jahwe (mou : Mt 16,18; Act 20,28 nach Ps 74,2 - S. 506ff).

 ( e ) K. L. Schmidts Artikel im TWNT verliert durch folgende Defekte: er geht nicht auf die Feststellbarkeit der ekkleesia an Wort und Sakrament, nicht auf die nicht gläubigen admixti ein, und er verwirrt - zu E [ Kol - Christus und seinen Leib (512f).

 ( f ) Vermöge der Erfüllung ist die ekkleesianie eine vom Diesseitsdenken erfaßbare, übersehbare, quantitative Größe, sondern besitzt vom ganzen Heil her einen unteilbaren Qualitätsgehalt (507). Qualität, nicht Quantität bestimmt sie, da der Anschluß an das Haupt ausschlaggebend ist! Dem Wesen nach sind daher Gemeinden (ekkleesiai), wo immer sie sind, die eine Erfüllungs- oder Heilsgemeinde (ekklesia), wie sie jeweils hier und dort, an diesen und anderen Orten im Kreis der media salutis amplectentes vor und in Gott versammelt ist (1 C 1,2; 2 C 1,1; G 1,13 vgl. 1,22; 1 C 10,32 vgl. 1 C 11,16; S. 506ff). Der eine Leib Christi ist immer an Orten, da er ja aus den an das Evangelium Glaubenden besteht, und erscheint deshalb auch als Versammlung im Wort und Sakrament an ganz bestimmtem Ort, also mit Genitiv, Lokativ.

 ad c):(pneumatisches Gottesvolk nicht mehr unter theokratischem Joch)

Vgl. zunächst die erwähnten Thesen zum regnum Christi, außerdem Mt 12,28; Mc 1,15;

J 3,3ff; 1 C 2,8ff; 12,2ff; 1 P 2,5ff; Ap VII 12-15. Obschon der aion houtos poneros noch nicht abgelaufen ist (1 J 5,19b), gilt G 1,4. Es schiebt sich der aiohn mellohn mit der basileia ton ouranon und mit he ano Ierousalem "herein" (H 9,26; 6,4f; vgl. 12,26ff und 1 C 15,20ff; G 4,21-31). Die Wirklichkeit Gottes im Rettungskampf mit dem poneros sprengt die deistischen Begriffe seit Cartesius und Kant von angeblich absoluter Zeit und absolutem Raum. Deus Actuosissimus verbürgt die ewige Überlegenheit Christi, des Heiligen Geistes und der ekkleesia - was freilich erst in der apokalypsis des Eschaton offenbar wird (aion usw. - in LXX für olam usw.; TWNT I).

 ad d): (totaliter Christus-bezogen, (a); soma kai pleroma tou christou (b).

(a) Die Kirche ist ein Begriff von Person zu Personen und somit ein Verhältnisbegriff konkretester, persönlichster Art. Sie ist so auf den menschgewordenen Gottessohn, den König des ewigen Reiches, bezogen, daß über die Kirche keine Aussage möglich ist, die nicht von Christus ausgeht und der Christus nicht wesensbestimmend gegengeordnet ist (vgl. zu Abschnitt A: Dn 7,13ff entspricht 7,27; dem Herrscher von 2 S 7,13ff und Is 9,5ff entspricht sein Volk Mt 1,21; L 1,32; J 1,11ff; dem ersten Adam folgt der zweite mit "Tholedhothsetzung" R 5,12ff; 1 C 15,21f. Deshalb kann einmal auch "Christus" per synekdochen für "Gemeinde" stehen 1 C 12,12, die von Mt 16,18 her außer ihm "nichts weiß", 1 C 2,2; G 6,14; Kol 2,3).

 

(b) R 12,5; 1 C 12; E 1,15-23 ( soma ... pleroma) in Kol 2,9ff - vgl. mit 1,16ff entfaltet); E 2,14ff; 4,15ff; 5,25ff. 31 (Hohes Lied im AT). Luthers Lied: "Sie ist mir wert".

 ad e): (in der Zeit endzeitlich)

Vgl. d): das Verhältnis des soma zu Welt und Zeit entspricht dem seines Hauptes (nur daß das Haupt - das auch in den Tagen seines Fleisches von keiner Sünde wußte - schon erhöht ist): Christi Ekkleesia ist "in der Welt", aber nicht "von der Welt" (J 17,11ff); (2 C 5,17 par); aber freilich noch im Streit mit dem satanhörigen eigenen Fleisch (R 7,14ff; G 5,17 par) und bedrängt von der Feindmacht (L 14,26ff; J 16,33 par; E 6,11ff; 1 P 5,8f), gleichwohl als harrende Jenseitsgemeinschaft des Sieges und der Herrlichkeit gewiß (R 5,1ff; 8; Ph 3,20f).

 

Nachbemerkung zu These 1:

Da es nur to pleroma der Sache nach gibt und demgemäß Teile nicht abgetrennt werden können, sind alle neutestamentlichen sakralen Ausdrücke, für die man ekkleesia einsetzen kann, volle Synonyma (immer Gottes auserwähltes Volk und Eigentum; im neuen ausschließlichen Sinn: "Israel", die "Beschneidung" - Ph 3,3 - die adelphotes; Gottes Haus, Tempel, königliche Priesterschaft; Christi Braut, Reben; usw.). (Ausnahme 3 J 10)

 

  

Abteilung B

Begriffsbestimmung unter Berücksichtigung der "nizänischen" Eigenschaften

 

These 2 A: Das NT kennt nur die aus allen Völkern a) vom Heiligen Geist b) durch den Zuruf des Evangeliums um das Haupt Christus versammelte c) Gemeinde oder Kirche, nämlich die UNA d) SANCTA e) CATHOLICA f) APOSTOLICA g), die Kirche aller Gerechtfertigten e) , d. h. aller, die den Trost des Evangeliums annehmen, also an Christi Allein- und Vollverdienst glauben; wer nicht glaubt, ist draußen, selbst wenn er getauft ist (Nic., CA VII sq. par f)).

  

These 2 B: (Wortlaut B zwecks Übersicht vorgerückt und zunächst ohne literae, darum später in anderem Druck)

 Diese Kirche ist aber keine platonische Idee. Sie ist in Raum und Zeit, hin und her, an reines Evangelium und recht verwaltete Sakramente angebunden und steht dadurch in der Gestalt der Menschen, die an dies Geschehen angeschlossen sind, konkret und faßbar da. Dies aber so, daß auf der einen Seite alle Ungläubigen, die sich mit um die Gnadenmittel sammeln, ihr nur beigemischt sind und so auch ihre Vollmacht nicht zerstören oder mindern, und daß auf der anderen Seite wahre Gläubige, die in sündlicher Schwachheit äußerlich mit in Sektenbildungen abseitsgeführt worden sind, in einer überdeckten Weise noch zum reinen Wort und Sakrament gehören, indem sie den Anschluß über den nicht durchschauten Selbstwiderspruch hinweg besitzen.

 

Es folgen die Anmerkungen zu These 2 A:

(Vom Einsatz bei der Erfüllungszeit und beim Werk des Hl. Geistes her ergeben sich drei Anmerkungen; vom Nizänum her sind es vier weitere, wobei der ursprüngliche und reformatorische Hauptton auf hagia , also auf e) fällt.)

 ad a): ("aus allen Völkern"):

dies in Übereinstimmung mit dem in Aussicht gestellten Universalismus der messianischenZeit (Gn 12,2f; Is 49,6 par); vgl. J 10,16; 11,52; 12,32; vgl. das Pfingstfest und die Ausweitung zur Heidenkirche in der Apg; R 9,24ff und E 2,13ff. 19ff; 3,6.

 ad b): ("vom Hl. Geist"):

neben These 1 c vgl. J 3,6b; 16,8ff.14; Act 2; 1 C 12,3.13 par.

 ad c): ("durch den Zuruf des Evangeliums um das Haupt Christus versammelte"):

(a) Beachte die Vorrangstellung von dabar und logos sowie rema von J 1,1 an vgl. mit Mt 16,13-19; Abendmahlsstiftung mitsamt Reichs- und Taufbefehl; Weise der Gründung, Erhaltung und Ausbreitung der ekklesiai und ekklesia in Act und Briefen, bes. Act 6,7; 12,24; 19,20 ("das Wort Gottes wuchs").

 (b) Der Zuruf, als wirksamer gedacht, ist es, der die ekkleesia (also auch die ekkleesiai) konstituiert: evangelische kleesis (R 9,22 ff; E 4,3; 1 P 2,9), babtisma (G 3,26ff; E 4,5; 5,26 par; kyriakon deipnon als "neues Testament" 1 C 11,23ff.

 (c) im einzelnen vis dativa des Evangeliums R 1,17; 10, 5-17 par.

 (d) im einzelnen vis effectiva evangelii R 1,16; 1 P 1,23ff par.

(e) beide Funktionen auch zwecks Glaubenserhaltung: J 8,31; R 6; 1 P 3,21; Jc 1,18.21; auch Stellen unter (b), (c), (d)

 ad d): (UNA):

 (a) numerisch eine, somit einzige (unica), da nur ein Haupt ist, E 1,23; 4,3ff. Alle nicht-gläubigen Juden und Heiden, auch alle Abgefallenen, sind "draußen" 1 C 5,12f; Apc 22,15; alle Gläubigen sind drinnen, so daß zunächst für uns auf dem ganzen Erdenrund und heute (sagen wir horizontal) nur diese eine Versammlung Gottes in Betracht kommt.

 (b) durch die Geschichte hindurch, also wie Gott steht, dem von Anfang bis Ende alles präsent ist (sagen wir vertikal), wiederum eine (semper eadem, perpetuo mansura) Mt 16,18; G 4,26; H 12,27f.

 (c) una indivisa J 17; 1 C 1,10; 10,16f; c 12; E 1,23 pleroma; 2,14f; 4,1-16.

 

ad e): (SANCTA):

(a) Nur Gott ist kadosch, hagios in sich; und gegenüber der aus seiner Gemeinschaft entfallenen Sünderwelt ist er es "in Gericht und Gerechtigkeit", indem der unbegreifliche Gnadenbund dem Verdammungsurteil entgegentritt, also ist er der Hagios in "Gesetz und Evangelium". Darum ist vor allem sein Name, sein Offenbarungswort "heilig" (L 1,49ff; 1 P 1,15 par),

 (b) hagiazein ist das dem Namen entsprechende Tun Gottes. Es schließt als Grundlage ein das Urteil der strafenden Gerechtigkeit, die zu vollem Vollzuge kommt, und - entscheidend - die die Gnadenverheißung erfüllende stellvertretende Genugtuung des theandrischen Messias (R 3, 19-28; E 5,25f). Das hagiazein erreicht in dem zueignenden Werk des Heiligen Geistes rettend den (bzw. die) in Christus erwählten Menschen (E 5,26; 1 P 2,9 vgl. mit 1,1f; 2 Th 2,13f. - Heiligung, wie in der Überschrift des 3. Artikels, "im weiteren Sinne" verstanden). Dem Gotteswerk entspricht in sekundärer Weise auch ein menschliches hagiazein, nämlich die von Herzen kommende Anerkennung dieses göttlichen Namens und Tuns, womit der "neue Mensch" in entsprechendem willigen Tun gesetzt ist (1. Bitte; 1 P 3,14 par).

 (c) Die so in Gottes ewige Gemeinschaft zurückgebrachten Menschen heißen selbst kletoi hagioi (so gerade auch entsprechend dem Chasidim des AT); sie sind der wirklich "heilige Rest" (Is 6,13 par), die heilige Kirche. Dies in einem doppelten Sinne: Einerseits haben sie durch das im Glauben an Chrtistus angenommene Rechtfertigungsurteil Anteil an der Heiligkeit Gottes (1 C 6,11), einen Anteil freilich, der ohne die fortlaufende Vergebung keinen Augenblick bliebe (5. Bitte; E 1,7; 1 J 1,7; 2,2). Andererseits wird die noch anhängende Sünde, das ganze entgegenstehende alte Wesen durch den Hl. Geist mittels Gesetz und Evangelium zunehmend überwunden. Dies geschieht aus dankbarer Liebe in eignem blutigernstem Heiligungskampf - ohne den der Glaube verleugnet und vertan würde (Bergpredigt; J 15,1f; R 6-8; G 5,17ff; H 12,14). Diese "Heiligung im engeren Sinne" kommt erst am Ende, also droben, zur Vollendung, und zwar mit einem Schlage (R 8,10f; 1 C 13,12; Apc 21,8ff).

 (d) Nicht Dinge, keine Anstalt, kein Regiment - sondern erlöste Menschen sind nach E 5,25ff Objekt des hagiazein - und Christi Braut. Demgemäß darf auch "communio sanctorum" - Zusatz zum Romanum - bei aller nötigen Betonung von Wort und Sakrament nie einseitig so gedeutet werden, daß schließlich "heilige Dinge" die heiligen Personen (die in Christus alles miteinander teilen) verdrängen und äußerliche Teilnahme an den Gnadenmitteln alles bestimmt.

 (e) Die Versammlung und Sammlung, von der allein gesagt wird, daß sie Christi Leib ist, ist die aller Gerechtfertigten, d. h. aller den Trost des Evangeliums Annehmenden, an Christi Allein- und Vollverdienst Gläubigen, keiner anderen Personen (pisteusantes, sozomenoi, pisteuontes ab Act 2; kletoi hagioi par in Briefanreden; R 4 par).

 ad f): (CATHOLICA):

katholike betont - von litera 'a' aus - die allgemeine Kirche so, daß, wer zu Christus gehört (deshalb im Mittelalterlichen und Reformatorischen: "christliche"), wo immer er sei, ohne weiteres vollberechtigt zu ihr gehört. Dies gilt gegen alle Sonder- und Sonderungsansprüche, sei es des jüdischen Partikularismus, sei es derjenigen, die jeweils von ihrem Schisma, oder gar von ihrer Häresie ausgehen (gegen letztere steht sogleich apostolike).

 ad g): (APOSTOLICA)

Apostolizität von J 17,20; Mt 28,18ff par; G c. 1 und 2 par; E 2,20 par; Apc 21,14 her - involviert heute die Bindung der Kirche an die "prophetischen und apostolischen Schriften alten und neuen Testaments" (de reg. Ep § 1; SD § 3), und zwar als de facto - im Sinne von

CA VII § 1 c - regierend (in Abs. C und E gegenüber dem Gegensatz weiter zu behandeln).

 

Nachbemerkung zu These 2 A:

 

(a) Es ist zu beachten, daß die lutherischen Bekenntnisstellen an sich schon einen großen, umfassenden Gegenwurf darstellen - vor allem gegen Roms Behauptungen de ecclesia, die es mit brachialer Gewalt durchzusetzen suchte (N-R §§ 340ff; Denz. §§ 468f), daneben aber auch gegen zwei schwärmerische Meinungen von der Kirche, nämlich:

  1. Gleichsetzung der allerdings nur aus Heiligen bestehenden Einen Kirche mit einer sichtbaren "Gemeinde der Heiligen" (Heiligungssekten),
  2. Aufspaltung des Begriffes der Kirche in einen auf unmittelbare Wirkung des Heiligen Geistes zurückgehenden coetus electorum einerseits, und in eine gesetzlich verfaßte, mit christlich regiertem Staat fast zusammenfallende sichtbare Kirche andererseits (Calvinismus).

 (b) Vgl. CA VII/VIII; Ap VII; KK und GK: 3. Art. (s. GK II §§ 42.51-56); AS 2, IV §§ 1.9;

3 VII § 1; 3 XII; Tract § 24 SD X 31; XII; auch das Ekklesiologische in den Vorreden und Einschaltungen zur FC und im Sum. Begriff.

 (c) Es sei nachgebracht eine auf Th. 2A und B bezogene Aufgliederung von ApVII (Verteidigung des biblisch-reformatorischen Verständnisses der 4 nizänischen Bestimmungen zu ekkleesia in CA VII/VIII); A (§§1-29) SANCTA CATHOLICA APOSTOLICA 

  1. (§§1-8) Das einschränkende Verständnis von S A N C T A - Versammlung lediglich aller "Gläubigen" - wird gegen die falsche fleischliche, völkerumfassende Weite der Confutatio aufrechterhalten, und zwar ohne falsch spiritualisierende Preisgabe der echten "notae externae" ("in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta") und der damit notwendig gegebenen "societas externa", indem der grundsätzlichen Beschränkung zum Trotz lt. Mt 13,24ff.36ff "in hac vita" (CA VIII) mit der Anwesenheit von Heuchlern, auch im Lehrstand, wenn nicht gar der von mali, stets gerechnet wird, durch die gleichsam "hindurchzuschauen" ist.
  2.  
  3. (§§9-19) C A T H O L I C A wird (geistlich im Sinne von "Versammlung aller Gläubigen" verstanden) gerade so gegenüber dem nicht minder weltweiten Satansreich in genuiner Weite gewahrt, wodurch die römische gesetzliche "Veranstaltlichung" unter dem Papst als falsche Enge, ja antichristlicher Partikularismus, zurückgewiesen werden kann.
  4.  
  5. (§§ 20-29) Auch APOSTOLICA, ecclesia als columna veritatis - neben SANCTA das entscheidende Epitheton - kommt so zum Ziel. Das entspricht der Schiedsrichterstellung, die die Augsburgischen Näherbestimmungen "pure" und "recte" (in CA VII, § 1 c) dem Herrn der Kirche selbst kraft der prophetischen und apostolischen Schrift, nicht aber einer institutionellen Lehrspitze der Kirche eingeräumt hatten. Es geschieht so, daß abgrenzend auf die Gnadenmittelgabe von oben, auf die unverfälschten notae der ekklesia, auf puram doctrinam evangelii et rectam administrationem sacramentorum, allein gesehen wird. Dies tritt in Gegensatz zu dem in Rom voll ausgebildeten Zerrbild mit Vermischung von Gesetz und Evangelium, Himmelreich und Weltreich, freilich auch zu sonstigen schwärmerischen Gestaltungen vermöge menschlicher Eigenwilligkeit und Apostasie. (Im Hintergrund steht die Bulle "Unam Sanctam" und das kanonische päpstliche Recht.)

 

B (§§30-50) U N A   A P O S T O L I C A   ECCLESIA

Konzentrierung auf das Einheitsproblem

 

  1. (§§30-37) In Fortführung des Vorherigen (speziell unter Rückgriff auf "una ... perpetuo mansura" und unter Unterordnung der "externa societas") werden "vera unitas ecclesiae" und ihre richtige äußere Wahrung nach CA VII, bes. § 2ff verteidigt.
  2.  
  3. (§§38-46) Zusätzliche Abfertigung der von der Confutatio hochgespielten "apostolischen Universalzeremonien". (Im Hintergrund steht der Anspruch des ganzen hierarchischen Überbaus und Rechtes.)
  4.  
  5. (§§47-50) Der UNA APOSTOLICA entspricht dabei folgendes: Meiden der "antichristi" und ihres Anhangs, nicht aber Schisma wegen priesterlicher Lebensgebrechen, die ja nie die efficacia mediorum salutis, die Basis der Feststellung der ekklesia und ihrer Einheit, affizieren.

 

J e t z t   e r s t  kommt 2 B zur Behandlung.

 

 These 2 B: Diese Kirche ist also keine platonische Idee. Sie ist in Raum und Zeit hin und her an reines Evangelium und recht verwaltete Sakramente angebundenh) undsteht dadurch in Menschen, die an dies Geschehen angeschlossen sind, konkret da i). Dies aber so, daß auf der einen Seite Ungläubige, die sich mit um die Gnadenmittel sammeln, ihr nur bei gemischt sind j) und so auch ihre Vollmacht nicht zerstören oder mindern, und daß auf der anderen Seite wahre Gläubige, die in sündlicher Schwachheit äußerlich mit in Sektenbildungen abseitsgeführt worden sind, in einer überdeckten Weise doch noch zum reinen Wort und Sakrament gehören, indem sie den Anschluß über den nicht durchschauten Selbstwiderspruch hinweg besitzen k).

 ad h): ("angebunden")

Vgl. Th. 2 Ac und Abschnitt C

 ad i): ("konkret da")

Vgl. neben Th. 1 Anmerkung ad a) und b), auch noch Act 4,32; 1 C 10,16f; 12,13; Ap VII 3-5, 10.20ff. und im einzelnen wieder Abschnitt C, auch D.

  ad j): ("beigemischt sind")

Vgl. CA VIII; W2 V, 1234f; Ap VII, 1ff. 13 - 19.

Zur Kirche als der "Versammlung der Gläubigen" gehört:

 (a) kein Verächter der Gnadenmittel; Mt 10,14; 22; H 4; L 7,30; J 8,47;

 (b) kein den Grund umstürzender Irrlehrer, auch kein mutwilliger Verteidiger irgendeiner Irrlehre, kurz, kein Rebell gegen Christi konkretes, durch die Apostel und Propheten gegebenes Wort, J 10,26f; 2 Th 2,3-12; Ti 3,10; 1 J 2,18-23;

 (c) keiner, der in Sünden wider das Gewissen lebt, auch der Lebensheiligung nicht nachjagt: Lasterkataloge; sedes de excommunicatione; vgl. Th. 2 Ae;

(bb) und (cc): kein wegen (b) oder (c) in den Bann Getaner: Mt 18,15ff; J 20,23; 1 C 5,1ff par; (d) keiner, der nicht von Herzen an seinen Heiland glaubt. Christus hat so wenig "tote Glieder", als er einen toten Leib hat: Mt 25,1-13; Th. 2 Ae.

 ad k): ("zum reinen Wort und Sakrament" "gehören in einer überdeckten Weise" usw.): - Über Mc 16,16 par und 1 T 3,15 hinaus vgl. Abschnitt E.

 

Nachbemerkung zu These 2 B:

 Das äußere Versammeltsein um die Gnadenmittel des Heiligen Geistes, das an sich noch nicht zu Mitgliedern der Einen Kirche Jesu Christi macht, ist keineswegs nebensächlich, sondern gehört zum Weg, auf dem das innere, vom Heiligen Geist gewirkte Versammeltsein zustande kommt, bestehen bleibt und sich dauernd äußert (s. die folgenden Thesen). Die Glaubenskirche ist umfangen von der "Wort- und Sakramentskirche" (der auch Heuchler und Böse äußerlich angehören), so wie der Baum in seiner Rinde wächst. Von der societas fidei et spiritus sancti in cordibus ist in dieser Zeit untrennbar die externa societas signorum ecclesiae (CA VII § 1c; VIII; Ap VII 3,5 par), der coetus vocatorum (Einstieg zur ecclesia in den Loci Melanchthons seit 1535).

 Der Beleg liegt im Verhältnis der ekklesia zu den ekklesiai (da erstere nie ohne letztere ist, und letztere nie abstrakt, nur ideemäßig da sein können.

Vgl. Diagramm: Eckpfeiler Christi media salutis in operatione; Rechtwinkel societas externa unter ihnen; Kreis congregatio vere credentium; ch = Christus.)

[Gnadenmittel Christi]

 

 

Abteilung C

Sonderbehandlung des punctum saliens, der hörbar-sichtbaren Wortbezogenheit in der tief verborgenen Glaubenskirche (notae, per se purae)

 

These 3: Der Eine Leib des erhöhten Hauptes Christus wird vom Heiligen Geist nur durch das eine Evangelium (in jeweiliger, auch sakramentlicher Form) gesammelt und auch nur so unaufhörlich im Glauben vor ihm versammelt a) . Allein der Kirche Christi - dieser freilich, wo immer sie ist - ist die Predigt des Evangeliums anvertraut worden. D. h.: ihr sind die Schlüssel des Himmelreichs vom Herrn anvertraut worden b), und zwar einerseits zur uneingeschränkten Handhabung nach innen, gerade auch durch ihr geistliches Amt c); andererseits zum Missionsdienst nach außen d). Als pneumatische Größe inmitten der Geschichte ist die ekkleesia (unbeschadet aller ihrer Ausstrahlungen in die Lebensführung, ja in die Welt) stets nur an den örtlich im Schwange gehenden reinen Gnadenmitteln mit Gewißheit zu erkennen e).

 

ad a): ("durch das Evangelium berufen")

(a) R 10,14f.17; E 5,26; 1 P 2,2ff.9; alle kalo- und akouo- Stellen - dauerndes Hören nötig: J 8,31; Jc 1,18ff;

 (b) Vis dativa mediorum salutis: J 8,51; R 10,5ff - et effectiva: Is 55,10f par; L 8,1ff; J 3,3 ff; 1 P 1,23; Jc 1,18;

 (c) Es geht um das wahre, eine, nämlich das uns durch die Apostel und Propheten in der Hl. Schrift gegebene Wort Gottes (J 17,20; 2 T 2,14-17); in der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium geht es um das eine Evangelium (G 1,8f) als das Gnadenmittel in allen Gnadenmitteln; so sammelt und erhält der Hl. Geist auch die ganze Christenheit auf Erden, "bei Jesu Christo im rechten einigen Glauben" (mia pistis E 4,5). Einzelheiten folgen im Abschnitt E.

 ad b): (ekkleesia die Schlüsselträgerin)

Mt 16,19 vgl. mit 18,18; J 20,22f vgl. mit 14,12; Mc 16,15 vgl. mit 16,17; Mt 18,18f vgl. mit V. 20 - G 4,26ff; E 4,7-16; GK II 42.51ff; Tract §§ 24.67ff; AS 3 VII 1.

 ad c): ("gerade auch durch ihr geistliches Amt")

Das die Kirche bauende, direkt von Gott gestiftete Amt (Act 20,28; 2 C 5,18.20) ist zugleich Geschenk an die Kirche, sagen wir in diesem Sinn ein ekkleesia- Charisma (R 12; 1 C 3,21ff; 12,28f; E 4,7-16; 1 Th 5,12-14). Die admixti hypocritae et mali heben die Wirksamkeit der Gnadenmittel nicht auf, selbst wenn sie, wie Judas, Diener am Wort sind (CA VIII par). Wie die Kirchentätigkeit in der Amtstätigkeit kulminiert, werden die Amtsthesen weiter klarstellen.

 ad d): ("zum Missionsdienst nach außen")

Der Reichs- und Missionsbefehl Mt 28,18ff par gilt der Kirche über die Zeit der einmaligen Apostel hinaus bis zum Jüngsten Tage gegenüber der ganzen verlorenen Menschheit - 1 P 2,9 par; 1 T 2,4.

 

ad e): (die funktionierenden Gnadenmittel des Hl. Geistes sind die einzigen zuverlässigen Erkennungszeichen der tief verborgenen ekkleesia)

 (a) L 17,20; 2 T 2,19; Ap VII 19f; Schmid 7, S. 436ff;

 (b) vgl. ad a, ( ): Act 6,7; 12,14; 19,20; 2 C 2, 15f par;

 (c) Die der Einen Kirche wesenseigene Apostolizität kann auch zu Zeiten nicht sichtbar festzustellen sein (Schmid § 56 n 17).

 

  

Abteilung D

ekkleesiai (ecclesiae simplices et compositae hier besonders behandelt).

 

These 4 A: Die örtliche ekkleesia tou theou im NT entspricht wesensmäßig dem Gesamtbegriff der ekkleesia tou theou (Die Verbindung mit dem einen Haupt Christus erzwingt qualitative oder Wesensidentität. Dies ist trotz quantitativer Diskrepanz die Meinung des jeweiligen Genitivs bzw. Lokativs.)

 

 These 4 B: Da die, die selig werden, zur Einen Kirche gehören, und es neben ihr keine andere gibt, so ist auch die Kirche am Ort, sofern sie - unbeschadet der Zufälligkeiten gesellschaftlicher Einfügung - Kirche und nicht eine diesen Namen usurpierende soziologische Erscheinung ist, eben diese Kirche, und zwar so, wie sie am Ort als vorhanden festgestellt, d.h. in örtlicher Funktion gesehen wird. Demgemäß ist die vom Heiligen Geist durch die Gnadenmittel bestimmte Ortskirche nicht ihrem Wesen nach eine historische diesseitige Größe, sondern sie ist Einbruch der einen überweltlichen Kirche an dem betreffenden Ort. Unbeschadet aller admixti besteht auch sie nur aus Gläubigen. Ungeachtet ihrer sichtbaren Versammlung, auch der inneren Qualität ihrer Amtspersonen, des Zeitraums ihres sichtbaren Bestandes, der Gebäude, des Rechtsstandes, usw. ist auch sie allein erkennbar am im Schwange gehenden wahren Wort und Sakrament Jesu Christi.

 

(Die Anm. 1 - 11 behandeln, mit Sprachgebrauch 1 beginnend, nacheinander Größe 2, Geistlichkeit3, Feststellbarkeit 4, synekdoche im Blick auf die Personen 5, media salutis amplectentes 6, Schlüssel- 7, Dependenzfrage 8 , Organisation 9, Schwergewicht der Feststellbarkeit 10, definitiones der Loci Melanchthons und Gehards11.)

 1. Anm.: Zum Sprachgebrauch von ekkleesia und ekkleesiai studiere man die Konkordanzen und vergleiche Cremer-Kögel unter kaleo sowie das ThWNT III 502ff (505/508f/512f/515f/519ff/ 522ff/531ff). Man übersehe auch nicht die vielen synonymen Bezeichnungen für das neutestamentliche messianische Gottesvolk.

 2. Anm.: Das einzige, was über die Größe der Ortsgemeinde gesagt werden kann, ist, daß sie versammelbar und irgendwie von einem Ort aus bedienbar ist (Act 14,27f; 15;1 C 14,23.35 usw.). Im übrigen umschließt mit Ortsbezeichnung das NT sowohl Hausgemeinden, meist wohl Unterabteilungen von Stadtgemeinden (R 16,5; 1 C 16,19; Kol 4,15; Phm 2), als auch Erweiterungen über eine einfache Ortsgemeinde hinaus (1 C 1,2b; 2 C 1,1b). Bei der modernen Beweglichkeit der Bevölkerung empfiehlt es sich, dem Ausdruck ecclesia simplex den Vorrang vor ecclesia localis zu geben. Im NT kann der partikulare Gebrauch von ekkleesia, ekkleesiai Orte gegen Orte stellen (2 C 11,8; 12,13; Ph 4,15 usw.), im Sg. über verschiedene Orte unter Verwendung von Provinznamen mit kata hinweggleiten (Act. 9,31 nach bester Lesart) oder dem Pl. Provinz Genitive beifügen (G 1,1.22; 2 C 8,1 usw.), was alles die Unterordnung des quantitativen unter ein qualitatives Denken beinhaltet, wie wir sie von Anfang an betonten.

 3. Anm.: Zum pneumatischen (auf vere credentes beschränkten) Charakter auch der Ortsgemeinde vgl. nochmals die pisteuontes- sozomenoi- Stellen in der Apostelgeschichte und die Anreden der paulinischen Gemeindebriefe und der katholischen Briefe (1 P 1).

 4. Anm.: Da niemand sehen kann, ob der andere glaubt, sind Umfang und Grenzen der Einen  Kirche am Ort nie sichtbare Gegebenheiten, vielmehr ist die Gewißheit ihres Dortseins nur durch die untrügliche Verheißung der Gnadenmittelwirksamkeit gegeben (Beweis in Th. 3). Die nur aus den NOTAE erkennbare Kirche - das schließt die Ortskirchen ein - ist also nicht sichtbar wie die Republik Venedig (Bellarmin, De ecclesia militante, lib. III c II § 9). Sie ist aber auch nie und nirgends ein freischwebender coetus electorum, welcher nec signis dignoscitur (Calvin, Cat.Gen.I, Collectio Niem. p 36). Die Kirche ist in diesem Äon abscondita und doch örtlich faßbar. Die vom "common sense" geprägten Begriffe diesseitiger Sichtbar- und Unsichtbarkeit müssen sich pneumatischem Denken einfügen, ehe sie irgendwie verwendbar sind.

 5. Anm.: [ Synekdoche im Blick auf die Personen]

Ein Cave, das folgt: Aus diesem discrimen personarum bei widerstehbaren Gnadenmitteln (Mt 23,37) und verlierbarem Glauben (L 8,5f), aus der Begrenzung der Kirchenzucht auf offenbar Unbußfertige (Judas; Mt 18,15ff; 1 C 5 - indirekt auch Mt 13,24ff), desgl. aus dem realistischen Bild der apostolischen Gemeinden ist es offenbar, daß admixti hypocritae et mali als socii, ja als membra ecclesiae secundum externam societatem signorum ecclesiae (hoc est, verbi, professionis et sacramentorum ... externarum rerum ac rituum, Ap VII 3ff) nicht nur immer vorkommen werden, sondern daß der Versuch reinlicher Scheidung der Geduld Jesu Christi widerspricht. Auch am Ort ist demgemäß die ekklesia nicht Seh-, sondern Hörartikel. Das empirisch abgrenzbare corpus mixtum trägt den Kirchennamen nach Gottes Willen synekdochisch (unter dem Vorbehalt von 1 J 2,18f; R 8,9), d. h. so, daß die Benennung von der eigentlichen Kirchenqualität (Wort und Glaube) her erfolgt und nur die wirklichen sancti die Träger des kirchlichen Auftrages sind (Luther, WA 40,1,S.68f; W 2 IX,42ff; Gerhard, ed . Preuss, 1. de eccl. XXII § 65.79.151).

 6. Anm.: Den Namen ecclesia über den Kreis der media salutis amplectentes

(Melanchthon) auszudehnen im Sinne eines grundsätzlichen Volkskirchentums, verstößt gegen die Zusammenhänge von R 10,14-17, ja des ganzen NT. (Vgl. neben Abschnitt C das Buch von Vicedom "Das Dilemma der Volkskirche" 9).

 7. Anm.: Wie der einen Kirche überhaupt, so sind (ohne daß Gott dabei die admixti mali beachtete) eben der einen Kirche am Ort die Schlüssel des Himmelreiches in vollem Umfang und in jeder Hinsicht anvertraut, und zwar zur Verwaltung nach innen und außen, in Kultus und Mission (Mt. 18,15-20; 1 C 5; 2 C 2; Ortskirche als Leib Christi: R 12; 1 C 12; "Einigungssätze" II A These 2 B) [Luth. Rundblick 1970 S. 12f.].

 8. Anm.: Die Behauptung einer iure divino notwendigen Dependenz funktionsfähiger Ortskirche von anderer (oder anderen) Partikularkirche(n) oder vom hierarchisch übergeordneten Amt, welches das ökumenische Amt der Apostel direkt fortsetze, ist mit der qualitativen Einheit der Einen Kirche und der grundsätzlichen Gleichheit ihrer Diener (ministri) unvereinbar (AS 2 IV 1.9; Tract 1ff; 67ff).

 9. Anm.: Was an Organisationsform a priori von Christus vorgesehen ist, ist durch die Stiftung der Schlüssel und des öffentlichen Predigtamtes (2 C 5, 18-20; Act 20,28) und durch die Weisungen zwecks Ordnung 1 C 11; 13 und 14,40 und die nie aussetzende Bindung an die Liebe angezeigt. Alles Weitere ist sachgemäßer freier Entfaltung anheimgegeben (CA VII,2ff; Ap VII,30ff; CA XIV; V; XXVI; XXVIII).

 10. Anm.: Die örtliche Feststellbarkeit der Kirche ist nicht ein bloßer gebotener Rückschluß, sondern hat folgendes Schwergewicht: Der Getaufte, Gläubige ist zum ewigen Heil der einen Kirche eingefügt, und dies gerade am Ort (daher das Gewicht der örtlich verwalteten Schlüssel, Mt. 18,18); die eine Kirche dient ihm, und er dient der einen Kirche sogleich am Ort (vgl. 1 C 12; R 12; auch E 4,16 "das alles in der Liebe; 1 T 3,15); die pneumatisch-leibhaftig funktionierende Ortsgemeinde "repräsentiert" nicht nur die Una Sancta, als sei sie nur der Saum des Gewandes der Herrin, sondern sie ist die Eine Braut Christi am Ort und steht (sofern orthodoxa) eindeutig in der traditio spiritus sancti, in dem kontinuierlichen Werk des Hl. Geistes durch Gnadenmittel und Glauben (Mt. 18,20; 1 C 3,21-23, usw.).

 11. Anm.: (definitiones der Loci Melanchthons und Gerhards)

Aus dem gemischten Zustand der örtlich gezeichneten Kirche ergibt sich die Möglichkeit, mit Melanchthons Loci (ab 1535) gegen die widertäuferische "sichtbare Gemeinde der Heiligen" zu sagen: "Wenn wir an die Kirche denken, sollen wir immer die Versammlung der Berufenen vor Augen haben, die die sichtbare Kirche ist, und sollen die Erwählten nur in dieser sichtbaren Versammlung suchen wollen."

So kann man mit Gerhard (L.Th. XI 81, ed. Preuss, Bd. V p 307 1. XXII § 69) die Definition der Kirche gleichsam "von rückwärts" beginnen, indem man beim corpus mixtum externum einsetzt, um zum corpus spirituale, der Braut Christi und Schlüsselträgerin selbst, zu kommen. Gerhard beginnt: "Der Name 'Kirche' wird zuweilen allgemein (generaliter) gebraucht [für den gemischten Haufen, in dem alle, die nach ihrem äußerlichen Bekenntnis zum Hören des Wortes und zum Gebrauch der Sakramente sich versammeln, für Glieder der Kirche gehalten werden], zuweilen wird er aber auch besonders (specialiter) und eigentlich (proprie) für die Schar der wahrhaft Wiedergeborenen und Erwählten in jenem Haufen gebraucht, die allein Gott, dem Erforscher der Herzen und Sinne, bekannt sind." Aber Gerhard (loc.cit.) stellt sofort klar: "Nequaquam introducimus duas ecclesias sibi invicem oppositas, ita ut visibilis et invisibilis ecclesiae sint species contradistinctae, sed unam eandemque ecclesiam respectudiverso visibilem et invisibilem esse dicimus" - wobei die Unterscheidungen large und proprie nebeneinander genauer wären. Vertreter der lutherischen Reformation der Kirche halten stets konsequent am proprie von CA VIII und Ap VII, 10ff fest. Angesichts der alles überflutenden de-facto-Gleichsetzung von Kirche und Welt im röm. und griech. Katholizismus und im entarteten Protestantismus und angesichts der drohenden Zeichen der letzten Zeit ist es weise, mit dem NT und mit Luther die Definition von der eigentlichen Kirche aus zu beginnen. Dies dient zur besseren Überwachung der sonstigen Begriffsbildung von der einmaligen ekklesia- Qualität aus.

  

These 5: Infolge des einen Hauptes ist, sofern das gleiche reine Wort und rechtverwaltete Sakrament regieren, koinonia und kirchliche Zusammenarbeit der Ortskirchen untereinander von Gott her gegeben (Act 8; 11; 15; 2 C c 8 und 9; E 4, 3-6). Dabei ist freilich freiwilliges organisatorisches Ineinander und sogar Dependenz möglich, meist sogar ratsam, manchmal erforderlich, aber die bloße Ordnung ist nie das für die kirchliche Qualität und für die Einheit Entscheidende (SD X,9; AS 2, IV,9; CA XXVIII, 21-28).

 

(Die Anmerkungen 1 - 6 behandeln nacheinander: koinonia bei NOTAE PURAE zwischen ekklesiai selbstverständlich 1, sonst Schisma 2 , mancherlei rechtliche Verhältnisse möglich 3, Doppelbezug zu Gnadenmitteln entscheidend 4, keine rechtliche Dependenz in spiritualibus gottgesetzt 5, Generalmonitum 6.)

 1. Anm.: Nur die NOTAE PURAE, d. i. die reine Predigt von Gesetz und Evangelium und die nach Christi Einsetzung verwalteten Sakramente weisen die Eine wirkliche Kirche Jesu Christi jeweils am Ort genügend aus, stellen den entscheidenden Bezug der ecclesia particularis zu dem Einen Heiligen Geist und zu dem einen Haupt der Kirche sicher. Deshalb sind, einerlei wie das kirchenrechtliche oder organisatorische Verhältnis zueinander als bloßes Mittelding gestaltet oder nicht gestaltet sein mag - wenn nur die Liebe waltet -, alle Ortsgemeinden reiner Kennzeichen in Wirklichkeit eine orthodoxe oder apostolische Kirche. Sie sind zu gegenseitiger Gewährung der Kirchengemeinschaft - die unter dem Vorzeichen der Einen Kirche stets ungeteilt ist - mit allen ihren Konsequenzen verpflichtet.

 2. Anm.: Zwischen rechtgläubigen Ekkleesien ist jegliche Verweigerung der Kirchengemeinschaft Schisma und damit schwere Sünde (1 C 1,10; 12,13 - 13,7; 3 J 9f; CA VII 2f).

 3. Anm.:Findet die Zusammenarbeit in sacris rechtlichen Ausdruck, so entstehen kirchliche Großraumgebilde, die den primären Gemeinden, ecclesiis simplicibus, beigeordnet oder auch íure humano übergeordnet sind. Sofern sie selbst als Dachorganisationen nicht regelmäßig um Wort und Sakrament zu versammeln sind, sind sie den primären Versammlungen gegenüber sekundär und würden ohne jene regelmäßigen Versammlungen um des Heiligen Geistes Gnadenmittel des Ausweises als Kirche ermangeln.

Der gewissenhafte Theologe hat demgemäß gegenüber dem kirchlichen Anspruch aller Größeren kirchlichen Gestaltungen besonders wachsam zu sein, einerlei, ob es sich um selbständige ecclesiae compositae oder um "Bünde" (foedera) zusammenwirkender Kirchen handelt. Es ist nicht nur schwer, für große Zusammenschlüsse geeignete Organisationsformen zu finden - weshalb in dieser Hinsicht im lutherischen Raum eine bunte Vielfalt der Kirchenverfassungen und -ordnungen je und je bestand und noch besteht -, sondern die größeren Raumverhältnisse stiften infolge der Unübersichtlichkeit leicht auch Verwirrung, dies gerade hinsichtlich des Bezuges zum Schlüsselauftrag. Auch bieten sie dem Machtstreben der admixti mali und des alten Adams einen entsprechend stärkeren Anreiz. Gerade der Einbruch von Irrlehre geschieht besonders leicht von unübersehbarem Großraum aus. Grundsätzlich muß ganz abgesehen von Tendenzen stets gefragt werden: Wird seitens des Großverbandes die eine Kirchenqualität respektiert, wie sie auch an jedem Ort vorliegt, wo man sich regelmäßig um die media salutis versammelt? Ferner: Kann ich als Christ gewiß sein, daß die kirchliche Größe, die auf mich und meine Ortsgemeinde einwirkt, hierzu in dem jeweils nötigen Umfang die Schlüsselvollmacht besitzt - sei es nun durch klare Übertragung seitens eindeutiger Ekklesien, oder sei es durch Verhältnisse, die einen wirklich gemeinsamen, an allen Orten Wort und Sakrament verwaltenden, "Oberhirten" gestatten, also durch noch gegebenen eigenen unmittelbaren Kirchencharakter? Falls mehr als Zweckverband vorliegt und Zusammenwirken bei den Schlüsseln gegeben ist, lautet die Frage: Herrscht im Großraum das Bekenntnis de facto?

 4. Anm.: Aus der bisherigen Darlegung ist klar ersichtlich, daß die Kirche Christi örtlich - sowohl als simplex als auch als composita - festgestellt und als handlungsfähig ausgewiesen wird durch einen doppelten Bezug auf die Gnadenmittel. Die Christen versammeln sich um dieselben einerseits, um aus diesem Gnadenquell selbst geistlich zu leben, und andererseits nicht weniger zu dem Zweck, um den Dienst der öffentlichen Verkündigung des Wortes und der Verwaltung der Sakramente aufzurichten. Dies ist der Doppelsinn des Relativsatzes CA VII § 1 c: In qua ... (vgl. auch These 3). Dies muß auch bei den größeren ecclesiae particulares festgehalten werden.

Staatliche oder staatsähnliche Organisationen besitzen demgemäß als solche nie Kirchencharakter; ebensowenig sozial bestimmte Clubs, Vereine usw., ganz einerlei, ob wahre Christen in ihnen die bestimmenden Personen sind und welchen frommen Nebenzweck sie verfolgen. (Von Notfunktionen ist hier allerding sabgesehen.)

 5. Anm.: Klar ist aus dem Wesen der einen ekkleesia tou theou en Christo Iesou, daß der größere Verband oder ein Amt in ihm die Schlüssel nicht in rechtliche übergeordneter Weise besitzen kann (da dies der Verbindung der Kirche an jedem Ort mit dem ungeteilten Evangelium widerspricht, Tract. § 67f). Ferner ist selbstverständlich, daß das stets örtlich gegebene Verhältnis des eingestifteten öffentlichen Predigtamtes in und zur ekklesia tou theou auch im weiteren Rahmen einer zwischen- oder übergemeindlichen Tätigkeit intakt bleiben muß (Ap. XXVIII, 14.18-20; Tract. 8.11). Zum ganzen Leitsatz vgl. auch "Einigungssätze" III B § 3, ferner im Blick auf die Vereinbarungen mit der hessischen Diözese das "Dokumentararchiv, Erste Folge" (aus Luth. Rundblick 1954, S. 94-109; - jetzt: 1/1970, S. 8.11-16; 20-44).

 

6. Anm.: (Allgemeines Monitum)

Da die örtlich begrenzte Kirche, sei sie kleineren oder größeren Ausmaßes, stets nur durch die Eine Kirche in ihr Kirche ist, so handelt sie kirchlich gültig nur als die an ihrem Ort oder an ihren Orten versammelte und tätige Eine Kirche. Nur striktes Una Sancta-Handeln ist kirchlich. Weltliche Rechtsvollmacht ist dabei belanglos. Damit sind grundsätzlich ausgeschlossen

 a) sowohl Caesareopapismus, alle Übergriffe des Weltreichs auf die Kirche, sie einzuebnen und dienstbar zu machen, als auch

 b) Papocaesarismus, alle Übergriffe sogenannter Kirche auf die Sphäre zur linken Hand - wenn diese METABASEIS EIS ALLO GENOS damit natürlich auch nie aus dem Geschichtsablauf ausscheiden. Weicht eine ecclesia particularis ab von der ano kleesis, ihrem Ruf und Beruf von oben her und nach oben hin, so bedeutet das tiefe Verderbnis - außer bei "gelegentlichem Versehen" besonders auf Grenzgebieten. (Vgl. CA XXVIII par, auch "Einigungssätze" III B, 3 C, bes. Belege 101-104 und 120-122.)

 

 These 6: Die Verwaltung der Schlüssel involviert stets und überall die evangelistische und missionarische Tätigkeit nach außen (vgl. den apostolischen Urberuf an Paulus, Act 26, 16-18; 2 C 5,14f vgl. mit Vers 20, R 15,19ff; 1 T 2,1-7, ferner Christi letzten Reichsbefehl, nicht nur an die Apostel und an die Diener am Wort, sondern an alle Christen gerichtet, sowie Mt 5,13-16; 1 P 2,9). Christen, Gemeinden, Pastoren, Kirchenkörper, die nicht Missionare sind, sind contradictiones in adiecto, verleugnen den Weltheiland, vergraben ihr Pfund (L 19,11-27 - vgl. oben Thesen 3,d; 4, Anm.7; 5, Anm.4).

 

(Die drei Anmerkungen betreffen die Frage, wo die Mission immer freie Bahn hat 1, wo jedoch eingriff in fremdes Amt zu vermeiden ist 2 , und die sog. "Durchdringung der Welt mit den Kräften des Evangeliums" 3.)

 1. Anm.: Keine kirchliche Organisation hat ein Recht, solche Personen, die sie gar nicht geistlich versorgt, die bei ihr keine amplectentes media salutis sind, gegen christliche Mission zu schützen, einerlei welcher Vorwand etwa der Priorität oder der territorialen Abgrenzung vorgebracht wird.

 2. Anm.: Keine Gemeinde oder Kirche hat das Recht, sich über das gottgesetzte seelsorgerliche Verhältnis, das bei wirklichen amplectentes media salutis bereits besteht, hinwegzusetzen. (Näheres in der Pastoraltheologie unter dem Begriff des "Eingriffs in ein fremdes Amt".

 3. Anm.: Die legitime "Durchdringung der Welt mit den Kräften des Evangeliums", wofür das Sauerteiggleichnis (Mt 13,33) gern herangezogen wird, geschieht nicht so, daß kirchliche Organisationen direkt als politische Gegebenheiten auftreten und Druck ausüben, mit denen Regierende oder im öffentlichen Raum Mächtige rechnen müssen (und je nach ihrer Einstellung es so oder so auch tun), sondern sie besteht in dem sauerteigartigen Einfluß der christen, der, vermöge ihrer aus PISTIS fließenden AGAPE, auf die Umwelt ausstrahlt. Dazu kommt das "non possumus" der Christen, die sich weigern, gegen Gottes Gebot zu handeln, und das öffentliche Zeugnis der Kirchen gegen Vergewaltigung des Gewissens. (Vgl. "Einigungssätze" III A, 3 C, bes. die Belege 117-199 auf S. 66f der Vollausgabe, 1/1970, S. 143.)

 

 These 7.: Wo immer die Kirche an des Heiligen Geistes lauteren Gnadenmitteln festgestellt wird - ob in einer ursprünglichen oder in einer abgeleiteten, erweiterten, eine Reihe von Ortsekkleesien zusammenfassenden ecclesia particularis - ist koinonia coram Deo zu glauben, nämlich daß die Gläubigen, indem sie von Christus her und zu Christus hin leben (E 4), dadurch miteinander unter Christi Herrschaft und in seinem Dienst in innigster Liebe verbunden sind (R 12; 1 C 12; 3 J). Daraufhin ist koinonia auch gegenseitig zuzuerkennen und in Wort und Tat zu üben - d. h. in jedem Normalfall unter dem Vorzeichen der ECCLESIA APOSTOLICA (s. unten E). Nach der Liebe ist dabei jeder Mitbekennende für einen Christen zu halten, solange er nicht das Gegenteil beweist (und dadurch eo ipso Anlaß zu einem Kirchenzuchtsverfahren gibt). Die gegenseitige brüderliche Anerkennung geschieht normalerweise in und zwischen örtlichen Gemeinden (Einzelbegegnungen, die sich als solche gleichwohl auf volle kirchliche koinonia zuspitzen, bleiben stets ein Sonderfall) und ist als Kirchengemeinschaft ungeteilt, ohne Grade. Diese aus dem Himmel stammende "Wir"-Haltung muß gegen den Alten Adam mit seinen Lüsten im Kampf der Heiligung durchgehalten werden, ist auch gemeinsam gegen die Versuche willkürlicher öffentlicher Entscheidung zum Tragen zu bringen.

 

Anm.: Gerh. Ed. Preuss V, 1 XXII §§ 86.126 nennt die reinen Gnadenmittel die gestaltende forma der Kirche; Hollaz, Examen, p 1300, nennt die Verbindung oder unio der materia (der gläubigen Personen) mit dem Haupt und miteinander die gestaltende forma derselben; - die beiden Formulierungen ergänzen sich.

 

  

Abteilung E

 

Beharrlich pseudokirchliche Evangeliumsverfälschung - captivitas Babylonica schwacher Gläubiger in ecclesiis heterodoxis

 

These 8: Die normale Glaubensentscheidung, ja -verpflichtung, die um Wort und Sakrament sich versammelnde Gemeinde als die Eine Kirche Christi am Ort zu verstehen und dementsprechend aus ihr und für sie zu leben, setzt immer die am Ort waltende Apostolizität voraus (s. These 2g). Alle Ortsgemeinden (einschließlich der compositae, der größeren Kirchenkörper), in denen die apostolische Wahrheit regiert, gehören vor- und überorganisatorisch zusammen als eine ecclesia late dicta orthodoxa.

Axiom: Communio ecclesiastica propter unam ecclesiam unius Christi per definitionem una est (cf CA VII, § 2ff). Da die Eine geglaubte Kirche nicht nur alle Gläubigen umfaßt, sondern - sei's gleich metalogisch - auch apostolisch ist und dem "pure" und "recte" von CA VII § 1 entspricht, so tritt die Pflicht der Trennung von einer Ortskirche, auch von größeren Kirchen, dann und dort ein, wo der Einen Offenbarung, Wahrheit und Lehre grundsätzlich und beharrlich widersprochen wird. Verschafft sich der Irrtum Duldung, etabliert sich Koexistenz, dann verschwindet zwar nicht alsbald Kirche überhaupt - die Barmherzigkeit und Treue Christi hebt die Verbindung seines Heiligen Geistes mit den Gnadenmitteln nie und nirgends auf -, wohl aber entsteht babylonische Gefangenschaft der örtlichen Kirche, um die Bezeichnung der Lutherschrift von 1520 zu übernehmen. Alle Christen sind verpflichtet, aus solchem Babel zu weichen, die gefangenen Christen und Gemeinden aber zu befreien, soweit Gott dazu Gnade und Auftrag schenkt.

 (Die Anmerkungen 1-14 berühren: una doctrina 1, Pflicht des Weichens von Irrlehrern und Anhang 2, heterodox überfremdete Gemeinden haben noch das Predigtamt 3 (Luther dazu 4, die Orthodoxie und ihre Nachfahren dazu 5), Symbole als Nota notarum 6, Lehrautorität und discrimen 7, Gegenbotschaft und ihr Ausweis 8, Unterschied zwischen auftretender Bedrohung der Rechtgläubigkeit und eingetretener heterodoxen Überfremdung 9, der persönliche große Antichrist 10, Kirchengemeinschaft nicht Sache der Privatwillkür 11, Natur des Synkretismus oder Unionismus 12, das lutherische Bekenntnis als Museumsstück ein Betrug 13, Stadien des Lehrabfalls und des Synkretismus 14.)

 

1. Anm.: (una doctrina divina)

Die Voraussetzung bestehender Apostolizität am Ort ist nicht, daß der Heilige Geist überhaupt dort noch wirkt, sonder daß sein Mittel - das solenne apostolisch-prophetische Offenbarungswort, das uns kraft der unverbrüchlichen Schrift erreicht (J 10,34f; 2 T 3,14-17) - dort im Rahmen der grundsätzlichen Unterscheidung und tatsächlichen Anwendung von Gesetz und Evangelium regiert (CA VII). Mit anderen Worten: Es muß paradosis, paratheke, typos, hypotyposis, martyrion als didache, didaskalia innerhalb der Verwaltung der gestifteten Gnadenmittel (s. Konkordanz) gehört und weitergegeben werden und als homologia gegen den Irrtum gesetzt werden, wobei die stiftungsgemäß verwalteten Sakramente mit dem Wort Hand in Hand gehen.

(Vgl. den Beginn von CA I par, ferner FC, de regula, auch die Vorrede und den Beschluß des Konkordienbuches; auch zu omologia.)

 2. Anm.: Die Pflicht der Trennung bezieht sich zunächst auf beharrliche Irrlehrer - Mt 7,15;

R 16,17ff; G 1,8f; 5,9ff; Ph 3,2; Kol 2,8; 1 T 1,20; 4,1ff; 6,3ff. 20f; 2 T 2,16f; Ti 1,9ff. 3,10; 2 P 2,1ff; 1 J 2,18ff; 4,1ff; 4,21; 2 J 9ff; Jd; Apc; W 2 IX 642 (zu G 5,9) par. Es ist aber bei der keine Schranken duldenden einheitlichen Art der neutestamentlichen Kirchengemeinschaft nicht möglich, Irrlehrer zu meiden innerhalb einer externa societas verbi, professionis et sacramentorum, die sie duldet. Es bleibt im Gehorsam der Wahrheit deshalb keine andere Wahl, als die betreffenden ecclesiae particulares, weil häretisch überfremdet, ebenfalls zu meiden, Act 19,9; 1 C 10, 18.21; 11,19; 2 C 6,14-18; 1 J 2,18f; Apc 2,4ff; 20ff; 18,4 par; Tract 41ff; FC X par; "Einigungssätze" III A 3 mit Belegen [1]1970 S. 14f.] (auch Gebote 1 und 2 nebst 1. Bitte).

 3. Anm.: (heterodox überfremdete Gemeinden haben noch das Predigtamt)

Während die Schrift hartnäckige Irrlehrer als Gottlose ansieht, scheint sich die Separatexistenz von Gemeinden, die sich der apostolischen Lehre in irgendeinem Punkte nicht mehr grundsätzlich und tatsächlich unterwarfen, erst gegen Ende der Lebenszeit des Johannes anzukündigen. Außerdem zeigt die Weissagung 2 Th 2 par, daß der Antichrist in der äußeren Kirche sitzen und so auch Gläubige vergewaltigen werde. Deshalb sind häretisch überfremdete Gemeinden zwar zu meiden, aber nicht als durchgängig ungläubig zu bannen und Amt und Amtshandlungen in ihrer Mitte nicht als ungültig anzusehen, sofern die trinitarische Taufe und das Evangelium in substantialibus in ihrer Mitte noch in Übung stehen. Vorrede zum Konkordienbuch (M 16f; G 11).

 4. Anm.: Luther hat in der Beurteilung Roms für die nachapostolische Entwicklung überhaupt das Richtige getroffen in de captivitate Babylonica ecclesiae W 2 XIX 4ff, besonders auch in "Wider Hans Worst", XVII, 1311, 1337 ff und "An zwei Pfarrherren..." 2191 ff. (Bärengleichnis.). Vgl. "Luth. Rundblick" 1962, S. 153 ff.

 5. Anm.: Die spätere Orthodoxie, die im allgemeinen an der richtigen Lehre von der Kirche festhielt (Schmid7 § 56, n 12-17), kam aber bei der Amtslehre durch ihre drei Stände (Nr. 3: Obrigkeit) in der Kirche in mancherlei Lehrnot. Außerdem gelang es ihr im allgemeinen nicht, die NOTAE PURAE energisch genug als NOTAE der einen Kirche festzuhalten. (Vgl. Baier pars 3, c. XIII; ganz am Ende, § 28, erst der NOTAE-Begriff; auch bei Schmid erst am Ende von § 56).

Im 19. Jahrhundert verfiel der Kirchenbegriff der lutherischen Erweckung weitgehend einem übertriebenen Begriff des "geschichtlich Gewordenen", wodurch die Konfession(en) neben den Begriff der einen Kirche trat(en). Heute sieht man das eher ein, was das Neue Testament über ekklesia und ekklesiai sagt, als das, was es über den Bekenntnischarakter der Kirche und die Abgrenzung von der Irrlehre sagt.

6. Anm.: Zu rechtgläubigen Bekenntnisschriften als NOTA NOTARUM PURARUM vgl.

"Einigungssätze" III A 2C, bes. Belege 105ff, ferner "Luth. Rundblick" 1962, S. 63ff: Bekenntnis und Bekenntniskirchen.

 7. Anm.: (Lehrautorität und discrimen)

Die Lehrkontinuität, an der die Apostolizität hängt, ist nie bloß rechtlich, gesetzlich. Innerhalb der unentbehrlichen Maßstäbe (norma normans; norma normata mit quia) liegt die beständig zu vollziehende Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Ohne sie kann Christus nicht erkannt, die Rechtfertigung allein durch den Glauben nicht verkündigt werden (G 3, 10-14.21f). In den geltenden Normen ruht die im discrimen legis et evangelii lebendige Verkündigung wie in schützenden Hüllen. Umgekehrt sind im Evangelium selbst bereits die Normen impliziert, denn es hat verpflichtenden Charakter, gilt ewig, und es gibt kein "anderes"(G 1,8). Doch kraft seiner Geltung macht es frei von der vernichtenden Gesetzesforderung (R 10,4-8) und macht eben dadurch ganz neu, Gottes Willen in Liebe zu erfüllen (2 C 5,17f; H 8,10; 1 J 2,7 f; 4,7ff). Zwischen fides quae und qua besteht letzten Endes ein chalcedonensisches Verhältnis; erst beides zusammen ist die mia pistis von E 4,5. Stets dient in der Kirche das fordernde Gesetz dem schenkenden Evangelium, das die mathetas gewinnt und in alle Wahrheit leitet. Die Gemeinde rühmt sich nicht intellektualistischer Selbstherrlichkeit oder "akademischer Freiheit" (J 18,37, ist vielmehr christologisch und eschatologisch frei (J. 8,34-36; Verse 31f; G 4,26).

 8. Anm.: (Gegenbotschaft und ihr Ausweis)

Jede tatsächliche Verfälschung der Botschaft Christi, d. h. konkret: jede Emanzipation von der Schrift - das schließt auch wesentliche Verkürzung ein - läßt eo ipso, da es kein tertium gibt, eine Gegenbotschaft gleichberechtigt und übermächtig werden, nämlich das zur Selbstrechtfertigung mißbrauchte und dazu verstümmelte Gesetz. Die Abweichung erkennt neben Christus einen anderen Herrn, einen Götzen an (G 3,3; 5,4; 6,12ff). Wie der Ausweis der Apostolizität das asy(n)gchytosund das achoristos ist, welches Rechtfertigungsbotschaft (solus Christus in discrimine legis et evangelii) und Schriftgeltung (Christus durch Propheten und Apostel der autoritative Verkündiger) verbindet, so ist der Ausweis der Häresie die Verletzung eben des Material- und Formalprinzips, die untrennbar sind (Mt 4,4ff; 5,17-19; R 6,17; 1 C 15,1ff. - TINI LOGO -, Apc 22,18f nach Dt 4,2; vgl. "Einigungssätze" Kap. I).

 9. Anm.: (Unterschied zwischen Bedrohung der Rechtgläubigkeit und heterodoxer Überfremdung)

Der Tatbestand der Heterodoxie eines Kirchenkörpers ist noch nicht gegeben durch Schwachheiten, sei's "beginnender" Erkenntnis oder überhaupt der Darstellungskraft, ebensowenig durch gelegentliche Abweichungen, bei denen man Zurechtweisung annimmt (12 Männer, ferner Apollos Act 18,24f; 19,1ff; Petrus G 2,1ff. - Ti 3,10b). Nach der Praxisseite ist zu unterscheiden zwischen Schwächen kirchlichen Handelns (die bei dem "simul" des Gerecht- und Sünderseins der Glaubenden - um von den "beigemischten" Heuchlern und Bösen nicht zu reden - die fehlen werden) und einer die Wahrheit Gottes umstoßenden Praxis, bei der die theoretisch geltende reine Lehre vor häretischer Überfremdung in Koexistenz zurückweicht (G 2,4ff. 11f; FC X).

 10. Anm.: Der babylonische Charakter falscher Kirche kann sich bis zum persönlichen Sitzen des einen großen Antichristen im Gottestempel, der ecclesia late dicta, steigern, was beim Papsttum der Fall ist, obschon sich auch unter ihm noch ein Rest oder "Ausbund" frommer Christen befindet (2 Th 2 par" AS s IV 10-14; "Einigungssätze" IV; 3; Bel. 181-187).

 11. Anm.: (... nicht Sache der Privatwillkür)

Die zu pflegende Kirchengemeinschaft, wie die Hl. Schrift sie fordert, ist nicht etwa eine Angelegenheit zwischen Privatpersonen (was Glieder am Leibe Christi als solche nie sind!). Vielmehr ist sie stets gegenseitige öffentliche Anerkennung der Gemeinschaft in der UNA SANCTA, wie sie an den NOTAE PURAE erkannt wird.Koinonia ist von ekkleesia nicht zu trennen und findet ihren gewiesenen Raum demgemäß innerhalb der Ortsekklesien (ecclesiarum simplicium) und zwischen denselben bzw. zwischen Großkirchen, ecclesiis compositis. Die glaubensbrüderliche Anerkennung, die ein Verhalten zueinander erfordert, wie es innerhalb des Leibes Christi vom Haupt her gegeben ist, ist dabei souverän unabhängig von äußeren Ordnungen, die für das Verhältnis Christus indifferent sind (Ap. VII 30ff.). Sie ist jedoch gebunden an das consentire de doctrina evangelii et de administratione sacramentorum. Hiervon allein hängt also auch alles glaubensbrüderliche Zusammenwirken und alle öffentliche Bezeugung der Bruderschaft ab. Dabei muß es als Not um Christi willen getragen werden, wenn einerseits "orthodoxe" Heuchler (da sie als admixti nicht unterschieden werden können) mitanerkannt werden, während andererseits den wahren Christen, die in heterodox geführte ecclesiae particulares versprengt sind, diese Anerkennung versagt bleibt. Der Heterodoxie sind sie allerdings trotz rechtlicher Unklarheiten dann nicht mehr sichtlich anhängig, wenn sie in Statu confessionis den Irrtum mit Wort und Tat zurückweisen oder in anderer Weise von demselben abgesetzt sind (in eindeutigen Notlagen wie im pericule mortis usw.), was alles unter der Regel der "Una communio" bleibt. An den Schwierigkeiten öffentlicher koinonia wird offenbar, daß ekklesia sich hienieden im Interim befindet.

 12. Anm.: Als Synkretismus oder Unionismus bezeichnet man den Versuch, persönliche Rechtgläubigkeit und gewisse Grenzen rechtgläubiger Kirche zu wahren, dabei aber gleichwohl kirchliche Gemeinschaft mit heterodoxen Personen und heterodox überfremdeten ecclesiae particulares nicht durchgängig aufzuheben ("Einigungssätze" III A3, Bel. 133-138). Durch das antilutherische reformierte Bestreben seit Zwingli, den mystischen Humanismus seit Coortherd in Holland, die Aufklärung (Lessings "Nathan") die Preußische Union (eingeleitet 27.9.1817), die Evangelische Allianz, die Anglikaner, Amerikas "Social Gospel", pietistische Organisationen der Weltmission und vor allem die moderne Ökumenische Bewegung - mit Anlehnung von Karl Barth - ist diese Haltung leider bis in die lutherischen Kreise hinein zur Selbstverständlichkeit geworden. Aber sie streitet gegen G 1,8; 2 C 6,14ff par; CA VII und FC X, SD §§ 10ff. 31. Selbst gemäßigter Unionismus setzt folgende Ungereimtheiten voraus:

 

  1. daß es den Unterschied zwischen reiner und falscher Lehre auf Grund klarer autoritativer Schrift entweder nicht gibt, oder daß solche Unterschiede für die Verkündigung keine Bedeutung haben. (Die moderne historisch-kritische Behandlung der Hl. Schrift hat von selbst diese Folge, und alle pseudo-ökumenische Lehrnivellierung, deren Herd Genf ist, pflegt sich ausdrücklich von daher zu legitimieren.)
  2.  
  3. daß irgendwie alle lehruneinigen Kirchen - abgesehen von sog. "Sekten des Verderbens" - miteinander die Una Sancta konstituieren. (Diese ist jedoch nach der Schrift der eine pneumatische Leib Christi, der allein an den reinen Kennzeichen festzustellen ist.)

 Da Indifferentismus ("Gleichberechtigung der Richtungen" bzw. "Fraktionen" und Unionismus (Kirchengemeinschaft der Lehruneinigen) als Vorentscheidungen jede göttliche Lehre im Prinzip preisgeben, stellen sie nicht die Minimal-, sondern die Maximalform der Häresie dar, wo immer sie herrschend werden, es geschehe dies de iure oder de facto (s. Beleg und Anfang). Synkretismus im gröbsten Sinn, Anerkennung heidnischer Religionen oder antichristlicher Philosophien, folgt auf dem Fuße nach - und ist längst Kennzeichen der Genfer Ökumene.

 13 Anm.: (Das lutherische Bekenntnis als Museumsstück ein Betrug)

Da ein Museumsstück nicht retten und mit Christus verbinden kann, so weist eine bloße "de iure-Geltung" der rechtgläubigen Symbole das Vorhandensein apostolischer Kirche am Ort nicht nach, sondern der Ausweis liegt nur in entsprechender öffentlicher Lehre und Sakramentsverwaltung vor (vgl. 6. Anm.). Es kann geschehen, daß häretisch überfremdete "lutherische Kirchen" noch weiter von Apostolizität entfernt sind als ernste Kirchen mit teilweise häretischen Symbolen. Die historisch-morphologische Auffassung rechtgläubiger Konfession, die seit 130 Jahren zur Rechtfertigung und zur Verbindung der mancherlei "Luthertümer" benutzt wird, muß abgelehnt werden.

 14. Anm.: [Die Stadien des Lehrabfalls und des Synkretismus weisen etwa diese Reihenfolge

auf: Vernachlässigung des discrimen legis et evangelii und Leugnung der wörtlichen Schriftgeltung; Gleichgültigkeit gegen sog. kleine Lehrabweichungen; Stufen in der Kirchengemeinschaft, gradus communionis vel communicationis in sacris; ein historisch- morphologischer Begriff "rechtgläubiger Konfession"; "selective fellowship" (d. h. Auswahl von Personen oder Gemeinden zur KOINONIA unter Nichtbeachtung des Hindernisses ihrer dabei bestehen bleibenden heterodoxen oder unionistischen KOINONIA); dann Endstadium: Zerfall jeglicher Lehrzucht, schließlich Verbrüderung mit allen Religionen.]

 

Abteilung F

 Kirchenantithesen [ergänzt durch Amtsantithesen am Ende des Dritten Kapitels]

 

These 9: Im Gegensatz zur rechten Lehre von der Kirche stehen die nachfolgend skizzierten Lehren mit ihren Spielarten und Querverbindungen [dabei gilt folgendes: nach der Vorentscheidung über diese Antithesen in "A" schließt sich die Aufteilung unter "B" und "C" im Ausdruck an CA VII § 1a bzw. b an; "D" aber heftet sich an beide Teile dieses Augsburgischen Satzes]:

 Antithese A. (Vorentscheidung)

Zunächst gehören in die Antithese die grundstürzenden Irrlehren, die keinen Raum für die Kirche lassen, sondern unter diesem Namen ein religionsgeschichtliches Gebilde setzen (z. B. die Gemeinschaftsbetätigung "pantheistisch-religiös bewegter Seelen" bei Schleiermacher; das ethisch-theologische Reichgottesgebilde Ritschels; der punktuelle Zusammenhang des vom "Kerygma" angeregten Selbstverständnisses bei den theologischen Existentialisten; die "Kirche" aller Religionen sowie der religionsgeschichtlichen, auch freimaurerischen Toleranz, usw. usw.).

 

Antithese B. (zu CA VII § 1a, nur bis zum "in qua"-Satz)

Hierhin gehören dann die Lehrtypen, die die eine ekklesia Gottes nicht primär congregatio sanctorum, "Versammlung aller Gläubigen" (CA VII § 1a) sein lassen, sondern sie

 1. grundlegend zu einem "Regiment" zu machen versuchen, zu einem "Institut" etwa von pneumatisch-amtlicher "Wundermacht" oder mit "juristischer Vollmacht" iure divino (gegen E 5,25f), 

  1. sei es, daß dann auf den Fall die Klerisei die eigentliche Kirche ist, die in den Amtsträgern kontinuierlich sichtbar ist,

 b) sei es des weiteren, daß dazu auch alle angeblich durch die Taufe mit character indelebilis Versehenen oder sonst kirchlich Abgestempelten ipso facto als Una-Sancta-Mitglieder gelten, ob sie glauben oder nicht, fromm oder gottlos leben. - In der Regel taucht diese "verkirchlichte Welt" sogleich im Rahmen einer dem Klerus angegliederten sichtbaren Theokratie auf (unter Ausschluß höchstens der formell Exkommunizierten aus dem so konstituierten sichtbaren Christusreich).

 2. Der andere Versuch, die eine Kirche sichtbar zu machen und sie gegebenenfalls nicht minder zur Theokratie auszugestalten, ist der, 

  1. von einer angeblich eindeutig erkennbaren, ja organisierbaren Herzensfrömmigkeit auszugehen (Heiligkeitskirchen anabaptistischen oder reformierten Ursprungs, meist ebenfalls mit dem Anspruche gottgebotener Verfassung) oder aber

 b) einen zwar einerseits als völlig unfeststellbar in Gottes absolute Freiheit gerückten coetus electorum unmittelbar wirkender Gnade zu lehren und ihm dann doch andererseits als Komplement eine sichtbare, göttlich verfaßte "Christengemeinde" zur Seite zu stellen, die, praktisch auf der Ebene der "Bürgergemeinde" stabilisiert, das Reichgotteswerk zu besorgen und dabei vor allem nach Gottes Gesetz diese "Bürgergemeinde" unter Kontrolle zu halten hat (typisch reformierte Richtung, Calvin, Karl Barth usw.).

 3. Als weitere unter B fallende Antithese kommen die Verirrungen in Betracht, die

 a) eine ecclesia orthodoxa (etwa auch die sichtbare lutherische Konfessionskirche) numerisch gleichsetzen wollen mit der Una Sancta, oder aber,

b) die alle sichtbaren Konfessionen und Denominationen zusammengezählt und möglichst verschmolzen die UNA SANCTA darstellen lassen (das Ziel aller Ziele in der modernen Ökumene).

 Antithese C. (zu CA VII § 1 b und seiner Verbindung mit a)

Umgekehrt steht auch in Antithese alle Lehre, die den Relativsatz in CA VII § 1 b: "in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta" von der vorher definierten Glaubenskirche ablöst.  

  1. Sie träumen von einem coetus electorum oder auch von einem Glauben, der unabhängig von der vis dativa et effectiva der Gnadenmittel ist, oder

 2. sie rauben der einen Kirche, ob universell oder örtlich aufgefaßt, zugleich den  Schlüsselbesitz und -vollzug und somit die Muttereigenschaft (Gal. 4,26f; Tract. § 24), lassen sie meist dabei auch individualistisch aus Einzelbekehrungen erst erstehen,  während doch der Heilige Geist, ebenso wie er sich primär von Christus her zu Christus hin bewegt, so nun auch von der einen ekklesia her zu ihr hin versammelt, G 4,26; E 4,7,7-16. Oder

 3. sie schließen irrtümlich: weil alle Gläubigen zur Einen Kirche gehören, deshalb kann die Eine Kirche trotz ihres Gebundenseins an Wort und Sakrament doch nicht "Säule und Grundfeste der Wahrheit" in dem Sinne sein, daß das "pure" und "recte" von CA VII buchstäblich gilt. Sie schwächen entweder diese in Schrift und Bekenntnis gegebenen Nomina und Adverbia ab, so daß nur ein heilsnotwendiges Lehrminimum gemeint sein soll, oder sie streichen sie von vornherein als unmöglich und unnötig ganz weg. Auf jeden Fall ergibt sich, daß Häresie und Unionismus nicht mehr als Widerspruch gegen die Apostolizität der Una Sancta erscheinen, selbst wenn die zu verkündigende Wahrheit feststellbar und nicht nur ein privates hic-et-nun -Ereignis sein sollte, sondern es liegt für diese Anschauung bei Lehrverstoß höchstens doch nur ein Mangel an Gehorsam, etwa wie ethische Schwachheit vor. Es wird eisern gefolgert, daß deshalb zwischen allen, die man irgendwie für Christen halten könne, volle koinonia und cooperatio in sacris geboten sei (Grundforderung der heutigen "Ökumene"-Einstellung, speziell auch von den mitlaufenden noch gläubigen Pietisten vertreten).

  

Antithese D. (Zum ganzen ersten § von CA VII)

In der Antithese stehen endlich auch alle die Doktrinen oder Lehrdarstellungen, die den metalogischen Charakter der einen Kirche verkennen (nexus indivulsus von "congregatio sanctorum, ... vere credentium" und "in qua evangelium pure / recte ..."). Sie reißen EKKLEESIA und EKKLEESIAI grundsätzlich auseinander und setzen trotz anderer Absicht zwei Kirchen: eine Una Sancta, im Geist vor dem Herrn versammelt, und doch zugleich eine irgendwie mit göttlichem Patent ausgerüstete ecclesia repraesentativa daneben, die von vornherein als corpus mixtum in Betracht kommt. Dies verstößt gegen die Schrift, einerlei wie man dabei das die Schlüssel besitzende corpus mixtum näher bestimmt, ob man als Trägerin die Ortsgemeinde in engen geographischen Grenzen oder irgendeine Großkirche oder gar das Amtsinstitut darin herausstellt. Das Resultat ist: Die Nebenkirche, sie sei simplex oder composita oder Amtsinstitut, trägt dann das ganze Kirchenwerk, ist Christi Braut - nicht die Una Sancta!

 Nachbemerkung: zu den Thesen und Antithesen über die Kirche:

Vorstehende Gesamtdarstellung zieht nur das grundlegende Verständnis und die dogmatischen Weichenstellungen in Betracht, nicht aber das, was die PRAKTISCHE THEOLOGIE zusätzlich auf Grund der Schrift über die Betätigung der Liebe zueinander und miteinander in Gemeinde und Kirche einschärfen muß.

 

 

 

 

III. K A P I T E L

Die Lehre vom öffentlichen Predigtamt der Kirche Christi

(Gekürzte Darlegung)

Vorbemerkung

Das Amt wird in der Praktischen Theologie ausführlich behandelt. Durch den Gegensatz, in dem die entstellte Kirche der Priesterherrschaft und des mechanischen Sakramentvollzuges zur Wort- und Glaubenskirche stand, wurde der Amtsbegriff zu einem Brennpunkt im Befreiungskampf der Reformation. Die allmählich einsetzende Entwicklung zur Staatskirche hin, die das Aufklärungsgefälle des Beamtenstaates erst recht gefährlich machte, und der seit 1918 gespannte Rahmen eines vagen Volkskirchentums gestalteten das Amt zu einer empfindlichen Achillesferse der deutschen und skandinavischen Kirchentümer, in denen das Gegenüber der Gemeinde weithin fehlte, während die Amtsträger schon seit drei Jahrhunderten die Rolle der ecclesia repraesentativa übernahmen. Es erschwert die Lage, daß sich mit abnehmender Bekenntnisbindung bei der Ausbildung und Berufung der Pfarrer die öffentliche Hand in gefährlicher Weise einmischte (bzw. noch einmischt). Seit der Aufklärung tritt eine Beurteilung nach der wissenschaftlichen bzw. pseudowissenschaftlichen Qualifikation an die Stelle der Frage, ob der zu Ordinierende den Glauben predigen und vorleben kann.

Von einer anderen, mehr antiinstitutionell-individualistischen Seite her bedroht reformiert-demokratisches Schwärmertum die Amtslehre. Umso hilfreicher sind die Darstellungen, die den erneuten Durchbruch des neutestamentlichen EKKLESIA-Begriffs in seiner organischen Verbindung mit Christi Dienstamt (DIAKONIA) während der Reformation kenntlich machen und den Ertrag festhalten. (Vgl. neben Luthers Schriften die Bekenntnisstellen, z. B. auch Haustafeln, 4. Gebot in GK). Als Quellennachweise kommen hier in Betracht: W (C.F.W. Walther "Die Stimme unserer Kirche in der Lehre von Kirche und Amt"), N (= Anders Nygren "Ein Buch von der Kirche" 1957), B (= Wilhelm Brunotte "Das geistliche Amt bei Luther" 1959), Li (= Hellmut Lieberg "Amt und Ordination bei Luther und Melanchthon, 1962); außerdem ist zu verweisen auf ES (= Einigungssätze"). Da wir die Lehre von der Kirche ausführlich behandelten, genügt bei der von ihr abhängigen Amtslehre eine etwas kürzere Darstellung, die auf Entfaltungen am anderen Ort, z. B. im Bekenntnis und in den ES verweist. Historisch beachte noch F (= Holsten Fagerberg "Bekenntnis, Kirche und Amt in der deutschen konfessionell. Theol. des 19. Jhd.", 1952).

 

These 10:

    "Wo die Kirche ist, da ist je der Befehl, das Evangelium zu predigen". "Tribuit igitur [Christus] claves ecclesiae principaliter et immediate, sicut et ob eam causam ecclesia principaliter habet ius vocationis" (Tract 67.24).

Der Messias der Zeitenfülle, der das zermonialgesetzliche Schattenwesen mitsamt eingebauter Theokratie persönlich ablöste, belehnte seine pneumatische Kirche alsbald mit allen Gütern, Rechten und Pflichten des neuen Bundes (und entmündigte sie in keiner Weise durch eine neben ihr und über sie eingesetzte, sich selbst fortpflanzende, privilegierte Instanz zum Zweck "einer primär standesamtlichen Handhabung der Himmelreichsschlüssel).

  1. Anm.: Sedes: Mt. 18,18-20 vgl. mit 16,18; 20,25ff; 23,8ff; L 24,36ff; J 20,20ff; 1 C

3,5.21ff; G 3,28; E 1,22f; 4,15f; 1 P 2,9. - W I § 4 (S. 34ff); B S. 83 n 63f.

  1. Anm.: Der Abschnitt C des zweiten vorhergehenden Kapitels erarbeitete unter

ad b) und ad c) bereits die Grundlage dieser These 10.

 

These 11 A:

    Damit die SOTERIA die Menschen erreiche, stiftete Christus den öffentlichen Dienst der Versöhnung (2 C 5,18ff). Jedoch setzte er diesen nicht nur als Gemeindeauftrag der geistlichen Priester ein, bei dem alles ehrlich und ordentlich zugehen soll (1 C 14,1ff. par 40), sondern zugleich auch als klar umgrenztes Dienstamt herausgestellter Personen, als ministerium ecclesiasticum in concreto (CA XIV) a) . Dasselbe nahm mit dem "gemeinen Beruf der Apostel" (Tract 10) seinen Anfang und soll im Besitz eines besonderen mandatum Dei bis zum Jüngsten Tage fortdauern (Ap XIII, 11).

  1. rite vocatus nicht mehr als: vocatio rata.

 

These 11 B:

    Bereits die Augustana (XXVIII, 5.21 par) redet, Vorstehendem entsprechend, von einem "mandatum Dei" und "ius divinum" des öffentlichen Kirchenamtes, das, ausschließlich dem Gnadenmittelding zugewandt, weder selbst weltlich regieren noch Eingriffe weltlicher Obrigkeit dulden soll. Ap XIII und XIV sowie XXVIII und spätere Bekenntnisstellen dienen der Erhärtung des in der CA über diese gnädige Stiftung Gottes Gesagten. Unter dem Gesichtspunkt der Funktion, von der der Glaube abhängt, und nicht dem der Abhängigkeit des Glaubens und der Kirche von vorgeordneten Personen, war diese Schenkung Gottes bereits in CA V herausgestellt worden.

 

These 11 C:

    Zusammenfassend: Die beiden Pole der Ellipse des Amtes werden im Bekenntnis einerseits in Tract § 24, andererseits in Ap XII, 12 (lat.) unmißverständlich sichtbar.

Die Anmerkungen 1 - 8 verfolgen nacheinander die Schriftstellen zu dem konkreten Dienstamt 1, Bekenntnisstellen 2, Verhältnis der Schlüssel zur ekklesia und zum Apostelkollegium 3, schelochim4, syn5, neutestamentliche Weiterentwicklung des mit den Aposteln gestifteten öffentlichen Predigtamtes 6, die vom Erstandenen direkt berufenen apostoloi bleiben sui generis 7, Vor-, Mit-, Nachordnung 8.)

  1. Anm.: (ad a: sedes)

S. die Stellen in der These selbst, ferner die sedes bei Mt, Mc und L über die Berufung der Apostel und den Reichsbefehl, sodann J 21,15ff; Act 20,28; R 10,15; 1 C 4,1ff; 12,27ff; E 4,17ff; Ph 1,1; Kol 4,17; Phlm 2; 1 T 3,1ff; 2 T 2,2; Ti 1,3ff; 1 P 5,1ff; Jc 3,1.

  1. Anm.: (ad b: Bekenntnis)

CA XXVIII, 5-28; Ap XIII 9ff; Tract 10 f; AS 3, VII § 1.

3. Anm.: (Verhältnis der Schlüssel zur ekklesia und zum Apostelkollegium)

Die Schlüssel des Himmelreichs hat der Herr der ekklesia principaliter, immediate, dem Amte aber als Dienstauftrag übergeben (Mt 16,16ff. par vgl. 18,15 par). Dem Apostelkollegium (Mt 16,18; 28,18ff. par) wurden sie zunächst zugesprochen sowohl als neutestamentlichem kahal als auch als Christi Amtsträgern. Die Schlüsselübergabe beinhaltet dabei Übertragung der Vollmacht, im Reiche des Herrn das Reichswerk zu tun. Das Bild des Schließens tritt zurück, dafür tritt in beiden Kapiteln anschließend ein noch machtbezogeneres Bild ein. Zu dein und lyein vgl. Mt 23,8 in Verbindung ThWNT II 59f., vor allem mit J 20,21ff. Der Vorwegnahme des Reichsbefehls vor dem Leiden folgt der endgültige Auftrag des Erstandenen. Er wird von L, Mc und Mt nach verschiedenen Seiten spezifiziert (matheteusate verdeutlicht zugleich intendierte Gemeindebildung). Von nun ab sind die in der Kreuzesstunde fahnenflüchtigen 11 Jünger die "Zeugen der Auferstehung", die bestätigten schelochim (Act 1,21f. par), denen die Fülle des Geistes auch gerade für ihr Amt zugesagt und dann zu Pfingsten gegeben wird (J 14,26; 15,26; 16,8ff. vgl. mit 17,20; 20,21).

Bei Paulus treten eindeutig hervor: sowohl die einmaligen Besonderheiten des scheluchim-Amtes (G 1,1f. par) als auch die generelle Seite, die Dauerstiftung des einen neutestamentlichen Amtes, die in die apostole eingebunden ist (1 C 4,1 vgl. mit 1,1; 3,4; 2 C 3,5-11; 5,18ff).

Letztlich aber ist es Christus selbst, der in seinem prophetischen Amt bis zum Jüngsten Tage lehrt und predigt (Mt 17,5; 23,8ff).

4. Anm.: Zu den schelochim vgl. Dt 18,15ff.; H 1,1f. als Ausgangspunkt; zur Parallele gegenüber den Propheten des Alten Bundes vgl. aber E 2,20; 3,5f; 2 T 3,14-17; 1 P 1,10-12; 2 P 12-21; 3,16 (s. ferner ThWNT I 397ff; IV 943ff. 110f. 113ff.; N S. 118ff).

5. Anm.: zu Tract § 10 ("daß das Predigtamt vom gemeinen Beruf der Apostel herkommt") vgl. das syn in Kol 4,17; es ist involviert auch in 1 C 4,1ff. par; 1 P 5,1ff; 2 J 1; 3 J 1; usw.

6. Anm.: (neutestamentl. Weiterentwicklung des mit den Aposteln gestifteten öffentlichen

Predigtamtes)

(a) Ganz offenkundig haben sich die Apostel Schritt für Schritt sowohl für das Wort mitverantwortliche Evangelisten als auch örtlich verantwortliche "Pastoren" [meist Mehrzahl] angegliedert bzw. letztere "eingesetzt", ohne dabei die überquellenden gemeindlichen Wortcharismen oder gar die generellen Dienste des allgemeinen Priestertums zu verdrängen (L 1 4,10f. par). - Die Didache kennt merkwürdigerweise, soweit man sehen kann, dabei nicht einmal die Gepflogenheiten, die sich im Unterschied von früherer Zeit (Korintherbriefe) in gewissen Gebieten (Kleinasien, Kreta) bereits z. Z. der Pastoralbriefe fest herausgebildet hatten.

(b) Ohne das einmalige Apostolat selbst fortzupflanzen, ließen sich die Apostel in Gehorsam gegen des Herrn Stiftung die Sorge für Nachfolger gerade auch nach ihrem Tode im öffentlichen Wortamt in mannigfaltiger Weise (Act 6; 14,23; !Pastoralbriefe, bes. 2 T 2,2; 1 P 5,1ff) angelegen sein.

7. Anm.: Die vom Erstandenen (Act 1,2f) unmittelbar berufenen (G 1,1) Apostel bleiben sui generis. Sie sind die einmaligen Vertreter Christi. Als solche sind sie Offenbarungsträger, die die prophetische Linie fortsetzen und als die Christusboten sie abschließen, so daß die Kirche "erbaut ist auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist" (E 2,20). Diese ihre Stellung im solennen Offenbarungsgeschehen und -gefälle ist unübertragbar und erstreckt sich in gar keiner Weise auf sonstige Diener am Wort. Die Kirche ist also nicht auf die nachapostolischen geistlichen Amtsträger erbaut, sondern diese selbst sind zusammen mit der Kirche "creatura verbi". Dabei ist die auf den Fels gegründete Eine Kirche selbst von größerer Bedeutung und steht fester da als alle ihr zum Dienst gesetzten Amtspersonen (1 C 3,21ff; Tract. 11).

8. Anm.: (Überblick über Vor-, Mit-, Nachordnung)

(a) Von Christus im prophetischen Amt her (H 1,2; 2,3) ist das Wort Gottes [nicht nur das von ihm mit eignem Munde gesprochene, sondern auch das durch die Propheten und Apostel vorher und nachher gegebene] vor der Gemeinde da als Same, Nahrung und auch Fundament der Kirche (1 P 1,21ff. par); es ist vorgegeben und bewahrt eine ANTE- und EXTRA NOS-Stellung (lt. CA V).

(b) Dagegen erfolgte die Stiftung des Apostolats gleichzeitig mit der beginnenden Aussonderung des neutestamentlichen Gottesvolkes. Und da im Apostolat auch die allgemeine Amtsstiftung mit enthalten war, wird man dem Einen Propheten Jesus Christus und seinem Offenbarungswort allein die Priorität lassen müssen, die Gründung der neutestamentlichen Gemeinde und die Stiftung eines konkreten Amt des Evangeliums in ihr aber als gleichzeitig ansehen müssen.

(c) im Unterschied dazu setzt die mittelbare neutestamentlliche Amtsbestellung (vocatio mediata Novi Testamenti) immer schon berufende Kirche oder Gemeinde voraus. Hier waltet ein "nach". Dies gilt sogar dann, wenn durch die sammelnde Tätigkeit eines Missionars oder Reisepredigers neue Gemeinden entstehen; denn hinter ihm steht irgendwie bereits he ekklesia.

(d) Durchgängig aber ist das Amt ein dem "Knecht des Herrn" nachgeformter Dienst an der Gemeinde, was eindeutig auch vom Apostolat galt (Mt 20,25 par; Tract. § 7ff).

 

These 12:

    Das nachapostolische öffentliche Wortamt ist diakonia tes katallages, 2 C 5,18ff vgl. mit 2 C 3,6ff.

A) Des näheren ist das Eine neutestamentliche Amt, was die außerapostolische Betätigung betrifft, in vielen Formen möglich. Es handelt sich im NT um einen Dienstberuf, der uns unter folgendem Namen entgegentritt: euangelistai, presbyteroi, episkopoi, didaskaloi, hegoumenoi, vor allem poimenes, die alle zusammen mit den Aposteln auch hyperetai Christou kai oikomenoi mysterion theou heißen. In gewisser Weise sind hinzuzurechnen prophetai und angelloi.

B) Die Bestallung bindet jeweils an eine bestimmte Herde, die zu weiden ist, sei diese nun klein oder groß, sei sie von einem oder von mehreren Dienern am Wort zu versorgen (Act 20,28; 1 P 5,1ff. par), seien diese an ecclesia simplex oder composita gewiesen.

C) Die Berufung cum titulo, an eine bestimmte Herde, ist jedoch nie "introvertiert", oder unmissionarisch zu verstehen. Da die Una Sancta selbst Missionskirche ist, demgemäß auch jede Ortsgemeinde; da zudem das heutige Amt in concreto selbst durch die ausgesprochen missionarische apostole eingeleitet wurde, darf die missionarische Verpflichtung des Amtes an keinem Ort außer acht gelassen werden. Wie das Evangelium, so ist auch das Amt des Evangeliums immer zugleich für Menschen drinnen und draußen da, sogar dann, wenn feindliche Weltmacht die Ausbreitung des Worts und der Kirche unter Todesstrafe verbietet. (Es versteht sich von selbst, daß diese Gesamtverpflichtung der Gemeinde sowohl als auch jeder ihr geschenkten besonderen Amtsperson von entscheidender Bedeutung bei der Frage von Stellenwechsel ist.)

(Die 5 Anmerkungen berücksichtigen, unbeschadet der Einteilung in A, B und C, nacheinander: Einzelheiten zum neutestamentlichen Sprachgebrauch 1, Stiftungsnachweis 2, in unitate diversitas 3, mit dem Linksreich unverworren 4, nur eine hypakoe5.)

1. Anm.: (Einzelheiten zum neutestamentlichen Sprachgebrauch)

Die griechischen termini sind an Hand der Konkordanzen und Wörterbücher zu studieren. Sie sind synonym, außer beim "Evangelisten", was meist den Hilfsmissionar und Legaten eines Apostels bezeichnet, und den beiden letzten (verschiedene prophetai; angelloi sonst Engel). presbyteroi und episkopoi werden gleichgesetzt (Act. 20,17; Tit 1,5f einerseits - vgl. mit Act 20,28; Tit 6-9 andererseits). Der Begriff der Proistamenoi kommt zu den genannten Begriffen hinzu, aber nur adjektivisch (zunächst in der Frühstelle 1 Th 5,12ff.; sodann proestotes presbyteroi mit Zusatz zur Heraushebung der lehrenden Ältesten (1 T 5,17). presbyterion als Kollegium wird 1 T 4,14 erwähnt, wodurch deutlich wird, daß monarchischer Episkopat noch fehlt. episkopoi werden dabei deutlichst von karitativen diakonoi unterschieden (Ph 1,1; 1 T 3,1ff. 8ff); auch Phöbe gehört zu letzteren (R 16,1)). Act 13,1 kennt ""Propheten und Lehrer". etheto und edoken (in 1 C 12,28 und E 4,11) leiten Charismenlisten ein, die mit den Aposteln beginnen, darauf das "allgemeine Wortamt" so oder so sich anschließen lassen und mit "allgemeineren oder sporadischen Begabungen" enden. Seelsorgerische Verantwortung tritt H 13,17 besonders hervor (vgl. v. 7).

2. Anm.: (Stiftungsnachweis für das generelle, bis zum Jüngsten Tag bleibende

neutestmentliche Amt)

Entscheidend für die Tatsache, daß ein mit der apostole beginnendes, mit ihr zugleich gestiftetes Wortamt weiterläuft (wenn auch nicht unbedingt begleitet von einer ununterbrochenen Kette von am Weiterreichen beteiligten Amtspersonen), ist der an die mittelbar Berufenen ergehende, die Apostelbeauftragung weiterführende Weide- und Lehrauftrag (J 21,15f; Mt 28,19f vgl. mit Act 20,28; 1 P 5,1ff. par; Ti 1,6-9). Auch die Bestimmung, daß ebenso wie die Apostel auch sonstige hauptamtliche Wortverkündiger durch die freien Liebesgaben der Gemeinde zu erhalten sind, im Normalfall mit ihrer Familie, schlägt hier zu Buche (G 6,6; 1 C 9,6-14, zu vgl. mit Mt 10,8ff.; L 10,7 - 1 T 3,1f. 4 par). Schließlich überschreitet auch eine gegen Anfechtung von innen oder außen ausweisbare "Ordinationsgewißheit", wie dieses Amt sie fordert, die Grenzen vorübergehender Beauftragung (1 P 5,1ff; 1 T 1,18; 6,13ff; 2 T 1,6; Kol 4,17).

3. Anm.: (in unitate diversitas)

Die diakonia des NT (2 C 3,6) besteht als das Eine Wortamt (Act 6,2) ihrem Wesen nach unverändert bis zum Jüngsten Tage. Die örtliche amtliche Tätigkeit kann aber doch sehr wohl von etlichen Personen kollegial geführt werden. Der Zerlegung in spezialisierte Dienste (z. B. Kinder-, Jugend-, Missions-, Diakonie-Pfarrer, theologische Lehrer als betonte didaskaloi) steht auch nichts im Wege. Dies gilt aber nur, so lange grundsätzlich - wenn auch nicht in der nach menschlichem Recht vereinbarten Ausübungssphäre - Vollverantwortung für Gesamtwortverkündigung festgehalten wird. Das hat im Notfall sofort die Folge, daß der erst iure humano beschränkte Dienst nun alles Nötige einbezieht. Die Mannigfaltigkeit der Benennungen, auch die Einreihung der Apostel selbst und aller Amtspersonen unter den mancherlei gottgegebenen Charismen (1 C 12,28ff; E 4,11ff), verbietet dabei von vornherein kurzschlüssige Beschränkung auf irgend eine Monopolform.

4. Anm.: (mit dem Linksreich unverworren)

Da Christus die Schlüssel des Himmelreichs nur seiner ekklesia, aber keiner Instanz des "Reiches zur Linken" übergab, so kann sich das Wortamt nicht von weltlichem Auftrag herleiten und darf auch nicht von da her Instruktionen annehmen (ES III A, 2 C, Bel 117f).

Wie die Kirche nur den einen Auftrag der Evangeliumsverkündigung hat (der das "Regieren zur Linken" nicht unter seine Obhut nimmt, es trotz der absoluten Gültigkeit der Gottesgebote doch nicht dem allgemeinmenschlichen Urteil entzieht), so hat auch das Kirchenamt keinerlei politische Aufgaben (ES IIIA, 2 B, Bel 101-104 - gegen Rom, Genf, die verweltlichte Moderne, Karl Barth).

5. Anm.: (nur eine entscheidende hypakoe)

Da das geistliche Amt es ausschließlich mit Wort und Sakrament zu tun hat, dabei aber selbst nicht "Schöpfer des Wortes" ist, so daß nur einer Herr ist, indem alles Herrschen von Christus selbst durch sein prophetisches Wort in rechter Unterscheidung von Gesetz und Evangelium geschieht, so sind sich Hirte und Herde allerorts grundsätzlich einig in der einen hypakoe gegen das Wort.

 

These 13:

    Ist die "Una Sancta Ecclesia, in qua evangelium pure docetur et recte administrantur sacramenta", selbst soma, ja pleroma tou Christou (E c.1 und c.4 vgl. mit 1 C 12,12f), und somit unaufteilbare (indivisa, indivisibilis), so ist das neutestamentliche Daueramt weder Haupt neben dem Haupte noch Leib neben dem Leibe. Infolge der eindeutigen gestifteten Bezogenheit dieses Amtes auf die Kirche und ihr Wort bleibt auch keine Möglichkeit, es als einen Fremdkörper daneben oder als bloßes Anhängsel zu betrachten. In dieser ganzen Sache ist das allmächtige königliche Haupt (von dem her der Leib im Heiligen Geist durch das Evangelium lebt und zu dem hin er evangelischen Dienst tut) selbst zur Stelle. Er trägt Kirche und Amt.

Man beachte als grundsätzliches Ergebnis: Christus stellt seinem priesterlichen Volke zur Erhaltung des geistlichen Lebens und zur Verrichtung des geistlichen Dienstes inmitten einer wogenden Charismenfülle das vornehmste und bleibende Charisma zur Verfügung. Er verpflichtet dabei dies sein Volk in Güte und Treue, sich zu verantwortlichem Gebrauch dieses gestifteten Dienstamtes nach der mitgegebenen Dienstanweisung anzunehmen. So bewegt sich dies Amt unbeschadet begleitender Ordnungselemente wesensmäßíg auf pneumatischer Ebene.

Damit fällt zweierlei von vornherein weg. Es entfällt auf der einen Seite juristische Beamtenherrschaft über das Gottesvolk, als ob dieses nicht reichsunmittelbar und selbst mit den Schlüsseln ausgestattet wäre. Auf der anderen Seite ist aber ebenso entschieden ausgeschlossen ein bloßes äußerliches Angestelltenverhältnis, das gekündigt oder zeitlich befristet werden könnte; denn das würde voraussetzen, daß der Diener am Wort nicht von Christus selbst durch Ortsekklesia berufen und innerhalb seines Dienstes öffentlicher Mund Christi wäre.

(Die 3 Anmerkungen verteilen sich auf repraesentatio Christi 1, die nur der Liebe weichende Freiheit in Mitteldingen 2, höchster Dienst 3.)

1. Anm.: (repraesentatio Christi)

(a) Die Tatsache, daß die Kirchendiener Gottes Wort und Sakrament nicht fabrizieren, sondern lediglich verwalten und somit nur Diener des Evangeliums sind, das alle königlichen Priester haben und das sie hat, mindert ihre Autorität als öffentliche Wortverkündiger und Sakramentsverwalter nicht im geringsten, sofern sie nur das apostolische Wort bringen. In der Predigt tritt ja Christus selbst auf (J 20,21; 2 C 5,18ff; L 10,16; H 13,17), Christi Schafe hören seine Stimme. In der Verkündigung des Wortes steht der Gesandte an des Senders Statt. Obwohl der Glaube die Frohbotschaft "hat", bleibt to euangellion zugleich dem Glauben das rettende "Gegenüber" (R 10,8 vgl. mit v.14ff), während das Gesetz von Gott her strafend dem Alten Adam entgegensteht.

(b) Demgemäß ist zu wiederholen: Das ANTE und EXTRA des Wortes fällt keineswegs in eins zusammen mit der Stellung des amtlichen Verkündigers. Urschlüsselträgerin ist die ekklesia aller Gläubigen, bleibt es auch. Dienstlicher, öffentlicher Schlüsselträger ist allerdings das Wort- und Sakramentamt. Das beseitigt aber nicht die Schlüsselverantwortung und -betätigung (richtig verstanden) jedes Laien. Im äußersten Notfall repräsentiert auch der das Wort sagende Laie einem ganzen Konzil gegenüber den Herrn Christus.

2. Anm.: (die nur der Liebe weichende Freiheit in Mitteldingen)

Geistliche Wortautorität darf nicht zu cäsarisch-bürokratischer Beamtenherrschaft mißbraucht werden (CA XXVIII 20ff. 30ff. par). Alle Mitteldinge werden unter Christen in Freiheit nach der Liebe geordnet und geschlichtet. Solange und soweit nötig, werden so getroffene Arrangements natürlich auch wirklich ehrlich durchgeführt (CA XV par).

3. Anm.: (höchster Dienst)

Das Predigtamt, durch welches Christus öffentlich redet, ist der höchste Dienst in christlicher Gemeinde (W II, § 8ff), doch ist dies keine Relation nach Weltart. Demgemäß ist zu wiederholen:

(a) Es ist unmöglich, aus dem Diener Christi (1 C 4,1) je einen Menschenknecht zu machen (G 1,10f).

(b) Dies hebt die Mitverantwortlichkeit der Gemeinde für seinen gesamten Dienst nicht auf. (Überall werden die Schafe einerseits ermahnt, das Wort zu prüfen, damit nicht ein Wolf sie weidet, obwohl es ihnen andererseits zur Pflicht gemacht wird, mit ihren Gaben und Gebeten allen öffentlichen Wortdienst zu tragen.)

 

These 14:

    Von der Amtsübertragung lehrt CA XIV, "daß niemand in der Kirchen öffentlich lehren oder predigen oder Sakrament reichen soll ohn ordentlichen Beruf [nisi rite vocatus]". Da die direkt berufenen Apostel der Grund der Kirche und völlig einmalig sind, setzt das Amt so wenig durch direkte eigene successio geweihter, die Weihe von sich aus weitergebender Personen fort, daß es vielmehr jeder nachapostolischen Amtsperson nur durch "rata vocatio ecclesiae" verliehen wird.

(Die 7 Anmerkungen weisen folgendes Gefälle auf: Ekklesienausweis der Instanz nebst assensus nötig 1, "Bischofseigenschaften" 2, modi vocationis 3, "Übertragung 4, durch die Gemeinde von Christus selbst berufen; demgemäß ...5, Versetzung - Absetzung 6, "Handauflegung" - "Ordination" 7.)

1. Anm.: (Ekklesienausweis der Instanz nebst assensus nötig)

(a) Wenn wirklich die an den in Übung stehenden Gnadenmitteln ausgewiesene ekklesia tou theou handelt, so handelt Christus durch sie (E 1,21ff. par).

(b) Steht rata vocatio fest, so kann die Bestallung äußerlich je nach Umständen und Gepflogenheiten in sehr verschiedener Weise zustande kommen, wie schon die Beispiele im NT zeigen. Doch darf dabei nie der assensus der zu weidenden Herde fehlen (1 T 3,7 par), da örtliche Umstände zu berücksichtigen sind, auch pneumatische ekklesia nie ekklesia vergewaltigt.

2. Anm.: ("Bischofseigenschaften")

Die für die Berufung getaufter, bekennender männlicher Gemeindeglieder in das öffentliche Predigtamt geltenden Voraussetzungen sind in den Katalogen der "Bischofseigenschaften" hervorgehoben (1 T 3,1ff; Ti 1,3ff. zu vgl. mit 2 T 2,2). Sie schließen Frauen aus. Der Hintergrund, mit stärkster Betonung weiterzureichende reine Lehre, ist in diesen Briefen nicht zu übersehen!

3. Anm.: (modi vocationis)

(a) Die Gemeinde Gottes (die nach der Schrift, 1 C 11; 1 T 2, durch ihre volljährigen männlichen Mitglieder handelt) vollzieht die Berufung normalerweise adhibitis suis pastoribus (Tract 72), da es gegen Gottes Willen ist, daß der leitende Dienst des göttlich gestifteten Wortamtes ohne zwingende Not bei so wichtiger Handlung ausgeschaltet wird.

(b) Die Gemeinde oder Kirche kann (trotz der eminenten Gefahren für das Verantwortungsbewußtsein der ekklesia am Ort) auch einer auswärtigen Instanz den Vollzug der Berufung übertragen; in Fällen, in denen eine größere ecclesia composita beruft, läßt sich eine beauftragte Dienststelle nicht umgehen.

(c) Zur Not kann auch ein Teil der im Regelfall immer aus Lehrenden und Hörenden zusammentretenden Kirche für den anderen Teil mit handeln. (Beispiele: unselbständige junge Kirchen einerseits, durch Katastrophe von allen Mitchristen abgeschnittene Laiengemeinde andererseits.)

(d) Die Ordnung, wie die vocatio am Ort im einzelnen zustande kommt, ist - trotz des hochbedeutsamen Beispiels Act 6 - in keiner Weise vorgeschrieben. Sie hat sich jeweils nach Gepflogenheiten und Umständen unter Leitung des Hl. Geistes zu ergeben.

4. Anm.: ("Übertragung")

Wenn auch eine "Übertragungslehre" im Sinne Friedrich Höflings verworfen werden muß, wie Wilhelm Brunotte zeigt (B 140, vgl. aber 156), so gelingt es doch letzterem nicht, der Bedeutung des allgemeinen Priestertums für das Amt im Sinne des NT und Luthers gerecht zu werden. Ein Moment der Übertragung liegt im Verhältnis des SACERDOTIUMS zum MINISTERIUM tatsächlich vor (das genau erfaßt werden will, wozu B 138f und W 320ff, besonders 323f und 326f dienlich sind; vor allem vgl. Li 69ff. 82ff.).

Dabei ist es wichtig zu beachten: Das Priestertum des einzelnen Christen ist kein Urbesitz des gläubigen Individuums als eines isolierten "ich", sondern es ist eine Teilhaberschaft jedes Christen an Christus zusammen mit seiner Kirche. Jedwedes Christen Priester-Sein ist durch den Glaubensanschluß an das Haupt selbst sofort eingebettet in seine Una-Sancta- Mitgliedschaft, in seine Gliedschaft im Gesamtleib (B 91 f. vgl. 169 n 84). Dementsprechend ist die Übertragung letztlich immer von Christus und seinem Leib her und nicht einfach von so und so vielen gläubigen Individuen her zu verstehen, Li 77f.

5. Anm.: (durch die Gemeinde von Christus selbst berufen; demgemäß...)

(a) ein Doppeltes steht nunmehr fest. Einerseits ist das Amt kein Stand, der sich selbst fortpflanzt - ohne verantwortliche Mitwirkung der priesterlichen Gemeinde, der er dienen soll. Andererseits ist der so örtlich berufene Hirte Diener Christi, der örtliche Hirte, den der Erhöhte Herr dem coetus loci gesandt hat (1 C 4,1ff; 1 P 5,1ff).

(b) Ist ekklesia immer Leib des einen Christus, ist jeder Träger des einen Amtes immer letztlich von Christus berufen, so liegt jedem örtlichen Verhältnis ja immer ein überörtliches zugrunde. Wie die Ortsekklesia von der ekklesia nicht zu isolieren ist, so auch der Ortshirte nicht. Demgemäß ist er durch sein örtliches Amt zugleich auch Kirchendiener überhaupt, Diener der Una Sancta geworden und steht in einem mindestens latenten Verhältnis auch zu anderen Gemeinden (GK II 54ff).

6. Anm.: (Versetzung - Absetzung)

(a) Der örtlich Berufene unterliegt in keiner Weise der Versetzung durch Menschenwillen, sei's den eignen, sei's durch den anderer. Er kann nur durch einen anderen göttlichen Beruf mit seiner Gemeinde vor die Frage gestellt werden, ob Gott ihn versetzen will. Erst recht kann er nur aus vor Gott stichhaltigem Grunde, nämlich wegen gottlosem Leben, abgesetzt werden. Zur Illustration: während Eheleute bis zum Tode aneinander gebunden sind, sind Pastor und Gemeinde durch den ergangenen und angenommenen konkreten Beruf des Erzhirten solange aneinander gewiesen, bis Christus selbst dazwischentritt, der das Haupt nicht nur der ekklesia

am Ort, sondern allerorts ist.

(b) Die Gemeinde darf bei einem göttlichen Beruf von außen friedliche Entlassung nicht eigenwillig versagen, der Hirte aber darf nicht ungehorsam wegstreben, wenn die Gemeinde göttliche Gründe hat, ihn festzuhalten.

(c) Wie der Pastor mittelbar (mediate) von Gott berufen wird, so kann er von Gott auch, falls nötig, in mittelbarer Weise abgesetzt werden. So wie die Gemeinde ihn normalerweise adhibitis suis pastoribus [beauftragte oder benachbarte Pastoren hinzuziehend] beruft, so hat sie erst recht die Pflicht, wenn sie dem Pastor wegen hartnäckig festgehaltener falscher Lehre oder gottlosem Leben oder auch Infamie gegenüber der Umwelt das Amt abzuerkennen hat, dies wiederum unter mitverantwortlicher Beratung und Führung des geistlichen Amtes zu tun, sofern force majeure dies nicht unmöglich macht. Es kann die Aberkennung des Amtes durchaus in geordnetem Verfahren durch eine Instanz der ecclesia composita, der die ecclesia localis angehört, geschehen (wird bei Lehrfragen meist so geschehen müssen), doch kann die betreffende ecclesia localis nie von der Mitverantwortlichkeit entbunden werden. Sie muß mit handeln selbst auf die Gefahr der Spaltung.

(d) Christus kann auch in elementarer Weise zwischen Hirten und Gemeinde bei bestehendem Beruf treten, nämlich so, daß entweder die Gemeinde, die berief, verschwindet (wie oft bei Katastrophen), oder daß die zur Amtsführung nötigen Kräfte schwinden, jedenfalls ein zu großer Mangel sich hierin offenbart, oder der Tod der Amtsperson dazwischentritt. Nebenbei: (War bei einem "Berufenen" eine für das Daueramt ausreichende Befähigung nie da, so war die Vocation nicht rata.)

7. Anm.: (Handauflegung - Ordination")

(a) Die aus Israel kommende Handauflegung ist weder von vornherein nur ein "pastoraler Akt (1 T 4,14 vgl. mit 5,17), noch ist sie auf die öffentliche Amtsbestallung beschränkt (Act 8,17), noch von vornherein und immer mit besonderer Verheißung verbunden. Von einer der Hirtenordination zuzuschreibenden dringlichen Übergabe des Heiligen Geistes mit amtlichem Charakter indelebilis als Folge steht im NT kein Wort. (G 3,2.14!)

(b) Da der ekklesia allerorts, wo die Gnadenmittel sie ausweisen, PLEROMA-Charakter eignet, und da kein ausdrücklicher Befehl der Handauflegung vorliegt, wird an sich das Amt durch gültigen Beruf und Annahme desselben übertragen, ohne daß je ein bestimmter Ritus zur conditio sine qua non erhoben werden könnte.

(c) Demgemäß ist im Notfall auch ein nur von "Laien" berufener und eingeführter Hirte im Vollsinn als "rite vocatus" anzusehen (ES II B,2; "Dokumentararchiv, Erste Folge" S. 9ff).

(d) Im reformatorischen Sprachgebrauch ist ordinare Synonymum von vocare. Beide Ausdrücke bezeichnen zunächst das Ganze des Vorgangs, nicht etwa nur Anfang oder Ende (AS 3 X). Entscheidend ist die gültige Vocation, die angenommen wurde, selbst wenn force majeure einen öffentlichen Ordinationsgottesdienst als Abschluß des Bestallungsvorgangs verhindern sollte (W 289ff). Wie die Reformation auch Ordinationsgottesdienst allmählich wieder festlegte, so ist er auch heute nicht zu unterlassen. Auch ist er keineswegs nur die öffentliche Bestätigung des rechtmäßig Berufenen, sondern hat auch durch Gottes Wort und die speziellen Gebete sein eigenes Gewicht (ES III B, Th. 2, Bel. 145f. 149-152; Dokumentararchiv Erste Folge, Dokument C, b: "Anlage II B" Li 223ff). diese Eigenbedeutung ist aber nicht dahin zu verstehen, als würde durch die Ordination seitens eines Amtsträgers oder seitens der Vertretung einer ecclesia composita die örtliche vocatio erst rata und wirksam (vgl. in der besonderen Thesenreihe KIRCHE, PREDIGTAMT, BERUFUNG DER PREDIGER, die Th. 15ff).

 

These 15 A:

    Da die Reiche "zur Rechten" und "zur Linken" auf getrennten Ebenen liegen und die Kirche nur den Auftrag der Evangeliumsverkündigung (der Gesetzes- und Gnadenpredigt, der Erbauung der Gemeinden durch Wort und Sakrament) hat, Christus auch nur den Binde- und Löseschlüssel und nicht noch einen usus civilis-Schlüssel stiftete, so fällt das öffentliche Predigtsamt ganz und gar unter das dem Christus eigene Werk (2 C 5,18ff) als das einzige Genus, obschon es örtlich und zeitlich bedingte species aus sich heraus setzen kann. Alles Äußerliche ist dabei nur Akzidenz.

 

These 15 B:

    Dem öffentlichen Predigtamt als dem höchsten geordneten Dienst in der Kirche können freilich besondere Hilfsämter "zureichende Dienste" leisten (1 T 3,8ff. par). Wie gesagt, kommen für das öffentliche Predigtamt selbst (nach den Katalogen der "Bischofseigenschaften", besonders aber nach 1 C 14,34; 1 T 2,11ff) weibliche Personen nicht in Betracht, wohl aber bedient sich Gott ihrer Charismata für die "zureichenden Dienste" und natürlich auch für das "öffentliche Zeugnis im Notfall", das jenseits der Ordnungen steht.

 

These 16 A:

    Was das gegenseitige Verhältnis der Diener am Wort und der mit ihnen verbundenen Ortsekklesien betrifft, so hat Luther dafür die einprägsamsten Formeln in AS 2 IV 1 u. 9 geboten. In Wirklichkeit wird in allen Ekklesien die ekklesia durch die Sammlung um die reinen Gnadenmittel faßbar (vgl. These 4. und 5., Anm. 1). Deshalb ist für EKKLESIEN gegenseitige Anerkennung, gemeinsame Verantwortung der einen Wahrheit und Hilfsleistung untereinander bei dem einen Werk des Herrn vorgegebenes URDATUM (iuris divini). Keineswegs aber sind Über- und Unterordnungsverhältnisse, wie sie sich jeweils - manchmal sehr zu Recht - gestaltet haben, dauernd verpflichtend. Es liegt nie mehr als ius humanum vor, das von außen nicht aufgezwungen werden kann (ES III B 3, besonders Belege 158-161).

Übrigens übersehe man in ES III B 3 nicht die Bemerkung: "Auch bei diesem kirchlichen Zusammenwirken [der Gemeinden] kommt das Weiden und Regieren mit dem Worte Gottes dem öffentlichen Predigtamt als dem eigentlichen und höchsten Amt der Kirche zu."

 

These 16 B:

    Ist ministerium loci oder ecclesia particularis nachweislich häretisch überfremdet, so entfallen damit alle Pflichten der brüderlichen Anerkennung und Zusammenarbeit (vgl. das erste Kapitel Abschn. E).

 

These 17:

(Antithesen zur Lehre von der Kirche im Blick auf das Amt)

Vorbemerkung:

Wie bei der Lehre von der Kirche wird von vornherein abgesehen von dem, was seiner Anlage nach extra ecclesiam ist. So werden weder die "Sekten des Verderbens" noch die Theologien des Verderbens, denen Jesus nichts als ein Mensch ist, einbezogen. Wo die Eine Heilige Christliche Kirche per definitionem ausgeschlossen ist, kann von einem Amt im Sinne des Neuen Testaments nicht mehr die Rede sein. Das gilt auch vom konsequenten Existentialismus in der Theologie: wo Kirche nur "wird", fehlt die Basis für ein Amt der gesandten und sendenden Kirche. Es handelt sich beim Gerede vom Amt dann nur noch um Ersatzbegriffe. Diese strömen vom Verhältnis zur Welt, im Grunde aus dem, was per difinitionem außer und gegen den Christus des 2. Artikels ist, herbei. Es geht nunmehr darum, der "mündigen Welt die neutestamentliche Botschaft so zu "interpretieren", daß der Christus von Schrift und Bekenntnis dabei verschwindet und ein Pseudoamt der humanistischen Weltverbesserung und der Politik dient. Mit vollsäkularisiertem oder bizzarem Gegenüber sollen sich die nachfolgenden Antithesen, die die zur Kirche gestellten ergänzen, nicht abgeben. Sie wollen vielmehr einerseits negativ der Abwehr der großen historischen (demgemäß subtiler auftretenden) Irrtümer in der äußeren Christenheit, andererseits aber positiv der vollen lehrmäßigen Ausgeglichenheit und Balance bei Kirche und Amt dienen.

I. Folgende Antithesen haben es mit den gröbsten Irrtümern in der äußeren Christenheit

zu tun:

A. Ein den Grund antastender Irrtum , eine Abgötterei, die das Verhältnis zu Christus und zu

seinem Worte verkehrt, liegt vor, wenn man

1. die Kirche neben Christus zur Heilsmittlerin macht, sei es

a) in Maria als Mitmittlerin und in den Heiligen als "Fürbittern", sei es

b) im Opferdienst der Priester (Messe), sei es

c) durch "überschüssige gute Werke" heiliger Personen (usw)

2. Wenn man aus der Kirche als dem Geschöpf und der Tochter des Worts creatrim et mater Verbi Dei, also Offenbarungsquelle und -norm, macht, sei es

  1. daß man diese Rolle der ganzen Una Sancta als der mystischen Braut Christi oder aber

einer sichtbaren Kirche (im Blick besonders auf Rechtgläubigkeit oder auf

gottgesetzte Verfassung) zuweist, oder sei es genauer,

b.   daß man nur der "lehrenden Kirche", dem Lehrstand, den Bischöfen (ordinariis),

speziell dem römischen Papst, diese Vollmacht einräumt, wobei man dann

c.    endlich eine so oder so neben die Schrift tretende "traditio" (der Vergangenheit oder

auch der Gegenwart) zu gottgesetzter Norm erhebt, ja sie in solchem Gefälle zur

"proxima norma" macht; sei es

3. wenn man die Leitung dieser hierarchischen Kirche zur äußeren Herrschaft über die Gesellschaft, die Staaten, usw., antreten läßt.

 

B. Irrtum, der den Grund antastet, liegt auch vor, wenn man das von Christus gestiftete Amt

ganz abschafft oder es grundsätzlich weltlicher Macht unterordnet. Folgende Spielarten der Säkularisation "zur Linken" treten etwa hervor:

  1. daß man nur einen von innen, vom einzelnen Christen oder von einer christlichen Kommune her redenden Christus gelten lassen und die Externität von Wort und Sakrament nicht wahrhaben will;

2.    daß man die angeschlossenen Christen für derart sichtbar bestätigt hält, etwa durch nachweisbaren Bekehrungsakt oder Erwachsenentaufe, daß nun alle in gleicher Weise mit- und nebeneinander die Verkündigung und die Seelsorge ausüben sollen [indem man die Amtsstiftung leugnet] und können [indem man die göttliche Lehre auf ein Minimum, meist äußere Ethik, reduziert];

3.   daß man zwischen den Reichen zur Rechten und zur Linken eben nicht unterscheidend gesellschaftlichen und politischen Gewalten einen direkten Anspruch auf die Kirche einräumt, damit das Amt irdischen "Cäsaren" (einerlei wie auftretend) unterstellt und Christus das einzige Haupt des soma, der ekklesia, absetzt.

(Dies ist das Übliche in Gebieten des Staatskirchentums und seiner Folgeerscheinungen, aber nicht minder da, wo man eine zur Welt hin "offene" (nicht durch die NOTAE ECCLESIAE abgegrenzte) "Kirche" fordert. Wo das Wesen des Christentums noch nicht völlig preisgegeben ist, ist der verführerische Appell dabei immer der missionarischer Breitenwirkung und befohlener Weltumgestaltung. "Heraus aus dem Ghetto".

II. Abgesehen von solcher offenkundigen Säkularisierung sind alle Behauptungen irrig, die das richtige Verhältnis zwischen Tract 24 und Ap XIII 12 stören (beachte Li 235ff: "Die Zweipoligkeit von Luthers Amtslehre"). Hierhin zählen auf der einen Seite

  1. alle Lehren, die das "tribuit igitur [Christus] claves ecclesiae prinzipaliter et immediate"

(Tract 24) vergewaltigen, indem sie

1. ein Monopolamt errichten dadurch, daß sie

a) die ekklesia nicht kraft des Rechtfertigungsverhältnisses zum Haupte dessen soma und pleroma sein lassen, sondern die Amtsträger als Mittler oder "Direktautorität" einschieben (I A),

b) nur dem Amt den ursprünglichen und unmittelbaren Besitz und die gesamte dosis der Gnadenmittel zuerkennen,

c) das neutestamentliche Amt sich eigenständig fortpflanzen lassen,

oder indem sie

  1. doch so viel aus 1. übernehmen, daß das ursprüngliche Verhältnis zu den Schlüsseln des Himmelreichs nicht auf dem Einssein mit Christus durch die Rechtfertigung beruht, sondern daneben von Ordnungs- oder Rechtsbedingungen abhängt, also von vornherein nur einem ständisch gegliederten Organismus zuerkannt wird, der immer bestehen muß

(a) aus menschlichem (n) Unterhirten und

(b) aus entsprechender (n) Herde (n).

(Die daraus entspringenden irreführenden Ordinationslehren sind hier nicht nochmals zu beachten.

B. Jedoch sind auf der anderen Seite nicht minder alle Behauptungen zu verwerfen, die das

"ecclesia habet mandatum Dei de constituendis ministris" (Ap XIII 12) und das "iure divino" der Amtsvollmacht der berufenen Diener Christi (CA XIV; XXVIII § 20f. par) antasten:

  1. Solche "gleichmacherischen" Lehren pflegen im Prinzip - manchmal von einem falsch verstandenen Prinzip - manchmal von einem falsch verstandenen "principaliter et immediate" her - das Predigtamt als einen "bloßen geschichtlichen Ausfluß" des geistlichen Priestertums aufzufassen und es unter diverse, von der Kirche in ihrer geschichtlichen Entwicklung getroffenen Einrichtungen einzureihen. Sie stempeln damit die Kirchendiener zu bloßen "Angestellten", geradezu Handlangern des Kirchenverbandes, der kirchlich zusammengeschlossenen Menschen.

2. Sie äußern sich nicht selten nur indirekt und versteckt, etwa in demokratistischen

Auswüchsen, wenn z. B. der Versuch gemacht wird,

  1. einer eigenwillig auf Mitwirkung eines Amtsträgers verzichtenden sog. "Laiengemeinde" die Pfarrwahl oder etwa das Bannverfahren oder andere bindende Handlungen vorzuhalten, ferner
  2. wenn man beim öffentlichen Werk der Kirche dem Amt die unmittelbare Verantwortung Christus gegenüber abstreitet oder doch das Amt von vornherein selbstherrlich einengen und an menschliche Instruktionen binden will.

III. Eine mit "zu eng" und "zu weit" arbeitende Antithesenübersicht diene nicht eigentlich

der Einführung neuer Momente, sondern schließe sich an II an im Sinne systematischerer Übersicht: Alle Amtslehren sind irrig, die das neutestamentliche Daueramt statisch einengen und einschnüren, es in zeremonialgesetzliche Formen zwängen, oder aber es seiner Unterscheidungsmerkmale berauben und dadurch umgekehrt zu locker, zu flüssig und weit fassen, es vom ministerium ecclesiasticum in abstracto nicht mehr in concreto abgrenzbar sein lassen. Im einzelnen

A. Zu eng und statisch wird das Amt gefaßt, wenn man es

(1) unter allen Umständen gesetzlich nur einer ecclesia simplex (vielleicht sogar im simpelsten Verstand) zuordnen will und damit die Ausformung von species innerhalb des genus "Hirtenamt" mehr oder weniger überhaupt für illegitim erklärt, oder wenn man

(2) die diakonia tes katallages zeremonialgesetzlich so (meist von der ecclesia composita her) vergewaltigt, daß man innerhalb des einen Amtes von Gott vorgeschriebene Amtsstufen ausruft, so daß nicht alle Diener am Wort grundsätzlich dasselbe Amt haben (entsprechend dem, daß qualitativ ekklesia sich immer gleich ist.)

(3) Hierhin gehört auch die reformierte Auffassung, daß das Neue Testament eine fertige kirchliche Verfassung mit verschiedenen Ämtern vorschreibe.

B. Zu locker und weit aber wird das Amt gestreckt (d. h. es wird zu mehr verdünnt und seiner besonderen Obliegenheit und Verantwortlichkeit beraubt), wenn man die Grenze zwischen ministerium ecclesiasticum in abstracto, der ganzen ekklesia jeglichen Ortes befohlen, und ministerium ecclesiasticum in concreto, das der Herr hinzugestiftet hat, aufhebt, einebnet, undeutlich macht, sei es, daß man

  1. den spezifischen, allen anderen Beauftragungen und Charismen in der Gemeinde gegenüberstehenden, göttlichen Beruf, der in das öffentliche Seelsorgeramt setzt, verflüchtigt, oder daß man

2.      es gar wagt, gegen die klaren Weisungen und Verbote der Schrift weibliche Personen in das Hirtenamt Christi zu berufen (vocatio non rata), oder daß man

3.  das Berufungsrecht (ius vocationis) solchen Gruppen innerhalb der Kirche zuspricht, die sich nicht durch den im ersten Kapitel unter den Abschnitten C und E ausgeführten doppelten Bezug zu den Gnadenmitteln als selbständig handlungsfähige Ekklesien ausweisen, oder

4.   wenn man diesen Beruf nicht grundsätzlich auf Lebenszeit ausgestellt sein läßt und demgemäß temporäre Berufe auf Zeit in das heilige Predigtamt duldet, oder endlich

5.  wenn man dies spezifische Amt des Wortes und der Sakramente mit den "zureichenden Diensten" auf eine Stufe stellt, auch die letzteren (etwa das karitative Diakonenamt) als ebenso von Gott gestiftet und zum geordneten Kirchsein notwendig erklärt, wie das heilige Predigtamt.

C. Generalnenner für alle hartnäckigen Abweichungen ist, daß man Abschnitt C des ersten Kapitels, also die zweipolige Ganzheit von CA VII § 1, nicht geistlich erkennt und durchhält.

 

 

GULLIXON-BRIEF ZU KIRCHE UND AMT

 

Prof. W.M. Oesch, D.D.,

Dornbachstr. 13,

6370 Oberursel,                                                                                           Oberursel, den 16.Jan. 1978

B.R.D.

 

 

 

Herrn

Pastor George Gullixon,

RI,

Box 103, Lawler, Iowa 52154

USA

 

 

 

 

 

Lieber Bruder Gullixon:

 

Die Karte, die ich Dir zu den Festtagen sandte, teilte Dir mit, dass ich dankbar war für Deinen Brief. Ich danke Dir auch sehr für die Materialien, die Du beifügtest, und die die theologischen Positionen darlegten zu einem Aspekt DE ECCLESIA, für die man sich in der ELS entschieden hat1, und deine Reaktion. Am 29. Dezember sandte ich Dir eine Zwischenantwort.

 

Ich will mich nun anstrengen, Deiner Anfrage mehr im Detail zu begegnen. Ich werde jedoch mich nicht dazu hinreißen lassen, vielleicht zu schnell Position für eine Seite zu beziehen. Vielmehr werde ich, wie schon im Voraus angemerkt, einen ausreichenden grundsätzlichen Punkt in den Vordergrund stellen, in der Hoffnung, dass dies eine direkte persönliche Erwiderung ziemlich unnötig macht. Darüber hinaus hat ein Kollege eine ausführliche Übersicht in Englisch erbeten. Es ging darum zu beschreiben, wie das Konzept von der örtlich vergewisserten EKKLESIA, wenn auch nicht streng gebunden, von der Reformation an weitergegangen ist, aber bald in politische Bereiche abglitt. Auch diese Bewertung zeigt, wie die lehrmäßige Bedeutung des Fortschritts durch C.F.W. Walther [gegenüber dem Staats- bzw. Landeskirchentum, Anm. d. Übers.] zu beurteilen ist – ich will eher sagen: zurück zu Luther – in einem Land, in dem die Regierung sich nicht einmischt, der jedoch dennoch in der Zeit der großen Ausbreitung der MISSOURI Synode falsch verstanden wurde [nämlich was das Verständnis von Ortsgemeinde und Synode als ekkleesia angeht, Anm. d. Übers.]. Du wirst in einigen Tagen dazu einen Anhang erhalten, genannt A STUDY (eine Studie).

 

Schon in dem Schreiben Ende 1977 verwies ich Dich auf Professor Kurt Marquarts Buch „The Anatomy of an Explosion“. Prof. Marquart hat, wie Du gesehen hast, unsere STELLUNGNAHME DES ÜBERSEEKOMITEES2 im ANHANG B veröffentlicht.

 

Diese unsere Darlegung wurde den Repräsentanten der vier die damalige SYNODALKONFERENZ konstituierenden Kirchenkörper3 unterbreitet, die sich im April 1961 versammelten. Die vier Synoden4 hatten uns (die von ihren Kirchen auf den verschiedenen Kontinenten als ihre Repräsentanten bestimmt worden waren) zu Reisen in die Vereinigten Staaten auf ihre gemeinsamen Kosten eingeladen, Reisen, die 1960 begannen. Die Synoden forderten uns auf, unser Bestes zu tun, „um den toten Punkt der Synodalkonferenz zu überwinden“. Wir kamen also 1960, 1961 und im April 1962 hinüber. So trafen wir uns also mit den vier Gruppen eine nach der anderen selbst nach dem Bruch der WELS mit Missouri noch einmal. Unsere Antwort, wie Prof. Marquart sie wieder abgedruckt hat, wurde in Thiensville5 übergeben und mit jeder Gruppe 1961 ab dem 25. April diskutiert.

Wir stellten eine vor allem theologische Analyse vor, die aber von ihrem Inhalt her weit davon entfernt war, abstrakt zu sein, und legten den Schwerpunkt darauf, dass das Konzept der „Kirchengemeinschaft“, besonders der „Gebetsgemeinschaft“ nicht isoliert werde vom notwendigen neutestamentlichen Hintergrund im Blick auf EKKLESIA, besonders die offenbarten GNADENMITTEL.

 

Dieser Hintergrund bestimmt in der lutherischen Lehre und Bekenntnis zwei Aspekte äußerst sorgfältig. Alles gründet auf der EKKLEESIA stricte dicta [Kirche im engeren Sinne, Anm. d. Übers.] aller Gläubigen; die handelnde EKKLEESIA aber, wieder nur aus Gläubigen bestehend, muss örtlich verstanden werden unter Beachtung der Personen, die hier und da mit den GNADENMITTELN verbunden sind. Solche Gruppen von WORT-Empfängern und WORT-Unterstützern6, die die EKKLESIA zu einer örtlichen göttlichen Gewissheit machen, gegenwärtig in den Gläubigen und einbezogen in die von Christus angeordnete EKKLEESIA-Tätigkeit, normalerweise mit ihren berufenen Pastoren, erlauben nie einen eindeutigen Rückschluss. In dieser Hinsicht sind sie „ungenau bezeichnete Kirchen“ aufgrund der Heuchler, die in kleiner oder großer Zahl zu ihr gehören, usw., usw., auf Latein „ECCLESIAE LARGE DICTAE“ [Kirche im weiteren Sinne, Anm. d. Übers.] Was bevorstehende Tätigkeiten angeht, ist es unbedingt erforderlich, damit die eindeutige Unterscheidung zu verbinden zwischen Christi Reich (oder Regierungsweise) zur sogenannten rechten Hand oder erlösenden Seite und dem zu des aufgefahrenen Königs linker Hand, dazu bestimmt, diese Welt am Laufen zu halten. Oder, indem wir andere Begriffe Luthers verwenden: Der „Christianus per se“ [der Christ für sich, oder: im Reich zur Rechten, Anm. d. Übers.], wie in der Bergpredigt, scheint auf den ersten Blick in eine andere Person verwandelt zu sein, wenn er gefordert ist, als „Christianus in relatione“ [als Christ in Beziehungen, oder: im Reich zur Linken, Anm. d. Übers.] zu handeln. Da sieht er sich Geboten Christi gegenüber, die von ihm allerdings das gleiche Herz verlangen, jedoch nicht die direkten rechte Hand –Handlungen, sondern vielmehr, wie in der Familie, in der Wirtschaft oder im Staat, Reaktionen vorschreiben, wie sie unter Menschen, einschließlich aller Christen selbst,  üblich und der Vernunft unterworfen sind, Torheit und Faulheit entgegenstehend. Hier erbittet Gott die Liebe bei jeder Gelegenheit; nichtsdestotrotz antwortet sie hier ohne viel Aufhebens auf die zahllosen Bedürfnisse der sündigen Menschheit, damit sie in den Schranken der äußeren Ordnungen Gottes auf den Tag des Gerichts bewahrt wird. Lies dazu bitte Luther über Matth., Kapitel 5-7.

 

Ich war aufgefordert, die vier großen Synoden persönlich zu treffen. Als jemand, der in Amerika geboren und aufgewachsen ist,  wusste ich doch ein wenig über die Situationen. So wusste ich zum Beispiel, dass MISSOURI, einst Walthers Synode, seit Jahrzehnten darunter litt, dass falsche Lehren sich in seiner Mitte ausbreiteten, was schlussendlich nur dahin führen konnte, den großen Kirchenkörper in babylonische Gefangenschaft zu führen. Ich hatte ja Dr. Behnken von London aus über 100 Seiten bereits 1936 geschrieben und dann den „Crucible“ 1938/1939 versandt; und in den vielen Kontakten nach dem zweiten Weltkrieg habe ich nie aufgehört, die führenden Männer zu ermahnen.

 

Über das hinaus hatte ich in geschichtlichen Dimensionen wahrgenommen, dass von der Wende zum 20. Jahrhundert an, nennenswerte Missourier mehr und mehr das EKKLEESIA-Konzept veräußerlicht hatten, sobald es um die örtliche Gestalt ging (von der zu sprechen nur möglich ist über die KENNZEICHEN – und zwar die REINEN). Sie glitten in ein Konzept über, das zu nah an der weltlichen Demokratie ist, ja, rühmten davon. Das musste Stück für Stück die Arbeit berühren, die nach Matthäus 18 und 28 und vom Schlüsselamt zu tun ist, letzteres in seiner umfassendsten Bedeutung genommen. Dann bemerkte ich, dass sie bei der Veräußerlichung die Ortsgemeinde als die „primäre Einheit“ (so auch WELS) so weit von der normalen nächsten Stufe trennten, besonders wenn rechtgläubige Gemeinden gemäß göttlicher Verpflichtung zusammenarbeiten, d.h. dann eine neue Einheit [Synode, Anm. d. Übers.] bilden, dass s