Die Heidelberger Disputation 1518 – die Entfaltung der Theologie des Kreuzes

 

Die Heidelberger Disputation innerhalb des Augustinerordens im Jahr 1518 war ein weiterer wichtiger Markstein auf der Entfaltung der biblischen reformatorischen Theologie Martin Luthers. 40 Thesen hatte Luther insgesamt für sie ausgearbeitet, 28 theologische und 12 philosophische.

Auch die philosophischen Thesen waren von hoher Bedeutung für die weitere Entwicklung der reformatorischen Theologie, denn in ihnen wandte sich Luther vehement gegen Aristoteles und seine alles überragende Autorität in der damaligen Geisteswelt und stürzt diese Autorität und betont, dass nur der mit Aristoteles überhaupt recht umgehen kann, der seine Vernunft unter den Gehorsam Christi gefangen genommen hat, also auf dem Boden der Bibel steht. „Wer ohne Gefahr in Aristoteles philosophieren will, muss notwendig zuvor in Christus ganz und gar ein Tor werden.“ (These 29, in: Walch XVIII, Sp. 39)

Seine theologischen Thesen zeigen ihn als einen Schüler von Paulus und, in dessen Licht, von Augustinus. Dabei sind seine Thesen jeweils mit Schriftbeweisen belegt, womit Luther bezeugt, dass seine Theologie Bibeltheologie ist, Schrifttheologie (vgl. Heinrich Fausel: D. Martin Luther. Sein Leben und sein Werk. Bd. 1. 2. Aufl. Neuhausen-Stuttgart 1996. S. 106).

Der erste Teil der Thesen (1-18) ist ein eindeutiges Bekenntnis zum unfreien Willen des Menschen in geistlichen Dingen und jeglichem Unvermögen des natürlichen Menschen, irgendwie das Gesetz Gottes zu erfüllen. „Nicht einmal das Gesetz Gottes macht den Menschen gerecht; der Buchstabe tötet vielmehr. Ebensowenig rechtfertigen die aus natürlicher Kraft kommenden Werke den Menschen; nach dem Urteil der Schrift sind auch die besten Menschenwerke zwar keine Verbrechen in irdischem Urteil, wohl aber Sünden vor Gott (These 2-12).“ (s. Fausel, Bd. 1, S. 107) „ Das Gesetz Gottes, die heilsamste Lehre des Lebens, kann den Menschen nicht zur Gerechtigkeit fördern, sondern hindert ihn vielmehr.“ (These 1, in: Walch XVIII, Sp. 37) (siehe Röm. 3,21; 5,20; 7,9; 2. Kor. 3,6) „Wiewohl die Werke der Menschen allezeit scheinbar sind und gut scheinen, ist es doch wahrscheinlich, dass sie Todsünden sind.“ (These 3, in: Walch, ebd.) „Die Werke der Menschen scheinen hübsch, inwendig aber sind sie voll Unflats, wie Christus von den Pharisäern sagt, Matth. 23,37. Denn sie scheinen ihm selbst und andern gut und schön, aber Gott urteilt nicht nach dem Ansehen, sondern „prüft Herzen und Nieren“. Doch ohne Gnade und Glauben ist es unmöglich, ein reines Herz zu haben, wie es Apg. 15,9 heißt: „Er reinigte ihre Herzen durch den Glauben.““ (Erläuterungen Luthers zu These 3, in: Walch XVIII, Sp. 41.42) Das Gesetz will uns, wie Luther in den Erläuterungen zur 4. These sagt, durch den Anblick unserer Sünden demütigen und erschrecken, dass wir auch in unseren eigenen Augen nur noch töricht und böse erscheinen, weil wir es auch sind. Dann verlassen wir uns nicht mehr auf uns selbst, sondern nur noch auf Gottes Barmherzigkeit. (vgl. Walch XVIII, Sp. 42.43) Auch die guten Handlungen „Todsünden sind, die zwar gut scheinen, und doch innerlich Früchte einer bösen Wurzel und eines bösen Baumes sind.” (Erläuterung zu These 5, Walch XVIII, Sp. 43) Darum können wir an unseren eigenen Werken niemals Gefallen haben, meinen, damit hätten wir etwas, um es Gott anzubieten. (vgl. auch Erläuterungen zu These 7, Walch XVIII, Sp. 44.45)

Ohne Christus kann der Mensch gar nichts Gutes tun. „Zu sagen, dass die Werke ohne Christus zwar tote, aber nicht tötliche seien, scheint ein gefährliches Aufgeben der Furcht Gottes zu sein.“ (These 9, in: Walch XVIII, Sp. 38) Es geht darum, dass wir an uns selbst, an all dem, was wir tun, wahrhaft verzweifeln, in allem unsere Sündenverdorbenheit erkennen – nur so werden wir frei für Gottes Gnadenwirken. „Dann sind bei Gott die Sünden wahrhaft verzeihlich, wenn sie von den Menschen als tötlich gefürchtet werden.“ (These 12, in: Walch ebd.) Der natürliche Mensch hat überhaupt keinen freien Willen, sondern er ist vielmehr ein Sklave der Sünde (These 13-15), kann sich damit auch gar nicht bereiten zur Gnade, irgendwie an seiner Bekehrung mitwirken, sondern fällt nur immer tiefer in Sünde. „Der freie Wille nach dem Sündenfalle ist ein bloßer Name, und indem er tut, soviel an ihm ist, sündigt er tötlich.“ (These 13, in: Walch ebd.) „Denn der Wille ist gefangen und der Sünde Knecht; nicht, dass er nichts sei, sondern dass er nicht frei ist, außer zum Bösen.“ (Erläuterung zu These 13, in: Walch XVIII, Sp. 47) (siehe auch Joh. 8,34.36; Hos. 13,9) Wohin führt das? Wir müssen erst an uns selbst, an unserer Fähigkeit völlig verzweifeln und unsere ganze Zuversicht einzig und allein auf Christus setzen (These 16-18). „Der Mensch, der da meint, er wolle zur Gnade gelangen dadurch, dass er tut, was an ihm ist, fügt zu der Sünde hinzu, so dass er doppelt schuldig wird.“ (These 16, in: Walch ebd.) „So reden, heißt auch nicht Ursache zur Verzweiflung geben, sondern das Bemühen anspornen, sich zu demütigen und die Gnade Christi zu suchen.“ (These 17, in: Walch ebd.) „Es ist gewiss, dass der Mensch erst an sich vollkommen verzweifeln müsse, um fähig zu werden, die Gnade Christi zu erlangen.“ (These 18, in: Walch ebd.) „Du sprichst nun: Was sollen wir denn tun? Wollen wir müßig gehen, weil wir nichts als Sünde tun? Ich antworte: Keineswegs, sondern, wenn du das gehört hast, so falle nieder und bitte um Gnade und setze deine Hoffnung auf Christus, in welchem unser Heil, Leben und Auferstehen ist. Denn darum wird uns dies gelehrt, darum macht uns das Gesetz die Sünde bekannt, damit man, nachdem man die Sünde erkannt hat, die Gnade suche und erlange. So gibt Gott den Demütigen Gnade, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht. Das Gesetz demütigt, die Gnade erhöht; das Gesetz wirkt Furcht und Zorn, die Gnade Hoffnung und Barmherzigkeit. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde, durch die Erkenntnis der Sünde aber Demut, und durch die Demut wird die Gnade erlangt. So veranlasst ein fremdes Werk Gottes endlich sein eigenes Werk, da er einen Sünder macht, um einen Gerechten zu machen.“ (Erläuterungen zu These 16, in: Walch, XVIII, Sp. 48.49) „Denn das will das Gesetz, dass der Mensch an sich verzweifle, da es ihn in die Hölle führt und arm macht und ihn in allen seinen Werken als Sünder zeigt, wie Röm. 2 und 3 der Apostel tut mit den Worten: Wir wind überwiesen, dass wir alle unter der Sünde sind.“ (Erläuterung zu These 18, Walch XVIII, Sp. 49.50) Gerade das ist ja die Aufgabe des Gesetzes. Und das stimmt auch völlig überein mit Psalm 38 und 51 und gibt allein Christus die Ehre, die ihm zukommt. Aber genau das ist es auch, was heute versucht wird zu umgehen. Die heutige Theologie, von den Pfingstlern, Charismatikern, der Gemeindewachstumsbewegung beeinflusst, ist Herrlichkeitstheologie, die nicht mehr zu echter Buße, Zerbruch des natürlichen Menschen, seines Willens, zum Tod des alten Ich führt, sondern Ich und Christus vermengt. Die Herrlichkeitstheologie „zieht ... die Werke den Leiden und die Herrlichkeit dem Kreuze, die Kraft der Schwachheit, die Weisheit der Torheit, und überhaupt das Gute dem Bösen vor“. (Erläuterungen zu These 21, in: Walch XVIII, Sp. 51) Sie hassen Kreuz und Leiden, lieben aber Ruhm und Werke, wollen daher das Gute des Kreuzes nicht. Gott aber finden wir nirgends anders als im Kreuz. Denn Leiden und Übel machen uns zunichte, erniedrigen uns, damit wir wissen, dass wir nichts sind. (vgl. Walch ebd.)

Nur so, in diesem Zerbruch des alten Ich, im völligen Zerbruch des natürlichen Menschen und seiner angeblichen Herrlichkeit, kann es auch zu rechter geistlicher, theologischer Erkenntnis kommen. Der natürliche Mensch mit seiner ‚Theologie der Herrlichkeit’ will Gott allein aus der Schöpfung, in seinen Geschöpfen, in der Natur, in der Geschichte erkennen – aber seit dem Sündenfall ist diese natürliche Gotteserkenntnis nur noch sehr eingeschränkt, ja, durch die Sünde wird sie immer wieder völlig verbogen und dient nur noch zur Anklage des Sünders.

Wo aber ist Gott, der wahre, der lebendige Gott dann zu erkennen? Nicht in Herrlichkeit, nicht in Großartigem, Sensationellem, nicht im Wunder – sondern im Leiden und Sterben Jesu Christi auf Golgatha, in Jesus Christus, dem Gekreuzigten (was auch völlig überein stimmt mit 1. Kor. 1 und 2) (These 19 und 20). „Nicht der wird mit Recht ein Theologe genannt, der die unsichtbaren Dinge Gottes durch das, was geworden ist, als begriffene ansieht, sondern der, der die sichtbaren und geringeren Dinge Gottes, durch Kreuz und Leiden angesehen, begreift.“ (These 19 und 20, in: Walch XVIII, Sp. 38.39) Was aber heißt das für uns Sünder? Hier liegt aller wirkliche Trost drinnen. Denn das heißt ja: Christus rettet nicht den, der es verdient hat, den Gerechten, sondern Christus rettet den Sünder, der unter der Last seiner Sünde, Verdorbenheit und Verlorenheit verzweifelt und zusammengebrochen ist und Gott nichts, gar nichts bringen kann und sich darum nun an den klammert, der alles für ihn getan hat, Christus. Gott ist nicht im Menschen zu finden, sondern nur außerhalb von ihm, in Christus allein (These 21 und 22).

 

Das Gesetz ist gut, aber aufgrund unserer Sünde verklagt es uns bei Gott (These 23), weil wir Menschen durch unser Eigenwirken alles zum bösen kehren (These 24). Als gerecht werden die Werke daher nur dann anerkannt, wenn die Person, die sie tut, sich im Glauben an Christus hält und so über allem seine Vergebung in Anspruch nimmt (These 25) und aus dem lebt, was Christus längst für uns getan hat (These 26). „Nicht der ist gerecht, der tüchtig wirkt, sondern wer ohne viel Werk viel an Christus glaubt. Das Gesetz spricht: Tue das, und niemals wird es getan; die Gnade spricht: Glaube an diesen, und alles ist schon getan.“ (These 25 und 26, in: Walch XVIII, Sp 39) Was aber heißt das für das christliche Leben? Rechtes Christenleben wirkt keine selbstgestrickten Werke, sondern Christus wirkt seine Werke in und durch uns (These 27). „Richtig sollte man das Werk Christi wirkend nennen und unser Werk gewirkt, und dass so das gewirkte Werk durch die Gnade des wirkenden Werkes Gott gefalle.“ (These 27, in: Walch ebd.) „Darum will ich das „ohne Werke“ [in Röm. 4,5] so verstanden wissen: Nicht, als ob der Gerechte nichts wirke, sondern dass sesine Werke nicht seine Gerechtigkeit zuwege bringen, sondern vielmehr seine Gerechtigkeit tut die Werke.“ (Erläuterung zu These 25, in: Walch XVIII, Sp. 53) „„ So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“, das heißt, zu unserer Rechtfertigung tun die Werke nichts.“ (Erläuterung zu These 25, in: Walch XVIII, Sp. 54) Darin liegt auch die befreiende Wirkung der Erlösung, dass wir nun nicht mehr unter einem Zwang stehen, Gutes zu tun, um gerettet zu werden, sondern frei sind in Christus, aus Liebe und Dankbarkeit Gutes zu tun. „Sodann, weil er weiß, dass die Werke, die er aus solchem Glauben tut, nicht seine, sondern Gottes Werke sind, darum sucht er nicht, durch sie gerechtfertigt oder verherrlicht zu werden, sondern sucht Gott. Seine Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus genügt ihm, das heißt, dass Christus seine Weisheit, Gerechtigkeit usw. ist, wie es 1. Kor. 1,30 heißt; er selbst aber Christi Werkzeug oder Instrument sei.“ (Erläuterung zu These 25, in: Walch ebd.) Durch den Glauben, der Chrisuts hat, haben wir auch die Erfüllung des Gesetzes, denn Christus hat es für uns erfüllt. Gegründet aber ist alles auf die Liebe Gottes, die sich uns schafft in Christus, sich uns in Christus schenkt und uns sucht, um uns zu retten – und so das genaue Gegenteil der menschlichen Liebe ist, die immer auf sich selbst gerichtet ist (These 28). (vgl. Fausel, Bd. 1, S. 107.108)

 

So umfasst die Heidelberger Disputation grundlegende biblisch-reformatorische Aussagen, nämlich zu einen, dass sie Schrifttheologie ist, zum anderen, weil sie eindeutig die Unfreiheit des menschlichen Willens in geistlichen Dingen vor der Bekehrung lehrt. Außerdem ist sie hoch bedeutsam, auch für heute, weil sie alle Herrlichkeitstheologie verwirft und uns zur Kreuzestheologie weist, dass wir Christus im Kreuz suchen, wie er für uns gelitten hat und auch uns das Kreuz, unser Kreuz, auferlegt hat und wir nur durch tägliches Sterben des alten Menschen, des Willens, durch täglichen Zerbruch und neue Hingabe ihm nachfolgen können.