Luthers „Sermon vom Sakrament der Taufe“, 1519

 

Diese Schrift Luthers gehört zu den großen katechetischen Schriften dieses Jahres – neben dem Sermon von den guten Werken und dem Sermon von dem Leib und Blut Christi (Abendmahl) – und ist für die biblisch-reformatorische Tauflehre von großer Bedeutung. Leider haben die Aussagen dieser Schrift, obwohl sie auch in den vierten Teil des Hauptstückes von der Taufe im Kleinen Katechismus eingeflossen sind, späterhin, bis heute, in der Lehre, Unterweisung von der Taufe und daher auch im christlichen Leben wenig Einfluss gewonnen, sind kaum beachtet worden. Die Folgen sind verheerend, denn sie haben zu einem schrecklichen Missverständnis über die Gabe der Taufe geführt, so dass landläufig heute die Meinung besteht, dass derjenige, der getauft sei, einen „Freifahrtschein in den Himmel“ habe, er lebe, wie immer er wolle, er glaube oder auch nicht. Das hat mit der biblisch-reformatorischen lutherischen Tauflehre überhaupt nichts zu tun. Dadurch ist es auch weithin zu einer Gleichgültigkeit gegenüber der Taufe und ihrer so wichtigen Bedeutung für das christliche Leben gekommen, was nicht wenig dazu beigetragen hat, dass sich, gerade auch in fromm sein wollenden Kreisen, der Baptismus (Erwachsenentaufe, Wiedertaufe) so sehr ausgebreitet hat.

Was aber lehrt Luther nun in diesem Sermon vom Sakrament der Taufe?

Zunächst geht Luther auf die Wortbedeutung von „baptizein“, taufen, ein, und weist darauf hin, dass eine der Bedeutungen dieses Wortes „untertauchen“ ist, wie früher auch die Taufe praktiziert wurde. Er selbst hielte dies auch für gut: „Das fordert auch die Bedeutung der Taufe; denn sie bedeutet, dass der alte Mensch und sündliche Geburt von Fleisch und Blut soll ganz ersäuft werden durch die Gnade Gottes; wie wir hören werden. Darum sollte man der Bedeutung genugtun und ein recht vollkommenes Zeichen geben.“ (Walch 2, Bd. 10, Sp. 2114,1) Die lutherische Kirche hat dies später nicht aufgegriffen, umso weniger, als wiedertäuferische Gruppen dies zu einem Gesetz erhoben (und etliche es bis heute haben), wogegen die christliche Freiheit zu verteidigen war.

Luther macht deutlich, dass die Taufe ein Zeichen ist, das uns absondert von der Welt und uns zu einem Glied des Volkes Christi macht und damit unter das Kreuz stellt (wie es auch die lutherische Taufliturgie betont, wenn das Kreuz über dem Täufling gemacht und er eingereiht wird in die christliche Streiterschar mit Luk. 12,35: Lasset eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen). Er betont dabei, dass ein Streiter Christi sein vor allem den Kampf gegen die Sünde meint. Was nun die Bedeutung der Taufe angeht, so betont Luther, dass es hier um die neue Geburt geht, das Sterben des alten, sündigen Menschen, und das geistliche Auferstehen des neuen, wiedergeborenen Menschen: „Die Bedeutung ist ein selig Sterben der Sünde und Auferstehen in der Gnade Gottes, dass der alte Mensch, der in Sünden empfangen wird und geboren, da ertränkt wird und ein neuer Mensch herausgeht und aufsteht, in Gnaden geboren. Also nennt St. Paulus, Tit. 3,5, die Taufe „ein Bad der neuen Geubrt“, dass man in demselben Bade neu geboren und erneuert wird. Also auch Christus, Joh. 3,3, sagt: „Es sei denn, dass ihr anderweit geboren werdet aus dem Wasser und Geist, der Gnade, so möget ihr nicht eingehen in das Himmelreich.“ Denn gleichwie ein Kind aus Mutterleib gehoben und geboren wird, das durch solche fleischliche Geburt ein sündiger Mensch ist und ein Kind des Zorns: also wird aus der Taufe gehoben und geboren der Mensch geistlich und durch solche Geburt ein Kind der Gnade und gerechtfertigter Mensch. Also ersaufen die Sünden in der Taufe und gehet auf die Gerechtigkeit für die Sünde.“ (a.a.O. Sp. 2114,3)

Luther hebt dann aber auch hervor, dass dieses Werk der Taufe, das grundsätzlich geschieht, in seiner Wirkung in sofern in diesem Leben noch nicht vollendet ist, als die Sünde immer noch da ist. Die Taufe ist damit auch ein Ruf an uns, ein Auftrag, unseren alten Menschen, die Sünde, täglich in den Tod zu geben, gegen die Sünde zu kämpfen: „Das Sakrament der Taufe ist bald geschehen, wie wir vor Augen sehen; aber die Bedeutung der geistlichen Taufe, die Ersäufung der Sünde, währet, dieweil wir leben, und wird allererst im Tode vollbracht; da wird der Mensch recht in die Taufe gesenkt und geschieht, wie die Taufe bedeutet. Darum ist dies ganze Lebens nichts anderes als ein geistlich Taufen ohne Unterlass bis in den Tod, und wer getauft wird, der wird zum Tode verurteilt; als spräche der Priester, wenn er tauft: Siehe, du bist ein sündiges Fleisch, darum ertränke ich dich in Gottes Namen und verurteile dich zum Tode in demselben Namen, dass mit dir alle deine Sünden sterben und untergehen. Also sagt Paulus, Röm. 6,4: „Wir sind mit Christus begraben durch die Taufe in den Tod.“ ... „Also ist eines Christenmenschen Leben nichts anders als ein Anheben, seliglich zu sterben von der Taufe an bis in’s Grab; denn Gott will ihn anders machen von neu auf am jüngsten Tage.“ (a.a.O., Sp. 2115,4). Man könnte fragen: Was nützt uns dann die Taufe? Sehr viel, wie Luther weiter deutlich macht: „Also ist der Mensch ganz rein und unschuldig, sakramentlich; das ist nicht anders gesagt als: Er hat das Zeichen Gottes, die Taufe; damit angezeigt wird, seine Sünden sollen alle tot sein und er in Gnaden auch sterben und am jüngsten Tage auferstehen rein, ohne Sünde, unschuldig, ewiglich zu leben. Also ist’s des Sakraments halben wahr, dass er ohne Sünde, unschuldig sei; aber dieweil nun das noch nicht vollbracht ist, und er noch lebt im sündlichen Fleisch, so ist er nicht ohne Sünde, noch rein aller Dinge, sondern hat angefangen, rein und unschuldig zu werden.“ ... „Das hilft dir das hochwürdige Sakrament der Taufe, dass sich Gott daselbst mit dir verbindet und mit dir eins wird eines gnädigen und tröstlichen Bundes.“ (a.a.O., Sp. 2117,9.11) Dieser Bund Gottes mit uns nimmt uns selbst in die Pflicht, dass wir die Sünde nicht dulden in unserem Leben, sondern aktiv, entschieden, konsequent gegen sie kämpfen. „Zum andern verbindest du dich also zu bleiben und immer mehr und mehr zu töten deine Sünde, dieweil du lebest, bis in den Tod: So nimmt dasselbe Gott auch auf und übt dich dein Leben lang mit vielen guten Werken und mancherlei Leiden; damit er tut, das du begehrest in der Taufe, das ist, dass du willst der Sünde los werden, sterben und neu auferstehen am jüngsten Tage und also die Taufe vollbringen.“ (a.a.O., Sp. 2118,13) Das macht deutlich, wie wichtig das Kreuz im Christenleben ist, als ein Teil des Erziehungshandeln Gottes an uns, womit er uns reinigt und immer mehr hineinformt in das Bild seines lieben Sohnes. Wie ist es aber mit den Sünden nach der Taufe? Haben wir damit die Taufe verloren? Wenn wir in der Sünde beharren, so haben wir allerdings die Taufgnade verloren, müssen in Buße und Umkehr zurückkehren zu der Gnade Gottes in der Taufe, müssen uns aber nicht erneut taufen lassen, denn die Taufe selbst gilt bis wir sterben. Und wenn wir im Glauben beharren oder erneuert werden und unsere Sünden bekennen, so ist Gott treu und gerecht und vergibt sie uns. „Dieweil nun solch dein Verbinden mit Gott steht, tut dir Gott wieder die Gnade und verbindet sich dir, er wolle dir die Sünden nicht zurechnen, die nach der Taufe in deiner Natur sind, will sie nicht ansehen, noch dich darum verdammen. Lässt sich daran genügen und hat ein Wohlgefallen, dass du in steter Übung und Begierde seiest, dieselben zu töten und mit deinem Sterben ihrer los zu werden. Derhalben, ob sich wohl böse Gedanken oder Begierden regen, ja, ob du auch zuweilen sündigest und fällst; so du doch wieder aufstehest und wieder in den Bund trittst, so sind sie in Kraft des Sakraments und Bundes schon dahin, wie St. Paulus, Röm. 8,1, sagt: „Es verdammt die natürliche böse, sündliche Neigung keinen, der an Christus glaubt und derselben nicht folget noch drein willigt.“ Und St. Johannes in seiner Epistel spricht: „Und ob jemand fiele in Sünde, so haben wir einen Fürsprecher bei Gott, Jesus Christus, der eine Vergebung geworden ist unserer Sünde“, 1. Joh. 2,1.2“ (a.a.O., Sp. 2118,14) Durch die Taufe bietet Gott uns seine Gnade und Barmherzigkeit an und reicht sie uns dar – und wir haben sie, wenn wir im Glauben an Jesus Christus stehen und bleiben. Die Sünden, die immer wieder aufkommen, sollen uns gerade auch immer neu zu unserer Taufe und der Gnade Christi darinnen treiben, dazu, dass wir Gott um seine Gnade anrufen, damit wir gegen die Sünde streiten, ihr widerstehen können. „Darum soll niemand erschrecken, ob er fühlt böse Lust oder Liebe, auch nicht verzagen, ob er schon fällt; sondern an seine Taufe gedenken, und sich derselben fröhlich trösten, dass Gott sich da verbunden hat, ihm sseine Sünde zu töten und nicht zur Verdammnis anzurechnen, so er nicht drein willigt oder nicht drinnen bleibt. Auch soll man dieselben wütenden Gedanken oder Begierden, ja auch das Fallen nicht annehmen zum Verzagen; sondern als eine Ermahnung von Gott, dass der Mensch an seine Taufe gedenke, was er da geredet hat, dass er anrufe Gottes Gnade und sich übe, zu streiten wider die Sünde, ja, auch zu sterben begehre, dass er die Sünden möge los werden.“ (a.a.O., Sp. 2119,16)

Wie aber haben wir das alles, was Christus uns in der Taufe schenkt? Wie wird das wirksam in unserem Leben? Allein durch den Glauben an Jesus Christus, nämlich dem Glauben, dass in der Taufe der alte Mensch wahrhaft in den Tod gegeben wird und mit Christus ein neuer Mensch aufersteht, die Taufe uns mit Gott verbindet. Nur im Glauben können wir die Sünden töten, gegen sie kämpfen. Und gerade um der Taufe willen können und sollen wir Gott bitten, dass er uns Sündern doch um Christi willen gnädig sei. In der Taufe fangen wir an, rein zu sein. Durch den Glauben rechnet Gott uns die Reinheit Christi zu, die er uns erworben hat – ohne den Glauben bleibt nur die Verzweiflung über die Sünde. „Dieser Glaube ist der allernötigste, denn er ist der Grund alles Trostes; wer den nicht hat, der muss verzweifeln in Sünden. Denn die Sünde, die nach der Taufe bleibt, macht, dass alle guten Werke nicht rein sind vor Gott. Darum muss man gar keck und frei an die Taufe sich halten und sie halten gegen alle Sünde und Erschrecken des Gewissens und sagen demütiglich: Ich weiß gar wohl, dass ich kein rein Werk habe; aber ich bin je getauft, durch welches mir Gott, der nicht lügen kann, sich verbunden hat, meine Sünde mir nicht zuzurechnen, sondern zu töten und vertilgen.“ (a.a.O., Sp. 2120,17) Unsere Unschuld, die wir vor Gott haben, ist also nicht qualitativ, so, als seien wir charakterlich, nach unserem Wesen unschuldig, sondern es ist eine fremde, uns zugerechnete, Unschuld, aus Gnade und Barmherzigkeit. Es ist daher ein schlimmer Irrtum und Irrweg zu meinen, mit der Taufe sei schon alles geschehen: „Darum ist das ein großer Irrtum derer, so da meinen, sie seien durch die Taufe ganz rein geworden, gehen dahin in ihrem Unverstand und töten ihre Sünde nicht, wollen’s auch nicht Sünde lassen sein, verharren darin und machen also ihre Taufe ganz zunichte, bleiben allein in etlichen äußerlichen Werken hangen, unter welchen die Hoffart, Hass und andere natürliche Bosheit, die sie nicht achten, nur stärker und größer werden. Nein, es ist nicht also, es muss die sündliche, böse Neigung für wahre Sünde erkannt werden; dass sie aber unschädlich sei, Gottes Gnade zuschreiben, der sie nicht zurechnen will; so doch, dass man sie mit vielen Übungen, Werken und Leiden bestreite, zuletzt mit Sterben töte. Welche das nicht tun, denen wird es nicht nachlassen, darum, dass sie der Taufe und ihrem Verbinden nicht Folge tun und hindern das angefangene Werk Gottes und der Taufe.“ (a.a.O., Sp. 2120 f.,19)

Ebenso irren aber auch die, die meinen, sie würden diese Barmherzigkeit Gottes gar nicht benötigen, sie könnten die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, selbst erwerben und bräuchten die Kraft der Taufe nicht (vgl. a.a.O., Sp. 2121,20). Vielmehr ist es ja so, dass wir gerade um der Sünde, die lebendig ist, die Taufe brauchen, dass wir immer wieder zu der Gnade, die uns in der Taufe geschenkt wurde, fliehen können, zu Gottes Erbarmen (vgl. a.a.O., Sp. 2121,21). Der Glaube an Jesus Christus, der erlangt die Vergebung der Sünden. Aber er entbindet uns nicht davon, dass wir gegen die Sünde kämpfen sollen, die erst durch unseren leiblichen Tod ganz ausgetrieben wird. „Es ist aber alles beides der Taufe Werk. Also schreibt der Apostel an die Hebräer, Kap. 12,1, die doch getauft waren und ihre Sünden vergeben, „sie sollen die Sünde ablegen, die ihnen anliegt“. Denn dieweil ich glaube, dass mir Gott die Sünde nicht zurechnen will, so ist die Taufe kräftig und sind die Sünden vergeben, ob sie wohl noch da bleiben eines großen Teils. Darnach folgt das Austreiben durch Leiden und Sterben usw.“ (a.a.O., Sp. 2122,23) Wer in der Taufgnade bleiben will, der muss der Sünde sterben, muss sie in stetem Kampf in den Tod geben – das ist die rechte christliche Frömmigkeit: „Man sollte Fasten und alle Übungen dahin richten, dass sie den alten Adam, die sündliche Natur, unterdtücken und gewöhnten, zu entbehren alles des, das diesem Leben lustig ist, und also zum Tod täglich mehr und mehr bereit machen, dass der Taufe genug geschehe und alle derselben Übungen und Mühe. Maß sollte man nehmen, nicht nach der Zahl und Größe, sondern nach der Forderung der Taufe, das ist, dass ein jeglicher der Übungen so viel an sich nehme, die und so viel ihm nütz und gut wäre, die sündliche Natur zu unterdrücken und zum Tode zu schicken, dieselben auch ablassen und mehren, darnach man befände die Sünde abnehmen oder zunehmen.“ (a.a.O., Sp. 2123,26)

Es gilt also, als Sünder aus Gnaden selig zu werden – und darum, aus Dankbarkeit, als Erlöste, danach zu streben, nicht mehr zu sündigen. „Fürwahr, wer Gottes Gnade nicht also achtet, dass sie ihn als einen Sünder dulden und selig machen werde, und allein seinem Gericht entgegen geht, der wird Gottes nimmer fröhlich, mag ihn auch weder lieben noch loben. Aber so wir hören, dass er in der Taufe Bund uns Sünder aufnimmt, verschont und macht uns rein von Tag zu Tage, und das festiglich glauben, muss das Herz fröhlich werden, Gott lieben und loben. Also spricht er im Propheten Maleachi, 3,17: „Ich will ihrer schonen, wie ein Vater seines Kindes.“ Darum ist’s not, dass man der hochgelobten Majestät, die sich gegen uns arme, verdammte Würmlein so gnädig und barmherzig erzeigt, danksage und das Werk, wie es an ihm selbst ist, groß mache und erkenne... Ja, freilich ist es also groß um die Taufe, dass, wenn du wiederkommest von Sünden und der Taufe Bund anrufest, deine Sünden vergeben sind. Siehe aber zu, wenn du so frevelhaft und mutwillig sündigest auf die Gnade, dass dich das Gericht nicht ergreife und deinem Wiederkommen zuvorkomme; und ob du dann schon wolltest glauben an die Taufe oder vertrauen, dass durch Gottes Verhängen deine Anfechtung so groß werde, dass der Glaube nicht bestehen möge. Denn so die schwer bleiben, die nicht sündigen oder je aus lauter Gebrechlichkeit fallen; wo will dein Frevel bleiben, der die Gnade versucht und verspottet hat? 1. Petr. 4,18. Darum lasst uns mit Sorgen und Furchten wandeln, dass wir die Reichtümer göttlicher Gnaden mögen mit einem festen Glauben behaltgen und seiner Barmherzigkeit fröhlich danken immer und ewiglich, Amen.“ (a.a.O., Sp. 2126 f.,31.33)