Paul Gerhardt – Liederdichter und lutherischer Bekenner[1]

 

Von Roland Sckerl

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

1. Herkunft und Kindheit. 1

2. Auf der Fürstenschule in Grimma. 1

2. Auf der Universität in Wittenberg. 1

2. Erste Dienste. 1

4. Die letzten Jahre als Pastor in Lübben. 1

5. Der Liederdichter der lutherischen Kirche und der Christenheit. 1

5.1. Paul Gerhardt und die kirchliche Dichtung seiner Zeit. 1

5.2. Advents- und Christfestlieder. 1

5.3. Passionslieder. 1

5.4. Lieder zum Auferstehungsfest und zu Pfingsten. 1

5.5. Lieder als Lobpreis der Erlösungstat Jesu Christi 1

5.6. Der Alltag vor Gott im Lied. 1

 

 

    Dass die lutherische Kirche die singende Kirche heißt, verdankt sie Luther, der wittenbergischen Nachtigall. Dass sie aber die singende Kirche geblieben ist, daran hat einen großen Anteil Paul(us) Gerhardt, der Asaph der lutherischen Kirche. Seine Lieder sind dem Inhalt nach echt lutherisch und der Form nach Erzeugnisse einer wahren christlichen Poesie. Gerhardt hat sich noch in anderer Weise ausgezeichnet. Er ist ein mutiger und unerschrockener Bekenner seines Glaubens gewesen und steht darin uns allen als ein leuchtendes Vorbild zu treuer Nachfolge da. Von ihm können wir lernen, was uns allen not ist, wollen wir in der gegenwärtigen glaubensmengerischen und christusfeindlichen Zeit bibeltreuer lutherischer Kirche treu bleiben.

 

1. Herkunft und Kindheit

    Paul, oder, wie er sich selbst schrieb, Paulus, Gerhardt erblickte am 12. März 1607 das Licht der Welt in Gräfenhainichen, einer Stadt in der Dübener Heide zwischen Elbe und Mulde, als zweiter Sohn Christian Gerhardts, eines der drei Bürgermeister dieser kursächsischen Ackerbürger-Stadt, die damals wohl um die 1.000 Einwohner zählte, und 30 Jahre später, während des Dreißigjährigen Krieges, von den Schweden in Schutt und Asche gelegt wurde, und wurde nach seinem Großvater genannt, der nach dem Protokoll der Visitation von 1575 aufgrund seiner beträchtlichen Abgaben ein begüterter Mann gewesen sein muss.[2] Zum Anwesen der Gerhardts gehörten das Wohnhaus, Stall, Scheune und ein Brauhaus, weshalb nicht nur Ackerwirtschaft, sondern auch ein Ausschank betrieben wurde.[3] Ein Jahr zuvor war der erste Sohn, Christian, zu Welt gekommen, fünf bzw. sieben Jahre nach Paul die Töchter Anna und Agnes.[4] Landwirtschaft, Viehzucht und Hopfenbau ernährten die Bürger, die, ähnlich wie das übrige Kursachsen, damals durchaus einen gewissen bürgerlichen Wohlstand erlangt hatten; und die Gerhardts gehörten zu den alteingesessenen und begüterten Familien.[5] Das Leben, der Rhythmus der Woche wurde bestimmt durch das reichhaltige gottesdienstliche Leben, wie es später, etwa 1723, auch noch Johann Sebastian Bach in Leipzig kennengelernt hat: Vor- und Nachmittagsgottesdienst am Sonntag; tägliche Gottesdienste in der Woche, in denen der Katechismus gelehrt und die Bibel ausgelegt wurde, vor allem dienstags und freitags. Der sonntägliche Vormittagsgottesdienst wurde als lutherische Messe, also mit heiligem Abendmahl, gefeiert; der Nachmittagsgottesdienst war Predigtgottesdienst.[6] Früh, 1619, des Vaters durch den Tod beraubt, wurde er von seiner Mutter Dorothea erzogen, einer Tochter des Eilenburger Superintendenten Karl Starke, die aber schon zwei Jahre nach dem Vater starb, so dass Paul Gerhardt mit 14 Jahren bereits Vollwaise war. Übrigens ist es diesem Großvater Starke sehr ähnlich ergangen wie seinem Enkel Paul Gerhardt. Als die kursächsische Regierung unter dem Einfluss der Kryptocalvinisten willkürlich die Taufagende änderte und den Exorzismus vor dem Taufvollzug untersagte, widersetzte sich Karl Starke, woraufhin er seines Amtes enthoben wurde und außer Landes gehen musste, ähnlich wie der Superintendent von Gräfenhainichen, Thoms Mirus (einige Jahre später, nach der Rückkehr Kursachsens zum bibel- und bekenntnistreuen Luthertum, konnten die Abgesetzten wieder in ihr Amt zurückkehren).[7]

    In Gräfenhainichen dürfte Paul Gerhardt die dortige, von der Kirche geleitete, Stadtschule besucht haben, an der, nach den Visitationsprotokollen von 1617, sogar ein Kantor Musik unterrichtete und für das musikalische Leben in der Stadt verantwortlich war (zu Gerhardts Zeiten Jakobus Brück). Die Kinder lernten nicht nur lesen und schreiben an der Schule, sondern wohl auch die Anfangsgründe des Lateinischen, der damaligen allgemeinen Bildungssprache. Die Erziehung in der Schule war also musisch-kultisch geprägt mit starker Verbindung zur Praxis in den Gottesdiensten. Dadurch wurde eine kirchlich-musische Prägung der Schüler möglich.[8] Vor allem aber war der Unterricht von der Religion geprägt. Da ging es nicht nur um das Erlernen von Luthers Kleinem Katechismus, sondern auch der wichtigsten Aussagen der biblisch-lutherischen Lehre, vor allem der Erlösung allein aus Gnaden, allein um Christi Gehorsam, Leiden und Sterben willen, empfangen allein durch den Glauben; dass allein Gottes Wort Regel und Richtschnur für alle Lehre und Lehrer ist; dass wir im heiligen Abendmahl unter Brot und Wein wahrhaft Christi Leib und Blut, für uns dahingegeben, mündlich in den Elementen empfangen. Da geschah die klare Abgrenzung gegen das römische Papsttum mit seinen Irrlehren und den falschen Lehren Zwinglis und Calvins.[9]

 

2. Auf der Fürstenschule in Grimma

    In seinem 15. Lebensjahr kam er mit dem Schuljahr 1622/23, wohl am 4. April, auf die Fürstenschule St. Augustin nach Grimma (nach ihrer Lage direkt an der Mulde auch „Collegium Moldanum“ genannt), die sein Bruder Christian damals schon zwei Jahre besuchte. Der „Judas von Meißen“, Herzog Moritz, der durch Verrat die Kurwürde an sich und die albertinische Linie der Wettiner gebracht hatte, hatte immerhin später so weise und weitblickend gehandelt, dass er einige Klöster in Bildungsanstalten umwandelte, die von den Einkünften der Klostergüter unterhalten werden und so auch ärmeren Schülern eine umfassende Ausbildung ermöglichen sollten. So waren bereits 1543 das Zisterzienserkloster St. Maria zur Pforte und das Augustiner-Chorherrenstift St. Afra in Meißen in Schulen, verbunden mit einem Alumnat (Schulheim), für jeweils etwa 100 Schüler umgewidmet worden. Und 1550, um alle Landesteile in gleicher Weise zu versorgen, wurde in Grimma ein drittes Institut errichtet, wobei der Rat der Stadt das ihm zugefallene ehemalige Kloster der Augustiner-Eremiten stiftete, das unter anderem auch durch die Einnahmen des einstigen Frauenklosters Nimptschen unterhalten werden sollte, wo Katharina Luther, geborene von Bora, ihre Kindheit und Jugend hatte verbringen müssen. Diese drei Fürstenschulen pflegten humanistische Bildung, jeweils auf der Höhe ihrer Zeit, denn dort sollte die zukünftige gelehrte Elite gebildet werden, die in Kirche und Staat entsprechende Ämter übernehmen konnten. Daher sollten sie auch zu eigenständigen Persönlichkeiten erzogen werden.[10] Der Ernst der Zeit – seit dem 11. Lebensjahr des Dichters loderte die Fackel des 30jährigen Krieges -, in Grimma noch verschärft durch die Pest mit vielen Toten, und dazu vor allem die fromme Zucht in Haus und Schule, bürgten für eine tüchtige Erziehung des Knaben.

    Christian und Paul Gerhardt waren in Grimma „Kostschüler“, das heißt, sie waren Schüler, die jährlich 15 Gulden Schulgeld bezahlen mussten – anscheinend wurde das ihnen hinterlassene Vermögen ihrer Eltern so gut verwaltet, dass die entsprechenden Kosten daraus bestritten werden konnten.[11] Das Leben selbst muss hart gewesen sein. Nur drei Klassenzimmer sowie das Refektorium, der Speisesaal, waren beheizbar, sonst war alles kalt. Drei Klassen mussten vor der Abschlussprüfung absolviert werden; als Aufnahmevoraussetzung galt die Fähigkeit, einen lateinischen Brief ordentlich schreiben, was die Gerhardt-Brüder wohl schon in Gräfenhainichen gelernt hatten, und Luthers Katechismus lateinisch erklären zu können. Im Umgang mit den Lehrern und untereinander war nur die lateinische Sprache zugelassen. Das tägliche Leben war streng geordnet und erinnerte dabei etwas an die alten klösterlichen Regeln, übrigens auch mit den Schalaunen oder kuttenähnlichen Gewändern, die die Schüler trugen: 5.00 Uhr Aufstehen, wobei die Schüler der obersten Klasse verantwortlich waren, dass keiner verschlief; 6.00 Uhr erste Unterrichtsstunde, begonnen mit lateinischem, griechischem und deutschem Gebet; 7.00 Uhr Matutin (Morgengottesdienst) in der Klosterkirche; danach Morgensuppe (weitere Speisen gab es um 10.00 und um 16.00 Uhr). Der Schlaftrunk um 19.00 Uhr und das gemeinsame Abendgebet um 20.00 Uhr beendeten den Tag. Auch hier oblag es den älteren Schülern, darauf zu achten, dass die jüngeren auch wirklich schliefen. Unterricht wechselte tagsüber mit Freiarbeit; Freizeit gab es dagegen wenig. Die Schüler werden kaum das Leben in der Stadt Grimma kennengelernt haben. Allerdings wurde seit 1595 einmal in der Woche ein Spaziergang in das Nimptscher Wäldchen unternommen. Und Ferien gab es schon gar keine; erst nach zwei Jahren war eine einmalige Heimfahrt von einer oder zwei Wochen erlaubt. Täglich um 12.00 gab der Kantor, dort Quartus genannt, Musikunterricht, danach versammelten sich Lehrer und Schüler in der Kirche, um die Vesper zu feiern.[12]

    Im Mittelpunkt des Schulalltags standen Religion und Latein sowie die tägliche Musikübung, und zwar in Theorie und Praxis. Denn im Wechsel mit den Stadtschülern mussten die Schüler der Fürstenschule den Chorgesang in den Gottesdiensten ausüben. Deshalb wurden vom Quartus viermal in der Woche lateinische Hymnen geübt, aber ebenso auch Lieder in moderner Vielstimmigkeit.[13]

    Vor allem aber ging es darum, dass die Alumnen fest wurden im bibel- und bekenntnistreuen Luthertum. Als Grundlage dafür diente Leonhard Hutters „Compendium locorum theologicorum[14], das für über 100 Jahre das Lehrbuch für Generationen von Schülern war, das auch noch Johann Sebastian Bach geprägt hat, wie manche Texte zeigen, die seiner Musik zugrunde liegen, ähnlich aber auch die Lieder Paul Gerhardts.[15] Daneben war das Erlernen der lateinischen Sprache von besonderer Bedeutung. Man sollte sie möglichst in allen Feinheiten beherrschen, sogar in ihr dichten, vor allem aber in dieser Wissenschaftssprache der damaligen Zeit sich fließend verständigen können. Deshalb wurde auch mit den Lehrern nur in Latein gesprochen.[16] Es war das aber kein nur formalistisches Lernen. Das Ziel reformatorischer Schulbildung war vielmehr „pietas“, Frömmigkeit, die durch die Lehre einerseits, dann aber auch durch das gemeinschaftliche Leben andererseits, besonders die Gottesdienste, an denen die Schüler teilnehmen mussten, zwei am Sonntag und derjenige Freitag in der Frühe. Dazu kamen täglich Matutin und Vesper. Und, wie schon erwähnt: Die Musik hatte eine herausragende Bedeutung.[17]

    Das Leben in Grimma war karg, hart und klösterlich streng. Pauls Bruder Christian hat es auf die Dauer nicht ertragen, hauptsächlich aber wohl, weil er sich den Anforderungen, die der Unterricht an ihn stellte, nicht gewachsen sah, und ist ihm 1623 entflohen. Das wurde ihm allerdings schließlich verziehen, und er wurde ehrenhaft entlassen und ist wohl nach Gräfenhainichen zurückgekehrt.[18] Paul dagegen hielt durch und blieb sogar in der Schule, als 1626 die Pest ausbrach und man den Schülern freistellte, nach Hause zu gehen, wovon mehr als die Hälfte aus Gebrauch machte. 1624 wurde ihm von den Lehrern das Zeugnis gegeben, dass er einen guten Charakter habe, sorgfältig und gehorsam sei, aber in den schriftlichen Arbeiten nur mittelmäßig, wobei ihm aber 1625 bescheinigt wurde, dass er darin zu einem guten Teil gewachsen sei. Ende 1627 hat er schließlich die Abschlussprüfung bestanden und dann die Stadt verlassen.[19]

    Noch tiefer waren die Eindrücke, welche Gerhardt auf der Universität empfing. Seit dem 2. Januar 1628 finden wir den 20jährigen auf der Hochschule in Wittenberg, wo er über 15 Jahre lernend und lehrend im förderlichen Umgang mit wahrhaft kirchlichen Theologen sich aufhielt. Unter dem Einfluss dieser bedeutenden Schule, welche nicht nur berufen war, junge Theologen auszubilden, sondern auch Gutachten und endgültige Entscheidungen über die reine Lehre abzugeben, stand Paulus Gerhardt vom 21. bis zum 36. Lebensjahr.

 

2. Auf der Universität in Wittenberg

    Wittenberg war auch zu Zeiten Paul Gerhardts noch das Zentrum des bibel- und bekenntnistreuen Luthertums. Die Reformation, die geistigen und religiösen Kräfte hatten diese Stadt zu Gerhardts Zeit schon über 100 Jahre geprägt. Allerdings waren die äußeren Umstände des Lebens in Wittenberg noch nicht besser geworden. Die wiederkehrenden Überschwemmungen der Elbe führten zu häufigen Fieberkrankheiten, so dass nicht wenige Studierende sich deshalb woanders hin orientierten. Aber weil Wittenberg die Zitadelle des Luthertums war, kamen immer noch viele Studenten, mehr als an den meisten anderen Universitäten, so dass selbst in den schlimmsten Zeiten des Dreißigjährigen Krieges die Vorlesungen nie völlig ausgesetzt werden mussten. Alle einheimischen Studenten mussten sich schriftlich zur Konkordienformel bekennen, die auswärtigen wenigstens zum Augsburger Bekenntnis.[20] Das Studium, wie es Gerhardt vorfand, geschah oft in einem sehr regen Austausch der Professoren mit ihren Studenten, in Lehre, Diskussion, Kommunikation. Das erste Jahr galt der Auslegung des Alten und Neuen Testaments, die folgenden beiden Jahre der Einübung in die Dogmatik und schließlich die Polemik. Historische Fächer waren noch nicht auf dem Plan.[21] Es gab zwar kein formelles Abschlussexamen, aber man konnte die Ausbildung als Magister oder Doktor abschließen. Und wer Pfarrer werden wollte, wurde dann sowieso noch von den kirchlichen Behörden geprüft.[22] Die Lage war damals sehr labil, denn es herrschte ja Krieg, der Dreißigjährige Krieg. Vom 31. August bis 3. September 1631 marschierte die schwedische Armee über die Wittenberger Elbbrücke; aber nur ein Jahr später fiel Gustav Adolf von Schweden bei Lützen und aus dem Religionskrieg wurde mehr und mehr ein Raubkrieg aller gegen alle. Nach dem Prager Frieden Sachsens mit dem Kaiser 1635 meinten die Schweden, das Kurfürstentum dafür bestrafen zu müssen und verwüsteten es fast völlig.[23] Am 11. April 1637 brannten die Schweden Gräfenhainichen nieder, auch Christian Gerhardt wird unter den Geschädigten aufgeführt. Dann brach im November jenes Jahres die Pest über die Stadt her, der auch Pauls Bruder Christian Gerhardt mit 31 Jahren erlag. Die Pest erreichte auch Wittenberg, und viele flohen. Der Universität fehlten immer mehr die finanziellen Mittel, nicht alle Professoren konnten gehalten werden. Weil die Truppen vor der Stadt die Felder ruiniert hatten, brach zu allem Übel noch eine Hungersnot aus. Trotz allem blieb aber Paul Gerhardt in der Lutherstadt.[24]

    Das studentische Leben, das auch damals oft recht wild sein konnte, und dann entsprechende Strafen durch den Rektor und die Stadt nach sich zog, hat Paul Gerhardt, wie aus einer späteren Notiz hervorgeht, wohl kaum berührt. Er hat daran nicht teilgenommen. Zwischen 1630 und 1635 ist er in das Haus von August Fleischhauer eingezogen, am Archidiakon von St. Marien, und zwar als Informator oder Hauslehrer für die Kinder, was durchaus eine Auszeichnung für den Studenten war, denn Fleischhauers gehörten zu den führenden Familien Wittenbergs. Zehn Jahre hat Gerhardt bei dieser Familie gewohnt, bei der Bildung und Wissenschaft durchaus zum Lebensstil gehörten.[25] Prägend für viele in Wittenberg und auch für Paul Gerhardt war der aus Wurzen stammende Paul Röber (1587-1651), der zunächst Archidiakon in Halle gewesen war und mehrere andere Berufungen abgelehnt hatte, aber nach dem Tod Balthasar Meisners die Professur in der Lutherstand und die Propststelle an der Schlosskirche annahm, nach dem Tod Friedrich Balduins dann Oberpfarrer an der Stadtkirche und Generalsuperintendent des sächsischen Kurkreises wurde. Er galt als moderner, hervorragender, ansprechender Prediger, die viele Hörer aus allen Schichten anzog und im Gegensatz zu manch anderen Pastoren sich nicht von der Philosophie beeinflussen ließ, sondern sich eng an die Heilige Schrift hielt und sie auslegte. Dabei war er nicht nur in der Theologie, sondern ebenso auch in der Musik, Mathematik, Dichtkunst, Philosophie und Geschichte zu Hause.[26] Nicht nur bei Röber, auch bei vielen anderen lutherisch-orthodoxen Theologen tritt die enge Verbindung von bibel- und bekenntnistreuer Theologie und intensivem Glaubenslehre deutlich hervor; die Fülle der Lieder und Erbauungsbücher der damaligen Zeit weisen dies auch, es sei auch nur an Nikolaus Selnecker, Johann Gerhard, Michael Schirmer, Johann Heermann, Balthasar Meisner, später dann Abraham Calov, David Hollaz, Valentin Ernst Löscher, Erdmann Neumeister erinnert. Und diese lutherische Orthodoxie ist die Grundlage, auf der sich dann Paul Gerhardts Dichtung erhebt[27], so wie später die Musik Johann Sebastian Bachs.

    Martin Luther und Philipp Melanchthon hatten die Grundordnung der mittelalterlichen Universität übernommen, nämlich das Vorstudium, das für alle Fächer verpflichtend war, und in dessen Zentrum die Philosophie stand, dann aber auch neben den klassischen Sprachen Latein und Griechisch Musik und Rhetorik umfasste, wobei die Rhetorik wiederum die Dichtkunst mit einschloss.[28] (Man bedenke, dass damals städtische Verwaltungen ihre Edikte von Rhetorikern haben ausarbeiten lassen.[29]) Prägend in Wittenberg und auch für Paul Gerhardt von Bedeutung war damals August Buchner (1591-61) als Professor für Rhetorik. Gerhardt hat später nach den Regeln, die Buchner unterrichtete, gedichtet, die sich anschlossen an den literarischen Aufbruch des frühen 17. Jahrhunderts, geordnet von Martin Opitz.[30]

 

2. Erste Dienste

    Al er Wittenberg 1642 schließlich verließ, geschah es nicht, weil die Kirche seine Dienste begehrt hätte. Unter den damaligen Kriegsläufen vergaß man an manchen Orten die Wiederbesetzung der Pfarrstellen; nicht wenige Orte waren durch den Krieg so ruiniert, dass sie sich einen Pfarrer gar nicht leisten konnten. Gerhardt ging vielmehr von Wittenberg weg, um vorerst Hauslehrer zu werden. Wir finden ihn in Berlin in einem edlen, frommen Haus, dem des Rechtsanwalts Andreas Berthold am Kohlmarkt, nahe der Spandauer Straße, einem gehobenen Viertel Berlins. Neun Jahre hat er in diesem Haus verweilt, nicht als Hauslehrer, denn die älteste Tochter war schon zwanzig, die jüngere heiratete bald. In dieser Zeit entstanden einige seiner bedeutendsten Lieder, wurden gedruckt und machten ihn, der immer noch ohne Amt war, bekannt. Diese Jahre und Jahrzehnte, etwa bis 1653, sind ein Höhepunkt des deutschen lutherischen geistlichen Liedes. Johann Heermann hatte bis 1647 gewirkt, dem Jahr, in dem die ersten 18 geistlichen Lieder Gerhardts von Johann Crüger in „Praxis pietatis melica“ veröffentlicht wurden. Löwenstern starb ein Jahr später und Johann Franck begann mit seinem dichterischen Wirken. 1649 starben zwar Rinckart und Spee, Gerhardt aber wirkte weiter und 1653 erschienen weitere 63 Gerhardt-Lieder in der fünften Auflage von Crügers Gesangbuch.[31]

    Berlin und Cölln, die beiden benachbarten Städte an der Spree, die damals noch jeweils eigenständig waren, hatten, wie die gesamte Mark Brandenburg, unter dem Dreißigjährigen Krieg schwer gelitten, erst unter den kaiserlichen Soldaten, die es auf ihrem Marsch nach Norden ausgeplündert hatten, später unter den Schweden, die dort gehaust hatten. Erst gegen Ende des Krieges besserte sich die Lage etwas. Aber besonders die Bauern hatten zu leiden gehabt, da sie oft nicht aussäen konnten oder die Felder durch die umherziehenden, marodierenden Horden vorzeitig abgeerntet wurden. Es sollte einige Zeit dauern, bis sich Stadt und Land erholten.[32]

    Während das kulturelle Leben selbst in dem armen Land noch ziemlich darniederlag, war die Kirchenmusik auch während des Krieges nicht erloschen. Das lag nicht zuletzt an der reichen Liturgie des lutherischen Gottesdienstes und der Fülle der Gottesdienste, die auch im Berlin jener Tage noch das Leben prägte.[33] An St. Nicolai amtierte als Kantor damals der vielgereiste und wissenschaftlich gebildete Johann Crüger (1598-1663), der auch am Grauen Kloster unterrichtete. Er war für die Pflege und Entwicklung der Kirchenmusik von größter Bedeutung. Er war nicht nur ein außerordentlich fleißiger Komponist, sondern auch mit dem Chor- und Gemeindegesang sehr vertraut. Er sammelte Kirchenlieder und Melodien früherer Jahrhunderte, überarbeitete sie zum Teil. Über hundert Melodien sind bekannt, die er gefunden, überarbeitet oder neu gesetzt hat, wobei er sich an der älteren Zeit orientierte, obwohl er durchaus mit der modernsten Musik der damaligen Zeit bekannt war. Crüger kannte den Genfer Psalter des Ambrosius Lobwasser, den er für den Kurfürsten Friedrich Wilhelm für seine Hofkapelle bearbeitet hatte. Crüger hat dann rhythmische und tonale Einfachheit mit spannungsvoller Musik verbunden. Den barocken Aria-Stil, wie der damals aufkam, hat Johann Crüger bei Kirchenliedern vermieden.[34] Er hat 1640 ein „Neues vollkömmliches Gesangbuch Augsburger Konfession“ herausgegeben und bald darauf die „Praxis Pietatis Melica“, die bis ins 18. Jahrhundert hinein 45 Auflagen allein in Berlin erlebte. In der Ausgabe von 1647 enthielt sie schon 18 Lieder von Paul Gerhardt, bei insgesamt 387 Chorälen, darunter schon: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld; O Welt, sieh hier dein Leben; Auf, auf mein Herz mit Freuden; Wach auf, mein Herz, und singe; Nun danket all und bringet Ehr‘; Nun ruhen alle Wälder. Die Anzahl der Gerhardt-Lieder hat sich mit den Auflagen immer stärker vermehrt. In der letzten von Johann Crüger selbst redigierten Auflage von 1661 sind es 95. Nicht zuletzt dadurch sind Paul Gerhardts Lieder bekannt und verbreitet worden.[35] Dabei ist zu bedenken, dass zunächst, bis ins letzte Viertel des 17. Jahrhunderts hinein, die Gesangbücher eigentlich nicht im Gottesdienst verwendet wurden, sondern im Chor und zur häuslichen Andacht. Im Gottesdienst selbst wurden zumeist die gleichen Lieder gesungen, die die Gemeinde mehr oder weniger auswendig konnte. Eine Erweiterung des Liederrepertoires fand lange Zeit nicht statt, wobei Crüger sich sehr für die Aufnahme neuer Lieder einsetzte. Erst ab etwa 1675 bürgerte es sich mehr und mehr ein, die Gesangbücher auch zum Gottesdienst mitzunehmen und aus ihnen zu singen, wodurch die Anzahl der verwendeten Lieder sich erheblich vergrößerte.[36] Nach Johann Crüger sollte das Gesangbuch, wie überhaupt das Singen und Musizieren dem Gotteslob dienen, unter Aufnahme sowohl überlieferter als auch wertvoller neuer Lieder und Stilmöglichkeiten, unter Einbezug individueller Frömmigkeit. Die Lieder dienten auch der Verbreitung und Einprägung der biblisch-reformatorischen lutherischen Lehre, umso mehr, als damals das Analphabetentum noch recht hoch war. Allein in Berlin schätzt man für damals, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnte.[37]

    Endlich bot sich dem 44jährigen Mann die Gelegenheit, zum Predigtamt ordiniert zu werden. Im Jahr 1651 wandte sich der Magistrat von Mittenwalde an die Berliner Prediger mit der Bitte, ihm einen Mann zu nennen, der für das erledigte Amt des Propstes und Inspektor Vicarius sich eigne. Das man sich nicht an das Konsistorium wandte, hatte wohl seinen Grund darin, dass der Propst an St. Nicolai in Berlin, Petrus Vehr, mit einer Frau aus Mittenwalde verheiratet war. Paul Gerhardt wurde vorgeschlagen als „eine Person, deren Fleiß und Erudition [Gelehrsamkeit] bekannt, die eines guten Geistes und ungefälschter Lehre und dabei auch eines ehr- und friedliebenden Gemütes und christlich untadelhaften Lebens ist, daher er auch bei Hohen und Niedrigen unsers Ortes lieb und wert gehalten und von uns allezeit das Zeugnis erhalten wird, dass er auf unser freundliches Ansinnen zuweilen mit seinen von Gott empfangenen werten Gaben um unsere Kirche sich beliebt und wohl verdient gemacht hat“. Am 28. September hielt er die Probepredigt in Mittenwalde, am 18. November legte er sein Examen ab und wurde gleich darauf ordiniert und dabei auf die lutherischen Bekenntnisschriften verpflichtet, was damals noch in der über der Sakristei gelegenen Bibliothek von St. Nicolai geschah, so dass die Verpflichtung – entgegen dem Befehl des Kurfürsten – auf alle Bekenntnisse des Konkordienbuches erfolgen konnte, und dann Ende des Jahres von Andreas Fromm, dem Propst an der St. Petrikirche in Cölln, in sein Amt an der St.-Moritz-Kirche in Mittenwalde eingeführt.[38] Da hieß es nun, zwei- bis dreimal am Sonntag und mehrmals in der Woche zu predigten und die Beichte zu hören.[39] So ein Gottesdienst am Sonntag konnte zwei bis drei Stunden dauern, die Predigt allein schon eine Stunde. Aus seinen Leichenpredigten, die ziemlich allein überliefert sind, lässt sich erkennen, dass er eine volkstümliche, gegenständliche Sprache verwendete, die Gedanken einfach und naheliegend entfaltet wurden, um so dem einfachen Mann zu dienen.[40] Am 11. Februar 1655 konnte er dann eine Tochter des Berthold’schen Hauses, Anna Maria, als seine Frau in die Propstei heimführen. Paul Gerhardt hat ja auch zu dieser Lebensordnung Gottes, dem Stand der Ehe, mit dem Lied „Wie schön ist doch, HERR Jesus Christ, im Stande, da dein Segen ist“ die klare biblische Lehre verkündet; ebenso zum Stand der Ehefrau und ihren Aufgaben gemäß Sprüche 31: „Ein Weib, das Gott, den HERREN, liebt“.[41]

    Mittenwalde, südlich von Berlin gelegen, hatte ähnlich wie alle anderen Orte und Städte Brandenburgs furchtbar unter den Schweden und Kaiserlichen im Dreißigjährigen Krieg zu leiden gehabt, dazu kam 1639 noch die Pest. Die Einwohnerzahl war von reichlich 1.000 auf etwa 250 zurückgegangen. Als Paul Gerhardt sein Amt antrat, war die Stadt schon zum Teil wieder aufgebaut, die Zahl ihrer Bewohner wohl auch 700-800 gestiegen, aber die Verhältnisse immer noch dürftig.[42] (Dass Paul Gerhardt Probleme mit seinem Diakonus Alborn gehabt haben soll, weil dieser ihm die Berufung missgönnt habe, da er selbst schon seit 1638 Diakonus in Mittenwalde gewesen und auf diese Stelle gehofft habe, ist ohne Beweis. Vielmehr sind die beiden Ehefrauen verschiedentlich gemeinsam Taufpaten gewesen; auch haben die beiden Prediger jeweils Trauergedichte an Leichenpredigten des anderen gehängt.[43] Christian Alborn hatte sich während des Krieges als Seelsorger bewährt, war aber dann auch, wie viele andere lutherische Pastoren damals ebenso, durchaus sozialkritisch aufgetreten und hatte den Zinswucher der Stadtväter öffentlich angeprangert. Deshalb war ihm die Stadtobrigkeit nicht wohlgesonnen und überging ihn bei der Besetzung der Propststelle, was wohl nicht ganz zu Unrecht von ihm als Zurücksetzung empfunden wurde. Das scheint der Grund zu sein, warum ihm die Stadt, um ihn zu halten, materielle Vergünstigungen zukommen ließ. Er ist dann auch bis zu seinem Tod 1685 in Mittenwalde geblieben.[44])

    Der Dienst des Pfarrers war gerade in dieser Zeit, nach dem Dreißigjährigen Krieg, kein einfacher, denn es galt nach den jahrzehntelangen Verwüstungen, die nicht nur materiell, sondern auch geistlich, geistig, sittlich das Land und Volk ruiniert hatten, die Kirche faktisch neu zu bauen durch Lehre und Unterweisung, und zwar nicht nur allgemein, sondern auch im Blick auf die einzelnen Seelen, ihre Errettung und ihren Weg der Nachfolge Christi, wozu Ansätze ja bereits vor dem Krieg vorhanden waren und sich besonders in der Erbauungsliteratur ausdrückten. Gerhardt wirkte in diesem Bereich zusätzlich vor allem auch durch seine Lieder, in denen er individuelle Lebenslagen, die Bedürfnisse der Menschen seiner Umgebung aufgriff und hineinstellte in das Licht des göttlichen Wortes.[45] Sie sind geprägt vom frohen und unverzagten Gottvertrauen wie auch den christlichen Heilstatsachen und der persönlichen Gnadenerfahrung.: Das „Dennoch“ der Barmherzigkeit Gottes mit dem Sünder korrespondiert das „Dennoch“ des Glaubens, der sich auch in Angst, Not, Gefahr an seinen Retter hält. Die meisten der Gerhardt-Lieder, die unter der Rubrik „Kreuz- und Trostlieder“ zu finden sind, sind ja zuerst 1653 bei Crüger erschienen und dürften in Mittenwalde entstanden sein. Immer wieder, wenn er das menschliche Leben in seinen verschiedenen Situationen aufgreift, stellen das unbedingte Vertrauen auf Gottes Führung heraus. Damit wollte er Antwort geben auf die Frage nach dem Dasein Gottes gerade im Blick auf die zurückliegenden Kriegsnöte und deren Folgen.[46]

 

3. Diakon und Bekenner an der Nikolaikirche in Berlin

    Im Juli 1657 trat Paul Gerhardt das Diakonat, also die dritte Stelle, an der Nikolaikirche in Berlin an, in welcher er einst ordiniert worden war. Die zehn Jahre, die er dort wirkte, bezeichnen die Höhe seines Lebens. Aber er hat in diesen Jahren auch unendlich schweres Leid erfahren. Ein Kindlein war ihm in Mittenwalde gestorben; auch die vier ihm in Berlin geschenkten wurden bis auf einen Sohn in zartester Jugend ihm wieder entrissen. So groß das Leid, der Schmerz auch war – Paul Gerhardt und seine Frau wussten doch in allem Gottes Walten und waren getrost in der Gewissheit, ihre so früh verstorbenen Kinder einst in der Ewigkeit wiederzusehen. Am 5. März 1668 verlor Paul Gerhardt dann auch seine Frau Anna Maria, die im Alter von 45 Jahren an Lungentuberkulose starb, was damals nicht heilbar war. Dreizehn Jahre waren sie verheiratet gewesen – in jener Zeit, in der die Menschen aufgrund von Krankheiten, die noch nicht kuriert werden konnten, häufig jünger als heute starben, eine durchaus übliche Ehedauer. Das hatte aber auch die Wirkung, dass der Tod nicht, wie das heute oftmals geschieht, ausgeklammert, geradezu ausgegrenzt wurde. Vielmehr wusste man um die Vergänglichkeit dieses Lebens, stand es einem klar vor Augen, dass wir hier nur Gäste auf Erden sind, Fremdlinge, Pilger in die himmlische Heimat, wie das Gerhardt auch in seinem Lied „Ich bin ein Gast auf Erden“ ausgedrückt hat. Die jüngere, verwitwete, Schwester seiner verstorbenen Frau, Sabina Fromm, hat ihm dann den Haushalt mit dem einzig überlebenden Kind, Paul Friedrich, das beim Tod der Mutter sechs Jahre alt war, fast bis an sein Lebensende geführt.[47]

    Was aber war herber für ihn als das Weh, womit die in diesen Jahren über ihn und seine Amtsgenossen verhängten äußeren und inneren Kämpfe wegen des lutherischen Bekenntnisses ihn erfüllten – Kämpfe, aus denen es für sein zartes und ängstliches Gewissen keinen anderen Ausweg gab, als seinem Amt freiwillig zu entsagen. Das hat der 60jährige Im Januar 1667 getan.

    Das bedeutsamste äußere Ereignis in seiner Lebensführung war dieser Kampf um das lutherische Bekenntnis. Um sein Verhalten dabei zu verstehen, muss man die kirchliche Lage in der Mark Brandenburg in jener Zeit sich vergegenwärtigen. Seit dem Jahr 1640 regierte jener Friedrich Wilhelm die brandenburgischen Länder, der in der Geschichte von einigen „der Große Kurfürst“ genannt wurde. Er war zwar einerseits als Fürst und Feldherr von Gott reich begabt, aber zugleich als Politiker verschlagen und hinterhältig und wechselte ständig die Fronten, um sich von allen Seiten Versprechungen geben zu lassen und so seine Ziele zu erreichen. In Religionssachen handelte er, wie seit dem Abfall seines Großvaters Johann Sigismund 1613 zu den Reformierten[48] die Hohenzollern allgemein, oft hart und rücksichtslos. Er meinte, auch in Sachen des Gewissens und Glaubens könne er gebieten, und seine Untertanen müssten ihm da gehorchen wie die Soldaten auf dem Schlachtfeld. Er war entschieden reformiert und bevorzugte die Reformierten, wo sich nur eine Gelegenheit dazu bieten wollte, obwohl Brandenburg eigentlich durchweg, bis auf wenige Kreise am Niederrhein, lutherisch war. Er betrachtete es als seine Erbaufgabe von seinem Großvater und Vater, die Lutherischen und Reformierten in seinem Land zu vereinigen, das heißt in erster Linie, die lutherische Kirche auszulöschen. Es gibt aber nur einen gottgefälligen Weg, eine Union herbeizuführen, nämlich die Einheit in der Wahrheit – aber diesen Weg ging der Kurfürst nicht. Wohl nötigte er (noch) keinen seiner lutherischen Untertanen, sein Bekenntnis zu verlassen und die Irrtümer der Reformierten anzunehmen, aber er suchte die Lutheraner zu hindern, ihrem Bekenntnis gemäß zu lehren und die falschen Lehren der Reformierten als solche zu bezeichnen. Stück für Stück versuchte schon Kurfürst Johann Sigismund, das Land zu calvinisieren, wobei die Beamten, denen es mehr um ihre Karriere als ihren Glauben ging, ihm Vorschub leisteten, indem sie die Religion des Herrschers annahmen. Und bald wurde die reformierte Eidesformel für die Juristen an Stelle der lutherischen eingeführt, um so den Charakter des Landes etappenweise zu verändern.[49] Formal hatte Johann Sigismund erklärt, seine Untertanen nicht zu seiner Religion zwingen zu wollen, aber die Praxis sah anders aus. Und entgegen dem lutherischen Kirchenrecht blieb er auch weiter Leiter der lutherischen Landeskirche, was unausweichlich zu Konflikten führen musste.[50]

    Weil nun die lutherischen Prediger dabei blieben, jede falsche Lehre ungescheut zu strafen, wenn es die Gelegenheit mit sich brachte, so verdross es den Kurfürsten, und er glaubte sich persönlich beleidigt. Er erließ gewissensbeschwerende Verordnungen; so wurden zum Beispiel die Drucksachen der Prediger unter Zensur gestellt, das heißt, wenn einer von ihnen etwas drucken lassen wollte, und sei es auch nur eine Predigt, so musste die Schrift erst zur Durchsicht eingeschickt werden. Der Besuch der Universität Wittenberg war den Landeskindern seit 1614 nicht erlaubt. Wittenberg stand zu jener Zeit da als die Vorkämpferin des reinen Luthertums und auch die brandenburgischen Lutheraner haben sich an ihm orientiert und standen z.B. mit Abraham Calov, dem bedeutendsten Theologen in der Zeit der Kämpfe, in engerem Kontakt, nicht zuletzt auch Paul Gerhardt selbst. Weiter verbot der Herrscher, die lutherischen Prediger bei der Ordination auf die Konkordienformel zu verpflichten, was dann heimlich durchgeführt wurde. 1656 hatte der Tyrann angeordnet, die Konkordienformel aus der Liste der in Brandenburg geltenden Bekenntnisse zu streichen, was eindeutig gegen das geltende Recht, vor allem den Westfälischen Frieden von 1648, verstieß, der besagte, dass die 1624 bestehenden Bekenntnisgrundlagen nicht geändert werden dürfen. Auch sollten die Predigtamtskandidaten nicht mehr von den Pröpsten, sondern vom dem Kurfürsten ergebenen Konsistorium geprüft werden. Als Joachim Kemnitz, der Präsident des Berliner Konsistoriums, die Kandidaten dennoch auf die Konkordienformel verpflichtete, wurde er abgesetzt. Und weil Samuel Pomarius von der St. Petri-Kirche den lutherischen schwedischen König gerühmt hatte, der zur Rettung der Evangelischen einst gekommen war, musste er das Land verlassen.[51] 1655 verbot der Kurfürst dem Cöllner Konsistorium, zusammen mit dem Wittenberger das Jubliäum des Augsburger Religionsfriedens von 1555 zu feiern.[52] Das alles macht deutlich, wie unfrei tatsächlich der Staat Friedrich Wilhelms war, wie rücksichtslos seine absolutistische Herrschaft, übrigens auch in anderer Hinsicht, denn er beschnitt auch die Rechte der Landstände gerade im zentralen Bereich der Finanzen. Alles dies musste die Seele Gerhardts, der an Wittenberg mit solcher Dankbarkeit hing, und dem die Konkordienformel der Hort der reinen Lehre war, mit Befremden und Misstrauen erfüllen, ja aufs tiefste verwunden.

    Weil er meinte, Religionseinheit in seinem Land erzwingen zu können, erließ der Kurfürst 1662 ein Edikt (Verordnung), in dem er friedliche Eintracht verlangte und als Lehrgrundlage für die lutherische Kirche neben den altkirchlichen Bekenntnissen nur noch das Augsburger Bekenntnis und dessen Apologie anerkannt wissen wollte, dagegen sowohl Luthers Katechismen und die Schmalkaldischen Artikel, wie auch die Konkordienformel unter den Tisch fallen ließ. Auf dieses Edikt sollten zukünftig auch die Prediger bei der Ordination vereidigt werden.[53] Gerhardts Gewissensnot steigerte sich, als die vom Kurfürsten erzwungenen Religionsgespräche zwischen Lutheranern und Reformierten ihren Anfang nahmen. Gerhardt sah darin nur unheilvollen Synkretismus, das heißt, Glaubensmengerei. Schon damals war er so gesonnen, wie er es in seinem Testament an seinen Sohn ausdrückt: „Hüte dich ja vor den Synkretisten, denn sie suchen das Zeitliche und sind weder Gott noch Menschen treu.“ Von diesen Kolloquien, die von September 1662 bis Mai 1663 währten, soll hier nur angedeutet werden, was für Paul Gerhardt wichtig ist. Er war dabei entschieden die Hauptkraft auf Seiten der Lutherischen. Er machte zwar nicht den Sprecher bei den Verhandlungen, der war Archidiakon Elias Sigismund Reinhart, aber sein Einfluss, den er bei den Vorberatungen übte, war unverkennbar, wie er auch die meisten und bedeutendsten Schriftstücke abgefasst hat. Zehn unfruchtbare Sitzungen waren gehalten worden, da gaben Gerhardt und seine Kollegen die Erklärung ab: dass sie unverrückt bei allen ihren Lehren blieben, wären aber erbötig, den Reformierten alle nachbarliche und christliche Liebe und Freundschaft zu erweisen, und wollten ihrer aller Seligkeit von Herzen wünschen und begehren“. Damit gaben sich die Reformierten jedoch nicht zufrieden. Die Folge hiervon war, dass der Kurfürst 1664 ein weiteres Edikt erließ, verfasst wie dasjenige von 1662 wohl wieder von dem reformierten Hofprediger Bartholomäus Stosch, worin die Widerlegung und Verwerfung ausdrücklich genannter Personen und ihrer abweichenden Lehren auf allen Kanzeln streng untersagt und zugleich befohlen wurde, dass sämtliche Prediger, bei Verlust ihres Amtes, durch Unterschrift von Reversen (schriftlichen Gelöbnissen) sich verpflichten sollten, dem nachzukommen. Einzelne Dinge, die zu nennen nun verboten waren, wurden direkt aufgeführt, etwa dass man die Reformierten nicht Calvinisten, Zwinglianer, Sakramentierer, Manichäer nenne. Auch war verboten zu sagen, dass die Reformierten die Vernunft zur Regel und Richtschnur des Glaubens machten, die wirkliche Gemeinschaft der Naturen leugnen und lehren, dass nur ein bloßer Mensch für uns gestorben sei[54] (Anschuldigungen, die aber durchaus der reformierten Lehre entsprechen). Da wird deutlich, wie die Herrschaft dieses Kurfürsten immer mehr totalitäre Züge annahm. Nun fordert aber die Konkordienformel zum Teil buchstäblich die Nennung und Verwerfung eben der Sätze, deren Nennung und Verwerfung durch das kurfürstliche Edikt verboten wurde. Was Wunder, wenn alle gewissenhaften Prediger die Unterschrift verweigerten und 1664 eine Eingabe an den Herrscher machten, in dem sie darlegten, welche Beschwernisse für ihr Gewissen in dem Edikt waren, durch die sie sich von der lutherischen Kirche trennen würden. Sie forderten auch Gewissensfreiheit und Freiheit des Gottesdienstes, wie es den römischen Katholiken auch zugestanden worden war. Der Tyrann war über die Eingabe nur höchst erzürnt, sah auch gar nicht, wollte auch nicht sehen, dass sein Vorgehen auch Reichsrecht brach.[55] Am 28. April 1665 wurden die leitenden Männer des bibel- und bekenntnistreuen Luthertums in Brandenburg, Propst Lilie und Archidiakon Reinhart, ins Konsistorium zur Unterschrift befohlen. Beide weigerten sich zu unterschreiben und wurden sogleich, wie in einer Despotie üblich, ihrer Ämter enthoben. Das führte zu Rumor in Berlin. Propst Lilie beugte sich schließlich mit einer weitläufigen Erklärung, wurde aber seines Lebens nicht mehr froh. Reinhart dagegen verließ schon im Mai 1665 Berlin und ging nach Leipzig, wo er Pfarrer an der dortigen Nikolaikirche wurde, später noch Professor.[56] Zu denen, die die Unterschrift unter die Verordnung ablehnten, gehörte auch Paul Gerhardt. Zwei Jahre blieb er unbehelligt, dann wurde am 6. April 1666 die Unterschrift unter das Revers von ihm geforderte. Er weigerte sich. „Mein Gewissen“, erklärte er, „ist gebunden an die Konkordienformel“. Er wurde noch an demselben Tag abgesetzt.

    Die Nachricht davon brachte die ganze Stadt in schmerzliche Aufregung. Es zeigte sich, welche tiefe Teilnahme ihm sein Glaubensmut und seine Überzeugungstreue in der Bürgerschaft erworben hatte. Die Trauer, die Entrüstung war allgemein. Bürgermeister und Ratsleute verwandten sich für ihn, aber vergebens. Auch die Gewerke traten für ihn ein, wieder vergebens. Da griffen die märkischen Stände ein: Gerhardt sei ein frommer und exemplarischer und dabei friedliebender Theologe. Der Kurfürst gab nun nach, und Gerhardt wurde wieder in sein Amt eingesetzt. Allein, der kurfürstliche Sekretär Vehr, der ihm am 9. Januar 1667 die Botschaft überbrachte, hatte Befehl, mündlich hinzuzufügen: „Seine Durchlaucht, der Kurfürst, lebten der gnädigsten Zuversicht, Gerhard werde auch ohne Revers dem Edikte gemäß sich zu bezeigen wissen.“ Das schien gut gemeint zu sein, aber für Gerhardt wurde dadurch in der Tat mit der andern Hand wieder genommen, was mit der einen Hand ihm gegeben war. Die Äußerung des Tyrannen belastete Gerhardts Gemüt aufs schwerste. „Mein Gewissen will mir darüber voller Unruhe und Schrecken werden“, schrieb er am 19. Januar 1667; er fürchtete, die erkannte und öffentlich bekannte Wahrheit zu verleugnen und bezeugte, er könne nicht zulassen, dass eine Schrift aus dem Bekenntnisbuch von 1580 herausgebrochen und in Brandenburg als Schand-, Schmäh- und Lästerschrift angesehen werde.[57] In einem herzbeweglichen Brief wandte er sich daher an den Kurfürsten, in welchem er unter den Umständen auf sein Amt verzichtete. Bis zum 15. August 1668 erhielt er noch seine Amtsbezüge. Um seine weitere irdische Zukunft machte er sich keine Sorgen. Er sah alles in Gottes Hand, der die Geschicke der Menschen leitet. Darum hat er sich auch nicht um eine neue Stelle beworben, so wenig, wie er sich um diejenigen in Mittenwalde und Berlin beworben hatte. Gedichtet aber hat er nach der Absetzung und dem Amtsverzicht nicht mehr; zu tief hatte ihn all das verletzt.[58]

    In höchster Lauterkeit ist er den Weg gegangen, den sein Gewissen ihm vorschrieb. Dieses Verhalten Gerhardts ist ein heller Spiegel rechter christlicher Gewissenhaftigkeit und ein lauter Mahnruf an uns, alle Mengerei von Wahrheit und Unwahrheit auf dem Gebiet des Glaubens zu meiden und mit dem Halten am Bekenntnis vollen Ernst zu machen.

    Er stand dabei aber nicht allein, sondern andere haben zu jener Zeit mitbekannt, mitgestritten und mitgeduldet und haben sich, wie Gerhardt, eher von ihrem Amt absetzen lassen, als dass sie gegen ihr Gewissen gehandelt hätten.

 

4. Die letzten Jahre als Pastor in Lübben

    Nach zweijährigem Aufenthalt in Berlin nach seinem Amtsverzicht, wurde er im Herbst 1668 nach Lübben im Spreewald in der damals sächsischen Lausitz zu einer Probepredigt eingeladen, die er am 14. Oktober hielt, und dann am 29. Oktober berufen. (Es hatte auch andere Bewerber gegeben, so den Sohn des verstorbenen Archidiakons Cnisius und Pfarrer Thomas Schindler aus Finsterwalde.[59]) Für ihn hatten sich in der Lausitzer Stadt der Berliner Rittmeister Christian Engel verwandt und auch der Berliner Kammergerichtsadvokat Ambrosius Konrad Sturm, den Gerhardt selbst um eine Empfehlung gebeten hatte.[60] Lübben hatte zwar nur 1.800 Einwohner, von denen 600 zur wendischen Gemeinde gehörten, war aber damals Sitz der Oberamtsregierung für die Niederlausitz mit Landgericht, Oberkonsistorium und Obersteuerbehörde. Gerhardt zog mit seinem sechsjährigen Sohn Paul Friedrich dort ein; die Schwester seiner verstorbenen Frau und deren Sohn brachte er mit, sowie das nötige Personal für die Haus- und Landwirtschaft. Die Verhältnisse in Lübben waren äußerst bescheiden; die Stadt litt immer noch unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges, während dessen sie mehrfach von den Schweden geplündert worden war. Der Magistrat hatte sich schon schwer getan, das Pfarrhaus notdürftig herzurichten. Manches, was später zu richten und anzuschaffen war und eigentlich in den Bereich der Stadtverwaltung fiel, hat Paul Gerhardt selbst bezahlt. Es hat wohl auch mancherlei Querelen gegeben, weil er manche Dinge, die in Berlin schon üblich waren, auch in Lübben einführte, was dort aber nicht immer auf Gegenliebe stieß, etwa ein Lesepult, ein Gitter um den Altar; und wie im Barock dann üblich, trug er auch am Altar und auf der Kanzel eine Perücke. Auch von Krankheiten wurde er nun mehr geplagt, wahrscheinlich machte ihm ein Herzleiden zu schaffen, weshalb er den Wochengottesdienst nicht immer halten konnte. Auch lag der Friedhof wohl sehr weit entfernt, so dass er aufgrund seiner Beschwerden nicht immer die Leichen dorthin begleiten konnte. 1674 starb dann Sabina Fromm, die Schwester seiner Frau, die ihm den Haushalt geführt hatte. Am 27. Mai 1676 (jul. Kal., 7. Juni greg. Kal.) hat er 69jährig sein müdes Leben beschlossen.[61]

    Paul Friedrich Gerhardt, beim Tod seines Vaters 17 Jahre alt, ging 1677 nach Wittenberg, um dort Theologie zu studieren und hat sich dann vor allem der Geschichte und der patristischen Literatur zugewandt. Über Greifswald, Kurland und Berlin landete er schließlich in Zerbst und half dort Konsistorialrat Feustking 1707 eine Sammlung der Lieder seines Vaters herauszubringen, die mit dem Testament Paul Gerhardts für seinen Sohn versehen wurde.[62] Es ist noch einmal ein klares Bekenntnis zur biblisch-lutherischen Lehre und einem daraus folgenden Gott wohlgefälligen Leben:

    „Nachdem ich nunmehr das 70. Jahr meines Alters erreicht, auch dabei die fröhliche Hoffnung habe, dass mein lieber frommer Gott mich in Kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen werde, als ich bisher auf Erden gehabt habe, so danke ich ihm zuvörderst für alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leib an bis auf jetzige Stunde an Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat. Daneben bitte ich von Grund meines Herzens, er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen, meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen, und dem Leibe eine sanfte Ruhe in der Erde bis zu dem lieben jüngsten Tag bescheren, da ich mit allen Meinigen, die nur vor mir gewesen und auf künftig nach mir bleiben möchten, wieder erwachen und meinen lieben Herrn Jesum Christum, an welchen ich bisher geglaubet und ihn doch noch nie gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht schauen werde. Meinem einigen hinterlassenen Sohne überlasse ich von irdischen Gütern wenig, dabei aber einen ehrlichen Namen, dessen er sich sonderlich nicht wird zu schämen haben.

    Es weiß mein Sohn, dass ich ihn von seiner zarten Kindheit an dem Herrn meinem Gott zu eigen gegeben, dass er ein Diener und Prediger seines heiligen Wortes werden soll. Dabei soll er nun bleiben und sich daran nicht kehren, dass er nur wenige gute Tage dabei haben möchte; denn da weiß der liebe Gott schon Rat zu und kann das äußerliche Trübsal mit inniglicher Herzenslust und Freudigkeit des Geistes genugsam ersetzen.

    Die heilige Theologiam studiere in reinern Schulen und auf unverfälschten Universitäten, und hüte dich ja vor Synkretisten, denn sie suchen das Zeitliche und sind weder Gott noch Menschen treu.

    In deinem gemeinen Leben folge nicht böser Gesellschaft, sondern dem Willen und Befehl deines Gottes. Insonderheit 1. tue nichts Böses, in der Hoffnung, es werde heimlich bleiben, denn es wird nichts zu klein gesponnen, es kommt an die Sonnen. 2. Außer deinem Amte und Berufe erzürne dich nicht. Merkst du dann, dass der Zorn dich erhitzet habe, so schweige stockstille und rede nicht eher ein Wort, bis du ernstlich die 10 Gebote und den christlichen Glauben bei dir ausgebetet hast. 3. Der fleischlichen sündlichen Lüste schäme dich, und wenn du dermaleinst zu solchen Jahren kommst, dass du heiraten kannst, so heirate mit Gott und gutem Rat frommer, getreuer und verständiger Leute. 4. Tue Leuten Gutes, ob sie es dir gleich nicht zu vergelten haben, denn was Menschen nicht vergelten können, das hat der Schöpfer des Himmels und der Erden längst vergolten, da er dich erschaffen hat, da er dir seinen lieben Sohn geschenket hat, und da er dich in der heiligen Taufe zu seinem Kinde und Erben auf- und angenommen hat. 5. Den Geiz flieh als die Hölle, lass dir genügen an dem, was du mit Ehren und gutem Gewissen erworben hast, ob es gleich nicht allzu viel ist. Beschert dir aber der liebe Gott ein Mehreres, so bitt ihn, dass er dich vor leidigem Missbrauch des zeitlichen Gutes bewahren wolle. Summa, Bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig, so wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich. Amen.“[63]

 

5. Der Liederdichter der lutherischen Kirche und der Christenheit

5.1. Paul Gerhardt und die kirchliche Dichtung seiner Zeit

    Gerhardt war, wie wir gesehen haben ein Streiter und Dulder für die lutherische Kirche des Kurfürstentums Brandenburg. Seine Meisterschaft aber hat er auf einem anderen Gebiet bewiesen. Gott hatte ihm in hohem Maß die herrliche Gabe verliehen, wahrhaft schöne, wohllautende, lieblich tröstende Lieder zu singen. Seine Lieber haben die Zeiten überdauert, sind „überzeitlich, ja klassisch geworden“.[64] Zu dichten ist nur denen vergönnt, denen es von Gott gegeben ist. Manche haben diese Gaber, aber sie wird leider von ihnen nicht recht gebraucht. Gerhardt aber stellte seine Dichtergabe ganz in den Dienst seines Heilandes, den er von Herzen liebte. Das haben auch einige seiner Zeitgenossen getan, zum Beispiel Johann Heermann, der Dichter des Glaubensliedes „O Gott, du frommer Gott“; Simon Dach, der das schöne Sterbelied „O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen“; Johann Rist, dem wir neben vielen anderen den Heroldsruf zu Advent verdanken „Auf, auf, ihr Reichsgenossen“; Christian Keimann, dessen Lied „Meinen Jesus lass‘ ich nicht“ viel gesungen wurde; Paul Fleming, der einst frommen Herzens das Reiselied sang: „In allen meinen Taten“ und Georg Neumark, der in trüber Zeit das helle Lied anstimmte: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Sie alle haben ihre Harfe zum Preise Gottes und zum Seelentrost der in jenen furchtbaren Schreckensjahren des 30jährigen Krieges seufzenden Christenheit gestimmt. Aber wie wenige ihrer Lieder sind geblieben!

    Die Zeit zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges war geprägt von Erneuerungsbestrebungen in der deutschen Dichtung, geprägt vor allem von Martin Opitz, der 1624 sein „Buch von der deutschen Poeterey“ veröffentlichte und zum Ziel hatte, einer den Romanen und den Niederlanden ebenbürtige deutsche Renaissancedichtung zu schaffen und sich dabei an griechischem und lateinischem Versmaß orientierte. Viele Dichter, wie Johann Heermann, Martin Rinckart, , Johann Rist, Andreas Gryphius folgten ihm. Auch August Buchmüller, Professor der Poesie und Alten Sprachen in Wittenberg, folgte diesen Regeln (s.o.).[65]

    Bei Gerhardts Liedern ist das anders. Ein jedes seiner Lieder, womit er die Festzeiten des Kirchenjahres geschmückt oder die verschiedenen Seiten des christlichen Lebens bedacht hat, ist ein leuchtendes Kleinod und ist im Besitz der Gemeinde geblieben. Daraus kann man auf die Stellung schließen, die Gerhardt unter den frommen Sängern der Kirche einnimmt. Jeder Kirchenliederdichter wird an Luther, dem Vater des Kirchenliedes, gemessen, und bei dieser Nebeneinanderstellung besteht keiner mit größerer Ehre als Paul Gerhardt. Nach Luther hat keiner so schlicht und so schön, so kräftig und so innig das Christenvolk mit seinen Liedern erquickt und gestärkt wie Paul Gerhardt, dieser Fürst unter den kirchlichen Dichtern. Darum ist er, neben Luther, derjenige, von welchem am eisten im Gedächtnis und im Mund der Christen lebt. Dazu haben auch die Melodien beigetragen, die den Text erschließen. In diesem Zusammenhang ist vor allem Johann Crüger zu nennen, der langjährige Kantor an St. Nicolai in Berlin, der zu vielen Gerhardttexten die Melodien gesetzt hat, die dann auch von der Gemeinde angenommen wurden.[66] Schon zu Gerhardts Lebzeiten verbreiteten sich seine Lieder über Brandenburg hinaus. Im Jahr 1656 veröffentlichte Johann Crüger eine Frankfurter Ausgabe seiner „Praxis pietatis melica“, wie das Gesangbuch hieß. Im Dresdner Gesangbuch desselben Jahres standen schon 25 Lieder Paul Gerhardts und in dem von Heinrich Müller 1659 herausgegebenen 53. Auch in Hannover, Lüneburg, selbst der Schweiz, wurden Gerhardt-Lieder gesungen.[67] Paul Gerhardt hat in den Liedern, die er vor 1648 dichtete, immer wieder auch die Kriegsnot aufgegriffen und dargestellt, aber auch das Vertrauen auf Gott in dieser Not und seinen Schutz in all dem Elend, und hat dann auch 1648 den Frieden gefeiert (Gott Lob, nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort).[68]

    Wie mit Johann Crüger, so verband Gerhardt auch mit dessen Nachfolger Johann Georg Ebeling ein freundschaftliches Verhältnis. Ebeling erkannte sogleich die Bedeutung Der Dichtung Paul Gerhardts, sammelte sie und versah sie mit modernen Melodien. Er orientierte sich dabei nicht, wie Crüger, am Genfer Psalter, sondern an der italienischen Soloarie mit lebendigen Rhythmen und bildhaften Tonmalereien, und hat auf dieser Basis zu 120 Liedern Paul Gerhardts die Melodien komponiert, am bekanntesten die für „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“ sowie „Du meine Seele singe“ und hat sie 1666/67 bei Christoph Runge herausgegeben, darunter 26 neue Gerhardt-Lieder. Diese Melodien haben übrigens damals eine Kontroverse ausgelöst, weil nicht wenige meinten, dass dies weltliche Musik sei, die nicht für geistliche Lieder passe. Die Wittenberger Theologen haben sie später verurteilt und am Ende des 17. Jahrhunderts wurden dann die Gesangbücher von diesen Melodien „gereinigt“ (obwohl die Greifswalder theologische Fakultät in einem Gutachten 1699 auch die Melodien gerühmt hatte). Insgesamt haben nur vier der Ebeling’schen Melodien bei Gerhardts Liedern überdauert. Für die anderen waren wohl auch die Crüger’schen Melodien schon zu fest etabliert.[69]

    Von den 133 Gedichten, die 1643-1675 veröffentlicht wurden, haben 54 eine biblische Grundlage, davon sind wieder 26 Umdichtungen von Psalmen, wie ja auch Luther sieben Psalmen seinen Liedern zugrunde legte. Bei den anderen Liedern mit biblischen Grundlagen, hat Paul Gerhardt vor allem alttestamentliche Bibelworte zum Ausgangspunkt genommen. An neutestamentlichen Texten hat er die sieben Worte Jesu am Kreuz, das Begräbnis des HERRN, seine Auferstehung sowie Offenb. 7 verwendet. Anders als die Reformierten, die aufgrund ihres gesetzlichen Schriftverständnisses etwa den Psalmentext so wenig wie möglich verändern in ihren Liedern, dafür aber das Künstlerische zurücksetzen und so der Sprache Gewalt antun, hat die lutherische Kirche in ihrer Liederdichtung die Aussage des Textes im Blick die ins Lied gefasst werden soll. Gerhardt ist sehr unterschiedlich mit dem Text umgegangen, mal sich sehr eng an die Verse haltend, dann wieder sie frei bearbeitend. Dies tritt besonders bei den bekannten Liedern „Befiehl du deine Wege“, „Gib dich zufrieden und sei stille“ und „Ist Gott für mich so trete“ deutlich hervor.[70]

    Wo tritt das Spezifische der lutherischen Theologie bei Gerhardt besonders hervor? Gerade die Lieder „Ist Gott für mich so trete“ und „Also hat Gott die Welt geliebt“ sind Lieder, die die biblische Rechtfertigungslehre, den Kern und Stern biblisch-lutherischer Theologie in besonders prägnanter Weise transportieren. Und die Weihnachtslieder drücken in hervorragender Weise Gottes Liebe zum Sünder aus, eine Liebe, die sich gerade in Christi Menschwerdung ausdrückte. „Nicht ein Schatten von Verdienen- und Erquälenmüssen; Liebe ist das Fundament. Und diese Liebe ist keine Stimmungssache. Sie ist ja geschichtlich verankert, Tatsachen, die eine Tatsache, Jesus spricht sie aus.“[71] Diese Liebe Gottes drückt sich aber nicht nur in Christi Erlösungshandeln aus, sondern auch in dem Wirken Gottes in unserem alltäglichen Leben, in unserer irdischen Umgebung und den Ständen dieses Lebens. Gerade dieser Aspekt tritt in den Liedern Gerhardts immer wieder hervor. Anders als dann im Pietismus kennt ja das Luthertum keine Abneigung gegen das Kreatürliche, Gottes Schöpfung.[72] 

    Gerhardt wusste um die Radikalität und Tiefe der Sünde und Sündenverdorbenheit des Menschen. Gerade das Tauflied „Du Volk, das du getaufet bist“, macht dies deutlich, aber auch andere Lieder. Aber er bleibt in seinen Liedern nicht dabei stehen. Sein Standpunkt ist derjenige der vollbrachten Erlösung, geschehen durch den Mensch gewordenen Gottessohn, der für uns gelitten hat und gestorben ist und durch den, das wusste Paul Gerhardt gewiss, auch er selbst ein Kind Gottes ist.[73] Gottes Gnade hat das geschenkt, Gottes Gnade wirkt auch den Glauben und erhält darinnen, und wirkt so auch das feste Vertrauen, das sich ihm, dem himmlischen Vater, hingibt. All das sind Aspekte des Glaubenslebens, die Gerhardt in seinen Liedern ausgedrückt hat.[74]

 

5.2. Advents- und Christfestlieder

    Lieblich und herrlich, wahrhaft meisterlich besiegt er die großen Taten Gottes zu unserer Erlösung, deren wir an den Festtagen gedenken. Er lebt mit seinem Herzen in der heiligen Geschichte und erzählt sie mit kindlicher Einfalt. Zu Advent begrüßt er den Heiland mit dem Ruf: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn‘ ich dir?“ und preist dann mit den schönsten Worten zur Weihnachtszeit nicht nur das Kindlein in der Krippe, sondern rühmt auch Ursache und Zweck der Menschwerdung des Sohnes Gottes. Da jubiliert er erst für sich selbst:

 

Fröhlich soll mein Herze springen

Diese Zeit, da vor Freud‘

Alle Engel singen.

Hört, hört, wie mit vollen Chören

Alle Luft laute ruft:

Christus ist geboren!

 

Darauf ladet er die armen Sünder ein, sich an der Krippe zu bereichern:

 

Die ihr arm seid und elende,

Kommt herbei, füllet frei

Eures Glaubens Hände.

Hier sind alle guten Gaben

Und das Gold, da ihr sollt

Euer Herz mit laben.

 

    Wozu er in dem Lied „Kommt und lasst und Christus ehren“ auffordert, das macht er selbst und singt, angelehnt auch an das „Zwiegespräch des Kirchenvaters Hieronymus mit dem Kindlein in der Krippe“:

 

Ich steh an deiner Krippen hier,

O Jesulein, mein Leben,

Ich stehe, bring‘ und schenke dir,

Was du mir hast gegeben.

Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,

Herz, Seel‘ und Mut, nimm alles hin

Und lass dir’s wohl gefallen.

 

Weil sein Herz voll inniger Jesusliebe ist, so will es ihm nicht in den Sinn, „dass ein so lieber Stern soll in der Krippen liegen“, darum fährt er fort mit einem Text voll Symbolik[75]:

 

Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu,

Ich will mir Blumen holen,

Dass meines Heilands Lager sei

Auf Rosen und Violen;

Mit Tulpen, Nelken, Rosmarin

Aus frischen Gärten will ich ihn

Von oben her bestreuen.

 

    Wie Freude und Dank über die Geburt des Weltheilands seine Seele erfüllt, hören wir in dem Lied „Schaut, schaut, was ist für Wunder dar?“, in dem es zum Schluss heißt:

 

Dies ist die rechte Freudenzeit.

Weg, Trauern, weg, weg alles Leid!

Trotz dem, der ferner uns verhöhnt,

Gott selbst ist Mensch, wir sind versöhnt.

 

O selig, selig alle Welt

Die sich an dieses Kindlein hält!

Wohl dem, der dieses recht erkennt

Und gläubig seinen Heiland nennt.

 

Es danke Gott, wer danken kann,

Der unser sich so hoch nimmt an

Und sendet aus des Himmels Thron

Uns, seinen Feinden, seinen Sohn.

 

    Nimmt man noch die anderen Lieder hinzu: „O Jesu Christ, dein Kripplein ist mein Paradies“ und: „Wir singen dir, Immanuel“, beide voller Weihnachtsgedanken, in die jeder Christ einstimmen kann und soll, so wird die Fülle seiner Gedanken und die Schönheit seiner Dichtung zu diesem Fest so recht deutlich.

 

    Das Fest der Beschneidung, zugleich das Neujahrsfest, hat unser Dichter mit zwei Liedern bekränzt: „Warum machet solche Schmerzen“ und „Nun lasst uns gehn und treten“. In dem letzteren ist nichts vergessen, was ein Christ für seine Mitchristen von Gott erbitten und ihnen, in was für Nöten sie sich auch befinden mögen, Gutes wünschen kann.

 

5.3. Passionslieder

    Unter den Passionsgesängen sind vier, ohne die wir uns die Passionszeit gar nicht mehr denken können. Dahin gehören die drei, die uns unter das Kreuz Christi stellen: „O Welt, sieh hier dein Leben“, „Sei mir tausendmal gegrüßet“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“. In dem vierten Lied singt Gerhardt so innig (Aus: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“):

 

Das Lämmlein ist der große Freund

Und Heiland meiner Seelen;

Den, den hat Gott zum Sündenfeind

Und Sühner wollen wählen.

Geh hin, mein Kind, und nimm dich an

Der Kinder, die ich ausgetan

Zur Straf und Zornesruten.

 

Darauf lässt der Dichter den gehorsamen Sohn des Vaters antworten:

 

Ja, Vater ja, von Herzensgrund,

Leg auf, ich will dir’s tragen.

Mein Wollen hängt an deinem Mund,

Mein Wirken ist dein Sagen.

 

Das macht, dass der Dichter in Verwunderung ausruft:

 

O Wunderlieb, o Liebesmacht!

Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,

Gott seinen Sohn abzwingen.

O Liebe, Liebe, du bist stark,

Du streckest den ins Grab und Sarg,

Vor dem die Felsen springen.

 

Dabei ist dieses Lied nicht ein reines Passionslied, sondern zugleich auch eine erweiterte Ausführung und Auslegung des Agnus Dei aus der Abendmahlsliturgie.[76] Dabei beschreibt Gerhardt in den ersten vier Strophen Christi Leiden und Sterben am Kreuz, die Strophen fünf und sechs dann das liebende Gedenken des Christen, währen die Strophen 7-10 Blick und Gedanken auf das heilige Abendmahl und dessen Nutzen für das christliche Leben richten. Es gilt ja zu bedenken, dass die Erinnerung an Christi Leiden und Sterben aufs engste mit dem heiligen Abendmahl verbunden ist, was sich schon aus Jesu Worten „Solches tut zu meinem Gedächtnis“ ergibt, und auch in den alten liturgischen Texten, vor allem der Ostkirche, einen breiten Raum einnimmt (Anamnese). Dabei zieht sich das von Jesus Christus für uns vergossene „purpurrote Blut“ wie ein roter Faden durch dieses Lied, vom Leiden Christi zu der Gabe (neben Christi Leib unter dem Brot) im heiligen Abendmahl und schließlich dem Unterpfand, mit dem der gläubige Sünder einst vor Gottes Thron tritt.[77]

 

    Unserem Sänger ist das Bild des leidenden Heilands tief eingeprägt, und er erkennt in dem Duldenden den Sohn Gottes, der für unsere Missetat leidet. Dieses Bekenntnis zu unserer Schuld, zur jeweils persönlichen Schuld legt er gerade in „O Haupt voll Blut und Wunden“ in der vierten Strophe dar. Diesen Heiland ergreift er im Glauben und schwingt sich mit ihm über Sünde, Tod, Hölle und Teufel hinweg in das Ehrenreich und spricht voller Zuversicht, die Gott gewirkt hat:

 

Wenn endlich ich soll treten ein

In deines Reiches Freuden,

So soll dies Blut mein Purpur sein,

Ich will mich darin kleiden.

Es soll sein meines Hauptes Kron‘,

In welcher ich will vor den Thron

Des höchsten Vaters gehen.

 

Dabei hat Paul Gerhardt die alte Mystik nicht einfach übernommen, sondern sie umgestaltet, wie auch die Lieder, damit sie der klaren biblisch-reformatorischen Aussage umso deutlich Ausdruck verleihen.[78] Wir finden ja überhaupt vielerlei Rückgriffe auf Gedankengänge der Mystik, besonders Bernhards von Clairvaux, in der Dichtung Gerhardts, teilweise auch vermittelt durch Arndts „Paradiesgärtlein“. Ausdrücke wie „süß“, „Süßigkeit“, „Schönster“ und andere dürfen dabei nicht emotional oder gefühlsbetont verstanden werden. Es geht vielmehr um ein unmittelbares, direktes Verhältnis zu dem in Jesus von Nazareth Mensch gewordenen Gott, eben zu Jesus, wie uns von ihm die Evangelien berichten. Auch das Motiv der Sonne greift Paul Gerhardt immer wieder auf, wobei sie, wie in dem Morgenlied „Die güldne Sonne“, durchaus einerseits wörtlich gemeint ist, andererseits aber stets auch mitklingt, dass für die Kirche des HERRN Jesus Christus die wahre, ewige Sonne ist. Besonders die letzte Strophe dieses Liedes macht das deutlich.[79] Er verliert sich dabei nicht im Natürlichen, Kreatürlichen, sondern hat immer den Schöpfer vor Augen und sieht in der Natur vor allem ein Abbild der künftigen Herrlichkeit. Paul Gerhardt war und blieb lutherischer Theologie und unterschied sich daher grundsätzlich von den Mystikern.[80]

    Für seine Passionsgesänge hat Gerhardt auch altes Gold aus dem Schatz der Kirche hervorgeholt und es dem Volk in seine Sprache umgeprägt. So übersetzte er die sieben Passionssalven, die Hymnen des Abts Arnulf von Löwen, der sich an die Predigten Bernhards von Clairvaux über das Hohelied der Liebe angeschlossen hatte, mit welchen dieser die Gliedmaßen des leidenden Erlösers besang. Unter diesen Salven, das ist, Grüßen, befindet sich das bekannte Lied. „O Haupt voll Blut und Wunden“, das mit seiner Betonung des Hauptes über Karfreitag hinausweist und von der Auferstehung her ein Licht auf die Kreuzigung fallen lässt.[81] Viel tausend Seelen haben dieses Lied zu ihrer Erbauung und ihrem Trost gesungen. Sie haben mit dem Liederdichter in Jesus ihren Stellvertreter erblickt und haben mit ihm ausgerufen:

 

Nun, was du HERR erduldet,

Ist alles meine Last;

Ich hab‘ es selbst verschuldet,

Was du getragen hast.

Schau her, hier steh‘ ich Armer,

Der Zorn verdienet hat;

Gib mir, o mein Erbarmer,

Den Anblick deiner Gnad‘.

 

Mancher sterbende Christ hat die Schluss-Strophen zu seinem letzten Gebetsseufzer gemacht und gesprochen:

 

Wenn ich einmal soll scheiden,

So scheide nicht von mir;

Wenn ich den Tod soll leiden,

So tritt du dann herfür;

Wenn mir am allerbängsten

Wird um das Herze sein,

So reiß mich aus den Ängsten

Kraft deiner Angst und Pein.

 

Erscheine mir zum Schilde,

Zum Trost in meinem Tod,

Und lass mich sehn dein Bilde

In der Kreuzesnot.

Da will ich nach dir blicken,

Da will ich glaubensvoll

Dich fest an mein Herz drücken:

Wer so stirbt, der stirbt wohl.

 

Die „Meditatones sanctorum patrum“ von Martin Moller hat Paul Gerhardt vielleicht schon in Grimma kennen gelernt, die eben auch das große „Passionssalve“ enthalten „Sei mir tausendmal gegrüßet“, eine Meditation über das Kreuz Christi, die voll inniger Jesusliebe ist. Jede Strophe dieses Zyklus beginnt mit den Worten „Sei gegrüßt!“ (Salve) und richtet sich an den gekreuzigten Christus, die Füße, die Knie, die Hände, die Seite, die Brust, das Herz und das Haupt. Außer „O Haupt voll Blut und Wunden“ (aus der letzten Strophe des Zyklus erwachsen) ist daraus dann (aus der ersten Strophe Arnulfs) auch das Lied „Sei mir tausendmal gegrüßet“ entstanden, in dem Gerhardt den leidenden Christus am Kreuz anbetet – und das zugleich Ausdruck herzlicher Jesusliebe ist und geradezu vor dem Kreuz kniend die Füße des Heilandes umfasst.[82]

 

5.4. Lieder zum Auferstehungsfest und zu Pfingsten

    So, wie Gerhardt seines HERRN Leiden meisterhaft dargestellt hat, so hat er auch den Auferstehungssieg mit wahrer Jubelwonne gepriesen. Herzlich demütig und doch so selig siegesgewiss singt er:

 

Auf, auf, mein Herz mit Freuden!

Nimm wahr, was heut‘ geschieht –

Wie kommt nach großem Leiden

Nun so ein großes Licht!

Mein Heiland war gelegt,

Da, wo man uns hinträgt,

Wenn von uns unser Geist

Gen Himmel ist gereist.

 

Er war ins Grab gesenket;

Der Feind trieb groß Geschrei.

Eh er’s vermeint und denket,

Ist Christus wieder frei

Und ruft: Viktoria!

Schwingt fröhlich hier und da

Sein Fähnlein als ein Held,

Der Feld und Mut behält.

 

    Nachdem Gerhardt dann Frucht und Nutzen der Auferstehung Christi in den folgenden Strophen dargelegt hat, fasst er, nach seiner Gewohnheit, das letzte Ziel ins Auge und jubelt:

 

Er bringt mich an die Pforte,

Die in den Himmel führt,

Daran mit güldnen Worten

Der Reim gelesen wird:

Wer dort wir mit verhöhnt,

Wird hier auch mit gekrönt;

Wer dort mit sterben geht,

Wird hier auch mit erhöht.

 

    Auch das Werk des Heiligen Geistes an den Erlösten wird von Gerhardt besungen in den Liedern: „Gott Vater, sende deinen Geist“ und „Zieh ein zu meinen Toren“. Die ganze heilige Dreieinigkeit ehrt er in dem Lied: „Was alle Weisheit in der Welt“.

    Dieser flüchtige Einblick in Gerhardts Festlieder zeigt uns, dass es Christuslieder sind: Person und Werk des Heilands ist das A und O, der Kern und Stern. Das gilt aber auch von allen andern Liedern Gerhardts.

 

5.5. Lieder als Lobpreis der Erlösungstat Jesu Christi

    Von den Taten Gottes zu unserer Erlösung redet Paul Gerhardt in seinen Festliedern wie, außer Luther, kein Deutscher vor und nach ihm. Nun soll ein Bild des inwendigen Menschen unseres Dichters aus seinen Liedern entworfen werden; freilich kann es kein vollständig ausgeführtes Bild sein, nur mehr ein Bild in Grundlinien.

    Gerhardt ist ein Christ durch und durch, und zwar ein Christ reinen und festen lutherischen Bekenntnisses, ein echter Schüler Luthers und ein treuer Sohn der Reformation. Daher ist das Wort Gottes ihm der eine Grund, auf dem sein Glaube steht, das Element, in welchem er leibt und lebt, der Born, aus welchem seine Lieder fließen. Das hören wir aus seinem „Schwing dich auf zu deinem Gott“, wo er bekennt:

 

Was sind der Propheten Wort

Und Apostel Schreiben

Als ein Licht am dunklen Ort,

Fackeln, die vertreiben

Meines Herzens Finsternis

Und in Glaubenssachen

Das Gewissen fein gewiss

Und recht grundfest machen.

 

Nun, auf diesen heil’gen Grund

Bau‘ ich mein Gemüte,

Sehe, wie der Höllenhund

Zwar dawider wüte;

Gleichwohl muss er lassen stehn,

Was Gott aufgerichtet;

Aber schändlich muss vergehn,

Was er selber dichtet.

 

    Alle Haupt- und Grundlehren unserer Kirche bekennt er mit aller Bestimmtheit; so die Lehre von der heiligen Dreieinigkeit in dem Lied „Was alle Weisheit in der Welt“; die Lehre von dem natürlichen Verderben des menschlichen Herzens mit den stärksten Worten in seinem Tauflied „Du Volk, das du getaufet bist“:

 

Du warst, noch eh‘ du wurd’st geborn

Und eh‘ du Milch gesogen,

Verdammt, verstoßen und verlor’n,

Darum, dass du gezogen

Aus deiner Eltern Fleisch und Blut

Ein‘ Art, die sich vom höchsten Gut,

Dem ew’gen Gott, stets wendet.

 

    Wie tief sein Sündenbewusstssein ist, zeigt er mit den Worten an (aus „O Welt, sieh hier dein Leben“):

 

Ich, ich und meine Sünden,

Die sich wie Körnlein finden

Des Sandes an dem Meer,

Die haben dir erreget

Das Elend, das dich schläget,

Und das betrübte Marterheer.

 

Ich bin’s, ich sollte büßen,

An Händen und an Füßen

Gebunden in der Höll‘;

Die Geißeln und die Banden

Und was du ausgestanden,

Das hat verdienet meine Seel‘.

 

    Ebenso klar und gewiss ist ihm aber auch die für alle Menschen und alle Zeiten geltende Erlösung. Gott ist ihm der heilige und gerechte Gott, der die Sünde strafen muss; aber er hat auch, wie es in seinem Lied „Weg, mein Herz, mit dem Gedanken“ heißt:

 

      einen Vatersinn,

Unser Jammer jammert ihn,

Unser Unglück ist sein Schmerze,

Unser Sterben kränkt sein Herze.

 

    Wie Gott aus Erbarmen mit der verlorenen Sünderwelt ihr seinen einigen Sohn „zum Sündenfeind und Sühner“ gegeben hat, wie Christi Leiden ein stellvertretendes gewesen ist, und wie Christi Verdienst nun für jeden, der es in Buße und Glauben sich zueignet, ein vollgültiges ist, das steht vornehmlich in den Passionsgesängen; und dass die Gnade Gottes größer ist als aller Welt Sünde, hören wir aus einem seiner Kreuz- und Trostlieder:

 

Wären tausend Welt‘ zu finden,

Von dem Höchsten zugericht’t,

Und du hättest alle Sünden,

Die darinnen sind, verricht’t,

Wär‘ es viel, doch lange nicht

So viel, dass das volle Licht

Seiner Gnaden hier auf Erden

Dadurch könnt‘ erlöschet werden.

 

    Diese selige Zuversicht seiner gewissen Versöhnung durch Christi Blut ist der Grund, auf dem er ohne Wanken steht, sein höchster Schatz, gegen den ihm die ganze Welt nichts gilt, der Quell seines Trostes in aller Not, seiner hohen Freudigkeit, seiner herzlichen Demut und seines wunderbaren Mutes, der Keim, aus welchem die Fülle christlicher Tugenden hervorsprießt, die ihn zu einer Zierde unserer Kirche machen. Sein heil ruht nicht in ihm, sondern allein in Christus. Wohl haben andere Liederdichter diese Heilsgewissheit auch ausgesprochen, zum Beispiel in den Liedern: „Ich habe nun den Grund gefunden“ und: „Ich weiß, an wen ich glaube“, aber die Palme unter diesen Liedern gebührt dem Hochgesang der Heilsgewissheit: „Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich“, ein Lied, in welchem der Sänger trotzig den Feinden und Fürsten, der Welt und dem Teufel die Stirn bietet. Da heißt es auch:

 

Der Grund, da ich mich gründe,

Ist Christus und sein Blut;

Das machet, dass ich finde,

Das ew’ge wahre Gut.

An mir und meinem Leben

Ist nichts auf dieser Erd‘,

Was Christus mir gegeben,

Das ist der Liebe wert.

 

Damit gibt Gerhardt die Quelle an, aus welcher seine innige, dankbare Liebe zu Gott, seinem Heiland, fließt, eine Liebe, die sein Herz so erfüllt, dass er in einem Lied fragen kann: „Was ist’s, o Schönster, das ich nicht in deiner Liebe habe?“ und dann fortfährt:

 

Gib, dass sonst nichts in meiner Seel‘

Als deine Liebe wohne;

Gib, dass ich deine Lieb‘ erwähl‘

Als meinen Schatz und Krone.

Stoß alles aus, nimm alles hin,

Was mich und dich will trennen

Und  nicht gönnen,

Dass all mein Mut und Sinn

In deiner Liebe brennen.

 

    Die Gewissheit der Gnade Gottes macht seine Seele still, auch im Leid, und in dieser Geduld ruft er sich zu:

 

Befiehl du deine Wege

Und was dein Herze kränkt,

Der allertreusten Pflege

Des, der den Himmel lenkt.

 

Dieses Lied gehört mit zu den bekanntesten Dichtungen Paul Gerhardts überhaupt und gründet fest in der lutherischen Theologie, wie er sie in Wittenberg und besonders in Hutters Compendium gelernt hat. Dort ist im Kapitel über die Vorsehung oder Weltregierung Gottes auch dargelegt, wie Gott Sorge trägt für alles von ihm Erschaffene, besonders aber für seine Gläubigen.[83] Gerhardt griff dabei eine dichterische Figur der Antike auf, die auch im Barock gerne verwendet wurde, das Aktrostichon, hier als Spruchakrostichon: Dabei entsteht aus den jeweils ersten Worten der Strophen ein bekannter Spruch; in diesem Lied: Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen (Ps. 37,5), wobei er in der zweiten und zehnten Strophe allerdings jeweils zwei Wörter zusammenfasst. Paul Gerhardt legt mit diesem Lied diesen Vers aus: Erst geht er auf die allgemeine Vorsehung ein (Vers 1), aus der der Christ die Zuversicht ziehen soll, dass der allmächtige Gott sich auch seines Lebens annehmen kann; dann denkt der Christ in den Strophen 2-5 betend der göttlichen Vorsehung nach, um dann in Strophe 6-8 auf die christliche Hoffnung zu verweisen, mit der Gewissheit, dass Gott alles zum Besten hinausführen wird, selbst wenn es zuweilen anders scheint und durch schweres Leid und Nöte geht.[84] Paul Gerhardt war sich aufgrund der Bibel bewusst, dass Gott das Regiment, die Weltregierung, in Händen hält und daher auch Leiden göttliche Fügung waren, wodurch der HERR zur Buße, Sinnesänderung, erneutem Ergreifen der Gnade in Christus führen will. So sollen wir immer christusförmiger werden. Dabei weiß Gerhardt um die Vergänglichkeit alles Irdischen und wie wir deshalb in allem den Blick in die Ewigkeit erheben sollen. Auch der Tod, so schmerzhaft gerade der Tod näherer Angehöriger sein kann, ist ja letztlich für den an Christus Gläubigen nur eine wichtige Station auf dem Weg in die Herrlichkeit bei dem Heiland.[85]

 

5.6. Der Alltag vor Gott im Lied

    Mit seinem Heiland steht er in regem Verkehr durch das Gebet. Den Morgen fängt er an mit: „Wach auf, mein Herz, und singe!“ und den Abend beschließt er mit: „Breit‘ aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude!“ (aus: Nun ruhen alle Wälder) und in dieses Gebet schließt er auch andere ein:

 

Auch euch, ihr meine Lieben,

Sollt heute nicht betrüben

Ein Unglück noch Gefahr.

 

Auch der Alltag mit seiner Arbeit wird in der Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott gelebt, Glaube und Frömmigkeit, Glaube und christliches Leben sind für ihn keine Gegensätze, sondern gehören, ganz biblisch und gut lutherisch, zusammen. Im Gebet erfleht er sich Glück und Segen, denn, spricht er:

 

Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun

Und Werk‘ in deinem Willen ruhn;

Von dir kommt Glück und Segen.

 

    Gerhardts Christentum erweist sich also in all den verschiedenen Seiten des menschlichen Lebens. Die Erkenntnis der Liebe des Vaters in dem Sohn hat ihm das Auge hell und das Herz weit gemacht für die Wunder Gottes in der Natur, wie es in dem Lied seinen Ausdruck findet:

 

Groß ist der HERR und mächtig,

Groß ist auch, was er macht;

Wer aufmerkt und andächtig

Nimmt seine Werk‘ in Acht,

Hat eitel Lust daran.

Was seine Weisheit setzet

Und ordnet, das ergötzet

Und ist sehr wohl getan.

 

Er freut sich an der Natur und an den Erdengaben. Gerade das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit“, angelehnt an Psalm 104, macht dies deutlich, aber auch, wie ihm die Natur dabei auch immer wieder ein Spiegel ist für Christi wahres Reich, vor allem die einstige Herrlichkeit, wie es besonders die Strophen 9-15 zeigen, während die Strophen 1-7 den Blick auf Gottes Natur wiedergeben und Strophe 8, als Mitte, den Übergang markiert zum umfassenden Gotteslob.[86]

 

Ach, denk ich, bist du hier so schön

Und lässt du‘s uns so lieblich gehn

Auf dieser armen Erden,

    Was will doch wohl nach dieser Welt

Dort in dem reichen Himmelszelt

Und güldnen Schlosse werden!

 

Welch hohe Lust, welch heller Schein

Wird wohl in Christi Garten sein!

Wie muss es da wohl klingen,

    Da so viel tausend Seraphim

Mit unverdrossnem Mund und Stimm

Ihr Halleluja singen![87]

 

Aber dabei behält er den Hauptschatz in seinem Herzen, das ist „der HERR, der aller Enden regiert mit seinen Händen“. Hat er den, dann hat er genug. Ja, bei dem Mangel an irdischen Gütern fühlt er sich umso reicher in Gott; im Besitz himmlischer Güter ruft er triumphierend aus:

 

Warum sollt‘ ich mich denn grämen?

Hab‘ ich doch Christus noch,

Wer will mir den nehmen?

 

Solang‘ ich diesen habe,

Fehlt mir’s an keiner Gabe;

Der Reichtum seiner Fülle

Gibt mir die Füll‘ und Hülle.

 

    Wie er in dem rechten Verhältnis zu seinem Gott steht, so hat er auch die rechte Stellung zur Welt. Er kennt die Welt, vor allem ihre Eitelkeit, und fragt: „Was sind dieses Lebens Güter?“ und antwortet: „Eine Hand voller Sand, Kummer der Gemüter“. Die Feindschaft der Welt erfährt er reichlich, ihre Bosheit kränkt ihn schwer, aber er bittet:

 

Wenn böse Zungen stechen,

Mir Glimpf und Namen brechen,

So will ich zähmen mich;

Das Unrecht will ich dulden,

Dem Nächsten seine Schulden

Verzeihen gern und williglich.

 

    Paul Gerhardt hat das Elend und die Not des Dreißigjährigen Krieges selbst miterlebt. Umso mehr ist er froh, als dieser 1648 in Münster und Osnabrück mit dem Westfälischen Frieden beendet wurde, und dankte dem HERRN dafür mit dem Lied: „Gott Lob! Nun ist erschollen/ Das edle Fried- und Freudenwort“.[88] Dabei hat er den Krieg mit seinem Grauen, seinen Schrecken klar als Ausdruck von Gottes Zorn und Strafe erfasst für die Bosheit der Menschen, die nicht Buße tun wollen. Der irdische Friede, wie er nun geschlossen worden war, ist nur ein Zeichen, ein Hinweis auf den ewigen Frieden, den Gott den Menschen in Christus bereitet hat.[89]

 

    Will man sein Vaterherz sehen, so muss man nur das Lied beim Tode seines Sohnes lesen: „Du bist zwar mein und bleibest mein“. Auch fehlt es nicht an Liedern, die uns einen Blick in sein häusliches Leben tun lassen, an Liedern, in denen er das Lob christlicher Frauen singt und das Bild eines gesegneten Ehestandes lieblich vor die Augen malt. Dass er ein guter Bürger und Untertan ist, der die Not seines Vaterlands zu seiner eigenen macht, schließen wir aus seiner Bitte in seinem Neujahrslied:

 

Schließ zu die Jammerpforten

Und lass an allen Orten

Auf so viel Blutvergießen

Die Freudenströme fließen.

 

Im Pfingstlied bittet er:

 

Erhebe dich und steure

Dem Herzleid auf der Erd‘,

Bring wieder und erneure

Die Wohlfahrt deiner Herd‘.

Lass blühen, wie zuvorn,

Die Länder, so verheeret,

Die Kirchen, so zerstöret

Durch Krieg und Feuerszorn.

 

    Schließlich sei noch auf den Zug in Gerhardts Bild hingewiesen, den man den Grundton seines Herzens und den schönsten Schmuck seines Wesens nennen darf, nämlich seine Fröhlichkeit. Er ist frohen Muts und kann nicht traurig sein. Er ist mit Gott versöhnt, darum hat er Ursache, sich zu freuen und fröhlich zu sein. Bei solch fröhlichem Glauben muss sich alles Klagen in Lob und Dank verwandeln; darum fordert er auch: „Nun danket all‘ und bringet Ehr!“ Diese Fröhlichkeit besitzt er in einem so hohen Maß, wie wir sie nicht oft finden. Davon zeugen seine Lob- und Danklieder. Mit seinem eigenen Beispiel geht er voran in dem Lieb „Ich singe dir mit Herz und Mund“. Wenn er die Gnadentaten Gottes betrachtet, so hebt er an: „Sollt‘ ich meinem Gott nicht singen, sollt‘ ich ihm nicht fröhlich sein?“ Das Weihnachtswunder betrachtet er anbetend und ruft aus: „Fröhlich soll mein Herze springen“. Wenn er sich im Genuss der Liebe Gottes so recht selig fühlt, singt er: „Wohlauf, mein Herze, sing und spring!“ und wenn alles gegen ihn tritt, gilt bei ihm:

 

Mein Herze geht in Sprüngen

Und kann nicht traurig sein,

Ist voller Freud‘ und Singen,

Sieht lauter Sonnenschein.

Die Sonne, die mir lachet,

Ist mein HERR Jesus Christ:

Das, was mich singend machet,

Ist, was im Himmel ist.

 

Daraus erkennt man, dass sein Glaubensstand ein Freudenstand ist. Seine Fröhlichkeit macht, dass er in seinem Wesen freundlich ist, dass er sich willig in Gottes Wunderwege ergibt. Die Fröhlichkeit macht ihn geduldig in großer Trübsal, dass er ruhig auf Tod und Grab schaut und sagen kann:

 

Sünd‘ und Hölle mag sich grämen,

Tod und Teufel mag sich schämen:

Wir, die unser Heil annehmen,

Werfen aller Kummer hin.

 

Und wenn doch einmal Traurigkeit und Schwermut über ihn kommt, so rafft er sich auf und singt das „Halleluja unter Tränen“: „Schwing dich auf zu deinem Gott!“ – und die Fröhlichkeit ist wieder da. Diese Fröhlichkeit macht, dass er überall mit Vorliebe bei der Sonnenseite des Lebens verweilt, wie uns das ganz besonders aus seinen Kreuz- und Trostliedern entgegentritt. Und diese Fröhlichkeit findet sich bei einem Mann, der von sich sagen konnte:

 

Was ist mein ganzes Wesen

Von meiner Jugend an

Als Müh und Not gewesen?

Solang‘ ich denken kann,

Hab‘ ich so manchen Morgen,

So manche liebe Nacht

Mit Kummer und mit Sorgen

Des Herzens zugebracht.

 

Paul Gerhardt lebte unter Verhältnissen, hat jemand gesagt, dass er viel mehr Ursache zum Heulen als zum Singen hatte. Daher tritt es hier zutage, was der rechte Glaube ist und gibt, wie er und er allein aus armen Sündern schon hier auf Erden Menschen Gottes macht, in denen alles fröhlich ist. Darum hat man ihn auch den „großen Tröster“ unter den Liederdichtern des 17. Jahrhunderts genannt.[90] So stand denn Gerhardt als eine helle Leuchte in dunkler Zeit, „unverzagt und ohne Grauen“, voll großer Freude und herrlichen Muts als ein Kind des Friedens, als ein mannhafter Kämpfer für seinen Glauben da, und so steht er durch Gottes Gnade noch heute da.

    Für seinen einzigen ihn überlebenden Sohn hinterließ Paul Gerhardt ein Testament, welches er mit der Mahnung schließt: „Summa, bete fleißig, studiere etwas Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe im Glauben und Bekenntnis beständig, so wirst du auch einmal sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich, selig.“ Dass er selbst so starb, dafür ist Zeugnis, dass, als er den Tod nahen fühlte, er sich und die Seinen mit den Worten tröstete:

 

Kann uns doch kein Tod je töten,

Sondern reißt unsern Geist

Aus viel tausend Nöten,

Schließt das Tor der bittern Leiden

Und macht Bahn, da man kann

Gehn zur Himmelsfreuden.

 

„Wer so stirbt, der stirbt wohl!“



[1] Dieser Kurzbiographie liegt als Ausgangspunkt der Text im „Lutheraner“- 63. Jg. St. Louis: Concordia Publishing House. 1907, S. 51 ff. zugrunde.

[2] vgl. Gerhard Rödding: Warum sollt ich mich denn grämen. Neukirchen-Vluyn: Aussaat-Verl. 2006. S. 12.15-16

[3] vgl. Christian Bunners: Paul Gerhardt. Berlin: Buchverl. Union 1993. S. 25

[4] vgl. Rödding, a.a.O., S. 18

[5] vgl. Hermann Petrich: Paul Gerhardt. Gütersloh: C. Bertelsmann. 1914. S. 11

[6] vgl. Rödding, a.a.O., S. 18 f.

[7] vgl. ebd. S. 16 f.

[8] vgl. Bunners, a.a.O., S. 26 f.

[9] vgl. Rödding, a.a.O., S. 20

[10] vgl. ebd. S. 22-24; Petrich, a.a.O., S. 25 f.. St. Afra in Meißen und Schulpforta, heute in Sachsen-Anhalt gelegen, bestehen als besonders herausragende Schulen bis heute. Die Schule in Grimma dagegen nicht; sie ist heute ein normales kommunales Gymnasium. Vgl. Rödding, a.a.O., S. 24.

[11] vgl. ebd. S. 24 f.; Petrich, a.a.O:, S. 26

[12] vgl. Rödding, a.a.O., S. 26 f.; Petrich, a.a.O., S. 27; Bunners, a.a.O., S. 29 f.

[13] vgl. Rödding, a.a.O., S. 28

[14] vgl. ebd. S. 28 f. Hutters Werk nach der Übersetzung von Carl Emil Francke von 1837 wurde überarbeitet, erweitert und neu herausgegeben von Roland Sckerl unter dem Titel: Leitfaden des christlichen Glaubens. Durmersheim 2015.

[15] Vgl. dazu: Hans Besch: Johann Sebastian Bach – Frömmigkeit und Glaube. Bd. 1. 2. Aufl. Kassel, Basel: Bärenreiter-Verl. 1949; Bunners, a.a.O., S. 34

[16] vgl. Besch, a.a.O., S. 30

[17] vgl. Bunners, a.a.O., S. 34 f.

[18] vgl. Besch, a.a.O., S. 31; Petrich, a.a.O., S. 28

[19] vgl. Rödding, a.a.O., S. 31 f.

[20] vgl. Petrich, a.a.O., S. 40 f.

[21] vgl. ebd. S. 42

[22] vgl. Rödding, a.a.O., S. 38 f.

[23] vgl. Petrich, a.a.O., S. 46 f.

[24] vgl. Rödding, a.a.O., S. 39 f.

[25] vgl. ebd. S. 41 f.

[26] vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_R%C3%B6ber ; Rödding, a.a.O., S. 43 f.

[27] vgl. Rödding, a.a.O., S. 44-46; Bunners, a.a.O., S. 40-44

[28] vgl. Rödding, a.a.O., S. 47 f.

[29] vgl. ebd. S. 40

[30] vgl. ebd. S. 48-50

[31] vgl. Petrich, a.a.O., S. 63. 97 ff.

[32] vgl. Rödding, a.a.O., S. 62

[33] Der Tag für den Prediger begann um 6.00 Uhr mit Lesung und Gebet; um 7.00 Uhr war die Frühpredigt, die bis zu einer Stunde dauerte; um 15.00 Uhr sang die Kantorei des Grauen Klosters die Vesper mit deutschen Liedern und lateinischen Psalmen. Am Samstag und Sonntag war die Beichte zu hören. Am Sonntag ist das Frühgebet schon um 5.30 Uhr angesetzt, zu dem jeder, der nur irgend konnte, erscheinen musste. Der Sonntagvormittag war vom Hauptgottesdienst ausgefüllt, beginnend um 7.30 Uhr; am Nachmittag stand nochmals ein Gottesdienst an. Vgl. Rödding, a.a.O., S. 64 f.

[34] vgl. ebd. S. 69-74

[35] vgl. ebd. S. 74 f. Es ist zu bedenken, dass, es ist erst die Anfangszeit des Absolutismus, noch nicht alles und jedes obrigkeitlich oder vom Konsistorium geregelt wurde. So gab es auch kein von einer Kirchenleitung vorgeschriebenes Gesangbuch. Geregelt wurde nur das, was unbedingt nötig war. Daher konnten sozusagen von privater Seite Gesangbücher herausgegeben werden, die dann ihren Weg in die Gemeinden fanden. Vgl. ebd. S. 74.

[36] vgl. Petrich, a.a.O,, S. 70-72

[37] vgl. Bunners, a.a.O., S. 55 f.

[38] vgl. Rödding, a.a.O., S. 160 f.; Petrich, a.a.O., S. 88

[39] vgl. Rödding, a.a.O., S. 163

[40] vgl. Bunners, a.a.O., S. 62 (er zitiert dabei Petrich, a.a.O.)

[41] vgl. Rödding, a.a.O., S. 167-171

[42] vgl. Petrich, a.a.O., S. 90 f.; Bunners, a.a.O., S. 60 f.

[43] vgl. Petrich, a.a.O., S. 110

[44] vgl. Bunners, a.a.O., S. 60

[45] vgl. Petrich, a.a.O., S. 96 f.

[46] vgl. ebd. S. 102 f.

[47] vgl. Rödding, a.a.O., S. 206-209

[48] Die reformierte Religion galt im frühen 17. Jahrhundert als „modern“, da sie als „rational“ galt, das Tun des Menschen betonte und so „zukunftsträchtig“ schien, vor allem im Blick auf die Bildung zentralistischer und absolutistischer Gebilde, wie es dann gerade in Brandenburg-Preußen der Fall war. Vgl. Bunners, a.a.O., S. 75

[49] vgl. ebd. S. 182

[50] vgl. Petrich, a.a.O., S. 125 f.

[51] vgl. Rödding, a.a.O., S. 188 f.

[52] vgl. ebd. S. 213

[53] vgl. ebd. S. 213 f.

[54] vgl. ebd. S. 218

[55] vgl. ebd. S. 221 f.

[56] vgl. ebd. S. 224 f.

[57] vgl. ebd. S. 232 f.

[58] vgl. ebd. S. 241-243

[59] vgl. Bunners, a.a.O., S. 119

[60] vgl. ebd. S. 118

[61] vgl. Rödding, a.a.O., S. 249 f.

[62] vgl. ebd. S. 252. 1716 starb Paul Friedrich Gerhardt wohl in Berlin. Vgl. ebd. S. 255

[63] vgl. ebd. S. 253 f.

[64] vgl. ebd. S. 8

[65] vgl. Petrich, a.a.O., S. 49-50

[66] vgl. Rödding, a.a.O., S. 9. Wie sehr die Gerhardt-Lieder angenommen wurden zeigt die Tatsache, dass das von der Kurfürstin Luise Henriette initiierte reformierte Gesangbuch, das 1653 bei Runge erschien, einerseits die sonst übliche reformierte Polemik unterließ, andererseits aber 37 Gerhardt-Lieder aufnahm und so auch unionistischen Zielen Vorschub leisten sollte. Vgl. Petrich, a.a.O., S. 98

[67] vgl. Rödding,a.a.O., S. 197

[68] vgl. Petrich, a.a.O., S. 100 f.

[69] vgl. Rödding, a.a.O., S. 201-204

[70] vgl. Petrich, a.a.O., S. 200-205

[71] Paul Wernle: Paulus Gerhardt. Tübingen 1907. S. 34; in: Petrich, a.a.O., S. 339, Anm. 361

[72] vgl. Petrich, a.a.O., S. 235 f.

[73] vgl. ebd. S. 238-241. 248

[74] vgl. ebd. S. 248 f.

[75] Die Rose ist neben der Lilie die Blume für die Gottesmutter Maria und steht für die Liebe; die Viole mit ihrer violetten Farbe für Demut und Buße (so auch die liturgische Farbe für Advents- und Passionszeit); Nelke und Rosmarin mit ihrem Duft für die göttlichen Kräfte gegen das Böse; die Tulpe für das sagenhaft Wertvolle. Sie war gerade erst in Europa bekannt geworden und zunächst nur für Fürsten bezahlbar. Vgl. Rödding, a.a.O., S. 113

[76] vgl. ebd. S. 124

[77] vgl. ebd. S. 127-130

[78] vgl. ebd. S. 92 f.

[79] vgl. ebd. S. 140.141.144

[80] vgl. ebd. S. 145 f.

[81] vgl. ebd. S. 90

[82] vgl. ebd. S. 83 f.

[83] vgl. ebd. S. 115

[84] vgl. ebd. S. 118-121

[85] vgl. ebd. S. 172-173

[86] vgl. ebd. S. 100-103. Paul Gerhardt hat dazu auch eine Vorlage in Johann Arndts „Paradiesgärtlein“ gefunden, dessen Texte auch für weitere Lieder, wie z.B. „O Jesu Christ, mein schönstes Licht“ anregend wurden. Vgl. ebd. S. 105 f.

[87] Lutherisches Kirchengesangbuch. 3. Aufl. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1988. Lied Nr. 321, Strophen 9-10. Lutherisches Gesangbuch. Zwickau: Concordia Verl. 2015. Lied Nr. 374, dieselben Strophen.

[88] vgl. Rödding, a.a.O:, S. 148

[89] vgl. ebd. S. 151

[90] vgl. ebd. S. 152