Verhandlungen

 

der

zweiten Jahresversammlung.

 

des

 

Südlichen Distrikts

 

der

 

deutschen ev. - luth. Synode

 

von

 

Missouri, Ohio und anderen Staaten,

 

versammelt zu

 

Houston, Texas,

 

vom 11 bis 17 April, 1883.

 

 

 

St. Louis, Mo.

Lutherischer Concordia - Verlag. -- M.C. Barthel, Agent.

1883.

 

 

 

Lehrverhandlungen.

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Nachstehende von Herrn Professor F. Pieper verfasste

Thesen über die Lehre von der Rechtfertigung

wurden besprochen.

These I.

            Alle Menschen sind durch ihre natürliche Beschaffenheit und ihre eigenen Werke Sünder und liegen demnach unter Gottes Zorn und dem Urteil der Verdammnis; Gott aber hat durch Christi stellvertretendes Werk alle Menschen mit sich selber vollkommen versöhnt und in Christi Auferweckung von den Toten tatsächlich gerechtfertigt.

 

These II.

            Dies tut Gott den Menschen im Wort des Evangeliums kund zu dem Zwecke, dass es von denselben geglaubt werde.  Das Evangelium ist somit nicht ein leerer Schall, sondern eine Darreichung der von Christus erworbenen Vergebung der Sünden an alle, die das Evangelium hören.

 

These III.

            Da für jeden Menschen Vergebung der Sünden durch Christus bereits erworben ist und dieselbe im Wort des Evangeliums dargereicht oder zugesagt wird, so wird ein Mensch ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben vor Gott gerecht.

 

These IV.

            Im Artikel von der Rechtfertigung durch den Glauben steht der Glaube im Gegensatz zu jeglichem Menschenwerk.  Wer daher den Glauben selbst als ganzes oder teilweises Menschenwerk fasst, lehrt bei aller sonst orthodoxen Redeweise, wie keine Rechtfertigung aus Gnaden um Christi willen, so auch keine Rechtfertigung durch den Glauben mehr.

 

These V.

            Sollen die Christen der Gnade Gottes oder, was dasselbe ist, ihrer Rechtfertigung gewiss werden, so muss jegliches Menschenwerk von der Rechtfertigung ferngehalten, Gesetz und Evangelium genau geschieden werden.

 

These VI.

            Je weiter wir im Artikel von der Rechtfertigung die Werke aus den Augen tun und den Glauben von allen Werken scheiden, desto enger werden im Wandel die Werke mit dem Glauben verbunden sein.

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            Wir wollen dieses Jahr den Artikel von der Rechtfertigung oder, was dasselbe ist, die Frage, wie wir Sünder vor Gott gerecht und selig werden, zum Gegenstand unserer Lehrverhandlungen machen.  Diesen Artikel bezeichnet unser Bekenntnis an mehreren Stellen als „den höchsten, vornehmsten Artikel der ganzen christlichen Lehre“.  Und in der Tat: Es kann für uns, die wir Sünder sind und demzufolge unter dem Urteil der Verdammnis liegen, keine wichtigere Frage geben als die: Wie werden wir die Sündenschuld und Verdammnis los und dagegen vor Gott gerecht und selig?  Diese Frage berührt am unmittelbarsten unser inneres Leben.  Auf sie muss jeder kommen, der noch an einen Gott und ein Leben nach dem Tode glaubt.  Es gibt sich auch jeder Mensch mehr oder minder deutlich eine Antwort auf diese Frage, wenn auch nur in seinem Herzen.  Aber es kommt darauf an, dass diese Frage richtig beantwortet wird.  Die Antwort auf diese Frage macht den Unterschied zwischen Christentum und Heidentum.  Und daraus, wie jemand, der zur äußeren Christenheit gehört, diese Frage beantwortet, lässt sich sofort erkennen, ob er wirklich auch den christlichen Glauben hat oder ob er nur den Christennamen trägt, im Herzen aber ein Heide, Jude oder Türke ist.  Man hat über tausend verschiedene Religionen gezählt.  Aber im Grunde gibt es nur zwei verschiedene Religionen.  Und das tritt zu Tage bei dieser Frage: „Wie wird ein Mensch vor Gott gerecht und selig?“  Die einen antworten hier:  Der Mensch muss durch sein eigenes Tun vor Gott gerecht und selig werden, und in dieser Antwort stimmen Heide, Jude und Türke überein.  Die Antwort der christlichen Religion lautet gerade entgegengesetzt: Ein Mensch wird nicht durch sein Tun, nicht durch seine gute Beschaffenheit, sondern aus Gottes Gnade um Christi willen durch den Glauben gerecht und selig.  Wo man in der äußeren Christenheit von dieser Antwort abweicht, dort hat darum ein Rückfall in das Heidentum stattgefunden.  Und in wessen Herzen in der Christenheit nicht diese Antwort ist, der ist kein Christ, der gehört nicht zur christlichen Kirche, ist kein Glied am Leibe Christi.  Denn was einen Menschen zum Christen macht, ist nicht das Tun gewisser Werke, sondern dies, das er glaubt, er habe aus Gottes Gnade um Christi willen Gerechtigkeit und Seligkeit.  Hiervon sagt Luther (E.A. 14,334): „Darum so heißt einer nicht ein Christ daher, dass er viel tue; sondern darum, dass er von Christus was nehme, schöpfe und lasse sich nur geben.  Wenn einer nicht mehr nimmt von Christus, so ist er kein Christ mehr, so dass des Christen Name nur im Nehmen bleibe und nicht im Geben oder Tun, und dass er von niemand nichts nehme denn von Christo.  Wenn du darauf siehst, was du tust, so hast du schon den christlichen Namen verloren.  Es ist wohl wahr, dass man gute Werke tun soll, andern helfen, raten und geben; aber davon wird keiner ein Christ genannt und er ist auch darum kein Christ.  Derhalben so muss man einen Christen, wenn man das Wort will recht ansehen, dabei erkennen, dass er nur von Christus nehme und Christus in sich habe; denn das bringt das Wort eigentlich mit sich.  Gleichwie einer „weiß“ heißt von der Weiße, die an ihm ist, „schwarz“ von der Schwärze, „groß“ von der Größe; so auch „Christ“ von Christus, den er in sich hat und von dem er Gutes empfängt.  So nun einer Christ genannt wird von Christus, so wird er je von seinen Werken nicht ein Christ genannt; so folgt auch bald daraus, dass keiner ein Christ wird durch die Werke. . . . Darum, die da predigen oder in der Gemeinde lehren, und gehen mit Geboten um, mit Werken und Statuten, das sind Verführer, die tun es nicht; wiewohl sie den christlichen Namen vorwenden, so wollen sie uns doch unter diesem Namen mit ihren Geboten und Werken, die sei vorgeben, beladen und beschweren.  Ich kann wohl von den Werken ein Faster, ein Beter, ein Wallfahrer genannt werden, aber kein Christ.  Wenn du gleich alle deine Werke zusammen flöchtest, ja nähmest alle anderen Werke auch dazu, dennoch hast du nicht Christus, und wirst auch kein Christ davon genannt.  Christus ist ein ander Ding und etwas Höheres denn Gesetz und Menschengebot.  Es ist Gottes Sohn, der allein zu geben, und nicht zu nehmen bereit ist.  Wenn ich so geschickt bin, dass ich von ihm nehme, so habe ich ihn: habe ich denn ihn, so werden ich billig ein Christ genannt“.  (Walch, St L. A. XI, 1837 f).

            Deshalb nennt man den Artikel von der Rechtfertigung „den Artikel, mit welchem die Kirche steht und fällt (articulus stantis et cadentis ecclesiae).  Wo dieser Artikel ist, da ist die christliche Kirche.  Wo eine christliche Kirche sein soll, muss dieser Artikel gepredigt werden; wo eine christliche Kirche bleiben soll, muss dieser Artikel gepredigt werden; wo eine christliche Kirche bleiben soll, da muss dieser Artikel bleiben und im Schwange gehen.  Wo dieser Artikel nicht ist, da ist keine Kirche und da wird keine Kirche.  Ursache: Die Christen sind eben solche Leute, die täglich und stündlich, ja jede Minute Vergebung der Sünden aus Gnaden um Christi willen haben müssen.  Das ist die Luft, in der sie leben; nur in diesem Klima können es die Christen aushalten.  Sobald ein Christ meint, er bedürfe der Vergebung nicht, hört er auf, ein Christ zu sein.

                Im Lichte dieses Artikels verstehen wir die Schrift, können wir aller Irrlehre wehren, bleiben wir im Glauben einig, und werden wir immer wieder einig, wenn einmal eine zeitweilige Störung sich geltend machen wollte.  Denn mit diesem Artikel behalten die Christen den gemeinsamen Grund unter den Füßen.

                Schmalkaldische Artikel: „Auf diesem Artikel steht alles, was wir wider den Papst, Teufel und Welt lehren und leben.  Darum müssen wir des gar gewiss sein und nicht zweifeln, sonst ist es alles verloren und behält Papst und Teufel und alles wider uns den Sieg und Recht“.  (Müller S 300).

                Apologie (Müller S 87): „Dieweil aber solcher Zank ist über dem höchsten vornehmsten Artikel der ganzen christlichen Lehre, also dass an diesem Artikel ganz viel gelegen ist, welcher auch zu klarem richtigem Verstande der ganzen heiligen Schrift vornehmlich dient und zu dem unaussprechlichen Schatze und dem rechten Erkenntnis Christi allein den Weg weist, auch in die ganze Bibel allein die Tür auftut, ohne welchen Artikel auch kein arm Gewissen einen rechten beständigen gewissen Trost haben oder die Reichtümer der Gnade Christi erkennen mag: -- so bitten wir, kaiserliche Majestät wollen von dieser großen, tapfern, hochwichtigen Sache nach Notdurft und gnädiglich uns hören”. (St L.A. 64).

                Man darf daher in diesem Artikel auch nicht die geringste Fälschung zulassen.  Wer uns diesen Artikel antastet, greift uns ans Leben.  Die Verderber dieses Artikels greifen wir an, wenn sie auch noch so hoch stehen sollten.

                Luther: „Was ist Petrus, was Paulus, was ein Engel von Himmel, was alle Kreatur gegen den Artikel von der Rechtfertigung?  Wenn wir den recht wissen, gehen wir im hellsten Lichte einher, wenn wir ihn nicht wissen, in dichtester Finsternis.  Deshalb, wenn du siehst, dass dieser Artikel wankend gemacht oder in Gefahr gebracht wird, so darfst du dich nicht scheuen, selbst Petrus oder einem Engel vom Himmel zu widerstehen; denn er kann nicht herrlich genug erhoben werden“.  (Galaterbrief I, 159).  Es könnte scheinen, als ob Luther zu kühn redete.  Aber er spricht nur nach, was der Apostel Paulus schreibt Gal 1,8: „Aber so auch wir oder  ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, denn das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht“.  Freilich, die Engel vom Himmel werden die Menschen nie verführen; sie sind nur auf deren Seligkeit bedacht.  Aber der Apostel will sagen: Wenn es möglich wäre, dass ein Engel vom Himmel ein anderes Evangelium predigte, so solltet ihr selbst die Heiligkeit eines Engels nicht ansehen, sondern sagen: Verflucht ist, wer ein anderes Evangelium predigt, denn das wir empfangen haben.

                Aber merkwürdig ist es, dass gerade dieser Artikel in der Christenheit so viel und so oft gefälscht worden ist und noch gefälscht wird.  Er ist bald nach der Apostel Zeit verdunkelt worden, wie wir das aus den uns aus dieser Zeit aufbewahrten Schriften sehen.  Im Papsttum hat man tausend Jahre lang anstatt Christi Verdienst Menschenverdienst gepredigt.  Diesen traurigen Zustand beschreibt die Apologie in folgenden Worten: „Denn dieweil die Widersacher gar nicht verstehen, was Vergebung der Sünde sei, was Glaube, was Gnade, was Gerechtigkeit sei, so haben sie diesen edlen, hochnötigen, vornehmsten Artikel, ohne welchen niemand Christum erkennen würde, jämmerlich besudelt und den hohen teuren Schatz der Erkenntnis Christi oder was Christus und sein Reich und seine Gnade sei, gar unterdrückt und den armen Gewissen einen solchen so edlen, großen Schatz und ewigen Trost, daran es gar gelegen, jämmerlich geraubt“. (S 87).  „Und aus dem gefährlichen Irrtum  (dieweil man solchen öffentlich in Schulen gelehrt und auf den Predigtstühlen getrieben) ist es leider dahin geraten, dass auch große Theologen zu Löwen, Paris von keiner andern christlichen Frömmigkeit und Gerechtigkeit gewusst haben (obwohl alle Buchstaben und Syllaben im Paulus anders lehren), denn von der Frömmigkeit, welche die Philosophie lehrt.  Und so es uns billig fremd sein sollte und wir billig sie verlachen sollten, verlachen sie uns, ja, verspotten Paulus selbst.  Also sehr ist der schändliche greuliche Irrtum eingerissen“.  (S 89).  Das ist nicht so zu verstehen, als ob niemand mehr in der Christenheit diesen Artikel geglaubt hätte.  Denn dann hätte es auch keine christliche Kirche mehr gegeben.  Es fehlte auch nicht an einigen Zeugnissen für diese Lehre.  Aber die große Menge der öffentlichen Lehrer predigte anstatt der christlichen Lehre heidnische Moral.

                In der Reformation durch Luther hat Gott der Christenheit diese Lehre wieder in ihrer ganzen Klarheit geschenkt.  Luther hat in der Schule der Anfechtung diese Lehre aus Gottes Wort gelernt und dann sie der Christenheit bezeugt.  Dadurch kam es zu einer Reformation, und dadurch ist wieder eine Kirche in apostolischer Reinheit, die lutherische Kirche, entstanden.  Dieses Jahr wird die lutherische Kirche die Feier des vierhundertjährigen Geburtstages Luthers begehen.  Aber alle äußere Feier hat nur dann Sinn, wenn wir durch Gottes Gnade auch rechte Kinder der Kirche der Reformation sind.  Ob wir solche sind, kommt namentlich zu Tage bei der Frage: Was für eine Lehre von der Rechtfertigung führen wir?

                Wir bedürfen des steten Aufblickes auf Gottes Wort, um hier nicht vom rechten Wege abgetrieben zu werden.  Von Natur erdichten wir uns einen andern Weg zum Himmel.  Der natürliche Mensch hat eine allgemeine Erkenntnis vom Gesetz, von gut und böse.  So meint er durch das Gesetz selig werden zu können.  Er meint, wenn er so viel tue, als in seinen Kräften stehe, werde Gott ihn als gerecht passieren lassen und in den Himmel nehmen.  Diese Meinung findet sich, leider! auch bei vielen, die sich noch Christen zu sein dünken.  Da gilt es, allem Urteilen der Vernunft Abschied zu geben und allein aus dem Evangelium zu lernen, wie ein Mensch vor Gott gerecht und selig wird.  Der Mensch ist von Natur selbstgerecht.  Er will sein Heil nicht allein Gottes Gnade zuschreiben, sondern auch wenigstens in etwas sich selbst verdanken.  Auch ist gerade in den letzten Jahren aus unserer eigenen Mitte heraus dieser Irrtum kräftig geworden.  Man will die beiden Sätze, dass wer selig wird, aus Gnaden selig wird, und wer verloren geht, aus eigener Schuld verdammt wird, der menschlichen Vernunft begreiflich machen.  Dies hat man so zuwege gebracht, dass man der Gnade Abbruch tat. -- Man lehrt so, dass die Seligwerdenden ihr Heil nicht einzig und allein Gottes Gnade, sondern zum Teil auch sich selbst zu verdanken haben.  Damit hat man die christliche Lehre  im Herzpunkt verderbt.  Es gilt, sich vor diesem Irrtum zu bewahren, zumal er in einem äußerlich orthodoxen Gewande auftritt.

                Gott segne unsere Verhandlungen, dass wir in der rechten Lehre von der Rechtfertigung, wie sie Gott der lutherischen Kirche geschenkt, immer mehr befestigt, und befähigt werden, allen Irrtum, der die lautere Wahrheit verderben will, abzuweisen.

 

These I

            Alle Menschen sind durch ihre natürliche Beschaffenheit und ihre eigenen Werke Sünder und liegen demnach unter Gottes Zorn und dem Urteil der Verdammnis; Gott aber hat durch Christi stellvertretendes Werk alle Menschen mit sich selber vollkommen versöhnt und in Christi Auferweckung von den Toten tatsächlich gerechtfertigt.

 

                Diese These enthält zwei Voraussetzungen für die rechte Lehre von der Rechtfertigung.  Erstlich müssen wir erkennen: Wir Menschen sind durch unsere natürliche Beschaffenheit und durch unser Tun nicht gerecht, sondern unter Gottes Zorn und dem Urteil der Verdammnis.  Wenn wir uns selbst ansehen und uns fragen: Was hält Gott von dir? so müssen wir antworten: Gott sagt, du bist ein Kind des Zorns, du liegst unter dem Urteil der Verdammnis, denn du bist ein Sünder.  In 14 Psalm Vers 2-3 heißt es: „Der HERR schaut vom Himmel auf der Menschen Kinder, dass er sehe, ob jemand klug sei, und nach Gott frage.  Aber sie sind alle abgewichen, und allesamt untüchtig; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer“.  Wir bleiben auch Sünder.  Wir haben keine Kraft, unseren Zustand zu ändern.  In der letztjährigen Synodalversammlung haben wir uns überzeugt, dass die Heilige Schrift und nach derselben auch unser Bekenntnis das gänzliche Unvermögen des natürlichen Menschen in geistlichen Dingen lehren.  Zwar kann der Mensch so leben, dass Menschen mit ihm zufrieden sind und ihm das Zeugnis eines gerechten Mannes geben müssen; aber anders lautet Gottes Urteil; vor Gott mangelt ihm alle Gerechtigkeit.  Gott sieht nicht bloß das äußere Werk, sondern vor allem das Herz an, und das Herz des Menschen ist seiner natürlichen Beschaffenheit nach von Gott abgewendet.  Er kann auch nicht ein Werk tun, das aus reiner Liebe zu Gott und zu seinem Nächsten hervorgegangen wäre.  „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“  Ja, in seinem Herzen ist Feindschaft gegen Gott und sein heiliges Wort.  „Fleischlich gesinnt sein“, das heißt, natürlich gesinnt sein, „ist eine Feindschaft gegen Gott“, bezeugt die Heilige Schrift Römer 8,7.  Darum ist und bleibt der Mensch, soviel seine Beschaffenheit und sein Tun anlangt, vor Gott ein Sünder und somit auch unter dem Urteil der Verdammnis.

                Nur wer dies festhält, kann auch von der Rechtfertigung aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben recht lehren und denken.  Daher alle diejenigen, welche dem natürlichen Menschen noch ein größeres oder geringeres Maß von Kräften zuschreiben, mit denen er in geistlichen Dingen wirken oder mitwirken könne, auch notwendig von der Rechtfertigung falsch lehren.  Die Lehre von der Rechtfertigung aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben hat die Lehre von der gänzlichen Untüchtigkeit des Menschen zu allem geistlichen Guten zur Voraussetzung.  Der Apostel Paulus will im Briefe an die Römer seine Leser zu der Erkenntnis führen, wie ein Mensch gerecht wird.  Dies tut er so, dass er zunächst nachweist, wie ein Mensch durch sein eigenes Thun sich keine Rechtfertigung vor Gott erwerben könne, sondern vielmehr mit demselben in der Sünde und unter dem Fluche bleibe.  Er geht zur eigentlichen Lehre von der Rechtfertigung über, nachdem er zuvor erwiesen hat, was Römer 3,9-20 geschrieben steht: „Was sagen wir denn nun?  Haben wir einen Vorteil?  Gar keinen.  Denn wir haben droben bewiesen, dass beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind. . . Darum, dass kein Fleisch durch des Gesetzes Werk vor ihm gerecht sein mag.“

                Die Römischen und die Sekten, auch viele Neulutheraner, glauben dies (dass der Mensch geistlich tot sei) nicht, weshalb sie denn auch die rechte Lehre von der Rechtfertigung verwerfen oder doch nicht kennen. --.

                Dies haben wir uns auch für unsere Predigt und überhaupt für unser Lehren zu merken.  Wir werden niemand zum Verständnis der biblischen Rechtfertigungslehre führen, wenn wir ihm nicht zuvor durch das Gesetz klar gemacht haben, dass er mit seinem eigenen Tun vor Gott ungerecht, verloren und verdammt sei.  Das Gesetz muss daher mit allem Ernste in seiner ganzen Schärfe gepredigt werden.  Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit wird durch das Evangelium nicht aufgehoben.  Auch der Spruch ist und bleibt wahr: „Ihr sollt heilig sein; denn ich bin heilig.“  Sünde und Gottes heiliges Wesen vertragen sich nicht miteinander.  Wie niemand ungestraft seine Hand ins Feuer stecken darf, so kann auch niemand ungestraft das Gesetz Gottes übertreten.  Tritt daher nichts zwischen den Sünder und Gottes Heiligkeit, so wird diese ihn wie ein verzehrendes Feuer verderben.  Der Mensch muss vor dem großen Greuel der Sünde erschrecken.  Er muss an sich ganz verzagen, bankrott werden, seinen verzweifelt bösen Schaden erkennen, seine Ketten und den Kerker, in dem erliegt, fühlen, um sich des Evangeliums freuen zu können.  Christus hat daher seinen Aposteln vor und neben der Predigt des Evangeliums auch die Predigt der „Buße“ aufgetragen, Luk 24,46-47.  Auch Johannes der Täufer rief seinen Zuhörern zu: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“  Mark 1,15.  Luther schrieb gegen Agricola folgendes: „Gott hat sein Gesetz eben darum gegeben, dass es soll beißen, schneiden, hauen, schlachten und opfern den alten Menschen; denn es soll den hoffärtigen, unweisen, sichern, alten Adam erschrecken und ihm seine Sünde und Tod zeigen, auf dass er gedemütigt an ihm selbst verzweifele und also der Gnade begierig werde, wie St Paulus sagt: Virtus peccati lex, stimulus mortis peccatum est.” (E.A. 32,71). [Die Kraft der Sünde ist das Gesetz, der Stachel des Todes ist die Sünde. 1. Kor. 15,56.]

                Wie kann es denn nun zur Rechtfertigung eines Menschen kommen, da er mit all seinem Tun nicht ein Urteil der Rechtfertigung, sondern der Verdammnis verdient?  Hier müssen wir das Tun eines andern betrachten, das Tun Christi.  Gott hat aus unendlicher Gnade und Barmherzigkeit durch seines menschgewordenen Sohnes Werk die Menschen mit sich selber versöhnt und alle Gerechtigkeit und das ewige Leben erwerben lassen.  Dies ist die zweite Voraussetzung für die Lehre von der Rechtfertigung.  Wer dies nicht glaubt, kann wiederum nicht recht von der Rechtfertigung lehren.  Dass wir nichts tun können, um gerecht gesprochen zu werden, und dass Christus alles getan habe, damit unsere Rechtfertigung stattfinden könne: Beides muss man festhalten. 

                Was war doch der Zweck des Kommens Christi auf Erden?  Die Heilige Schrift sagt, er sei gekommen, um die Sünder selig zu machen.  1 Tim 1,15: „Denn das ist je gewisslich wahr, und ein teuer wertes Wort, dass Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ Deshalb erhielt er auf göttlichen Befehl den Namen „Jesus“; „denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden“.  Matth 1,21. -- Worin bestand das Werk Jesu, welches er für die Menschen vollbrachte und wodurch die Erlösung bewirkt ist?  Wir müssen dieses Werk noch näher ins Auge fassen.  Das ist von der größten Wichtigkeit für die Lehre von der Rechtfertigung.  Denn Christi Gerechtigkeit, die er auf Erden geleistet hat, wird durch die Rechtfertigung unsere Gerechtigkeit.  Christi Werk bestand einmal in der Erfüllung der Forderungen, welche der heilige Gott oder, was dasselbe ist, das Gesetz Gottes an den Menschen stellt.  Deshalb wurde Christus, der als wahrer Gott über dem Gesetze stand, und also für seine Person nicht gehalten war, dasselbe zu halten, z.B. seiner Mutter untertan zu sein, sich beschneiden zu lassen usw., unter das Gesetz getan.  Gal 4,4: „Da aber die Zeit erfüllt ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe, und unter das Gesetz getan.“ Christi ganzes Leben im Fleisch war ein Gehorsam gegen Gott.  Deshalb wird Christus vom Propheten Jesaja so oft „der Knecht Gottes“ genannt.  Dieser Gehorsam war ein vollkommener; nie fand bei Christus eine Abweichung von Gott statt im Herzen oder in den Werken.  Gedanken, Worte und Werke befanden sich stets im Einklang mit dem Willen Gottes; nie fand ein Widerstreben, weder ein natürliches, noch ein mutwilliges, statt.  Der Gehorsam bewährte sich auch in dem größten inneren und äußeren Leiden.  In Gethsemane bat zwar der HERR: „Ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir“: Aber dieser Bitte lag kein Schatten von Ungehorsam zu Grunde; denn der HERR setzte sofort hinzu: „Doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst.“ Dieser Gehorsam hielt auch an in der unsäglichen Kreuzesmarter; weshalb es Phil 2,8 heißt: „Er ward gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuz.“ Zu einem vollkommenen Gehorsam gehört ferner dies, dass derselbe willig geleistet werde.  So hat auch Christus willig, von Herzen Gottes Gebot erfüllt.  Zwar sagt die Schrift einerseits, dass Christus von dem Vater um unserer Sünden willen dahingegeben sei, z.B. Römer 4,25;  andererseits bezeugt sie aber auch, dass Christus sich selbst für uns dahingegeben habe.  So heißt es Gal 2,20 von Christus: „Der mich geliebt hat und sich selbst für mich dargegeben.“  Es ging hierbei zu, wie es in dem Lied ausgedrückt ist No 73, Vers 2-3.  Der Vater sprach zum Sohne: „Geh hin, mein Kind“  und der Sohn antwortete: „Ja, Vater, ja“ [Lied: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld. Anm. d. Hrsg.] So hat Christus das Gesetz erfüllt in seinem wahren geistlichen Sinn, wie derselbe beschrieben wird Apologie S 88: „Die zehn Gebote aber erfordern nicht allein ein äußerlich ehrbar Leben oder gute Werke, welche die Vernunft etlichermaßen vermag zu tun, sondern erfordern etwas viel Höheres, welches über alle menschliche Kräfte, über alles Vermögen der Vernunft ist, nämlich will das Gesetz von uns haben, dass wir Gott sollen mit ganzem Ernst von Herzensgrund fürchten und lieben, ihn in allen Nöten allein anrufen und sonst auf nichts einigen Trost setzen.  Ebenso, das Gesetz will haben, dass wir nicht weichen noch wanken sollen, sondern aufs allergewisseste im Herzen schließen, dass Gott bei uns sei, unser Gebet erhört und dass unser Seufzen und Bitten Ja sei.  Ebenso, dass wir von Gott noch Leben und allerlei Trost erwarten sollen mitten im Tode, in allen Anfechtungen seinem Willen uns gänzlich heimgeben, im Tod und Trübsal nicht von ihm fliehen, sondern ihm gehorsam sein, gerne alles tragen und leiden, wie es uns gehet.“  Aber wie Christus die Forderungen des Gesetzes für die Menschen erfüllt hat, so hat er auch die Strafe, welche die Menschen mit Übertretung desselben verdient haben, getragen.  Er empfand den Zorn Gottes in seinem Gewissen, wie wir dies aus seinem Seelenleiden in Gethsemane sehen, da er vor Angst seiner Seele zitterte und zagte, betrübt war bis in den Tod, vor Gott im Staube lag und blutigen Schweiß schwitzte.  Dass er den Zorn Gottes auf sich ruhen fühlte, geht auch daraus hervor, dass er am Kreuz ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“  Der Sünde Sold ist der Tod und alles Leiden, was sonst noch in diesem Leben die Menschen treffen sollte.  Auch diesen Sold der Sünde hat Christus empfangen.  Der HERR Christus selbst fasst dies in den Worten zusammen Luk 18,32-33: „Er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und geschmäht und verspeit werden, und sie werden ihn geißeln und töten.“

                Durch dieses Werk Christi ist nun aber eine vollkommene Versöhnung Gottes mit den Menschen bewirkt worden.  Das Werk, welches Christus, als der “Mittler” (1. Tim 2,5) zwischen Gott und den Menschen, leistete, war Gott wohlgefällig; wie es Eph. 5,2 von Christus heißt, dass er „sich selbst dargegeben für uns zur Gabe und Opfer Gott zu einem süßen Geruch“.  Wie Gott in Gnaden Christus, der von keiner Sünde wusste, für die Menschen zur Sünde machte (2. Kor 5,21), das heißt, Christus die Sünden der Menschen als seine eigenen zurechnete; so sah er auch die von Christus geleistete Sühne so an, als ob sie von den Menschen selbst geleistet wäre.  Der Heilige Geist schreibt durch St Paulus 2. Kor 5,14: „Wir halten, dass, so einer für alle gestorben, so sind sie alle gestorben.“  Durch Christi Leiden und Sterben sind die Sünde aller Menschen so vollkommen gesühnt, als ob alle tausend Millionen Menschen selbst ewige Höllenstrafen erlitten hätten.  Das Resultat ist nun: Gott ist mit allen Menschen und mit jedem einzelnen derselben vollkommen versöhnt.  Kein Mensch braucht noch etwas zu tun oder zu leiden, um Gott zu versöhnen, Gerechtigkeit und Seligkeit zu erlangen.  Das bezeugt die Heilige Schrift denn auch ausdrücklich.  2. Kor 5,19 lesen wir: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“, das heißt, damals, vor 1900 Jahren, als Christus für die Menschen das Gesetz erfüllte und die Strafe für die Übertretung des Gesetzes von Seiten der Menschen erduldete, versöhnte Gott die Menschen mit sich.  Wir müssen hier die einfachen klaren Worte ins Auge fassen und auf uns wirken lassen.  Wir wissen ja, was es heißt: mit jemand versöhnt sein.  Wir sagen dann von jemand, dass er mit einem andern ausgesöhnt sein.  Wir sagen dann von jemand, dass er mit einem andern ausgesöhnt sei, wenn er allen Zorn, den er früher aus irgendeinem Grunde gegen den andern hegte, aus seinem Herzen hat fahren lassen.  So hat auch Gott gegen die Menschen, denen er früher ihrer Sünden wegen zürnte, um Christi Werkes willen allen Zorn fahren lassen.  Das ist ausgesprochen in den Worten: „Gott versöhnte die Welt mit ihm selber.“  In Christus steht Gott jetzt so zu den Menschen, als ob sie ihn nie mit Sünden beleidigt hätten, als ob nie eine Entzweiung zwischen Gott und den Menschen eingetreten wäre.  Hier ist klar die sogenannte objektive [oder allgemeine, Anm. d. Hrsg.] Rechtfertigung gelehrt; denn ist Gott durch Christus mit den Menschen versöhnt, hat er nichts mehr gegen sie, so hat er sie in seinem Herzen losgesprochen von ihren Sünden, so sieht er sie als gerecht an um Christi willen.  Die um Christi Werkes willen schon geschehene Rechtfertigung aller Menschen ist denn auch noch mit ausdrücklichen Worten bezeugt, wenn der Apostel zu den Worten: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“, noch hinzusetzt: „und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu“.  „Die Sünde nicht zurechnen“ ist aber gleichbedeutend mit „rechtfertigen“, wie wir aus Römer 4,6-8 sehen: „Selig ist der Mensch, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke.  Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und welchen ihre Sünden bedecket sind.  Selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünde zurechnet.“  So gibt es nach der Schrift eine Versöhnung Gottes mit den Menschen und eine Rechtfertigung derselben vor dem Glauben.  Wie Christus für uns gestorben ist und der göttlichen Gerechtigkeit genug getan hat, da wir noch Sünder waren, ja, ehe wir geboren waren, und Gott Christi Werk als für uns geleistet angenommen hat; so ist auch Gott, ehe wir noch geboren waren, mit uns durch Christum versöhnt, hat Gott uns um Christi willen von unsern Sünden absolviert.

                Darauf weisen auch die Umstände des Todes Christi hin.  Christi Ruf: „Es ist vollbracht!“; die Finsternis bis zur 9ten Stunde, da Christus starb (um die 9te Stunde brach die Sonne wieder aufgegangen); das Zerreißen des Vorhangs im Tempel (denn durch diesen wunderbaren Vorgang hat Gott tatsächlich erklärt, dass nun jeder Sünder einen freien Zugang zu ihm hat).

                Besonders wichtig für die Lehre von der Rechtfertigung ist Christi Auferweckung von den Toten.  Dieselbe ist die tatsächliche Rechtfertigung der ganzen Sünderwelt.  Durch Christi Auferstehung von den Toten ist erwiesen, dass Christus wahrer Gott und der im Alten Testament geweissagte Heiland sei; durch dieselbe wissen wir auch, dass wir nun an Christus einen lebendigen Heiland haben.  Aber noch mehr des Trostes liegt in der Auferstehung Christi von den Toten.  Wir müssen bedenken: Für wen litt und starb Christus?  Doch nicht für seine Person, sondern für uns Menschen.  Unsere Sünden lagen auf ihm, und um unserer Sünden willen sank er in den Tod; weil er unser Bürge und Stellvertreter geworden war, deshalb sank er in das Grab.  In Christi Tod erging das Verdammungsurteil über die Sünde der Welt.  Was wird hiernach Christi Auferstehung sein?  Nichts anderes als die Absolution, die Rechtfertigung der ganzen Sünderwelt.  Als Christus wieder erstand, war er nicht von seinen eigenen Sünden (denn er hatte keine Sünde), sondern von den Sünden der Welt losgesprochen.  Durch die Auferweckung seines Sohnes von den Toten hat also der himmlische Vater allen Menschen tatsächlich zugerufen: Ich bin jetzt mit euch versöhnt!  Ich habe nichts mehr gegen euch!  Euer Bürge, an den ich mich gehalten habe, hat alles gut gemacht.  In ihm habe ich euch absolviert, gerechtfertigt.  Dies ist klar ausgesprochen Römer 4,25.  Daselbst heißt es von Christus: „Welcher ist um unserer Sünde willen dahingegeben, und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt.“  „Gerechtigkeit“ ist hier so viel wie „Rechtfertigung“ [So auch die Übersetzung in der revidierten Fassung, Anm. d. Hrsg.].  Der einfache Sinn dieser Worte ist: Wie durch Christi Tod die Sühnung unserer Sünden sich vollzog, so vollzog sich durch Christi Auferweckung von den Toten unsere Rechtfertigung von den Sünden.  Ein Zeugnis für diese Wahrheit, dass Gott in Christus bereits mit allen Menschen versöhnt sei und dieselben durch Christi Auferweckung gerechtfertigt habe, findet sich bei Johann Gerhard.  Derselbe schreibt zu Römer 4,25: „Wie Gott unsere Sünden an Christus gestraft hat, weil sie auf ihn gelegt und ihm als unserem Bürgen zugerechnet waren, so hat er ihn in gleicher Weise, indem er ihn von den Toten auferweckte, eben durch diese Tat von unseren Sünden, die ihm zugerechnet waren, absolviert, und somit hat er in ihm auch uns absolviert.“  Ph. D. Burk schreibt: „Zwar ist nicht zu leugnen, dass die Schrift an manchen Orten von der Rechtfertigung als einer allgemeinen Gnadenwohltat Gottes über alle Menschen redet; z. Ex. Römer 5,18: ‚durch eines Gerechtigkeit ist die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen‘.  Ebenso 2 Kor 5,19: ‚Gott versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünde nicht zu.‘  Und ein Zeuge der Wahrheit hat in allewege das Evangelium also zu treiben, dass er den allgemeinen Gnadenantrag Gottes an alle Menschen sein Hauptwerk sein lasse.  Und eine jede Seele, die zum Glauben kommen soll, muss den Grund in der Erkenntnis dieser allgemeinen Rechtfertigung über alle Menschen legen.“

                Niemand kann die Rechtfertigung recht verstehen, wenn er nicht weiß, dass alle Menschen durch Christus mit Gott vollkommen versöhnt und bereits von ihren Sünden losgesprochen sind.  Dies wird aber allein von der lutherischen Kirche festgehalten.  Die Sekte des Papstes lehrt: Christus habe nicht alle Sünden gebüßt, für einen Teil derselben müsse der Mensch selbst in diesem Leben oder im Fegfeuer die Strafe bezahlen (Conc.Trid.sess.VI. can.30) Während aber die Papisten die Versöhnung aller Sünden leugnen, leugnen die Calvinisten die Versöhnung aller Sünder.  Nur ein Teil der Menschen, die Auserwählten, sollen mit Gott durch Christus versöhnt sein.  Klar und deutlich bezeugt dagegen die Heilige Schrift: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber.“  2 Kor 5.  Und abermals: „Christus ist die Versöhnung für unsere Sünde; nicht allein aber für die unsere, sondern auch für der ganzen Welt.“  1 Joh 2,2.

                Andere reformierte Sekten wiederum reden und praktizieren so, als ob Gott nicht vollkommen durch Christus mit jedem einzelnen Sünder schon ausgesöhnt, sondern gleichsam nur geneigt gemacht sei, den Menschen anzunehmen, wenn der Mensch das Werk der Buße, der Bekehrung und den Glauben leiste.  Das ist aber eine Verkleinerung des Verdienstes Christi und führt die Menschen wieder von der Gnade auf die Werke.  Bekehrung und Glaube sind allerdings nötig, wenn ein Mensch selig werden soll.  Aber inwiefern und weshalb, werden wir später sehen.  Buße und Glaube dürfen nicht als eine Leistung von Seiten des Menschen aufgefasst werden, wodurch Christi Werk erst vollkommen gemacht oder ergänzt werde.

                Die Rechtfertigung eines Sünders vor Gott beruht ganz und gar auf Christi Thun und Werk.  Aber von einem solchen Werke können wir nur dann reden, wenn wir Christus auch wirklich für die hohe Person halten, die Christus nach der Offenbarung der heiligen Schrift ist, nämlich für wahren Gott und wahren Menschen in einer Person.  Darum können alle diejenigen keine Vergebung der Sünden oder Rechtfertigung durch den Glauben lehren, die Christus nicht für wahren Gott halten.  Hierher gehören die sogenannten freien Protestanten.  Dieselben reden zwar auch noch von Christus, und nennen ihn auch noch wohl Gottes Sohn, aber sie meinen dann, Christus sei so Gottes Sohn gewesen, wie fromme Menschen überhaupt „Gottes Kinder“ genannt werden. Wäre dem wirklich so, wäre Christus nur ein Mensch, dann gäbe es keine Vergebung der Sünden und keine Rechtfertigung auf Grund seines Tuns; wie der 49. Psalm lehrt, dass kein Bruder einen andern erlösen noch Gotte jemand versöhnen kann. Ist Christus nur ein Mensch gewesen, so hat er die Menschen nicht mit Gott versöhnt, so hat er den Menschen nicht den Himmel durch sein Werk geöffnet, so liegen wir noch unter Gottes Zorn.  Mögen die sogenannten Freiprotestanten noch so viel von Christus reden, so ist bei ihnen dennoch keine Predigt von Vergebung der Sünden und der Rechtfertigung, so ist bei ihnen auch keine christliche Kirche, sie sind einfach Heiden.  Denn wir haben schon gesehen: Nur dadurch wird an einem Orte eine christliche Gemeinde, dass die Predigt von Vergebung der Sünden daselbst erschallt und Menschen dieser Predigt glauben.  Wo diese Predigt nicht ist, da ist auch nicht der Same, woraus die christliche Kirche geboren wird, also auch keine christliche Kirche, ebenso, wie kein Weizenfeld da zu suchen ist, wo man keinen Weizen gesät hat.  Allein Christus, wahrer Gott und Mensch in einer Person, kann Vergebung der Sünden erwerben und solche in seinem Namen predigen lassen.

                Es wird deshalb hierauf aufmerksam gemacht, weil diese Frage in unseren Gemeinden in New Orleans behandelt werden musste, woselbst ein „freiprotestantischer“ Prediger sich und seine Gemeinde für christlich ausgibt und noch manche Unvorsichtige betört.  Diese „Protestanten“ sagen, wenn man weiter mit ihnen redet, es sei überhaupt keine stellvertretende Genugtuung für die Sünden der Menschen nötig.  Sie führen einen Beweis an, durch welchen schon mancher wankend gemacht worden ist.  Sie sagen: „Ist Gott nicht der Allmächtige, der alles tun kann, was er will?  Kann derselbe nicht den Menschen die Sünden vergeben, wenn er auch keine Bezahlung von Christus für die Sünden der Welt empfängt?“  Ja, sie sagen noch weiter: „Was macht ihr euch denn für ein Bild von Gott?  Meint ihr, dass Gott so schwach und ohnmächtig sei, dass er erst eine Bezahlung haben müsse, um Sünden vergeben zu können?  Ihr lehrt ja wider Gottes Majestät und Allmacht”!  Die einzige und genügende Antwort darauf ist diese: Was Gott tun kann und tun will, das haben nicht wir Menschen aus unserer Vernunft zu bestimmen, sondern einfach aus Gottes Wort zu lernen.  Gott sagt in seinem Worte, wie er Sünde vergeben, aus welchen Gründen er uns rechtfertigen wolle.  So dürfen wir nun uns keine andere Art und Weise der Vergebung der Sünden ersinnen.  Die Schrift sagt klar und deutlich, dass Gott nur um Christi Lebens, Leidens und Sterbens willen die Sünden vergeben will.  An Christus haben wir die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden.  Eph. 1,7.  Außer Christus ist Gottes Zorn über die Sünden der Menschen entbrannt.  Es gibt nur eine Flut, welche die Flamme des Zornes Gottes löschen kann, nämlich das Blut Christi, das für uns vergossen ist.  Nur um des vergossenen Blutes Christi willen will Gott Sünde vergeben.  Die Heilige Schrift offenbart uns, dass Gottes Gerechtigkeit durch Christi Thun und Leiden Genüge geschehen, dass die Vergebung der Sünden erst durch Christus erworben sei.  Römer 3,24-26.  Wer daher nicht die Vergebung der Sünden, die der Mittler Christus erworben hat, annehmen will, geht verloren; und wer nicht Vergebung der Sünden um Christi willen predigt, führt die Menschen zur Verdammnis.

                Hierbei ist zu erinnern, dass die reformierten Sekten auch, wenn man konsequent ihre Lehre weiter verfolgt, durch ihre Lehre von der Person Christi Christi allgenügendes Verdienst umstoßen.  Sie geben wohl alle zu, dass Christus wahrer Gott ist; aber sie leugnen nun, dass das Leiden, welches Christus für die Sünden der Menschen erduldete, wirklich das Leiden des Sohnes Gottes war.  Sie leugnen ferner, dass Christi Gesetzeserfüllung, der sogenannte tätige Gehorsam, den er geleistet hat, wirklich für uns geleistet sei.  Nun ist es ja wahr, der HERR Christus hat alles, was er erduldet, nach der menschlichen Natur erlitten, nicht nach der göttlichen.  Gott an sich kann nicht leiden.  Aber die menschliche Natur, nach welcher Christus litt, ist in die Einheit der göttlichen Person aufgenommen, so dass, was Christus nach der menschlichen Natur erlitt, Gott selbst erlitten hat.  So lehrt die Schrift.  Der Apostel sagt: „Den HERRN der Herrlichkeit habt ihr gekreuzigt“ [Apg. 3,15], und: „Gott hat mit seinem eigenen Blute die Gemeine erkauft.“ [Apg. Apg. 20,28.]  Und gerade dies gibt dem Leiden Christi so unendlichen Wert, dass alle Menschen durch dasselbe Gott versöhnt worden sind.  Daher singen wir auch:

                „Dein Blut, der edle Saft,

                Hat solche Stärke und Kraft,

                Dass auch ein Tröpflein kleine

                Die ganze Welt kann reine,

                Ja, gar aus Teufels Rachen

                Frei, los und ledig machen.“

                Wer nun aber leugnet, dass Christi Leiden das Leiden des Sohnes Gottes und Christi Tod Gottes Tod war, der leugnet damit die Verdienstlichkeit des Leidens Christi für uns Menschen.  Luther kommt hierauf wiederholt im Streite gegen die Reformierten.  Derselbe schreibt gegen Zwingli: „Das heißt er (Zwingli) Allöosin, wenn etwas von der Gottheit Christi gesagt wird, das doch der Menschheit zusteht, oder wiederum; als Luk 24,26: Musste nicht Christus leiden und also zu seiner Ehre gehen?  Hie gaukelt er, dass Christus für die menschliche Natur genommen werde.“ (Zwingli konnte nicht leugnen, dass geschrieben steht: „Der HERR der Herrlichkeit ist gekreuzigt worden“, und: „Gott hat mit seinem eigenen Blute die Gemeine erkauft“.  Aber er sagte, man müsse eine Vertauschung der Begriffe vornehmen.  Unter dem „HERRN der Herrlichkeit“ sei nicht der Sohn Gottes, sondern nur die menschliche Natur, und unter dem Blute Gottes nicht wirklich das Blut des Sohnes Gottes, sondern nur das Blut der menschlichen Natur zu verstehen.  Solche Redeweise nannte er Vertauschung oder Allöosis.  Luther schreibt weiter:) „Hüte dich, hüte dich, sage ich, vor der Allöosi, sie ist des Teufels Larve, denn sie richtet zuletzt einen solchen Christus zu, nach dem ich nicht gern wollt` ein Christ sein, nämlich dass Christus hinfort nicht mehr sei noch tue mit seinem Leiden und Leben, denn ein anderer schlechter Heiliger.  Denn wenn ich das glaube, dass allein die menschliche Natur für mich gelitten hat, so ist mir Christus ein schlechter Heiland; so bedarf er wohl selbst eines Heilandes.  Summa, es ist unsäglich, was der Teufel mit der Allöosi sucht.” (XX, 1180).

                Luther schreibt ferner: „Dahin führet ihn sein Dünkel und die verdammte Allöosis, dass er die Person Christi zertrennt und lässt uns keinen andern Christus bleiben, denn einen lautern Menschen, der für uns gestorben und uns erlöst habe.  Welches christliche Herz kann doch solches hören oder leiden?  Ist doch damit der ganze christliche Glaube und aller Welt Seligkeit allerdings weggenommen und verdammt.  Denn wer allein durch Menschheit erlöset ist, der ist freilich noch nicht erlöst, wird auch nimmermehr erlöst.“  (XX, 1206-1207).

                Also nur dass Christus wahrer Gott war, gab Christi Leiden so großen Wert, dass wir durch dasselbe erlöst sind.  So leidet der Artikel von der Rechtfertigung keinen Irrtum in der christlichen Lehre, er führt auch mit Notwendigkeit auf die rechte Lehre von der Person Christi.

                In der Schrift ‚Von Conciliis und Kirchen‘ schreibt daher Luther in Bezug auf die Lehre von Christi Person: „Ach, HERR Gott, von solchen seligen, tröstlichen Artikel sollte man ungezankt, ungezweifelt in rechtem Glauben immer fröhlich sein, singen, loben und danken Gott dem Vater für solche unaussprechliche Barmherzigkeit, dass er uns seinen lieben Sohn hat lassen uns gleich Mensch und Bruder werden.“  (Es übersteigt ja freilich alles menschliche Begreifen, dass Gott und Mensch in einer Person seien, dass Gott, der Allmächtige, Allgegenwärtige und Unendliche, mit der endlichen, menschlichen Natur zu einer Person vereinigt sei.  Aber wir sollen nicht fragen, wie das möglich sei; die Heilige Schrift sagt uns, dass es so sei und welche herrliche Frucht daraus kommt; darum sollen wir diesen Artikel unangezweifelt stehen lassen und Gott für denselben loben und preisen.  Luther fährt fort:) „So richtet der leidige Satan durch stolze, ehrsüchtige, verzweifelte Leute solchen Unlust an, dass uns die liebe und selige Freude muss verhindert und verderbt werden.  Das sei Gott geklagt.  Denn wir Christen müssen das wissen: Wo Gott nicht mit in der Waage ist und das Gewichte gibt, so sinken wir mit unserer Schüssel zu Grunde.  Das meine ich also: Wo es nicht sollte heißen: Gott ist für uns gestorben, sondern allein ein Mensch, so sind wir verloren; aber wenn Gottes Tod und Gott gestorben in der Waageschüssel liegt, so sinkt Er unter, und wir fahren empor als eine leichte, ledige Schüssel.  Aber Er kann wohl auch wieder emporfahren oder aus seiner Schüssel springen.  Er könnte aber nicht in die Schüssel sitzen, Er müsste uns gleich ein Mensch werden, dass es heißen könnte: Gott gestorben, Gottes Marter, Gottes Blut, Gottes Tod.  Denn Gott in seiner Natur kann nicht sterben; aber nun Gott und Mensch vereinigt ist in einer Person, so heißt`s recht: Gottes Tod, wenn der Mensch stirbt, der mit Gott ein  Ding oder eine Person ist.“

                Auch ist noch auf folgendes aufmerksam zu machen, um den Grund unserer Rechtfertigung klar darzulegen und allen Irrtum abzuweisen.  Fast sämtliche neuere Theologen lehren, Christus habe zwar für uns Vergebung der Sünden erworben, aber sein heiliges Leben, mit welchem er das Gesetz erfüllt hat, der sogenannte tuende Gehorsam (obedientia activa), werde uns nicht zugerechnet.  Christus habe für seine eigene Person das Gesetz erfüllen müssen und daher seine Gesetzeserfüllung nicht für andere leisten können.  Das lehren auch die reformierten Sekten; auch sie lassen Christi tätigen Gehorsam nicht für die Menschen geleistet sein.  Man behauptet, Christus sei für seine Person verpflichtet gewesen, das Gesetz zu halten.  Aber das ist durchaus irrig.  Christus ist wahrer Gott und selbst über dem Gesetze, und durch Annahme der menschlichen Natur kam er nicht unter das Gesetz, sondern hob die menschliche Natur, die er in die göttliche Person aufnahm, unter dem Gesetz heraus.  Die Heilige Schrift sagt, dass Christus erst unter das Gesetz getan wurde, und zwar nicht, damit er für sich die Gesetzeserfüllung leistete, sondern damit er die, so unter dem Gesetze waren, erlöste, auf dass wir die Kindschaft empfingen.  Gal 4,4 ist klar gelehrt, dass Christi tätiger Gehorsam für uns geleistet sei und uns auch in der Rechtfertigung geschenkt und zugerechnet werde.  Daher sind die an Christus Glaubenden so gerecht, wie Christus selbst gerecht war.  Gott sieht den, der an Christus glaubt, so an, als ob er das ganze Gesetz erfüllt hätte, wie Christus das ganze Gesetz stets gehalten hat.  Das gibt Trost in der Anfechtung.  Unser Bekenntnis sagt (Konkordienformel, Artikel III, S 612): „Weil Christus nicht allein Mensch, sondern Gott und Mensch in einer unzertrennten Person, so ist er ebenso wenig unter dem Gesetz gewesen, weil er ein Herr des Gesetzes, als dass er für seine Person leiden und sterben sollen; darum uns denn sein Gehorsam nicht allein im Leiden und Sterben, sondern auch dass er freiwillig an unser Statt unter das Gesetz getan, und dasselbe mit solchem Gehorsam erfüllt, uns zur Gerechtigkeit zugerechnet, dass uns Gott um solches ganzen Gehorsams willen, so er im Tun und Leiden, im Leben und Sterben für uns seinem himmlisch Vater geleistet, die Sünde vergibt, uns für fromm und gerecht hält und ewig selig macht.“  (St L.A. 418).

                Christi ganzer Wandel und ganzes Verhalten dem Gesetze oder dem Willen Gottes gegenüber ist stellvertretend, an unserer Stelle geleistet.  So z.B. auch Christi Erfüllung des vierten Gebotes.

                Wir quälen uns auch oft damit ab, dass wir denken: Ich wollte wohl glauben, dass Gott mir meine Sünde vergibt, wenn mir meine Sünde nur recht leid wäre.  Aber ich habe leider! so wenig Reue.  Wohl hat der Heilige Geist gewirkt, dass ich wollte, ich hätte die Sünde nicht begangen, und dass ich auch erkenne, wie ich Gott mit meiner Sünde beleidigt habe: Aber mein Herz ist nicht so traurig darüber, wie es sein sollte.  Darum habe ich noch keine Sündenvergebung.  Hier ist nun auch dies zu bedenken, dass nur einer die Sünde so in seinem Gewissen gefühlt hat, wie sie gefühlt werden soll, nämlich der HERR Christus, der hat über unsere Sünden recht Leid getragen, ja, man kann geradezu sagen, er hat auch für unsere Sünden die rechte Reue geleistet.  Deshalb hat er am Ölberg blutigen Schweiß geschwitzt, und spricht er im 40 Psalm: „Es haben mich meine Sünden ergriffen, dass ich nicht sehen kann.“  So könnte man mit der Betrachtung durch Christi ganzes Leben, das er hier auf Erden für uns gelebt hat, hindurchgehen und damit die Anfechtungen vertreiben.

                Wer nun recht zu Herzen nimmt, dass alle Menschen durch ihr eigenes Tun und durch ihre natürliche Beschaffenheit unter einem Verdammungsurteil liegen, durch Christi Tun und Leiden aber auch für alle ein Rechtfertigungsurteil zuwege gebracht ist, der sieht die Menschen, die in der Welt neben uns hergehen, ganz anders an.  Muss uns das nicht antreiben, ihnen zu sagen, wie es um sie steht, und wie Gott zu ihnen steht?  Sie wissen es freilich nicht, was Gott für sie getan hat; aber wir wissen es, dass auch sie alle durch Christum mit Gott wirklich versöhnt sind und ihnen Gerechtigkeit und Leben erworben ist.

 

These II.

Dies tut Gott den Menschen im Wort des Evangeliums kund zu dem Zwecke, dass es von denselben geglaubt werde.  Das Evangelium ist somit nicht ein leerer Schall, sondern eine Darreichung der von Christus erworbenen Vergebung der Sünden an alle, die das Evangelium hören.

 

                Nach der ersten These steht es fest, dass durch Christi Werk Gott mit allen Menschen versöhnt ist und dass durch Christi Auferweckung alle Menschen von ihren Sünden tatsächlich losgesprochen sind.  So hat Gott, so zu sagen, den Menschen hinter ihrem Rücken, ohne dass sie etwas davon wissen, Gerechtigkeit und Seligkeit erwerben lassen.  Aber er will nun niemand, ohne dass er etwas davon weiß, der Gerechtigkeit und Seligkeit teilhaftig machen.  Er will, dass der Mensch im Glauben sich zueigne, was Christus für die Menschen gewirkt und Gott auf Grund des Verdienstes Christi getan hat.  Anders will Gott niemand selig machen.  Darum hat Gott die Tatsache, dass er durch Christus mit allen Menschen versöhnt sei, in das Wort gefasst, und den Befehl gegeben, dasselbe allen Menschen zu predigen.  Das ist das Wort des Evangeliums.  Hier ist vor allem zu merken, dass Gott seine gnädige Gesinnung, die er um Christi Willen gegen uns hat, im Worte des Evangeliums uns kund tut.  Wenn daher ein Mensch einsieht, dass er verloren ist, wenn es auf ihn selbst ankomme, und nun fragt:  Wie steht Gottes Herz gegen mich? will Gott mich annehmen oder verdammen? so ist er einzig und allein auf diese Botschaft des Evangeliums zu verweisen.  Da hat sich Gott offenbart für alle, die mühselig und beladen sind.  Da sagt Gott, was er mit den armen Sündern machen, nämlich, dass er ihnen um Christi willen die Sünden vergeben wolle.  Wer daher einen Menschen, der seine Sünde erkannt hat und Vergebung haben will, anderswohin weist, führt ihn irre und in die Finsternis.  Die Rationalisten fabelten bei der Frage, die Seligkeit betreffend, von der Offenbarung Gottes im Reiche der Natur.  Sie sagten:  Siehe den Himmel an, Sonne, Mond und Erde, schaue in Wald und Feld, da siehst du, dass Gott ein allliebender, gütiger Vater ist.  Nun ist es ja wahr, Gott hat sich auch in den Werken der Schöpfung offenbart.  „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.“  Jedes Laub im Wald und jeder Halm auf dem Felde predigt uns Gott; aber wir lernen daraus nur, dass Gott ein allmächtiger, allweiser Gott ist, hingegen nicht, was er in Ewigkeit mit den Menschen machen will, die Gottes Gebote fort und fort frevelnd übertreten haben.  Diese Offenbarung Gottes liegt allein vor im Buche der Gnade, in der heiligen Schrift, im Worte des Evangeliums.

                Bei der Frage:  Was will Gott mit uns Sündern machen?  sollen wir auch nicht in unser Herz hineinsehen, da finden wir auch nicht die richtige Antwort.  Unser Herz ist entweder fleischlich sicher und spricht dann:  Du bist freilich nicht, wie du sein solltest; aber jeder Mensch hat seine Fehler; darum wird es Gott mit den Sünden so genau nicht nehmen, er wird dich schon in seinen Himmel einlassen.  Das ist jedoch eine falsche „Offenbarung“, einen solchen Gott gibt es nicht.  Oder das Herz ist verzagt; es fühlt den Fluch des Gesetzes und den Zorn Gottes über die Sünde.  Dann gibt es auch eine falsche Antwort, nämlich diese:  Meine Sünden sind größer, als dass sie mir vergeben werden könnten, ich kann nicht selig, ich muss verdammt werden.  Auch diese Offenbarung ist falsch, denn arme Sünder können durch Christum selig werden.  Wir haben also weder gen Himmel, noch auf die Erde, noch in unser Herz zu schauen bei der Frage, die unsre Seligkeit betrifft, sondern allein in das Wort des Evangeliums.

                Hierbei ist auch auf die verderbliche Praxis der Schwärmer zu achten, welche durch geistige Kämpfe herausbringen wollen, wie Gottes Herz gegen den Sünder steht.  Der Sünder soll durch sein Kämpfen und Ringen dahinter kommen, was Gott mit ihm vorhabe.  Das heißt aber auch, aus dem Lichte in die Finsternis führen.  Was Gott mit uns Sündern vorhat, vernehmen wir klar im Worte des Evangeliums.  Man denke an Apost 16, 31 32.  Paulus und Silas waren nach Philippi gekommen und wegen der Predigt des Evangeliums in das Gefängnis geworfen worden.  Der Kerkermeister war sehr eifrig in seinem Dienste und führte die Apostel in das innerste Gefängnis.  Als aber Paulus und Silas um Mitternacht beteten, geschah ein großes Erdbeben:  Die Türen sprangen auf, die Fesseln lösten sich.  Der Kerkermeister glaubte, die Gefangenen seien entflohen.  Verzweiflung kam über ihn.  Er fürchtete, seine Stelle zu verlieren.  Aber es fand sich bei ihm noch eine andere Furcht, und die gewann die Oberhand.  Er hatte im Erdbeben auch die Stimme des Gottes vernommen, der einst alle Menschen vor seinen Richterthron fordern will; das Erdbeben wurde ihm eine furchtbare Predigt des Gesetzes von dem heiligen und gerechten Gotte; es wurde ihm klar:  Ich bin ein verlorener und verdammter Mensch.  Dass dieser Gedanke in seinem Herzen die Oberhand hatte, sehen wir daraus, dass er die Apostel fragte:  „Liebe Herren, was soll ich tun, dass ich selig werde?“ und nicht:  „Was muss ich tun, dass ich meine Stellung nicht verliere?“  Er hatte erkannt:  Ich bin ewig verloren, so wie es nun steht. Und worauf weisen Paulus und Silas den über seine Sünden Erschrockenen sofort?  Sie sagen:  „Glaube an den HERRN Jesus Christus, so wirst du und dein Haus selig“, sie halten ihm das Wort des Evangeliums vor.  Also ohne weiteres haben die Apostel den erschrockenen Sünder auf das Evangelium verwiesen.  Wir alle sind geborene Schwärmer; was wir in thesi nach Gottes Wort verwerfen, praktizieren wir nur zu oft selbst:  Wenn wir Gottes Gnadenantlitz verloren haben, setzen wir uns wohl in den Winkel, und wollen durch eigenes Ringen uns wieder eine Gnadensonne hervorzaubern, anstatt die Gnadensonne anzuschauen, die am hellen Mittag steht, nämlich, hineinzuschauen in das Evangelium, worin Gott uns um Christi willen alle Gnade anbietet und darreicht, um Christi willen sein Gnadenantlitz uns ungetrübt scheinen lässt.

                Ist aber das Evangelium eine wahrhaftige Kundgebung der Gesinnung Gottes, eine wahrhaftige Bezeugung, dass Gott uns um Christi willen die Sünden vergeben will, so ist das Evangelium auch nicht ein leerer Schall, sondern die Darreichung der Gnade; es ist ein Gnadenmittel.  Die reformierte Kirche leugnet das.  Man meint, der Mensch könne wohl aus dem Evangelium lernen, dass Gott die Sünden vergeben will; aber man leugnet, dass Gott die Vergebung durch das Evangelium selbst uns Menschen zuspricht, dass die Vergebung und Rechtfertigung im Evangelium liege, dass die Vergebung der Sünden durch das Evangelium allen, die es hören, dargereicht werde.  Damit wird aber geleugnet, dass das Evangelium die wahrhaftige Kundgebung dessen sei, was geschehen ist, eine wahrhaftige Kundgebung der Gesinnung Gottes, die Gott bereits gegen uns hat auf Grund des Werkes Christi.  Böte das Evangelium nicht die Gnade dar, so wäre es keine Kundgebung und Offenbarung dessen, wie Gottes Herz uns gegenüber steht durch das Verdienst Christi. Darum ist stets festzuhalten:  Was das Evangelium sagt, das gibt, bringt und reicht es dar.  Das Evangelium ist ja die Verheißung von der Vergebung der Sünden.  Schon eine menschliche Verheißung enthält eine Schenkung, wenn nämlich der Verheißende wahrhaftig ist und es in seiner Gewalt hat, das Verheißene zu geben. Wieviel mehr ist die göttliche Verheißung zugleich eine Schenkung!  Gott ist wahrhaftig, dass er, wenn er Vergebung der Sünden zusagt, sie auch geben will.  Das Zugesagte ist auch unter seiner Gewalt. Die Vergebung der Sünden hat er längst durch Christus erwerben lassen.  Das Evangelium ist also nichts anderes, als die immer gefüllte Gnadenhand Gottes, die das bringt und vorhält, wovon das Evangelium sagt.  Wenn daher ein Sünder fragt:  Woher bekomme ich Vergebung der Sünden?  woher nehme ich Gnade?  so ist ihm zu antworten:  „Das Wort ist dir nahe, nämlich, in deinem Munde und in deinem Herzen.“  „Sprich nicht in deinem Herzen, wer will hinauf gen Himmel fahren?  Oder wer will hinab in die Tiefe fahren?“  Gott hat dir die Gnade ganz nahe gebracht im Worte des Evangeliums, das du kennst und vielleicht auswendig gelernt hast.  Sage dir einen evangelischen Spruch vor, z.B.:  „Das Blut Jesu Christ, des Sohnes Gottes, macht uns rein von allen Sünden“, in dem Spruche reicht dir Gott Vergebung dar; schlage dein Bibelbuch auf und lies:  „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“; in dem Worte, das so nahe vor deinen Augen ist, wird dir die begehrte Gnade gereicht.  Gehe in die Kirche und höre die Predigt; im Evangelium, das aus dem Munde des Predigers in deine Ohren eingeht, wird dir Vergebung der Sünden gebracht.  Es ist nicht so, dass wir erst durch unsere Anstrengung die Gnade uns nahe bringen müssten.

                Hier ist wiederum auf die üble Praxis der Schwärmer zu achten, die den Sünder, der nach Gnade fragt, anstatt auf das Evangelium, auf das Beten und Ringen verweisen.  Es sei ferne, etwas gegen das Beten und Ringen sagen zu wollen. Ein Christ muss beten und ringen im Kampf gegen sein eigenes Fleisch und zur Übung des Glaubens; aber es soll nicht in dem Sinne geschehen, als ob Gott erst vollkommen versöhnt und die Gnade erst herbeigeschafft werden müsste.  Gott ist gnädig durch Christus, und die Gnade liegt in der Verheißung des Evangeliums bereits ausgesprochen vor.  Wer durch eigenes Tun sich erst die Gnade herbeischaffen zu müssen meint, sieht gleichsam den Wald vor lauter Bäumen nicht; er sucht auf selbsterdachten Wegen, was schon vor ihm liegt.  Und ein solcher bringt mit all seinen Anstrengungen die Gnade sich auch nicht einen Zoll näher. Er handelt so, wie jemand, der von einem reichen Manne mit einem großen Geschenke bedacht ist, und überhört hat, dass der reiche Mann das Geschenk für ihn zur Entgegennahme - - wollen sagen - - in seinen Parlor auf den Tisch gelegt hat.  Er fängt nun an zu suchen in der Dachkammer und in allen verborgenen Winkeln, weil er meint, das kostbare Geschenk werde irgendwo versteckt sein.  Er findet natürlich nichts, bis er in den Parlor kommt, wo das Gesuchte offen hingelegt ist.  So hat auch Gott die Gnade nicht versteckt oder weit weggetan, sondern er hat die Vergebung der Sünden gerade vor uns hingelegt in das Wort des Evangeliums; da können wir sie haben; alles werkerische Rennen führt nur immer weiter vom Ziele.

                Aber darum müssen wir nun auch eine hohe Meinung von dem Evangelium bekommen.  Welch ein Schatz ist uns in der Predigt des Evangeliums anvertraut, da dasselbe der Pardon Gottes an die Welt ist!  Wie muss das die Prediger antreiben, das Evangelium aufs eifrigste öffentlich und sonderlich zu verkündigen!  In demselben bringen sie immer Vergebung der Sünden den der Vergebung bedürftigen Menschen. Wie muss dieselbe Erwägung die Christen insgemein antreiben, das Evangelium fleißig zu lesen, da wir in demselben wahrhaftig Gottes Gnadenantlitz schauen und fortwährend die Vergebung der Sünden austeilenden Hände Gottes finden!  Das Predigtamt will uns oft gering und verächtlich erscheinen, weil die Welt und unser Fleisch es gering ansehen.  Aber kann es ein höheres Amt geben, als die Verkündigung des Evangeliums, da mit derselben immerfort Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit dargereicht wird?  Nun können wir nicht gering denken von der Bezeugung auch des scheinbar geringsten evangelischen Sprüchleins, die gelegentlich im täglichen Verkehr geschieht. Wenn ich jemand im täglichen Verkehr nur ein einfaches, evangelisches Sprüchlein sage, so tue ich damit wahrhaftig nichts anderes, als dass ich ihm Gottes Gnade, Leben und Seligkeit darreiche.

                Und diese Darreichung der Gnade geschieht an alle, die das Evangelium hören.  Dies ist zu merken gegen die Irrlehre der Calvinisten.  Durch Christum ist ja „die Welt“  (2. Kor. 5, 19), „die Ganze Welt“ (1. Joh. 2, 2), das heißt, die ganze Menschenwelt mit Gott wahrhaftig versöhnt.  So soll auch „das Wort von der Versöhnung“ (2. Kor 5, 19) allen Menschen gesagt werden.  An alle Menschen geschieht daher auch durch die Predigt des Evangeliums die Darreichung der erworbenen Gnade und Rechtfertigung.  Wir brauchen nicht zu fürchten, dass wir bei der Bezeugung des Evangeliums auf jemand stoßen, für den nicht im Evangelium Vergebung der Sünden bereit da läge und dem wir daher durch das Evangelium nicht Vergebung der Sünden brächten.  Mögen wir mit dem Evangelium nach dem Nordpol oder Südpol kommen, mögen wir es Indianern oder Negern oder Chinesen und Japanern verkündigen, mögen wir es ehrbaren Weltmenschen oder den Verbrechern, die hinter Schloss und Riegel sitzen, sagen:  Immer bringen wir denen, die uns hören, wahrhaftig Vergebung der Sünden.

                Über diesen Punkt wurde noch des Weiteren verhandelt und bemerkt:  Die wenigsten Menschen wissen, was das Evangelium ist und was sie am Evangelium haben.  Die Papisten lehren:  Im Evangelium stehen wohl viele gute Dinge, aber gegeben wird dir durchs Evangelium erst dann etwas, wenn du dich der Gnade würdig gemacht hast. Damit ist aber das ganze Evangelium abgetan.  Die Reformierten und die aus ihnen hervorgegangenen Sekten reden wohl viel von der Kraft des Evangeliums, aber sie leugnen, dass durch das Evangelium wirklich die Gnade, die Christus erworben hat, dargereicht werde.  Bei ihnen kommt es darauf hinaus, dass das Evangelium eine Erzählung von wunderschönen Dingen ist; aber diese Dinge könnten uns nicht durch den „toten Buchstaben“ des Wortes, wie sie sich ausdrücken, gereicht werden.  Wie könnten der äußere Schall oder die äußeren Laute des Wortes so große Dinge tun!  Der Geist müsse es tun, und auf den müsse man warten.  So machen auch sie das Evangelium zunichte.  Und viele von denen, die sich lutherisch nennen, wissen auch nicht, was das Evangelium eigentlich ist und tut.  Sonst würden sie es fleißiger hören und lesen, sich mehr darüber freuen und eifriger sein für die Ausbreitung desselben.  Die meisten halten es auch nur für ein leeres Wort. Aber dass das Evangelium nicht ein leeres Wort, sondern ein kräftiges Mittel ist, ist schon daraus abzunehmen, dass schon ein vergängliches Menschenwort längst nicht immer ein bloß erzählendes Wort ist. Ein vergängliches Menschenwort schon kann ein kräftiges Mittel sein, wodurch ich etwas empfange.  Wenn z.B. ein mächtiger König einem, der zum Galgen verurteilt ist, sagt:  „Ich schenke dir deine Strafe, ich lasse dich los“, so gibt er etwas durch das Wort und erzählt nicht bloß etwas.  Wenn nun schon eines irdischen Königs Wort so große Dinge wirkt, was wird das Wort des Königs aller Könige tun, wenn er im Evangelium sagt, dass er seinen Sohn an unserer Statt sich habe zu Tode bluten lassen und uns um des willen die Sünden vergebe!

                Vor allem ist festzuhalten, dass das Evangelium eine Botschaft von einer Tatsache sei, die für uns Menschen bereits geschehen ist, dass nämlich Gott in Christus bereits mit den Sündern versöhnt sei, dass in Gottes Herzen die Menschen von ihren Sünden los und ledig gesprochen sind.  Auf welche Weise daher immer das Wort des Evangeliums an den Menschen herantritt, ob es an die Wand geschrieben ist, dass ich es lese, ob ich aus dem Gedächtnis hersage, was ich gelernt habe, ob ich es in der Bibel lese oder in der Predigt höre, ob es in dieser oder jener Sprache verkündigt wird:  das alles macht keinen Unterschied.  Offenbart es mir die Tatsache, dass Gott um Christi willen mir verziehen habe, so wird immer durch dieses Wort etwas gegeben.  Und wenn ein Knabe auf der Straße mir zuriefe:  „Also hat Gott die Welt geliebt“; „Dir sind deine Sünden vergeben“, so reichte er mir durch dieses Wort Vergebung der Sünden dar.  Er kann nicht lügen, denn Gott hat wahrhaftig in Christus mich mit ihm selber versöhnt; das bleibt immer wahr, wie es auch an mich herankommt. Wer das erkennt, kann sich auch nicht mehr an der Absolutionsformel stoßen:  „Ich, an Statt und auf Befehl meines HERRN Jesus Christus, vergebe dir alle deine Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“  Vielen ist diese Form anstößig.  Sie sagen:  Wie können Menschen Sünde vergeben? Wer aber festhält, dass die Sündenvergebung bereits aller Welt erworben ist und Gott die Verkündigung derselben befohlen hat, wird sich nicht mehr ärgern.

                Luther führt immer wieder aus, dass wer die Darreichung der von Christus erworbenen Gnade durch die äußeren Mittel des Wortes und der Sakramente leugne, damit die Brücke und den Steg wegreiße, auf denen wir zur Gnade kommen.  Er schreibt zu 5. Mose 4, 28:  „Sie (die Schwärmer) bekennen den gestorbenen Christus, der am Kreuz gehangen und uns selig gemacht, das ist wahr; aber sie leugnen das, wodurch wir ihn bekommen, das ist, das Mittel, den Weg, die Brücke und Steig, den brechen sie ein.  Die Juden glauben auch, dass ein Gott sei, aber den Weg, wie man zu Gott komme, nämlich durch Christus, durch Christi Menschheit, verleugnen sie. Der Türke bekennt auch Gott, aber verleugnet den Weg, das Mittel, die Brücke, darauf man zu Gott kommt, das ist, die Gnade Gottes, Christus wollen sie nicht haben, auch keine Sakramente, dadurch man zu der Gnade kommt. Es ist gleich und geht mit ihnen, als wenn ich einem predigte: Da habe ich einen Schatz; und hielt ihm doch den Schatz nicht vor die Nase, gäbe ihm auch nicht die Schlüssel dazu, was hülfe ihm dieser Schatz?  Sie schließen uns den Schatz zu, den sie uns sollten vor die Nase stellen, und führen mich auf einen Affenschwanz: Den Zutritt und die Überreichung, den Brauch und Besitzung des Schatzes weigert und nimmt man mir. Darum sagen die Schwärmer auch viel von Gott, von Vergebung der Sünden und der Gnade Gottes, auch dass Christus gestorben sei:  Aber wie ich Christus erlange und wie die Gnade zu mir kommt, dass ich sie kriege, dass wir zusammenkommen, da sagen sie: Der Geist muss es alleine tun; führen mich auf den Affenschwanz; sagen, das äußerliche und mündliche Wort, die Taufe und Sakrament sei nichts nütze, und predigen doch von der Gnade; das heißet mir den Schatz verkündigen und fein davon sagen, aber die Schlüssel und die Brücke weggenommen, darauf ich zum Schatze kommen soll.  Nun hat es Gott also geordnet, dass dieser Schatz durch die Taufe, das Sakrament des Abendmahls und das äußerliche Wort uns gegeben und dargereicht wird.  Denn das sind die Mittel und Instrumente, dadurch wir zu Gottes Gnade kommen. Das verleugnen sie. Das sage ich darum, dass der Teufel so geschwinde ist und bekennet diese Worte, aber er verleugnet das Mittel, dadurch wir dazu kommen, das ist, sie leugnen nicht den Schatz, sondern den Brauch und Nutz des Schatzes; sie nehmen und entziehen uns die Weise, Mittel und Wege, wie wir dazu kommen und des Schatzes genießen und wie wir zur Gnade kommen sollen und mögen.”

                Wiederholt sagt Luther, dass wir wieder auf Werke geführt werden, wenn geleugnet wird, dass Gott Vergebung der Sünden im Worte darreicht.  Erfahre ich nämlich nicht aus dem Worte, wie Gottes Herz um Christi willen zu mir steht, so muss ich es aus mir selbst erfahren, aus meinem Zustande, also auf Grund meiner Werke und meiner Würdigkeit.  Ich mache also Gottes Gnadenurteil über mich abhängig von meinem Zustande und leugne damit, dass mir, ganz abgesehen von meinem Tun, bereits durch Christus Vergebung der Sünden erworben ist und dass Gott mir dieselbe in der Predigt des Evangeliums zusagt.

                In unserer These ist gesagt, dass Gott uns seine gnädige Gesinnung, sein Versöhntsein in Christus kundtut durch die Predigt des Evangeliums zu dem Zwecke, dass es von uns geglaubt werde.  Wo immer nun ein Mensch diese Botschaft glaubt, da ist er für seine Person tatsächlich in den Zustand des Gerechtfertigtseins versetzt, da ist er Gottes liebes Kind, ein Erbe des ewigen Lebens. Dass diese Zueignung der Gnadenbotschaft durch den Glauben nötig sei, bezeugt unser Bekenntnis:  Konkordienformel, Art 3, Seite 612:  „Derselbe“, nämlich der Verdienst Christi, „muss uns durch den Glauben appliziert und zugeeignet werden, wenn wir dadurch gerecht sollen werden.“  Apologie, Art 3, Seite 144:  „Der Glaube versöhnt und macht uns gerecht vor Gott, wenn und zu welcher Zeit wir die Zusage durch den Glauben ergreifen.“  Hier könnte jemand einen Widerspruch finden, weil einmal gesagt wird, ein Mensch werde erst durch den Glauben gerecht, und wir vorhin doch immer betont haben, Gott habe schon durch Christi Werk, indem er dasselbe annahm, die ganze Welt mit sich selber versöhnt und in seinem Herzen absolviert oder gerechtfertigt.  Es ist hier aber kein Widerspruch.  Man muss unterscheiden zwischen der sogenannten subjektiven und objektiven Rechtfertigung.  Das ist nicht ein Unterschied, den wir machen; denn das wäre tollkühn.  Wir dürfen es uns nicht herausnehmen, in geistlichen, göttlichen Dingen solche menschliche Lehrbestimmungen zu geben. Nein, beiderlei Bestimmungen gibt Gottes Wort.  Die objektive Rechtfertigung ist ein für allemal geschehen, als Gott vor 1900 Jahren die Menschen in Christus mit sich selber versöhnte, und diese Rechtfertigung bezieht sich auf alle Menschen ohne Ausnahme, weil Christus für alle Menschen stellvertretend genuggetan und Gott diese Genugtuung für alle Menschen angenommen hat.  Die subjektive Rechtfertigung geschieht dann, wenn die Menschen das Wort des Evangeliums hören, vernehmen, dass Gott durch Christus mit ihnen versöhnt sei, dies glauben, das heißt, sich im Herzen darauf verlassen und wider die Anklagen des Gewissens sich damit trösten.  Dass die Heilige Schrift die sogenannte objektive Rechtfertigung lehrt, haben wir ja schon in diesen Tagen bewiesen; wir wollen hier nur kurz auf einige Schriftstellen zurückweisen.  2. Kor 5:  „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu.“  Hier wird gesagt, dass Gott damals schon, als er die Welt durch Christus mit sich versöhnte, also vor 1900 Jahren, der Welt „die Sünde nicht zurechnete“, das heißt, Gott hat damals schon die Welt absolviert oder gerechtfertigt; denn „die Sünde nicht zurechnen“ ist nach der Redeweise der Heiligen Schrift so viel wie „rechtfertigen“, wie wir aus Röm. 4, 8 sehen.  Ferner Röm. 5, 18:  „Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen kommen ist:  also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.“  Hier wird einerseits gesagt, dass durch Adams Sünde alle Menschen unter das Urteil der Verdammnis gekommen sind, und gerade so wird auch ausgesprochen, dass durch Christi Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens, das heißt, das Urteil zum Leben über alle Menschen gekommen sei.  Hier ist in unmissverständlichen Worten von einer Rechtfertigung (Gerechtsprechung, absolutio) aller Menschen die Rede, die zustande gekommen ist durch Christi Gerechtigkeit, das heißt, dadurch, dass Christus stellvertretend eine Gerechtigkeit für die Menschen geleistet hat und Gott diese Gerechtigkeit den Menschen zurechnete, wie er auch allen Menschen die Sünde Adams zurechnete.

                Andererseits sagt die Schrift auch, dass Gott gerecht macht (Röm. 3, 26), das heißt, rechtfertigt „den, der da ist des Glaubens an Jesus“; und Röm. 1, 17:  „Der Gerechte lebt seines Glaubens“, das heißt, der Gerechte wird aus dem Glauben oder durch den Glauben leben.  Diese subjektive Rechtfertigung durch den Glauben ist durchaus nötig zur Seligkeit.  Das ist Gottes Wille und Ordnung.  Wer nicht so durch den Glauben gerechtfertigt wird, der kann nicht selig werden, obgleich er durch Christus vollkommen versöhnt, obgleich er schon in Christus von allen Sünden losgesprochen war.  Hierauf beziehen sich die Verse im 4ten Kapitel des Römerbriefes: „Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind und welchen ihre Sünden bedeckt sind.  Selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünde zurechnet.”

                Hier scheint nun aber noch eins besonders wichtig zu sein. Diese Rechtfertigung durch den Glauben geschieht auch durch das Wort des Evangeliums; durch das Wort, in welchem Gott uns sagt, wie Er um Christi willen gegen uns gesinnt sei.  Das ist wohl festzuhalten.  Das mich gerecht sprechende Urteil lese ich in der Verheißung des Evangeliums.  Bei der Frage: Will mich Gott rechtfertigen? habe ich also nicht in mich selbst hineinzuschauen, sondern ich habe mein Auge auf das Evangelium zu richten.  Es ist ja wahr:  Es wird nur der die Verheißung des Evangeliums annehmen, welcher Reue und Glauben hat; aber bei der Frage:  Will mich Gott rechtfertigen? will mir Gott die Sünde vergeben? blicke ich nicht auf mich, sondern auf das Evangelium. Das kommt daher, dass meines Gottes rechtfertigendes Urteil im Wort nicht ein durch meinem Zustand und meine Würdigkeit bedingtes, sondern ein unbedingtes ist.  Gott vergibt Sünde um Christi willen aus Gnaden.  Daher wird auch nicht zum geringsten Teil dieses Urteil Gottes erst herbeigezogen durch den Menschen selbst. Darum ist aber auch der Blick nicht auf den Menschen zu richten, wenn es sich um die Frage handelt:  Will Gott Sünde vergeben?  Das Evangelium ist ja auch nicht eine bloße Anweisung, wie ein Mensch vor Gott gerecht werden kann, sondern ist das Sprechen des rechtfertigenden Urteils selbst.  Das Evangelium ist auch nicht eine bloße Beschreibung der Personen, welche Gott gerecht gelten lässt, sondern die Darreichung der Vergebung der Sünden selbst.  Es haben manche eingewendet:  Wohl geschieht die Vergebung der Sünden durch das Evangelium direkt, aber nicht die Rechtfertigung.  Darauf ist zu antworten:  Vergebung der Sünde und Rechtfertigung ist der Sache nach dasselbe, heißt vor Gott gerecht und fromm werden, wie der 32. Psalm sagt:  „Wohl dem, dem die Übertretung vergeben ist.“ (Apologie, Art IV [II], M Seite 100; St L A Seite 76)

 

These III

            Da für jeden Menschen Vergebung der Sünden durch Christus bereits erworben ist, und dieselbe im Wort des Evangeliums dargereicht oder zugesagt wird, so wird ein Mensch ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben vor Gott gerecht.

 

                In These I haben wir gesehen, dass durch Christus ein für allemal Vergebung der Sünden und alles, was damit zusammenhängt, erworben ist.  In der zweiten These haben wir uns vergegenwärtigt, dass Gott diese Vergebung der Sünden durch das Wort des Evangeliums darreicht.  Damit ist nun aber zugleich gegeben, dass von Seiten des Menschen der Glaube das einzige Mittel ist, der Vergebung der Sünden teilhaftig zu werden, dass die Rechtfertigung allein durch den Glauben zustande kommt.  Diese und keine andere Lehre steht in der Heiligen Schrift.  Hiermit ist zunächst auf das Wort hinzuweisen, welches der Schlachtruf war zur Zeit der Reformation, Römer 3,28: „So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde, ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.” In diesen Worten - - das ist wohl zu merken - - fasst der Apostel selbst die Lehre von der Art und Weise der Rechtfertigung wie in einer kurzen Summa zusammen.  In dem Vorhergehenden hat er Glauben und Werke einander gegenübergestellt, und sagt nun, dass die Rechtfertigung ohne des Gesetzes Werke durch den Glauben geschehe, also: allein durch den Glauben.  Die Papisten und auch die Rationalisten haben Luther den Vorwurf gemacht, er habe diese Stelle falsch übersetzt, indem er in seiner Übersetzung vor den Worten: „durch den Glauben“ das Wörtlein  allein“ eingeschoben habe.  Aber das ist ganz lächerlicher Unverstand, dessen sich auch vernünftige papistische Lehrer geschämt haben und noch schämen.  Es ist wahr: gerade mit so viel Buchstaben steht im Grundtext das Wörtlein „allein“ nicht da.  Aber doch gehört es in die deutsche Übersetzung mit hinein, wenn sie genau und scharf den Sinn des Grundtextes wiedergeben soll.  Das folgt aus dem Zusammenhang.  Nach des Apostels eigener Auseinandersetzung im Vorhergehenden kann es nur zwei Weisen geben, wie die Rechtfertigung zustande kommen kann, entweder muss sie durch die Werke oder durch den Glauben geschehen.  Nun sondert aber hier der Apostel die Werke von der Rechtfertigung ganz und gar ab, indem er sagt, wir werden gerecht „ohne des Gesetzes Werke“, so bleibt allein der Glaube übrig, als durch welchen die Rechtfertigung geschieht.  Luther hat daher recht, wenn er in seiner Verteidigung seiner Übersetzung schreibt: „Wo man will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehört es (das Wörtlein „allein“) hinein.“   Dem stimmen auch fast sämtliche neuere Sprachforscher bei, die nichts weniger als lutherisch sind.  Auch die Papisten vor Luther setzten in ihren Übersetzungen, die aus der Vulgata geflossen waren, das Wörtlein „allein“ hinein.  Weshalb denn Erasmus, der doch selbst ein Papist war, die Papisten verspottend, schreibt: „Das Wort ‚allein‘, welches jetzt so angeschrieen und gesteinigt wird an Luther, hört man mit aller Ehrfurcht bei den Vätern an.“ .  Hierher gehört auch besonders Gal. 2,16: „Weil wir wissen, dass der Mensch durch des Gesetzes Werk nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus,  so glauben wir auch an Jesus Christus, auf dass wir gerecht werden durch den Glauben an Christus, und nicht durch des Gesetzes Werke; denn durch des Gesetzes Werk wird kein Fleisch gerecht.“  Paulus redet hier zunächst mit den Juden.  Die Juden hatten Zweck und Ziel des ihnen gegebenen Gesetzes nicht erkannt, nämlich dass durch das Gesetz Erkenntnis der Sünde kommen sollte, sondern meinten, dass sie durch das Gesetz oder durch die Werke vor Gott gerecht und selig werden sollten.  Denen hält nun Paulus folgendes entgegen: „Wir wissen“, d.h., es ist bei uns Christen eine allgemein bekannte Wahrheit, „dass durch des Gesetzes Werke kein Mensch gerecht wird.“ So bleibt allein das Gerechtwerden durch den Glauben übrig.  Es ist, als ob der Apostel sich gar nicht habe genugtun können in Worten, um ja alle Werke von dem Handel der Rechtfertigung auszuschließen und das „Allein durch den Glauben“ einzuschärfen.  Dreimal sagt er in dem einen Spruch, dass die Werke nichts mit der Rechtfertigung zu tun haben. Hierher gehört auch Römer 3,21-22: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart.” Hier wird gesagt, dass die Gerechtigkeit, welche vor Gott gilt und durch welche ein Mensch vor Gott gerecht wird, offenbart ist „ohne Zutun des Gesetzes“, das heißt doch: Gott hat gesagt, er wolle die Menschen für gerecht halten, ohne dass er Werke von ihnen fordert.  Ist die Gerechtigkeit von Gott so ohne Werke offenbart, so wird sie auch niemand durch die Werke erlangen. Dass Werke von der Rechtfertigung gänzlich ausgeschlossen seien, bezeugt auch Römer 3,24: „Wir werden ohne Verdienst gerecht.“ „Ohne Verdienst“, griechisch: geschenkweise. Die Rechtfertigung geschieht geschenkweise.  Was ist denn ein Geschenk?  Ein Geschenk ist nur eine solche Gabe, für welche ich nicht die geringste Gegenleistung erwarte, eine Gabe, an die ich gar nicht die Forderung einer Gegenleistung knüpfe.  Sobald das Geringste dafür gefordert wird, so hört sie auf Geschenk zu sein, dann ist es ein Handel, auch wenn die Gegenleistung die Gabe nicht völlig aufwiegt.  Wenn ich jemand zehn Dollars reiche und ich sage ihm, ich gebe sie ihm unter der Bedingung, dass er den Seitenweg kehre, so ist es kein Geschenk mehr, sondern ein Handel, wenn auch ein Handel, bei dem der Betreffende sehr gut wegkommt.  Nun heißt es hier: Wir werden vor Gott gerecht geschenkweise. Gott fordert also von uns zur Rechtfertigung nicht die geringste Gegenleistung. Wer hier sagt, dass die Rechtfertigung bedingt sei durch irgendeine Gegenleistung, der leugnet das Schriftwort, dass sie „ohne Verdienst“, geschenkweise, geschehe. Dies allein, dass mit unseren Werken ganz tabula rasa gemacht wird, gibt auch Trost. Nun brauchen wir nicht zu verzagen, wenn wir auch an uns nichts als Sünde und Schande sehen; denn Gott spricht ja aus Gnaden, um Christi willen, geschenkweise, gerecht.  Nun braucht auch kein Schächer zu verzagen, wenn er auch nichts Gutes an sich findet; denn auf gute Werke wird bei der Rechtfertigung nicht gesehen, sie wird ganz umsonst vollzogen, sie wird geschenkt.  Man habe keine Bange, dass bei dieser Lehre von der Rechtfertigung die guten Werke zu kurz kommen.  Wir werden in der letzten These sehen, dass diese Lehre vielmehr die Quelle, die einzige Quelle der guten Werke sei.  Aber unserer Werke soll gänzlich geschwiegen werden bei der Frage: „Wie werden wir vor Gott gerecht und selig?“ Hier schmälern sie Christi Verdienst, und vernichten sie die Gnade.

                Das bezeugt auch unser Bekenntnis.  Es schärft zunächst ein, dass man, um die Lehre von der Rechtfertigung rein zu erhalten, fest halten müsse an den particulis exclusivis, d.i., den Wörtern, durch welche im Artikel von der Rechtfertigung alle Werke abgesondert werden.  Konkordienformel:  „Und das ist des Apostels Paulus Meinung, wenn er in diesem Artikel die, das ist, die Worte, dadurch die Werke in dem Artikel der Gerechtigkeit des Glaubens ausgeschlossen werden, so fleißig und emsig treibet: absque operibus, sine lege, gratis, non ex operibus, das ist, aus Gnaden, ohne Verdienst, ohne Gesetz, ohne Werke, nicht aus den Werken, welche exclusivae alle zusammengefasst werden, wenn man sagt: Allein durch den Glauben werden wir vor Gott gerecht und selig; denn dadurch werden die Werke ausgeschlossen, nicht der Meinung, als könnte ein wahrer Glaube wohl sein ohne Reue, oder als sollten, müssten und dürften die guten Werke dem wahren Glauben als die gewissen ungezweifelten Früchte nicht folgen, oder als ob die Gläubigen nicht dürften noch müssten etwas Gutes tun; sondern von dem Artikel der Rechtfertigung vor Gott werden die guten Werke ausgeschlossen, dass sie in die Handlung der Rechtfertigung des armen Sünders vor Gott als dazu nötig oder gehörig nicht sollen mit eingezogen, eingeflochten oder eingemengt werden, und steht der rechte Verstand particularum exclusivarum in articulo justificationis, das ist, oberzählter Wörter im Artikel der Rechtfertigung, darinnen, sollen auch mit allem Fleiß und Ernst bei diesem Artikel getrieben werden:

                „(1.).  Dass dadurch alle eigenen Werke, Verdienst, Würdigkeit, Ruhm und Vertrauen aller unserer Werke in dem Artikel der Rechtfertigung ganz und gar ausgeschlossen werden, also, dass unsere Werke weder Ursache noch Verdienst der Rechtfertigung, darauf Gott in diesem Artikel und Handlung sehen oder wir uns darauf verlassen möchten oder sollten, noch zum Ganzen, noch zum Halben, noch zum wenigsten Teil gesetzt und gehalten sollen werden.

                „(2.).  Dass das Amt und die Eigenschaft des Glaubens allein bleibe, dass er allein, und sonst nichts anders, sei das Mittel oder Werkzeug, damit und dadurch Gottes Gnade und Verdienst Christi in der Verheißung des Evangeliums empfangen, ergriffen, angenommen, uns appliziert und zugeeignet werde, und dass von demselben Amt und Eigenschaft solcher Applikation oder Zueignung die Liebe und alle andern Tugenden oder Werke ausgeschlossen werden.

                „(3.).  Dass weder Neuerung, Heilung, Tugenden oder gute Werke tanquam forma aut pars aut causa justificationis, das ist, unsere Gerechtigkeit vor Gott sei, noch für ein Teil oder Ursache unsere Gerechtigkeit gemacht und gesetzt, oder sonst unter einigerlei Schein, Titel oder Namen in den Artikel der Rechtfertigung als dazu nötig und gehörig eingemengt werden sollen; sondern dass die Gerechtigkeit des Glaubens allein stehe in Vergebung der Sünden, lauter aus Gnaden, allein um des Verdienstes Christi willen; welche Güter in der Verheißung des Evangeliums uns angetragen und allein durch den Glauben empfangen, angenommen, uns applizieret und zugeeignet werden.“  (Sol Decl  Müller Seite 617.  St Louis Seite 421).

                Dieselbe: „Wir glauben, lehren und bekennen, dass zu Erhaltung reiner Lehre von der Gerechtigkeit des Glaubens vor Gott über den particulis exclusivis, über nachfolgende Worte des heiligen Apostels Paulus, dadurch der Verdienst Christi von unseren Werken gänzlich abgesondert und Christus allein die Ehre gegeben (wird), mit besonderem Fleiß zu halten sei, da der heilige Apostel Paulus schreibt: Aus Gnaden, ohne Verdienst, ohne Gesetz, ohne Werke, nicht aus den Werken; welche Worte alle zugleich so viel heißen als: Allein durch den Glauben an Christus werden wir gerecht und selig.”  (Epitome.  Müller Seite 529.  St Louis Seite 362.)

                Es kann gar nicht anders sein, als dass der Glaube das einzige Mittel ist, durch welches wir der Rechtfertigung oder der Vergebung der Sünden teilhaftig werden.  Man muss nur zweierlei festhalten, Erstlich, dass die Vergebung der Sünden bereits da ist, durch Christi Leben, Leiden und Sterben bereits erworben, dass sie also weder zum Ganzen noch zum Halben noch zum vierten noch zum geringsten Teil von uns erst erworben zu werden braucht.  Gott ist, wie die Heilige Schrift bezeugt, durch Christi Blut mit den Menschen vollkommen versöhnt und bietet uns Vergebung der Sünden, Rechtfertigung als Geschenk an.  So bedarf es keiner Werke mehr unsererseits, um Gott erst vollends zu versöhnen, Gott erst geneigt zu machen, uns die Sünden zu vergeben.  Wir brauchen nur zu erkennen und unseres Herzens Zuversicht darauf zu setzen, dass Gott mit uns versöhnt sei.  Es bedarf nur des Glaubens an die bereits für uns vorhandene Vergebung. Was uns vor Gott gerecht macht, ist ja der Gehorsam Christi, und der ist vollkommen in jeder Hinsicht; da brauchen wir nicht noch erst einige Werke anzuflicken, damit er vollkommen werden.  Was nötig ist, ist nur der Glaube, durch welchen wir Christi vollkommenen Gehorsam für uns gelten lassen und auf denselben unsere Zuversicht vor Gott setzen.  Zweitens ist festzuhalten, dass uns die Rechtfertigung, die Vergebung der Sünden, von Gott im Wort dargeboten, in der Verheißung des Evangeliums zugesagt wird.  Darum ist auch der Glaube das einzige Mittel, um der Rechtfertigung teilhaftig zu werden.  Eine fröhliche Botschaft, die mir gebracht wird, kann ich doch nur dadurch genießen, dass ich sie glaube.  So wird den Sündern in Evangelium die fröhliche Botschaft gebracht, dass Christus ihre Sünden gebüßt habe, dass Gott mit ihnen durch Christus versöhnt, ihnen ihre Sünden gebüßt habe, dass Gott mit ihnen durch Christus versöhnt, ihnen ihre Sünde vergeben und sie zu seinen Kindern und Erben des ewigen Lebens annehmen wolle.  Die armen Sünder können diese Botschaft nicht anders genießen als durch den Glauben.  Die Liebe oder irgendeine Leistung tut hier nichts und kann hier nichts tun.  Wenn mir ein guter Freund ein Geschenk darreicht, so ist das einzige Mittel, um in den Besitz desselben zu kommen, dass ich es annehme.  Ich mag noch so viel andere Werke tun, ihn noch so sehr lieb haben: wenn ich die Hände auf dem Rücken behalte, das Dargereichte nicht annehme, so kommt das Geschenk nicht in meinen Besitz.  So tut auch in der Rechtfertigung nichts die Liebe, nichts die Werke; denn die Rechtfertigung ist ein im Wort dargereichtes Geschenk, und wenn ich das haben will, so muss ich es annehmen, muss es glauben, muss sagen: Ja, lieber Gott, ich glaube, was du mir sagst, in deinem Wort: Dass Christus meine Sünden gebüßt habe, du mit mir durch Christus versöhnt seiest, und mir aus Gnaden um Christi willen die Sünden vergeben und mich zu deinem Kinde und Erben des ewigen Lebens annehmen wollest.  Auch unser Bekenntnis bezeugt, dass, weil die Vergebung der Sünden schon erworben ist, und uns im Wort des Evangeliums dargeboten wird, der Glaube das einzige Mittel sei, derselben teilhaftig zu werden.

                Konkordienformel, Decl. Seite 612,613: „Welche Güter“ (Vergebung der Sünden oder Rechtfertigung) „uns in der Verheißung des heiligen Evangeliums durch den Heiligen Geist vorgetragen werden und ist allein der Glaube das einige Mittel, dadurch wir sie ergreifen, annehmen und uns applizieren und zueignen.“ . . .  „Solche Gerechtigkeit wird durchs Evangelium und in den Sakramenten von dem Heiligen Geist uns vorgetragen und durch den Glauben appliziert, zugeeignet und angenommen, daher die Gläubigen haben Versöhnung mit Gott, Vergebung der Sünden, Gottes Gnade, die Kindschaft und Erbschaft des ewigen Lebens.“

                Apologie,  Art IV: „Vergebung der Sünden ist verheißen um Christus willen.  Darum kann sie niemand erlangen, denn allein durch den Glauben.  Denn die Verheißung kann man nicht fassen, noch derselben teilhaftig werden, denn allein durch den Glauben“ (*). .  „Wo nun Verheißung ist, muss Glaube sein.  Denn Verheißung kann nicht anders empfangen werden, denn dass sich das Herz verlässt auf solch Gottes Wort und sieht nicht an eigene Würdigkeit oder Unwürdigkeit.“ (**). .  „Unsere Gerechtigkeit steht nicht auf eigen Verdienst, sondern auf Gottes Barmherzigkeit, und dieselbe Barmherzigkeit fasst man durch den Glauben.“ (†).

                Luther (Walch VI, 1263): „Die Gerechtigkeit wird im Worte angeboten und allein durch den Glauben angenommen; welcher Glaube dem Wort Beifall gibt, und glaubt, er sie gerecht durch den Tod und das Verdienst Christi.“ Derselbe (V, 230): „Mit Werken wird niemand ein Christ, sondern bleibet ein Heide.“  Das klingt sehr sonderbar, ist aber gewisslich wahr.  Ein Christ ist ein Mensch, welcher Vergebung der Sünden hat, als Kind Gottes angesehen, als Erbe des ewigen Lebens angenommen wird.  Nun ist aber alles dies, was einen Menschen zu einem Christen macht, bereits durch Christus erworben und im Wort des Evangeliums zugesagt.  Der Glaube allein kann es sich zueignen.  Durch Werke soll und kann es nicht erworben werden.  So bleibt also ein Mensch mit all seinen Werken ein Heide und kann er nur durch den Glauben ein Christ werden.

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                (*). .  Seite 102. .                   (**). . Seite 133. .  (†). .  Seite 141. .

 

                Es kann nun auch niemand mehr befremdet fragen: Wie kann denn der Glaube so große Dinge tun?  Wie kann man durch den bloßen Glauben Vergebung der Sünden erlangen, gerecht und selig werden?  Wie kann der Glaube aus der Hölle in den Himmel heben?  Antwort: Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und Seligkeit braucht nicht erst von den Menschen durch Werke beschafft zu werden, sondern alles dies ist längst durch Christus beschafft und wird im Wort des Evangeliums dargereicht; so brauchen die Sünder nur zu nehmen, was ihnen dargereicht wird, und das geschieht durch den Glauben.  Also deshalb tut der Glaube so große Dinge, ja, alles, weil Christus für uns so große Dinge, ja, alles getan  hat, und der Mensch gar nichts mehr zu tun braucht.  Wer hier nicht alles dem Glauben geben, das „Allein durch den Glauben“ nicht gelten lassen, sondern neben den Glauben noch ein Menschenwerk stellen will, der leugnet und schmäht Christi vollkommenes Werk für uns, der straft Gott in seinem Wort Lügen, welcher sagt, dass er uns Vergebung der Sünden in seinem Wort um Christi willen zu teil werden lasse, dass Christus uns durch sein stellvertretendes Leben, Leiden und Sterben vollkommen erlöst, Gerechtigkeit und Seligkeit erworben habe.

                Antithesen: Dagegen sagt nun der Papst, es sei alles nicht wahr, dass wir durch den Glauben an die von Christus erworbene und im Evangelium dargereichte Vergebung der Sünden vor Gott gerecht und selig werden.  Wenn in der Papstkirche noch vom Glauben bei der Rechtfertigung geredet wird, so sagt man, der Glaube komme hier nicht in Betracht, insofern er sich an die Verheißung des Evangeliums hält oder die Vergebung der Sünden ergreift, sondern insofern er eine Tugend oder ein gutes Werk ist, mit Hoffnung, Liebe und andern guten Werken verbunden.  Mit einem Wort: der Papst lehrt, dass ein Mensch Gerechtigkeit und Seligkeit durch eigene Werke verdienen und erlangen müsse.  Und nicht nur dies: Er verflucht auch alle diejenigen, welche sagen, dass sie durch Christi Gerechtigkeit gerecht seien.  In der Papstkirche werden alle diejenigen verdammt, welche beten: Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit werden ich vor Gott bestehen, wenn ich zum Himmel werden eingehen. - - Wir müssen uns hier des Gegensatzes gegen das Papsttum recht bewusst werden.  Der Papst ist und bleibt der Erzfeind der christlichen Kirche.  Auch wir sind ja hier von der Papstkirche umgeben, und mancher, wenn er einen papistischen Priester so im allgemeinen von der Liebe Gottes, von Christi Verdienst, vom Glauben usw. predigen hört, so denkt er, es stehe am Ende doch nicht so schlimm mit dem Papsttum.  Aber das Papsttum leugnet nicht nur, sondern verflucht auch die Lehre von der Rechtfertigung aus Gnaden um Christi willen durch den Glauben.  Im Concilium Tridentinum, der Hauptbekenntnisschrift der Papisten, finden sich u.a. folgende Sätze: „Wenn jemand sagt, der Gottlose werde allein durch den Glauben gerechtfertigt - - - , der sei verflucht.“ .  “Wenn jemand sagt, dass die Menschen - - - durch diese (die Gerechtigkeit Christi) eigentlich gerecht seien, der sei verflucht.“ „Wenn jemand sagt, die Menschen werden gerechtfertigt allein durch die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi oder allein durch die Vergebung der Sünden mit Ausschluss der Gnade und Liebe . . ., der sei verflucht.“ „Wenn jemand sagt, der rechtfertigende Glaube sei nichts anders, als ein Vertrauen auf die göttliche Barmherzigkeit, welche die Sünden um Christi willen nachlässt . . ., der sei verflucht.“ (Sessio VI. Canon 9.10,11, 12). .  Hiermit ist das ganze Christentum nicht nur verleugnet, sondern auch verflucht.  Hier offenbart der Papst, dass er der Antichrist oder Widerchrist sei.  Bedenken wir doch: Christus ist deshalb in die Welt gekommen, ein Mensch geworden, hat sich unter das Gesetz getan, sich martern, kreuzigen und töten lassen, um den Menschen Vergebung der Sünden zu erwerben, damit die armen Sünder sich darauf in ihren Gewissen vor Gott als auf ihren einigen Trost verlassen könnten.  Es ist Christi Heilandsehre und Heilandskrome, dass er die Kelter allein getreten und den Sündern eine Gerechtigkeit erworben hat, deren sie sich im Glauben annehmen könnten.  Da kommt nun aber der Papst und sagt: Verflucht sei, welcher dafür hält, dass er durch Christi Verdienst einen gnädigen Gott habe, gerecht sei und selig werde.  Wer hier den Papst nicht als den Antichrist erkennt, der muss stockstarblind sein.  Dass die neueren Theologen in dem Papst nicht den Antichrist erkennen wollen, kommt daher, dass sie Christus und sein Werk nicht nach der Schrift auffassen, und selbst nicht glauben, dass wir vor Gott wirklich aus Gnaden durch den Glauben an das Evangelium gerecht und selig werden.  Da hat man in der Welt gesucht nach dem Antichristen und auf diesen und jenen geraten; ist gar auf so unschuldige Leute gekommen wie Napoleon und General Grant; den Papst, dessen Greuel in der Kirche Gottes vor Augen liegt, haben sie nicht als den Antichristen erkannt.  Es ist ja freilich auch ein Kennzeichen des Antichristentums, dass der Papst viele Tausends von Zeugen Jesu auf das grausamste hat hinschlachten lassen.  Die Offenbarung beschreibt uns deshalb das Papsttum als „das Weib trunken von dem Blute der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu“. .  (Offenb 17,6). .  Der Greuel aller Greuel ist aber dies - - und daran müssen wir den Papst vornehmlich als den Antichristen erkennen - -, dass er die Rechtfertigungslehre, die Zentrallehre des Christentums, verflucht, dass er die verflucht, welche ihre Zuversicht auf Christus als ihren Heiland setzen.  Damit ist das ganze Christentum und Christus selbst verflucht. - - Wer Christus recht ins Angesicht geschaut hat - - und das geschieht so, dass man ins Evangelium hineinschaut - - und dann seinen Blick richtet auf den Papst in Rom, der muss merken, dass der Papst das gerade Gegenbild (= Gegenteil) von Christus ist.  Wer den Papst nicht als den Antichristen erkennen kann, wenn er nämlich die Lehre des Papstes kennt, der kennt auch Christum nicht völlig.  Luther schreibt in seiner „Glosse auf das vermeinte kaiserliche Edikt, ausgegangen im Jahre 1531“: „Da steht der Artikel, den die Kinder beten: ‚Ich glaube an Jesus Christum, gekreuzigt, gestorben‘ usw.  Es ist ja niemand für unsere Sünde gestorben, denn allein Jesus Christus, Gottes Sohn!  Allein Jesus, Gottes Sohn!  Noch einmal sage ich: Allein Jesus, Gottes Sohn, hat uns von Sünden erlöst!  Das ist gewisslich wahr und die ganze Schrift; und sollten alle Teufel und Welt sich zerreißen und bersten, so ist es ja wahr.  - - Ist er es aber allein, der Sünde wegnimmt, so können wir es mit  unsern Werken nicht sein.  So ist es ja unmöglich, dass ich solchen einigen und allein Erlöser von Sünden, Jesus, anders denn mit dem Glauben fassen und erlangen möge; mit Werken ist und bleibt er unergriffen.  Weil aber allein der Glaube, vor und ehe die Werke folgen, solchen Erlöser ergreift, so muss es wahr sein, dass allein der Glaube vor und ohne Werke solche Erlösung fasse.  Welches nichts anders sein kann, denn gerecht werden.  Denn von Sünden erlöst oder Sünde vergeben haben, muss nichts anders sein, denn gerecht sein oder werden.”  Wie Luther sonst oft sagt in der Lehre vom freien Willen: Wir Menschen haben keine Kräfte in geistlichen Dingen, mit welchem wir uns zur Gnade schicken oder bereiten konnten, da die Schrift lehrt, dass allein Christus, als der Stärkere, uns dem starken Gewappneten, dem Teufel, entreißen könne: So sagt er hier im Artikel von der Rechtfertigung: Christus allein hat durch sein Leiden und Sterben uns die Vergebung der Sünden oder die Rechtfertigung verdient; so können wir  mit unseren Werken, wie sie Namen haben mögen, nicht zu unserer Rechtfertigung mitwirken, sondern können und sollen die von Christo erworbene Vergebung der Sünden allein mit dem Glauben annehmen.  Kurz zuvor hat Luther die folgenden heroischen Worte: „Doch weil ich sehe, dass diesen Hauptartikel der Teufel immer muss lästern durch seine Säulehrer und nicht ruhen noch aufhören kann, so sage ich, Doktor Martinus Luther, unsers HERRN Jesu Christi unwürdiger Evangelist, dass dieser Artikel: ‚Der Glaube allein, ohne alle Werke, macht gerecht vor Gott‘ sollen lassen stehen und bleiben der römische Kaiser, der türkische Kaiser, der tartarische Kaiser, der Perser Kaiser, der Papst, alle Kardinäle, Bischöfe, Pfaffen, Mönche, Nonnen, Könige, Fürsten, Herren, alle Welt samt allen Teufeln, und sollen das höllische Feuer dazu haben auf ihren Kopf und keinen Dank dazu.  Das sei mein, Doktor Luthers, Einsprechen vom Heiligen Geist und das rechte, heilige Evangelium.“ (E.A. 25,76). .  Das klingt sehr kühn.  Aber so hat Luther geredet, weil er aus Gottes Wort wusste, dass durch die Lehre des Papsttums sein HERR und Heiland Jesus Christus gelästert und den teuer erkauften Seelen die Seligkeit geraubt werde.  Luther spricht nur nach, was Paulus Gal 1,8 schreibt: „Aber so auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen, anders, denn das wir euch gepredigt haben: Der sei verflucht.”

                Auch die Sekten lehren teils ausdrücklich eine Rechtfertigung durch den Glauben und die Werke, teils praktizieren sie doch so, als ob nicht allein durch den Glauben der Mensch gerecht und selig werde.  Schon im 16 und 17 Jahrhundert behaupteten ausdrücklich die Anabaptisten, der Glaube rechtfertige nicht ohne die Werke, welche aus dem Glauben fließen.  Der Quäker Barclay sagt in seiner Apologie: „Wir können nicht wie einige Protestanten unvorsichtig (!) getan haben, die guten Werke von der Rechtfertigung ausschließen.“ Wenn Schwärmer die Sünder, welche in der Angst ihres Herzens nach Vergebung der Sünde fragen, anstatt auf die Gnadenmittel, auf einen inneren Kampf verweisen, durch welchen die Vergebung der Sünden erst errungen werden müsste, so ist das auch eine tatsächliche Verleugnung des „Allein durch den Glauben“. .  Denn durch diese Praxis wird ja verleugnet, dass Gott die Gerechtigkeit darbiete, dass es nur der Annahme der durch Christus erworbenen Vergebung der Sünde bedürfe: Es wird also geleugnet, dass ein Mensch allein durch den Glauben vor Gott gerecht werde.  Sie setzen an Stelle des Glaubens das Gefühl.  Nun ist das wahr: Wir werden im Allgemeinen nicht viel von einem Glauben halten, der noch nie durch das Gefühl sich geäußert hat.  Wer nie die Gnade Gottes gefühlt hat, der hat wohl zuzusehen, ob er überhaupt auch im Glauben steht.  Lesen wir z.B. in unserem Gesangbuch die Lieder, welche unter der Rubrik „Jesuslieder“ stehen, so merken wir, dass die Väter unserer Kirche die Gnade auch durchs Gefühl geschmeckt haben.  Ja, der Heilige Geist erfüllt die Herzen der Gläubigen zuzeiten auch mit einem Gefühl der Gnade. Die Krankheit in manchen unserer Gemeinden ist jetzt nicht sowohl das pietistische Gefühlswesen, als tote Orthodoxie.  Und wenn die Prediger gegen das ungesunde gefühlige Wesen predigen, so sollen sie vorsichtig reden, damit sie nicht etwa einem toten Maulglauben Vorschub leisten.  Aber dessen ungeachtet ist es doch von der größten Wichtigkeit, dass wir Gefühl und Glaube genau unterscheiden.  Glaube und Gefühl sind dem Wesen nach ganz und gar verschieden.  Und in der Lehre von der Rechtfertigung ist Glaube dem Gefühl gerade so entgegenzusetzen wie den Werken.  Glauben heißt, sich auf Gottes Zusage verlassen auch gegen alles Zeugnis der Sinne, also auch gegen alles, was wir fühlen und empfinden. Wer da sagt, nur derjenige soll sich für gerechtfertigt halten, der die Gnade fühlt, der verleugnet damit, dass wir durch Zusagung der Gerechtigkeit im Wort des Evangeliums gerecht und selig werden. Dann müssten wir auch gerade oft die gottseligsten Herzen von der Liste der Gerechtfertigten streichen. Wenn David seufzt: „Ich heule vor Unruhe meines Herzens“ etc., so hat er kein Gefühl von der Gnade, sondern nur vom Zorn Gottes gehabt. Und doch war er unter der Gnade und in der Zahl der Gerechtfertigten. Bei dem Gefühl des Zorns war im Herzen auch ein Verlangen nach Gottes Gnade, das Sich – Sehnen nach der Vergebung, d.i. der Glaube.  Glauben heißt eben, mit dem Herzen auf Gottes Zusage, dass Gott den Sünder annehmen, gerecht und selig machen wolle, gerichtet sein.  Auch Luther warnt immerfort, dass man ja nicht Gefühl und Glaube verwechseln solle.  Er sagt in seiner Kirchenpostille über das Evangelium am 14 Sonntag nach Trinitatis: „Die andere Art des Glaubens ist, dass er nicht wissen, noch zuvor versichert sein will, ob er der Gnaden würdig sei und erhöret werde, wie die Zweifler tun, die nach Gott greifen und versuchen ihn.  Gleichwie ein Blinder nach der Wand tappt, also tappen dieselben auch nach Gott und wollten ihn gern zuvor fühlen und gewiss haben, dass er ihnen nicht entlaufen möge.” (XI, 2122).

                Ebendaselbst (1. nach Epiphanias): „Gott will nicht leiden, dass wir uns sollen auf etwas anders verlassen oder mit dem Herzen hangen an etwas, das nicht Christus in seinem Wort ist, es sei, wie heilig und voll Geistes es wolle.  Der Glaube hat keinen andern Grund, darauf er bestehen könne. . . .  Wir müssen Christus suchen in dem, das des Vaters ist, das ist, dass wir uns schlecht und bloß an das Wort des Evangeliums halten, welches uns Christus recht zeigt und zu erkennen gibt.  Und lerne nur in dieser und allen geistlichen Anfechtungen, so du willst andere oder dich selbst recht trösten, also mit Christus sagen: Was ist es, dass du so hin und wieder läufst, dich selbst so zermarterst mit ängstigen und betrübten Gedanken, als wolle Gott dein nicht mehr Gnade haben und als sei kein Christus zu finden, und willst nicht ehe zufrieden sein, du findest ihn denn bei dir selbst und fühlst dich heilig und ohne Sünde?  Da wird nichts aus, es ist eitel verlorne Mühe und Arbeit.  Weißt du nicht, dass Christus nicht sein will, noch sich finden lassen, denn in dem, das des Vaters ist; nicht in dem, das du oder alle Menschen sind und haben?  Es ist nicht der Fehl an Christus und seiner Gnade, er ist und bleibt wohl unverloren und lässt sich allezeit finden.  Aber es fehlt an dir, dass du ihn nicht recht suchst, da er zu suchen ist, weil du deinem Fühlen nach richtest und meinst ihn zu ergreifen mit deinen Gedanken.  Hierher musst du kommen, dass nicht dein noch einiges Menschen, sondern Gottes Geschäfte und Regiment, nämlich da sein Wort ist, da wirst du ihn treffen, hören und sehen, dass weder Zorn noch Ungnade da ist, wie du fürchtest und zagest, sondern eitel Gnade und herzliche Liebe gegen dir. . . .  Aber schwer wird es, ehe es (das Herz) dazu kommt und solches ergreifet: es muss zuvor anlaufen und erfahren, dass alles verloren und vergeblich Christus gesucht heißt, und zuletzt doch kein Rat ist, denn dass du dich außer dir selbst und allem menschlichen Trost allein in das Wort ergebest.” (XI, 623-25).

                Wir sollen also mit unserem Herzen nicht hangen an dem Christus, der  in uns ist, d.i., an den Gnadenwirkungen, obgleich solche Wirkungen da sind und zuzeiten auch empfunden werden, sondern an dem Christus sollen wir hangen, der uns im Wort der Verheißung sich gibt.  Wir werden bei der Thesis V sehen, wie keine Gewissheit der Gnade da sein kann, wenn jemand das Gefühl zum Gradmesser der Gnade gemacht wird.  Es ist dies auch eine tatsächliche Verleugnung der vollkommenen Erlösung durch Christus, wenn wir Gott erst dann für gnädig halten wollen, wenn wir die Gnade fühlen. Nein, Gott ist uns um Christi willen gnädig, wie immer es sich mit unserem Gefühl verhalten möge; er sagt uns die Gnade durch sein Wort zu. Wir müssen festhalten: Unsere Gerechtigkeit, durch welche wir vor Gott gerecht sind, ist gänzlich außer uns und bleibt auch immer außer uns, kommt nie in uns hinein.  Unser Gerechtsein besteht nicht in einer Beschaffenheit, die in uns ist, sondern sie besteht in einem Verhältnis, in welchem Gott zu uns und wir zu Gott stehen, nämlich darin, dass Gott uns als gerecht ansieht, für gerecht hält oder achtet, obwohl wir in uns selbst ungerecht sind.  Und was Gott bewegt, uns so anzusehen, ist nicht ein Werk, ein Gedanke, eine Würdigkeit in uns, sondern Christi Werk, Würdigkeit und Heiligkeit.  Deshalb sagt Luther: „Das ist je eine wunderliche Gerechtigkeit, dass wir sollen gerecht heißen oder Gerechtigkeit haben, welche doch kein Werk, kein Gedanke, und kurz gar nichts in uns, sondern gar außer uns in Christus ist und doch wahrhaftig unser ist durch seine Gnade und Geschenk und so gar unser eigen, als wäre sie durch uns selbst erlangt und erworben.” Zu Römer 4,6-7 (Bd 50,61-62). Die Gerechtigkeit, durch welche wir Ungerechte gerecht sind, ist die Gerechtigkeit Christi, die er für uns geleistet hat in seinem 33-jährigen Wandel auf Erden.  Sie bleibt immer außer uns, sie wird unser eigen durch Zurechnung.  Nun entsteht ja freilich, wenn der Mensch diese fremde Gerechtigkeit im Glauben ergriffen hat, auch im Menschen eine eigene Gerechtigkeit, er fängt an, in Gottes Wegen zu wandeln, aber diese unsere Gerechtigkeit wird nie der Grund unserer Rechtfertigung, sondern der bleibt bis an den Tod Christi Gerechtigkeit.  Und das ist auch gut, sonst sähe es schlecht mit unserer Rechtfertigung aus.  Unsere eigene Gerechtigkeit wird nie vollkommen. Müsste die an die Stelle der Gerechtigkeit Christi treten, so würde unsere Rechtfertigung sogleich ungewiss werden und immerfort bleiben. Aus dem Kleide der Gerechtigkeit Christi wachsen wir nicht heraus.  Deshalb beten unsere Kinder: Christi Blut und Gerechtigkeit etc., und wir müssen dasselbe Gebet sprechen, wie alt wir auch werden.

                Die Formula Concordiae sagt (III, §55 p 622): „In unserer Kirche bei den Theologen Augsburgischer Konfession (wird) bekannt, dass alle unsere Gerechtigkeit außerhalb unser und aller Menschen Verdienst, Werk, Tugend und Würdigkeit zu suchen, und allein auf dem HERRN Christus steht“” Merken wir wohl: Es gilt in unserer lutherischen Kirche als Grundsatz, dass unsere Gerechtigkeit außer uns ist.

                Es ist hier auch auf den verschiedenen Gebrauch des Wortes „Gnade“ aufmerksam zu machen.  In der heiligen Schrift wird Gnade auch das genannt, was durch Gottes Gnade im Menschen gewirkt wird, also, im Menschen ist.  Dass jemand Gottes Wort lieb hat, die Sünde meidet und gottselig wandelt, ist auch Gottes Gnade, eine Gnadengabe.  Nun fragt es sich, ob das Wort „Gnade“ auch so zu fassen sei, wenn wir sagen: Ein Mensch wird aus Gnaden gerecht.  Die Antwort ist: Nein!  Hier hat das Wort Gnade eine ganz andere Bedeutung.  Es bezeichnet die gnädige Gesinnung, die „Gunst“ (favor) Gottes, wie Luther sagt, die Christus zuwege gebracht hat und infolge welcher nun Gott den Sündern umsonst Vergebung der Sünden darreicht.  Es heißt Römer 3,24: „Und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner“ - - nämlich Gottes - - „Gnade“ durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist.“ An dieser Bedeutung des Wortes „Gnade“ ist in der Lehre von der Rechtfertigung durchaus fest zu halten.  Dadurch bleibt man auf der rechten Bahn, während man sofort in Papismus fällt, sobald man hier Gnade und Gnadenwirkungen verwechselt.  Darum ist den Papisten gegenüber neben dem „aus Gnaden“ auch an dem „allein durch den Glauben“ festzuhalten.  Denn das „allein durch den Glauben“ zwingt zur rechten Auffassung des Wortes „Gnade“. Werden wir allein durch den Glauben gerecht, so muss die Gnade darin bestehen, dass Gott aus gnädiger Gesinnung in Christus Vergebung der Sünden im Wort des Evangeliums zusagt.  Auch die Papisten sagen: Wir werden „aus Gnaden um Christi willen“ gerecht.  Aber das „allein durch den Glauben“ verwerfen sie.  Damit geben sie zu erkennen, dass sie in der Lehre von der Rechtfertigung unter Gnade nicht Gottes Barmherzigkeit, Gottes gnädige Gesinnung, die Christus uns zuwege gebracht hat, verstehen, sondern Gnadenwirkungen im Menschen, die Heiligkeit des Menschen, die guten Werke.  Ihnen ist daher das, wodurch ein Mensch vor Gott gerecht wird, nicht die Vergebung der Sünden oder die Gerechtsprechung um Christi willen, sondern das eigene Tun des Menschen, zu dessen Zustandekommen freilich Gottes Gnade auch mitgewirkt habe. Eck wollte auf dem Reichstag zu Augsburg sich die Redeweise gefallen lassen: Der Mensch werde durch die Gnade und den Glauben gerecht.  Mit Händen und Füßen aber wehrte er sich gegen das „allein durch den Glauben“.  Warum?  Unter der ersten Redeweise wollte er seine papistische Werklehre verdecken, indem er unter „Gnade“ die Gnade im Menschen oder die guten Werke, die der Mensch nach papistischer Lehre „unter dem Beistand“ de Gnade tut, verstand und den Glauben daneben auch als ein Werk und eine Tugend neben anderen Werken mit in den Kauf nahm.  Das „allein durch den Glauben“ hätte ihn genötigt, zuzugestehen, dass unsere Gerechtigkeit vor Gott die Gerechtigkeit Christi oder die Vergebung der Sünden um Christi willen sei, deren Annahme durch den Glauben es nur bedürfe.  Damit hätte er aber seinen ganzen Papismus aufgegeben. 

 

These IV.

            Im Artikel von der Rechtfertigung durch den Glauben steht der Glaube im Gegensatz zu jeglichem Menschenwerk.  Wer daher den Glauben selbst als ganzes oder teilweises Menschenwerk fasst, lehrt bei aller sonst orthodoxen Redeweise, wie keine Rechtfertigung aus Gnaden um Christi willen, so auch keine Rechtfertigung durch den Glauben mehr.

                Die Papisten und andere sagen es offen heraus: Wir lehren, dass die Rechtfertigung nicht allein durch den Glauben geschehe, sondern sich auch auf die Werke des Menschen gründe.  Vor diesem grob ausgesprochenen Irrtum hütet sich jeder, der noch etwas lutherischen Sinn und Verstand hat.  Man will doch stehen bleiben bei dem „allein durch den Glauben“. Aber der Fürst dieser Welt, der Teufel, ist der Lehre von der Rechtfertigung überaus feind.  Er weiß: Wenn hier sein Angriff erfolgreich gewesen ist, dann hat er die christliche Lehre ins Herz getroffen.  Und so hat er auch hier ein Loch gefunden, wo er hinein geschlüpft ist.  Es gibt Leute, welche auf die Frage, wie wir vor Gott gerecht werden, den Worten nach ganz richtig antworten: Durch den Glauben, ohne Werke, ja, allein durch den Glauben; und doch haben sie die schriftgemäße Lehre von der Rechtfertigung verlassen.  Das geschieht dadurch, dass sie den Glauben selbst als Werk, wenn auch nur als teilweises Menschenwerk, fassen.  Denn wenn sie dann sagen: Allein durch den Glauben, so ist das doch wieder so viel als: durch Menschenwerk.  Unter lutherischem Namen ist da wieder die alte papistische Werklehre in die lutherische Kirche eingeführt.  Man braucht sich über diese Schwenkung nicht hoch zu wundern.  Der Mensch will schwer dran, zu glauben, dass er allein aus Gnaden gerecht und selig wird. Ein wenig von dem Seinen will er doch auch in die Waagschale werfen.  Es will ihm nicht eingehen, dass Gott Gottlose gerecht sprechen sollte.  So sucht er denn in der Lehre von der Rechtfertigung irgendwo einen Platz, wo er doch wenigstens etwas menschliche Leistung anbringen kann.  Wenn man aber vor sich selbst und andern als lutherisch gelten will, so redet man nicht geradezu von verdienstlichen Werken, sondern schiebt das Verdienst in den Glauben selbst hinein.  Es geht hier so zu, wie man es wohl im Kongress gemacht hat.  Man hängte an eine “Bill”, von der man glaubte, dass sie angenommen werden würde, eine Klausel an, die von etwas ganz anderem handelte, und schmuggelte dieselbe bei dieser Gelegenheit mit durch.  So will man auch durchaus ein Werk oder Verdienst in die Lehre von der Rechtfertigung hinein haben. Menschenwerk und Verdienst sind aber in der lutherischen Kirche Konterbande; so führt man sie nicht unter ihrem eigentlichen Namen ein, sondern unter der Deklaration „Glauben“. Zum andern spielt hier auch der Rationalismus mit.  Die menschliche Vernunft kann diese zwei Sätze, dass diejenigen, welche selig werden, allein aus Gnaden selig werden, und diejenigen, welche verloren gehen, allein aus eigener Schuld verloren gehen, nicht miteinander reimen.  Zwar sagt die Heilige Schrift, dass die Glaubenden selig und die Nichtglaubenden um ihres Unglaubens willen verdammt werden. Das muss man auch durchaus festhalten. Aber damit hat die Schrift der menschlichen Vernunft noch nichts erklärt, da der Glaube selbst eine Gabe der Gnade ist.  Wenn man aber den Glauben als teilweises Menschenwerk fasst, als eine Art menschliche Leistung, dann ist der Vernunft Genüge geschehen.  Diese Auffassung des Glaubens ist zwar durchaus schriftwidrig, aber man hat nun seinen Zweck erreicht. Nun sieht die menschliche Vernunft ein, warum Gott gerade die bestimmten Personen, die gerechtfertigt und selig werden, vor andern rechtfertigt und selig macht.  Sie haben nämlich vor andern durch natürliche Kräfte sich für den Glauben entschieden, sie sind besser gewesen als andere.   So in älterer Zeit die Arminianer und Socinianer, so jetzt die neueren Lutheraner, die den Glauben nicht eine Wirkung der lauteren Gnade Gottes sein lassen, sondern ihn eine „sittliche Tat“ des Menschen nennen und als „Selbstentscheidung“ des Menschen im Werk der Bekehrung auffassen.  Dadurch kommt nun die Sache so zu stehen: Zwar durch „Werke“ wird ein Mensch nicht gerecht und selig; denn dann müsste er alle guten Werke tun, nie Gottes Gebot übertreten, sondern einen vollkommenen Gehorsam leisten.  Als nun Gott sah, dass auf diesem Wege kein Mensch selig werden würde, so hat er einen anderen Weg geordnet, auf dem der Mensch etwas weniger zu leisten hat, nämlich den Weg des Glaubens.  Und nun ist es möglich, dass die Menschen auf dem Wege der geringeren Leistung selig werden. So lehren die Arminianer, Socinianer und Unitarier von dem Glauben und der Rechtfertigung.  Die Arminianer schreiben in ihrer „Apologie“: „Es ist kein Grund vorhanden, warum die Tadler diese Meinung der Remonstranten vom Glauben oder Gehorsam des Glaubens, dass derselbe nämlich im Handel der Rechtfertigung zu betrachten sei als unser Werk oder Tun, getadelt haben als socinianisch oder socinianisch – papistisch.“   Der Arminianer Limborch schreibt in seiner Theol chr.: „Es ist zu wissen, dass wenn wir sagen, dass wir durch den Glauben gerechtfertigt werden, die Werke nicht ausschließen - - -  sondern einschließen.  Der Glaube selbst ist ein Akt unsers Gehorsams, den Gott uns vorschreibt.“ - - Der Socinianer Ostorodt schreibt in seiner „Unterrichtung“: „Sollte man aus den Werken, wie durch ein Verdienst, gerecht werden, so müsste man nie im allergeringsten das Gesetz übertreten.  Weil das aber nicht geschieht, so kann man durch die Werke des Gesetzes nicht gerecht werden.  Derhalben hat uns Gott - - - einen andern Weg, vor ihm gerecht zu werden, gezeigt, nämlich den Glauben an Jesus Christus, das ist, den Gehorsam der Gebote Christi, unter der Hoffnung, das ewige Leben zu erlangen, um welches Gehorsams willen ein jeglicher, der ihn hat, ob er schon etwa ein Sünder und Gottes Feind gewesen ist, Gott dennoch lieb und angenehm ist und aller seiner Sünden Vergebung erlangen wird.“ - - Der Unitarier Eliot schreibt in seinen “Discoursesetc: „Gott ist bereit, uns zu rechtfertigen, uns wieder zu Gnaden anzunehmen, wenn wir zu ihm kommen, mit gläubigem, vertrauensvollem Herzen, indem wir versuchen, seinen Willen zu tun, als Nachfolger Christi. . . .  Die Hauptbedingung und vielleicht die einzige, unter welcher wir Vergebung der vorigen Sünden empfangen, ist ein Akt, welcher seiner Natur nach Verdienst ausschließt. Es ist ein Akt der Selbstverleugnung, der Fußfall eines überführten Sünders vor Gott, der Akt des aufrichtigen Bekenntnisses und der Buße, mit einem Wort, der Akt der Selbstübergabe an Gott, welcher von der Schrift Glaube genannt wird.“

                Nach diesen Irrlehren unterscheiden sich Rechtfertigung durch den Glauben und Rechtfertigung aus den Werken nur so, dass durch die letztere viel, durch die erstere weniger Werke gefordert werden.  Werke fordert aber auch die Rechtfertigung durch den Glauben, indem der Glaube selbst als eine menschliche Leistung aufgefasst wird.  Denselben Irrtum tragen, wenn auch in feinerer Weise, die Iowaer vor, die von einer „Selbstenscheidung“ des Menschen in der Bekehrung reden. In demselben Irrtum befinden sich auch die „Lutheraner“, welche mit uns bisher in der Synodalkonferenz in Verbindung standen, sich nun aber getrennt haben.  Doch darüber noch etwas mehr am Schluss dieser These.

                Wir haben daher genau zuzusehen, wie nach der heiligen Schrift der Glaube in der Rechtfertigung zu fassen sei.  Steht es wirklich so, das „durch Werke“ gerecht werden heißt: durch viele oder alle Werke gerecht werden?  und „durch den Glauben“ gerecht werden: durch eine geringere Leistung, aber doch durch eine Art Leistung, die Gerechtigkeit erlangen.  Darauf sagen wir nun: Nein!  Wenn die Heilige Schrift sagt, dass wir durch den Glauben gerecht werden, so heißt das nicht: wenigstens etwas fordert doch Gott von uns, damit wir in den Besitz der Gerechtigkeit gelangen; sondern das heißt: Gott fordert nichts von uns, nicht die geringste Leistung.  Der Glaube steht im Gegensatz zu jeglichem Menschenwerk.  Weil Gott zu der Rechtfertigung durch nichts, was im Menschen ist, durch kein Werk, keine Würdigkeit, keine Leistung seitens des Menschen, bewogen wird, sondern den Menschen rein aus Gnaden um Christi willen rechtfertigt, deshalb geschieht die Rechtfertigung durch den Glauben.  Der Glaube rechtfertigt, weil kein Menschenwerk und keine menschliche Leistung rechtfertigt.  Durch den Glauben werden wir von Sünden los, für gerecht erklärt, vom ewigen Tode errettet und in die ewige Seligkeit versetzt, weil ein anderer, Christus, bereits alles getan hat: Weil Christus uns Gerechtigkeit und Vergebung erworben, vom ewigen Tode errettet und die Seligkeit erworben hat.  Weil die Gerechtigkeit, durch die wir vor Gott gerecht sind, keine Gerechtigkeit, keine Würdigkeit, keine Leistung, kein Gedanke, kein Werk in uns, sondern die von Christus erworbene und im Wort dargebotene Gerechtigkeit Christi ist, darum werden wir durch den Glauben gerecht. Durch den Glauben werden wir gerecht, weil alle Leistung, die von den Menschen etwa gefordert werden könnte, bereits beschlossen liegt in der vollkommenen Gerechtigkeit Christi und Gott uns um Christi willen Gerechtigkeit schenkt. Der Gegensatz ist also nicht: viele Werke und wenig Werke, sondern: viele Werke und gar keine Werke.  Der Glaube ist nicht etwa so eine halbe Bezahlung unserer Schuld, sondern gar keine Bezahlung, nur eine Annahme der vollkommenen Bezahlung Christi.

                Das beweisen folgende Schriftstellen. Römer 4,1-3: „Was sagen wir denn von unserm Vater Abraham, dass er gefunden habe nach dem Fleisch?  Das sagen wir: Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget denn die Schrift: Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Der Inhalt von Vers 1 und 2 ist offenbar dieser: Abraham hat durch seine eigenen Werke nichts gefunden; er ist dadurch vor Gott nicht gerecht geworden.  Dieser Satz wird, Vers 3, dadurch aus dem Alten Testament bewiesen, dass es heißt: „Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Hier sehen wir, wie der Glaube im geraden Gegensatz zu eigener Würdigkeit und eigenen Werken steht.  Also deshalb ist Abraham durch den Glauben gerecht worden, weil bei seiner Rechtfertigung gar keine Werke in Betracht gekommen sind.  Im Grundtext ist daher das Wort „geglaubt“ vorangestellt: „geglaubt hat Abraham Gott“. Ferner Römer 4,16: „Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden.“ „Durch den Glauben“ ist also nicht so viel wie: doch durch ein kleines Werk, sondern durch kein Werk unsererseits: „aus Gnaden“. Auf dem Glaubensweg ist also so viel wie auf dem Gnadenweg. Eph 2,8-9: „Denn aus Gnaden seid ihr selig geworden, durch den Glauben; und dasselbe nicht aus euch, Gottes Gabe ist es.  Nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme.“ Das „durch den Glauben“ ist eine nähere Bestimmung zu dem „aus Gnaden“, und zeigt an, auf welche Weise man selig wird, wenn man aus Gnaden selig wird.  Aus Gnaden selig werden, heißt, durch den Glauben selig werden. Der Gnadenweg ist der Glaubensweg und der Glaubensweg ist der Gnadenweg.  Und diesem Weg steht der Weg durch Werke als das gerade Gegenteil gegenüber, Vers 9: „Nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme.“

                So ermahnt nun auch unser Bekenntnis, dass man ja nicht „Glauben“ im Artikel von der Rechtfertigung als eine Leistung, ein Menschenwerk, ansehe.  Apologie Seite 97: „So oft die Schrift vom Glauben redet, meinet sie den Glauben, der auf lauter Gnade baut; denn der Glaube nicht darum vor Gott fromm und gerecht macht, dass er an sich selbst unser Werk und unser ist, sondern allein darum, dass er die verheißene, angebotene Gnade, ohne Verdienst aus reichem Schatz geschenkt, annimmt.“ Ebendaselbst Seite 103: „So wollen wir nun die Sprüche erzählen, welche klar melden, dass der Glaube fromm und gerecht mache, nicht deshalb, dass unser Glauben ein solch köstlich, rein Werk sei, sondern allein deshalb, dass wir durch den Glauben und sonst mit keinem Ding die angebotene Barmherzigkeit empfangen.“   Konkordienformel III Seite 612: „Demnach für eins gehalten und genommen (wird), wann Paulus spricht, dass wir durch den Glauben gerecht werden, Römer 3,28, oder dass der Glaube uns zur Gerechtigkeit zugerechnet werde, Römer 4,5, und wann er spricht, dass wir durch des einigen Mittlers Christi Gehorsam gerecht werden, oder dass durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen komme, Römer 5,18. Denn der Glaube macht gerecht, nicht darum und daher, dass er ein so gut Werk und schöne Tugend, sondern weil er in der Verheißung des heiligen Evangeliums den Verdienst Christi ergreift und annimmt.“ „Die Gerechtigkeit, die vor Gott dem Glauben oder den Gläubigen zugerechnet wird, ist der Gehorsam, Leiden und Auferstehung Christi, da er für uns dem Gesetz genug getan und für unsere Sünde bezahlt hat.“

                Es ist nach unserem Bekenntnis eins und dasselbe: durch Christi Gerechtigkeit gerecht werden, und durch den Glauben gerecht werden.  Wem das nicht eins ist, wer den Glauben selbst noch als eine die Gerechtigkeit Christi ergänzende Leistung auffasst, der lehrt schon nicht mehr lutherisch und wenn er noch so viel vom Glauben redet.

                Wir haben besondere Veranlassung, uns dies gesagt sein zu lassen. Lutheraner, die aus der Synodalkonferenz ausgetreten sind, haben den Glauben zu einem teilweisen Menschenwerk gemacht und behaupten dabei, rechte Lutheraner, ja, die einzigen wahren Lutheraner zu sein.  Christen haben daher sich wohl vorzusehen, dass sie nicht betrogen werden durch äußerlich orthodoxe Redeweisen.  Zu dem Irrtum kamen diese Leute dadurch, dass sie nicht nur sagten, Gott habe diejenigen Menschen, welche zur Seligkeit erwählt sind, in Ansehung ihres Glaubens erwählt, sondern hiermit auch gerade erklären und der Vernunft begreiflich machen wollten, warum die Erwählten vor anderen zur Seligkeit erwählt sind. Sie mussten nämlich bald sehen, dass sie mit dieser Lehre nur dann etwas für die menschliche Vernunft erklärten, wenn sie den Glauben irgendwie als Menschenwerk, als eine menschliche Leistung fassten, wodurch sich ein Mensch vor dem andern hervortue.  So fingen sie an, falsch zu lehren von der Entstehung des Glaubens.  Die einen sagen, der Mensch komme so zum Glauben, dass Gott das natürliche Widerstreben hinwegnimmt und der Mensch das mutwillige Widerstreben aus eigenen Kräften unterlässt.  Andere gehen nicht so grob mit den Worten heraus.  Aber sie reden doch immerfort so, als ob das, was bei der Bekehrung des Menschen entscheide, im Menschen liege, so dass das Zünglein der Waage nicht durch die Gnade Gottes selbst geneigt wird, sondern die Entscheidung für die Bekehrung im Menschen liege, durch eine Leistung des Menschen zustande komme.  Das kommt auch auf die erste Darstellung hinaus.  Dass ein Mensch zum Glauben kommt, beruht hiernach im Grunde auf einer eigenen Kraftanstrengung.

                Damit ist die Lehre von der Rechtfertigung vollkommen umgestoßen.  Wenn jene nun sagen: Wir werden gerecht „durch den Glauben“, oder auch „allein durch den Glauben“, so meinen sie ihren Glauben, der zum Teil Gotteswerk, zum Teil Menschenwerk ist; denn ihr Glaube kommt ja so zustande, dass Gott wirkt und der Mensch Gott entgegenkommt, also mitwirkt; durch ein solches Zusammenwirken kommt ihr Glaube, und durch diesen Glauben dann die Rechtfertigung zustande.  So ist damit gelehrt, dass die Rechtfertigung teilweise durch Menschenwerk geschieht. Nun schließt „allein durch den Glauben“ nicht mehr alle eigene Leistung aus, steht nicht mehr im Gegensatz zu den Werken, sondern schließt eigene Leistung und eigenes Werk ein.  Der Feind, den die lutherische Kirche durch diese Redeweise aus ihrer Burg hinaus gewiesen hat, ist von unseren neuesten Gegnern wieder in die Burg aufgenommen worden.

                Es darf auch niemand sagen: Nun, ein wenig Menschenwerk wird doch die Sache nicht alsbald so böse machen? Jawohl! Auch durch die scheinbar geringste Leistung, die dem Menschen zugeschrieben wird, wird der Begriff Gnade in der Rechtfertigung aufgehoben.  Die Heilige Schrift lehrt von der Gnade nicht anders, als dass durch die Gnade jedes menschliche Verdienst und jede Leistung ausgeschlossen wird; ja, sie sagt: Sowie hier jemand irgendein Werk neben die Gnade stellt, so wird die Gnade sofort verdrängt.  Gnade und menschliche Leistungen vertragen sich so wenig miteinander, wie Feuer und Wasser.  Auf das Viel oder Wenig kommt es hierbei gar nicht an.  Das geringste Quentlein Werke verderbt die ganze Gnade.  So sagt Gottes Wort Römer 4,4-5: „Dem aber, der mit Werken umgeht, wird der Lohn nicht aus Gnaden zugerechnet, sondern aus Pflicht.  Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.“ Käme also ein Werk bei der Rechtfertigung des Menschen in Betracht, so geschähe sie aus Pflicht und nicht mehr aus Gnade.  Das Ansehen eines Werkes hebt sofort das „aus Gnaden“ bei der Rechtfertigung auf.  Das „aus Gnaden“ bleibt nur dann unangetastet stehen, wenn wir glauben, dass Gott den Gottlosen, also den, der gar kein Werk aufzuweisen hat, rechtfertigt. Noch schärfer ist dieser Gedanke Römer 11,6 ausgedrückt: „Ist es aber aus Gnade, so ist es nicht aus Verdienst der Werke, sonst würde Gnade nicht Gnade sein.“ Die Rechtfertigung sinkt sofort zum Handel herab, wenn man das scheinbar geringste Menschenwerk in dieselbe hineinbringt.  Die Rechtfertigung geschieht nach Römer 3,24 geschenksweise, umsonst, ohne Verdienst. Die Rechtfertigung aber ist kein Geschenk mehr, sondern eine Belohnung, wenn sie durch solchen Glauben zuteil wird, zu dessen Entstehung der Mensch auch seinen Beitrag geliefert hat.  Dazu einige Stellen aus unseren Bekenntnisschriften.  Apologie, Artikel 4, Seite 100: „Das Wort ‚aus Gnaden‘ schließt Verdienst und alle Werke aus, wie die Namen haben.“  Macht also jemand den Glauben selbst ganz oder teilweise zu einem Menschenwerk oder einer menschlichen Leistung, so glaubt er keine Rechtfertigung „aus Gnaden“ mehr, wenn er es auch so emphatisch macht: Wir werden durch den Glauben, oder gar, allein durch den Glauben gerechtfertigt.  Ebendaselbst, Artikel 4, Seite 104: „Sie (die Gerechtigkeit Gottes) könnt uns aus Gnaden nicht zugerechnet werden, so Werke oder Verdienst da wären.  Darum schließt er gewisslich aus alle Verdienst und alle Werke nicht allein jüdischer Zeremonien, sondern auch alle andere gute Werke.“  Luther: „Wir werden gerechtfertigt ohne Werke des Gesetzes.  Dieses Wörtlein ‚ohne‘ hebt auf alle natürlich guten Werke, hebt auf alle sittliche Gerechtigkeit, hebt auf alle Vorbereitungen zur Gnade; endlich ersinne, was du kannst, dass der freie Wille gelten solle, dennoch wird Paulus stehen bleiben und sprechen: Ohne solches bestehet die Gerechtigkeit vor Gott.“  (Jen. III, 221 b).  Man merke, dass Luther hier sagt, das „ohne Werke“ hebe auch auf „alle Vorbereitungen zur Gnade“. Ein Teil unserer Gegner suchte sich bei der Lehre von der Unterlassung des „mutwilligen“ Widerstrebens aus eigenen Kräften damit herauszureden, dass diese Unterlassung, weil aus natürlichen Kräften geschehend, gar keinen Wert habe und somit auch den Gnadenbegriff nicht umstoße. Hier sagt Luther, dass das „ohne Werke“ oder „aus Gnaden“ alle natürlich guten Werke und alle Vorbereitungen zur Gnade aufhebe. Es steht in der Tat so: Das Ansehen irgendeines Werkes, mag es aus natürlichen oder geistlichen Kräften geschehen, hebt in der Lehre von der Rechtfertigung die Gnade auf. Wahrhaft vernichtend schreibt Luther gegen diejenigen, welche den natürlichen Kräften des Menschen im Werk der Bekehrung und Seligmachung noch etwas geben und dabei es nicht Wort haben wollen, dass sie Menschenverdienst lehren und die Gnade aufheben.  Luther schreibt in seiner Schrift „Dass der freie Wille nichts sei“: „Was werden aber die Lehrer und Schutzherren des freien Willens sagen zu dem, das da folget Vers 24: Sie werden alle gerechtfertigt ohne Verdienst, durch seine Gnade!  Was ist, ohne Verdienst? Was ist, durch seine Gnade? Wie reimt sich Fleiß und Verdienst, und ohne Verdienst geschenkte Gnade zusammen?  Sie werden aber vielleicht sagen, ihre Lehre laute also, dass der freie Wille etwas Kleines und Weniges vermöge, nicht, dass er vermögen sollte, die Gnade ganz zu verdienen. Aber das sind vergebliche Worte. Denn das suchen sie durch den freien Willen, dass der Verdienst soll statthaben. . . .  Es geht den Schutzherren des freien  Willens, gleichwie man im Sprichwort sagt: Sie sind dem Regen entlaufen und fallen ins Wasser.  Denn eben in dem, dass sie sich befleißen und stellen, als seien sie nicht eins mit den Pelagianern, und verneinen den ganzen Verdienst mit Schreiben und Reden, eben in dem bestätigen sie denselben Verdienst mit Worten und Werken.  Und sind aus zweierlei Ursachen ärger denn die Pelagianer: Für das erste, dass die Pelagianer aufrichtig und frei heraus bejahen den Verdienst und lassen ja, ja sein, nein, nein, und lehren, das sie auch ernstlich halten.  Diese aber, wiewohl sie gleich dasselbe halten, so stellen sie sich doch mit Worten, als seien sie den Pelagianern zuwider, also dass, wo man ihre Heuchelei ansähe, denken möchte, sie wären die ärgsten Feinde der Pelagianer; und so du doch die Sache ansiehst und ihre Meinung, sind sie zweifältig Palagianer.  Dazu so wird die Gnade Gottes nach derselben Heuchelei viel geringer und unwerter geschätzt, denn bei den Pelagianern.  Denn die Pelagianer sagen ja nicht, dass es etwas Weniges, Winziges sei in uns, damit wir die Gnade verdienen oder erlangen, sondern sagen von ganzem Fleiß, großen, vielen, vollkommenen Werken.  Diese aber sagen von wenigem, winzigem Vermögen des freien Willens, und schier von dem, das nichts ist, damit wir die Gnade sollen verdienen. So es nun je sollte geirrt und Irrtum sein, so wäre noch der Pelagianer Irrtum leichtlicher, welche die Gnade Gottes teuer, hoch und groß achten, und sagen, dass es viel koste, dieselbe zu erlangen, denn derjenigen, die da lehren, es koste wenig, und machen also Gottes Gnade unwert und geringe. Aber Paulus schlägt sie alle beide in einen Klumpen mit einem Wort, da er sagt: Ohne Verdienst sind wir gerechtfertigt durch die Gnade. Denn da Paulus setzt eine solche Rechtfertigung in allen denjenigen, die rechtfertig werden, die aus Gnaden ohne Verdienst geschieht, da lässt er nichts überbleiben, es wirke, tue, verdiene, bereite, wer da will, es heiße Verdienst und aber Verdienst, so wird alles mit einem Donnerschlag in einen Haufen geschlagen.  Und stößt also Paulus zu Boden, beide die Pelagianer mit ihrem ganzen Verdienst und die Sophisten mit ihrem wenigen oder kleinen Verdienst. Denn Rechtfertigung, die aus Gnaden geschieht, die leidet kein Werk noch keinen Verdienst, dieweil stracks widereinander ist, etwas geschenkt nehmen, und mit Werken verdienen; und aus Gnaden gerechtfertigt werden, leidet nicht, dass man eine Würdigkeit der Person ansehe. Wie er im 11 Kapitel Vers 6 sagt: So es aus Gnaden ist, so ist es nicht aus Werken, sonst wäre Gnade nicht Gnade.  Also auch im 4. Kapitel Vers 4: Dem aber, der mit Werken umgeht, wird nicht der Lohn aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht.  So steht nun da Paulus, stürmt und tilgt den freien Willen mit einem Wort.  Denn so wir ohne Werke gerechtfertigt werden, so sind alle Werke verworfen, sie seien klein oder groß, und nimmt keines aus, sondern stürmt da wider sie alle.” (Dresdener Ausg. Seite 298 ff). .  Dadurch, dass der Glaube zu einem teilweisen Menschenwerk gemacht wird, wird auch das „um Christi willen“ in der Lehre von der Rechtfertigung umgestoßen. Kommt ein Mensch deshalb zum Glauben, weil er die Unterlassung des sogenannten mutwilligen Widerstrebens oder die „Selbstentscheidung“ geleistet hat, so hat Christus alles erworben bis auf das, das der Mensch mit der Unterlassung des mitwilligen Widerstrebens oder der sogenannten Selbstentscheidung noch selber zu verdienen hat.  Nach dieser Lehre hat Christus mit seinem Leiden und Sterben Gott nicht vollkommen versöhnt, so dass Gott umsonst Vergebung der Sünden austeilt; sondern Christi Werk reicht nur so weit, hat nur so viel bewirkt, dass Gott geneigt ist, den Menschen zu rechtfertigen, wenn der Mensch die Unterlassung des „mutwilligen“ Widerstrebens oder die Selbstentscheidung leistet.  Christus ist nach dieser Lehre nicht ein ganzer, sondern ein halber oder Dreiviertels – Heiland.

                Ein Kennzeichen der rechten Lehre von der Rechtfertigung ist auch, dass durch dieselbe Gott allein alle Ehre gegeben wird; dass der Mensch auf Erden und im Himmel nicht sich, sondern allein Gottes Gnade in Christus Jesus zu preisen hat. Hieraus, als aus einem Grundsatz, wird Römer 3,27-28 die Richtigkeit der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben erwiesen. „Wo bleibet nun der Ruhm?  Er ist aus.  Durch welches Gesetz?  Durch der Werke Gesetz?  Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz.  So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“   Die Lehre von der Rechtfertigung ohne Werke, allein durch den Glauben - - das ist die Beweisführung des Apostels - - ist auch deshalb wahr, weil bei derselben der Mensch sich nicht rühmen kann, sondern alle Ehre Gott geben muss. Auf Gottes Ehre zielt alles ab. Aber nach der Lehre, dass ein Mensch zur Hervorbringung des Glaubens auch etwas tun kann, ist nicht aller Ruhm von Seiten des Menschen ausgeschlossen; der Mensch hat dann vielmehr noch etwas, dessen er sich im Vergleich mit andern Menschen rühmen kann.  Dann läge die Sache so, dass der Mensch sagen könnte, ja, müsste: „Lieber Gott, dass ich gerecht und selig wurde, ist zwar zum großen Teil dein Werk, aber den Ausschlag in Bezug auf meine Person habe ich selbst gegeben. Ich habe die Unterlassung des mutwilligen Widerstrebens geleistet und bin so zum Glauben und zur Rechtfertigung gekommen. Hätten andere sich auch so angestrengt, so wären sie auch gerechtfertigt worden.“ Aber nicht bloß dann soll der Mensch Gott preisen, wenn er nur auf seine Person sieht, sondern auch dann, wenn er sich mit andern, die verloren gehen, vergleicht. Wir wissen, die Verlorengehenden gehen aus eigener Schuld verloren; aber daraus sollen wir nicht den Schluss machen, dass wir zu unserer Seligkeit etwas beigetragen haben. Hier gilt das Wort aus dem Korintherbrief: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ Auch wenn wir uns mit andern vergleichen, müssen wir bekennen: „Allein Gott in der Höhe sei Ehre.“ Auch das „durch den Glauben“ in der Lehre von der Rechtfertigung wird von denen, die dem Menschen noch eine Mitwirkung im Werke der Seligkeit zuschreiben, umgestoßen. Was ist denn die Art des Glaubens?  Wohin richtet er seinen Blick?  Er sieht weder rechts, noch links, noch unter sich, sondern allein auf Christus, oder - - was dasselbe ist - - auf Gottes Gnadenverheißung, die im Evangelium vorliegt. „Der Glaub‘ sieht Jesus Christum an, der hat genug für uns alle getan, Er ist der Mittler worden.“ Aber der Glaube, den diese Irrgeister lehren, muss immer auch auf des Menschen Tun sehen.  Er muss sich vergewissern, ob er bei sich auch die nötige Auszeichnung vor andern Menschen findet, die „Selbstentscheidung“ etc. Denn nur unter dieser Voraussetzung soll dem Menschen ja die Gnade gelten.  Der rechte, der rechtfertigende Glaube hat aber nicht diese Art.  Hören wir, wie unser Bekenntnis und  Luther vom Glauben reden.  Konkordienformel, III, Seite 623: „Und sieht also der Glaube auf die Person Christi, wie dieselbe für uns unter das Gesetz getan, unsere Sünde getragen und in seinem Gang zum Vater den ganzen vollkommenen Gehorsam, von seiner heiligen Geburt an bis in den Tod, seinem himmlischen Vater für uns arme Sünder geleistet, und dadurch allen unsern Ungehorsam, der in unserer Natur, derselben Gedanken, Worten und Werken steckt, zugedeckt, dass er uns zur Verdammnis nicht zugerechnet, sondern aus lauter Gnaden, allein um Christus willen verziehen und vergeben wird.“  - - Apologie (Seite 95): „Der Glaube ist, dass sich mein ganzes Herz desselben Schatzes annimmt, und ist nicht mein Tun, nicht mein Schenken noch Geben, nicht mein Werk oder Bereiten, sondern dass ein Herz sich des tröstet und ganz darauf verlässt, dass Gott uns schenkt, uns gibt, und wir ihm nicht, dass er uns mit allem Schatz der Gnade in Christus überschüttet.“ Ebenselbst (Seite 108): „Der Glaube eigentlich oder fides proprie dicta ist, wenn nur mein Herz und der Heilige Geist im Herzen sagt, die Verheißung Gottes ist wahr und ja; von demselben Glauben redet die Schrift. Und dieweil der Glaube, ehe wir etwas tun oder wirken, nur sich schenken und geben lässt und empfängt, so wird uns der Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet, wie Abraham, ehe wir lieben, ehe wir das Gesetz tun oder einig Werk.“  Ebendaselbst (Seite 114) heißt es: „Und meint jemand, dass der Glaube sich zugleich auf Gott und eigene Werke verlassen könne, der versteht gewisslich nicht, was Glauben sei.“ Ja, Luther sagt ausdrücklich: „Der Glaube mag nicht bestehen und leiden, dass man achte und ein Gewissen habe, als sei etwas anderes nütz und not, fromm zu sein, den er allein.“ (X, 329). Luther macht ferner ausdrücklich auch darauf aufmerksam, dass der rechtfertigende Glaube der ohne Mitwirkung des Menschen zustande gekommene Glaube sei: „Dieser Glaube ohne alle deine Werke, wie er ohne alle dein Verdienst gepredigt ist, so wird er auch ohne dein Verdienst aus lauter Gnaden gegeben. Siehe, derselbe rechtfertigt die Person und ist auch selbst die Rechtfertigung.” (VII, 240).

 

                Sehen wir in unserer Zeit wohl darauf, ob jemand in der Lehre von der Kräften des natürlichen Menschen in geistlichen Dingen recht steht. Wer nicht das gänzliche Unvermögen des natürlichen Menschen in geistlichen Dingen lehrt, der lehrt sicherlich auch nicht recht von der Rechtfertigung.  Die Lehre von der Rechtfertigung hat die Lehre von dem gänzlichen Unvermögen des natürlichen Menschen in geistlichen Dingen zur Voraussetzung. Das hat auch der Papst gemerkt.  Ehe er daher die Lehre von der Rechtfertigung verfluchen lässt, verflucht er erst die Lehre, „dass der freie Wille nichts sei“.  Dadurch verschafft er sich Bahn für seine Lehre von der Rechtfertigung.  Im Jahre 1578 hielten die Verfasser der Konkordienformel ein Kolloquium mit den Theologen des Fürsten von Anhalt.  Diese letzteren waren Synergisten.  Man verhandelte zunächst über die Lehre von der Bekehrung, und in derselben wurde man nicht einig, weil die Anhaltiner eine Mitwirkung des Menschen in der Bekehrung behaupteten.  Dann ging man über zur Lehre von der Rechtfertigung.  Auch in dieser Lehre machten die Anhaltiner zuerst allerlei Ausstellungen, ließen dieselben aber schließlich fallen und sagten, sie könnten der Lehre der Konkordienformel zustimmen. Da trat aber Musculus auf und sagte: „Ich sage nein!  Denn wer im Artikel vom freien Willen nicht richtig ist, der kann auch im Artikel von der Rechtfertigung nicht richtig sein.“  Was jemand den natürlichen Kräften des Menschen noch gibt, das zieht er von Gottes Gnade und Christi Verdienst ab.  Es kann gar nicht anders sein.  Sind noch gute Kräfte da, so sind auch noch gute Werke da, so ist noch Verdienst da, so ist keine Gnade mehr da, so ist auch keine Rechtfertigung aus Gnaden um Christi willen mehr da.  Daher haben wir hier auf unserer Hut zu sein. Wenn wir uns hier verführen lassen, so ist der ganze Kampf durch Luther in der Reformation für uns vergeblich. Luther sagte, als Erasmus ihn angriff und wider ihn beweisen wollte, der Mensch sei nicht ganz verderbt, sondern habe noch etwas Kraft in geistlichen Dingen: „Du bist mir an die Kehle gefahren.“ Er wollte sagen: Du hast den Punkt getroffen, auf den alles ankommt; kannst du das nicht, so habe ich recht.  Hier scheiden sich recht eigentlich die Wege zwischen Papsttum und der christlichen Lehre. Wer nicht nach der Schrift glaubt, dass der natürliche Mensch tot in Sünden sei und demnach in keiner Weise zu seiner Bekehrung usw. mitwirken könne, der ist ein Gesinnungsgenosse des Papsttums, trotz alles scheinbaren Kampfes gegen dasselbe.

                Bei der Erörterung, dass der Glaube im Gegensatz zu allen Werken steht, ist auch darauf aufmerksam zu machen, dass der Glaube nicht als Bedingung der Rechtfertigung anzusehen sei, wenn man nämlich das Wort „Bedingung“ in seinem eigentlichen und gewöhnlichen Sinne nimmt. Es heißt freilich Mark. 16: „Wer da glaubt, wird selig werden“, und Römer 3, Gott mache gerecht „den, der da ist des Glaubens an Jesus“.  Hier ist zwar der Form nach bedingt geredet, aber doch nicht das bezeichnet, was wir gewöhnlich „Bedingung“ nennen. Unter „Bedingung“ verstehen wir die Forderung einer Gegenleistung, und bedingt wird dann etwas gegeben und versprochen, wenn das Versprochene erst dann in den Besitz des andern übergehen soll, wenn bei diesem diese oder jene Gegenleistung sich findet. So kann der Glaube nicht als Bedingung gefasst werden. Der Glaube steht ja, wie wir erklärt haben, nach der Schrift im Gegensatz zu jeder menschlichen Leistung. Der Glaube bezeichnet daher nur die Art und Weise (im Gegensatz zu den Werken), auf welche die Rechtfertigung geschieht.  Auch im Deutschen brauchen wir Sätze, die der grammatischen Form nach bedingt sind, z.B.: „Wer isst, wird satt“, oder: „Wenn du isst, wirst du satt“; und wollen doch nicht etwa sagen, dass man durch die Leistung des Essens satt werde, sondern vielmehr, dass man durch das Essen oder auf dem Wege des Essens satt wird.  So will auch der Satz: „Wer da glaubt, wird selig werden“ zunächst sagen: Auf dem Wege des Glaubens wird man selig.

                Um dies klar zu stellen, gilt es, das Wesen der Verheißungen des Evangeliums im Gegensatz zu den Verheißungen des Gesetzes recht ins Auge zu fassen. Gesetz und Evangelium muss jeder Christ zu unterscheiden wissen, damit er imstande sei, andere recht unterrichten zu können, mit denen er zu reden hat, und auch im eigenen Gewissen sich zurechtzufinden. Deshalb sagt unser Bekenntnis, dass die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ein besonders herrliches Licht sei, die Schrift zu verstehen; und Luther schreibt, wo man Gesetz und Evangelium nicht unterscheiden könne, da sei kein Unterschied zwischen einem Christen und einem Heiden. Auch das Gesetz verheißt Rechtfertigung und Seligkeit.  So Römer 2,13: „Die, die das Gesetz tun, werden gerecht sein“, das heißt, gerechtfertigt werden, und Matth. 19,17: „Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote.“ Hier haben wir Verheißungen des Gesetzes von Rechtfertigung und Seligkeit. Es sind aber bedingte Verheißungen. Gerechtigkeit und Seligkeit soll nach diesen Verheißungen denen zu teil werden, „die das Gesetz tun“, „die Gebote halten“.  Was das Gesetz verheißt, soll dann eintreten, wenn der Mensch das geleistet hat, was das Gesetz fordert, nämlich, einen vollkommenen Gehorsam. Ganz anders verhält es sich mit dem Evangelium. Auch das Evangelium verheißt Gerechtigkeit und Seligkeit, aber hängt daran nicht die Bedingung: wenn du dieses oder jenes leistest; sondern schenkt die Güter, von denen es redet, Gerechtigkeit und Seligkeit, frei und umsonst, um Christi willen aus Gnaden, ohne dafür vom Menschen etwas zu fordern.  Die Heilige Schrift stellt die Verheißung des Evangeliums, die sich auch schlechtweg „Verheißung“ nennt, aller Forderung geradezu entgegen, erklärt die Verheißung für das vollkommene Gegenteil der Forderung.  So Gal. 3,18: „Denn so das Erbe durch das Gesetz erworben würde, so würde es nicht durch Verheißung gegeben.  Gott aber hat es Abraham durch Verheißung frei geschenkt.“  Hier stehen evangelische Verheißung und das Gesetz mit seinem Fordern von Werken einander so gegenüber, dass eines das andere ausschließt; es heißt:  entweder Verheißung oder gesetzliche Forderung!  Ist Forderung da, so ist keine Verheißung und kein freies Schenken mehr da; ist aber Verheißung da, so ist kein Raum mehr für das Gesetz mit seinen Forderungen.  So heißt es auch Römer 4, 14:  „Denn wo die vom Gesetz Erben sind; so ist der Glaube nichts, und die Verheißung ist ab.“ Der Glaube also, und was mit demselben zusammengehört, die evangelische Verheißung, stehen im Gegensatz zu jeder Forderung einer Leistung seitens des Menschen.  Römern 4, 5 wird der rechtfertigende Glaube als ein solcher beschrieben, „der da glaubt, dass Gott die Gottlosen gerecht macht“. So beschreibt St Paulus den Glauben auf Grund des Evangeliums. Weil das Evangelium die Verheißung der Vergebung der Sünden nicht an die Bedingung knüpft, dass der Mensch noch dies oder jenes leiste, sondern Vergebung der Sünden um Christi willen zuspricht, so hält der Glaube auch dafür, dass Gott „die Gottlosen“ rechtfertige. So ist denn die Verheißung des Evangeliums eine Gnadenverheißung und durch kein menschliches Tun bedingt. Wie kann es auch anders sein! Das Evangelium sagt uns von Christus und seinen Werken.  Es sagt, dass Gott um Christi vollkommenen Tuns willen Gerechtigkeit und Seligkeit uns schenke; es kann also nicht noch unser Tun fordern. Christus hat alle Forderungen des Gesetzes erfüllt, er ist des Gesetzes Ende; das Evangelium kann also durch keine Forderung mehr bedingt sein.

                Wer den Glauben noch als eine Bedingung oder Leistung bei der Rechtfertigung ansehen wollte, vermischt Gesetz und Evangelium; der wähnt, Gesetz und Evangelium unterscheiden sich nur noch dem Grade nach, der meint, das Gesetz fordere viel, das Evangelium weniger Werke.  Dann hören wir aber nicht nur im Gesetz, sondern auch im Evangelium unser Todesurteil, denn wir  können bei unserem Zustande keine Bedingung und keine Forderung recht erfüllen. Dann würde aber auch Christi Verdienst geschmäht, als durch welches wir nicht vollkommen erlöst und mit Gott versöhnt wären. Der Glaube ist daher in der Rechtfertigung nicht als eine Bedingung zu fassen, die irgendeine Leistung in sich schließt, sondern als die Art und Weise der Rechtfertigung im Gegensatz der Rechtfertigung durch Werke. Darüber schreibt der lutherische Theologe Heerbrand:  „Die Verheißungen des Gesetzes sind bedingte; denn sie haben die beigefügte Bedingung, dass man das Gesetz vollkommen halte und erfülle.  3. Mose 18,5; Matth. 19,17.  Die evangelischen Verheißungen aber sind Gnadenverheißungen, die von allen Bedingungen frei sind; denn sie verheißen allen, die an Christus glauben, das ewige Leben.  Man wirft ein:  Es wird ja auch der Glaube als Bedingung gefordert, nach jenem Worte:  ‚Wer da glaubt, wird selig werden‘; ferner:  ‚So man von Herzen glaubt‘, Römern 10, 10.  Antwort:  Der Glaube ist keine Bedingung, noch wird er als Bedingung gefordert; weil die Rechtfertigung nicht wegen der Würdigkeit oder Verdienstlichkeit desselben, oder insofern er ein Werk ist, verheißen oder angeboten wird. Er ist nur die Art und Weise, die durch und um Christi willen angebotene und geschenkte Wohltat anzunehmen, und so das Werkzeug oder gleichsam die Hand, welche Christum und seine im Evangelium dargebotenen Wohltaten ergreift und sich zueignet. Wie denn, wenn einem Bettler ein Almosen gereicht wird, das er mit der Hand ergreift, die Hand nicht eine Bedingung genannt wird, sondern das Mittel und Werkzeug, womit das Almosen hingenommen wird.”  (Comp. Theol. 1582 Seite 879 f)

                Man hüte sich daher, den Glauben eine Bedingung der Rechtfertigung zu nennen.  Denn wenn man so redet, wird der Hörer oder Leser sogleich auf den Gedanken kommen, als ob der Mensch aus eigenen Kräften glauben und mit dem Glauben Gott eine Leistung darbringen könne, während doch der Glaube eine reine Gabe Gottes ist und der Glaube in der Rechtfertigung überhaupt nicht als Werk in Betracht kommt. - - Wir sagen mit unserem Bekenntnis, das Evangelium fordere Glauben. Aber damit wird der Glaube nicht zu einer Bedingung und Leistung unsererseits gemacht. Eben deshalb fordert das Evangelium von uns Glauben, weil es keine Leistung mehr fordert, sondern frei schenkt um Christi willen, der bereits allen Forderungen des Gesetzes gerecht geworden ist.  Dass das Evangelium Glauben fordert, kommt nicht daher, dass Gott vom Menschen noch etwas haben will, sondern daher, dass Gott im Evangelium alles frei schenkt und es mithin nur der Annahme, das heißt, des Glaubens bedarf.  Der Glaube wird gefordert, weil kein Tun und keine Würdigkeit des Menschen gefordert werden. Der Glaube, welcher rechter Art, kennt seine Art auch sehr wohl, nämlich, dass er allein auf Christus in der Verheißung des Evangeliums zu schauen hat, dass sein Amt Gott gegenüber nicht im Geben, sondern im Nehmen besteht.  Luther schreibt in der Auslegung des Galaterbriefes: „Die menschliche Vernunft hat es zu schaffen mit dem Gesetz:  Das habe ich getan, das habe ich nicht getan!  Der Glaube aber, wenn er in seinem eigentlichen Amt und Wesen geht, hat mit nichts zu schaffen, als mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes, der dahingegeben ist für die Sünden der ganzen Welt.  Er schaut gar nicht auf die Liebe; er fragt nicht: Was habe ich getan?  was habe ich gesündigt?  was habe ich verdient? sondern allein:  Was hat Christus getan? Was hat er verdient?“ (Galaterbr. I, 137).  Herrliche Zeugnisse dafür finden sich auch in unsern Kirchenliedern, z.B.:

Es ist das Heil uns kommen her,

Von Gnade und lauter Güte,

Die Werke, die helfen nimmermehr,

Sie mögen nicht behüten;

Der Glaub‘ sieht Jesus Christus an,

Der hat genug für uns alle getan,

Er ist der Mittler worden.

 

 

These V.

            Sollen die Christen der Gnade Gottes oder, was dasselbe ist, ihrer Rechtfertigung gewiss werden, so muss jegliches Menschenwerk von der Rechtfertigung ferngehalten, Gesetz und Evangelium genau geschieden werden.

                Hier ist von der Gewissheit der Rechtfertigung und Seligkeit die Rede.  Was für ein köstliches Gut ist diese Gewissheit!  Kann es einen glückseligeren Menschen geben, als den, der gewiss ist: Der große Gott, der mich ganz in seinen Händen hat, der, wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge, mich mit ewiger Verdammnis strafen sollte, - - ist mit mir versöhnt, hat mir meine Sünden vergeben, blickt mit Wohlgefallen auf mich herab, sieht mich als sein liebes Kind an, und nimmt mich, wenn mein Leben hier zu Ende ist, zu sich in das selige, ewige Leben?  Kann und soll ein Christ diese Gewissheit und damit auch diese Seligkeit hier auf Erden haben?  Die lutherische Kirche sagt: Ja!  Und das spricht auch klar und deutlich die Heilige Schrift.  Römer 4,16 heißt es: „Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden, und die Verheißung fest bleibe allem Samen.“  Hier sagt der Apostel: Gott hat diese Art und Weise der Rechtfertigung durch den Glauben oder auf dem Gnadenwege gerade zu dem Zweck geordnet, damit der arme Sünder des von Gott Verheißenen, der Vergebung der Sünden usw., gewiss sei. Damit auf Seiten der Menschen eine Gewissheit der Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit statt habe, hat Gott diese Güter ganz losgelöst von allen Menschenwerken und allein auf seine Gnade gestellt. Wer somit die Gewissheit der Gnade Gottes und der Seligkeit leugnet, der muss den ganzen Gnadenweg und Heilsweg leugnen. Denn gerade um die Gewissheit hervorzubringen, hat Gott diesen Weg bereitet. Römer 5,11 steht geschrieben: „Wir rühmen uns auch Gottes.“ Wir rühmen uns Gottes, d.h., wir bekennen es frank und frei, und nicht bloß zaghaft, dass Gott uns ein gnädiger Gott sei, dass sein Herz so zu uns stehe, wie das Herz eines Vaters zu seinem Kinde.  Diese Zuversicht und dieser Ruhm gründet sich freilich nicht auf unser, sondern auf Christi Tun, wie es weiter heißt: „Durch unsern HERRN Jesus Christ, durch welchen wir nun die Versöhnung empfangen haben.“ Römer 5,1 schreibt Paulus: „Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott, durch unsern HERRN Jesus Christ.”  Der Apostel legt hier im Namen aller Christen das Bekenntnis ab, das dahin geht: Wir haben Frieden mit Gott; wir wissen nun, dass Gott mit uns und wir mit Gott auf dem Friedensfuß stehen, dass Gott nicht unser Feind, sondern unser Freund ist. Johannes 20,19-21begrüßt Christus nach seiner Auferstehung seine Jünger zweimal mit den Worten: „Friede sei mit euch!“ Diesen Gruß sollen sie und ihnen nach auch wir glauben; somit sollen die Christen gewiss sein, dass sie Gottes Gnade haben.

                Wir sollen aber nicht nur des gegenwärtigen Gnadenstandes gewiss sein, sondern auch der Seligkeit. Wir sollen nicht nur gewiss sein, dass Gott uns jetzt gnädig ist, sondern dass er uns auch, wenn unser Stündlein kommt, - - sei das morgen oder über fünf oder zehn oder fünfzig Jahre, - - dann in die Seligkeit einführen werde. Diese Gewissheit der Seligkeit lässt sich eigentlich gar nicht trennen von der Gewissheit der gegenwärtigen Sündenvergebung. Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. Mit der Vergebung der Sünden wird auch zugleich die Seligkeit geschenkt und beides ergreift der Glaube in der Verheißung.  Dann sagt die Heilige Schrift auch ausdrücklich von den Christen, dass sie der Erlangung des ewigen Lebens gewiss seien und gewiss sein sollen. Römer 5,2 heißt es: „Wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll.“ Wessen sich aber Christen rühmen, dessen müssen sie gewiss sein. Wie kann ich mich einer Herrlichkeit rühmen, von der ich nicht gewiss weiß, ob ich an ihr teilhaben werde? Ferner stehen Römer 5,8-10 die merkwürdigen Worte: „Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. So werden wir je viel mehr durch ihr behalten werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind.  Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, da wir noch Feinde waren; viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind.“ Das ist ein überaus merkwürdiger Ausspruch.  Der Apostel sagt hier den Christen, dass ihnen die Seligkeit eigentlich noch gewisser sein müsse, als die Vergebung der  Sünden.  Gott hat uns mit sich versöhnt, als wir noch Sünder waren!  Nun haben wir die Vergebung der Sünden im Glauben empfangen, wir sind gerechtfertigt, wieviel mehr wird uns Gott nun auch in das ewige Leben einführen! Römer 8,38-39 spricht Paulus: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentum noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm HERRN.“ Das sollen alle Christen angesichts aller feindlichen Mächte, die ihnen die Seligkeit rauben könnten, im Vertrauen auf die göttlichen Verheißungen Paulus nachsprechen, wie der Apostel selbst andeutet, wenn er aus der Einzahl in die Mehrzahl übergeht und nicht sagt: „mag mich scheiden“, sondern: „mag uns scheiden“. Zu der oben angeführten Stelle Römer 5,9-10, ist aufmerksam zu machen auf einen Ausspruch von Augustinus (ad Psalm 148): „Er hat uns versprochen, dass wir dort sein werden, wo er selbst ist. Du sollst in Ewigkeit leben. Glaubst du es nicht?  Glaube es, glaube es, denn er hat ja schon mehr getan, als er versprochen hat.  Was hat er denn getan?  Er ist für dich gestorben!  Was hat er versprochen?  Du sollst mit ihm leben!  Nun ist es ja viel unglaublicher, dass der Ewige gestorben ist, als dass ein Sterblicher in Ewigkeit leben soll. Und dennoch haben wir schon das, was unglaublicher ist.“  (Bei Gerh L de elect § 209).

                Freilich, der Papst verflucht nun auch diese Lehre von der Gewissheit des Gnadenstandes und der Seligkeit. Er will, der Christ soll in seinem ganzen Leben im Zweifel darüber bleiben, ob ihm Gott gnädig sei.  So heißt es in den Beschlüssen des Tridentinischen Konzils:  „Auch dieses soll man nicht behaupten, dass diejenigen, die wahrhaftig gerechtfertigt sind, ohne im mindesten irgend zu zweifeln, annehmen müssten, dass sie gerechtfertigt seien . . .; denn so wie kein Frommer an der Barmherzigkeit Gottes, am Verdienste Christi und an der Kraft und Wirkung der Sakramente zweifeln soll, so kann auch ein jeder, wenn er sich nur seine eigene Schwachheit und Unordentlichkeit (indispositionem) ansieht, hinsichtlich seiner Gnade sich fürchten und besorgt sein, da keiner durch Gewissheit des Glaubens, welcher nichts Falsches enthalten kann, zu erkennen vermag, ob er die Gnade Gottes erlangt habe.“ (Sess. VI Cap. IX) .  Man achte darauf, wie betrüglich hier geredet wird.  Erst wird scheinbar etwas gegeben, dann dem Sünder aber dich wieder alles genommen. Erst wird gesagt, kein Christ solle an der Barmherzigkeit Gottes und dem Verdienste Christi zweifeln; dann aber wird auf das geflissentlichste eingeschärft, kein Christ solle gewisslich dafür halten, dass er Gnade habe.  Der Blick auf seine Schwachheit soll ihm die Gewissheit der Gnade rauben, während doch gerade die armen Sünder für ihre Schwachheit Trost in der Gnade Gottes finden sollen.

                Hier offenbart sich der Papst wiederum als der Antichrist.  Welch ein Greuel offenbart sich in dieser Lehre! Man bedenke: Der HERR Christus hat durch sein bitteres Leiden und Sterben den Sündern Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und Seligkeit erworben und unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung, das heißt, er hat Befehl gegeben, dass die von ihm erworbene Vergebung der Sünden gepredigt werde, damit die Sünder glauben, sie hätten durch Christus einen gnädigen Gott, und in diesem Glauben sich freuen und fröhlich seien. Da fährt der Papst aber mit seinem Fluch dazwischen und sagt: Verflucht seien alle, die die Christen lehren, sie sollten der Gnade Gottes gewiss sein; und verflucht seien alle Christen, die gewiss dafür halten, sie hätten trotz aller Schwachheit einen gnädigen Gott. Der Papst also verbietet den armen Sündern den Genuss des Verdienstes Christi; er belegt die mit dem Bann, welche Christus und seinem Verdienst zu Ehren dafür halten, dass sie durch Gottes Gnade wirklich gerecht und selig seien.  Luther macht daher auch immer wieder auf diesen Greuel des Papsttums aufmerksam und bezeichnet ihn als ein Kennzeichen des Antichristentums.  Er schreibt in der Auslegung des Galaterbriefs: „Wenngleich im Papsttum sonst alles recht und gut wäre, wie es doch nicht ist, so wäre doch das, dass sie die Leute an Gottes Gnade und Willen so zweifeln lehren, ein solch ungeheuer schädlicher Irrtum, dass nicht zu sagen ist.” (Seite 454). „Derhalben auch niemand zweifeln soll, dass das Papsttum eine rechte Mordgrube der Seelen und Gewissen und des Teufels eigen Reich und Kaisertum sei.“ (Seite 453).  Luther ermahnt die Christen: „Darum sollen wir Gott danken in Ewigkeit, dass wir von dem verzweifelten Irrtum los sind worden.“  (Seite 454). Luther ermahnt die jungen Leute: „Vor diesem gottlosen Irrtum, darauf das ganze Papsttum gegründet ist, sollt ihr jungen Leute, weil ihr damit noch unbeschmeißt seid, fliehen und davor eine Abscheu haben als vor der allergiftigsten und schädlichsten Pestilenz, so da sein mag.  Wir alte Gesellen, so von Jugend auf in solchem Irrtum auferzogen sind, sind noch so tief darin ersoffen, dass uns wohl so sauer und schwer wird, dass wir sein aus dem Herzen los werden und vergessen mögen, wie schwer es uns wird, dass wir den rechten Glauben begreifen und lernen.”  (Seite 444).

                Die gottgewollte Gewissheit der Gnade kann freilich nur dann da sein, wenn die Lehre von der Rechtfertigung rein gelehrt wird, wenn nach der Schrift wirklich gelehrt wird, dass wir „ohne Gesetz“, „ohne des Gesetzes Werke“ aus Gnaden um des Verdienstes Christi willen, ohne Rücksicht auf eigene Würdigkeit und Bereitung etc., gerecht und selig werden. Soll die Rechtfertigung irgendwie auf eigene Werke zu stehen kommen, wird sie sofort ungewiss. Vor der Bekehrung ist der Mensch ja mit seiner Person und mit allen seinen Werken unter Gottes Zorn. Nach der Bekehrung tut ein Christ freilich durch Wirkung des Heiligen Geistes gute Werke; aber auch wenn von diesen Werken die Rechtfertigung abhängig gemacht wird, wird sie sofort ungewiss. Diese Werke sind nicht vollkommen, können vor Gott nicht bestehen; „denn alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid“. So besteht auch die Rechtfertigung nicht, welche sich auf diese Werke gründen soll. Wenn jemand einem Christen einreden wollte: „Nun, ganz vollkommen brauchen auch die Werke nicht zu sein; Gott wird auch, um ein Rechtfertigungsurteil zu sprechen, nicht verlangen, dass alle Werke vollkommen seien“, so wäre das ein Betrug.  Wer sich einmal im Handel der Seligkeit mit Werken abgibt, der stellt sich damit unter das Gesetz und muss nun auch das ganze Gesetz mit in den Kauf nehmen, und alles leisten, was das Gesetz fordert.  Er hört aber aus dem Gesetz: „Verflucht ist, wer nicht bleibt in alle dem, was geschrieben ist im Buch des Gesetzes, dass er danach tue“, und: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ Je fleißiger und mehr er sich bemüht, diesen Stand zu erreichen, desto mehr sieht er, dass er durch und durch ein Sünder ist und bleibt.  Er muss verzweifeln, wenn ihm nicht durch Gottes Gnade ein anderer Weg gezeigt wird, auf dem Vergebung der Sünden gewiss ist, weil sie ganz von Werken losgelöst und allein aus Gnaden ist. Dass Werke das köstliche Ding, ein gutes Gewissen,  nicht zuwege bringen können, darüber sagt die Apologie (Müller Seite 147): „Wir aber zanken nicht um das Wort ‚Lohn‘, sondern von diesen großen, hohen, allerwichtigsten Sachen, nämlich, wo christliche Herzen rechten, gewissen Trost suchen sollen. Ebenso, ob unsere Werke die Gewissen können zu Ruhe oder Frieden bringen.  Ebenso, ob wir halten sollen, dass unsere Werke des ewigen Lebens würdig sind, oder ob es um Christi willen gegeben werde.  Dieses sind die rechten Fragen in diesen Sachen; wenn da die Gewissen nicht recht berichtet sind, so können sie keinen gewissen Trost haben. Wir aber haben klar genug gesagt, dass die guten Werke das Gesetz nicht erfüllen, dass wir Gottes Barmherzigkeit bedürfen, und dass wir durch den Glauben Gott angenehm werden, und dass die guten Werke, sie seien so köstlich sie wollen, wenn es auch S. Paulus Werke selbst wären, kein Gewissen können zur Ruhe bringen.  Aus dem allem folgt, dass wir glauben sollen, dass wir das ewige Leben erlangen durch Christus aus Gnaden, nicht um der Werke oder des Gesetzes willen.“  Dieselbe Apologie sagt Seite 115: „Derhalben ist dieser Streit über einer hohen, wichtigen Sache, da den frommen Herzen und Gewissen ihr höchster, gewissester, ewiger Trost an gelegen ist, nämlich von Christo, ob wir sollen vertrauen auf das Verdienst Christi, oder auf unsere Werke.  Denn so wir auf unsere Werke vertrauen, so wird Christus seine Ehre genommen, so ist Christus nicht der Versöhner noch Mittler, und werden doch endlich erfahren, dass solch Vertrauen vergeblich sei, und dass die Gewissen dadurch nur in Verzweiflung fallen.  Denn so wir Vergebung der Sünden und Versöhnung Gottes nicht ohne Verdienst erlangen durch Christum, so wird niemand Vergebung der Sünden haben, er habe denn das ganze Gesetz gehalten.  Denn das Gesetz macht niemand gerecht vor Gott, solange es uns anklagt.  Nun kann sich ja niemand rühmen, dass er dem Gesetz genug getan habe. Darum müssen wir sonst Trost suchen, nämlich an Christus.“ Luther schreibt: „Ich weiß, dass mein Glaube steht, wie ein Pelz auf seinen Ärmeln“ (der steht auf dieser Basis bekanntlich nicht sehr fest), „wenn er auf meinen Werken sollte stehen; aber auf Gottes Wort, da steht er fest, wie schwach er auch ist.“  (Erl. Ausg. 58,372). Die Apologie sagt (Seite 95) vom Glauben, er „setzt gegen Gottes Zorn nicht sein Verdienst oder Werk, welches ein Federlein gegen einen Sturmwind wäre“. Gottes Zorn ist wie ein Sturmwind. Der reißt alles fort, was nicht vollkommen nietfest und nagelfest, nicht vollkommen sündlos ist.  Sobald wir vor Gott mit unseren, mit Sünden befleckten Werken handeln wollen, werden die Werke wie von einem Sturme fortgeblasen.  Darum müssen wir unseren Glauben in dem Felsen ankern, der fest steht gegen jeden Sturmwind, in Christus Jesus, der bereits den Zorn Gottes gegen sich anstürmen ließ und ausgehalten und gestillt hat.

                Es macht hier auch keinen Unterschied, ob jemand viel oder wenig Werke fordert.  Auch wenn die Rechtfertigung nur durch wenig Werke unsererseits bedingt wäre, so entstünde sofort die Frage, ob diese wenigen Werke auch in der gehörigen Qualität oder Güte geleistet seien? Ein vom Gesetz Gottes getroffenes Gewissen wird merken, dass es kein Werk so vollbracht hat, wie es vollbracht werden sollte.  Und wird der Glaube selbst als ein Werk aufgefasst, so tritt er auch in das Gebiet des Gesetzes hinein, und erhebt sich sofort die Frage: Ist er auch gut und fest genug gewesen?  Wir müssen dann sagen: Nein, er ist nicht immer fest gewesen, wir haben oft gezweifelt. So fiele mit der mangelhaften Beschaffenheit des Glaubens auch die Rechtfertigung dahin. Ja, wenn unsere Rechtfertigung und Seligkeit von nur einem einzigen gläubigen „Vaterunser“ abhängig wäre, so könnten wir niemals der Gerechtigkeit und Seligkeit gewiss werden.  Denn wenn wir uns im Spiegel des Wortes Gottes ansehen, so werden wir erkennen, dass wir noch nie ein vollständig gläubiges „Vaterunser“ gebetet haben, auch keines beten können.  Luther erzählt folgende Geschichte vom heiligen Bernhard.  Er schreibt: „Des muss ich ein Exempel sagen, so man liest von St. Bernhard, der solches versucht hatte und einem Freund klagte, dass es ihm so sauer würde, recht zu beten, und nicht könnte ein Vaterunser ohne fremde Zufälle ausbeten. Das nahm diesen sehr wunder, meinte, es wäre keine Kunst oder Arbeit.  St Bernhard wettet mit ihm, er soll es versuchen, es sollte einen guten Hengst gelten, allein, er solle ihm gleich zusagen.  Dieser vermaß sich es, ohne alle Mühe zu tun, fing an und betet: Vater unser usw. - - , aber ehe er über die erste Bitte kommt, fällt ihm ein, wo er das Pferd gewönne, ob ihm auch Sattel und Zaum dazu gebühre. Kurz, er kommt soweit mit Gedanken, dass er bald ablassen musste und St. Bernhard gewonnen geben. Summa, kannst du ein Vaterunser ohne einige andere Gedanken sprechen, so will ich dich für einen Meister halten, ich vermag es nicht, ja, ich werde froh, wenn mir Gedanken einfallen, dass sie wieder dahinfallen, wie sie gekommen sind.”  (Band 50, Seite 162).

                Aber darum hat nun Gott auch in Gnaden anders für uns gesorgt.  Weil uns die Seligkeit und Gnade ungewiss wäre, wenn sie auch nur von einem Werke unsererseits abhängig wäre, hat Gott sie vollkommen von unseren Werken losgelöst und allein auf seine Gnade gestellt, wie geschrieben steht: „Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden, und die Verheißung fest bleibe allem Samen.” Römer 4,16. Apologie (Müller, Seite 121): „Zum andern, so finden die Gewissen auch nicht Frieden in solchen Werken.  Denn wenn sie schon der Werke viele tun und zu tun sich fleißigen, so findet sich doch kein Werk, das rein genug sei, das wichtig, köstlich genug sei, einen gnädigen Gott zu machen, das ewige Leben gewiss zu erlangen, in Summa, das Gewissen ruhig und friedlich zu machen.” Dieselbe Apologie schreibt darüber, dass ein Mensch mit aufgewachtem Gewissen weder viel noch wenig Werke bei sich finde, auf die er sich verlassen könne (Müller Seite 90): „Aber ach , lieber HERR Gott! Das sind eitel kalte Gedanken und Träume müßiger, heilloser, unerfahrener Leute, welche die Bibel nicht viel in Praktiken bringen, die gar nicht wissen noch erfahren, wie einem Sünder ums Herz ist, was Anfechtung des Todes oder des Teufels ist, die gar nicht wissen, wie rein wir alles Verdienstes, aller Werke vergessen, wenn das Herz Gottes Zorn fühlt, oder das Gewissen in Ängsten ist.  Die sicheren, unerfahrenen Leute gehen wohl immer dahin in dem Wahn, als verdienen sie mit ihren Werken decongrui Gnade. Denn es ist ohne das uns angeboren natürlich, dass wir von uns selbst und unsern Werken gerne etwas viel wollten halten. Wenn aber ein Gewissen recht seine Sünde und Jammer fühlt, so ist aller Scherz, so sind alle Spielgedanken aus und ist eitel großer rechter Ernst; da lässt sich kein Herz noch Gewissen stillen noch zufriedenstellen, sucht allerseits Werke und aber Werke und wollte gerne Gewissheit, wollte gerne Grund fühlen und gewiss auf etwas fußen und ruhen. Aber dieselben erschrockenen Gewissen fühlen wohl, dass man weder de condigno noch de congruo etwas vierdienen kann, sinken bald dahin in Verzagen und Verzweiflung, wenn ihnen nicht ein anders Wort, denn des Gesetzes Lehre, nämlich, das Evangelium von Christus, der für uns gegeben ist, gepredigt wird. Daher weiß man etliche Historien, dass die Barfüßer–Mönche, wenn sie etlichen guten Gewissen in der Todesstunde lange haben umsonst ihren Orden und gute Werke gelobt, dass sie zuletzt haben müssen ihres Ordens und St. Franzisken schweigen und dies Wort sagen: Lieber Mensch, Christus ist für dich gestorben! Das hat in Ängsten erquickt und gefühlt, Friede und Trost allein gegeben.“

                Die Lutheraner, welche sich in dem Lehrstreit, der in den letzten Jahren hier gekämpft werden musste, von uns getrennt haben, wollen für den Christen eine Gewissheit des gegenwärtigen Gnadenstandes zugeben; sie leugnen aber, dass ein Christ auch von seiner Seligkeit eine Glaubensgewissheit haben könne und solle. Die Erlangung der Seligkeit soll nach ihnen für den Christen eine offene Frage bleiben.  Gewissheit der Seligkeit führe zu fleischlicher Sicherheit. Aber diese Leugnung der Gewissheit der Seligkeit streitet schon gegen die Lehre von der Rechtfertigung. In der Rechtfertigung reicht Gott nicht bloß Vergebung der Sünden um Christi willen dar, sondern mit der Vergebung der Sünden auch Leben und Seligkeit; und der Glaube, der rechtfertigt, ergreift, wie Vergebung der Sünden, so auch zugleich die Seligkeit. Beides wird im Evangelium zugesagt, beides zumal ergriffen. Das lässt sich gar nicht teilen. So gewiss ein Christ der Vergebung seiner Sünden ist, so gewiss ist er auch seiner Seligkeit, wie Luther sagt: Christus „stückelt“ nicht in seinen Gaben.  Luther schreibt: „Die Rechtfertigung kommt nicht durch Werke, sondern allein aus dem Glauben ohne alle Werke, nicht mit Stücken, sondern auf einem Haufen.  Denn das Testament hat es alles in sich, Rechtfertigung, Seligkeit, Erb und Hauptgut.  Es wird auch ganz auf einmal, nicht stücklich besessen durch den Glauben.“ (VII, 253).

                Man hält uns hierbei Warnungen entgegen, die in der Heiligen Schrift auch an Christen gerichtet sind, z.B.: „Wer da steht, sehen wohl zu, dass er nicht falle“; man weist darauf hin, dass ein Christ auch noch das böse Fleisch an sich habe, und dass er zu allen Sünden und zum Unglauben geneigt sei und versucht werde. Daraus macht man den Schluss, dass ein Christ der Erlangung der Seligkeit nicht gewiss sein könne. Aber dieselben Einwendungen lassen sich auch in Bezug auf die Gewissheit des gegenwärtigen Gnadenstandes, die man doch noch behaupten will, machen. Auch in Bezug auf den gegenwärtigen Gnadenstand finden wir Warnungen in der Heiligen Schrift, z.B. 2. Kor 13,5: „Versucht euch selbst, ob ihr im Glauben seid, prüft euch selbst.“ Und wenn nun ein Christ sich nach seinem Fleisch betrachtet, wenn er sich ansieht, wie er beschaffen ist, so kann er daraus auch nicht die Zuversicht gewinnen, dass Gott ihm gnädig sei. Aber er sieht bei dieser Frage auch nicht auf sich, sondern vielmehr in das Evangelium, in welchem Gott um Christi willen dem Unwürdigen Gnade zusagt; der Christ soll nach Römer 4 wissen, dass Gott den Gottlosen gerecht spricht.  Gerade so ist es aber auch in Bezug auf die Beharrung.  Gott sagt uns auch aus Gnaden um Christi willen die Erhaltung im Glauben zu.  Phil 1,6: „Und bin desselben in guter Zuversicht, dass, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen, bis an den Tag Jesu  Christi.“ Johannes 10,28 sagt Christus von den Seinen: „Ich gebe ihnen das ewige Leben; und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen.“ Auf solche und ähnliche Verheißungen haben die Christen, die an sich und ihrer eigenen Kraft vollständig verzagen, zu sehen und aus solchen Verheißungen die Frage, ob sie die Seligkeit erlangen werden, zu beantworten.  Käme es hier auf eigene Kraft und Würdigkeit an, so wäre an eine Beharrung im Glauben freilich gar nicht zu denken.  Dann wären wir nicht bloß der Seligkeit ungewiss, sondern vielmehr der Verdammnis ganz gewiss. Was uns die Glaubenszuversicht gibt, sind die göttlichen Verheißungen. Unsere Gegner sagen: „Es ist wahr, die Verheißungen stehen da: „Der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen“, und: „Niemand wird sie mir aus meiner Hand reißen“; aber diese Verheißungen sind bedingte und nicht unbedingte. Alles, was da verheißen ist, wird Gott dann tun, wenn wir auch an unserem Teile etwas leisten, wenn wir das mutwillige Widerstreben unterlassen, nicht mutwillig sündigen usw. Hier tritt nun ein ungeheuerlicher, furchtbarer Irrtum zutage. Es ist wahr: Ein Christ soll fort und fort ermahnt werden, dass er nicht widerstrebe, auch nicht mutwillig; er soll ermahnt werden, dass er seinem bösen Fleische nicht traue und die Zügel schießen lasse, ohne diese Mahnungen und Warnungen kann er nicht auf dem Wege des Lebens bleiben.  Ohne diese Warnungen und Mahnungen würde er in fleischliche Sicherheit fallen. Aber wo gehören diese Warnungen und Ermahnungen hin?  Sie gehören in das Gesetz.  Sie sind daher nicht in evangelische Verheißungen hineinzumengen, so dass dieselben zu bedingten Verheißungen werden, die nur dann gelten sollen, wenn der Mensch erst eine Leistung darbringt.  Das Evangelium ist den armen Sündern, die an eigener Kraft vollständig verzagt haben, rein zu predigen, ohne Beimischung des Gesetzes. So ist auch das Stück des Evangeliums, durch welches uns Erhaltung im Glauben zugesagt wird, rein zu predigen, ohne Bedingung. Wenn der arme Sünder im Staube liegt, an seinen Kräften verzagt und fragt: Werde ich auch die Seligkeit erlangen? dann soll ihm allein aus dem Evangelium die Frage beantwortet werden. Wie kann man denn das Evangelium von der Erhaltung im Glauben bedingt sein lassen durch menschliche Leistung, z.B. durch die Leistung der Unterlassung des mutwilligen Widerstrebens? Das Evangelium reicht uns ja die vollkommene Gerechtigkeit Christi dar, also auch das Stück der Gerechtigkeit Christi, nach welchem Christus alles Widerstrebens gegen Gottes Willen, des „natürlichen“ wie des „mutwilligen“, sich enthalten hat. Das Evangelium straft keine Sünde, sondern vergibt alle Sünde; es fordert keine Leistung, sondern gibt alle Leistungen Christi; es macht nicht menschliche Leistung zur Bedingung, sondern stellt alle Forderungen, die das Gesetz an uns stellt, als bereits von einem andern, nämlich von Christus, erfüllt dar.  So gewiss es in der Schrift heißt: „Christus ist des Gesetzes Ende“, so gewiss soll man vor armen Sündern bei der Predigt des Evangeliums von den Forderungen des Gesetzes schweigen.  Es gilt hier, Gesetz und Evangelium zu scheiden. Wenn man in das Evangelium eine Forderung einmischt, so klagt auch das Evangelium uns an, weil wir diese Forderung nicht recht erfüllen können; wir hören dann aus dem Evangelium kein Rechtfertigungsurteil, sondern ein Verdammungsurteil; dann macht nicht bloß das Gesetz unsere Seligkeit ungewiss sondern auch das Evangelium; kurz, dann muss alles dahin fallen, und aller Trost ist weggenommen. Unser Bekenntnis schärft daher so oft ein, man solle in der Lehre von der Rechtfertigung alle Werke sorgfältig vom Glauben scheiden, die Werke, welche dem Glauben vorhergehen und folgen, obwohl dasselbe Bekenntnis daneben wieder sagt, der Glaube sei unzertrennlich mit den Werken verbunden und so wenig von denselben zu scheiden, wie Feuer vom Brennen und Leuchten geschieden werden kann. Auf den ersten Augenblick scheint solches Unterscheiden ein Spiel der müßigen Spekulation zu sein, vielleicht von Professoren erdacht, die nichts zu tun hatten, als Begriffe zu spalten.  Aber nein!  Diese Distinktionen entstanden in der Schule de Anfechtung. Wenn nicht jedes Werk in der Rechtfertigung vom Glauben geschieden wird, ist es um die Ruhe des Herzens und Gewissens geschehen.  Das vom Gesetz getroffene, aufgewachte Gewissen eines Christen ist zart, wie ein Auge. Wenn in das menschliche Auge auch nur ein Staubkörnlein eindringt, verursacht es Schmerz, und das Auge leidet. Wenn bei der Frage von der Rechtfertigung und Seligkeit irgendein Menschenwerk in das Gewissen eindringt, dann wird sofort das Gewissen auf den Tod getroffen, und die Gewissheit der Gnade und Seligkeit ist dahin. Darum ermahnt unser Bekenntnis in demselben Zusammenhang, man solle ja Gesetz und Evangelium in diesem Handel so weit scheiden, wie der Himmel von der Erde geschieden ist. Über diesen Punkt hat sich auch ein neuerer Theologe ausgesprochen, der unser Bekenntnis genau studiert hat.  Professor Frank schreibt in seiner „Theologie der Konkordienformel“: „So viel ist gewiss, dass die Erkenntnis der evangelischen Wahrheit, wie sie in den Kämpfen der Reformation errungen ward, die Auseinanderhaltung jener faktisch bei einander liegenden Momente fordert“ (nämlich Glauben und Werke, die immer bei einander und doch in der Rechtfertigung zu scheiden sind), „und es fehlt so viel daran, dass jene Scheidung im Interesse logischer Abstraktion gemacht worden wäre, dass diese vielmehr Mühe hat, mit dem praktischen Bedürfnisse des gläubigen Herzens, dem jene Forderung ausschließlich entstammt, gleichen Schritt zu halten. . . .  Es ist in der Tat so, wie wir sagten, dass die begriffliche Tätigkeit die ihr gestellte Aufgabe der Scheidung und Verbindung der zusammengehörigen und doch nicht zu vermengenden Momente kaum mit derjenigen Reinheit zu vollziehen vermag, wie das unmittelbar praktische Bedürfnis es erfordert.  Denn das in der Gnade Gottes allein zum Leben und zum Frieden hindurchgedrungene Herz ist dem Auge gleich, dessen zarter Spiegel von einem Staubkorn getrübt werden kann, und wäre es auch noch so klein, dass es beinahe dem eigenen Blick sich entzieht.“  (Theologie der Konkordienformel II, 54-55).

                Die Apologie ermahnt: „Man muss (wie Paulus sagt) recht scheiden und teilen Gottes Wort, das Gesetz auf einen Ort, die Zusage Gottes auf den andern.“ (Müller Seite 120). Luther schreibt: „Im Geschäft der Rechtfertigung kann niemand das Gesetz weit genug aus den Augen tun, und allein schauen auf die Verheißung.“ (Galaterbriefe II, 73). Die Apologie sagt, „dass fromme Herzen und christliche Gewissen nicht tausend Welten nähmen, dass unser Heil auf uns stünde“.  (Müller Seite 102). Luther hat in der Schule der Anfechtung auch erfahren, was es heißt, wenn die Seligkeit abhängig gemacht wird von irgendwelchen Bedingungen, die der Mensch zu leisten hat.  Er schreibt daher: „Ich will das für mich bekennen: Ich wollte nicht, ob es geschehen könnte, dass mir ein freier Wille gelassen wäre, oder dass etwas in meiner Hand gelassen wäre, damit ich könnte nach der Seligkeit streben: nicht allein darum, dass ich in so viel Anfechtungen, bösen Tücken und Anläufen des Teufels nicht wüsste zu bestehen und zu bleiben (nachdem ein Teufel stärker ist denn alle Menschen und nicht möglich wäre jemand, selig zu werden); sondern wenn auch keine Gefährlichkeit, keine Anfechtung, keine Teufel wären, so wäre doch alle meine Arbeit aufs Ungewisse getan, als der in die Lust streicht, und mein Gewissen, wenn ich auch bis an den jüngsten Tag lebte und wirkte, wäre nimmer sicher und gewiss, wieviel es tun sollte, dass Gott genug geschähe; denn was ich für ein Werk auf Erden immer täte, so wäre doch das Knötlein im Gewissen, ob das also Gott gefiele, oder ob er etwas mehr forderte, wie auch in allen Werkheiligen die Erfahrung beweist und wie ich mit meinem großen Schaden binnen vielen Jahren genugsam gelernt habe. Aber so nun Gott meine Seligkeit aus meinem freien Willen genommen hat und in seinen freien Willen gestellt, und nun zugesagt, mich nicht durch mein Leben oder Werk, sondern durch seine Gnade und Barmherzigkeit zu erhalten, so bin ich sicher und gewiss, dass er getreu ist und mir nicht lügen wird.  Dazu, dass er stark und gewaltig genug ist, dass kein Teufel noch Widerwärtigkeit ihm können etwas anhaben oder mich ihm wegreißen. Also sagt er nun Johannes 10,28-29: Niemand wird sie aus meiner Hand reißen. Denn der Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer, denn sie alle.“ (De servo arbitrio.  Dresd. Ausgabe Seite 323 f).

                Auch unser Konkordienformel geht auf den Punkt ein, wenn jemand einwendet: Wie kann ein Christ seiner Seligkeit gewiss sein, da er sieht, was für ein böses Fleisch er hat und wie schwach und elend er ist?  Diesen Einwand, der den Papisten eigen ist, haben jetzt auch unsere Gegner geltend gemacht.  Aber wie redet unser Bekenntnis? „Wir glauben, lehren und bekennen auch, unangesehen dass den Rechtgläubigen und wahrhaftig Wiedergebornen auch noch viel Schwachheit und Gebrechen anhangen bis in die Grube, da sie doch der Ursach halben weder an ihrer Gerechtigkeit, so ihnen durch den Glauben zugerechnet, noch an ihrer Seelen Seligkeit zweifeln, sondern vor gewiss halten sollen, dass sie um Christus willen vermöge der Verheißung und Wort des heiligen Evangeliums einen gnädigen Gott haben.”  (Müller Seite 528). Dass unsere Gegner somit das gerade Gegenteil von dem lehren, was unser Bekenntnis lehrt, liegt zutage.

 

These VI.

            Je weiter wir im Artikel von der Rechtfertigung die Werke aus den Augen tun und den Glauben von allen Werken scheiden, desto enger werden im Wandel die Werke mit dem Glauben verbunden sein.

                Nach Anhörung der bisherigen Verhandlungen könnte jemand, der unsere Lehre weiter nicht kennt, fragen: „Wie sieht es denn nun aber mit den Werken aus? Wenn gelehrt wird, dass der Mensch gerecht und selig wird ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben, dann wird niemand gute Werke tun wollen; man erlangt ja Gerechtigkeit und Seligkeit ohne Werke.“  Es ist ein alter Vorwurf, dass diese Lehre von der Rechtfertigung träge mache zu guten Werken.  Die Papisten machten unsern Vätern diesen Vorwurf immerfort. Deshalb sagen die letzteren im 20. Artikel der Augsburgischen Konfession: „Den Unsern wird mit Unwahrheit aufgelegt, dass sie gute Werke verbieten.“ Derselbe Vorwurf wurde auch schon gegen den Apostel Paulus erhoben. Dies erhellt daraus, dass er auf den Vorwurf, die Gnadenlehre mache fleischlich sicher, im Briefe an die Römer, Kapitel 6 und 7, eingeht.  Aber der Apostel weist nach, dass gerade das Gegenteil der Fall sei.  Er schreibt Römer 6,14: „Die Sünde wird nicht herrschen können über euch, da ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.“ Das sind merkwürdige Worte.  In denselben ist klar ausgesprochen: Nicht nur folgt aus der Gnadenlehre nicht ein Leben in Sünden, sondern das Umgekehrte ist der Fall: Die Gnadenlehre ist das einzige Mittel, uns von der Herrschaft der Sünde zu befreien. Der Apostel hat in den vorhergehenden Versen die Christen ermahnt, ihre Glieder nicht der Sünde zu Waffen der Ungerechtigkeit, sondern Gott zu Waffen der Gerechtigkeit darzustellen, und sagt nun, dass die Christen nun auch imstande seien, seiner Ermahnung zu folgen,  Und wodurch sind sie imstande, ihre Glieder zu Waffen der Gerechtigkeit Gott darzustellen?  Er spricht: Ihr seid ja unter der Gnade, d.h., Gott hat euch aus Gnaden Gerechtigkeit und Seligkeit geschenkt.  Anders läge es freilich, wenn ihr noch unter dem Gesetz wäret, d.h., wenn ihr noch dafür hieltet, dass ihr durch euer Tun euch Gerechtigkeit  und Seligkeit erwerben müsstet.  Dann würde freilich die Sünde über euch herrschen.  Dieselbe Wahrheit führt der Apostel noch weiter aus Kapitel 7,4, wo er schreibt: „Also auch, meine Brüder, ihr seid getötet dem Gesetz durch den Leib Christi, dass ihr bei einem andern seid, nämlich bei dem, der von den Toten auferweckt ist, auf dass wir Gott Frucht bringen.“ Der Apostel sagt damit: Dadurch dass wir dem Gesetz getötet sind durch den Leib Christi, d.h., dadurch, dass wir durch Christi stellvertretendes Leiden und Sterben von den Forderungen des Gesetzes befreit sind, weil uns durch Christum Leben und Seligkeit erworben ist, und das Gesetz uns nicht mehr verfluchen kann und nicht mehr unter seiner Herrschaft hat, so sind wir nun durch den Glauben an Christi Gnadengerechtigkeit auch imstande, Gott Frucht zu bringen, d.h., ihm in allerlei guten Werken zu dienen. Unter dem Gesetz sein, ist gleichbedeutend mit: in Sünden leben und dem Tode verfallen. Das spricht der Apostel in den beiden folgenden Versen noch ausdrücklich aus. Vers 5 und 6: „Denn da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unsern Gliedern, dem Tode Frucht zu bringen.  Nun aber sind wir vom Gesetz los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, also, dass wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.“ „Im Fleische sein“, ist so viel wie „unter dem Gesetz sein“, wie aus dem Gegensatz, V 6, hervorgeht.  Die Worte:  „Nun aber sind wir vom Gesetz los“, V 6, stehen im Gegensatz zu den Worten:  „Da wir im Fleisch waren“, V 5.  Der Apostel spricht hier also klar diesen Gedanken aus: Ist jemand unter dem Gesetz, hält er dafür, dass er durch seine Werke gerecht werden müsse, so liegt er noch unter der Herrschaft der Sünde und ist er nicht imstande, gute Werke zu tun. Ist dagegen jemand unter der Gnade, hält er dafür, dass er allein aus Gnaden Gerechtigkeit und Seligkeit überkommt, so ist er wiedergeboren und dient er Gott in einem neuen geistlichen Wesen. Wollen Prediger also, dass in ihrer Gemeinde die Sünde nicht herrsche, sondern ein christliches Leben recht in Schwang komme, dann müssen sie vor allen Dingen das Evangelium, die Gnade Gottes in Christus, rein und lauter predigen; dann müssen sie vor allen Dingen die Gewissen frei machen von dem Gesetz, sie müssen mit aller Beredsamkeit, die ihnen zu Gebote steht, einschärfen, dass wir Gerechtigkeit und Seligkeit nicht mit unsern Werken uns zu erwerben haben, sondern dass wir aus freier Gnade in Christus gerecht und selig werden. Die menschliche Vernunft freilich meint es ganz anders angreifen zu müssen, und wer ihrem Urteil folgt, wird es auch anders angreifen. Viele Prediger lassen sich gerade dadurch von der Predigt des lauteren, reinen Evangeliums zurück halten, dass sie meinen, wenn man die Schleusen der Gnade so ganz und gar aufzieht und die Gnade so bedingungslos predigt, dann mache man die Leute träge zu guten Werken, dann komme es nicht zu einem rechten Eifer in der Heiligung. Aber das ist große Blindheit, bewirkt durch das Urteil der menschlichen Vernunft. Der Heilige Geist sagt durch den Apostel Paulus:  „Die Sünde wird nicht herrschen können über euch, da ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.“ Das einzige Mittel also, um der Sünde Herr zu werden, ist: die Befreiung der Gewissen vom Gesetz und das Gegründetsein auf die Gnade. Wer daher will, dass die Sünde nicht herrsche, sondern Gerechtigkeit und ein frommes Leben im Schwange gehe, der nehme die Gewissen unter dem Gesetz heraus und bringe sie unter die Gnade.

                Wie kommt es denn nun, dass gerade durch die Gnadenpredigt die Macht der Sünde gebrochen wird und das Gesetz nicht imstande ist, der Sünde Herr zu werden?  Unser Bekenntnis weist sehr oft darauf hin: Allein durch das Evangelium, durch die Gnadenpredigt wird der Heilige Geist gegeben. Das Gesetz stellt ja nur Forderungen, weiß uns weiter  nichts zu sagen, als:  Das sollst du tun, das sollst du nicht tun; so sollst du leben, so sollst du nicht leben.  Weil wir aber in Sünden tot sind, so können wir diese Forderungen nicht erfüllen, können wir nicht auf den Willen des Gesetzes eingehen, und so kann das Gesetz nichts anderes tun, als dass es uns den Zorn Gottes verkündigt, über uns den Fluch ausspricht und erklärt, dass der heilige und gerechte Gott mit uns keine Gemeinschaft haben könne, sondern für uns Sünder ein verzehrendes Feuer sei.  Ganz anders ist es mit dem Evangelium.  Das Evangelium fordert nichts von uns, sondern verkündigt uns die Gnade Gottes in Christus Jesus. Das Evangelium findet an uns, weil es gar keine Forderungen an uns stellt, nichts zu verfluchen und zu verdammen. Durch das Evangelium vereinigt Gott sich mit uns und gibt in unser Herz den Heiligen Geist. So werden wir durch das Evangelium neugeboren, neue Kreaturen. Beim Gesetz bleibt die alte Art, hier wird eine neue Art in uns hineingepflanzt. Und ist nun diese neue Art in uns hineingepflanzt, dann zeigen sich auch neue, gute Werke, ungezwungen, nach der Natur dieser neuen Art.  Wie ein guter Baum gute Früchte bringt, so tut nun auch ein durch den Glauben wiedergeborener und erneuerter Mensch gute Werke. Weshalb denn auch die Alten den Satz aufgestellt haben: Der Glaube rechtfertigt allein, aber dieser Glaube, der rechtfertigt, ist nie allein, sondern hat immer die Werke bei sich. „Der Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott”, sagt Luther.  So bezeugt auch die Apologie:  „So ist es nun gewiss, dass die Unsern auch von guten Werken recht lehren. Und wir setzen noch dazu, dass es unmöglich sei, dass rechter Glaube, der das Herz tröstet und Vergebung der Sünde empfängt, ohne die Liebe Gottes sei.“ (Art. 3 Seite 112).  Ferner heißt es in der Apologie: Dieweil nun der Glaube mit sich bringt den Heiligen Geist und ein neues Licht und Leben im Herzen wirkt, so ist es gewiss und folgt von Not, dass der Glaube das Herz erneuert und ändert. Und was das für eine Neuerung des Herzens sei, zeigt der Prophet an, da er sagt:  Ich will mein Gesetz in ihre Herzen geben. Wenn wir nun durch den Glauben neu geboren sind und erkannt haben, dass uns Gott will gnädig sein, will unser Vater und Helfer sein, so heben wir an, Gott zu fürchten, zu lieben, zu danken, ihn zu preisen, von ihm alle Hilfe zu bitten und zu erwarten, ihm auch nach seinem Willen in Trübsalen gehorsam zu sein.  Wir heben alsdann auch an, den Nächsten zu lieben; da ist nun inwendig durch den Geist Christi ein neues Herz, Sinn und Mut.“  (Seite 109 f)

                Wir haben gesehen:  Die reine Gnadenlehre allein wirkt die Gewissheit der Seligkeit, macht uns gewiss, dass eine ewige Heimat im Himmel uns bereitet ist und unser wartet.  Sind wir so des himmlischen Erbes gewiss, o, wie muss das uns von den eitlen und sündlichen Dingen dieser Welt abziehen, wie muss das unser Herz immer gefeiter machen gegen die Lockungen dieser Welt. Wir sind ja schon im Glauben Bürger einer andern Welt. Wer aber in der Lehre von der Rechtfertigung nicht die Werke genau vom Glauben scheidet, der kann auch nicht diese Gewissheit der Seligkeit lehren, der kann auch nicht diesen Zustand des Herzens schaffen, in welchem das Herz die Dinge dieser Welt gering achten kann.  Wer da weiß: Ich bin durch Christum in den Himmel versetzt, mein Ende komme heut oder morgen, so weiß ich, dass ich Christus schauen und mit allen Engeln und Auserwählten in ewiger Freude und Wonne leben soll; der spricht: Wie sollte ich an die Dinge dieser Welt mein Herz hängen und um derselben willen mein schönes ewiges Erbe verscherzen?  Luther schreibt:  „Du musst den Himmel haben und schon selig sein, ehe du gute Werke tust; die Werke verdienen nicht den Himmel, sondern wiederum, der Himmel, aus lauter Gnade gegeben, tut die guten Werke, ohne Gesuch des Verdienstes, nur dem Nächsten zu Nutz und Gott zu Ehren, bis dass der Leichnam auch von Sünde, Tod und Hölle erlöst werde.“ (XII, 183). Wenn also ein Prediger in seiner Gemeinde einen Wandel sehen will, nach welchem sich die Christen unbefleckt halten von den Dingen dieser Welt, dann zeige er ihnen durch die Predigt des Evangeliums ihr gewisses Erbe im Himmel, er predige das Evangelium in der ganzen Reinheit, dass Gewissheit der Seligkeit entstehe; dann vergeht die Lust zum Sündigen.  Was hier mit Gesetzen ausgerichtet wird, das wird höchstens äußerlicher Disziplin dienen, dadurch wird das Herz nicht willig, der Welt Valet zu sagen.  Wer jemand von der Erde abziehen will, der hebe ihn erst durch das Evangelium in den Himmel.

                Ferner:  Gute Werke sind nur solche, die aus Liebe zu Gott geschehen. Werke, bei welchen nicht das Herz in Liebe zu Gott entzündet ist, taugen nichts vor Gott, mögen sie äußerlich auch noch so schön glänzen und scheinen.  Aber wie kommt diese Liebe in unser von Natur totes und kaltes Herz?  Nicht durch das Gesetz.  Das Gesetz sagt dem Menschen nur:  Das und das sollst du tun.  Und weil der Mensch seinen Forderungen nicht nachkommt, droht es ihm Gottes Zorn und Strafe.  Die Folge ist, dass der Mensch nun Gott hasst, dass sein Herz in desto größerer Feindschaft gegen Gott entbrennt. Wie wird dieser Zustand geändert?  Allein durch die lautere Gnadenpredigt.  Wenn wir aus dem Evangelium erkennen, dass Gott die Welt also geliebt hat, dass er seinen eingeborenen Sohn ihr gab, dass er seines eingeborenen Sohnes nicht verschonte, sondern ihn für uns ans Kreuz schlagen ließ; dass Gott aus großer Liebe uns, seine Feinde, zu seinen Kindern und zu Bewohnern des schönen Himmels gemacht hat:  Bei dieser Erkenntnis entsteht Liebe zu Gott in unserem Herzen und diese Liebe will nun in Gottes Geboten wandeln.

                Apologie: „Er ist unmöglich, dass ein Menschenherz allein durch das Gesetz oder sein Werk Gott liebe. Denn das Gesetz zeigt allein an Gottes Zorn und Ernst; das Gesetz klagt uns an, und zeigt an, wie er so schrecklich die Sünde strafen wolle, beide mit zeitlichen und ewigen Strafen.  Darum, was die Scholastiker von der Liebe Gottes reden, ist ein Traum, und ist unmöglich, Gott zu lieben, ehe wir durch den Glauben die Barmherzigkeit erkennen und ergreifen. Denn alsdann wird Gott objectum amabile, ein lieblich, selig Anblick.“  (Seite 110).  - - So antwortet auch wohl ein unbekehrter Mensch auf die Frage:  „Liebest du Gott?“:  „Wie sollte ich Gott nicht lieben? Er tut mir ja nichts; er ist sogar ein „alliebender Vater“, der den Menschen so mannigfache Wohltat erweist.“  Aber diese Liebe zu Gott ist pure Einbildung.  Wenn das Gesetz in seinem Herzen lebendig wird, wenn er erkennt, dass der Heilige Gott ihm um seiner Sünde willen der Hölle zuspreche und Gott vielleicht noch durch allerlei leibliche Trübsal nachdrückt und das Gesetz einschärft, dann stellt es sich heraus, was für Liebe zu Gott in dem Herzen eines unwiedergeborenen Menschen sich finde.  Dann fängt der Mensch an, gegen Gott zu murren, auch wohl das Evangelium zu lästern; dann zeigt es sich, dass in seinem Herzen nicht Liebe, sondern Feindschaft, ja, satanischer Hass gegen Gott ist.  Er ist Gott, der seine Sünde straft, feind; er möchte, dass gar kein Gott sei; er möchte Gott vom Throne stoßen, wenn er könnte.  Und das wird nicht anders, wenn ihm Gott nicht, wie unser Bekenntnis sagt, ein „objectum amabile, ein lieblich, selig Anblick“  wird, das heißt:  wenn er nicht zum Glauben an das Evangelium kommt, zu dem Glauben, dass Gott um Christi willen ein barmherziger Gott sei; dass Gott ihm, dem zur Hölle Verdammten, alle Sünde vergeben, ihn zu seinem lieben Kinde annehmen, ihm Heil und Seligkeit zu teil werden lassen wolle. Da wird sein Herz gewandelt; da entsteht die Liebe zu Gott in seinem Herzen, die er sich vorher nur einbildete; und wenn nun auch Trübsal und Kreuz hereinbricht, murrt er nicht mehr und lästert er Gott nicht mehr, sondern weil er Gott als einen lieben Vater, der es nicht böse meinen kann, erkannt hat, nimmt er auch diese leibliche Trübsal als Züchtigung seines himmlischen Vaters hin. Aber das alles wird nur ausgerichtet durch die Predigt des reinen Evangeliums, in welchem Gottes Barmherzigkeit und Liebe ungetrübt strahlt.  So liegt denn zutage:  Je weiter wir im Artikel von der Rechtfertigung die Werke aus den Augen tun und den Glauben von den Werken scheiden, desto enger werden im Wandel die Werke mit dem Glauben verbunden sein. Die Apologie sagt:  „Wir können Gott nicht lieben, denn das Herz sei erst gewiss, dass ihm die Sünden vergeben seien.“  (Seite 107).

                Was hindert es so oft, dass gute Werke getan werden?  Dies, dass für eine Wohltat so oft Undank geerntet wird, nach dem Sprichwort: Undank ist der Welt Lohn.  Da sagt denn der natürliche Mensch, auch der Christ nach seinem Fleisch: Diesem oder jenem erweise ich keine Liebe mehr, denn er vergilt mir nur mit Undank.  Die Selbstsucht also hindert es, dass gute Werke getan werden. Wie kann die Selbstsucht in dem Herzen vom Thron gestoßen werden? Durch die reine Predigt des Evangeliums, durch die Predigt, dass Gerechtigkeit und Seligkeit rein aus Gnade um Christi willen uns Unwürdigen und Gottlosen, die gar kein Verdienst vor Gott haben, gegeben wird. Wenn dieses Evangelium in unserm Herzen lebt, dann werden wir dem Nächsten tun, wie Gott uns getan hat. Dann mag der Nächste noch so undankbar sein, wir werden unsere Hand und unser Herz nicht von ihm abwenden; denn wir wissen, dass Gott, obwohl wir ganz undankbar gegen ihn, ja, seine Feinde waren, und ihn noch fort und fort mit Sünden betrüben, uns doch die höchsten Güter frei und umsonst geschenkt hat. Die selbstlose Liebe, die uns widerfahren ist, leuchtet dann auch aus uns hervor in unserm Verhalten gegen den undankbaren Nächsten. Luther schreibt darüber, nur unter Verbannung der Selbstsucht gute Werke getan werden können: „Damit aber dienst du einem etwas zu gut tust du solcher Wohltat wieder genießen mögest; sondern du dienen dir selbst damit.  Wer aber Gott und seinem Nächsten recht will deinen, der sehe nicht auf seinen Nutz, sondern nur auf die Not, so vorhanden ist, und dass es Gott haben will, und also befohlen hat, dass man den Nächsten in der Not nicht soll stecken lassen, wenn man‘s gleich nimmermehr um einen Strohhalm genießen, ja, auch allen Undank damit verdienen sollte.“ (I, 170.)  Damit aber unsere Werke in dieser Gesinnung geschehen, muss in unserm Herzen der Glaube sein, dass wir aus lauter Gnade der Vergebung der Sünden und der Seligkeit teilhaftig werden.

                Das beste Werk, das ein Christ tun kann, ist Gott von Herzen loben und preisen. So dienen die Engel Gott im Himmel, indem sie vor Gott anbeten und ihn loben; und so werden auch wir einst, wenn wir durch Gottes Gnade in unserer ewigen Heimat angelangt sind, Gott loben und preisen. Aber auch schon hier auf Erden soll in unserm Herzen Gottes Lob und in unserm Munde Gottes Preis sein. Aber dieser Dank wird nur dann bei uns sich finden, wenn das reine Evangelium von der Gnade Gottes in Christus Jesus in unserer Herzen Raum gewonnen hat.

                Auch die Gewissheit der göttlichen Gnade selbst ist ein Gottesdienst. Davon heißt es in der Apologie also: „Und dieses ist ein hoher Gottesdienst, der Gott damit dient, dass er ihm die Ehre tut, und die Barmherzigkeit und Verheißung so gewiss hält, dass er ohne Verdienst kann allerlei Güter von ihm empfangen und warten. Und in diesem Gottesdienst soll das Herz geübt werden und zunehmen; davon wissen die tollen Sophisten (und Werklehrer) nichts.“ (Seite 141).

                So hätten wir gesehen, was wir an der reinen Lehre von der Rechtfertigung haben.  Durch die reine Lehre von der Rechtfertigung haben wir das höchste Gut, das ein Mensch hier auf Erden besitzen kann, die Gewissheit, dass wir einen gnädigen Vater im Himmel haben, die Gewissheit, dass, wenn unser Stündlein gekommen ist, wir nicht sterben, sondern leben.  Durch diese Lehre wird aber auch Gott alle Ehre gegeben, als der durch Christus Jesus aus lauter Gnade uns gerecht und selig macht.  Durch diese Lehre wird aber auch Gott insofern geehrt, als durch diese Lehre allein ein Mensch imstande ist, heilig zu wandeln und Christi Ermahnung zu folgen: „Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Darum schließen wir mit den Worten Luthers, welche sich in den Schmalkaldischen Artikeln finden, wo er über die Lehre von der Rechtfertigung sagt: „Von diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erden, oder was nicht bleiben will.“

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