P a s t or    E m i l    W a c k e r

 

 

Sein Leben und seine Theologie

in Grundzügen

 

 

Von

 

Roland Sckerl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

I n h a l t s v e r z e i c h n i s

 

 

Lebensabriss Emil Wackers  3

Der Weg ins Amt 3

Im Amt der Kirche. 6

Emil Wacker als Persönlichkeit 10

Emil Wacker als Theologe. 15

Wiedergeburt, Taufe und Bekehrung. 17

Die Heilsordnung. 27

Von der Heilsordnung im Allgemeinen. 28

Von der Berufung und Erweckung. 30

Von der Erleuchtung und der geistlichen Erkenntnis. 33

Von der Bekehrung und dem Durchbruch der Buße und des Glaubens. 35

Von der Versiegelung und der Heilsgewissheit 43

Von der geistlichen Erneuerung und vom Wandel im Gnadenstande. 44

Von der Erhaltung im Glauben und der christlichen Beharrlichkeit 48

Von der Vollbereitung im Glauben und der christlichen Vollkommenheit 52

Wackers Stellung zu Kirche, Laienpredigt und Pietismus. 53

Emil Wacker und die lutherischen Erweckungsbewegungen. 63

Das Vermächtnis. 65

Anhang: Die lutherische Erweckung in Nordschleswig. 67

Die Entwicklung bis zur Gründung des Kirchlichen Vereins. 67

Die geistliche Prägung der nordschleswigschen Erweckung. 70

Der Niedergang der Erweckungsbewegung. 73

 

 

 

 

 

 

 

 

Lebensabriss Emil Wackers

 

Der Weg ins Amt

 

Peter Johannes Georg Emil Wacker wurde am 16. Mai 1839 in Kotzenbüll bei Tönning/Eiderstedt in Schleswig-Holstein geboren. Sein Vater Hans Georg Wacker war dort Organist und Lehrer. Ent entstammte einer Kolonistenfamilie, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts aus Ittersbach in Baden eingewandert war.

Das erste Ereignis, das tief in sein Leben einschnitt, war der frühe Tod seiner Mutter Margarete Wacker, geborene Karstens. Als er neun Jahre alt war, verloren er und seine Geschwister Luise und Gustav die Mutter. Emil Wacker schilderte sie später so: „Sie war von schlanker, leichter Gestalt. Ihr reiches, dunkelbraunes Haar umrahmte das lieblichste Gesicht. Sie hatte große, braune Augen und klare Züge, aber das Schönste von allem war die jugendliche Frische, die ihre Wangen rötete, ihren Mund schwellte und ihre Augensterne belebte. Sie soll eine recht Licht- und Leuchtgestalt gewesen sein, und alle, die sie kannten, liebten sie.“1

Wie wuchs der spätere theologische Lehrer der nordschleswigschen Erweckung auf? Die äußeren Umstände werden sonst als glücklich beschrieben. Seine geistliche Erziehung verlief zwar in kirchlichen Bahnen, war aber völlig rationalistisch geprägt. Ein Erlebnis wies ihm den Weg für später. In der Dorfschule, die er zunächst besuchte, wurde Visitation angesagt. Damals unterstanden die Schulen noch der Kirche und die Visitation wurde daher von dem Bischof von Schleswig, Boesen, durchgeführt, ein vornehmer Mann, der ordengeschmückt in Kirche und Schule erschien. In der Schule gab er den Schülern ein Aufsatzthema: Sie sollten beschreiben, was sie über die bevorstehende Visitation gedacht hätten. Emil Wacker schrieb frisch und ohne Scheu darauf los und schilderte, dass sie zunächst alle sehr eingeschüchtert und ängstlich gewesen wären, dass sie aber durch die freundliche Art des Generalsuperintendenten (die Bezeichnungen „Bischof“ und „Generalsuperintendent“ liefen damals wohl nebeneinander her) mutiger geworden seien und ihnen dann die Prüfung in der Schule mit all den Fragen sehr schön erschienen sei. Der Bischof war sehr angetan von diesem Aufsatz und fragte den Lehrer – Hans Georg Wacker – wer der Schüler sei. Als er gestand, dass es sein eigener Sohn wäre, meinte der Bischof, so dass es auch Emil hörte: „Wenn das ihr Sohn ist, der muss studieren.“2

Damit war in dem Herzen des Knaben der Wunsch geweckt worden, einmal Theologe zu werden. Aufgrund der ärmlichen häuslichen Verhältnisse konnte er aber nicht gleich nach seiner Konfirmation 1855 auf das Gymnasium geschickt werden. Sein Vater ließ ihm vielmehr zunächst bei Pastor Christensen in Tönning Unterricht in Latein und Griechisch geben. 1856 aber reiste dann Hans Georg Wacker mit seinem Sohn nach Hadersleben, wo er in die fünfte Klasse der Lateinschule eintrat. Diese Schule war ein dänisches Gymnasium. Der Vater wollte, dass der Sohn aus den nationalen Kämpfen so weit wie möglich herausgehalten würde, die damals Schleswig-Holstein erschütterten. Die Elbherzogtümer waren aufgrund des Einflusses der nichtdeutschen Großmächte gänzlich der dänischen Regierung unterworfen worden, und da sah es der Vater als gut an, wenn der Junge auch dänisch lernte und mit den Dänen leben konnte. Nach nur vier Jahren erhielt Emil Wacker im Abgangszeugnis den ersten Charakter mit Auszeichnung. Diese Leistungen brachten ihm ein Stipendium von 80 Talern für drei Jahre ein; was er sonst noch an Mitteln brauchte, musste er sich durch Privatstunden verdienen. Er ging als Student nach Kopenhagen.

Aber der Konflikt, aus dem der Vater den Sohn hatte heraushalten wollen, sollte ihn dort einholen. Bis dahin war er irgendwie zwischen Dänen und Deutschen gestanden. Sein Vater war deutsch, die Flensburger Verwandtschaft aber, von der er viele Anregungen erhalten hatte, dänisch. Auf der Schule in Hadersleben hatte es ihn immer zutiefst geschmerzt, wenn die dänischen Mitschüler spotteten, dass in Eiderstedt „selbst die Ochsen deutsch“ seien. Für Emil Wacker wurde es immer deutlicher, dass er Deutscher war, auch wenn er daraus, auch später, nie einen nationalen Gegensatz hat werden lassen und insbesondere die Erweckungsbewegung aus diesen nationalen Kämpfen heraushalten wollte. (Sie sollte dann daran, dass andere, unter dänisch-chauvinistischem Einfluss, sie hineintrugen, zugrunde gehen.)

39 in Kopenhagen studierende angebliche Schleswiger machten eine Eingabe an den dänischen Kriegsminister, in der sie behaupteten, die Kieler Studenten seien Aufrührer und würden von den Professoren in Lüge und Meineid erzogen. Ein anderer Teil der Schleswiger Studenten schloss sich diesem Brief an. Anscheinend wurde es von den Studenten erwartet, dass sie auf solche Art ihre Haltung zur dänischen Regierung bekundeten. Denn als Emil Wacker mit drei Freunden beide Male entrüstet die Unterschrift verweigerten, wurde ihm das Stipendium entzogen und musste er die Universität in Kopenhagen verlassen. Mit seinem letzten Geld konnte er am 1. April 1861 einen Deckplatz auf einem Dampfer nehmen, der nach Kiel unterwegs war. Um nicht zu sehr zu frieren, verbrachte er die Nacht eng an den Schornstein geschmiegt. Von Kiel aus ging er zunächst nach Hause und übte sich dort weiter im Lateinischen. Nach einer bestandenen Prüfung konnte er wieder ein Stipendium erlangen und ging im Herbst 1861 an die Kieler Universität, ein Jahr spät er nach Berlin, was durch eine Unterstützung von Freunden seines Elternhauses möglich wurde. Hier erhielt er einen starken Eindruck von den Professoren Franz Karl Ludwig Steinmeyer (1811-1900) und Isaak August Dorner (1808-1884). Hier fand er auch einen Freundeskreis, in dem er vielfältige geistige Anregung fand – Bach, Beethoven, Shakespeare wurden ihm vertraut – und mit dem er bis an sein Lebensende verbunden blieb.

 

Wie sah es aber mit seiner geistlichen Entwicklung aus? Wie viele Große der Kirchengeschichte hat auch Emil Wacker breitere Ausführungen darüber zurückgehalten. Auch seine Tochter Margarethe Wacker schreibt, dass der Zeitpunkt, wann es zum Durchbruch der Gnade kam, nicht genau festzustellen ist3. Erste tiefgehende Eindrücke, die ihn zum Glauben zogen, hat er wohl bei der Konfirmation erhalten, sowohl durch die Abschiedsworte seines Vaters bei der Entlassung der Schüler, als auch durch die Absolution und das heilige Abendmahl. Auch in Hadersleben hat er vielfach im Kreis bewusster Christen verkehrt, ohne dass sein Weg schon von letzter Entschiedenheit geprägt worden wäre. In Kopenhagen soll er sogar den Gedanken gehabt haben, Astronomie zu studieren.

In Kiel aber hat er sich dann mit Energie auf das Theologiestudium geworfen. Hier hat er auch eine bleibende geistliche Prägung erfahren durch eine damals 42-jährige Lehrerin, Mathilde Karstens, einer Schülerin von Claus Harms, der die lutherische Kirche in Holstein erneuert hatte, und eine durch Kreuz und Anfechtung gekennzeichnete Christin. In ihrer Familie durfte er zuletzt wohnen. Sie erzählt ihm von ihrem und ihrer Familie leben, lässt ihn an ihrem geistlichen Leben teilnehmen und an ihrer Vorbereitung auf den nahen Tod. Sie ist nach Aussage seiner Tochter für Emil Wackers Glaubensleben von ausschlaggebender Bedeutung geworden4. Sie starb nach einer erfolglosen Operation 1862 im Sommer 1863, im gleichen Jahr, in dem Emil Wacker auch seinen erst 19-jährigen Bruder Gustav verlor.

 

Im Herbst 1864 kehrte Wacker nach Kiel zurück und legte dort im März 1865 sein Unversitätsexamen (Tentamen) ab. Den letzten Winter seines Studiums verbrachte er in Ladelund bei seinem Freund Pastor Reuter, dem er auch beim Predigen half. Im April 1866 machte er dann das Amtsexamen in Kiel und ging als Hauslehrer nach Ulderup bei Apenrade und kam nach seiner Ordination im Oktober dieses Jahres zu Propst Hoeck nach Ketting als Assistenzpastor. Schon im folgenden Jahr veranlasste ihn Generalsuperintendent Godt, sich für das am nördlichen Ufer der Flensburger Förde gelegene Rinkenis zur Pastorenwahl zu melden. Am 30. Januar 1867 wurde er fast einstimmig gewählt und am Sonntag Quasimodo Geniti, den 28. April 1867, als Pastor in Rinkenis eingeführt.

 

 

 

 

 

Im Amt der Kirche

 

Rinkenis war eine dänischsprachige Gemeinde und so kam ihm seine dänische Schule hier sehr zugute. Mit großem Eifer warf er sich in die Arbeit und nahm sich besonders der Konfirmanden an. Schon seit einiger Zeit hatte er Kontakte zu Louis Harms nach Hermannsburg und begann nun mit Freunden, die Missionsarbeit der Hermannsburger Mission zu unterstützen. Ab Anfang 1873 gab er auf Drängen vieler Pastoren und Gemeindeglieder das „Kirkeligt Söndagsblatt“ heraus für die dänischsprechenden Gemeinden Nordschleswigs. Den Inhalt bestritt er fast völlig allein. Schon damals wurde er häufig als Festprediger eingeladen.

Es fing durch Gottes Gnade an, sich in der Gemeinde geistliches Leben zu regen. Das zog auch andere Kreise an. Insbesondere kam es zu einer Auseinandersetzung mit den Baptisten, was Emil Wacker veranlasste, sich intensiver mit den Sakramenten zu beschäftigen.

Immer klarer hatte er auch erkannt, dass sich Geistliches und Weltliches nicht, wie schon damals („Kulturprotestantismus“) viele meinten, einfach verbinden lasse, sondern dass es eine Trennung geben müsse, besonders für einen Pastor. Er bekennt etwa, im Blick auf seine Berliner Zeit, dass man doch in der Verbindung von Geistlichem und Weltlichem damals zu weit begangen sei.

Immer mehr wuchs er auch in der Erkenntnis des Wirkens des Heiligen Geistes. Seine Tochter berichtet, dass er zu Beginn seiner Amtstätigkeit noch meinte, er sei fähig, alle Menschen, die ihm nur zuhören wollten, von der Wahrheit des Christentums zu überzeugen. Mehr und mehr wurde ihm aber klar, dass der Glaube ein Wunder ist, das allein der Heilige Geist wirkt. So wuchs er immer tiefer in Sündenerkenntnis und in der Heilsgewissheit und hat beides immer mit tiefstem Ernst gepredigt, bestrebt, die Menschen zu echter Bekehrung, zu wahrem, lebendigen persönlichen Heilsglauben zu führen5.

 

Im Juni 1869 begegnete er auf einem zu seiner Gemeinde gehörenden Gut Marie Petronella Plum, die dort bei einer Tante zu Besuch war. Als er im August von ihrer bevorstehenden Abreise hörte, stieg er schnell entschlossen in den gleichen Zug nach Kolding – und so kamen sie schließlich als Verlobten auf dem Gut ihrer Eltern an, in Cathrinedal auf der Insel Moen. Dort fand dann auch am 22. April 1870 die Hochzeit statt. Margarethe Wacker schreibt, dass die am 10. März 1848 geborene Marie Wacker ihrem lebhaften und temperamentvollen Mann Ruhe und Halt gab und treffsicher Menschen und Verhältnisse beurteilen konnte und ihm, der oft angefochten war, mit schlichtem, einfältigen Glauben Trost gab6.

Der Weg für die junge Ehe war zunächst schwer. 1871 wurde ein Sohn geboren, Wilhelm, der aber schon nach wenigen Wochen wieder starb. In den beiden folgenden Jahren starben zwei Kinder bei der Geburt. Paul wurde 1875 geboren, starb aber schon ein Jahr später bei einer Typhus-Epidemie, die auch Emil Wacker und seine Frau ergriffen hatte.

 

In dieser schweren Zeit erreichte Emil Wacker die Nachricht, dass er am 2. Mai 1876 zum Rektor der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt in Flensburg gewählt worden sei. Die Wahl war, vor allem wegen der eindeutigen lutherisch-konfessionellen Einstellung Wackers, nicht ohne Gegenstimmen gewesen. Aber Wacker und seine Gemeinde waren seit der Gründung der Anstalt 1874 eng mit ihr verbunden gewesen. Zwölf Sammelbücher existierten in seiner Gemeinde für Flensburg. Emil Wacker nahm die Wahl an und machte sich zunächst auf eine Besuchsreise, um verschiedene andere Diakonissenhäuser und ihre Arbeitsweise kennen zu lernen: Hermannsburg, Hannover, Bielefeld, Kaiserswerth, Basel, Bern, Zürich, München, Neuendettelsau, Dresden, Berlin, Ludwigslust, Hamburg. Am 9. August 1876 wurde er dann von Generalsuperintendent Godt in sein neues Amt als Nachfolger von August Hardeland eingeführt.

Wenige Tage nach dieser Einführung wurde die älteste Tochter, Margarethe, geboren. An diesem Tag las ihre Mutter in ihrem Spruchbuch: „Ich will sie erhalten und mehren, und mein Heiligtum soll unter ihnen sein ewiglich.“ Dieses Wort nahmen die Eltern als Verheißung – und Gott hat es wahr gemacht7. Vier weitere Kinder kamen noch dazu. Nach der Geburt des jüngsten Kindes war Marie Wacker schwerkrank, genas aber wieder.

Die Diakonissenanstalt war zwar schon 1874 gegründet worden, aber es war Emil Wacker, der sie sowohl geistlich als auch in ihrer äußeren Entwicklung entscheidend prägte. Verschiedene Bauten sicherten auch die wirtschaftliche Situation. Seine Position war dabei zunächst nicht ohne Probleme. Sowohl der Flensburger Oberbürgermeister Wilhelm Toosbüy (1831-1898) stand ihm kritisch gegenüber, als auch von Seiten des Chefarztes, Dr. August Dütsch, und der Oberin, Luise von Bassewitz (1853-1922), wurden ihm Schwierigkeiten bereitet. Es gelang ihm aber, sie von den beiden Letzteren zu trennen und mit Dr. Gustav Schaedel (1847-1913) einen neuen leitenden Arzt zu finden. Als ein besonderer Glücksgriff stellte sich die Berufung der noch jungen Albertine von Lüderitz (1857-1927) zur Oberin heraus, mit der er ausgezeichnet zusammen arbeitete8.

Zunächst sollte das Krankenhaus für die Krankenpflege der Stadt Flensburg da sein, wofür 180 Plätze zur Verfügung standen. Dann aber weiteten sich, besonders seit der Verbindung mit der nordschleswigschen Erweckung, die Arbeitsfelder aus, die Gemeindediakonie trat in Blickfeld. 1892 standen 114 Schwestern im Dienst, davon allein 20 in Nordschleswig.

Es war Emil Wacker wichtig, das Anliegen der Diakonie und ihre Aufgaben einer breiteren kirchlichen Öffentlichkeit bekannt zu machen. Dazu gründete er sofort nach Amtsantritt das „Monatsblatt für Diakonie. Correspondenzblatt der ev.-luth. Diakonissenanstalt in Flensburg“. Vier- bis sechsmal jährlich lag auch im Blatt der Erweckungsbewegung „Saedekornet“, eine kostenlose Beilage zur Diakonie bei. Die nordschleswigsche Erweckung war eng mit der Diakonissenanstalt verbunden, Männer wie Graf Hans Schack-Schackenburg, Propst Ludwig Reuter in Ries, Pastor Chr. Aug. Valentiner in Hadersleben, Gutsbesitzer Lorensen in Refsö nahmen an der Vorstandsarbeit teil. Wenigsten ein Drittel der Diakonissen kamen aus den erweckten Kreisen Nordschleswigs.

Emil Wacker sah sich als Pastor nicht nur als Prediger, sondern auch als Seelsorger der Diakonissen. Er ging dabei behutsam mit den Menschen um, die ihm anvertraut waren. Im Gegensatz zu vielen anderen, besonders vom Pietismus geprägten Häusern, verlangte er von den eintretenden Schwestern noch keine fertige Bekehrung – seine Arbeit sollte ihnen den Weg zum Glauben weisen. Hier lag für ihn, wie bei der Beschäftigung mit seiner Theologie noch deutlicher werden wird, der Schwerpunkt auf dem, was Wacker „das Objektive“ nannte, also Gottes Heilshandeln an uns durch die Gnadenmittel, das Evangelium in Wort, Taufe und Abendmahl als den unverrückbaren Mitteln Gottes. Auf sie legte er den Schwerpunkt, nicht auf das fromme Gefühl des Einzelnen. Er verlangte aber auch, dass die grundsätzlichen geistlich-theologischen Fragen durchgearbeitet wurden. Er legte dies in seiner Schrift „Vom Diakonissenberuf“ dar9. Drei- bis fünfmal in der Woche versammelte Wacker die Hausgemeinde, um ihr in Lehre und Predigt die rechte Speise zu geben.

Um Emil Wacker und die Diakonissenanstalt sammelte sich eine Personalgemeinde, was zunächst zu manchen Problemen mit der St.-Marien-Gemeinde führte, in deren Parochie die Diakonissenanstalt lag. Aber 1883 erhielten sie eine eigene Kirche und 1892 wurden sie selbständige Anstaltsgemeinde.

Zu dieser direkten Arbeit in der Anstalt kam noch eine reichhaltige schriftstellerische theologische Arbeit sowie Vorträge und Konferenzen. Im Jahr 1888 stellte er sich mit seinem Vortrag zur Laienpredigt auf die Seite der nordschleswigschen Erweckungsbewegung, mit der er fortan eng verbunden war und die er mehr und mehr prägte. Fünf Jahre später rief er die „Flensburger Lutherische Konferenz“ ins Leben, die sich zweimal jährlich traf und mit der Universitätstheologie und dem Zeitgeist in Kirche und Gesellschaft auseinandersetzte. Eine Frucht der Erörterungen auf diesen Konferenzen – und seiner engen Kontakte zur Erweckungsbewegung – ist sein Buch „Die Heilsordnung“, das er als „Hilfe für die Predigt und die Seelsorge sowie für den einzelnen Christen“ verstanden haben wollte und das für „eine gründliche biblische und seelsorgerliche Schulung auch des nichtstudierten Predigers“ sorgen sollte. Dadurch konnte er die nordschleswigsche Erweckung fest im lutherischen Bekenntnis gründen10.

 

Die Silberhochzeit, die Emil Wacker und seine Frau Marie 1895 feiern durften, von Frau von Lüderitz mit der Anstaltsgemeinde gestaltet, wird von Margarethe Wacker als ein Höhepunkt der fruchtbaren und arbeitsreichen Zeit ihres Vaters beschrieben. Schon in jenem Jahr zeigte sich dann aber auch, dass die Lebenskraft von Frau Wacker immer mehr abnahm. Noch aber entfaltete sich ein reichhaltiges Familienleben mit den herangewachsenen Kindern, mit Musik, vierstimmigem Gesang, vierhändigem Klavierspielen, das von Emil Wacker am Harmonium und von seinem Sohn an der Violine begleitet wurde. An einem Abend in der Woche wurde vorgelesen und besprochen, wozu auch Frau von Lüderitz und etliche mit der Familie vertrautere Schwestern hinzu kamen: Biographisches, Klassisches, Shakespeare, Ibsen. Von allen Punkten dieser Lektüre fand Emil Wacker dabei auch immer wieder den Weg zum Zentrum des Glaubens11.

1902 starb dann nach schwerer, langer Leidenszeit Marie Wacker am 28. August. Kurz darauf begann auch die Berufsausbildung der Kinder, das Haus leerte sich. Nur seine jüngste Tochter Ida blieb zusammen mit der Schwester von Emil Wacker im Haus12.

 

Er hatte sich vorgenommen, mit 70 Jahren sein Amt niederzulegen, denn er befürchtete, den Ansprüchen des Amtes mit höherem Alter nicht mehr genügen zu können. Und doch – als er 1910 beim Jahresfest des Diakonissenhauses nach 34 Jashren intensiver Arbeit ausschied, fiel ihm der Abschied schwer, wenn er auch noch auf Festen und Feiern Ansprachen hielt.

Nach einer Ansprache im Vereinshaus am 29. Januar 1911 über Psalm 122, in der er das neue Jerusalem den Zuhörern vor Augen malte, musste er mit einer schweren Herzschwäche ins Diakonissenhaus gebracht werden. Er erholte sich langsam wieder und konnte nach einem Vierteljahr wieder in seine Wohnung zurück kehren und im Spätsommer mit seiner Pflegerin, Schwester Elsbeth Fahrenheim, Bad Nauheim besuchen. Im Herbst wiederholte sich zwar der Anfall, aber er konnte doch im November nach Meran übersiedeln, blieb aber in regem brieflichen Kontakt mit der Anstalt. Der Zustand besserte sich, so dass er 1912 wieder nach Flensburg zurückkehren konnte, kleine Spaziergänge unternehmen und sich lebhaft für den damaligen Neubau eines neuen Schwesternhauses interessierte. Den Winter über nahmen die Kräfte ab. Dazu kam der im Anhang näher geschilderte nationale Konflikt in der nordschleswigschen Erweckungsbewegung, der ihn schwer belastete und betrübte.

Im Februar 1913 wurde er dauernd bettlägrig und musste schließlich in die Diakonissenanstalt, in sein altes Pastorenzimmer, überführt werden, „um dort“, wie er sagte, „zu sterben“. Zwar wäre er zunächst auch gerne wieder gesund geworden, konnte aber dann doch dem behandelnden Arzt eines Tages freudestrahlend sagen: „Nun habe ich es doch gelernt zu sprechen: ‚O schöner Tag und noch viel schönre Stund’, wann wirst du kommen schier.“

Noch zweimal, in der Stillen Woche und in der Osterwoche, empfing er das heilige Abendmahl. Ganz still, schlafend, ist er am 2. April 1913 um ½ 8 Uhr morgens, heimgegangen13.

 

 

Emil Wacker als Persönlichkeit

 

Seine Tochter Margarethe Wacker stellt die Beschreibung des Wesensbildes ihres Vaters unter das Dichterwort „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch“ und das Bibelwort 2. Kor. 6,8-10: „Durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte; als die Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannte und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht ertötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts innehaben und doch alles haben.“ Sie spricht damit auf den Gegensatz an, der in der menschlichen Natur selbst liegt, noch mehr aber auf die Spannung, die zwischen Natur und Gnade in einem Menschen beteht. Und bei Emil Wacker treten sie deutlich hervor – wie auch in der Reaktion auf seine Person, in Ehre und Ablehnung, in Beliebtheit und entschiedener Gegnerschaft, die ihm entgegen traten.

Er ging nicht, wie auch seine Tochter darstellt, in den Wegen der „Schultheologie“, war bibel- und bekenntnistreuer Lutheraner, der die historisch-kritische Methode entschieden ablehnte und sich zur Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel bekannte – und daher trotz seiner umfangreichen theologischen Arbeit nie von einer Universität geehrt wurde, auch nie die Möglichkeit bekam, in noch weitere Kreise zu wirken, etwa als Professor für praktische Theologie in Kiel14.

Von offizieller Seite wurde er eher gemieden oder abgelehnt (so auch von dem schon stark vom Modernismus geprägten Generalsuperintendenten Kaftan), die Feinde des Christentums hassten ihn als ihren gefährlichsten Gegner. Aber wie vielen hat er ein Wegweiser zum Heiland sein dürfen! Gerade auf junge Menschen, etwa seine Konfirmanden, hat er durch den Unterricht einen tiefen und bleibenden Eindruck gemacht. Aber auch mit den Lehrern, die er einmal wöchentlich abends bei sich versammelte, stand er in einem herzlichen und vertrauensvollen Verhältnis. Manche Pastoren sind aus ihren Familien hervorgegangen, auch der zweite Nachfolger als Rektor der Diakonissenanstalt.

Prägend wirkte er auf die Schwestern und durch die Schwestern umher in den Gemeinden; prägend wirkte er auch durch die zahlreichen Vorträge und Festpredigten. Prägend aber wirkte er vor allem durch die Flensburger Lutherische Konferenz, die ein jüngerer Pastor einmal „seine eigentliche Universität“ nannte – und natürlich durch seine Verbindung mit der Nordschleswigschen Indre Mission15.

 

Ein Wesenszug machte das Verhältnis zu seinen Kindern zunächst nicht einfach: Er wehrte sich gegen jegliche Weichheit des Gefühls bei sich selbst und liebkoste sie nie, lobte sie auch nie. Aber er beobachtete sie intensiv, sorgte sich um sie und freute sich an ihnen. Das hing ein Stückweit wohl damit zusammen, wie er er von seiner Arbeit eingenommen wurde, so dass er zuweilen schier abwesend schien, schroff erscheinen konnte, weil der Mensch ihm dann im Moment völlig hinter der Sache verschwand. Und doch: Seine Briefe quellen immer wieder über von Liebe zu seiner Frau und seinen Kindern; seine Liebe ergoss sich in treuster Fürbitte für seine geistlichen Kinder; sein Herz hing an denen, die mit ihm befreudet waren, wie seine Tochter bezeugt16.

Sein Arbeitsumfang war gewaltig. Davon zeugen nicht nur die fünf Bände seines Korrespondenzblattes mit Darlegungen aus der Kirchengeschichte, Übersetzungen alter Hymnen, Behandlungen kirchlicher Zeitfragen, sondern auch die lange Reihe seiner Vorträge, die gründlichen geistlichen Ausführungen in seinen Büchern, die Menge seiner Predigten – und dazu all die Dinge, mit denen er sich als Rektor der Anstalt beschäftigen musste, die Verwaltungsgeschäfte, Geldangelegenheiten, persönliche Fragen. Und dabei stand er sich selbst und seinem Wirken mit einer gehörigen Portion Misstrauen im Blick auf die Wirkung gegenüber. Das kam aus seiner Einsicht, dass die Bekehrung ein Wunder des Heiligen Geistes ist, zu dem der Mensch gar nichts tun kann; es kam aber auch aus einer Neigung zum Pessimismus. Er konnte alles nur bewältigen, weil er einen eisernen, zähen, disziplinierenden Willen hatte17.

Als Mann des Glaubens, dessen Glaubenshaltung gegründet war im Gehorsam gegen Gottes Wort, was ihn im Gewissen band, war er ein leidenschaftlicher Kämpfer, der in den geistlichen Auseinandersetzungen hart mit den Ansichten anderer umgehen konnte, was leicht als Rechthaberei oder Herrschsucht erscheinen mochte. Aber es ging ihm dabei nur um die Sache. Darum ließ er sich auch von anderen, selbst Jüngeren, die Wahrheit sagen. Seine Tochter Margarethe berichtete:

„Auf einer Reise, die ich mit meinen Eltern als noch nicht 19-jähriges Mädchen machen durfte, war mein Vater einmal meiner kränklichen Mutter gegenüber heftig geworden, und auf einem Spaziergang, den wir beide nachher miteinander machten, schmollte ich mit ihm. Es grämte und kränkte mich, dass mein so tiefverehrter Vater so ungerecht und heftig hatte sein können, und ich mochte nicht mit ihm reden. Er wusste sicher den Grund meiner Verstimmung und suchte sie lange durch freundliche Worte aufzulösen. Ich dummes Ding grollte ihm weiter, bis er zuletzt ein beinah kindliches Spiel mit mir anfing, so dass ich lachen musste; und nun durfte ich meinem Herzen Luft machen, und er nahm von mir, dem jungen Kinde, die Zurechtweisung in einer so rührend demütigen Art an, dass mir dies Erlebnis noch heute [1939, Anm. d. Hrsg.] wie am gestrigen Tage geschehen, vor Augen steht.“18

Emil Wacker wusste um seine Heftigkeit und suchte, ihr zu begegnen, wie ein Brief an seine Frau von einer Reise zu einer Diakonissentagung in Kaiserswerth zeigt:

„Ich will versuchen, der Aufregung in Kaiserswerth möglichst still entgegen zu gehen. Möchte ich es doch lernen! Ich kann die Menschen doch nicht anders machen, auch mich selbst nicht. Da ist es wirklich meine Pflicht, dass man das Gemeinsame betont und das Trennende auf sich beruhen lässt. So will ich es zu machen versuchen und mich sehr wenig an Debatten beteiligen. Und dann möchte mir der Herr helfen, in meinem Amt treuer und zugleich sorgenfreier zu werden. Ich lasse leicht, was meine Sache wäre und sorge um das, was nicht meine Sache ist. Du siehst, liebe Frau, ich denke viel über mich und unser Haus und unsere Anstalt nach.“19

 

Obwohl er solch eine bedeutende und auch prägende Persönlichkeit war, hatte Wacker großen Respekt vor der Persönlichkeit anderer Menschen und suchte sehr, sie als voll und gleichwertig anzunehmen und frei zu lassen. Rektor Jens Asmussen, der Vater des späteren Pastors und Propst Hans Asmussen, berichtet über seine erste Begegnung, die er mit Emil Wacker im Rahmen einer der regelmäßigen Lehrerzusammenkünfte hatte, in seinem Nachruf im Evangelisch-Lutherischen Schulblatt, 1913:

„Mein Freund sagte freudig zu, ich zögernd und unter schweren Bedenken. Ich fürchtete, irregeleitet zu werden, und ich hatte zu meinem Schaden erfahren, wie übermächtig ein persönlicher Einfluss sein konnte. Da in mir alles im Fluss war, wie hätte ich die Klarheit und die Kraft finden sollen, etwaigen Irrtümern zu widerstehen. ...Pastor Wacker kam uns sehr freundlich entgegen und sprach und gebärdete sich wie ein ganz einfacher Mensch. Da war besonderer Anstrich von Heiligkeit, keine pastoral-zurückhaltende Herablassung zu uns Schulmeistern. Es überraschte mich, dass auch die älteren Kollegen, namentlich auch der, welcher uns eingeladen hatte, so ohne Umstände mit ihm verkehrte, so ganz als unter gleichen ging es zu. Dieser Ton zwischen Lehrern und Pastor war mir fremd. Andere Pastoren waren wohl noch freundlicher, aber man taute nicht auf, es war eine unsichtbare Kluft, hier einfache, ungesuchte Natürlichkeit. ... Pastor Wacker ging mit größten Interesse auf alles ein... Hier war einer, dem in eigener Erfahrung, in Predigt und Seelsorge die innersten Zweifelfragen bekümmerter Gewissen bekannt waren, der auf alles mit innerem Verständnis einfing und der dabei in Form von Lehre den vollen unaussprechlichen Trost des Evangeliums brachte...“20

„Es galt ihm der Mensch und der geistliche Mensch, nicht Mann noch Frau, nicht gebildet oder ungebildet, nicht vornehm oder gering, nicht jung oder alt.“21

Aufgrund seiner tiefen Sündenerkenntnis, die er aus der Schrift gelernt und an sich erfahren hatte, kam es bei ihm oft zu schweren Anfechtungen über die Wahrheits- wie über die Heilsgewissheit: Er musste sehen, wie er trotz geistlicher Reife der gleiche Sünder bleibt, mit derselben Not wie in der Jugendzeit zu kämpfen hat, so dass vor den eigenen Augen sich kein Fortschritt erkennen lässt. Da konnte ihm schon die Frage kommen, ob nicht alles Illusion sei, ob ohne genügende Fortschritte in der Heiligung ihm die Gnade des Herrn noch gelten könne. „Im Kampf um die Wahrheitsgewissheit war es stets das unauslöschliche Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, die untilgbare Erkenntnis der Sünde, was meinem Vater zurecht half. In der Not um die Heilsgewissheit zog er sich in die feste Burg der Heilszusagen Gottes in Wort und Sakrament zurück. Seine innerste Festung war das Wort, das Joel 3,5; Apg. 2,21 und Röm. 10,13 steht und sich so ja auch als eines der Kernworte der Schrift erweist: „Es soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden.““22

So mochte er wohl einerseits zur Schwermut neigen – andererseits war er dadurch ein Mann der Wahrheitsgewissheit und der Heilsgewissheit geworden.

 

Was machte also sein Leben aus? „Bekehrung und Heilsgewissheit, die Abkehrung von allem andern und die Hinkehr zu dem Einen, was not ist, das Ruhen in der Schrift und ihrer Verheißung, das war das Bestimmende in diesem Leben.“23 Das aber hieß dann, für den Glauben, dass er im Objektiven, in dem, was unverrückbar im Evangelium in Wort und Sakrament vorgegeben ist, lebte. Daher bedeutete ihm auch das heilige Abendmahl sehr viel, zeitweilig empfing er es sogar sonntäglich. „Das ist das tiefste Geheimnis seines Lebens, von dem man ja nicht viel reden, das man kaum berühren kann: Christi Blut und Gerechtigkeit.24

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Emil Wacker als Theologe

 

Emil Wacker ist, wie seine Tochter betonte, nicht in den Wegen der Schultheologie gegangen25, das heißt, er hat sich nicht der vom Modernismus, der Bibelkritik bestimmten Universitätstheologie leiten lassen, sondern er war ein Mann des alten biblischen Glaubens, kein Mann der Kirchenpolitik, nicht jemand, der meinte, etwas Neues bringen zu müssen. Vielmehr wollte er gerade den Stillen im Lande, den Frommen, den bibelgläubigen Christen dienen, wie er im Vorwort zu „Wiedergeburt und Bekehrung“ zu diesem Buch schreibt: „Von den drei Kreisen, an welche sie sich wendet, wird der erste, der der theologischen Wissenschaft, eine Stimme wenig beachten, welche nichts Neues sagt und sagen will und deren Inhaber nicht in der üblichen Saulsrüstung der Büchergelehrsamkeit einhergeht. Dem zweiten Kreis, den Männern der kirchlichen Aktion und Politik, wird ein Votum wenig gelten, welches der opportunistischen Zeit widerspricht und einflussreiche Instanzen nicht hinter sich hat. So bleibt nur der Kreis der Stillen im Lande, wie sie sich finden sowohl unter den Gemeindegliedern wie unter den Pastoren. Diesem Kreis möchte ich diese Schrift widmen und zwar nicht nur soweit derselbe aus Freunden besteht, sondern auch soweit er Gegner umfasst.“26

Er hat daher auch die historisch-kritische Methode und jegliche Bibelkritik konsequent und rundweg abgelehnt. Die Schrift war ihm „Wort Gottes, und Gottes Wort widerspricht zwar aller menschlichen Weisheit, aber es widerspricht nicht sich selbst“27. Er hat sich, in einer Zeit, als schon viele zu einer zumindest „gemäßigten“ Bibelkritik übergegangen waren, unverkürzt zur Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel bekannt.

Er ist dabei bewusst konfessioneller lutherischer Theologe gewesen, nicht von Anfang an, sondern immer mehr hineingewachsen durch die wachsende Erkenntnis aus der Schrift, verglichen auch mit dem, was er in der Seelsorge und im Glaubensleben erfahren musste und konnte. Im Zentrum stand für ihn das Evangelium von der Versöhnungstat Jesu Christi auf Golgatha am Kreuz. Er wusste alles „aus der Kernwahrheit des Evangeliums, der Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben abzuleiten und wiederum darauf hinzuführen“28. Darum hat er auch das „Objektive“, also Gottes Handeln in Predigt, Taufe und Abendmahl, betont und für wichtiger angesehen als das fromme Gefühl des Einzelnen. Anders als in den meisten anderen Erweckungsbewegungen, die oft wenig Verständnis für die Sakramente haben, ist daher die nordschleswigsche Erweckung als eine betont lutherische Erweckung auch fest in der lutherischen Sakramentslehre gegründet gewesen. Emil Wacker hat ja, wie schon oben erwähnt, das Abendmahl oft empfangen.

Seine Theologie hat dabei als Kernbereiche, um die sie besonders kreist, „Wahrheitsgewissheit und Heilsgewissheit“ sowie „Bekehrung und Bekenntnis“ (wie auch ein von ihm herausgegebenes Predigtbuch betitelt ist). Die Bekehrung, die bewusste persönliche Aneignung des in den Gnadenmitteln (dem Objektiven) angebotenen und dargereichten Heils durch den bewussten, persönlichen Heilsglauben, ist ihm immer ein besonderes Anliegen gewesen, ja, „christliche Zentralforderung“ und „Kern der Reformation Luthers“29. Die Bekehrung aber, wo sie der Heilige Geist durch die Gnadenmittel gewirkt hat, muss, wenn sie gesund ist, zum einen zur Heilsgewissheit führen, zum anderen aber immer tiefer hinein in die Heilige Schrift Gottes, damit in die biblische Wahrheit und auch zu einer Gewissheit über diese Wahrheit führen. Aus dieser Gewissheit der Wahrheit muss dann aber auch das Bekenntnis folgen.

Emil Wacker ist, so möchte ich ihn bezeichnen, so in besonderer Weise lutherischer Erweckungstheologe gewesen. Als solcher aber, und das ist das Große an ihm, hat er sich nicht auf einige wenige Artikel beschränkt, sondern ist ihm die biblische Lehre in ihrer Fülle immer wichtig gewesen und hat er gerade das an den anderen Erweckungen und der mit Gnadau verbundenen Gemeinschaftsbewegung kritisiert, dass sie so wenig Interesse an tiefgehender biblischer Lehre zeigen, einseitig auf Erfahrung, frommes Leben ausgerichtet sind. Wacker dagegen, der ja viele Fragen bewegt hat, die auch Gnadau bewegten, betont „nur auf dem Boden der sorgfältigsten Beugung unter das irrtumslose Wort Gottes in Demut und geistlicher Nüchternheit finden dieselben ihre rechte Beantwortung“30.

Es sollen nun im Folgenden einige Schwerpunkte des theologischen Wirkens von Emil Wacker näher betrachtet werden. Dabei bleibt sein Wirken für das Diakonissentum, so wichtig es auch ist, außer Betracht, einfach auch deshalb, weil mir die einschlägigen Werke Wackers (derzeit) nicht zugänglich sind. Ich konzentriere mich vielmehr auf seine wichtigsten theologischen Werke, nämlich „Wiedergeburt und Bekehrung“, „Laienpredigt und Pietismus in der lutherischen Kirche“ und „Die Heilsordung“, um dabei näher einzugehen auf Wackers Lehre von Wiedergeburt, Taufe und Bekehrung; seine Darlegung zur Heilsordnung, seinem wohl bedeutendsten theologischen Werk, ein Standardwerk über dieses Thema überhaupt, sowie sein Verhältnis zur Kirche und in diesem Zusammenhang zur Laienpredigt, zum Pietismus und der Gemeinschaftsbewegung.

 

 

 

Wiedergeburt, Taufe und Bekehrung

 

Wiedergeburt und Bekehrung sind für die Erweckungsbewegung und entsprechend für die Erweckungstheologie zentrale Bereiche. Wacker hat ja, wie schon erwähnt, die Bekehrung als die christliche Zentralforderung angesehen und den Kern der Reformation Luthers, ja aller echten Reformation überhaupt. Aber anders als bei vielen anderen, besonders wenn sie dem Methodismus und Pietismus nahe stehen, steht für ihn nicht die Erfahrung im Zentrum, sondern immer Gottes Wort, die biblische Lehre. „Auch auf dem Gebiet der geistlichen Erfahrung vermag allein die Schrift Artikel des Glaubens zu stellen, welche in sich selbst ihre Gewissheit tragen.“31 Dabei bekennt er, dass das lutherische Bekenntnis, das ja allerdings dieses wichtige Thema auch an verschiedenen Stellen behandelt (er selbst hat am Ende seines Buches über Wiedergeburt und Bekehrung eine sehr ausführliche Darlegung der Aussagen der Bekenntnisse), ganz und gar schriftgemäß ist und sich auch in der Erfahrung bewährt.

„Den verschiedenen Ausdrücken, mit welchen die Wiedergeburt in der heiligen Schrift bezeichnet wird, liegt als gemeinsam zu Grunde, dass es sich um den Anfang eines neuen Lebens handelt.“32 Um diesen Neuanfang geht es ihm, denselben gemäß der Schrift zu beschreiben, in seiner Tiefe zu ergründen und dadurch rechter Erweckungspredigt und rechter Seelsorge zu helfen. Dabei macht er deutlich, dass die Wiedergeburt nicht ein absolutes Verlassen des alten Lebensstandes ist, so, als geschehe eine Neuschöpfung der Natur. Vielmehr behalten wir ja den alten Menschen mit seinem Fleisch und Blut, sondern um eine neue Daseinsweise, die aus dem (relativen) Verlassen des alten Lebensstandes folgt. Es ist die Daseinsweise, die eine neue wird und zwar eine völlig neue, denn sonst würde von einer Geburt nicht die Rede sein können. Für das Verständnis der paulinischen neuen Kreatur muss das sorgfältig beachtet werden.“33  „Der Christenstand in der Erlösung, welche der Herr durch seinen Tod erworben und gewonnen und durch seine Auferstehung offenbar gemacht hat, ist der Lebensstand der lebendigen Hoffnung, welcher völlig entgegengesetzt ist dem natürlichen Lebensstand, da wir Fleisch vom Fleisch, in Sünde empfangen und geboren, Kinder des Zorns von Natur, tot in Übertretung und Sünden, ohne Hoffnung waren. Also das neue Leben, in welches die neue Geburt versetzt, ist der Stand in der Gnade auf Grund des Todes und der Auferstehung Christi.“34 Wodurch ist dieser neue Lebensstand, der dem natürlichen entgegengesetzt ist, gekennzeichnet? Durch den Glauben an Jesus Christus! „Als das Zentrum dieses Lebensstandes bezeichnet Johannes den Glauben, dass Jesus der Christ ist (1. Joh. 5,1), aber auch die Peripherie und den ganzen Umkreis desselben fasst er ins Auge. Dieser Lebensstand verträgt sich nicht mit der Sünde. Wer aus Gott geboren ist, der tut nicht Sünde, kann nicht sündigen. 1. Joh. 3,9.“35

Die Wiedergeburt, und das ist ganz wichtig, ist allein Gottes Werk, ist freies Gnadenhandeln des dreieinigen Gottes zum Heil des Menschen, zu unserer ewigen Errettung. Wir Menschen haben in keiner Weise und zu keiner Zeit von uns her die Möglichkeit, aus dem natürlichen Lebensstand in den Lebensstand der Gnade und des Glaubens zu gelangen, sondern wir werden vielmehr versetzt aus dem Reich des Teufels in das Reich Christi. Wacker wehrt, auch hier dem Methodismus und Pietismus wie auch den Evangelikalen diametral entgegen gesetzt, jegliches menschliche Mitwirken in der Errettung, in Wiedergeburt und Bekehrung, ab. „In der Wiedergeburt handelt es sich also ausschließlich um das Versetztwerden in den Gnadenstand auf Grund des Todes und der Auferstehung Christi. Wier erlangen dasselbe ohne Gesetzeswerke allein aus Gottes freier Erbarmung durch den Glauben. Der, welcher die Wiedergeburt bewirkt, ist Gott, Gott allein. Sie ist von oben, Menschenwerk tut nichts dazu. Gott hat uns wiedergeboren zu lebendiger Hoffnung. Dass die Wiedergeburt im Glauben erlangt wird, bedeutet, dass Gott sie nicht wirkt durch eine Wirkung, welche die empfangende Persönlichkeit ertötet, sondern durch eine Wirkung, welche die empfangende Persönlichkeit zur wollenden, zustimmenden macht, gleichwohl aber unter Ausschluss jeder Leistung des Empfängers aus eigener Kraft. Denn sonst bliebe die Gnade nicht die alleinige Ursache, der Glaube nicht die alleinige Bedingung des Heils.“36 Auch dieser Glaube ist ja aber nicht Bedingung in sofern, als dass er eine Leistung des Menschen wäre, sondern nur instrumental, also das einzige Werkzeug, was das Gnadenwirken ergreifen kann. Denn auch der Glaube ist kein Werk des Menschen, sondern wird durch den Heiligen Geist durch das Evangelium in Wort und Taufe gewirkt.

„Aus dem Gesagten ergibt sich, dass wir die Wiedergeburt kurz bezeichnen als diejenige göttliche Handlung, durch welche dem Menschen der rechtfertigende Glaube gegeben wird.“37

Die Wiedergeburt ist dabei ein bestimmter Akt, ein bestimmter Moment im Leben; die Erneuerung gehört bei sauberer Definition nicht hinein, denn sie ist eine Folge der Wiedergeburt. Die Wiedergeburt selbst aber ist die Entstehung des Glaubens. „Es handelt in derselben recht eigentlich um die Entstehung des Glaubens. Mit diesem ist dann auch eine Erneuerung des Wandels gegeben, aber man würde kein Verständnis weder des Glaubens noch der Frucht des Glaubens gewinnen, wenn man beides nicht sorgfältig unterscheidet... Genau wie es die Schrifttheologie der Alten getan hat, gilt es noch immer, die prinzipale Bedeutung des Glaubens für das ganze Gebiet des Christenlebens zu betonen.“38

Wie aber kommt es zur Wiedergeburt? Sie ist das Werk des Heiligen Geistes, und zwar durch die Gnadenmittel, das Evangelium in Wort und Taufe, wobei das Wort das allgemeinere Mittel ist, da es in die Breite geht, während das Sakrament an den Einzelnen geht. „Also wird die Wiedergeburt nach der Schrift von Gott auf Grund der Auferstehung Christi bewirkt mittels des göttlichen Wortes. Insonderheit kommt sie zustande durch das göttliche Wort des Zeugnisses des Blutes Christi, der Taufe und des heiligen Geistes.“39

 

Was ist die heilige Taufe? „Es ist eine Waschung mit Wasser, ein Wasserbad, durch welches der einzelne Mensch nach göttlicher Ordnung und Befehl Anteil am Himmelreich in Christus begehrt und empfängt.“40 Aber wie ist es möglich, dass durch die Taufe jemand Anteil am Himmelreich bekommt, Christ wird? „Das Wasserbad der Todestaufe wird für uns Sünder ein Bad der Reinigung und des Lebens dadurch, dass Christus in diesese Bad hineingegangen ist und wir auf Christus getauft werden. Christus ist hineingegangen in die uns gebührende Taufe zum Tode, damit er alle Gerechtigkeit erfülle. Er hat den Tod erlitten, dem wir verhaftet waren und hat sich dazu taufen lassen. Stellvertretend für uns hat er den Tod auf sich genommen, auf dass er uns die Ursache des Lebens, der Erlösung vom Tode werde. Und so ist nun das Wasserbad, mit welchem wir in seinem Namen und in Bezug auf ihn getauft werden, durch ihn und in ihm uns ein Bad der Vergebung der Sünden, der Auferstehung und des Lebens geworden. Wer getauft wird, zieht Christus an. Gal. 3,27. Christus ist für uns bleibend in der Taufe vorhanden und wir werden in ihn getauft, hinein in den Lebenszusammenhang mit ihm, so dass, was unser ist, sein und was sein ist, unser wird. Christus wird und das Kleid, das unsre Blöße deckt. Dies Kleid zieht uns die Taufe an. Das ist das Gotteswerk, mit welchem vereint das Wasserbad der Taufe uns zur gnadenreichen Sündflut und Abwaschung der Sünden wird. Genauer beschreibt uns das der Apostel Paulus Röm. 6. Wir werden in den Tod Christi getauft und mit Christus durch die Taufe in seinen Tod begraben. Der Tod Christi ist ein Grab, in welches wir durch die Taufe begraben werden, so dass wir vor Gott als mit Christus gestorben und begraben gelten. Der Getaufte gilt als einer, welcher den Tod, den er zu leiden schuldig war, im Tode Christi gebüßt hat. Mithin ist die Sünde eines solchen vor Gott abgetan, hinweggetan durch den Tod Christi, abgewaschen durch sein Blut in diesem Bade. Und so bringt uns dies Bad ein neues Leben, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters. Das neue Leben ist das Leben im Stande der Schuldfreiheit, der Gnade, der Gotteskindschaft. Wir sind verwachsen (συμφυτοι) worden mit der Gestalt (ομοιωματι) des Todes Christi, darum werden wir auch mit der Gestalt seiner Auferstehung verwachsen sein. Diese unsre Auferstehung mit ihm ist geschehen, wo die Taufe geschehen und im Glauben innerlich angenommen ist, also die Gnade, die Vergebung der Sünden, welche die Taufe in den Tod Christi gibt, wirklich das Lebenselement des Menschen geworden ist.41 Da, wo die Taufe wahrhaft im lebendigen Glauben ergriffen wurde, da hat sie auch Folgen, die sich im täglichen Vollzug, in der täglichen Entfaltung des Glaubens zeigen, „ein beständiges tägliches Sterben und Auferstehen mit Christus im Wandel notwendig folgt, eine Erneuerung, welche sich dereinst in der Verklärung im Himmel vollenden wird“42.

Es geht also in der Taufe nicht nur um eine äußere Besprengung oder Begießung mit Wasser oder ein äußeres Untertauchen, sondern es geht um viel mehr: Es geht um eine geistliche Umwandlung, Erneuerung, die Reinigung des Herzens. „Das eigentliche Gotteswerk dieser Besprengung ist geistlich in den Herzen und wird geistlich im Glauben erfahren.“43 „Diese innere geistliche Reinigung also ist der Stand in der Taufgnade, aus welchem dann folgt, dass man diesen Stand der Reinheit auch zu bewahren und zu bewähren suchen wird im Wandel.“44

Und wie hängen damit Taufe und Wiedergeburt zusammen? Die Taufe mit Wasser ist das von Gott geordnete sichtbare Zeichen der wirklichen Mitteilung der Gnade Gottes in Christus an den einzelnen Sünder.“45 Das Sakrament der heiligen Taufe begründet also den Glauben, während das Sakrament des heiligen Abendmahls dann den Glauben erhält. „Die Gemeinde ist, wo durch Wort und Sakrament Seelen glauben an Jesus, in der Kraft des heiligen Geistes. Diese Gemeinde kann nicht aussterben auf Erden. Das Sakrament der Taufe begründet und das Sakrament des Altars erhält den Glauben, überhaupt aber beruht die geistliche Aneignung der Gnade im Glauben auf dem Gnadenmittel des Worts, welches auch in den Sakramenten das eigentlich Wirksame ist. Mit dem Wort ist überall, wo es ist, der heilige Geist verbunden.“46 In der Taufe als dem Gnadenmittel Gottes wirkt also der Heilige Geist – und zwar durch das Wort, das mit dem Wasser verbunden ist. Aber nur der hat das, was die deer Heilige Geist durch das mit dem Wasser verbundene Wort gibt, wer dieses Wort und die Taufe im Glauben annimmt. DieTaufe ist so auch Grundlage des Glaubens. „Der Glaube hat, wo er ist, als rechtfertigender, d.h. die Gerechtigkeit in Christus habender Glaube, sein Fundament in dem Sakrament der Glaubensbegründung und bedarf dieses festen Siegels wider die Anfechtung.“47

Emil Wacker bekennt sich daher auch ohne Abstriche zur Kindertaufe und verweist darauf, dass Christus auch von den Kindern bezeugt, dass sie das Himmelreich haben, was ja nur durch den Glauben erlangt werden kann, den der Geist wirkt – damit kann der Heilige Geist auch an ihnen wirken und ihnen den (bei ihnen zunächst noch unbewussten) Glauben schenken. Die Taufe vermittelt die Heilswirkung, der entstehende Gnadenstand ruht auf der Taufe48. „Aber wenn wir bedenken, dass der Kern des Glaubens das Ruhen ist allein in Gott und seinem Wort und Werk, im Gegensatz zu dem Ruhen des natürlichen Menschen in sich selbst und seinem eignen Tun und Leben, so wird man schwerlich leugnen können, dass diesem eigentlichsten Kern alles Heilsglaubens keine natürliche Altersstufe so sehr entspricht wie das Alter der unmündigen Kinder.“49 Der Heilige Geist schafft in der Taufe durch das Wort Heilsverlangen und auch Heilsannahme bei den Kindeern, wenn auch für sie unbewusst. „Das entspricht dem Wesen der göttlichen Gnade, welche überall als eine zuvorkommende uns Menschen zu Teil wird. Die Taufe ist das Sakrament der Begründung des Glaubens an die freie Gnade, wwelche gerade auch als die zuvorkommende die freie ist.“50 Bei der Taufe eines Kindes können wir daher davon ausgehen, dass die Wiedergeburt stattfindet, bei der Taufe eines älteren Menschen dagegen nicht unbedingt. Wir können also von der Taufe eines Kindes sagen, dass sie die Wiedergeburt des Kindes ist, weil in ihr Gott dem Kinde den Heilsglauben und dadurch das neue Lebe in der Gnade gibt. Dagegen können wir dasselbe nicht ebenso gewiss sagen, wenn die Taufe im späteren Leben erfolgt. Dass uns Gottes Wort zwischen Wassertaufe und Geistestaufe unterscheiden lehrt, ist höchst bedeutsam. Es ist nicht richtig, ohne weiteres und in jedem Falle die Taufe eines Menschen als die Wiedergeburt desselben zu bezeichnen.“51 „Die sämtlichen Schriftstellen, welche uns über die Bedeutung der Taufe unterwiesen haben, setzen das Zusammenkommen von Taufe und Glauben voraus, gestatten aber die Unterscheidung beider. An sich, abgesehen vom Glauben, ist die Taufe die objektive Darbietung und Versiegelung der göttlichen Gabe eines neuen Lebens, also das Mittel der Geburt in ein solches hinein. Der Träger der Darbietung ist das Wort in Verbindung mit dem Bad. Das Bad in Verbindung mit dem Wort macht dieses zu einem besonderen Pfand und Siegel. Die Taufe legt den Grund unsres Gnadenstandes unter Nennung der Einzelperson und gibt auch die Kräfte zur persönlichen Aneignung der Gnade in der Gemeinschaft des heiligen Geistes und der Christenheit. Darum ist sie das Bad der Wiedergeburt. Aber sie ist an sich, abgesehen vom Glauben, nicht die Wiedergeburt selbst. Diese kommt erst zum wirklichen Vollzug, wo die Gabe auch im Glauben angeeignet ist. Wer glaubt und getauft ist, wird selig. Wir haben gesehen, dass die Wiedergeburt die göttliche Handlung ist, durch welche dem Menschen deer seligmachende Glaube gegeben wird, der Glaube, welcher die Gnadengerechtigkeit hat. Das Entstehen dieses Glaubens im Menschen ist gleichbedeutend damit, dass die Gabe der Gemeinschaft des heiligen Geistes in uns zur Entfaltung, zum Durchbruch kommt.“52 Man darf also von einem bewusst ungläubigen Menschen nicht sagen, dass er wiedergeboren ist, wenn er auch getauft ist. Dieser verkehrte Sprachgebrauch hat viel Unheil angerichtet und den Namen des Luthertums in den Kreisen der einfältig Gläubigen bedenklich gemacht, wodurch dem Sektentum weite Türen aufgetan worden sind. Die Väter der Reformation haben daran nicht schuld. Mit der Schrift nennen sie allein die Gläubigen wiedergeboren.“53

Die Taufe stellt also, das ist ganz wichtig, keine Naturwirkung darf, sie wirkt nicht magisch. Und das geistliche Leben kann auch aufhören und dann wieder erlangt werden. „Ungläubige Menschen, welche als Kinder getauft wurden, haben die Wiedergeburt durch die Taufe empfangen objektiv und subjektiv. Das neue Leben war in ihrer Persönlichkeit, aber aus dem Stande der Unbewusstheit ging es nicht mit hinein in das bewusste Persönlichkeitsleben, weil es nicht in dem Maße, wie dieses erwachte, durch Erziehung, Lehre und Beispiel gepflegt ward. Oder aber es ging über in das beginnende bewusste Leben, ging aber durch die Macht Satans, der Welt und des Fleisches im späteren bewussten Leben verloren. Die Taufe als die Tatsache der göttlichen Gabe der Wiedergeburt bleibt bestehen, aber das neue Leben ist nicht mehr da, folglich auch nicht die Versetzung in dieses im eigentlichen Sinne. Durch den Unglauben verloren gegangen, kann die Wiedergeburt wieder erlangt werden durch die gläubige Rückkehr zur Taufe, d.h. zur Gnade in Christus. Die Taufe ist ein objektives Siegel, auch abgesehen vom Glauben und bleibt bestehen, so lange die Gnadenzeit, für welche es gegeben wurde, dauert.“54

 

Liegt zwischen Wiedergeburt und Bekehrung ein Unterschied? Die Wiedergeburt wird vor allem als das objektive Wirken Gottes gefasst und auch weiter als die Bekehrung, während bei der Bekehrung mehr die subjektive Seite betont wird. „Die Wiedergeburt als Gabe objektiv in der Taufe geschenkt, ist die dem einzelnen Menschen zuteil werdende, durchs Wasser im Wort vollzogene Versiegelung des göttlichen Heilswillens, in welcher auch die Darreichung der zur persönlichen Aneignung des Heils erforderlichen geistlichen Kräfte liegt. Die Wiedergeburt als sowohl objektiv wie subjektiv vollzogener Akt ist der Durchbruch des neuen geistlichen Lebens in der Seele, die Entstehung des rechtfertigenden Heilsglaubens, das Pfingsten des Menschen, da die mitgeteilte geistliche Gabe und Kraft zur wirklichen persönlichen Aneignung des Heils geführt hat. Scheiden wir aus diesem Akt der Wiedergeburt die subjektive Seite aus, so haben wir das, was wir im allgemeinen als Bekehrung bezeichnen. Wir pflegen, wenn wir von dieser reden, vornehmlich an die bewusste Umwandlung eines Ungläubigen in einen Gläubigen zu denken.“55 „Wir halten es für richtiger, entsprechend den Aussagen der Schrift von der Wiedergeburt aus Wasser und Geist, diesen Begriff weiter zu fassen und demselben, als das unbewusste und bewusste Leben umfassend, in der Heilsordnung keine Stelle zu geben, weil diese nur das bewusste Glaubensleben betrifft.“56

Eine Bekehrung kann plötzlich stattfinden, aber es muss nicht so sein. Es geht ja um die geistliche Umwandlung eines Menschen, und dies kann unter Umständen ein langer Prozess sein, wobei aber der Abschluss, wodurch allein der Mensch aus einem Ungläubigen zu einem Gläubigen wird, dann in einem Moment stattfindet. „Das, warum es sich handelt, ist eine innere geistliche Umwandlung des Menschen, die persönliche Aneignung der Gnade, der persönliche Eingang in das neue Leben des Himmelreichs... Einem getauften Kinde können wich unter dem Einfluss christlicher Erziehung die Anfänge des bewussten natürlichen Lebens mit den Anfängen des bewussten Glaubenslebens so verschmelzen, dass der Übergang selbst, weder in jener noch in dieser Hinsicht, deutlich ins Bewusstsein tritt. Auch wenn der Gegensatz zwischen dem natürlichen und dem geistlichen Leben schon ein klar bewusster geworden ist, wird eine solche Seele im Dämmerlicht der Jugendzeit den Übergang von jenem zu diesem nicht scharf zu erfassen im Stande sein, aber dass die Bekehrung geschehen ist, ist unbestreitbar.“57 Der Moment der Bekehrung muss also keineswegs bewusst erlebt werden, bekannt sein, wichtig ist, dass die Tatsache an sich begriffen ist und stattgefunden hat und die Person sich gewiss ist, bekehrt zu sein. „Als Regel muss gelten, dass jeder Mensch zur bewussten Gewissheit seiner Bekehrung kommen kann und soll.“58 Diese Aussage ist ganz wichtig. Es ist zutiefst betrüblich und bedauerlich, dass sie gemeinhin in den Landeskirchen überhaupt nicht beachtet wird. Auch im freikirchlichen Luthertum, obwohl es doch vielfach aus der Erweckung erwachsen ist, ist diese Tatsache weithin wieder in Vergessenheit geraten. Damit aber ist das geistliche Leben selbst in Gefahr und droht im Orthodoxismus zu erstarren.

Die Bekehrung ist also nichts anderes als die bewusste persönliche Aneignung des Heils. Und sie muss stattfinden, unbedingt, auch da, wo die Person als Kind getauft wurde; viele, ja, die meisten, kommen ja von ihrem Kinderglauben und damit der Taufgnade wieder ab. „Da die meisten Menschen vom Kindesglauben einmal abkommen und dann zu demselben zurückkehren müssen, so bleibt die Aufforderung der Schrift an die Abtrünnigen, an die Abgewichenen immer in Kraft. Auch wer sich eines eigentlichen Abfalls nicht entsinnt, wird doch im bewussten Leben erfahren müssen, was Bekehrung ist.“59

Näher beschrieben ist die Bekehrung eine geistliche Sinnesänderung. Der Übergang von dem „Sinn“, welcher in diesem letzteren [dem natürlichen Zustand des Menschen in der Sünde] herrschend ist, zu dem „Sinn“, welcher für den Glauben charakteristisch ist, ist der eigentliche Inhalt der „Sinnesänderung“, um welche es sich handelt.“60 Es geht ja darum, dass der natürliche Sinn des Menschen, der in der Selbstgerechtigkeit, dem Kreisen um das Ich, seinen Kern hat, gebrochen wird, Selbstgefälligkeit, Selbstgerechtigkeit in jeder Gestalt als das eigentliche Bollwerk Satans erkannt und überwunden werden – nur so werden wir wirklich geistlich arm, tragen Leid wegen der Sünde, hungern nach der Gerechtigkeit, die wir allein durch Christus bekommen, die außerhalb von uns ist. Die Bekehrung besteht nun zunächst darin, dass der natürliche Sinn des Menschen zerbrochen und zerstört wird.“61 Dieses Zerbrechen geschieht durch das Gesetz, das zur Erkenntnis der Sünde, damit auch des Sünderseins und des Unheils, der Verlorenheit führt. Der neue Sinn dagegen kann nur durch das Evangelium geschenkt werden. Der neue Sinn, welchen Gott in uns wirken will, ist der Sinn, in welchem wir dem Evangelium glauben. Es handelt sich um die Erlösung, die in Christus vorhanden ist, um die erworbene Schuldfreiheit und Vergebung der Sünde, auf Grund welcher wir in ein neues Kindesverhältnis zu Gott treten sollen. Wir hören auf, uns selbst die Ehre zu geben, die uns nicht gebührt, und lernen, Gott die Ehre zu geben, die ihm allein gebührt. Wort und Sakrament eignen uns die Gnade an, indem sie dieselbe darbieten in völlig gewisser, und, was das Sakrament angeht, auch in unmittelbar persönlicher Zuwendung an den Einzelnen. Indem nun der heilige Geist uns aus der verlornen Festung des alten Ichlebens heraustreibt, öffnet er uns zugleich die Tür zur Burg des Heils und nötigt uns, zu Christus zu kommen. Wir sind Mühselige und Beladene. Wir sind es am meisten, weil wir in uns und aus uns selbst unser Leben leben. Nun lernen wir Christi sanftes Joch und leichte Last tragen, welches darin besteht, dass er unsere Gerechtigkeit und unser Leben wird. Unter diesem Joch finden wir Ruhe. Es handelt sich um einen Umschwung so ungeheuer groß, dass Fleisch und Blut es gar nicht ermessen können. Christus soll unsere Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung werden, Christus allein, der Gekreuzigte und Auferstandene, Gottes und Mariens Sohn. Unser eins und alles, unser ganzes Leben, buchstäblich ist es zu nehmen, soll er werden, so sehr, dass wir sagen können mit dem Apostel: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebet in mir.“62

Es geht also darum, dass wir durch das Gesetz dem Gesetz sterben, damit wir durch das Evangelium Christus leben. „Wie ist solch eine Umwandlung möglich? Nun, sie ist eben Gottes Werk. Es ist derselbige h. Geist, welcher uns zerbricht und wieder aufrichtet, welcher in die Hölle führt und wieder heraus, welcher die Gewaltigen vom Stuhl stößt und erhebt die Niedrigen, welcher die Hungrigen mit Gütern füllt und lässt die Reichen leer, wie die Glaubenslieder Hannas und Marias davon singen. Es ist ein Wunderwerk ganz und gar. Es kommt zustande, es gechieht, es steht da, es ist und wird erlebt. Aber wo es erlebt wird, da weiß man, dass es über alles menschliche Begreifen und Können ist...“63 Auch wenn in der Bekehrung mehr die subjektive Seite betont wird gilt: Wie die Wiedergeburt, ist auch die Bekehrung allein und ganz und gar Gottes Werk durch Wort und Sakrament, der Mensch fügt nichts hinzu, arbeitet in keiner Weise mit, sondern erfährt, erleidet sie nur an sich. Es ist alles lauter Gnade. „Nicht die Natur wird Trägerin der Umwandlung, sondern das ist und bleibt allein die Gnade... Die Bekehrung ist das Werk Gottes, des heiligen Geistes, durch welches in dem Menschen die Sinnesänderung gewirkt wird, dass er von seinem eigenen Leben in Reue und Buße lässt und Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit findet aus Gnaden in Christus durch den Glauben. Das persönliche Durchdringen zum rechtfertigenden, lebendigen Glauben, also das wirkliche persönliche Hineinkommen in den neuen Lebensstand der Gnadengerechtigkeit oder der Wiedergeburt, sei es als Kind oder im bewussten Leben, ist der Kern der Bekehrung. Daraus folgt, dass, wer bekehrt ist, davon auch bewusste Gewissheit erlangen muss, so gut wie er sich seines persönlichen natürlichen Lebens bewusst werden muss oder bewusst ist.“64

Da, wo Gott die Wiedergeburt, die Bekehrung gewirkt hat, da muss das, wie schon oben angdeutet, im persönlichen Leben zum Vollzug kommen, müssen Früchte sich zeigen, gute Werke, der Kampf gegen die Sünde. „Wo die Sinnesänderung ist, da ist die Sünde als der Todfeind erkannt und muss folglich bekämpft werden in jeder Gestalt unablässig, doch ohne dass sich darin ein Beigeschmack der alten selbstgerechten Werkerei einmische. Diese letztere, überhaupt die Selbstgerechtigkeit, ist als die allerschlimmste und tödlichste Gestalt der Sünde erkannt worden, als der Kern alles Unglaubens, alles Abfalls von Gott, und darum richtet sich gerade gegen sie der Kampf am allermeisten. Mit der rechten Bekehrung ist verbunden das tiefste Misstrauen gegen alle eigene Kraft, gegen die eigene Vernunft und alle eigenen Werke und Wege.“65 Wie aber sieht das aus? Das vollzieht sich in der täglichen Umkehr, der täglichen Buße, dem täglichen Ersäufen des alten Menschen, der Selbstgerechtigkeit. „Man kann die Gnade betonen, den Gnadenstand predigen, aber in den Gnadenstand schmuggelt man unvermerkt die Selbstgerechtigkeit hinein und lebt sich selbst, indem man Christus als sesin Leben bekennt. Buße, Glaube, Heiligungsernst, inneres Leben, geistliche Erfahrung, Gebet, christliche Sitte und christlicher Beruf, alles weiß der alte Mensch zu benutzen, um sich daraus das Kleid eigener Gerechtigkeit ganz heimlich zu bereiten. Dagegen hilft keine Selbstklugheit, sondern nur Gottes Wort in Verbindung mit der Schule des Kreuzes, in welcher wir von dem Gott aller Gnade zur Wachsamkeit und Nüchternheit erzogen werden, zu immer besserem Verständnis des „rein ab von allem eigenen und Christus an“. Darum ist eine würdige und notwendige Frucht rechter Bekehrung auch vor allem die sorgfältige Beugung unter das gesamte Wort der heiligen Schrift, als des unfehlbaren göttlichen Worts, durch welches wir allein dem Irrtum unseres eigenen Herzens zu entrinnen imstande sind. Damit hängt die sorgfältigste Pflege der reinen schriftgemäßen Lehre und des rechten Bekenntnisses, sowie die Übung in der Geduld und im Stillesein angesichts der Wege des Herrn.“66 Aus diesen Worten spricht eine tiefe, seelsorgerliche Kenntnis des menschlichen Herzens und eine daraus erwachsene Nüchternheit im Blick auf das geistliche Leben, wie sie leider vielfach in anderen Kreisen nicht üblich ist.

 

Zusammenfassend muss im Blick auf Wiedergeburt und Bekehrung noch einmal betont werden, dass der lebendige Gott die alleinige Ursache ist. „Sehr wichtig ist die Betonung der Wahrheit, dass die Kausalität in der Wiedergeburt und Bekehrung ganz allein Gott zukommt. Erst in ihr kommt die Betrachtung der Schriftlehre von der Wiedergeburt und Bekehrung zum Abschluss. Der Mensch wird wiedergeboren, wird bekehrt und verhält sich dabei, so wie er von Natur ist (in puris naturalibus), rein passiv. Bekehre du mich, so werde ich bekehrt, denn du, Herr, bist mein Gott, heißt es beim Propheten (Jer. 31,18). Besonders wichtig sind in dieser Hinsicht die Schriftstellen von der göttlichen Gnadenwahl oder Verordnung der einzelnen Seelen zur Seligkeit in Christus. Aus denselben ergibt sich, dass die göttliche Gnadenwahl, der göttliche Heilsratschluss betreffs der einzelnen Seelen, als die letzte Ursache unsrer Seligkeit anzusehen ist.“67 Wacker hat auch in der Lehre von der Gnadenwahl, als einer der ganz Wenigen in der Landeskirche, den alten biblischen und bekenntnismäßigen Glauben festgehalten und alle Behauptung von einer Wahl in Ansehung des zukünftigen Glauben klar abgewiesen. „Die göttliche Zuvorversehung ist nicht eine solche, welche durch das Verhalten des Menschen bedingt ist. Sie geschieht nicht, weil Gott den Glauben des Menschen vorhergesehen hat, sondern sie ist eine schöpferische und spontane, aus den Tiefen der göttlichen Liebe geborne, durch nichts und niemand als Gott selbst bedingte.“68

Gott wirkt auch das Wollen; auch der menschliche Wille muss bekehrt werden. Auch der rechtfertigende Glaube ist Gottes Werk, Gottes Geschenk und kein menschliches Werk, nicht menschliche Antwort auf ein Angebot Gottes. „Dass Wiedergeburt und Bekehrung allein auf den Glauben zielen, dass der Glaube allein selig macht, das heißt zuerst und vor allem, dass wir allein aus Gnaden selig werden. Denn ein Heil, das ich sündiger Mensch durch den Glauben und zwar allein durch den Glauben erlange, zu dem tue ich nichts, das ist vollendet ohne alles mein Tun, das verdiene ich nicht, das wird frei geschenkt, aus freier Gnade. Auch der Glaube ist nicht mein Werk, kann es nicht sein, denn sobald der Glaube mein Werk wäre oder nur zum Teil mein Werk, so hätte ich das Heil eben nicht allein durch den Glauben, d.h. ohne Werk, sondern dies Werk, das ich täte, indem ich glaubte, wäre gerade das alles Entscheidende... Unser Heil ist ganz und allein Gottes Werk, auch die Aneignung des Heils im lebendigen Glauben ist ganz und allein Gottes Werk, nach Anfang, Mitte und Ende. So liegt denn in dem „allein durch den Glauben“ der Protest gegen jeden Synergismus, jede Mitwirkung des Menschen zu seiner Seligkeit. Nicht nur jede grobe Werkerei, jeder Pelagianismus ist zu verwerfen, sondern auch die feine Werkerei in jeder Gestalt. Wir haben vor der Vermischung von Rechtfertigung und Heiligung, Wiedergeburt und sittlicher Erneuerung gewarnt. Wir sehen jetzt, wenn irgendwie der Gnadenstand eines Menschen mitberuhte auf seiner Heiligung im Wandel, dann wäre das ganze Gnadenheil dahin. Ja, es käme dann auch gar nicht wirklich zur Erneuerung im Wandel, sondern der Wandel bliebe der alte. Was wir täten, täten wir um unsertwillen, also gesetzlich. Wir müssten es um unsers Heils willen tun und täten es nicht aus Liebe zu Gott, aus Freude an dem Herrn, um Gottes willen. Wir blieben unter dem Fluch.“69 Das aktive persönliche Glaubensleben ist ein von Gott gewirktes Leben70.

 

 

Die Heilsordnung

 

Die Heilsordnung ist innerhalb der theologischen Arbeit Emil Wackers wohl der Bereich, dem sein Hauptinteresse galt, weshalb wohl sein Buch „Die Heilsordung“ als sein Hauptwerk bezeichnet werden kann. Es ist auch für die Erweckungsbewegung in Nordschleswig von unschätzbarem Wert gewesen und hat den (Laien-)Predigern dort große Hilfe erwiesen in ihrem Dienst. In der folgenden Darstellung soll wieder vor allem Wacker selbst zu Wort kommen, wobei in erster Linie die zentralen Thesen wiedergegebenen werden und wichtige Ausführungen dazu.

 

 

 

 

 

Von der Heilsordnung im Allgemeinen

 

Die Heilsordnung ist die Ordnung, in welcher das Werk des heiligen Geistes an den Sündern geschieht, dass Er ihnen mittelst Wort und Sakrament in bewusstem Glauben das Heil in Christus aneignet und sie in solchem Glauben bis an das Ende erhält.“71

Emil Wacker beschränkt sich, was durchaus richtig ist, in der Darlegung der Heilsordnung mit dem Wirken des Heiligen Geistes am bewussten Menschen, klammert also den Bereich, den er auch in „Wiedergeburt und Bekehrung“ behandelt hat, nämlich Gottes Arbeit am unbewussten Menschen, aus.

In den Vorauserörterungen geht er ein auf die Grundlagen, von denen her allein die Heilsordnung recht verstanden und dargelegt werden kann. Dabei geht es zunächst darum, was denn der Sünder überhaupt empfängt. „Das Heil in Christus, um welches es sich handelt, welches der heilige Geist den Sündern zueignen will, ist die Vergebung der Sünden, die Rechtfertigung aus Gnaden allein durch den Glauben. Der Mittelpunkt des Evangeliums ist das Wort vom Kreuz.“72 Dieses Heil beschreibt er dann weiter: „Das Heil in Christus ist die den Sündern zugerechnete Gerechtigkeit, nicht eine den Sündern eingegossene Gerechtigkeit, nicht Gerechtmachung, nicht Wesensumwandlung, nicht Veränderung der Natur... Die Zurechnung an die Einzelnen ist die eigentliche Rechtfertigung. Die Liebe des Vaters hat sie gegeben, die Gnade des Sohnes hat sie erworben, die Gemeinschaft des heiligen Geistes eignet sie dem Einzelnen an.

Der Glaube, der sie erfährt, ist allein das Werk des heiligen Geistes. Er ist lediglich die Annahme der zugerechneten Gerechtigkeit Christi, das Trauen auf diese. Aller Pelagianismus und Synergismus ist abzuweisen. Gerade diese Abweisung ist der Sinn des reformatorischen sola fide, duch den Glauben allein. Nicht minder aber die Abweisung jeder Lehre vom Heil als von einer Naturumwandlung des Sünders, einem magischen Prozess, welcher sich mittelst der Gnadenmittel vollzieht. Durch den Glauben, nicht ohne den Glauben, allein durch den Glauben, wird um Christi willen die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die eigentlich Gottes ist, denn sie ist Christi, sein Werk allein, durch ihn erworben, den Sündern zugeeignet. Diese Lehre von der Rechtfertigung allein durch den Glauben, wie sie hier kurz skizziert ist, ist also in der Lehre von der Heilsordnung vorauszusetzen. Diese letztere hat lediglich zu beschreiben, wie der seligmachende, das Heil erlangende Glaube zustande kommt im bewussten Leben und Bestand gewinnt bis ans Ende.“73

Auch die Lehre von den Gnadenmitteln gehört zu den Voraussetzungen für die Lehre von der Heilsordnung. „Durch Gottes Wort und die heiligen Sakramente wird das Heil in Christus den Sündern wirklich dargeboten und geschenkt, durch die Sakramente jedem Einzelnen für sich. Mit dieser objektiven Schenkung und Darbietung ist der heilige Geist verbunden, welcher in den Herzen den Glauben wirken will. Nur wo der Glaube entsteht, wird das dargebotene Geschenk der Gnade wirklich angenommen, so dass nun erst die volle Zurechnung der Gerechtigkeit Christi von Gottes Seite stattfinden kann und stattfindet, die eigentliche Rechtfertigung.“74

Daraus wird schon deutlich, dass es Emil Wacker wirklich um eine klare, biblische, lehrmäßige Darlegung geht, die auch deutlich die Irrwege anspricht und bekämpft. Und es wird deutlich, wie gerade auch die Lehre von den Gnadenmitteln elementar wichtig ist für ein richtiges Verständnis des Heilswirkens Gottes.

Während er die Wiedergeburt definiert als dasjenige Werk des heiligen Geistes, das „sowohl das unbewusste wie das bewusste Personleben“ umfasst, so beschreibt er die Bekehrung als den engeren Begriff, „welcher es lediglich mit der subjektiven Aneignung der Heilsgnade, zumal im bewussten Personleben, zu tun hat. Wir haben es also in der Lehre von der Heilsordnung nur mit der Bekehrung zu tun, und zwar mit deren Anfang, Fortgang und relativen Vollendung im diesseitigen Personleben, mit der Bekehrung des Sünders und der Erhaltung und Befestigung desselben in der Bekehrung, soweit dieselbe hienieden möglich ist.“75

Bei der Bekehrung unterscheidet er eine aktive Seite, nämlich das Werk des Heiligen Geistes am Menschen, und eine passive Seite, nämlich wie dieses Werk im menschlichen Personleben erfahren wird.

„Die Bekehrung ist die Sinnesänderung im Menschen, dass er in Reue und Buße lässt von seinem eignen Leben und Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit findet und erlangt allein aus Gnaden in Christus durch den Glauben. Der Mensch wird bekehrt, der heilige Geist bekehrt ihn... Die Aktivität, welche durch den heiligen Geist im Menschen geweckt wird [Wollen und Vollbringen seitens des Menschen] als das Leben der Bekehrung, ist also im Grunde eine Passivität. Die wahre Aktivität in der Bekehrung kommt allein dem heiligen Geist zu, der Wollen und Vollbringen wirkt. Das gilt auch von der Erhaltung in der Bekehrung...“76

 

Die Darstellung der Heilsordnung selbst geschieht in verschiedenen Stufen oder Stadien, wobei der Moment der Bekehrung der entscheidende Wendepunkt ist. „Die Zahl der Stufen der Heilsordnung wird verschieden angegeben, ebenso ihre Reihenfolge.“77 Wichtig ist dabei: „Die Stufen der Heilsordnung bedeuten ein Nacheinander. Dieses ist aber nicht notwendig ein zeitliches. Es ist logisches oder sachliches Nacheinander in dem Sinne der Bedingtheit jeder nachfolgenden Stufe durch die vorhergehende.“78 Klar wendet sich Wacker gegen Neigungen im Pietismus, die Stufen rein zeitlich zu fassen und die Menschen entsprechend zu klassifizieren. „Richtig ist, dass im Leben der Christen sich zuweilen zeitliche Abgrenzungen festhalten lassen für besondere einer einzelnen Stufe entsprechende Erfahrungen.“79 Er spricht dann etwa von Berufungs-, Erleuchtungszeiten, Zeiten, die wichtig sind für die entscheidende Wende im menschlichen Leben – aber er weist auch darauf hin, dass zeitlich die eine Stufe auch die anderen mit umfasst.

 

Wacker gliedert die Heilsordnung in sieben Stufen, wobei er drei Blöcke bildet: Die Entstehung des bewussten seligmachenden Glaubens ist das Zentrum der Heilsordnung. Von diesem Zentrum ist zu unterscheiden, was demselben vorgehet und nachfolgt. Was vorgehet, ist die Berufung und Erleuchtung. Was nachfolgt, ist die Erhaltung und Vollbereitung im Glauben. Aber auch die zentrale Erfahrung gliedert sich in drei Stufen, die der Bekehrung, Versiegelung und Erneuerung.“80

 

 

Von der Berufung und Erweckung

 

Die Berufung ist das Werk des heiligen Geistes, dass er die Sünder zum Heil in Christus einladet durch das Evangelium (vocatio activa).“81

Das ganze Wort Gottes dient diesem Werk der Berufung, auch das Gesetz; aber doch soll das Gesetz dabie nur erschrecken und drohen. „Eigentliches Berufungswort ist allein das Evangelium, die frohe Botschaft, welche zum Heil, zum Annehmen der in Christus vorhandenen und bereiten freien Gnade einladet, ruft und lockt.“82

Das Wort geht an Mühselige und Beladene – aber es ergeht auch an ihm Widerstrebende. „Es soll die ganze Menschheit berufen werden zum Heil aus Gnaden, ehe das große Gericht gehalten wird... Die Berufung dient gleichzeitig der göttlichen Gnade und der göttlichen Gerechtigkeit.“83 Das heißt aber auch: Da, wo die Berufung durch den Menschen zurückgewiesen wird, da wird sein Herz härter und härter und er bereitet sich selbst die Verstockung, macht sich reif zum Gericht.

Das Berufungssakrament ist die heilige Taufe.“84 Die Taufe setzt zwar eine durch den heiligen Geist im Menschen gewirkte Willigkeit zu Buße und Glauben und damit zum Empfang voraus – „der Grundcharakter der Taufe ist gleichwohl zuvorkommende Gnade... Darum ist sie ihrem Wesen nach Kindertaufe.“85

Wacker unterscheidet, wie schon die Väter, zwischen einer allgemeinen Heilsberufung, die an die Völker ergeht, und der Einzelberufung an die einzelnen Menschen in den Völkern. Mit der Berufung Adams und Evas im Paradies und bei Noah sind alle Völker eingeschlossen und alle Völker sind deren Nachkommen. Wenn diese Berufung nicht weiter durchgedrungen ist, so ist es die Schuld der Menschen, nicht Gottes86.

Träger der Berufung oder Werkzeug des Heiligen Geistes in der Berufung ist die christliche Gemeinde, denn ihr sind die Gnadenmittel anvertraut, sie hat Gottes Mandat. Um diesen Auftrag aber umfassend auszuführen, bedarf es auch eines besonderen Dienstes, des von Christus eingesetzten Amtes der Kirche, das in vielfältige Dienste aufgefächert werden kann, unter anderem auch diejenigen der Missionare und Evangelisten. „In mancherlei Weise durch freien und geordneten Dienst soll das berufende Evangelium reichlich verkündigt werden in Haus, Schule, Kirche, Gemeinde, unter Kindern und Erwachsenen, Christen und Heiden, Kranken und Gesunden, Hohen und Niedrigen und die Menschen geleiten von der Wiege bis zum Graben, von der ersten Berufungsstunde bis zur letzten.“87

Dabei muss aber immer beachtet werden, dass wir Menschen nur Rufer sind, wir können die Bekehrung nicht machen, nicht produzieren. Wir pflanzen und begießen – Gott allein gibt Wachstum und Gedeihen, er selbst wirkt Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen. „...die Dienenden sind nicht Herren über die Wirkungen ihres Dienstes“88.

 

Gottes Berufungswort ist kraftvoll, selbst da, wo es nicht zum Ziel kommt, weil ihm widerstrebt wird. Es hinterlässt dann doch einen Stachel im Gewissen. Hier wird auch der ganze Ernst der Berufung deutlich: „Der Ernst der Berufung besteht darin, dass sie abgelehnt werden kann und eben doch wirkt, wenn nicht Leben, dann Tod.“89

Da aber, wo die Berufung durchdringt, gehört wird, da kommt es zur Erweckung. Der natürliche Mensch, der sich selbst lebt und nicht von Gott sich führen lässt, ist geistlich schlafend, ja, tot. Darum auch Jesu Ruf: Wache auf, der du schläfst, so wird dich Christus erleuchten. Eph. 5,14. Die Erweckung ist also bereits ein Aufwachen vom Todesschlaf, ein Aufstehen von den Toten und enthält bereits die Bekehrung in sich, die volle Rettung, als Anfang. Hier zeigt sich das Ineinander der Stadien oder Stufen der Heilsordnung.

„Es kann sein, dass ein Erweckter mit dem Schrecken des erwachten Gewissens, mit dem Schauer der erkannten Sünde und Todesgefahr zugleich das Bewusstsein der seligen Errettung erlangt... Es kann aber auch sein, dass zunächst nur die Angst um der Sünde willen erwacht ist mit dem Verlangen nach Rettung. Wenn die Erweckung mehr allmählich einsetzt, pflegt sie sich zusammen zu setzen aus vielen empfangenen Eindrücken, welche alle kleine Erweckungen waren. Dagegen ist plötzliche Erweckung oft wie eine einzige große Erschütterung.“90

Von solch einer Erweckung kann oft das ganze Personleben erfasst werden, besonders aber ist es das Gefühl.

Rechte Erweckung trägt den Anfang der Bekehrung schon in sich und führt auch zu Erleuchtung und Bekehrung. Falsche Erweckungen dagegen können äußerlich zunächst sehr ähnlich sein, aber tatsächlich wurde bei ihnen der geistliche Schlaf nicht überwunden. „Wir wissen, dass es bei der bewussten Aneignung des Heils darauf ankommt, dass wir im Glauben die freie Gnade ergreifen, die Rechtfertigung allein um Christi willen. Dahin kommt aber niemand, solange er sich noch irgendwie an eigne Gerechtigkeit hält. Wer die Bekehrung erlangt, muss die terrores conscientiae, die Angst des Gewissens, die Sündennot erfahren haben... Es ist unmöglich, dass jemand in der Gnade ruht, soweit der fleischliche Wahn der Selbstgerechtigkeit ungebrochen in dem Menschen fortbesteht.“91 Zwar ist dieser Wahn auch bei dem Christen noch da – aber wenn es beim Christen aufkommt, da wendet er sich schnell davon weg und will nicht darin ruhen. Ist diese [Erweckung] die rechte, ein wirkliches Aufwachen vom Schlaf, dann ist die Selbstgerechtigkeit in entschiedener Weise getroffen.“92

Wie aber zeigt sich denn eine falsche, nur scheinbare Erweckung? Der Kern ist ja, dass die Selbstgerechtigkeit im tiefsten Grunde ungebrochen ist. Sie bemächtigt sich dann sofort des neuen Frommen im Leben, etwa der Gefühle von Sünde und Gnade, Angst und Trost. Da ist dann der Hang da, diese Gefühle immer wieder zu erneuern. „Das Bezeichnende ist nicht, dass diese Gefühle, welche ja an sich ihre Bedeutung haben, da sind, sondern, dass man über diese Gefühle nicht hinaus kommt und sich in denselben zur Ruhe begibt... Das Ruhe in den Erweckungszuständen als solchen, ohne dass man weiter kommt und erkennt, dass es überhaupt nicht angeht, statt in Jesu in irgendwelchen bei uns befindlichen inneren Zuständen zu ruhen, ist die Art der falschen, ungenügenden Erweckungen. Ihre falsche Ruhe ist voll Unruhe.“93 Diese Gefahr ist umso größer, je mehr Erweckungen zustande kommen durch bloße Übertragung seelischer Erregungen, durch menschliche Bearbeitung der Seelen.

Rechte Erweckung führt zur Erleuchtung, damit auch hinein in die Bibel, in die christliche Lehre. Das Gefühlschristentum dagegen beschäftigt sich wenig mit christlicher Lehre, ist ihr gegenüber gleichgültig. Die Sündenerkenntnis geht oft nicht in die Tiefe und die Heilserkenntnis ist unnüchtern, neigt zum Überschwang und zu Wundern94.

 

 

Von der Erleuchtung und der geistlichen Erkenntnis

 

Die Erleuchtung ist das Werk des heiligen Geistes, dass er den Sündern die zur Erlangung und Bewahrung des Heils in Christus notwendige Erkenntnis gibt (illuminatio activa).“95

Im Wirken des Heiligen Geistes steht die erleuchtende Tätigkeit im Vordergrund. Der Heilige Geist lehrt und erinnert an das, was Jesus Christus gesagt hat. „Die Erleuchtung zielt auf die Erlangung und Bewahrung des Heils in Christus.“96 Sie wird vermittelt durch das Wort Gottes. Wir sind ganz und gar an das feste Wort der Propheten und Apostel gebunden in Bezug auf die Erleuchtung durch den heiligen Geist. Nur was sich an der Heiligen Schrift zu erweisen vermag, darf als vom heiligen Geist gewirkte Erweckung gelten.“97

Worin besteht nun die Erleuchtung? Die Gaben des heiligen Geistes sind also die durch das Wort Gottes, insonderheit durch das Gesetz, gewirkte heilsame Erkenntnis der Sünde und die durch das Wort Gottes, insonderheit durch das Evangelium, gewirkte heilsame Erkenntnis der Gnade.“98

Die heilsame Erkenntnis der Sünde durch den heiligen Geist ist die schmerzliche Erkenntnis des Sünders, dass er Fleisch ist, vom Fleisch geboren, dass er in sich, in seinem eigenen Leben, wie er von Natur ist, durchaus und ganz und gar vor Gott unwert, sündig und verloren ist.“99 Es geht also nicht nur um Erkenntnis über die eine oder andere Sünde, sondern es geht um die zentrale Erkenntnis der eigenen Sündenverfallenheit, Sündenverdorbenheit und Verlorenheit von Natur. Ohne sie gibt es keine wirkliche Sündenerkenntnis. Es geht damit auch nicht um das Verzweifeln über die eine oder andere Sünde, sondern darum, die abgrundtiefe und völlige Verdorbenheit des Herzens zu erkennen100.

„Die heilsame Erkenntnis der Gnade ist die freudige Erkenntnis des Sünders, dass für ihn, den verlorenen, aus freier göttlicher Gnade und Barmherzigkeit Heil und Rettung vorhanden ist in Christus, und zwar nicht teilweise, sondern voll und ganz, ohne dass etwas fehlt, umsonst, ohne dass etwas dafür getan oder gegeben werden müsste.“101 Es geht auch hier nicht nur um ein Wissen über die Gnade, auch nicht nur um etwas Erkenntnis über Christus, sondern es geht darum, ihn als den Heiland, das Licht der Welt zu erkennen – noch mehr: als meinen Heiland, mein Leben. Außerhalb von Christus ist kein Heil, keine Rettung. Und diese Rettung geschieht allein aus Gnaden, ohne irgendein menschliches Zutun.

Die Größe der Erkenntnis kann dabei sehr unterschiedlich sein, absolut notwendig aber ist eine Erkenntnis wie diejenige des Zöllners im Tempel oder des Schächers am Kreuz102.

Die Erkenntnis wächst aber im Laufe der Zeit. Und zur höheren geistlichen Erkenntnis gehört vor allem das Verständnis über das Kreuz im Christenleben und seine Notwendigkeit für uns. Damit hängt auch zusammen die Unterscheidung von Natur und Gnade im Christenleben. „Die Natur muss sterben und nichts werden, die Gnade alles. Auch im Dienst des Herrn muss die Naturgabe durch Sterben hindurch gehen und so zu einem Werkzeug der Gnade, einem Charisma, bereitet werden.“103 Noch weiter gehende Erkenntnis schließt die Lehre und Bedeutung der Gnadenwahl für das Christenleben ein und dann auch die Gefahr des geheimen geistlichen Todes, wie er im Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen deutlich wird, beschrieben von Jesus Christus auch an den Herr-Herr-Sagern.

Die rechte Erleuchtung führt dann auch zu immer tiefer gehender Lehrerkenntnis und daraus folgender Fähigkeit, die Lehre zu prüfen und zu unterscheiden. Diese Erkenntnis kann auch ein ganz schlichter, einfacher Christ haben. „Eine Theologie, welche Kleriker und Laien unterscheidet und in Fragen der Lehre und des Kultus nur die Stimmen der Kleriker und Gelehrten gelten lässt, steht nicht mehr auf recht evangelischem Grunde. Gottes Wort sagt klar und deutlich, dass die rechte geistliche Erkenntnis nur durch den heiligen Geist kommt, während alle theologia irregenitorum, alle Gelehrsamkeit unbekehrter Leute, der Kirche stets sehr viel geschadet hat. Die Gabe der Lehrunterscheidung ist übrigens nicht gleich mit der Gabe der Lehrfähigkeit.“104

Die Lehrfähigkeit ist dagegen eine besondere Gabe, die der Erprobung und Ausbildung bedarf, für die die geistliche Erleuchtung die wichtigste Voraussetzung ist.

 

Wie bei der Erweckung gibt es aber auch bei der Erleuchtung die Gefahr, dass die Dinge in eine verkehrte Richtung gehen. Wer nicht recht erweckt ist, sondern im Gefühl lebt, mag wohl Erkenntnisse haben, deren sich dann die Selbstgerechtigkeit gemächtigen wird, natürliches Erkennen ist vorrangig. Solche Zustände, die oft von scheinbar hohen geistlichen Erkenntnissen begleitet sind, führen doch nicht zu einer rechten Bekehrung. Es bleibt bei Gefühl und Wissen – der Wille wird nicht stark genug ergriffen. Das führt dann zum Kopfchristentum, was zwar mehr ist als bloßes Gefühlschristentum, aber doch ein ganz starkes Hindernis für die rechte Bekehrung. Während beim Gefühlschristentum, das auf der Erweckungsebene stehen bleibt, die Lehre eine geringe Rolle spielt, verschwindet beim Kopfchristentum, das in der Erleuchtungsstufe wurzelt, die Bedeutung des christlichen Lebens105.

 

 

Von der Bekehrung und dem Durchbruch der Buße und des Glaubens

 

Die Bekehrung ist das Werk des heiligen Geistes, dass er in den Sündern die Sinnesänderung wirkt, dass sie von eigner Gerechtigkeit lassen und das Heil in Christus ergreifen (conversio activa).

Die Bekehrung und das Bleiben in der Bekehrung ist der Gesamtgegenstand der Lehre von der Heilsordnung.“106

Die Bekehrung ist, das macht Jer. 31,18 deutlich, ausschließlich das Werk Gottes, ohne Zutun des Menschen: Bekehre mich, so werde ich bekehrt, denn du Herr, bist mein Gott. Wie sind dann aber diejenigen Stellen gemeint, in denen der Mensch aufgefordert wird, dass er sich bekehre? Sie können nicht anders verstanden werden als so, dass der Mensch das Werk des Heiligen Geistes an sich geschehen lassen soll, ihm nicht widerstreben. „Gott beruft. Der Mensch wacht auf, steht auf. Gott erleuchtet. Der Mensch erkennt. Gott bekehrt. Der Mensch bekehrt sich. Das alles, indem der heilige Geist das natürliche Widerstreben des Menschen bricht und überwindet.“107

Die bekehrende Tätigkeit des Heiligen Geistes zielt dabei auf den Willen des Menschen, weshalb in der Schrift immer wieder diese evangelischen Imperative enthalten sind. Mit dem Ruf zur Umkehr sind dabei die stärksten Verheißungen gegeben: zu dem kehrt sich der Herr, Mal. 3,7; der wird gebaut, Hiob 22,23, der soll leben und nicht sterben, Hes. 33,14 ff.108

Was ist nun mit „Bekehrung“ gemeint? Was drückt dieses Wort aus? Vom Neuen Testament her heißt es so viel wie „Sinnesänderung“ mit dem Ziel des Glaubens. Gott gibt die Bekehrung – darum ist sie zu erlangen. Bekehrung heißt damit auch so viel wie Einschlagen einer neuen Wegrichtung, Luk. 22,32, Ausgetilgtwerden der Sünden, Apg. 3,19 „Die zahlreichen Beispiele, welche die Apostelgeschichte von Bekehrungen erzählt, haben alle das Gemeinsame, dass eine neue Lebensrichtung eingeschlagen und nach außen erkennbar wird, weil der heilige Geist innerlich die Sinnesänderung gewirkt hat. Diese ist also die eigentliche Bekehrung.“109

Aber worin besteht die Sinnesänderung? Es geht um unser sittliches Denken und Erkennen, um unseren Willen, unser Wollen, Sehnen, unsere Begierde. In der Bibel steht dafür das Herz. Es geht also um das innerste Personleben – und das will der Heilige Geist durch das Wort, durch Lehren, Berufen, Erleuchten ändern. Aber der Mensch kann dem widerstreben. Darum erreicht das Wirken des Heiligen Geistes nicht immer sein Ziel, auch wenn eine gewisse Erweckung und Erleuchtung voraus gegangen sind. Es geht dabei darum, „dass der Mensch von eigner Gerechtigkeit lässt und das Heil in Christus ergreift“110 Wie kommt es zu dieser Sinnesänderung? Sie ist und bleibt ein Wunder, ein Geheimnis des Wirkens des Geistes Gottes. Denn es ist nicht so, dass der Heilige Geist nur die Vorarbeit leistet und der Mensch das letzte Stück selbst beitragen muss, sondern die Bekehrung ist vollständig das Werk des Heiligen Geistes; in ihr wird aus dem Menschen ein Wollender gemacht. Wer Christus nachfolgen will, der ist schon bekehrt.

Das Herz des natürlichen Menschen, sein Sinn, ist gegen Gott gerichtet, dreht sich um das Ich. Der natürliche Mensch lebt sich selbst, nicht Gott. Und das gipfelt darin, dass der Mensch in Selbst-Klugheit und Selbst-Gerechtigkeit Gott selbst finden will. „Bleibt die Selbstgenugsamkeit ungebrochen, dann ist, auch wenn der Mensch vielleicht in vielen Beziehungen sich nach schmerzlichen Erfahrungen von der Sünde abkehrt, doch in der Hauptsache der fleischliche Sinn ungebrochen.“111 Der Mensch ist tot für Gott, ist geistlich tot, kann sich selbst weder zu Gott kehren noch Gott lieben oder seinen Willen tun; er bedarf einer Auferweckung, einer Lebendigmachung („erste Auferstehung“). „Nur Gott kann machen, dass der Sünder von seinem eigenen Leben lassen und sich wieder Gott zukehren kann in Aufrichtigkeit und Wahrheit.“112

Dabei geht es nicht nur um die Abkehr von der Sünde, sondern zugleich auch um die Hinkehr zu Christus, dem Erlöser. „Die Offenbarung Gottes, welche dem Sünder zur Bekehrung helfen soll, muss neben der Heiligkeit und Gerechtigkeit, welche die Sünde verdammt, zugleich die Gnade und Erbarmung enthalten, welche die Sünde vergibt. Das ist das Geheimnis des Kreuzes Christi. Es wird von keiner Bekehrung die Rede sein können, wo nicht das Wort vom Kreuz, die Botschaft von der Versöhnung durch das Blut des Lammes, gepredigt wird.“113

Wie aber wirkt der Heilige Geist die Bekehrung? Der natürliche Mensch kann nichts anderes als widerstreben, er kann von sich selbst nicht lassen. Dies Widerstreben wird vom Heiligen Geist in Gefühl und Erkenntnis durch Erweckung und Erleuchtung überwunden. Dabei spielen auch die Führungen Gottes in einem Menschenleben mit. Nun geht es darum, dass im Zentrum des Personlebens, im Sinn, im Herz, das Widerstreben überwunden, der Sinn gebrochen wird. Das ist nicht zeitlich gemeint, denn zeitlich kann alles schon im Anfang einer rechten Erweckung zusammen fallen, sondern sachlich, logisch. Das Werk des Heiligen Geistes, Joh. 16,8-10, ist ein überführendes Werk. Er überführt von der Hauptsünde, dem Unglauben, der Selbstgerechtigkeit, dem Selbstvertrauen. Er macht zugleich deutlich, dass die Gerechtigkeit allein in Christus liegt. Aber selbst das ist noch nicht die Bekehrung, ist noch nicht die Umbiegung des Willens, so dass der Mensch in Christi Blut und Wunden zur Ruhe kommt. Was muss noch dazu kommen? Es muss hinzukommen ein wirklicher Bruch mit der Sünde und mit dem Weltleben, in welchem die Sünde und der Unglaube Gestalt gewonnen hat.“114 Es geht darum, dass der Mensch erkennt, dass der Satan und mit ihm die Sünde, die Welt, das Weltleben gerichtet sind – und damit erkennt, dass er selbst diesem Gericht verfallen ist ohne Christus. Wer hier überführt ist, der kann nicht im Weltleben verbleiben, wie es das Kopfchristentum noch kann, das zwar um Sünde und Christus weiß – aber mit der Sünde nicht gebrochen hat. „Die furchtbare Tatsache, dass viele über Sünde und Gnade erleuchtete Menschen nicht zum Bruch mit der Welt und zu einer wirklichen Bekehrung kommen, hat ihre Erklärung allein darin, dass der heilige Geist bei ihnen die Überführung vom Gericht nicht recht hat hinausführen können, weil sie da widerstrebt haben.“115 Gerade heute, wo Sünde kaum noch angesprochen wird, wo die Heiligkeit Gottes in der Verkündigung so sehr zurück tritt, wo daher auch der Zerbruch des alten Menschen, der Bruch mit der Sünde, mit dem Weltleben gar nicht mehr gelehrt wird, wo man meint, Frömmigkeit und Welt verbinden zu können, fehlt es darum so sehr an echten, tiefgehenden Bekehrungen und bleibt vieles oberflächlich.

 

Wie aber erfährt nun der Mensch die Bekehrung? „Die Bekehrung, wie sie der Mensch an sich erfährt, ist der Durchbruch der Buße und des seligmachenden Glaubens in der Seele.“116

Buße beschreibt dabei die eine Seite der Bekehrung, der Glaube die andere. Buße kann nicht, entgegen der römisch-katholischen Lehre, eine Genugtuung enthalten, da sie der Mensch gar nicht leisten kann. Alles Wiedergutmachen gehört nicht in die Buße selbst, sondern in die Frucht der Bekehrung, ist also Folge derselben. „Wir beschreiben die Buße als Erkenntnis der Sünde, Reue über die Sünde und inneren Bruch mit der Sünde.“117 Die beiden ersten gehören zur Erweckung und Erleuchtung. Zur Bekehrung im engsten Sinne des Wortes gehört das dritte Stück, der innere Bruch mit der Sünde.

Wie ist dieser Bruch zu verstehen? Der Bruch mit der Sünde kann nicht meinen, dass wir gar nicht mehr sündigen, keine Sünde mehr da ist. Das ist nicht möglich, weil die Bekehrung keine Umwandlung der Natur ist. Der alte Mensch lebt weiter. Aber: Es geht darum, dass die Herrschaft der Sünde im Menschen gebrochen wird, dass der Mensch nicht mehr mit Seele und Leib der Sünde dienen will. Das Böse an sich ist weiter da, wie Römer 7 eindeutig zeigt, mit einer Erkenntnis über unsere Verdorbenheit, wie sie nur ein Bekehrter haben kann. Ein rechter innerer Bruch mit der Sünde setzt daher voraus, dass die abgrundtiefe Verdorbenheit der eigenen Natur durch die Sünde erkannt wird. „Und das ist der entscheidende Bruch mit der Sünde, dass der Mensch auf Grund der Erleuchtung, die er erlangt hat, sich innerlich völlig abkehrt von allem Vertrauen auf sich selbst, von aller Selbstklugheit und Selbstgerechtigkeit vor Gott. Dieser Bruch als wirklich vollzogen ist die Bedingung der Ergreifung der Gerechtigkeit Christi. Dieser Bruch muss also tatsächlich geschehen sein und bestehen bleiben, wo Bekehrung ist. Er ist ein rein geistlicher Akt und kann stattfinden, obgleich in der Natur die Sünde bleibt und sich regt.“118 Der so bekehrte Mensch will, nach dem neuen Menschen, keine Sünde mehr. „Das schließt nicht aus, dass man ihre Macht fühlt und auch die Schwachheit des natürlichen Willens der Sünde gegenüber täglich erfährt. Eben weil man sie erfährt, darum kehrt man sich fort und fort ab von sich selbst, lässt sich selbst fahren und fürchtet sich vor dem gräulichen Wahn, als sei man etwas und könne etwas sein in dieser sündlichen Verderbtheit.“119

„Es ist von der größten Wichtigkeit, dass die Lehre vom inneren Bruch mit der Sünde recht gefasst werde. Sie ist der stärkste Schutz wider Schwärmerei und Unnüchternheit. Denn alle Erfahrung von der Macht der Sünde, der Welt, des Teufels und von der Schwachheit des Fleisches, die als solche, als dem Fleisch von Natur innewohnend nicht aufhört auch im Bekehrten, alle diese Erfahrung bestätigt nur diesen Bruch und befestigt ihn. Wenn der Bruch mit der Sünde nicht im Zentrum der Sünde verstanden wird, sondern in der Peripherie der Sünde, dann muss jede Erfahrung von unserer Schwachheit uns irre machen, ob dieser Bruch bei uns geschehen sei. Die ganze Lehre von der Heilsordnung, das ganze geistliche Leben muss falsch werden, wenn man hier irrt.“120

„Der Druchbruch der Buße im Menschen ist also der Durchbruch dieser inneren Loslösung des Menschen im Zentrum seines Personlebens von allem Vertrauen auf sich selbst, insonderheit von aller eignen Gerechtigkeit. Es ist die Zerstörung des Wahns des Selbstbetrugs der Sünde, des Weltlebens als des Sichselbstlebens, ein Bruch, eine Abkehr im Geist, im Sinn. Das geht so tief, dass der Mensch kaum ertragen kann, sich selbst anzuschauen. Man lernt, was der Herr gemeint hat, wenn er sagt, dass man sein eignes Leben hassen müsse, um das rechte Leben zu gewinnen.“121

Es geht dabei darum, dass nicht nur einzelne Übertretungen als Sünde erkannt werden – dabei kann die Selbstgerechtigkeit noch bestehen – sondern dass die abgrundtiefe Sündenverdorbenheit der menschlichen Natur selbst erkannt und anerkannt wird und damit auch die Tatsache, dass wir völlig unfähig sind, das göttliche Gesetz zu halten, tot sind in Übertretungen und Sünden und damit gänzlich unfähig, irgendetwas zur Bekehrung, zur Rechtfertigung beizutragen.

Ungenügende Erweckung führt nur zur Erkenntnis einzelner Sünden, meint aber weiter, die Natur sei an sich gut; es kommt dann nur zur Buße an der Peripherie, nicht im Zentrum.122

 

„Mit der einen Seite der Bekehrung, dem Durchbruch der Buße, hängt die andere Seite aufs engste zusammen, der Durchbruch des Glaubens in der Seele.

Auch beim Glauben unterscheiden wir ein Dreifaches, die Erkenntnis (cognitio), das Fürwahrhalten (assensus) und das Vertrauen (fiducia). Davon gehören wieder die ersten zwei Stücke in das Gebiet der Erweckung und Erleuchtung.Die geistliche, mit Erweckung verbundene Erkenntnis der Gnade in Christus ist freundenvolle Zustimmung, also nicht nur Wissen, sondern auch Fürwahrhalten. Ist diese geistliche Erleuchtung rechter Art, dann führt sie auch zum Vertrauen auf die Gnade. Dieses Vertrauen ist der eigentliche Kern des Glaubens.“123

Auch hier geht es wieder darum, dass die Person in ihrem Innersten angesprochen und ergriffen wird. Mit dem Fürwahrhalten des Gnadengeheimnisses in Christus ist noch nicht gesagt, dass das Herz auch wirklich vertrauensvoll darinnen ruht. Dazu ist vielmehr ein Durchbruch nötig, ein Ergreifen Christi und der Gnadengerechtigkeit in ihm. Erst wenn das geschehen ist, dann kann von Bekehrung gesprochen werden. Der rechte Glaube ist dabei gegründet auf den Felsengrund, der außerhalb von uns (extra nos) liegt und auf einer außerhalb von uns bestehenden Offenbarung und Gerechtigkeit beruht. Es gibt keinen anderen Christus als den, den die Schrift uns bezeugt. Und den brauchen wir auch, der ist uns gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. Und so wird für den Glauben die Schrift als das irrtumslose Wort Gottes, als das vom heiligen Geist selbst bereitete Zeugnis, fest bestehen bleiben, aller modernen Weltanschauung zum Trotz, und als Kern dieses Worts „die Theologie des Kreuzes Christi“ und als Siegel desselben die heiligen Sakramente.“124

Dieser Durchbruch des Glaubens ist allerdings ein Wunder, ein Wunderwerk des heiligen Geistes. „Es ist ein Durchbruch, der Durchbruch der Hingabe in der Seele, des Vertrauens, das Christus ergreift als den, in welchem für den verlornen Sünder allein Gerechtigkeit und Heil ist, des Sichanklammerns an ihn, der die Versöhnung ist für unsre Sünden. Das ist und bleibt das eigentliche Heil, der Kern des ganzen Evangeliums, die Vergebung der Sünde aus freier Gnade durch die Gerechtigkeit Christi.“125

Der rechtfertigende, der seligmachende Glaube, das ist die im Zentrum des Personlebens geschehende Ergreifung der Gerechtigkeit Christi, die existentielle Hinkehr des Menschen zur Gerechtigkeit in Christus, zur Vergebung der Sünden durch Christi Blut. Nur da ist er recht, wo alle eigene Gerechtigkeit fahren gelassen wurde126.

 

Diese biblische Bekehrung ist etwas ganz anderes als der Irrweg, dass der Mensch gerecht gemacht werde durch eine eingegossene Gerechtigkeit, durch eine Verwandlung der unheiligen in eine heilige Natur. Hier wird gerade der Kern der Sünde, die Gerechtigkeit in sich selbst zu finden, beibehalten.

Biblisch dagegen ist: Die Rechtfertigung ist die Zurechnung der Gerechtigkeit Christi an den Sünder von seiten des dreieinigen Gottes.“127 In der Stellung des Glaubens hat der Mensch die Rechtfertigung, wird er um Christi willen als gerecht von Gott erkannt, erklärt – ja, der Glaube ergreift ja nichts anderes als eben diese von Christus längst uns erworbene Rechtfertigung128. Der Glaube ist deshalb auch keine verdienstliche Ursache der Rechtfertigung, sondern nur das empfangende Organ, die Hand, die das Heil ergreift. Dazu kommt, dass allein Gott den Glauben wirkt und gibt in mir.“129

Daher ist es ganz falsch, den rechtfertigenden Glauben so darzustellen, als sei er zumindest der Keim oder Anfang einer sittlichen Erneuerung oder gar eine sittliche Tat des Menschen. Da wird der Glaube wieder zu einem menschlichen Werk und der Mensch ruht dann anstatt in Christus in seiner eigenen Gläubigkeit. Überall, wo der Glaube als sittliche Umwandlung verstanden wird, oder wo in den rechtfertigenden Glauben die Werke der Liebe eingeflochten werden, da ruht der Mensch noch in sich selbst, da hat, wenn der Mensch im Herzen dieser Irrlehre zustimmt, eine Bekehrung nicht stattgefunden und kann es auch nicht130.

 

Der Mensch kann, so führt Wacker weiter aus, bekehrt sein, ohne selbst die volle Gewissheit darüber zu haben – aber er darf auf die Dauer nicht in diesem Zustand bleiben. Oft ist solch ein Zustand da vorhanden, wo das Gesetz eine zu starke Stellung hat131.

Die Bekehrung selbst, der Übergang einer Seele von der Finsternis zum Licht, vom Tod zum Leben, geschieht in einem Moment. Da gibt es keinen Zwischenzustand: Entweder ein Mensch ist bekehrt oder er ist es nicht. Die Bekehrung kann allerdings allmählich zustande kommen, das heißt, es kann ein langer geistlicher Weg sein, bis es zum Durchbruch des Glaubens an Christus kommt. „Getaufte Kinder sind im Gnadenstand durch Taufe und Glauben, obwohl sie sich dessen noch nicht bewusst ssein können. Im bewussten Leben muss der Kinderglaube bewusster Glaube werden. Ist er es geworden, dann ist die Bekehrung vorhanden.“132 Die Wege Gottes dahin sind vielfältig – aber die Grenze muss überschritten worden sein. Darüber muss auch jeder Mensch für sich zur Klarheit kommen: Bin ich bekehrt oder nicht? Das heißt nicht, dass ein Mensch diesen Moment kennen muss. Die Bibel berichtet uns daher auch wenig über diesen Moment selbst. Es gibt sicher plötzliche Bekehrungen –aber es gibt eben auch viele, die nicht so einschneidend verlaufen sind. Oft sind die Übergänge von Erweckung, Erleuchtung, Bekehrung, Heilsgewissheit auch gar nicht bemerkbar133.

 

Der Durchbruch der Buße gestaltet sich bei den Menschen sehr unterschiedlich. Es kann heftige Bußkämpfe geben – aber daraus kann man kein Gesetz machen. Gewaltsame Gefühlserschütterung kann auch ebenso etwas vortäuschen, was nicht vorhanden ist. Je schwerer zuvor die Sünden waren, desto heftiger können allerdings Bußkämpfe, Anfechtungen, Verzweiflung werden. Kämpfe sind gewiss immer vorhanden, denn es geht ja durch Sterben hindurch. Auch bei jemandem, der fromm erzogen wurde und in äußerer Frömmigkeit aufwuchs, kann gerade der Bruch mit der Sünde, mit sündlichen Gewohnheiten zu einem tiefen Erleben werden134.

Was aber auch nach dem Durchbruch der Buße und des Glaubens bleibt, auch wenn der Bekehrung eine völlige Willensübergabe folgt, ist die Tatsache, dass der eigene Wille noch da ist. Die Natur kann nicht beseitigt werden. Der Zustand, dass man gar keinen eigenen Willen mehr hat, nur noch Gottes Wille bestimmend sei, ist allerdings das Ziel – aber wir erreichen es in diesem Leben nicht; erst mit dem Tod stirbt auch die alte Natur völlig135.

 

Die grundsätzliche Bekehrung ist, wenn es nicht zu einem erneuten Abfall kommt, eine einmalige Sache. Aber rechte Bekehrung an sich muss sich wiederholen, und zwar in täglicher Buße und Umkehr. „Durch stete Erneuerung soll die Bekehrung sich zu einem festen Lebensstande ausgestalten.“ Dabei muss aber die Unterscheidung zwischen der grundsätzlichen Bekehrung, die, wenn sie recht ist, auch die Heilsgewissheit mit sich bringt, und der täglichen Bekehrung erhalten bleiben. Die Tatsache der grundsätzlichen Bekehrung, des Übergangs vom Tod zum Leben, diese Tatsache muss durch stete Erneuerung befestigt werden136.

 

Gibt es auch ungenügende Bekehrungen, solche, die nicht zum Ziel kommen? Leider ja. Sie sind da vorhanden, wo das „rein ab und Christus an“ nicht erreicht wird, wo der Bruch mit der Selbstgenugsamkeit, der Sündenliebe und der Anschluss an die Gnadengerechtigkeit, an Christus, nicht eingetreten ist. Die Gefahr ist da sehr groß, wo eine gewisse äußere Frömmigkeit da ist, aber letztlich doch alles auf eigene Werke und Äußeres gegründet ist, wie etwa in der römisch-katholischen und Ostkirche. Die Gefahr ist aber auch dort sehr groß, wo die Gnadenmittel als das objektive Werkzeug Gottes und überhaupt das objektive Handeln Gottes beiseite geschoben wird und man von einem unmittelbaren Geisteswirken träumt – und sich dessen Wirkung nun gewiss werden will an inneren Umwandlungen, Gefühlen, Erfahrungen, Zeichen, Wundern, Lebensführung. Das läuft letztlich auch wieder auf eine eingegossene Gerechtigkeit, auf Werkerei hinaus, auf ein Glauben an die Lebensgerechtigkeit.

Überhaupt ist das ein Merkmal ungenügender Bekehrung, dass die Lebensgerechtigkeit sehr betont wird, weil man kein anderes Siegel für die Bekehrung kennt. Das führt dann auch dazu, dass in solchen Kreisen die christliche Freiheit gerne eingeschränkt wird, die Mitteldinge geradezu zu einem Merkmal werden, ob jemand bekehrt sei oder  nicht137.

 

 

Von der Versiegelung und der Heilsgewissheit

 

Die Versiegelung ist das Werk des heiligen Geistes, dass er den begnadigten Sünder der erlangten Rechtfertigung gewiss macht und dadurch zu seiner spezifischen Offenbarung im Herzen desselben gelangt (silligatio activa).“138

Die Versiegelung setzt als Bestätigung, Bekräftigung, Festmachung die Bekehrung und Rechtfertigung voraus. Sie ist darum aber nicht, wie Wacker darstellt, das Pfingsten der Gläubigen, das Kommen des Heiligen Geistes, denn er ist ja schon mit der Bekehrung und Rechtfertigung dar139. Richtig ist, wenn Wacker den engen Zusammenhang zwischen Rechtfertigung und Versiegelung betont und die Versiegellung als das Siegel Gottes unter die Rechtfertigung betrachtet140. Es geht dabei um die Heilsgewissheit. „Die Heilsgewissheit, welche durch dasselbe gewirkt wird, ist eine Gewissheit vom Zeugnis der Gnadenmittel ebenso sehr wie eine Gewissheit vom Zeugnis des heiligen Geistes inwendig im Herzen.“141 „Also enthält sie nichts, was nicht schon in der Erweckung, Erleuchtung und Bekehrung lag, keine neue Erkenntnis, keine neue Willensrichtung und Sinnesbeschaffenheit.“142 Es ist vielmehr die feste, klare Gewissheit, dass meine Sünden weggenommen sind, Christus mein ist, sein Blut mich erkauft hat von Schuld und Tod. Sie bringt mit sich einen tiefen Frieden in Christus. Wie das Werk der Bekehrung bei dem einen nach einem langen Prozess erst zum Durchbruch kommt, bei einem anderen aber ganz plötzlich, ohne längere Vorbereitung geschieht, so kann es mit der Heilsgewissheit auch sein143.

Was ist denn nun das Hindernis für die Heilsgewissheit? Mangelhafte Erkenntnis über das Handeln Gottes kann eine Ursache dafür sein. Die häufigste Ursache aber ist wohl, dass der Mensch nicht recht los ist von allem Eignen. Der nackte, bloße Glaube ohne alles Gefühl, das ist vielen zu schwierig, ja, sie halten das gar nicht für rechten Glauben, sind viel zu sehr auf Stimmungen, Gefühle ausgerichtet. Unter Umständen kann aber auch eine bestimmte Sünde, die einfach nicht losgelassen wird, hindern, dass es ein Mensch zu Heilsgewissheit gelangt144.

 

 

Von der geistlichen Erneuerung und vom Wandel im Gnadenstande

 

Die geistliche Erneuerung ist das Werk des heiligen Geistes, dass er in dem auf Grund der freien Gnade Gottes gerechtfertigten und zur Heilsgewissheit gelangten Sünder die neue Kreatur zur Entfaltung bringt (renovatio activa).“145

Die neue Kreatur ist mit der Wiedergeburt, mit der Rechtfertigung gegeben, 2. Kor. 5,17. Sie ist nicht in dem Sinne da, dass die alte Kreatur weg wäre, denn es findet ja keine Naturumwandlung statt in der Wiedergeburt, sondern es geht um ein geistliches Geschehen. Was macht nun die Erneuerung aus? „Der Unterschidd [zwischen] der alten und der neuen Kreatur, des alten und des neuen Menschen, ist der von Fleisch und Geist. Nach dem Fleisch lebt der Mensch sich selbst, ruht in sich selbst in Selbstklugheit und Selbstgerechtigkeit. Das kann sehr verfeinerte Gestalt haben, ist aber in allen Gestalten dasselbe. Nach dem Geist lebt der Mensch im Gnadenstande, ruht in der Gnade in Christus, der sein Leben, seine Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung geworden ist. Wo das in Wahrheit der Fall ist, da ist die neue Kreatur. Und dass der Mensch als die neue Kreatur nicht mehr sich, sondern Christus zu leben sucht und lebt, das ist die Auswirkung, die Entfaltung der neuen Kreatur, die geistliche Erneuerung des Menschen.“146 Damit ist auch alles neu geworden in der Weise zu leben, zu sein. Diese Erneuerung will sich also umsetzen darinnen, dass tatsächlich auch im Leben alles neu wird.

Es geht im Kern also darum, dass wir nicht mehr uns selbst, sondern für Christus, unseren Heiland leben. Der neue Mensch gehört nicht sich selbst, er gehört Christus, der ihn erworben hat, Röm. 14,7-9. Wir leben oder wir sterben, so sind wir des Herrn, sind Glieder an seinem Leib, sind sein Eigentum. Was aber treibt uns an zu diesem neuen Leben? Hier erkennen wir den engen Zusammenhang, der zwischen Rechtfertigung und Heiligung, Erneuerung besteht: Triebfeder des neuen Lebens ist nicht das Gesetz mit seinem Zwang, sondern ist die Liebe Christi, die er durch seinen Gehorsam, Leiden und Sterben uns erzeigt hat, ist die damit verbundene Tatsache, dass der alte Mensch in der Taufe mit Christus gestorben ist und ein neuer auferstanden, der nun mit Christus lebt.

Zugleich aber müssen Rechtfertigung und Erneuerung auch recht unterschieden werden, nämlich dass die Erneuerung nichts hinzu tut zu unserer Errettung, Seligkeit, sondern eine Frucht der Erlösung ist

Da, wo die Heilsgewissheit deutlich ist, da ist der Mensch frei davon, für sich selbst leben zu müssen, frei für Christus, frei für Gott. „Es handelt sich bei der Erneuerung um einen neuen Gehorsam.“147 Neu ist der Gehorsam in sofern, als er nicht mehr aus dem Gesetz und seinem Zwang kommt, sondern aus der freien Gnade Gottes, aus Liebe, in freier Hingabe. Das meint natürlich nicht, dass dem Christen nun das Gesetz nicht mehr gelte, aber es ist, wie Jer. 31,31-34 heißt, in unser Herz geschrieben. In der Rechtfertigung haben wir die Liebe Gottes erfahren, die Fülle seiner Gnade für uns; unser alter Mensch ist in der Taufe mit Christus gekreuzigt worden – Gott hat alle Voraussetzungen geschaffen, dass wir in einem neuen Leben wandeln können, befreit davon, für uns selbst leben zu müssen. Diese neue Leben aber können wir nur führen im Geist, also aus seiner Vollmacht, in der Gemeinschaft mit ihm. Das Leben im Geist muss zu einem Wandel aus dem Geist führen, denn sonst beherrscht uns weiter das Gesetz. Wandel im Geist, das heißt gerade auch: die Sünde bekämpfen, untereinander Gemeinschaft haben, im Licht wandeln, die Geister prüfen; 1. Joh. 1,5-10; 3-5148.

„Der heilige Geist, welcher beruft, erleuchtet, bekehrt, versiegelt, wirkt auch in derselben Linie seiner Wirkung die geistliche Erneuerung des Sünders.“149 Aber im Unterschied zu den früheren Stadien, in denen der Heilige Geist allein wirkt, ist der wiedergeborene Mensch in die Heiligung, Erneuerung mit hineingenommen. „Diese Mitwirkung ist auch eine Wirkung des heiligen Geistes, eine Offenbarung des Lebens, welches der heilige Geist gewirkt hat.“150 Diese Mitwirkung darf man aber nicht missverstehen in sofern, als ob der Mensch mit dem Heiligen Geist auf einer Ebene zusammenwirke, so, wie wenn zwei Pferde einen Wagen ziehen. Vielmehr ist es auch jetzt so, dass der Mensch alle Kraft und Möglichkeit zum Mitwirken allein durch den Heiligen Geist bekommt, der auch Wollen und Vollbringen schenkt. Es wäre auch falsch zu meinen, dass unser Wille völlig überwunden werden könne, wenn wir uns ganz Christus hingeben und dann nur noch sein Wille auf uns wirke (Heiligungsbewegung). Das ist eine völlig irrige Auffassung, denn unser Wille soll nicht vernichtet, sondern bekehrt und geheiligt werden151.

 

Wacker fasst dabei die mystische Vereinigung von Gott und Mensch als ersten, geistlichen Teil. Dies ist zumindest problematisch, da auch hier eigentlich keinerlei Mitwirkung des Menschen stattfindet, das sie zustande kommt, und weil andererseits die Erneuerung vielmehr stattfindet eben im Stand dieser Vereinigung, als Lebensbetätigung gerade auch dieser geistlichen Einigung. Kennzeichnend für sie ist die rein persönliche Gemeinschaft mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist in Liebe, Freude, Hingabe152.

 

In die Erneuerung gehört dagegen, wie auch Wacker es hat, das Gebetsleben hinein, eine Betätigung der Gemeinschaft mit Gott im Reden mit Gott. Das Gebet kann und soll nicht erzwungen werden – aber es ist andererseits auch kein Ausdruck eines bloßen Gefühls oder momentanen Bedürfnisses, sondern es braucht Ordnung, Zucht und auch Übung. Das hat seinen Grund in unserer Sündhaftigkeit.

„Man muss wissen, was man betet, und man muss wollen, was man betet.“ Wichtig ist die Treue im Gebet; anhaltende Gebetslauigkeit kann zu einer Gefahr für den Glauben überhaupt werden153.

 

„Die geistliche Erneuerung des Christen ... wird auch nach außen hin offenbar in der geistlichen Erneuerung im Wandel, welche sich in Wort und Tat, im persönlichen Leben zuerst, dann aber nicht minder in Bezug auf den Nächsten und in den verschiedenen Gemeinschaften, in welche Gott uns als Menschen und Christen hingestellt hat, zu betätigen hat.“154 Die Erneuerung umfasst unser ganzes Leben, und zwar in allen Einzelheiten.

Gemäß Eph. 4,22-24 gehört ganz zentral dazu, täglich neu den alten Menschen abzulegen und den neuen Menschen anzuziehen, durch tägliches Leben aus der Taufe, dem In-den-Tod-Geben des alten und Auferstehen des neuen Menschen. Hier geht es in der Praxis vor allem darum, aller Selbstgerechtigkeit zu entsagen, wie auch in Folge die Lebensäußerungen des alten Menschen im einzelnen treu zu bekämpfen und abzulegen. Zugleich sollen wir, im rechten täglichen Erfassen der Taufgnade, suchen, dass der neue Mensch offenbar wird, im Lob der Gnade Christi wie auch in der Nachfolge. Weil wir aber das Fleisch, den alten Menschen, noch an uns haben, so kann die Erneuerung nicht anders geschehen als durch Kampf und Zucht.

Denn die alte Natur, die immer noch da ist, braucht, um immer wieder zerbrochen zu werden, Zucht und Zwang, den Zuchtmeister des Gesetzes. Und da wir doch um unserer fleischlichen Natur willen der Zucht nie entraten können, so beweist schon dieser eine Umstand, wie wenig bei uns jemals hienieden von einer Vollkommenheit im Wandel die Rede sein kann.“155

Welche Mittel sind uns gegeben in der dieser Zucht? Zum einen innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft die Gnademittel Gottes, Wort und Sakrament. Außerhalb der kirchlichen Gemeinschaft die natürlichen Ordnungen des Lebens. „Das memento mor, der stete Todesernst, Leiden aller Art, Abhängigkeit der Menschen voneinander, mühselige Arbeit auf einem Acker, der Dornen und Disteln trägt, das alles sollte die Fleischeslust, die Augenlust und den Hochmut in uns zu dämpfen wohl imstande sein. Wir essen unser Brot in Mühseligkeit und sterben doch. Unerbittlich zerstört der Tod alle Blendwerke des Scheins, der irdischen Besitzlust und Eitelkeit. Was hülfe es uns, wenn wir die ganze Welt gewönnen und nehmen Schaden an unserer Seele und sind nicht reich in Gott?“156 Dabei fördern uns die natürlichen Lebensordnungen nicht automatisch. Sie können uns ebenso auch von Gott abziehen, zu Trotz und Verzagen führen. Darum muss auch der Christ Acht geben. Der einzelne Christ wird, je nachdem, was er in seinem Leben benötigt, Zuchtmittel bilden zur Verstärkung der Zuchtwirkung. Hier liegt gewiss auch eine Gefahr für die Selbstgerechtigkeit. „Die rechte Straße ist die des gottgegebenen Lebensberufs.“ „Die Sünde in Dingen, welche Gott weder geboten noch verboten hat, liegt stets in dem Menschen, welcher diese Dinge treibt, nicht aber in den Dingen. Der Christ, welcher sich vor der Sünde, die in ihm wohnt, in Acht nimmt, wird meiden, was dieser Sünde zum Sieg zu verhelfen geneigt ist.“157

Wichtig ist: Ein Christ kann nicht in offenbaren Sünden leben, fortleben. Solche Sünden muss er so bekämpfen, dass sie in seinem Leben verschwinden. Und so weit es für unser Seelenheil notwendig ist, wird der Herr helfen, die Sünde abzulegen.“ Aber wie weit der Einzelne darin kommt, wie es ihm in der Entwicklung geht, das hängt auch sehr von der Lebensführung vor der Bekehrung ab und kann sehr unterschiedlich sein158. Der Kampf gegen die Sünde dauert das ganze Leben lang an, weil das sündliche Fleisch bis zum Tod da ist. Je mehr der Christ dabei gegen den alten Menschen kämpft, umso mehr wird er auch die Macht und die Tiefe des Verderbens in seinem Fleisch erkennen. Je länger er unter der Gnade und in der Nähe des Herrn im Glauben lebt, desto tiefer sieht der Christ hinein in das Verderben, das uns allen von Natur anklebt. Und so wird er sich je länger desto mehr allein der Gnade getrösten.“159

Auch das Anziehen des neuen Menschen bleibt in diesem Leben ein Stückwerk.

„Sofern die Früchte des Geistes aus dem Innenleben nach außen offenbar werden, reden wir von guten Werken. Alles, was ein Christ tut im Glauben, seinem Gott und Heiland zu Lob und Dank nach den heiligen Geboten, ennen wir ein gutes Werk. Die Summe des Gebots ist die Liebe, und so ist die Liebe auch die Summe aller guten Werke.“160 Ein lebendiges Werk ist also nur, was dem Heiland zu Liebe getan wird. Alles andere ist tot. „Je mehr in unsern Werken von unserm Eignen ist, desto mehr sind sie mit Sünde behaftet.“ Welche guten Werke nun soll ein Mensch tun? „Da sie nicht selbsterwählt sein dürfen, so sehe jeder seinen Beruf an. Darin soll er dem Herrn leben. Jeder sei seines Berufs gewiss und suche in Einfalt, was seines Berufs ist. Das sind die rechten guten Werke.“161

 

 

Von der Erhaltung im Glauben und der christlichen Beharrlichkeit

 

Die Erhaltung im Glauben ist das Werk des heiligen Geistes, dass er die Gläubigen im rechten Glauben und im Gnadenstande erhält wider die Gefahren des Rückfalls und Abfalls (conservatio acitva).“162

Wiedergeborene können abfallen, das zeigt uns die Schrift an vielen Orten. Selbst Auserwählte können zurückfallen, wenn auch nur für eine bestimmte Zeit.

Die Erhaltung hängt sehr eng mit der Erneuerung zusammen. Wenn der Glaube nicht die Erneuerung wirken und in ihr wandeln kann, geht er zurück. Die Gefahren, die ja in der Erneuerung vorhanden sind, ist einmal, dass die Selbstgerechtigkeit wieder aufbricht, zum anderen, dass auf Gnade hin gesündigt wird. Beides ist Abfall vom Glauben. Diese Gefahren sind stets vorhanden, besonders die Gefahr der Selbstgerechtigkeit.

Aber auch die Gefahr, auf Gnade hin zu sündigen, ist groß, verbunden oft mit einer Kreuzesscheu, einer Abschwächung des Kampfes gegen die Sünde. Die geistliche Sicherheit wird auch zu groß. All das birgt Gefahren in sich163.

Wodurch nun erhält der Heilige Geist in den Wiedergeborenen den rechten Glauben? So, wie er ihn auch geweckt hat: durch Buße. „Wir sagen also, dass der heilige Geist die Gläubigen im rechten Glauben erhält wesentlich dadurch, dass er sie in der rechten Buße erhält.“ Es geht um den fortgesetzten Bruch mit aller Selbstgerechtigkeit und allen anderen Sünden. Unser Leben muss eine stete Buße sein. Hier ist von der täglichen Buße die Rede, nicht von der grundlegenden Buße und Bekehrung, die davon klar zu unterscheiden sind. Es geht vielmehr darum, dass der Gnadenstand, der aufgrund der Bekehrung da ist, ein bleibender sei. Nur durch die Buße kann die Kraft des Glaubenslebens immer wieder erneuert werden. „...alle Gefahren lassen sich zusammenfassen in der einen, dass der Christ aus der Buße heraus kommt. Stirbt die Buße, dann stirbt auch der Glaube. Beim Rückfall in Selbstgerechtigkeit ist das ohne weiteres klar. Aber auch beim Abfall in mutwillige Sünde. Denn wer wirklich in der Buße bleibt, wird nie sicher und wird es auch nie mit der Sünde leicht nehmen... Wachsamkeit und Gebet und Aufschauen auf Jesus werden das Steuer halten... Bleibt die Buße, so bleibt die freie Gnade alles, die Rechtfertigung aus Gnaden allein.... Bleibt die Buße, so bleibt die Demut, welcher Gott Gnade gibt, so bleibt Christus, er wachsend, wir abnehmend. Die Buße ist die Kehrseite des Glaubens, das erste in der Sinnesänderung. Wie könnte also diese bestehen bleiben, wenn die Buße aufhört?“164 „Auch der Mensch muss wieder theonom werden, von Gott bestimmt in seinem ganzen Leben. Dass er es kann, ist Gottes Erlösungswunder. Dass er es aber wird und bleibt, beruht auf dem vollständigen Bruch mit der Autonomie. Das ist die Buße.“165

Gerade dann, wenn der Christ konsequent in der Erneuerung lebt, wird er immer aufmerksamer auf die Sünde, sie immer besser kennen lernen. Dadurch wächst er auch in der Buße. Dadurch wird er auch immer tiefer in der Gnade, in der Rechtfertigung verwurzelt. Zugleich wächst er auch in der Erkenntnis der reinen Lehre des Wortes Gottes.

 

Das Werk des Erhaltung führt der Heilige Geist aus im Zusammenhang mit den Führungen in unsrem Leben, gerade auch Kreuz und Anfechtungen. „Dass die Wiedergeborenen mit alten und neuen Sündennöten zu tun haben, dass ihr zeitliches Leben vielfach gehemmt erscheint, dass sie Kreuz tragen müssen, dass Gott sie angefochten werden lässt, dass über die Gemeinde Gottes alle Wetter gehen, dass der Satan sie versuchen darf, ja, dass Gott selbst sie versucht und zuwweilen sie das gerade Widerspiel von dem erleben lässt, was man im Glauben erwarten zu dürfen meinen sollte, wie Abrahams Weg ins Land Morijah anzeigt, das alles erscheint als Hindernis des Beharrens, aber ist in Wahrheit Bedingung des Beharrens. Und zwar vornehmlich gerade darum, weil es wie nichts anderes uns zerbricht in uns selbst und in die Tiefen der Buße führt.“166 Das ist der Grund, weshalb alle, die selig werden, durch viel Trübsale in die Herrlichkeit eingehen müssen. Nur so kann es wirklich zum Sterben kommen, zum Zerbrechen der Natur.

Die Erhaltung im Glauben geschieht also durch die geistliche Erneuerung in Verbindung mit den Führungen des Herrn, insonderheit durch das Kreuz, aus Gottes Macht, in der Weise, dass immer wieder aus der Buße der Glaube hervorgeht, der sich allein an die Gnade Gottes in Christus und an das Wort Gottes hält.“167

 

Auch in dieses Beharren, das der Heilige Geist wirkt, nimmt er den Gläubigen mit hinein. Darum heißt es auch, dass wir unsere Seligkeit schaffen sollen mit Furcht und Zittern. Sicherheit ist die größte Gefahr, denn dann hören wir auf, wachsam zu sein. „Die rechte Buße ist der Bruch mit allem Vertrauen auf uns selbst, und darum liegt in derselben auch das „mit Furcht und Zittern“. Wir selbst sind es allein, welche das Werk Gottes in uns vereiteln können.“168

Der Kampf, den wir zu führen haben, ist nicht dazu da, dass wir dadurch das Heil erlangen, sondern dass die Gnade an uns nicht vergeblich sei. „Es muss immer gegen die Natur gehen. Man muss alles tun, als hinge das Leben daran, und doch nichts halten von sich selbst und allem eignen Tun.“169

 

    „Zum Bleiben im Gnadenstand gehört vor allem auch das Bleiben am Wort und Sakrament.“  Darum ist auch die in Epheser 6 beschriebene christliche Waffenrüstung vornehmlich die rechte Lehre des Wortes Gottes. „Nur wo das Wort Gottes recht gelehrt und geglaubt wird, werden Rechtfertigung und Erneuerung weder vermischt noch getrennt werden, worin die Gesundheit des Wandels im Gnadenstande als eines Standes guter Werke wesentlich beruht.“170

Dazu gehört besonders auch die tägliche Erneuerung des Taufbundes, die heilsame Rückkehr zur Taufe, und das tägliche Lesen der Schrift unter Gebet. Beides ist unentbehrlich und kann durch nichts ersetzt werden. Wird die reine Lehre gering geachtet, so wird das Glaubensleben verflachen und kann nicht gesund bleiben.

Dazu gehört weiter, wenn es möglich ist, die aktive Teilnahme am Gemeindeleben, gerade auch der Beichte, und am heiligen Abendmahl. Gerade im heiligen Abendmahl will der Herr uns stärken für den täglichen Kampf durch seinen für uns geopferten Leib und Blut171.

Es kann dabei nicht darum gehen, eine sichtbare Gemeinde von lauter Gläubigen zu errichten. „Hütet man sich vor dieser Gefahr, lässt man die Pflege gemeinsamer Erbauung in Gottes Wort, die Pflege der gesunden Lehre, die Pflege brüderlicher Zucht und die Pflege der Arbeit für das Reich Gottes den Mittelpunkt der Gemeinschaft sein, zu welcher in dieser Gestalt jeder eingeladen ist, der teilnehmen will, dann wird alles unbedenklich sein.“172

 

„Der christliche Kampf des Beharrens im Glauben ist ein Kampf der Geduld. Wir haben Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus, schreibt der Apostel. Und wir rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit. Nicht allein aber das, wir rühmen us auch der Trübsale, dieweil wir wissen, dass Trübsal Geduld bringt. Röm. 5,1-3.“ „Die Trübsale treiben die geistlichen Lebenswurzeln tief in den Grund der Gnade und des göttlichen Worts hinein. Anfechtung lehrt aufs Wort merken. Jes. 28,19. Durch das Wort wird die in den Anfechtungen liegende Versuchung überwunden. Dazu gehört aber, dass die Gefahr erkannt werde.“173 Es geht um das Bleiben, Ausharren im Glauben. Dazu gehört Trübsal dazu, dulden ohne Weichen und Wanken.

Anfechten kann uns alles im zeitlichen Leben, Armut wie Reichtum in geistiger, geistlicher wie materieller Hinsicht. Wir leben ja in dieser Welt im Glauben, nicht im Schauen – und wir sind noch immer mit Sünde behaftet, dem Tod ausgesetzt – und können vom Teufel noch versucht werden. Dazu legt auch Gott selbst uns besondere Prüfungen auf. Alles aber ist Bedingung des Glaubens. „Darum sagt Paulus, dass wir uns auch der Trübsal rühmen, und Jakobus sagt, dass wir es eitel Freude achten sollen, wenn wir in mancherlei Anfechtung fallen.“174 Der Glaube soll bewährt werden in der Prüfung, darin besteht die Geduld. Die Anfechtung soll also den Glauben fest und völlig machen, dass er ausreift, stark wird und nach allen Seiten hin sich auswirkt.“175 Das erkennen braucht Weisheit von oben. Sonst kann jede Prüfung durch Gott uns auch zur Versuchung werden.

Das Schlimmste ist, wenn die Versuchung und ihre Auswirkung nicht erkannt wird. Dann kann es zum geheimen geistlichen Tod kommen, wie wir ihn an den fünf törichten Jungfrauen im Gleichnis finden. Er betrifft Menschen, die einmal im Glauben standen, dann aber innerlich erstorben sind.

„Es ist unmöglich, dass einer angefochtenen Seele, welche wacht und es aufrichtig meint, auf die Dauer die ihr drohende Versuchung verborgen bleibt. Der Herr lässt es den Aufrichtigen gelingen. Ihnen muss das Licht immer wieder aufgehen. Niemand kann die Schäflein Jesu aus der Hand ihres Hirten reißen, nichts sie scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.“176

„Der Glaube wird durch die Erfahrung der Anfechtung immer wieder aus der Buße geboren und wächst und nimmt zu und entfaltet sich, beides nach oben in Blättern, Blüten und Früchten und nach unten im Geäst seiner Wurzeln.“177

 

Wir leben im Glauben, nicht im Schauen. Das gilt auch im Hinblick auf Krankheit. Christus hat uns eine völlige Erlösung erworben – aber in ihrer Vollendung haben wir sie erst in der Ewigkeit. Der Glaube ist Hoffnung. „Was nun insonderheit die Krankheiten und Gebrechen unseres zeitlichen und leiblichen Lebens betrifft, so haben wir gesehen, welche Bedeutung dieselben haben innerhalb des weiten Gebiets der mancherlei Anfechtung und des Kreuzes, das wir zu tragen haben. Dabei steht uns fest, dass der Herr, unser Gott und Heiland, uns retten kann von aller Not, wann und wie er will und es uns gut und heilsam ist. Darum gibt es keine Not und kein Gebrechen, das wir nicht zu einer Gebetssache machen dürfen. Wir wissen aber, dass der Herr seine gläubige Gemeinde oft durch tiefe Wasser der Leiden geführt hat.“178 „Gläubige Christen werden unmöglich zweifeln können, dass der Herr alle ihre Krankheiten heilen kann, wenn er will. Aber schon das werden sie für Gottversuchung halten, wenn wir Menschen, weil der Herr nicht an Arzt und Arznei gebunden ist, diese von Gott gegebenen irdischen Mittel der Krankenheilung verachten wollten.“179 Gott kann auch heute noch wunderbar heilen, aber wir haben und brauchen heute keine Offenbarungswunder mehr. Ob er sie tun will oder nicht, das steht allein bei ihm. Der Glaube sucht keine Wunder, er erfährt sie nur.

 

 

Von der Vollbereitung im Glauben und der christlichen Vollkommenheit

 

Die Vollbereitung im Glauben ist das Werk des heiligen Geistes, dass er die Gläubigen zum Mannesalter in Christus als dem Stand der christlichen Vollkommenheit bringt (perfectio activa).“180

Es geht darum, dass Gott durch Bereitung, Stärkung, Befestigung, Gründung das Ziel mit uns erreicht, dass wir ein festes Herz bekommen durch Gnade. Es geht dabei um einen Stand christlicher Reife, der auch als Mannesalter in Christus, als Festgewordensein des Herzens bezeichnet wird. Das wird in erster Linie erreicht dann, wenn der Christ fest gegründet ist auf dem Grund des göttliches Wortes und der reinen Lehre.

Die Vollkommenheit, von der hier die Rede ist, ist aber verschieden von der Vollkommenheit des christlichen Lebens. Eine solche Vollkommenheit kann es hier auf Erden nicht geben, die auch Paulus von sich Phil. 3,12-15 schreibt. Sie gehört vielmehr in das Reich der Herrlichkeit. Wir sollen dieser Vollkommenheit als Ziel aber nachjagen. Dieses Ideal ist auch wichtig, dass wir unsere Sünde erkennen, es bewahrt uns vor Selbstzufriedenheit und Sicherheit181.

Die Vollkommenheit, die wir hier in diesem Leben schon erreichen sollen, ist eine Vollkommenheit im Verständnis, 1. Kor. 2,6; 14,20. Sie gehört nicht ins Gesetz, sondern der Gnade, dem Evangelium an. Sie kann keine andere sein als eben die Vollbereitung, Stärkung, Befestigung und Gründung im Glauben, im Gnadenstand, das feste Herz, der Stand der Bewährung, der Unerschütterlichkeit auf demGrunde der Gnade und des Wrotes Gottes. Sie gehört nicht dem Gebiet der geistlichen Erneuerung an, welche hieniedem im Leibe dieses Todes nicht vollkommen werden kann, obwohl sie mit demselben zusammen hängt. Sie gehört dem Gebiet der Rechtfertigung und Heilsgewissheit und des Beharrens im Glauben an.“182 Es geht hier also nicht um ein Gebiet der Ethik, sondern der Dogmatik. Rechte Vollkommenheit ist Frucht Gottes und rechter Glaube an Gott (Augsb. Konf. 16). Die christliche Vollkommenheit, dass man Gott von Herzen und mit Ernst fürchtet und doch auch eine herzliche Zuversicht und Glauben, auch Vertrauen fasset, dass wir um Christus willen einen gnädigen und barmherzigen Gott haben, dass wir mögen und sollen von Gott bitten und begehren, was uns not ist, und Hilfe von ihm in allen Trübsalen gewisslich nach eines jeden Beruf und Stand gewarten, dass wir auch indes sollen äußerlich mit Fleiß gute Werke tun und unsers Berufs warten, darin stehet die rechte Vollkommenheit und der rechte Gottesdienst (Augsb. Konf. 27).“183 Paulus hat Christus als sein Leben bezeichnet, alles andere war ihm nichts mehr, das hatte er dahin gegeben. Das ist seine Vollkommenheit – und in diesem Stand streckt er sich dann nach der Vollkommenheit, die hier noch nicht erreicht werden kann, sondern erst im Himmel.

Gewirkt wird diese geistliche Vollkommenheit des Verständnisses durch die verschiedenen Stadien der Heilsordnung, die immer wieder im Leben eines Christen ihren Platz haben und immer neue Gebiete ausloten. Die Erweckung führt zu einem Zustand des Wachseins, des Brennens des Herzens, verbunden mit Klarheit und Nüchternheit zur Unterscheidung von Wahrem und Falschem. Die Erleuchtung reift aus, wenn auch die Gebiete tieferer Erkenntnis sich in praktischer Weise dem Christen erschlossen haben. Die Bekehrung als Durchbruch der Buße und des Glaubens reift aus in den festen Lebensformen der Abkehr von der Welt und der Hinwendung zum Herrn. Das Licht des Lebens ist dabei die Heilsgewissheit, die uns zu einem seligen Sterben führen will184.

 

 

Wackers Stellung zu Kirche, Laienpredigt und Pietismus

 

Wie stand Emil Wacker zur Landeskirche seiner Zeit? Sie war ja damals, am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nicht besser als heute, am Anfang des 21. Jahrhunderts. Auch damals waren ja die bibelkritische, die liberale Theologie und die historisch-kritische Methode weit verbreitet. Wacker sah die notvolle Lage der Kirche, auch das Problem, dass sie staatlich organisiert war und geistliche Gesichtspunkte daher wenig gelten185. Darum war es sein Ziel, aus Liebe zu den verlorengehenden Seelen und zum lutherischen Bekenntnis, bekenntnistreue Kreise zu gründen, eine lutherische Diasopratätigkeit anzufangen186. Er trat für besondere Gemeinschaften ein, die sich bilden sollten, damit dort die reine biblische Lehre gemäß dem lutherischen Bekenntnis getrieben werde, die Gnadenmittel verwaltet werden und die Christen Gemeinschaft haben. Diese Gemeinschaften, wie sie ihm vorschwebten, unterscheiden sich grundlegend von den pietistischen Gemeinschaften dadurch, dass sie keineswegs eine sichtbare Sammlung der Gläubigen sein sollten, sondern es um die Erbauung in Gottes Wort, der Pflege gesunder Lehre, der brüderlichen Zucht, der missionarischen Arbeit gehen sollte und dass sie eine Abendmahlsgemeinschaft wären187. „Es ist vor allem auf die Lehre Gewicht zu legen.“188 Ihm ging es um einen Kreis von Christen, der fest auf dem Boden des lutherischen Bekenntnisses steht. Diese Gemeinschaften sollten dann auch eine eigene Anstalt gründen, Diakone und Laienbrüder in der rechten lutherischen Lehre ausbilden (oder, wenn keine Anstalt möglich sei, dies durch einzelne Pastoren durchführen lassen), die dann eine Brüdergenossenschaft bilden und nach mehrjähriger Probezeit eingesegnet werden. Wichtig war ihm für solche Gemeinschaftsarbeit, wie sei dann in Nordschleswig auch tatsächlich durchgeführt wurde, dass die Schriftenverbreitung einen breiten Raum einnahm, dass die einzelnen Prediger feste Arbeitspunkte hatten und dass sie regelmäßig inspiziert würden. Diese Gemeinschaften schwebten ihm vor als „freie Gemeinschaften in der Landeskirche“189.

Wie sehr ihn die Zustände in der Landeskirche berührten, zeigen folgende Sätze: „Unverkennbar ist der Ernst der Lage groß. Es handelt sich zu einem sehr großen Teil um die erweckten Glieder unseres Volks. Geht es so weiter, so wird eine Richtung unter denselben herrschend, welcher es an allen inneren Korrekturen immer mehr fehlen wird. Das bürokratische Staatskirchentum krankt an Unbeholfenheit und genießt infolge der herrschenden Lehrfreiheit der Pastoren beim Volk ein geringes Vertrauen. Auch eine staatsfreie evangelische Episkopalkirche, die man erträumt und erstrebt, würde nicht helfen. Gelänge es, eine solche zustande zu bringen, so würde sie für das Evangelium gefährlicher werden als die Staatsomnipotenz. Davon bin ich für meinen Teil fest überzeugt. Der weitaus schlimmste Schaden unserer kirchlichen Gegenwart besteht darin, dass man nicht mehr einfältig glaubt, dass die Bibel Gottes Wort ist und dass es eine reine Lehre des Wortes Gottes gibt, deren Stern und Kern das sola fide ist, wie es die Väter gelehrt haben. Die reine Lehre ruht auf dem einfältigen Schriftverständnis. Wer das Wort Gottes als die Wahrheit erkannt und geglaubt hat, verleugnet Christus, wenn er das Wort verleugnet. Wer unentwegt an diesen Sätzen festhält, der müsste, dünkt mich, mit mir einig sein, dass es mehr als alles andere gilt, für unser Volk die Predigt des lauteren Evangeliums, sei es zu erhalten, sei es wieder herzustellen und zwar, wenn die bestehenden Ordnungen dazu nicht ausreichen, auf dem Wege eines genossenschaftlich geordneten freien Diakonats.“190 Er konnte sich dabei durchaus vorstellen, dass die gläubigen Kreise in den Gemeinden, wenn die Mehrheit einen liberalen Pastor berufen habe, dann auf eigene Kosten für ihren Teil einen bibel- und bekenntnistreuen Pastor berufen sollten und faktisch so etwas wie eine Protest- oder Kapellengemeinde bilden. „Wenn die Lutherischen fest und zielbewusst durch eine freie Organisation die Möglichkeit lutherischer Predigt überall herstellten, wo man dieselbe begehrte, und außerdem auch eine Art von Diasporapredigt, mit allem, was dazu gehört, zu schaffen vermöchten, so wäre damit für die Bewahrung des Erbes der Reformation in unserem Volk ein sehr Großes geschehen.“191

Wacker blieb, wie diese Aussagen zeigen, innerhalb der Landeskirche. Dass er sich von ihr nicht lösen konnte, ist die Tragik seines Lebens und der seiner Weggefährten. Während er sonst so eindeutig auf biblische Argumentation drängte und sie auch selbst führte, hier spielte für ihn plötzlich die geschichtliche Entwicklung, das geschichtliche Gewordensein, die volklich-kulturelle Verankerung der Landeskirche (die heute auch bereits dahin ist) eine wichtige Rolle. Hier hätte er die biblische Lehre von der Trennung oder Separation beachten und anwenden müssen. Und sie war ihm ja nicht unbekannt. Die Evangelisch-Lutherische Freikirche, die stets in ihrer Theologie, auch damals, die Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift bekannt hat und bekennt, und die damals auch sonst die alte bibel- und bekenntnistreue lutherische Lehre verkündigte, wirkte ja von Hamburg aus auch in Schleswig-Holstein. Zwei Diakonissen der Flensburger Anstalt fanden auch den Weg zu ihr. In Flensburg selbst kam es schließlich zur Gemeindebildung. Wäre dieser von der Bibel her gebotene Weg gegangen worden, vielleicht wäre das Erbe der lutherischen nordschleswigschen Erweckung auch nach dem politischen Übergang des Gebietes an Dänemark erhalten geblieben, umso mehr, als es die Dänische Evangelisch-Lutherische Freikirche damals schon gab und sie zu dieser Zeit (bis 1945) auch organisatorisch mit der (deutschen) Evangelisch-Lutherischen Freikirche verbunden war.

 

Wackers Eintreten für die Laienpredigt seit 1888 muss gesehen werden auf dem Hintergrund der dramatischen Lage in der Landeskirche und seinem Versuch, durch Gemeinschaftsbildung innerhalb der Landeskirche für die Gläubigen einen Sammlung zu ermöglichen. Was verstand er unter Laienpredigt?

Unter Laienpredigt wird im allgemeinen verstanden die in Verbindung mit Schriftenverbreitung und seelsorgerlichem Zuspruch geübte öffentliche Verkündigung des Evangeliums durch solche, welche nicht rite vozierte [berufene] Pastoren sind.“192 Wacker verwirft dabei den künstlich erzeugten Gegensatz zwischen Laie und Studiertem. „Derselben liegt eine falsche, leider aber weit verbreitete Ansicht zu Grunde, als sei „Laie“ der Gegensatz von „studiert“ oder „gelehrt“. Der Begriff Laie als Gegensatz zum Kleriker, zum Geistlichen, hat auf evangelischem Boden eigentlich keine Berechtigung. Alle Christen sind geistliche Leute, weil sie als Christen von Gott geboren sind, ein geistliches Priestertum.“193 Laie ist für ihn also jemand, der nicht gemäß der Ordnung zum Amt oder Dienst der Kirche berufen wurde, er sei nun gelehrt oder ungelehrt.

Im Gegensatz zu der Entwicklung in den deutschen Staaten, in denen die Innere Mission, entgegen dem Ansatz von Johann Hinrich Wichern und Wilhelm Löhe, immer mehr zu einer diakonischen Sache wurde, hat Emil Wacker, in engem Anschluss an die Arbeit der Inneren (Indre) Mission in den skandinavischen Ländern, besonders Dänemarks (wo die Indre Mission durch Pastor Vilhelm Beck großen Auftrieb bekommen hatte und viele Gemeinschaften bildete), die Wortverkündigung zur Hauptsache erklärt. Es geht ihm dabei um eine freie Wortverkündigung, die nicht an Gemeindegrenzen gebunden ist194.

Er sah sie dann als berechtigt an, wenn sie einem „kirchlichen Bedürfnis“ entspricht, das er durch die Notlage in der Kirche für gegeben ansah. „Und da glaube ich, die These aufstellen zu dürfen, dass die Laienpredigt als solche nicht mit der Schrift und dem Bekenntnis unserer Kirche in Widerspruch steht, falls sie einem wirklichen kirchlichen Bedürfnis entspricht und alles nach des Apostels Wort ehrlich und ordentlich zugeht.“195 Er geht dabei von dem Mandat Christi aus, das der Gemeinde Jesu Christi und nicht nur einem Stand in der Kirche gehört, nämlich dass durch Taufen und Lehren, durch Lösen und Binden, durch die Verwaltung des heiligen Abendmahls Seelen der Gnade Christi teilhaftig werden sollen, also der Gewalt der Schlüssel, die die Gemeinde hat. Er übersieht dabei keineswegs, dass damit nicht jeder Christ auch ein Prediger ist. „Dass aber das Mandat der Schlüsselgewalt nicht jedem Christen ohne weiteres übertragen ist, folgt eben daraus, dass es der Kirche gehört, der Gemeinde übertragen ist. In dieser soll aber alles ehrlich und ordentlich zugehen. Und daruf bedarf es eines besonderen Berufs, wenn jemand in der Gemeinde die Gewalt der Schlüssel von Amts wegen ausüben soll.“196 Er sieht darüber hinaus aber auch den Notfall, dass da jeder Christ predigen darf, wo sonst keine Christen sind, und verweist dabei auch auf Stephanus. Daraus schließt er dann:

„Halten wir hier einen Augenblick inne. Aus dem Gesagten ergibt sich eine Schlussfolgerung, meines Erachtens mit unzweifelhafter Evidenz. Wenn irgendwie ein Streit entsteht zwischen dem Interesse, dass das Mandat Christi ausgeübt werde und dem Interesse einer bestimmten Ordnung des Amts. So wird nach lutherischer Anschauung dieses letztere Interesse durchaus jenem ersteren nachstehen müssen. Denn das Amt ist um des Mandats willen da, nicht umgekehrt. Das Mandat bedingt die Ordnung, nicht die Ordnung das Mandat.“197 Er betont dann weiter, dass die zur Berufung zum Predigtamt nötige Qualifikation sei, dass der Mann zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen gehöre und eine Ausbildung der zum Predigtamt nötigen Gaben habe. Und er macht deutlich, dass es kaum je eine Persönlichkeit gegeben habe, die alle Gaben besessen habe, die für die zum Amt gehörenden Funktionen nötig sind. Deshalb hielt es Wacker für richtig und notwendig, wenn dem heiligen Predigtamt in der Gemeinde Hilfsämter, Diakone zur Seite gestellt würden. „Aus den gegebenen, sehr kurzen und leicht zu ergänzenden Andeutungen erhellt, dass das Gemeindeleben, ohne die ihm verliehenen Charismen für allerlei Diakonie in Anspruch zu nehmen, wie in der ersten Christenheit so auch später unmöglich zu rechter Blüte gelangen kann.“198

Die Notwendigkeit war für Wacker dann umso mehr gegeben, wenn rechte Predigt und Seelsorge fehlen. Und das ist der Punkt, wo in der neueren Zeit die Laienpredigt eingesetzt hat. Als die Ausübung eines notwendigen Charismas kann ich dieselbe, falls sie sich der amtlichen Ordnung der Gemeinde anschließt, schon an sich nicht für schrift- und bekenntniswidrig halten. Und falls sie dem Notstand fehlender rechter Predigt und Seelsorge gegenüber tritt, dann glaube ich auch, dass Schrift und Bekenntnis sie fordern.“199

Wacker ging es also vor allem darum, die reine bibel- und bekenntnistreue Lehre zu erhalten, dazu noch verbunden mit erwecklicher Verkündigungsweise. Er wollte daher die ordentlich organisierte „Laienpredigt“, wie sie dann in Nordschleswig tatsächlich eingerichtet wurde200.

Wie stand Emil Wacker zum Pietismus? Der schleswigsche Generalsuperintendent Kaftan, von vielen als ein „positiver“ Theologe angesehen, tatsächlich aber bereits sehr stark vom modernistischen Schriftverständnis geprägt, behauptete, Wacker und seine Mitstreiter seien „Pietisten“ und war froh, als in der nordschleswigschen Erweckung es zur Spaltung kam und eine dänisch-chauvinistische Linie die Führung übernahm. (Es ist mir allerdings fraglich, ob Theodor Kaftan überhaupt ein rechtes Verständnis vom Pietismus hatte, noch mehr, ob er überhaupt begriff, was Erweckung ist.) Wie Wacker zum Pietismus stand, das ist in seinen Schriften, vor allem natürlich im zweiten Teil seines Büchleins „Von der Laienpredigt und dem Pietismus in der lutherischen Kirche“ nachzulesen.

Die rechte lutherische Haltung beschreibt er dabei so: „In seiner Auslegung des Galaterbriefes nennt Luther die christliche Lehre den Himmel und das christliche Leben die Erde, „Im Leben,“ sagt erm „ist Sünde, Irrtum, Uneinigkeit, eitel Mühe und Arbeit. Da soll die Liebe überhören und übersehen, soll sich leiden, da soll die Vergebung der Sünden regieren und walten, so ferne doch, dass man solche Sünde und Irrtum nicht verteidigen wolle. Aber mit der Lehre ist es ein viel ander Ding, denn sie ist heilig, rein, lauter, himmlisch, göttlich. Wer die ändern oder fälschen will, gegen den ist weder Liebe noch Barmherzigkeit zu beweisen, darum bedarf sie auch keiner Vergebung der Sünden.“ In diesem Worte hat Luther die feste Gewissheit ausgesprochen, dass es eine schriftgemäße reine Lehre des Wortes Gottes gibt und dass dieselbe durch Gottes Gnade in der lutherischen Kirche auf dem Leuchter stehe. ... Sodann aber ist in der Tat die Bewahrung der Lehre die erste Aufgabe der christlichen und kirchlichen Treue. Soweit die falsche Lehre herrscht, ist der Gottesdienst nicht mehr der rechte und für die Schäden der Kirche keine Korrektur vorhanden. Wo in der Bewahrung der Lehre rechte Treue geübt wird, da erfüllt sich im kirchlichen Leben, auch wenn es vielleicht nicht sofort in die Augen fällt, gewisslich das Wort des Herrn, dass wer da hat, dem wird gegeben, während andrerseits gerade an der Untreue in dieser Hinsicht sich erfüllt, dass ihr genommen wird, auch was sie hat. Wollte Gott, dass in unseren Tagen nur ein wenig übrig geblieben wäre von dem Ernste, mit dem jene Zeit die reine Lehre zu bewahren suchte.“201 Wacker stellt sich damit deutlich auf die Seite der lutherischen Orthodoxie und ihrem eifrigen Ringen, die Lehre Gottes, wie wir sie in der Bibel finden und in den lutherischen Bekenntnissen bezeugen, zu bewahren und zu verkündigen. Gleichzeitig trifft er damit einen der empfindlichsten Nerven des Alt- wie des Neupietismus, die beide der biblischen Lehre gegenüber eine mehr oder weniger große Gleichgültigkeit an den Tag legten und legen und nur ganz bestimmte Lehrartikel, zumeist solche, die von der „Evangelischen Allianz“ oder den frühen Fundamentalisten als wichtig erachtet wurden, als bedeutend ansehen, alles andere aber als nebensächlich abtun.

Dabei ist Wacker nicht blind für die Probleme und Nöte auch in der Zeit der lutherischen Orthodoxie, einer Not, die auch heute, nachdem die lutherischen Erweckungen über 100 Jahre zurück liegen, in jenen Kreisen, die einst aus dieser Erweckung hervorgegangen sind, mir wieder sehr verbreitet scheint: dass nämlich die geistliche Heilserfahrung zurück geht, ja, dass Buße und Bekehrung, der Ruf zum bewussten persönlichen Glauben kaum noch gepredigt wird. Hier betonte er zu recht, dass dies im 16. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Reformation, anders war. „Männern, wie den beiden großen Martinen der lutherischen Kirche, Luther und Chemnitz, fühlt man es an, dass in ihrer ganzen Theologie an allen Punkten die Frage pulsiert: Was soll ich tun, dass ich selig werde. Alles ist bei ihnen praktisch, nichts nur Theorie. Und wie der Pulsschlag des geistlichen Lebens bei ihnen überall spürbar ist, so ist nicht minder ihre Theologie Schrifttheologie, in allen Stücken voll und ganz an das Wort Gottes, als an das Gnadenmittel, gebunden. Geistliche Erfahrung und Biblizismus durchdringen sich durchaus.“202 Was Wacker für die Zeit der Orthodoxie beobachtete, das war eine sich zumindest praktisch ausbreitende Trennung von Lehre und Leben, zumindest im Bereich der Theologie. (Diese Trennung war nicht durchgängig. Vielmehr ist dies auch die Zeit, die uns eine Fülle an kräftigen Chorälen überliefert hat – Paul Gerhardt, Johann Heermann, Johann Rist, Kaspar Neumann, Michael Schirmer – und ebenso auch viele Andachtsbücher. Außerdem wurde der Schaden selbst durchaus erkannt. Gerade innerhalb der Orthodoxie ist es immer wieder zu Reformvorschlägen gekommen. Man wollte auch das Leben erneuern – nur fand man nicht mehr den rechten Weg, weil man Gesetz und Evangelium nicht mehr recht einsetzte, die Heilsordnung nicht breiter darlegte und anwandte und die Beziehung von Rechtfertigung und Erneuerung nicht fasste.)

Der Pietismus ist also als Erscheinung zu sehen, die aufgrund dieser Nöte auftrat und dabei anknüpfte an vieles, was Kräfte innerhalb der Orthodoxie schon angedacht hatten. Aber an die Stelle einer gewissen Einseitigkeit in der Theologie der lutherischen Orthodoxie, die die Lehre betonte und dem Leben nicht den rechten Platz einräumte, trat schon bei Spener ein viel größere Einseitigkeit: Die Lehre trat fast völlig zurück hinter der persönlichen Frömmigkeit. Das hieß aber auch: Gottes objektives Handeln trat zurück hinter subjektives Empfinden, Wollen, Tun. Diese Verschiebung ist eine viel verheerendere als sie in der Orthodoxie teilweise vorhanden war, weil im Pietismus die Grundordnungen auf den Kopf gestellt wurden. Die Orthodoxie blieb bei allen Schwächen christozentrisch, theozentrisch. Der Pietismus dagegen war und ist anthropozentrisch, ausgerichtet auf den Menschen, sein Handeln, seinen Willen, seine Werke, seine Erfahrungen. Dies hat weitgehende Folgen. Schon bei Spener tritt der tiefe Ernst der Sündenerkenntnis zurück. Ist es dann verwunderlich, wenn später ein süddeutscher Gemeinschaftsführer, dem Wacker seine „Heilsordnung“ schickte, darauf antwortete, dass „er und seine Freunde im Süden betonten mehr die Herrlichkeit des Christentums, während wir im Norden mehr die Sünde zu betonen schienen“203. Dies aber wirkt dann weiter in dem Verständnis des rechtfertigenden Glaubens, der nicht mehr bloß als das Vertrauen in Christi Gerechtigkeit für uns gesehen wird, sondern betont wird als der Glaube, der in der Liebe tätig ist. Hier kommt tatsächlich das Gesetz hinein in einen Bereich, in dem allein das Evangelium herrschen sollte, hier werden Rechtfertigung und Heiligung vermengt. (Ist diese damit vorgegebene Nähe zum römischen Katholizismus auch einer der Gründe, warum Pfr. Morgner, der Vorsitzender des Gnadauer Verbandes, die „Gemeinsame Erklärung“ zwischen dem Lutherischen Weltbund in der römisch-katholischen Kirche zur Rechtfertigungslehre begrüßte?) Gnadenstand und Lebensstand werden nicht mehr unterschieden204.

„Die praktischen Konsequenzen der Spenerschen Lehre vom Glauben sind sehr schwerwiegender Art. In der ungenügenden Sündenerkenntnis, verbunden mit unnüchterner, enthusiastischer Anschauung vom Glauben, dessen Schwerpunkt in die sittliche Erneuerung gelegt wird, besteht, wie ich glaube, das eigentliche Wesen des Pietismus, welcher dann entsteht, wenn diese an sich begreifliche Durchgangsstufe mangelhafter Erleuchtung als diejenige festgehalten wird, auf welcher man den Kern des Christentums erfasst zu haben meint, So war es damals. Die Folge war, dass man immer mehr anfing, die Bekehrung oberflächlich zu fassen. Weil man gleich Wirkungen des Glaubens sehen wollte, begann das Gefühl, welches die Erweckung begleitet, eine große Rolle zu spielen. Man legte auf die Erfahrung innerer Gemütsbewegungen als auf „Zeichen und Wunder“ großes Gewicht. Aber wie man aus der Unruhe des Erweckungsgefühls heraus, von sich selbst los, sich selber geistlich sterbend zur Ruhe in Christus kommen könne, ward wenig gezeigt. Gnade und Natur wurden verwechselt. Vieles, was man als Gnade pries, war zu einem guten Teil bloß Natur. Damit hing zusammen, dass der göttliche Faktor in der Bekehrung nicht mehr als der eigentlich allein wirkende galt, sondern menschlicher Einwirkung, einer gewissen methodistischen Treiberei, eine große Bedeutung beigelegt wurde. Gottes Wort, rein und lauter gepredigt, die heiligen Sakramente, schriftgemäß verwaltet, das allein tut es nicht mehr.“205

Damit hat Wacker ein großes Problem des Pietismus (und, so ist heute zu ergänzen, der mit ihm verwandten evangelikalen Bewegung) erfasst: die Orientierung am Menschen, seinem Willen (der, vom Arminianismus und Methodismus herkommend, als zumindest teilweise frei in geistlichen Dingen behauptet wird, worauf die gesamte „Entscheidungstheologie“ fußt).

Daraus folgte dann eine weitere Tendenz, nämlich die Vollmacht des Wortes vom Glauben der Pastoren, die es predigen, abhängig zu machen.

Insbesondere aber ergab die Gleichgültigkeit in Lehrdingen einen Hang zum Unionismus, zur Vermischung der Konfessionen. „Spener meinte es gut und wollte nichts verderben. Seine persönliche Frömmigkeit bleibe unangetastet. Aber wenn er die Trennung von „Lehre und Leben“ überwinden wollte, so ist dabei der Schwerpunkt so sehr auf das „Leben“ gelegt worden, dass schließlich ein tatsächlicher Abfall vom sola fide, vom Stern und Kern des lutherischen Glaubens und Bekenntnisses in synergistischer Richtung [Mitwirkung des Menschen an seiner Erlösung] die Folge wurde. Das Zeitalter der Rechtgläubigkeit hat zwar die Bekenntniswahrheit unserer Kirche, zumal in ihren Spitzen, nicht überall erfahrungsgemäß völlig verstanden, aber sie dennoch in zäher Treue festhalten wollen. Von nunan beginnt eine allmähliche Indifferenz der Lehre, welche zuletzt mit völliger Auflösung derselben endigte.“206 (Liegt hier dann nicht, so muss ich fragen, ein Grund für den unermesslichen Schaden, den durch seine Lehrgleichgültigkeit der Pietismus, ungewollt, angerichtet hat in der Kirche? Hat er nicht dadurch den Rationalismus und dessen völlige Auflösung der Lehre gefördert? Und hat er nicht im Zusammenhang mit den Erweckungen im 19. Jahrhundert und der damit verbundenen kirchlichen Erneuerung eine echte konfessionelle Erneuerung verhindert und viele fromme Kreise der Kirche und dem theologischen Wirken entzogen und so den bibelkritischen, liberalen Kreisen das Feld überlassen, die konfessionellen Vorkämpfer aber eher mit Argwohn und als „unbekehrt“ betrachtet? Und liegt nicht letztlich auch darin einer der Gründe, warum in den letzten Jahrzehnten sich die pietistischen und evangelikalen Kreise zu einem sehr großen Teil allen möglichen Strömungen geöffnet haben, etwa der Gemeindewachstumsbewegung, Willow Creek, Saddleback, dem Baptismus, dem Darbismus, der Pfingst- und charismatischen Bewegung, der Ökumene?)

Mit August Hermann Francke kamen dann methodistische Tendenzen in die Kirche hinein, hat er doch sein „Bußkampferlebnis“ allgemein verbindlich gemacht und sehr viele Regeln für das Christenleben aufgestellt, die mit der Freiheit eines Christenmenschen nichts mehr zu tun hatten. Worin besteht aber die Macht, der Einfluss des Pietismus? Wacker sah ihn so: „Zum großen Teil besteht seine Macht jedenfalls auch in seinem mehr psychischen als pneumatischen Charakter, in seiner Abschwächung der Tiefe, Wahrheit und Fülle des Glaubens. Überall und stets sind ihm die Anfänge des christlichen Lebens sehr in den Vordergrund getreten. Viel weiter reicht sein Blick nicht. Wäre man dabei nicht stehen geblieben, hätte man den rechten Inhalt des Glaubens, welcher geglaubt wird, die fides quae creditur, ebenso betont, wie die Lebendigkeit des Glaubens, mit welchem man glaubt, die fides qua creditur, so wäre das Streben nach Pietät für die Kirche lediglich ein Segen gewesen. Aber die menschliche Art ist es, schnell fertig zu sein und in geistlichen Dingen gern auf halbem Wege stehen zu bleiben. Das Streben nach Pietät, nach lebendiger Frömmigkeit ward krankhaft, ebenso wie es eine Krankheit war, wenn die Orthodoxie alles Gewicht allein auf die Lehre, auf die Objektivität legte.“207

Die Tragik des Pietismus liegt auch darin, dass er, als ihm mit Valentin Ernst Löscher ein Mann der Kirche gegenüber trat, der es mit der Herzensfrömmigkeit gewiss ebenso ernst meinte, zudem aber auch fest in der biblischen Lehre stand, nicht bereit war, mit ihm ernsthaft zu sprechen, sondern Francke alle Verhandlungsversuche Löschers abblockte und ihn als „unbekehrt“ abtat, weil er nicht in das Hallesche Schema passte. Was aber war Löschers Ziel? „Veritas und pietas, Wahrheit und Frömmigkeit, will er einen und warnt in scharfer Rüge vor dem Geiz, der Ehrsucht und Herrschsucht der Geistlichen. Er will Vereinigung Gleichgesinnter, Vertiefung und Verinnerlichung des theologischen Studiums, Kirchenvisitationen, einen Laiendiakonat und betont auch die Sonntagsheiligung sehr... Da ist die rechte Einigung der Lehre und des Lebens, welche sie [die Pietisten] angeblich anstrebten.“208

Was kritisierte dabei Löscher am Pietismus? „Löscher findet das Krankhafte und Gefährliche der von ihm bekämpften Richtung in folgenden Stücken: in dem fromm scheinenden Indifferentismus gegen die Lehre, in der Geringschätzung der Gnadenmittel und besonders des Wortes Gottes, in der Schwächung des geistlichen Amtes, in der Vermengung der Glaubensgerechtigkeit mit den Werken, in der Hinneigung zum Chiliasmus [Lehre von einem besonderen, noch ausstehenden, Tausendjährigen Friedensreich auf Erden], in der willkürlichen Einschränkung der Gnadenfrist für den Menschen, in der Verdammung aller natürlichen Freude und allen Gebrauchs der sogenannten Mitteldinge, in der Vermischung von Natur und Gnade, im Reden von einer Vergottung der Frommen und in der Überschätzung der geistlichen Gefühle. Ferner rügt er, dass der Pietismus die Dinge zerstöre, welche für den Bestand der Religion erforderlich seien. Dahin rechnet er die sichtbare Kirche, die Widerlegung der Irrlehre, die symbolischen Bücher [Bekenntnisschriften], die theologische Lehrweise, die kirchlichen Gottesdienste und Ordnungen, die Kirchenzucht und die Orthodoxie.“209

Am Neupietismus des 19. Jahrhunderts, der weithin dann auch mehr und mehr prägend wurde und in die evangelikale Bewegung des 20. Jahrhunderts überleitete, stellte Wacker unter anderem fest, dass eine starke Neigung zum Methodismus, seiner Lehre und Praxis zu finden sei (was sich ja in der Heiligungsbewegung besonders zeigte, einem direkten Vorläufer der Pfingstbewegung, die in Deutschland ja zunächst aus der Gemeinschaftsbewegung erwuchs, wenn sich auch, erfreulicherweise, letztere 1909 in der Berliner Erklärung entschieden von ihr abgrenzte). Er bemerkte, dass die Heilsordnung nicht recht verstanden wurde und auch kein tieferes Interesse an ihr bestand, was Wacker zutiefst bedauerte. Die Sakramente, das musste er damals schon feststellen, hatten kaum noch eine Bedeutung. Dieses sehr starke Zurücktreten der objektiven Heilstaten Gottes förderte noch mehr den Subjektivismus, so dass der Neupietismus ebenfalls stark auf eine Sammlung der nach seinem subjektiven Verständnis Gläubigen abzielt anstatt auf eine Sammlung um das reine Wort und die Sakramente. Er will vielmehr eine „sichtbare Gemeinde der Gläubigen“. Für die reine Lehre besteht kaum ein Interesse210. Wacker hat dies sehr betrübt, da er sich einig sah mit der Gemeinschaftsbewegung in dem Ruf nach Bekehrung – aber er konnte dem, was er in der Gemeinschaftsbewegung geistlich-theologisch sehen musste, nicht zustimmen211.

 

 

Emil Wacker und die lutherischen Erweckungsbewegungen

 

Die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts sind keineswegs, wie oftmals der Eindruck vermittelt wird, pietistisch oder evangelikal geprägt gewesen, sondern, nach einer anfangs eher „allgemein-christlich-evangelischen“ Linie vielfältig auch bewusst konfessionell gewesen, und zwar zu einem nicht geringen Teil lutherisch. Am bekanntesten ist dabei sicher die Erweckung, die von Hermannsburg in die Lüneburger Heide ausging, mit Louis Harms als Gottes Werkzeug212, der auch die Heilsordnung in seiner Verkündigung beachtete. Wacker hatte früh zu Harms Kontakt. Mit der Hermannsburger Erweckung in Verbindung stand auch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Ostfriesland durch Remmer Janßen in Strackholt geprägte lutherische Erweckung213. Ob Wacker auch dahin Beziehungen hatte, ist mir nicht bekannt. Dagegen waren die Verbindungen zwischen Nordschleswig und Breklum, dem Erweckungs- und Missionszentrum im westlichen Schleswig-Holstein um Christian Jensen sehr eng214, wenn auch Jensen konfessionell nie so klar stand wie Wacker. Der Lehrer am Breklumer Seminar, Brar Cornelius Braren, hat sich aber sehr eng an Wackers Heilsordnung gehalten215.

Entschieden lutherisch und auch mit Hermannsburg verbunden war die Erweckung im Elsaß (Réveil luthérien) um Friedrich Theodor Horning und seine Mitstreiter. Hier haben wir auch eine klare theologische Arbeit216. Als lutherisch anzusehen ist auch das erweckliche Wirken Wilhelm Löhes in Neuendettelsau, auch wenn sein weiterer Weg zu viel berechtigter Kritik Anlass gegeben hat217. Auch die Erweckungen in Sachsen, besonders im Muldental (Andreas Rudelbach) waren eindeutig lutherisch geprägt. Von hier aus ging auch die evangelisch-lutherische Missouri-Synode in Nordamerika um Carl Ferdinand Wilhelm Walther218, in der am eindeutigsten Erweckung und biblische Lehre, Erneuerung von Lehre und Leben ausgeprägt wurde. Mit ihr in Verbindung stand die lutherische Erweckung in Nassau um Friedrich August Brunn (Steeden)219, aus der dann, zusammen mit Kreisen in Sachsen, die Evangelisch-Lutherische Freikirche entstand. Diese war, wie oben schon erwähnt, Wacker nicht unbekannt, aber er fand, leider, den Weg nicht heraus aus der von Schrift und Bekenntnis immer mehr abgewichenen Landeskirche.

Lutherische Prägung hatten übrigens auch die Erweckungen, die um Moritz Görcke, Thadden-Trieglaff und Gustav Knak in Pommern und Berlin entstanden, auch wenn sie nie zu konfessioneller Klarheit und Trennung von der preußischen Union führten. Das gleiche gilt für die Erweckungen im Minden-Ravensberger Land (Johann Hinrich Volkening, Theodor Schmalenbach) und in Ostpreußen um den dortigen Gebetsverein (Christian Kukat).

Für Emil Wacker von größerer Bedeutung waren die lutherischen Erweckungen in Skandinavien, vor allem in Dänemark. Die Indre Mission, die durch Vilhelm Beck ausgebaut wurde, wurde für ihn zum Vorbild für die Gemeinschaftsarbeit. (Sie ist, zusammen mit der Dänischen Lutherischen Mission, bis heute ein sehr bedeutender Faktor der volksmissionarischen Arbeit, hat heute eigene Ausbildungsstätten und eine große Distanz zur Staatskirche). Lutherisch war auch die Erweckung in Norwegen, die zunächst von Hans Nielsen Hauge, dann vor allem von Gisle Johnson geprägt und gestaltet wurde. In Süd-Schweden war Henric Schartau Gottes Werkzeug zum Beginn des 19. Jahrhunderts220. Seine Theologie war stark von der Lehre von der Heilsordnung geprägt und wegweisend für die schwedisch-lutherische Erweckungstheologie221. Auch die Erweckung um Carl Olof Rosenius trägt stark lutherische Züge, wenn auch pietistische Einschläge. Sie ist aber dennoch stark evangelisch ausgerichtet. Wacker war mit dieser Bewegung, die ja auch in Schleswig-Holstein Fuß fasste (bis heute gibt es dort den Lutherischen Missionsverein), bekannt, stand ihr aber aufgrund der darin aufgekommenen gesetzesfeindlichen (antinomistischen) und perfektionistischen Tendenzen teilweise kritisch gegenüber222. Dagegen war die Erweckung in Finnland um Frederik Hedberg, trotz ihrer Kontakte zu Rosenius, sehr viel stärker in der Richtung, die auch Wacker betonte, hob das Evangelium hervor und betonte auch die Heilsgewissheit. Aus ihr ist der bis heute bestehende, Innen- und Außenmission betreibende „Lutherische Evangeliumsverein“ hervorgegangen. Die Erweckung, wie sie von Paavo Ruotsalainen ausgegangen ist, lag, bei aller lutherischen Prägung, weniger auf dieser Linie, kannte etwa die Heilsgewissheit kaum, betonte viel stärker den lebenslangen Glaubenskampf.

 

 

Das Vermächtnis

 

Was können wir lernen von Emil Wacker, was ist das Erbe, das für die christliche Kirche, besonders die lutherische, bedeutsam ist? Emil Wacker ist im deutschsprachigen Raum wohl der bedeutendste lutherische Erweckungstheologe, ja Erweckungstheologe überhaupt, gewesen. Hier haben wir eine gesunde Verbindung von biblischer Lehre und geistlichen Leben, von Lehre und erwecklicher Verkündigung. Seine Heilsordnung ist, bis auf die in der Darstellung schon angezeigten Punkte, wegweisend auch für uns heute, denn sie ist biblische Lehre. Wenn lutherische Theologie und Verkündigung die darin ausgearbeiteten Wegweisungen beachtet, also Taufe und Bekehrung, Buße und Glaube predigt, den Ruf zum bewussten, persönlichen Glauben nicht unterlässt und die Gemeinde fest in Schrift und Bekenntnis gründet, wird sie Entscheidendes tun, um die Gemeinde vor innerer Erstarrung zu bewahren und Gott Boden bereiten für Erweckung und Ereuerung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anhang: Die lutherische Erweckung in Nordschleswig

 

Schleswig-Holstein ist nicht, wie es oftmals dargestellt wird, ein geistlich totes Land, ist es zumindest früher nicht gewesen. Vielmehr hat es mehrere Gegenden tiefgreifender Erweckungen und geistlicher Erneuerung gegeben. Denken wir doch nur an Claus Harms und die Erneuerung der evangelisch-lutherischen Kirche, die von ihm ausging und vor allem Holstein und südliche Teile von Schleswig erfasst hat. Und Claus Harms ist ja außerdem Gottes deutlich vernehmbare Posaune gegen den Rationalismus und die Union gewesen, ein Weckruf an die lutherische Kirche. Oder denken wir an Breklum, Christian Jensen und die Erweckung die durch ihn im Dithmarscher Land geschah, oder an Kropp und Pastor Paulsen und die Erneuerung, die von dort aus für Schleswig-Holstein geschah. Nicht zu vergessen sind auch Namen wie Baron Jasper von Oertzen, Gräfin Waldersee, Graf Bernstorff, die mit der Gemeinschaftsbewegung verbunden sind – und die Erweckung, die von Skandinavien her durch Rosenius auch nach Schleswig-Holstein kam und bis heute ihre Kreise im Lutherischen Missionsverein für Schleswig-Holstein hat.

Von besonderer Bedeutung und Prägung – dabei derjenigen um den Lutherischen Missionsverein wohl am nächsten stehend – aber ist die Erweckung, die im jetzt dänischen, aber einst jahrhunderte zum Herzog Schleswig gehörenden Nordschleswig von Gott im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert geschenkt wurde. Das Besondere und Bedeutsame ist ihre konsequent lutherische Prägung, die vor allem dem Wirken des Rektors der Evangelisch-Lutherischen Diakonissenanstalt Flensburg, Pastor Emil Wacker, zuvor Pastor in Rinkenis, zu verdanken ist, aber auch ihr späteres trauriges Ende, das für uns heute sehr lehrreich ist. Die Darlegung über diese sonst leider nur sehr wenig beachtete Erweckungsbewegung (die, was die Arbeiten über sie erschwert, vor allem im dänischsprachigen Bevölkerungsteil sich ausbreitete) stützt sich auf den Aufsatz von Günter Weitling: Die Erweckungsbewegung in Nordschleswig; in: Kirche im Umbruch. Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte. Bd. 5. Neumünster 1989. Zur geographischen Orientierung sei auf die Kartenskizze am Ende der Ausarbeitung verwiesen.

 

 

Die Entwicklung bis zur Gründung des Kirchlichen Vereins

 

Örtliche Erweckungen gab es in Nordschleswig sei den 1830er Jahren. Im Westen waren dies vor allem Grundtvigianer, also Anhänger dieses höchst eigenwilligen, im Laufe seines Lebens sich immer mehr vom biblischen Christentum entfernenden dänischen Predigers, der zwar der dänischen Kirche manche Freiheiten errungen hat und auch um das freie Schulwesen sich verdient machte, aber insgesamt doch als Verführer anzusehen ist, der vor allem Geistliches und Weltliches, Kirche und Volk vermengte (in gewissem Maße ein dänischer Vorläufer der ‚Deutschen Christen’) – Tendenzen, die in der Spätzeit der nordschleswigschen Erweckung noch unheilvolle Wirkungen haben sollten. Im nördlichen Nordschleswig wirkten von Fünen aus die Sendboten der „göttlichen Versammlungen“. Sie standen in Opposition zur rationalistischen Pfarrerschaft des Landes. Die frühe Erweckung war also in erster Linie eine Laienbewegung. Das Problem im Blick auf die Pfarrerschaft bestand ja darin, dass es für Schleswig-Holstein kein Pfarrerwahlrecht durch die Gemeinden gab, im Gegensatz zum reichsdänischen Gebiet, sondern sie direkt vom König ernannt wurden. Das Erbgut der „göttlichen Versammlungen“ lässt sich im späteren Wirken der Indre Mission noch gut erkennen (vgl. Weitling, S. 370).

Bedeutend für die erweckliche Arbeit wurde der Orgelbauer Jürgen Jacobsen (1810-1876) aus Hadersleben, der in der erwecklichen Verkündigung und in christlicher Nächstenliebe wirkte. Vor allem aber war die Herrnhutische Brüdergemeine in Christiansfeld seit den 1820er Jahren prägend für die erweckliche Arbeit in Nordschleswig. Philipp Jacob Roentgen ging als Bibel- und Schriftenmissionar durchs Land. Niels J. Holms gründete die „Nordslesvigs Missionsforening“ (Nordschleswigsche Missionsvereinigung), seit 1844 mit der Zeitschrift „Evangelisk Missions-Tidende“ (Evangelische Missionszeitung), wodurch das missionarische Interesse in den erweckten Kreisen sehr gefördert wurde (vgl. Weitling, S. 371).

Seit 1868 bestand dann der „Kirchliche Verein zur Förderung des Reiches Gottes in Schleswig“, der die Zeitschrift „Elias“ herausgab. Ein Jahr zuvor war Emil Wacker Pastor in Rinkenis geworden und gab ab 1873 das „Kirkeligt Soendagsblad“ (Kirchliches Sonntagsblatt) heraus und rief 1875 die „Evangelisk-luthersk Missionsforening for Nordslesvig“ (Evangelisch-lutherische Missionsvereinigung für Nordschleswig) ins Leben, die die Tirupati-Mission in Südindien unterstützte.

1883 wurde die erweckliche Zeitschrift „Saedekornet“ (Saatkorn) gegründet, die später faktisch das Organ der Indre Mission wurde. Schon 1884 hatte sie 8.000 Abonnenten und enthielt Predigten, Missionsberichte und erbauliche Darlegungen (vgl. Weitling, S. 372 f.). Reichsdänische Einflüsse, von Seiten der dortigen Indre Mission, sind auch erkennbar, aber kaum solche von der deutschen Gemeinschaftsbewegung. Das dürfte nicht zuletzt auch mit der Sprache zu tun gehabt haben.

Im Jahr 1886 kam es dann zur Gründung des „Kirchlichen Vereins für Indre Mission in Nordschleswig“. Die Initiative dazu ging zum einen aus von Chr. Holm aus Hvindrup bei Christiansfeld, zum anderen von Peter Iver Petersen. Der letzte Anstoß dürfte wohl gekommen sein beim Jahresfest der Schleswig-Holsteinischen Inneren Mission, das am 15. und 16. September 1886 in Neumünster gefeiert wurde und auf dem die prägende Gestalt der dänischen Indre Mission, der lutherische Pastor Vilhelm Beck, als Hauptredner auftrat und zu dem Thema sprach: „Die Mitarbeit der Laien an der Belebung der lutherischen Volkskirche durch das Zeugnis der Tat und des Wortes“. Ziel des Vereins war weniger die karitative als die missionarisch-erweckliche Arbeit, weshalb auch bewusst, unter Abgrenzung zu dem deutschen Begriff der „Inneren Mission“, der vielfach eher karitative Arbeit meinte, der dänische Begriff „Indre Mission“ verwendet wurde, in Anlehnung an die reichsdänische Indre Mission, die vor allem erwecklich-missionarisch tätig war (und ist; sie besteht heute noch und hat eine umfangreiche Arbeit in Dänemark und steht in deutlicher Opposition zur liberalen Theologie der Staatskirche). Es sollte die Verkündigung des Wortes Gottes durch Laienprediger gefördert werden. Zunächst sollten dazu Sendboten hinausgehen, die entsprechendes Schrifttum verbreiten sollten, Gemeinschaften Gleichgesinnter sammeln und stärken und sie gegen die Sekten abschirmen (vgl. Weitling, S. 374).

Der erste Sendbote war Lars Birk, der 1887 angestellt wurde und am 8. April bei Klaus Hansen in Hvindrup die erste Versammlung abhielt. Die erste Jahresversammlung des Vereins fand dann am 25. und 26. Juli 1887 in Apenrade statt, bei der Baron Jasper von Oertzen und Vilhelm Beck als Hauptredner sprachen. Vilhelm Beck legte seiner Verkündigung Hesekiel 47,1-12 zugrunde und predigte Christus als den einzigen Weg der Erlösung, die durch die Taufgnade vermittelt wird. Die Indre Mission stellte er dar als „Verein von Hirten und Evangelisten“, die die Menschen zu Christus leiten. Er betonte, wie wichtig die Verkündigung der vollen Gnade ist (vgl. Weitling, S. 375).

Die Anfänge waren nicht ohne Probleme, ja, es sah so aus, als ob das zarte Pflänzchen, kaum dass es ein wenig hervorgekommen war, gleich wieder niedergetreten werden sollte. Die Mehrzahl der nordschleswigschen Pastoren wollten die Laienpredigt verbieten lassen und machten auch entsprechende Eingaben an die Behörden, die aber zögerten, dem nachzukommen. Der Umschwung kam, als bei einer Versammlung, die die opponierenden Pastoren angesetzt hatten, Pastor Emil Wacker, den sie als Hauptredner geladen hatten, sich zur Überraschung aller für die Laienpredigt aussprach und sie als der Schrift und dem lutherischen Bekenntnis nicht widersprechend verteidigte. Seine Schrift „Die Laienpredigt und der Pietismus in der lutherischen Kirche“ legen davon Zeugnis ab. Er entwarf auch ein Programm für die Ausbildung und die Arbeitsweise der Laienprediger und gewann so entscheidenden Einfluss auf die nordschleswigsche Erweckung, ja, er wurde ihr „theologischer Lehrmeister“ und „geistlicher Führer“ und gründete den Verein und seine Arbeit fest auf das lutherische Bekenntnis. Durch die von ihm gegründete Flensburger Lutherische Konferenz gewann er auch Einfluss auf die Pastorenschaft Nordschleswigs (vgl. Weitling, S. 376 f.).

 

 

 

Die geistliche Prägung der nordschleswigschen Erweckung

 

Da, wo sich die Pastoren der Arbeit der Indre Mission verschlossen, fanden Versammlungen in den Häusern statt. Immer mehr wurde die Erweckungsbewegung zur treibenden Kraft des kirchlichen Lebens in Nordschleswig. Die Sendboten waren von Haus aus Bauern oder Handwerker, die im Glauben bewährt waren und durch die Gemeinschaften dem Vorstand vorgeschlagen und dann geprüft wurden. Wurden sie angenommen, wurden sie in Lehrgängen fest in der Bibel und dem lutherischen Bekenntnis gegründet. Wackers Buch „Die Ordnung des Heils“ wurde dabei zu einem Standardwerk für die Missionare der Indre Mission. Diese klare geistliche Prägung zeigte sich darin, dass die Erlösung allein aus Gnaden, und zwar als Sache Gottes, nicht des Menschen, im Zentrum stand, und die Missionare und die Erweckung ein klares Ja zu den Sakramenten hatte (vgl. Weitling, S. 380). Emil Wacker drückte seine Freude über die gute Ausrichtung der Missionare dem Leiter des Kirchlichen Vereins, Pastor Hans Tonnesen, mit den Worten aus: „Es ist ein reines Vergnügen, wie Deine Sendboten von dem Objektiven predigen können.“ (Weitling, S. 381)

Wichtig war aber, dass zur Lehre auch das Leben hinzu kam. Fanden die Lehrgänge für die Missionare zunächst reihum in den Pastoraten stand, so ging man später zu Lehrgängen mit längerer Dauer über, die zumeist in Hadersleben stattfanden. Dazu kam noch ein monatliches Treffen der Sendboten mit dem Vorstand. Es wurde sehr viel wert auf eine gründliche Vorbereitung auf die Versammlungen gelegt.

Ein Schwerpunkt der Verkündigung war der Ruf zur Bekehrung, die deutlich als Übergang vom Tod zum Leben, als Erfahren der Gnade Gottes, als Bewusst werden, dass Gott einen als sein Kind angenommen hat, beschrieben wurde. „Die Bekehrung ist etwas, was nicht ich tun kann, sondern etwas, was der Herr an mir tut.“ (Weitling, S. 382) Der Mensch kann die Bekehrung nicht selbst hervorrufen. „Er (Gott) alleine ist es, der die Bekehrung bewirkt. Von irgendeinem Mitwirken unsererseits kann keine Rede sein.“ (Weitling, S. 383) Die Bekehrung wird beschrieben als Rückkehr in die Taufgnade. Sie kann plötzlich kommen, muss aber nicht. Es wurde kein großer Wert darauf gelegt, den Zeitpunkt der Bekehrung angeben zu können. „Viel häufiger sind die langsamen Bekehrungen, und die, welche mehr im Stillen in einer solchen Weise vor sich gehen, dass der Geist durch das Wort nach und nach dem Menschen offenbart, dass er bisher ein selbstsüchtiger, selbstgefälliger Mensch gewesen ist, der an sich selbst und seinem eigenen genug hatte. Dadurch wird das alte Gemüt zerbrochen, und endlich kommt die Zeit, wo er sich in die Arme der Gnade wirft.“ (Weitling, ebd.) Diese klare biblische Lehre von der Bekehrung, die jeden Synergismus (Mitwirken des Menschen) ablehnt und eindeutig das alleinige Wirken Gottes betont, unterscheidet die nordschleswigsche Erweckung von vielen anderen, die mehr oder weniger stark den Schwerpunkt auf den Menschen (Entscheidung, Übergabe) legen, geprägt zumeist vom Arminianismus und seinem Kind, dem Methodismus und seinen Kindern, die von Finney herkommen. Hier kommt die Prägung durch Emil Wacker deutlich zum Vorschein.

Durch eine eindeutige Verkündigung von Gesetz und Evangelium, unter Hinweis auf die Taufe, sollte der Einzelne gerufen, eingeladen, angeleitet werden. Die Erweckung wurde dabei als die nötige Voraussetzung zur Bekehrung angesehen. Erweckung wurde dabei verstanden als das Erkennen der radikalen Sündhaftigkeit des Menschen nicht nur allgemein, sondern von mir persönlich – und der Erlösung von mir persönlich dadurch, dass ich mir das Verdienst Christi, das mir schon in der Taufgnade geschenkt wurde, bewusst persönlich aneigne (vgl. Weitling, S. 383).

Die Bedeutung der Kindertaufe wurde klar herausgestellt. Es ging dabei um das ganze Tun des Wortes Gottes, durch das Gott den Menschen die durch Christus erworbene Gnade geschenkweise zuteil werden lässt und auch den Glauben im Menschen schafft, der die Gnade ergreift. Viele aber fallen wieder aus der Taufgnade und ziehen den Zorn Gottes auf sich. Aber Gottes Seite der Taufgnade bleibt dennoch weiterhin bestehen, weshalb der Ruf Gottes an den Abgefallenen heißt: ‚Kehre wieder, du Abtrünniger!’ und Bekehrung, wie schon gesagt, ein bewusstes Ergreifen der Taufgnade in einem lebendigen Glauben ist. Diese Gnade des Glaubens aber wird durch das Einwirken des Heiligen Geistes durch das Wort geschenkt. Die Bekehrung wird dabei als der Teil der Wiedergeburt gesehen, worin sich der Mensch der Gnade Gottes bewusst wird, sie sich persönlich bewusst aneignet (vgl. Weitling, S. 387). (s.a. Emil Wacker: Wiedergeburt und Bekehrung in ihrem gegenseitigen Verhältnis nach der heiligen Schrift. Gütersloh 1893.)

Mit der Bekehrung kommt auch die Scheide zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Kindern Gottes und Kindern der Welt, auch zwischen Reich Gottes und der Welt. Diese wichtige Lehre über die Fremdlingschaft und Pilgrimschaft von uns Christen in der Welt wurde klar ausgedrückt. Sie fand ihren praktischen Ausdruck auch darin, dass die Erweckungsbewegung (bis 1907/11) sich eindeutig davon distanzierte, irgendwie in den nationalen Kampf zwischen Deutschen und Dänen hineingezogen zu werden (vgl. Weitling, S. 382). Die Erweckten hatten dabei einen engen Kontakt untereinander, andererseits aber eine Scheide zur Welt – ohne aber zu vergessen, auf ihre Umwelt durch ihr Leben und das Wort zu wirken (vgl. Weitling, S. 388).

 

Die Erweckung hatte auch Auswirkungen auf das christliche Leben, was sich im Öffentlichen vor allem in drei Bereichen niederschlug: der Asylarbeit, der Unterstützung der Diakonissenanstalt Flensburg und der Mitarbeit in der Äußeren Mission.

Die Asylarbeit, also dass sich die Gläubigen um verlassene oder gestrandete Kinder gekümmert haben, wurde schon 1877 organisiert im, „Nordschleswigschen Asyl für verwahrloste Kinder“. Ab 1910 kamen Kinderheime in Erlev, Arnum und Toftlund dazu (vgl. Weitling, S. 383).

Die Verbindung zur Diakonissenanstalt in Flensburg war schon durch die Person Emil Wackers gegeben, dann auch dadurch, dass weitere bedeutende Personen aus Nordschleswig und der Erweckung im Vorstand saßen. Ein Drittel der Diakonissen kam aus den erweckten Kreisen Nordschleswigs. Von den 70 Schwestern waren 1885 neun in Nordschleswig stationiert: vier in Apenrade, drei in Tondern und zwei in Sonderburg; 1894 waren acht in Hadersleben, sieben in Apenrade, drei in Tondern und zwei in Sonderburg. Die Diakonissenanstalt hatte in der Zeitschrift der Erweckung, Saedekornet, vier- bis sechsmal jährlich eine Beilage zur Diakonie. Das Krankenhaus der Diakonissen in Flensburg galt als das Krankenhaus für Nordschleswig und das soziale und mitmenschliche Handeln der Diakonissen gewann ihnen viele Herzen.

Pastor Rudolf Bahnsen hat die Äußere Mission als bedeutenden Faktor in der Erweckung bezeichnet (vgl. Weitling, S. 384). Nordschleswig hielt sich dabei vor allem an die Missionsanstalt in Breklum, vor allem, nachdem Rudolf Bahnsen und Detlef Bracker dorthin berufen worden waren. Seit 1905 fand in Tringlaff ein jährliches Missionsfest für Breklum statt. Viele Männer und Frauen aus Nordschleswig haben so den Weg in die Mission gefunden.

 

Missionarisch und erwecklich tätig war der Kirchliche Verein vor allem auch unter den Kindern und Jugendlichen. Kinderarbeit gab es schon seit den 1880er Jahren. 1912 wurde sie durch Iver B. Jensen reorganisiert, der bis dahin als Sendbote der Indre Mission gearbeitet hatte und nun ihr erster Kindermissionar wurde. Die Indre Mission unterhielt zu dem Zeitpunkt schon an 53 Orten Sonntagsschulen mit 90 freiwilligen Helfern und etwa 2200 Kindern. Pastor Th. Mahler, Hadersleben, gab für sie „Boernens Soendagsblad“ (Kindersonntagsblatt) heraus (vgl. Weitling, S. 388). Die Jugendarbeit bekam entscheidende Impulse mit der Ernennung des Lehrers Chr. Wienberg aus Süderballig zum Reisesekretär. Am 10. Mai 1908 wurde der „Faellesforbundet af Kristelige Ungdomsforeninger i Nordslesvig“ (Gesamtverband der Christlichen Jugendvereine in Nordschleswig) gegründet, dem 21 Vereine mit 450 Mitgliedern angehörte. An Christi Himmelfahrt fanden die Jahrestreffen statt. An demjenigen im Jahr 1912 nahmen etwa 4000 Jugendliche teil (vgl. Weitling, S. 389).

 

Die Auswirkungen im Leben zeigten sich aber nicht nur in den großen öffentlichen Bereichen, sondern auch im persönlichen Leben. Das Kartenspiel, und zwar nicht als harmloses Spiel, sondern mit großer Leidenschaft und um Geld, war damals weit verbreitet – bei den Erweckten kam es nicht mehr vor. Auch der Alkoholgenuss ging sehr zurück. Die Sonntagsruhe wurde wieder eingehalten und die Handelsmoral besserte sich. Am 7. November 1900 wurde in Hadersleben das erste Missionshotel eröffnet (vgl. Weitling, S. 385).

Um die Jahrhundertwende kam es dann auch zum Bau von Missionshäusern. Das erste war das Haus Bethanien in Hoptrup, das am 1. November 1896 eingeweiht wurde, am 25. November dasjenige in Bedstedt und 1900 eines in Aggerschau. Die Pflege der Gemeinschaft wurde als wichtig betrachtet, da sie als Grundlage galt für eine natürliche Kirchenzucht und auch dafür, die Privatbeichte wieder einzuführen (vgl. Weilting, S. 386).

 

 

Der Niedergang der Erweckungsbewegung

 

Im Jahr 1911 konnte der Kirchliche Verein sein 25-jähriges Jubiläum feiern. 50 Pastoren und Missionare standen in seinem Dienst, davon allein 26 Missionare und Kolporteure (Bücherboten) der Indre Mission; er besaß elf Missionshäuser, vier Missionshotels und eine Buchhandlung in Hadersleben.

Wohl verlief die Jubiläumsveranstaltung noch harmonisch – aber es war nicht zu leugnen, dass sich bereits tiefe Risse zeigten, die sich auch im Blick auf die umstrittene Jubiläumsschrift zeigen sollten.

Das Jubiläum war von in der deutschen Presse begleitet von einer bösen Kampagne gegen den Kirchlichen Verein, dem vorgeworfen wurde, das dänische Element zu bevorzugen. Bald darauf wurden die Spannungen im Verein selbst deutlich. Hans Tonnesen hatte zunächst sein Amt zur Verfügung gestellt, wurde dann aber von einer Mehrheit bestätigt und nahm es wieder auf. Am 15. Oktober 1912 kam es zum Austritt von zwöf Pastoren aus dem Kirchlichen Verein, dem sich weitere, unter anderen Emil Wacker, anschlossen. Der Vorwurf, der Hans Tonnesen und denen, die ihn jetzt umgaben, gemacht wurde war: Der Kirchliche Verein habe dem modernen liberalen theologischen Geist Tür und Tor geöffnet (vgl. Weitling S. 389 f.) Nach langem Ringen gründeten die zwölf ausgetretenen Pastoren am 24. Januar 1913 „Det gamle Budskabs Indre Mission“ (Die Indre Mission der alten Botschaft) und gaben die Zeitschrift „Det gamle Budskab“ (Die alte Botschaft), später: „Kom og Seh!“ (Komm und sieh!) heraus.

Die ‚Indre Mission der alten Botschaft’ bekannte sich konsequent zur Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift und lehnte jegliche Bibelkritik ab. „Die ganze Schrift ist von Gott eingeblasen.“ (Weitling, S. 404). Sie betonten, dass die biblische und bekenntnistreue Lehre besonderes Gewicht haben müsse, wie es bei Emil Wacker der Fall gewesen war (vgl. Weitling, S. 392).

 

Wodurch war es denn zu der Auseinandersetzung und Trennung gekommen? Auslöser war der Nationalitätenkampf gewesen, aus dem die Indre Mission sich bis dahin herausgehalten hatte, der aber seit 1907 immer mehr und tiefer in sie hineingetragen wurde – wogegen die ‚alte Botschaft’ protestierte. Tatsache ist, dass seit 1888 sich mehr und mehr die politische Situation im Nationalitätenkampf zugespitzt hatte aufgrund der sogenannten „Köllerpolitik“. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist, dass die Reichsdänen die Gefahr sahen, dass mittelfristig Nordschleswig eingedeutscht würde, und die reichsdänische Indre Mission es der nordschleswigschen Indre Mission verübelte, dass sie sich aus der Politik heraus hielt. So sah es die reichsdänische Indre Mission als ihr Ziel an, die Indre Mission in Nordschleswig zu unterwandern, um sie auf eine politisch-nationaldänischen Kurs zu bringen, auch wenn es zum Auseinanderbrechen des Vereins käme. Teilweise schwebte ihnen sogar das Ziel vor, dänische Freigemeinden aus den Gemeinschaften zu bilden (vgl. Weitling, S. 395).

Die Erweckungsbewegung hatte, aufgrund dessen, dass die Mehrzahl der Bewohner dänisch sprachen, immer auf Dänisch verkündigt. Das war nie eine Frage gewesen. Auch die heimdeutschen Prediger (deutschsprachige Prediger, die in Nordschleswig geboren waren) handelten so. Es wurde nie ein Konflikt aus dieser Sache gemacht. Allerdings hatte der Kirchliche Verein, was sehr schade ist, es auch nie vermocht, in Südschleswig Fuß zu fassen, obwohl zeitweilig in Flensburg ein Stadtmissionar eingesetzt wurde.

Dass diese Einflüsse überhaupt in den Kirchlichen Verein eindringen konnten, hatte seinen Grund in der sich wandelnden Einstellung von Hans Tonnesen und dem Generationenwechsel, der seit 1907 stattfand. Tonnesen hatte sich mehr und mehr der Grundtvig’schen Volksideologie geöffnet und auch die Gedanken übernommen, die von dieser Seite her die reichsdänische Indre Mission vertrat, nachdem der alte Vilhelm Beck sie leider auch dort hineingetragen hatte, mit der Maßgabe, alle Lebensbereiche zu „heiligen“. Volk, Nation wurden als Gottesgedanken bezeichnet und der nationale Kampf als christliche Pflicht aufgefasst (vgl. Weitling, S. 392). In völliger Verkennung der lutherischen Lehre verstiegen sich dann Tonnesen und seine Anhänger – sekundiert durch die moderat Liberalen in der Landeskirche (Theodor Kaftan) – darin, sich als die wahren Lutheraner zu bezeichnen gegenüber Emil Wacker und denen, die seine Theologie vertraten. Tatsächlich aber hat das Luthertum überall die Volkssprache gepflegt, auch dort, wo es anging, Volkskirche gebildet, die auch die volkliche Kultur geprägt hat – aber nie hat sie daraus irgendwelche politischen Theorien abgeleitet, sondern vielmehr, wie es auch die Pastoren der ‚alten Botschaft’ machten, zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit aufgerufen (weshalb viele von ihnen auch nach 1920, als Nordschleswig dänisch wurde, von den Gemeinden weiter behalten wurden und sie sich problemlos dem dänischen Staat unterordneten). Propst Niels Schmidt aus Rödding, ein Vertreter der neuen Richtung, gab zu, dass die Erweckungsbewegung die Linie ursprünglich vertreten habe, die weiterhin von der ‚alten Botschaft’ vertreten wurde.

Auch Vilhelm Beck hatte ursprünglich davor gewarnt, die Indre Mission zu politisieren, ist dann aber seit 1895/98 dem Grundtvig’schen Wahn und dem Nationalismus erlegen und sprach von „heiliger Vaterlandsliebe“ – was schließlich alles zum Niedergang führte (vgl. Weitling, S. 393 f.)

Aber warum konnten solche Dinge eindringen? Dies kam, weil zum einen Tonnesen selbst sich der modernen Theologie geöffnet hatte, zum anderen die jungen Pastoren, die von den Universitäten zurückkamen und in den Verein eintraten, die moderne Theologie mitbrachten, eine Theologie, die die Scheide zwischen Reich Gottes und Welt, zwischen Kindern Gottes und Kindern der Welt nicht mehr kennen wollte, sondern sich der Welt öffnete. Seit einem Besuch bei seinem Sohn Johannes in Berlin 1902 war Tonnesen offen dafür (vgl. Weitling, S. 394). Offenheit für die Welt – das hieß: offen sein für soziale, kulturelle und politische Fragen auch in der Kirche. Und genau dagegen wandten sich die zwölf Pastoren, die schließlich den Kirchen Verein verließen und die ‚alte Botschaft’ gründeten. Tonnesen hatte behauptet, die jungen Pastoren würden sich den alten schon anpassen, an sich schon ein gefährliches Spiel. Wacker hatte sich von vornherein dagegen ausgesprochen. Das Problem zeigte sich, wie Detlef Bracker es ausdrückte, nicht einmal so sehr in dem, was von den jungen Pastoren gesagt wurde, sondern vielmehr in dem, was eben von ihnen nicht gesagt wurde (vgl. Weitling, S. 397).

Weil die Scheide zur Welt gefallen war, wurde man, wie es die Pastoren der ‚alten Botschaft’ formulierte, offen für die „fleischliche Leidenschaft“, nämlich den Selbstbehauptungskampf der Völker.

Den Hauptstreitpunkt im Theologischen sahen die Pastoren der ‚alten Botschaft’ dabei in der Bibelfrage, die sich in der Frage zuspitzte, ob die Bibel Gottes Wort ist – wie es die alte lutherische Lehre ist und auch diejenige der ‚alten Botschaft’ – oder ob sie nur Gottes Wort enthalte, wie es Propst Schmidt oder auch Kaftan behaupteten. Weil die Modernen in dieser Frage abwichen, so waren sie auch bereit, in allem anderen zu weichen. Freiheit war für sie nun nicht mehr Freiheit von der Welt, sondern Freiheit, sich mit der Welt zu vermengen (vgl. Weitling, S. 398 f.).

Die ‚Indre Mission der alten Botschaft’ betonte daher in ihrer Arbeit die Lehre und hielt in den Gemeinschaften Vorträge über Gnadenwahl, Erbsünde, Gnade in Christus, Erweckung, Bekehrung, Heiligung, Erlösung, Gemeinschaft der Heiligen, Glaubwürdigkeit des Alten Testamentes und grenzte sich ab gegen die Irrlehre einer Bekehrung nach dem Tode. Zugleich trieb sie weiter die klare lutherische Verkündigung mit dem Ruf zur Bekehrung – und durfte erleben, dass es in ihren Gemeinden Erweckungen gab, Bibelkurse aufgebaut werden konnten, Kinder- und Jugendarbeit blühte. Selbst 1926 kam es in Biolderup noch zu einer Erweckung. Die Tätigkeit der ‚alten Botschaft’ konzentrierte sich dabei auf Süd- und Mittelnordschleswig, während die Reste des Kirchlichen Vereins vor allem im nördlichen Teil tätig waren. Die ‚alte Botschaft’ achtete darauf, dass die Mitarbeiter bekehrt waren und sich zur ganzen Bibel bekannten. Die Bedeutung der Lehre stellte Pastor Hans Christian Larsen, Hellewatt, heraus: „Ein Abfall in der Lehre ist schlimmer als ein Abfall im Leben.“ (Weitling, S. 404).

 

Mit der Angliederung Nordschleswigs 1920 an Dänemark kam es dazu, dass die reichsdänische Indre Mission auch die Arbeit in Nordschleswig übernehmen wollte. Der Kirchliche Verein ging größtenteils, aufgrund der politischen Propaganda der letzten Jahre, mit fliegenden Fahnen in ihr auf. Hans Tonnesen wurde praktisch an die Seite geschoben und wehrte sich nun gegen den dänischen Nationalismus, der von Norden her eindrang. Die ‚alte Botschaft’ schloss sich der dänischen Indre Mission nicht an, weil sie deren theologischen Kurs nicht in allem bejahen konnte. Sie löste sich aber mit Mehrheitsbeschloss 1920 auf. Die Art und Weise, wie die dänische Indre Mission dann ihre Arbeit in Nordschleswig begann, alle nordschleswigschen Mitarbeiter in den Norden schickte und reichsdänische nach Nordschleswig, die Arroganz und der Nationalismus, mit der sie auftrat haben die Arbeit, die auch in der getrennten Bewegung noch weit verbreitet war, letztlich verwüstet. Wohl hat die Indre Mission ihre Stationen in Nordschleswig, aber der Einfluss auf das kirchliche Leben in Nordschleswig, wie er vor 1920 vorhanden war, ist dahin.

 

Welche Lehren aber sind nun aus dem Niedergang und seinen Gründen zu ziehen? Der Niedergang hat letztlich, auch wenn das teilweise bestritten wird, einen theologischen Grund, denn die politische Frage konnte nur so akut werden, weil der Einbruch der modernen Theologie es ermöglichte, dass die Politik in die Reihen der Erweckungsbewegung getragen wurde.

Was also ist wichtig? Wichtig ist, dass die biblische Lehre, die Treue zur Bibel und dem lutherischen Bekenntnis, unbedingt gewahrt wird. Das ist aber nur möglich, wenn man die eigenen Mitarbeiter nicht an fremden Instituten ausbilden lässt, sondern eigene Ausbildungsstätten hat. Dabei ist die theologische Auseinandersetzung mit den Zeiterscheinungen in Theologie und Gesellschaft, wie es Wacker mit der Flensburger Lutherischen Konferenz machte, sehr wichtig. Damit hängt dann auch zusammen, dass die Scheide zwischen Reich Gottes und Welt aufrecht erhalten wird und es nicht zu einer Anbiederung an die Welt kommt. Letzteres geschieht ja leider in den letzten Jahrzehnten auch in den evangelikalen Kreisen immer mehr, bei gleichzeitiger Verkürzung der Inhalte der Verkündigung.

Aber nicht allein die Treue zur biblischen Lehre und dem Bekenntnis ist nötig, sondern damit verbunden auch die erweckliche Verkündigung. Lehre ohne erweckliche Verkündigung wird schließlich zu einem Erstarren des kirchlichen Lebens und vermehrt zu geistlichem Tod führen. Erweckliche Verkündigung ohne Lehre aber wird zum Abfall, zur Vermengung mit allerlei Irrlehren führen, wie es etwa bei der Evangelischen Allianz und der Vermischung Evangelikaler mit der Ökumenischen Bewegung zu sehen ist.

Die nordschleswigsche Erweckung zeigt, wie erweckliche Arbeit bei gleichzeitiger klarer biblischer Unterweisung geschehen kann – ohne das Abgleiten in arminianische Entscheidungstheologie. Dies sollte eine Ermutigung sein, bibel- und bekenntnistreu erwecklich lutherisch zu arbeiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



1 s. Margarethe Wacker: Pastor Emil Wacker. Ein kurzes Lebens- und Wesensbild. Breklum [1939]. S. 4 f. (Zitierweise: EW)

2 vgl. EW S. 5

3 vgl. EW, S. 7

4 vgl. ebd.

5 vgl. EW, S. 9

6 vgl. ebd.

7 vgl. EW, S. 11

8 vgl. Kirchlich-Biographisch-Bibliographisches Lexikon, Artikel „Emil Wacker“; Kirche im Umbruch. Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte. Bd. 5. Neumünster 1989. S. 316 (Zitierweise: SHK)

9 vgl. SHK, S. 384; 316

10 vgl. SHK, S. 317

11 vgl. EW, S. 12

12 vgl. EW, S. 12 f.

13 vgl. EW, S. 14 f.

14 vgl. EW, S. 15

15 vgl. EW, S. 16 f.

16 vgl. EW, S. 17

17 vgl. EW, S. 17.18

18 s. EW, S. 20

19 s. ebd.

20 abgedruckt in: EW, S. 21 f.

21 s. EW, S. 22

22 s. EW, S. 23

23 s. EW, S. 24

24 s. EW, S. 26

25 vgl. EW, S. 15

26 s. Emil Wacker: Wiedergeburt und Bekehrung in ihrem gegenseitigen Verhältnis nach der heiligen Schrift. Gütersloh 1893. S. 3 (Zitierweise: WuB)

27 s. SHK, S. 317

28 s. ebd.

29 vgl. WuB, S. 4

30 s. ebd.

31 s. WuB, S. 5

32 s. WuB, S. 6

33 s. WuB, S. 7

34 s. WuB, S. 9

35 s. WuB, S. 10

36 s. WuB, S. 11

37 s. ebd.

38 s. WuB, S. 12

39 s. WuB, S. 14

40 s. WuB, S. 15

41 s. WuB, S. 20 f.

42 s. WuB, S. 21

43 s. WuB., S. 22

44 s. WuB, S. 23

45 s. WuB, S. 24

46 s. WuB, S. 25 f-

47 s. WuB, S. 26

48 vgl. WuB, S. 26 f.

49 s. WuB, S. 27

50 s. WuB, S. 29

51 s. ebd.

52 s. WuB, S. 30 f.

53 s. WuB, S. 31 f.

54 s. WuB, S. 32 f.

55 s. WuB, S. 36 f.

56 s. Emil Wacker: Die Heilsordnung. 2., verbesserte Aufl. Gütersloh 1905. S. 14 (Zitierweise: H.O.)

57 s. WuB, S. 38 f.

58 s. WuB, S. 39 f.

59 s. WuB, S. 40

60 s. WuB, S. 42

61 s. WuB, S. 44

62 s. WuB, S. 46 f.

63 s. WuB, S. 47 f.

64 s. WuB, S. 49 f.

65 s. WuB, S. 52 f.

66 s. WuB, S. 53 f.

67 s. WuB, S. 56

68 s. WuB, S. 56 f.

69 s. WuB, S. 62.63

70 vgl. WuB, S. 64 f.

71 s. H.O., S. 1

72 s. H.O., S. 6 f.

73 s. H.O., S. 7-9

74 s. H.O., S. 9

75 s. H.O., S. 10 f.

76 s. H.O., S. 11 f.

77 s. H.O., S. 13

78 s. H.O., S. 16 f.

79 s. H.O., S. 17

80 s. H.O., S. 19. Wacker meint dabei nicht, dass seine Einteilung die einzig mögliche ist; er gibt auch diejenige von David Hollaz in seiner Dogmatik an, wie auch diejenige von Ernst Braun und bespricht ihre Vor- und Nachteile aus seiner Sicht. Wacker nimmt etwa die Rechtfertigung nicht in die Heilsordnung hinein und weist der mystischen Vereinigung Gottes mit dem Gläubigen keinen eigenen Ort zu. Ich selbst fasse sie etwas anders als Wacker, und zwar mit folgenden Stadien: Berufung mit Erweckung; Erleuchtung mit Buße und Glaubensruf; Bekehrung und Wiedergeburt; Rechtfertigung und Heilsgewissheit; Einwohnung Gottes im Gläubigen; Bewahrung; Heiligung mit Erneuerung, Nachfolge und christlicher Vollbereitung.

81 s. H.O., S. 22

82 s. ebd.

83 s. H.O., S. 23.24

84 s. H.O., S. 25

85 s. ebd. Vgl. auch: WuB., S. 15-36 die Abschnitte von der Taufe und von der Taufe und Wiedergeburt

86 vgl. H.O., S. 27-29

87 s. H.O., S. 31

88 vgl. H.O., S. 31-34

89 s. H.O., S. 36

90 s. H.O., S. 42

91 s. H.O., S. 45

92 s. H.O., S. 46

93 vgl. H.O., S. 49-53

94 vgl. H.O., S. 53-59

95 s. H.O., S. 60

96 s. H.O., S. 64

97 s. H.O., S. 67

98 s. H.O., S. 70

99 s. H.O., S. 73

100 vgl. H.O., S. 73-76

101 s. H.O., S. 76

102 vgl. H.O., S. 79-81

103 s. H.O., S. 81

104 s. H.O., S. 83

105 vgl. H.O., S. 86-91

106 s. H.O., S. 92

107 s. H.O., S. 93

108 vgl. H.O., S. 93-95

109 vgl. H.O., S. 95-97

110 s. H.O., S. 97

111 vgl. H.O., S. 98-99

112 s. H.O., S. 99

113 s. H.O., S. 100

114 s. H.O., S. 105; vgl. H.O., S. 99-105

115 s. H.O., S. 106

116 s. H.O., S. 107

117 s. H.O., S. 108

118 s. H.O., S. 110 f.

119 s. H.O., S. 111

120 s. H.O., S. 112

121 s. H.O., S. 113

122 vgl. H.O., S. 113-115

123 s. H.O., S. 115

124 s. H.O., S. 118

125 s. H.O., S. 120

126 vgl. H.O., S. 121 f.

127 s. H.O., S. 127

128 Das ist die allgemeine oder objektive Rechtfertigung. Wacker hat diesen Ausdruck abgelehnt; und dieser Teil seiner Ausführungen ist daher leider nicht so tiefgehend, wie es zu wünschen wäre( vgl. H.O., S. 126-128). Der Glaube ist ja keine Vorbedingung für die Rechtfertigung, obwohl es ohne den Glauben allerdings keine persönliche Rechtfertigung gibt und der Mensch noch unter dem Zorn Gottes ist. Aber das, was der Glaube ergreift, das durch Christus in Tod und Auferstehen erworbene Erlösungswerk, der Freispruch im Jüngsten Gericht, die Versöhnung mit dem Vater im Himmel, die Vergebung der Sünden, das ist ja nichts anderes als die (allgemeine) Rechtfertigung, die dadurch, dass der Mensch sie im Glauben ergreift, seine eigene, persönliche Rechtfertigung wird. Zeitlich und logisch fällt damit die Rechtfertigung mit dem Durchbruch des Glaubens zusammen. s. 2. Kor. 5,17-21.

129 s. H.O., S. 124

130 vgl. H.O., S. 125

131 vgl. H.O., S. 129

132 vgl. H.O., S. 131-133

133 vgl. H.O., S. 133 f.

134 vgl. H.O., S. 135-137

135 vgl. H.O., S. 137 f.

136 vgl. H.O., S. 138-140

137 vgl. H.O., S. 140-145

138 s. H.O., S. 146. Wacker stellt die Versiegelung in den Mittelpunkt seiner Heilsordnung und misst ihr damit eine Stellung zu, die sie in der Heiligen Schrift nicht hat. Mit ihr wird ja dem Gläubigen auch tatsächlich nichts Neues gegeben, sondern er kommt mit der Heilsgewissheit, wie wir das, worum es geht, besser nennen, nur zur Gewissheit über das, was er tatsächlich ja schon durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen hat. Auch den Heiligen Geist hat der Gläubige ja, denn er empfängt ihn als in sich wohnend mit der Bekehrung, Gal. 3,2.4. Wacker widerspricht sich selbst, wenn er so weit geht zu sagen, dass erst der, der die Heilsgewissheit hat, auch den Heiligen Geist habe. Ich kann daher der Bedeutung, die Wacker der Versiegelung beimisst, nicht zustimmen, auch nicht solchen Ausführungen, die praktisch alles von ihr abhängig machen. Ich halte es für besser, die Heilsgewissheit im Zusammenhang mit der Rechtfertigung zu behandeln, denn es geht ja darum, dass der Mensch der Vergebung der Sünden, des Freispruchs im Jüngsten Gericht gewiss wird. Da, wo es zu dieser  Gewissheit durch den Heiligen Geist durch das Wort und Sakrament kommt, da ist dem Menschen allerdings das, was er zuvor schon erlangt hat, versiegelt, bekräftigt, bestätigt.

139 vgl. H.O., S. 147-151

140 vgl. H.O., S. 156 f.

141 s. H.O., s. 157

142 s. H.O., S. 158

143 vgl. H.O., S. 159-170

144 vgl. H.O., S. 179-186

145 s. H.O., S. 187

146 s. H.O., S. 188

147 s. H.O. S. 195

148 vgl. H.O., S. 196-205

149 s. H.O., S. 205

150 s. H.O., S. 206

151 vgl. H.O., S. 205-212

152 vgl. H.O., S. 212-219

153 vgl. H.O., S. 219-227

154 s. H.O., S. 227

155 s. H.O., S. 231

156 s. H.O., S. 232

157 s. H.O., S. 233.234

158 vgl. H.O., S. 227-236

159 s. H.O., S. 239

160 s. H.O., S. 240

161 s. H.O., S. 241

162 s. H.O., S. 277

163 vgl. H.O., S. 277-298

164 s. H.O., S. 301 f.

165 s. H.O., S. 304

166 s. H.O., S. 309

167 s. H.O., S. 311

168 s. H.O., S. 312

169 s. H.O., S. 315

170 s. H.O., S. 316.317

171 vgl. H.O., S. 317-319

172 s.H.O., S. 320

173 s. H.O., S. 321

174 s. H.O., S. 325

175 s. ebd.

176 s. H.O., S. 330

177 s. H.O., S. 331

178 s. H.O., S. 333

179 s.H.O., S. 334

180 s. H.O., S. 339

181 vgl. H.O., S. 342-344

182 s. H.O., S. 345

183 s. H.O., S. 349

184 vgl. H.O., S. 353 f.; 377-382

185 vgl. Emil Wacker: Die Laienpredigt und der Pietismus in der lutherischen Kirche. Gütersloh 1889. (Zitierweise: LuP), S. 22

186 vgl. LuP, S. 22 f.

187 vgl. H.O., S. 319-321

188 s. LuP, S. 24

189 vgl. LuP, S. 28 f.

190 s. LuP, S. 72 f.

191 s. LuP, S. 74

192 s. LuP, S. 3

193 s. LuP, S. 6

194 vgl. LuP, S. 7 f.

195 s. LuP, S. 10 f.

196 s. LuP, S. 12 (Natürlich hat jeder einzelne Christ die volle Schlüsselgewalt, nicht nur eine Gemeinde, aber da alle Glieder einer Gemeinde sie ja haben, können sie schon um der Liebe und Ordnung willen sie nicht alle ausüben, sondern müssen sie übertragen. Wackers Redeweise ist hier etwas problematisch.)

197 s. LuP, S. 13

198 vgl. LuP, S. 13-15 (Die Schrift spricht allerdings in Verbindung mit dem Predigtamt weniger von Charismen als von Diensten, die allerdings bestimmte Fähigkeiten verlangen. Es ist auch hier nötig, was Wacker sonst auch betont, zwischen Natur und Gnade zu unterscheiden und hier nicht auf den heutzutage propagierten „Gabentest“ zu verfallen, sondern vielmehr die Vielfalt der Dienste zu sehen, die mit dem Amt verbunden sind, und dementsprechend das Amt, wo es nötig ist, aufzufächern und neue Dienste einzurichten und dazu Personen zu berufen, die geistlich geeignet sind – vertrauend, dass der Herr gemäß seiner Zusage die nötigen Personen gibt und sie auch ausrüstet zu diesem Dienst.)

199 s. LuP, s. 199 (Im Anschluss an das schon unter Anm. 198 gesagte möchte ich noch einmal hervorheben, dass ich Wackers Betonung des „charisma“ nicht teile und dass dies in eine falsche Richtung zielt. Soweit das Diakonat in die Dienste der Gemeinde und Kirche eingebaut wird, mit besonderer Sendung durch die Gemeinde oder die Kirche, ist ihm ebenso voll zuzustimmen. Und da, wo sich aufgrund der kirchlichen Lage freie Gemeinden bilden und aus ihrer Reihe Männer ins Amt berufen, handeln sie sowieso gemäß der Ordnung. Dass die Notlage in der Kirche dabei zu Diensten führen kann, die die Kirche noch gar nicht anerkannt hat, ist eine andere Sache, aber auch hier stimme ich Wackers Argumentation zu.)

200 vgl. LuP, S. 19 f.

201 s. LuP, S. 32.34

202 s. LuP, s. 35

203 s. H.O., S. VIII

204 vgl. LuP, S. 38-48

205 s. LuP, S. 49

206 s. LuP, S. 50

207 s. LuP, S. 57

208 s. LuP, S. 59. Zu Valentin Ernst Löscher vergleiche auch: Moritz von Engelhardt: Valentin Ernst Löscher nach seinem Leben und Wirken. 2., durchges. Abdruck. Stuttgart 1856. Hans Friese: Valentin Ernst Löscher. Berlin 1964. Franz Blanckmeister: Der letzte Prophet Kursachens. Dresden 1920. Hans-Martin Rothermund: Orthodoxie und Pietismus. Berlin 1959 (Dissertation).

209 s. LuP, S. 60 f.

210 vgl. LuP, S. 24-27

211 vgl. WuB, S. 87-91

212 vgl. dazu: Theodor Harms: Lebensbeschreibung des Pastor Louis Harms. Hermannsburg 1911.

213 vgl. Günther Maske, Johannes Mindermann: Ein Brief Christi; in: Vom Geheimnis Christi. Spetzerfehn 1973.

214 vgl. Ernst Evers: Christian Jensen. Breklum 1908.

215 vgl. Martin Pörksen: Brar Cornelius Braren – ein pietistischer Lutheraner; in: Unter einem Christus sein und streiten. Erlangen 1980.

216 vgl. Wilhelm Horning: Friedrich Theodor Horning. 3. Aufl. Würzburg 1884.

217 vgl. Werner Ost: Wilhelm Löhe. Neuendettelsau 1992.

218 vgl. Martin Günther: C.F.W. Walther. Gekürzt neu herausgegeben von Roland Sckerl. Durmersheim 2006.

219 vgl. Friedrich Brunn: Mitteilungen aus meinem Leben. Zwickau o.J.

220 vgl. Assar Lindeblad: Henric Schartau – Leben und Lehre. Neu herausgegeben von Roland Sckerl. Durmersheim 2004.

221 vgl. Bo Giertz: Mit der Kirche leben. Erlangen, Fürth 1988. Roland Sckerl: Die Heilsordnung bei Bo Giertz. Durmersheim 2005.

222 vgl. H.O., S. 259-266