Der Brief des Paulus an die Roemer

 

Luthers Vorrede auf die Epistel St. Pauli an die Roemer                        

Einleitung                    

Kapitel 1                      

Kapitel 2                      

Kapitel 3                      

Kapitel 4                      

Kapitel 5                      

Kapitel 6                      

Kapitel 7                      

Kapitel 8                      

Kapitel 9                      

Kapitel 10                    

Kapitel 11                    

Kapitel 12                    

Kapitel 13                    

Kapitel 14                    

Kapitel 15                    

Kapitel 16                    

Rechtfertigung             

Gnadenwahl                 

Des Christen Verhalten in den Mitteldingen         

Die Lehre von Kirchengemeinschaft und Trennung                     

Exkurs zum Widerstandsrecht         

Hat Luther recht getan, „allein“ in Roemer 3,28 einzufuegen?                

 

Luthers Vorrede auf die Epistel St. Pauli an die Roemer

1522A

 

    1. Diese Epistel ist das rechte Hauptstück des Neuen Testaments und das allerlauterste Evangelium, welche wohl würdig und wert wäre, dass sie ein Christenmensch nicht allein von Wort zu Wort auswendig wisse, sondern täglich damit umgehe als mit täglichem Brot und der Seele. Denn sie nimmer kann zu viel und zu wohl gelesen oder betrachtet werden, und je mehr sie gehandelt wird, je köstlicher sie wird und besser schmeckt.

    2. Darum ich auch meinen Dienst dazu tun will und durch diese Vorrede einen Eingang dazu bereiten, so viel mir Gott verliehen hat, damit sie desto besser von jedermann verstanden werde. Denn sie bisher mit Glossen und mancherlei Geschwätz übel verfinstert ist, die doch an sich selbst ein helles Licht ist, fast genugsam, die ganze Schrift zu erleuchten.

    3. Aufs erste müssen wir der Sprache kundig werden und wissen, was St. Paulus meint durch diese Worte: Gesetz, Sünde, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Fleisch, Geist und dergleichen, sonst ist kein Lesen nützlich daran.

    4. Das Wörtlein „Gesetz“ musst du hier nicht verstehen nach menschlicher Weise, dass [es] eine Lehre sei, was für Werke zu tun oder zu lassen sind, wie es mit Menschengesetzen zugeht, da man dem Gesetz mit Werken genug tut, ob’s Herz schon nicht da[bei] ist. Gott richtet nach des Herzens Grund und lässt sich an Werken nicht genügen, sondern straft vielmehr die Werke, ohne Herzensgrund getan, als Heuchelei und Lügen. Daher alle Menschen Lügner heißen, Ps. 116,11, darum, dass keiner aus Herzensgrund Gottes Gesetz hält noch halten kann; denn jedermann findet bei sich selbst Unlust zum Guten und Lust zum Bösen. Wo nun nicht ist freie Lust zum Guten, da ist des Herzens Grund nicht am Gesetz Gottes; da ist denn gewiss auch Sünde und Zorn verdient bei Gott, ob gleich auswendig viel gute Werke und ehrbares Leben erscheinen.

    5. Daher schließt St. Paulus Kap. 2,12.13, dass die Juden alle Sünder sind und spricht, dass allein die Täter des Gesetzes gerecht sind bei Gott. Will damit, dass niemand mit Werken des Gesetzes Täter ist, sondern sagt vielmehr zu ihnen so, V. 22: „Du lehrst, man soll nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe“; ebenso, V. 1: „Worin du einen andern richtest, darin verdammst du dich selbst, weil du eben dasselbe tust, das du richtest.“ Als sollte er sagen: Du lebst äußerlich fein in des Gesetzes Werken und richtest, die nicht so leben, und weißt, jedermann zu lehren; den Splitter siehst du in der andern Auge, aber des Balkens in deinem Auge wirst du nicht gewahr [Matth. 7,3].

    6. Denn ob du wohl auswendig das Gesetz mit Werken hältst, aus Furcht der Strafe oder Liebe des Lohns, so tust du doch alles ohne freie Lust und Liebe zum Gesetz, sondern mit Unlust und Zwang, wolltest lieber anders tun, wenn das Gesetz nicht wäre. Daraus denn sich schließt, dass du von Herzensgrund dem Gesetz feind bist. Was ist’s denn, dass du andere lehrst nicht stehen, so du im Herzen selbst ein Dieb bist und äußerlich gerne wärst, wenn du dürftest? Wiewohl auch das äußerliche Werk die Lange nicht nachbleibt bei solchen Heuchlern. Also lehrst du andere, aber dich selbst nicht; weißt auch selbst nicht, was du lehrst, hast auch das Gesetz noch nie recht verstanden. Ja, dazu mehrt das Gesetz die Sünde, wie er sagt im 5. Kapitel, V. 20, darum, dass ihm der Mensch nur mehr feind wird, je mehr es fordert, des er keines kann.

    7. Darum spricht er im siebten Kapitel, V. 14: „Das Gesetz ist geistlich.“ Was ist das? Wenn das Gesetz leiblich wäre, so geschähe ihm mit Werken genug; nun es aber geistlich ist, tut ihm niemand genug, es gehe denn von Herzensgrund alles, was du tust. Aber ein solches Herz gibt niemand als Gottes Geist, der macht den Menschen dem Gesetz gleich, dass er Lust zum Gesetz gewinnt von Herzen und hinfort nicht aus Furcht oder Zwang, sondern aus freiem Herzen alles tut. Also ist das Gesetz geistlich, das mit solchem geistlichen Herzen will geliebt und erfüllt sein, und fordert einen solchen Geist. Wo der nicht im Herzen ist, da bleibt Sünde, Unlust, Feindschaft gegen das Gesetz, das doch gut, gerecht und heilig ist.

    8. So gewöhne dich nun an die Rede, dass es ein ganz anderes Ding ist, „des Gesetzes Werke tun“ und „das Gesetz erfüllen“. Des Gesetzes Werk ist alles, das der Mensch tut oder tun kann am Gesetz, aus seinem freien Willen und eigenen Kräften. Weil aber unter und neben solchen Werken bleibt im Herzen Unlust und Zwang zum Gesetz, sind solche Werke alle verloren und nichts nütze. Das meint St. Paulus Kap. 3,20, da er spricht: „Durch des Gesetzes Werk wird vor Gott kein Mensch gerecht.“ Daher siehst du nun, dass die Schulzänker und Sophisten Verführer sind, wenn sie lehren, mit Werken sich zur Gnade bereiten. Wie kann sich mit Werken zum Guten bereiten, der kein gutes Werk ohne Unlust und Unwillen im Herzen tut? Wie soll das Werk Gott gelüsten, das aus einem unlustigen und widerwilligen Herzen geht?

    9. Aber das Gesetz erfüllen ist, mit Lust und Liebe seine Werke tun und frei ohne des Gesetzes Zwang göttlich und wohl leben, als wäre kein Gesetz oder Strafe. Solche Lust aber freier Liebe gibt der Heilige Geist ins Herz, wie er spricht Kap. 5,5. Der Geist aber wird nicht als allein in, mit und durch den Glauben an Jesus Christus gegeben, wie er in der Vorrede sagt. So kommt der Glaube nicht als allein durch Gottes Wort oder Evangelium, das Christus predigt, wie er ist Gottes Sohn und Mensch, gestorben und auferstanden um unsertwillen, wie er im dritten [V. 25], vierten [V. 25] und zehnten Kapitel [V. 9] sagt.

    10. Daher kommt’s, dass allein der Glaube gerecht macht und das Gesetz erfüllt, denn er bringt den Geist aus Christi Verdienst. Der Geist aber macht ein lustig und frei Herz, wie das Gesetz fordert; so gehen denn die guten Werke aus dem Glauben selber. Das meint er Kap. 3,31, nachdem er des Gesetzes Werke verworfen hat, dass es lautet, als wollte er das Gesetz aufheben durch den Glauben. Nein (spricht er), „wir richten das Gesetz auf durch den Glauben“, das ist, wir erfüllen’s durch den Glauben.

    11. „Sünde“ heißt in der Schrift nicht allein das äußerliche Werk am Leib, sondern alle das Geschäfte, das sich mit regt und bewegt zu dem äußerlichen Werk, nämlich des Herzens Grund, mit allen Kräften. Also, dass das Wörtlein „tun“ soll heißen, wenn der Mensch ganz dahinfällt und -fährt in die Sünde. Denn es geschieht auch kein äußerliches Werk der Sünde, der Mensch fahre denn ganz mit Leib und Seele hinan. Und besonders sieht die Schrift ins Herz und auf die Wurzel und Hauptquelle aller Sünde, welche ist der Unglaube im Grund des Herzens. Also dass, wie der Glaube allein gerecht macht und den Geist und Lust bringt zu guten äußerlichen Werken, so sündigt allein der Unglaube und bringt das Fleisch auf und Lust zu bösen äußerlichen Werken, wie Adam und Eva geschah im Paradies, 1. Mose 3.6.

    12. Daher Christus allein den Unglauben Sünde nennt, da er spricht Joh. 16,8.9: „Der Geist wird die Welt strafen um die Sünde, dass sie nicht glauben an mich.“ Darum auch, ehe denn gute oder böse Werke geschehen, wie die guten oder bösen Früchte, muss zuvor im Herzen da sein Glaube oder Unglaube als die Wurzel, Saft und Hauptkraft aller Sünde, welches in der Schrift auch darum der Schlange Kopf und des Drachen Haupt heißt, den des Weibes Same, Christus, zertreten muss, wie Adam verheißen ward. 1. Mose 3,15.

    13. „Gnade“ und „Gabe“ sind des Unterschiedes, dass Gnade eigentlich heißt Gottes Huld oder Gunst, die er zu uns trägt bei sich selbst, aus welcher er geneigt wird, Christus und den Geist mit seinen Gaben in uns zu gießen, wie das aus dem fünften Kapitel, V. 15, klar wird, da er spricht: „Gnade und Gabe in Christus“ usw. Ob nun wohl die Gaben und der Geist in uns täglich zunehmen und noch nicht vollkommen sind, dass also noch böse Lüste und Sünde in uns überbleiben, welche wider den Geist streiten, wie er sagt Röm. 7,14 f. 23 und Gal. 5,17, und wie 1. Mose 3,15 verkündigt ist, der Hader zwischen des Weibes Same und der Schlange Samen, so tut doch die Gnade so viel, dass wir ganz und für voll gerecht vor Gott gerechnet werden. Denn seine Gnade teilt und stückt sich nicht, wie die Gaben tun, sondern nimmt uns ganz und gar auf in die Huld, um Christi, unseres Fürsprechers und Mittlers willen, und [dar]um, dass in uns die Gaben angefangen sind.

    14. Also verstehst du denn das siebte Kapitel, da sich Paulus noch einen Sünder schilt, und doch im achten V. 1. Spricht, es sei nichts Verdammliches an denen, die in Christus sind, der unvollkommenen Gaben und des Geistes halben. Um des ungetöteten Fleisches willen sind wir noch Sünder; aber weil wir an Christus glauben und des Geistes Anfang haben, ist uns Gott so günstig und gnädig, dass er solche Sünde nicht achten noch richten will, sondern nach dem Glauben in Christus mit uns fahren, bis die Sünde getötet werde.

    15. „Glaube“ ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten. Und wenn sie sehen, dass keine Besserung des Lebens noch gute Werke folgen und doch vom Glauben viel hören und reden können, fallen sie in den Irrtum und sprechen: Der Glaube sei nicht genug, man müsse Werke tun, soll man fromm und selig werden. Das macht, wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie denn für einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanken ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt, so tut er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.

    16. Aber Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das uns wandelt und neu gebiert aus Gott, Joh. 1,13, und tötet den alten Adam, macht uns ganz andere Menschen von Herzen, Mut, Sinn und allen Kräften, und bringt den Heiligen Geist mit sich. O, es ist ein lebendig, geschäftig, tätig, mächtig Ding um den Glauben, dass [es] unmöglich ist, dass er nicht ohne Unterlass sollte Gutes wirken. Er fragt auch nicht, ob gute Werke zu tun sind, sondern ehe man fragt, hat er sie getan und ist immer im Tun. Wer aber nicht solche Werke tut, der ist ein glaubloser Mensch, tappt und sieht um sich nach dem Glauben und guten Werken und weiß weder was Glaube oder gute Werke sind, wäscht und schwatzt doch viel Worte vom Glauben und guten Werken.

    17. Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade, so gewiss, dass er tausendmal darüber stürbe. Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher Gnade macht fröhlich, trotzig und lustig gegen Gott und alle Kreaturen, welches der Heilige Geist tut im Glauben. Daher der Mensch ohne Zwang willig und lustig wird, jedermann Gutes zu tun, jedermann zu dienen, allerlei zu leiden Gott zu Liebe und Lob, der ihm solche Gnade erzeigt hat, so dass [es] unmöglich ist, Werke vom Glauben [zu] scheiden, ja so unmöglich wie Brennen und Leuchten vom Feuer mag geschieden werden. Darum siehe dich vor vor deinen eigenen falschen Gedanken und unnützen Schwätzern, die vom Glauben und guten Werken klug sein wollen zu urteilen, und sind die größten Narren. Bitte Gott, dass er den Glauben ein dir wirke, sonst bleibst du wohl ewig ohne Glauben, du dichtest und tust, was du willst oder kannst.

    18. „Gerechtigkeit“ ist nun solcher Glaube, und heißt Gottes Gerechtigkeit, oder die vor Gott gilt, darum, dass sie Gott gibt und rechnet für Gerechtigkeit, um Christi willen, unsers Mittlers, und macht den Menschen, dass er jedermann gibt, was er schuldig ist. Denn durch den Glauben wird der Mensch ohne Sünde und gewinnt Lust zu Gottes Geboten; damit gibt er Gott seine Ehre und bezahlt ihm, was er ihm schuldig ist; aber den Menschen dient er willig, womit er kann, und bezahlt damit jedermann. Solche Gerechtigkeit können Natur, freier Wille und unsere Kräfte nicht zuwege bringen. Denn wie niemand sich selbst kann den Glauben gebe, so kann er auch den Unglauben nicht wegnehmen; wie will er denn eine einige kleinste Sünde wegnehmen? Darum ist alles falsch, Heuchelei und Sünde, was ohne den Glauben oder im Unglauben geschieht, Röm. 14,23, es gleiße, wie gut es mag.

    19. „Fleisch“ und „Geist“ darfst du hier nicht so verstehen, dass „Fleisch“ alleine sei, was die Unkeuschheit betreffe, und „Geist“, was das Innerliche im Herzen betreffe, sondern Fleisch heißt St. Paulus, wie Christus, Joh. 3,6, alles, was aus Fleisch geboren ist, den ganzen Menschen, mit Leib und Seele, mit Vernunft und allen Sinnen; darum, dass es alles an ihm nach dem Fleisch trachtet; so, dass du auch den „fleischlich“ wissest zu heißen, der ohne Gnade von hohen geistlichen Sachen viel dichtet, lehrt und schwatzt; wie du aus den Werken des Fleisches, Gal. 5,20, wohl kannst lernen, da er auch Ketzerei und Hass Fleisches Werke heißt. Und Röm. 8,3 spricht er, dass durchs Fleisch das Gesetz geschwächt wird, welches nicht von Unkeuschheit, sondern von allen Sünden, allermeist aber vom Unglauben gesagt ist, der das allergeistlichste Laster ist.

    20. Wiederum auch den „geistlich“ heißt, der mit den alleräußerlichsten Werken umgeht, wie Christus, da er der Jünger Füße wusch, und Petrus, da er das Schiff führte und fischte. Also, dass Fleisch sei ein Mensch, der inwendig und auswendig lebt und wirkt, das zu des Fleisches Nutz und zeitlichem Leben dient, Geist sei, der inwendig und auswendig lebt und wirkt, das zu dem Geist und zukünftigen Leben dient.

    21. Ohne solchen Verstand dieser Wörter wirst du diese Epistel St. Pauli, noch irgendein Buch der Heiligen Schrift, verstehen. Darum hüte dich vor allen Lehrern, die anders diese Worte gebrauchen, sie seien auch, wer sie wollen, ob’s gleich Hieronymus, Augustinus, Ambrosius, Origenes und ihresgleichen und noch Höhere wären. Nun wollen wir zu Epistel greifen.

    22. Dieweil einem evangelischen Prediger gebührt, am ersten durch Offenbarung des Gesetzes und der Sünden alles zu strafen und zu Sünden [zu] machen, was nicht aus dem Geist und Glauben an Christus gelebt wird, damit die Menschen zu ihrer eigenen Erkenntnis und Jammer geführt werden, dass sie demütig werden und Hilfe begehren, so tut St. Paulus auch und fängt an im ersten Kapitel und straft die groben Sünden und Unglauben, die öffentlich sind am Tag, wie der Heiden Sünden waren und noch sind, die ohne Gottes Gnade leben und spricht: Es werde offenbart durchs Evangelium Gottes Zorn vom Himmel über alle Menschen, um ihres gottlosen Wesens und Ungerechtigkeit willen. Denn ob sie gleich wissen und täglich erkennen, dass ein Gott sei, so ist doch die Natur an sich selbst, außer der Gnade, so böse, dass sie ihm weder dankt noch ihn ehrt, sondern verblendet sich selbst und fällt ohne Unterlass in ärgeres Wesen, bis dass sie nach Abgöttereien auch die schändlichsten Sünden mit allen Lastern wirkt, unverschämt, und dazu ungestraft lässt an den andern.

    23. Im zweiten Kapitel streckt er solche Strafe auch weiter auf die, so äußerlich fromm schienen oder heimlich sündigten, wie die Juden waren und noch alle Heuchler sind, die ohne Lust und Liebe wohl [und ehrbar]B leben, und im Herzen Gottes Gesetz feind sind und doch andere Leute gerne verurteilen, wie aller Gleißner Art ist, dass sie sich selbst rein achten, und doch voll Geiz, Hass, Hoffart und allen Unflat stecken, Matth. 23,25. Die sind’s eben, die Gottes Gütigkeit verachten und nach ihrer Härtigkeit den Zorn über sich häufen, so, dass St. Paulus, als ein rechter Gesetzeserklärer, niemand ohne Sünde bleiben lässt, sondern allen den Zorn Gottes verkündigt, die aus Natur oder freiem Willen wollen wohl leben, du lässt sie nichts Besseres sein als die öffentlichen Sünder; ja er spricht, sie seien Hartmütige und Unbußfertige.

    24. Im dritten wirft er sie alle beide in einen Haufen und spricht: Einer sei wie der andere, allzumal Sünder vor Gott, nur dass die Juden Gottes Wort gehabt; wiewohl viel nicht dran geglaubt haben, doch damit Gottes Glaube [Treue] und Wahrheit nicht aus ist. Und führt zufällig ein den Spruch aus dem 51. Psalm, V. 6, dass Gott gerecht bleibt in seinen Worten. Darnach kommt er wieder darauf und beweist auch durch Schrift, dass sie alle Sünder sind und durch Gesetzes Werk niemand gerecht werde, sondern das Gesetz nur, die Sünde zu erkennen, gegeben sei.

    25. Darnach fängt er an und lehrt den rechten Weg, wie man müsse fromm und selig werden, und spricht: „Sie sind alle Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollten, müssen aber ohne Verdienst gerecht werden“ durch den Glauben an Christus, der uns solches verdient hat durch sein Blut und uns ein Gnadenstuhl geworden von Gott, der uns alle vorige Sünde vergibt; damit er beweise, dass seine Gerechtigkeit, die er gibt im Glauben, alleine uns helfe, die zur der Zeit durchs Evangelium offenbart und zuvor durchs Gesetz und die Propheten bezeugt ist. So wird das Gesetz durch den Glauben aufgerichtet, obwohl des Gesetzes Werke damit werden niedergelegt, samt ihrem Ruhm.

    26. Im vierten, nachdem nun durch die ersten drei Kapitel die Sünde offenbart und der Weg des Glaubens zur Gerechtigkeit gelehrt ist, fängt er an zu begegnen etlichen Einreden und Ansprüchen und nimmt als ersten den vor, den allgemein tun alle, die vom Glauben hören, wie er ohne Werke gerecht mache, und sprechen: Soll man denn nun keine guten Werke tun? So hält er sich selbst vor den Abraham und spricht: Was hat denn Abraham mit seinen Werken getan, ist’s alles umsonst gewesen? Waren seine Werke nichts nütze? Und schließt, dass Abraham ohne alle Werke, allein durch den Glauben, gerecht geworden sei, so gar, dass er auch vor dem Werk seiner Beschneidung durch die Schrift alleine seines Glaubens wegen gerecht gepriesen werde, 1. Mose 15,6. Hat aber das Werk der Beschneidung zu seiner Gerechtigkeit nichts getan, das doch Gott ihm gebot und ein gutes Werk des Gehorsams war, so wird gewiss auch kein anderes gutes Werk zur Gerechtigkeit etwas tun, sondern wie die Beschneidung Abrahams ein äußerliches Zeichen war, damit er seine Gerechtigkeit im Glauben bewies, so sind alle guten Werke nur äußerliche Zeichen, die aus dem Glauben folgen, und beweisen, als die guten Früchte, dass der Mensch schon vor Gott inwendig gerecht sei.

    27. Damit bestätigt nun St. Paulus, als mit einem kräftigen Beispiel aus der Schrift, seine vorige Lehre im dritten Kapitel, V. 27, vom Glauben und führt dazu noch einen Zeugen [an], David, aus dem 32. Psalm, der auch sagt, dass der Mensch ohne Werke gerecht werde; wiewohl er nicht ohne Werke bleibt, wenn er gerecht geworden ist. Darnach breitet er das Beispiel aus wider alle anderen Werke des Gesetzes und schließt, dass die Juden nicht können Abrahams Erben sein, da Abraham vor dem Gesetz, beide, Moses und der Beschneidung, durch den Glauben ist gerecht geworden und ein Vater genannt aller Gläubigen. Dazu auch das Gesetz vielmehr Zorn wirke als Gnade, dieweil es niemand mit Lust und Liebe tut, dass vielmehr Ungnade als Gnade durch des Gesetzes Werke kommt. Darum darf allein der Glaube die Gnade, Abraham verheißen, erlangen. Denn auch solche Beispiele um unseretwillen geschrieben sind, dass wir auch sollen glauben.

    28. Im fünften kommt er auf die Früchte und Werke des Glaubens, als da sind Friede, Freude, Liebe gegen Gott und jedermann, dazu Sicherheit, Trotz, Freudigkeit, Mut und Hoffnung in Trübsal und Leiden. Denn solches alles folgt, wo der Glaube recht ist, um des überschwänglichen Guts willen, das uns Gott in Christus erzeigt, dass er ihn für uns hat sterben lassen, ehe wir ihn darum bitten konnte, ja, da wir noch Feinde waren. So haben wir denn, dass der Glaube ohne alle Werke gerecht macht, und doch nicht daraus folgt, dass man darum keine guten Werke tun solle, sondern dass die rechtschaffenen Werke nicht außen bleiben, von welchen die Werkheiligen nichts wissen, und dichten sich selbst eigene Werke, darin weder Friede, Freude, Sicherheit, Liebe, Hoffnung, Trotz, noch eines rechten christlichen Werks und Glaubens Art ist.

    29. Darnach tut er einen lustigen Ausdruck und Spaziergang und erzählt, wo beide, Sünde und Ungerechtigkeit, Tod und Leben herkommen; und hält die zwei fein gegen einander, Adam und Christus. Will also sagen: Darum musste Christus kommen, ein anderer Adam, der seine Gerechtigkeit auf uns erbte durch eine neue, geistliche Geburt im Glauben, gleichwie jener Adam auf uns geerbt hat die Sünde, durch die alte fleischliche Geburt.

    30. Damit aber wird kund und bestätigt, dass sich niemand kann selbst aus Sünden zur Gerechtigkeit mit Werken helfen, so wenig er kann wehren, dass er leiblich geboren wird. Das wird auch damit bewiesen, dass das göttliche Gesetz, das doch billig helfen sollte, so etwas helfen sollte zur Gerechtigkeit, nicht allein ohne Hilfe gekommen ist, sondern hat auch die Sünde gemehrt, darum, dass die böse Natur ihm desto feinder wird und ihre Lust desto lieber büßen will, je mehr ihr das Gesetz wehrt. Dass also das Gesetz Christus noch nötiger macht und mehr Gnade fordert, die der Natur helfe.

    31. Im sechsten nimmt er das besondere Werk des Glaubens vor sich, den Streit des Geistes mit dem Fleisch, vollends zu t5öten die übrigen Sünden und Lüste, die nach der Gerechtigkeit überblieben, und lehrt uns, dass wir durch den Glauben nicht so befreit sind von Sünden, dass wir müßig, faul und sicher sein sollte, als wäre keine Sünde mehr da. Es ist Sünde a, aber wird nicht zur Verdammnis gerechnet, um des Glaubens willen, der mit ihr streitet. Darum haben wir mit uns selbst genug zu schaffen unser Leben lang, dass wir unsern Leib zähmen, seine Lüste töten und seine Gliedmaßen zwingen, dass die dem Geist gehorsam seien und nicht den Lüsten, damit wir dem Tod und Auferstehung Christi gleich seien und unsere Taufe vollbringen (die auch den Tod der Sünden und neues Leben der Gnade bedeutet), bis dass wir gar rein von Sünden, auch leiblich mit Christus auferstehen und ewig leben.

    32. Und das können wir tun, spricht er, weil wir in der Gnade und nicht in dem Gesetz sind. Welches er selbst auslebt, dass ohne Gesetz sein, sei nicht so viel gesagt, dass man kein Gesetz habe und könne tun, was jedermann gelüstet, sondern unter dem Gesetz sein ist, wenn wir ohne Gnade mit Gesetzes Werken umgehen. Alsdann herrscht gewiss die Sünde durchs Gesetz, da niemand dem Gesetz hold ist von Natur; dasselbe aber ist die große Sünde. Die Gnade macht uns aber das Gesetz lieblich; so ist denn keine Sünde mehr da, und das Gesetz nicht mehr gegen uns, sondern eins mit uns.

    33. Dasselbe aber ist die rechte Freiheit von der Sünde und vom Gesetz, von welcher er bis ans Ende dieses Kapitels schreibt, dass es sei eine Freiheit, nur Gutes zu tun mit Lust und wohl leben ohne Zwang des Gesetzes. Darum ist die Freiheit eine geistliche Freiheit, die nicht das Gesetz aufhebt, sondern darreicht, was vom Gesetz gefordert wird, nämlich Lust und Liebe, damit das Gesetz gestillt wird und nicht mehr zu treiben und zu fordern hat. Gleich als wenn du einem Lehnsherrn schuldig wärst und könntest nicht bezahlen. Von dem könntest du in zweierlei weise los werden: Einmal, dass er nichts von dir nähme und sein Register zerrisse; das andere Mal, dass ein frommer Mann für dich bezahlte und gäbe dir, damit du seinem Register genug täte. Auf diese Weise hat uns Christus vom Gesetz frei gemacht. Darum ist’s nicht eine wilde, fleischliche Freiheit, die nichts tun solle, sondern die viel und allerlei tut und von des Gesetzes Fordern und Schuld ledig ist.

    34. Im siebten bestätigt er solches mit einem Gleichnis des ehelichen Lebens. Als, wenn ein Mann stirbt, so ist die Frau auch ledig und ist so eines des andern los und ab. Nicht so, dass die Frau nicht möge oder solle einen andern Mann annehmen, sondern vielmehr, dass sie nun allererst recht frei ist, einen andern zu nehmen, dass sie vorher nicht konnte tun, ehe sie jenes Mannes los war.

35. So ist unser Gewissen verbunden dem Gesetz unter dem sündlichen alten Menschen; wenn der getötet wird durch den Geist, so ist das Gewissen frei und eines des andern los. Nicht dass das Gewissen solle nichts tun, sondern nun allererst recht an Christus, dem andern Mann, hangen, und Frucht bringen des Lebens.

    36. Darnach streicht er weiter aus die Art der Sünden und des Gesetzes, wie durch das Gesetz die Sünde sich nun recht regt und gewaltig wird. Denn der alte Mensch wird dem Gesetz nur desto mehr feind, weil er nicht kann bezahlen, was vom Gesetz gefordert wird. Denn Sünde ist seine Natur, und [er] kann von sich selbst nicht anders; darum ist das Gesetz sein Tod und alle seine Marter. Nicht, dass das Gesetz böse sei, sondern dass die böse Natur nicht leiden kann das Gute, dass es Gutes von ihm fordere, gleichwie ein Kranker nicht leiden kann, dass man von ihm fordere Laufen und Springen und andre Werke eines Gesunden.

    37. Darum schließt St. Paulus hier, dass, wo das Gesetz recht erkannt und aufs beste erinnert uns unserer Sünde und tötet uns durch dieselbe und macht uns schuldig des ewigen Zorns, wie das alles fein sich lehrt und erfährt im Gewissen, wenn’s mit dem Gesetz recht getroffen wird, so, dass man muss etwas anderes haben und mehr als das Gesetz, den Menschen fromm und selig [zu] machen. Welche aber das Gesetz nicht recht erkennen, die sind blind, gehen mit Vermessenheit dahin, meinen ihm mit Werken genug zu tun, denn sie wissen nicht, wie viel das Gesetz fordert, nämlich ein freiwilliges, lustiges Herz; darum sehen sie Mose nicht recht unter Augen, das Tuch ist ihnen davor gelegt und zugedeckt.

    38. Darnach zeigt er, wie Geist und Fleisch miteinander streiten in einem Menschen, und setzt sich selbst zu einem Beispiel, dass wir lernen, das Werk (die Sünde in uns selbst zu töten) recht erkennen. Er nennt aber beide den Geist und das Fleisch ein Gesetz, darum, dass, gleichwie des göttlichen Gesetzes Art ist, dass es treibt und fordert, so treibt und fordert und wütet auch das Fleisch gegen den Geist und will seine Lust haben. Wiederum treibt und fordert der Geist gegen das Fleisch und will seine Lust haben. Dieser Zank währt in uns, so lange wir leben, in einem mehr, im andern weniger, darnach der Geist oder Fleisch stärker wird. Und ist doch der ganze Mensch selbst alles beides, Geist und Fleisch, der mit sich selbst streite, bis er ganz geistlich werde.

    39. Im achten tröstet er solche Streiter, dass sie solch Fleisch nicht verdamme, und zeigt weiter an, was Fleisches und Geistes Art sei und wie der Geist kommt aus Christus, der uns seinen heiligen Geist gegeben hat, der uns geistlich macht und das Fleisch dämpft und uns versichert, dass wir dennoch Gottes Kinder sind, wie hart auch die Sünde in uns wütet, so lange wir dem Geist folgen und der Sünde widerstreben, sie zu töten. Weil aber nichts so gut ist, das Fleisch zu betäuben, wie Kreuz und Leiden, tröstet er uns im Leiden, durch Beistand des Geistes der Liebe und aller Kreaturen, nämlich dass beide, der Geist in uns seufzt und die Kreatur sich mit uns sehnt, dass wir des Fleisches und der Sünden los werden. So sehen wir, dass diese drei Kapitel, 6,7,8, auf das einige Werk des Glaubens treiben, das da heißt, den alten Adam töten und das Fleisch zwingen.

    40. Im neunten, zehnten und elften Kapitel lehrt er von der ewigen Vorsehung Gottes, daher es ursprünglich fließt, wer glauben oder nicht glauben soll, von Sünden los oder nicht los werden kann; damit es je gar aus unsern Händen genommen und allein in Gottes Hand gestellt sei, dass wir fromm werden. Und das ist auch aufs allerhöchste not. Denn wir sind so schwach und ungewiss, dass, wenn es bei uns stünde, würde freilich nicht ein Mensch selig, der Teufel würde sie gewiss alle überwältigen. Aber nun Gott gewiss ist, dass ihm sein Vorsehen nicht fehlt, noch jemand ihm wehren kann, haben wir noch Hoffnung wider die Sünde.

    41. Aber hier ist den freveln und hochfahrenden Geistern ein Mal zu stecken, die ihren Verstand am ersten hierher führen und oben anheben, zuvor den Abgrund göttlicher Vorsehung zu erforschen, und vergeblich damit sich bekümmern, ob sie versehen sind. Die müssen sich denn selbst stürzen, dass sie entweder verzagen oder sich in die freie Schanze schlagen.

    42. Du aber folge dieser Epistel in ihrer Ordnung, bekümmere dich zuvor mit Christus und dem Evangelium, dass du deine Sünde und seine Gnade erkennst, darnach mit der Sünde streitest, wie hier das 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8. Kapitel gelehrt haben. Darnach, wenn du in das achte [Kapitel] gekommen bist, unter das Kreuz und Leiden, das wird dich recht lehren die Vorsehung im 9., 10. [und] 11. Kapitel, wie tröstlich sie sei. Denn ohne Leiden, Kreuz und Todesnöte kann man die Vorsehung nicht ohne Schaden und heimlichen Zorn gegen Gott behandeln. Darum muss Adam zuvor wohl tot sein, ehe er dies Ding leide und den starken Wein trinke. Darum siehe dich vor, dass du nicht Wein trinkst, wenn du noch ein Säugling bist. Eine jegliche Lehre hat ihre Maße, Zeit und Alter.

    43. Im zwölften lehrt er den rechten Gottesdienst und macht alle Christen zu Pfaffen, dass sie opfern sollen; nicht Geld noch Vieh, wie im Gesetz, sondern ihre eigenen Leider, mit Tötung der Lüste. Darnach beschreibt er den äußerlichen Wandel der Christen im geistlichen Regiment, wie sie lehren, predigen, regieren, dienen, geben, leiden, lieben, leben und tun sollen, gegen Freund, Feind und jedermann. Das sind die Werke, die ein Christ tut. Denn, wie gesagt, [der] Glaube feiert nicht.

    44. Im dreizehnten lehrt er das weltliche Regiment ehren und gehorsam sein, welches darum eingesetzt ist: Ob’s wohl die Leute nicht fromm macht vor Gott, so schafft’s doch so viel, dass die Frommen äußerlich Frieden und Schutz haben, und die Bösen ohne Furcht oder mit Frieden und Ruhe nicht können frei Übels tun. Darum es zu ehren ist, auch den Frommen, ob sie wohl sein nicht bedürfen. Endlich aber fasst er alles in die Liebe und beschließt es in das Beispiel Christi, wie er uns getan hat, dass wir auch so tun und ihm nachfolgen.

    45. Im vierzehnten lehrt er die schwachen Gewissen im Glauben säuberlich führen und ihrer schonen, dass man der Christen Freiheit nicht gebrauche zum Schaden, sondern zur Förderung der Schwachen. Denn wo man das nicht tut, da folgen Zwietracht und Verachtung des Evangeliums, daran doch alle Not liegt; dass es besser ist, den Schwachgläubigen ein wenig weichen, bis sie stärker werden, als dass allerdinge die Lehre des Evangeliums sollte untergehen. Und ist solches Werk ein besonders Werk der Liebe, das wohl auch jetzt vonnöten ist, da man mit Fleischessen und anderer Freiheit frech und rau, ohne alle Not, die schwachen Gewissen zerrüttet, ehe sie die Wahrheit erkennen.

    46. Im fünfzehnten setzt er Christus zum Beispiel, dass wir auch die andern Schwachen dulden, als die sonst gebrechlich sind, in öffentlichen Sünden oder von unlustigen Sitten; welche man nicht darf hinwerfen, sondern tragen, bis sie auch besser werden. Denn so hat Christus mit uns getan und tut noch täglich, dass er gar viel Untugend und böse Sitten, neben aller Unvollkommenheit, an uns trägt, und hilft ohne Unterlass.

    47. Darnach zum Beschluss bittet er für sie, lobt sie und befiehlt sie Got5t und zeigt sein Amt und Predigt an und bittet sie gar säuberlich um Steuer an die Armen zu Jerusalem; und ist eitel Liebe, davon er redet und damit er umgeht.

    48. Das letzte Kapitel ist ein Grußkapitel; aber darunter vermischt er gar eine edle Warnung vor Menschenlehren, die da neben der evangelischen Lehre einfallen und Ärgernis anrichten, gerade als hätte er gewiss ersehen, dass aus Rom und durch die Römer kommen sollten die verführerischen, ärgerlichen Canones und Dekretalen und das ganze Geschwürm und Gewürm menschlicher Gesetze und Gebote, die jetzt die Welt ersaufen, und diese Epistel und alle Heilige Schrift, samt dem Geist und Glauben vertilgt haben, dass nichts mehr da geblieben ist als der Abgott Bauch, dessen Diener sie hier St. Paulus schilt. Gott erlöse uns von ihnen, Amen!

    49. So finden wir in dieser Epistel aufs allerreichlichste, was ein Christ wissen soll, nämlich, was Gesetz, Evangelium, Sünde, Strafe, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Christus, Gott, gute Werke, Liebe, Hoffnung, Kreuz sei und wie wir uns gegen jedermann, er sei fromm oder Sünder, stark oder schwach, Freund oder Feind, und gegen uns selber verhalten sollen. Dazu das alles mit Schriften trefflich gegründet, mit Beispielen seiner selbst und der Propheten bewiesen, dass nichts mehr hier zu wünschen ist. Darum es auch scheint, als habe St. Paulus in dieser Epistel wollen einmal in die Kürze verfassen die ganze christliche und evangelische Lehre und einen Eingang bereiten in das Alte Testament. Denn ohne Zweifel, wer diese Epistel wohl im Herzen hat, der hat des Alten Testaments Licht und Kraft bei sich. Darum lasse sie ein jeglicher Christ sich gemein und stetig in Übung sein. Da gebe Gott seine Gnade zu, Amen.

 

 

Einleitung

    Der Verfasser des Römerbriefs war, wie er selbst in der Einleitung sagt, der Apostel Paulus, Kap. 1,1. Ein großer Teil des Lebens dieses großen Missionars wird in der Apostelgeschichte geschildert, und eine kurze Geschichte seiner Jugend und seines Wirkens als Apostel Christi wird in Artikeln im Anhang zu den Apostelgeschichten 9 und 28 dieses KOMMENTARS gegeben. „Es genügt hier festzustellen, dass Saulus (später Paulus genannt) in Tarsus, einer Stadt in Zilizien, von jüdischen Eltern geboren wurde, die das römische Bürgerrecht besaßen; dass er als junger Mann nach Jerusalem geschickt wurde, um eine jüdische Erziehung zu erhalten; dass er dort dem Unterricht des berühmten Rabbi Gamaliel unterstellt wurde und sich der Sekte der Pharisäer anschloss, deren System er mit allem Stolz, Selbstbewusstsein und Intoleranz verinnerlichte, wodurch er sich als einer der unverbesserlichsten Feinde der christlichen Sache auszeichnete; aber nachdem er sich durch eine höchst merkwürdige Fügung der göttlichen Vorsehung und Gnade bekehrt hatte, wurde er einer der eifrigsten Förderer und erfolgreichsten Verteidiger der Sache, die er zuvor so unerbittlich verfolgt hatte.“[1] Der Brief trägt durchgängig die charakteristische Handschrift des Paulus, sowohl in Inhalt als auch in Form. Er ist ein Teil der apostolischen Lehre, ein Teil der durch Gottes Eingebung gegebenen Schrift, um uns weise zu machen zum Heil durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.

    Der Brief ist an die Römer gerichtet, das heißt „an alle, die in Rom sind, die von Gott geliebt und zu Heiligen berufen sind“, Kap. 1,7.: „Aus den Kapiteln. 1,8 und 16,19 geht hervor, dass die Gemeinde in Rom schon seit einiger Zeit bestand, als Paulus diesen Brief schrieb. Wie war sie gegründet worden? Offensichtlich nicht durch die Verdienste des Paulus selbst. Als er seinen Brief schrieb, war er nie in Rom gewesen (Kap. 1,10.13; 15,23). Die römisch-katholische Kirche von heute behauptet, dass der heilige Petrus der Gründer der Kirche in Rom war und dass er ihre Geschicke fünfundzwanzig Jahre lang als ihr erster Bischof leitete. Diese Behauptung hat keine biblische Grundlage. Sie widerspricht in der Tat allen Beweisen des Neuen Testaments. Hier sind einige der Beweise. 1. Bis zur Zeit des apostolischen Konzils... befand sich der heilige Petrus noch in Jerusalem (Apg. 12,4; 15,7; Gal. 2,1 ff.). Nach vertrauenswürdiger Überlieferung starb er im Jahr 67. Von 51 bis 67 sind es jedoch keine fünfundzwanzig Jahre. 2. Paulus schrieb seinen Brief an die Römer Anfang des Jahres 58. Aber in diesem Brief erwähnt er den heiligen Petrus mit keinem Wort, was er sicher getan hätte, wenn ein so prominenter Apostel die römische Kirche gegründet hätte. 3. In seinem Brief (Kap. 16, 3-16) sendet Paulus besondere Grüße an eine große Zahl von Christen in Rom. Aber der Name des heiligen Petrus wird in der langen Liste derer, die Paulus grüßt, nicht erwähnt. Was hat das zu bedeuten? Es kann nur bedeuten, dass der heilige Petrus zu dieser Zeit nicht in Rom war. Es ist also klar, dass weder der heilige Petrus noch der heilige Paulus die Kirche in Rom gegründet haben. Wir haben auch keinen Beweis dafür, dass irgendein anderer Apostel der Gründer war. Der Ursprung dieser Kirche muss wahrscheinlich folgendermaßen erklärt werden. Rom, die Herrin und Metropole der Welt, hatte zu jener Zeit eine große Anzahl jüdischer Einwohner. Einige von ihnen waren am großen Pfingsttag in Jerusalem anwesend, als der Heilige Geist auf die Jünger ausgegossen wurde (Apg. 2, 10). Höchstwahrscheinlich waren einige dieser „Gastarbeiter aus Rom“ unter den 3.000, die sich bekehrten und tauften. Als sie nach Rom zurückkehrten, trugen diese Bekehrten das Evangelium Christi mit sich. Das war der Anfang der Kirche in Rom.“[2]

    Das Ziel des Briefes wird von Paulus selbst genannt (1,11-15; 15,22-32). Da er schon lange vorhatte, die Gemeinde in Rom zu besuchen, kündigt er hier sein wahrscheinliches Kommen in naher Zukunft an. Er wollte die Gemeinde in Rom darauf vorbereiten, eine geeignete Basis für die Weitergabe des Evangeliums nach Westen zu werden. Die Anweisungen des Paulus in diesem Brief nehmen daher die Ausmaße einer vollständigen und erschöpfenden lehrhaften Abhandlung an, der systematischsten und vollständigsten aller Paulusbriefe: „Eine Darstellung des göttlichen Ratschlusses der Gnade und des Heils in seiner Universalität, die für Juden und Heiden gleichermaßen bestimmt und notwendig ist.“ Die Gemeinde, die sich aus Juden und Griechen zusammensetzte, wobei die Heidenchristen in der Überzahl waren, bildete noch kein harmonisches Ganzes, da die Juden glaubten, sie seien dazu bestimmt, besondere Vorrechte im Reich Gottes zu genießen, und die Heiden dazu neigten, auf die jüdischen Brüder herabzusehen. Die Ausführungen des Paulus in diesem Brief zielten darauf ab, die beiden Parteien zu vereinen. Wegen dieser beiden Züge ist der Römerbrief die wichtigste Schrift des Paulus, oder, wie Luther es ausdrückt, „das Hauptbuch des Neuen Testaments und das reinste Evangelium, welches wohl wert ist, dass ein Christ es nicht nur auswendig, Wort für Wort, wisse, sondern täglich gebrauche als das tägliche Brot der Seele; denn man kann es nie zu oft und zu gut lesen und studieren, und je mehr man es gebrauche, desto kostbarer wird es, und desto besser schmeckt es.“[3]

    Aus Apg. 20,2.3; Röm. 16,1.2.23; 1. Kor. 1,14 geht hervor, dass Paulus diesen Brief auf seiner dritten Missionsreise, im Winter 58-59, kurz vor seiner Abreise nach Jerusalem, geschrieben hat. Die Bedingungen für die Absendung des Briefes zu diesem Zeitpunkt waren günstig, denn Phöbe, eine Diakonisse aus Kenchrea, einer Hafenstadt in Korinth, war im Begriff, nach Rom zu reisen, und wurde so zur Überbringerin der kostbaren Botschaft (Kap. 16,1.2). Der Brief wurde von Paulus an Tertius, einen seiner Gefährten und Helfer, im Haus des Gajus in Korinth diktiert.

    Der Römerbrief lässt sich eindeutig in einen lehrhaften und einen praktischen Teil unterteilen. Der erste Teil, der die Kap. 1-11, umfasst vier Unterabschnitte. Nach der Einleitung wird das Thema des Briefes angekündigt: die Rechtfertigung durch den Glauben, wie sie im Evangelium offenbart wird. Der Apostel zeigt, dass weder die Heiden noch die Juden vor Gott gerecht sind, sondern von Natur aus unter dem Zorn Gottes stehen. Die Gerechtigkeit Gottes, die durch die stellvertretenden Verdienste Christi erworben wurde, mit all ihren Segnungen, wird als nächstes dargestellt. Eine notwendige Frucht und Folge der zugerechneten Gerechtigkeit ist die Heiligung, die sich in guten Werken manifestiert. Die universale Gnade Gottes ist die Grundlage der Erwählung aus Gnade, wie Paulus am Beispiel Israels und der heidnischen Welt zeigt. Im praktischen, mahnenden Teil seines Briefes zeigt der Apostel dann, welche christlichen Tugenden aus der Liebe zu Christus erwachsen: Demut, Nächstenliebe, Gehorsam, ein heiliges Leben im Allgemeinen. Im Schlussteil des Briefes rechtfertigt Paulus sein Schreiben, drückt die Hoffnung aus, bald nach Rom zu kommen, lobt Phöbe, richtet seinen persönlichen Gruß aus, warnt vor Irrlehrern, schließt Grüße seiner Gefährten ein und schließt mit einer Doxologie.

    Schöner als in den Worten Luthers kann man die Zusammenfassung des gesamten Briefes nicht wiedergeben: „So finden wir in dieser Epistel in reichstem Maße, was ein Christ wissen soll, nämlich was Gesetz, Evangelium, Sünde, Strafe, Gnade, Glaube, Gerechtigkeit, Christus, Gott, gute Werke, Liebe, Hoffnung, Kreuz ist, und wie wir uns verhalten sollen gegen jedermann, es sei ein Frommer oder ein Sünder, stark oder schwach, Freund oder Feind, und gegen uns selbst. Und dies alles wohl begründet mit der Heiligen Schrift, bewiesen mit Beispielen aus seiner eigenen Erfahrung und von den Propheten, dass hier nichts mehr zu wünschen ist. Daher scheint es, dass Paulus in diesem Brief einmal die gesamte christliche und evangelische Lehre in einer kurzen Zusammenfassung zusammenfassen und eine Einführung in das gesamte Alte Testament vorbereiten wollte. Denn ohne Zweifel hat derjenige, der diesen Brief gut im Herzen trägt, das Licht und die Kraft des Alten Testaments in sich. Darum soll jeder Christ es zu seiner gewöhnlichen und beständigen Beschäftigung und Übung machen. Wozu Gott seine Gnade gibt! Amen.“[4]

 

 

Kapitel 1

 

Der Eingangsgruß (1,1-7)

    1 Paulus, ein Knecht Jesu Christi, berufen zum Apostel, ausgesondert, zu predigen das Evangelium Gottes, 2 welches er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen  Schrift, 3 von seinem Sohn, der geboren ist von dem Samen Davids nach dem Fleisch 4 und kräftig erwiesen ein Sohn Gottes nach dem Geist, der da heiligt, seit der Zeit er auferstanden ist von den Toten, nämlich Jesus Christus,  unser HERR 5 (durch welchen wir haben empfangen Gnade und Apostelamt, unter allen  Heiden den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter seinem Namen, 6 welcher ihr zum Teil auch seid, die da berufen sind von Jesus Christus): 7 Allen, die zu Rom sind, den Liebsten Gottes und berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem HERRN Jesus  Christus.

 

    Anstatt die übliche, konventionelle Form der Kurzansprache in diesem Brief zu verwenden, erweitert Paulus die übliche Anrede auf wahrhaft christliche und apostolische Weise, um in seinen einleitenden Gruß den Wunsch nach dem höchsten geistlichen Wohlergehen der Brüder in Rom aufzunehmen. Einen Diener nennt Paulus sich selbst. Das Wort, wenn es allein verwendet wird, bezeichnet den Christen, insofern er sich in der Ausübung seiner besonderen christlichen Berufung ganz dem Willen Gottes überlässt und seinen eigenen Vorzug ausschließt. Aber Paulus modifiziert das Wort, indem er sich selbst als "Knecht Jesu Christi" bezeichnet, nicht als Leibeigenen oder Sklaven, wie es der wörtlichen Bedeutung des Wortes in der klassischen Sprache entspräche, da dieser Begriff etwas Vorwurfsvolles enthält, sondern als einen Menschen, der Christus gegenüber eine Verpflichtung hat, die er niemals vollständig und angemessen erfüllen kann. Er hatte sich selbst, seine Person, sein Leben, seine Kräfte seinem Herrn und Heiland Jesus Christus gegeben, anvertraut; er war ihm ganz und gar im Geiste des opferbereiten Gehorsams, der ständigen, vollständigen und tatkräftigen Erfüllung des göttlichen Willens ergeben. Während er jedoch diese Beziehung zu Christus mit jedem wahren Gläubigen gemeinsam hatte, gab es eine Unterscheidung, die er genoss, die sehr ungewöhnlich und einzigartig war. Er wurde durch eine besondere Berufung von Gott zum Apostel berufen, durch eine unmittelbare Berufung, Apg. 9,1 ff.; Gal. 1,12. Er hatte das besondere Vorrecht des Apostolats: er hatte den auferstandenen Herrn gesehen, 1. Kor 15,8, er hatte direkte Mitteilungen von ihm empfangen, 1. Kor. 11,23; 15,3. Als Apostel war Paulus abgesondert, von anderen Menschen getrennt, mit einem besonderen Amt betraut, dem Evangelium Gottes zugeordnet, für dessen besonderen Dienst. Es ist das Evangelium Gottes, die frohe Botschaft, deren Urheber er ist und die seine Gnade möglich gemacht hat. Die Botschaft, die Paulus durch Mund und Brief überbrachte, war keine unbestimmte Philosophie, sondern das Wort Gottes, wie es für die Rettung der Menschen bestimmt ist.

    Dieses Evangelium Gottes, diese herrliche, frohe Botschaft, ist keine neue Lehre, sondern eine, die schon vorher durch seine Propheten in den heiligen Schriften verheißen wurde, die uralte Wahrheit, die von den glaubwürdigsten Zeugen verkündet und in verbürgten Schriften festgehalten wurde. Die Worte des Paulus sind ein Zeugnis für die Inspiration der Heiligen Schrift, wie sie den Juden damals bekannt war. Es war Gott, der die Verkündigung in alten Zeiten machte; es waren seine Propheten, die predigten und schrieben, nicht was ihnen passte, sondern was sein Heiliger Geist ihnen befahl, für künftige Generationen niederzuschreiben; und deshalb sind die Schriften, die durch die Jahrhunderte überliefert wurden, heilig, als ein Produkt des heiligen Gottes und seines Heiligen Geistes. Die Tatsache, dass die Lehre des Paulus voll und ganz mit dem Zeugnis der Propheten übereinstimmt, ist für uns auch eine tröstliche Gewissheit, dass das Evangelium, wie es in unserer Mitte gepredigt wird, die ewige Wahrheit ist.

    Der Ursprung des Evangeliums ist göttlich; seine Übereinstimmung mit dem Zeugnis der Propheten kann nicht in Frage gestellt werden; sein Inhalt ist Jesus. Es handelt von Seinem, Gottes, Sohn, Gott selbst gibt im Evangelium Zeugnis von Seinem Sohn. Der Sohn Gottes, dessen Ewigkeit und Göttlichkeit durch den Namen hervorgehoben wird, Ps. 2,7, wurde aus dem Samen Davids nach dem Fleische geboren. Der eingeborene Sohn des Vaters, Joh. 1,14; Kol. 1,15, nahm die menschliche Natur als Nachkomme Davids an, da seine Mutter Maria aus dem Hause und Geschlecht Davids stammte. Aus dem Samen Davids wurde er geboren, nach dem Fleisch, Luk. 3,23 ff.; er war ein wahrer Mensch, Fleisch und Blut wie alle Menschen, alle Menschen. Er wurde den Menschen ähnlich gemacht, Phil. 2,7, wenn auch nicht nach der gewöhnlichen Empfängnis und Geburt; er war uns, seinen Brüdern, in jeder Hinsicht gleich, denselben Schwächen und Übeln unterworfen, die dem Fleisch eigen sind, aber ohne Sünde, Hebr. 2,17.

    Derselbe Jesus aber, der ein wahrer Mensch ist, wird zugleich zum Sohn Gottes in Macht, zum allmächtigen Sohn Gottes erklärt, geweiht, ernannt, eingesetzt. Er war immer der Sohn Gottes, aber im Zustand seiner Erniedrigung hatte er seine göttliche Majestät unter der Gestalt eines Knechtes verborgen. Nun aber wurde er als Sohn Gottes mit dem vollen Besitz der göttlichen Herrlichkeit und Majestät offenbart und eingesetzt. Der Sohn Davids, der schwache und verachtete Jesus von Nazareth, übt gemäß seiner menschlichen Natur unbegrenzte Autorität, absolute Souveränität aus. Und das alles geschah nach dem Geist der Heiligkeit, nach seiner höheren, himmlischen, göttlichen Natur, 2. Kor. 3,17. Diese einzigartige Natur wird Geist der Heiligkeit genannt, weil sie der übermenschlichen, überirdischen Welt angehört, weil sie nur in dem zu finden ist, der über allem ist, zur Rechten Gottes in den himmlischen Örtern, Eph. 1,20-23 „Das ganze Evangelium des Paulus ist in diesem geschichtlichen Jesus enthalten, der im Fleisch erschienen ist, der aber auf Grund des Geistes der Heiligkeit, der sein Wesen ausmacht, als Christus und Herr erhöht worden ist.“ Es ist die ewige Gottheit, die nun, da sie zur Rechten Gottes erhöht worden ist, in Christus erscheint und sein ganzes Wesen bestimmt. Seine göttliche Natur hat sein menschliches Wesen mit ihrer Herrlichkeit und Macht durchdrungen und aufgeladen. Und all das ist wahr als Folge der Auferstehung der Toten und durch sie. Durch seinen Tod legte Christus alle menschliche Schwäche für immer ab. Dann ist er von den Toten auferstanden. Es war eine wahre Auferstehung oder Wiedergeburt; er trat in ein neues Leben und Wesen ein; er übernahm die uneingeschränkte Ausübung der göttlichen Eigenschaften, die auf seine menschliche Natur übertragen worden waren. Deshalb ist in und mit der Auferstehung Christi auch die Auferstehung der Gläubigen zum ewigen Leben garantiert, 1. Kor. 15,12 ff. All diese wunderbaren Dinge werden von Jesus Christus, dem Gottmenschen, gesagt, der von Gott gesalbt wurde, um der Retter der Welt zu sein, und daher unser Herr, der Meister und König aller Gläubigen. Alle Werke seines Amtes hat er vollbracht und vollbringt sie noch immer, damit wir sein Eigentum sind und unter ihm in seinem Reich leben und ihm in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit dienen können.

    Derselbe Herr Jesus Christus, der sich auf so wunderbare Weise offenbart hat, ist auch derjenige, durch den Paulus Gnade und Apostolat empfangen hat. Durch das Wirken des erhöhten Christus wurde Paulus bekehrt, er wurde der Gnade Gottes im Erlöser teilhaftig, der vollen und vollständigen Vergebung der Sünden. Und dann erhielt er als besondere Auszeichnung von Jesus, dem Herrn der Kirche, das Amt des Apostels, Gal. 1,1. Er gehörte zu der besonderen Klasse von Lehrern, die der Herr der Kirche in den ersten Tagen zur Errichtung seines Reiches in den Herzen der Menschen gab. Zweck und Ziel seiner Arbeit in seinem Amt war es, den Gehorsam des Glaubens unter allen Völkern, inmitten aller heidnischen Völker, zu begründen. Das Ziel der Predigt des Paulus war es, Glauben zu wirken, in den Herzen der Menschen Gehorsam gegenüber der Norm und Regel des Evangeliums zu schaffen; denn der christliche Glaube ist im Wesentlichen ein solcher williger Gehorsam, Röm. 10,16; 1. Petr. 2,8; 4,17. Die Verkündigung des Evangeliums, die das wesentliche Werk des Apostolats unter den Heiden war, hat in sich selbst die Kraft, Zustimmung und Glauben zu bewirken. Und so dient der Glaube der Christen, durch den sie Jesus als ihren Retter annehmen, der Verherrlichung des Namens Jesu, damit der Name Christi über alle Namen erhaben sei. Im Evangelium wird Jesus gepredigt, darin wird er den Menschen offenbart, und ihre Annahme seines Heils trägt zu seiner Ehre bei.

    Nachdem Paulus auf diese Weise den Inhalt und die Herrlichkeit des Evangeliums und sein Amt bei der Verkündigung der wunderbaren Botschaft erläutert hat, wendet er sich direkt an die Mitglieder der Gemeinde in Rom und sagt ihnen, dass sie, die große Mehrheit von ihnen, von Geburt an zu den heidnischen Völkern gehörten, aber dennoch von Jesus Christus berufen waren. Der Ruf Jesu Christi durch das Evangelium ist bei ihnen wirksam geworden; kraft seines Rufes gehören sie zu ihm als die Seinen, sie sind wiedergeboren oder bekehrt, sie sind Untertanen Christi geworden. Aber nicht nur an diese Christen aus den Heiden, sondern an alle, die in der Stadt Rom von Gott geliebt sind, die als seine geliebten Kinder zu Gott gehören, an alle, die heilig genannt werden, die durch den Ruf Gottes heilig geworden sind, die von der Welt getrennt und Gott geweiht wurden, wendet sich Paulus. Sie sind nicht von Gott berufen worden, weil sie heilig sind, sondern ihre Heiligkeit ist die Folge seiner Berufung, die ihnen aus seiner großen Liebe heraus zuteil wurde, ein Ausdruck seiner aufrichtigen Liebe zu ihnen. Man beachte, dass Paulus alle Mitglieder der Gemeinde in Rom mit diesen ehrenden Titeln anspricht. Für ihn sind sie alle von Gott geliebt und werden Heilige genannt, so wie wir heute alle Mitglieder einer wahren christlichen Gemeinde als liebe Kinder Gottes betrachten, auch wenn es in ihrer Mitte Heuchler gibt.

    Anstelle der kurzen Formel, die der Brauch in förmlichen Briefen verlangt, veranlasst die Liebe des Paulus ihn, das Wort zu einem Gruß zu erweitern, der das ganze Ausmaß seiner Wertschätzung zeigt. Er wünscht ihnen alle Gnade, die volle Barmherzigkeit Gottes, die freie Vergebung ihrer Sünden, die Grundlage und Quelle jeder guten Gabe, die von oben herabkommt. Er wünscht ihnen Frieden, als glückliche Folge des Besitzes von Gnade und Barmherzigkeit. Wir haben Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Seine Erlösung hat die Ursache des Streits beseitigt, der Vater ist mit uns versöhnt. Dieser glückliche Zustand der Gewissheit der Gnade Gottes, der Gewissheit seines versöhnten Herzens, soll fortbestehen und ihr Glaube an diese Gaben Gottes gestärkt werden. Gott der Vater soll diese Segnungen gewähren, aber sie sollen zugleich auch von Christus selbst ausgehen, in dem wir das Recht haben, Gott unseren Vater zu nennen und die Fülle der geistlichen Segnungen aus seiner Hand zu erwarten. Gott der Vater und Jesus Christus sind also in gleichem Maße und mit gleicher Kraft die Quelle unseres Heils. Welch ein Trost ist der Glaube an Jesus, den Erlöser.

 

Die Einleitung zum Brief (1,8-15)

    8 Aufs erste danke ich meinem Gott durch Jesus Christus wegen euch allen, dass man von eurem Glauben in aller Welt spricht. 9 Denn Gott ist mein Zeuge, welchem ich diene in meinem Geist am Evangelium von seinem Sohn, dass ich ohne Unterlass euer gedenke 10 und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich’s einmal zutragen wollte, dass ich zu euch käme durch Gottes Willen. 11 Denn mich verlangt, euch zu sehen, auf dass ich euch mitteile etwas geistlicher Gabe, euch zu stärken, 12 das ist, dass ich samt euch getröstet würde durch euren und meinen Glauben, den wir untereinander haben.

    13 Ich will euch aber nicht verhalten, liebe Brüder, dass ich mir oft habe vorgesetzt, zu euch zu kommen (bin aber verhindert bisher), dass ich auch unter euch Frucht schaffte gleichwie unter anderen Heiden. 14 Ich bin ein Schuldner beider, der Griechen und der Nichtgriechen, beider, der Weisen und der Unweisen. 15 Darum, soviel an mir ist bin ich geneigt, auch euch zu Rom das Evangelium zu predigen.

 

    Des Paulus Verlangen, die Christen in Rom zu sehen (V. 8-12): In dieser Einleitung verfolgt Paulus den Weg, den er gewöhnlich in seinen Briefen einschlägt, nämlich sich zuerst in Beziehung zu seinen Lesern zu setzen; und sein erster Berührungspunkt mit ihnen ist die Dankbarkeit für ihre Teilnahme am Christentum. „Zuerst“, vor allen Dingen, vor allem anderen. Sehr nachdrücklich bringt Paulus diesen Gedanken seiner aufrichtigen Dankbarkeit zum Ausdruck, die im Leben eines Christen immer an erster Stelle stehen und allen Gebeten und Wünschen vorausgehen muss. Man beachte, dass der Apostel sich auf „meinen Gott“ bezieht. Das ist das Wesen des wahren Glaubens, dass der Gläubige sein persönliches Vertrauen in Gott setzt und die Sprache der persönlichen Anwendung mit einem vollen Verständnis der persönlichen Verpflichtung verwendet. Es ist der Gott, dessen er ist und dem er dient (Apg 27,23). Durch Jesus Christus dankt Paulus Gott; denn ohne die durch unseren großen Stellvertreter erlangte Erlösung könnte der Mensch nicht in die richtige Beziehung zu Gott treten, noch könnte irgendein Werk des Menschen, selbst Gebet und Danksagung, Gott wohlgefällig sein. Der kostbare Name Jesu Christi, der in der Anrede dreimal genannt wurde, erscheint auch in der eigentlichen Einleitung, am Anfang des Briefes. Sein Dank an Gott gilt ihnen allen, denn sie sind davon beseelt, dass ihr Glaube, der durch seine Früchte und Äußerungen, durch ihr christliches Leben, für alle Menschen sichtbar war, in der ganzen Welt bekannt wurde. Da Rom die Hauptstadt der Welt war, wurde alles Ungewöhnliche, das dort geschah, mit großer Sicherheit weitergegeben und verbreitete sich mit großer Schnelligkeit in alle Teile der Welt. Es war ein schönes Zeugnis für die Festigkeit ihres Glaubens, dass die römischen Christen überall dort, wo die christliche Religion bekannt war, einen so beneidenswerten Ruf genossen.

    Die Danksagung des Paulus war natürlich eine Angelegenheit zwischen ihm und Gott; sie war der Beobachtung der Menschen entzogen. Er appelliert daher an Gott, der seine unablässigen Gebete für die römischen Christen erhört, als Zeuge für die Wahrheit seiner Aussage, für die Aufrichtigkeit der Liebe, die er ihnen entgegenbringt, obwohl er bis jetzt nicht in persönlicher Beziehung zu ihnen stand. Es war dieser Gott, an den sich Paulus hier in feierlichem Bekenntnis wandte, dem er in seinem Geist im Evangelium seines Sohnes diente. Sein Geist, sein wiedergeborenes Herz, befähigt ihn, sein Werk in betender Gemeinschaft mit Gott zu verrichten. Er dient Gott im Evangelium seines Sohnes, in der Verkündigung der Erlösung, die durch das Blut des Gottessohnes erworben wurde. Dieser Dienst ist ein Opferdienst, ein wahrer Akt der Anbetung, eine schöne äußere Manifestation der inneren Beziehung zu Gott. Ein wahrer Diener des Wortes dient Gott nicht nur im Evangelium, wenn er das Wort öffentlich und privat verkündet, sondern auch, wenn er mit Gott allein verkehrt, in der Gemeinschaft des Gebets für sich selbst und alle, die seiner geistlichen Sorge anvertraut sind.

    Zu seiner Danksagung für die römischen Christen fügte Paulus eine ständige Erinnerung an sie hinzu, indem er den Herrn anflehte, ob er gemäß seinen Gebeten jemals das Glück haben würde, durch den Willen Gottes zu ihnen zu kommen. Das war einer der sehnlichsten Wünsche des Apostels, die Brüder in Rom von Angesicht zu Angesicht zu sehen, auf dem Weg zu ihnen beschleunigt zu werden, das Glück zu haben, die Reise zu ihnen machen zu können. Aber er legt die Angelegenheit in die Hände Gottes. Der Herr des Universums und der Kirche, dessen allmächtige Hand die Umstände und Schicksale lenkt, könnte und würde sicher zu seiner Zeit die Dinge so regeln, dass Paulus Rom sehen würde, Jak. 4,15.

    Als Grund für sein ernsthaftes Bitten und Flehen gibt Paulus sein aufrichtiges Verlangen an, die Christen in Rom zu sehen, sie persönlich kennenzulernen, um ihnen irgendeine geistliche Gabe zu übermitteln, um sie zu bestätigen, um sie aufzubauen. Welche Gnadengabe Paulus ihnen auch immer in Form von Lehre, Ermahnung, Trost mitteilen konnte, er schrieb sie nicht seiner eigenen Persönlichkeit und seinen Gaben zu, sondern der Barmherzigkeit Gottes, deren sie durch den Geist Gottes teilhaftig wurden. Denn der Heilige Geist allein ist es, der durch die Verkündigung des Wortes geistliche Wohltaten in den Herzen der Menschen wirkt. Während aber die Brüder in Rom auf diese Weise in ihrem Glauben und in ihrem christlichen Leben bestätigt und gestärkt werden, wird Paulus selbst nicht ohne Nutzen bleiben. Er selbst wird bei ihnen Trost und christliche Ermutigung finden, wenn sie gestärkt sind. Beide Parteien werden also durch den Glauben aneinander, durch ihren gegenseitigen Glauben, dessen Einheit hier betont wird, einen Vorteil erlangen. Wie Paulus seinen Glauben beweist, indem er die römischen Christen belehrt, indem er seinen Glauben bezeugt, so bezeugen sie ihren Glauben, indem sie das Wort Gottes mit Freude annehmen. So erhalten beide Trost und Ermutigung in ihrem Glauben. Wer andere lehrt und bestätigt, hat selbst Nutzen davon und wird erbaut, weil er sieht, dass das Wort von den Zuhörern mit allen Zeichen der gnädigen Kraft Gottes aufgenommen wird.

 

    Ein weiterer Grund für des Paulus Verlangen, nach Rom zu kommen (V. 13-15): Zu dem oben genannten Grund, dass er den Brüdern in Rom eine geistliche Gabe vermitteln und mit ihnen gestärkt werden wollte, fügt Paulus hier eine Erklärung vom Standpunkt seines Amtes als Apostel der Heiden hinzu. Er will nicht, dass sie in Unkenntnis darüber sind, dass er schon oft die ernste Absicht hatte, zu ihnen zu kommen, Apg. 19,21. Bis zu diesem Zeitpunkt war er daran gehindert worden, sein Vorhaben auszuführen, Kap. 15,20-22. Es war nicht mangelndes Interesse an ihnen, Gleichgültigkeit gegenüber dem Werk, das in ihrer Mitte getan wurde, das ihn davon abgehalten hatte, denn er war sich seiner Stellung als Apostel Jesu Christi für die Heiden voll bewusst. Er war bestrebt, auch unter den Römern Frucht zu bringen, zu sehen, wie einige Menschen als Ergebnis seiner evangelistischen Arbeit der Gemeinde hinzugefügt wurden, so wie er solche Ergebnisse unter anderen heidnischen Völkern gesehen hatte; er wollte Frucht für das ewige Leben sammeln, Joh. 4,36. Die Seelen, die ein Prediger des Evangeliums durch sein Zeugnis gewinnt, werden vom Herrn als Frucht, als Garben der Ernte angesehen, und deshalb wollte Paulus mitten in der Hauptstadt der Welt arbeiten, um mehr Seelen für die große geistliche Ernte zu gewinnen.

    All diese Sorge und dieses Verlangen gründet Paulus also auf die Verpflichtung, die er in Bezug auf die Verkündigung des Evangeliums auf sich ruhen sieht. Den Griechen, denjenigen, die mit der griechischen Sprache und der höchsten Kultur der Römer vertraut waren, wie auch den Barbaren, dem Volk, das mit diesen Vorzügen nicht vertraut war; den Weisen nach dem Maßstab dieser Welt wie auch den Ungebildeten und Unwissenden war er etwas schuldig, er sah sich in der Pflicht. Er fühlte, dass er ihnen das Evangelium von Jesus Christus schuldete; er konnte nicht eher zufrieden sein, bis er diese Schuld beglichen hatte. Deshalb richtete sich seine Bereitschaft auf die Erreichung dieses Ziels: Er seinerseits war ganz und gar vorbereitet und bereit, seine Bereitschaft war eine Tatsache, er wollte das Evangelium auch in Rom predigen. Diese so umfassend begründete Zusicherung reichte zweifellos aus, um den Brüdern in Rom alle Skrupel und Zweifel zu nehmen, die sie hinsichtlich der persönlichen Gefühle des großen Apostels für sie hegen konnten. Anmerkung: Das Evangelium Christi ist für die unzivilisierten Völker ebenso bestimmt wie für die zivilisierten; die Barbarei ist ebenso wenig ein Hindernis für die Verbreitung des Evangeliums wie weltliche Kultur und Gelehrsamkeit eine Hilfe für seine Ausbreitung sind. Das gilt auch für Markus: Die Christen sollten sich jederzeit verpflichtet fühlen, das Evangelium zu predigen; solange es auch nur einen einzigen Menschen in der Welt gibt, bei dem keine Anstrengungen unternommen wurden, ihn mit dem herrlichen Evangelium Jesu Christi bekannt zu machen, solange besteht eine Schuld gegenüber den Christen; es ist an der Zeit, dass wir uns beeilen, diese Schuld zu begleichen.

 

Das Thema des Briefes (1,16-17)

    16 Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich und auch die Griechen, 17 da darin offenbart wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie denn geschrieben steht: Der Gerechte wird seines Glaubens leben.

 

    Paulus hatte sich bereit erklärt, das Evangelium in Rom, der Hauptstadt der Welt, zu verkünden. Und all die Weisheit und der Stolz der hochmütigen Metropole würden ihn nicht davon abhalten. „Zweifellos könnte man überall Bedenken haben, sich mit einer Botschaft zu identifizieren, die einen Menschen zum Gegenstand hat, der als Verbrecher hingerichtet wurde; überall war das Kreuz für die Juden ein Stolperstein und für die Griechen eine Torheit. Aber ausgerechnet in Rom, wo die ganze wirksame Kraft der Menschheit versammelt zu sein schien, könnte man sich schämen, als Vertreter einer scheinbar ohnmächtigen und unwirksamen Sache aufzutreten. Aber das ist das Evangelium nicht; es ist genau das Gegenteil davon, und deshalb ist der Apostel stolz darauf, sich mit ihm zu identifizieren.“[5] Paulus schämt sich keineswegs für das Evangelium, die herrliche Heilsbotschaft. Denn er weiß und bekennt, dass es eine Kraft Gottes ist, die zum Heil führt. Was keine menschliche Lehre, keine weltliche Philosophie zu leisten vermag, das bewirkt die einfache Botschaft von Jesus Christus. Sie ist nicht nur unter bestimmten Umständen von der Kraft Gottes begleitet, sondern sie ist in sich selbst, zu allen Zeiten, eine Kraft Gottes. Darin liegt der höchste, der wunderbarste Zweck: Sie bringt jedem, der glaubt, das Heil. Indem sie die Sünder von Sünde, Tod und Verdammnis befreit, bringt sie ihnen Leben und Heil und vermittelt es ihnen. Die Kraft ist immer da, ob man die Wahrheit des Evangeliums annimmt oder nicht; „aber der Mensch kann diese Kraft nur erfahren und genießen, wenn er sie im Glauben annimmt.“ 1. Kor. 15,l ff.; Jak. 1,21. Und diese Kraft und Herrlichkeit des Evangeliums ist für alle bestimmt, für die Juden zuerst, aber auch für die Griechen. Dem jüdischen Volk hatte sich Gott zuerst geoffenbart, in seiner Mitte hatte der Erlöser gelebt, eine fortwährende lebendige Manifestation des Evangeliums, eine Offenbarung der barmherzigen Macht Gottes. Aber die frohe Botschaft war nicht auf die Juden beschränkt: Juden und Griechen bedurften gleichermaßen der Botschaft des Heils. Denn weder das Gesetz und die Werke des Gesetzes noch Weisheit und Kultur können den Menschen aus dem Elend der Sünde und ihrer Folgen befreien. Die Erlösung ist nur durch die Kraft des Evangeliums möglich.

    Wie das Evangelium eine göttliche Heilskraft ist, erklärt Paulus nun, nämlich weil in ihm die Gerechtigkeit Gottes offenbart wird. Die Gerechtigkeit, der Zustand des Gerechtseins, der eine Bedingung für das Heil ist, fehlt seit dem Sündenfall bei jedem Mitglied der Menschheitsfamilie. Nun aber wird die Gerechtigkeit, der Zustand, in dem ein Mensch vor Gott annehmbar ist, Gott auf seiner Seite hat, im Evangelium offenbart, bekannt gemacht. Es ist die Gerechtigkeit Gottes, nicht nur eine Gerechtigkeit, die in Gott entspringt und von Gott kommt, sondern eine Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die in seinen Augen volle Anerkennung findet, 2. Kor 5,21. Es handelt sich nicht um eine Gerechtigkeit, die ihren Sitz im Menschen hat, die das Ergebnis der eigenen Bemühungen des Menschen ist, sondern um eine Gerechtigkeit, die dem Menschen von Gott zugerechnet wird und deshalb vor ihm volle Geltung hat. Diese Gerechtigkeit ist offenbart, unverhüllt. Sie ist gegenwärtig, war von Ewigkeit her gegenwärtig, in Jesus Christus, dessen stellvertretender, aktiver Gehorsam ein barmherziges Gericht Gottes herbeigeführt hat. Aber ohne die Offenbarung des Evangeliums bliebe diese Tatsache dem Menschen unbekannt, und deshalb wird die Gerechtigkeit, die durch die Verdienste Christi erlangt wurde, im Evangelium allen Menschen offenbart und angeboten. Sie wird aus dem Glauben in den Glauben geoffenbart: Sie ist eine Gerechtigkeit aus dem Glauben, sie wird unser voller Besitz als Folge des Glaubens; und sie ist eine Gerechtigkeit in den Glauben, sie ist ausdrücklich für den Glauben bestimmt, sie kann nur durch den Glauben erlangt werden. Sobald der Mensch das Evangelium Jesu Christi annimmt, wird er der Gerechtigkeit teilhaftig, die im Evangelium für ihn bereit liegt; der Mensch muss nur nehmen, was Gott ihm gibt, und er hat den Besitz und den Genuss des großen Segens, von dem Leben und Heil abhängen. Und um zu zeigen, dass die Lehre, die er hier verkündet, in voller Übereinstimmung mit den Schriften des Alten Bundes steht, zitiert Paulus das Wort eines Propheten, Hab. 2,4: Der Gerechte wird durch den Glauben, in Folge des Glaubens, durch den Glauben leben; er wird niemals das Verderben sehen, sondern in vollem Genuss der höchsten Form des Lebens sein, in und mit Gott, für immer. Damit hat Paulus eine Zusammenfassung seines Evangeliums gegeben; er hat in diesen beiden Sätzen das Thema oder die These seines Briefes an die Römer dargelegt.

 

Die Verkommenheit der heidnischen Welt (1,18-32)

    18 Denn Gottes Zorn vom Himmel wird offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit aufhalten. 19 Denn dass man weiß, dass Gott sei, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart 20 damit, dass Gottes unsichtbares Wesen, das ist, seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man des wahrnimmt an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt, so dass sie keine Entschuldigung haben, 21 da sie wussten, dass ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch gedankt, sondern sind in ihrem Dichten eitel geworden, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert.

    22 Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben verwandelt die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere. 24 Darum hat sie auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Gelüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen Leiber an sich selbst. 25 Die Gottes Wahrheit haben verwandelt in die Lüge und haben geehrt und gedient dem Geschöpf mehr als dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit. Amen.

 

    Die Weigerung, die natürliche Offenbarung Gottes zu beachten (V. 18-21): Paulus hatte sich die Offenbarung der Gerechtigkeit Gottes im Evangelium vorgestellt. Und diese Offenbarung war dringend nötig angesichts einer anderen Offenbarung Gottes, nämlich der seines Zorns, der als Reaktion auf seine Heiligkeit und Gerechtigkeit gegen jede Übertretung seines Willens aufgedeckt und bekannt gemacht wird. Unten, gegen jede Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, wird dieser Zorn deutlich und übt seine Macht aus. Ob ein Mensch sich neutral und unreligiös verhält oder ob er das göttliche Gesetz offen verleugnet und übertritt: In jedem Fall wird Gott vom Thron seiner Majestät und Macht aus seinen Zorn im letzten Gericht offenbaren und tut es jetzt. Die Strafe, die den vorsätzlich ungerechten Gotteslästerern auferlegt wird, ist Teil des Endgerichts über sie. Sein Kommen ist unausweichlich, denn diese ungläubigen und unmoralischen Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Wahrheit in Ungerechtigkeit zurückgehalten, gehemmt, verdrängt, behindert haben. Die Menschen haben die Wahrheit, die Offenbarung Gottes in der Natur. Und diese Wahrheit ist dazu bestimmt, moralisch zu wirken, die Menschen in Schach zu halten, sie auf den Weg der bürgerlichen Rechtschaffenheit zu führen. Aber sie halten die Wahrheit zurück, sie widerstehen ihrem Einfluss, sie verschließen ihre Augen vor ihren Eingebungen; und das alles in Ungerechtigkeit. Die Menschen dienen bereitwillig der Ungerechtigkeit und nicht der Wahrheit; sie lehnen die Wahrheit ab und nehmen die Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit an, und so wird ihre Schuld umso deutlicher sichtbar.

    Die Bedeutung der Wahrheit, die Paulus im Sinn hat, bringt er im nächsten Satz zum Ausdruck. Was von Gott erkannt werden kann, ist für sie offensichtlich, denn Gott hat ihnen Beweise dafür gegeben. Was man von Gott wissen kann, was die Menschen von seinem Wesen mit ihren Sinnen begreifen können, das ist den Herzen der Menschen klar: Er hat ihnen diese Erkenntnis gegeben, er hat sie ihnen deutlich gemacht. Es ist eine Erkenntnis, die den Menschen durch die Werke der Schöpfung vermittelt wird. Denn die unsichtbaren Eigenschaften Gottes, einige Phasen seines göttlichen Wesens, sind seit der Erschaffung der Welt deutlich sichtbar und werden den Menschen durch die Dinge, die gemacht sind, durch die Geschöpfe selbst zur Kenntnis gebracht. Die menschliche Vernunft kann, wenn sie richtig eingesetzt wird, nicht umhin, die göttlichen Eigenschaften wahrzunehmen, die sich im Werk der Schöpfung und der Vorsehung zeigen. Für den menschlichen Verstand ist es klar, dass es eine ewige Macht geben muss, die das Universum regiert, und dass diese Gottheit auch andere Eigenschaften hat, wie Weisheit und Güte. Die vollendete Schöpfung predigt diese Eigenschaften ihres Meisters; sie preist die unvergleichliche Größe und Herrlichkeit Gottes.[6] Diese Beweise für die Existenz Gottes, für die Erschaffung und Erhaltung des Universums durch seine allmächtige Macht, Weisheit und Güte sind so klar und unmissverständlich, dass die Menschen ohne Entschuldigung und Verteidigung sind. Der von Gott gegebene Impuls, dass alle Menschen seine Majestät erkennen und ihre Herzen entsprechend vorbereiten sollten, ist so groß, dass jede Umgehung ihrer schlichten Pflicht sie mit einem schlechten Gewissen zurücklässt. Sie werden nicht einen einzigen Grund vorbringen können, um ihr Vergehen zu mildern. Es kann nicht die Schuld Gottes und seiner Schöpfung sein, wenn der Mensch ihn nicht richtig erkennt und ihm dient; am Tag des Gerichts wird sich niemand auf die Unschuld der Unwissenheit berufen können. Anmerkung: Der Apostel stellt die natürliche Gotteserkenntnis nicht als eine Art Gnadenmittel dar, durch das die Menschen zur rettenden Gotteserkenntnis gelangen können. Erst wenn sich ein Mensch durch das Evangelium zu Gott bekehrt hat, macht er von der natürlichen Offenbarung Gottes den richtigen Gebrauch. Aber die natürliche Gotteserkenntnis soll ein Ansporn sein, ernsthaft und unermüdlich nach dem wahren Gott zu suchen (Apg 17,27).

    Nachdem Paulus dargelegt hat, worin die Wahrheit besteht, die die Menschen so konsequent verhindern und ablehnen, zeigt er nun, auf welche Weise die Menschen sich der Wahrheit widersetzen und ihren Einfluss zunichte machen. Obwohl die Menschen Gott durch die natürliche Erkenntnis kennengelernt haben, obwohl diese Erkenntnis immer vor ihren Augen ist, obwohl die Idee des Monotheismus immer inmitten des Polytheismus zu finden ist, wollen die Menschen den wahren Gott nicht als Gott preisen und danken. Sie weigern sich, ihr Wissen auf ihr Handeln, ihre Lebensweise einwirken zu lassen. Sie wollen nicht zulassen, dass ihr passives Wissen zu einer aktiven Anbetung wird. Stattdessen verfielen sie in Überlegungen über das Wesen und den Kult Gottes, und in ihren perversen, eigenwilligen Überlegungen und Spekulationen wurden sie eitel; ihre instinktive Wahrnehmung Gottes wurde verwirrt und unsicher; ihr unintelligentes, törichtes Herz wurde verfinstert. Ihre Gedanken waren auf eitle, törichte, vergängliche Dinge gerichtet; sie weigerten sich, Belehrungen zu ihrem eigenen Nutzen anzunehmen. Das ist der Zustand, in dem sich alle Menschen von Natur aus befinden. Das Buch der Werke Gottes in der Schöpfung liegt vor ihren Augen, und sie können nicht anders, als die Existenz Gottes und das Vorhandensein gewisser göttlicher Erscheinungen anzuerkennen, aber sie weigern sich, dieses Wissen auf ihr Denken und ihren Willen einwirken zu lassen; sie verhindern absichtlich alle guten Wirkungen des instinktiven Wissens. Und was sie selbst schlussfolgern und spekulieren, alle ihre Schlussfolgerungen und Urteile, ist völlig falsch und verkehrt, ebenso wie sie nicht den geringsten Wunsch und die Absicht haben, irgendeine Dankbarkeit für die von der Vorsehung Gottes empfangenen Segnungen zu zeigen.

 

    Das Ergebnis der selbsterwählten Narrheit (V. 22-25): Hier wird gezeigt, was passiert, wenn man Gott ignoriert und die Führung der natürlichen Gotteserkenntnis bewusst beiseite lässt. Wenn die Menschen ihre eigene Weisheit beanspruchten, behaupteten, sich ihrer rühmten, 1. Kor. 1,22, wurden sie zu Narren, sie verdummten im Verstand. Die wahre Weisheit, die von oben herabkommt, ist immer demütig, aber wo die göttliche Wahrheit fehlt, tritt die menschliche Philosophie mit ihrer prahlerischen Haltung in Erscheinung. Und so war das Endergebnis der Eitelkeit ihres Verstandes, der Finsternis und Torheit ihres Intellekts, dass die Menschen die Herrlichkeit des unsterblichen Gottes gegen den Schein des Bildes des sterblichen Menschen ausgetauscht haben. Der Schein, der an die Stelle Gottes gesetzt wurde, war das Bild eines Menschen oder eines Tieres, entweder eines Vogels oder eines vierfüßigen Tieres oder eines Reptils. Ein solches Götzenbild sollte ein Abbild der Gottheit sein, Jes. 44,12-19; Ps. 115,4-8; 135,15-18. Die Geschichte gibt viele Beispiele dafür; denn die Götzenbilder der Griechen und Römer sowie der alten Deutschen waren Statuen in Menschengestalt; der Adler des Jupiter und der Ibis und Falke der Ägypter waren heilige Vögel; der weiße Ochse der Ägypter, das goldene Kalb der Israeliten, Ziegen und Affen in anderen Völkern waren vierfüßige Götzenbilder; und unter den Reptilien waren das Krokodil und verschiedene Schlangen, die alle göttliche Ehren erhielten. Dies waren und sind die Erscheinungsformen der falschen Religionen der Menschen, wenn sie sich von dem wahren Gott abwenden. In der Torheit ihres unnatürlichen Götzendienstes verdrehen sie die ursprüngliche Ordnung Gottes. „Der Mensch, der nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde, macht nun Gott zu seinem Bilde; und der Herr des Tierreichs hat seine Würde so weit vergessen, dass er die Bilder der Tiere anbetet, die ihm untertan sein sollten.“

    Die Folge dieses Götzendienstes ist der Verlust jeglicher wahrer Moral, was Gott als wohlverdiente Strafe zugelassen hat. Deshalb hat Gott die Götzendiener wegen ihrer Gottlosigkeit und ihres Götzendienstes in die Unreinheit entlassen. Das ist eine göttliche Strafe und ein göttliches Schicksal; Gott straft Sünde mit Sünde. In den Begierden ihres Herzens, in dem Zustand, in dem sie sich infolge ihres gottlosen, irreligiösen Verhaltens befanden, an dem sie ihre Freude hatten, hat Gott sie in die Unreinheit überführt. Die sündigen Begierden und Begierden des Herzens waren das eigene Werk des Volkes, und die entehrenden Praktiken, die darauf folgten, waren Gottes Strafe. Wenn der Mensch sich weigert, auf die Warnungen Gottes in der Natur und im Gewissen zu hören, dann werden diese Warnungen schließlich zurückgenommen, der Ungerechte wird der Befriedigung seiner Begierden und Lüste, jeder Form von Unreinheit und Unmoral überlassen, so wie ein Arzt einen uneinsichtigen Patienten schließlich sich selbst überlassen kann. Und so führt die Unreinheit der Götzendiener zu groben Übertretungen des sechsten Gebotes, dass ihre Körper an sich entehrt werden. Durch alle unsittlichen Laster wird der Leib des Menschen schändlich behandelt; die Unreinheit nimmt dem Leib des Menschen alle Ehre, die er als Geschöpf Gottes besitzt, 1. Kor. 6,18.

    Der Apostel betont nun noch einmal, dass der Beweggrund, der Gott zu dieser Strafe veranlasst hat, in den Übertretern selbst liegt. Sie vollzieht sich bei all denen, die die Wahrheit Gottes, die wahre Anbetung Gottes, den wahren Gott selbst, in eine Lüge, in Götzendienst und götzendienerische Praktiken verwandelt haben. Die Menschen haben den wahren, lebendigen Gott gegen Götzen ausgetauscht, denen sie fälschlicherweise den Namen Götter anhängen. Und so haben sie das Geschöpf anstelle des Schöpfers geehrt und ihm gedient, statt dem wahren Gott, dem allein aller Segen und alle Ehre gebührt, wie Paulus durch den Schluss mit dem hebräischen Amen unterstreicht. Derselbe nachdrückliche Glaube und dasselbe Bekenntnis muss in den Christen aller Zeiten lebendig sein: Es gibt nur einen wahren Gott, der sich in seinem Wort zum Heil der Menschen offenbart hat.

 

Die Untiefen der Unmoral und Gottlosigkeit (1,26-32)

    26 Darum hat sie Gott auch dahingegeben in schändliche Lüste. Denn ihre Frauen haben verwandelt den natürlichen Gebrauch in den unnatürlichen 27 Desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Gebrauch der Frau und sind aneinander erhitzet in ihren Lüsten, und haben Mann mit Mann Schande gewirkt und den Lohn ihres Irrtums (wie es denn sein sollte) an sich selbst empfangen.

28 Und gleichwie sie nicht geachtet haben, dass sie Gott erkennten, hat sie Gott auch dahingegeben in verkehrten Sinn, zu tun, was nicht taugt, 29 voll aller Ungerechtigkeit, Hurerei, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neides, Mordlust, Haders, List, Niedertracht; Schmeichler, 30 Verleumder, Gottesverächter, Frevler, Hochmütige, Prahler, voll Bösem, den Eltern ungehorsam, 31 unvernünftig, Treulose, Lieblose, unversöhnlich, unbarmherzig. 32 Sie wissen Gottes Gerechtigkeit, dass, die solches tun, des Todes würdig sind, und tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.

 

    Dies ist eine eindrucksvolle und schreckliche Anklage und Charakterisierung der heidnischen Welt zur Zeit des Paulus und der ungläubigen Welt aller Zeiten. Weil die Heiden in ihren götzendienerischen Praktiken verharrten und sich weigerten, der Erkenntnis Beachtung zu schenken, die vor ihren Augen stand und ihre Intelligenz von allen Seiten bombardierte, gab Gott sie auf, ließ sie im Stich: Sie stürzten in die tiefsten Tiefen, die bestialische Leidenschaften erreichen können, in Lüste und Begierden der Schande und Schmach. Die Abscheulichkeit ihrer Übertretung wird durch die Worte, die sich auf das Geschlecht der Übertreter beziehen, hervorgehoben, denn sie machten sich der unnatürlichsten und abscheulichsten Unreinheit schuldig, da die Personen des weiblichen Geschlechts unter ihnen (sie können nicht mehr als Frauen bezeichnet werden) den natürlichen Gebrauch nach Gottes göttlicher Einsetzung in einen völlig naturwidrigen umwandelten, indem die Frauen Unkeuschheit mit den Frauen praktizierten. Und in gleicher Weise haben die Menschen des männlichen Geschlechts den natürlichen Gebrauch des anderen Geschlechts in den Banden der heiligen Ehe aufgegeben und sind in ihrer venerischen Lust und Begierde zueinander entbrannt, wobei die Männer schamlose Handlungen mit den Männern begingen und den Lohn, die Strafe für ihren Irrtum, für ihre vorsätzliche, schwerwiegende Abweichung von der Ordnung Gottes erhielten. Es war notwendig, dass sie an sich selbst, an ihrem eigenen Körper bestraft wurden; das verlangte die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes. Die Strafe für die Sünden der Unkeuschheit, von denen hier die Rede ist, steht im Verhältnis zu ihrer Unnatürlichkeit und zu dem Ausmaß, in dem die Sünder vom Dienst des wahren Gottes abgewichen sind und alle Arten von niederem Götzendienst betreiben.

    Der Apostel fügt nun einen weiteren Faktor für die Schuld der Götzendiener hinzu. So wie sie Gott nicht für würdig hielten, in ihrer Erkenntnis bewahrt und angesehen zu werden, hat Gott sie auch ihrem verwerflichen Geist überlassen. Ihr Verhalten und die Folgen ihres Handelns werden erneut in Beziehung zueinander gesetzt. Gott hatte ihnen die Möglichkeit gegeben, ihn zu erkennen, das Buch der Natur lag offen vor ihren Augen, und sie konnten und wollten die darin angebotene Offenbarung lesen. Aber sie weigerten sich, die Erkenntnis ihrer eigenen Intelligenz anzunehmen; sie hielten es nicht für lohnend, den wahren Gott zu suchen; sie wollten die wahre Erkenntnis Gottes nicht bewahren. Sie zeigten einen verwerflichen Geist, und zu diesem Geist wurden sie verurteilt. Sie haben jegliches moralische Unterscheidungsvermögen verloren, und deshalb sind sie ihren ruchlosen Handlungen überlassen, um das zu tun, was nicht in Ordnung ist. Der Apostel gibt einen langen Katalog ihrer Sünden, an denen sie ihre Freude haben. Vgl. 2. Kor. 12,20; Gal. 5,19 ff.; 1. Tim. 1,9 ff.; 2. Tim. 3,2 ff. Sie sind von Ungerechtigkeit erfüllt, ihr Herz und ihr Verstand kennen nichts anderes als Ungerechtigkeit, sie haben Freude daran, nicht nur alle göttlichen, sondern auch alle menschlichen Gesetze zu übertreten, besonders solche, die das Wohl des Nächsten betreffen. Sie sind erfüllt von Bosheit, von der Lust, Böses zu tun, von Schlechtigkeit oder Verderbtheit, von Begehrlichkeit, die nur ihren eigenen Vorteil sucht. Sie sind voll von verschiedenen Lastern: Neid, Mord, Streit, Betrug, Bosheit. Der Neider missgönnt seinem Nächsten jeden Vorteil und kommt oft so weit, dass er seine Beseitigung plant und in die Tat umsetzt. Und wenn es nicht so weit kommt, gibt es Streit, üble Nachrede und Verleumdung. Leib und Leben, Geld und Güter, Ehre und guter Ruf werden von Menschen angegriffen, die Gott verlassen haben und ihrerseits von ihm verlassen wurden. Die dritte Gruppe umfasst im Allgemeinen solche Menschen, die jeden Sinn für Moral und Anstand verloren haben: verleumderische Einflüsterer, die jede Gelegenheit nutzen, um den Ruf ihres Nächsten zu schädigen; freche, von Gott verhasste Menschen, die es sich zur Gewohnheit machen, ihre Nächsten mit niederträchtiger Gemeinheit zu behandeln; anmaßende Prahler, die sich auf Kosten anderer in den Vordergrund stellen, die mit ihren wirklichen und eingebildeten Vorzügen und Tugenden prahlen und angeben; Erfinder aller Übel und Bosheiten, die sich die Bosheit ausdenken kann, um ihren Nächsten zu schaden; ungehorsam gegenüber den Eltern, die sogar die natürliche Zuneigung verweigern: ohne Verstand, sich weigernd, Ratschläge von anderen anzunehmen; ohne jede natürliche Zuneigung der Liebe; ohne Barmherzigkeit, absolut gefühllos gegenüber den Nöten und der Not anderer; kurz, sie haben jedes menschliche Gefühl und Mitgefühl verleugnet, sie sind zu unnatürlichen Monstern geworden. Und das alles, weil sie Gott nicht als ihren Gott anerkennen wollten. Das Ausmaß ihrer Verschwendungssucht wird schließlich in einem zusammenfassenden Satz deutlich: Da sie so beschaffen sind, dass sie das gerechte Urteil Gottes kennen, ihm das Recht zugestehen, das Verhältnis der Menschen zueinander zu bestimmen, und sich auch der Tatsache bewusst sind, dass alle, die die vom Apostel genannten Sünden begehen, des Todes schuldig sind, bestehen sie nicht nur darauf, sie zu tun, sondern ermutigen auch hartnäckige Übeltäter in ihrer anhaltenden Verderbtheit.

    Diese Beschreibung der gottlosen Welt ist zu allen Zeiten auffallend zutreffend, selbst inmitten der höchsten intellektuellen Aufklärung. Wenn die Menschen Gott absichtlich die Ehre nehmen und sie auf die Geschöpfe übertragen, wird das Ergebnis sein, dass Gott sie den schrecklichsten Lastern, der Unreinheit, der Unkeuschheit, dem Mangel an Nächstenliebe und Barmherzigkeit und jeder Form von Ungerechtigkeit überlässt. Solche Zustände sind kein Zeichen von Barbarei, sondern finden sich gerade in den Hauptstädten der Kultur und Gelehrsamkeit unserer Tage. Die Worte des Apostels charakterisieren genau die gegenwärtige Situation in der Welt. Die Verehrung von Helden und Geistesriesen ist an die Stelle des wahren Dienstes für den geoffenbarten Gott getreten. Die Lust des Fleisches, die Begierde der Augen, die Lüsternheit, die unaussprechlichen Sünden, sind weit verbreitet. Korruption, unersättliche Gier und Habsucht sind an die Stelle echter Menschlichkeit und Nächstenliebe getreten, und alle Bemühungen um Reformen, vor allem auf dem Wege der Gesetzgebung, sind vergeblich. Die Welt driftet rasch auf einen Abgrund zu und wird bald zu ihrem Entsetzen feststellen, dass der Tag des Gerichts angebrochen ist.

 

Zusammenfassung: Der Apostel grüßt die Christen in Rom, berichtet von seiner Sehnsucht, sie zu sehen, und von der Pflicht, die er ihnen in der Botschaft des Evangeliums schuldet, nennt das Thema seines Briefes und schildert die tiefe Verderbtheit der Heiden, die sich weigern, die Ermahnung der natürlichen Gotteserkenntnis zu beachten.

 

 

Kapitel 2

 

Die Schuld der Juden (2,1-10)

   1 Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du bist, der da richtet; denn worin du einen anderen richtest, verdammst du dich selbst, da du eben dasselbe tust, was du richtest. 2 Denn wir wissen, dass Gottes Urteil ist recht über die, so solches tun. 3 Denkst du aber, o Mensch, der du richtest die, so solches tun, und tust auch dasselbe, dass du dem Urteil Gottes entrinnen werdest? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?

    5 Du aber nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufst dir selbst den Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten  Gerichtes Gottes 6 welcher geben wird einem jeglichen nach seinen Werken, 7 nämlich Preis und Ehre und unvergängliches Wesen denen, die mit Geduld  in guten Werken trachten nach dem ewigen Leben, 8 aber denen, die da zänkisch sind und der Wahrheit nicht gehorchen, gehorchen aber dem Ungerechten, Ungnade und Zorn; 9 Trübsal und Angst über alle Seelen der Menschen, die da Böses tun, vornehmlich der Juden und auch der Griechen [Heiden]; 10 Preis aber und Ehre und Friede allen denen, die da Gutes tun, vornehmlich den Juden und auch den Griechen [Heiden].

 

    Korrektes Wissen und Richten allein erbringt nichts (V. 1-4): Der Apostel hatte die tiefe moralische Verderbtheit der heidnischen Welt aufgedeckt, eine Beschreibung, die den Leser mit Schaudern, Entsetzen und Abscheu erfüllen kann. Aber nun bestand die Gefahr, und die Befürchtung hatte sich offenbar bewahrheitet, dass jemand, und besonders ein Jude, wie der Zusammenhang zeigt, beim Anblick der beispiellosen moralischen Verkommenheit der Heiden seine Verurteilung von den Sünden auf den Sünder übertragen würde, während er selbst in selbstgefälliger Selbstzufriedenheit und Selbstüberhebung zurückbliebe. Aber ein solcher Mensch vergisst, dass das gleiche Prinzip, nach dem der Heide verurteilt wird, nämlich trotz besseren Wissens Böses zu tun, auch ihn verurteilt. Wer also einen anderen richtet und verurteilt, ist selbst unentschuldbar, ist in derselben Verurteilung. Jeder, der urteilt: Paulus macht die Aussage absichtlich sehr allgemein, sie gilt für alle Menschen zu allen Zeiten. Denn dadurch, dass du einen anderen richtest, verurteilst du dich selbst: Indem der Mensch die sündige Handlung beurteilt, indem er den Übertreter verurteilt, verurteilt er sich selbst, denn er macht es sich zur Gewohnheit, dieselben Sünden zu begehen, die er bei anderen so gerne anprangert. Man beachte, dass sich die Worte des Apostels vor allem gegen die lieblose Verurteilung der Person des Nächsten richten, die aus den Übertretungen eine persönliche Angelegenheit macht. Es gibt immer mehr Menschen, die immer bereit sind, die Sünden anderer zu tadeln und zu verurteilen, die aber selbst die gleichen Sünden begangen haben, über die sie so entsetzt sind, und der Tadel des Paulus kommt zur rechten Zeit.

    Zu der Tatsache, dass die lieblosen Kritiker ohne Verteidigung und Entschuldigung sind, fügt der Apostel einen nachdrücklichen Hinweis auf das kommende Gericht hinzu. Wir, d.h. der Apostel und vor allem seine jüdischen Leser, wissen, dass das Gericht Gottes der Wahrheit entspricht, dass es mit den Tatsachen übereinstimmt und dass es sich deshalb gegen diejenigen richtet, die solche Dinge praktizieren. Zwei Tatsachen stechen hier hervor: Das Gericht Gottes ist sicher, unvermeidlich; es wird die Schuldigen treffen, unabhängig von ihrer Stellung, ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Bedeutung im Leben, ihrer vermeintlichen Überlegenheit über andere. Das wird vor allem durch die rhetorischen Fragen deutlich, die Paulus hier nicht ohne eine gewisse Ironie einfügt. Ist jemand der Meinung, dass er, zumindest was seine eigene Person betrifft, dem gerechten Gericht Gottes entgehen wird, während er über diejenigen urteilt, die es sich zur Gewohnheit machen, die oben aufgezählten Sünden zu begehen, und doch dieselben Dinge tun? Die Zahl der Vorbilder der Tugend und der Moral, die größtenteils ihrer eigenen Einbildung entspringen und glauben, dass Gott in ihrem Fall eine Ausnahme machen wird, dass ihre bessere Erkenntnis und ihr richtiges Urteilsvermögen sie vor dem kommenden Zorn schützen werden, hat in unseren Tagen aufgrund der überall verkündeten Religion der Werke alarmierende Ausmaße angenommen. Aber das ist eine vergebliche Hoffnung; die Heiligkeit und Gerechtigkeit Gottes erwartet viel mehr als eine eingebildete Überlegenheit und eine hochmütige Abgehobenheit.

    Paulus stellt die Sache aus einem etwas anderen Blickwinkel dar. Wenn der Mensch seinem eigenen Urteil nicht entgehen kann, wenn seine eigene Vernunft ihn verurteilen muss, erwartet er dann, dass er auf Grund der besonderen Güte Gottes entkommt? Verachtet er den Reichtum der Güte, der Geduld und der Nachsicht Gottes, weil er das wahre Wesen und die Absicht der Güte Gottes, die ihn zur Umkehr führen soll, nicht versteht oder begreift? Die Freundlichkeit und Güte Gottes in der gegenwärtigen Zeit ist lediglich eine Manifestation seiner Vorsehung, Mt. 5, 45, und rechtfertigt nicht die Schlussfolgerung, dass diese Segnungen unbegrenzt andauern werden, noch dass die Selbstbeherrschung, das geduldige Warten des Herrn nicht bald ein Ende haben könnte. Die Güte Gottes ist vielmehr eine zärtliche Einladung und Ermahnung, einen völligen Sinneswandel zu bewirken, im Herzen des Menschen Buße zu tun. Anmerkung: Das ist seit jeher die Haltung der großen Mehrheit der Menschen gegenüber der Vorsehungsgüte Gottes gewesen: Sie betrachten seine Güte als selbstverständlich, als ihr Recht, als eine Verpflichtung, die er ihnen schuldet, und sind höchst entrüstet, wenn "die Welt ihnen nicht das Leben gibt, das sie erwarten." Nur derjenige, den das Wort Gottes zum rechten Verständnis der Güte und Barmherzigkeit Gottes und damit zur rechten Umkehr geführt hat, wird die Geduld und Nachsicht Gottes zu seinem eigenen Heil nutzen.

 

    Das gerechte Urteil Gottes (V. 5-10): Die Güte Gottes ist weit davon entfernt, eine Entschuldigung für falsche Sicherheit zu sein, sondern führt, wenn sie missbraucht wird, zu einer Verschlimmerung der Schuld des Menschen. Wer sein Herz hartnäckig gegen die barmherzigen Absichten Gottes verhärtet und sich absichtlich ein Herz bewahrt, das sich nicht bekehren will, der wird sich nach Maß und Verhältnis seiner Verstocktheit und seines unbußfertigen Herzens Zorn anhäufen am Tag des Zorns und der Offenbarung der Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit Gottes in seinem Gericht. Der Tag des Gerichts, dessen Kommen ohne den Schatten eines Zweifels gewiss ist, wird für einen solchen Menschen der Tag des Zorns sein, 2. Kor. 1,14; Matth. 11,22; Joh. 6,39; 1. Kor. 3,13; Hebr. 10,25. Er reiht Sünde an Sünde, missbraucht die reichen Gaben der göttlichen Güte zur Befriedigung seiner fleischlichen Begierden, füllt die Stunden der Gnadenzeit mit Übertretungen des göttlichen Gesetzes aus und wird so schließlich den Sturm des gerechten Zorns Gottes und die ewige Strafe ernten.

    Dieser Gedanke steht nun an der Spitze einer weiteren Reihe von Sätzen, in denen die Gewissheit, die Unvermeidlichkeit, die Unparteilichkeit und die Vollständigkeit von Gottes gerechtem Gericht beschrieben wird. Gott wird ausnahmslos jedem nach seinen Taten vergelten, Matth. 25,31-46. Die Werke der Menschen werden der Beweis für den Glauben oder Unglauben ihres Herzens sein, sie werden die sichtbaren Zeichen für den Zustand ihres Geistes sein. Der Apostel veranschaulicht diese Bedeutung in beide Richtungen. Einigen wird Gott entsprechend ihrer Standhaftigkeit, ihrem geduldigen Ausharren, ihrem Lebenswerk, Gutes zu tun, Herrlichkeit und Ehre und Unbestechlichkeit verleihen, wie denen, die nach dem ewigen Leben streben. Gott wird ihr geduldiges Ausharren im Tun des Guten anerkennen, indem er ihnen Herrlichkeit gewährt, indem er die Gerechten leuchten lässt wie die Sonne im Reich ihres Vaters, Matth. 13,43; Ehre, die Auszeichnung, mit Christus zu herrschen, 2. Tim. 2,12; unvergängliches Sein und Dasein, ein unbeflecktes und unvergängliches Erbe, 1. Petr. 1,4. Wie die Gläubigen unablässig zu jedem guten Werk eifern, so streben sie auch ernstlich danach, gerettet zu werden; und diese Manifestationen ihres Glaubens werden durch die Auszahlung der barmherzigen Gabe Gottes, des ewigen Lebens, belohnt.

    Der Apostel stellt nun die andere Seite dar. Denen, die von Streit und Parteigeist getrieben sind, die gemein und selbstsüchtig veranlagt sind, deren ganzer Lebenswandel von der Selbstsucht beherrscht wird, die also der Wahrheit, der von Gott gesetzten Norm und Regel für das menschliche Verhalten, nicht gehorchen und der Ungerechtigkeit, der Verdrehung und Übertretung der göttlichen Wahrheit bereitwillig Gehorsam leisten: denen gibt Gott auch den verdienten Lohn, die bleibende Entrüstung, die immer wieder durch neuen Zorn über ihren Unglauben und Ungehorsam erneuert wird.

    Der Apostel wiederholt nun mit Nachdruck den doppelten Lohn, den der Herr in umgekehrter Reihenfolge austeilt. Trübsal oder Bedrängnis von außen, Angst oder innere Bedrängnis, die Folter eines bösen Gewissens, wird über jede Seele eines Menschen kommen, der Böses tut, der absichtlich und mit Freude Böses tut, über jeden einzelnen Menschen, zuerst über den Juden, entsprechend den Vorzügen, die seine Nation genoss, aber auch über den Griechen. Aber Herrlichkeit und Ehre und Friede, volles, vollkommenes Wohlergehen, vollkommene Glückseligkeit wird das Los dessen sein, eines jeden Menschen, der das Gute tut, wobei seine Neigung nicht so sehr zum Bösen als zum Guten gerichtet ist; und auch hier sind sowohl der Jude als auch der Grieche eingeschlossen, denn der Lohn Gottes ist allgemein. Paulus sagt hier, was am großen Tag des Gerichts geschehen wird, so wie der Herr an anderen Stellen über die Ereignisse dieses Tages Auskunft gibt: Matth 16,27; Joh. 5,29; 2. Kor. 5,10; Gal. 6,7-9; Eph. 6,8; Kol. 3,24; Offb. 2,23; 20,12. Die Stellung und das Verhältnis eines jeden Menschen zu Christus zeigt sich in seinen Werken, und deshalb wird am Jüngsten Tag auf sie Bezug genommen werden. Indem der Herr die guten Werke der Gläubigen mit der Gnadengabe des ewigen Lebens belohnt, krönt er lediglich sein eigenes Werk in ihnen mit seiner vollen Anerkennung vor der ganzen Welt. Nur durch den Glauben an den Erlöser sind gute Werke möglich, und der Glaube selbst ist eine Gabe Gottes; und deshalb wird das Jüngste Gericht ein herrlicher Beweis dafür sein, dass das Heil den Menschen „ganz aus Gnade“ kommt.

 

Die Notwendigkeit, das Gesetz richtig einzuhalten (2,11-29)

    11 Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott. 12 Welche ohne Gesetz gesündigt haben, die werden auch ohne Gesetz verloren werden; und welche am Gesetz gesündigt haben, die werden durchs Gesetz verurteilt werden, 13 da vor Gott nicht, die das Gesetz hören, gerecht sind, sondern die das Gesetz tun, werden gerecht sein. 14 Denn so die Heiden, die das Gesetz nicht haben und doch von Natur tun des Gesetzes Werk, diese, dieweil sie das Gesetz nicht haben, sind sie sich selbst ein Gesetz 15 damit, dass sie beweisen, des Gesetzes Werk sei beschrieben in ihrem Herzen, da ihr Gewissen sie bezeugt, dazu auch die Gedanken, die sich untereinander verklagen oder entschuldigen, 16 auf den Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus richten wird laut meines Evangeliums.

    17 Siehe aber zu, du heißt ein Jude und verlässt dich aufs Gesetz und rühmst dich Gottes 18 und weißt seinen Willen, und weil du aus dem Gesetz unterrichtet bist, prüfst du, was das Beste zu tun sei, 19 und vermisst dich, zu sein ein Leiter der Blinden ein Licht derer, die in Finsternis sind, 20 ein Züchtiger der Törichten, ein Lehrer der Einfältigen, hast die Form der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz. 21 Nun lehrst du andere und lehrst dich selber nicht. Du predigest, man solle nicht stehlen, und du stiehlst. 22 Du sprichst, man solle nicht ehebrechen, und du brichst die Ehe. Du hast ein Greuel vor den Götzen und raubst Gott, was sein ist. 23 Du rühmst dich des Gesetzes und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes. 24 Denn eurethalben wird Gottes Name gelästert unter den Heiden, wie geschrieben steht.

    25 Die Beschneidung ist wohl nützlich wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht, so ist deine Beschneidung schon eine Vorhaut worden. 26 So nun die Vorhaut das Recht im Gesetz hält, meinst du nicht, dass seine Vorhaut werde für eine Beschneidung gerechnet? 27 Und wird also, was von Natur eine Vorhaut ist und das Gesetz vollbringt, dich richten, der du unter dem Buchstaben und Beschneidung bist und das Gesetz übertrittst. 28 Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das nicht eine Beschneidung, die auswendig im Fleisch geschieht, 29 sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht, welches Lob ist nicht aus Menschen, sondern aus Gott.

 

    Nicht das Hören, sondern das Tun des Gesetzes hat Wert (V. 11-16): Der Apostel hatte deutlich gesagt, dass das Gericht Gottes am letzten Tag ein gerechtes Gericht sein wird. Diese Aussage bekräftigt er nun, indem er erklärt, dass es bei Gott keine Ansehen der Person gibt; der äußere Zustand, die Stellung oder der Stand eines Menschen, sein Reichtum und seine sozialen Beziehungen haben absolut keinen Einfluss auf ihn; er ist gerecht und unparteiisch. Denn wer ohne Gesetz gesündigt hat, geht auch ohne Gesetz zugrunde; und wer im oder unter dem Gesetz gesündigt hat, wird durch das Gesetz gerichtet und verurteilt. Wenn irgendein Volk in der Welt nicht im Besitz des kodifizierten Gesetzes ist, der Erklärung des Willens Gottes, wie sie in den Zehn Geboten enthalten ist, dann werden diese Menschen, offensichtlich Heiden, zugrunde gehen, werden ohne ein formelles Gericht nach einer solchen Regel verloren sein, sie werden den ewigen Tod erleiden. Wenn aber ein Volk - und das gilt vor allem für die Juden - ein sündiges Leben geführt hat, während es im Besitz des Gesetzes war, in voller Kenntnis seiner Forderungen, Verheißungen und Drohungen, dann wird sein Gericht und seine Verurteilung gemäß und durch das Urteil des Gesetzes erfolgen. Unabhängig davon, ob die Menschen das Gesetz tatsächlich besessen haben oder nicht, ob sie Juden oder Heiden waren, in jedem Fall zieht der Sünder die Strafe des Zorns Gottes auf sich. Und das besondere Vorrecht der Juden, dass sie die schriftliche Offenbarung Gottes empfangen hatten, hätte keinen Wert als Entschuldigung für die Übertretung des Gesetzes. Denn, wie Paulus sehr nachdrücklich erklärt, würden nicht die Hörer des Gesetzes als gerecht vor Gott gelten, sondern die Täter des Gesetzes würden für gerecht erklärt werden. Kein Grad äußerer Vertrautheit mit den Worten des Gesetzes wird vor dem Richterthron Gottes Gewicht haben; wenn es eine Rechtfertigung im Zusammenhang mit dem Gesetz geben soll, muss es die einer vollkommenen Erfüllung des Gesetzes sein, Lukas 10, 28. Daraus folgt natürlich, dass kein lebender Mensch durch das Halten des Gesetzes in seiner eigenen Kraft, durch seine eigenen Verdienste, tatsächlich gerechtfertigt werden kann. Dass die Gläubigen vom Herrn als Täter des Gesetzes angesehen werden, Röm. 8, 4, liegt an der vollkommenen Gerechtigkeit Jesu, in der er das Gesetz für uns erfüllt hat, die durch den Glauben auf uns übertragen und dann von Gott als unser eigenes Eigentum angesehen wird, obwohl sie ganz und gar das Ergebnis des stellvertretenden Gehorsams Christi ist.

    Der Apostel hatte in V. 12 gesagt, dass die Menschen, die ohne das Gesetz gesündigt hatten, ohne das geschriebene Gesetz verurteilt werden und die ewige Verdammnis erleiden würden. Dies beweist er nun in einem Nebensatz. Wann immer oder weil die Heiden, die das Gesetz, das geschriebene Gesetz, nicht haben, dennoch von Natur aus das tun, was im Gesetz geboten ist, tun sie das, was im Gesetz des Mose geboten ist, aufgrund der Erkenntnis, die sie von Natur aus besitzen, in allen solchen Fällen sind diese Heiden, obwohl sie das Gesetz nicht haben, doch ein Gesetz für sich selbst. Diese Tatsachen sind in der Geschichte vollständig belegt. Es gibt viele Heiden, Ungläubige, die, der Eingebung ihres Gewissens folgend, jede Form von außerordentlicher Schande und Lasterhaftigkeit meiden, die Arbeit ihres Berufes mit allem Fleiß verrichten, den Armen helfen und auch sonst Taten vollbringen, die in völliger Übereinstimmung mit den Geboten des geschriebenen Gesetzes zu stehen scheinen. Sie sind sich selbst ein Gesetz, sie wachen über ihre eigenen Taten und unterscheiden zwischen Gut und Böse. Dies wird in V. 15 weiter untermauert: Sie sind damit Menschen, die zeigen, beweisen, dass das Werk des Gesetzes, das, was das Gesetz verlangt, in ihre Herzen geschrieben ist. Wie die Juden die Worte des Gesetzes auf steinerne Tafeln geschrieben hatten, so hatten die Heiden den Inhalt des heiligen Willens Gottes in ihre Herzen geschrieben, nicht in seiner konkreten Form, sondern nach seiner allgemeinen Richtung; das Wissen um seine Forderungen war ein geistiger Besitz der Menschen. Und nun beweisen die Heiden, dass das Werk des Gesetzes in ihrem Herzen geschrieben steht, wobei ihr eigenes Gewissen dies bezeugt, ihr eigenes Bewusstsein als Zeuge für oder gegen sie auftritt. Das natürliche Gesetz Gottes, der Abdruck seines heiligen Willens im Herzen des Menschen, der ihm allgemein sagt, was richtig und was falsch ist, wird begleitet und ergänzt durch die Stimme des Gewissens, das die konkreten einzelnen Handlungen des Menschen beurteilt, ihm sagt, ob das bestimmte, was er getan hat oder tun wird, richtig oder falsch ist. Dies geschieht in der Weise, dass sich die Gedanken untereinander gegenseitig anklagen oder verteidigen. Die einzelnen Urteile, die einzelnen Handlungen des Gewissens sind in einen Streit über die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit bestimmter Taten verwickelt, die der Mensch ins Auge fasst oder vollzogen hat. Die Schilderung des Apostels erinnert an eine förmliche Gerichtsverhandlung und macht nebenbei deutlich, dass die Urteile des Gewissens nicht immer verlässlich sind und dass ein irrendes Gewissen möglich ist.

    Nach diesem parentheseartigen [wie ein Einschub] Exkurs setzt der Apostel nun seinen Gedanken über das Gericht des großen Tages fort, ein Gedanke, der auch lose mit diesem Satz verbunden ist: An dem Tag, an dem Gott die verborgenen Dinge der Menschen richten wird, nach meinem Evangelium, durch Christus Jesus. Das Evangelium, wie es von Paulus gepredigt und mit Nachdruck als sein Evangelium erklärt und ihm anvertraut wurde, das wird die Norm sein, nach der am Jüngsten Tag das Urteil gefällt wird, Johannes 12, 48. Die Entscheidung über Heil oder Verdammnis wird von der Haltung abhängen, die ein Mensch gegenüber dem Evangelium und gegenüber Jesus, dem Mittler seines Heils, eingenommen hat, ob er Jesus und das Heil des Erlösers im Glauben angenommen hat oder nicht. Und da sich dieser Glaube in Worten und Taten offenbaren wird, ist es richtig zu sagen, dass das Urteil auch auf der Grundlage der Werke gefällt wird, wie sie im Leben eines jeden Menschen erschienen sind.

 

    Die Schuld des Juden (V. 17-24): Hier wendet sich der Apostel direkt an die Juden, die er offensichtlich im gesamten Abschnitt hauptsächlich im Auge hatte; er spricht zu ihnen als Nation. Anstelle von „siehe“ lesen wir "aber wenn", wobei der ganze Abschnitt die starke Erregung zeigt, unter der der Apostel litt: Wenn jemand Jude genannt wird, wenn er diesen Namen mit Stolz auf sich selbst anwendet, um sich von anderen Völkern zu unterscheiden, und wenn er sich auf das Gesetz, auf das gesamte mosaische System stützt und sein Vertrauen darauf setzt und sich auf Gott beruft. Das waren wirkliche Vorrechte der Juden, denn ihnen hatte sich der wahre, lebendige Gott geoffenbart; ihnen hatte er nicht nur das Sittengesetz, sondern auch das Zeremonialgesetz gegeben, und alles, was das Wort in seinem weitesten Sinne umfasste. Und die Juden glaubten, dass diese äußeren Vorteile ihre Stellung unter allen Umständen sicher machten. Und sie hatten noch andere Vorteile, die sich aus dem Besitz des Gesetzes ergaben. Sie kannten den Willen Gottes, den absoluten Willen, da sie durch das Gesetz unterwiesen worden waren, und deshalb konnten sie richtig zwischen richtig und falsch, zwischen gut und böse unterscheiden; sie konnten das Vorzüglichere gutheißen, entscheiden, was dem Willen Gottes entsprach. Jeder Jude fühlte sich auch sicher, dass er in seiner eigenen Person ein Führer der Blinden, der Heiden und derer, denen das Wissen der Kinder Israels fehlte, und damit ein Licht derer, die im Dunkeln waren, sein konnte. Darüber hinaus vertraute er auf sich selbst, dass er ein Erzieher derer sein konnte, denen es an richtigem Verstand und Urteilsvermögen fehlte, ein Lehrer der jungen Menschen, da er mit all seinen Mitmenschen im jüdischen Volk die Verkörperung des Wissens und der Wahrheit im Gesetz hatte. Die Juden hatten im Gesetz des Mose den vollen und angemessenen Ausdruck des göttlichen Willens, während das natürliche Gesetz, das in die Herzen der Menschen geschrieben ist, wegen der Sünde fast unlesbar geworden ist. Und die Juden waren sich ihrer bevorzugten Stellung mehr als bewusst, behaupteten aber fälschlicherweise, dass sie sie aufgrund ihrer eigenen Vorzüge innehätten, und entwickelten daher die typische Form des Pharisäertums, wie sie es zur Zeit Jesu und der Apostel zeigten.

    Paulus fährt nun, nachdem er so viel festgestellt hat, in Form einer rhetorischen Frage fort: Wenn du einen anderen lehrst, lehrst du dann nicht dich selbst? Der Besitz des geschriebenen Gesetzes befähigte die Juden, Lehrer anderer zu sein; aber ihr gesamtes Verhalten stand in krassem Gegensatz zu den Forderungen des Gesetzes. Sie selbst hatten eine wahre Lehre auf der Grundlage des Gesetzes bitter nötig. Du predigst, nicht zu stehlen, und du stiehlst selbst? Das Stehlen umfasst alle Ungerechtigkeiten, alle Formen des Betrugs, derer sich die Juden in ihren Geschäften schuldig gemacht haben. Wenn du sagst, du sollst nicht ehebrechen, treibst du dann selbst Ehebruch? Die Nachlässigkeit in der Einhaltung der ehelichen Keuschheit war schon immer ein Merkmal des jüdischen Volkes gewesen. Verabscheust du die Götzen, wirst du zum Tempelräuber? Die Juden zeigten den größten Abscheu vor heidnischen Götzen und bekannten heiligen Eifer für den Herrn Jehova, aber sie selbst hatten eine respektlose Missachtung Gottes und der heiligen Dinge und enthielten Gott das vor, was ihm gebührte, ein Raub und eine Entweihung, die der Prophet mit unmissverständlichen Worten anprangert, Mal. 3,8. Du, der du dich des Gesetzes rühmst, durch die Übertretung des Gesetzes entehrst du Gott? Eine dreifache Anklage erhebt der Apostel gegen die Juden: Sünde gegen den eigenen Leib, Schädigung des Nächsten und mangelnde Ehrfurcht vor Gott. Und die Schuld der Juden ist noch größer als die der Heiden, denn sie schmückten ihre Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit mit dem Wort und Namen Gottes. Denn der Name Gottes wurde um ihretwillen unter den Heiden gelästert, wie geschrieben steht. Der heilige Paulus bezieht sich hier auf Jes. 52,5, wobei er die griechische Version für seinen Zweck übernimmt. Als die Heiden sahen, dass unter den Juden so grobe Übertretungen des Gesetzes stattfanden, zogen sie ganz natürlich den Schluss, dass der Gott der Juden selbst sie dieses Verhalten lehrte, dass es mit der Religion übereinstimmte, wie sie ihnen offenbart worden war. Das ist die schwerste Form der Schuld, die eine direkte Entehrung und Entweihung Gottes beinhaltet. Anmerkung: Die Anklage des Paulus gilt auch für alle Heuchler unter den Christen, Menschen, die den christlichen Namen tragen und sich der reinen Lehre des göttlichen Wortes rühmen, sich aber nebenbei der Unehrlichkeit im Geschäft, der Sünden der Unkeuschheit, der Pietätlosigkeit gegenüber Gott, der Vorenthaltung ihrer Beiträge zum Reich Gottes usw. schuldig machen.

 

    Wahre und falsche Beschneidung oder Beschnittensein (V. 25-29): Gegen die Anklage des Paulus hätten die Juden den Einwand erheben können, er vergesse das Sakrament der Beschneidung und die besondere Bedeutung, die diesem Ritus zukomme, durch den die Juden von den Heiden um sie herum getrennt, abgesondert würden. Aber die Beschneidung ändert die Argumentation des Paulus in keiner Weise. Es stimmt zwar, dass sie ihren Wert hat, wenn man das Gesetz praktiziert, seine Anweisungen jederzeit und in allen Fällen befolgt. Wenn ein beschnittener Jude das Gesetz übertritt, ist der Hauptzweck des Sakraments verloren, denn es band die Juden an den Gehorsam gegenüber dem Gesetz. Wenn das Halten des Gesetzes nicht auf die Beschneidung folgte, befand sich der Jude genau in der gleichen Lage wie der Heide. Wenn nun die Unbeschnittenen die Forderungen des Gesetzes erfüllen, wird dann nicht die Unbeschnittenheit eines solchen Menschen als Beschneidung angesehen? Das Argument lautet: Wenn ein Jude, obwohl er beschnitten ist, das Gesetz bricht, wird er verurteilt; wenn also ein Nichtjude, obwohl er unbeschnitten ist, das Gesetz hält, wird er gerechtfertigt werden. Was folgt daraus? Und der von Natur aus Unbeschnittene (der Heide, von Natur aus unbeschnitten und daher unrein), der das Gesetz erfüllt, wird dich richten und verurteilen, der du trotz des Buchstabens und der Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist. Ein Heide, dem es mit seinem unvollkommenen Naturgesetz gelingt, einige seiner Forderungen zu erfüllen, kann durchaus einen Juden verurteilen, der sich des geschriebenen Gesetzes und des Ritus der Beschneidung rühmt und dennoch das Gesetz nicht durch seine Einhaltung ehrt.

    Und so kommt Paulus zu seinem Schluss. Nicht derjenige, der dem Anschein nach ein Jude zu sein scheint, ist wirklich ein Jude; auch ist diejenige Beschneidung nicht wahr, die offensichtlich im Fleisch vollzogen worden ist. Die bloße Tatsache, dass jemand ein Nachkomme Abrahams ist und den Ritus der Beschneidung an seinem Körper empfangen hat, macht ihn nicht zu einem Mitglied des wahren Israels des Herrn, des auserwählten Volkes im eigentlichen Sinne des Wortes. Die Situation ist vielmehr die folgende: Er ist in der Tat ein Jude, ein wahrer Israelit, nämlich einer im Herzen, im inneren Menschen; und die wahre Beschneidung ist die des Herzens, die im Geist, nicht im Buchstaben vollzogen wird. Wenn der Heilige Geist durch das Wort das unbußfertige, ungläubige Herz in ein gläubiges Herz verwandelt, dann ist das die wahre Beschneidung. Und der Mensch, an dem dieses Wunder geschehen ist, hat sein Lob nicht von Menschen, sondern von Gott, 5. Mose 10,16. Er verlässt sich nicht auf die äußere Abstammung und die Zeremonien, auf die er stolz verweisen könnte, sondern er erkennt, dass seine Bekehrung das Werk Gottes allein ist, 5. Mose 30,6. Er gibt Gott allein alles Lob und alle Ehre. Beachte: In ähnlicher Weise gilt für die Taufe, dass sie nicht als ein Aufnahmeritus betrachtet werden darf, unabhängig von Glauben und Herzenswandel. Sie ist eine Waschung der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes und verpflichtet und befähigt den Getauften, ein gottgefälliges Leben zu führen.

 

Zusammenfassung: Gott, der unparteiische Richter, wird jedem Menschen nach dem Evangelium seinen Lohn aus den Beweisen seiner Werke zuteilen; die Juden, die sich des Gesetzes rühmen und doch das Gesetz übertreten, werden vor dem Herrn schuldig und müssen seinen Zorn ertragen; dabei wird ihnen die Beschneidung nichts nützen, denn der rein äußere Ritus hat vor Gott keinen Wert, wenn er nicht auch von einer Beschneidung des Herzens begleitet wird, die sich in der Erfüllung des Gesetzes zeigt.

 

 

Kapitel 3

 

Des Menschen Schuld und Gottes Gerechtigkeit (3,1-8)

    1 Was haben denn die Juden für einen Vorteil, oder was nützt die Beschneidung? 2Allerdings sehr viel. Zum ersten, ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat. 3 Dass aber etliche nicht glauben an das, was liegt daran? Sollte ihr Unglaube Gottes Treue aufheben? 4 Das sei ferne! Es bleibe vielmehr so, dass Gott sei wahrhaftig und alle Menschen falsch; wie geschrieben steht: Auf dass du gerecht seist in deinen Worten und überwindest, wenn du gerichtet wirst.

    5 Ist’s aber so, dass unsere Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit preist, was wollen wir sagen? Ist denn Gott auch ungerecht, dass er darüber zürnt? (Ich rede also auf Menschenweise.) 6 Das sei ferne! Wie könnte sonst Gott die Welt richten? 7 Denn so die Wahrheit Gottes durch meine Lüge herrlicher wird zu seinem Preis, warum sollte ich denn noch als ein Sünder gerichtet werden 8 und nicht vielmehr so tun, wie wir gelästert werden, und wie etliche sprechen, dass wir sagen sollen: Lasst uns Übel tun, auf dass Gutes daraus komme? Welcher Verdammnis ist ganz recht.

 

    Der Vorteil der Juden (V. 1-4): Der Apostel hatte zuletzt gezeigt, dass der bloße äußere Besitz des Gesetzes die Juden nicht von Gericht und Verdammnis befreit, da Gott ein Halten des Gesetzes verlangt und sich nicht mit einem bloßen Hören zufrieden gibt; er hatte ferner argumentiert, dass die Beschneidung am Fleisch, obwohl sie das Siegel des Bundes Gottes und das Unterpfand seiner Verheißungen ist, nur dann von Wert sein kann, wenn sie von einer Beschneidung des Herzens begleitet wird. Aber der jüdische Leser könnte nun entgegnen, dass diese Aussagen mit der anerkannten Überlegenheit und den Vorrechten seines Volkes unvereinbar seien. Diesem Einwand begegnet der Apostel hier. Infolge dessen, was gerade dargelegt wurde: Was ist denn der Vorteil, der Vorzug, die Überlegenheit des Juden, oder was ist der Nutzen, der Wert, der Gewinn der Beschneidung? Die beiden Fragen haben denselben Gedanken, denn durch die Beschneidung wurde der Nachkomme Abrahams ein Mitglied der jüdischen Nation. Die Antwort lautet: Viel, in jeder Hinsicht, in jeder Hinsicht. Die Überlegenheit der Juden war in allen Lebensbereichen offensichtlich. Aber Paulus erwähnt hier nur das Hauptvorrecht: Erstens den herausragenden und unverkennbaren Vorteil, dass ihnen die Orakel, die besonderen Aussprüche Gottes, die Offenbarungen Gottes, wie sie in den alttestamentlichen Schriften, sowohl im Gesetz als auch im Evangelium, enthalten sind, anvertraut wurden. Durch die Hinterlegung dieses Schatzes in ihrer Mitte gewährte Gott den Juden einen Vorzug vor allen anderen Völkern; er setzte fast unbegrenztes Vertrauen in sie und erwartete von ihnen ein angemessenes Maß an Treue.

    Der Apostel hält es nun für notwendig, sich gegen einen weiteren möglichen Einwand zu rechtfertigen: Denn wie ist die Lage? Wenn einige untreu waren, wird ihre Untreue doch nicht die Treue Gottes unwirksam machen! Die Juden, die Mehrheit der Juden, waren untreu gewesen; sie hatten die göttlichen Offenbarungen nicht richtig gewürdigt und verehrt; sie hatten den Verheißungen Gottes nicht geglaubt. Daraus könnte man schließen, dass, da sie ihr Vertrauen gebrochen hatten und dem Gesetz Gottes nicht gehorsam waren, auch Gottes Teil des Bundes annulliert worden war. Doch Paulus antwortet mit einem nachdrücklichen: Ganz und gar nicht! Mitnichten! Schon der Gedanke daran scheint dem Apostel nach Gotteslästerung zu riechen; der Gedanke, dass der Glaube Gottes unwirksam geworden ist, dass ihm sein Vertrauen entzogen wurde, ist keine angemessene Schlussfolgerung aus seiner Lehre. In der Verurteilung der gottlosen Juden ist „kein Bruch der Verheißungen Gottes enthalten“. Die Situation ist vielmehr die folgende: Gott sei wahr, aber jeder Mensch ein Lügner. Gott wird sich immer als treu erweisen, wenn er seinen Teil des Bundes einhält, und er muss als wahr erkannt und anerkannt werden. Das wird das Endergebnis und die Konsequenz der Entwicklung der Dinge sein: Gott wird vor der ganzen Welt als der Treue dastehen, der sich streng an seine Verheißungen gehalten hat, die Juden aber als Lügner, die das Wort Gottes verlassen haben. Aber Paulus spricht absichtlich in allgemeinen Worten. Alle Menschen sind, im Vergleich zu Gott, in ihrem Verhältnis zu Gott, Lügner, Ps. 116,11. Allen hat sich Gott geoffenbart, wenn auch nicht in gleichem Maße, und alle haben sich von ihm abgewandt und sich der Eitelkeit und der Lüge zugewandt. Diese Aussage untermauert der Apostel mit einer Schriftstelle, Ps. 51,4: Damit du gerecht wirst in deinem Reden und überwindest, siegreich bleibst, wenn du gerichtet wirst. Letztlich wird Gott immer als gerecht und wahrhaftig befunden werden, der Fall wird und muss zu seinen Gunsten entschieden werden, wenn nicht vor, so doch ganz sicher am Jüngsten Tag. Die Beweise werden zeigen, dass Gott den Menschen nur Güte und Barmherzigkeit erwiesen hat, dass sie ihn aber beleidigt und den Bund des Vertrauens zu allen Zeiten gebrochen haben. Und so werden gerade die Übertretungen der Menschen dazu dienen, die unveränderliche Treue Gottes umso deutlicher hervorzuheben. Anmerkung: Die Worte des Paulus in diesem Fall sollten für jeden Christen der stärkste Ansporn sein, sich ihm gegenüber jederzeit treu zu erweisen und sich nicht auf eine bloße konventionelle Form der religiösen Beobachtung zu verlassen.

 

    Gott wird in jeglicher Hinsicht gerechtfertigt (V. 5-8): Ein neuer Gedanke wird hier vom Apostel eingeführt. Denn wenn die Argumentation der Verse 3 und 4 richtig ist, dann dient der Unglaube der Juden tatsächlich als Folie, um die Treue Gottes hervorzuheben; er macht seine Wahrheit umso deutlicher; er trägt tatsächlich zu seiner Ehre bei: warum sollten sie dann noch dem Gericht und der Verdammnis ausgesetzt sein? Wenn unsere Ungerechtigkeit, unsere Schlechtigkeit, unser Zustand der Ungläubigkeit und der Neigung zur Lüge tatsächlich die Gerechtigkeit, die Rechtschaffenheit, die moralische Vortrefflichkeit Gottes zeigt, was sollen wir dann sagen, was folgt daraus, welche Schlussfolgerung können wir ziehen? Ein Jude könnte meinen, dass sein Zustand nicht so beschaffen sein kann, dass er der ewigen Verdammnis ausgesetzt ist, da Gottes Treue ihm sein Heil verspricht und seine Schlechtigkeit die Rechtschaffenheit Gottes zeigt. Der heilige Paulus führt ein solches Argument an: Kann das sein? Dürfen wir annehmen oder folgern, dass Gott ungerecht ist, wenn er Rache übt? Da die ganze Situation so offensichtlich zu einem Vorteil für Gott führt, scheint es dann nicht, wenn man von einem rein menschlichen Standpunkt aus argumentieren will, dass Gott, wenn er die Strafe verhängt, rachsüchtig und boshaft handelt? Aber der Apostel weist genau diese Vermutung mit einem nachdrücklichen: Nein! Mitnichten! Denn wenn es wahr ist, dass Gott zu solchen kleinlichen Formen der Rache greift und dadurch ungerecht wird, wie will er dann die Welt richten? Wenn er selbst ungerecht wäre, könnte er seinen Zorn nicht an der Ungerechtigkeit der Menschen auslassen (1. Mose 18,25). Wenn Gott tatsächlich ungerecht wäre, käme es für ihn nicht in Frage, die Welt zu richten.

    Paulus verstärkt und bestätigt nun die Antwort an die Juden in V. 6, indem er seine eigene Person in den Vordergrund stellt: Denn wenn die Wahrheit Gottes durch meine Lüge zu seiner Verherrlichung reich geworden ist, warum sollte ich dann noch als Sünder verurteilt werden? Er argumentiert so, wie es ein Mitglied der menschlichen Familie am Tag des Jüngsten Gerichts tun könnte. Wenn die Tatsache, dass das Festhalten Gottes an seinen Verheißungen durch die Falschheit und Schlechtigkeit des Menschen so stark zum Vorschein kommt, wenn dadurch die Herrlichkeit Gottes umso deutlicher hervortritt, warum sollte der Mensch dann als Sünder gerichtet und verurteilt werden? Gott sollte sich damit zufrieden geben, dass die Sünde des Menschen seine eigene Herrlichkeit und Ehre vergrößert. Die Antwort des Paulus ist in Form einer Frage formuliert. Dass Gott dennoch verurteilt, liegt an der Schuld und dem Verschulden der Sünde, dass er, der der Heilige und Gerechte ist und bleibt, nicht anders kann, als die Übertretung des Sünders zu verurteilen, auch wenn dies seiner Ehre und Herrlichkeit zugute kommt. Die Gerechtigkeit Gottes kann unmöglich dulden, dass der, der Böses getan hat, ungestraft bleibt.

    Dieser Gedanke wird in V. 8 noch deutlicher zum Ausdruck gebracht. Wäre das Argument der Juden stichhaltig, dann könnte nicht nur jeder Sünder eine Befreiung beanspruchen, sondern es würde auch bedeuten, dass man aus freien Stücken Böses tun könnte, unter dem fadenscheinigen Vorwand, es würde etwas Gutes dabei herauskommen: Warum ist es nicht so, wie wir verleumdet werden und wie einige berichten, dass wir sagen: Lasst uns das Böse tun, damit das Gute kommt? Wenn das Prinzip, das in dem Einwand zum Ausdruck kommt, richtig wäre, dann wäre diese Schlussfolgerung vollkommen logisch und akzeptabel. Jede weitere Sünde erhöht die Herrlichkeit Gottes; darum lasst uns sündigen, mit allen Mitteln. Solche Vorschläge wurden den Christen damals ebenso verleumderisch unterstellt wie heute. Die Schlussfolgerung, die die Ungläubigen aus der Rechtfertigungslehre ziehen, ist, dass die Christen absichtlich böse Taten verübten, damit die Gnade Gottes in der Vergebung der Sünden umso herrlicher hervortreten könne. Aber eine solche Theorie und Praxis gibt es bei den Christen nicht, wie der heilige Paulus hier sowohl durch die negative Fragewortpartikel als auch durch die Worte unterstreicht: Dessen Verurteilung ganz und gar gerecht ist. Menschen, die darauf beharren, die Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben, wie sie in der Heiligen Schrift gelehrt wird, misszuverstehen, werden eine gerechte Strafe über sich bringen. So ist auch diese letzte Aussage des Apostels eine Rechtfertigung der göttlichen Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit und eine Widerlegung der falschen Schlussfolgerung, dass Gott ungerecht sei, wenn er die Sünder verurteilt. Anmerkung: Die Christen stehen bis heute wegen der Rechtfertigungslehre unter Verdacht. Der Fehlschluss wird ihnen in die Schuhe geschoben: Je schlechter wir sind, desto besser; denn je böser wir sind, desto auffälliger wird die Barmherzigkeit Gottes in unserer Begnadigung sein. Aber die Christen sind sich trotz dieser Verleumdung der Schuld und der Verwerflichkeit der Sünde voll bewusst, der Tatsache, dass Gottes gerechter Zorn alle Übertreter treffen wird, vor allem aber der Tatsache, dass jede Sünde dem Heiligen Geist Gottes und Jesus Christus, dem Erlöser, Kummer bereitet.

 

Der Schriftbeweis für die allgemeine Schuld der Menschheit (3,9-20)

    9 Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, dass beide, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind, 10 wie denn geschrieben steht: Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer; 11 da ist keiner, der verständig ist; da ist keiner, der nach Gott fragt. 12 Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig worden; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer. 13 Ihr Schlund ist ein offen Grab; mit ihren Zungen handeln sie trügerisch; Otterngift ist unter ihren Lippen; 14 ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; 15 ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; 16 in ihren Wegen ist lauter Unfall und Herzeleid 17 und den Weg des Friedens wissen sie nicht. 18 Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.

    19 Wir wissen aber, dass, was das Gesetz, sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, auf dass aller Mund verstopft werde, und alle Welt Gott schuldig sei 20 darum, dass kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerechtfertigt wird; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.

 

    Die Schrift schließt alle Menschen unter der Sünde ein (V. 9-18): Der Apostel schließt sich selbst in die Reihe der Juden ein und macht die allgemeine Schuld der Menschheit deutlich, sowohl der Juden als auch der Nichtjuden: Wie nun? Wie ist die Lage? Haben wir als Juden irgendeine Bevorzugung oder einen Vorteil gegenüber den Nichtjuden? Haben wir einen besseren Anspruch auf die Privilegien des Reiches Gottes als sie? Seine Antwort ist eine entscheidende: Ganz und gar nicht. Die Juden waren in ihrer Beziehung zu Gott in keiner Weise besser als die Heiden; denn wir haben zuvor sowohl den Juden als auch den Heiden vorgeworfen, dass sie alle unter der Sünde stehen, dass ihr Zustand ein Zustand der Übertretung und Schuld ist. Dies hatte der Apostel ausführlich getan, beginnend mit Kap. 1,18. Verunreinigt durch die Sünde und der Verdammung der Sünder unterworfen: das ist der Zustand aller Menschen, ob sie Juden oder Heiden sind.

    Diese Aussagen untermauert Paulus nun mit einem Verweis auf die Heilige Schrift. Was er selbst sagt und schreibt, ist an sich die Wahrheit, das Wort Gottes. Aber um alle Widerstände im Voraus zu überwinden, fügt er dem inspirierten Wort seines Briefes die Autorität der alttestamentlichen Prophetie hinzu. Dort steht es geschrieben: Es ist geschrieben worden, und es steht da als die ewige Wahrheit. Der Apostel zitiert hier frei aus dem Alten Testament: Ps. 14,1-3; 53; 5,10; 10,7; Jes. 59,7.8; Ps. 36,1. Er bietet die Texte in freier Übersetzung oder nach der griechischen Version an, wobei der Heilige Geist die Worte der ewigen Wahrheit so arrangiert, dass sie zu dem vorliegenden Argument passen. Diese Methode der Argumentation mit der Anwendung allgemeiner Passagen ist völlig legitim. Das Vorherrschen bestimmter Handlungen und Verbrechen in einem Volk kann durchaus als Ausdruck des nationalen Charakters angesehen werden. Es ist eine schreckliche Anklage gegen die Menschheit, die hier erhoben wird. Es gibt nicht einen Gerechten, nicht einmal einen einzigen; die Universalität der Sünde wird unverblümt ausgesprochen. Es gibt keinen verständigen Menschen, keinen mit echtem Sinn und Weisheit in der Religion. Es gibt nicht einen, der Gott sucht, der Eifer und Fleiß anwendet, um den Herrn zu finden. Sie haben sich von Gott entfremdet und sind nun völlig gleichgültig gegenüber seinem Willen und seiner Anbetung. Alle haben sich von dem rechten und angemessenen Weg abgewandt, den der Wille Gottes aufgezeigt hat; sie sind allesamt unbrauchbar, wertlos, zu nichts mehr zu gebrauchen, was geistliche Dinge betrifft. Keiner ist da, der Gutes tut, nicht ein einziger.

    Diese Verderbtheit der Menschen zeigt sich sowohl in ihrer Rede als auch in all ihren Handlungen. Ihre Kehle ist ein weit geöffnetes Grab: Sie atmen den Tod aus, sie haben nur im Sinn, mit ihren Zungen Schaden anzurichten. Mit ihrer Zunge betrügen sie: sie machen ihre Zunge glatt, sie schmeicheln, sie reden verräterisch, betrügerisch. Unter ihren Lippen ist das Gift der Wespe: Inmitten all ihrer vorgetäuschten Freundlichkeit und Schmeichelei haben sie böse, verräterische Absichten, Leid zuzufügen, erfreut ihre bösartige Seele. Ihr Mund ist voll von Flüchen und Bitterkeit, und sie hören nicht auf mit Verwünschungen und Lästerungen, sondern setzen ihren Weg mit Gewaltsünden fort. Schnell sind ihre Füße, um Blut zu vergießen: Sie sind begierig, sie können nicht warten, sie finden ihre Freude daran, ihrem Nächsten das Leben zu nehmen: Wo immer sie ihrem Nächsten an Leib und Leben schaden können, ergreifen sie die Gelegenheit mit mörderischer Freude. Zerstörung und Elend liegen auf ihren Wegen: Ihr Lebensweg ist geprägt von armen, unglücklichen Menschen, die sie mit Füßen getreten und ins Unglück gestürzt haben. Und den Weg des Friedens haben sie nicht kennengelernt: Eine Lebensweise, durch die sie Frieden, Heil und Segen spenden könnten, hat sie nie ernsthaft beschäftigt. Sie haben keine Gottesfurcht vor Augen: Das ist die Ursache ihrer ganzen Verderbtheit; das Fehlen der Gottesfurcht, der Ehrfurcht, der Frömmigkeit zeigt sich in ihrem ganzen Leben und in allen ihren Taten. Ein Mensch, der die Furcht Gottes in seinem Herzen und das Bild Gottes vor Augen hat, wird sich bemühen, ein Leben nach seinem Willen zu führen. Der heilige Paulus hat also eine vollständige Beschreibung der Verderbtheit des natürlichen Menschen gegeben, ein Bild, das in der heutigen Zeit genauso gilt wie vor mehreren tausend Jahren. Vom Menschen, wie er die Hand des Schöpfers verlassen hat, mit dem Abdruck des göttlichen Bildes auf seiner Vernunft und seinem Willen, bleibt nur eine Karikatur übrig, die das Herz des Betrachters mit Schaudern und Entsetzen erfüllt.

 

    Ein besonders Wort an die Juden (V. 19-20): Im vorangegangenen Abschnitt hatte der Apostel von den Menschen im Allgemeinen gesprochen, sowohl von den Juden als auch von den Heiden, und ihren natürlichen Zustand ausführlich und detailliert beschrieben. Jetzt wendet er den Gedanken auf die Juden im Besonderen an, auf diejenigen, die in einem besonderen Sinn unter dem Gesetz standen. Wie wir wissen, handelt es sich um eine allgemein anerkannte Tatsache, um eine Aussage, die sofort und ohne weitere Beweise vorausgesetzt werden kann. Was auch immer, alles, was das Gesetz sagt, es spricht in Bezug auf den Gesetzgeber und den Zweck seines Willens zu denen, die unter dem Gesetz sind, die sich des mosaischen Gesetzes rühmen, deren ganzes Leben bis in die kleinsten Einzelheiten durch seine Bestimmungen geregelt ist. Aber der Zweck des Gesetzes und aller Unterweisung im Gesetz ist, dass jeder Mund zum Schweigen gebracht wird und die ganze Welt vor Gott schuldig wird. Bei den Heiden waren die Taten ihrer Verderbtheit offenkundig strafbar. Aber die Juden, bei denen die Laster und Übertretungen oft durch eine gewisse äußere Rechtschaffenheit und den Anschein von Heiligkeit verdeckt waren, waren vor dem Gesetz Gottes ebenso schuldig. Es kann nicht ein einziger Mund aufgetan werden, um für Unschuld und Gerechtigkeit zu plädieren, sondern die ganze Welt, ohne Rücksicht auf Rasse und Nationalität, soll wegen der Sünde schuldig gesprochen und bestraft werden. Und warum wird die ganze Welt vor Gott schuldig werden? Weil durch die Werke des Gesetzes kein Mensch vor ihm gerechtfertigt werden kann. Es ist unmöglich, dass jemand durch die Werke, die das Gesetz verlangt, vor Gott steht und von ihm als Gerechter angenommen wird; kein Sünder kann das Gesetz in seinen wirklichen Anforderungen erfüllen, alle seine Forderungen in Bezug auf Unterlassung und Begehung tatsächlich einhalten. Denn durch das Gesetz, durch das Gesetz, ist die Erkenntnis der Sünde. Das Gesetz überführt uns der Sünde; es zeigt uns unsere mannigfaltigen Übertretungen; es verurteilt uns, indem es uns die Tatsache vor Augen führt, dass unsere Sünde den Zorn Gottes verdient; und diese Erkenntnis ist vollständig und genau. „Durch das Gesetz wächst mein Gewissen und erfüllt mich mit Zorn gegen das Gesetz und gegen Gott, der das Gesetz gegeben hat, und so wird die Sünde durch das Gebot überaus sündhaft.“ (Luther.) Einen Sünder zu rechtfertigen, ihn vor Gott für gerecht zu erklären, das ist nicht der Zweck des Gesetzes; dazu war es nie bestimmt. Anmerkung: Dieser Zweck des Gesetzes wird von den Christen jeden Tag bei der Prüfung ihres Lebens genutzt; denn wie in einem Spiegel offenbart es die Sünden und Unzulänglichkeiten des Menschen, es überzeugt ihn von seiner Schuld und Verdammnis.

 

Die Rechtfertigung mittels des Glaubens (3,21-31)

21 Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. 22 Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die da glauben. 23 Denn es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollten, 24 und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist, 25 welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut, damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, darbiete, in dem, dass er Sünde vergibt, welche bisher geblieben war unter göttlicher Geduld, 26  auf dass er zu diesen Zeiten darböte die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt, auf dass er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist des  Glaubens an Jesus.

    27 Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welches Gesetz? durch der Werke Gesetz? Nicht so, sondern durch des Glaubens Gesetz. 28 So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. 29 Oder ist Gott allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott?  Ja freilich, auch der Heiden Gott. 30 Da es ist ein einiger Gott, der da gerecht macht die Beschneidung aus dem Glauben und die Vorhaut durch den Glauben. 31 Wie? heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! sondern wir richten das Gesetz auf.

 

    Die offenbarte Gerechtigkeit Gottes (V. 21-26): „Nachdem Paulus bewiesen hat, dass die Rechtfertigung auf der Grundlage von gesetzlichem Gehorsam oder persönlichen Verdiensten für alle Menschen unmöglich ist, fährt er fort, die im Evangelium dargestellte Methode der Erlösung zu entfalten.“ (Hodge.) In V. 20 wurde das Urteil der Verdammnis über sie alle verkündet. Und nur derjenige, der diese Sündenerkenntnis hat, wird nebenbei begreifen, verstehen, was mit der vor Gott gültigen Gerechtigkeit wirklich gemeint ist. Der Apostel setzt seine Aussagen als Ausdruck der logischen Konsequenz: „Nun aber“. Obwohl also alle Menschen unter dem Urteil der Verdammnis stehen, gibt es für sie noch Hoffnung, steht ihnen ein Weg der Rechtfertigung, des Heils, offen. Ohne das Gesetz wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, manifestiert. Das Gesetz hat nichts mit dieser Offenbarung zu tun; die Gerechtigkeit, von der hier die Rede ist, ist nicht die des Gesetzes. Es ist Gottes Methode der Rechtfertigung, die hier vorgestellt wird, wie in Kap. 1,17. Es ist die Gerechtigkeit, deren Quelle und Urheber Gott ist, die von ihm allein kommt, die er allein geben kann und die deshalb in seinen Augen annehmbar ist. Es ist die Gerechtigkeit, die uns von Gott um Jesu Christi willen zugerechnet wird, zu der sich Luther bekennt: „Darum ist das eine herrliche Predigt und himmlische Weisheit, dass wir glauben: unsere Gerechtigkeit, Heil und Trost ist außerhalb von uns, dass wir gerecht, annehmbar, heilig und weise vor Gott sein sollen, und ist doch in uns nur Sünde, Ungerechtigkeit und Torheit. In meinem Gewissen ist nichts als das Gefühl und die Erinnerung an die Sünde und an die Schrecken des Todes, und doch sollte ich anderswo hinschauen und glauben, dass Sünde und Tod nicht da sind.“[7] Die Rechtfertigung bezeichnet nicht eine sittliche Veränderung im Menschen, sondern einen forensischen Akt Gottes, durch den er uns eine Gerechtigkeit zuschreibt, die uns nicht zustand, die wir nicht verdient haben: Wen Gott aber rechtfertigt, für gerecht erklärt, der ist gerecht, obwohl alle Welt und alle Teufel sich vereinen, ihn zu verurteilen, obwohl sogar sein eigenes Gewissen ihn tadelt und verdammt. Diese Gerechtigkeit ist offenbart, sie ist deutlich gemacht, ins Licht gestellt. Das Urteil Gottes, nach dem der Sünder für gerecht erklärt wird, wurde gesprochen und war in Christus schon vor Grundlegung der Welt vorhanden. Und dies wird nun den Sündern durch das Evangelium bekannt gemacht, durch das Zeugnis des Gesetzes und der Propheten, der beiden Hauptteile der alttestamentlichen Schriften, in denen die Botschaft des Evangeliums eindeutig enthalten war; denn die Prophezeiungen auf Christus verkündeten die Erlösung in und durch Christus.

    Dieser Gedanke wird im nächsten Vers zur weiteren Erläuterung wieder aufgegriffen: Die Gerechtigkeit, nämlich vor Gott, durch den Glauben an Jesus Christus, für alle und auf alle, die glauben. Das ist die Gerechtigkeit, auf die sich der Apostel bezieht, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt und von ihm angenommen wird. Sie wird zum Besitz all derer, die an Jesus Christus, den Gottmenschen, den Messias, glauben und damit das Heil annehmen, das die Rechtfertigung ermöglicht hat. Die Botschaft des Evangeliums wirkt den Glauben in den Herzen der Menschen, und dieser Glaube erwirbt oder verdient die Gerechtigkeit vor Gott nicht, sondern nimmt die zugerechnete Gerechtigkeit an, empfängt sie und macht sie sich zu eigen. Der Glaube ist die vertrauensvolle Annahme der Gnade des Heils. Durch den Glauben an das Evangelium nimmt der Gläubige seinen Erlöser, Jesus Christus, und damit auch die Gerechtigkeit, die Jesus bereitet hat, an und macht sie sich zu eigen. Die Gerechtigkeit Gottes ist für alle bestimmt, die glauben, und deshalb ergießt sie sich auch wie ein Strom über alle, die glauben. Wer glaubt, unabhängig von seiner Vorgeschichte und seinem Werdegang, empfängt durch seinen Glauben das, was Gott anbietet, und wird so zum Besitzer dieses großen Segens des Neuen Testaments.

    Dass es bei den Gläubigen weder das Verdienst einer natürlichen Vorzüglichkeit noch das des Glaubensaktes geben kann, geht aus den letzten Worten des Apostels hervor: Denn es gibt keinen Unterschied, keine Unterscheidung unter den Menschen, was ihr Verhältnis zu Gott betrifft; denn sie alle, auch die Gläubigen, haben gesündigt und ermangeln der Herrlichkeit Gottes; sie haben von Natur aus keine Stellung vor Gott, sie haben nichts, dessen sie sich vor ihm rühmen könnten. Gerade weil sie sich ihrer eigenen Sündhaftigkeit und ihrer moralischen Unzulänglichkeit vor dem allwissenden und heiligen Gott bewusst sind, halten sie sich im Glauben an ihren Erlöser und nehmen seine Gerechtigkeit an, die sie vor Gott annehmbar und gerecht macht.

    Die Rechtfertigung wird also, wie der Apostel sagt, aus freien Stücken, als Geschenk, durch die Gnade Gottes übertragen, die allein die Quelle der Barmherzigkeit sein kann. Und sie wird durch die Erlösung, wörtlich: durch die Befreiung durch die Zahlung eines Lösegeldes, von Jesus Christus ermöglicht. Jesus hat uns von all unseren Sünden und vom Zorn Gottes erlöst, indem er einen Preis, ein Lösegeld, für unsere Seelen eingesetzt hat, Matth. 20,28; Mark. 10,45; 1. Tim. 2,6; Tit. 2,14. Und dieser Preis des Lösegeldes war kein anderer als sein eigenes kostbares Blut. Eph. 1,7; Kol. 1,14; 1. Petr. 1,18.19. Und die Art und Weise, in der er diesen wunderbaren Preis bezahlt hat, wird ausführlich beschrieben. Gott hat ihn durch den Glauben an sein Blut als Gnadenstuhl eingesetzt; das war die Absicht Gottes, die im Opfer von Golgatha in die Tat umgesetzt wurde, Joh. 3,14. Jesus ist der wahre Gnadenstuhl, von dem die Decke der Lade im Allerheiligsten nur ein schwaches Abbild war. So wie der Hohepriester des Alten Testaments am großen Versöhnungstag das Blut des Opfers an den Deckel der Lade sprengte und damit die Sünden des ganzen Volkes versöhnte. 3. Mose 16,30, so ist Jesus der vollkommene Gnadenstuhl in seinem eigenen Blut. Als Hohepriester, Opfer und Gnadenstuhl in einer Person hat Jesus alle Arten von alttestamentlichen Opfern erfüllt, indem er sein heiliges Blut als Lösegeld für die Sünden der Welt vergossen hat. So wurde er zum wahren Mittler zwischen Gott und den Menschen, indem er all unsere Sünde, Schuld, Schande und Blöße vor den Augen Gottes bedeckte und eine vollkommene Erlösung für alle Menschen erwirkte. Und die so erlangte Versöhnung wird durch den Glauben an sein Blut zu unserem Besitz und Eigentum: Gott schaut auf das kostbare Blut seines Sohnes, durch das die Sünden der ganzen Welt gesühnt werden, durch das alle Sünder von Sünde, Schuld, Zorn und Verdammnis befreit werden; und um dieses blutigen Opfers und vollkommenen Verdienstes Christi willen erklärt er die Sünder für gerecht und heilig.

    Nachdem Paulus das Wesen und den Grund der Rechtfertigungsmethode des Evangeliums dargelegt hat. nennt Paulus nun ihren Zweck: Zur Bekräftigung seiner Gerechtigkeit. Gott hat Jesus, seinen Sohn, den Erlöser, als den wahren Gnadenstuhl hingestellt und stellt ihn immer noch vor die Augen der ganzen Welt der Sünder, Gal. 3,1, um seine Gerechtigkeit zu zeigen. Es war ein Akt der Gerechtigkeit Gottes, dass er seinen Sohn, den Stellvertreter aller Sünder, zum gewaltsamen Tod am Kreuz verurteilte; indem er Christus in seinen Wunden und seinem Blut vor den Augen aller Menschen darstellte, erklärte er seine Gerechtigkeit vor der ganzen Welt. Die rächende Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes konnte sich nicht mit weniger zufrieden geben, sie musste das höchste Opfer verlangen. Und eine solche offene Erklärung und Demonstration der wesentlichen Gerechtigkeit Gottes war umso notwendiger, als die zuvor begangenen Sünden durch die Nachsicht Gottes übergangen wurden. Aufgrund der großen Geduld und Nachsicht Gottes in der Zeit vor Christus waren die Sünden der Menschen ungestraft geblieben, abgesehen von einigen außergewöhnlichen Manifestationen der rächenden Gerechtigkeit Gottes, Apg 14,16; 17,30. Obwohl der Tod, der Lohn der Sünde, von Adam bis Christus herrschte, war dies eine Zeit relativer Straffreiheit, und es war ein Beweis für die Nachsicht Gottes, dass sündige Menschen Jahre und Generationen in ihren Sünden leben konnten, bevor sie vom Tod abgerufen wurden. Aber jetzt, in der neuen Zeit, in der neuen Dispensation. Gott hat seine Gerechtigkeit bewiesen. Das Übersehen der Sünden in der Zeit vor der Ankunft Christi geschah im Hinblick auf diese Demonstration seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit. In all den Jahrhunderten vor dem Kommen Christi hatte die göttliche Gerechtigkeit aufgrund der Gerechtigkeit Gottes die Bestrafung der Sünder gefordert. Und die volle Strafe wurde an Christus, dem Stellvertreter für alle Sünder aller Zeiten, vollstreckt. "Der Tod Christi rechtfertigte die Gerechtigkeit Gottes bei der Vergebung der Sünden in allen Zeitaltern der Welt, da diese Sünden durch den gerechten Gott in Christus bestraft wurden." Die von Christus übernommene Strafe für die Sünder ist die volle Sühne für alle Sünden; durch sein Leiden und Sterben hat er die Schuld vollständig beglichen, er hat den Zorn und das Gericht erschöpft. Und die Aufstellung Christi als des wahren Gnadensitzes geschah schließlich zu dem Zweck, um selbst gerecht zu sein und den zu rechtfertigen, der des Glaubens Jesu ist; indem Gott von Christus, dem Stellvertreter der Sünder, die volle Bezahlung der Sündenschuld verlangte, erwies er sich als der Gerechte. Und indem er Christus sandte, um dieses stellvertretende Opfer zu bringen, und indem er in Christus war, um die Welt zu versöhnen, rechtfertigte Gott die Sünder, erklärte sie für rein und gerecht, wobei die Rechtfertigung tatsächlich zum Besitz dessen wird, der sie durch den Glauben an Jesus annimmt, für den dieser Glaube charakteristisch ist, dessen ganzes religiöses und sittliches Wesen seinem Glauben an Jesus entspringt.[8]

 

    Die gewaltige Schlussfolgerung des Apostels (V. 27-31): Hier bietet der Apostel den Abschluss des herrlichen Heilsplans an, wie er ihn gerade entfaltet hat. Wenn das der Fall ist, wo ist dann der Akt des Rühmens? Welchen Grund haben die Menschen, sich zu rühmen? Alle Menschen, nicht nur die Juden, haben von Natur aus ein stolzes Herz, das sich gerne der eigenen Tugenden und Taten rühmt. Nun aber ist die Prahlerei ein für allemal ausgeschlossen, sie ist nicht erlaubt. Durch welches Gesetz, durch welche Regel oder Ordnung, allgemein gesprochen? Durch die Regel, die Werke verlangt? Die Regel der Werke ist identisch mit dem Gesetz Gottes. Hier gäbe es in der Tat die Möglichkeit, sich zu rühmen, da fleischlich gesinnte Menschen aufgrund einer äußerlichen, buchstäblichen Erfüllung der Forderungen des Gesetzes zur Selbstbeweihräucherung und Selbstbeweihräucherung neigen. Jedes Rühmen wird jedoch durch die Regel oder Norm des Glaubens, durch die Ordnung des Heils, wie sie im Evangelium dargestellt wird und den Glauben einschließt, wirksam ausgeschlossen. Das Evangelium spricht immer wieder von der Notwendigkeit des Glaubens, nicht im Sinne einer Forderung des Glaubens als eines verdienstlichen Werkes, sondern im Sinne einer an alle Menschen gerichteten Einladung, die Verheißung Gottes anzunehmen. Der rechtfertigende Glaube kann in keiner Weise als ein Akt verstanden werden, durch den man sich das Heil Jesu verdient, genauso wenig wie man sagen kann, dass ein Bettler das Stück Brot oder die Münze verdient, für die er seine Hand ausstreckt. Was also das Evangelium betrifft, so ist jede Prahlerei ausgeschlossen, beseitigt, denn (V. 28) wir schließen daraus, dass der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne die Werke des Gesetzes, unabhängig davon. Das ist die Schlussfolgerung, die jeder wahre Christ mit Paulus ziehen muss. Die Rechtfertigung, der forensische Akt Gottes, durch den er den Sünder für gerecht, rein, heilig und annehmbar vor ihm erklärt, wird durch den Glauben empfangen, indem der Sünder einfach die Tatsache der Erlösung durch Christus glaubt und sie auf sich anwendet. Menschliche Werke, Werke des Gesetzes, persönliche Verdienste sind ausgeschlossen. Der Grund für unsere Rechtfertigung liegt völlig außerhalb von uns selbst. Der Gegensatz besteht, wie ein Kommentator bemerkt, zwischen dem, was wir selbst tun, sei es im Zustand der Natur oder der Gnade, und dem, was Christus für uns getan hat. Durch den Glauben, und nur durch den Glauben, der ganz und gar und allein eine Gabe Gottes ist, treten wir in jene Beziehung zu Gott, die uns vor ihm annehmbar macht und uns zu seinen lieben Kindern werden lässt.

    Der Apostel hatte absichtlich und mit Nachdruck geschrieben: Ein Mensch ist gerechtfertigt, jeder Mensch, ohne Rücksicht auf Rasse und Nationalität. Aber er hält es für notwendig, die Universalität der Rechtfertigung durch eine ausdrückliche Erklärung hervorzuheben und so die Idee einer besonderen Gnade, einer rassischen oder nationalen Unterscheidung vor Gott auszuschließen. Oder ist er nur für die Juden Gott, nicht auch für die Heiden? (Haben die Juden Anspruch auf irgendeinen Vorteil? Haben sie irgendein Vorrecht in Bezug auf den Inhalt des Glaubens?) Paulus antwortet: Ja, auch für die Heiden. Und warum? Weil Gott einer ist. Aus der Einheit Gottes als Axiom leitet Paulus die Universalität des im Evangelium dargestellten Heils ab. Folglich wird er die Beschnittenen aus dem Glauben und die Unbeschnittenen aus dem Glauben heraus rechtfertigen. Alle Menschen, Juden und Heiden, werden auf dieselbe Weise gerechtfertigt und gerettet, nämlich durch den Glauben. Der Glaube ist das Mittel der Rechtfertigung; der Glaube allein ist notwendig für die Aneignung der Gerechtigkeit Gottes, für die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Ein Gott und ein Mittler, ein Heil und ein Heilsweg für die ganze Menschheit, deren Glieder alle in der gleichen Verdammnis stehen, das ist die Predigt des Paulus, das ist die Grundlehre des Christentums.[9]

    Am Ende dieses Abschnitts begegnet Paulus einem möglichen Einwand, der immer wieder gegen diese zentrale Lehre des Christentums vorgebracht wurde. Machen wir also das Gesetz ungültig, annullieren wir es, setzen wir es außer Kraft? Vorerst begnügt er sich damit, diesen Gedanken mit einem knappen „Nein" zurückzuweisen: In der Tat nicht, sondern wir begründen, bestätigen das Gesetz. Nicht eine einzige sittliche Verpflichtung wird geschwächt, nicht eine einzige Sanktion wird missachtet, 1 Tim. 1, 8. 9. Wie der neue Gehorsam aus dem Glauben folgt, zeigt er an einer anderen Stelle seines Briefes. "Der Glaube erfüllt alle Gesetze; die Werke erfüllen nicht ein einziges Pünktchen des Gesetzes.“ (Luther.)

 

Zusammenfassung: Der Mensch ist und bleibt schuldig vor Gott, wenn auch die Falschheit der Menschen die Wahrheit Gottes nicht aufhebt, und wenn auch die Sünden der Menschen zu Gottes Ehre gereichen; und so wird der Mensch ohne die Werke des Gesetzes, ohne alles Rühmen und Verdienst, nur durch die Gnade, durch die Erlösung Christi gerechtfertigt, welche der einzige Weg des Heils für alle Menschen, Juden und Heiden, ist.

 

 

RECHTFERTIGUNG

    Die Lehre von der Rechtfertigung des armen Sünders vor Gott ist die zentrale Lehre des christlichen Glaubens, die Lehre, mit der die Kirche steht und fällt. „Wenn dieser Artikel der Rechtfertigung verloren geht, so geht zugleich die ganze christliche Lehre verloren.... Denn in ihm sind alle anderen Artikel unseres Glaubens enthalten, und wenn dieser eine im richtigen Licht betrachtet wird, dann werden auch alle anderen richtig beurteilt.... Wird dieser Artikel beiseite gelegt, so bleibt nichts übrig als Irrtum, Heuchelei, Gottlosigkeit, Götzendienst, so sehr er auch als höchste Wahrheit erscheinen mag.“[10] „Von diesem Artikel können wir nichts weichen oder zurücktreten, auch wenn Himmel und Erde fallen und alles, was nicht bleiben wird. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel unter den Menschen gegeben, durch den wir gerettet werden müssen, sagt Petrus, Apg. 4,12. Und durch seine Striemen sind wir geheilt, Jes. 53,3. Und auf diesem Artikel ruht alles, was wir lehren und leben gegen den Papst, den Teufel und die Welt. Darum müssen wir dessen ganz sicher sein und nicht zweifeln, sonst ist alles verloren, und Papst und Teufel und alles wird den Sieg und das Recht gegen uns haben und behalten.“[11]

    Die Sektierer und Irrlehrer haben sich alle Mühe gegeben, die Kraft der herrlichen Stelle in Röm. 3,21-28 abzuschwächen. Einige haben behauptet, die Gerechtigkeit Gottes, von der hier die Rede ist, sei lediglich ein göttliches Attribut, die Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und allgemeine Rechtschaffenheit Gottes. Wäre dies jedoch der Fall, dann würde diese Eigenschaft Gottes außerhalb des Gesetzes offenbart, V. 22, und würde durch den Glauben zum tatsächlichen Eigentum und Attribut des Gläubigen, V. 23. Andere haben erklärt, dass die Gerechtigkeit Gottes die Eigenschaft ist, gut zu sein, wie es das Gesetz verlangt und wie es durch die Kraft Gottes in den Herzen der Menschen gewirkt wird. Aber die Gerechtigkeit, von der im Text die Rede ist, wird ohne die Mitwirkung des Gesetzes offenbart, und eine vollkommene moralische und bürgerliche Gerechtigkeit ist ohne das von Gott gegebene Gesetz nicht möglich. Die Gerechtigkeit, von der der Apostel spricht, ist eine Gerechtigkeit ohne das Gesetz, mit der das Gesetz nichts zu tun hat. Sie ist die Methode Gottes zur Rechtfertigung. „Da die Methode der Rechtfertigung durch Werke unmöglich ist, hat Gott eine andere offenbart, die schon im Gesetz und bei den Propheten gelehrt wurde, eine Methode, die nicht gesetzlich (ohne Gesetz) ist, d.h. nicht unter der Bedingung des Gehorsams gegenüber dem Gesetz, sondern unter der Bedingung des Glaubens, die für alle Menschen gilt und vollkommen unentgeltlich ist.“ Die Rechtfertigung ist also der Akt Gottes, durch den er einen Menschen für gerecht erklärt, ihn für rechtschaffen erklärt, ihn vom Urteil der Verurteilung freispricht, offen erklärt, dass der Angeklagte nicht mehr schuldig oder strafwürdig ist.

    Diese Rechtfertigung, diese barmherzige Erklärung Gottes, wird dem Sünder durch den Glauben zugerechnet, Apg. 13,38.39, ohne die Taten des Gesetzes. Alle Verdienste des Menschen, sowohl was die gerechten Taten als auch die richtige Einstellung zu Gott und seiner Barmherzigkeit betrifft, sind ausgeschlossen, und sogar der Glaube selbst als Quelle oder Wurzel oder Keimkraft der guten Werke. Selbst wenn der Glaube sein eigenes Amt und seine eigene Eigenschaft ausübt und auf diese Weise die Gnade Gottes und die Gerechtigkeit Christi ergreift und annimmt, kommt der Glaube nur insofern in Betracht, als er die Schöpfung Gottes im Herzen des Menschen ist, um das Urteil der Gnade zu empfangen. Nicht der Akt des Erkennens rechtfertigt den Gläubigen, sondern nur das, was erkannt wird. Der Faktor, der Gott dazu veranlasst, einen Menschen für gerecht und angemessen zu erklären, ist ganz und gar und allein der Gegenstand des Glaubens. Wahrlich, „aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit sich nicht jemand rühme“, Eph. 2,8.9. „Da wir wissen, dass der Mensch nicht durch des Gesetzes Werke gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so haben auch wir an Jesus Christus geglaubt, damit wir durch den Glauben an Christus gerechtfertigt werden und nicht durch des Gesetzes Werke; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht.“ Gal. 2,16.

 

Objektive Rechtfertigung (Zusatz durch den Hrsg.)

 

Anmerkungen zu den Auseinandersetzungen über die allgemeine oder grundsätzliche Rechtfertigung oder Versöhnung

 

 

    Seit dem 19. Jahrhundert ist es besonders unter den lutherischen Kirchengemeinschaften Nordamerikas immer wieder zu Auseinandersetzungen über diejenigen Heilstatsachen gekommen, die theologisch auch mit den Begriffen „allgemeine Rechtfertigung“ oder „universelle Rechtfertigung“ bezeichnet werden. Besonders der Gnadenwahlstreit und der Streit um die Bekehrung waren davon gekennzeichnet. In jüngster Zeit hat diese Auseinandersetzung neue zusätzliche Akzente bekommen durch die falschen Lehren, die durch Walter A. Maier III in Fort Wayne und die Kokomo-Thesen innerhalb der Wisconsin-Synode verbreitet wurden und die Antworten, die, etwa durch den unabhängigen Pastor Gregory Jackson, darauf gegeben wurden. Die folgenden Anmerkungen beziehen sich hauptsächlich auf das Buch des Letztgenannten, „Thy Strong Word“, in dem er einen breiten Abschnitt diesem Thema widmet. (Es ist dabei zu bedenken, dass P. Jackson seinen theologischen Hintergrund, soweit er lutherisch ist, ursprünglich gerade in denjenigen Synoden hatte (ULC), die Gegner Missouris in den Kämpfen des 19. Jahrhunderts waren.)

 

 Was lehren die evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften?

    Dieser Abschnitt ist daher besonders wichtig, weil P. Jackson, ähnlich wie andere Gegner der biblisch-lutherischen, von Alt-Missouri vertretenen, Lehre behaupten, dass die lutherischen Bekenntnisschriften die Lehre von der objektiven Rechtfertigung gar nicht kennen würden, es sich dabei vielmehr um eine erst im 19. Jahrhundert aufgekommene, durch Walther, Pieper und Stöckhardt geförderte neue Lehre handele. Was den theologischen Begriff der ‚allgemeinen Rechtfertigung’ angeht, so ist dies sicher richtig. Anders aber ist es mit dem Faktum selbst.

    Gott bietet den Sündern Vergebung an: „Diese Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist ohne Gesetz offenbart“, das ist, umsonst wird Vergebung der Sünden angeboten. (Apol. IV,42; Trigl. 132) – Wenn sie aber angeboten wird, dann muss sie auch vorhanden sein, das ist: Christus hat für alle Menschen die Vergebung der Sünden, und das ist gleichbedeutend mit dem Freispruch im Jüngsten Gericht, erworben. Aber der einzelne Mensch hat dies damit noch nicht. Gott sieht ihn – IN CHRISTUS – in Gnaden an: Aber wenn er nicht an Christus glaubt, also gar nicht in Christus ist, so bleibt der Zorn Gottes über diesem Menschen, Joh. 3,36. Darum heißt es richtig weiter: ... welche Zusage niemand mit Werken fassen kann, sondern allein durch den Glauben an Christus. (Apol. IV, 44; Trigl. 132) Nur der Glaube fasst also die Verheißung und Zusage in Christus, nämlich dass Christus für ihn die Vergebung der Sünden erlangt hat (die also schon da ist), die uns Menschen nun durch Wort, Taufe und Abendmahl dargereicht wird. Aber die göttliche Zusage, die bietet uns an, als denjenigen, die von der Sünde und Tod überwältigt sind, Hilfe, Gnade und Versöhnung um Christi willen, welche Gnade niemand mit Werken fassen kann, sondern allein durch den Glauben an Christus. Derselbe Glaube bringt noch schenkt Gott dem Herrn kein Werk, kein eigen Verdienst, sondern baut bloß auf lauter Gnade und weiß sich nichts zu trösten noch zu verlassen als allein auf Barmherzigkeit, die verheißen ist in Christus. (Apol. IV, 44.45; Trigl. 132) (Diese Aussage über den rettenden Glauben ist sehr wichtig, da die Gegner der allgemeinen Rechtfertigung zwar eine allgemeine Versöhnung lehren, aber in dem Sinne, als gebe diese Gott nur die Möglichkeit, den Menschen die Sünden zu vergeben (d.i. auf Golgatha hätte nicht schon die Vergebung stattgefunden), aber der Glaube (der damit praktisch zur sittlichen Tat des Menschen wird) sei die vom Menschen zu leistende Vorbedingung dafür. Das aber ist nur eine andere Form des Synergismus, der Selbsterlösung.) Diese Vergebung der Sünden also erlangt der Glaube allein aus Gnaden.

    Schon dieser Abschnitt macht deutlich: Nicht der Glaube wirkt oder verdient etwas (denn das wäre die Kon-sequenz daraus, wenn man sagt, Vergebung der Sünden, Freispruch im Jüngsten Gericht in Christus (denn nichts anderes wird auch in der allgemeinen Absolution Röm. 4,25 oder der objektiven Rechtfertigung ausgedrückt) sei noch nicht vorhanden, sondern käme erst durch den Glauben), sondern er ergreift oder empfängt etwas, eben das Heil in Christus. Das ist allerdings etwas völlig anderes als ein bloß äußerliches darüber informiert sein oder bloß äußerliches Wissen, es ist vielmehr ein die ganze Person umgreifendes Erkennen: Ich elender, verlorener Sünder habe in dem lebendigen Gott Jesus Christus Heil und Erlösung – und darauf traut der Glaube. (Es ist also unabdingbar, dass dem rettenden Glauben durch das Evangelium die Arbeit des Gesetzes voran geht, die zur Erweckung, Sündenerkenntnis, Reue, Buße, Zerknirschung, also einem geängsteten und zerschlagenen Herzen, Ps. 51, führt; ohne das gibt es für den im Bewusstsein stehenden Menschen keinen rettenden Glauben.)

    Dass dem Glauben, der geweckt und dann gestärkt werden soll, das Heil dargereicht wird (und nicht der Glaube es erst bewirkt: es geht also gerade auch darum, was der Glaube in der Rechtfertigung ist: ist er rein instrumental, Nehmehand, oder ist er wirkende Ursache), bezeugt auch Par. 53: Derhalben, sooft wir reden von dem Glauben, der gerecht macht, oder fide iustificante, so sind allezeit diese drei Stücke oder obiecta beieinander: erstlich, die göttliche Verheißung, zum andern, dass dieselbe umsonst, ohne Verdienst, Gnade anbietet, für das dritte, dass Christi Blut und Verdienst der Schatz ist, durch welchen die Sünde bezahlt ist. Die Verheißung wird durch den Glauben empfangen; dass sie aber ohne Verdienst Gnade anbietet, da geht alle unsere Würdigkeit und Verdienst unter und zu Boden und wird gepriesen die Gnade und große Barmherzigkeit. (Apol. IV, 53; Trigl. 134.136) Es gehören also zusammen: die göttliche Verheißung, die die Gnade uns anbietet, und Christi Blut als der Schatz, durch den für die Sünde bezahlt IST. Und diese Tatsache, dass auf Golgatha ein volles Lösegeld ein für allemal bezahlt wurde, diese Tatsache ergreift der Sünder als ihm zugehörig – und das ist der rettende Glaube. Allgemeine Rechtfertigung meint ja nichts anderes als dies, dass auf Golgatha für alle Sünder aller Zeiten die Sünden bezahlt, die Genugtuung geleistet wurde durch Christus und Gott in der Auferweckung Christi das versiegelt, bekräftigt, bestätigt hat, eben dass Christus für alle Sünder die Absolution, Vergebung der Sünden, den Freispruch im Jüngsten Gericht erworben hat – und das reicht Gott uns dar, eignet er zu durch die Gnadenmittel.

    Darum heißt es: Das Evangelium auch straft alle Menschen, dass sie in Sünden geboren seien, und dass sie alle schuldig des ewigen Zorns und Todes seien, und bietet ihnen an Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit durch Christus. Und dieselbe Vergebung, Versöhnung und Gerechtigkeit wird durch den Glauben empfangen. (Apol. IV, 62; Trigl. 138) Das Evangelium also bietet Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit durch Christus an: damit aber ist das alles ja bereits schon vorhanden, und der Glaube empfängt es (denn der Glaube muss ja allerdings einen Inhalt haben, etwas, woran er sich hält). Vor Gott gerecht sein heißt: Wir halten, die Widersacher müssen bekennen, dass vor allen Dingen zu der Rechtfertigung vonnöten sei Vergebung der Sünden. Darum so schließen wir nun also: Vergebung der Sünden erlangen und haben, dasselbe heißt vor Gott gerecht und fromm werden, wie der 32. Psalm sagt: „Wohl dem, dem die Übertretung vergeben ist.“ Allein aber durch den Glauben an Christus, nicht durch die Liebe, nicht um der Liebe oder Werke willen, erlangen wir Vergebung der Sünden, wiewohl die Liebe folgt, wo der Glaube ist. (Apol. IV, 75.76; Trigl. 142) Diese beiden Dinge gehören also zusammen, um gerettet zu sein: Vergebung der Sünden haben – und diese Vergebung erlangt allein der Glaube. So falsch es also ist (Kokomo), aus der objektiven Rechtfertigung oder den durch Christus auf Golgatha geschaffenen Tatsachen zu schließen, alle Menschen seien längst automatisch Heilige, bräuchten das Gericht nicht mehr zu fürchten und so die persönliche Aneignung des Heils im Glauben mit voraufgehender Buße und Bekehrung zu leugnen, so falsch ist es andererseits auch, aus der Tatsache, dass allein der Glaube das auch erlangt, was Christus ihm, dem Sünder erworben hat, zu schließen, das, was der Glaube erlangt sei vorher, vor dem Glauben, gar nicht vorhanden. Objektive und subjektive Rechtfertigung, Christi Erlösungswerk und der persönliche Glaube gehören zusammen, wenn es um das Heil des Menschen geht. Denn: wir haben das, was Christus uns erworben hat, nur in Christus. Ohne das, ohne den Glauben, bleibt der Zorn Gottes über uns, Joh. 3,36.

    Im Par. 82 heißt es daher: Zum andern ist’s gewiss, dass die Sünden vergeben werden um des Versöhners Christus willen, Röm. 3,25: „Welchen Gott dargestellet hat zu einem Gnadenstuhl“ oder zu einem Versöhner, und setzt klar dazu: „durch den Glauben“. So wird uns der Versöhner nun also nütz, wenn wir durch den Glauben fassen das Wort, dadurch verheißen wird Barmherzigkeit, und dieselbe halten gegen Gottes Zorn und Urteil. (Apol. IV, 82; Trigl. 144) Der Glaube fasst also das Wort, das die – damit schon vorhandene – Barmherzigkeit verheißt; die Vergebung der Sünden wird um Christi willen verheißen – eben darum kann dann der Glaube sie fassen. Christus hat sie ja bereits erworben. Zum vierten, Vergebung der Sünden ist verheißen um Christi willen. Darum kann sie niemand erlangen als allein durch den Glauben. (Apol. IV, 84; Trigl. 144)

    Die Bekenntnisschriften betonen zu recht immer wieder die enge Verknüpfung von objektiver und subjektiver Rechtfertigung – und es ist ein Zeichen des Niedergangs, wenn eine allversöhnerisch angekränkelte „Theologie“ diese Verknüpfung auflöst und zu so einer verheerenden Irrlehre wie Kokomo kommt (denn da stimmt nicht nur die Rechtfertigungslehre nicht mehr, sondern auch die Unterscheidung und rechte Anwen-dung von Gesetz und Evangelium fehlt). Darum heißt es: Das Gesetz kann niemand gerecht machen. Darum wird uns durch Christus Gerechtigkeit zugerechnet, wenn wir glauben, dass uns Gott durch ihn gnädig ist. (Apol. IV, 97; Trigl. 148) Das aber heißt auch: Die Gerechtigkeit für uns ist durch Christus schon vorhanden, sie entsteht nicht erst durch den Glauben. Das hebt auch Par. 103 hervor: ...; aber der Herr Christus ist ge-kommen und hat uns die Sünde, welche niemand konnte meiden, geschenkt und hat die Handschrift durch Vergießen seines Bluts ausgelöscht. (Apol. IV, 103; Trigl. 150) Das ist auf Golgatha geschehen. Und das wird dem Sünder angeboten, dargereicht, damit der Glaube geweckt wird.     

    Die Konkordienformel bekräftigt deshalb, dass Christus uns die Vergebung der Sünden und ewiges Leben verdient hat (und das ist ja nichts anderes, als was doch Worte wie Absolution in Christus, Freispruch in Christus, gerechtfertigt in Christus ausdrücken) – und das ergreift dann der Glaube. Wir glauben, lehren und bekennen, dass allein der Glaube das Mittel und das Werkzeug sei, damit wir Christus und also in Christus solche Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ergreifen, um welches willen uns solcher Glaube zur Gerechtigkeit zu-gerechnet wird, Röm. 4. (FC, Epit., III,3; Trigl. 792) Das heißt: Nur der Sünder hat das, was ihm dargereicht wird, wirklich, der es im Glauben ergreift. Darum heißt es weiter: Gott rechnet uns Christi Gehorsam und Gerechtigkeit zu; oder: Allein der Glaube ist das Mittel, diese Gerechtigkeit zu ergreifen. (FC, Epit., III, 4,5; Trigl. 792) Das ist also damit gemeint, wenn es heißt, dass uns der Glaube gerechnet wird zur Gerechtigkeit.

    Alles andere wäre eine Entleerung des Evangeliums, das uns FC, Epit., V, 5 so beschrieben wird: Christus hat für alle Sünden gebüßt und bezahlt, hat ohne unser Verdienst erlangt und erworben Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, ewiges Leben (und nichts anderes wird beschrieben mit dem Begriff „objektive Rechtfertigung“). Das Evangelium aber sei eigentlich eine solche Lehre, die da lehrt, was der Mensch glauben soll, der das Gesetz nicht gehalten hat und durch dasselbe verdammt wird, nämlich dass Christus alle Sünden gebüßt und bezahlt und ihm ohne all sein Verdienst erlangt und erworben habe Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und das ewige Leben. (FC, Epit., V, 4; Trigl. 800.801) Alle diese Gaben sind also da, Christus hat sie längst auf Golgatha erworben – aber der Glaube muss sie ergreifen, damit der Sünder all das auch tatsächlich hat. Darum heißt es in der Ausführlichen Darlegung, dass Christi (geschehener) Gehorsam dem Glauben zugerechnet wird, bzw. dass der Glaube die ihm in der Verheißung vorgetragenen (also vorhandenen) Güter ergreift. ... dass also die Gerechtigkeit des Glaubens sei Vergebung der Sünden, Versöhnung mit Gott, und dass wir zu Kindern Gottes angenommen werden um des einigen Gehorsams Christi willen, welcher allein durch den Glauben, aus lauter Gnade, allen wahrhaft Gläubigen zur Gerechtigkeit zugerechnet wird, und sie um desselben willen von all ihrer Ungerechtigkeit absolviert werden.... Welche Güter uns in der Verheißung des heiligen Evangeliums durch den Heiligen Geist vorgetragen werden, und ist allein der Glaube das einige Mittel, dadurch wir sie ergreifen, annehmen und uns applizieren und zueignen; welcher ist eine Gabe Gottes, dadurch wir Christus, unsern Erlöser, im Wort des Evangeliums recht erkennen und auch ihn vertrauen, dass wir allein um seines Gehorsams willen, aus Gnaden, Vergebung der Sünden haben, für fromm und gerecht von Gott dem Vater gehalten und ewig selig werden. (FC, SD, III, 4,10; Trigl. 916.918) Im Par. 13 heißt es daher: Der Glaube macht gerecht, weil er das Verdienst Christi ergreift. Die Gerechtigkeit, die zugerechnet wird (und daher ja schon vorhanden ist), ist Christi Gehorsam, Leiden, Sterben, Auferstehung – nicht unser Glaube! (Dies muss unbedingt festgehalten werden. Der Begriff der ‚objektiven Rechtfertigung’ dient gerade auch dazu herauszuheben, dass die Gerechtigkeit, die den Gläubigen zugerechnet wird, eine fremde ist, die außerhalb von uns vorhanden ist, nicht eine durch den Glauben erst bewirkte. Das droht aber bei der Richtung, die P. Jackson propagiert, zumindest verdunkelt zu werden, da er letztlich den Glauben zu bewirkenden Ursache der Gerechtigkeit macht.) In Par. 16 heißt es daher, dass diese Gerechtigkeit uns im Evangelium und den Sakramenten vorgetragen und durch den Glauben zugeeignet wird. Wodurch wir Vergebung der Sünden haben. Solche Gerechtigkeit wird durchs Evangelium und in den Sakramenten von dem Heiligen Geist uns vorgetragen und durch den Glauben appliziert, zugeeignet und angenommen, daher die Gläubigen haben Versöhnung mit Gott, Vergebung der Sünden, Gottes Gnade, die Kindschaft und Erbschaft des ewigen Lebens. (FC, SD, III,16; Trigl. 920) In Par. 30 wird es so dargestellt: Die Gerechtigkeit des Glaubens vor Gott besteht in gnädiger Versöhnung und Vergebung der Sünden, um Christi willen geschehen, im Evangelium verheißen, im Glauben empfangen. Auch hiernach muss diese Gerechtigkeit also schon vorhanden sein, weil Christus sie ja erworben hat, sonst könnte sie nicht im Evangelium verheißen werden. Der Glaube, so wird es dargestellt, verlässt sich auf Christi vollkommenen Gehorsam, der uns zur Gerechtigkeit zugerechnet wird. Also auch verlässt sich der Glaube in der Rechtfertigung vor Gott weder auf die Reue noch auf die Liebe oder andere Tugenden, sondern allein auf Christus und in demselben auf seinen vollkommenen Gehorsam, damit er für uns das Gesetz erfüllt hat, welcher den Gläubigen zur Gerechtigkeit gerechnet wird. (FC, SD, III, 30; Trigl. 924)

    Im fünften Artikel der Konkordienformel wird der Inhalt des Evangeliums so beschrieben: Christus hat den Fluch auf sich genommen, hat alle unsere Sünden bezahlt und gebüßt; durch ihn allein kommen wir bei Gott zu Gnaden und erlangen die Vergebung der Sünden durch den Glauben. (Das Evangelium beschreibt also genau das, was Christus uns erworben hat und anbietet – und das nennen wir objektive Rechtfertigung – damit wir es durch den Glauben erlangen; das Evangelium reicht es dar – und der Glaube ergreift und hat es.) s. FC, SD, V, 20; Trigl. 956.958.

    Im Blick auf die Gnadenwahl heißt es im elften Artikel im Bezug auf Röm. 8; Eph. 1; Matth. 22: Das ganze menschliche Geschlecht ist erlöst und versöhnt mit Gott durch Christus, der also allen Gerechtigkeit, ewiges Leben verdient hat. (Und genau das ist es ja, was der Begriff ‚objektive Rechtfertigung’ umschreibt, eben das, was Christus für jeden erworben hat, was aber der Einzelne allein durch den Glauben hat. 1. Dass wahrhaftig das menschliche Geschlecht erlöst und mit Gott versöhnt sei durch Christus, der uns mit seinem unschuldigen Gehorsam, Leiden und Sterben Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und das ewige Leben verdient habe. 2. Dass solch Verdienst und Wohltaten Christi durch sein Wort und Sakrament uns sollen vorgetragen, dargereicht und ausgeteilt werden. (FC, SD, XI, 15,16; Trigl. 1068) Und das, was Christus uns erworben hat, was also da ist, dieses Verdienst bieten und Wort und Sakrament an. Persönlich gerecht erklärt (subjektive Recht-fertigung) wird aber nur der, zur Kindschaft Gottes und Erbe angenommen wird nur der, der in wahrer Buße durch rechten Glauben Christus annimmt, Par. 18. Beides gehört unbedingt zusammen: die von Christus erworbenen Heilstatsachen und der rettende Glauben, der sie ergreift. Die Verheißung des Evangeliums ist universal, Luk. 24; Joh. 3;1;6; 1 Joh. 1; Röm. 11 – aber nur der hat sie, der sie in Buße durch den Glauben er-greift. Derhaben, wenn wir unsere ewige Wahl zur Seligkeit nützlich betrachten wollen, müssen wir in allen Wegen steif und fest darüber halten, dass, wie die Predigt der Buße, also auch die Verheißung des Evangeli-ums universalis sei, das ist, über alle Menschen gehe, Luk. 24. Darum Christus befohlen hat zu predigen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden unter allen Völkern. Denn Gott hat die Welt geliebet und der-selben seinen Sohn gegeben, Joh. 3. Christus hat der Welt Sünde getragen, Joh. 1; sein Fleisch gegeben für der Welt Leben, Joh. 6; sein Blut ist die Versöhnung für der ganzen Welt Sünde, 1 Joh. 2. (FC, SD, XI, 28; Trigl. 1070)

 

 

Kapitel 4

 

Die Gerechtigkeit Gottes, an der Geschichte aufgezeigt (4,1-25)

    1 Was sagen wir denn von unserem Vater Abraham, dass er gefunden habe nach dem Fleisch? 2 Das sagen wir: Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. 3 Was sagt denn die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt, und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. 4 Dem aber, der mit Werken umgehet, wird der Lohn nicht aus Gnade zugerechnet, sondern aus Pflicht. 5 Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.

    6 Nach welcher Weise auch David sagt, dass die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: 7 Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und welchen ihre Sünden bedeckt sind. 8 Selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünde zurechnet.

    9 Nun, diese Seligkeit, geht sie über die Beschneidung oder über die Vorhaut? Wir müssen je sagen, dass Abraham sei sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. 10 Wie ist er ihm denn zugerechnet, in der Beschneidung oder in der Vorhaut? Ohne Zweifel nicht in der Beschneidung, sondern in der Vorhaut. 11 Das Zeichen aber der Beschneidung empfing er zum Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, welchen er noch in der Vorhaut hatte, auf dass er würde ein Vater aller, die da glauben in der Vorhaut, dass diesen solches auch gerechnet werde zur Gerechtigkeit 12 und würde auch ein Vater der Beschneidung, nicht allein derer, die von der Beschneidung sind, sondern auch derer, die wandeln in den Fußtapfen des Glaubens, welcher war in der Vorhaut unseres Vaters Abraham.

    13 Denn die Verheißung, dass er sollte sein der Welt Erbe, ist nicht geschehen Abraham oder seinem Samen durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens. 14 Denn wenn die vom Gesetz Erben sind, so ist der Glaube nichts, und die Verheißung ist ab. 15 Denn das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung. 16 Deshalb muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden, und die Verheißung fest bleibe allem Samen, nicht dem allein, der unter dem Gesetz ist, sondern auch dem, der des Glaubens Abrahams ist, welcher ist unser aller Vater.

    17 Wie geschrieben steht: Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Heiden vor Gott, dem du geglaubt hast, der da lebendig macht die Toten und ruft dem, das nicht ist, dass es sei. 18 Und er hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war, auf dass er würde ein Vater vieler Heiden, wie denn zu ihm gesagt ist: So soll dein Same sein. 19 Und er wurde nicht schwach im Glauben, sah auch nicht an seinen eigenen Leib, welcher schon erstorben war, weil er fast hundertjährig war, auch nicht den erstorbenen Leib der Sara. 20 Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre 21 und wusste aufs allergewisseste, dass, was Gott verheißt, das kann er auch tun. 22 Darum ist’s ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet.

    23 Das ist aber nicht geschrieben allein um seinetwillen, dass es ihm zugerechnet ist, 24 sondern auch um unsertwillen, welchen es soll zugerechnet werden, so wir glauben an den, der unsern HERRN Jesus auferweckt hat von den Toten. 25 welcher ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt.

 

    Die Rechtfertigung Abrahams (V. 1-5): Paulus hatte gelehrt, dass wir durch den Glauben gerechtfertigt werden. Um diese Lehre zu demonstrieren und zu bekräftigen sowie um einem möglichen Einwand der Juden zuvorzukommen, bezieht er sich nun auf den Fall Abrahams, des Vaters der jüdischen Nation. Was sollen wir also sagen, dass Abraham, unser Urvater, nach dem Fleisch gefunden hat? Wie ist sein Fall zu beurteilen? Was hat er nach dem Fleisch gewonnen, indem er dem Gesetz und allen Geboten Gottes, insbesondere dem Ritus der Beschneidung, gehorsam war? Wenn er die außergewöhnlichen Segnungen, die er genoss, insbesondere seine Rechtfertigung, aufgrund seiner äußerlichen Befolgung des alttestamentlichen Sakraments erlangte, dann hätten die Juden sicherlich Anspruch auf Berücksichtigung aus demselben Grund. Die Antwort liegt auf der Hand: Wir müssen sagen, dass Abraham nicht durch Werke gerechtfertigt wurde. Diese Schlussfolgerung verteidigt der Apostel. Denn wenn Abraham durch Werke gerechtfertigt war, hat er Gründe, Ruhm und Lob zu erwarten, er könnte zwar seinen Anspruch auf das Vertrauen und die Gunst seiner Mitmenschen geltend machen; aber er hätte keinen Grund, sich vor Gott zu rühmen. Das verkürzte Argument würde in vollem Umfang lauten: Wäre Abraham durch Werke gerechtfertigt, so könnte er sich seiner Verdienste rühmen; nun aber hat er nichts, was er als rühmenswert vorbringen könnte; darum ist er nicht durch Werke gerechtfertigt. Dass Abraham keinen Grund hatte, sich vor Gott zu rühmen, beweist Paulus aus der Heiligen Schrift. Denn was sagt die Schrift, 1. Mose 15,6? Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet. Nach dieser unfehlbaren Autorität wurde Abraham für gerecht und gerecht erklärt; die Rechtfertigung wurde ihm gutgeschrieben, weil er sie im Glauben angenommen hatte. Auf diese Weise wurde der Glaube Abrahams, der an sich alles andere als gerecht war, an sich ohne Verdienst, ihm als Gerechtigkeit angerechnet. Obwohl er weder angeborene noch gewohnheitsmäßige Gerechtigkeit besaß, wurde er von Gott als gerecht angesehen und behandelt. Der Wert des Glaubens Abrahams lag also nicht in irgendeiner subjektiven Eigenschaft, sondern in seinem Gegenstand und Inhalt; weil der Glaube auf Gott und in Gott auf Christus, den Erlöser, gerichtet war, wurde Abraham die Gerechtigkeit Christi als seine eigene zugerechnet, und er wurde vor Gott für annehmbar erklärt.

    Dies erklärt der Apostel in den Versen 4 und 5 ausführlicher. Dem aber, der arbeitet, der das Gesetz hält mit der Vorstellung, einen entsprechenden Lohn, einen angemessenen Lohn für seine Arbeit zu erhalten, wird der Lohn nicht als Gnade, sondern als Schuld gerechnet. Wer aber nicht arbeitet, seine Werke nicht zur Grundlage der Hoffnung auf Gott macht, sondern an den glaubt, der die Gottlosen rechtfertigt, dem wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die wir überhaupt in Betracht ziehen können, nämlich durch Werke und durch den Glauben gerechtfertigt und gerettet zu werden; es gibt einen absoluten Gegensatz zwischen der Gerechtigkeit der Werke und der Gerechtigkeit des Glaubens. Im Falle Abrahams, der durch den Glauben gerechtfertigt wurde, war also die andere Möglichkeit, die Gerechtigkeit aus Werken, ausgeschlossen. Der Apostel argumentiert hier nicht damit, dass eine vollständige und angemessene Werkgerechtigkeit für alle Menschen unmöglich ist, sondern einfach mit der Tatsache. Wenn ein Arbeiter seine Arbeit vorschriftsmäßig verrichtet hat, erhält er den versprochenen und festgesetzten Lohn, den er mit Recht einfordern kann. So auch im geistlichen Bereich: Wenn jemand, der sich in Gesetzeswerken betätigt, die Absicht hat, die Forderungen Gottes zu erfüllen, und alle Gebote hält, dann wird Gott ihm den versprochenen Lohn, die Gerechtigkeit, als eine Frage der Gerechtigkeit geben, vorausgesetzt natürlich, dass er einen vollkommenen Gehorsam geleistet hat. Das genaue Gegenteil eines solchen Menschen ist derjenige, der seinen Glauben, nicht als bloße Zustimmung, sondern als Vertrauensakt, auf den setzt, der den Gottlosen rechtfertigt, der also das göttliche Recht verletzt hat, der Gott den gebührenden Gehorsam verweigert hat, dem jegliche Ehrfurcht vor ihm fehlte. Wenn ein solcher gottloser Mensch vor dem Richterstuhl Gottes steht, kann er nach menschlichem Ermessen nichts anderes erwarten als das Urteil der ewigen Verdammnis. Doch statt dieses zu erwartende Urteil auszusprechen, erklärt Gott den Sünder für gerecht und rechtschaffen, Jes. 1,18. Es ist nicht die Absicht des Paulus, hier zu zeigen, wie dieses Urteil möglich ist, dass der Sünder seine Schuld fühlen und anerkennen muss, dass er auf die Barmherzigkeit Gottes in Jesus, seinem Retter, vertrauen muss: Paulus macht den Kontrast absichtlich so groß wie möglich, um den unvergleichlichen Trost der Rechtfertigungslehre herauszustellen. Wahrlich, er ist ein wunderbarer Gott, wie er sich in Christus, im Evangelium, offenbart hat, der Gott, der die Gottlosen rechtfertigt, der den Glauben des Sünders zur Gerechtigkeit rechnet. "Das ist ein Wunder. Es ist etwas, das nur Gott vollbringen kann und das alle Kräfte der göttlichen Natur in Aktion und Offenbarung ruft. Es wird durch eine unvergleichliche Offenbarung des Gerichts und der Barmherzigkeit Gottes erreicht. Das Wunder des Evangeliums besteht darin, dass Gott den Gottlosen mit einer Barmherzigkeit begegnet, die ganz und gar gerecht ist, und sie durch den Glauben befähigt, trotz ihres Zustandes in eine neue Beziehung zu sich selbst einzutreten, in der ihnen das Gute möglich wird. Es kann überhaupt kein geistliches Leben für einen sündigen Menschen geben, wenn er nicht die anfängliche Gewissheit einer unveränderlichen Liebe Gottes erhält, die tiefer ist als die Sünde, und diese erhält er am Kreuz. Er bekommt sie durch den Glauben an Jesus, und das ist die Rechtfertigung durch den Glauben".[12] Anmerkung: Der Akt der Rechtfertigung, die Zurechnung der Gerechtigkeit, hat an sich nichts mit dem moralischen Charakter der Betroffenen zu tun. Zu erklären, die Rechtfertigung sei die Zuführung moralischer Gerechtigkeit, wie es die Papisten tun, bedeutet, Rechtfertigung und Heiligung, Gesetz und Evangelium zu verwechseln.

 

    Ein Beweis aus den Psalmen (V. 6-8): Der Apostel führt hier ein neues Zeugnis für die Wahrheit der tröstlichen Lehre ein, die er lehrt. 1. Mose 15,6 stimmt genau mit Ps. 32,1.2 überein. So wie auch David die Glückseligkeit des Menschen ausdrückt, ausspricht, segnet, spricht. Der ganze Abschnitt bei David ist eine Erklärung über das Glück des Menschen, dem Gott Gerechtigkeit zuschreibt, unabhängig von den Werken, ohne Bezug auf irgendetwas, das er getan hat. Hier wird die Gerechtigkeit als unmittelbarer Gegenstand der Zurechnung durch Gott dargestellt, identisch mit der Zurechnung des Glaubens zur Gerechtigkeit. Das Fehlen jeglichen Verdienstes des Menschen wird nachdrücklich hervorgehoben. Wie in den Tagen Abrahams, am Anfang der alttestamentlichen Geschichte, so wurde auch während des Goldenen Zeitalters des jüdischen Volkes der eine Weg des Heils gelehrt, der heute allen Menschen durch das Evangelium verkündet wird. Selig sind die Menschen, denen die Übertretungen des Gesetzes vergeben und deren Sünden zugedeckt werden. Selig ist der Mensch, dessen Sünde der Herr nicht anrechnet. Die Zurechnung der Gerechtigkeit ohne Werke und die freie Vergebung der Sünden sind für Paulus offensichtlich ein und dasselbe. Sündenvergebung, Sündenverzeihung, Sündenüberdeckung, Nichtberücksichtigung der Sünde sind parallele Ausdrücke für die Rechtfertigung des Sünders. Die Erklärung der Annehmbarkeit vor Gott ist also auch eine tatsächliche Verleihung seiner Gnade, eine tatsächliche Annahme bei Gott. Die Folgen der Sünde mögen noch vorhanden sein, aber die Vergebung des Herrn deckt sie vor seinen Augen zu, "macht sie unsichtbar vor dem heiligen Gott und gerade so, als ob sie nicht geschehen wäre." Der Akt der Rechtfertigung und der Akt der Vergebung der Sünden sind identisch.[13] „Dieses Wort zeigt mit mehr als ausreichendem Nachdruck, wie Paulus die Rechtfertigung versteht. Nicht als sittliche Veränderung des Menschen, auch nicht als göttliche Anerkennung eines entsprechenden sittlichen Zustandes des Menschen, sondern identisch mit der Vergebung der Sünden, als Annehmbarkeit des Menschen in den Augen Gottes trotz des Fehlens einer entsprechenden sittlichen Eigenschaft.“ (Luthardt.)

 

    Rechtfertigung setzt nicht die Erfüllung des Gesetzes voraus (V. 9-12): Der heilige Paulus hatte bewiesen, dass Abraham nicht durch das Halten des Gesetzes, sondern durch seine Verdienste im Allgemeinen gerechtfertigt worden war; nun zeigt er, dass die Beschneidung weder die Grundlage noch die Bedingung für seine Annahme ist. Dass der freudige Ausruf Davids über die Seligkeit des Volkes, das er beschreibt, auf die Beschnittenen angewandt werden konnte, bedurfte keines Beweises; aber die Schwierigkeit war, ob er auch auf Menschen angewandt werden konnte, die das Sakrament der Beschneidung nicht empfangen hatten. Und so greift der Apostel erneut den Fall Abrahams auf. Kommt diese Seligkeit nun über die Beschnittenen oder über die Unbeschnittenen? Bezieht sich die Seligpreisung des Psalmisten nur auf die Beschnittenen? Ist die Beschneidung notwendig für die Rechtfertigung? Denn wir sagen, dass der Glaube Abraham zur Gerechtigkeit gerechnet wurde. Dieser deklarative Satz dient zur Veranschaulichung der Frage, er nennt eine konkrete Tatsache, anhand derer allein die allgemeine Frage beantwortet werden kann. Wie wurde sie denn zugerechnet? In welchem Zustand befand sich Abraham, als er die Erklärung Gottes über seine Rechtfertigung erhielt? Die Geschichte gibt die Antwort: Nicht als er beschnitten war, sondern als er unbeschnitten war, bevor der Herr ihm den Ritus der alttestamentlichen Einweihung gegeben hatte. Die Rechtfertigung Abrahams fand etwa vierzehn Jahre vor seiner Beschneidung statt; es war also nicht der spezifische jüdische Ritus, auf den er für die Annahme bei Gott angewiesen war. Welche Beziehung bestand also zwischen der Erklärung Gottes und der Einsetzung des Sakraments? Was war das wahre Wesen, der Zweck und das Ziel der Beschneidung? Abraham empfing das Zeichen der Beschneidung, das Zeichen, das in der Beschneidung bestand, als Siegel der Glaubensgerechtigkeit, die er in seinem unbeschnittenen Zustand gehabt hatte. Die Juden rühmten sich gerne der Beschneidung, nicht nur als Zeichen, um sich von den Heiden zu unterscheiden, sondern auch als eine Form des Verdienstes, indem sie lehrten, dass jeder Beschnittene durch dieses Zeichen der Segnungen des Reiches teilhaftig wurde. So glaubten sie auch von Abraham, dass er durch das bloße äußere Werk der Ausführung des Gebots Gottes, alle männlichen Mitglieder seines Hauses zu beschneiden, gottgefällig gewesen sei. Aber Paulus betont hier, dass Abraham den Ritus als Geschenk und nicht als Verdienst empfing; und dass Abraham erst beschnitten wurde, nachdem er durch das ausdrückliche Urteil Gottes gerechtfertigt worden war. Und Gott verfolgte mit dieser Anordnung einen doppelten Zweck. Abraham sollte erstens der geistliche Vater derer sein, die wie er selbst die Rechtfertigung im Zustand der Unbeschnittenheit empfingen, damit auch ihnen die Gerechtigkeit zugerechnet würde. Und zweitens sollte Abraham der geistige Vater derer sein, die, nachdem sie den Ritus der Beschneidung empfangen hatten, sich als wahre Kinder Abrahams erwiesen, indem sie in den Fußstapfen des Glaubens wandelten, den er hatte, lange bevor Gott das Sakrament einsetzte und es ihm anvertraute. „Es war Gottes Absicht, dass Abraham der repräsentative und typische Gläubige sein sollte, in dem alle Gläubigen ohne Unterschied ihren geistlichen Vater erkennen sollten.“ Anmerkung: Die Gerechtigkeit der Christen ist die Gerechtigkeit des Glaubens, das heißt, die Gerechtigkeit, die sie durch den Glauben empfangen und auf sich selbst anwenden. Beachte auch: Alle Gläubigen sind geistliche Kinder Abrahams, sie haben die Art ihres Vaters, sie besitzen denselben rechtfertigenden Glauben. „So sind alle, die nach dem Vorbild Abrahams glauben, Abrahams Same und des Segens teilhaftig, es seien Heiden oder Juden, Beschnittene oder Unbeschnittene.“[14]

 

    Die Verheißung kommt nicht durch das Gesetz (V. 13-16): Der Apostel hatte erklärt, dass Abraham der geistliche Vater aller Gläubigen sein sollte, seien es Juden oder Heiden, Beschnittene oder Unbeschnittene, weil er durch den Glauben gerechtfertigt worden war, bevor er unter dem Ritus der Beschneidung stand. Denn nicht durch das Gesetz kam die Verheißung zu Abraham oder zu seinem Samen, seinen Nachkommen, dass er der Erbe der Welt sein sollte, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens. Hätte Gott die Verheißung, die er Abraham gegeben hat, an die Ordnung der Einsetzung des alttestamentlichen Sakraments geknüpft, dann wäre sie mit dem Gesetz verbunden gewesen. Aber die Verheißung an Abraham, Erbe der Welt zu sein (denn das irdische Kanaan war nur ein Typus des vollkommenen Erbes, des himmlischen Kanaans), war mit seiner Rechtfertigung verbunden, und daher: da die Verheißung nicht durch das Gesetz erfolgt, kann auch die Rechtfertigung nicht erfolgen. Dies wird durch die Geschichte Abrahams bestätigt; denn für ihn als Gläubigen war, nachdem er durch den Glauben gerechtfertigt worden war, der Besitz Kanaans und damit auch der zukünftigen Welt gesichert. Und wie Abraham haben alle seine Nachkommen, alle seine geistlichen Kinder, die Verheißung der Stadt, die einen Grund hat, deren Baumeister und Erbauer Gott ist, Hebr. 11,10. Es ist ihr Besitz durch die Gerechtigkeit des Glaubens, durch die Annahme der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, durch den Glauben. Wer durch den Glauben vor Gott gerechtfertigt ist, wird dadurch Erbe der Welt Gottes, der Welt der Herrlichkeit, der Wohnung der ewigen Gerechtigkeit, die Gott den Menschenkindern bereitet hat.

    Andererseits, so argumentiert Paulus, wird der Glaube, wenn die, die unter dem Gesetz stehen, Erben sind, aller Macht beraubt, er ist nichtig und hat keine Wirkung in Bezug auf seinen Gegenstand, und die Verheißung ist aufgehoben. Der Glaube war die ursprüngliche Bedingung, unter der Gott die Verheißung gegeben hat. Wenn nun eine neue Bedingung an ihre Stelle tritt, nach der das Volk, das die Natur des Gesetzes in sich hat, das hofft, durch die Werke des Gesetzes gerettet zu werden, zu Erben gemacht wird, dann wird der Glaube natürlich nutzlos, er wird leer und eitel, er hat nichts, woran er sich halten kann, und die Verheißung wird aufgehoben: der ganze Plan und die Ordnung des Heils wird umgestoßen. Und das wiederum folgt aus der Tatsache, dass das Gesetz Zorn wirkt; denn wo es kein Gesetz gibt, gibt es auch keine Übertretung. Wenn die Verheißung vom Gesetz, von der Erfüllung des Gesetzes abhinge, dann würde, da alle Menschen Übertreter des Gesetzes sind, der Zorn Gottes über sie kommen, und die Verheißung des Heils würde folgerichtig fallen. Das Gesetz verlangt seinem Wesen nach vollkommenen Gehorsam und verurteilt alle, die nicht vollkommen sind; daher ist es seinem Wesen nach nicht geeignet, den Sündern das Leben zu geben. Hätte Gott also die Verheißung des Heils an die Bedingung geknüpft, das Gesetz zu halten, und denen, die unter dem Gesetz stehen, das Erbe seiner ewigen Segnungen versprochen, so wäre die Verheißung Gottes allein durch diese Tatsache wirkungslos geworden. Daraus folgt einmal mehr, dass die Verheißung an den Glauben gebunden ist. Darum ist sie aus dem Glauben, damit sie der Gnade gemäß sei. Wegen dieser Tatsache, dass die Verheißung Gottes von vornherein nutzlos wäre, ist sie an den Glauben geknüpft; das selige Erbe der himmlischen Glückseligkeit ist aus dem Glauben, um der Gnade zu entsprechen. Glaube und Gnade sind Korrelate: wie der Mensch aus Gnade gerechtfertigt wird, durch den Glauben, so wird er auch aus Gnade gerettet, durch den Glauben. Und dazu hat Gott die Verheißung des künftigen Erbes der Welt aus freier Gnade gegeben, ohne die geringste Rücksicht auf die Werke der Menschen und ohne Bezug auf sie, damit die Verheißung des Heils sicher und gewiss sei, da sie nicht von irgendeinem Werk oder Zustand des Menschen abhängt, sondern einzig und allein von der Gnade Gottes, die durch den Glauben ergriffen wird. Und Paulus unterstreicht die Universalität der Gnade und der Verheißung, indem er sagt, sie gelte dem ganzen Samen, allen Nachkommen Abrahams, nicht nur denen, die den Weg und die Form des Gesetzes haben, also den gläubigen Juden, sondern auch denen, die aus dem Glauben Abrahams sind, den geistlichen Kindern Abrahams unter den Heiden, die mit Abraham nichts gemein hatten außer seinem Glauben. Die Verheißung gilt allen Gläubigen, ob Juden oder Heiden; denn Abraham ist ihr aller geistlicher Vater, und ihr Glaube macht sie des Abraham verheißenen Erbes teilhaftig, 1. Mose 17, 5, Anm.: Alle Christen sind in Wahrheit Israeliten, in der Tat Kinder Abrahams durch den Glauben, den sie mit ihm gemeinsam haben und der sie mit dem alten Patriarchen in einer engeren Beziehung verbindet, als es bloße Bluts- und Familienbande je vermögen.

 

    Der Schriftbeweis (V. 17-22): Dass Abraham der Vater aller Gläubigen ist, steht im Einklang mit der Schrift, Gen 17, 5. Nicht nur nach der inspirierten Auslegung des Paulus, sondern auch nach dem offensichtlichen Verständnis des Urtextes muss die genannte Stelle im Sinne der geistlichen Nachkommenschaft verstanden werden. Jetzt, in der Zeit des Neuen Testaments, wird Abraham als Vater vieler Völker, aller Gläubigen, gleich welcher Rasse oder Nationalität, dargestellt. Vor Gott, der ihm erschienen war und vor dem Abraham als Vater vieler Völker stand, glaubte er auch; sein ganzes Leben, das er vor dem allwissenden Auge Gottes führte, war ein Leben des Glaubens. Und dieser Gott besaß die Eigenschaften, die ihn befähigten, seine Verheißung zu erfüllen. Er belebt die Toten, er macht sie lebendig; er nennt das, was nicht ist, als ob es wäre. Die Bekehrung der vielen Völker zu den geistlichen Kindern Abrahams war eine wahre Auferweckung von den Toten, Eph. 2,4 ff.; Kol. 2,13. Und Gott nennt das, was nicht existiert, ein Sein, Jes. 48,13; 41,4; Eph. 2,10; die Bekehrung der Heiden ist ein Akt der schöpferischen Kraft Gottes. So stand Abraham, obwohl er kinderlos war, vor Gott und wurde von Gott zum Vater vieler Völker erklärt; und der Gott, der die Toten belebt und ins Dasein ruft, was vorher nicht existierte, wird zu gegebener Zeit die heidnische Welt, die jetzt tot ist in Übertretungen und Sünden, zu einem neuen geistlichen Leben erwecken und die Kinder Abrahams durch sein mächtiges, schöpferisches Wort ins Dasein rufen. Und das war der Inhalt und das Ziel des Glaubens Abrahams: Er glaubte dem Herrn, er vertraute auf seine Verheißungen, auch in dem Maße, in dem sie später erfüllt wurden.

    Dieser Glaube Abrahams wird nun genauer beschrieben. Er glaubte gegen die Hoffnung an die Hoffnung. Soweit es die Natur betraf, war sein Glaube gegen die Hoffnung; und er stützte sich auf die Hoffnung, indem er zuversichtlich glaubte, dass Gott in seinem Fall tun könne, was die Natur nicht vermochte. So hielt er sein Vertrauen gegen alle menschliche Hoffnung und vernünftige Erwartung aufrecht, damit er ein Vater vieler Völker werden konnte. Das war der Zweck und das Ziel Gottes in Bezug auf den Glauben Abrahams, an sich sein Werk, dass Menschen aus vielen Völkern in die Fußstapfen Abrahams treten und dadurch zu Kindern Abrahams werden sollten. Denn der Patriarch vertraute fest auf das Wort des Herrn: So soll dein Same sein, 1. Mose 17,6; 15,5. Das ist das Kennzeichen des Glaubens zu allen Zeiten, dass er gegen die Hoffnung an die Hoffnung glaubt, dass er sich gegen die Natur und scheinbar gegen die Vernunft einfach auf das Wort des Herrn verlässt.

    Es folgt eine weitere Aussage über den Glauben Abrahams in seiner praktischen Bewährung. Er war nicht schwach im Glauben und achtete daher nicht auf seinen eigenen Körper, der das Alter für die Zeugung von Kindern längst überschritten hatte, da er nun etwa hundert Jahre alt war; er achtete auch nicht auf die Unfruchtbarkeit von Sara, die das Alter für die Zeugung von Kindern längst überschritten hatte, da sie neunzig Jahre alt war. Diese Umstände, diese physischen Hindernisse, berücksichtigte Abraham nicht, er ließ nicht zu, dass sie Gewicht hatten und ihn beeinflussten, er konzentrierte sich nicht auf die offensichtlichen Schwierigkeiten des Falles, wie er sich ihm darbot. Vgl. 1. Mose 17. Er schob den Gedanken an seinen eigenen körperlichen Zustand und den seiner Frau völlig beiseite und ließ nicht zu, dass die Natur, die Vernunft, das Gefühl, die Wahrnehmung seinen Glauben beeinflussten und schwächten. Vielmehr zweifelte er, was die Verheißung Gottes betraf, nicht durch Unglauben, obwohl er innerlich mit dem Zweifel kämpfte, 1. Mose 17,17. Aber er wurde stark im Glauben in Bezug auf die Verheißung Gottes. Weil er, wie alle wahren Gläubigen, seine Aufmerksamkeit ganz und gar und allein auf die Verheißung Gottes richtete und nicht auf vernünftigen Verstand und Erklärungen, darum wurde er gestärkt; er stärkte sich durch den festen Blick des Glaubens und gab so auch Gott alle Ehre. Der Unglaube raubt Gott seine Ehre, aber der Glaube mit seinem absoluten, schlichten Vertrauen in das Wort Gottes und in seine Allmacht gibt dem Herrn dadurch die anbetungswürdige Anerkennung, die ihm zu allen Zeiten gebührt Das ist das Kennzeichen des rettenden Glaubens auch heute. Der Gläubige vertraut Gott und weiß, dass er ihm trotz aller Unzulänglichkeiten und Unwürdigkeiten des Sünders das geben wird, was er ihm in und durch Christus verheißen hat: Gerechtigkeit, Leben, Heil; und dieser Glaube gereicht Gott zu Lob und Ehre. So war Abraham völlig überzeugt, ganz sicher, dass Gott in der Lage ist, zu tun, was er verheißen hat. Er wusste, dass die Wahrheit Gottes ihn dazu verpflichtet, seine Verheißung zu erfüllen, und dass seine Macht ihn dazu befähigt. Und deshalb wurde ihm sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet; deshalb war Gott gnädig, ihm seinen Glauben zur Gerechtigkeit anzurechnen. Der Glaube war nicht der Grund, sondern die Bedingung seiner Rechtfertigung, „so wie wir jetzt glauben und als gerecht anerkannt werden, nicht aufgrund eines Verdienstes in unserem Glauben, sondern einfach aufgrund der Gerechtigkeit Christi, die uns zugerechnet wird, wenn wir glauben“ (Hodge).

 

    Der Abschluss des Arguments (V. 23-25): Was in diesem Kapitel und in anderen Teilen der Bibel, insbesondere im Buch Genesis, über Abraham geschrieben steht, ist nicht nur um Abrahams willen geschrieben. Die Geschichte des Glaubens und der daraus folgenden Rechtfertigung Abrahams wurde nicht in der bloßen Absicht in die Heilige Schrift aufgenommen, eine korrekte Geschichte des Patriarchen zu bieten, um die Nachwelt wissen zu lassen, dass sein Glaube ihm zur Gerechtigkeit angerechnet wurde. In der gesamten Diskussion muss Abraham als Vertreter aller Gläubigen betrachtet werden. Was sich in seinem Fall bewahrheitet hat, wird auch für alle Menschen gelten, die in der gleichen Beziehung zu Gott stehen. Der Herr hat nur eine Methode, Sünder zu rechtfertigen. So ist der Bericht über Abrahams Glauben um unseretwillen, um der Gläubigen des Neuen Testaments willen erhalten; denn es ist die Absicht Gottes, dass dieselbe Gerechtigkeit auch uns zugerechnet werden soll, wenn wir an den glauben, der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt hat. Jesus war nicht einer der gewöhnlichen Sterblichen, die die allmächtige Kraft Gottes durch ein Wunder ins Leben zurückgerufen hat, wie es in den Evangelien und in mehreren Büchern des Alten Testaments berichtet wird, sondern er ist der Herr, unser großer Stellvertreter und unser Haupt. Deshalb war die Auferweckung Jesu von den Toten eine Verkündigung, dass er in Wirklichkeit das ist, was er zu sein behauptete, der Sohn Gottes und unser Erlöser. Da die Auferstehung Christi der entscheidende Beweis für die Göttlichkeit seines Werkes und die Gültigkeit all seiner Behauptungen war, bedeutet der Glaube daran, dass er von den Toten auferstanden ist, zu glauben, dass er der Sohn Gottes, die Sühne für unsere Sünden, der Erlöser und Herr der Menschen ist. Er wurde wegen unserer Vergehen ausgeliefert und zu unserer Rechtfertigung auferweckt. Wegen unserer Vergehen, unserer Sünden und Übertretungen, hat Gott Christus von den Toten auferweckt, weil es sein Ziel war, uns zu rechtfertigen, und dieses Ziel wurde in der Auferstehung erreicht. So hat die Auferstehung Christi unsere Rechtfertigung bewirkt. Die Sühne durch Christi Leiden am Kreuz, die Versöhnung mit dem Tod, ist durch die Auferstehung Christi besiegelt worden; denn sie ist eine Erklärung vor aller Welt, dass der Zweck des Todes Christi erreicht ist, dass Gott die Versöhnung angenommen hat, dass der Sieg Jesu eine formelle und feierliche Absolution ist, die Gott über die sündige Menschheit ausgesprochen hat. Und so ist er unser Herr, und wir sind sein Eigentum geworden. Durch den Glauben, den Gott in unseren Herzen gewirkt hat, haben wir sein Sühnopfer angenommen und werden vor Gott für gerecht erklärt.

 

Zusammenfassung: Abraham ist der geistliche Vater aller Gläubigen, da sie alle, wie er, allein durch den Glauben, durch die Gnade gerechtfertigt werden und so das Erbe empfangen, da der Glaube Abrahams in allen Gläubigen lebt, die ihre eigene Person außer Acht lassen und sich allein an die Verheißung Gottes klammern.

 

 

Kapitel 5

 

Die gesegneten Folgen der Rechtfertigung (5,1-11)

    1 Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unsern HERRN Jesus Christus, 2 durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade darin wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll. 3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale, weil wir wissen, dass Trübsal Geduld bringt 4 Geduld aber bringt Bewährung, Bewährung aber bringt Hoffnung, 5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.

    5b Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist. 6 Denn auch Christus, da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist für uns Gottlose gestorben. 7 Nun stirbt kaum jemand um des Rechtes willen; um etwas Gutes willen dürfte vielleicht jemand sterben. 8 Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. 9 So werden wir je viel mehr durch ihn behalten werden vor dem Zorn, nachdem wir durch sein Blut gerecht geworden sind. 10 Denn so wir Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohns, da wir noch Feinde waren, viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind. 11 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch Gottes durch unseren HERRN Jesus Christum, durch welchen wir nun die Versöhnung empfangen haben.

 

    Eine Aufzählung der Segnungen (V. 1-5a): Der Apostel nimmt den Faden seiner Erörterung wieder auf, indem er einige der gesegneten Ergebnisse nennt, die aus dem Zustand der Rechtfertigung folgen, indem er das Werk Gottes für uns darstellt, wie er es den gerechtfertigten Sündern zeigt, indem er die Beziehung der Gläubigen zu Gott aufzeigt, die sich aus der Sühne der Sünde und der daraus folgenden Rechtfertigung ergibt. Nachdem sie also aus dem Glauben heraus gerechtfertigt worden sind, schreibt der Apostel. Der Zustand oder die Bedingung der Gerechtigkeit, der Rechtfertigung, ist unser geworden, wir sind in ihn eingetreten als Ergebnis des Glaubens. Und darum haben wir, buchstäblich, Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus. Durch das stellvertretende Werk Christi ist die Feindschaft, die aufgrund unserer Sünden zwischen Gott und uns bestand, beseitigt worden; durch ihn wurde der Friede in Bezug auf Gott erlangt und ist nun das Eigentum der Menschen in der Rechtfertigung. Dieser Friede ist also nicht das Ergebnis der absoluten Vergebung unserer Sünden, sondern beruht auf der durch das Sühnopfer begründeten Versöhnung, die das Verhältnis Gottes zu ihnen völlig verändert hat. Dieser Friede ist durch die Vermittlung Jesu Christi zustande gekommen, durch den auch wir durch den Glauben Zugang zu der Gnade erhalten haben, in der wir jetzt stehen. Der Eingang, der Weg zum Heil, liegt offen vor uns; Christus hat die Tür geöffnet, die direkt zur Gnade führt; durch ihn haben wir nun einen Stand als Christen. Daraus ergibt sich das Verhältnis des Friedens zu Gott. Wir sind von den Sünden gerechtfertigt, unsere Sünden sind vergeben, es gibt kein Hindernis zwischen Gott und uns. Folglich rühmen wir uns auf der Grundlage der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Die Hoffnung des Christen ist ein kostbarer Besitz, über den er sich freut und rühmt, denn der Gegenstand dieser Hoffnung ist die Herrlichkeit Gottes, deren wir schließlich teilhaftig werden, Kap. 8,17. Die Zukunft, die sich vor den Augen des Gläubigen auftut, ist so beschaffen, dass sie sein ganzes Leben zu einem Warten macht, das er mit Spannung erwartet. Und deshalb rühmen wir uns auch der Trübsale, wir rühmen uns ihrer. Ihr Vorhandensein und ihre Bedrängnis ist für uns kein Grund zur Trauer, sondern zur Freude, denn wir wissen, dass auf die Bedrängnis die Geduld folgt, auf die Geduld die Zustimmung und auf die Zustimmung die Hoffnung. Die Bedrängnisse des gegenwärtigen Lebens haben alle einen Nutzen für uns, denn in diesen Prüfungen wird unser Glaube geübt und bestätigt. Der erste Nutzen ist Geduld, Ausdauer, Standhaftigkeit. Je schwerer die Prüfungen sind, desto mehr bedarf es des geduldigen Aushaltens der Leiden, der Treue zur Wahrheit und zur Pflicht. Und dieses Ausharren bewirkt die Bewährung, den Zustand des Geistes, der die Prüfung ertragen hat, Jak. 1,12. In der Trübsal wird der Glaube auf die Probe gestellt, er wird erprobt. Wenn er von der richtigen Art ist, wird er aus dem Schmelztiegel gereinigt und geläutert hervorgehen, er wird gestärkt werden in der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Und die Hoffnung des Christen wird sich nicht schämen; ihre Erfüllung ist absolut sicher, sie muss das Heil bringen, Kap. 9, 33, sie kann nicht enttäuschen, Ps. 22, 5. Das ist die goldene Kette von Segnungen, die über den Gläubigen aufgrund seiner Rechtfertigung kommen, die sein ganzes Leben zu einer glücklichen Erwartung der Herrlichkeit machen, die uns am großen Tag offenbart werden soll.

 

    Die Grundlage der Hoffnung des Christen (V. 5b-11): Warum die Hoffnung des Christen ihn nicht zuschanden macht, sich nicht als trügerisch erweist, erklärt der Apostel jetzt: Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. Die Liebe Gottes, die Liebe, die er zu uns hat und die er uns durch den Tod seines Sohnes Jesus Christus bewiesen hat, ist in unsere Herzen ausgegossen worden und wird weiterhin ausgegossen, damit sie uns in Fülle zuteil wird. Nicht in geringem Maße, sondern in einem vollen und reichen Strom göttlicher Zuneigung breitet sie sich in der ganzen Seele aus und erfüllt sie mit dem Bewusstsein und dem großen Glück seiner Gegenwart und Gunst. Und das ist durch den Heiligen Geist geschehen, der uns gegeben wurde, Apg. 10,4.5; Tit. 3,6. Es ist das Zeugnis des Geistes, das uns reichlich und täglich davon überzeugt, dass Gott uns liebt, dass seine Liebe unser volles Eigentum in Christus, unserem Erlöser, ist; wir sind unserer Seligkeit absolut sicher und gewiss. Die Liebe Gottes, die auf dem stellvertretenden Tod Christi ruht, ist die ausreichende und sichere Grundlage unserer Hoffnung auf das zukünftige Heil.

    Inwiefern die Liebe Gottes die Gewissheit der Hoffnung des Christen ist, wird nun erläutert, V. 6 ff. Denn Christus ist schon, als wir noch schwach waren, als wir in einem Zustand der Unfähigkeit waren, etwas Gutes zu tun, zur festgesetzten Zeit, zur Zeit, die Gott in seinem ewigen Ratschluss der Liebe festgesetzt hat, für die Gottlosen gestorben. Christus starb für uns gottlose Menschen, und diese Tatsache offenbart das Geheimnisvolle der göttlichen Liebe. Auf Seiten des Menschen gab es nur eine totale moralische Wertlosigkeit; auf Seiten des Menschen gab es keinen einzigen Punkt, der die wohlwollende Betrachtung Gottes hervorgerufen hätte. Vielmehr war die Gottlosigkeit an einem Tiefpunkt angelangt, und es gab keine Hoffnung mehr für die Übertreter. Doch dann kam das stellvertretende Werk Christi, das in seinem Tod am Kreuz gipfelte, einem Tod an unserer Stelle, als unser Stellvertreter. 1. Joh. 4,10. So wurde die Liebe Gottes offenbart, und so haben wir in der Vollkommenheit des Opfers Christi die Gewissheit, dass die Liebe Gottes beständig und unveränderlich ist. Der Apostel hebt die Größe dieser Liebe durch einen anderen Vergleich hervor, V. 7: Denn kaum wird jemand für einen Gerechten sterben; für eine gute Sache nämlich könnte man es vielleicht wagen zu sterben. Es besteht eine gewisse Möglichkeit, dass ein Mensch unter Umständen anstelle eines Gerechten stirbt, als dessen Stellvertreter; wahrscheinlicher ist es, dass ein Mensch sein Leben für eine gute Sache gibt, als ein bloßer Vorschlag für die bürgerliche Gerechtigkeit. So ist der Zustand unter den Menschen, wenn alle Dinge für eine äußere Moral besonders günstig sind. Aber Gott zeigt und beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus, als wir noch Sünder waren, an unserer Stelle und um unseretwillen gestorben ist. Wir waren nicht rechtschaffen, unsere Sache war alles andere als gut und lobenswert. Deshalb hebt sich die Liebe Gottes in Christus so deutlich davon ab: Er beweist seine Liebe zu uns in dem, was Christus für uns getan hat. Die heilsamen Wirkungen des Todes Christi bleiben für alle Zeiten bestehen: Sie sind heute für alle Menschen da, auch wenn diese völlig wertlos sind und nicht den geringsten Liebesbeweis verdienen. Das ist die einzigartige, unvergleichliche Liebe Gottes, eine Liebe, die alles übersteigt, was wir uns vorstellen können, die unser menschlicher Verstand vergeblich zu fassen und zu messen versucht.

    Und deshalb zieht der Apostel aus der Tatsache der glühenden Liebe Gottes zu uns wertlosen Sündern den Schluss, V. 9. Wenn uns also damals, als wir in Sünde und Gottlosigkeit waren, solche Gnade erwiesen wurde, wie viel mehr, wie viel eher, wie viel gewisser werden wir jetzt, da wir durch das Blut Christi gerechtfertigt wurden, durch ihn vor dem Zorn Gottes gerettet werden! Als Feinde wurden wir durch das Blut Jesu gerechtfertigt; als seine Teilhaber am Frieden werden wir vor dem Zorn und der Strafe des letzten großen Tages bewahrt werden. Unsere Rechtfertigung ist die Garantie für unsere Befreiung von dem kommenden Zorn; wir waren gottlos, sind aber nun gerecht geworden, wir sind genauso, wie Gott uns haben will, weil er uns für gerecht erklärt hat: deshalb sind wir sicher vor der Verdammnis. Diesen Gedanken wiederholt der Apostel, um den Gläubigen seine tröstliche Wahrheit einzuprägen. Wenn wir, als wir Feinde waren, als wir Objekte des Missfallens Gottes waren, mit Gott versöhnt wurden, in den Besitz seiner Gnade gelangten, in ein solches Verhältnis zu ihm gestellt wurden, dass er nicht mehr unser Gegner sein musste, wie viel eher werden wir durch sein Leben gerettet, da wir versöhnt wurden, da wir wieder in seine Gnade aufgenommen wurden! Während wir Objekte der göttlichen Feindseligkeit waren, wurde uns eine so grenzenlose Barmherzigkeit zuteil; daraus folgt, dass die Liebe, die in unserer äußersten Not in so wunderbarem Maße für uns gewirkt hat, zweifellos unsere Rettung bis zum Ende vollbringen wird. Derselbe Erlöser, der für uns gestorben ist, ist zum ewigen, vollkommenen Leben auferstanden, und sein Leben ist diesem einen Zweck gewidmet, uns ewig zu heiligen, zu schützen und zu retten, uns in jenes wunderbare Leben göttlicher Herrlichkeit zu bringen.

    Und so bricht der Apostel in den freudigen Ausruf aus: Aber nicht nur das, wir rühmen uns auch Gottes durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir jetzt die Versöhnung empfangen haben. Nichts könnte die vollständige Wiederherstellung des Verhältnisses der Liebe zu den Sündern gründlicher und genauer veranschaulichen als diese Worte. Die Versöhnung Gottes mit den Sündern ist so gründlich, dass er die wärmste Freundschaft für sie empfindet, und dass sie sich ihrerseits freuen und ihren Gott preisen. Jeder Gläubige, der durch Christus mit Gott versöhnt ist, ist sicher, dass jede weitere Feindschaft ausgeschlossen ist. „Wir rühmen uns in Gott, dass Gott unser ist und wir sein sind, und dass wir alle Güter von ihm und mit ihm in aller Zuversicht gemeinsam haben.“ (Luther.) Das ist kein selbstgerechtes Rühmen, denn das hätte den sofortigen Verlust aller geistlichen Gaben und Segnungen zur Folge, sondern eine Fröhlichkeit und Zuversicht durch unseren Herrn Jesus Christus, der unsere Schuld gesühnt, unsere Schuld getilgt hat. Die Hoffnung auf das ewige Heil, die sich aus der Rechtfertigung ergibt, ist eine sichere und endgültige Hoffnung, eine Hoffnung, die das Herz der Gläubigen mit stiller Freude erfüllt und sie dazu veranlasst, sich mit ganzem Geist auf die herrliche Tatsache ihrer Rechtfertigung einzulassen.

 

Der erste und der zweite Adam (5,12-21)

    12 Deshalb, wie durch einen Menschen die Sünde ist gekommen in die Welt und der Tod durch die Sünde, und ist so der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, weil sie alle gesündigt haben; 13 (denn die Sünde war wohl in der Welt bis auf das Gesetz; aber wo kein Gesetz ist, da achtet man der Sünde nicht, 14 sondern der Tod herrschte von Adam an bis auf Mose, auch über die, die nicht gesündigt haben mit gleicher Übertretung wie Adam, welcher ist ein Bild des, der zukünftig war.

    15 Aber nicht verhält sich’s mit der Gabe wie mit der Sünde. Denn so an eines Sünde viele gestorben sind, so ist viel mehr Gottes Gnade und Gabe vielen reichlich widerfahren durch die Gnade des einigen Menschen, Jesus Christus. 16 Und nicht ist die Gabe allein über eine Sünde wie durch des einigen Sünders einige Sünde alles Verderben. Denn das Urteil ist kommen aus einer Sünde zur Verdammnis; die Gabe aber hilft auch aus vielen Sünden zur Gerechtigkeit. 17 Denn so um des einigen Sünde willen der Tod geherrscht hat durch den einen, viel mehr werden die, so da empfangen die Fülle der Gnade und der Gabe zur Gerechtigkeit, herrschen im Leben durch einen, Jesus Christus):

    18 Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, so ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen. 19 Denn gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viel Sünder geworden sind, so auch durch eines Gehorsam werden viel Gerechte. 20 Das Gesetz aber ist neben eingekommen, auf dass die Sünde mächtiger würde.  Wo aber die Sünde mächtig worden ist, da ist doch die Gnade viel mächtiger geworden, 21 auf dass, gleichwie die Sünde geherrscht hat zu dem Tod, also auch herrsche die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christum, unsern HERRN.

 

    Der Tod ist die Folge der Sünde (V. 12-14): Der Apostel stellt hier einen ausführlichen Vergleich zwischen der Erlösung, die wir Christus verdanken, und dem Unheil der Übertretung Adams mit ihren Folgen an. Mit großem Nachdruck eröffnet er diesen Abschnitt: Darum, oder weil. Aus den Tatsachen, die er über die Art und Weise der Rechtfertigung angeführt hat, folgt, dass, wie durch einen Menschen alle zu Sündern geworden sind, so werden durch einen Menschen alle gerecht gemacht. Durch einen Menschen, durch Adam, der Eva beim Essen der verbotenen Frucht folgte, kam die Sünde in die Welt. Sünde ist jede Übertretung des göttlichen Gesetzes, wenn die Werke, Gedanken und Wünsche des Menschen ihr Ziel verfehlen und nicht dem Willen Gottes entsprechen. Durch den Ungehorsam Adams kam die Sünde in die Welt, sie trat in der Welt in Erscheinung, sie begann zu existieren. Und durch die Sünde kam der Tod. Der Ungehorsam Adams trug bittere Früchte: Erstens war er die Ursache der Sünde, er brachte sie zu den Menschen, er trug dazu bei, dass sie in die Rasse eindrang; und so wurden die Menschen durch die Sünde dem Tod unterworfen. Adam sündigte, und die Folge, die Strafe seiner Sünde, war der Tod; der Tod Adams war der Beginn der menschlichen Sterblichkeit. An dem Tag, an dem Adam von der verbotenen Frucht aß, begann die Verwirklichung des angedrohten Unheils, die Vollstreckung des Todesurteils; von dieser Stunde an war der Keim des Todes in seinem Wesen, sein Leib war ein sterblicher Leib, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er wieder zu Staub werden würde. Und so ist der Tod zu allen Menschen durchgedrungen, hat alle erreicht, weil alle gesündigt haben. Der Tod ist allumfassend, weil die Sünde allumfassend ist; alle Menschen sind schon durch ihre Empfängnis und Geburt dem Tod unterworfen; ihr ganzes Leben ist ein Lauf, der den Tod zum Ziel hat. So absolut ist der Mensch dem Tod unterworfen, vom ersten Augenblick der Empfängnis an, dass der heilige Paulus nur vom Tod sagt, er sei zu allen Menschen durchgedrungen. Und das ist wahr, weil alle gesündigt haben, gesündigt in Adam, gesündigt durch oder durch diesen einen Menschen. Nicht so, als ob sie alle in der Person ihres Stammvaters tatsächlich diese erste Übertretung des Gebots Gottes begangen hätten, sondern dass durch seinen Ungehorsam alle Menschen von Gott als Sünder angesehen und behandelt werden. Wegen des Ungehorsams Adams sieht Gott sie alle als Sünder an; Gott hat allen Menschen die Sünde Adams zugerechnet. Dieser Grundsatz zieht sich durch alle großen Vorsehungstaten: Die Nachkommenschaft, die natürliche und die föderale, trägt die Schuld (Kanaan, Gehasi, Moabiter und Amalekiter usw.).

    Als Beweis für die soeben gemachte Aussage führt Paulus eine historische Tatsache ein. Er bezieht sich auf die Zeit vor dem Gesetz, bevor das Gesetz förmlich gegeben, geschrieben und kodifiziert wurde. Zu dieser Zeit war die Sünde dennoch in der Welt, die Menschen haben den heiligen Willen Gottes übertreten. Aber die Sünde wird dem Übertreter nicht angelastet, wenn es kein bestimmtes Gesetz gibt, sie wird von Gott nicht als Übertretung eines göttlichen Gebots auf der Sollseite verbucht. Vgl. Kap. 4,15. Und doch herrschte der Tod im Menschengeschlecht, hatte absolute königliche Autorität von Adam bis Mose, während der gesamten Zeitspanne, auch über diejenigen, die nicht nach dem Vorbild der Übertretung Adams gesündigt hatten. Es herrschte eine uneingeschränkte Souveränität und Tyrannei des Todes über alle Menschen, nicht nur über diejenigen, die nie ein positives, kodifiziertes Gesetz gebrochen hatten, sondern auch über diejenigen, die in ihrer eigenen Person nie gegen ein einzelnes Gebot verstoßen hatten, auf das ihre Verurteilung zum Tode zurückgeführt werden konnte. Paulus lehrt also eindeutig, dass die Sünder der ersten Weltperiode, vor Mose, aufgrund der einen Übertretung Adams dem Tod unterworfen wurden. Der Tod kam über sie, bevor sie selbst positive Sünden begangen hatten; aber da die Strafe des Todes eine Übertretung des Gesetzes voraussetzt, folgt daraus, dass Gott sie aufgrund des Ungehorsams Adams als Sünder betrachtete und behandelte. Das gilt für alle Zeiten. Die eine Übertretung Adams war die Ursache, die den Tod aller Menschen herbeiführte. Es ist wahr, dass jede Sünde den Tod verdient, auch wenn sie nicht zu einer bewussten Übertretung des göttlichen Gesetzes geworden ist, auch wenn sie nur im innersten Verlangen des Herzens besteht, das der Heiligkeit Gottes zuwiderläuft. Aber es ist auch wahr, dass der Ungehorsam Adams, der den Fluch des Todes auf ihn herabzog, allen Menschen so gründlich zugerechnet wird, dass sie tatsächlich in den Tod geboren werden. Aber diesen Tod benutzt Gott nun, um individuelle Sünden und Sündhaftigkeit zu bestrafen. Von Adam sagt der Apostel schließlich: Er ist das Abbild, die Gestalt, der Typus dessen, der kommen sollte. Der erste Adam ist ein prophetischer Typus, 1. Kor. 10,6.11, für den kommenden Adam, für Christus. Die Ähnlichkeit zwischen den beiden ist nicht zufällig, sondern vorherbestimmt. Die Sünde des ersten Adam war der Grund unserer Verurteilung; die Gerechtigkeit des zweiten Adam ist der Grund unserer Rechtfertigung.

 

    Ähnlichkeit und Gegensatz (V. 15-17): Der Apostel erklärt hier seine Aussage, dass Adam ein Vorbild für Christus ist. Aber nicht wie das Vergehen, die Übertretung, so ist auch die Gnadengabe, die Gabe, die den Sündern im Evangelium frei zur Verfügung gestellt wird, in ihrer Wirkung auf die Menschen. Die Betonung der Gerechtigkeit und des Lebens, in denen die Erlösung in Christus besteht, wird vom Apostel sehr stark hervorgehoben. Der Fall ist nicht mit der gnädigen Wiederherstellung zu vergleichen. Es ist natürlich wahr, dass durch den Fall des einen, Adams, die vielen, alle anderen Menschen in der Welt, dem Tod unterworfen wurden und gestorben sind; aber andererseits ist es auch wahr, dass die Gnade Gottes und die Gabe in der Gnade des einen Menschen Jesus Christus viel mehr, viel gewisser, zu denselben Menschen, den vielen, übergeflossen ist. Der bedauerliche Irrtum, die Übertretung des einen Menschen hatte in der Tat böse, schreckliche Folgen, aber die Segnungen, die durch Christus vermittelt wurden, sind unendlich viel größer als die Übel, die durch Adam verursacht wurden. Und nicht nur das, sondern die Gnade Gottes und die Gabe, die in der Gnade des einen Menschen Jesus Christus zum Ausdruck kommt und in ihr besteht, durch die wir das Heil haben, ist viel sicherer zu erwarten. Das eine ist in der Tat geschehen - die Verdammnis ist über alle Menschen gekommen; aber die andere Tatsache hat so unzweifelhafte Beweise auf ihrer Seite, dass wir unser Vertrauen darauf im Leben und im Tod sicher setzen können.

    Und eng verbunden mit diesem Gedanken ist ein weiterer: Nicht wie durch einen, der gesündigt hat, die Gabe. Auf der Seite des Typus, Adam, wurde das, was geschehen ist, was über alle Menschen gekommen ist, durch den einen Menschen verursacht, der gesündigt hat. Auf der anderen Seite, im Gegenbild, in der Gabe Christi, ist dieser Zustand nicht gegeben. Das Urteil der Verurteilung, das über alle Menschen um Adams willen erging, war wegen eines Vergehens eines Menschen, während wir durch Christus wegen vieler Vergehen gerechtfertigt werden. Denn das Gericht ist von einem Menschen zu einem Urteil der Verurteilung, die Gnadengabe aber von den Verfehlungen vieler zu einem Zustand der Gerechtigkeit, einem Urteil der Rechtfertigung. Gott hat die Menschen, alle Menschen, gerichtet, und seine Erkenntnis hat zu einem Urteil der Verurteilung wegen des einen Menschen, Adam, geführt. Da die Sünde Adams allen Menschen zugerechnet wurde, resultierte daraus der Fluch der Sünde, der Tod, als Folge des Verdammungsurteils über die Sünde. Andererseits hat die Gabe der Gnade dazu geführt, dass der Zustand der Gerechtigkeit aus den Übertretungen vieler entstanden ist. Das war der frühere Zustand der vielen, aller Menschen: sie waren in Übertretungen und Sünden, Eph. 2,1. Aber dieser Zustand ist nun überwunden, und sie sind in einen neuen, anderen Zustand eingetreten, den der zugerechneten Gerechtigkeit, der Rechtfertigung, nicht nur ist die eine Übertretung Adams, die ihnen allen zugerechnet wurde, vergeben, sondern sie sind von allen ihren individuellen Sünden und Übertretungen freigesprochen, sie sind für gerecht erklärt worden. Diese Tatsache, dass wir durch Christus nicht nur von der Schuld der ersten Sünde Adams, sondern auch von unseren eigenen zahllosen Übertretungen gerechtfertigt sind, erfährt eine weitere Bestätigung: Denn wenn durch die Schuld des einen der Tod geherrscht hat, so werden viel mehr, viel eher, viel gewisser diejenigen, die die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, durch den einen, Jesus Christus, im Leben herrschen. Auf der einen Seite haben wir den Typus: Durch den einen Menschen, Adam, durch sein Vergehen oder seine Übertretung ist es geschehen, dass der Tod jetzt auf Erden die Oberhand hat; sein Vergehen war die Ursache dafür, dass der Tod über alle Menschen kam, seine Sünde war der Grund für das Urteil der Verdammnis, das über die ganze Menschheit verhängt wurde. Nun aber, andererseits, wenn dies wirklich der Fall ist, so wird das andere um so sicherer geschehen, nämlich dass wir im Leben herrschen werden. Das ewige Leben ist Befreiung, Freiheit; es erhebt diejenigen, die es empfangen, in eine Stellung der Autorität und Herrschaft, 1. Kor. 4,8; 6,2.3; 2. Tim. 2,12. Dieses Recht und diese Autorität wird uns übertragen, weil ich durch den Glauben die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfange. Die Gnade Gottes ist uns reichlich zuteil geworden, wir empfangen sie reichlich und täglich; und sie ist die Quelle der Gabe der Gerechtigkeit, wobei die Gerechtigkeit selbst die angebotene und empfangene Gabe ist. Und das alles haben wir durch Jesus Christus, denn er ist es, der uns das Leben verdient und die Fülle der Gerechtigkeit für uns bereitet hat. Und die Herrschaft des Lebens ist viel sicherer als die Herrschaft des Todes. Christus hat nicht nur den Schaden, den Adam angerichtet hat, wiedergutgemacht, sondern auch alle Menschen von ihren individuellen Übertretungen gerechtfertigt; und deshalb ist es viel sicherer, dass diejenigen, die dieses unvergleichliche Geschenk und den Segen der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen werden, als dass die Sünde des einen den Tod über alle Menschenkinder gebracht hat. Für den Gläubigen, der durch die Verdienste Christi gerechtfertigt wurde, ist nur eines gewisser als die Tatsache, dass er sterben muss, nämlich die Tatsache, dass er mit Christus in dem Leben leben und herrschen wird, das ihm durch die freie Gabe Gottes zusteht.

 

    Eine Zusammenfassung der Argumentation (V. 18-21): Paulus nimmt nun den Faden der Argumentation auf, die er in V. 12 eingeleitet hat. Er leitet die Schlussfolgerung aus der ganzen Diskussion mit "warum" ein. So wie die Übertretung des einen die Verurteilung aller Menschen zur Folge hatte, so hat die Gerechtigkeit des einen für alle Menschen die Rechtfertigung des Lebens zur Folge. Als Adam von der verbotenen Frucht aß, war das ein einziger Akt des Ungehorsams; aber als Folge dieser einen Übertretung wurde das Urteil der Verdammnis über alle Menschen verhängt. Dagegen hat die Gerechtigkeit Christi, der alle Forderungen der Gerechtigkeit des Gesetzes erfüllt hat, dazu geführt, dass alle Menschen für gerecht erklärt werden und das Urteil des Lebens über sie gesprochen wird. Und in engem Zusammenhang damit stehen zwei weitere Tatsachen: Denn so wie durch den Ungehorsam des einen Menschen viele, alle Menschen, vor Gott als Sünder hingestellt wurden, so werden auch durch den Gehorsam des einen Menschen alle Menschen als gerecht und rechtschaffen hingestellt. Zunächst wurde der Ungehorsam Adams allen Menschen zugerechnet: Gott sah sie wegen der Sünde Adams als ungehorsam an; dann aber kam Christus mit seinem vollkommenen Gehorsam für alle Menschen, mit seiner vollständigen Erfüllung des Gesetzes, und durch diesen stellvertretenden Gehorsam werden die vielen, alle Menschen, in den Rang, in die Kategorie der Gerechten und Gerechten gestellt. Auf diese Weise hat Christus die Gerechtigkeit für alle Menschen erworben; die objektive Rechtfertigung betrifft die ganze Welt: Jeder Mensch ohne Ausnahme gehört zur Zahl derer, für die der Nutzen des Werkes Christi erlangt wurde. Davon, dass diese objektive Rechtfertigung durch den Glauben tatsächlich zum Eigentum des einzelnen Menschen wird, spricht Paulus an anderer Stelle; hier aber haben wir den vollen Trost der Gewissheit, dass die Gerechtigkeit Christi ausreichte, um alle Menschen in die Klasse derer zu stellen, für die die Hindernisse ihres Heils beseitigt und die volle Gerechtigkeit erlangt worden ist.

    Damit ist der Vergleich zwischen Adam und Christus abgeschlossen. Aber der Apostel hatte sich oben, in V. 13, auf das Gesetz und auf Mose bezogen. Es könnte sich daher die Frage stellen, was diese mit der vorliegenden Diskussion zu tun haben, da sie in der Geschichte zwischen Adam und Christus stehen, wie Paulus sagt: Das Gesetz kam hinzu, als etwas Zusätzliches oder Untergeordnetes; es hatte nicht die entscheidende Bedeutung und den Einfluss, den die Sünde bei ihrem Kommen hatte. Es kam nur zu dem Zweck, dass die Übertretung Adams durch tatsächliche Übertretungen eines feststehenden, geschriebenen Gesetzes vergrößert oder verstärkt werden konnte. Denn nun, da es eine eindeutige Norm des Willens Gottes gab, wurde die Zahl der Sünden, die nachgewiesen werden konnten, enorm erhöht. Aber gerade dadurch erhielt die gnädige Absicht Gottes gegenüber den Menschen Gelegenheit, sich zu offenbaren. Wo aber die Sünde im Überfluss vorhanden war, da war auch die Gnade im Überfluss vorhanden; sie wurde in reichstem Maße und in demselben Bereich verteilt. So vereitelte das Gesetz nicht das gnädige Ziel, das im Werk Christi vorgesehen war, sondern förderte es. Denn die Herrschaft der Sünde, die durch das Gesetz hervorgehoben wurde, musste der Herrschaft der Gnade weichen, damit, wie die Sünde im Tode herrschte, so auch die Gnade durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben herrsche durch Jesus Christus, unseren Herrn. Der Tod, sowohl der geistliche als auch der zeitliche, war der Bereich oder die Provinz, in der die Macht oder der Triumph der Sünde ausgeübt und manifestiert wurde. Aber das Ziel, das Ende der Gnade ist das ewige Leben. Die unverdiente Liebe Gottes in Christus Jesus zeigt sich reichlich und wirksam in der Sicherung des ewigen Lebens. Diese herrliche Wirkung wird durch die Gerechtigkeit gesichert, die volle und vollständige Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus, unseren Herrn, ist. Und so finden die gesegneten Ergebnisse der Erlösung durch Jesus Christus, die dem Menschen durch den Glauben zuteil werden, ihre herrliche Verwirklichung in jenem Leben der ewigen Seligkeit, das das Ziel der Rechtfertigung ist.

 

Zusammenfassung: Der Apostel beschreibt die gesegneten Folgen der Rechtfertigung, wie sie uns durch die Liebe Gottes und den Tod Christi garantiert werden; er zeigt, dass, wie die Sünde Adams zur Verdammnis aller Menschen geführt hat, so die Gerechtigkeit Christi zur Rechtfertigung aller Menschen, deren Ende für die Gläubigen das ewige Leben ist.

Kapitel 6

 

Die Heiligung, eine Frucht der Rechtfertigung (6,1-14)

    1 Was wollen wir hierzu sagen? Sollen wir denn in der Sünde beharren, auf dass die Gnade desto mächtiger werde? 2 Das sei ferne! Wie sollten wir in der Sünde wollen leben, der wir abgestorben sind?

    3 Wisst ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? 4 So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. 5 So wir aber samt ihm gepflanzt werden zu gleichem Tod, so werden wir auch der Auferstehung gleich sein, 6 dieweil wir wissen, dass unser alter Mensch samt ihm gekreuzigt ist, auf dass der sündliche Leib aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. 7 Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde. 8 Sind wir aber mit Christo gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden 9 und wissen, dass Christus, von den Toten erwecket, hinfort nicht stirbt; der Tod wird hinfort über ihn nicht herrschen. 10 Denn das er gestorben ist; das ist er der Sünde gestorben zu einem Mal; das er aber lebt, das lebt er Gott. 11 Also auch ihr, haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebet Gott in Christus Jesus, unserem HERRN.

    12 So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leib, ihm Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten. 13 Auch begebt nicht der Sünde eure Glieder zu Waffen der Ungerechtigkeit, sondern begebet euch selbst Gott, als die da aus den Toten lebendig sind, und eure Glieder Gott zu Waffen der Gerechtigkeit, 14 Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, da ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.

 

    Rechtfertigung gibt keine Erlaubnis zur Sünde V1-2): Der Apostel hat seine Darlegung der Rechtfertigungslehre abgeschlossen und dabei immer wieder betont, dass die Erlösung vollständig und frei ist. Er sieht sich nun genötigt, dem häufigsten, einleuchtendsten und doch unbegründetsten Einwand gegen die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben zu begegnen, nämlich dass sie den Menschen erlaubt, in der Sünde zu leben und weiterhin Böses zu tun, damit die Gnade reichlich sei. Was sollen wir dann sagen? Welche Schlussfolgerung sollen wir aus der Gnadenlehre ziehen? Sollen wir in der Sünde bleiben, in der Sünde, damit die Gnade reichlich vorhanden ist? Diese Schlussfolgerung wurde von den Feinden Christi von der Frühzeit der Kirche bis in die jüngste Zeit hinein immer wieder vorgebracht; das Argument, dass die Lehre von der Rechtfertigung aus Gnade durch den Glauben die Sünde fördere und die wahre Moral untergrabe. Doch Paulus weist genau diese Unterstellung mit Entsetzen zurück: Mitnichten! Nur einer, der nichts von der Gnade weiß, wird so reden und argumentieren. Wer auch nur die geringste Ahnung von der Herrlichkeit und Schönheit der Gnade hat, wird die Sünde immer hassen und verabscheuen und sein ganzes Leben von der Barmherzigkeit Gottes geprägt sein. Wie sollten wir, wie könnten wir, die wir der Sünde tot sind, noch länger in ihr leben? Weil die Gläubigen den Reichtum der Barmherzigkeit Gottes gekostet haben, weil sie der Sünde gestorben sind, jede Gemeinschaft mit der Sünde aufgegeben haben, können sie nicht mehr in der Sünde leben. Tod und Leben sind Gegensätze, sie schließen sich gegenseitig aus. Wir haben uns endgültig von der Sünde abgewandt, als wir Christus als unseren Erlöser annahmen. Es ist daher ein Widerspruch in sich, zu sagen, dass die freie Rechtfertigung eine Lizenz zur Sünde ist. Allein die Tatsache, dass wir der Sünde gestorben sind und deshalb frei von der Sünde sind, nicht mehr unter ihrer Herrschaft und in ihrer Macht stehen, muss dazu führen, dass wir die Sünde hassen, dass wir jede Übertretung des heiligen Willens Gottes meiden. Gott hat uns von der Knechtschaft der Sünde befreit, und diese Tatsache ist die Grundlage der christlichen Heiligung. Der Zustand eines Christen ist ein Zustand der Freiheit von der Sünde.

 

    Die Kraft der Taufe (V. 3-11): Die Tatsache, dass die Christen von der Macht und der Knechtschaft der Sünde befreit sind, wird von Paulus durch einen Hinweis auf die Taufe und ihre Kraft deutlich gemacht. Oder wisst ihr das nicht, ist euch diese Tatsache unbekannt? Wenn seine Leser daran zweifeln sollten, dass sie durch die Rechtfertigung der Sünde gestorben sind, sollten sie sich daran erinnern, was sie über ihre Taufe wussten, deren Bedeutung ihnen erklärt worden war. Alle, die auf Christus Jesus getauft sind, sind auf seinen Tod getauft. Die Christen werden nicht nur in Bezug auf Christus getauft, um mit ihm in seinem Tod vereint zu sein und seiner Wohltaten teilhaftig zu werden, sondern, wie die Papyri zeigen, wurde jeder, der auf den Namen einer Person der Gottheit getauft wurde, dadurch Eigentum der angegebenen göttlichen Person.[15] Die Erlösung Christi ist unsere Erlösung, weil wir auf seinen Tod getauft wurden. Indem er unsere Sünden auf sich genommen und durch sein Leiden und seinen Tod den vollen Preis dafür bezahlt hat, hat Christus uns nicht nur von der Schuld und Strafe, sondern auch von der Macht der Sünde befreit. Und da wir durch die Taufe Christus angehören und auf seinen Tod getauft wurden, sind wir von der Macht des Todes befreit; seine Autorität und Herrschaft über uns ist beendet.

    Da dies das Wesen unserer Vereinigung mit Christus ist, die uns in der Taufe geschenkt und besiegelt wird, folgt daraus, dass wir mit Christus durch die Taufe in den Tod begraben sind, Kol. 2,12, damit, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, auch wir in einem neuen Leben wandeln. In der Taufe stirbt der Gläubige in einem geistlichen Sinn mit Christus. Er geht durch einen Tod hindurch, stirbt der Sünde, ist wirklich, ganz und gar, tot für die Sünde. Aber dieses Sterben und Begrabenwerden mit Christus hatte den Zweck, und das war die Absicht Gottes, dass auch wir gemäß der Auferstehung Christi in einem neuen Leben wandeln sollten. Christus ließ die Schwäche der Erniedrigung seines Leibes und die Sünde, die er an seinem Leib trug, im Grab zurück. Und er wurde durch die Herrlichkeit des Vaters, durch eine besondere Offenbarung seiner Allmacht, von den Toten auferweckt und trat in ein neues, geistliches Leben ein. Und diesem Leben Christi entspricht das neue Leben der Christen, das Leben nach der Taufe. Es ist ein neues Leben, und in diesem neuen Leben sollen wir wandeln, unser Gespräch führen, es in allen Handlungen unseres täglichen Lebens zeigen. Das Heil, dessen wir in der Taufe teilhaftig werden, wirkt in uns die Heiligung. Der Gedanke der Reinheit ist in der Heiligen Schrift immer mit dem der Neuheit verbunden, und so sagen wir mit Luther, dass die Folge unserer Taufe sein muss, dass wir für immer in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott leben.

    Wie dieses neue Leben in uns gewirkt worden ist, wird im letzten Satz erklärt. v.5. Denn wenn wir mit dem Gleichnis seines Todes verwachsen sind, werden wir auch mit dem seiner Auferstehung sein. Wir sind zusammengewachsen, wir sind durch unser typisches Sterben in der Taufe in die innigste Verbindung mit dem Tod Christi getreten. Unser Sterben für die Sünde und der Tod Christi sind also ähnlich, und der Apostel kann von einer Ähnlichkeit, von einem Bild sprechen, das der Tod Christi ist. Nun: Wenn wir mit Christus im Tod vereint sind, werden wir gewiss mit ihm im Leben vereint sein. Wenn das eine geschehen ist, wird das andere mit Sicherheit folgen. Im Fall von Christus waren sein Tod und seine Auferstehung eng miteinander verbunden. Wer also an seinem Tod teilhat, hat auch an seiner Auferstehung teil und ist verpflichtet, das neue geistliche Leben zu zeigen, mit dem er ausgestattet wurde und das er in der Taufe empfangen hat. All das kann man behaupten, wenn man weiß, dass unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt ist, damit der Leib der Sünde ganz abgetan wird, jeden Einfluss, jede Macht und Herrschaft verliert, damit wir nicht mehr der Sünde dienen. Die Christen sollen jederzeit wissen und daran denken, dass ihr alter Mensch, ihr verdorbener, sündiger Zustand, ihre natürliche Verderbtheit, in der Taufe mit Christus gekreuzigt wird, da sie in der Taufe des Todes Jesu am Kreuz und seiner Frucht teilhaftig geworden sind. Dadurch wird der Leib der Sünde, der sündige Leib, der Leib, den die Sünde zu ihrem Werkzeug gemacht hat, außer Dienst gestellt, er kann nicht mehr in dieser Eigenschaft dienen, und deshalb dienen wir nicht mehr der Sünde. Das ist Gottes Ziel und Absicht, dass wir fortan nicht mehr, wie früher, der Sünde dienen; das hat unsere Taufe in uns gewirkt, bewirkt. Weil der alte Adam in der Taufe mit all seinen bösen Begierden getötet worden ist und den Organismus des Leibes nicht mehr als sein Werkzeug beherrscht, darum brauchen wir nicht mehr, sollen wir nicht mehr der Sünde dienen. Denn, wie Paulus im nächsten Satz in Form eines allgemeinen Axioms erklärt, ist der Tote frei von Sünde, ist freigesprochen, freigesprochen von Sünde, ist in jeder Hinsicht für gerecht und frei von Sünde erklärt: sowohl von ihrer Herrschaft als auch von ihrem Fluch, wobei die Betonung auf der Befreiung von ihrer Gerichtsbarkeit liegt. Da unser alter Mensch mit Christus gekreuzigt wurde, findet das Axiom seine Anwendung in der Weise, dass die Sünde nun Macht und Herrschaft über uns verloren hat und wir nicht mehr verpflichtet sind, der Sünde zu dienen und zu gehorchen. Das ist der wunderbare Segen und Nutzen der Taufe.

    Aber der Apostel zieht noch eine weitere Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass wir am Tod Christi teilhaben: Wenn wir mit Christus gestorben sind, wenn wir mit Christus tot sind, glauben wir, sind wir überzeugt, vertrauen wir darauf, dass wir auch mit ihm leben werden. Indem wir seines Todes teilhaftig geworden sind, sind wir nicht nur von jeglichem Übel befreit worden, sondern haben auch positive Wirkungen empfangen. Und dies wird weiter erklärt: Da wir wissen, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wird er nicht mehr sterben; der Tod herrscht nicht mehr über ihn. Da Christus von den Toten auferweckt wurde, ist die Herrschaft des Todes in seinem Fall zu Ende. Als Jesus am Kreuz starb, gab er seinen Geist auf, er gab sein Leben hin. Aber in seiner Auferstehung nahm er sein Leben wieder auf und zeigte, dass der Tod nicht sein Herr und Meister war. Er ist in den vollen und ungehinderten Genuss des Lebens gekommen, dessen Herr er ist. Denn was er gestorben ist, ist ein für allemal der Sünde gestorben; was er aber lebt, lebt er für Gott. Jesus stand in Beziehung zur Sünde, er hatte die Sünde auf sich genommen, und was er als unser Stellvertreter tat, tat er, um die Sünde zu sühnen; das krönende Werk seines Lebens in dieser Hinsicht war sein Tod, durch den die Sünde beseitigt wurde, für immer, soweit es Christus betrifft. Deshalb ist auch für UNS, kraft unserer Taufe in den Tod Christi, die Sünde beseitigt, sie hat ihre Herrschaft und Macht verloren. Was Christus jetzt lebt, lebt er für Gott: Seinem himmlischen Vater. Er ist in den Zustand seiner Verherrlichung eingetreten, zur Rechten seines himmlischen Vaters. Und so betrachten auch wir uns nach der Ermahnung des Apostels als der Sünde tot, aber Gott lebend in Christus Jesus. In gleicher Weise wie Christus, wenn auch nicht in gleichem Maße, sind wir Christen kraft unserer Taufe der Sünde tot und leben Gott, weil das neue Leben Gottes in der Taufe in unsere Herzen eingepflanzt ist. Wir leben Gott nach dem inneren Menschen, nach dem wiedergeborenen Geist und Herzen. Und das ist uns möglich, weil wir in der Gemeinschaft mit Christus leben und unser Leben mit Christus in Gott verborgen ist.

 

    Die Herrschaft der Sünde ist definitiv beendet (V. 12-14): Das ist die praktische Schlussfolgerung und Ableitung aus den vorangegangenen Ausführungen. Da die Gläubigen durch die Taufe in die innigste Verbindung mit Christus, mit den Früchten seines Todes und mit den Segnungen seines Lebens eingetreten sind, müssen sie mit allen früheren Verbindungen brechen: Die Sünde soll nicht mehr in eurem sterblichen Leib herrschen, um ihren Begierden zu gehorchen. Der Leib des Menschen, auch des Gläubigen, ist sterblich und als solcher dem Tod und der Sünde unterworfen. Da der Mensch sterblich ist, muss er sterben. Aber die Sünde, obwohl sie noch im Leib lebt und ihn scheinbar ihrem eigenen Lohn unterwirft, soll nicht Herr und Meister über den Leib sein; die sündigen Begierden sollen nicht ihre Herrschaft über den Leib ausüben: Sie sollen die Glieder des Leibes nicht zu ihren Werkzeugen und Instrumenten für das Wirken des Bösen machen. Wenn die Christen den Lüsten und Begierden ihres Herzens Gehorsam leisten würden, dann würden sie ihren sterblichen Leib zu einem sündigen Leib machen, der sich der Sünde unterwirft, der Sünde unterworfen ist. Die Heiligung der Christen wird sich vielmehr so zeigen, dass die Christen den Leib mit all seinen Gliedern, Händen, Füßen, Augen, Ohren, Zunge usw. beherrschen, sie vom Dienst der Sünde zurückhalten und den Begierden nicht erlauben, ihre Befriedigung in tatsächlichen Übertretungen zu finden. Der Wille der Christen wird sich der Sünde entgegenstellen und so den Körper in den Grenzen halten, die das Wort und der Wille Gottes vorschreiben. Sie werden ihre Glieder nicht als Waffen der Ungerechtigkeit für die Sünde anbieten.

    Das ist die eine Seite der Heiligung. Aber es gibt auch die positive Seite: Stellt euch vielmehr Gott dar, stellt euch Gott zur Verfügung als lebendig von den Toten und eure Glieder als Waffen der Gerechtigkeit für Gott. Die Christen befanden sich früher, bevor die erneuernde Kraft der Taufe zu ihnen kam, in einem Zustand des geistlichen Todes, Eph. 2,1 ff. In diesem Zustand dienten sie allen Begierden, waren allen Lastern unterworfen. Aber von diesem geistlichen Tod sind sie erweckt worden und sollen deshalb ihr Leben, ihren Leib, ihre Glieder, ihr Herz, ihren Verstand, ihre Gedanken in den Dienst Gottes stellen, zur Förderung seiner Ehre und Herrlichkeit. Das bedeutet nicht, dass der Herr eine falsche Askese verlangt, sondern ist eine Ermahnung, die im gewöhnlichen, alltäglichen Leben eines jeden Christen, in der Verrichtung der Werke seiner Berufung ihre Anwendung finden soll. Wenn der Leib und alle seine Glieder auf diese Weise Gott in der Gerechtigkeit des Lebens dienen, dann wird das Werk der Heiligung in einer Gott wohlgefälligen Weise vollzogen.

    Und die Christen können diese Gebote befolgen, diese Anweisungen befolgen, wie die Ermutigung des Apostels, V. 15, zeigt. Es ist kein aussichtsloser Kampf, in dem sich die Christen befinden und dessen Ausgang von vornherein für ihren Glauben und ihr geistliches Leben ungünstig ist, sondern es ist eine Anstrengung, die zum Erfolg führen wird. Der Apostel ist freudig zuversichtlich, weil er weiß, dass die Macht der Sünde endgültig gebrochen ist und dass der Triumph der Sache Christi durch die Vollendung des Werkes Christi gesichert ist. Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, sie wird nicht wieder die Oberhand gewinnen. Und der Grund dafür ist: Denn ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade. Das Gesetz fordert immer, gibt aber nicht die Kraft, seine Forderungen zu erfüllen, und kann daher nicht von der Herrschaft der Sünde befreien. Die Gnade aber, unter die wir uns bei der Bekehrung, in der Taufe, gestellt haben, befreit uns nicht nur von der Schuld und Macht der Sünde, sondern gibt uns auch die Fähigkeit, der Sünde zu widerstehen, das Böse zu meiden und das zu tun, was dem Herrn gefällt. So verzichten wir auf jede Abhängigkeit von unserem eigenen Verdienst und unserer eigenen Kraft, nehmen das Angebot der Gnade, der freien Rechtfertigung als Geschenk Gottes an und empfangen die Befreiung von der Sünde und die Kraft, unserem himmlischen Vater zu gefallen.

 

Der Dienst der Gerechtigkeit (6,15-23)

    15 Wie nun? sollen wir sündigen, dieweil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne! 16 Wisst ihr nicht, welchem ihr euch begebt zu Knechten in Gehorsam, des Knechte seid ihr, dem ihr gehorsam seid, es sei der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam zur Gerechtigkeit? 17 Gott sei aber gedankt, dass ihr Knechte der Sünde gewesen seid, aber nun gehorsam worden von Herzen dem Vorbild der Lehre, welchem ihr ergeben seid. 18 Denn nun ihr frei worden seid von der Sünde, seid ihr Knechte worden der Gerechtigkeit.

    19 Ich muss menschlich davon reden um der Schwachheit willen eures Fleisches. Gleichwie ihr eure Glieder begeben habt zu Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zu der andern, also begebt nun auch eure Glieder zu Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden. 20 Denn da ihr der Sünde Knechte wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit. 21 Was hattet ihr nun zu der Zeit für Frucht? Welcher ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod. 22 Nun ihr aber seid von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden, habt ihr eure Frucht, dass ihr heilig werdet, das Ende aber das ewige Leben. 23 Denn der Tod ist der Sünde Sold; aber die Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem HERRN.

 

    Die herausfordernde Kraft des Dienstes (V. 15-18): Der Apostel hält es für notwendig, ein weiteres Mal ein mögliches Missverständnis, eine falsche Schlussfolgerung, die aus der Aussage, dass wir unter der Gnade stehen, gezogen werden könnte, zu verhindern. Was also? Wie ist die Lage? Wie sieht es aus? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen, weil die Herrschaft des Gesetzes nicht über uns waltet, sondern nur die angenehme Herrschaft der Gnade? Sollen wir sündigen, weil unser Leben nicht von Satzungen im alttestamentlichen Sinn bestimmt wird, sondern von dem, was wir der freien, verzeihenden Barmherzigkeit Gottes verdanken? Sollen wir den heiligen Willen Gottes übertreten, weil uns die Gewissheit gegeben wird, dass Gott die Gottlosen durch die Verdienste Christi rechtfertigt? Und wieder kommt das entsetzte Wort des Apostels: Mitnichten! Und er untermauert seine nachdrückliche Ablehnung dieses Gedankens: Wisst ihr nicht, dass ihr Sklaven seid zum Gehorsam gegenüber dem, dem ihr euch als Sklaven anbietet, sei es als Sklaven der Sünde zum Tod, sei es als Sklaven des Gehorsams zur Rechtschaffenheit? Wer sich freiwillig unter die Herrschaft eines anderen begibt und ihm aus freiem Willen Gehorsam leistet, begibt sich in die Sklaverei; er hat nicht mehr die Freiheit, zu tun, was er will, sondern ist verpflichtet, zu tun, was sein Herr von ihm verlangt; und er ist an diesen Herrn gebunden, er kann ihn nicht nach Belieben verlassen. Diese allgemeine Regel wendet Paulus nun bei den Sündern und bei den Gläubigen an. Wer sich in den Dienst der Sünde gestellt hat, ist der Sklave der Sünde; er steht unter ihrer Macht, ist ihr hörig. Er mag seinen Herrn hassen, seine Vernunft und sein Gewissen mögen dagegen argumentieren und protestieren, aber die Unterwerfung ist dauerhaft und absolut. Und das Ende dieser Sklaverei ist der Tod, der geistliche und ewige Tod: V. 23; Johannes 8, 34. Wird der Mensch dagegen zum Diener des Gehorsams gegenüber Gott bis zur Gerechtigkeit, wenn er Gott den Gehorsam leistet, der ihm gebührt und den alle Menschen leisten sollten, wenn er in allen Dingen das tut, was der Gehorsam Gottes von ihm verlangt, dann wird das Ergebnis ein gerechtes Leben sein, eine Übereinstimmung mit dem Willen, mit dem Bild Gottes: die Gewohnheit eines aufrechten, von Gott anerkannten Lebens.

    Der Apostel ist sich sicher, er geht bei allen seinen Lesern davon aus, dass sie in den Gehorsam Gottes eingetreten sind und in jenem Zustand der Gerechtigkeit leben, der dem Herrn wohlgefällig ist. Und deshalb überströmt sein Herz mit einer Doxologie: Gott sei Dank, dass ihr Sklaven der Sünde wart, dass dieser Zustand der schändlichen Sklaverei für immer vorbei ist, dass ihr aber jetzt der Lehre, die euch überliefert wurde, oder besser gesagt, der ihr überliefert wurdet, von Herzen gehorsam seid, um zu betonen, dass es kein Verdienst ihrerseits war. Bei der Bekehrung verzichten die Gläubigen auf die Knechtschaft der Sünde und leisten vollen und freien Gehorsam, sie unterwerfen sich freiwillig und aufrichtig der Art der Lehre, der sie überliefert wurden, der evangelischen Wahrheit in der Form, wie sie in der Verkündigung des Paulus erschienen ist, der Form, die die Verkündigung in der christlichen Kirche zu allen Zeiten aufweisen sollte. Der Gehorsam gegenüber der christlichen Lehre ist nichts anderes als der Glaube, denn der Glaube ist Gehorsam gegenüber dem Evangelium und damit gegenüber Christus. Und dieser freiwillige Glaubensgehorsam ist eine Gabe Gottes, für die man Gott, und nur ihm, danken und loben muss. Und nun zieht der Apostel die Schlussfolgerung aus dem Vorangegangenen: Da ihr aber frei geworden seid, befreit von der Sünde, seid ihr Knechte der Gerechtigkeit geworden. Die Sünde war ein despotischer Herr, ein Sklaventreiber. Aber durch die Gnade Gottes werden die Gläubigen von der Tyrannei der Sünde befreit und gleichzeitig der Gerechtigkeit unterworfen, zu Dienern der Gerechtigkeit gemacht. Sie sind nun der Gerechtigkeit verpflichtet, ihr ganzes Leben ist der Gerechtigkeit gewidmet, die Gerechtigkeit des Lebens wird ihnen gleichsam zur zweiten Natur. Und diese Unterwerfung der Christen unter Gott und den Gehorsam des Glaubens, die zur wahren Heiligung führt, ist das Wesen der wahren geistlichen Freiheit. Joh. 8,36.

 

    Diener der Gerechtigkeit zum ewigen Leben (V. 19-23): Paulus hatte einen sehr starken Ausdruck verwendet: "Sklaverei der Gerechtigkeit", um seine Bedeutung zu veranschaulichen, ein Vergleich, der aus den gewöhnlichen Beziehungen der Menschen genommen wurde, um die Beziehung der Gläubigen zu Gott darzustellen. Und so entschuldigt er sich hier gewissermaßen dafür, dass er dieses menschliche Bild des Verhältnisses von Sklave und Herr benutzt hat, um die große geistliche Wahrheit zu vermitteln, die er seinen Lesern einprägen will. Es war notwendig, in so einfachen Worten und Bildern zu sprechen, wegen der Schwäche ihres Fleisches, nicht so sehr wegen ihrer intellektuellen, sondern wegen ihrer moralischen Schwäche, denn die Heidenchristen neigten immer noch zu einer gewissen Laxheit in der Moral, zum Missbrauch der christlichen Freiheit. Und deshalb setzt Paulus die Anwendung seiner starken Redewendung fort: Wie sie die Glieder und Organe ihres Leibes hingegeben, geopfert, dargebracht hatten, gebunden in die Sklaverei der Unreinheit, der Verunreinigung des eigenen Leibes, der Seele und des Geistes, und der Ungerechtigkeit, der Gesetzlosigkeit, der Übertretung des göttlichen Gesetzes überhaupt. Das sind die Früchte des natürlichen Zustands des Menschen: das Böse in seinen verschiedenen Formen, ein Fortschreiten des gesetzlosen Verhaltens, wobei eine Sünde die Ursache und der Anstoß für eine andere ist. Aber ihr veränderter Zustand verlangt jetzt, und der Apostel fügt die Dringlichkeit seiner Ermahnung hinzu: So bringt nun eure Glieder dar, die der Gerechtigkeit unterworfen sind, zur Heiligkeit. Die Gläubigen sind nicht nur zu einem rechtschaffenen Leben verpflichtet, sondern sie stehen in dessen Dienst. Und das Ergebnis ist Reinheit des Herzens und des Lebens, eine innere Übereinstimmung mit dem göttlichen Bild, 1. Thess. 4,7.

    Der Apostel bekräftigt nun seine Ermahnung weiter: Als ihr Sklaven der Sünde wart, wart ihr frei von der Rechtschaffenheit. Was die Gerechtigkeit betrifft, so waren sie frei; sie hatten mit der Gerechtigkeit nichts zu tun, sie dienten einem anderen Herrn; sie hatten mit der Gerechtigkeit nichts gemein, waren absolut unfähig und untauglich, etwas zu tun, was vor Gott annehmbar gewesen wäre. Und was war das Ergebnis? Welche Früchte sind unter diesen Bedingungen gereift? Was war das Ergebnis der Sklaverei der Sünde? Die Antwort kann nur eine sein: Solche Dinge, die dich jetzt beschämen, wenn du dich an deine frühere Lebensweise erinnerst, denn es waren schreckliche Laster, schändliche Vergnügungen, die unweigerlich in Tod und Verderben für Seele und Leib münden werden. Jetzt aber ist die Situation umgekehrt: Von der Sünde emanzipiert, befreit und an den Herrn gebunden, hast du deine Frucht zur Heiligung, am Ende aber das ewige Leben in deinem Besitz. Die ganze Situation stellt den Gegensatz zur fleischlichen Gesinnung dar. Bei den Gläubigen ist der böse Herr, die Sünde, abgesetzt worden; an ihre Stelle ist der beherrschende Einfluss der Kraft des Geistes getreten. Und das Ergebnis des auf diese Weise begonnenen Dienstes für Gott ist Heiligkeit, wobei alle Wünsche, Gedanken und Handlungen der Ausführung des Willens Gottes gewidmet sind. Und das Ende, das Ergebnis dieses Dienstes der Gerechtigkeit, ist das ewige Leben, die Fülle des Lebens in der Gegenwart Gottes für immer und ewig. Der Apostel schließt daher mit einer unumstößlichen Feststellung: Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; was die Sünde als tyrannischer Herrscher ihren Untertanen zahlt, ist ihr gebührender und wohlverdienter Lohn. Die Sünde darf nicht unbelohnt, d.h. ungestraft bleiben. Ein überzeugter Sünder, der auf Vergebung ohne Sühne hofft, hofft auf das Unmögliche, nämlich dass Gott sich am Ende als ungerecht erweisen wird. Der Kontrast ist so groß wie der zwischen Himmel und Hölle: Die freie Gabe Gottes ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserem Herrn. Hier gibt es kein Wort, keinen Hinweis auf eine Belohnung: Das ewige Leben ist ein freies, ein unverdientes Geschenk der Gnade und Barmherzigkeit. Die Strafe der Hölle ist immer verdient, die Seligkeit des Himmels nie. In Jesus Christus ist der Besitz des ewigen Lebens gesichert, denn er hat es möglich gemacht, und in und durch ihn sind wir in den Besitz dieses herrlichen Geschenks gelangt. Mit diesem gesegneten Ziel vor Augen werden die Gläubigen auch mit Umsicht auf den Pfaden der Gerechtigkeit wandeln und jedem Versuch der Sünde, die Oberhand zu gewinnen, widerstehen, um nicht die Gabe zu verlieren, die ihnen durch den Glauben zuteil geworden ist, und die Hoffnung, die die himmlische Berufung in Christus Jesus für sie bereithält.

 

Zusammenfassung: Der Apostel ermahnt die Christen, nicht mehr der Sünde zu dienen, sondern in der Gerechtigkeit zu wandeln, indem er sie daran erinnert, dass sie in Christus Jesus der Sünde gestorben und des neuen geistlichen Lebens teilhaftig geworden sind, durch das sie Diener der Gerechtigkeit geworden sind und das Ziel des ewigen Lebens vor sich haben.

 

 

Kapitel 7

 

Frei vom Gesetz (7,1-6)

    1 Wisst ihr nicht, liebe Brüder (denn ich rede mit denen, die das Gesetz wissen), dass das Gesetz herrscht über den Menschen, solange er lebt? 2 Denn eine Frau, die unter dem Mann ist, solange der Mann lebt, ist sie gebunden an das Gesetz; wenn aber der Mann stirbt, so ist sie los vom Gesetz, das den Mann betrifft. 3 Wenn sie nun bei einem anderen Mann ist, solange der Mann lebt, wird sie eine Ehebrecherin geheißen; so aber der Mann stirbt, ist sie frei vom Gesetz, dass sie nicht eine Ehebrecherin ist, wenn sie bei einem anderen Mann ist. 4 So auch, meine Brüder, seid ihr getötet dem Gesetz durch den Leib Christi, dass ihr bei einem anderen seid, nämlich bei dem, der von den Toten auferweckt ist, auf dass wir Gott Frucht bringen. 5 Denn da wir im Fleisch waren, da waren die sündlichen Lüste, welche durchs Gesetz sich erregten, kräftig in unseren Gliedern, dem Tod Frucht zu bringen. 6 Nun aber sind wir vom Gesetz los und ihm abgestorben, das uns gefangen hielt, so dass wir dienen sollen im neuen Wesen des Geistes und nicht im alten Wesen des Buchstabens.

 

    Paulus führt hier eine weitere Veranschaulichung der Aussage in V. 14 des vorangegangenen Kapitels ein, dass wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade stehen: Oder wisst ihr nicht, Brüder, dass das Gesetz Macht über einen Menschen hat, solange er lebt? Er appelliert an ihr Wissen und ihre Vertrautheit mit dem Gesetz und den rechtlichen Verfahren, insbesondere auf der Grundlage des mosaischen Gesetzes. Wer das Argument des Paulus, die Gläubigen seien frei von allen rechtlichen Verpflichtungen, nicht akzeptieren will, dem bleibt nur die Möglichkeit, anzunehmen, dass die Adressaten jenes große Prinzip nicht kennen, nach dem alle Verpflichtungen gegenüber dem Gesetz mit dem Tod enden. Die Autorität und das Recht des Gesetzes gegenüber einem Menschen erstrecken sich auf sein ganzes Leben, aber nicht darüber hinaus. Wenn ein Mensch tot ist, kann es weder eine Erfüllung noch eine Übertretung des Gesetzes geben. Der Apostel argumentiert natürlich ausschließlich vom Standpunkt des Gesetzes aus. Und er demonstriert und illustriert seine allgemeine Aussage durch ein Beispiel, nämlich das der Verpflichtung zur Ehebindung. Die dem Mann unterworfene Frau, die verheiratete Frau, ist durch das Gesetz an ihren Mann gebunden, solange er lebt; aber wenn ihr Mann tot ist, wird das Gesetz, das sie an ihren Mann bindet, das Gebot über den Mann, aufgehoben, nämlich dass sie seine Frau ist und die eines anderen Mannes nicht. Durch den Tod ihres Mannes wird die rechtliche Beziehung zu ihrem Mann ungültig, nichtig, abgebrochen, und sie ist frei, sie ist nicht mehr durch diese besondere Regel gebunden. Und aus dieser Darstellung folgt, dass sie als Ehebrecherin bezeichnet wird, wenn sie zu Lebzeiten ihres Mannes mit einem anderen Mann ein Eheverhältnis eingegangen ist; aber der Tod ihres Mannes befreit sie von diesem besonderen Gesetz, damit sie nicht als Ehebrecherin gilt, wenn sie die Frau eines anderen wird. Das ist nach der göttlichen Ökonomie der Zweck ihrer Freiheit vom Gesetz, ihrer Befreiung von der besonderen Verordnung über die verheirateten Frauen, damit sie nach dem Tod ihres Mannes heiraten kann, ohne sich des Ehebruchs schuldig zu machen. Das bedeutet, dass auch der Mann durch seinen Tod nicht mehr an das Gesetz für seine Frau gebunden ist. Die Institution und die Verordnung der Ehe beinhalten eine gegenseitige Verpflichtung und Haftung, die ihre Gültigkeit verliert, wenn eine der Vertragsparteien stirbt.

    Was der Apostel mit diesem Hinweis auf die Verbindlichkeit des Eherechts im Sinn hatte, wird in seinem Antrag deutlich: So seid auch ihr, meine Brüder, durch den Leib Christi dem Gesetz abgestorben, damit ihr einem anderen untertan werdet, dem, der aus den Toten auferweckt wurde, damit wir Gott Frucht bringen. Der Fall der Gläubigen im Neuen Testament ist dem der verheirateten Frau, über die gerade gesprochen wurde, sehr ähnlich. Sie sind tot für das Gesetz. Christus wurde gewaltsam zu Tode gebracht und sie mit ihm. Aber durch diese Tatsache sind sie durch den Tod Christi völlig von jeder Verbindung mit dem Gesetz getrennt worden und gehören nun kraft seiner Auferstehung zu Jesus. Die Ähnlichkeit und die Symbolik sind durchweg deutlich. So wie der Tod jeden Menschen von der Verbindlichkeit des Gesetzes befreit, so hat der Tod Christi uns endgültig von der Verbindlichkeit des Gesetzes befreit, ja, das Gesetz außer Kraft gesetzt. Und während die Gläubigen vor ihrer Bekehrung unter dem Gesetz gebunden waren, sind sie nun durch den Tod Christi von der früheren Verpflichtung befreit und gehören nun dem auferstandenen Christus als ihrem rechtmäßigen Bräutigam an. Und das Ergebnis dieser wunderbaren Verbindung ist das Hervorbringen von Frucht für Gott, die Frucht guter Werke, die zum Lob und zur Ehre Gottes getan werden.

    Nachdem der Apostel auf diese Weise gezeigt hat, dass die Gläubigen durch den Tod Christi vom Gesetz befreit sind, fährt er fort, die Notwendigkeit und die Folgen dieser Veränderung aufzuzeigen: Denn als wir im Fleisch waren, wirkten in unseren Gliedern die Leidenschaften der Sünden, die bösen Neigungen der Sünden, die durch das Gesetz wirksam gemacht und in Bewegung gesetzt wurden, um Frucht zu bringen bis zum Tod. Nun aber sind wir vom Gesetz befreit, das Gesetz ist in unserem Fall außer Kraft gesetzt, weil wir dem gestorben sind, in dem wir festgehalten wurden, was zur Folge hat, dass wir in der Neuheit des Geistes und nicht in der Altheit des Buchstabens dienen. Dieses Ergebnis kann und soll in unserem Fall erreicht werden. Alle Menschen sind in dem Zustand vor ihrer Bekehrung im Fleisch, sie sind sündige, schwache, sterbliche Geschöpfe, mit einem Geist, der ständig auf das Böse gerichtet ist oder sich bestenfalls mit einer äußeren Moral zufrieden gibt. In diesem Zustand waren die Leidenschaften, die Neigungen und Begierden, die den Menschen in seinem unbekehrten Zustand beherrschen, in unseren Gliedern wirksam, da unsere Glieder die bösen Gedanken des Herzens ausführten. Und die Leidenschaften waren dabei umso erfolgreicher, als sie durch das Gesetz angestachelt wurden. Das Gesetz dient also im fleischlichen Menschen nur dazu, die Sünde zu fördern oder zu vermehren, da es die Leidenschaften nicht beseitigt, sondern sie nur anregt. Und das Ziel der Leidenschaften war letztlich, dass wir Frucht in den Tod bringen sollten. Das ist immer die Tendenz der Leidenschaften, in den eigentlichen Sünden wirksam und aktiv zu sein, um solche schändlichen Werke hervorzubringen, die schließlich zum Tod und Verderben des Sünders führen, Jak. 1,15. Aber durch Christus ist eine Veränderung eingetreten. Das Gesetz ist für uns außer Kraft gesetzt worden, es hat keine Herrschaft mehr über uns. Und das ist dadurch geschehen, dass wir dem gestorben sind, an dem wir festgehalten haben. Indem wir Christus im Glauben angenommen haben, sind wir Teilhaber an seinem stellvertretenden Tod geworden, der eine Genugtuung für das Gesetz war. Und so sind wir, nachdem wir unserem sündigen Fleisch und der Sünde gestorben sind, von der Herrschaft des Gesetzes befreit. In unserem gegenwärtigen Zustand dienen wir also infolge dieser Befreiung vom Gesetz Gott in der Neuheit des Geistes und nicht in der Altheit des Buchstabens. Im früheren Zustand des Menschen, unter dem Gesetz, hat er nur die buchstäblichen Forderungen des Gesetzes vor Augen, die ihm keine Kraft und Macht zum Guten geben, sondern nur alle sündigen Begierden schüren. Im Christen aber wird das neue Leben und Wesen durch den Geist Gottes geschaffen und gelenkt. Es ist der auferstandene Christus, der durch den Heiligen Geist alles Gute in den Christen wirkt, prächtige Früchte der Heiligung hervorbringt. Anmerkung: Wir Christen sind aller Segnungen der Erlösung durch Christus teilhaftig geworden und damit nicht nur vom Fluch des Gesetzes, sondern auch von der Herrschaft und Verpflichtung des Gesetzes befreit. Das Gesetz, das geschriebene Gesetz des Mose, ist nicht mehr unser Herr und Meister, wir sind nicht mehr durch seine Fesseln gebunden. Als wiedergeborene Kinder Gottes, als seine neuen Geschöpfe, sind wir an sein Wohlgefallen gebunden und tun seinen Willen um unseres seligen Erlösers willen. Wir werden nur von der Liebe regiert, nur von der Gnade geleitet.

 

Der Zweck des Gesetzes und seine Wirkung (7,7-25)

    7 Was wollen wir denn nun sagen? Ist das Gesetz Sünde? Das sei ferne! Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Lust, wenn das Gesetz nicht hätte gesagt: Lass dich nicht gelüsten! 8 Da nahm aber die Sünde Ursache am Gebot und erregte in mir allerlei Lust.  Denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. 9 Ich aber lebte etwa ohne Gesetz. Da aber das Gebot kam, ward die Sünde wieder lebendig. 10 Ich aber starb; und es befand sich, dass das Gebot mir zum Tod gereichte, das mir doch zum Leben gegeben war. 11 Denn die Sünde nahm Ursache am Gebot und betrog mich und tötete mich durch dasselbe Gebot. 12 Das Gesetz ist je heilig, und das Gebot ist heilig, recht und gut.

    13 Ist denn, was da gut ist, mir ein Tod worden? Das sei ferne! Aber die Sünde, auf dass sie erscheine, wie sie Sünde ist, hat sie mir durch das Gute den Tod gewirkt, auf dass die Sünde würde überaus sündig durchs Gebot. 14 Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. 15 Denn ich weiß nicht, was, ich tue; denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich. 16 So ich aber das tue, was ich nicht will, so willige ich, dass das Gesetz gut ist. 17 So tue nun ich dasselbe nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

    18 Denn ich weiß, dass in mir, das ist, in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht, 19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 20 So ich aber tue, was ich nicht will, so tue ich dasselbe nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

    21 So finde ich mir nun ein Gesetz, der ich will das Gute tun, dass mir das Böse anhängt. 22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. 23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das da widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüte und nimmt mich gefangen in der Sünde Gesetz, welches ist in meinen Gliedern. 24 Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes? 25 Ich danke Gott durch Jesus Christus, unsern HERRN. So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

 

    Der Gegenstand des Gesetzes (V. 7-12): Im vorangegangenen Abschnitt hatte der Apostel den Christen bezeugt, dass sie sowohl von der Sünde als auch vom Gesetz befreit sind, und damit die Befreiung von der Sklaverei der Sünde und vom Joch des Gesetzes auf dieselbe Stufe gestellt. Er sieht sich nun gezwungen, einer falschen Schlussfolgerung zu begegnen, die aus diesen Aussagen gezogen werden könnte: Welche Schlussfolgerung sollen wir denn ziehen? Ist das Gesetz Sünde, ist es an sich böse? Verursacht es Schaden? Der heilige Paulus antwortet mit Nachdruck: Ganz gewiss nicht! Und obwohl das Gesetz an sich nicht böse ist, steht es doch in einer gewissen Beziehung zur Sünde. Es ist die Quelle und die einzige Quelle der Erkenntnis der Sünde: Ich hätte die Sünde nicht kennengelernt, wenn ich nicht durch das Gesetz dazu gekommen wäre; so wie ich auch die Lust nicht kennengelernt hätte, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren. Paulus spricht hier aus der Sicht des wiedergeborenen Gläubigen und schildert seine Erfahrungen, wie sie für die Menschen kurz vor und zur Zeit ihrer Bekehrung üblich sind. Was er sagt, ist im Grunde Folgendes: Jeder Mensch lebt in Irrtümern, Übertretungen und Sünden von der Stunde seiner Geburt an; aber er wird nichts anderes zugeben als natürliche Schwächen, kleine Fehler, wie sie jeder Mensch zu begehen pflegt; erst wenn das Gesetz ihm die Augen öffnet, sieht er seine Sünde als das, was sie wirklich ist, ein gottloses Verhalten, eine Beleidigung der Heiligkeit und Reinheit des Herrn. Und um diese Erkenntnis zu erlangen, ist das Gebot, nicht zu begehren, von großer Bedeutung. Dieses Gebot zeigt dem Menschen das Bewusstsein seines Begehrens, das gegen das Gesetz strebt. Denn da die bösen Wünsche und Begierden, die allen Sünden zugrunde liegen, als Übertretung des Gesetzes, als ein Übel in den Augen Gottes, offenbart ihr Vorhandensein dem Menschen die böse Quelle, der sie entspringen. Auf diese Weise wird der Mensch davon überzeugt, dass alle Wünsche, Vorstellungen, Begierden und Gedanken seines Herzens von Natur aus gegen den Willen Gottes gerichtet sind.

    Aber es gibt noch einen weiteren Punkt, der in Bezug auf die Beziehung zwischen dem Gesetz und der Sünde zu bedenken ist. Das Gesetz dient nicht nur zur Erkenntnis der Sünde, sondern hilft auch, böse Begierden zu wecken: Die Sünde aber, durch das Gebot angestachelt, wirkte in mir Begierde aller Art; denn ohne das Gesetz war die Sünde tot. Wenn das Gesetz dem Sünder vor Augen gehalten wird, wirkt es wie ein Anreiz, ein Anstoß, eine Beleidigung für sein sündiges Herz. Von Angesicht zu Angesicht mit der Sünde, wie sie wirklich existiert, und mit dem Zorn und der Verurteilung Gottes, wird das Herz des Menschen mit Groll gegen Gott und sein Gesetz erfüllt, mit Hass gegen denjenigen, der durch diese Offenbarung der Sünde dem Sünder Unbehagen und das Gefühl der Schuld bringt. Die Sünde also, die Verderbtheit der Natur, bringt jede Form von Lust und bösem Verlangen und schließlich auch jede Art von sündigem Tun hervor.

    In welcher Weise die Sünde, die perverse Tendenz des von Natur aus bösen Willens des Menschen, das Gebot als Anreiz und Anstiftung zur bösen Lust benutzt, erklärt der Apostel: Denn ohne das Gesetz war die Sünde tot; ich aber lebte einst ohne das Gesetz; als aber das Gebot kam, wurde die Sünde wieder lebendig. Wo es kein Gesetz gibt, gibt es auch keine Sünde, und deshalb kann sich der Mensch ihrer Existenz nicht bewusst sein; und wo es keine Kenntnis des Gesetzes Gottes gibt, gibt es auch keine Kenntnis der Sünde. Die Sünde ist unbekannt, wird nicht als solche erkannt, bis sie durch das Gesetz ans Licht gebracht wird. Und Paulus sagt, indem er sein eigenes Beispiel für das aller Wiedergeborenen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, verwendet, dass er, als er das Gesetz nicht kannte, sein Leben ohne das Gesetz lebte und in Unkenntnis seiner wirklichen Schuld sündigte: Er hatte kein schmerzliches Bewusstsein der Sünde, auch wenn sein Gewissen ihn mehr oder weniger geplagt haben mag. Aber als ihm das Gebot zur Kenntnis gebracht wurde, als ihm das Gesetz in seinem vollen Umfang und in der Geistigkeit seiner Forderungen offenbart wurde, da lebte die Sünde wieder auf, da gewann sie in ihrer Feindschaft gegen Gott, in ihrem Wirken gegen seinen heiligen Willen ihre eigentliche Lebendigkeit und Kraft zurück. Nur weil es ein bestimmtes Verbot gibt, wehrt sich das natürliche Herz des Menschen gegen das Gebot als einen ungerechtfertigten Eingriff in seine Rechte, wie ein wilder Bergbach, der seinen Weg durch einen Damm versperrt sieht. Es macht in diesem Fall keinen wesentlichen Unterschied, ob der Mensch seinen Unmut tatsächlich in bewussten Sünden zeigt, oder ob er durch äußere Erwägungen dazu gebracht wird, eine pharisäische Gerechtigkeit an den Tag zu legen, während das Herz nebenbei ein Tumult der wildesten Begierden und Wünsche ist.

    Was das Ergebnis dieser Offenbarung der Sünde in seinem eigenen Fall war, sagt Paulus ganz offen: Ich aber starb, und es zeigte sich, dass das Gebot, das eigentlich zum Leben bestimmt war, in meinem Fall zum Tod führte. Denn die Sünde hat mich, indem sie an dem Gebot Anstoß nahm, getäuscht und mich dadurch getötet. Mit dem Gefühl der bewussten Schuld tritt das Gefühl der Todesstrafe in Erscheinung. Wenn ein Mensch das Gesetz halten könnte, dann könnte er durch das Gesetz leben. Aber dieses Ziel kann nicht erreicht werden; im Gegenteil, der Sünder beginnt angesichts der Verurteilung durch das Gesetz, den Schrecken von Tod und Hölle zu spüren. Er erkennt seine völlige Unfähigkeit, das Gesetz so zu erfüllen, wie Gott es verlangt, und dieses Bewusstsein zeichnet das Bild des Todes vor seine Augen. Die Sünde in ihrem törichten Groll gegen das Gesetz Gottes versucht, die verbotenen Freuden und Vergnügungen als einen höchst wünschenswerten Gewinn, als großes Glück darzustellen. Aber das ist alles nur Betrug, denn die verbotene Frucht enthält den Keim des Todes und des Verderbens in sich, und jeder, der dem verführerischen Flehen nachgibt, wird sich unter der Verdammung des Todes wiederfinden, ein Kandidat der ewigen Verdammnis. Das gleiche Ergebnis ist zu verzeichnen, wenn die Sünde versucht, den Menschen dazu zu bewegen, seine eigene Kraft gegen Gott einzusetzen; jede Anstrengung, mit Hilfe des Gesetzes zur Vollkommenheit zu gelangen, vergrößert nur die Schuld und das Elend des Sünders.

    Und so zieht der Apostel eine Schlussfolgerung, die fast wie ein Paradoxon klingt: Und so ist das Gesetz in der Tat heilig und das Gebot heilig und gerecht und gut. Das Gesetz an sich ist nach seinem ganzen Inhalt heilig, es ist mit allen seinen Forderungen eine Offenbarung der Heiligkeit Gottes, und jedes seiner Gebote ist heilig, recht und vortrefflich und verlangt vom Menschen nur das, was gerecht, gut und lobenswert ist. Das Wohl des Menschen, nicht sein Leid, ist sein natürlicher Zweck und sein Ziel. Damit beugt Paulus einem möglichen Missverständnis seiner Position gegenüber dem Gesetz Gottes vor. Anmerkung: Christen sind keine Antinomisten, sie lehnen das Gesetz Gottes nicht ab; aber sie unterscheiden mit Paulus sehr sorgfältig zwischen dem Sein unter dem Gesetz und dem Sein unter der Gnade.

 

    Die praktische Wirkung dieser Lehre (V. 13-17): Um sicherzugehen, dass jedes Missverständnis ausgeräumt wird, fragt Paulus hier, wenn er vom Kampf des Wiedergeborenen um die Heiligung spricht: Ist mir denn das Gute zum Tod geworden? Ist das Gebot, das heilig, gerecht und gut ist, die Ursache für meinen Tod? Und mit großem Nachdruck antwortet er: Gewiss nicht! Nicht das Gesetz, das gut ist, sondern im Gegenteil die Sünde wurde ihm zum Verhängnis. Die Sünde, um sich zu offenbaren, um offen als Sünde zu erscheinen, war für ihn auf diese Weise verhängnisvoll, dass sie durch das Gute, durch das Gesetz, den Tod in ihm bewirkte, damit die Sünde durch das Gebot im Übermaß sündig werde. Das Böse, das Trügerische der Sünde zeigt sich gerade darin, dass sie das heilige und gute Gesetz missbraucht, um Tod und Verderben zu wirken. Hierin hat sich die Sünde tatsächlich selbst übertroffen und ein wahres Meisterwerk der Perversität vollbracht, indem sie das Gebot in ihren Dienst drängte und es zum Fluch und Verderben des Menschen machte.

    Dass das Gesetz an dieser Verurteilung der Sünde keinen Anteil hat, bekräftigt Paulus weiter: Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist, ich aber bin fleischlich und unter die Sünde verkauft. Hier ist eine vollkommene Rechtfertigung des Gesetzes: Weil es von Gott gegeben wurde, trägt es die Eigenschaft Gottes, des göttlichen Geistes, und diese geistliche Art zeigt sich darin, dass es ein geistliches, heiliges Verhalten fordert, ein Verhalten, das dem geistlichen Gott gefällt, ein Verhalten, das man nur bei einem Menschen finden kann, der so verändert wurde, dass er immer nach dem Willen Gottes lebt. Aber Paulus, der von seinem gegenwärtigen, wiedergeborenen Zustand spricht (V. 22), in dem sein Geist zwar ganz dem Willen Gottes hingegeben ist, in dem ihm aber sein alter Adam einen ständigen Kampf bereitet, sagt von sich selbst, dass er fleischlich, fleischlich ist; die Art und Weise und der Zustand der sündigen Natur prägen noch immer sein ganzes Verhalten, und zwar in einem solchen Maße, dass er tatsächlich unter die Macht der Sünde verkauft ist. Er ist nicht mehr ein williger Sklave, wie in seinem nicht wiedergeborenen Zustand, sondern er ist einer Macht unterworfen, in ihre Knechtschaft versetzt, die, obwohl er sich abmüht und ernsthaft wünscht, frei zu sein, immer noch mehr oder weniger ihre Autorität geltend macht. „Dies ist genau die Knechtschaft der Sünde, der sich jeder Gläubige bewusst ist. Er spürt, dass es in seinen Gliedern ein Gesetz gibt, das ihn dem Gesetz der Sünde unterwirft; dass sein Misstrauen gegenüber Gott, seine Herzenshärte, seine Liebe zur Welt und zu sich selbst, sein Stolz, kurz, die ihm innewohnende Sünde, eine wirkliche Macht ist, von der er sich frei zu sein wünscht, gegen die er kämpft, von der er sich aber nicht befreien kann.“ (Hodge.)

    Der Apostel zeigt, wie er in der Unterwerfung gehalten wird: Denn was ich tue und vollbringe, was ich tatsächlich in die Tat umsetze, weiß ich nicht; das heißt, nach griechischem Sprachgebrauch in ähnlichen Zusammenhängen erkennt er das, was er tut, nicht als richtig und gut an, er erkennt es nicht als das Seine an, er erkennt es nicht als etwas an, mit dem er zu tun hat. Denn das, was er will, was sein geistiger Wille begehrt, das übt er nicht aus; das, was er nach dem inneren, erneuerten Menschen liebt und sich daran erfreut, das kann er nicht dazu bringen, sich ständig damit zu beschäftigen. Was er aber nach der Erkenntnis, die er aus dem richtigen Verständnis des Willens Gottes gewonnen hat, hasst, das tut er, das findet er, dass er es ausführt. Anmerkung: Jeder Christ weiß aus eigener Erfahrung, dass dieser Kampf in seinem Herzen stattfindet, und dass das Ergebnis gewöhnlich das ist, was hier so anschaulich beschrieben wird. Stolz, Mangel an Nächstenliebe, Trägheit und viele andere Gefühle, die er missbilligt und hasst, belästigen ihn ständig und machen ihre Macht über ihn geltend. Und trotz des besten Willens und der besten Absicht bleibt seine Leistung weit hinter dem zurück, was er sich wünscht.

    Aus diesen dargestellten Tatsachen zieht der Apostel zwei Schlüsse: Wenn ich nun das tue, was ich nicht will, so stimme ich mit dem Gesetz völlig darin überein, dass es gut ist, um bewundert zu werden; und so tue ich es nicht mehr, sondern die Sünde, die in mir lebt. Der heilige Paulus fühlt und erkennt also, dass die Schuld bei ihm selbst liegt und nicht dem Gesetz anzulasten ist. Und doch behauptet er, dass dieser Zustand mit seinem Christsein völlig vereinbar ist. Die Tatsache, dass er etwas Böses tut, von dem er weiß, dass es böse ist, zeigt, dass sein Urteil mit dem des Gesetzes übereinstimmt, dass er dessen Vortrefflichkeit freiwillig anerkennt. Und wenn er auch keineswegs seine eigene Schuld und sein Verschulden mildern will, so will er doch zeigen, dass seine Erfahrung aufgrund des Ausmaßes und der Macht der ihm innewohnenden Sünde dennoch mit seinem Christsein vereinbar ist. Die Tiefe und Macht des Bösen im alten Adam ist so groß, dass es ihm immer wieder gelingt, seine Herrschaft zu behaupten. Aber das neue Leben des Christen lässt dies nicht zu, er kämpft dagegen an, er sucht Befreiung davon.

 

    Der Kampf zwischen Fleisch und Geist im Gläubigen (V. 18-20): St. Paulus wiederholt und vertieft hier seine Aussagen über den Kampf zwischen Fleisch und Geist im Wiedergeborenen: Denn ich weiß, dass in mir, d. h. in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Er macht einen Unterschied zwischen sich selbst, seinem wirklichen, wiedergeborenen Selbst, und seinem Fleisch, seiner alten, verkehrten Natur. Sofern und soweit er diese Natur noch in sich hat, lebt nichts Gutes in ihm. Das bedeutet übrigens, dass im wirklichen Selbst des wiedergeborenen Menschen tatsächlich etwas Gutes, etwas Geistiges, etwas, das mit den Forderungen des Willens Gottes übereinstimmt, vorhanden ist. Denn das Wollen, die Entschlossenheit, das Gute zu tun, liegt neben ihm, ist für ihn bereit, und sein Gebrauch bietet keine Schwierigkeit. Aber das Vortreffliche zu vollbringen, das findet er nicht, er weiß nicht, wo es ist, es ist nicht zu finden. Die Absicht, den heiligen Willen Gottes zu erfüllen, ist also da, aber die Schwierigkeit liegt in der Ausführung dessen, was er als vorzüglich anerkennt. Denn das Gute, das er begehrt, führt er nicht aus, aber das Böse, das er nicht begehrt, das praktiziert er. Die Entschlossenheit, nach dem Willen Gottes zu leben, ist nicht ganz ohne Wirkung, der Kampf wird keinen Augenblick lang aufgegeben, obwohl das Böse immer wieder begangen wird. Und so schließt der Apostel erneut: Wenn ich also etwas tue, was ich nicht beabsichtige, dann bin nicht mehr ich es, der es tut, sondern die Sünde, die in mir wohnt. „Die Dinge, die ich tue, wenn sie den charakteristischen Wünschen und Absichten meines Herzens zuwiderlaufen, sind wie die Handlungen eines Sklaven zu betrachten. Sie sind in der Tat meine eigenen Handlungen, aber da sie nicht mit der vollen und freudigen Absicht des Herzens ausgeführt werden, sind sie nicht als ein angemessenes Kriterium für den Charakter zu betrachten.“ (Hodge.)

 

    Die Schwierigkeit des Kampfes und die Bitte um Erlösung (V. 21-25): Der heilige Paulus gibt nun eine Erklärung für die besondere Situation, die er gerade beschrieben hat. Er hat durch Erfahrung eine konstante Tatsache, eine Regel oder ein Gesetz entdeckt und gefunden, dass, wenn seine Neigung und Absicht, das Gute zu tun, ist, das Böse bei ihm gegenwärtig ist, immer zur Hand ist. Sein Wunsch und seine Entschlossenheit ist es, das Gute zu tun, aber das Böse, das immer vorhanden ist, bietet sich an, mischt sich unter all sein Tun und Unterlassen. Er spricht nicht von einem ungewöhnlichen, einem außergewöhnlichen Zustand, sondern von einem, der die Regel ist, in dem er sich Tag für Tag befindet, eine Erfahrung, die auch allen Gläubigen gemeinsam ist. Diese Aussage wird vom Apostel sowohl erklärt als auch bestätigt: Denn ich finde meine Lust am Willen Gottes nach dem inneren Menschen; aber ich sehe, ich werde gewahr, eine andere Regel, eine andere Norm in meinen Gliedern, die kämpft, die kämpft gegen das Gesetz meines Verstandes, das mich gewaltsam unterwirft, das mich in die Gefangenschaft des Gesetzes der Sünde bringt, das in meinen Gliedern ist. Der innere Mensch, das wiedergeborene Selbst, der neue Mensch des Apostels, freut sich über das Gesetz Gottes, findet seine Freude daran, seinen heiligen Willen zu tun. Aber es gibt eine andere, eine andere Regel und Norm, die durch den Willen des alten Adam in seinen Gliedern repräsentiert wird. Die Regel in den Gliedern des Körpers ist das Gesetz der Sünde, die Sünde selbst, insofern sie versucht, die Handlungen der Glieder zu lenken und in sündige Bahnen zu lenken. Der verkehrte Geist und Wille, wie er im alten Adam verkörpert ist, ist bestrebt, die Glieder des Körpers in Unterordnung unter seinen Willen und seine Führung zu halten. Und damit beginnt der Kampf. Wenn die niedere Natur die Oberhand gewinnt, führt sie den Menschen in die Gefangenschaft des Gesetzes der Sünde, das seine Macht durch die Glieder des Körpers zeigt und ausübt. In der Seele des wiedergeborenen Menschen kämpft der wiedergeborene Verstand mit dem verderbten Fleisch, und der Verstand kann sich nicht völlig von der Herrschaft und der Macht des Fleisches befreien, obwohl er einen unaufhörlichen Kampf gegen das Fleisch führt und immer das Ideal der vollkommenen Heiligung im Auge behält. Und so sehnt sich der wiedergeborene Mensch, der sich in seinem unwilligen Dienst abmüht und quält, nach dem Tag, an dem er die endgültige, vollständige Erlösung von der Macht der Sünde genießen wird.

    Dieser Gedanke bringt den letzten Ausruf des Apostels hervor: O elender, geplagter, unglücklicher Mensch, der ich bin! Wer wird mich erlösen, mich herausreißen aus diesem Leib des Todes oder aus dem Leib dieses Todes? Hier kommt die ganze Sehnsucht des Gläubigen nach der endgültigen Befreiung seines sterblichen Leibes zum Ausdruck, der noch ein so unsicheres, schwaches Organ des Geistes ist und so leicht der Sünde verfällt. Jeder Christ wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem seine Sklaverei der Sünde endgültig ein Ende haben wird, an dem er mit verklärtem Leib und im ewigen Leben Gott leben und ihm ungehindert dienen wird. Aber dem Schrei des Apostels nach Befreiung folgt ein Schrei des Dankes: Gott sei Dank durch Jesus Christus, unseren Herrn! Die Befreiung ist bereits erlangt, die endgültige Erlösung ist gewiss, und ihre volle Vollendung ist für jeden Gläubigen nur noch eine Frage von wenigen Tagen oder Jahren. So dient also Paulus für sich selbst, gemäß seinem wiedergeborenen Selbst, mit seinem Geist, mit seinem neuen Menschen, dem Gesetz Gottes, aber mit seinem Fleisch, mit seinem alten Adam, dem Gesetz der Sünde. Sein wirklicher, williger Dienst wird also Gott angeboten, auch wenn sein Fleisch ihn manchmal noch zum Nachgeben zwingt. Und so überwiegt im Leben der Christen das Gefühl der Freude und der Dankbarkeit. Inmitten ihres gegenwärtigen sündigen Elends geben sie nie den Kampf gegen die Sünde auf, sie verlieren nie aus den Augen, dass sie Christen sind, und danken deshalb auch immer Gott durch Jesus Christus, dem sie ihren gegenwärtigen gesegneten Zustand der Wiedergeburt verdanken.

 

Zusammenfassung: Der Apostel erinnert die Christen daran, dass sie zu Christus, ihrem auferstandenen Heiland, gehören und von seinem Geist regiert werden; er zeigt, dass das Gesetz die Erkenntnis der Sünde lehrt und den Tod durch die Sünde verursacht, die sich des Gesetzes bedient; er schildert den ständigen Kampf zwischen Fleisch und Geist, weist aber schließlich auf die kommende Befreiung von allem Bösen hin.

Kapitel 8

 

Das Leben im Geist (8,1-17)

    1 So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christus Jesus sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. 2 Denn das Gesetz des Geistes der da lebendig macht in Christus Jesus, hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. 3 Denn was dem Gesetz unmöglich war (da es durch das Fleisch geschwächt wurde), das tat Gott und sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und verdammte die Sünde im Fleisch durch Sünde, 4 auf dass die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch wandeln sondern nach dem Geist.

    5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt. 6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede. 7 Denn fleischlich gesinnt sein ist eine Feindschaft gegen Gott, da es dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag es auch nicht. 8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen. 9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat der ist nicht sein. 10 So aber Christus in euch ist so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen; der Geist aber ist das Leben um der Gerechtigkeit willen. 11 So nun der Geist des, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird auch dieser, der Christus von den Toten auferweckt hat, eure sterblichen Leiber lebendig machen um deswillen, dass sein Geist in euch wohnt.

    12 So sind wir nun, liebe Brüder, Schuldner nicht dem Fleisch, dass wir nach dem Fleisch leben. 13 Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben müssen; wenn ihr aber durch den Geist des Fleisches Geschäfte tötet, so werdet ihr leben. 14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch welchen wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Derselbe Geist gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir wirklich mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

 

    Wandeln gemäß dem Geist (V. 1-4): „Darum“, eine Folgerung vor allem aus dem letzten Vers des vorangegangenen Kapitels. Denn da die Christen mit ihrem Fleisch noch dem Gesetz der Sünde dienen und wegen der Schwachheit ihres verdorbenen Fleisches täglich und viel sündigen, könnte man auch von ihnen selbst den Schluss ziehen, dass sie durch ihre Sünden der Schwachheit, mit denen sie täglich zu kämpfen haben, Gottes Zorn und Verdammnis auf sich laden, dass sie, obwohl sie sich im Zustand der Rechtfertigung durch die Verdienste Christi befinden, sich im Zustand der Verdammnis befinden und der väterlichen Zuneigung Gottes niemals sicher sein können. Aber dieses Gefühl, das auch dazu neigt, die Gewissheit der Erlösung wegzunehmen, ist nicht gerechtfertigt. „Obwohl die Sünde noch im Fleisch wütet, verdammt sie doch nicht, weil der Geist gerecht ist und gegen sie kämpft.“ (Luther.) Das erklärt Paulus mit großem Nachdruck: Eine Verurteilung ist in jeder Hinsicht ausgeschlossen; es gibt keine, weder nach Art noch nach Grad; kein Urteil der Verurteilung kann sie berühren. Es ist natürlich wahr, dass alle Sünden der Christen, auch die Sünden der Schwachheit, an sich unter dem Urteil der Verurteilung stehen, dass die Gläubigen täglich Vergebung für sie in den Wunden Christi suchen müssen. Diese Tatsachen sind jedoch im Zusammenhang mit der Rechtfertigung eines armen Sünders vor Gott ausführlich erörtert worden. Aber hier behandelt Paulus das große Werk der Heiligung, das auf die Rechtfertigung folgt. Es gibt Christen, die tief besorgt darüber sind, dass ihr Leben und ihre Werke, ihr Gespräch als Gläubige, noch so weit von der Vollkommenheit entfernt sind, dass ihre Erfüllung des Willens Gottes so weit hinter ihren Absichten und Wünschen zurückbleibt. Aber hier wird uns die Gewissheit gegeben, dass Gott, der mit allen Menschen in Christus Jesus versöhnt ist, auf die gerechtfertigten Sünder, auf die wiedergeborenen, gläubigen Christen schaut, als ob sie ganz im Geist wären, als ob sie kein sündiges Fleisch mehr hätten, das sie daran hindert. Für die, die in Christus Jesus sind, die lebendig in ihm sind, durch jene wunderbare Verbindung, von der der Herr spricht Johannes 15, l-7, die durch den rechtfertigenden Glauben in ihm sind, für die, die nicht wandeln, nicht ihr ganzes Leben nach dem Fleisch, nach ihren sündigen Begierden regeln, sondern den Geboten des Geistes folgen, für diese gibt es kein Urteil der Verdammnis.

    Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Der gegenwärtige, erneuerte Zustand der Christen, in dem wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln, ist ein Beweis dafür, dass der Geist uns wirklich vom Gesetz der Sünde und des Todes befreit hat. Das Gesetz des Geistes des Lebens ist der Heilige Geist, denn er bestimmt unser ganzes Verhalten und vermittelt uns das Leben, das in Christus ist, so dass wir in Christus und mit Christus leben. Und indem der Geist dies für uns tut, hat er uns von dem Gesetz der Sünde und des Todes befreit, von der Sünde, die unser Leben beherrschen und lenken und uns der Macht des Todes ausliefern wollte, der wir von Natur aus unterworfen waren. So ist nicht mehr die Sünde, sondern der Geist der bestimmende Faktor im Leben der Gläubigen. Durch das Wirken des Geistes sind wir der Sünde gestorben und der Auferstehung Christi teilhaftig geworden. "Wo der Geist nicht ist, da ist das Gesetz geschwächt und wird durch das Fleisch übertreten, so dass das Gesetz dem Menschen nicht helfen kann, sondern nur zur Sünde und zum Tod führt. Darum hat Gott seinen Sohn gesandt und unsere Sünde auf ihn gelegt und uns so geholfen, das Gesetz zu erfüllen durch seinen Geist." (Luther.) Was die Schwäche, die Ohnmacht des Gesetzes betrifft, die darauf zurückzuführen ist, dass es durch das Fleisch geschwächt wurde, so sollte man immer daran denken, dass Gott, indem er seinen eigenen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen sandte, die Sünde im Fleisch verurteilt hat. Das Gesetz Gottes ist nicht an sich schwach und ohnmächtig, aber es wird so gemacht, seine Kraft und Wirkung wird durch den Einfluss des sündigen Fleisches aufgehoben. Unsere Verderbtheit macht es dem Gesetz unmöglich, uns zu retten, denn sie macht die Erfüllung des Gesetzes unmöglich. Aber als diese Situation völlig hoffnungslos war, was die Rettung des Menschen betraf, trat die Barmherzigkeit Gottes ein. Er sandte seinen eigenen Sohn, den Sohn, der ihm an Wesen und Macht gleich war, der dieselbe Gottheit besaß. Er sandte ihn in der Gestalt des Fleisches der Sünde, gleich den Sündern in der Menschheit, einen wirklichen Menschen und den Stellvertreter des Menschen, der die Sünde der ganzen Welt mit all ihren Folgen trug, um die Sünde und ihre Schuld für immer zu beseitigen. Christus war die Sühne, das Opfer für die Sünde. Und so verurteilte Gott die Sünde im Fleisch, sprach das Urteil der Verurteilung über sie aus; das Opfer, der Tod Christi zeigt, dass Gottes Gerechtigkeit die Sünde, die in der verdorbenen Natur des Menschen herrscht, verurteilt hat. Christus wurde zum Fluch gemacht, weil er den Fluch trug, der die Sünde treffen muss. Und damit hat Gott erklärt, dass die Sünde nicht mehr das Recht hat, den Menschen zu knechten und ihn zu zwingen, das Gesetz Gottes zu übertreten; er hat die Menschen von der Gerichtsbarkeit der Sünde befreit. Und so kann das Gebot, die rechtmäßige Forderung des Gesetzes, erfüllt werden, kann in uns erfüllt werden, das heißt in den Menschen, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln. Indem Christus uns von der Herrschaft der Sünde befreit hat, hat er es uns ermöglicht, das Gesetz Gottes zu erfüllen, das Fleisch zu verleugnen und zu kreuzigen und nach dem Geist zu leben. Und der Geist Christi, der Geist des Lebens in Christus, hat uns von den Fesseln, von der Herrschaft und Jurisdiktion der Sünde und des Todes befreit und lehrt uns nun, unser ganzes Leben in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu führen.

 

    Der Unterschied zwischen fleischlichem Sinn und geistlichem Sinn (V. 5-11): In diesem Abschnitt wird der Gegensatz zwischen Fleisch und Geist und zwischen denen, die sich einem von beiden verschrieben haben, noch deutlicher und deutlicher. Diejenigen, die nach dem Fleisch sind, die die moralische Natur und das Wesen des Fleisches haben, haben ihr ganzes Denken auf die Dinge des Fleisches gerichtet; die Interessen des Fleisches nehmen ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihre ganze Phantasie, ihre Lüste und Begierden sind auf die Befriedigung sinnlicher, weltlicher Gedanken und Vorstellungen gerichtet, Gal. 5,24. Diejenigen aber, die die Natur des Geistes haben, die aus dem Geist neu geboren sind, haben nur ein Ziel, nämlich die Werke des Geistes zu vollbringen und seine Früchte hervorzubringen, Gal. 5,22. Denn das Denken des Fleisches, der Gegenstand und das Ziel der Phantasie des natürlichen, sündigen Herzens, ist der Tod. Die fleischlichen Freuden und Vergnügungen des Menschen werden schließlich zum Tod führen, zum ewigen Tod. Aber das Denken des Geistes, das Ergebnis des Verlangens des Geistes, das Objekt, auf das sich das ängstliche Verlangen des Geistes konzentriert, wenn er im Geist des wiedergeborenen Menschen lebt, ist Leben und Frieden. Das geistliche Leben eines Christen, wie es sich in seinem ganzen Denken manifestiert, ist nicht die Ursache für das Leben in Frieden mit Gott, für die Verwirklichung der Versöhnung mit Gott, sondern dieses Leben und dieser Friede wird dem geistlichen Leben von Gott gegeben. Dieser Gegensatz zwischen Fleisch und Geist wird von einer anderen Seite her betont: Denn der Geist, die Gesinnung des Fleisches, ist Feindschaft gegen Gott. Das Fleisch findet das Ziel seines Denkens im ewigen Tod, weil es Gott, der Quelle des Lebens, feindlich gegenübersteht. Die Menschen, die dem Diktat ihres Fleisches folgen, entscheiden sich bewusst für die Werke des Fleisches, weil sie böse sind und sich gegen Gott und seinen heiligen Willen richten. Dem Gesetz Gottes wird das Fleisch nicht gehorchen, weil ihm der Gedanke, dies zu tun, von Natur aus fremd ist. Der Gegensatz zwischen dem Fleisch, der sündigen Natur des Menschen, und dem reinen und heiligen Gesetz Gottes ist so groß, dass eine Einigung nicht in Frage kommt: Die Kluft zwischen ihnen kann nicht überbrückt werden. Diejenigen, die im Fleisch sind, die die Natur, die Eigenart des Fleisches in sich tragen, können Gott nicht gefallen. Das Wesen des fleischlichen Geistes ist Rebellion und Hass gegen Gott, und diese Veranlagung kann sich nicht anders zeigen als durch den bewussten Ausdruck dieser Neigung in Handlungen, die dem Herrn missfallen. Die Christen unterscheiden sich grundlegend von Menschen, die eine solche Feindseligkeit gegenüber Gott an den Tag legen: Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist; der Geist Gottes, der in den Gläubigen lebt, ist ihr Lebens- und Wirkungsbereich, in ihm leben und bewegen sie sich. Und sie können nicht anders, als unter der Herrschaft und Leitung des Geistes zu stehen, wenn der Geist wirklich, wirklich in ihnen lebt. Das ganze Leben und Verhalten der Christen entspricht den Anforderungen des wahren geistlichen Lebens, denn das ist die natürliche, die unvermeidliche Folge und Konsequenz der Innewohnung des Heiligen Geistes in ihren Herzen. Es ist notwendig, diesen Punkt zu betonen; denn wenn jemand den Geist Christi nicht hat, ist er keiner der Seinen. Ein Mensch muss in Wahrheit regeneriert sein und nicht nur dem Anschein nach; er muss tatsächlich den Geist Christi empfangen haben und diesen Geist in sich wohnen haben, sonst wird Christus ihn nicht als einen der Seinen anerkennen. Man beachte, dass der Geist hier der Geist Christi genannt wird, dass also Christus mit dem Vater gleichgesetzt wird als derjenige, von dem der Geist ausgeht.

    Und nun präsentiert der Apostel seine Schlussfolgerung: Wenn aber Christus in euch ist, wenn er die treibende Kraft eures Lebens ist, die durch das Wirken seines Geistes in eure Herzen kommt, Joh. 14,16-18.23, dann ist zwar der Leib, das Werkzeug der Sünde, tot, d.h. vom ersten Augenblick seines Daseins an dem Tod durch die Sünde unterworfen; aber der Geist, der erneuerte und erneuerte menschliche Geist, der neue Mensch, ist Leben durch die Gerechtigkeit. Der Geist, die Seele des Menschen, hat, nachdem er die vollkommene Gerechtigkeit Christi in der Rechtfertigung empfangen hat, das geistige Leben, das ihm eine unsterbliche und gesegnete Existenz sichert. Durch den Glauben an Christus werden die Christen des ewigen Lebens teilhaftig. So wird auch hier angedeutet, dass der höchste Segen der Ewigkeit allein auf Christus beruht, damit niemand einen Grund zur Prahlerei hat. Und wir haben nicht nur das Pfand des unsterblichen Lebens in und durch Christus, was unsere Seele betrifft, sondern wir haben auch die Gewissheit, dass unser Leib auferstehen wird: Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch lebt, dann wird er, der Christus Jesus von den Toten auferweckt hat, eure toten Leiber lebendig machen durch den Geist, der in euch wohnt. Das Leben, das wir durch den Glauben in unserer Seele haben, wird schließlich zu einem vollständigen Triumph über den Tod führen. Beachten Sie, wie treffend diese Beschreibung Gottes in diesem Zusammenhang ist. Beachten Sie auch, dass die drei Personen der Gottheit hier als Teilnehmer an der endgültigen Auferstehung der Toten erwähnt werden, so wie sie alle bei der Bekehrung des Menschen tätig waren. Derselbe Gott, der Jesus von den Toten auferweckt und damit bewiesen hat, dass er die Quelle, der allmächtige Quell des Lebens ist, wird auch unsere toten Leiber lebendig machen, ihnen Leben schenken; und dieses Werk wird er durch seinen Heiligen Geist vollbringen, den Geist des Sohnes, der Christus ist, der für uns gestorben und auferstanden ist und uns das Leben der Verherrlichung bereitet hat, der Mittler unseres Heils. Unsere Auferstehung und Verherrlichung hat ihre Grundlage in der Auferstehung Christi von den Toten. So hat das geistliche Leben der Christen, der Geist Gottes und Christi, der in den Christen lebt, das ewige Leben zum Ziel, mit der Verherrlichung unseres Leibes.

 

    Der Geist der Gotteskindschaft in den Christen (V. 12-17): Nachdem der Apostel den gesegneten Zustand der Christen dargestellt hat, legt er ihnen nun eine Ermahnung in Form einer Schlussfolgerung vor: So sind wir also, liebe Brüder, Schuldner. Alle Christen sind aufgrund der empfangenen Wohltaten und Segnungen sehr stark verpflichtet. Aber nicht gegenüber dem Fleisch, um nach dem Fleisch zu leben, denn der natürliche Mensch ist geneigt zu glauben, dass er seinem Fleisch die Befriedigung seiner Begierden schuldet, dass er verpflichtet ist, nach seinen Forderungen zu leben. Mit dieser Redewendung bringt der Apostel sehr deutlich zum Ausdruck, was er damit meint: Wir sind dem Geist etwas schuldig. Denn, so argumentiert er, wenn ihr Christen nach dem Fleisch lebt, seinen Geboten und Neigungen folgt, dann ist die unausweichliche Folge, die euch zwangsläufig ereilen muss, der Tod. Die bloße Tatsache, dass ein Mensch zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens die Wahrheit in Christus angenommen hat, macht ihn noch lange nicht für alle Zeiten sicher. Wenn Christen zulassen, dass ihr Fleisch, ihre alte böse Natur, wieder die Oberhand gewinnt, ihr Leben und ihre Handlungen bestimmt, dann gibt es nur ein mögliches Ergebnis: den ewigen Tod. Wenn aber die Christen zu allen Zeiten durch den Geist, durch die Kraft des Heiligen Geistes in ihnen, die Praktiken, die betrügerischen Handlungen des Leibes als Werkzeug des Bösen abtöten, dann werden sie leben, für das ewige Leben bewahrt werden: Heiligkeit, Glück und ewige Seligkeit.

    Diese Tatsache, die Gewissheit der Gabe des ewigen Lebens durch die Barmherzigkeit Gottes, wenn wir auf dem Weg der Gerechtigkeit bleiben und die Taten des Leibes vernichten, ist nun bewiesen: Denn so viele sich vom Geist Gottes leiten lassen, das sind die Kinder Gottes. Nur die, die den Geist Gottes haben, sind in Wahrheit Glieder Christi. Und dieser Geist bewegt, leitet, treibt die Christen an, wobei alle, die unter diesem ständigen und wirksamen Einfluss des Geistes stehen, als Söhne Gottes gelten, ja durch das Wirken des Geistes zu Söhnen Gottes gemacht werden. In und durch Christus, dessen Erlösung ihnen durch den Geist vermittelt wird, werden sie in jene innige Beziehung zu Gott gebracht, dass er ihr Vater ist und sie seine Kinder durch Adoption sind, Gal. 3, 26. Und ihr Zustand und ihre Beziehung zu Kindern wird dadurch bewiesen, dass der Geist sie ständig auf dem Weg der Gerechtigkeit führt. Diese Beziehung zu Gott ist auch eine angenehme Beziehung, eine, die einlädt und Vertrauen schafft: Denn ihr habt nicht wieder den Geist der Knechtschaft zur Furcht empfangen. Jeder Mensch führt von Natur aus ein Leben in Furcht und Angst, wie ein Sklave, der den Zorn und die Strafe seines Herrn fürchtet. In gewissem Maße war die Religion des Alten Testaments eine Religion, die den Geist der Knechtschaft förderte, demzufolge die Juden immer in Furcht und Zweifeln lebten, ob sie das Gesetz vollkommen einhalten würden. Aber der Geist, den die Gläubigen empfangen haben, ist der Geist der Adoption, der Kinder Gottes. Der Heilige Geist bewirkt diese Beziehung der Gläubigen zu Gott, er versichert ihnen mit dem durch den Glauben bewirkten Vertrauen, dass Gott sie um Jesu willen als seine Kinder angenommen hat, und in diesem Vertrauen rufen sie zu ihm: Abba, Vater, letzteres Wort ist die Übersetzung des aramäischen Wortes, das bis heute in Gebrauch ist. Es ist ein ernster Schrei, eine vehemente Ansprache, voller Sehnsucht, Vertrauen und Glauben. So gibt uns der Geist Gottes in uns, indem er uns lehrt, Gott mit einfachem, kindlichem Glauben zu vertrauen, ein sicheres, ein unzweifelhaftes Zeugnis, einen definitiven Beweis und eine Gewissheit, dass wir Kinder Gottes sind. Es ist eine Überzeugung, die nicht in unserem eigenen Geist zu finden ist, die kein Mensch durch seine eigene Vernunft und Kraft haben kann, die allein der Geist Gottes geben kann und gibt. Gerade die Tatsache, dass dieses Zeugnis des Geistes völlig unabhängig ist von unseren eigenen Gefühlen, von unserem jeweiligen Gemütszustand, macht es so sicher und zuverlässig, dass wir liebe Kinder unseres himmlischen Vaters sind. Wenn aber Kinder, dann auch Erben. Wenn wir Kinder Gottes sind, dann sind wir auch sicher, am Erbe der Heiligen im Licht teilzuhaben; wir sind sicher, das Erbe Christi selbst zu besitzen, mit dem wir durch die Tatsache unserer Adoption Miterben sind. Als Kinder Gottes haben wir Anspruch auf die Seligkeit des Himmels, wie Gott sie für seinen eingeborenen Sohn bereitet hat, für den, der aus der Fülle seines göttlichen Wesens geboren wurde. Es gibt nur eine äußere Bedingung, die unvermeidlich ist: Wenn es so ist, wenn wir nur mit ihm leiden, damit wir auch mit ihm verherrlicht werden können. Die Christen sind der Leiden Christi teilhaftig, sie sind verpflichtet, um seines Namens willen vielerlei Leiden zu ertragen. Der Versuch, sich diesen Leiden zu entziehen, ist gleichbedeutend mit der Weigerung, das Kreuz Christi zu tragen, Mark. 8,34; Luk. 9,23. Das Tragen des Kreuzes ist keine absolute Bedingung, sondern das unvermeidliche Los derer, die die Herrlichkeit der ewigen Seligkeit erwarten, Gal. 4,7. Und so dient die schöne, tröstliche Lehre von der Adoption der Christen als Kinder Gottes, von ihrem Erbe des ewigen Lebens, dazu, sie zu ermahnen, dem Fleisch zu sterben und durch den Geist zu leben.

 

Trost in den mannigfaltigen Widrigkeiten dieses Lebens (8,18-39)

    18 Denn ich halte es dafür, dass dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns soll offenbart werden. 19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet auf die Offenbarung der Kinder Gottes, 20 da die Kreatur unterworfen ist der Vergänglichkeit ohne ihren Willen, sondern um deswillen, der sie unterworfen hat auf Hoffnung. 21 Denn auch die Kreatur frei werden wird von dem Dienst des vergänglichen Wesens zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass alle Kreatur sehnt sich mit uns und ängstigt sich noch immerdar.

    23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlinge, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unsers Leibes Erlösung. 24 Denn wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des, hoffen, das man sieht? 25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so erwarten wir es durch Geduld. 26 Desgleichen auch der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst vertritt uns aufs Beste mit unaussprechlichem Seufzen. 27 Der aber die Herzen erforscht, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, was Gott gefällt.

    28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, die nach dem Vorsatz berufen sind. 29 Denn welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbild seines Sohns, auf dass derselbe der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern. 30 Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht.

    31 Was wollen wir denn hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann gegen uns sein? 32 Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der da gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. 35 Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet für Schlachtschafe. 37 Aber in dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Kräfte, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns kann scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm HERRN.

 

    Das Sehnen der Kreatur (V. 18-22): In V. 18 nennt der Apostel kurz das Thema des zweiten Teils dieses Kapitels: Denn ich erwäge es; er gibt es als Ausdruck seiner stärksten Gewissheit, nicht als eine unsichere Meinung oder das zweifelhafte Ergebnis von Vermutungen. Nicht würdig sind die Leiden der gegenwärtigen Zeit, die nur zu diesem Leben gehören und mit dem Ende dieser Weltperiode enden, im Vergleich zu der Herrlichkeit, die uns offenbart werden soll. Alle Not, alle Bedrängnisse, alle Verfolgungen, alles Leid, das den Christen um Jesu willen widerfährt, ist nur von kurzer Dauer, wie die Zeit vor Gott gerechnet wird, und wird überdies von der Herrlichkeit, die die Heiligen erben werden, so weit aufgewogen, dass sie nicht recht in Betracht kommen kann. „Seht, wie er der Welt den Rücken kehrt und sein Angesicht auf die künftige Offenbarung richtet, als sähe er nirgends auf Erden Unglück oder Weh, sondern nur Freude. Wahrlich, auch wenn es uns schlecht geht, sagt er, was ist unser Leid im Vergleich zu der unaussprechlichen Freude und Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll? Es ist nicht würdig, verglichen zu werden oder Leiden genannt zu werden.“[16]

    Nachdem Paulus so den Leitgedanken dieses ganzen Abschnitts dargelegt hat, unterstreicht er nun die Größe der Herrlichkeit, die in uns geoffenbart werden soll, indem er die kommende Befreiung der Schöpfung im Allgemeinen beschreibt, die mit all ihren Segnungen unermesslich größer ist, als alles Leiden des gegenwärtigen Zustands sein könnte. Die ernste Erwartung, das Wachen mit ausgestrecktem Haupt, das sehnsüchtige, ängstliche Verlangen der Schöpfung, der Gesamtheit der organischen und anorganischen geschaffenen Materie, insbesondere der tierischen Geschöpfe, wartet geduldig, erwartungsvoll auf die Offenbarung der Kinder Gottes. In dieser Welt erscheinen die Söhne Gottes gewöhnlich nicht, um in den Augen der Welt zur Geltung zu kommen, sie werden nicht offenkundig: Es wird nicht offen gezeigt, was für eine große und herrliche Sache es ist, ein Kind Gottes zu sein, welche wunderbaren Segnungen der Herr für diejenigen vorgesehen hat, die ihn lieben. Aber es wird die Zeit kommen, in der sie offenbar werden, in der ihnen die Herrlichkeit des Himmels offenbart wird und sie vor den Augen aller Menschen zu ihrem Eigentum werden. Und auf diesen Tag wartet die gesamte tierische Schöpfung, die gesamte Natur, sehnsüchtig. Denn jetzt ist die Schöpfung, diese Gesamtheit der Geschöpfe Gottes um uns herum, die wir gemeinhin Natur nennen, der Eitelkeit unterworfen, nicht aus freien Stücken, sondern wegen dessen, der sie unterworfen hat, weil Gott in seiner Weisheit es so wollte. Da das Universum und alle sichtbaren Objekte um uns herum aus der Hand Gottes entstanden sind, hatten sie die Kraft des Lebens in sich selbst. Aber mit dem Sündenfall und dem darauf folgenden Fluch wurde die Natur der Eitelkeit, der Unnützlichkeit und der Nutzlosigkeit der sündigen Wünsche und Absichten des Menschen unterworfen. Wie Luther sagt, klagen und schreien Sonne, Mond und Sterne, Himmel und Erde, das Getreide, das wir essen, das Wasser oder der Wein, den wir trinken, Ochsen, Kühe, Schafe und alles, was der Mensch benutzt, über die Tatsache ihrer Unterwerfung unter die Eitelkeit, unter den Dienst der Sünde in den Händen des Menschen. Doch indem Gott die Schöpfung im Allgemeinen in seinen Fluch über die Sünde einbezog, hatte er zugleich eine künftige Änderung dieses beklagenswerten Zustands im Sinn, wonach die leidende Schöpfung auf eine Befreiung aus diesem Zustand der unfreiwilligen Unterwerfung hoffen darf; denn die Schöpfung selbst, die ganze Natur um uns herum, wird aus der Knechtschaft der Verderbnis, der Sklaverei, die aus der Verderbnis durch die Sünde entstanden ist, in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes, in die Freiheit von der Eitelkeit und Verderbnis der Sünde und ihrer Folgen, befreit werden. Der Tag des Gerichts wird der tierischen Schöpfung, der gesamten organischen und anorganischen Materie, die Befreiung von der Tyrannei des Menschen bringen, der die Geschöpfe Gottes zu Zwecken der Eitelkeit und Sünde benutzt. Wenn Himmel und Erde vergehen, wenn die Erde und ihre Werke verbrannt werden, 2. Petr. 3,10, wird das das Ende der unfreiwilligen Sklaverei in der ganzen Welt bedeuten. Und wie die Gläubigen dann einen neuen Himmel und eine neue Erde erwarten, in denen Gerechtigkeit wohnt, 2. Petr. 3,13, so werden alle Substanzen der alten Erde, nachdem sie die Tyrannei der Sünde abgeworfen haben, jene Freiheit genießen, für die der Herr sie im Anfang geschaffen hat. Inzwischen wissen wir, dass die ganze Schöpfung mit uns Gläubigen seufzt und bis heute die heftigsten Schmerzen empfindet. Und so leidet und wartet die ganze Schöpfung, wie Luther sagt; und worauf? „Auf die herrliche Freiheit der Kinder Gottes, wenn sie nicht nur von ihrem Dienst befreit sein wird, dass sie keinem Schurken mehr dient, sondern auch frei und viel schöner sein wird, als sie jetzt ist, und nur den Kindern Gottes dient, nicht mehr unter dem Teufel gefangen ist, wie sie jetzt gefangen ist.“[17]

 

    Das sehnende Hoffen der Christen und des Geistes Fürsprache (V. 23-27): Aber nicht nur das, nicht nur die ganze Schöpfung seufzt und sehnt sich nach Erlösung, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlingsgabe des Geistes haben: auch wir seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Annahme, der Erlösung unseres Leibes. Wir Christen, die wir den Geist Gottes von oben empfangen haben, haben die Erstlingsgabe der zukünftigen Welt, der himmlischen Herrlichkeit, in unserem Herzen, als eine sichere Garantie der vollen Seligkeit, die uns in der Zukunft zuteil werden soll, Eph. 1,14; 2. Kor. 1,22. Und doch erheben sich Seufzer aus der Tiefe unserer Seele, Seufzer und Schreie nach Befreiung. Wir Christen sind tief betroffen, schmerzlich berührt von den Nöten und dem Elend der gegenwärtigen Welt. Und deshalb ist unser Seufzen auch Ausdruck unserer ängstlichen, sehnsüchtigen Sehnsucht nach der vollen Offenbarung unserer Sohnschaft. Wir sind schon jetzt Kinder Gottes, durch den Glauben, durch das Wirken des Geistes. Aber wir sehnen uns danach, in den vollen Besitz und Genuss unseres Erbes oben einzutreten, in die Erlösung unseres Leibes, die vollständige Befreiung von allen Folgen der Sünde. Alle Augen und alle Herzen sind auf jene gesegnete Stunde gerichtet, in der Christus unseren sterblichen Leib endlich und vollständig von den Banden der Eitelkeit und des Todes befreien wird, in der er unseren vergänglichen Leib verwandeln wird, damit er seinem herrlichen Leib gleichgestaltet werde, Phil. 3,21.

    Die Christen sind sich der endgültigen Teilhabe an der Befreiung des Leibes und des vollen Genusses ihrer Sohnschaft sicher. Aber in der Zwischenzeit ist die gegenwärtige Zeit, die Zeit in dieser Welt, eine Zeit des Wartens und Hoffens. Wir haben die Herrlichkeiten des Himmels in Erwartung oder Aussicht: Das Heil ist ein Segen, den wir in der Hoffnung haben, den wir sicher in der Zukunft besitzen werden. Denn wenn der Gegenstand der Hoffnung, der volle Genuss unserer Adoption, die vollkommene Befreiung von der Sünde und ihren Folgen, eine Sache der Gegenwart und des Besitzes wäre, dann könnte man nicht von Hoffnung sprechen; denn wenn man eine Sache vor sich sieht, warum sollte man dann noch hoffen? Hoffen und Sehen schließen sich gegenseitig aus. Und so schließt der Apostel mit Blick auf die Besonderheit der Hoffnung, ihr wesentliches Merkmal: Wenn wir auf das hoffen, was wir nicht sehen, dann warten wir mit Geduld und Ausdauer, wir warten beharrlich und sehnsüchtig auf es. In der Gegenwart sind wir Christen unter die Pflicht der Geduld, unter die Notwendigkeit der bangen Erwartung gestellt. Da wir die Gewissheit unserer zukünftigen Seligkeit kennen, können alle Nöte der Gegenwart und des Lebens unsere Hoffnung nicht erschüttern. „Das Heil in seiner Fülle ist kein gegenwärtiges Gut, sondern eine Sache der Hoffnung und natürlich der Zukunft; und wenn sie in der Zukunft liegt, müssen wir sie in geduldiger und freudiger Erwartung erwarten.“ (Hodge.)

    Nachdem der Apostel gezeigt hat, dass die ganze Schöpfung sich nach Erlösung sehnt und dass auch die Christen seufzen und seufzen, um die volle Offenbarung ihres Heils und seiner herrlichen Segnungen zu erwarten, erklärt er nun zu unserer weiteren Ermutigung, dass der Geist auch unserer Schwachheit zu Hilfe kommt. Obwohl wir Christen die Erkenntnis unseres Heils haben und der endgültigen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in uns sicher sind, kämpfen wir doch immer wieder mit unserer eigenen Schwäche im Glauben und in der Hoffnung; manchmal fällt es uns schwer, die Verheißungen Gottes bezüglich unserer Sohnschaft festzuhalten. Und so kommt der Geist unseren wankenden, unsicheren Schritten zu Hilfe; seine Kraft dient dazu, uns in unserer Schwachheit zu stützen. Der göttliche Beistand ist deshalb so notwendig, weil wir Christen nicht die richtige Vorstellung von der Art und Weise und der Eindringlichkeit des Gebets für die Dinge haben, die wir brauchen; unsere Gebete entsprechen selten der Bedeutung der Segnungen, um die wir bitten, sie sind dem Gegenstand unserer Gebete nicht angemessen. Und deshalb kommt uns der Geist zu Hilfe: Er hält uns den großen Segen vor Augen, auf den alle Gebete der Christen letztlich hinauslaufen: das Heil unserer Seelen. Und nicht nur das, sondern er selbst tritt für uns ein mit einem Seufzen und Stöhnen, das sich nicht in menschliche Worte kleiden lässt. Der Kontrast zwischen dem gegenwärtigen Zustand der Bedrückung und Trübsal und dem zukünftigen Zustand der Herrlichkeit ist so groß, dass wir Christen keine angemessenen Worte der flehentlichen Bitte finden können, die unsere Sehnsucht nach der endgültigen Befreiung angemessen ausdrücken würden. Aber unser großer Tröster und Fürsprecher bringt in seinem Seufzen für uns unsere Sache vor Gott; er spricht zu Gott durch das unartikulierte Seufzen der Herzen der Gläubigen. Wenn das Kreuz der Christen schwer zu tragen ist, wenn sie sich verlassen und allein fühlen, wenn sie keinen Tröster unter den Menschen haben, der versteht, was ihr Herz bedrückt, dann wird ein unaussprechliches Sehnen und Seufzen nach der Erlösung ihres Leibes aus ihrer Seele gedrückt. Und dann wird ihr schwankender Glaube neu gestärkt, dann ergreift eine neue Freude und ein neuer Trost von ihren Herzen Besitz, und die Gläubigen dürfen wieder in gläubiger Zuversicht zu Gott aufschauen. All diese unartikulierten Seufzer in den Herzen der Christen sind, obwohl sie nicht in die Worte der menschlichen Sprache gekleidet sind und auch nicht gekleidet werden können, dennoch für Gott völlig verständlich. Derjenige, der die Herzen erforscht, ist sich der Gedanken des Geistes voll bewusst und kennt sie genau. Der allwissende Gott weiß, was der Geist in diesem Seufzen denkt, dessen Inhalt nicht mit den Worten der menschlichen Sprache ausgedrückt werden kann. Denn der Geist legt Fürsprache für die Heiligen ein, wie die Gläubigen aufgrund der reinigenden Kraft des Blutes Christi, die sie erfahren haben, zu Recht genannt werden, und zwar in einer Weise, die völlig mit dem Willen und der Herrlichkeit Gottes übereinstimmt. Mit heiligem, göttlichem Eifer, in voller Übereinstimmung mit dem unermesslichen, göttlichen Inhalt unserer Hoffnung, mit der Inbrunst der göttlichen Liebe tritt er für uns bei Gott ein, um uns die Herrlichkeit zu sichern, die uns im Himmel bereitet ist. So ist die unaussprechliche Größe der Herrlichkeit, die in uns geoffenbart werden soll und für deren Besitz der Heilige Geist sein fürbittendes Flehen und Seufzen hinzufügt, eine Quelle ständigen, herrlichen Trostes für die Christen.

 

    Die Gewissheit von Gottes ewigem Ratschluss (V. 28-30): In seiner Kette von Argumenten zum Trost der Christen fügt Paulus nun ein weiteres Glied hinzu: Weiter wissen wir. Es ist eine Sache der Glaubensgewissheit, dass denen, die Gott lieben, in denen ihr Glaube diese Frucht des liebenden Gottvertrauens hervorgebracht hat, alle Dinge, auch die Leiden dieser Zeit, zusammenwirken, zu Hilfe kommen, zum Guten, zum Besten und damit auch zur Herrlichkeit dienen, die Paulus im ganzen Abschnitt im Sinn hat. Nach dem Vorsatz Gottes muss alles, auch Trübsal und Leiden, zum Guten und Heilsamen für die führen, die Gott lieben, oder, wie es weiter heißt, die nach einem Vorsatz berufen sind, in denen der Ruf Gottes zum Heil wirksam geworden ist, die wirklich zur Annahme der Segnungen gebracht worden sind, zu denen Gott alle Menschen im Evangelium einlädt. Durch den Ruf Gottes sind sie in die Gemeinschaft Jesu Christi gestellt worden, 1. Kor. 1,9; sie sind aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen worden, 1. Petr. 2,9. Es war nicht ihr eigenes Tun, dessen Unzulänglichkeit später Zweifel an der Gewissheit ihres Heils aufkommen lassen konnte, sondern es ist der wirksame Ruf des treuen Gottes, 1. Kor. 1,9. Über diejenigen, die der Einladung und dem Ruf Gottes im Evangelium nicht folgen, wird in diesem Abschnitt nichts gesagt. Der gegenwärtige und künftige Zustand solcher Menschen ist nicht auf einen Beschluss Gottes zurückzuführen. Von den Ungläubigen sagt die Bibel lediglich, dass Gott auch ihnen die Einladung und den Ruf des Evangeliums zukommen lässt, dass er nichts für sie übersehen und unterlassen hat, sondern dass sie ihrerseits die Wirkung des Wortes mutwillig behinderten, sich dem Heiligen Geist in seinem Bemühen um Bekehrung konsequent und bewusst widersetzten, dass sie auf seinen Aufruf nicht hören wollten und daher ihre endgültige Verdammnis nur sich selbst zuzuschreiben haben Die Schuld an der Verdammnis eines Menschen liegt in keiner Weise bei Gott, sondern ganz und gar und allein beim Menschen. Aber der Apostel spricht in unserem Abschnitt nur von denen, die durch den Ruf Gottes wiedergeboren worden sind, und in die Zahl dieser schließt er sich selbst und seine Leser ganz allgemein ein, ohne irgendeinen bösen Unterschied zu machen.

    Von denen, die so nach dem Vorsatz Gottes berufen sind, ist nun die Rede: Diejenigen aber, die er vorher kannte, die hat er auch berufen. Die Berufung Gottes ist das Ergebnis seines vorherigen Vorherwissens: Er kannte sie vorher als die Seinen, es war ein ewiges Vorherwissen, das mit wirksamer Liebe verbunden war; er hat sie in Gnade bedacht, er hat sie im Voraus als solche auserwählt, die er mit der Zeit zu den Seinen machen würde. Und in Übereinstimmung mit diesem Vorherwissen erging der Ruf Gottes an sie und wurde in ihnen wirksam, als sie das Wort des Evangeliums hörten. Doch bevor dies geschah, gab es einen zweiten Akt von Seiten Gottes: Denn die er vorher kannte, die hat er auch vorherbestimmt, bestimmt, verordnet, dem Bilde seines Sohnes gleichförmig zu werden, damit sie seinem Sohn gleichgestaltet seien nach Aussehen und Wandel, damit er der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern. Aufgrund und in seinem Vorherwissen, aufgrund seiner ewigen Auserwählung durch die Gnade, hat Gott auch die Auserwählten zur göttlichen Sohnschaft mit der Fülle der himmlischen Herrlichkeit vorherbestimmt oder vorherbestimmt, wobei Christus der Erstgeborene und der eingeborene Sohn und Erbe Gottes ist, aber alle die vielen adoptierten Kinder in reichstem Maße an derselben Seligkeit mit ihm teilhaben. Der Vorsatz und die Entscheidung Gottes in Bezug auf diejenigen, in denen seine Berufung wirksam ist, umfasst also sowohl das Vorherwissen als auch die Vorherbestimmung und hat die Darstellung der himmlischen Herrlichkeit in Christus zum Ziel.

    Und nun wird die tatsächliche Ausführung dieses Ratschlusses und Vorsatzes, wie er in der Ewigkeit gemacht und geformt wurde, beschrieben: Die er vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; und die er berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt; und die er gerechtfertigt hat, die hat er auch verherrlicht. Die Vorherbestimmung Gottes hat sich an denen vollzogen, die er in seiner Barmherzigkeit zu den Seinen erwählt hat. Seine gnädige Berufung war in ihrem Fall wirksam; sie entfachte den Glauben an Jesus Christus und seine Erlösung. Und so führte der Ruf oder die Bekehrung zu ihrer Rechtfertigung, die Gerechtigkeit Christi wurde ihnen zuteil, Gott erklärte sie für gerecht um Jesu Christi willen, den sie durch den Glauben angenommen hatten. Und so zieht die Rechtfertigung ihrerseits die Verherrlichung nach sich und geht in ihr auf. Die volle Offenbarung der Herrlichkeit liegt noch in der Zukunft, aber ihr Besitz ist schon jetzt sicher, nur ihr Genuss ist eine Frage der Hoffnung. So werden der Beschluss Gottes und seine Ausführung vom Apostel in ihrer Reihenfolge nach dem Gnadenband Gottes über die Gläubigen dargestellt. Er hat die Gewissheit der zukünftigen Erlösung und Herrlichkeit, die sich auf den ewigen Ratschluss und die Verordnung Gottes gründet, in großartiger Weise herausgestellt.

 

    Die Gewissheit von Gottes unwandelbarer Liebe in Christus Jesus (V. 31-39): In allen Briefen des Paulus gibt es nur wenige Abschnitte, die diesem Lobgesang des Triumphes, des siegreichen Glaubens, an erhabener und nachhaltiger Kraft gleichkommen, und keinen, der ihn übertrifft. An die Christen gerichtet, wie es hier der Fall ist, sollte es nie versäumen, sie zu höchster Glaubensbegeisterung und zu größter Zuversicht und Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes und ihres Erlösers Jesus Christus aufzurütteln. "Was sollen wir also sagen?" Welche Schlussfolgerung sollen wir aus der gesamten Darstellung ziehen? „Der Apostel hat das Leiden, das diejenigen zu ertragen haben, die an der Herrlichkeit Christi teilhaben wollen, im Vergleich zu dieser Herrlichkeit herabgesetzt (V. 18); er hat es (V. 19-27) als eine Art Prophetie der Herrlichkeit gedeutet, die folgen wird; er hat in diesen letzten Versen die Gegenwart eines ewigen, siegreichen Ziels der Liebe durch das ganze Leben des Christen behauptet.“ (Denney.) Welche Schlussfolgerung muss er nun ziehen und mit ihm jeder Gläubige? Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns? Die erste Schlussfolgerung ist, dass Gott auf unserer Seite ist; dass Gott, der uns zur Herrlichkeit bestimmt hat und seinen Ratschluss in unserem Fall ausführt, auf unserer Seite ist, und deshalb kann uns kein Feind wirklich schaden; alle ihre Versuche müssen ins Leere laufen. Es ist kein herausfordernder Schrei, sondern einer der Siegesgewissheit, in der Gewissheit, dass alle Macht des Feindes von vornherein zunichte gemacht wird.

    Der Grund für diese Zuversicht und Sicherheit ist die Liebe Gottes: Er, der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern ihn als Opfer für uns alle in den Tod gab, - wie sollte er uns mit ihm aus freier Gnade nicht alles schenken? Paulus schließt sich hier selbst mit allen gläubigen, auserwählten Kindern Gottes ein. Christus ist das Sühnopfer für die Sünden der ganzen Welt. Aber der Zweck seines Opfers verwirklicht sich nur in den Gläubigen; sie wenden die Liebe Gottes nur auf sich selbst an und werden seiner Erlösung teilhaftig, wobei der Sohn Gottes selbst das größte Geschenk der Gnade ist und alle anderen Segnungen Gottes, insbesondere die zukünftige Erlösung und Herrlichkeit, einschließt. Diese Segnungen sind untrennbar mit Christus verbunden, und wer den Erlöser aufnimmt, wird dadurch des ganzen Reichtums der Gnadenschätze Gottes teilhaftig. Wer will die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der rechtfertigt. Wer die Auserwählten Gottes, die Gläubigen, von denen in V. 28 die Rede ist, vor den Richterstuhl Gottes ziehen will, wird bitter enttäuscht werden. Denn anstatt zu beweisen, dass sie unter Gottes Urteil der Verurteilung stehen, wird er feststellen, dass Gott sie für gerecht erklärt hat. Wer würde das Urteil der Verurteilung über sie sprechen? Es werden vier schlüssige Gründe angeführt, warum ein solches Urteil nicht in Frage kommt: der Tod Christi, seine Auferstehung, seine Erhöhung und seine Fürbitte. Christus starb, aber nicht für sich selbst, sondern nur als unser Stellvertreter, indem er mit seinem Tod den Preis für all unsere Schuld bezahlte; er stand von den Toten auf und erhielt so das Siegel und die Gewissheit der Annahme des Opfers durch Gott; er fuhr zur Rechten Gottes auf, er nahm den vollen Gebrauch seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit an, auch gemäß seiner menschlichen Natur; und sein ständiges Werk in der Gegenwart ist seine Fürsprache für uns, sein Handeln als unser Fürsprecher bei Gott, 1. Joh. 2,l.

     Und nun kommt die allerletzte Stufe auf dem Höhepunkt der Argumentation des Apostels, „der Gipfel des Berges der Zuversicht, von dem aus er auf seine Feinde als ohnmächtig herabschaut und vorwärts und aufwärts mit der vollen Gewissheit eines endgültigen und reichlichen Triumphes“. Anklagen haben keine Wirkung, Verurteilungen können uns nichts anhaben, und auch jeder Versuch von Gewalt muss von vornherein scheitern. Wer soll uns von der Liebe Christi trennen, uns wegnehmen? Mit Christus sind wir untrennbar verbunden durch seine Liebe zu uns, durch den Glauben. Kann irgendjemand oder irgendetwas das Band unserer Gemeinschaft mit Christus zerreißen und uns den Glauben aus dem Herzen nehmen? Der Apostel nennt einige der Faktoren, die uns in dieser Hinsicht am ehesten schaden können, feindliche Mächte und Einflüsse, wie sie von Satan und von den Kindern der Welt eingesetzt werden: Trübsal, Bedrängnis, Notlagen aller Art, Verfolgung durch unsere Feinde, Hunger, Nacktheit, Gefahr, Schwert, wobei die Verfolgung unter bestimmten Umständen ihren Höhepunkt finden wird. Nebenbei weist Paulus darauf hin, dass das Ertragen all solcher Schwierigkeiten und Bedrängnisse in der Heiligen Schrift prophezeit wird, indem er auf Ps. 44,22 verweist, wo die Kirche des Alten Testaments beklagt, dass viele ihrer Glieder um ihres festen Standes auf der Seite Gottes willen den Märtyrertod erleiden müssen, dass sie wie Schafe zum Schlachten gerechnet und behandelt werden. Aber all diese Dinge übergeht Paulus mit einer Schroffheit, die an Ungeduld grenzt: Vielmehr sind wir in all diesen Dingen, in all diesen Bedrängnissen und Schwierigkeiten, mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat. Unsere Feinde sind nicht nur nicht in der Lage, uns wirklich zu schaden, sondern sie werden sogar besiegt, bevor sie Gelegenheit hatten, Böses zu tun. Der Christ ist sich des Sieges im Voraus sicher, nicht durch seine eigene Kraft und Macht, sondern durch seinen Erlöser Jesus Christus und seine Liebe. Und so schließt Paulus mit einem Ausbruch triumphaler Beredsamkeit: Denn ich bin überzeugt - und mit ihm alle wahren Christen -, dass weder der Tod, noch das Martyrium, noch das Leben mit seinen verschiedenen Wechselfällen und Prüfungen, noch die Engel, noch die Fürstentümer, noch die mächtigen Geister aller Art, noch die gegenwärtigen Dinge, die jetzt auf uns lasten, noch die zukünftigen, wie bedrohlich sie auch aussehen mögen; noch Mächte, welcher Art sie auch sein mögen; weder Höhe noch Tiefe, alle feindlichen Angriffe, ob von oben oder von unten, die ihren Ursprung in gottfeindlichen Kräften haben, noch irgendein anderes Geschöpf, eine allumfassende Bestimmung, können uns von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserem Herrn, ist, trennen und unsere innige Gemeinschaft mit ihr durchschneiden. So erreicht das Lied des Glaubens seinen Höhepunkt in einer siegreichen Melodie, die die Gewissheit des Christen, sein Glaubensvertrauen in die Liebe Gottes und Christi zum Ausdruck bringt. Es ist ein Thema, das es wert ist, in einem solchen Glaubenslied besungen zu werden.

 

Zusammenfassung: Der Apostel erinnert die Christen daran, dass sie verpflichtet sind, der Führung des Geistes zu folgen, der in ihnen lebt und ihnen die Garantie ihrer Adoption gibt, und dass die gegenwärtige Zeit, eine Zeit der Trübsal, dazu bestimmt ist, durch einen umso herrlicheren Kontrast die Größe und die Gewissheit der endgültigen Erlösung zu verdeutlichen, derer uns niemand berauben kann.

 

 

Die Gnadenwahl

    Der Abschnitt aus Röm. 8,28-30 ist einer der Beweistexte für die Lehre von der Erwählung aus Gnaden, eine Wahrheit, die in der Heiligen Schrift eindeutig gelehrt wird. Und hier ist zunächst zu bemerken, dass der Apostel diese Lehre erst behandelt, nachdem er die grundlegenden Artikel der christlichen Lehre, von Sünde und Gnade, von Rechtfertigung und Heiligung, ausführlich dargelegt hat. Er wendet sich speziell an die wiedergeborenen, gerechtfertigten und geheiligten Kinder Gottes und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf den wunderbaren Ratschluss Gottes zu ihrer Heiligung. Die Lehre von der Prädestination zum Grundprinzip und zur Quelle aller christlichen Lehren zu machen, steht nicht im Einklang mit der Heiligen Schrift. Die Lehre von der Auserwählung aus Gnaden ist eine Quelle reichen Trostes für gläubige Christen, für die, die im Geist wandeln und sehnsüchtig die künftige Herrlichkeit erwarten, und sie kann daher nur von diesen verstanden und richtig gewürdigt werden. Es ist auch zu beachten, dass der Apostel nur von einer Erwählung aus Gnaden zum ewigen Leben spricht und nirgends eine Erwählung zur Verdammnis lehrt. Aus der Tatsache, dass bestimmte Menschen von Gott zur ewigen Rettung vorherbestimmt sind, zu schließen, dass die anderen zur ewigen Verdammnis bestimmt sind, bedeutet, Gesetz und Evangelium zu verwechseln und das Christentum zu verwerfen. Die Erwählung der Gnade hat jeden einzelnen der Auserwählten zum Gegenstand; sie betrifft nur die Kinder Gottes, die zum ewigen Leben erwählt und auserwählt sind. Denn diese Personen sind die Kinder Gottes, die Gott lieben, die Christen. In den Briefen des Neuen Testaments werden die Ausdrücke „berufen“, „geheiligt“, „geliebt“ und „auserwählt“ ganz unterschiedlich verwendet. Und in den lutherischen Bekenntnissen werden die Titel „Auserwählte“, „Christen“ und „Kinder Gottes“ als Synonyme verwendet. Wenn die Heilige Schrift also von den Auserwählten spricht, von denen, die Gott vorherbestimmt hat, sollten wir an gläubige Christen denken und uns sicher sein, dass wir selbst zu den Auserwählten gehören. Es ist übrigens wahr, dass nur diejenigen wirklich auserwählt sind, die bis zum Ende im Glauben bleiben und schließlich verherrlicht werden. Aber die Heilige Schrift spricht immer wieder von den Christen und beschreibt sie als Menschen, deren Merkmal der Glaube ist und die das Ziel des Glaubens, das Heil ihrer Seelen, empfangen. Deshalb definiert Luther die heilige christliche Kirche oder die Gemeinschaft der Heiligen als die Gesamtheit derer, die der Heilige Geist beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und mit Jesus Christus in dem einen wahren Glauben bewahrt. Nun lehrt die Erfahrung, dass viele, die einmal gläubig waren, früher oder später ihren Glauben verlieren. Und die Bibel warnt eindringlich vor dem Rückfall und spricht von solchen, die nur eine Zeit lang gläubig sind. Aber all das gehört nicht zur Lehre von der Erwählung aus Gnaden; denn diese betrifft nur die Menschen, die glauben und gerettet werden. Die ewige Erwählung oder Prädestination, da sie nur bestimmte Personen betrifft, unterscheidet sich gerade deshalb vom Rat der Erlösung, von der ausdrücklichen Lehre der allgemeinen Gnade, die alle Menschen betrifft. Die ewige Erwählung der Gnade bedeutet, dass Gott jeden einzelnen der Auserwählten, die jetzt Christen sind und Gott und damit auch uns lieben, vor Grundlegung der Welt zu sich, zu den Seinen, erwählt und zur ewigen Herrlichkeit bestimmt hat; dieser Beschluss wurde in der Zeit vollzogen, als Gott diese Menschen berief und ihnen den vollen Segen der Rechtfertigung durch die Verdienste Jesu übermittelte. Und dieser Vorsatz Gottes wird sich mit Sicherheit erfüllen. Die Erwählung Gottes ist also nicht nur die Ursache für unsere Errettung, sondern auch für unsere Berufung, Bekehrung und Rechtfertigung. Der Glaube ist die Folge der Erwählung Gottes und gibt dem Gläubigen die Garantie, dass er zu den Auserwählten gehört und schließlich die ewige Herrlichkeit erlangen wird. Und deshalb ist die Lehre von der Erwählung aus Gnaden, wie sie oben und an anderen Stellen gelehrt wird (Eph. 1,3 ff.; 2 Thess. 2,13 ff.; 2 Tim. 1,9: 1 Petr. 1,1.2), ist voller Trost für die Christen. Wenn je ein Zweifel an unserem Heil in unserem Herzen aufsteigen will, dann sollten wir uns daran erinnern und uns an das Wissen klammern, dass Gott von Ewigkeit her die Sache unseres Heils und alles, was dazu gehört, in seine barmherzige und mächtige Hand genommen hat. Inmitten aller Kreuze und Prüfungen, wenn es scheint, dass Gott uns völlig verlassen hat, sollten wir unseren Glauben auf sein Wort stützen, das uns sagt, dass alle Drangsale dieser Zeit nur Zwischenfälle auf dem Weg zum Himmel sind und in keiner Weise mit der Herrlichkeit verglichen werden können, die am Tag unserer endgültigen Erlösung an uns offenbart werden soll. Wenn wir uns also streng an die Argumentation der Schrift halten und den Trost der Schrift auf unser Herz anwenden, dann werden unsere Gedanken nicht zu anderen umkehren, dann werden wir nicht der Versuchung nachgeben, über diese Lehre in ihren sogenannten vernünftigen Schlussfolgerungen zu spekulieren, und werden so vor den Gefahren bewahrt, in die solche Spekulationen führen. Wenn wir also an der Wahrheit festhalten, dass die Erwählung aus Gnaden keine absolute Erwählung ist, dass sie kein willkürlicher Akt des souveränen Wohlgefallens Gottes war, sondern aus dem ewigen Ratschluss der Liebe hervorgeht, dass sie allein auf seiner Gnade und Barmherzigkeit beruht und dass ihr Zweck darin besteht, uns bis zu unserem Ende in seinem Wort und Glauben zu bewahren, dann werden alle Gedanken des Zweifels aus unseren Herzen verschwinden, und unser Glaube wird sehr fest stehen.[18]

 

 

Kapitel 9

 

Der Unterschied zwischen dem wahren und dem falschen Israel (9,1-13)

    1 Ich sage die Wahrheit in Christo und lüge nicht, des mir Zeugnis gibt mein Gewissen in dem Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. 3 Ich habe gewünscht, verbannt zu sein von Christus für meine Brüder, die meine Verwandten sind nach dem Fleisch, 4 die da sind von Israel, welchen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißung; 5 welcher auch sind die Väter, aus welchen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit! Amen.

    6 Aber nicht sage ich solches, dass Gottes Wort darum aus sei. Denn es sind nicht alle Israeliten, die von Israel sind; 7 auch nicht alle, die Abrahams Same sind, sind darum auch Kinder, sondern: In Isaak soll dir der Same genannt sein. 8 Das ist, nicht sind das Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind, sondern die Kinder der Verheißung werden für Samen gerechnet. 9 Denn dies ist ein Wort der Verheißung, da er spricht: Um diese Zeit will ich kommen, und Sara soll einen Sohn haben.

    10 Nicht allein aber ist’s mit dem also, sondern auch, da Rebecka von dem einigen Isaak, unserem Vater, schwanger wurde; 11 ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, auf dass der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl, wurde zu ihr gesagt, 12 nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnaden des Berufes, also: Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren, 13 wie denn geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst.

 

    Die Verwerfung der Juden macht traurig (V. 1-5): Der Apostel hat den ersten Teil seines Briefes, die positive Darlegung seines Evangeliums, abgeschlossen. Er eröffnet nun einen völlig neuen Abschnitt, indem er sich einigen praktischen Problemen widmet, die mit der Lehre des Evangeliums von der Erlösung durch Christus Jesus verbunden sind. Die Wahrheit, die ich in Christus sage, lüge ich nicht. Es ist eine sehr feierliche und nachdrückliche Beteuerung in einer Angelegenheit, die ihm sehr am Herzen liegt. Er spricht die Wahrheit in dem, dessen Herrschaft und Regierung er in allen Lebenslagen angenommen hat, und setzt damit seine Gemeinschaft mit Christus in die Praxis um: Nicht nur als ehrlicher Mensch, sondern als Christ und als Diener Jesu Christi sagt er die Wahrheit, beweist er den Glauben seines Herzens. Und um die Wahrheit seiner Aussage noch mehr zu unterstreichen, bekräftigt er, dass sein Gewissen mit seinen Worten im Heiligen Geist Zeugnis ablegt. Paulus ist sich der Tatsache voll bewusst und sicher, dass sein Gewissen in diesem Fall nicht irrt, dass der Heilige Geist selbst sein Führer in dieser Sache ist und dass das Zeugnis seines Gewissens somit ganz und gar zuverlässig ist. Der Inhalt seiner feierlichen Behauptung ist zunächst einmal: Ich habe große Schwere und beständigen Kummer in meinem Herzen. Er trägt eine schwere Last von Kummer und Schmerz, die sein Herz in große Bedrängnis bringt. Er konnte kaum Worte finden, die stark genug waren, um sein Gefühl auszudrücken. Denn er war alles andere als ein gleichgültiger Beobachter des zeitlichen und geistlichen Leids, das über seine Landsleute hereinbrechen sollte. Er drückt nun seine grenzenlose Liebe zu seinen jüdischen Brüdern mit den allerschärfsten Worten aus: Ich könnte wünschen, dass ich selbst für meine Brüder ein Fluch wäre, weg von Christus, anstelle meiner Brüder, meiner Verwandten nach dem Fleisch. Bis zu diesem Extrem wäre Paulus bereit zu gehen, wenn es dem Willen Gottes entspräche, wenn die Sache erlaubt, möglich, angemessen wäre. Sein eigenes Seelenheil ist Paulus bereit, aufs Spiel zu setzen, um den Fluch und das Verderben, das den Juden, seinen Verwandten dem Fleische nach, droht, zu ersetzen. Paulus ist hier, wie Mose vor ihm, 2. Mose 32, 32, bereit, seine Seele als Lösegeld für die Seelen seines Volkes zu geben, und zeigt damit eine fast unglaubliche Kraft, Tiefe und Glut der Liebe, die weit über das gewöhnliche Mitgefühl hinausgeht. Das Innerste seines Wesens wurde durch seine liebevolle Zuneigung zu den Menschen seines eigenen Volkes erschüttert.

    Paulus zählt nun einige Vorzüge seines Volkes auf, die es uns ermöglichen, die Glut seiner Liebe zu ihnen und die Tiefe seines Schmerzes über ihren Ausschluss vom Heil in Christus zu ermessen: Sie sind Israeliten, ausgezeichnet und geehrt durch den Namen, den der Engel des Herrn dem Patriarchen Jakob gegeben hat, 1. Mose 32,20, worauf sie sehr stolz waren. Sie waren Söhne: Sie waren von Gott auserwählt, sein Volk in einem besonderen Sinne zu sein, Hos. 11,1; 2. Mose 4,22.23; 19,5, „auserwählt, die Empfänger besonderer Segnungen zu sein und in einer besonderen Beziehung zu Gott zu stehen“. Zu ihnen gehörte die Herrlichkeit des Herrn, jene einzigartige Manifestation der Gegenwart Gottes, nach der Gott inmitten seines Volkes mit seiner barmherzigen Gegenwart lebte, 2. Mose 40,34; 29,43; 3. Mose 16,2; 1. Kön. 8,11. Sie hatten die Bündnisse oder Testamente. Gott hatte wiederholt einen förmlichen Bund mit den Patriarchen geschlossen und ihnen ausdrücklich zugesichert, dass er ihr Gott und der Gott ihrer Nachkommen sein würde. Ihr Vorrecht war die Übergabe des Gesetzes, die feierliche und eindrucksvolle Erklärung des göttlichen Willens vom Berg Sinai, eine Auszeichnung, auf die die Juden besonders stolz waren. Ihnen gehörte auch der Gottesdienst, das ganze Ritual, die schöne und eindrucksvolle Form des Gottesdienstes in der Stiftshütte und im Tempel. Zu ihnen gehörten die Verheißungen des Messias und seiner Erlösung; sie waren in ihrer Mitte von ihren eigenen Propheten empfangen worden. Zum jüdischen Volk gehörten auch die Väter, die Stammväter des Messias, von denen Jesus, der von der Jungfrau Maria, einer echten Jüdin, geboren wurde, seine menschliche Natur annahm. Dies war wahrlich das größte Privileg und die größte Auszeichnung, wie der heilige Paulus in seiner Doxologie hervorhebt: Der über alles Gott ist, gepriesen in Ewigkeit. Amen. Jesus Christus, wahrer Mensch, geboren als Angehöriger des jüdischen Volkes, ist zugleich Gott über alles, wahrer Gott von Ewigkeit, mit seiner allmächtigen Macht, die sich über die ganze Welt, über alle Geschöpfe erstreckt. Und als solcher gebührt ihm die Ehre, die Gott zuteil wird, Segen und Herrlichkeit in alle Ewigkeit, für immer und ewig. Zu dieser Erklärung sagen wir Amen, denn sie ist wahr. Man beachte, dass die Gottheit Christi hier mit größtem Nachdruck bekräftigt und hervorgehoben wird, ebenso wie im gesamten Johannesevangelium und in anderen Stellen der Heiligen Schrift, Phil. 2,6; Kol. 2,9: Eph. 5,5; 2. Thess. 1,12; Tit. 2,13. beachte auch, dass die großen Vorrechte und Vorteile, die der heilige Paulus hier aufzählt, eine ausreichende Erklärung für die Glut seiner Liebe bieten. Er war alles andere als ein Feind seines Volkes: Seine Fürsorge war von aufrichtiger Zuneigung getragen.

 

    Die Verheißungen Gottes gelten sich auf die geistlichen Nachkommen Abrahams (V. 6-9): Nach dem, was der Apostel in den ersten Versen des Kapitels gesagt hatte, könnten die Juden argumentieren, dass er genau die Verheißungen Gottes beiseite schob, die er gerade als Vorrecht der Israeliten erwähnt hatte. Er fährt daher fort zu zeigen, dass die Ablehnung des jüdischen Volkes nicht beweist, dass die ihnen gegebenen Verheißungen Gottes nicht erfüllt werden. Er macht deutlich, was er meint: Aber ich will nicht sagen, dass das Wort Gottes zu Boden gefallen ist, ins Leere gegangen ist. Die Verheißung Gottes, dass Israel das Volk Gottes und der Träger der Prophezeiung über Christus sein sollte, sei weiterhin gültig und verlässlich. Der Prophet von Nazareth war auch der Retter Israels, er sollte allen Kindern Abrahams gegeben werden. Und das äußere Israel ist ein Fluch und ein Greuel vor dem Herrn geworden. Diesen scheinbaren Widerspruch löst Paulus nun auf: Denn nicht alle, die aus Israel sind, die durch fleischliche Abstammung und Verwandtschaft zum jüdischen Geschlecht gehören, sind wirklich Israel in dem Sinne, in dem Gott den Ausdruck gebraucht: gemeint sind die geistlichen Nachkommen Israels, die, die dem Patriarchen in seinem Glauben gefolgt sind. Auch die, die der Same sind, die Kinder Abrahams nach dem Fleisch, sind nicht alle Kinder in Wahrheit und von Gott als solche anerkannt; sondern: In Isaak soll dein Same genannt werden, 1. Mose 21,12; nach Isaak soll dein Same genannt werden; die Nachkommen Isaaks sind, wörtlich genommen, als die wahren Kinder Abrahams zu betrachten. Eine rein fleischliche Abstammung von den Patriarchen kann nicht als Grundlage für eine Prahlerei dienen, denn Ismael wurde trotz seiner natürlichen Abstammung von Abraham verworfen, und deshalb kann Gott auch die Juden verwerfen, obwohl sie ihre Abstammung auf Abraham zurückführen können.

    Neben dem geschichtlichen Beweis, den Paulus soeben angeführt hat, stellt er nun die geistliche Bedeutung heraus, die in der Verheißung Gottes an Abraham enthalten ist: Das heißt: Nicht die Kinder des Fleisches, die nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur geboren werden, sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden zum Samen gerechnet, als die wahren Nachkommen Abrahams. Denn so lautet das Wort der Verheißung: Nach dieser Zeit, der Zeit, die der Lauf der Natur erfordert, werde ich kommen, und Sara wird einen Sohn haben. Rein historisch betrachtet, könnten diese Worte, 1. Mose 18,10, bedeuten, dass Isaak aufgrund einer besonderen Verheißung geboren wurde. Aber der Apostel bezieht hier den weiteren, geistlichen Sinn mit ein. Die Kinder der Verheißung sind diejenigen, die die Verheißung, die Prophezeiung und Botschaft des Messias, durch den Glauben angenommen haben, Gal. 4,24-28; in diesem Sinne ist Isaak der Typus der geistlichen Kinder der Verheißung, derer, die durch die Annahme der göttlichen Verheißung in Christus Jesus Kinder Gottes geworden sind, die Gläubigen aller Zeiten. Die Tendenz der Argumentation des Paulus ist also, dass Gott, so wie er einen Unterschied zwischen den Kindern, den Nachkommen Abrahams, gemacht hat, immer noch unterscheidet: Die Tatsache, dass viele Menschen, die große Mehrheit der Juden, das Evangelium nicht annehmen und von Gott verstoßen werden, beweist ebenso wenig, dass die Verheißung gescheitert ist, wie die Tatsache, dass Gott früher nur Isaak erwählte und Ismael beiseite ließ.

 

    Ein zusätzliches Beispiel für Verwerfung (V. 10-13): Um seine Aussagen zusätzlich zu bekräftigen! Paulus führt ein weiteres Beispiel aus der Geschichte der Patriarchen ein: Aber nicht nur dieses. Das eben zitierte Beispiel ist nicht das einzige; auch Rebekka liefert einen Beweis für den fraglichen Punkt. „Im ersten Fall könnte man annehmen, dass Isaak deshalb auserwählt wurde, weil er der Sohn von Sara, einer freien Frau, und der rechtmäßigen Ehefrau Abrahams war, während Ismael der Sohn einer Magd war.“ (Hodge.) Aber hier würde eine solche Annahme nicht zutreffen. Denn Jakob und Esau hatten einen Vater und eine Mutter und waren Zwillingssöhne, Kinder von derselben Empfängnis und Geburt. Es gab also, menschlich gesprochen, nur einen Punkt, in dem eine Bevorzugung möglich war, und zwar aufgrund des Rechts des Erstgeborenen. Aber genau dieser Faktor wurde von Gott außer Acht gelassen, als er zu Rebekka sagte: „Der Größere, der Ältere, soll dem Kleineren, dem Jüngeren, dienen“ (1. Mose 25, 21-26). Durch den Willen Gottes und durch seine Macht erhielt Jakob, der Jüngere, der die jüdische Nation repräsentierte, die Verheißung Gottes und wurde zum Träger der messianischen Prophezeiung, während Esau, der Ältere, der die Edomiter repräsentierte, nicht zum auserwählten Volk Gottes gehörte. Diese allgemeine Aussage über die Vorliebe Gottes und seine bewusste Auswahl wird durch drei modifizierende Sätze erläutert und in Beziehung zur Argumentation des Apostels gesetzt. Der erste lautet: Denn obwohl sie noch nicht geboren waren, hatten sie weder etwas Gutes noch etwas Böses getan. Dies dient der Information von Menschen, die mit der Situation nicht vertraut waren und daher denken könnten, dass die Entscheidung Gottes durch die Handlungen der beiden Söhne bestimmt wurde. Gott berücksichtigte in keiner Weise den natürlichen Zustand oder das Verhalten von Esau und Jakob. Die zweite Erklärung lautet: Dass der Beschluss Gottes nach der Wahl bestehen bleiben könnte. Gott hatte zu Rebekka gesagt, dass der Ältere dem Jüngeren dienen würde, damit der Vorsatz Gottes nach der Auserwählung bestehen bleibt, erfüllt und verwirklicht wird. Gott war fest entschlossen, Jakobs Nachkommen als sein Volk anzunehmen und ihnen seine Urteile und Zeugnisse zu offenbaren, nach denen der Retter der Welt aus Jakob hervorgehen sollte. Es handelte sich um eine Auswahl oder Wahl; Gott wählte den jüngeren Sohn Rebekkas für seine Zwecke aus. Jakob, nicht Esau, sollte der Stammvater des Volkes Gottes sein, er sollte die Verheißung des Erbes weitergeben, er sollte der Vorfahre des Erlösers selbst sein. Der dritte Modifizierungssatz lautet: Nicht aus Werken, sondern aus dem, der berufen hat. Die Aussage Gottes gegenüber Rebekka erfolgte nicht aufgrund von Werken, nicht in Anbetracht eines künftigen besseren Verhaltens des jüngeren Sohnes, sondern allein aufgrund dessen, der berufen hat, denn Gott hat in seiner souveränen Freiheit beschlossen, Jakob zum Träger der Verheißung zu machen; durch seine Worte an die Mutter hat Gott Jakob in sein Amt als Patriarch eingesetzt. Und die Berufung Jakobs war die Folge, die Verwirklichung der Erwählung Gottes.

    Die so herausgestellte Wahrheit wird durch einen Abschnitt aus den Schriften des Alten Testaments weiter bestätigt: Jakob habe ich geliebt, Esau aber habe ich gehasst, Mal. 1,2.3. Die besondere Auszeichnung, die Jakob nach dem souveränen Willen Gottes zuteil wurde, wurde Esau verwehrt. Die Schrift spricht hier in Übereinstimmung mit der Art und Weise, wie ein Mensch die Situation beurteilt; bei den Menschen wäre eine solche Behandlung, wie sie hier beschrieben wird, die Folge von Liebe und Hass; bei Gott ist es die Manifestation gnädiger Liebe im einen Fall und die Vorenthaltung derselben im anderen Fall. Gott hat Jakob und seinen Nachkommen das Vorrecht seiner Offenbarung und seiner Gegenwart verliehen, wonach er die Juden als sein Volk angenommen und ihnen sein Wort und seine Verheißung anvertraut hat. Der gesamte Abschnitt bezieht sich also nicht auf die Erwählung aus Gnade zum Heil, sondern nur auf die relative Stellung der Israeliten und der Edomiter gegenüber der Heilsgeschichte. Sowohl Ismael als auch Esau können sehr wohl gerettet worden sein; es gibt keine Stelle in der Heiligen Schrift, die uns zwingt, ihre endgültige Verdammung anzunehmen. Aber die allgemeine Tendenz der Argumentation des Paulus bleibt bestehen und wird durch diesen historischen Hinweis bestätigt. Dass Esau vom Erbe der Verheißung ausgeschlossen wurde, ist ein Beweis dafür, dass nicht alle Israeliten, die von Abraham abstammen, Israeliten im wahren Sinne des Wortes sind. Und so wie Jakob von Gott zu seiner herausragenden Stellung in der Heilsgeschichte auserwählt wurde, ohne dass er sich irgendetwas verdient oder verdient hätte, so werden die geistlichen Kinder Gottes, die Gläubigen, aus der Mitte der erlösten Menschheit durch die barmherzige Wahl Gottes auserwählt.

 

Die göttliche Souveränität und ihr Ergebnis (9,14-33)

    14 Was wollen wir denn hier sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! 15 Denn er spricht zu Mose: Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich. 16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. 17 Denn die Schrift sagt zu Pharao: Eben darum hab’ ich dich erweckt, dass ich an dir meine Macht erzeige, auf dass mein Name verkündigt werde in allen Landen. 18 So erbarmt er sich nun; welches er will, und verstockt, welchen er will.

    19 So sagst du zu mir: Was beschuldigt er denn uns? Wer kann seinem Willen widerstehen? 20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst?  Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so? 21 Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen zu machen ein Fass zu Ehren und das andere zu Unehren?

    22 Deshalb, da Gott wollte Zorn erzeigen und kundtun seine Macht, hat er mit großer Geduld getragen die Gefäße des Zorns, die da zugerichtet sind zur Verdammnis, 23 auf dass er kundtäte den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er bereitet hat zur Herrlichkeit, 24 welche er berufen hat, nämlich uns, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. 25 Wie er denn auch durch Hosea spricht: Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war, und meine Liebe, die nicht die Liebe war. 26 Und soll geschehen, an dem Ort, da zu ihnen gesagt ward: Ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden. 27 Jesaja aber schreit für Israel: Wenn die Zahl der Kinder von Israel würde sein wie der Sand am Meer, so wird doch das Übrige selig werden; 28 Denn es wird ein Verderben und Steuern geschehen zur Gerechtigkeit, und der HERR wird dies Steuern tun auf Erden. 29 Und wie Jesaja davor sagt: Wenn uns nicht der HERR Zebaoth hätte lassen Samen überbleiben, so wären wir wie Sodom worden und gleichwie Gomorra.

    30 Was wollen wir nun hier sagen? Das wollen wir sagen: Die Heiden, die nicht haben nach der Gerechtigkeit gestanden, haben die Gerechtigkeit erlangt; ich sage aber von der Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. 31 Israel aber hat dem Gesetz der Gerechtigkeit nachgestanden und hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen. 32 Warum das? Darum, dass sie es nicht aus dem Glauben, sondern als aus den Werken des Gesetzes suchen. Denn sie haben sich gestoßen an den Stein des Anlaufens, 33 wie geschrieben steht: Siehe da, ich lege in Zion einen Stein des Anlaufens und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.

 

    Antwort auf einen ernsten Einwurf (V. 14-18): Welche Schlussfolgerung sollen wir aus dem Argument ziehen, das im ersten Teil des Kapitels dargelegt wird? Der Apostel macht sich bereit, einem Einwand zu begegnen, den er nicht nur von Seiten der Juden, sondern von Seiten jedes Menschen, der diese Worte lesen könnte, vorwegnimmt, nämlich dass die souveräne Freiheit Gottes im Grunde ungerecht sei. Er zeigt, dass Gott in seiner souveränen Entscheidung nicht ungerecht handelt, denn er beansprucht für sich in der Heiligen Schrift die Freiheit, sowohl zu begünstigen als auch zu verstocken, wie er will. Mit Entsetzen weist der Apostel daher die Unterstellung zurück: Wir können doch nicht behaupten, dass es bei Gott Ungerechtigkeit gibt? Keineswegs! Die Prinzipien, die der souveräne Gott für sein eigenes Handeln wählt, können nicht ungerecht sein, auch wenn unser schwacher menschlicher Verstand dazu neigen sollte, diesen Schluss zu ziehen. Und der Apostel zitiert eine Stelle aus dem feierlichen Gespräch Gottes mit Mose, 2. Mose 33,18.19, um seine Behauptung zu beweisen. Gott sagte dort zu Mose: Barmherzigkeit will ich erweisen, wem ich Barmherzigkeit erweisen will, und Erbarmen will ich haben, wem ich Erbarmen geben will. Die Barmherzigkeit und das Erbarmen Gottes haben ihre Grundlage allein in Gott, in seiner Barmherzigkeit und seinem Erbarmen; sie hängen allein von seinem eigenen souveränen Willen ab; er ist niemandem außer sich selbst verantwortlich; er muss niemandem außer sich selbst Rechenschaft ablegen; er ist niemandem gegenüber verpflichtet. Es ist wichtig zu beachten, dass diese Worte im Fall von Mose gesprochen wurden, denn in seinem Fall, wenn auch in dem jedes anderen Menschen auf der Welt, hätte sich der Herr veranlasst sehen können, eine Ausnahme zu machen. Da aber in seinem Fall die gleiche Regel galt wie bei allen anderen Menschen, schließt Paulus: Es liegt also nicht an dem, der will, noch an dem, der läuft, sondern an Gott, der Barmherzigkeit erweist. Die barmherzige Anwendung des Erbarmens Gottes hängt keineswegs von den Bemühungen und Anstrengungen der Menschen ab, sondern allein von Gott. Und was Gott auf diese Weise für richtig und gut erklärt, ist demnach auch richtig und gut. Der Apostel stützt sich auf zwei Voraussetzungen, nämlich darauf, dass die Schrift, aus der er zitiert, das Wort Gottes ist, und dass keine Tat Gottes eigentlich ungerecht sein kann. Und damit hat er alle Einwände entkräftet.

    Aber Paulus ist noch nicht zufrieden. Er will auch am Beispiel eines Menschen, der Gottes Zorn und Unwillen erfahren hat, zeigen, dass es bei Gott keine Ungerechtigkeit und kein Unrecht gibt. Denn die Schrift sagt zu Pharao, 2. Mose 9,16: Dazu habe ich dich aufstehen, hervortreten, in der Geschichte erscheinen lassen, damit ich an dir meine Macht zeige und mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde. Das war der Grund, warum der Pharao der Heiligen Schrift auf der Bühne der Geschichte erschien, damit er ein Beispiel für die Offenbarung der Macht Gottes sei, der Macht, die fähig ist, die Vernichtung hartnäckiger Sünder zu bewirken. Und nachdem dieser Plan Gottes in Erfüllung gegangen war, 2. Mose 9,15-17, wurde der Bericht über die Bestrafung des Pharaos und die Befreiung der Kinder Israels weit und breit unter den Heidenvölkern verbreitet und diente dazu, das Gericht und die Gerechtigkeit, die Herrlichkeit Gottes zu begründen. Und so schließt Mose, indem er Pharao als Typus für die verstockten Sünder nimmt: Gott ist also gnädig, wem er will, aber wen er will, den verhärtet er. Das Beispiel des Pharao zeigt die schreckliche Wirkung der Selbstverhärtung. Gott hat Gedanken der Gnade und Barmherzigkeit gegenüber allen Menschen, er will ernsthaft das Heil aller Menschen. Er bietet seine Gaben der Barmherzigkeit ausnahmslos allen an, 1. Tim. 2,4; Röm. 11,32; Hes. 33,11. Gott hatte seinen Ruf auch auf den Pharao ausgedehnt; er sandte seine Boten zu ihm, er flehte ihn an, er züchtigte ihn, um ihn auf den Weg der Buße und der Gerechtigkeit zu führen. Aber der stolze König weigerte sich, auf jedes Angebot zu hören; er wandte sich absichtlich von den Versuchen Gottes ab, seine Füße auf den Weg des Friedens zu lenken. Und so überließ Gott ihn schließlich seinem bösen Willen und seiner Absicht; er zog seine Hand, seine rettende Gnade, von ihm zurück. Das war das Urteil, durch das das Herz des Pharao verstockt wurde.[19]

 

    Den argumentierenden Widersacher zur Ruhe bringen (V. 19-21): Paulus führt hier den Einwand nicht eines demütigen Wahrheitssuchers ein, sondern eines wahrhaft modernen Fehlersuchers, der auf seinen Intellekt und seine Logik stolz ist. Wenn er hört, dass Gott seine gnädige Hand von dem verstockten Sünder zurückzieht, könnte er fragen: "Warum findet Gott immer wieder Fehler? Wer wird sich seinem erklärten Willen widersetzen? Der gotteslästerliche Einwender bringt den Gedanken vor, dass Gott, wenn er allen Menschen ernsthaft seine Gnade und Barmherzigkeit offenbaren wollte, dies sicherlich tun könnte. Und wer könnte ihm widerstehen? Die Antwort ist naheliegend: Keiner! Wenn Gott seine souveräne Majestät und Herrlichkeit bei der Ausführung eines Werkes einsetzt, wird seine allmächtige Kraft den Versuch immer zu einem erfolgreichen Abschluss bringen. Aber Gott beschließt nicht, auf diese Weise mit den Menschen umzugehen, wenn es um ihre Erlösung geht. Er wirkt durch die Mittel des Evangeliums und der Sakramente, ohne willkürliche Anwendung seiner souveränen Macht. Wenn also ein Mensch die Mittel der Gnade konsequent ablehnt und sich weigert, auf alle Versuche Gottes zu hören, wie auch immer sie aussehen mögen, dann wird seine Selbstverhärtung zu Recht durch den Entzug der Gnade Gottes bestraft, und er hat sich seine Verdammnis selbst zuzuschreiben. Gott ist nicht für das Böse verantwortlich, und die Schuld an der Verstockung eines Menschen kann ihm nicht angelastet werden.

    Der Apostel wählt daher nicht einmal den Weg, um den Irrtum und die Torheit des gegnerischen Arguments aufzuzeigen, sondern stellt eine Gegenfrage, die eine deutliche Rüge für den respektlosen Geist enthält, mit dem die Menschen über die Taten Gottes urteilen: Ja, Mensch, wer bist du, der Gott antwortet? Wie kann ein einfacher Mensch es wagen, Gott zur Rechenschaft zu ziehen oder seine Gerechtigkeit in Frage zu stellen? Die Unbedeutsamkeit und Schwäche des Menschen im Vergleich zur Vollkommenheit des großen Gottes ist so groß, dass selbst der Verdacht, er sei in irgendeiner Weise der Ungerechtigkeit schuldig, eine Unverschämtheit und Anmaßung ist. Das Geformte wird doch nicht zu dem, der es geformt hat, sagen: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat der Töpfer nicht Macht über den Ton, aus demselben Klumpen oder derselben Masse das eine Gefäß zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen? Der Apostel stellt seinen Gegner vor die Alternative, entweder die absolute Autorität Gottes in der Stille anzuerkennen oder die absurde Behauptung aufzustellen, der Töpfer habe keine Macht über den Ton, aus dem er Gefäße formt. Das Bild, das der Apostel verwendet, findet sich häufig im Alten Testament und in ähnlichen gedanklichen Zusammenhängen, Jes. 29,16; 45,9; 64,7; Jer. 18,6. Allein der Gedanke, dass ein vom Töpfer hergestelltes Gefäß sich gegen die Form und den Verwendungszweck, für den es bestimmt ist, wehren sollte, erscheint so töricht, dass eine Antwort nicht nötig ist. Genauso unsinnig ist es aber nach der Argumentation des Paulus, dass irgendein Mensch in der Welt Gott für die Art und Weise, wie er die Welt regiert, zur Rechenschaft zieht. Gott hat als Schöpfer und Herrscher das Recht, sich zu erbarmen, mit wem er will, und zu verstocken, wen er will, in dem oben dargelegten Sinne. Der Apostel geht nicht über diese Tatsache hinaus, noch begibt er sich in den Bereich der Spekulation. Er will nicht, dass daraus Schlüsse gezogen werden, die zur Rebellion verleiten. Anmerkung: Für einen Christen ist es nicht nur Zeitverschwendung, sich in Spekulationen über Lehren zu ergehen, die Gott nicht in seinem Wort offenbart hat, sondern führt sehr oft zu einem falschen Verständnis der Wahrheiten, die in dem unfehlbaren Buch Gottes klar dargelegt sind.

 

    Gott wendet seine Macht zugunsten der Menschen an (V. 22-29): Wenn es sich nur um eine Frage des Rechts Gottes handelt, dann kann die Antwort nur die sein, die Paulus in den Versen 19-21 gegeben hat. Eine ganz andere Frage aber ist die, ob Gott von dieser absoluten Souveränität und Macht im Hinblick auf das ewige Schicksal des Menschen, sein Heil oder seine Verdammnis, Gebrauch macht. Wenn aber Gott, um seinen Zorn zu zeigen und seine Macht bekannt zu machen, die Gefäße des Zorns, die zur Verdammnis bestimmt sind, in großer Langmut ertragen hat -! Werden die vernünftigen Einwände noch aufrechterhalten? Obwohl Gott, indem er das Gericht der Verstockung und Verdammung über die Sünder vollzog, seinen Zorn zeigen und seine Macht kundtun wollte, ertrug er die Gefäße dieses Zorns zuvor mit der größten Geduld. Die Menschen hatten Gottes Zorn auf sich gezogen, sie verdienten das volle Maß seiner Empörung und seines Zorns. Aber der Herr war voller Barmherzigkeit und Langmut; seine Geduld hatte den Zweck, die Sünder zur Umkehr zu führen, 2. Petr. 3,9. Obwohl die Sünder ganz und gar zum Verderben bestimmt waren, hatte Gott doch Geduld mit ihnen; das Maß ihrer Übertretung ist übervoll, und doch gießt Gott nicht die Schalen seines Zorns über sie aus. Er lässt nichts unversucht, um sie zur Vernunft zu bringen. Das ist die andere Seite des Wesens Gottes, in der seine Liebe und Barmherzigkeit zum Tragen kommt. Das ist die Art und Weise, in der sich die Geduld Gottes manifestiert, wie viele Beispiele aus der Geschichte zeigen werden. Und diese Tatsachen entziehen dem Argument des Gegners jede Kraft.

    Aber Gott hatte noch einen zweiten Zweck im Auge, als er die Gefäße des Zorns ertrug: um den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit kundzutun, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat, uns, die er auch berufen hat, nicht nur aus Juden, sondern auch aus Heiden. Die Tatsache, dass Gott im Fall der Gefäße des Zorns eine solche Fülle von Geduld zeigte, hatte übrigens den Zweck, einen Beweis und eine Manifestation seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, den Gläubigen, zu geben, in denen sein herrlicher Plan verwirklicht wird. Indem er die Gläubigen aus der Mitte der Juden und Heiden berief und sie zu Christus bekehrte, hat er sich selbst verherrlicht, Eph. 1,6; sein Werk diente seinem eigenen Lob und seiner Ehre. Denn durch den Ruf Gottes haben die Gefäße der Barmherzigkeit sein Erbarmen empfangen, er hat sie zu Empfängern und Trägern seiner Gnade in Jesus Christus gemacht. Und dasselbe Volk ist im Voraus für die Herrlichkeit des Himmels zubereitet worden, Matthäus 25, 34: Sowohl ihre Berufung als auch ihr Eintritt in die Herrlichkeit ist eine Folge von Gottes Ratschluss der Gnade. So hat Gott sich an den Gefäßen der Barmherzigkeit durch die Offenbarung seiner Gnade verherrlicht und zugleich aus Juden und Heiden ein Volk für sich gesammelt, das hier die Fülle seiner Güte und Barmherzigkeit sieht und genießt und schließlich seine Herrlichkeit in aller Ewigkeit schauen wird.

    Diese Tatsachen untermauert Paulus nun durch einen Hinweis auf die alttestamentlichen Schriften, indem er zunächst ein freies Zitat aus Hosea, Kap. 2,23, anführt, um zu zeigen, dass Gottes Volk auch aus den Heiden gesammelt werden soll: Ich will die, die nicht mein Volk sind, mein Volk nennen, und die, die nicht geliebt sind, Geliebte; und an dem Ort, wo man zu ihnen gesagt hat: Mein Volk seid ihr nicht, da wird man sie Söhne des lebendigen Gottes nennen. Vgl. 1. Petr. 2,10. Obwohl sich der Prophet auf die Wiederzulassung Israels als Volk Gottes bezieht, ist das Zitat des Paulus zugunsten der Aufnahme der Heiden völlig gerechtfertigt, denn die Worte weisen nebenbei auf die Art und Weise hin, in der Gott zu allen Zeiten Fremde in die Gemeinschaft mit ihm aufnimmt. Aus dem Land der Heiden, aus der Mitte der Heiden, aus allen Völkern der Erde wollte der Herr seine Kirche sammeln und sammelt sie zu sich. Er dehnt seine Barmherzigkeit aus, ruft, bekehrt auch die Heiden, macht sie zu den Seinen, damit sie unter ihm in seinem Reich leben und ihm in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit dienen.

    Paulus führt aber auch Zitate an, um seine Aussage zu untermauern, dass Gott die Glieder seiner Kirche aus der Mitte der Juden beruft. Er bezieht sich auf Jes. 10, 22. 23, wo Jesaja über Israel ausruft: Wenn die Zahl der Kinder Israel wäre wie der Sand am Meer, so wird der Überrest gerettet werden; denn das Wort, das Orakel Gottes, wird zu Ende gebracht und in Gerechtigkeit vollendet; denn das Gericht wird schnell vollzogen werden. Es ist ein letztes und entscheidendes Werk, das der Herr im Lande vollbringt, indem er den Überrest Israels inmitten der allgemeinen Zerstörung, die über die hartnäckigen Sünder kommt, rettet. Wenn die große Masse Israels von der Flutwelle des göttlichen Vernichtungsgerichts getroffen wird, wird der Herr einen Überrest retten und einige wenige von ihnen zur Erkenntnis ihres Erlösers, des wahren Messias, führen. Das zweite Zitat aus Jesaja, Kap. 1, 9, steht in wörtlicher Übereinstimmung mit der griechischen Übersetzung: Hätte der Herr von Sabaoth uns nicht einen Samen gelassen, so wären wir wie Sodom geworden und hätten uns wie Gomorra verhalten. Über die große Mehrheit des jüdischen Volkes wurde das Gericht Gottes von der Zeit Jesajas bis zur endgültigen Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. ausgegossen. Nach menschlichem Ermessen wäre das Ende die Vernichtung der jüdischen Rasse gewesen, wie das Schicksal, das Sodom und Gomorrha ereilte. Aber der Herr bewahrte sich einen Samen, einen entkommenen Teil, einen Überrest, der für die Zukunft gerettet wurde, die kleine Schar der wahren Israeliten, die Jesus als ihren Erlöser annahmen. Und so hat der Herr, wie Paulus behauptet, die Seinen sowohl aus den Heiden als auch aus den Juden auserwählt und sie zu sich selbst in seine Kirche versammelt. Deshalb muss auch jeder Einwand gegen das Werk Gottes zurückgenommen werden, jede Beleidigung muss als falsch und töricht anerkannt werden. Die hier dargelegten Tatsachen sind dazu bestimmt, alle falschen Vorstellungen von Gott zu beseitigen. Wenn wir uns nur die Liebe und Barmherzigkeit Gottes vor Augen halten, wie wir sie so reichlich erfahren haben, dann wird das einzige Gefühl, das in unseren Herzen zu finden ist, ein Gefühl der Freude und Dankbarkeit über die Wunder der Gnade Gottes sein, die uns täglich gezeigt werden.

 

    Der Schluss (V. 30-33): Der Apostel hatte gezeigt, dass Gott seine Kirche baute, indem er die Seinen aus den Heiden und aus einem kleinen Rest Israels berief, während die große Mehrheit des jüdischen Volkes, die Nation als solche, verworfen wurde. Welche Schlussfolgerung ist aus diesen Tatsachen zu ziehen, die genau mit den Prophezeiungen übereinstimmten? Paulus bringt die Antwort in Form eines Paradoxons, in dem die Worte wie ein Widerspruch klingen: Die Heiden, die der Gerechtigkeit nicht nachgefolgt sind, haben die Gerechtigkeit erlangt, aber die Gerechtigkeit des Glaubens. Die Heiden versuchten nicht, durch das Halten des Gesetzes vollkommen zu werden, sie kümmerten sich nicht um die Gerechtigkeit des Lebens, wie sie das heilige Gesetz Gottes verlangt. Aber im Wort des Evangeliums wurde ihnen die Gerechtigkeit vor Augen gestellt, nicht dass sie heilig und vollkommen gemacht wurden, sondern dass ihnen die Gerechtigkeit durch den Glauben geschenkt wurde. Gott bewirkte durch das Evangelium den Glauben in ihren Herzen, und durch diesen Glauben ergriffen sie die Gerechtigkeit; Gott erklärte sie für gerecht, er sah sie an, als seien sie vollkommen rein und gerecht. Und diese Tatsache erwähnt der Apostel, um den Zustand der Juden zu betonen. Aber Israel, das nach dem Gesetz der Gerechtigkeit strebte und es ernsthaft suchte, hat dieses Gesetz nicht erreicht. Die Juden hatten das mosaische Gesetz, und sie glaubten, sie könnten dieses Gesetz vollkommen erfüllen und so die Gerechtigkeit erlangen, die sie vor Gott durch ihre Werke annehmbar machen würde. Aber alle diese Bemühungen erwiesen sich als vergeblich; Israel wurde den Anforderungen des Gesetzes nicht gerecht, es konnte den Anforderungen, die es anstrebte, nicht gerecht werden. Es gelang den Juden, eine äußere Fassade des rechten Lebens zu erwerben, aber die wahre geistige Erfüllung des Gesetzes erreichten sie nicht. Da aber die vollkommene Gerechtigkeit eine Bedingung für die Erlösung ist, folgten die Verwerfung der Juden, der Zorn und die Verdammung, ganz selbstverständlich.

    Und der Zusammenhang wird in den letzten Versen deutlich gemacht. Warum ist Israel nie so weit gekommen, dass es in vollkommener Übereinstimmung mit dem Gesetz war? Warum ist es den Juden nicht gelungen, die Gerechtigkeit zu erlangen? Weil sie sie nicht durch den Glauben erlangten, sondern, wie man zu sagen pflegt, als ob sie sie durch Werke des Gesetzes erlangen könnten. Da das Gesetz für die Bedürfnisse der Sünder unzureichend war, hatte Gott eine Methode der Rechtfertigung vorgeschlagen, die allein für Sünder geeignet war. Aber das wussten sie nicht; sie lehnten die vollkommene Gerechtigkeit ab, die für sie vorbereitet war, und weigerten sich, das Evangelium von Jesus Christus anzunehmen. Und so stolperten sie über den Stein des Anstoßes, den Messias selbst; wie vorhergesagt, nahmen sie Anstoß an dem Heilsplan, der in Jesus Christus offenbart und durch sein stellvertretendes Opfer ermöglicht wurde. Sie sind über ihn gestolpert und dadurch zu Fall gekommen. Und so erfüllte sich die Prophezeiung Jesajas, Kap. 28,16; 8,13-15, deren Inhalt Paulus kurz wiedergibt: Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses, und wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden. Der kostbare Stein, den der Herr als Fundament und Eckstein in seinen geistlichen Tempel gelegt hat, ist Jesus, die einzige Quelle des Heils. Aber Israel hat die Erlösung durch diesen Messias abgelehnt, und deshalb ist er für das ungehorsame, ungläubige Volk ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses geworden. Das ist das Urteil Gottes über die willentlichen Verächter seiner Gnade und seiner Heilsmethode: Sie nehmen Anstoß an Christus und dem Evangelium und werden so schließlich an einen Punkt gebracht, an dem sie die Erlösung nicht mehr annehmen können und der Verdammung und dem Verderben preisgegeben sind. Anmerkung: Wer den Plan und die Methode der Erlösung, die Gott vorschlägt, ablehnt und versucht, durch seine eigenen Werke und die Erfüllung des Gesetzes Gerechtigkeit zu erlangen, wird sich in der Lage der ungläubigen Juden wiederfinden und ihre Verurteilung teilen.

 

Zusammenfassung: Der Apostel zeigt, dass die Verheißung Gottes an die Patriarchen nicht wirkungslos war, sondern in den geistlichen Kindern Abrahams ihre Verwirklichung gefunden hat; dass Gott zwar die souveräne Macht hat, Barmherzigkeit zu zeigen und zu verstocken, dass er aber tatsächlich große Geduld mit dem ungehorsamen Volk gezeigt und seine Kirche aus Heiden und Juden gesammelt hat, wobei das Volk als solches wegen seiner Ablehnung des Messias verworfen wurde.

 

 

Kapitel 10

 

Die Juden haben ihre Verwerfung selbst verursacht (10,1-21)

    1 Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und flehe auch zu Gott für Israel, dass sie selig werden. 2 Denn ich gebe ihnen das Zeugnis, dass sie eifern um Gott, aber mit Unverstand. 3 Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten, und sind so der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan. 4 Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

    5 Mose schreibt wohl von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt:  Welcher Mensch dies tut, der wird darin leben. 6 Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht so: Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf zum Himmel fahren? (Das ist nichts anderes, als Christus herabholen.) 7 Oder: Wer will hinab in die Tiefe fahren? (Das ist nichts anderes, als Christus von den Toten holen.) 8 Aber was sagt sie? Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Mund und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. 9 Denn so du mit deinem Mund bekennst Jesus, dass er der HERR sei, und glaubest in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig. 10 Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht, und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig.

    11 Denn die Schrift spricht: Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden. 12 Es ist hier kein Unterschied unter Juden und Griechen; es ist aller zumal ein HERR, reich über alle, die ihn anrufen. 13 Denn wer den Namen des HERRN wird anrufen, soll selig werden.

    14 Wie sollen sie aber anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie aber glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie aber hören ohne Prediger? 15 Wie sollen sie aber predigen, wo sie nicht gesandt werden? Wie denn geschrieben steht: Wie lieblich sind die Füße derer, die den Frieden verkündigen, die das Gute verkündigen!

    16 Aber sie sind nicht alle dem Evangelium gehorsam. Denn Jesaja spricht:  HERR, wer glaubt unserm Predigen? 17 So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Gottes. 18 Ich sage aber: Haben sie es nicht gehörte? Zwar es ist je in alle Lande ausgegangen ihr Schall und in alle Welt ihre Worte. 19 Ich sage aber: Hat es Israel nicht erkannt? Der erste Mose spricht: Ich will euch eifern machen über dem, das nicht mein Volk ist, und über einem unverständigen Volk will ich euch erzürnen 20 Jesaja aber darf wohl so sagen: Ich bin gefunden von denen, die mich nicht gesucht haben, und bin erschienen denen, die nicht nach mir gefragt haben. 21 Zu Israel aber spricht er: Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu dem Volk, das sich nicht sagen lässt und widerspricht.

 

    Ihre Weigerung, die Gerechtigkeit Gottes anzunehmen (V. 1-4): Der Apostel setzt den Gedankengang fort, den er in Kap. 9, 30 begonnen hatte. 9,30. Aber er kann nicht weitergehen, ohne der tiefen Trauer Ausdruck zu verleihen, die ihn in dieser Situation bewegt. Er versichert seinen Brüdern, seinen Lesern in der Gemeinde in Rom und anderswo, dass ihm das Heil der Juden ein Anliegen ist, dass er alles andere als Genugtuung über die Notwendigkeit empfindet, von ihrer Verwerfung durch Gott zu sprechen. Sein herzliches und ernsthaftes Verlangen für sie, der höchste Wunsch seines Herzens, der in seinem Flehen zu Gott seinen Ausdruck findet, ist ihre Rettung. Das ist das Ziel, das er vor Augen hat, wenn er vor Gott fleht, wenn er für sie eintritt, damit sie das Heil erlangen. Weit davon entfernt, das Böse in ihrem Verhalten zu übertreiben und hochzuspielen, ist der Apostel vielmehr geneigt, ihnen alles, was an ihrem Verhalten lobenswert sein mag, voll zuzugestehen. Er legt ihnen Zeugnis ab, er ist durchaus bereit, für sie zu bezeugen, dass sie einen Eifer für Gott, gegenüber Gott haben. So viel muss man ihnen zugestehen und zugestehen, dass sie Gott und seiner Ehre nicht gleichgültig gegenüberstehen. Jahrhundertelang hatten sie an der Lehre und dem Kult ihrer Väter, wie sie ihn verstanden, festgehalten und sogar blutige Verfolgungen um Jahwes willen ertragen. Und sie glaubten, dass sie durch dieses Beharren auf den äußeren Formalitäten der Religion das Heil verdienten, Apg. 26,7. Aber trotz all dieser gut gemeinten Bemühungen entsprach ihr Eifer nicht der richtigen Erkenntnis. Ihr Mangel an richtigem Wissen war nicht nur ein intellektueller, sondern auch ein moralischer Fehler. Trotz aller Belehrungen durch die Propheten hielten sie an ihrer äußeren Anbetung fest und weigerten sich, die richtige Erkenntnis Gottes anzunehmen. Sie hielten an einem Gottesdienst fest, wie sie ihn für sich selbst entwickelt hatten, und verwarfen alle anderen Meinungen. Aber der wahre Eifer für Gott und seine Ehre bleibt innerhalb der Grenzen der göttlichen Offenbarung und folgt nicht der menschlichen Meinung.

    Und nun stellt Paulus den Gegensatz zu seinem eigenen Wunsch und Gebet in dem Verhalten der Juden nach ihrer falschen Erkenntnis dar. Denn da sie die Gerechtigkeit Gottes nicht kennen und ihre eigene Gerechtigkeit zu errichten suchen, haben sie sich nicht unter die Gerechtigkeit Gottes gestellt. Statt der richtigen Erkenntnis zeigten die Juden Unwissenheit; statt die wahre Gerechtigkeit zu haben, waren sie gezwungen, ihre eigene hervorzubringen. Gott hat einen Weg gefunden, die Sünder zu rechtfertigen; er hat für sie eine vollkommene Gerechtigkeit vorbereitet: Er bietet ihnen diese Gerechtigkeit im Evangelium an. Aber weil die Juden diese Gerechtigkeit Gottes vorsätzlich ignorieren, weil sie seine Rechtfertigung böswillig ignorieren und entschlossen sind, ihre eigene Werksgerechtigkeit aufzustellen, wollten und haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes, der göttlichen Ordnung und Anordnung für das Heil der Menschen, dem Weg der Rechtfertigung, nicht unterwerfen. Und deshalb wird ihnen all ihr Eifer für Gott nichts nützen, weil sie sich weigern, den einen Weg des Heils zu sehen, nämlich die Annahme der Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben.

    Und Paulus bringt einen weiteren Beweis dafür, dass das Streben nach eigener Gerechtigkeit durch die Befolgung des Gesetzes ein Fehler ist und nicht zum Heil führen kann: Denn das Ende des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. Christus ist das Ende des Gesetzes: Er hat alle seine Forderungen vollkommen und bis ins Detail erfüllt, und deshalb hat das Gesetz in Christus sein Ende, seine Vollendung gefunden. Dass das Gesetz auch in der neutestamentlichen Kirche noch seinen Wert hat, hat der Apostel oben, 3, 20; 7, 7 ff. gezeigt. Das Gesetz, das durch Christus erfüllt ist, kann uns nicht mehr anklagen und verurteilen, denn die volle und vollkommene Gerechtigkeit ist nun vorhanden und bereit für jeden, der glaubt; das ist das Ziel, dass Christus das Ende des Gesetzes ist. Der Mensch braucht nur die Erfüllung des Gesetzes anzunehmen, den vollkommenen Gehorsam, den Christus dem Gesetz geleistet hat, und er wird durch diesen Glauben die Gerechtigkeit Christi besitzen, die ihm in und durch den Akt der Rechtfertigung zugerechnet wird. Und das nicht wegen eines inneren Verdienstes im Glaubensakt, sondern weil er das einzige Mittel ist, die für uns errungene Gerechtigkeit Christi zu erfassen und sich anzueignen. Auf diese Weise ist V. 4. eine Zusammenfassung der gesamten Botschaft des Evangeliums.

 

    Die Universalität der Glaubensgerechtigkeit, bewiesen aus dem Alten Testament (V. 5-10): Der Apostel hatte deutlich gezeigt, dass der Glaube an die von Gott geschenkte Gerechtigkeit zu allen Zeiten eine Voraussetzung für das Heil war. Und nun bringt er Beweise aus dem Alten Testament, die deutlich zeigen, dass Mose die Unterscheidung zwischen den beiden Formen der Gerechtigkeit lehrte. Denn Mose schreibt über die Gerechtigkeit des Gesetzes, 3. Mose 18,5, dass der Mensch, der sie tut, in ihr leben wird. Jeder Mensch, der alle Gebote und Vorschriften des Gesetzes vollkommen hält, wird dadurch das Leben erlangen, das wahre, ewige Leben, 5. Mose 27,26; Gal. 3,10; Jak. 2,10; Luk. 10,28. Das ist die Voraussetzung, die eine Bedingung, von der das Heil abhängt: der vollkommene Gehorsam gegenüber dem Gesetz. Es ist nicht so, als ob je ein Mensch durch das Halten des Gesetzes gerettet worden wäre, und zwar aus dem einfachen Grund, weil seit dem Sündenfall Adams niemand mehr die Vorschriften des Gesetzes erfüllt hat. Die Gerechtigkeit des Gesetzes existiert nicht in Wirklichkeit, sondern ist eine Forderung Gottes an alle Menschen, eine Bedingung für das Heil, so wie Mose sie in der zitierten Stelle beschreibt. Mose beschreibt die Gerechtigkeit des Gesetzes, aber er behauptet nicht, dass sie in irgendeinem Menschen existiert. Wenn ein Mensch die Situation so versteht, wird er an der Gerechtigkeit des Gesetzes verzweifeln und sich der Gerechtigkeit des Glaubens zuwenden, die die einzige Möglichkeit ist, gerettet zu werden.

    Dieser Gegensatz wird in den nächsten Versen deutlich, wo der Inhalt von 5. Mose 30,11-14 in einer freien Wiedergabe wiedergegeben wird. Aber die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben ist, hat folgendes zu sagen: Die Gerechtigkeit, die Gott durch den Glauben zuschreibt, beschreibt ihren eigenen Charakter in Worten, die aus den Schriften des Mose entnommen sind, aber auf die Situation angewandt werden, wie sie durch das Werk Christi geschaffen wurde. Der Rat, den diese Gerechtigkeit gibt, lautet folgendermaßen: Sprich nicht in deinem Herzen: Wer wird in den Himmel hinaufsteigen? oder: Wer wird hinabsteigen in den Abgrund? Dass die Gerechtigkeit des Gesetzes durch Werke unerreichbar ist, hatten die Worte des Mose angedeutet. Aber wie steht es mit der Gerechtigkeit des Glaubens? Niemand sollte auf die Idee kommen oder sich selbst etwas vormachen: Wer wird in den Himmel hinaufsteigen, um Christus vom Himmel herunterzuholen? Wer wird in die Tiefe hinabsteigen, an den Ort der Toten, um Christus von den Toten zu holen? Solche verzweifelten und ängstlichen Nachforschungen sind ganz und gar töricht. Es ist nicht nötig, all diese Mühen auf sich zu nehmen, es ist nicht nötig, Christus aus großer Entfernung zu holen, denn er ist nicht unerreichbar. Im Gegenteil, der Erlöser ist gegenwärtig; Christus ist vom Himmel herabgestiegen, er ist von den Toten auferstanden, um alle Menschen zu erlösen; er hat sein Werk auf Erden getan und die Gerechtigkeit des Gesetzes erfüllt. In und mit Christus ist die vollkommene Gerechtigkeit für alle Menschen erlangt worden. Und deshalb hat die Gerechtigkeit des Glaubens eine kühne und freudige Ermahnung: Nahe bei dir ist das Wort, in deinem Mund und in deinem Herzen: Das ist das Wort des Glaubens, das wir verkünden. An die Stelle Christi, von dem er im ersten Teil seiner Ermahnung gesprochen hat, setzt Paulus das Wort des Evangeliums, das Wort, das ihm zur Verkündigung anvertraut worden war, das Wort des Glaubens, das einfach geglaubt werden sollte, dessen Inhalt, Jesus Christus, durch den Glauben angenommen werden sollte. Christus und sein volles Heil ist immer bei uns gegenwärtig, in der Botschaft des Evangeliums, die verkündet wird, in den Schriften, die gelesen werden, in den Bibeltexten, die auswendig gelernt werden. Und nichts anderes ist nötig als der Glaube an dieses Wort, die Zustimmung zu seinem Inhalt und das Vertrauen auf seine Verheißungen.

    Der Apostel erklärt diese Aussage weiter und wendet sie auf den durchschnittlichen Gläubigen in seinem Leben an: Denn wenn du mit deinem Munde Jesus Christus bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet werden; denn mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit, mit dem Munde aber bekennt man zum Heil. Glaube und Bekenntnis werden hier als die beiden Voraussetzungen für die Errettung genannt. Die Erlösung Jesu ist jedem Menschen in der Welt durch das Wort der Botschaft des Evangeliums so nahe, dass man nur mit dem Herzen zu glauben und mit dem Mund zu bekennen braucht, um aller ihrer Segnungen teilhaftig zu werden. Wenn jemand von Herzen glaubt und mit dem Mund bekennt, dass Jesus der Herr ist und dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, dann hat er den Glauben, der ihm das Heil gibt. Beachten Sie, dass Paulus hier Jesus, den Herrn, als die Zusammenfassung und den Inhalt des Evangeliums, des Glaubens und des Heils, darstellt. Der Gedanke ist für jeden Menschen in der weiten Welt so wichtig, dass Paulus ihn in einem Parallelsatz wiederholt, indem er ein Herz, das zur Gerechtigkeit glaubt, und einen Mund, der zum Heil bekennt, nebeneinander stellt. Der Glaube des Herzens genügt zur Erlangung der Gerechtigkeit, und das Bekenntnis des Mundes genügt zur Erlangung des Heils. Der Glaube des Herzens, wie er im Bekenntnis des Mundes zum Ausdruck kommt, bringt dem Gläubigen Gerechtigkeit und Heil, und kein Werk und kein Verdienst wird dieses Ergebnis haben. So wie das Herz und der Mund zusammen erwähnt werden, so können Glaube und Bekenntnis nicht getrennt werden: Der Glaube muss seinen Ausdruck im Bekenntnis des Mundes finden. "Der Glaube des Herzens, gefolgt vom Bekenntnis des Mundes, führt zur Gerechtigkeit und zum Heil". Paulus spricht von einem wahren und lebendigen Glauben, nicht von einem heuchlerischen Notbehelf und Ersatz. In Christus, im Wort des Heils, hat Gott allen Menschen das Heil gebracht, und er erkennt nur das Vertrauen des Herzens an, das sich durch sein Wirken die Erlösung tatsächlich aneignet und dies vor allen Menschen offen bekennt.

 

    Das Schriftzeugnis für die Rechtfertigung mittels des Glaubens (V. 11-13): Die Form oder Methode des Heils, wie sie im Evangelium gelehrt wird, ist nicht nur der einzige Weg, um in den Himmel zu gelangen, sondern auch die einzige Methode, die auf Juden und Heiden gleichermaßen anwendbar ist: durch den Glauben gerettet zu werden. Paulus untermauert dies mit einem Abschnitt aus der Heiligen Schrift, einem Namen, der durchgehend verwendet wird, um die Sammlung alttestamentlicher Schriften zu bezeichnen, wie sie unter den Juden in Gebrauch war. Es ist eine umfassende, allumfassende Aussage: Wer an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden, Jes. 28,16. Die beiden Gedanken, die der Apostel im Sinn hat, werden hier klar herausgestellt. Wer auch immer, ein jeder, gleich welcher Rasse oder Nationalität er ist, gleich welche Vorgeschichte er hat, es gibt keinen Unterschied. Und jeder, der glaubt: Der Glaube ist das einzige Mittel, um die Segnungen des Heils zu erlangen, er ist die einzige Bedingung für die Annahme durch Gott. Und der Apostel erklärt: Denn es ist kein Unterschied zwischen dem Juden auf der einen und dem Griechen auf der anderen Seite. Was ihre Beziehung zum Heil, zu seiner Notwendigkeit und zu der Methode, es zu erlangen, betrifft, so wird Gott einen jeden annehmen, sobald er glaubt. Denn ein und derselbe, Jesus Christus, ist der Herr aller, ein Besitzer von Reichtümern, von unschätzbaren geistlichen Segnungen und Wohltaten für alle und für alle, die ihn anrufen. Christus ist der Herr und Erlöser aller Gläubigen, und seine Verfügungsgewalt über geistliche Mittel und Reichtümer ist so groß, dass er den Reichtum seiner Gnade an jeden einzelnen und an alle zusammen ausgeben kann, die ihn im Glauben anrufen und ihn als ihren Erlöser anbeten. Denn dass das Heil ihrer Seelen der Gegenstand ihres Gebets ist, geht aus den Worten hervor: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Vgl. Joel 2,32. Den Namen Jahwes anzurufen ist identisch mit dem Anrufen des Namens des Herrn Jesus Christus. Christen rufen den Namen des Herrn Jesus Christus als den Namen Gottes an und beten ihn an. Ihre Anbetung ist eine Frucht, ein Ausdruck ihres Glaubens. Und durch diesen Glauben, der in diesem Bekenntnis zum Ausdruck kommt, ergreifen sie das ewige Heil, sie sind gerettet durch den Herrn, auf den sie ihr Vertrauen gesetzt haben. So hebt der Apostel die Universalität des Heils hervor, die Tatsache, dass es für alle Menschen bestimmt ist und dass das Evangelium deshalb in der ganzen Welt verkündet werden muss.

 

    Dies ist der Gedanke, der nun verbreitet wird, die Notwendigkeit weltweiter Evangeliumspredigt (V. 14-15): Der Apostel erklärt hier, was mit dem Anrufen des Herrn verbunden ist (V. 13). Er hatte erklärt, dass diese Anbetung des Herrn im Glauben eine Bedingung für das Heil ist, und nun führt er diesen Gedanken weiter aus, indem er zeigt, was in diesem Wort des Herrn enthalten ist. Wie ist es möglich, dass sie den anrufen, an den sie nicht glauben? Die Anbetung ist ein Akt des Glaubens; wo also der Glaube nicht vorhanden ist, ist die richtige Anbetung des Herrn ausgeschlossen. Wie ist es ihnen möglich, an den zu glauben, von dem sie nicht gehört haben, oder wo sie nicht gehört haben? Wo die Stimme Christi im Evangelium nicht gehört worden ist, da ist der Glaube ausgeschlossen. Und das führt zur nächsten Frage: Wie aber können sie hören, wenn keiner predigt? Wenn niemand da ist, der das Evangelium verkündet, ist an das Hören der frohen Heilsbotschaft offensichtlich nicht zu denken. Und schließlich: Wie können sie das Evangelium verkünden, wenn sie nicht gesandt worden sind? 1. Kor. 1,17. Wenn der Herr die Prediger des Evangeliums nicht sendet, wenn er die Herzen der Menschen nicht bereit macht, sich auf das Amt vorzubereiten, wenn er seinen Ruf nicht durch die Gemeinde oder die Kirche ausspricht, wie kann dann das Amt versorgt werden? So kommt Paulus durch eine Reihe überzeugender logischer Folgerungen zu dem Schluss, dass die Verkündigung des Evangeliums an alle Menschen Pflicht ist. „Wie die Anrufung den Glauben voraussetzt, wie der Glaube die Erkenntnis, die Erkenntnis die Unterweisung und die Unterweisung den Lehrer, so ist es klar, dass Gott, wenn er will, dass alle Menschen ihn anrufen, Prediger zu allen gesandt hat, deren Verkündigung der Barmherzigkeit, wenn sie gehört wird, geglaubt werden kann und, wenn sie geglaubt wird, die Menschen dazu bringt, ihn anzurufen und gerettet zu werden.“ (Hodge.) Diese Argumentation stimmt genau mit einer Prophezeiung von Jesaja überein, die gegenwärtige Notwendigkeit wird durch den prophetischen Spruch erfüllt, Jes. 52,7: Wie schön sind die Füße derer, die das Evangelium des Friedens verkünden, die das Evangelium der guten Dinge verkünden! Die Füße der Boten des Evangeliums sind schön, weil ihr Kommen erfreulich ist, weil sie eifrig sind, die frohe Botschaft zu bringen. Der Inhalt ihrer Verkündigung ist der Friede, die Versöhnung mit Gott durch Jesus, das Gute, die Fülle der Segnungen Gottes durch das Werk Jesu. Auf diese Weise wird die Aussage des Propheten, der von der Freude spricht, mit der das Kommen der Boten des Evangeliums überall empfangen werden wird, dazu benutzt, die Notwendigkeit der Verkündigung des Evangeliums an alle Menschen zu beweisen.

 

    Glauben und Unglauben in ihrem Verhältnis zum Evangelium (V. 16-21): Paulus hatte erklärt, dass die Verkündigung des Evangeliums sowohl an die Juden als auch an die Heiden dem Willen Gottes entspreche. Da er will, dass alle Menschen gerettet werden, will er auch, dass das Evangelium allen Menschen verkündigt wird. Und das bleibt auch so, obwohl nicht alle Menschen (insbesondere die Juden) dem Evangelium Gehorsam geleistet haben; viele haben seine schöne Botschaft abgelehnt. Und dieses Verhalten wurde auch von Jesaja vorhergesagt, Kap. 53,1: Herr, wer wird unserem Bericht glauben, der Botschaft, die wir verkünden? Der Bericht oder die Botschaft Jesajas, des Evangelisten des Alten Testaments, ist identisch mit der Verkündigung des Evangeliums zu allen Zeiten; und seine Erfahrung stimmt mit der der Apostel und Prediger des Neuen Testaments überein. Es gibt nur wenige, sehr wenige, die bereit sind, der Botschaft ihres Heils Gehör zu schenken. Es ist eine bittere Klage, die der Prophet ausspricht, und zugleich eine schmerzliche Anklage.

    Der Apostel zieht nun eine Schlussfolgerung aus den Worten des Propheten: Der Glaube kommt also durch die Botschaft der Verkündigung. Dort, wo das Evangelium von Jesus Christus verkündet wird, darf man erwarten, dass der Glaube entzündet wird; denn diese Verkündigung ist die Voraussetzung des Glaubens, der Glaube hängt von der Verkündigung des Evangeliums ab. Und die Verkündigung wiederum geschieht durch das Wort Christi. Die Verkündigung geschieht kraft und auf der Grundlage des Wortes und des Befehls Christi, der als Herr der Kirche Apostel und Prediger des Evangeliums aussendet. Die von ihnen überbrachte Botschaft ist somit eine sichere Grundlage des Glaubens. Umso größer ist die Schuld der Juden und aller Ungläubigen, wenn sie sich der von Gott festgelegten Heilsordnung widersetzen, wenn sie Gottes Plan und Vorbereitung für ihre ewige Seligkeit vereiteln.

    Aber der Apostel erhebt hier selbst einen Einwand: Ich aber sage: Haben sie nicht gehört? Es ist doch nicht möglich, dass das Evangelium von Jesus Christus nie zu ihren Ohren gelangt ist. Der Apostel will den Eindruck korrigieren, als habe er zu viel gesagt, als sei seine Annahme falsch, dass alle Juden, auch die außerhalb Palästinas, die Chance gehabt hätten, das Evangelium zu hören. Aber er bestreitet sofort, dass eine solche Entschuldigung für den Unglauben der Juden geltend gemacht werden kann. Nein, im Gegenteil: In alle Lande ist ihr Schall ausgegangen, und bis an die Enden der Erde ihre Worte. Der Apostel kleidet hier sein Argument in die Worte von Ps. 19,5. Der Klang des Evangeliums, die Stimme der Verkündiger des Evangeliums, ist in alle Welt hinausgegangen; selbst zu der Zeit, als Paulus schrieb, war es praktisch in alle Teile des großen römischen Reiches hinausgetragen worden, besonders in die Länder, in denen Juden lebten. Der Name Christi war in der ganzen zivilisierten Welt bekannt. Daher können die Juden ihren Unglauben nicht mit dem Vorwand entschuldigen, sie hätten keine Gelegenheit gehabt, die Botschaft des Evangeliums zu hören.

    Der Apostel, der damit allen Einwänden zuvorkommt und alle Ausreden von vornherein zurückweist, fährt fort: Ich aber sage: Hat Israel es nicht gewusst? Sicherlich wird niemand das Unglaubliche annehmen wollen, indem er sagt, dass Israel, das auserwählte Volk Gottes, dem Gott sein Wort und seine Verheißungen von alters her anvertraut hatte, sie nicht kannte, sich weigerte, sie anzuerkennen und anzunehmen, sie vorsätzlich ignorierte und verwarf! Die Frage ist nicht nur eine Frage des Erstaunens und der Überraschung, sondern auch der Empörung darüber, dass Israel nicht wissen und nicht glauben wollte. Aber dieses Verhalten stimmt mit der Prophezeiung der Heiligen Schrift überein, nicht nur in einem, sondern in mehreren Fällen. Als erstes sagt Mose, 5. Mose 32,21: Ich will dich zur Eifersucht reizen mit einem Volk, das kein Volk ist, mit einem törichten Volk will ich dich zum Zorn reizen. Dies hatte der Herr selbst durch Mose gesagt. So wie die Kinder Israels schon damals Gott provoziert hatten, indem sie Götzen anbeteten, die keine Götter waren, so würde er sie seinerseits provozieren. In den Augen Gottes gab es nur ein Volk, sein auserwähltes Volk, die Kinder Israels. Alle heidnischen Völker verdienten diesen Ehrentitel nicht. Aber Gott würde die Menschen aus diesen Nicht-Völkern bewusst als sein eigenes Volk aufnehmen, zum großen Verdruss und zur Empörung der Juden. Weil sie sich als uneinsichtig erwiesen hatten, wollte der Herr das Volk zu seinem eigenen machen, das sie für töricht hielten. Vgl. Apostelgeschichte 13,42 ff.

    Und Mose war nicht der einzige, der die Rebellion und den Abfall der Juden voraussagte. Jesaja macht eine sehr kühne Aussage, Kap. 65,1.2: Ich bin von denen gefunden worden, die mich nicht gesucht haben, ich bin denen offenbart worden, die nicht nach mir gefragt haben. Der Herr hat sich nach dieser Prophezeiung offenbart und sich von Fremden finden lassen, von Menschen, die vorher nicht mit ihm in Verbindung standen. Die Heiden, die ursprünglich dem Bund der Verheißung fremd waren, haben sich bekehrt und sich Gott zugewandt, als ihnen die Botschaft des Evangeliums gebracht wurde. Umso größer ist der Kontrast, den die Juden darstellen, zu denen der Herr im selben Abschnitt sagt Den ganzen Tag habe ich meine Hände nach einem Volk ausgestreckt, das ungehorsam und widerspenstig ist. Gott hatte seine Hände einladend, bittend, ja flehend ausgestreckt; er hatte die Juden immer wieder aufgefordert, zu ihm zurückzukehren, aber sie hatten alle seine Bemühungen um sie mutwillig verschmäht. Vgl. Matth. 23,37. Und das Gleiche gilt für die Ungläubigen aller Zeiten. Gottes ernste Einladung und Aufforderung ergeht immer wieder: Lasst euch mit Gott versöhnen, und doch weisen sie seine Angebote der Liebe und des ewigen Heils zurück. Und deshalb sind sie selbst schuld, wenn die unausweichliche Strafe über ihre schuldigen Häupter hereinbricht.

 

Zusammenfassung: Der Apostel beklagt bitter die Tatsache, dass, während die Heiden die Gerechtigkeit des Glaubens angenommen haben, Israel den Gehorsam gegenüber dem Evangelium verweigert und das allen Menschen angebotene Heil zurückgewiesen hat.

 

 

Kapitel 11

 

Ein Rest von Israel wird gerettet (11,1-10)

    1 So sage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne! Denn ich bin auch ein Israelit von dem Samen Abrahams, aus dem Geschlecht Benjamin. 2a Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor versehen hat.

    2b Oder wisst ihr nicht, was die Schrift sagt von Elia, wie er tritt vor Gott gegen Israel und spricht: 3 HERR, sie haben deine Propheten getötet und haben deine Altäre ausgegraben; und ich bin allein übrig geblieben, und sie stehen mir nach meinem Leben? 4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? Ich habe mir lassen überbleiben siebentausend Mann, die nicht haben ihre Knie gebeugt vor dem Baal. 5 So geht’s auch jetzt zu dieser Zeit mit diesen Übriggebliebenen nach der Wahl der Gnaden. 6 Ist’s aber aus Gnaden, so ist’s nicht aus Verdienst der Werke, sonst würde Gnade nicht Gnade sein. Ist’s aber aus Verdienst der Werke, so ist die Gnade nichts, sonst wäre Verdienst nicht Verdienst. 7a Wie denn nun? Was Israel sucht, das erlangt es nicht.

    7b Die Wahl aber erlangt es. Die anderen sind verstockt, 8 wie geschrieben steht: Gott hat ihnen gegeben einen erbitterten Geist, Augen, dass sie nicht sehen, und Ohren, dass sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag. 9 Und David spricht: Lass ihren Tisch zu einem Strick werden und zu einer Berückung und zum Ärgernis und ihnen zur Vergeltung. 10 Verblende ihre Augen, dass sie nicht sehen, und beuge ihren Rücken allezeit.

 

    Paulus begegnet einem weiteren Einwurf (V. 1-2a): Der Apostel weist hier mit seinen eigenen Worten auf eine falsche Schlussfolgerung hin, die einige seiner Leser aus seinen vorherigen Ausführungen ziehen könnten. Soll daraus gefolgert werden, dass Gott sein eigenes Volk, die, die in Wahrheit sein Eigentum sind, verworfen hat? Vgl. Ps. 14,14. Beachten Sie die Betonung des Pronomens „sein“. Es besteht ein großer Unterschied zwischen dem Volk der Juden und seinem Volk Israel. In Anbetracht dieser Tatsache: Ist die Lehre des Paulus unvereinbar mit dem Wort Gottes? Paulus antwortet mit großem Nachdruck: Mitnichten! Gott würde sich selbst widersprechen, wenn er sein eigenes Volk ablehnen würde. Und um seine Worte zu untermauern, verweist Paulus auf seinen eigenen Fall. Er selbst war ein Israelit nach dem Fleisch, das Blut der alten Patriarchen floss in seinen Adern. Er war ein Nachkomme Abrahams aus dem Stamm Benjamin, dem jüngsten Sohn Jakobs, also Israels. Die Tatsache, dass Paulus für sich selbst einen Anteil am Reich des Messias beansprucht, zeigt, dass er nicht die Verwerfung des wahren Israel lehrt.

    Der Apostel wiederholt seine Behauptung in V. 2: Gott hat sein Volk, das er vorherbestimmt hat, nicht verworfen. Das wahre Israel, das geistliche Israel, die wirklichen Kinder Gottes, stand von Ewigkeit her vor den Augen Gottes als sein eigenes Volk, als diejenigen, die er zu den Seinen erwählt hatte, die er nach seinem ewigen Ratschluss zu den Seinen erwählte. Diese Tatsache macht die spätere Verwerfung des Volkes zu einem Ding der Unmöglichkeit.

 

    Ein Beispiel aus der Geschichte (V. 2b-7a): Paulus zitiert zur Bestätigung seiner Behauptung eine Schriftstelle über Elia aus dem Abschnitt des Alten Testaments, der hauptsächlich das Leben und die Taten Elias schildert. Selbst in den dunkelsten Tagen Israels gab es immer einen Überrest, eine kleine Zahl von Menschen, die dem Herrn treu blieben und gerettet wurden. Der Prophet Elia hatte sich damals mit einem Wort der Bitte gegen Israel an den Herrn gewandt, einer Art Anklage, in der er kurz und bündig erklärte, dass die Kinder Israel die Propheten des Herrn getötet und seine Altäre völlig zerstört hätten und dass er, der Prophet, als einziger der wahren Gläubigen übrig geblieben sei und sogar sein Leben wegen ihrer Feindschaft und ihres Hasses in ständiger Gefahr sei, 1 Kön. 19,10. König Ahab und seine ehebrecherische Frau Isebel waren besonders aktiv in ihren Bemühungen, die wahre Religion in Israel auszurotten. Deshalb war Elia völlig entmutigt und glaubte, dass die Anbetung des wahren Gottes praktisch aufgegeben worden war und dass kein wahrer Anbeter Gottes mehr übrig war. Aber das göttliche Orakel oder die Antwort zeigte, dass die Situation ganz anders war, als er sie sich vorgestellt hatte. Denn der Herr hatte siebentausend Männer, die ihr Knie nicht vor Baal, der phönizischen Göttin Baaltis oder Astarte, gebeugt hatten, für sich selbst zurückgelassen und für die Seinen behalten. Inmitten des allgemeinen Glaubensabfalls und der Verfolgung hatte der Herr diese wenigen Gläubigen für sich selbst reserviert. Und so gibt es auch in der Gegenwart, so argumentiert der heilige Paulus in Übereinstimmung mit der alttestamentlichen Erfahrung, einen Überrest nach der Erwählung der Gnade. Das Volk Israel im Allgemeinen hat die Gnade des Herrn verschmäht und ist seinerseits von ihm verworfen worden; aber einige wenige aus dem Volk haben sich als wahre Israeliten erwiesen; sie haben den Erlöser angenommen, sie sind in die Kirche Christi eingetreten. Und das haben sie aufgrund der Auserwählung der Gnade getan, weil Gott sie in seiner wunderbaren Gnade und Barmherzigkeit zu diesem Zweck erwählt hat. Aus der Masse der Kinder Israels, die alle durch das Blut Christi erlöst sind, hat Gott sie auserwählt, seines Heils teilhaftig zu werden.

    Und die Tatsache, dass diese Erwählung allein aus Gottes Gnade geschieht, wird vom Apostel in ihrer ganzen Stärke herausgestellt: Wenn aber aus Gnade, dann nicht mehr aus Werken, denn sonst ist die Gnade keine Gnade mehr. Die Gnade hört auf, Gnade zu sein, sobald das Werk und das Verhalten des Menschen in irgendeiner Weise mit ihr vermengt wird. Die Begriffe „Gnade“ und „Werke“ schließen sich gegenseitig aus. Wenn die Gedanken, Taten und das Verhalten der Menschen Gott bei seiner Erwählung aus Gnade beeinflusst haben, dann hört diese Erwählung auf, eine aus Gnade zu sein, und die Lehre gehört nicht mehr zum Evangelium, sondern zum Gesetz. Wenn aus Werken, dann gibt es keine Gnade mehr, sonst ist das Werk kein Werk mehr. Will man auch von Werken und von Gnade sprechen, gleichzeitig und im gleichen Zusammenhang, so ergibt sich wieder ein Widerspruch in sich, denn ein Werk, das seinen Gegenstand nicht tatsächlich in Form eines Lohnes erhält, hat kein Verdienst mehr, kann nicht als eine Leistung gelten, die Eigenwert hat. Was ist dann die Schlussfolgerung der gesamten Argumentation, wenn die Annahme von V. 1. nicht standhalten kann, wenn es nicht wahr sein kann, dass Gott sein eigenes Volk verworfen hat? Die Situation ist die folgende: Israel, die Nation als solche, hat nicht das erreicht, wonach es so ernsthaft strebte. Das Volk als Ganzes, die Nation als solche, war entschlossen, das ewige Heil durch Werke zu verdienen; aber da diese Methode nicht Gottes Weg ist, und da sie sich weigerten, die Methode anzunehmen, die er ihnen im Evangelium anbot, war das Heil für sie aufgrund ihrer eigenen Perversität verloren; ihre Verwerfung ist ihre eigene Schuld, ebenso wie die aller, die ihr Vertrauen auf ihr eigenes Werk und den selbst gewählten Weg zum Himmel setzen.

 

    Das Ergebnis, wenn man sich dem Heilsweg Gottes verweigert (V. 7b-10): Nur die Auserwählten, die nach Gottes gnädigem Ratschluss auserwählt wurden, erlangten das Heil in Christus. Aber der Rest, die große Mehrheit, das ganze Volk Israel als solches, wurde verstockt. Sie lehnten Gottes Heilsweg ab, und deshalb verwarf Gott sie; ihr willentlicher Widerstand gegen Gottes Willen und Wort war die Ursache dieser Verstockung; sie waren die alleinige Ursache ihres eigenen Untergangs. Und dieses Ergebnis war von den Propheten vorhergesagt worden. Es war vorausgesagt worden, wie Paulus schreibt, indem er 5. Mose 29,4 mit Jes. 29,9-12: Gott hat ihnen einen Geist der Erstarrung gegeben, Augen, die nicht sehen, und Ohren, die nicht hören, bis zum heutigen Tag. Sie sind so betäubt und dumm geworden, dass sie das Wort der Prophezeiung einfach nicht mehr richtig verstehen können. Die Verblendung und Verstockung Israels begann in den Tagen Jesajas, man kann sogar sagen, dass sie bis in die Tage Moses zurückreichte; aber die Prophezeiung erfüllte sich in ihrer schrecklichen Vollständigkeit in der Zeit Jesu und der Apostel, Matth. 13,14.15; Mark. 4,12; Luk. 8,10; Apg. 28,26-28. Und das letzte Zitat stammt aus Ps. 69,22, einer messianischen Prophezeiung, in der der leidende, sterbende Messias über die Schmach klagt, die er durch die Hand seiner Feinde zu ertragen gezwungen ist: Ihr Tisch möge ihnen zur Schlinge, zur Falle oder zum Netz werden und zum Stolperstein und zum Lohn der Strafe; ihre Augen seien verfinstert, dass sie nicht sehen, und beugen ihren Rücken zusammen allezeit. Der Tisch der Feinde Christi, ihre Freude, ihr Vergnügen und ihr Glück, soll sich in eine Schlinge für ihre Füße verwandeln, in eine Falle, in der sich ihre Füße verfangen und sie zu Fall bringen können, in eine Verfolgung und Vernichtung, wie die Jagd für das Wild wird, in eine Vergeltung, mit der Gott sie für ihre Feindschaft gegen Christus bestraft. All dies ist natürlich in einem geistlichen Sinn gemeint. Die Strafe für die ungehorsamen und feindseligen Juden bestand darin, dass sie so gründlich verblendet wurden, dass sie den Weg des Heils nicht mehr sehen konnten; dass ihnen ihre geistliche Kraft genommen wurde, so dass sie nicht mehr auf dem Weg der Gebote Gottes wandeln konnten. So überließ Gott sie ihrem verstockten Geist und zog seinen Geist und seine Gnade von ihnen zurück. Und so werden auch heute die hartnäckigen ungehorsamen und ungläubigen Feinde Christi auf die Weise bestraft, die sie selbst gewählt haben: Von Gott und seinem Geist verlassen, sind sie gänzlich unfähig, die Wahrheit zu erkennen und zu Buße, Glauben und Gehorsam zu kommen.

 

Eine Warnung und Ermutigung an Heiden und Juden (11,11-36)

    11 So sage ich nun: Sind sie darum angelaufen, dass sie fallen sollten? Das sei ferne! Sondern aus ihrem Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, auf dass sie denen nacheifern sollten. 12 Denn so ihr Fall der Welt Reichtum ist, und ihr Schade ist der Heiden Reichtum, wieviel mehr, wenn ihre Zahl voll würde?

    13 Mit euch Heiden rede ich; denn dieweil ich der Heiden Apostel bin, will ich mein Amt preisen, 14 ob ich möchte die, so mein Fleisch sind, zu eifern reizen und ihrer etliche selig machen. 15 Denn so ihr Verlust der Welt Versöhnung ist, was wäre das anders, als das Leben von den Toten nehmen?

    16 Ist der Anbruch heilig, so ist auch der Teig heilig, und so die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig. 17 Ob aber nun etliche von den Zweigen zerbrochen sind, und du, da du ein wilder Ölbaum warst, bist unter sie gepfropft und teilhaftig geworden der Wurzel und des Safts im Ölbaum, 18 so rühme dich nicht gegen die Zweige. Rühmst du dich aber gegen sie, so sollst du wissen, dass du die Wurzel nicht trägst, sondern die Wurzel trägt dich. 19 So sprichst du: Die Zweige sind zerbrochen, dass ich hineingepfropft würde. 20 Ist wohl geredet. Sie sind zerbrochen um ihres Unglaubens willen; du stehst aber durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich. 21 Hat Gott die natürlichen Zweige nicht verschont, dass er vielleicht dich auch nicht verschone. 22Darum schaue die Güte und den Ernst Gottes: den Ernst an denen, die gefallen sind, die Güte aber an dir, sofern du an der Güte bleibst; sonst wirst du auch abgehauen werden. 23 Und jene, so sie nicht bleiben in dem Unglauben, werden sie eingepfropft werden; Gott kann sie wohl wieder einpfropfen. 24 Denn so du aus dem Ölbaum, der von Natur wild war, bist ausgehauen und wider die Natur in den guten Ölbaum gepfropft, wieviel mehr werden die natürlichen eingepfropft in ihren eigenen Ölbaum!

    25 Ich will euch nicht verhalten, liebe Brüder, dieses Geheimnis, auf dass ihr nicht stolz seid. Blindheit ist Israel einesteils widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden eingegangen sei, 26 und so das ganze Israel selig werde, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion, der da erlöse und abwende das gottlose Wesen von Jakob. 27 Und dies ist mein Testament mit ihnen, wenn ich ihre Sünden werde wegnehmen.

    28 Nach dem Evangelium halte ich sie für Feinde um euretwillen; aber nach der Wahl habe ich sie lieb um der Väter willen. 29 Gottes Gaben und Berufung mögen ihn nicht gereuen. 30 Denn gleicherweise, wie auch ihr nicht habt geglaubt an Gott, nun aber habt ihr Barmherzigkeit überkommen über ihrem Unglauben, 31 so auch jene haben jetzt nicht wollen glauben an die Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, auf dass sie auch Barmherzigkeit überkommen. 32 Denn Gott hat alles beschlossen unter den Unglauben, auf dass er sich aller erbarme.

    33 O welch eine Tiefe des Reichtums, beide, der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege! 34 Denn wer hat des HERRN Sinn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? 35 Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, das ihm werde wieder vergolten? 36 Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen.

 

    Das Ergebnis von Israels Abfall für die Heiden (V. 11-12): Der Apostel hütet sich auch hier vor einer falschen Schlussfolgerung: Ist Israel, die große Masse des jüdischen Volkes, nicht deshalb ins Straucheln geraten, um zu fallen? War der Fall der Juden, das Ergebnis ihrer Beleidigung des Messias, ein Ziel und Zweck Gottes, in dem Sinne, dass er Freude und Genugtuung an ihrer Zerstörung hat? Das ist ein grobes Missverständnis des Wesens und der Eigenschaften Gottes, das viele Menschen auch heute noch in die Argumente des Paulus hineinlesen. Und deshalb wirft er entsetzt ein: Mitnichten! Gott beabsichtigt und plant unter keinen Umständen die Vernichtung eines Menschen; er hat niemals Gefallen am Unrecht und an der daraus folgenden Verdammnis der Sünder. Aber der Plan, den Gott aus dem selbst auferlegten Unglück und der Verurteilung der Juden zog, war ein anderer: dass durch ihre Übertretung das Heil zu den Heiden kommen und die Juden zum Eifer gereizt und zur Nachfolge angeregt werden sollten. Der Unglaube der Juden, ihre Ablehnung des Messias, hat dazu geführt, dass das Evangelium des Heils zu den Heiden gebracht wurde, wie die Apostelgeschichte an vielen Stellen zeigt. Aber die Tatsache, dass die Heiden nun das Wort des Heils annahmen, hatte den Zweck, die Israeliten zur Nachahmung anzuregen, sie zu drängen, dem Beispiel der Heiden zu folgen und ebenfalls der Erlösung in Christus teilhaftig zu werden. In der großen Masse der Juden, die Christus noch nicht angenommen hatten, gab es viele, die ihr Herz noch nicht verstockt hatten, sondern die einfach ihren Führern folgten, ohne die Gefährlichkeit ihrer Lage richtig zu erkennen. Auf diese, den Überrest gemäß der Gnadenwahl, sollte die Tatsache, dass die Heiden das Evangelium und den Messias annahmen, einen solchen Eindruck machen, dass sie dadurch gedrängt würden, das Heil Christi ebenfalls anzunehmen.

    Und eine weitere Folge der Übertretung Israels wird festgestellt: Wenn schon ihre Übertretung der Reichtum der Welt ist und ihre Verminderung der Reichtum der Heiden, wie viel mehr ihre Fülle! Die Übertretung der Juden, ihre Verleugnung und Verwerfung des Messias, hat der ganzen Welt denselben Reichtum, das Heil in Christus, gebracht; es war zum großen Teil auf ihren Abfall zurückzuführen, dass die Apostel gezwungen waren, sich den Heiden zuzuwenden. Und so war der Verlust der Juden, das, was sie verloren haben, ihr Schaden, ihr Leid, das, was sie sich selbst durch ihre Torheit vorenthalten haben, der Gewinn der Welt außerhalb Israels, es brachte den Heiden das Heil. Wenn das aber wahr ist, wie viel mehr wird die Fülle der Juden den Heiden zum Nutzen gereichen! Die Fülle ist das, was aufgefüllt, voll gemacht, vollendet wird, die Summe derer aus der Mitte des jüdischen Volkes, die unter der Wahl der Gnade stehen, V. 5. Die Tatsache, dass ihre volle Zahl allmählich erreicht wird, dass der Leib der Gläubigen aus ihrer Mitte vollendet wird, wird zu einem weiteren Gewinn für die Welt führen. Dies wird im nächsten Abschnitt ausführlich behandelt.

 

    Eine Warnung an die Heiden (V. 13-15): Der Apostel wendet sich in dem gesamten nun folgenden Abschnitt an seine heidnischen Leser. Insofern er tatsächlich der Apostel der Heiden ist, will er sein Amt preisen. Er will die Heiden daran erinnern, dass er in seiner Eigenschaft als Heidenapostel dieses sein Amt in seiner treuen Ausübung auch dadurch verherrlicht, dass er dadurch die Juden aufrütteln und anspornen will, und so, wenn möglich, einige von ihnen retten. Die Heidenchristen sollen wissen, dass der Apostel sich bei seiner ernsten Arbeit für sie immer auch für die Juden verantwortlich fühlt. Wenn es ihm nur gelänge, unter denen, die von seinem Fleisch sind, wenigstens einige von ihnen zur Nachahmung anzuregen, sie zur Erkenntnis und Annahme ihres Heilands zu bringen und ihnen so die Segnungen des Heils zu schenken: das ist der ernste Wunsch des Apostels. Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird ihre Annahme anderes sein als Leben aus dem Tod? Mit der Verwerfung der Juden, die sie selbst verschuldet haben, konnte die Versöhnung bekannt gemacht und so in den weiteren Kreisen der ganzen Welt verwirklicht werden. Das Evangelium von der Versöhnung Gottes mit den Menschen, wie es sich in Christus vollzogen hat, wurde durch die Verwerfung der Juden in die heidnische Welt hineingetragen. Aber wenn diese Bestrafung der Juden ein so gesegnetes Ergebnis hatte, welcher Segen, welches Leben wird dann aus ihrer Annahme fließen, aus der Bekehrung derjenigen, die durch die vom Apostel angewandte Methode noch gewonnen werden könnten! Wenn der Überrest aus Israel sich zum Messias bekehrt hat, dann wird das Ziel Gottes verwirklicht sein, dann wird das herrliche Leben in und mit Christus in alle Ewigkeit kommen, dann werden sowohl Juden als auch Griechen durch den Glauben das Reich erben, das vor Grundlegung der Welt für sie bereitet war. Anmerkung: Die Geschichte wiederholt sich, auch in Bezug auf die Aufnahme des Wortes Gottes und seine Reaktion auf das Verhalten der Menschen. Das Evangelium wird den Undankbaren weggenommen und denjenigen gegeben, die seinen Wert mehr zu schätzen wissen. Und in vielen Fällen hat die Gründung neuer Gemeinden, in denen die erste Liebe reiche Früchte hervorgebracht hat, auf ältere Gemeinden positiv reagiert, indem sie neues Interesse für das Werk des Reiches Gottes geweckt hat.

 

    Eine Warnung an die Christen aus den Heiden (V. 16-24): Der Apostel beugt hier einer Gefahr vor, nämlich der, dass seine vorangegangenen Ausführungen missverstanden werden. Denn das, was er über den Sündenfall und die daraus resultierende Verwerfung der Juden geschrieben hatte, könnte dazu führen, dass solche Heidenchristen, die sich leicht von ihrem Fleisch leiten lassen, von Stolz und Überheblichkeit erfüllt werden und sich auf Kosten der Juden rühmen. Paulus stellt zunächst einleitend eine allgemeine Wahrheit fest: Wenn der erste Teil des Teiges heilig ist, dann auch die ganze Masse; und wenn die Wurzel heilig ist, dann auch die Zweige. Der Apostel spielt in der ersten Hälfte des Satzes darauf an, dass der erste Teil des Teiges, der erste Teig, der aus dem Mehl jeder neuen Ernte gemacht wurde, dem Herrn gegeben werden musste, 4. Mose 15,19-21. Dieser erste Teil des Teiges und das gesamte Opfer wurden heilig, indem sie dem Herrn geweiht wurden. Das Bild im zweiten Teil des Satzes hat dieselbe Bedeutung: Wenn die Wurzel Gott geweiht und von Ihm angenommen ist, werden auch die Zweige Ihm wohlgefällig sein. Die Wurzel des wahren Israels, des Leibes, der dem Herrn geweiht ist und es immer sein wird, sind die Patriarchen, und die Zweige sind die wahren geistlichen Kinder der Patriarchen, zusammen mit einigen, die den Anschein wahrer Zweige hatten, deren trügerische Natur aber mit der Zeit entdeckt wurde, so dass sie entfernt wurden. Der Ölbaum stellt also die Gesamtheit der wahren geistigen Kinder Abrahams dar, die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, aller Zeiten. Jeder Mensch, der den Messias durch den Glauben annimmt, ist ein Zweig dieses Stammes oder Körpers, wird Teilhaber der göttlichen Verheißungen und Segnungen.

    Der Apostel hält sich gut an dieses Bild und spricht eine ernste Ermahnung an jeden überheblichen Christen aus den Heiden aus: Wenn einige der Zweige abgebrochen sind und du als wilder Ölbaum unter sie eingepfropft wurdest und an der Wurzel des fetten Ölbaums teilhattest, dann rühme dich nicht gegen die Zweige. Das Abbrechen der Zweige geschah zur gleichen Zeit, als die Zweige des wilden Ölbaums eingepfropft wurden. Das Erscheinen Christi in der Welt brachte alle Juden in eine Krise. Eine große Zahl von ihnen nahm Anstoß an dem gekreuzigten Christus und an der Predigt vom Kreuz, und das Ergebnis war, dass sie vom Baum der Kirche abgebrochen und entfernt wurden. Denn mit dem Kommen des Messias war die Kirche der Gläubigen zur Kirche Jesu Christi geworden, und jeder, der Jesus nicht als den verheißenen Messias annahm, schloss sich selbst aus der Gemeinschaft der Heiligen aus, denn der Prüfstein des Glaubens bestand in der Anwendung der messianischen Prophezeiungen auf Jesus von Nazareth. Anstelle solcher Zweige, die ihren Charakter verloren hatten und deshalb entfernt worden waren, pfropfte der Herr jedoch einige Zweige von einem wilden Ölbaum ein; er rief einige Heiden in die Gemeinschaft der Heiligen. Sie wurden aus der Mitte der verlorenen und verdammten heidnischen Welt herausgenommen, sie wurden einfach in die Gemeinschaft des Herrn aufgenommen und wurden so lebendige Glieder seiner Gemeinde. Und zugleich wurden sie aller Wohltaten des Heils teilhaftig, der Versöhnung mit dem Vater, der Vergebung der Sünden, der vollen und vollständigen Rechtfertigung, des Sieges über den Tod und der ewigen Seligkeit. Der Gedanke, den der Apostel hervorhebt, ist der, dass die Juden die ursprünglichen Kinder Gottes waren, dass sie die ersten Besitzer dieser Vorteile und Vorrechte waren, dass ihnen als den ersten die Segnungen Gottes in Jesus offenbart wurden, Matth. 8,11; Joh. 10,16; Eph. 2,11 ff. Und darum sollte sich der Heidenchrist sehr davor hüten, sich auf Kosten der Juden zu rühmen, auf Kosten derer, die es törichterweise versäumt hatten, den Messias in der Fülle der Zeit anzunehmen. Sich eines Besitzes zu rühmen, der nicht verdient wurde, sondern ein Geschenk der freien Gnade ist, anstatt Gott allein alle Ehre zu geben, ist immer töricht und verwerflich, aber dies auf Kosten derer zu tun, die verworfen wurden, weil sie sich in ihrer Blindheit von den Segnungen des Reiches ausgeschlossen haben, ist der Gipfel des tadelnswerten Verhaltens.

    Deshalb schließt der Apostel seine Warnung mit einer Erklärung an: Wenn du dich aber rühmst (wenn du der Versuchung nicht widerstehen kannst, dich zu rühmen), dann denke daran, dass nicht du die Wurzel trägst, sondern die Wurzel dich. Die Wurzel besteht aus den Patriarchen Israels, die durch Gottes Wort und Verheißung dazu gemacht wurden. Und dieselbe Kraft hält die Zweige am Leben. Die Juden waren der Kanal des Segens für die Heiden; das Heil kam von den Juden. Deshalb sollte jede kleinliche und selbstbewusste Prahlerei seitens der Heidenchristen und der Christen aller Zeiten ausgeschlossen werden. Und wenn einer von ihnen im Geiste der gleichen kleinlichen Selbstgefälligkeit Einspruch erheben wollte: Die Zweige wurden herausgebrochen, damit ich eingepfropft werde, dann hat Paulus die Antwort: Nun gut, lassen wir das stehen, es ist wahr genug, dass die Verwerfung der Juden nach ihrer Abkehr von Christus die Bekehrung der Heiden zur Folge hatte; aber das geschah nicht, weil die Heiden von Natur aus besser waren als die Juden oder weil der Herr an den Heiden besonderes Wohlgefallen hatte. Eine solche Schlussfolgerung wäre völlig falsch. Nicht weil sie Juden waren, hatte der Herr sie verworfen, sondern durch ihren Unglauben, wegen ihres Unglaubens waren sie zerbrochen; weil sie sich weigerten, den Retter anzunehmen, hatte der Herr sie verworfen, denn der Glaube ist das einzige Mittel, durch das die Beziehung zu Gott aufrechterhalten werden kann. Die Heiden befanden sich in einem Zustand der Gnade und des Heils nur durch den Glauben, der ein Geschenk der Barmherzigkeit Gottes ist. Anstatt sich also zu rühmen, stolz zu sein in ihrer eigenen Einbildung, eine ungerechtfertigte Einschätzung ihrer eigenen Wichtigkeit in den Augen Gottes vorzunehmen, sollten sie sich fürchten, Phil. 2,12.13. Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, so wird er auch dich nicht verschonen. Da der Heidenchrist nur durch den Glauben im Stand der Gnade ist und der Glaube die Prahlerei ausschließt, sollte er sich hüten, in seinem Stolz vom Glauben abzufallen und das gleiche Schicksal zu teilen wie die, die er zu verachten versucht war. In der Tat war es wahrscheinlicher, dass die Juden verschont wurden als die Heiden, da sie schon so lange mit ihm in enger Verbindung standen.

    Der Apostel zieht nun eine Schlussfolgerung aus den soeben dargelegten Tatsachen: Siehe also die Güte und die Strenge Gottes; über die Gefallenen die Strenge, über dich aber die Güte Gottes, wenn du an seiner Güte festhältst, denn im umgekehrten Fall wirst auch du verstoßen werden, V. 22. Bei den Gefallenen, deren Unglaube sie von der Gnade und der Gemeinschaft Gottes und der Heiligen ausgeschlossen hat, ist die Strenge Gottes offenbar geworden. In seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit ist Gott gezwungen, denen, die die Gemeinschaft, in der sie seine Gnade und Güte genossen haben, verlassen, sein Missfallen zu zeigen, indem er ihnen alle seine Barmherzigkeit und Liebe entzieht. Aber im Fall des Heidenchristen hat Gott seine Güte und Freundlichkeit gezeigt, indem er ihn aus der Mitte der Gottlosigkeit und der Feindschaft gegen Gott herausgenommen und ihn als Glied seiner Kirche angenommen hat. Für einen solchen Menschen gilt es daher, sein Heil mit Furcht und Zittern zu erarbeiten und an der Güte Gottes festzuhalten, damit er nicht auch von Gott verstoßen wird, Joh. 15,1-6. Wenn Christen vergessen, dass sie ihren Gnadenstand, ihre Zugehörigkeit zur Gemeinde des Herrn, allein der Güte und Barmherzigkeit Gottes verdanken, und sich anmaßen, sich über andere zu erheben, insbesondere indem sie die Verworfenen verachten, dann verleugnen sie ihrerseits die Güte Gottes, verlieren ihren Glauben und werden verstoßen. In ihrem Fall fordern sie die Güte Gottes heraus, sich in Strenge zu verwandeln.

    Und noch etwas darf der Heidenchrist nicht übersehen, wenn er anmaßende Gedanken in seinem Herzen aufsteigen fühlt: Aber auch sie werden, wenn sie nicht im Unglauben verharren, wieder eingepfropft werden, denn Gott ist durchaus fähig, sie wieder einzupfropfen, V. 23. Diejenigen, die heute stehen, können sehr leicht und schnell fallen, besonders wenn Gedanken des Stolzes und der Selbstgefälligkeit ihr Herz erfüllen. Andererseits wird sich die Barmherzigkeit Gottes schnell denen zuwenden, die gefallen sind, wenn sie nicht in ihrem Unglauben verharren, wenn sie ihr Herz nicht so verhärtet haben, dass sie von Gott endgültig verworfen werden. Wenn sie nur auf seinen Ruf hören und sich Jesus als ihrem Retter zuwenden, wird Gott sie gerne wieder als Mitglieder seiner Kirche aufnehmen und ihnen alle Rechte und Privilegien der anderen Gläubigen gewähren. Mehr noch, dieses Ereignis ist, wenn man es für sich betrachtet, wahrscheinlicher als die Berufung der Heiden. Denn wenn du, der du aus deinem natürlichen Baum, dem wilden Ölbaum, herausgeschnitten wurdest, gegen deine Natur in den guten Ölbaum eingepfropft wurdest, wie viel mehr werden die, die von Natur aus Zweige sind, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden! V.24. Die Heidenchristen waren die Zweige des wilden Ölbaums, die keine natürliche Verbindung mit dem guten Ölbaum hatten, in den sie eingepfropft wurden; die Juden waren die natürlichen Zweige. Nun wird das, was mit der Natur übereinstimmt, viel leichter geschehen als das, was gegen die Natur ist. Deshalb könnte die Wiedervereinigung der Juden mit dem Leib der Kirche Gottes, den sie törichterweise verlassen haben, aller Wahrscheinlichkeit nach viel leichter zustande kommen als die Vereinigung der Heidenchristen mit einer Gemeinschaft, mit der sie nie etwas gemeinsam hatten. Nicht, dass die Juden als Rasse für das Evangelium empfänglicher wären als die Heiden; denn Juden und Heiden sind gleichermaßen unfähig und untauglich, sich selbst zu retten oder das geringste verdienstvolle Werk für ihr eigenes Heil zu vollbringen, eine Wahrheit, die für alle Zeiten gilt und beherzigt werden sollte.

 

    Die Fülle aus den Heiden und ganz Israel (V. 25-27): Es gibt hier keine Grundlage für den tausendjährigen Traum von der endgültigen Bekehrung aller Juden, aber der Apostel spricht von Israel in demselben Sinn, den er fast ausschließlich im gesamten Brief verwendet. Paulus hatte erklärt, dass die totale Verstockung nicht bei allen Mitgliedern des jüdischen Volkes stattfinden würde, sondern dass die Möglichkeit der Bekehrung einiger von ihnen während der gesamten neutestamentlichen Ära besteht. Aber in diesem Zusammenhang will der Apostel seinen Brüdern, den Gliedern der Gemeinde in Rom, die größtenteils aus Heidenchristen bestand, ein Geheimnis mitteilen: Ich will nicht, dass ihr in Unkenntnis dieses Geheimnisses, dieses Geheimnisses, bleibt, damit ihr nicht in euch selbst weise seid. Das Geheimnis, von dem Paulus spricht, ist dieses: Die Verstockung, die Blindheit, ist zum Teil Israel widerfahren, bis die ganze Zahl der Heiden hereinkommen wird, und so wird ganz Israel gerettet werden. Damit die römischen Christen sich nicht ihre eigene Meinung darüber bilden, nicht ihren eigenen Gedanken folgen, hält er es für das Beste, ihnen das gleich zu sagen. Die Verblendung oder Verstockung, von der er sprach, betraf nicht alle Glieder des Volkes, sondern nur einen Teil von ihnen, nämlich insofern, als einige von ihnen endgültig verworfen worden waren; von den übrigen aber bekehrten und erretteten sich zwar einige fortwährend und allmählich. Während die Fülle der Heiden für Christus gesammelt wird, während die Zahl derer aus den Heiden, die schließlich den Leib derer bilden werden, die zum Heil bestimmt sind, durch das Evangelium gerufen wird, werden auch Seelen aus der Mitte der Juden gewonnen werden. Bis zum Tag der Offenbarung Jesu Christi in seiner Herrlichkeit wird es also immer einige aus der Mitte der selbstverstockten Israeliten geben, die zur Erkenntnis des Erlösers kommen werden. Und so wird das Endergebnis sein, dass ganz Israel gerettet werden wird, alle, die in Tat und Wahrheit Kinder Abrahams sind, nicht nur nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist. Das sind die aus allen Völkern unter der Sonne, die der Herr zu den Seinen erwählt hat und die sein erlösender Ruf früher oder später erreichen wird.

    Dass dies das richtige Verständnis des Textes ist, geht auch aus der messianischen Prophezeiung hervor, die der Apostel nun zitiert: Aus Zion wird der Erlöser kommen; er wird die Gottlosigkeit von Jakob abwenden. Und das ist mein Bund mit ihnen, was ich in mir selbst fest beschlossen habe, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde. Dies ist eine Kombination aus verschiedenen prophetischen Sprüchen, Jes. 59,20.21; 10,11 12; 27,9; Jer. 31,31-34. In der wichtigsten Prophezeiung, auf die sich der Apostel bezieht, werden die Mitglieder des jüdischen Volkes, die in ihrer Ablehnung der Barmherzigkeit Gottes verharren, denjenigen gegenübergestellt, die sich zum Messias bekehren werden. Als Jesus, der Messias, nach Israel kam, brachte er Befreiung, er wandte die Gottlosigkeit von Jakob ab. Und sein Bund bestand in der Vergebung ihrer Sünden; darin war sein Bund verwirklicht. Der Nutzen des Werkes des Messias beschränkte sich also nicht auf die Kinder Israels nach dem Fleisch, sondern schloss alle ein, die den Erlöser als ihren Befreier annahmen und jenen wunderbaren Bund mit ihm schlossen, durch den ihre Sünden vergeben wurden.

 

    Gottes Barmherzigkeit über allen (V. 28-32): Diese Aussage ist eine Parallele zur vorhergehenden; sie macht praktisch dieselbe Behauptung in Bezug auf die große Masse der ungläubigen Juden. Nach dem Evangelium, was das Evangelium betrifft, sind sie Feinde um euretwillen, nach der Erwählung aber, was die Erwählung betrifft, sind sie geliebt um der Väter willen. Einerseits sind die Juden Feinde Gottes, weil sie dem Evangelium gegenüber feindselig eingestellt sind. Und diese Haltung hat den Heiden zum Vorteil gereicht, sie hat ihnen das Heil geschenkt. Das gilt für den Unglauben im Allgemeinen. Andererseits sind sie von Gott geliebt, was die Auserwählung anbelangt. Gott liebt die Juden, auf die sich der Apostel hier bezieht, weil er sie von Anfang an auserwählt hat, sie zu den Seinen erwählt hat. Dieser Akt Gottes geschah um der Väter, der Patriarchen willen, im Interesse der Väter; denn die Gaben und die Berufung Gottes werden nicht bedauert. Was Gott einmal in Bezug auf die Erwählung der Gnade beschlossen hat, kann er nicht mehr ändern und widerrufen. Indem er seine gnädige Berufung auf die Patriarchen ausdehnte, indem er sie zu Trägern der Verheißung machte, hat er sie zum Heil in Christus berufen. Weil Gott die Juden von Anfang an auserwählt und durch und in der den Vätern gegebenen Verheißung zum Heil in Christus berufen hat, und weil diese Erwählung und Berufung Gottes ihr Ziel sicher erreichen muss, sind die Juden, an die Paulus hier denkt, auch jetzt noch, obwohl sie noch keinen Glauben haben, von Gott geliebt. Nach ihrem Unglauben sind sie Feinde Gottes, die ihren Hass gegen ihn verurteilen müssen; nach der Erwählung aber sind sie seine Geliebten, obwohl sie noch nicht im Besitz des Heils sind.

    Diese Aussage klingt so widersprüchlich, dass Paulus ein weiteres Wort der Erklärung hinzufügt: Denn wie ihr einst Gott ungehorsam wart, nun aber durch den Unglauben dieser Juden seine Barmherzigkeit erfahren habt, so sind auch diese jetzt ungehorsam geworden, damit sie durch die Barmherzigkeit, die ihr erfahren habt, nun auch Barmherzigkeit empfangen, V. 30.31. Die Heidenchristen waren vor ihrer Bekehrung dem Willen Gottes ungehorsam gewesen, Kap. 1,18 ff. Aber jetzt, nachdem sie das Evangelium gehört hatten, hatten diese ehemaligen Heiden die Barmherzigkeit Gottes erfahren und empfangen. Und dieser große Segen war durch den Ungehorsam der Juden über sie gekommen, weil die Juden damals den Messias und den Gehorsam des Evangeliums nicht annehmen wollten. Und ebenso, so argumentiert der heilige Paulus, sind die Juden in den Zustand des Ungehorsams, des Unglaubens, eingetreten und können daher wohl die Barmherzigkeit Gottes zur Bekehrung erfahren, dieselbe Barmherzigkeit und Gnade, die die Heiden erfahren haben. Was Gott an den Heiden getan hat, kann er auch an den Juden tun, die sich jetzt in der Stellung zu Gott befinden, die früher die Heiden innehatten; er kann den Ungehorsam der Juden in Gehorsam verwandeln, wie er es bei den Heiden getan hat. Denn Gott hat alle zusammen unter den Ungehorsam gefasst, um sich aller zu erbarmen; er hat alle Völker, von denen der Apostel spricht, dem Ungehorsam überlassen, um sie zu seiner Zeit zum Glauben zu bringen und ihnen seine Barmherzigkeit in Jesus Christus zu schenken. Was für ein unermesslicher Reichtum an Barmherzigkeit ist das, wenn unser Gott sogar den Eigensinn und die Übertretungen der Menschen benutzt, um anderen den Reichtum seiner Gnade zu bringen! Anmerkung: Diese Barmherzigkeit sollte sich auch auf uns in der Weise auswirken, dass wir beim Richten und im Umgang mit anderen Menschen barmherzige Geduld walten lassen. Was Gott für uns getan hat, kann er auch für die tun, die jetzt in tiefem Unglauben und Widerspruch gegen Gott stecken, und sie so in die Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus bringen.

 

    Ein abschließender Lobpreis (V. 33-36): Der Apostel hat den geschichtlichen Teil seiner Ausführungen zu Ende gebracht. Und mit all den Wundern der Gnade und Barmherzigkeit Gottes vor Augen, wie sie sich in seinem Umgang mit Juden und Heiden zeigen, sieht sich Paulus gezwungen, in einen Lob- und Dankgesang auszubrechen. Welch unergründliche und unerforschliche Tiefen seines Reichtums an Weisheit und Erkenntnis werden hier vor unseren Augen ausgebreitet! Seine grundlegende Weisheit ist so groß, dass er immer weiß, wie er sein Ziel erreichen kann, dass er immer die richtigen Mittel wählt. Die Erkenntnis Gottes ist so reich, dass kein Mensch sie erfassen oder ermessen kann; seine Weisheit ist so tief, dass keine menschliche Vernunft ihre Tiefen ergründen kann. Seine Urteile liegen jenseits des menschlichen Verstandes und seine Wege jenseits ihres Verständnisses. Die Gerichte Gottes sind vor allem seine Urteile der Verstockung und Verurteilung. Allein die Tatsache, dass Gott zulässt, dass sich hartnäckige Sünder in den Maschen ihres eigenen Widerstands verfangen, und dann ihre Ablehnung zugunsten der Gefäße seiner Barmherzigkeit wendet, übersteigt unser Fassungsvermögen und lässt uns in hilfloser Verwirrung zurück. Allein die Tatsache, dass Gottes Vorsehung die Welt aufrechterhält, bis er seine Pläne der Barmherzigkeit in Bezug auf die Auserwählten zur Ausführung gebracht hat, zeigt eine so unerforschliche, unbegreifliche Weisheit und Barmherzigkeit, dass wir nur in bewundernder Bewunderung dastehen können; wir können den Schleier nicht lüften, der das Wunder dieser Geheimnisse Gottes enthüllen würde.

    Dass die Gerichte und Wege Gottes unerforschlich und unbegreiflich sind, unterstreicht der Apostel nun in drei Fragen, die aus Jes. 40,13; Hiob 41,3. Wer hat den Sinn des Herrn verstanden? Oder wer wurde sein Ratgeber? Oder wer hat ihm zuerst gegeben, und es wird ihm zurückgegeben werden? Wer kennt die Gedanken und Pläne Gottes und den Grund seiner Anordnungen? Wer stand dann an seiner Seite, um ihm Ratschläge für die Art und Weise ihrer Ausführung zu geben? Wie wäre es möglich, dass ein Mensch, ja ein Geschöpf, Gott in die Pflicht nimmt? Es sind nur drei Fälle denkbar, in denen ein Mensch wissen könnte, was Gott geplant hat und wie er seine Pläne auszuführen gedenkt: Wenn er Zugang zum Verstand, zu den Gedanken Gottes hätte; wenn er an der Planung teilgenommen hätte; wenn er in der Lage wäre, aus den Verdiensten seiner eigenen Beziehung zu Gott herauszufinden, was er von Gott als Gegenleistung erwarten kann. Das Geschöpf hat in Bezug auf Gott überhaupt kein Verdienst, denn Gott ist selbst alles in allem: Von ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Alle Dinge, die in der Welt geschehen, insbesondere alle Umstände, die mit dem Heil des Menschen zusammenhängen, haben ihren Ursprung in Gott, werden von Gott ausgeführt und dienen den Zwecken Gottes. Anstatt also zu versuchen, in die Geheimnisse Gottes einzudringen und seine unerforschliche, unbegreifliche Weisheit aufzudecken, sollen alle Menschen und besonders alle Gläubigen ihre Knie in Lob und Anbetung beugen und mit dem Apostel sagen: „Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Ihm sei die Herrlichkeit in Ewigkeit! Amen.“

 

Zusammenfassung: Der Apostel beklagt die Tatsache, dass die Juden ihr Heil abgelehnt haben, zeigt, dass die Ablehnung der Juden wiederum zum Nutzen der Heiden diente, wie auch zur Rettung des Überrestes in Israel, wobei die Auserwählten aus Juden und Heiden schließlich die Fülle des geistlichen Israels bilden; schließlich fügt er ein Gebet der staunenden Dankbarkeit gegenüber der Weisheit Gottes hinzu.

 

 

Kapitel 12

 

Des Christen Leben ein vernünftiger Gottesdienst (12,1-21)

    1 Ich ermahne euch, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber begebt zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille.

    3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedermann unter euch, dass niemand weiter von sich halte, denn sich’s gebührt zu halten, sondern dass von sich mäßig halte, ein jeglicher nachdem Gott ausgeteilt hat das Maß des Glaubens. 4 Denn gleicherweise, wie wir in einem Leib viel Glieder haben, aber alle Glieder nicht einerlei Geschäft haben, 5 so sind wir viele ein Leib in Christus; aber untereinander ist einer des anderen Glied. 6 Und haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Hat jemand Weissagung, so sei sie dem Glauben ähnlich. 7 Hat jemand ein Amt so warte er des Amts. Lehrt jemand, so warte er der Lehre. 8 Ermahnt jemand, so warte er des Ermahnens. Gibt jemand, so gebe er einfältig. Regiert jemand, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tu er’s mit Lust.

    9 Die Liebe sei nicht falsch. Hasst das Arge, hangt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem anderen mit Ehrerbietung zuvor. 11 Seid nicht träge, was ihr tun sollt. Seid brünstig im Geist. Schickt euch in die Zeit. 12 Seid fröhlich in Hoffnung; geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet. 13 Nehmt euch der Heiligen Notdurft an. Herbergt gerne. 14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. 15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Habt einerlei Sinn untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen.

    17 Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemand Böses mit Bösem.  Befleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann. 18 Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebt Raum dem Zorn; denn es stehet geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der HERR. 20 So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. 21 Lass dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

    Die grundlegende Ermahnung (V. 1-2): Paulus hat den ersten Teil seines Briefes an die Römer, den lehrhaften Teil, abgeschlossen. Er hat die mannigfaltigen und unterschiedlichen Manifestationen des göttlichen Mitleids und der Barmherzigkeit gegenüber den Menschen beschrieben, die suchende Liebe Gottes inmitten von Ungehorsam und Undankbarkeit. Auf der Grundlage dieser Offenbarung der Liebe Gottes fügt der Apostel nun den praktischen Teil seines Briefes hinzu. Nun aber, oder deshalb, beschwöre ich euch. Seine gesamte Ermahnung stützt sich auf die Tatsachen, die in der Darlegung seiner These, Kap. 1,16.17, auf den Tatsachen der Rechtfertigung, der Heiligung und des Heils des Menschen. Er schreibt nicht: Ich befehle euch, sondern: Ich beschwöre, fordere auf, bitte, ermahne, flehe euch an. Es handelt sich um eine evangelische Ermahnung, nicht um eine Forderung des Gesetzes. Die Dinge, die er bespricht, sind solche, die das Leben des Christen in Übereinstimmung mit dem heiligen Willen Gottes bringen, aber nicht in dem Sinne, dass die Werke an sich das Heil verdienen. Er nennt die Christen in Rom Brüder, da sie mit ihm Kinder desselben himmlischen Vaters sind und ihm daher zu allen Zeiten und in allen Dingen verpflichtet sind. Durch die Barmherzigkeit Gottes ermahnt und bittet der Apostel. Was er bisher geschrieben hatte, war eine Verkündigung, ein Lob der vielen Beweise und Manifestationen der Barmherzigkeit Gottes, seiner Gnade in Christus Jesus. Diese unverdiente Gnade Gottes, sein unerforschlicher Reichtum an Barmherzigkeit, den die Leser in ihrem eigenen Herzen und Leben erfahren haben, das ist der eigentliche Beweggrund und Ansporn für eine christliche Lebensweise. „Er sagt nicht: Ich befehle euch; denn er predigt denen, die schon Christen und fromm sind durch den Glauben an den neuen Menschen, die nicht mit Geboten gezwungen, sondern willig ermahnt werden sollen, das zu tun, was mit dem sündigen alten Menschen zu tun ist. Denn wer es nicht willig tut, nur auf Grund freundlicher Ermahnung, der ist kein Christ; und wer es mit Gesetzen aus den Unwilligen erzwingt, der ist schon dann kein christlicher Prediger oder Vorsteher mehr, sondern ein weltlicher Kerkermeister.... Wer sich also mit solch süßen und lieblichen Worten der Barmherzigkeit Gottes, die uns in Christus in so unermesslicher Menge gegeben ist, nicht anregen und überreden lässt, dass er auch so mit Lust und Liebe tut, zur Ehre Gottes und zum Besten seines Nächsten, der ist nichts, und alles ist verloren in seinem Fall.... Nicht die Barmherzigkeit der Menschen, sondern die Barmherzigkeit Gottes ist es, die uns geschenkt wird und die der heilige Paulus uns ansehen, anspornen und bewegen lassen will.“[20]

    Der Apostel ermahnt die Christen vor allem, ihren Leib als ein lebendiges Opfer darzubringen. Vgl. Kap. 6,12.13.19. Ihr Leib, ihr physischer Organismus mit allen seinen Gliedern, soll dem Dienst Gottes geweiht werden. Die Christen bringen ihren Leib als Opfer für Gott dar, wenn sie ihn nicht als ihr Eigentum betrachten, das sie nach eigenem Gutdünken gebrauchen oder missbrauchen können, sondern ihn stets als Werkzeug des heiligen Willens Gottes betrachten. So ist der Leib der Christen ein lebendiges Opfer, ihr ganzes Leben steht im Dienst des Herrn, und alle Handlungen aller ihrer Glieder sollen gute Werke sein. Und deshalb sind diese Opfer auch heilig, Gott abgesondert, Gott geweiht, der Heiligung seines Namens dienend, und annehmbar, Gott wohlgefällig, der große Freude an ihnen hat. Und übrigens ist die gesamte Darbringung dieses Opfers während des ganzen Lebens eines Christen ein vernünftiger Dienst, ein Kult oder eine Anbetung Gottes, die nur seine Ehre sucht, die mit dem Geist oder dem Verstand erfolgt und vom Geist Gottes gelenkt wird. So ist der Dienst, den ein Christ Gott anbietet, indem er alle seine Glieder dem heiligen Willen Gottes unterwirft, kein toter und formaler Ritualismus, sondern ein Kult, eine Anbetung des Geistes, wobei der Geist unaufhörlich tätig ist, um zu planen und zu überlegen, wie der Körper mit allen seinen Gliedern zur Ehre Gottes leben kann.

    Derselbe Gedanke wird nun von einer anderen Seite angeboten: Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern nehmt eine andere Gestalt an durch die Erneuerung eures Sinnes, dass ihr zu erforschen sucht, was der Wille Gottes ist, was gut und wohlgefällig und vollkommen ist. Die Gewohnheit, das Verhalten, die ganze Art und Weise, wie der Christ sich verhält, darf nicht mit der gegenwärtigen Welt übereinstimmen, mit dem Verhalten der Menschen, die nur für diese Welt leben, Gal. 1,4; Eph. 2,1; 2 Kor. 4,4. Die Gläubigen werden sich unter keinen Umständen den bösen Sitten, Gewohnheiten, Praktiken anpassen, die in der Welt üblich sind. Weil sie, was ihren inneren Menschen, ihr Herz und ihre Seele betrifft, von der Welt entfernt sind, weil sie nicht mehr von der Welt sind, obwohl sie noch in der Welt leben, werden sie in der Welt einen anderen Charakter und ein anderes Aussehen annehmen. Dies geschieht durch die Erneuerung des Geistes, durch die Veränderung des Herzens, die mit der Bekehrung beginnt und das ganze Leben hindurch andauert, denn der Kampf zwischen Fleisch und Geist muss ohne Unterlass geführt werden. Die Veränderung des äußeren Charakters und der Gewohnheiten eines Menschen ist die Folge der inneren Veränderung. Und so ist es die ständige Sorge des Christen, sorgfältig zu prüfen, zu versuchen, immer herauszufinden, was der Wille Gottes ist, das heißt, was in seinen Augen gut und wohlgefällig und vollkommen ist. Der natürliche Mensch hat nur einen Gedanken und eine Sorge, nämlich das zu tun, was seinem sündigen Fleisch gefällt. Aber ein Christ ist, obwohl sein Können und seine Leistung nicht seinem Wollen entsprechen, aktiv und unermüdlich darin, den Willen Gottes aus der Offenbarung der Heiligen Schrift zu erforschen und die so gewonnene Erkenntnis in allen Lebenslagen, unter allen Umständen und gegenüber jedem Menschen in der Welt zu praktizieren. Ein solches Verhalten und Benehmen ist der wahre Charakter der Christen und hilft ihnen, das wahre Ziel und den Zweck ihres Daseins in der Welt zu erreichen.

 

    Der rechte Gebrauch von Gottes Gnadengaben (V. 3-8): Die allgemeine Ermahnung der ersten Verse führt Paulus nun im Detail aus, indem er ihren Inhalt spezialisiert und auf konkrete Situationen im Leben der Gläubigen anwendet. In diesem Abschnitt spricht er von den besonderen Gnadengaben, die im Gemeindeleben ihre Anwendung finden. Jeder Christ hat eine solche Gabe empfangen, und es ist der Wille Cods, dass er sie anwendet, dass er sie in den Geschäften der Gemeinde praktisch unter Beweis stellt. Paulus macht diese Ermahnung durch die Gnade, die ihm kraft seines Apostelamtes gegeben wurde, Kap. 15,15; Eph. 3,7.8, die ihn befähigt, mit Vollmacht zu reden; die gewöhnlichen und außergewöhnlichen Gaben, die er auf diese Weise empfangen hatte, qualifizierten ihn für seine Aufgaben und gaben seinen Anweisungen Autorität.

    Und seine allererste Belehrung betrifft ein sehr schweres Ärgernis und eine Sünde, die man oft bei denen fand und auch heute noch findet, die bestimmte Gaben in der Kirche besitzen: Dass er nicht mehr von sich halten soll, als er halten soll, sondern dass er bescheiden sein soll. Und das sagt der Apostel zu einem jeden von ihnen, zu einem jeden, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat. Die besonderen Gnadengaben, die Gott zu allen Zeiten den Gliedern seiner Kirche in gewissem Maße gegeben hat, wie z. B. die Fähigkeit zur Leitung, die Eignung und Geschicklichkeit in der Lehre, die Begabung für eine einfache und klare Darstellung der Heiligen Schrift und andere, sind von einigen Christen immer wieder zur Selbsterhöhung begehrt und ausgeübt worden. Und deshalb sagt Paulus zu jedem von ihnen, egal wer er ist und welche Position er innehat, dass er keine Meinung von sich selbst haben soll, die das Maß christlicher Bescheidenheit überschreitet. Ein Christ kann sich einer Gabe in der Kirche, die ihm der Herr gegeben hat, ganz oder teilweise bewusst sein. Aber dieses Bewusstsein darf nicht zu einer Selbstverherrlichung führen. Schlichte, vernünftige Bescheidenheit und Demut müssen das Urteil des Christen über seine Fähigkeiten und seine Arbeit im Reich Gottes prägen. Und das soll er tun, weil erstens seine besondere Gabe von Gott kommt, ein freies Geschenk seiner Gnade ist, und zweitens diese Gabe mit dem Glauben zusammenhängt, weil Gott jedem Christen sein Maß an Glauben, an Festigkeit, an Vertrauen, an Zuversicht in Gott ausgeteilt hat, 1. Kor. 12,9. Wenn ein Christ seine besondere Gnadengabe richtig anwenden soll, dann ist ein gewisses Maß an Zuversicht nötig, die Überzeugung, dass Gott ein bestimmtes Werk von ihm verlangt, dass er Gott und der Gemeinde Gottes mit seiner Gabe dienen muss und dass er dazu die richtige Fröhlichkeit besitzt. Der Apostel spricht natürlich nicht von den seltsamen Selbsttäuschungen, nach denen Menschen sich für Ämter berufen fühlen, für die sie weder geeignet noch befähigt sind, und sich ganz auf ihr eigenes verkehrtes Urteil verlassen. Er warnt ausdrücklich vor solchen Verblendungen und Selbstüberschätzungen.

    Diese Warnung vor Hochmut und seine Ermahnung zur Bescheidenheit untermauert der Apostel nun mit der Tatsache: Denn wie wir in einem Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, so haben auch wir, die wir viele sind, einen Leib in Christus, aber jeder ein Glied des anderen, V. 4.5. Vgl. 1. Kor. 12,12; Eph. 4,15.16; Kol. 1, 8. Der menschliche Organismus hat viele Glieder; aber sie sind nicht alle gleich, sondern unterscheiden sich ganz entschieden in ihrer Funktion oder Aufgabe, und doch dienen sie dem Leib, jedes in seinem Bereich und auf seine besondere Weise. Und ebenso bilden wir viele, alle Christen zusammen, den Leib Christi, die Gemeinschaft der Heiligen, aber einzeln, was unser individuelles Verhältnis betrifft, sind wir Glieder eines anderen und können daher dem Leib nur dann richtig dienen, wenn wir gemeinsam arbeiten, geleitet vom Geist Gottes. Mit diesem Bild will der Apostel also zeigen, dass die Verschiedenheit der Ämter und Gaben unter den Christen keineswegs im Widerspruch zu ihrer Einheit als ein Leib in Christus steht, sondern vielmehr zur Vollkommenheit und Nützlichkeit des Leibes notwendig ist. Indem sie sich gegenseitig ergänzen und dienen, dienen alle Gläubigen Christus.

    Der Apostel setzt nun seinen Gedanken fort, indem er aufzeigt, dass wir, die wir so unterschiedliche Gaben haben, diese auch nach dem Willen Gottes einsetzen sollen, so wie es seinem Willen entspricht. Die Gnadengaben der Christen sind vielfältig, aber ihr Ziel und Zweck ist derselbe: dem Herrn zu dienen und nicht dem eigenen Vorteil. Wenn jemand die Gabe der Weissagung hat, soll er sie nach dem Vorbild des Glaubens gebrauchen. Wenn wir unter Prophetie hier die besondere Gabe des apostolischen Zeitalters verstehen, als eine außerordentliche Darlegung der göttlichen Wahrheit, dann bedeutet die Ermahnung des Apostels zu sagen, dass jede solche Darlegung mit dem inspirierten Wort übereinstimmen und das Vertrauen des Glaubens zum Ausdruck bringen muss. Da sich die Prophetie in diesem Abschnitt aber wahrscheinlich auf die Auslegung der Schrift zu allen Zeiten bezieht, mit den Gaben, wie sie vielen Gliedern der neutestamentlichen Kirche gegeben wurden, könnten die Worte umgeschrieben werden: Alle Schriftauslegung zu allen Zeiten muss der Analogie des Glaubens, des rettenden Glaubens folgen. Wie dieser Glaube sich ganz und allein auf das inspirierte Wort Gottes gründet und niemals der Vernunft oder der Philosophie folgt, so geht auch eine Bibelexegese, die diesen Namen wirklich verdient, niemals mit vorgefassten Meinungen und Vorstellungen, mit einem Lehrsystem, in das die Schriftstellen auf Biegen und Brechen eingepasst werden müssen, an ihre Aufgabe heran, sondern sie schöpft die Wahrheit aus der Schrift, sie stützt sich allein auf die Bibel, 1. Kor 2,13.

    Der Apostel fährt fort: Wenn wir einen Dienst oder ein Amt haben, lasst uns diesem Dienst Aufmerksamkeit schenken. Alle Ämter in der Kirche sind dem großen Dienst der Verkündigung des Wortes tributpflichtig, aber es gibt viele Formen dieses Dienstes. Egal, welche besondere Berufung jemand in der Kirche oder Gemeinde hat, egal, für welche besondere Arbeit er ausgestattet ist, er sollte sie mit Freude und Bescheidenheit ausüben, ohne sich in die Sphäre anderer einzumischen oder sie um ihre höheren Gaben zu beneiden. Das gilt zunächst für diejenigen, die in der Gemeinde das Amt eines Lehrers innehaben, gleichgültig in welcher Form: Wenn jemand Lehrer ist, so soll er sich um die Lehre kümmern. Hat Gott jemanden zum Prediger für die öffentliche Verkündigung des Wortes oder zum Lehrer für die Unterweisung der Kinder und Jugendlichen auf dem Weg des Heils berufen, so soll er sich mit der Arbeit dieses Amtes befassen, hierin tätig sein und unter dem Segen Gottes etwas zum Nutzen der Gemeinde und aller Glieder vollbringen. Wenn jemand ein Ermahner ist, soll er sich um die Ermahnung kümmern. Wenn ein Christ die besondere Gabe empfangen hat, das Wort Gottes in den verschiedenen Lebensumständen anzuwenden, wird die Versammlung der Gemeinde oder irgendeines Gremiums im Dienst der Gemeinde ihm reichlich Gelegenheit geben, diese Gabe zu gebrauchen und so dem Herrn zu dienen. Und ganz allgemein schreibt der Apostel: "Wenn jemand etwas von seinen reicheren Gaben den Ärmeren an den Gütern dieser Welt oder den Bedürftigen und Notleidenden gibt, so soll er es in Aufrichtigkeit tun, mit dem einzigen und ungeteilten Vorsatz, dem Herrn zu dienen, und nicht, um sich selbst ein Denkmal zu setzen oder um Lob und Ehre von den Menschen zu erhalten. Wenn jemand ein Amt innehat, eine besondere Stellung als Leiter oder Vorsteher eines kirchlichen Werkes, so soll er seine Arbeit mit Eifer verrichten und sie nicht durch Trägheit und Nachlässigkeit entwürdigen, sondern ihr stets volle Aufmerksamkeit widmen. Wenn jemand Barmherzigkeit übt, soll er dies mit einem schnellen Verstand tun. Den Kranken und Bedrängten unter den Brüdern und Schwestern soll die Barmherzigkeit, die tätige Anteilnahme der anderen zuteil werden, nicht mit widerwilliger Lieblosigkeit, sondern in dem Geist, der sich über die Möglichkeit freut, anderen helfen zu können, der immer ein mitfühlendes, lächelndes Antlitz zeigt bei der Aussicht, Leiden jeder Art zu lindern.

 

    Des Christen Weise in seinen persönlichen Beziehungen (V. 9-16): Der Apostel spricht nun ganz allgemein über das Verhältnis des Christen zu seinen Mitchristen und zu seinen Mitmenschen. Von der Liebe im Allgemeinen sagt er, dass sie sich nicht verstellen soll, dass sie nicht nur in Worten, sondern in aufrichtigen Taten bestehen soll; sie soll von Herzen kommen und wirklich das Wohl des Nächsten wünschen. Eine solche wahre Liebe zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht zögert, jede Form von Sünde und Übertretung zu tadeln und auch das Gute, das sie in ihrem Nächsten findet, anzuerkennen und zu fördern. Diese Ermahnung ist übrigens eine Zusammenfassung aller nun folgenden Ermahnungen. Was die brüderliche Liebe betrifft, so soll eure Liebe zueinander und zu den anderen als Kindern in der einen großen Familie Gottes zärtlich und liebevoll sein. Die Beziehung der Gläubigen zueinander, als Glieder des einen Leibes Christi, als Besitzer desselben Glaubens an die Erlösung durch ihren Erlöser, ist in gewisser Weise inniger als die Blutsverwandtschaft zwischen den Mitgliedern einer Familie. Und deshalb sollte sie in ihren Äußerungen zärtlich und liebevoll sein. Und mit dieser Liebe sollte die gegenseitige Achtung verbunden sein: durch die Ehre, die man sich gegenseitig erweist, indem man sich gegenseitig die Ehre gibt. Zwischen den Christen sollte ein freundschaftlicher Wettstreit herrschen, um sich gegenseitig in jeder Form der freundlichen Ehrerbietung als Teilhaber derselben Gnade des himmlischen Vaters zu übertreffen. Ein bloßes passives Gefühl reicht nach der Ermahnung des Apostels jedoch nicht aus: Im Eifer oder Willen, nicht faul, eifrig im Geist, dem Herrn zu dienen. Wenn es darum geht, dem Bruder oder dem Nächsten in irgendeiner Weise zu dienen, darf man nicht zögern, nicht zaudern, nicht träge und nicht müde werden. Vielmehr sollte unser Geist vor Eifer glühen, wir sollten mit beharrlichem Enthusiasmus an seinem Wohlergehen interessiert sein. Und bei aller Rücksichtnahme auf die Erfordernisse der verschiedenen Lebensumstände sollte der Christ dennoch nie vergessen, dass seine Tätigkeit und sein Eifer von dem Wunsch, Christus zu dienen, angetrieben und geleitet werden, ein Faktor, der auch dazu beitragen wird, jeden Gedanken der Selbsterhöhung und des Stolzes bei der Erfüllung unserer Pflichten zu vermeiden. Der Gedanke, dass die Christen in allen Werken ihrer Berufung im Dienst des Herrn stehen, wird eine weitere positive Wirkung haben: Was die Hoffnung betrifft, so werden sie voller Freude sein; sie werden sich freuen, weil sie der Leiden Christi teilhaftig sind, damit sie auch seiner Herrlichkeit teilhaftig werden, 1. Petr. 4,13. Was Bedrückung, Not, Elend, Trübsal aller Art betrifft, so sind sie geduldig; sie denken immer daran, dass die Leiden dieser Zeit nicht wert sind, mit der Herrlichkeit verglichen zu werden, die offenbart werden soll, Kap. 8,18. Im Gebet sollt ihr eifrig und beharrlich sein; die Christen sollen sich diesem Zeichen und Ausdruck ihres geistlichen Lebens mit aller Inbrunst und Eindringlichkeit widmen, wie der Herr sie so oft ermahnt, nicht mit herkömmlicher Trägheit, sondern mit dem Eifer, der aus dem festen Vertrauen auf seine väterliche Güte erwächst.

    Nachdem der Apostel auf diese Weise gezeigt hat, wie das Gefühl des persönlichen Dienstes an Gott das persönliche Verhalten des Christen beeinflussen wird, wendet er sich wieder dem Verhältnis zum Nächsten zu, V. 13-16. Nimm teil an den Nöten der Heiligen, lass sie deine ernste Sorge sein wie auch die, mit denen du zu kämpfen hast, mach dir ihre Not zu eigen und handle danach. Und dies wird weiter erklärt: Nach der Gastfreundschaft. Da die Gläubigen Glieder des Leibes Christi sind, werden sie natürlich sowohl ihre Sorgen als auch ihre Freuden teilen. In Zeiten der Verfolgung, wie sie die ersten Christen oft erlebten, war es für die Gläubigen sehr notwendig, die Fremden in der Gemeinschaft des Glaubens zu bewirten, da sie von Tyrannen aus ihren Häusern vertrieben wurden. Aber inmitten solcher Verfolgungen sollten die Christen das Beispiel und das Gebot ihres Herrn in Bezug auf ihre Feinde nicht vergessen: Segnet die, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht. Um dies zu unterstreichen, wiederholt der Apostel seine Ermahnung, dass die Gläubigen aktiv ihre Feinde segnen sollen. Selbst wenn die Verfolgung unerträgliche Ausmaße annimmt, müssen die Christen die Gewohnheit pflegen, ihren Verfolgern Gutes zu wünschen. „Es reicht nicht aus, zu vermeiden, Böses mit Bösem zu vergelten, und auch nicht, Rachegefühle zu verbannen; wir müssen in der Lage sein, ihr Glück aufrichtig zu wünschen.“ (Hodge.) Und wenn wir diesen Geisteszustand kultivieren, werden wir umso besser in der Lage sein, die Ermahnung zu befolgen, die wiederum vor allem die Brüder betrifft: sich mit denen zu freuen, die sich freuen, mit denen zu weinen, die weinen. Das Interesse eines christlichen Bruders oder einer christlichen Schwester steigert ihre Freude über jeden Segen des Herrn; und ihr Mitgefühl erleichtert jede schwere Last, vor allem, wenn ihre Worte nicht die konventionellen, stereotypen Phrasen der so genannten höflichen Gesellschaft sind, sondern die Worte des aufrichtigen Mitgefühls, die von der Liebe Christi diktiert werden. Dieselbe Liebe wird auch bewirken, dass die Christen einander gegenüber dasselbe denken; ein Gefühl der Übereinstimmung oder Harmonie, der Einmütigkeit bestimmt ihr Handeln, Phil. 2,2; 4,2; 2. Kor. 13,11. Weil die Liebe des Christen zu seinem Mitchristen ihn immer dazu veranlassen wird, sich in die Lage des anderen zu versetzen, wird er daher in der Lage sein, Zwietracht und Disharmonie zu bekämpfen. Dies wird ihm um so besser gelingen, je mehr er die Aufforderung befolgt: Habt nicht im Sinn, setzt nicht eure Gedanken auf hohe Dinge, sondern seid bereit, mit den Niedrigen mitzuziehen; seid nicht weise in eurer eigenen Schätzung. Alle Selbstüberheblichkeit steht nicht im Einklang mit den Forderungen der christlichen Liebe; nicht ehrgeizig, sondern demütig zu sein, muss der Charakter eines jeden Nachfolgers des niedrigen Nazareners sein. Unmäßiger Ehrgeiz, der all jene verachtet, die nicht die gleichen intellektuellen oder geistlichen Gaben empfangen haben, einerseits, zusammen mit einer Verachtung für ihre niedrigen Personen oder Bestrebungen, sind absolut unvereinbar mit der Idee der vollkommenen christlichen Einheit, die der Herr zu allen Zeiten im Sinn hatte. Die Niedrigkeit des Geistes, die in Christus Jesus zu finden war, der mit Zöllnern und Sündern, mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft verkehrte, weil sie seine Heilsbotschaft angenommen hatten, muss in allen seinen wahren Dienern zu finden sein. Wenn sich aber jemand durch seinen intellektuellen Stolz aufbläht, durch eine eingebildete Überlegenheit gegenüber den anderen, dann stört er absichtlich die Harmonie, die die christliche Gemeinschaft kennzeichnen sollte, und kann den Geist, der im Meister lebt, nicht richtig beanspruchen.

 

    Des Christen Beziehung zu seinen Feinden (V. 17-21): Das Verhältnis zu seinen Mitchristen verlangt dem wahren Jünger Christi sehr viel ab, und er ist verpflichtet, täglich Demut und Dienst von dem zu lernen, der für alle Zeiten unser Vorbild ist. Aber in gewisser Weise verlangt das Verhältnis eines Christen zu denen, die nicht zum Haus des Glaubens gehören, noch mehr, weil er von ihnen nichts anderes als Feindseligkeit und bittere Verfolgung erwarten darf. Deshalb schreibt der heilige Paulus: Niemand soll Böses mit Bösem vergelten; wie groß auch die Provokation seitens ihrer Feinde sein mag, die Christen sollen nicht mit gleicher Münze zurückzahlen; Vergeltung und Rache müssen ihrem Wesen fremd sein. Vielmehr sollen wir uns bemühen, das zu erreichen, was vor allen Menschen ausgezeichnet ist, wir sollen uns jederzeit so verhalten, dass wir das Vertrauen und die Achtung aller Menschen gewinnen, dass wir uns ihnen als ehrenhaft, aufrichtig, rein in allem Umgang empfehlen], so dass kein Fleck unseren Charakter vor der Welt befleckt. Vgl. Spr. 3,4. Dazu gehört noch eine weitere Ausprägung des christlichen Charakters: Wenn es euch möglich ist, haltet Frieden mit allen Menschen, soweit es euch betrifft. Christen zetteln nie Streit an und sind auch keine Verfechter der Devise "Frieden um jeden Preis". Es gibt Zeiten, in denen den Christen ein Streit aufgezwungen wird, in denen die Wahrheit, das Recht, die Gerechtigkeit und die Pflicht verlangen, dass sie sich verteidigen, so wie es der Herr im Palast des Hohenpriesters tat. Aber solange es mit gutem Gewissen möglich ist, werden die Christen mit allen Menschen Frieden halten; sie sind niemals die Ursache von Zwietracht und Streit in dem Sinne, dass die Schuld tatsächlich bei ihnen liegt. Und dazu gehört ein weiterer Gedanke: Rächt euch nicht, Geliebte, sondern gebt dem Zorn nach. Diese Worte enthalten eine weitere Anwendung und Verstärkung des letzten Gedankens. Der Gedanke an Rache muss den Herzen der Gläubigen fremd sein, denen, die die Geliebten des Herrn sind, die sich an der Fülle seiner Liebe und Barmherzigkeit erfreuen. Und wenn der fleischliche Zorn in ihre Herzen eindringen will, wenn er wie ein wildes Tier daherkommt, um sich des Verstandes zu bemächtigen, dann sollten wir einen weiten Bogen um ihn machen und ihn nicht zum Ziel kommen lassen, denn der Zorn des Menschen wirkt nicht die Gerechtigkeit Gottes, Jak. 1,19.20; Kol. 3,8. Im Gegenteil, wir sollten uns daran erinnern, was in 5. Mose 32,35 geschrieben steht: Mir gehört die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr. Wir sollten daher die Bestrafung des Bösen in den Händen des Herrn lassen und nicht versuchen, sie in unsere eigenen Hände zu nehmen. Das Vorrecht Gottes als Rächer des Bösen an denen, die Böses tun, darf von keinem Menschen usurpiert werden. Ein Christ, der wirklich vom Geist Christi durchdrungen ist, wird vielmehr befolgen, was der heilige Paulus anmahnt: Wenn dein Feind hungert, so gib ihm zu essen, und wenn ihn dürstet, so gib ihm zu trinken; denn dadurch wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt häufen. Der Apostel spricht hier mit Worten des Alten Testaments, Spr. 25,21 ff., und folgt der ernsten Ermahnung des Herrn, Matth. 5,44. Die glühenden Kohlen sind ein passendes Bild für die Unruhe des Gewissens, die im Falle von Freundlichkeit unter den im Kontext angenommenen Umständen zwangsläufig folgen muss. Anstatt das Unglück seines Feindes auszunutzen, egal in welcher Form, ergreift der Christ die Gelegenheit, ihm jede Freundlichkeit zu erweisen. Und dieses Zurückzahlen von Gutem für Böses wird den Feind in den meisten Fällen so tief berühren, dass er gewonnen wird, oder zumindest, dass sein Herz seine eigene Unterlegenheit angesichts einer solchen Behandlung anerkennen muss. Und so schließt der Apostel ab: Lass dich nicht von dem Bösen, das dein Feind dir zeigt, überwältigen, lass dich unter keinen Umständen zu Gedanken der Feindschaft und Rache verleiten, sondern überwinde das Böse, indem du Gutes tust. Bezwinge deine Feinde durch Freundlichkeit, nicht durch Gemeinheit. Denn das Gute zu tun ist der Bereich, in dem wir Gläubigen uns immer bewegen sollten, und das muss seinen Einfluss auf unsere Feinde ausüben. So mancher erbitterte Feind ist durch christliche Großherzigkeit überwunden und zum Freund der christlichen Sache geworden.

 

Zusammenfassung: Der Apostel ermahnt die Christen zu treuem Dienst in der Gemeinde und zu wahrer christlicher Liebe zu den Brüdern und zu allen Menschen.

 

 

Kapitel 13

 

Vom Gehorsam gegenüber der Regierung, von der Liebe zum Nächsten und dem Wandel im Licht

(13,1-14)

    1 Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. 2 Wer sich nun gegen die Obrigkeit setzt, der widerstrebt Gottes Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfangen. 3 Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben; 4 denn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.

    5 So seid nun aus Not untertan, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen. 6 Deshalb müsset ihr auch Steuern geben; denn sie sind Gottes Diener, die solchen Schutz sollen handhaben. 7 So gebt nun jedermann, was ihr schuldig seid: Steuer dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

    8 Seid niemand etwas schuldig, als dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn das da gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; dich soll nichts gelüsten, und so ein anderes Gebot mehr ist, das wird in diesem Wort verfasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst: 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.

    11 Und weil wir solches wissen, nämlich die Zeit, dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, da unser Heil jetzt näher ist, als da wir gläubig wurden, 12 die Nacht ist vergangen, der Tag aber herbeikommen: So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes. 13 Lasst uns ehrbar wandeln, als am Tag, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Ausschweifungen und Unzucht, nicht in Hader und Neid. 14 sondern zieht an den HERRN Jesus Christus und wartet des Leibes, doch so, dass nicht die Begierden geweckt werden.

 

    Die Regierungsgewalt ist von Gott20A (V. 1-4): Der Apostel zeigt nun in seiner Ermahnung die Pflichten auf, die jeder Mensch der Regierung schuldet und in denen die Christen alle anderen mit fröhlichem Pflichtgefühl führen sollen. Da dies die einzige Stelle ist, an der Paulus ausführlicher auf die Pflichten gegenüber der Obrigkeit eingeht, ist es wahrscheinlich, dass die Umstände es notwendig machten, diese Information an dieser Stelle aufzunehmen, entweder um den Geist der Judenchristen zu zügeln oder um alle Christen Roms auf die Behandlung vorzubereiten, die sie später durch den Tyrannen Nero erfuhren. Die Aussagen des Paulus sind sehr allgemein und finden ihre Anwendung in allen Zeitaltern der Welt; sie weisen genau auf das göttliche Recht und die göttliche Würde der Regierung hin, beschränken aber gleichzeitig die Funktionen der zivilen Obrigkeit auf diesseitige Angelegenheiten, auf das leibliche Wohl der Untertanen und auf die Pflichten der Bürgerschaft.

    Die Worte des Apostels sind allumfassend: Jede Seele soll sich der über ihr stehenden Obrigkeit unterwerfen. Ausnahmslos jeder Mensch innerhalb einer Gemeinschaft, eines Staates oder eines Landes ist mit diesem Gebot angesprochen. Er soll sich bereitwillig, ohne Anwendung von Gewalt oder Zwang, den bestehenden Mächten oder Autoritäten, den mit Macht ausgestatteten Personen, den Inhabern des Regierungsamtes unterwerfen. Die diesen Personen kraft Gottes Vorsehung oder Erlaubnis übertragene Regierungsgewalt verleiht ihnen eine Stellung, in der sie uns an Würde und Autorität überragen; sie sind unsere Vorgesetzten im Sinne des vierten Gebots. Dies wird ausdrücklich hervorgehoben: Denn es gibt keine Obrigkeit außer der von Gott; die aber, die es gibt, sind von Gott eingesetzt. Wenn eine Regierung tatsächlich an der Macht ist, sei es eine tyrannische oder eine andere, kann ihre Existenz nur durch die Annahme erklärt werden, dass sie auf Gottes Einsetzung zurückzuführen ist, entweder durch seine Vorsehung oder durch seine Erlaubnis. Es wäre für jede Regierung unmöglich, das Böse in Schach zu halten, wenn die allmächtige Hand Gottes nicht die stützende Kraft wäre. "Die menschliche Regierung ist nicht nur eine göttliche Einrichtung, sondern auch die Form, in der diese Regierung besteht, und die Personen, die ihre Funktionen ausüben, sind durch seine Vorsehung bestimmt. Alle Amtsträger, gleich welchen Ranges, sind als durch göttliche Einsetzung handelnd zu betrachten; nicht, dass Gott die Personen bestimmt, sondern dass, da es sein Wille ist, dass es Amtsträger gibt, jede Person, die faktisch mit Autorität bekleidet ist, als mit einem Anspruch auf Gehorsam ausgestattet zu betrachten ist, der auf dem Willen Gottes beruht." (Hodge.) Da dies der Fall ist, widersetzt sich also jeder, der sich der Macht widersetzt, der Einrichtung Gottes. Wer der Regierung, der er unterworfen ist, in irgendeinem Punkt, der durch Gottes ausdrückliches Gebot oder Verbot freigestellt ist, den Gehorsam verweigert, rebelliert nicht nur gegen die rechtmäßige Autorität der Regierung, sondern im Übrigen auch gegen Gott selbst, der die Regierung eingesetzt hat. Und wer sich widersetzt, wird das Gericht, das Urteil der Verdammung, auf sich nehmen. Sie machen sich nicht nur der Verfolgung und Bestrafung durch die Regierung schuldig, sondern werden auch von Gott als Rebellen angesehen und behandelt, der nicht zulassen wird, dass die von ihm verliehene Autorität missachtet wird. Die Geschichte zeigt, dass die Heimsuchungen Gottes gegen rebellische Völker sehr streng waren.

    Der Apostel bringt nun einen weiteren Grund für die im ersten Vers auferlegte Pflicht: Denn die Obrigkeit, die Herrschenden, sind ein Schrecken, ein Grund zur Furcht, nicht für das gute Werk, sondern für das böse. Das ist der Zweck, zu dem Gott die Regierung eingesetzt hat: Sie soll Furcht einflößen, ihre Macht soll Schrecken in die Herzen der Widerspenstigen bringen, so wie ihre Würde Ehrfurcht und Respekt in den Gemütern aller Untertanen hervorrufen soll. Nur derjenige, der Böses tut, muss die Obrigkeit fürchten, nicht derjenige, der Gutes tut. Wer gegen die Gesetze des Landes verstößt und sich weigert, nach den Forderungen der bürgerlichen Rechtschaffenheit zu leben, muss damit rechnen, so behandelt zu werden, wie es sein Verhalten verdient. Wenn also jemand nicht in ständiger Angst vor der Regierung leben will, die ihre Pflichten rechtmäßig erfüllt, sollte er darauf bedacht sein, Gutes zu tun, den Gesetzen des Landes gerecht zu werden und seine Pflicht als Bürger zu erfüllen. Dann wird er von der Obrigkeit oder der Regierung gelobt; er wird als guter, pflichtbewusster Bürger anerkannt und behandelt. Denn die Magistrate, die Personen in der Autorität, die sich der ihnen übertragenen Verantwortung und Macht tatsächlich bewusst sind, werden dann so handeln, dass die Regierung für jeden guten Bürger der Diener Gottes sein wird. Zu diesem Zweck wird die Regierung von Gott eingesetzt und aufrechterhalten, zum Nutzen der gesetzestreuen Bürger, um sie vor Unrecht zu schützen und zu verteidigen, um in jeder Hinsicht das Wohl der Gesellschaft zu suchen. Wenn aber jemand Unrecht tut, die Gesetze der Stadt, des Staates oder des Landes, in dem er lebt und dessen Schutz er genießt, vorsätzlich übertritt, dann sollte er sich fürchten. Nicht umsonst trägt die Regierung das Schwert, das Symbol der Autorität, nirgends; nicht umsonst sind die zivilen Behörden mit dem Recht ausgestattet, die Übertreter des Gesetzes zu bestrafen, wenn nötig, mit der Verurteilung zum Tod. Die Macht der Regierung ist die eines Ministers Gottes, der sowohl schützt als auch bestraft, und im letzteren Fall rächt sie sich bis zum Zorn, indem sie Rache und Zorn an demjenigen übt, der Böses zu tun pflegt. So ist die Regierung nach dem Willen Gottes der Hüter von Recht und Ordnung, einschließlich der äußeren Moral. Und dieser Grund reicht aus, um die Christen friedlich und gesetzestreu zu halten, ganz gleich, unter welcher Regierungsform sie leben, ganz gleich, ob die Regierenden moralisch verdorben sind. Wenn die Glieder des Reiches Gottes nur ein ruhiges und friedliches Leben in aller Frömmigkeit und Aufrichtigkeit führen und die Kirche Christi aufbauen können, sind sie Gott zu Dank verpflichtet. Und wenn eine feindliche Regierung tyrannische Maßnahmen ergreift, um das Werk der Kirche zu unterdrücken, werden die Christen keine rebellische Haltung einnehmen, sondern versuchen, ihr Ziel mit legitimen Mitteln zu erreichen, indem sie sich auf die Gesetze und die Verfassung ihres Staates oder Landes berufen. Nur wenn die Regierung etwas verlangt, das eindeutig dem geoffenbarten Willen Gottes widerspricht, weigern sich die Christen ruhig, aber entschieden, zu gehorchen (Apg. 5,29).

 

    Untertan um des Gewissens willen (V. 5-7): Um der Notwendigkeit willen sind die Christen der Regierung unterworfen; sie fühlen sich verpflichtet; sie wissen, dass dieses Verhalten Teil ihres Gehorsams gegenüber Gott ist. Dabei lassen sie sich nicht vom Zorn leiten, nicht weil sie die unvermeidliche Strafe fürchten, die ihren Gehorsam dem eines Sklaven gleichmachen würde. Sondern sie unterwerfen sich um des Gewissens willen, aus gewissenhaften Motiven. Die Christen wissen, dass der Herr, dem sie dienen, die Regierung eingesetzt und sie zu seinem Organ gemacht hat, um seinen Willen zur Erhaltung von Recht und Ordnung in der Welt zu erfüllen. Deshalb leisten sie der öffentlichen Gewalt um des Herrn willen fröhlichen Gehorsam. Und nachdem die Situation so klar geworden ist, ist die Ermahnung des heiligen Paulus gut begründet: Denn darum sollt ihr Steuern zahlen. Da die Regierung zum Nutzen der Gesellschaft und zum Schutz und zur Verteidigung auch der Gläubigen eingesetzt ist, sollen sie das zu ihrem Unterhalt notwendige Geld freudig entrichten. Denn sie, die Magistrate, die Mitglieder der Regierung, sind Diener Gottes, wissentlich oder unwissentlich, und sind mit eben dieser Sache beschäftigt, mit dem Schutz gegen das Böse und mit ihren Bemühungen um den Frieden der Stadt; sie sind im Dienst und zum Nutzen aller guten Bürger tätig. "Wer kraft seines Amtes der Gemeinschaft dient, hat das Recht und die Pflicht, von der Gemeinschaft die für die Ausübung seines Amtes notwendige Unterstützung zu verlangen." Diese Tatsache unterstreicht der Apostel in einer besonderen Ermahnung: Zahlt also allen, was ihr schuldig seid, und entrichtet, was ihr schuldig seid: Wer Steuern verlangt, der zahle die Steuern; wer Zoll verlangt, der zahle den Zoll; wer zu fürchten ist, der fürchte; wer zu ehren ist, der ehre. Die Regierung hat das Recht, Personen- und Vermögenssteuern zu erheben, und es ist die Pflicht des Christen, die Steuern zu zahlen; die Umgehung dieser Pflicht ist sündhaft. Die Regierung hat das Recht, Zölle auf exportierte oder importierte Waren zu erheben, und der Christ, der unter eine solche Regelung fällt, wird die geforderte Zahlung leisten. Die Regierung nimmt eine Position der Ehrfurcht und Furcht ein, und Furcht und Ehrfurcht sollen allen ihren Vertretern zuteil werden. Und in der letzten Ermahnung geht Paulus sogar über die Obrigkeit hinaus, indem er alle Gläubigen auffordert, alle Menschen zu ehren, denen Ehre gebührt, sei es wegen ihrer Stellung oder wegen verdienstvoller Arbeit für das Gemeinwohl. Auf diese Weise erfüllt jeder Christ die Pflichten seines Bürgerrechts und dient dem Herrn gemäß dem vierten Gebot.

 

    Die Pflicht zu christlicher Liebe (V. 8-10): Der Apostel hat ausführlich über die Aufgaben und Pflichten gesprochen, die den Christen in ihrer Eigenschaft als Bürger des Staates und des Landes obliegen. Nun aber dehnt er die Ermahnung auf das Verhältnis eines Christen zu seinen Mitmenschen im Allgemeinen aus. Und dort lautet seine Aufforderung: Seid niemandem etwas schuldig, haltet eure Angelegenheiten so, dass niemand ein Recht auf euch hat, besonders in Bezug auf Steuern, Zoll, Furcht und Ehre. In dieser äußeren Hinsicht seid niemandem verpflichtet, egal wer es in der weiten Welt ist; die Pflichten, die uns in jedem Zustand des Lebens obliegen, müssen richtig, fröhlich und rechtzeitig erfüllt werden. Aber eine Pflicht, eine Verpflichtung gibt es, die niemals ausreichend erfüllt werden kann, nämlich die Pflicht der Nächstenliebe. Es ist eine Pflicht, die sich nie erschöpfen kann; ja, je mehr sie ausgeübt wird, desto mehr fühlt sie sich selbst verpflichtet. Paulus bringt Beweise, um diese Forderung zu untermauern: Denn wer seinen Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt. Wenn ein Mensch tatsächlich in der Lage wäre, seinem Nächsten unter allen Lebensumständen die Fülle einer freien und selbstlosen Liebe zu geben, hätte er damit das Gesetz erfüllt. Denn alle Gebote, die der Apostel jetzt zitiert, das sechste, das fünfte, das siebte, das achte, das neunte und jedes andere Gebot, das erwähnt werden kann, - sie sind alle unter einer Überschrift, in einer Zusammenfassung enthalten, und die lautet: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Man beachte, dass Paulus hier, wie auch an anderen Stellen der Schrift, Mark. 10,19; Luk. 18,20; Jak. 2,11, nicht der herkömmlichen Reihenfolge der Gebote folgt, wie sie im Dekalog gegeben ist; die Aufzählung und Reihenfolge der Gebote ist von sehr geringer Bedeutung, ihr Inhalt ist das Wesentliche. Und sie sind alle in dem einen Gebot enthalten und erfasst, nämlich den Nächsten, jeden Mitmenschen, mit der gleichen Liebe zu lieben, mit der wir unsere eigenen Belange betrachten und vor jeder Übertretung bewahren. Und dies wird noch durch die Aussage bestätigt: Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; wer tatsächlich von der Liebe erfüllt ist, die mit dem Willen Gottes übereinstimmt, wird nichts tun, was dem Nächsten schaden könnte, wird alle Sünden meiden, die in den Geboten genannt sind. Das Wort "Nächster" wird hier im Urtext als derjenige erklärt, der uns nahe ist. Jeder Mensch in unserer unmittelbaren Umgebung, mit dem wir zu tun hatten, den die Vorsehung Gottes in unsere Nähe gestellt hat, ist unser Nächster, und zu einem solchen, besonders wenn er zum Haus des Glaubens gehört, Gal. 6, 10, soll sich unsere Liebe in Taten der Güte zeigen, wie es dem Willen Gottes entspricht. Und deshalb ist die Erfüllung des Gesetzes die Liebe, der Beweis und der Beleg für die vollendete Erfüllung; in der Liebe ist das Tun aller Gebote, sowohl der ersten als auch der zweiten Tafel, enthalten, ihr Wesen erfüllt und umfasst alle Forderungen. Es ist ein Ideal, nach dem die Gläubigen ihr ganzes Leben lang streben und arbeiten, um diesem Maßstab gerecht zu werden, und durch die Gnade Gottes kommen sie ihrem Ziel immer ein wenig näher.

 

    Des Christen Wandel im Licht (V. 11-14): Wie das ganze Leben des Christen ein Wandel in der Liebe ist, mit dem ernsten Vorsatz, sich jederzeit so zu verhalten, dass er den Willen seines himmlischen Vaters zu erfüllen sucht, so ist es auch ein Wandel im Licht, in der Rechtschaffenheit und Heiligkeit, die Gott wohlgefällig ist. Zu diesem Zweck ist es sehr notwendig, sich nicht durch die Welt und ihre bösen Wege beflecken zu lassen. Die Ermahnung passt daher sehr gut: Und dies wissend, nämlich die Zeit, dass die Stunde jetzt gekommen ist, aus dem Schlaf zu erwachen. Die Christen kennen die Zeit und die Umstände, unter denen sie leben, und sie sollten daher die Lektion, die ihnen die Betrachtung der Situation vor Augen führt, genau beachten. Sie sollten nicht warten, keine Zeit verlieren, sondern mit größter Sorgfalt beobachten, in welche Richtung alle Anzeichen weisen und welche Notwendigkeit sich ihnen aufdrängt. Es ist höchste Zeit, der kritische Augenblick, dass die Gläubigen aus dem Schlaf erwachen, Eph. 5,14; 1. Thess. 5,6. Der Apostel bezieht sich auf den geistlichen Schlaf, der sich in keinem wesentlichen Merkmal vom geistlichen Tod, dem Schlaf der Sünde, unterscheidet. Aus dem Schlaf zu erwachen, in geistlichen Dingen hellwach zu sein, ist die besondere Pflicht der Christen, allem sündigen Wandel und Verhalten abzuschwören, den ganzen Sinn und das ganze Herz auf die Erfüllung des heiligen Willens Gottes zu richten. Dieser Zustand wurde bei den Gläubigen erreicht, als sie sich bekehrten, als sie sich von der Finsternis zum Licht, von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit, von der Macht des Satans zu Gott wandten. Aber das Werk der Wiedergeburt, das in diesem Augenblick oder zu diesem Zeitpunkt begonnen wurde, muss das ganze Leben hindurch fortgesetzt werden; die Heiligung muss unaufhörlich fortschreiten. Das ist die Aufgabe des Christen, was sein eigenes geistliches Leben betrifft, immer wachsam und aufmerksam zu sein, damit er nicht zurückfällt und in seinen früheren Sünden und Begierden verstrickt wird. In diesem Sinne ist das ganze Leben eines Christen eine fortwährende Bekehrung; in diesem Sinne ist auch diese Ermahnung immer zur rechten Zeit, denn der neue Mensch im Herzen muss täglich hervorkommen und aufstehen.

    Warum es für die Gläubigen jetzt immer Zeit ist, hellwach und wachsam zu sein, zeigt der nächste Satz: Denn jetzt ist unser Heil näher als zu der Zeit, als wir zu glauben begannen. Die Rettung der Gläubigen ist nahe. So wie die Kinder Gottes im Alten Testament, beginnend mit Eva, stets wach und aufmerksam auf das Kommen des Messias warteten und ihr Interesse nie erlahmen ließen, obwohl einige Jahrtausende verstrichen, ohne dass die verheißene Erlösung eintrat, so sind auch die Gläubigen des Neuen Testaments ständig auf der Suche nach ihrer endgültigen Erlösung. Alles, was zur vollkommenen Erlösung der Gläubigen gehört, ist vollbracht worden, und deshalb warten sie sehnsüchtig auf den Anbruch der letzten großen Erlösung, wenn die endgültige Befreiung von allem Bösen zu ihnen kommen wird. Als wir zum Glauben kamen, ging es uns vor allem um die Befreiung vom Zorn Gottes, um unsere Rechtfertigung vor ihm, Gal. 2, 16. Nun aber, da wir die Versöhnung mit Gott erlangt haben, sind die Augen unseres Glaubens in sehnsüchtiger Erwartung auf das Kommen unseres Herrn Jesus Christus gerichtet, 1. Kor 1,7.

    Um unsere Wachsamkeit anzuregen und in unseren Herzen die richtige Wachsamkeit zu erzeugen, fügt der Apostel hinzu: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe; die Morgenröte bricht bald an. Der Tag, an dem unsere endgültige Erlösung an uns vollendet wird, der Tag, der uns den vollen Besitz der Segnungen unseres Erlösers bringt, ist der letzte Tag, der Tag unseres Herrn Jesus Christus, Phil. 1,6; 2,10; 1. Thess. 5,2; 1. Kor. 3,13. Die Nacht, die diesem herrlichen Tag vorausgeht, ist die Zeit dieser Welt. Die Zeit, in der wir leben, ist Nacht, sie wird von Sünde und Tod beherrscht; der Fürst der Finsternis hat sein Werk in den Kindern des Unglaubens. Zur Zeit seufzen die Gläubigen: Wächter, ist die Nacht bald um? Aber wir wissen, dass es die letzte Stunde ist. Noch eine kleine Weile, und die Morgendämmerung der Ewigkeit wird anbrechen; der Tag unseres Heils wird kommen und mit ihm unser Lohn der Gnade, unser ewiges Heil.

    So lasst uns denn die Werke der Finsternis ablegen und lieber die Waffen des Lichts anziehen. Weil der Tag der ewigen Seligkeit anbricht, sollen wir die Werke der Finsternis, die Werke, die die Menschen gewöhnlich im Dunkeln begehen, die Sünden, die sie vor dem allwissenden Auge Gottes nicht sehen wollen, wie ein unreines Kleid ausziehen und ablegen. Handlungen, die das Licht des Tages nicht ertragen, sollten von den Christen zu allen Zeiten gemieden werden, besonders aber jetzt, wo der große Tag der endgültigen Erlösung so nahe ist. Anstelle des schmutzigen Gewandes solcher Werke sollten die Christen die Waffen des Lichts anziehen, sich damit bekleiden. Paulus spricht nicht von Kleidern, sondern von Waffen, von Rüstungen des Lichts, weil ein rechtschaffenes Verhalten auch ein ständiger Kampf mit den Mächten der Finsternis ist, Eph. 6,10-17. Der neue Mensch wurde zwar in der Taufe in den Gläubigen geschaffen, aber sie haben noch den sündigen alten Adam zu kreuzigen und zu unterwerfen, ganz zu schweigen von der feindlichen Welt und Satan. Deshalb muss der Krieg ohne Unterlass geführt werden, zumal die Nacht dieser Welt bald zu Ende sein wird und das Heil anbricht. Darum eilen wir der Ankunft des Tages Gottes entgegen mit allem heiligen Wandel und aller Heiligkeit, 2. Petr. 3,11.12, darum bemühen wir uns, aufrichtig und ohne Anstoß zu sein bis zum Tag Christi, erfüllt mit den Früchten der Gerechtigkeit, Phil. 1,10.11.

    Und wieder ruft Paulus seine warnende Ermahnung aus: Wie am Tage, so lasst uns auch in unserem Wandel redlich sein; lasst uns anständig leben, anständig, anständig, anständig. Diese Lebensweise schließt drei Sünden aus, zu denen es in Rom, der Hauptstadt der Welt, eine große Versuchung gab: Unmäßigkeit, Unreinheit, Unfrieden. Kinder Gottes werden sich nicht bei Festen, Gelagen und Rauschzuständen aufhalten; all das unordentliche Verhalten, das die großen heidnischen Feste damals und heute kennzeichnete, muss im Verhalten der Christen fehlen. Man wird sie auch nicht beim Müßiggang, beim verbotenen Geschlechtsverkehr, bei jeder Art von Wollust und Lüsternheit finden, Sünden aller Art, die gegen das sechste Gebot verstoßen; viele unnatürliche und abscheuliche Sünden werden damals wie heute praktiziert. Kinder Gottes können sich auch nicht an Streit, Zank und Rivalität, an Zwietracht jeglicher Art beteiligen. Alle diese Werke finden sich bei den Kindern des Unglaubens. Sie alle aber können das Licht des großen Tages nicht ertragen, sie können vor dem heiligen Gott nicht bestehen; um ihretwillen wird der Zorn Gottes über die Ungläubigen kommen, Eph. 5,6. Deshalb müssen die Christen, obwohl sie den heimtückischsten Versuchungen von Seiten der Kinder dieser Welt ausgesetzt sind, die von ihren eigenen Begierden und Wünschen unterstützt werden, alle diese bösen Neigungen und Sünden überwinden.

    So wie der Apostel die Christen vor den großen Übertretungen gewarnt hat, die ihre Seele zu beflecken drohen, so hält er ihnen auch die positive Seite ihres Verhaltens vor Augen: Zieht vielmehr den Herrn Jesus Christus an. Unseren Heiland und Herrn, den wir in der Taufe angezogen haben, Gal. 3,27, sollen wir Tag für Tag weiter anziehen, wir sollen unsere Seele nach seinem Beispiel und Vorbild bekleiden und ihm auf den Wegen der Heiligung folgen. Christus lebt in den Gläubigen, in ihrem ganzen Leben und Verhalten, und die Tugenden Christi, seine Heiligkeit, Reinheit, Keuschheit, Liebe, Güte, Demut, Freundlichkeit, sind in allen ihren Worten und Taten sichtbar. Und so erwarten die Gläubigen mit dem Bild Christi als ihrer größten Zierde jenen großen Tag, an dem sie endlich nach dem Bild dessen erneuert werden, der sie geschaffen hat. Übrigens sorgen die Christen nicht für das Fleisch, um seine sinnlichen Begierden zu befriedigen oder irgendeinen Beweis der verderbten Natur zu erhalten. Es ist die Pflicht eines jeden Christen, für den Körper zu sorgen, ihn gesund zu erhalten, indem er die Anforderungen einer vernünftigen Hygiene erfüllt. Aber die große Gefahr besteht darin, dass der Körper durch falsche Zärtlichkeit verdorben wird, durch eine übermäßige Pflege, die dazu neigt, die Begierden und Lüste zu erwecken, anstatt sie zu zügeln. Da dies die Berufung der Christen und ihre Vorbereitung auf das Kommen des großen Tages entscheidend beeinträchtigen würde, werden sie diese Gefahr mit ihren Versuchungen meiden und sich rein halten.

 

Zusammenfassung: Der Apostel gebietet Gehorsam gegenüber der Regierung als Organ Gottes, Nächstenliebe als Erfüllung des Gesetzes und ein offenes und ehrliches Verhalten angesichts der Tatsache, dass der Tag des Herrn nahe ist.

 

 

Kapitel 14

 

Das Verhalten der Christen denen gegenüber, die schwach im Glauben sind (14,1-23)

    1 Den Schwachen im Glauben nehmt auf und verwirrt die Gewissen nicht. 2 Einer glaubt, er könne alles essen; welcher aber schwach ist, der isst Kraut. 3 Welcher isst, der verachte den nicht, der da nicht isst; und welcher nicht isst, der richte den nicht, der da isst; denn Gott hat ihn aufgenommen. 4 Wer bist du, dass du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem Herrn. Er kann aber wohl aufgerichtet werden; denn Gott kann ihn wohl aufrichten. 5 Einer hält einen Tag vor dem andern; der andere aber hält alle Tage gleich. Ein jeglicher sei seiner Meinung gewiss. 6 Welcher auf die Tage hält, der tut’s dem HERRN; und welcher nichts darauf hält, der tut’s auch dem HERRN. Welcher isst, der isst dem HERRN; denn er dankt Gott. Welcher nicht isst, der isst dem HERRN nicht und dankt Gott.

    7 Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. 8 Leben wir, so leben wir dem HERRN; sterben wir, so sterben wir dem HERRN.  Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des HERRN. 9 Denn dazu ist Christus auch gestorben und auferstanden und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebendige HERR sei. 10 Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder du anderer, was verachtest du deinen Bruder? Wir werden alle vor dem Richterstuhl Christi dargestellt werden, 11 wie geschrieben steht: So wahr als ich lebe, spricht der HERR, mir sollen alle Knie gebeugt werden, und alle Zungen sollen Gott bekennen. 12 So wird nun ein jeglicher für sich selbst Gott Rechenschaft geben.

    13 Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten, sondern das richtet vielmehr, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis darstelle. 14 Ich weiß und bin’s gewiss in dem HERRN Jesus, dass nichts gemein ist an sich selbst; außer dem, es rechnet für gemein, dem ist’s gemein. 15 So aber dein Bruder über deine Speise betrübt wird, so wandelst du schon nicht nach der Liebe. Lieber, verderbe den nicht mit deiner Speise, um welches willen Christus gestorben ist! 16 Darum schafft, dass euer Schatz nicht verlästert werde! 17 Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist. 18 Wer darin Christus dient, der ist Gott gefällig und den Menschen wert.

    19 Darum lasst uns dem nachstreben, was zum Frieden dient, und was zur Besserung untereinander dient. 20 Lieber, zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk! Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isst mit einem Anstoß seines Gewissens. 21 Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird. 22 Hast du den Glauben, so habe ihn bei dir selbst vor Gott. Selig ist, der sich selbst kein Gewissen macht in dem, was er annimmt. 23 Wer aber darüber zweifelt und isst doch, der ist verdammt; denn es geht nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus dem Glauben geht, das ist Sünde.

 

    Bedenken wegen der Speise (V. 1-6): Der vorliegende Abschnitt des Paulusbriefes bezieht sich auf eine besondere Gruppe von Menschen in der römischen Gemeinde, nämlich auf die Schwachen im Glauben, denen der Apostel ebenso wie den anderen Gemeindegliedern einige Regeln für ihr Verhalten untereinander gibt. Er wendet sich in erster Linie an die, die fest im Glauben stehen, die nicht mit Gewissensbissen behaftet sind, was die verschiedenen Speisen angeht, vor allem das Fleisch, das in den Läden zum Verkauf angeboten wurde. Diejenigen, die schwach im Glauben sind, die noch nicht so fest auf dem Boden ihres Glaubens stehen, nimmt er als vollwertige und gleichwertige Mitglieder auf. Es gab nur wenige solcher Mitglieder in der Gemeinde in Rom, aber Paulus war genauso um ihr geistliches Wohlergehen besorgt, als ob es eine große Zahl gewesen wäre. Diese kleine Minderheit sollte willkommen geheißen werden und alle Vorrechte der Mitgliedschaft in der Gemeinde erhalten, aber nicht, um Gedanken zu verurteilen, nicht, um über ihre seltsamen Vorstellungen oder Skrupel zu richten. Die Mitglieder sollten alle Freundlichkeit und Brüderlichkeit zeigen, mit den wenigen Skrupellosen mit allem christlichen Takt umgehen, damit nicht durch lieblose Kritik Zwietracht entsteht. Denn wer im Glauben stark ist, hat die Zuversicht, alles zu essen. Die stärkeren Glieder hielten es nicht für ein großes Wagnis, alle Speisen, auch Fleisch, zu essen, und ihr Verhalten hat ihnen keinen geistlichen Schaden zugefügt. Ihr Gewissen blieb rein, ganz gleich, welche Speisen ihnen vorgesetzt wurden. Sie hatten die Überzeugung, dass ihr Verhalten beim Essen aller Dinge Gott in keiner Weise missfiel und ihr Christsein nicht beeinträchtigte. Und diese Überzeugung beruhte wiederum auf ihrem Glauben an Christus, der sie dazu veranlasste, nur das zu wählen und zu tun, was ihrem Erlöser wohlgefällig war. Diejenigen aber, denen dieses Vertrauen fehlte, aßen nur pflanzliche Nahrung, weil sie sich fürchteten, an Fleisch teilzuhaben, das als heidnisches Opfer dargebracht werden könnte, oder sie glaubten, dass der Verzehr von Fleisch an sich für ihr geistliches Leben schädlich sei. Der heilige Paulus wendet sich an beide Parteien und gibt jedem die Unterweisung, die für die Aufrechterhaltung der christlichen Harmonie und Nächstenliebe notwendig ist: Wer isst, der verachte nicht den, der nicht isst; ein solcher soll nicht mit Verachtung auf seinen schwächeren Bruder und seine Skrupel in Bezug auf das Essen herabsehen. Andererseits soll derjenige, der sich weigert, am Essen teilzunehmen, denjenigen, der isst, nicht verurteilen, als ob er weniger geistlich wäre, als ob sein Christentum nicht so stark zum Ausdruck käme und so konsequent ausgeübt würde. Diese Warnung vor einer Verurteilung wird durch die Aussage untermauert: Denn Gott hat ihn angenommen: Wer ohne Skrupel Fleisch isst, handelt in voller Übereinstimmung mit dem Willen Gottes, er ist der Gnade Gottes gewiss. Denn wer ist der Lügner, der es wagt, den Knecht eines anderen Menschen zu verurteilen und zu verdammen? Es gehört sich nicht, es sollte nicht geschehen, dass jemand über einen christlichen Bruder urteilt, der Christus gehört; Christus hat ihn als einen seiner Diener angenommen. Er steht und fällt mit seinem eigenen Herrn. Es ist die Sache eines jeden Herrn, es geht nur ihn an, ob sein Knecht steht oder fällt; er wird dafür sorgen. Aber er wird stehen bleiben, er wird in seinem christlichen Zustand bleiben; denn Gott ist durchaus imstande, ihn aufrecht zu halten, ihn aufrecht zu halten und ihn in seinem Christentum nicht zu Fall kommen zu lassen. Es ist für Gott ein Leichtes, auch einen solchen Bruder zu leiten und zu behüten, dessen Gewissen ihm erlaubt, allerlei Speisen zu sich zu nehmen, um deren Beständigkeit die schwächeren Brüder zu Unrecht besorgt sind.

    Ein zweiter Streitpunkt wird nun berührt: Der eine unterscheidet nämlich zwischen verschiedenen Tagen, während der andere alle Tage gleich bewertet; ein jeder möge sich in seiner Meinung völlig sicher sein. Wer an einem bestimmten Tag festhält, der tut es vor dem Herrn; und wer nicht auf einem bestimmten Tag besteht, der tut es vor dem Herrn, V. 5.6a. Die schwächeren Brüder in der Gemeinde zu Rom unterschieden die Tage um des Gewissens willen und zogen einen bestimmten Wochentag für die Anbetung des Herrn vor, weil sie glaubten, es sei unbedingt notwendig, einen Tag ganz dem Gebet, dem Lobpreis und der Danksagung, der geistlichen Erbauung zu widmen. Die anderen aber, die im Glauben stärker waren, die das Vertrauen der christlichen Überzeugung hatten, das sich auf ihre Kenntnis des Willens Gottes gründete, schätzten alle Tage gleich und gaben keinem einen besonderen Vorzug. Für sie waren alle Tage gleichermaßen heilig und geeignet für die Anbetung Gottes und das Studium seines Wortes. Und nun sagt der Apostel, dass sowohl derjenige, der auf einer Unterscheidung zwischen den Tagen besteht, als auch derjenige, der eine solche Bevorzugung nicht befürwortet, in seinem eigenen Geist davon überzeugt sein sollte, dass sein Weg derjenige ist, der seinen individuellen Bedürfnissen am besten entspricht. Er deutet damit an, dass es vor Gott keine Unterscheidung der Tage im Neuen Testament gibt und dass daher die Wahl eines bestimmten Wochentages als Tag der Anbetung ganz und gar eine Sache der christlichen Freiheit ist. Wer also um einen bestimmten Tag besorgt ist und glaubt, dass es im Interesse seines geistlichen Lebens liegt, immer einen bestimmten Tag einzuhalten, der hält ihn dem Herrn ein; er muss sich vor Augen halten, dass es zum Dienst und zur Ehre des Herrn ist, dass er die Unterscheidung macht, und darf nicht auf die Idee kommen, dass er ein ungewöhnliches Werk des Verdienstes vollbringt. In der Tat dient auch der Stärkere, der alle Tage gleich hält und jeden Tag durch das Wort Gottes und das Gebet heiligt, dem Herrn. Deshalb „soll der Starke den Skrupellosen nicht verachten und der Skrupellose den Starken gegenüber nicht tadeln.“ Das zeigt sich auch an der Unterscheidung zwischen dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel und dem Verzicht auf sie. Wenn man alle Speisen isst, ohne sich um irgendwelche besonderen Unterscheidungen zu kümmern, Apg. 10,14.15, und sich auch nicht darum kümmert, dass das Fleisch von Tieren stammt, die den Götzen geopfert wurden, 1. Kor. 10,25, so nutzt er die Freiheit, die er in Christus hat, und ehrt damit seinen Herrn und Heiland, wie auch daraus hervorgeht, dass er Gott für die Speisen dankt, 1. Kor. 10,30; 1. Tim. 4,4. Und wenn jemand nicht isst, wenn er sich des Essens von Fleisch oder irgendeiner anderen Speise enthält, in der Überzeugung, dass er dadurch in eine bessere Lage versetzt wird, dem Herrn zu dienen, so tut er das seinem Herrn; aber er dankt Gott auch für jede Speise, die er zu sich nehmen kann. Was den Ausdruck der religiösen Überzeugung und den Zustand des Herzens in Bezug auf Gott betrifft, so gibt es keinen Unterschied zwischen den Starken und den Schwachen im Glauben.

 

    Dem HERRN leben (V. 7-12): Der Apostel wendet hier den in den ersten Versen des Kapitels angedeuteten Gedanken an und stützt ihn auf eine größere Wahrheit, von der er ein Teil ist. Die Gedanken des Christen, ob er nun bestimmte Speisen zu sich nimmt oder nicht, ob er bestimmte Tage einhält oder nicht, sind immer auf den Herrn gerichtet, denn das ganze Leben des Christen, wie auch sein Tod, ist dem Herrn geweiht und geweiht. Da seine Seele und sein Leib, sein Denken und Handeln dem Herrn geweiht sind, wird der Gläubige natürlich in allen Dingen zuerst an seine Ehre denken. Denn keiner von uns lebt für sich selbst, und keiner stirbt für sich selbst; wenn wir also leben, leben wir für den Herrn, und wenn wir sterben, sterben wir für den Herrn, V. 7.8a. Kein Christ hält sich für seinen eigenen Herrn, um mit seinen Gaben, Fähigkeiten und seiner Zeit zu tun, was ihm gefällt, nach seinem eigenen Willen oder zu seinem eigenen Zweck. Im Dienst und zur Ehre des Herrn wird das ganze Leben der Christen verbracht. Und wenn sie sterben, folgen sie bereitwillig dem Ruf des Herrn; sie vertrauen ihre Seelen freudig den Händen ihres himmlischen Vaters und ihres Erlösers Jesus Christus an; sie sind froh, diese Welt zu verlassen und zu ihm zu kommen, indem sie alles seinem gnädigen Willen anvertrauen. Und dieses Verhalten unsererseits in Bezug auf den Herrn beruht auf der Tatsache, dass wir dem Herrn gehören, sein kostbarer Besitz sind, ob wir nun noch in dieser Welt leben oder ob wir diese Welt verlassen, um für immer bei ihm zu sein. Wir gehören Christus, weil er das Lösegeld für unsere Erlösung bezahlt hat. Und deshalb sind wir während des Lebens und über das Grab hinaus sein Eigentum, in alle Ewigkeit. „Im Leben und im Tod, Herr, bleibe bei mir!“ Dafür haben wir die Garantie seines Todes und seiner Auferstehung: Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über die Toten und über die Lebenden, V. 9. Es war die ausdrückliche Absicht des Herrn, und diese Absicht ist vollständig verwirklicht worden, dass er im Leben und im Sterben unser Herr werden sollte und wir die Seinen. Durch seinen Tod ist Christus in das Leben eingetreten und hat so die herrliche Stellung erlangt, die die Krone seines Erlösungswerkes ist; er hat das Recht erworben, unser Herr zu sein. Als der lebendige, erhabene Christus hat er uns durch sein Wort und seinen Geist im Glauben als sein Eigentum beansprucht, nicht nur im Leben, sondern auch über den Tod hinaus, wenn wir mit ihm in alle Ewigkeit leben und herrschen werden. Wenn wir aber dem Herrn dienen und dem Herrn gehören, ob wir nun leben oder tot sind, dann kann der kleine Unterschied zwischen Essen und Nicht-Essen nicht in Frage kommen. Vielmehr sollte es für die Christen in ihren brüderlichen Beziehungen ein Leichtes sein, in wahrer Nächstenliebe über solche unwichtigen Dinge hinwegzusehen.

    Und so kehrt der Apostel zu seiner ersten Warnung zurück: Du aber, der du so unbedeutend bist neben dem Herrn, warum richtest und verurteilst du deinen Bruder? Wie können wir es wagen, angesichts unserer gemeinsamen Verantwortung vor ihm und der Tatsache, dass wir alle eins sind in ihm, einander zu richten? Oder auch du, der Schwächere, warum verachtest du deinen Bruder? Es ist ganz und gar unvereinbar mit der Brüderlichkeit der Gläubigen, wenn eine nörgelnde und kritisierende Haltung die Beziehung trübt. Es ist eine Praxis, die nicht nur nicht mit dem Geist Christi, der in den Gläubigen lebt, in Einklang steht, sondern auch sehr gefährlich ist: Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen. Wie kann es jemand wagen, sich das Vorrecht anzumaßen, das Christus und Gott allein zusteht, nämlich einen Bruder zu verurteilen? Durch Christus wird Gott die Welt richten; der Richterstuhl Christi ist der Gottes, 2. Kor. 5,10; Joh. 5,22. Deshalb müssen wir es unterlassen, uns in sein Werk einzumischen, zumal wir vor seinem Richterthron gleich sein werden, wie der Prophet schreibt, Jes. 45,23: So wahr ich lebe, spricht der Herr, vor mir wird sich jedes Knie beugen, und jede Zunge wird Gott bekennen, wird seine Macht als Gott, den obersten Herrscher und Richter, anerkennen. Beachten Sie, dass Jesus Christus nach der Lehre des Paulus Gott ist. Daraus ergibt sich für die Christen: Darum muss nun ein jeder von uns vor Gott Rechenschaft ablegen, V. 12. Jeder, ohne Ausnahme, jeder für seine Person, wird sich für seine Werke verantworten müssen; deshalb sollten wir seine Entscheidung abwarten und uns nicht anmaßen, als Richter über unsere Brüder aufzutreten. Wer sich diese Tatsache immer vor Augen hält, wird sehr leicht den Wunsch besiegen, zu meckern und zu kritisieren.

 

    Vom Missbrauch der christlichen Freiheit (V. 13-18): Seine gesamte Ermahnung bis zu diesem Punkt fasst der Apostel nun in einem kurzen Satz zusammen: Lasst uns nun nicht mehr einander richten. Es geht hier nicht nur um die Verurteilung der Starken durch die Schwachen, sondern auch um die Verachtung, die die Starken für die Schwachen empfinden können. ALLE derartigen Äußerungen sind unter Christen entschieden fehl am Platz. Die christliche Freiheit, wie sie von wahrer Liebe geleitet wird, wird vielmehr in der Weise ausgeübt, dass wir es uns zur Regel oder Maxime im Umgang mit den Brüdern machen, unserem Bruder keinen Stolperstein oder Anstoß zu bereiten. Wir sollen dem schwächeren Bruder weder etwas in den Weg legen, worüber er stolpern wird, noch sollen wir ihm ein Ärgernis bereiten, das ihn zur Sünde anstiften würde. Auf welche Weise dies geschehen kann, erklärt der nächste Satz: Ich weiß und habe die volle Überzeugung in dem Herrn Jesus, dass nichts an sich gemein ist, sondern nur dem, der etwas für gemein hält, dem ist es gemein. Paulus hat die göttliche Gewissheit aufgrund seiner innigen Verbundenheit mit Christus, dessen Diener er ist, dass nichts an sich, keine Speise, auch nicht das Fleisch der Tiere, die in den Ställen gekauft werden, an sich geeignet ist, einen Menschen unrein zu machen. Ganz gleich, welche Nahrung der Christ für sich selbst wählt, der Verzehr dieser Speise wird sein Gewissen nicht beflecken oder eine Sünde sein. Es gibt nur eine Einschränkung, nämlich die, die sich aus dem Gemütszustand des Essenden ergibt: Es sei denn, die Meinung des Essenden hält es für profan und schädlich. Wenn jemand glaubt, dass eine Speise ihn unrein macht, sündigt er, wenn er diese Speise zu sich nimmt. Es ist nicht so, dass die Speise von sich aus die Kraft hätte, unrein zu machen, sondern derjenige, der glaubt, dass es einen Unterschied zwischen reinen und unreinen Speisen gibt, begeht eine Sünde, indem er seinem Gewissen Gewalt antut. Und diese Sünde wird von dem Bruder begangen, der jede Rücksichtnahme und jedes Fingerspitzengefühl vermissen lässt und in Gegenwart des schwächeren Bruders absichtlich von der fraglichen Speise isst und so den anderen durch sein Beispiel dazu verleitet, ihm zu folgen. Der schwächere Bruder hat in diesem Fall noch nicht den Stand der Erkenntnis erreicht, nach dem sein irrendes Gewissen berichtigt worden ist, und das Ergebnis ist eine Sünde. Und so trifft die Reaktion auch den stärkeren Bruder: Denn wenn dein Bruder durch dein Essen betrübt wird, wandelst du nicht mehr nach der Liebe. Der Genuss an sich mag harmlos und unschuldig genug sein, aber wenn er auf diese Weise den christlichen Brüdern Schaden zufügt, dann wird der Genuss zu einem Verstoß gegen das Gesetz der Liebe, zu einer lieblosen Handlung, zu einer Sünde. Indem der stärkere Christ, auf dem die Pflicht der Liebe ruht, in Gegenwart des schwächeren Bruders von der fraglichen Speise isst und ihn damit herausfordert, an derselben Speise teilzunehmen, macht er sich eines lieblosen Verhaltens schuldig. Die Ermahnung ist daher sehr nachdrücklich: Verderbe nicht durch deine Speise den, für den Christus gestorben ist. Es hat Christus das Leben gekostet, deinen Bruder vor der ewigen Verdammnis zu retten, und es ist eine schreckliche Sache, das Heil eines Menschen durch ein liebloses Pochen auf die christliche Freiheit zu gefährden. Es ist gewiss nicht zu viel verlangt, um eines Bruders willen auf das Essen einer bestimmten Speise zu verzichten, um ihm keinen Anstoß zu geben, wenn Christus sein Leben als Lösegeld gab, um ihn vor der ewigen Verdammnis zu bewahren! „Wenn Christus ihn so sehr geliebt hat, dass er für ihn gestorben ist, wie niederträchtig wäre es dann von uns, nicht ein wenig Selbstverleugnung für sein Wohlergehen auf sich zu nehmen!“

    Zugleich sollen die Christen ein solches Leben führen und sich jederzeit und unter allen Umständen so verhalten, dass sie den Außenstehenden keinen Anstoß geben: Lasst also euer Gutes nicht lästern. Dies ist an alle Christen gerichtet und sollte von ihnen immer beachtet werden. Der große Besitz der Christen, das höchste und herrlichste Gut, ist das Heil in Christus, durch das ihnen die Erlösung zuteil geworden ist. Die Gläubigen sollten den Ungläubigen niemals Anlass geben, über diese wunderbare Gabe abfällig zu sprechen, sie zu lästern, wie sie es tun würden, wenn sie um Lebensmittel feilschen. Ein solches Verhalten der Glieder der Kirche verleitet die Ungläubigen natürlich zu der Annahme, dass rein äußerliche Dinge das Wesen des Christentums ausmachen, dass das Heil davon abhängt, ob jemand bestimmte Nahrungsmittel zu sich nimmt oder nicht. Der Apostel untermauert dies: Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist; denn wer Christus darin dient, ist Gott wohlgefällig und den Menschen angenehm. Die Dinge, um die sich die Christen kümmern sollten, sind diejenigen, die zum Reich Gottes gehören, zu dem großen unsichtbaren Reich, das Christus errichtet hat, zur Gemeinschaft der Heiligen. Der Akt des Essens und Trinkens hat keinen Einfluss auf die Stellung eines Menschen in diesem Reich. Was wirklich zählt, ist die Rechtfertigung, die Gewissheit, dass wir die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben besitzen, der Friede mit Gott durch die Verdienste Jesu Christi und die Glaubensfreude, die alle wahren Christen auszeichnet und die durch den Heiligen Geist in ihren Herzen gewirkt wird. Dies sind die wesentlichen Segnungen des Reiches Gottes, von denen alles abhängt. Wenn jemand in der Gewissheit, diese Gaben und Segnungen zu besitzen, nach dieser Erkenntnis lebt, dann hat Gott Gefallen an ihm, und er wird den Menschen wohlgefällig sein. Jeder, der durch Christus vor Gott gerechtfertigt ist, der durch Christus Frieden mit Gott hat, der sich wahrhaftig an der Erlösung durch den Glauben an Christus freut, wird es sich zum Ziel seines Lebens machen, dem Herrn Jesus mit allen Kräften des Leibes und des Geistes zu dienen. So wird die Erinnerung an das Verhältnis, in dem der Mensch zu Gott steht, zusammen mit dem daraus resultierenden christlichen Verhalten und seiner Wirkung auf die Ungläubigen alle Christen veranlassen, die Ermahnung des Apostels zu beherzigen, ihr Gutes nicht schlecht reden zu lassen.

 

    Vermeide jegliches Ärgernis (V. 19-23): Paulus zieht nun eine Schlussfolgerung, die auf alle Bedingungen und Umstände der Christen anwendbar ist: Lasst uns nun dem nachgehen, was zum Frieden und zur gegenseitigen Erbauung dient. Alles, was Frieden stiftet und bewahrt, alles, was zur gegenseitigen Erbauung führt, soll von den Christen jederzeit ernsthaft angestrebt und gefördert werden. Weil wir durch Christus Frieden mit Gott haben, wollen wir ihm so dienen, dass wir in Frieden miteinander leben und uns gegenseitig im Glauben und im Verhalten erbauen, statt uns zu streiten und einander zu schaden. Und deshalb wiederholt Paulus den Gedanken von V. 15: Zerstört nicht wegen der Speisen das Werk Gottes. Wenn wir, anstatt unseren Mitchristen im Glauben, in seinem geistlichen Leben zu erbauen, das Werk Gottes, den geistlichen Tempel, in seinem Herzen niederreißen, und das wegen einer armseligen Speise, so werden wir gewiss schuldig vor ihm. Es ist zwar wahr, dass alle Dinge rein sind, jede Art von Nahrung ist an sich rein und bringt keine geistliche Unreinheit hervor; aber sie sind alle schlecht und verwerflich für den, der davon mit Beleidigung, mit einem schlechten Gewissen isst. Deshalb wagen wir es nicht, einen Bruder zu verführen und dazu zu bringen, etwas zu tun, von dem er glaubt, dass es falsch ist, und so das Werk Gottes in ihm zu zerstören. Wenn unser Verhalten den schwachen Bruder dazu bringt, mit Unrecht zu essen, an dem teilzuhaben, was er für unrein hält, dann ist unser Verhalten schädlich, verwerflich. Andererseits ist es richtig und lobenswert, kein Fleisch zu essen und keinen Wein zu trinken und nichts zu tun, woran unser Bruder Anstoß nimmt, V. 21. Wie mit dem Fleisch, so war es auch mit dem Wein in jenen Tagen: Viele der schwächeren Christen mögen sich vor seinem Gebrauch gefürchtet haben, weil er für Götzenopfer verwendet worden sein könnte. Es geht nicht so sehr darum, das Richtige für die eigene Person zu tun, sondern zu vermeiden, dem schwachen Bruder Unrecht zu tun; daher die Ermahnung des Apostels. Dies wird uns im nächsten Satz vor Augen gehalten: Den Glauben, den du mit dir selbst vor Gott hast. Die Form des Satzes ist nachdrücklich: Was dich betrifft, so hast du das feste Vertrauen, die unerschütterliche Überzeugung, dass du mit dem Essen von Fleisch und dem Trinken von Wein vor Gott recht tust. Von den stärkeren Brüdern wird nicht verlangt, dass sie ein prinzipielles Zugeständnis machen oder der Wahrheit abschwören; alles, was von ihnen verlangt wird, ist, dass sie ihre Freiheit rücksichtsvoll und wohltätig nutzen. Ihre Überzeugung konnten sie auch vor Gott vertreten; sie sollte nicht zum Schaden eines anderen zur Schau gestellt werden, denn Gott würde sie sehen und anerkennen.

    Und so schließt Paulus ab: Glücklich ist der, der sich nicht selbst verdammt in dem, was er gutheißt. Der Starke im Glauben nutzt Speisen und Getränke aller Art, auch Fleisch und Wein. Und es muss ihm eine Quelle großer Befriedigung und Freude sein, wenn er die Überzeugung eines freien Gewissens hat und sicher ist, dass er das Richtige tut. Es ist ein Glück, wenn man von allen Gaben Gottes Gebrauch machen kann, ohne sich Vorwürfe zu machen. Welche bösen Folgen es aber haben kann, wenn jemand von seiner christlichen Freiheit taktlos Gebrauch macht und damit seinen schwachen Bruder beleidigt, zeigt der letzte Satz: Wer aber beim Essen zweifelt, ist verdammt, denn es ist nicht aus dem Glauben; alles aber, was nicht aus dem Glauben ist, ist Sünde. Wenn der schwächere Christ so weit kommt, dass er schwankt und zweifelt, kann er schließlich, bevor er zur rechten Einsicht kommt, dem Beispiel des stärkeren Christen folgen und so endlich essen und trinken, was er in seinem Gewissen noch verurteilt. Aber ein solcher Gewissensbruch lässt sich nicht mit dem Glauben vereinbaren, da er nicht mit der Gewissheit geschieht, dass es richtig ist, mit der Gewissheit der auf Wissen beruhenden Überzeugung. Aber alles, was der Mensch tut, ohne sicher zu sein, dass er dabei das Richtige tut, alles, was er sich mit der Befürchtung gönnt, dass es wahrscheinlich falsch ist, das ist Sünde. „Jede Handlung des Menschen, von der er nicht überzeugt ist, dass sie mit dem Willen Gottes übereinstimmt, ist sündig.“

 

Zusammenfassung: Der Apostel ermahnt die Schwachen, die anderen nicht zu verurteilen, die Starken im Glauben, die Schwachen nicht zu verachten und ihnen keinen Anstoß zu geben, und beide Parteien, sich um das zu bemühen, was den Frieden und die gegenseitige Erbauung fördert.

 

 

Des Christen Verhalten in den Mitteldingen

    Die Ermahnung, die der heilige Paulus den Schwachen im Glauben in der Gemeinde zu Rom wie auch ihren stärkeren Brüdern gab, ist die vollständigste Belehrung, die wir über den Gebrauch der gleichgültigen Dinge haben, die an sich unschädlich sind, aber unter Umständen zur Sünde werden können. Denn das war der Unterschied zwischen den Starken und Schwachen in der Gemeinde, dass die ersteren von ihrer christlichen Freiheit Gebrauch machten und glaubten, alle Gaben Gottes genießen zu können, während die letzteren im Zweifel waren, was das Essen von Fleisch und das Trinken von Wein betraf, und immer mit einem schlechten Gewissen kämpften.

    Nun ist es zwar richtig, dass die indifferenten Dinge im neutralen Bereich liegen; sie sind weder geboten noch verboten. Daraus folgt aber nicht, dass ein Christ in seinem Umgang mit diesen Dingen seinen christlichen Status verlässt und eine neutrale Position einnimmt. Der Christ dient dem Herrn und gehört dem Herrn, auch wenn er isst, trinkt und schläft; er lebt für den Herrn und stirbt für den Herrn, und seine Heiligung umfasst sein ganzes Leben. Solange die gleichgültigen Dinge nur den einzelnen Christen betreffen, hat er das Recht, so zu handeln, wie er es für richtig und angemessen hält. Er muss natürlich von sich aus davon überzeugt sein, dass er mit der von ihm gewählten Handlungsform dem Herrn dient.

    Ein Unterschied in gleichgültigen Dingen hat keine Auswirkungen auf die Beziehung der Gläubigen zu Christus, noch sollte er irgendeinen Einfluss auf brüderliche Zuneigung und gegenseitiges Verständnis haben. Einheitlichkeit in gleichgültigen Dingen ist für die Einheit der Kirche nicht wesentlich. Und da der Apostel den Frieden in der Gemeinde in Rom zu bewahren sucht, ermahnt er beide Parteien, sich trotz dieser Unterschiede als Brüder zu betrachten; er warnt sie vor vorwurfsvoller Kritik und Verurteilung. Und dieselbe Ermahnung und Warnung ist heute in allen Fällen angebracht, in denen eine offensichtliche Meinungsverschiedenheit in Angelegenheiten besteht, für die der Herr keine Regel festgelegt hat. Die richtige Vorgehensweise in einem solchen Fall ist, die Meinung des anderen zu respektieren. Denn derartige Angelegenheiten sollten den Frieden der Kirche nicht stören, wenn die Christen nur in Fragen des Glaubens und des Gehorsams gegenüber dem Wort Gottes übereinstimmen und so in Frieden und Liebe miteinander leben. Kritik ist berechtigt und sollte nur dann geübt werden, wenn ein Bruder anders lehrt oder lebt, als es das Wort Gottes lehrt. In einem solchen Fall den Frieden zu bewahren, würde bedeuten, sich offen gegen das Gebot Gottes zu stellen und es zu verleugnen. Wo aber eine Angelegenheit im Wort Gottes unentschieden bleibt, da sind Meinungsverschiedenheiten gerechtfertigt, und jeder muss mit seinem eigenen Herrn stehen oder fallen. Natürlich kann der Bruder, der von einem irrenden Gewissen geplagt wird, mit aller Geduld belehrt werden, um ihm seine törichten Skrupel zu nehmen; aber wenn er nicht überzeugt werden kann, muss ihm schließlich erlaubt werden, in seinen Vorstellungen zu bleiben. Unter bestimmten Umständen bleibt das, was gleichgültig ist, für eine unbestimmte Zeit gleichgültig.

    Aber unter anderen Umständen kann eine Sache, die gleichgültig ist, aufhören, zu dieser Kategorie zu gehören. Wenn ein Christ von Gewissensskrupeln hinsichtlich des Gebrauchs einer bestimmten Sache geplagt wird, deren Gebrauch von Gott weder geboten noch verboten ist, wenn er glaubt, dass die Nachsicht in dieser Sache seinem geistlichen Leben und seinem Seelenheil nicht dienlich ist, dann ist der Gebrauch einer solchen Sache für ihn eine Sünde, solange sich sein Gewissen im Zweifel befindet. Und wenn ein anderer Christ, dessen Gewissen stärker und freier ist, von seiner christlichen Freiheit so Gebrauch macht, dass er jede Rücksicht auf seinen schwächeren Bruder vergisst und etwas tut, was an sich nicht falsch ist, aber den schwächeren Bruder kränkt, dann sündigt er, indem er die Nächstenliebe beiseite lässt. Dabei ist es durchaus recht und billig, unter Umständen sogar geboten, dass wir auf unserer christlichen Freiheit beharren gegenüber solchen Menschen, die wider besseres Wissen unser Gewissen mit den Fesseln des Gesetzes zu binden trachten. Es versteht sich auch von selbst, dass die Christen immer prüfen werden, ob die betreffende Angelegenheit vor dem heiligen Gott wirklich gleichgültig ist, damit nicht sündige Freuden und Praktiken auf die freie Liste gesetzt werden.[21]

 

Kapitel 15

 

Eine Ermahnung zu Geduld und Eintracht (15,1-13)

    1 Wir aber, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen und nicht Gefallen an uns selber haben. 2 Es stelle sich aber ein jeglicher unter uns so, dass er seinem Nächsten gefalle zum Guten, zur Besserung. 3 Denn auch Christus nicht an sich selber Gefallen hatte, sondern wie geschrieben steht: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind über mich gefallen. 4 Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben. 5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einerlei gesinnt seid untereinander nach Jesus Christus, 6 auf dass ihr einmütig mit einem Mund lobt Gott und Vater unseres HERRN Jesus Christus.

    7 Darum nehmt euch untereinander auf, gleichwie euch Christus hat aufgenommen zu Gottes Lob. 8 Ich sage aber, dass Jesus Christus sei ein Diener gewesen der Beschneidung um der Wahrheit willen Gottes, zu bestätigen die Verheißung, den Vätern geschehen, 9 dass die Heiden aber Gott loben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen. 10 Und abermals spricht er: Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk! 11 Und abermals: Lobt den HERRN, alle Heiden, und preist ihn, alle Völker! 12 Und abermals spricht Jesaja: Es wird sein die Wurzel Jesse, und der auferstehen wird, zu herrschen über die Heiden; auf den werden die Heiden hoffen. 13 Der Gott aber der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr völlige Hoffnung habt durch die Kraft des Heiligen Geistes.

 

    Christen sollen nicht sich selbst zu Gefallen leben (V. 1-6): Im vorangegangenen Abschnitt hatte Paulus von den gleichgültigen Dingen gesprochen und von der Rücksicht, die die Starken im Glauben auf die Schwachen in dieser Hinsicht nehmen sollten. Nun weitet er den Begriff der Starken und Schwachen etwas aus und spricht von dem Verhalten der Christen im Allgemeinen, mit Bezug auf das Beispiel Christi. Aber es ist die Pflicht der Starken, die Schwächen der Schwachen zu ertragen und sich nicht selbst zu gefallen. Die Starken oder Tüchtigen sind die Christen, die sich eines starken, kräftigen Christentums erfreuen, ohne freilich vollkommen zu sein; die Schwachen dagegen sind die Wankelmütigen, die Schwachen, die sowohl in der Erkenntnis als auch im christlichen Leben schwach sind. Luther sagt von den letzteren: „Solche Schwache sind solche, die zuweilen in offener Sünde straucheln, oder solche, die wir im Deutschen seltsame Köpfe und eigentümliche Leute nennen, die bei der geringsten Aufreizung auffliegen oder andere Schwächen haben, um welcher Ursache willen es schwer ist, mit ihnen auszukommen; wie dies besonders zwischen Mann und Weib, zwischen Herr und Knecht, zwischen Regierung und Untertanen geschehen kann.“[22] Es ist die Pflicht der Starken, die Schwachen zu dulden, zu ertragen, sie in ihrer Schwäche, in ihren Vorurteilen, Irrtümern und Fehlern aufrechtzuerhalten, wobei der Zweck solcher Freundlichkeit darin besteht, dem Mitchristen zu helfen, seine Fehler loszuwerden, von seiner Schwäche geheilt zu werden. Denn Ziel und Zweck des Lebens und Verhaltens eines Christen ist es nicht, sich selbst zu gefallen, nur zu seinem eigenen Nutzen zu leben; ein solches Verhalten, das nur auf seine eigene Erbauung abzielt, ist der Gipfel der Selbstsucht und der selbstgefälligen Heuchelei.

    Paulus lehrt, dass ein wahrer Christ eine ganz andere Gesinnung und ein ganz anderes Verhalten an den Tag legt: Jeder von uns soll seinem Nächsten zum Guten dienen, zur Erbauung. Wahre Christen sind nicht nur um ihren eigenen Fortschritt in der geistlichen Erkenntnis besorgt, sondern immer bereit, wenn auch nicht aufdringlich, das geistliche Leben ihrer Nächsten in der Kirche zu fördern; denn das Gute, das wir in erster Linie im Auge haben müssen, ist die religiöse Vervollkommnung anderer, besonders wenn sie nicht die Vorteile hatten, die wir durch die Gnade Gottes genossen haben. Dabei werden wir durch das höchstmögliche Beispiel inspiriert und angetrieben: Denn auch Christus gefiel sich nicht selbst, sondern er handelte nach dem, was über ihn geschrieben ist: Die Schmähungen und Verleumdungen derer, die dich geschmäht haben, sind auf mich gefallen. Der Apostel zitiert hier aus Ps. 69,9, aus einem messianischen Psalm; denn der Heiland selbst sprach durch den inspirierten Propheten und schilderte einige Begebenheiten seines Leidens. Vgl. Joh. 2,17; 15,25; 19,28; Apg. 1,20. Auch Jesus, der von solchen Verpflichtungen befreit ist, weil er wahrer Gott ist, lebte nicht nur zu seinem eigenen Vergnügen, lebte nicht nur, um die Herrlichkeit zu genießen, die seiner menschlichen Natur verliehen worden war, sondern war ohne Unterlass um die Befreiung und Erlösung der sündigen Menschheit bemüht und ließ sich in diesem Ziel durch alle lästerlichen Vorwürfe aller Feinde, die sein Werk zu vereiteln versuchten, nicht beirren. Wenn also Christus alle Rücksichten auf sich selbst beiseite legte und das Wohlergehen der Sünder zum Hauptziel seines Lebens machte, wird sicherlich kein Christ sich für zu gut halten, um diesem Beispiel zu folgen und sich auf jede nur mögliche Weise zu bemühen, zur Erbauung seines Nächsten bis zum ewigen Leben beizutragen. Es kann und darf kein Gedanke an eine Last aufkommen, sondern nur an ein Vorrecht.

    Paulus rechtfertigt nun seinen Gebrauch des alttestamentlichen Textes und zeigt, dass die in der Heiligen Schrift aufgezeichneten Tatsachen zu unserer Belehrung bestimmt sind und daher ohne weiteres in ihrer Erfüllung angewendet werden können. Denn alles, was vorher geschrieben ist, in alten Zeiten, ist zu unserer Belehrung geschrieben worden, damit wir durch die Geduld und durch den Trost der Schrift die Hoffnung haben, V. 4. Der Apostel bezieht sich auf das gesamte Alte Testament, wie es damals in Gebrauch war. Die Bücher, die unter dem Sammeltitel „Die Heilige Schrift“ bekannt sind, wurden von ihren Verfassern nicht verfasst, um nur ihren eigenen Zeitgenossen zu dienen, sondern der Heilige Geist, der Chefredakteur, der eigentliche Autor der Bibel, hatte die Bedingungen aller Zeiten bis zum Ende der Zeit im Sinn. Die Bibel ist daher der Lehrer, der Unterweiser der Kirche nach Christus wie auch vor Christus. Eine solche Anwendung der Schrift, wie sie der Apostel hier vornimmt, steht also ganz im Einklang mit dem Zweck des heiligen Buches; sie soll dazu dienen, die Christen in ihrem Glauben zu stärken. Einen Zweck der Schrift nennt der Apostel, nämlich uns zu belehren, damit wir durch die Geduld und den Trost, den die Schrift in uns erzeugt und wirkt, die Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit haben und festhalten. Dieses Ziel kann in uns erreicht werden, weil die Bibel uns nicht nur ermahnt, geduldig und standhaft bis zum Ende auszuharren, sondern uns auch mit der Gewissheit der Hilfe des Heiligen Geistes tröstet und so in uns sowohl Geduld als auch Trost zum Warten und Ausharren wirkt, da die Verwirklichung unserer Hoffnung nur eine Sache von kurzer Zeit ist. Wenn wir die Heilige Schrift regelmäßig und richtig gebrauchen, dann schöpfen wir aus ihr von Tag zu Tag mehr Kraft, Trost, Mut und Zuversicht und behalten so das Ziel unseres Glaubens, das Heil unserer Seelen, stets vor Augen.

    Der Apostel schließt nun seine Ermahnung mit dem herzlichen Wunsch ab: Der Gott der Geduld und des Trostes aber gebe euch, dass ihr ein und dasselbe untereinander denkt nach dem Vorbild Christi Jesu, damit ihr einmütig und mit einem Munde Gott und den Vater unseres Herrn Jesus Christus preist, V. 5.6. Wie die Heilige Schrift soeben als Anleitung zu unserer Geduld und zu unserem Trost bezeichnet wurde, so werden dieselben Titel hier auf Gott angewandt: Er ist der Gott der Geduld und des Trostes, der durch den Gebrauch der Schrift, in der er sich selbst offenbart, in unseren Herzen Standhaftigkeit und Ermutigung weckt. Und wenn diese Gaben Gottes durch die Gabe Gottes in uns gefunden werden, dann werden wir und alle Christen einander gleichgesinnt sein, dann wird es unter uns eine gottgefällige Harmonie geben, dann werden wir einander als Brüder betrachten und einen wahrhaft brüderlichen Geist zeigen, frei von jeder Selbstsucht. Solche brüderliche Harmonie im Geiste Jesu Christi ist Voraussetzung und Grundlage des gegenseitigen Tragens, der gegenseitigen Förderung und Erbauung, die in jeder christlichen Gemeinde zu finden sein soll. Das ist der Wille Christi, dessen Gebet um diese Gabe von allen Gläubigen stets im Auge behalten werden soll, Joh. 17,11. Und daraus wird folgen, dass diejenigen, die wirklich eine Einheit im Geiste Gottes sind, auch einmütig in einem Chor des Lobes zu Gott und dem Vater unseres Herrn Jesus Christus übereinstimmen werden, von dem alle diese großen geistlichen Gaben stammen, dessen Liebe in Christus Jesus sie ermöglicht und uns übermittelt hat. Anmerkung: Gott ist sowohl der Gott als auch der Vater unseres Herrn Jesus Christus; es ist eine höchst eigenartige Beziehung, die jedoch zum Heil der Menschheit angenommen wurde.

 

    Brüderliche Eintracht macht gemeinsamen Lobpreis Gottes möglich (V. 7-13): Damit also ein solcher Lobpreis möglich ist und das Ziel eines solchen harmonischen Lobes erreicht wird, nehmt einander an, nehmt einander auf; beide Seiten sollen den Geist zeigen, der in Christus ist, nach dem Willen Christi. Und diese gegenseitige Annahme und freundliche Behandlung soll nach dem Maß der Annahme Christi an uns erfolgen und zur Ehre Gottes, dem Endziel des ganzen Lebens des Christen, beitragen. Wir Christen sind zur Gemeinschaft mit seinem Sohn, Jesus Christus, unserem Herrn, berufen, 1. Kor 1,9. Daraus ergibt sich für uns die Verpflichtung, den Geist der Harmonie zu pflegen. Das harmonische Leben und die Anbetung der Gläubigen wird nun im Einzelnen beschrieben: Denn ich sage, dass Christus ein Knecht der Beschneidung geworden ist um der Wahrheit Gottes willen, um die den Vätern gegebenen Verheißungen zu bestätigen, V. 8, und damit die Heiden Gott verherrlichen für seine Barmherzigkeit, V. 9a. Als Christus kam, war sein erster direkter Dienst im Interesse des beschnittenen Volkes oder der beschnittenen Nation, der Juden; in seinem Dienst diente er hauptsächlich den Juden, weil er zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt war, Matth. 15,24, und aus ihrer Mitte seine eigene kleine Gemeinde von Jüngern sammelte. Und die Apostel nahmen sein Werk auf, wo er aufgehört hatte: Sie predigten zuerst den Juden und gründeten Gemeinden in Judäa. Dieses Werk seines prophetischen Amtes übte Christus um der Wahrheit Gottes willen, im Interesse der Wahrhaftigkeit Gottes, aus, nämlich um die den Vätern gegebenen Verheißungen zu bestätigen. Der Messias war den Patriarchen und dann den Kindern Israels verheißen worden; aus ihnen sollte er dem Fleische nach geboren werden; in ihrer Mitte sollte er leben und sein Werk vollbringen. Diese Verheißung Gottes hat sich erfüllt; die Wahrhaftigkeit Gottes hat sich bestätigt. Und alle wahren Israeliten, die durch den Glauben des Heils Christi teilhaftig geworden sind, preisen nun Gott und rühmen seine Herrlichkeit dafür, dass er seine Verheißungen gegenüber den Vätern erfüllt hat. Während aber die Juden Gott für die Bestätigung, für die Verwirklichung seiner Verheißungen lobten, verherrlichen die Heiden seinen Namen wegen seiner Barmherzigkeit, weil Gott ihnen aus freier Gnade die gleiche herrliche Gabe und Wohltat gegeben hat wie den Kindern Israels, denen die Verheißungen anvertraut waren. So ist Jesus Christus auch ein Diener der Heiden geworden, indem er nämlich seine Boten zu allen Völkern aussandte und seine Kirche aus allen Völkern der Welt durch die Verkündigung des Evangeliums sammelte. Der Treue Gottes verdanken die Juden und der Barmherzigkeit Gottes verdanken die Heiden den Besitz des Heils in Jesus Christus.

    Diesen letzten Gedanken untermauert der Apostel nun durch einen Hinweis auf mehrere Stellen des Alten Testaments, in denen die Bekehrung der Heiden prophezeit wurde, und zeigt damit, dass sich der ewige Ratschluss Gottes in ihrem Fall verwirklicht. Der erste Hinweis bezieht sich auf Ps. 18,49: Darum will ich dich bekennen und dich preisen unter den Heiden und deinem Namen Hymnen singen. Der Messias, der durch den Mund Davids spricht, preist die Wunder, die Gott an den Völkern, mitten unter den Heiden, zu deren Rettung getan hat. Und die Botschaft des Heils ruft den Lobpreis der Heiden hervor, wie die folgenden Zitate beweisen: Freut euch, ihr Heiden, mit Seinem Volk, 5. Mose 32,43; Ihr Heiden, lobt den Herrn, und preist Ihn hoch, ihr Völker, Ps 117,1. Die Heiden werden zusammen mit den Kindern Israels eindringlich aufgefordert, Gott für die Fülle Seiner Barmherzigkeit zu loben und damit ihre Zugehörigkeit zum wahren, geistlichen Israel zu zeigen. Das vierte Zitat stammt aus Jes. 11,10: „Es wird die Wurzel Isais sein, und er wird aufstehen, um über die Heiden zu herrschen; auf ihn werden die Heiden hoffen.“ Christus, der Nachkomme Isais, der Nachkomme Davids nach dem Fleisch, wird durch die Verkündigung des Evangeliums seine Gnadenherrschaft unter den Heiden ausdehnen, und das Ergebnis wird sein, dass die Heiden ihre Hoffnung auf ihn als ihren einzigen Retter und Erlöser setzen werden. So ist die Kirche des Neuen Testaments eine Gemeinschaft von gläubigen Juden und wiedergeborenen Heiden, die in der Anbetung des wahren Gottes und Vaters Jesu Christi, ihres Erlösers, vereint sind. Und diese Harmonie soll ihren Ausdruck in der gesamten Beziehung der Gläubigen zueinander finden, wobei die wohltätige Rücksichtnahme auf die Brüder das Motiv all ihrer Handlungen ist. Dieses Ideal kann natürlich nicht durch ihre eigene Vernunft und Kraft erreicht werden; es bedarf der ständigen Hilfe des Heiligen Geistes. Und deshalb schreibt Paulus zum Abschluss dieses Abschnitts und des Hauptteils des Briefes: Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und allem Frieden im Glauben, damit ihr in der Kraft des Heiligen Geistes in der Hoffnung überströmt, V. 13. Der Gott, der die Hoffnung zu geben vermag und gibt, der die Gedanken der Gläubigen auf die große Erfüllung all ihrer Wünsche richtet, ist auch fähig, die Herzen seiner Kinder mit der größten Freude zu erfüllen, mit aller möglichen Freude und mit jenem Frieden, der alles Verstehen übersteigt, da beides auf dem Glauben an Jesus, den Erlöser, beruht und aus ihm fließt. Mit diesem Beistand Gottes wird die Hoffnung der Christen nicht eine schwankende und unsichere Meinung sein, sondern eine göttliche Gewissheit, die sie in der Hoffnung überfließen lässt und ihnen die freudige Zuversicht auf die Erfüllung ihres Heils, auf die Verwirklichung der zukünftigen Herrlichkeit gibt. Diese wunderbare Gabe wird in uns durch die Kraft des Geistes ermöglicht, der die Freude und den Frieden mit der Hoffnung wachsen lässt und so unser Herz und unseren Verstand auf das gesegnete Ziel unserer Bestimmung hinführt.

 

Die Schlussrede des Briefes (15,14-33)

    14 Ich weiß aber sehr wohl von euch, liebe Brüder, dass ihr selbst voll Gütigkeit seid, erfüllt mit aller Erkenntnis, dass ihr euch untereinander könnt ermahnen. 15 Ich hab’s aber dennoch gewagt und euch etwas wollen schreiben, liebe Brüder, euch zu erinnern, um der Gnade willen, die mir von Gott gegeben ist, 16 dass ich soll sein ein Diener Christi unter den Heiden, zu opfern das Evangelium Gottes, auf dass die Heiden ein Opfer werden, Gott angenehm, geheiligt durch den Heiligen Geist.

    17 Darum kann ich mich rühmen in Jesus Christus, dass ich Gott diene. 18 Denn ich dürfte nicht etwas reden, wo dies Christus nicht durch mich wirkte, die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, 19 durch Kraft der Zeichen und Wunder und durch Kraft des Geistes Gottes,  so dass ich von Jerusalem an und umher bis an Illyricum [Westbalkan] alles mit dem  Evangelium Christi erfüllt habe, 20  und mich sonderlich beflissen, das Evangelium zu predigen, wo Christi Name nicht bekannt war, auf dass ich nicht auf einen fremden Grund baute 21 sondern wie geschrieben steht: Welchen nicht ist von ihm verkündigt, die sollen’s sehen, und welche nicht gehört haben, sollen’s verstehen.

    22 Das ist auch die Sache, darum ich vielmals verhindert bin, zu euch zu kommen. 23 Nun ich aber nicht mehr Raum habe in diesen Ländern, habe aber Verlangen, zu euch zu kommen, von vielen Jahren her: 24 Wenn ich reisen werde nach Spanien, will ich zu euch kommen. Denn ich hoffe, dass ich da durchreisen und euch sehen werde und von euch dorthin geleitet werden möge, so doch, dass ich zuvor mich ein wenig mit euch ergötze. 25 Nun aber fahre ich hin nach Jerusalem, den Heiligen zu Dienst. 26 Denn die aus Mazedonien und Achaja [Kern-Griechenland] haben willig eine gemeine Steuer zusammengelegt den armen Heiligen zu Jerusalem. 27 Sie haben’s willig getan und sind auch ihre Schuldner. Denn so die Heiden sind ihrer geistlichen Güter teilhaftig worden, ist’s billig, dass sie ihnen auch in leiblichen Gütern Dienst beweisen.

    28 Wenn ich nun solches ausgerichtet und ihnen diese Frucht versiegelt habe, will ich durch euch nach Spanien ziehen. 29 Ich weiß aber, wenn ich zu euch komme, dass ich mit vollem Segen des Evangeliums Christi kommen werde. 30 Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, durch unsern HERRN Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes, dass ihr mir helft kämpfen mit Beten für mich zu Gott, 31 auf dass ich errettet werde von den Ungläubigen in Judäa, und dass mein Dienst, den ich zu Jerusalem tue, angenehm werde den Heiligen, 32 auf dass ich mit Freuden zu euch komme durch den Willen Gottes und mich mit euch erquicke. 33 Der Gott aber des Friedens sei mit euch allen!

 

    Der Grund, warum Paulus geschrieben hat (V. 14-16): Nachdem der Apostel nun die Belehrung und Ermahnung an die Christen in Rom beendet hat, fügt er mit seiner üblichen Milde und Bescheidenheit eine Erklärung hinzu, um zu zeigen, warum er sich so an sie gewandt hat, wie er es tat. Indem er sie mit dem vertrauten und ehrenden Titel „meine Brüder“ anredet, sagt er ihnen freimütig, dass er für seine eigene Person voll und ganz davon überzeugt ist, dass sie ihrerseits von Güte erfüllt sind, dass sie die rechte christliche Gesinnung und Vortrefflichkeit besitzen. Er ist auch in einem Maße überzeugt, das keinen Zweifel zulässt, dass seine Leser von aller Erkenntnis erfüllt sind, dass sie die christliche Lehre vollständig und richtig verstehen. Diese gute Meinung führt natürlich zu der Zuversicht, dass sie unter allen Umständen das Richtige und Angemessene tun werden. Wenn eine Belehrung oder Ermahnung in der Lehre und im Leben notwendig ist, werden sie sich sicher in angemessener Weise darum kümmern. Da Paulus die führenden Mitglieder der Gemeinde in Rom persönlich kannte und auch um die Kraft des Evangeliums wusste, das unter ihnen gepredigt wurde, konnte er diese Behauptung in aller Zuversicht aufstellen. Die Art und Weise, wie er schrieb, würde ihnen als Anreiz und Ansporn dienen, sowohl im Verstehen als auch in der Heiligung rasch Fortschritte zu machen.

    Aber trotz dieser guten Meinung, die er von ihnen hatte, war Paulus verpflichtet gewesen, ihnen zu schreiben: Denn ich habe euch zum Teil recht kühn geschrieben, als einer, der euch mahnt durch die Gnade, die mir von Gott gegeben ist, V. 15. Es gab Abschnitte in seinem Brief, in denen Paulus sehr kühn vorgegangen war, seine Argumente mit auffallender und bezeichnender Kraft vorgebracht hatte. Und in dieser Methode war er ganz und gar gerechtfertigt; er hätte nicht anders handeln können, da es seine Pflicht war, ihnen bestimmte Dinge ins Gedächtnis zu rufen. Was die Christen einmal gelernt, gewusst und verstanden haben, muss ihnen immer wieder in Erinnerung gerufen werden, damit ihre Kenntnisse vertieft und bestätigt werden. Die Gläubigen aller Zeiten werden sich immer wieder an die in diesem inspirierten Brief enthaltenen Anweisungen wenden, um die Geheimnisse ihrer Rechtfertigung und ihres Heils immer besser kennenzulernen, um immer eifriger in Glaube, Hoffnung und Liebe zu werden.

    Aber es gab noch eine andere Pflicht, die es Paulus auferlegte, diesen Brief an die Christen in Rom zu richten, nämlich die Gnade, die ihm von Gott gegeben wurde, dass er ein Knecht, ein Diener Christi Jesu für die Heiden sein sollte, um das Evangelium Christi und Gottes zu verkünden, damit das Opfer der Heiden annehmbar sei, geheiligt durch den Heiligen Geist, V. 15b.16. Sein Amt, sein Apostelamt, war ein Geschenk der Gnade Gottes, ein Dienst, dessen er sich unwürdig wusste, Eph. 3,8. Aber es war ihm durch eine besondere Berufung Gottes gegeben worden, und deshalb musste er als wahrer Priester Gottes das Evangelium verwalten, es unter den Heiden verkünden, damit durch seine Vermittlung die Opferung der Heiden zustande komme. Die Heiden selbst, durch die Botschaft des Evangeliums überzeugt, waren ein Opfer für Gott, sie brachten sich ihrem Herrn als lebendiges Opfer dar, Kap. 12,1. Durch den Einfluss und das Werk des Evangeliums war ihr Opfer also Gott wohlgefällig, annehmbar, Phil. 2,17; 2. Tim. 4,6. Um Jesu willen hat sich Gott den früheren Heiden in Gnade zugewandt. Und darum sind sie auch geheiligt im Heiligen Geist, weil der Geist ihre Herzen Gott geheiligt, geweiht hat. Zu allen Zeiten und an allen Orten, wo immer das Evangelium gepredigt wird, werden die Herzen der Menschen erneuert, zu Gott bekehrt, als Gottes Eigentum geopfert; und der Zweck des Evangeliums ist es, sie im Zustand der Heiligung zu erhalten, bis Hoffnung und Glaube durch ewigen Besitz ersetzt werden.

 

    Paulus preist sein Apostelamt (V. 17-21): Der Apostel ist bestrebt, seine Leser verstehen zu lassen, was genau diese Gabe seines Apostelamtes beinhaltet und warum es ihm oblag, so kühn zu schreiben, sowohl in der Belehrung als auch in der Ermahnung: Ich habe also die Ehre in Christus Jesus, nämlich in dem, was Gott gehört. Als Heidenapostel, dem das Evangelium Jesu Christi anvertraut wurde, hat er Grund, sich seines Werkes für Gott, seiner Berufung durch Gott zu rühmen und stolz darauf zu sein. Dabei ist er sich immer bewusst, dass sein Rühmen in Christus Jesus ist, dass es aufgrund seiner Gnade geschieht und nicht aufgrund seiner persönlichen Fähigkeit oder Würdigkeit für das Amt. Worauf er stolz ist und in welcher Weise, sagt er sehr deutlich: Denn ich werde es nicht wagen, etwas von dem zu sagen, was Christus nicht durch mich bewirkt hat zum Gehorsam der Heiden durch Wort und Tat, in der Kraft von Zeichen und Wundern, in der Kraft des Geistes Gottes, so dass ich von Jerusalem und ringsumher bis nach Illyrium das Evangelium erfüllt, vollendet, vollständig gepredigt habe, V. 18.19. Der Zweck der Berufung Christi hat sich erfüllt; es ist ihm gelungen, viel für den Gehorsam der Heiden zu tun, den Gehorsam des Glaubens unter den Heiden zu begründen. Dies hat er durch Wort und Tat bewirkt, hauptsächlich durch seine Predigt, aber auch durch das Beispiel seines Lebens. Erfolg hatte er durch Zeichen und Wunder, Wunder verschiedener Art, die er tat und die dazu dienten, seine Verkündigung zu untermauern. Vor allem aber schreibt er die Wirkung seines Wirkens der Kraft des Heiligen Geistes, des Geistes Gottes, zu. Der Heilige Geist ist im Wort des Evangeliums und wirkt den Glauben, den Gehorsam des Evangeliums, durch eben dieses Wort. Paulus hat erfolgreich in allen Ländern von Jerusalem bis Illyricum gewirkt. In Jerusalem hatte er den Auftrag erhalten, Gottes Bote unter den Heiden zu sein, Apg. 22,21. Er hatte nicht gezögert, gerade in der Stadt, die ihn als Lästerer kannte, von Christus zu zeugen, Apg. 9,20 ff. Und dann hatte er alle Länder besucht, die zwischen Jerusalem und Illyricum liegen und eine Art Halbkreis um das östliche Ende des Mittelmeeres bilden. Illyricum, das Land westlich von Mazedonien, hatte Paulus erst kürzlich, auf seiner dritten Missionsreise, besucht. In all diesen Ländern hat Paulus das Evangelium Jesu Christi erfüllt, es vollendet, seinen Dienst zu Ende geführt, den vollen Ratschluss Gottes zum Heil der Menschen verkündet und durch sein Apostelamt das Verständnis und die Annahme des Evangeliums bewirkt, Kol. 1,25. Das ist das Geschäft, das Ziel des Evangeliums in Bezug auf alle Menschen der Erde, nämlich dass es überall bekannt und angenommen wird; und dieses Werk des Evangeliums hat Paulus vollbracht. Und trotz des Erfolges, der seine Bemühungen begleitete, würde Paulus es nicht wagen, sich zu rühmen und von etwas zu sprechen, wenn nicht Christus es durch ihn vollbracht hätte; die wirkliche Wirksamkeit und Effizienz der Verkündigung des Evangeliums schreibt er zu Recht allein Christus zu. Wie jeder Prediger des Evangeliums war Paulus ein Organ, ein Werkzeug Christi und seines Geistes.

    Bei seiner rastlosen Tätigkeit in der Mission hat Paulus noch einen anderen Faktor im Sinn, nämlich nur dort zu wirken, wo das Evangelium noch unbekannt war, damit der Beweis für sein Apostelamt unbestreitbar sei: So aber habe ich es mir zur Ehre gemacht, das Evangelium nicht dort zu predigen, wo der Name Christi angerufen wurde, damit ich nicht auf dem Fundament eines anderen baue, V. 20. Paulus war in diesem Punkt empfindlich, nicht aus einem Geist der Rivalität heraus, sondern in seinem Ehrgeiz, für den Herrn zu arbeiten: Er hatte nie versucht, Christus zu predigen, wo das Christentum bereits etabliert war, er hatte sich nie in das Werk eines anderen eingemischt, hatte nie auf einem Fundament gebaut, das er nicht selbst gelegt hatte; er war bereit, die Schuld für jeden Fehler auf sich zu nehmen, so wie er Christus alle Ehre gab. Diese Maxime seiner Arbeit fand er in Jes. 52,15: Das Volk, dem nichts von ihm verkündigt wurde, wird sehen, und die, die nichts gehört haben, werden verstehen. Der Prophet hatte deutlich gesagt, dass die Könige und Völker der Erde zur Zeit des Kommens des Messias etwas hören und sehen würden, was bis dahin nicht zu ihnen durchgedrungen war, nämlich die herrliche Nachricht vom Gottesknecht. Deshalb brachte Paulus das Evangelium an solche Orte und in solche Länder, in denen es vorher unbekannt war, obwohl dieser Grundsatz ihn nicht daran hinderte, an solche Gemeinden zu schreiben und mit ihnen zu kommunizieren, die nicht von ihm gegründet worden waren, wie zum Beispiel die Gemeinde in Rom selbst. Sein Amt als Apostel der Heiden machte dies zur Pflicht.

 

    Die Gründe, die Paulus bisher gehindert haben, Rom zu besuchen (V. 22-17): Aus diesem Grund, weil Paulus Christus dort bekannt machen wollte, wo er noch nicht gepredigt worden war, war er daran gehindert worden, nach Rom zu kommen. Dies war in den meisten Fällen der Fall, wenn sich die Gelegenheit bot, nach Rom zu reisen; seine Arbeit im Orient hatte ihn zu sehr in Anspruch genommen; zu anderen Zeiten mögen es andere Faktoren gewesen sein, die sein Kommen verhindert haben. Aber jetzt hat er keinen Platz mehr in diesen Regionen, seine Arbeit im Orient ist beendet. Was noch zu tun ist, können die gegründeten Gemeinden gut bewältigen. Da Paulus also schon seit vielen Jahren den Wunsch, den ernsten Wunsch hatte, nach Rom zu kommen, hoffte und beabsichtigte er, seinen Plan zu verwirklichen, sobald er seine Reise nach Spanien antreten würde. Er hatte die Absicht, aus dem Osten, aus Palästina, kommend, durch Rom zu reisen, dort einige Zeit zu verweilen, um die Brüder in Rom zu sehen, sie zu besuchen, und er erwartete, auf dem Weg von der Hauptstadt zu seinem Ziel von einer Abordnung aus ihrer Mitte geleitet zu werden, aber erst, nachdem er ihre Gesellschaft genossen, das Vergnügen gehabt hatte, einige Zeit mit ihnen zu verkehren. Das war sein Plan. Bevor dieser Plan jedoch ausgeführt werden konnte, hatte Paulus eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Er wollte jetzt die geplante Reise nach Jerusalem antreten, um den Heiligen, den Mitgliedern der Gemeinde in dieser Stadt, einen bestimmten Dienst zu erweisen. Denn die Gemeinden in Mazedonien und Achaja, vor allem die von Philippi, Thessalonich, Beröa und Korinth, hatten sich bereit erklärt, für die Armen unter den Gliedern in Jerusalem einen Beitrag von einiger Größe zu leisten. Mit dieser Kollekte sollten die Armen in Jerusalem an dem Reichtum der Brüder in Mazedonien und Achaja teilhaben. Und das war auch gut so, und die Entscheidung war nur zu begrüßen, denn die Heidenchristen waren den Judenchristen wirklich etwas schuldig. In Jerusalem war die Mutterkirche der Christenheit, und alle geistlichen Gaben und Wohltaten des Christentums hatten sich von Jerusalem aus über die Erde verbreitet. Und deshalb war es nur recht und billig, dass die bekehrten Heiden denen dienten, deren geistliche Gaben sie mit ihrem Überfluss an irdischen Gütern teilhaftig geworden waren. An diesen Grundsatz sollte man sich in unseren Tagen erinnern, in denen die Menschen so leicht die Werkzeuge der Gnade Gottes für sie vergessen, seien es einzelne Menschen oder ganze Gemeinschaften.

 

    Ein abschließendes Wort (V. 28-33): Der Gott des Friedens sei mit euch allen! Amen. Die Reise nach Jerusalem musste zuerst gemacht werden, dieser Plan konnte nicht geändert werden. Aber sobald Paulus dieses Geschäft zu Ende gebracht und diese Frucht der Liebe, wie man die Sammlung als Ergebnis des in der Liebe tätigen Glaubens wohl nennen kann, den Gliedern der Gemeinde in Jerusalem sicher übergeben hatte, würde er auf seinem Weg nach Spanien durch Rom ziehen. Und einer Sache war er sich schon damals sicher, nämlich dass er, wenn er zu ihnen käme, mit der Fülle des Segens Christi und des Evangeliums kommen würde. Das, womit er versorgt werden würde, das würde er in reicher Fülle mitbringen. Denn er war überzeugt, dass Christus, der durch sein Wirken so reichlich geistlichen Segen über die heidnischen Gläubigen ausgegossen hatte, auch die Gemeinde in Rom nicht übersehen würde.

    Aber bei all seinen zuversichtlichen Verheißungen kann Paulus nicht umhin, eine Befürchtung, eine Vorahnung des Bösen zu äußern. Er hatte so viel unter der Verfolgung durch die Juden gelitten, dass er die Vorahnung von Unheil, das ihm in Jerusalem widerfahren könnte, nicht ganz abschütteln konnte. Deshalb bittet er die Christen in Rom inständig, durch den Herrn Jesus Christus und durch die Liebe des Geistes mit ihm zu kämpfen, indem sie für ihn zu Gott beten. Durch das Werk Jesu Christi sind alle Gläubigen in einer innigen Gemeinschaft verbunden und können füreinander mit aller Inbrunst Fürsprache einlegen. Und die Liebe, die der Heilige Geist in die Herzen der Christen eingepflanzt hat, drängt sie, einander im Gebet beizustehen. Und ihr Gebet ist so ernst und dringlich, dass es den Charakter eines Kampfes annimmt, eines Kampfes gegen die unsichtbaren, feindlichen Mächte, die versuchen, die Arbeit des Apostels zu behindern. Mit solchen Gebeten zu seiner Unterstützung kann er erwarten, dass er von den Ungehorsamen in Judäa, von denen, die dem Evangelium den Gehorsam verweigern, befreit wird. Und ihr fürbittendes Gebet mag auch so viel bewirken, dass sein Dienst in Jerusalem den Heiligen annehmbar gemacht wird, dass sie die Hilfe, die ihnen so von Paulus und seinen Gefährten zuteil wurde, gerne in Anspruch nehmen werden. Aus Apostelgeschichte 21,17 ff. wissen wir, dass das Gebet des Paulus und der Christen in Rom erhört wurde, dass er von den Mitgliedern der Gemeinde in Jerusalem mit Freude aufgenommen wurde. Und wenn Paulus auch nicht auf dem Wege nach Rom kam, den er zu dieser Zeit zu gehen gedachte, so wurde er doch durch die Vorsehung Gottes rechtzeitig dorthin gebracht, von ihnen mit großer Freude aufgenommen und fand durch den Verkehr mit ihnen manche Erquickung für die weitere apostolische Arbeit. Mit dem ernsten Gebet, das auf einen Segen hinausläuft, dass der Gott des Friedens, der mit uns versöhnt ist durch Christus, unseren Frieden, mit ihnen allen sein möge, schließt St. Paulus den Epilog seines Briefes.

 

Zusammenfassung: Der Apostel ermahnt die Christen, die Schwächen der Brüder zu ertragen und als wahres Haus Gottes stets in brüderlicher Eintracht zu leben; er teilt ihnen mit, dass er auf dem Weg nach Spanien Rom zu besuchen gedenkt, und bittet sie, in ihren Gebeten an ihn zu denken.

 

 

Kapitel 16

 

Eine Empfehlung, Grüße und abschließende Ermahnung (16,1-27)

1 Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe an, welche ist am Dienst der Gemeinde zu Kenchreä, 2 dass ihr sie aufnehmt in dem HERRN, wie sich’s ziemt den Heiligen, und tut ihr Beistand in allem Geschäft, darin sie euer bedarf. Denn sie hat auch vielen Beistand getan, auch mir selbst.

    3 Grüßt die Priscilla und den Aquila, meine Gehilfen in Christus Jesus, 4 welche haben für mein Leben ihre Hälse dargegeben, welchen nicht allein ich danke, sondern alle Gemeinden unter den Heiden. 5 Auch grüßt die Gemeinde in ihrem Haus. Grüßt Epänetum, meinen Liebsten, welcher ist der Erstling unter denen aus Achaja in Christus. 6 Grüßt Maria, welche viel Mühe und Arbeit mit uns gehabt hat. 7 Grüsst den Andronikus und den Junias, meine Verwandten und meine Mitgefangenen, welche sind berühmte Apostel und vor mir gewesen in Christus. 8 Grüßt Amplias, meinen Lieben in dem HERRN. 9 Grüßt Urban, unsern Gehilfen in Christus und Stachys, meinen Lieben. 10 Grüßt Apelles, den Bewährten in Christus. Grüßt, die da sind von des Aristobulus Haushalt. 11 Grüßt Herodionus, meinen Verwandten. Grüßt, die da sind von des Narcissus Haushalt in dem HERRN. 12 Grüßt die Tryphäna und die Tryphosa, welche in dem HERRN gearbeitet  haben. Grüßt die Persida, meine Liebe, welche in dem HERRN viel gearbeitet hat. 13 Grüßt Rufus, den Auserwählten in dem HERRN, und seine und meine Mutter. 14 Grüßt Asynkritus und Phlegon, Hermas, Patrobas, Hermes und die Brüder bei ihnen. 15 Grüßt Philologus und die Julia, Nereus und seine Schwester und Olympas und alle Heiligen bei ihnen. 16 Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss. Es grüßen euch die Gemeinden Christi.

    17 Ich ermahne aber euch, liebe Brüder, dass ihr aufseht auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weicht von denselben! 18 Denn solche dienen nicht dem HERRN Jesus Christus, sondern ihrem Bauch; und durch süße Worte und prächtige Rede verführen sie die unschuldigen Herzen. 19 Denn euer Gehorsam ist unter jedermann ausgekommen. Deshalb freue ich mich über euch. Ich will aber, dass ihr weise seid aufs Gute, aber einfältig aufs Böse. 20 Aber der Gott des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem! Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus sei mit euch!

    21 Es grüßen euch Timotheus, mein Gehilfe, und Lucius und Jason und Sosipater, meine Verwandten. 22 Ich, Tertius, grüße euch, der ich diesen Brief geschrieben habe, in dem HERRN 23 Es grüßt euch Gajus, mein und der ganzen Gemeinde Wirt. Es grüßt euch Erastus, der Stadt Rentmeister, und Quartus, der Bruder. 24 Die Gnade unsers HERRN Jesus Christus sei mit euch allen! Amen.

    25 Dem aber, der euch stärken kann laut meines Evangeliums und Predigt von  Jesus Christus, durch welche das Geheimnis offenbart ist, das von der Welt her verschwiegen gewesen ist, 26 nun aber offenbart, auch kundgemacht durch der Propheten Schriften aus Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter  allen Heiden: 27 Demselben Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in  Ewigkeit! Amen.

 

    Eine Empfehlung der Phöbe (V. 1-2): Der eigentliche Brief hatte mit dem fünfzehnten Kapitel geendet, aber Paulus fügt hier in Form eines Postskripts verschiedene persönliche Dinge hinzu. Er empfiehlt der besonderen Fürsorge der Brüder in Rom Phöbe, eine christliche Schwester, die sehr wahrscheinlich die Überbringerin dieses Briefes nach Rom ist. Sie war Mitglied der Gemeinde in Kenchrea, der östlichen Hafenstadt von Korinth, und bekleidete das Amt einer Diakonisse. So wie die Gemeinde in Jerusalem Diakone für den Dienst an den Armen und Bedürftigen gewählt hatte, so hatten auch andere Gemeinden in apostolischer Zeit Diakonissen, vor allem für die Arbeit unter den Frauen, 1. Tim. 3,ll. Phöbe war im Begriff, vom westlichen Hafen der Stadt Korinth, Lechaeum, aus nach Rom zu reisen. Der Apostel wollte, dass die Christen in Rom sie im Herrn als Mitglied der Kirche Jesu Christi aufnahmen, wie es den Heiligen gebührte. Sie sollten ihr nicht nur Gastfreundschaft erweisen, sondern ihr auch jeden Dienst erweisen, der ihr in allen Angelegenheiten, die sie brauchen könnte, helfen würde. Auf diese Weise sollten die Christen in Rom ihre gegenseitige Gemeinschaft mit Christus unter Beweis stellen. Paulus stellt Phöbe ein gutes Zeugnis aus, indem er sagt, dass sie vielen, auch ihm selbst, eine wahre Freundin, Beschützerin, Helferin und Gönnerin gewesen sei. Als Mitchristin und als jemand, der sich im Dienst des Herrn ausgezeichnet hat, sollte sie daher jede Rücksichtnahme erfahren und gerne die Unterstützung erhalten, die sie benötigen könnte. Anmerkung: Es wäre von großem Wert für die Kirche, wenn alle Christen, die in andere Teile des Landes oder der Welt reisen, wo es rechtgläubige Gemeinden gibt, ihre Pastoren um Empfehlungsschreiben bitten würden, und wenn die Brüder in jeder Gemeinde ihre Mitchristen im Geiste Christi empfangen würden. Christliche Freundlichkeit und Höflichkeit kosten wenig und können reichlich zurückgegeben werden.

 

    Grüße von Paulus an Freunde und Bekannte (V. 3-16): Dies ist ein schöner Abschnitt, der ein sehr interessantes Licht auf die innige Liebe wirft, die die ersten Christen verband. Übrigens ist das Interesse, das Paulus den einzelnen Christen entgegenbringt, und die Art und Weise, in der er ihre besonderen Verdienste hervorhebt, sehr charakteristisch. Sein erster Gruß gilt Priscilla oder Prisca und ihrem Mann Aquila, wobei die Frau als die Begabtere und Tatkräftigere zuerst genannt wird. Diese beiden waren alte Freunde des Apostels und ernste Arbeiter für das Reich Christi. Paulus hatte bei ihnen in Korinth übernachtet (Apg. 18,2), und sie hatten mit ihm nicht nur im gleichen Handwerk, dem der Zeltmacher, sondern auch in der gleichen Sache, nämlich der Christi, gearbeitet. Sie hatten ihn nach Ephesus begleitet, Apg. 18,18, und waren auch dort seine Mitarbeiter für das Reich Gottes gewesen. Und nun hatten sie, wie in Ephesus, in Rom eine Hausgemeinde versammelt: wahre Missionare immer. Paulus gibt ihnen das Zeugnis, dass sie um seines Lebens willen ihren eigenen Hals riskiert hatten, wahrscheinlich zur Zeit des Aufruhrs in Ephesus, Apg. 19, wofür nicht nur er ihnen aufrichtigen Dank schuldete, sondern auch alle Gemeinden der Heiden, denn durch ihren Einsatz war das Leben des Paulus für weitere Arbeit im Weinberg des Herrn erhalten worden. Eine solche Selbsthingabe und Selbstaufopferung im Interesse des Evangeliums und seiner Ausbreitung kann auch heute noch als Beispiel dienen. Paulus schließt in seinen Gruß auch die Gemeinde ein, die sich in ihrem Haus zu versammeln pflegte. Vgl. 1. Kor. 16,19.

    Über die Personen, die in den anderen Grüßen des Paulus erwähnt werden, haben wir keine weiteren Informationen. Von Epaenetus heißt es, er sei der Erstling Asiens (nicht Achaia) für Christus gewesen; er war der erste Mann aus der römischen Provinz Asien, der für Christus gewonnen wurde. Von Maria, einer Jüdin nach ihrem Namen, sagt der Apostel, dass sie ihm einst fleißig gedient habe. Nach einigen Lesarten diente ihr Einsatz den Gläubigen in Rom. Andronikus und Junias werden als Verwandte des Paulus und als einstige Mitgefangene erwähnt. Vgl. 2. Kor. 11,23. Diese beiden Männer waren unter den Aposteln im weiteren Sinne des Wortes bzw. von den Aposteln im engeren Sinne des Wortes bekannt, angesehen und hoch geachtet. Sie waren auch schon vor Paulus in Christus gewesen, hatten sich in den frühen Tagen der Kirche bekehrt, bevor der Herr selbst Paulus als Werkzeug seiner Gnade berufen hatte. Amplias wird von Paulus als sein Geliebter im Herrn bezeichnet und Stachys als sein Geliebter; von Urban aber sagt er, dass er sein Helfer im Herrn sei, dass er im Dienst Christi tätig sei, und von Apelles, dass er ein bewährter, ein erprobter Christ sei, dass er den in ihm lebenden Glauben unter Beweis gestellt habe. Paulus schloss in seine Anrede auch die Christen ein, die zum Haushalt eines Aristobulus und eines Narzissus gehörten, Sklaven, die zu ihren Gütern gehörten. Solche niederen Brüder waren dem großen Apostel ebenso nah und lieb wie die einflussreichsten Mitglieder der Gemeinde. Herodion wird als Verwandter des Paulus erwähnt. Tryphena, Tryphosa und vor allem Persis werden in der Liste als Frauen aufgeführt, die für den Herrn arbeiteten und deren Liebe einen Weg fand, das Evangelium durch individuellen Dienst zu verbreiten. Rufus wird als Auserwählter des Herrn hervorgehoben, als einer derjenigen, die in den Augen Gottes wertvoll sind und sich in seinem Dienst vor den Menschen auszeichnen. Die besondere Bezeichnung ist umso treffender, als Rufus wahrscheinlich der Sohn des Simon war, der das Kreuz Christi trug, Mark. 15,21. Die Mutter des Rufus hatte dem Apostel viel mütterliche Liebe und Fürsorge erwiesen, wahrscheinlich zu der Zeit, als er in Jerusalem war, und deshalb ehrt er sie mit dem Titel „Mutter“. Die Männer und Frauen, die in den Versen 14 und 15 genannt werden, waren solche, die Paulus bekannt waren, mit denen er sich angefreundet hatte, von denen er gehört hatte, zu denen er aber keine so innige Beziehung hatte wie zu den anderen, die oben erwähnt wurden. Mit seinem Gruß an alle Hausgemeinden hat der Apostel an alle Mitglieder der römischen Kirche gedacht. Und er ermahnt sie nun, die Gemeinschaft der Liebe, in der sie standen, dadurch zu bezeugen, dass sie sich gegenseitig mit dem heiligen Kuss grüßen. Dies war kein willkürliches Zeichen natürlicher Zuneigung, sondern ein Brauch, der in den ersten Gemeinden lange Zeit nach dem Gebet und vor der Feier des Heiligen Abendmahls gepflegt wurde, wobei die Männer die Männer und die Frauen die Frauen grüßten und so ihre gegenseitige Zuneigung und Gleichheit vor Gott zum Ausdruck brachten. Der Apostel sendet schließlich Grüße aus allen Gemeinden. Sein Plan, Rom bei der ersten Gelegenheit zu besuchen, war bekannt, und deshalb beauftragten ihn die Christen in allen Städten, die er besuchte, den Brüdern in Rom zu gedenken.

 

    Warnung vor falschen Lehrern (V. 17-20): Diese Warnung kommt im Postskriptum wie ein nachträglicher Gedanke vor. Wahrscheinlich war die Gemeinde in Rom noch nicht beunruhigt, aber Paulus hält es für notwendig, seine Christen vor einer Gefahr zu warnen, die sie jederzeit treffen könnte. Es sind nicht die offenen Feinde der christlichen Kirche, die den größten Schaden anrichten, sondern die Irrlehrer, die sich nach dem Namen Christi nennen und vorgeben, an die Bibel zu glauben und sie zu lehren, und die durch heimtückische Propaganda die Grundlagen der gesunden Lehre untergraben. Der heilige Paulus warnt daher die Gläubigen in Rom und die Christen aller Zeiten vor solchen Leuten, die eine Lehre lehren, die im Widerspruch zu den klaren Wahrheiten steht, wie er sie verkündet hat. Er bittet sie, als christliche Brüder, sie mit allem Ernst zu kennzeichnen, wörtlich, sie im Auge zu behalten, ständig nach ihnen Ausschau zu halten, die Spaltungen und Skandale verursachen, die im Gegensatz zu der Lehre stehen, die sie gelernt hatten und die all die Jahre in Rom gepredigt worden war, und sich von diesen falschen Lehrern abzuwenden. Der Apostel mag an solche Gegner und Unruhestifter gedacht haben, die versucht hatten, den Lauf des Evangeliums in Antiochien, Galatien und Achaja zu behindern. Solche Menschen würden zweifellos versuchen, auch in die Gemeinde in Rom einzudringen und ihre falsche Lehre zu verbreiten. Aber Paulus sagt den römischen Christen und den wahren Gläubigen aller Zeiten deutlich, dass sie nicht nur die falsche Lehre ablehnen, sondern auch die Irrlehrer jeder Art und jedes Grades meiden sollen. Es ist der ausdrückliche Wille Gottes, dass Christen und christliche Organisationen, die eine solide biblische Grundlage haben, sich von allen Konfessionen, in denen Irrlehren und Irrlehrer zugelassen sind, trennen und getrennt bleiben müssen. Jeder Unionismus, der versucht, Wahrheit und Falschheit in derselben kirchlichen Organisation zu vereinen, wird in diesem Abschnitt klar verurteilt. Vgl. 2. Thess. 3,6; Tit. 3,10; 1. Kor. 5,11; 2. Johannes 10.

    Der Grund für diese eindeutige Haltung wird von Paulus genannt: Denn solche Menschen, die zu ihrer Klasse gehören, stehen nicht im Dienst Christi, unseres Herrn, sondern in dem ihres eigenen Bauches, und durch fadenscheiniges Gerede und schöne Worte verführen sie die Herzen der Unvorsichtigen, V.18. Obwohl die Irrlehrer vorgeben, dem Herrn Jesus Christus zu dienen, soll dieser vermeintliche Eifer Eindruck auf den Unvorsichtigen machen: Ihr eigentliches Ziel sind niedere Interessen. Mit einem anzüglichen Ton und in feinem Stil, mit glitzernden Worten und verlockenden Formulierungen versuchen sie, ihre wahren Absichten zu verschleiern. „Die hier gegebene Beschreibung trifft in hohem Maße auf Irrlehrer in allen Zeiten zu. Sie werden nicht von Eifer für den Herrn Jesus angetrieben; sie sind selbstsüchtig, wenn nicht gar sinnlich, und sie sind glaubwürdig und betrügerisch.“ (Hodge.) „Die Kirche Gottes ist immer mit solchen angeblichen Pastoren behelligt worden - Männer, die sich selbst ernähren und nicht die Herde; Männer, die zu stolz sind, um zu betteln, und zu faul, um zu arbeiten; die weder die Gnade noch die Gaben haben, die Fahne des Kreuzes in das Gebiet des Teufels zu pflanzen und durch die Kraft Christi in sein Reich einzudringen und ihn seiner Untertanen zu berauben. Im Gegenteil, indem sie die Saat der Zwietracht säen, durch zweifelhafte Disputationen und die Verbreitung von Skandalen, durch grelle und anzügliche Reden, weil sie Eleganz und gute Erziehung vortäuschen, zerreißen sie christliche Gemeinden, bilden eine Partei für sich selbst und leben so von der Beute der Kirche Gottes.“[23]

    Der Apostel zeigt nun, warum er seine Warnung ausgesprochen hat, V. 19. Im Unterschied zu den Einfältigen, den Unvorsichtigen, war der Gehorsam, den die Gläubigen in Rom dem Evangelium entgegenbrachten, zu allen Menschen hinausgegangen, er war in allen christlichen Gemeinden bekannt. Paulus hatte volles Vertrauen in sie, dass sie auch einer solchen Situation mit der richtigen Weisheit begegnen würden, entsprechend dem Gehorsam gegenüber dem Evangelium, den sie immer gezeigt hatten. Und doch kann er nicht umhin, ein Gefühl seiner Besorgnis zu vermitteln. Er freut sich über sie, aber er will auch, dass sie weise sind gegenüber dem Guten, aber rein und unschuldig gegenüber dem Bösen, gegenüber allem Schlechten, dass sie sich nicht in das Netz der falschen Lehre verstricken. Zugleich ist es für Paulus und die Christen in Rom ein tröstlicher Gedanke, dass der Gott des Friedens den Satan, in dessen Dienst die Irrlehrer stehen, zermalmen, zertreten wird, und zwar bald. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem der Herr den Satan zermalmen, ausrotten, ihn für immer hilflos machen und so die Seinen von allen Angriffen des alten bösen Feindes befreien wird. Vgl. 1. Mose 3,15. Der Segensspruch: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus sei mit euch, schließt diesen Abschnitt des Nachwortes ab. Es ist Gottes mächtige Barmherzigkeit, die allein die Christen in allen Lebenslagen aufrichten und erhalten kann.

 

    Grüße von Begleitern und Freunden von Paulus (V. 21-24): Amen. In vielen Briefen des Paulus wird der Name des Timotheus in der Grußformel mit dem des Paulus verbunden, vor allem, wenn er in der Gemeinde persönlich bekannt war und sich in irgendeiner Weise verdient gemacht hatte. Das war in Rom nicht der Fall, aber als Mitarbeiter des Paulus hatte er natürlich auch ein großes Interesse an den römischen Christen und grüßte sie. Neben seinem Namen werden auch die Namen von Lucius, Jason, Apg. 17,5, und Sopater, Apg. 20,4, genannt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Männer die Abgesandten ihrer jeweiligen Gemeinden in der Sache der Armensammlung in Jerusalem waren und nach Korinth gekommen waren, um Paulus von dieser Stadt nach Judäa zu begleiten. Tertius, der Schreiber, der den Brief nach dem Diktat des Paulus schrieb, fügte seine eigene Anrede ein. Dann diktierte Paulus weiter und sandte Grüße von Gaius, in dessen Haus er wohnte und der allen Christen in nah und fern offenstand, 1. Kor 1,14. Auch von Erastus, dem Quästor, dem Kämmerer der Stadt, war ein Gruß dabei. Obwohl ihre Zahl von Anfang an gering war, 1. Kor 1,26, waren es doch immer einige der reicheren und einflussreicheren Leute, die durch die Verkündigung des Evangeliums für Christus gewonnen wurden. Paulus wiederholt hier seinen apostolischen Segensspruch, denn sein Herz brennt in glühender Liebe zu den Christen in Rom, und er möchte sie gerne der Fülle der Gnade und Barmherzigkeit Gottes in Jesus Christus, ihrem Erlöser, versichert wissen lassen.

 

    Der abschließende Lobpreis (V. 25-27): Es steht ganz im Einklang mit dem reichen Inhalt des Römerbriefes, dass Paulus ihn mit einer so bemerkenswerten Doxologie abschließt, einem wahren Erguss glühender Gedanken, verwoben mit einer schönen Lobrede auf das Evangelium. Er gibt Gott alle Ehre, dem, der die Christen fest und beständig im Glauben und im heiligen Leben zu machen vermag. Gott festigt, bestätigt die Gläubigen in ihrem Glauben nach dem Evangelium, das zugleich Norm und Mittel ist, durch das Gott wirkt. Dieses Evangelium ist, was seinen Inhalt betrifft, nichts anderes als die Verkündigung Jesu Christi, der das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende aller wahren evangelischen Verkündigung ist. Das Evangelium wird weiter als ein Geheimnis beschrieben, nämlich als das Geheimnis Christi und des Heils in Christus. Es war von alters her, von Ewigkeit her, verborgen, geheim gehalten, unbekannt und unentdeckbar für die menschliche Vernunft. Der Ratschluss Gottes zur Erlösung der Menschen war in Gott verborgen, Eph. 3,9, und wurde erst mehrere Jahrtausende nach der Erschaffung der Welt in seiner Fülle und Herrlichkeit bekannt gemacht. Nun aber ist dieses Geheimnis aufgedeckt, bekannt gemacht, offenbar geworden. Jesus Christus hat den Ratschluss Gottes zur Erlösung ausgeführt, die Offenbarung wurde den Aposteln übergeben mit dem Auftrag, sie allen Geschöpfen zu verkünden. Und die Verkündigung geschieht durch die Schriften der Propheten, wobei die Apostel stets auf die Verheißungen des Messias hinweisen und ihre Erfüllung in Christus aufzeigen. Durch die Verkündigung des Evangeliums werden die Schriften der Propheten verdeutlicht und es wird gezeigt, dass sie herrliche Evangeliums-Wahrheiten enthalten. Und so wird das Werk des neutestamentlichen Dienstes nach dem Gebot des ewigen Gottes zum Gehorsam des Glaubens vorangetrieben, um diesen Gehorsam in den Herzen der Menschen zu bewirken, damit er allen Heiden bekannt gemacht wird. Kurz gesagt, das Evangelium, das in der Predigt des Neuen Testaments offenbart wird, soll zum Heil aller Menschen dienen. Und Gott, der durch das Evangelium den Glauben an Christus Jesus wirkt, wird durch dieselbe Predigt die Gläubigen im Glauben stärken und bestätigen bis ans Ende. Ihm also, der allein weise ist, der das Wesen aller Weisheit ist, wie sein wunderbarer Plan zur Rettung aller Menschen zeigt, sei Ehre in Ewigkeit durch Jesus Christus, unseren Erlöser! Ehre sei dem Vater und dem Sohn, gleich an Macht, Majestät und Herrlichkeit, in Ewigkeit! Amen.

 

Zusammenfassung: Der Apostel sendet Grüße, sowohl seine eigenen als auch die seiner Gefährten, fügt eine Warnung vor falschen Lehrern ein und schließt mit einer wunderbaren Doxologie.[24]

 

 

Die Lehre von der Kirchengemeinschaft und Trennung

    Es ist Gottes Wille, dass die Christen halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens, Eph. 4,1-6, nämlich dass sie bleiben an Jesu Rede, Joh. 8,31-32, dass sie einerlei Rede führen, fest aneinander halten in einem Sinn und einerlei Meinung und daher keine Spaltung zulassen, 1. Kor. 1,10. Die Kirche, das Haus Gottes, soll ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit sein, 1. Tim. 3,15, in dem gelehrt wird alles, was Christus uns befohlen hat, Matth. 28,19, in dem nichts von Gottes Wort weggenommen und auch nichts hinzugetan wird, Offenb. 22,18-19, sondern der ganze Ratschluss Gottes gelehrt wird, Apg. 20,27. Gottes Wille und Befehl ist daher die Kirche des reinen Wortes und der unverfälschten Sakramente, in der keine falsche Lehre und auch keine der Schrift widersprechende Praxis geduldet werden, sondern die Einheit in der Wahrheit aufrecht erhalten wird. Die Gemeinschaft wird praktiziert vor allem durch die Gemeinschaft unter dem Wort und in den Sakramenten, aber auch in allen anderen Bereichen, in denen der christliche Glauben gelebt wird, z.B. Gebet, Diakonie, Mission, Schularbeit, Literaturarbeit, Musik- und Chorarbeit. Das heißt: In allen Bereichen des christlichen Glaubens kann die Gemeinschaft nur da praktiziert werden, wo tatsächlich die Einheit in der Wahrheit vorliegt, und zwar von Kirche zu Kirche, da ja der einzelne Christ Glied einer Kirche als einer Bekenntnisgemeinschaft ist. Ob Einheit vorliegt, also, ob Rechtgläubigkeit vorliegt, das kann allein anhand der Kennzeichen der Kirche, also dem gelehrten, gepredigten Wort und den verwalteten Sakramenten, festgestellt werden und an nichts anderem.

    Die Heilige Schrift ist die einzige Regel und Richtschnur für alle Lehre und Lehrer und das Leben der Kirche Gottes (ekkleesia tou theou). Sie ist daher die höchste Autorität in der Kirche (ekkleesia). Gottes Wort aber fordert unsere Antwort, unser Bekenntnis des Glaubens, Matth. 16,13-16; Joh. 6,68-69; 1. Petr. 3,15, nicht zuletzt auch gegenüber den Irrlehren, die auftauchen. Daher genügt es nicht, wenn die Kirche Jesu Christi sich zur Heiligen Schrift als dem verbalinspirierten und irrtumslosen Wort Gottes bekennt, sondern sie muss auch bezeugen, wie sie dieselbe versteht, wie sie dies zum einen durch ihre Bekenntnisse, zum anderen durch ihre öffentliche Lehre auf Kanzel, Katheder und in den Medien macht. Die rechte Kirche ist daher Bekenntniskirche. Die Bekenntnisse sind aber nicht eine Autorität neben der Heiligen Schrift, sondern als Bezeugung der Lehre der Heiligen Schrift, von dieser abgeleitet, nur Autorität unter der Heiligen Schrift (norma normata). Für die Rechtgläubigkeit einer Kirche ist dabei nicht nur ihr juristisches Bekenntnis entscheidend, sondern die tatsächliche Lehre, die von Kanzel, Katheder und in den Medien getrieben wird, und zwar im Blick auf alle Artikel der Heiligen Schrift, nicht nur die in den Bekenntnissen behandelten. Es ist daher auch schriftwidrig, wenn im Blick auf eine aktuelle Bekenntnissituation behauptet wird, man könne in ihr mit solchen Kirchen geistlich zusammenarbeiten, mit denen tatsächlich keine Einheit in allen Lehrartikeln besteht.

    Solche Kirchenkörper, die falsche Lehre in ihren Reihen dulden, bei denen aber dennoch das Evangelium noch soweit im Schwange geht, dass Menschen dadurch zum rettenden Glauben kommen können, werden richtig auch noch als „Kirche“ bezeichnet, eben um der gewiss vorhandenen Gläubigen in ihrer Mitte willen, und somit von weltlichen Vereinigungen unterschieden, auch wenn sie zugleich als falsche Kirche (ecclesia falsa) bezeichnet werden müssen aufgrund der geduldeten Irrlehre in ihrer Mitte.

    Darum hat schon Jesus Christus seine Jünger aufgefordert: „Sehet euch vor vor den falschen Propheten“, Matth. 7,15, und seine Gemeinde oder Schafe als solche beschrieben, die einem Fremden nicht folgen, Joh. 10,5. Darum ist die Gemeinde Jesu Christi aufgefordert, die ecclesia simplex wie auch die ecclesia composita, „aufzusehen auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet von denselben“, Röm. 16,17, sie soll von ihnen ausgehen, sich von ihnen absondern, 2. Kor. 6,14-18: Denn durch die falsche Lehre wird die Einheit in der Wahrheit zerstört, wer falsch lehrt trennt sich von Gottes Lehre und damit auch von der rechtgläubigen Kirche; und diejenigen, die an der rechtgläubigen, der biblischen Lehre festhalten und dies feststellen, die halten die wahre Einheit, nämlich die Einheit in der göttlichen Wahrheit, aufrecht, auch wenn sie gegenüber den anderen eine Minderheit sein sollten und es nach außen so aussieht, dass sie sich von den anderen um der Wahrheit willen trennen.

    Es ist die Frage aufgekommen, wann die Trennung zu erfolgen hat. Die Grundlage für die Antwort ist durch den Heiligen Geist selbst in Röm. 16,16 vorgegeben: Dann, wenn für eine Kirche (Ortsgemeinde oder Synodalverband) als eine solche festgestellt werden muss, dass sie falsch lehrt, also nicht mehr die Kennzeichen der Kirche rein und unverfälschthat, dann ist auch die Trennung zu vollziehen, das lässt sich nicht trennen. Falsch lehrend ist eine ekkleesia noch nicht, wenn gelegentlich in ihr falsche Lehre auftaucht, die aber nicht geduldet, sondern bekämpft und somit schriftgemäß überwunden wird. Etwas anderes ist es, wenn falsche Lehre auftaucht, sie aber, sie wird bekämpft oder nicht, dennoch bleiben kann und auch weitere Ermahnung, etwa auch durch Schwesterekkleesien, nicht das schriftgemäß geforderte Ergebnis, das Abtun der Irrlehre, erbringt. Dann ist solch eine ekkleesia zu einer falschlehrenden, heterodoxen ekkleesia geworden, die gemäß Röm. 16,16 f. zu meiden, zu fliehen ist.[25]

 

 

Exkurs zum Widerstandsrecht

Das Widerstandsrecht bei Luther[26]und im Gnesioluthertum des 16. Jahrhunderts

    Wie weit aber geht nun die Gewalt der Obrigkeit? Gott hat, wie gesagt, zwei Reiche. Und jedes dieser Reiche hat seine eigenen Gesetze, Ordnungen. Das Reich der Welt geht über Leib und Gut, also das, was äußerlich ist auf Erden, dagegen nicht über die Seele. „Das weltliche Regiment hat Gesetze, die sich nicht weiter erstrecken als über Leib und Gut und was äußerlich ist auf Erden. Denn über die Seele kann und will Gott niemand lassen regieren als sich selbst allein. Darum, wo weltliche Gewalt sich vermisst, der Seele Gesetze zu geben, da greift sie Gott in sein Regiment und verführt und verderbt nur die Seelen.“[27] Das heißt: Alles, was mit der Seele, mit dem Inneren des Menschen, seinen Gedanken, Ideen, Wünschen, Begierden, Ansichten und deren Ausdruck nach außen zu tun hat, so lange nicht zur Gewalt aufgerufen wird, geht die Regierung nichts an. Darüber bestimmen zu wollen, ist der Beginn totalitärer Herrschaft. Sie hat daher auch kein Recht, der Kirche in Glaubenssachen und ihrer Ausübung etwas zu gebieten. Entweder sie geht überein mit dem, was Gott sowieso geordnet hat, dann braucht die Kirche keine weltlichen Verordnungen, oder aber die Regierung würde gegen Gottes Ordnungen und Willen handelt, und dann sind ihre Anweisungen vom Teufel und die Kirche, der Christ dürfen nicht gehorchen. Die Aufgabe der Obrigkeit ist es, „die Frommen zu schützen und die Bösen zu strafen“ (Röm. 13), was letztlich nichts anderes heißt, als gemäß dem natürlichen Recht die Ordnung zu wahren und zu gestalten. „Darum ist’s gar überaus ein närrisch Ding, wenn sie gebieten, man solle der Kirche, den Vätern, Konzilien glauben, ob gleich kein Gottes Wort da sei. Teufelsapostel gebieten solches und nicht die Kirche; denn die Kirche gebietet nichts, sie wisse denn gewiss, dass es Gottes Wort sei, wie St. Petrus sagt, 1. Ep. 4,11: ‚Wer da redet, der rede es als Gottes Wort.‘“[28] In Glaubensdingen aber darf keinerlei Gewalt angewandt werden. „Weil es denn einem jeglichen auf seinem Gewissen liegt, wie er glaubt oder nicht glaubt, und damit der weltlichen Gewalt kein Abbruch geschieht, soll sie auch zufrieden sein und ihres Dinges warten und lassen glauben so oder so, wie man kann und will, und niemand mit Gewalt dringen. Denn es ist ein freies Werk um den Glauben, dazu man niemand kann zwingen. Ja, es ist ein göttlich Werk im Geist, geschweige denn, dass es äußerliche Gewalt sollte erzwingen und schaffen. Daher ist der gemeine Spruch genommen, den Augustinus auch hat: Zum Glauben kann und soll man niemand zwingen.“[29] Daher ist auch kein Christ der Obrigkeit in Sachen der Seele zum Gehorsam verpflichtet. „Wenn nun dein Fürst oder weltlicher Herr dir gebietet, es mit dem Papst zu halten, so oder so zu glauben, oder gebietet dir, Bücher von dir zu tun, sollst du so sagen: Es gebührt Luzifer nicht, neben Gott zu sitzen; lieber Herr, ich bin euch schuldig zu gehorchen mit Leib und Gut, gebietet mir nach eurer Gewalt Maß auf Erden, so will ich folgen. Heißt ihr aber mich glauben und Bücher von mir tun, so will ich nicht gehorchen; denn da seid ihr ein Tyrann und greift zu hoch, gebietet, da ihr weder Recht noch Macht habt usw. Nimmt er dir darüber dein Gut und straft solchen Ungehorsam; selig bist du, und danke Gott, dass du würdig bist, um göttlichen Worts willen zu leiden. Lass ihn nur toben, den Narren, er wird seinen Richter wohl finden.“[30] Hier wird deutlich: Der Widerstand, den der Christ der tyrannischen Obrigkeit gegenüber leistet, ist grundsätzlich ein passiver Widerstand, das heißt, er führt Anweisungen nicht aus, die sich gegen Gottes Gebot, Wort, Ordnung, Willen richten. Dafür muss er dann auch bereit sein zu leiden. Aber Gewaltanwendung ist normalerweise ausgeschlossen. Röm. 12,19; Matth. 7,1; 2. Mose 22,28; 1. Tim. 2,2; Apg. 23,5.[31] „Denn der Obrigkeit soll man nicht widerstehen mit Gewalt, sondern nur mit Erkenntnis der Wahrheit; kehrt sie sich dran, ist’s gut; wo nicht, so bist du entschuldigt und leidest Unrecht um Gottes willen.“[32] Gewalt ist nur gegen solche erlaubt, die rechtlich auf der gleichen Stufe stehen oder darunter, nicht aber gegen die, die uns übergeordnet sind. „Ist aber der Widerpart deinesgleichen oder geringer als du, oder fremder Obrigkeit; so sollst du ihm auf’s erste Recht und Friede anbieten, wie Mose die Kinder Israel lehrt. Will er dann nicht, so gedenke dein Bestes und wehre dich mit Gewalt gegen Gewalt.“[33] Es gibt also kein Recht auf eine aktive Rebellion gegen die Obrigkeit. Tut sie Unrecht, so ist das zu leiden.[34] Denn: Es sind zwei ganz verschiedene Dinge, eine Obrigkeit zu stürzen und etwas Besseren an ihre Stelle zu setzen. „Obrigkeit ändern und Obrigkeit bessern sind zwei Dinge, so weit voneinander wie Himmel und Erde. Ändern mag leicht geschehen; bessern ist misslich und gefährlich. Warum? Es steht nicht in unserem Willen und Vermögen, sondern allein in Gottes Willen und Hand.“[35] Etwas anderes ist es, wenn ein Herrscher wahnsinnig würde, also nichts Vernünftiges mehr tun oder leiden kann: Dann soll man ihn absetzen. Luther unterscheidet das sehr klar von der Tyrannei. „Das ist wohl billig, wo etwa ein Fürst, König oder Herr wahnsinnig würde, dass man denselben absetze und verwahrte. Denn der ist nun fortmehr nicht für einen Menschen zu halten, weil die Vernunft dahin ist. … Aber doch sage ich meine Meinung darauf, dass es nicht gleich ist mit einem Wahnsinnigen und Tyrannen. Denn der Wahnsinnige kann nichts Vernünftiges tun noch leiden, es ist auch keine Hoffnung da, weil der Vernunft Licht weg ist. Aber ein Tyrann tut dennoch viel dazu; so weiß er, wo er Unrecht tut, und es ist Gewissen und Erkenntnis noch bei ihm und Hoffnung auch, dass er sich möge bessern, sich sagen lassen und lernen und folgen, welches keines bei den Wahnsinnigen ist, welcher ist wie in Klotz oder Stein. Über das ist noch dahinten eine böse Folge oder Exemple; dass, wo es gebilligt wird, Tyrannen zu ermorden oder verjagen, reißt es bald ein und wird ein gemeiner Mutwille daraus, dass man Tyrannen schilt, die nicht Tyrannen sind, und sie auch ermordet, wie es dem Pöbel in den Sinn kommt; …“[36]

    Luther macht in dem Zusammenhang auch deutlich, und das war für damals (16. Jahrhundert) geradezu revolutionär: Der Staat hat ebenso kein Recht, der Ketzerei zu wehren, es fällt nicht in sein Amt. „So sprichst du abermals: Ja, weltliche Gewalt zwingt nicht zu glauben, sondern wehrt nur äußerlich, dass man die Leute mit falscher Lehre nicht verführe; wie könnte man sonst den Ketzern wehren? Antwort: Das sollen die Bischöfe tun; denen ist solch Amt befohlen, und nicht den Fürsten. Denn Ketzerei kann man nimmermehr mit Gewalt wehren, es gehört ein anderer Griff dazu, und ist hier ein anderer Streit und Handel als mit dem Schwert. Gottes Wort soll hier streiten; wenn das nichts ausrichtet, so wird’s wohl unausgerichtet bleiben von weltlicher Gewalt, ob sie gleich die Welt mit Blut füllt. Ketzerei ist ein geistlich Ding, das kann man mit keinem Eisen hauen, mit keinem Feuer verbrennen, mit keinem Wasser ertränken.“[37]

    Eine Frage im Zusammenhang mit obrigkeitlichem Dienst war auch damals schon aktuell: Kann, darf ein Christ Soldat sein? Luther sagt Ja, so lange es sich um einen Verteidigungskrieg handelt. „Denn weil dein ganzes Land in der Gefahr steht, musst du wagen, ob dir Gott helfen wollte, dass es nicht alles verderbt werde. Und ob du nicht wehren kannst, dass etliche Witwen und Waisen drüber werden; so musst du doch wehren, dass nicht alles zu Boden gehe und eitel Witwen und Waisen werde. Und hierin sind die Untertanen schuldig zu folgen, Leib und Gut daran zu setzen. Denn in solchem Fall muss einer um des andern willen sein Gut und sich selbst wagen. Und in solchem Krieg ist es christlich und ein Werk der Liebe, die Feinde getrost zu würgen, berauben und brennen, und alles tun, was schädlich ist, bis man sie überwinde, nach Kriegsläuften; nur dass man sich vor Sünden hüte, Frauen und Jungfrauen nicht schänden, und wenn man sie überwunden hat, denen, die sich ergeben und demütigen, Gnade und Friede erzeigen; so dass man in solchem Fall den Spruch lasse gehen: Gott hilft dem Kecksten.“[38] Kriegsdienst im Verteidigungsfall ist also ein Akt der Nächstenliebe, die in solch einer Situation geboten ist. Ja, Krieg ist Teil von Gottes Ordnung für die gefallene Welt und wird daher in der gefallenen Welt nicht aufhören: „Denn weil das Schwert ist von Gott eingesetzt, die Bösen zu strafen, die Frommen zu schützen und Friede handzuhaben, Röm. 13,1 ff.; 1. Petr. 3,14 ff., so ist’s auch gewaltig genug bewiesen, dass Kriegen und Würgen von Gott eingesetzt ist, und was Kriegslauft und Recht mitbringt. Was ist Krieg anders als Unrecht und Böses strafen? Warum kriegt man, als dass man Friede und Gehorsam haben will?“[39]  Etwas anderes ist es, wenn es ein ungerechter Krieg ist, ein Angriffskrieg, ein Krieg, der aus unlauteren Motiven oder hinterhältig vom Zaun gebrochen wurde, dann darf ein Christ nicht gehorchen und muss auch alle daraus kommenden Folgen tragen. Wieder anders ist es, wenn es ihm in der konkreten Situation nicht möglich ist, oder nicht mit letzter Gewissheit möglich ist, festzustellen, ob der Krieg gerechtfertigt ist oder nicht, ob es sich um einen Angriffskrieg handelt oder nicht – dann muss er gehorchen und soll getrost seinen Dienst tun. Wenn der Krieg ungerecht ist, tragen diejenigen die Schuld vor Gott, die ihn zu verantworten haben. „Wie, wenn dein Fürst unrecht hätte, ist ihm sein Volk auch schuldig zu folgen? Antwort: Nein, denn gegen Recht gebührt niemand zu tun; sondern man muss Gott, der das Recht haben will, mehr gehorchen als den Menschen, Apg. 5,29. Wie, wenn die Untertanen nicht wüssten, ob er recht hätte oder nicht? Antwort: Weil sie nicht wissen noch erfahren können durch möglichen Fleiß, so mögen sie folgen ohne Gefahr der Seelen.“[40] „Wer Krieg anfängt, der ist unrecht, und ist billig, dass er geschlagen oder doch zuletzt gestraft werde, der am ersten das Messer zuckt. … Denn weltliche Obrigkeit ist nicht eingesetzt von Gott, dass sie soll Frieden brechen und Kriege anfangen; sondern dazu, dass sie den Frieden handhabe und den Kriegen wehre, wie Paulus Röm. 13,4 sagt, des Schwertes Amt sei schützen und strafen, schützen die Frommen im Frieden und strafen die Bösen im Krieg. … Darum, lasst euch sagen, ihr lieben Herren, hütet euch vor Krieg, ews sei denn, dass ihr wehren und schützen müsst und euer aufgelegtes Amt euch zwingt zu kriegen. Alsdann so lasst’s gehen und haut drein, seid dann Männer und beweist euren Harnisch; da gilt’s denn nicht, mit Gedanken kriegen.“[41] Es kann also sehr wohl die Situation kommen, dass ein Christ passiv widerstehen muss, dann, wenn die Obrigkeit Unrecht tut, von ihm verlangt, an Unrecht sich zu beteiligen. „Wie, wenn mein Herr Unrecht hätte zu kriegen? Antwort: Wenn du weißt gewiss, dass er unrecht hat, so sollst du Gott mehr fürchten und gehorchen als Menschen, Apg. 5,29, und sollst nicht kriegen noch dienen, denn du kannst da kein gutes Gewissen vor Gott haben. Ja, sprichst du, mein Herr zwingt mich, nimmt mir mein Lehen, gibt mir mein Geld, Lohn und Sold nicht, dazu würde ich verachtet und geschändet als ein Verzagter, ja als ein Treuloser vor der Welt, der seinen Herrn in Nöten verlässt usw. Antwort: Das musst du wagen und um Gottes willen lassen fahren, was da fährt, er kann dir’s wohl hundertfältig wiedergeben, wie er im Evangelium verheißt, Matth. 19,29: ‚Wer um meinetwillen verlässt Haus, Hof, Frau, Gut, der soll’s hundertfältig wieder kriegen‘ usw.“[42] Damit ist Gewalt, wie schon oben dargelegt, ausgeschlossen, vielmehr heißt es dann: leiden. „Aber nach der Schrift will sich’s in keinem Weg ziemen, dass sich jemand, der ein Christ sein will, gegen seine Obrigkeit setze, Gott gebe, sie tue recht oder unrecht; und ein Christ soll Gewalt und Unrecht von seiner Obrigkeit leiden. Denn obgleich hierin kaiserliche Majestät unrecht täte und ihre Pflicht und Eid übertritt, ist damit seine kaiserliche Obrigkeit und seiner Untertanen Gehorsam nicht aufgehoben; so lange das Reich und die Kurfürsten ihn für einen Kaiser haben und nicht absetzen.“ [43] Die einzige Möglichkeit, die legal ist, ist also die verfassungskonforme Absetzung der Obrigkeit. Gewalt aber darf normalerweise nicht angewandt werden, auch nicht von der regionalen Obrigkeit gegen die höhere, etwa um die eigenen Bürger zu schützen. „… und schickt sich nicht, dass jemand mit Gewalt des Kaisers Untertanen gegen den Kaiser, ihren Herrn, wollte schützen; gleichwie sich’s nicht ziemt, dass der Bürgermeister zu Torgau wollte die Bürger mit Gewalt schützen gegen den Kurfürsten zu Sachsen, so lange er Kurfürst zu Sachsen ist.[44] Auch der Glauben darf nicht mit Gewalt beschützt werden, vor allem nicht von den Bürgern. „Darum achte ich’s, es sei vor dem Garn gefischt, so man um Verteidigung willen des Evangeliums sich gegen die Obrigkeit legt, und gewiss ein rechter Missglaube, der Gott nicht vertraut, dass er uns ohne unsern Witz und Macht durch mehr Weise wohl wisse zu schützen und zu helfen.“[45] Es gilt auch dann also: nicht Gewalt anwenden, sondern leiden; Gott wird zu seiner Zeit strafen. „Und derhalben entweder entsagen und legen ab Papst, Kardinäle, Bischöfe und Kaiser den Namen Christi und bekennen öffentlich, dass sie die sind, wie sie es denn gewiss sind, die in des Teufels Dienst einherreiten und sein eigen sind: So will ich raten, wie zuvor, dass man ihnen als heidnischer Obrigkeit, die das Evangelium nicht leiden wollen, Raum gebe und leide. Oder aber, wo sie unter Christi Namen gegen die rechten Christen als Widerchristliche wissentlich würden etwas anfangen und den Stein über sich werfen: So mögen sie auch gewarten, dass der Stein auf ihren Kopf falle und sie billig die Strafe des andern Gebots empfangen.“[46]

    Die Möglichkeiten der Gegenwehr damals, als es um das Evangelium ging, waren für Luther durch die damalige Konstruktion der Reichsverfassung gegeben, nämlich dass der Kaiser ja nicht Alleinherrscher war, nicht einmal die Kurfürsten eigenmächtig absetzen konnte, auch nicht eigenmächtig die Verfassung ändern.[47] Darum haben die Fürsten, besonders die Kurfürsten, damals Macht und Recht gehabt, gegen unrechte Handlungsweisen des Kaisers vorzugehen. „Weil denn das keinerlei Weise um weltlicher Händel und Sachen willen geduldet werden kann und darf; wieviel weniger wäre es zu leiden, wo kaiserliche Majestät um fremder Ursache und des Teufels willen Krieg anfinge oder vornähme.“[48] Auch hier aber ist deutlich: Der Widerstand, gerade der aktive, ist nur denen erlaubt, denen er verfassungsmäßig zusteht, nicht einfach jedem Bürger, also denen, die auch die Macht haben, die eine Obrigkeit durch eine andere zu ersetzen, ohne dass Chaos entsteht.

    Anders sah es Luther dann, wenn der Kaiser ohne Rechtssatz, also ohne päpstliche oder Reichstagsbeschlüsse (damals vor allem: vor dem Konzil), gegen das Evangelium vorgeht, da Willkür übt und damit „notorisches Unrecht“. In einem solchen Fall sah er die gewaltsame Gegenwehr als zulässig an. Luther geht dabei sogar so weit, dass er sagt, dass jede Obrigkeit schuldig sei, die Christen und den rechten Gottesdienst gegen unrechte Gewalt zu schützen.[49] „Hier ist weiter die Frage: Was einem Fürsten gegen seinen Herrn, als den Kaiser, in solchem Fall zu tun gebühre? Darauf ist auch gleiche Antwort: Erstlich, weil das Evangelium bestätigt weltliche leibliche Regimente, so soll sich ein jeglicher Fürst gegenüber seinem Herrn oder Kaiser verhalten vermöge derselben natürlichen und weltlichen Regimente und Ordnungen. Wenn der Kaiser nicht Richter ist und will gleichwohl Strafe üben, als pendente appelatione (während die Appelation noch anhängig ist), so heißt solch sein tätlich Vornehmen injuria notoria (offenbares, notorisches Unrecht). Nun ist dieses natürliche Ordnung der Regimente, dass man sich schützen möge und Gegenwehr gebrauchen gegen solche notoriam injuriam.“[50] Was aber, wenn ein entsprechender Beschluss eines Konzils, des Papstes, des Reichstages vorläge, Beschlüsse, die sich gegen das Evangelium Gottes stellen? Solch ein Beschluss, der sich damit ja gegen Gottes Wahrheit richtet, ist ebenfalls notorisches Unrecht. „Und zu setzen, dass gleich der Papst mit dem Prozess sich glimpflich erzeigt, und doch im Sentenz (Urteilsspruch) öffentliche idolotaria (Götzendienst) und Abgötterei und öffentliche injurias wollte bestätigen; so halten wir dennoch, dass die Fürsten Recht haben, sich dawider zu setzen und die Ihren hierin zu schützen. Exempel: So ein christlicher Fürst unter dem Türken wäre, und der Türke wollte den Mahomet oder andere Abgötterei in des Fürsten Gebieten aufrichten; da hätte der christliche Fürst Macht und Recht, sich gegen den Türken zu setzen; wäre auch schuldig, kraft des andern Gebots, solches zu wehren und die Seinen bei rechtem Gottesdienst zu handhaben; wie Makkabäus, 2. Makk. 3, sich gegen Antiochus setzte. Doch mag davon weiter disputiert werden, so man von dem allen reden wird.“[51] Dieses Sache ist, siehe Darlegung bei Anm. 36, durchaus fragwürdig. Klarer, das hat auch Luther so gesehen, liegt die Sache, wenn offenbar gegen die natürliche Ordnung verstoßen wird, etwa wenn die Priesterehen zerrrissen werden sollen. „Der andere Fall ist leichter: Wenn die Sentenz geht, dass der Priester Ehe unrecht sei und sollen verboten und zerrissen werden. Dieses ist eine notoria injuria, und sind weltliche Sachen, darinnen natürliche Vernunft, als Gottes Ordnung, selbst Richter ist. Wider solche öffentliche injuriam ist der Schutz und die Gegenwehr zugelassen. Als, so sich einer gegen einen Mörder auf der Straße wehrte, oder ein Ehemann tötete den Ehebrecher, begriffen in der Tat; solche Injurien sind ausgenommen in allen Pflichten und Bündnissen. Als Exempel: Konstantinus und Licinius waren beide Mitregenten und Kaiser, mit Eiden verbunden; es verfolgte aber Licinius die Christen grausam, so dass Orient Hilfe suchte bei Konstantinus. Nun waren Konstantinus und Licinius miteinander verbunden; gleichwohl, nachdem Licinius, nachdem er oft ermahnt, nicht von der Persecution (Verfolgung) lassen wollte, zog Konstantinus gegen ihn, unangesehen ihres Bündnisses. Denn in allen Bündnissen und Verpflichtungen sollen öffentliche Injurien ausgenommen seien.“[52] Auch hier ist es aber so, dass dies allein obrigkeitlichen Kräften zusteht, da diese schuldig sind, öffentliche Gewalt, Unzucht usw. zu wehren, also notorisches Unrecht, Unrecht, das gegen die natürliche, von Gott gesetzte, Ordnung ist.[53]

    Wie sieht es nun aus, wenn die Obrigkeit den Christen um seines Glaubens willen verfolgt? Dann soll der Christ das Land verlassen und sich ihr nicht widersetzen.[54] Dagegen stellt der Papst keine von Gott geordnete Obrigkeit dar, denn er gehört weder ins Hausregiment, noch ins Staats- oder ins Kirchenregiment.[55] Er kann im Kirchenregiment keine Obrigkeit sein: Dass aber der Papst im Kirchenregiment keine Obrigkeit sei, ist darum offenbar, weil er durch seine im sogenannten geistlichen Recht enthaltenen Gotteslästerungen das Evangelium verdammt und mit Füßen tritt.“[56] Er ist vielmehr „jenes Ungeheuer, von dem Daniel spricht, dass es sich aufwerfe wider alles, was Gott ist, ja wider den Gott aller Götter, Dan. 12,1.“[57] Das heißt dann: Wenn der Papst Krieg anzettelt, als ein wütendes und besessenes Ungeheuer, dann muss man sich ihm widersetzen, weil er dann kein Bischof, kein Fürst, kein Tyrann ist, sondern ein alles verwüstendes wildes Tier.[58] Das heißt, dieses Ungeheuer verwüstet göttliche und menschliche Ordnung, darum ist ihm zu widerstehen.[59]

 

    Wenn wir all das überblicken, so erkennen wir, dass die Grundordnung und die Grundhaltung für den Christen die ist: kein aktiver Widerstand, vielmehr: leiden und wenn nötig weichen, fliehen, das Land verlassen, so weit es noch möglich ist. Widerstand anderer Kräfte der Obrigkeit ist im verfassungsrechtlichen Rahmen möglich, wenn fortgesetztes öffentliches Unrecht geschieht, alle natürliche Ordnung, Recht, Vernunft umgestoßen werden und wenn die betreffenden Obrigkeiten zu Unrecht Verfolgte gegen die unrecht handelnde Obrigkeit verteidigt.

    Als einen besonderen Fall hat Luther noch den Papst behandelt, in dem er zu Recht den Antichristen sah, der sich gegen alle Ordnungen Gottes setzt, göttliche und menschliche Ordnung umstößt, um seinen Willen durchzusetzen. Ihn hat er als ein Ungeheuer angesehen, gegen das jeder unbedingt auch aktiv Widerstand leisten muss, weil das Papsttum sich Rechte und Macht anmaßt, die ihm weder von Gott noch nach natürlichem Recht zustehen.

    Ob solche Beschreibung auch auf eine Obrigkeit übertragen werden kann? Wenn, dann nur in absoluten Ausnahmefällen. Selbst totalitäre Ordnungen fallen nicht automatisch darunter, sondern nur dann, wenn sie sich gegen jegliche göttliche und natürliche Ordnung stellen und sie umstoßen und in großem Maße in umfassend verbrecherischer Weise Unrecht verüben, so dass die von ihnen noch aufrecht erhaltenen staatlichen Ordnungen gegenüber dem furchtbaren Unrecht, mit dem sie weite Kreise überziehen, oder auch einzelne Kreise im besonderen Maß, nicht mehr wirklich ins Gewicht fallen. Auch da gilt aber, dass der aktive Widerstand der Aufrichtung rechter staatlicher Ordnung nach göttlichem und menschlichem Recht dient und auch herbeiführen kann, und nicht vielmehr Volk und Staat in noch größeres Chaos, Anarchie stürzen. Aber, wie gesagt, dies ist eine absolute Ausnahmesituation, die bei Luther direkt so nicht zu finden ist (weil es den totalitären Staat mit dem extremen Unrecht, wie wir es im 20. Jahrhundert kennengelernt haben, noch nicht gab), sondern abgeleitet.[60] Da er Empörung gegen die Obrigkeit ist, steht der aktive Widerstand in Konflikt mit Römer 13. Andererseits kann es in den absoluten Ausnahmefällen sein, dass das Unterlassen des Widerstandes Unterlassen der Nächstenliebe und der daraus folgenden Hilfe ist. Das heißt: Das ist eine Situation, in der es ohne Sündigen nicht abgeht. Entweder man sündigt, indem man den Gequälten, Unterdrückten, Verfolgten keine Hilfe leistet, oder man sündigt, weil man gegen die vorgesetzte Obrigkeit aktiv vorgeht. Wir leben in einer gefallenen Welt, in der es um des Teufels und der Sünde willen solche Situationen geben kann, in denen es ohne Sünde nicht abgeht und es abzuwägen gilt, was schwerer wiegt, welche Sünde da auf sich zu nehmen ist im Vertrauen auf die Gnade in Christus.

    Luther hat aber seine Lehre vom Widerstand weiterentwickelt und vertieft, vor allem nach dem Augsburger Reichstag 1530, als es ganz offenbar wurde, dass die Gefahr da war, dass Kaiser und Papst zusammen gewaltsam gegen das Evangelium, die Lutheraner vorgehen werden, wie es 16 Jahre später ja auch tatsächlich geschehen ist. Luther bleibt zwar einerseits bei der Grundhaltung, dass von Seiten der Gläubigen kein Krieg begonnen werden und der Friede gesucht werden soll. Aber er sieht auch, welch ein antichristliches und auch gegen jedes Recht streitendes Wüten vor der Tür war, so dass er daran erinnert: „Gott kann aber wohl etwa einen Judas Makkabäus erwecken (obgleich ich und die Meinen still sitzen und leiden), der den Antiochus mit seinem Heer zerschmettere und recht kriegen lehre; wie er uns an den Böhmen lehrte kriegen und Frieden halten.“[61] Unter welchen Umständen kann es also dazu kommen, dass auch die Christen zu den Waffen greifen und vor allem dem Kaiser und ihrem Fürsten unter Umständen keinen Gehorsam leisten? „Weiter, wo es zum Krieg kommt, da Gott vor sei! So will ich das Teil, so sich wider die mörderischen und blutgierigen Papisten zur Wehr setzt, nicht aufrührerisch gescholten haben noch schelten lassen, sondern will’s lassen gehen und geschehen, dass sie es eine Notwehr heißen, und will sie damit ins Recht und zu den Juristen weisen. Denn ich solchem Fall, wenn die Mörder und Bluthunde je kriegen und morden wollen, so ist es auch in der Wahrheit kein Aufruhr, sich wider sie setzen und wehren. Nicht, dass ich hiermit wolle jemand reizen noch erwecken zu solcher Gegenwehr, noch sie rechtfertigen, denn das ist meines Amtes nicht, viel weniger auch meines Richtens und Urteils. Ein Christ weiß wohl, was er tun soll, dass er Gott gebe, was Gotts ist, und dem Kaiser auch, was des Kaisers ist, aber doch nicht den Bluthunden, was nicht ihr ist; sondern dass ich einen Unterschied gebe, zwischen Aufruhr und andern Taten, und den Bluthunden den Schanddeckel nicht lassen will, dass sie rühmen sollten, als kriegten sie wider aufrührerische Leute und hätten’s guten Fug nach weltlichem und göttlichem Recht, wie sich das Kätzlein gern putzen wollte und schmücken. … Dass also die Gegenwehr wider die Bluthunde nicht aufrührerisch sein kann; denn die Papisten fangen an und wollen kriegen und nicht Frieden halten, noch den andern lassen, die doch gerne Frieden hätten; dass also die Papisten dem Namen und der Tugend, so Aufruhr heißt, viel näher sind. Denn sie haben gar kein Recht, weder göttlich noch weltlich, für sich, sondern handeln aus Bosheit, wider alle göttlichen und weltlichen Rechte als die Mörder und Bösewichte. Das ist leicht zu beweisen: Denn sie wissen selbst wohl, dass unsere Lehre recht ist, und wollen sie doch ausrotten.“[62]

    Schließlich fasst Luther die Ursachen zusammen, weshalb ein Christ dem Kaiser in bestimmten Fällen nicht gehorsam sein darf: „Die erste Ursache, dass du in solchem Fall dem Kaiser nicht sollst gehorsam sein und kriegen, ist diese: Dass du (sowohl als der Kaiser selbst auch) in der Taufe geschworen hast, das Evangelium Christi zu halten und nicht zu verfolgen noch zu bestreiten.“[63] Das heißt: Da, wo es gegen Christi Lehre geht, wo das Tun eindeutig widergöttlich, widerchristlich ist, da darf der Christ nicht mitmachen. „Die andere Ursache ist: Wenn gleich unsere Lehre nicht recht wäre (wie sie doch alle anders wissen), so sollte dich doch alleine allzusehr abschrecken, dass du mit solchem Streiten auf dich ladest, dich teilhaftig und schuldig machst vor Gott aller der Greuel, die im ganzen Papsttum begangen sind und fort begangen werden. Diese Ursache begreift in sich unzählige Greuel und alle Bosheit, Sünde und Schaden.. Kurz, es ist die grundlose Hölle hier selbst, mit allen Sünden, welcher du musst aller teilhaftig sein, wo du dem Kaiser gehorsam bist in diesem Fall.“[64] Ein weiterer Grund, den Gehorsam zu verweigern, ist der, dass man sonst teilhaftig wird all der abscheulichen Sünden, Greuel und Schäden, die durch die andere Seite begangen und gefördert werden. „Die dritte Ursache, dass du dem Kaiser in solchem Aufgebot nicht sollst gehorsam sein, ist, dass du nicht allein solche Greuel musst auf dich laden und helfen stärken, sondern musst auch helfen stürzen und ausrotten all das Gute, so durch das liebe Evangelium ist wieder aufgebracht und angerichtet. Denn die Bösewichter wollen nicht genug daran haben, dass sie solche Teufelei und Greuel erhalten, dazu (wie sie im Edikt gebieten) keine Neuerung dulden, sondern ausrotten und ganz vertilgen alles, was wir je gelehrt, gelebt und getan haben und noch tun und leben.“ [65] Dies ist ein weiterer wichtiger Grund des Widerstands gegen den Kaiser, nämlich wenn alles Gute, alles, was Gott geordnet und gewollt hat, alle rechte und natürliche Ordnung und vor allem das Evangelium dadurch umgestoßen würde. Hier gilt eindeutig: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen (Apg. 5,29). Luther fordert nicht direkt zum aktiven Widerstand auf, aber er hindert ihn in solchen Fällen auch nicht, sieht ihn als gerechtfertigt an.

    Dass aber auch aktiver Widerstand gerechtfertigt ist, hat er später im Torgauer Gutachten (Oktober 1530) hervorgehoben, als er näher über den Aufbau des Reiches unterrichtet war mit seiner dualistischen Souveränität, die neben dem Kaiser auch die Reichsstände, also untere Autoritäten, kannte. „Denn was wir bisher gelehrt, stracks nicht zu widerstehen der Obrigkeit, haben wir nicht gewusst, das solches der Obrigkeit Rechte selbst geben, welchen wir doch allenthalben zu gehorchen fleißig gelehrt haben.“[66] Denn: Der Kaiser hat nicht Macht, die Gebote Gottes zu ändern; ebenso wenig hat er Fug und Recht, die Untertanen und Glieder des Reiches einfach mit Krieg zu überziehen. Der Widerstand geht dabei zuerst und vor allem von den unteren Autoritäten aus, die ihre ihnen anvertrauten Bürger schützen sollen. Zu unterscheiden ist auch zwischen dem Amt, das Gott eingesetzt hat (Obrigkeit) und den Personen, die es ausüben und unter Umständen missbrauchen.[67]

    In dem Brief, den Luther zusammen mit Justus Jonas und Johannes Bugenhagen im Juli 1539 an Kurfürst Johann Friedrich im Blick auf Bündnisse und Gegenwehr sandte, hat er dies noch weiter vertieft. Er betont dabei zunächst, dass ein jeder zunächst nach seinem Beruf, seinem Stand und Amt sich zur Gegenwehr bereit machen muss: „Dabei ist gleichwohl wahr, dass ein jeder nach seinem Beruf seine Arbeit tun muss; die Herren müssen sich rüsten mit Leuten und anderer Bereitschaft, so viel nötig, müssen streiten, so es not ist, wie Joab sprach 2. Kge 10.“[68] Er verweist weiter darauf, dass auch ohne Bündnisse ein jeder schuldig ist, dem anderen Hilfe zu leisten, wenn die rechte Sache Hilfe benötigt. Vor allem aber ist die Pflicht dann da, wenn es zur Rettung der Ehre Gottes und zur Zerstörung der Abgötterei gilt. „Und solches wird oft in leiblichen Sachen geübt, vielmehr ist man solches zur Rettung göttlicher Ehre und zur Zerstörung der Abgötterei schuldig. Denn der Potentat soll vor allen Dingen Gottes ehre schützen, handhaben und mit allem Ernst fördern.“[69] Grundsätzlich ist Gegenwehr gegen Stände, die auf derselben Ebene stehen oder unter einem geboten. Aber sie ist selbst gegen den Kaiser nötig, wenn der öffentlich und dauerhaft Gewalt ausübt. Vor allem aber ist sie geboten, wenn der Kaiser dadurch Gotteslästerung stärken und fromme Christen und Prediger verfolgen wollte. Solches Verhalten, die andauernde ungerechte Gewalt, hebt jegliche Lehenspflicht auf. Das gehört zum göttlichen wie auch natürlichen Recht, die beide durch das Evangelium bestätigt werden. „Dergleichen, so König und Kaiser öffentlich und dauerhaft Gewalt üben, ist die Gegenwehr auch recht, besonders wenn sie Krieg vornehmen zur Bestätigung öffentlicher Gotteslästerung, um fromme unschuldige Christen, Prediger und andere zu töten, eheliche Personen voneinander zu rei