Die Grundlagen christlicher Ethik II: Sermon von den guten Werken

 

Martin Luthers „Sermon von den guten Werken“ aus dem Jahr 1520 gehört, wie die im gleichen Jahr erschienene Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zu den Grundwerken für eine biblische christliche Ethik. Gerade im Sermon von den guten Werken hat Luther sie auch anhand der zehn Gebote, die er darinnen ausführlich auslegt, ganz prakttisch dargelegt. Im Eingangsteil geht er, vorgegeben durch das erste Gebot wie auch durch die nötige Auseinandersetzung mit der Werkgerechtigkeit Roms, sehr ausführlich auf die Rechtfertigung allein durch den Glauben ein und entfaltet danach die konkreten Aussagen der Gebote, wobei der Schwerpunkt auf den Geboten der ersten Tafel (1.-3. Gebot) liegt, sowie auf dem ersten Gebot der zweiten Tafel (4. Gebot), während die anderen kürzer behandelt werden.

Die Bedeutung der Gebote für das christliche Leben und den christlichen Glauben hebt Luther gleich zu Beginn seiner Schrift hervor, wenn er betont, gegen die römischen Menschengesetze, dass nur dasjenige ein gutes Werk ist, was auch von Gott geboten ist – und dass es gerade aus diesem Grund so wichtig ist, die Gebote zu kennen, die Gott uns gegeben hat. „Zum ersten ist zu wissen, dass es keine andern guten Werke gibt, als allein die Gott geboten hat, gleichwie es keine Sünde gibt, als allein die Gott verboten hat. Darum, wer gute Werke wissen und tun will, der braucht nichts anders als Gottes Gebote wissen.“ (Luthers Werke. Hrsg. von Buchwald, Kawerau ...3. Aufl. Erste Folge. Berlin 1905. S. 6) Wie aber können wir die Gebote halten? Können wir es überhaupt? Luther betont, dass das höchste „Werk“ der Glaube an Christus ist, wobei auch der Glaube wiederum nicht etwas ist, was wir tun, Gott bringen, sondern was Gott durch das Evangelium uns schenkt. Nur dann, wenn die Werke aus dem Glauben getan werden, können sie Gott gefallen. „Das erste und höchste, alleredelste gute Werk ist der Glaube an Christus. ... Denn in diesem Werke müssen alle Werke gehen und ihrer Gutheit Einfluss, gleich wie ein Leben, von ihm empfangen.“ (ebd.) Ohne den Glauben sind dagegen alle Werke tot und missfallen Gott, wie gut sie auch vor den Menschen scheinen mögen. Gute Werke sind also nicht irgendwelche ausgefallenen Dinge, die sich die Menschen erdacht haben, wie etwa das Mönchtum oder Askese, sondern alles, was wir aus Glauben tun, im Glauben , gemäß den Geboten Gottes. „Also lehrt Prediger Salomo 9,7: ‚Gehe hin fröhlich, iss und trink und wisse, dass deine Werke Gott wohlgefallen. Allzeit lass dein Kleid weiß sein und das Öl deinem Haupte nimmer gebrechen. Genieße dein Leben mit deinem Weibe, das du lieb hast, an allen Tagen dieser unstetigen Zeit, die dir gegeben sind.’ ... Ist das wahr, so muss alles gut sein, was sie tun, oder bald vergeben sein, was sie Übels tun. Siehe da aber, warum ich den Glauben so hoch hebe, alle Werke hinein ziehe und alle Werke verwerfe, die nicht herausfließen.“ (ebd., S. 7.8) Das stimmt genau mit Römer 14 überein: „Alles, was nicht aus Glauben geschieht, das ist Sünde.“ „Von dem Glauben und keinem anderen Werk haben wir den Namen, dass wir Christgläubige heißen, als von dem Hauptwerk. Denn alle andern Werke mag ein Heide, Jude, Türke, Sünder auch tun; aber fest trauen, dass er Gott wohlgefalle, ist nur einem Christen, mit Gnaden erleuchtet und befestigt, möglich.“ (ebd. S. 8) Darum ist es allein der Glaube, der die Werke vor Gott würdig und wohlgefällig, angenehm macht. „Er macht doch allein alle andern Werke gut, angenehm und würdig damit, dass er Gott trauet und nicht zweifelt, es sei für ihn alles wohl getan, was der Mensch tut. ... Denn die Werke sind nicht um ihretwillen, sondern um des Glaubens willen angenehm, welcher einig und ohne Unterschied in allen und jeglichen Werken ist, wirkt und lebt, wie viele und verschieden sie immer sind.“ (ebd. S. 8.9) Darum ist im Glauben kein Unterschied zwischen den Werken, ob sie groß oder klein sind. Der Glaube hat vielmehr Lust zu allem, was Gott angenehm ist, denn er will Gott gefallen. Wo aber Zweifel da sind, da will man durch etwas Besonderes sich vor Gott darstellen und findet tatsächlich doch keine Ruhe, keinen Frieden. Glauben und Zuversicht, die machen alles köstlich, selbst das Leiden. „Aber welche Gott in solchem Leiden trauen und feste gute Zuversicht gegen ihn behalten, dass er über sie ein Wohlgefallen habe, denselben sind die Leiden und Widerwärtigkeiten eitel köstliche Verdienste und die edelsten Güter, die neimand zu schätzen vermag. Denn der Glaube und die Zuversicht machen alles köstlich vor Gott, was den andern das Allerschändlichste ist, wie auch vom Tod geschrieben steht im 116. Psalm: ‚Der Tod der Heiligen ist köstlich geachtet in Gottes Augen.’ So viel die Zuversicht und der Glaube in diesem Grad besser, höher und stärker ist gegen den ersten Grad, so viel übertreffen die Leiden in demselben Glauben alle Werke im Glauben. Also ist zwischen solchen Werken und Leiden ein unermesslicher Unterschied der Besserung.“ (ebd. S. 11)

Das erste Gebot sagt uns, dass wir alle Zuversicht, alles Zutrauen, allen Glauben einzig und allein auf Gott stellen sollen. Gott haben heißt, ihm herzlich in allem vertrauen. „Denn das heißt nicht, einen Gott haben, so du äußerlich mit dem Mund Gott nennest oder mit den Knien oder Gebärden anbetest, sondern so du ihm herzlich vertrauest und dich alles Gute, Gnaden und Wohlgefallen zu ihm versiehst, es sei in Werken oder Leiden, in Leben oder Sterben, in Lieb oder Leid.“ (ebd. S. 12 f.) Dieser Glaube, diese Zuversicht ist die rechte Erfüllung des ersten Gebotes. Ohne diesen Glauben sind alle Werke nur Heuchelei, Gleißnerei, Schein. „Das ist die Meinung S. Pauli an vielen Orten, wo er dem Glauben so viel gibt, dass er sagt: ‚Der gerechte Mensch hat sein Leben aus seinem Glauben, und der Glaube ist das, darum er als gerecht vor Gott geachtet wird. Stehet denn die Gerechtigkeit im Glauben, so ist es klar, dass er alle Gebote erfüllt und alle ihre Werke rechtfertig macht, weil ja niemand gerechtfertigt ist, er tue denn alle Gebote Gottes.’ Wiederum können die Werke niemand vor Gott rechtfertigen ohne den Glauben.“ (ebd. S. 14) Nur durch den Glauben bist du also ein lebendiges Kind Gottes. „Daraus merke selber, wie weit von einander es ist, das erste Gebot nur mit äußerlichen Werken und mit innerlichem Vertrauen erfüllen. Denn dieses macht recht lebendige Gottes Kindeer, jenes macht nur ärgere Abgötterei und die schädlichsten Gleißner, die auf Erden sind, die unzählig viele Leute mit ihrem großen Schein in ihrer Weise führen und sie doch ohne Glauben bleiben lassen, dass sie jämmerlich verführt, in dem äußerlichen Geplärre und Gespenste stecken.“ (ebd. S. 16) Der Glaube ist es also, der die Werke recht macht. „Also muss auch der Glaube Werkmeister und Hauptmann in allen Werken sein, oder sie sind gar nichts.“ (ebd. S. 17) Durch den Glauben sind dem Christen alle Dinge frei, denn er braucht all diese Dinge nicht, um selig zu werden. Wenn also ein Christ sich auch Ordnungen unterwirft, die so nicht von Gott gefordert werden, so um des Friedens und um der Liebe willen, nicht weil er muss. Das ist die große innere Freiheit, die wir als Christen haben. „Hier sehen wir, dass alle Werke und Dinge einem Christen frei sind durch seinen Glauben; er aber doch, weil die andern noch nicht glauben, mit ihnen trägt und hält, wozu er nicht schuldig ist. Das tut er aber aus Freiheit, denn er ist gewiss, dass es Gott also wohlgefalle, und tut es gerne, nimmt es an wie ein anderes freies Weerk, das ihm ohne sein Erwählen auf die Hand stößt, weil er begehrt und nicht mehr sucht, denn wie er nur wirke Gott zu gefallen in seinem Glauben.“ (ebd. S. 19) Darum ist aber nicht alles, was ein Christ tut, auch recht vor Gott. Da bleibt immer noch die Sünde, ja, jedes Werk, auch das beste, das er ausübt, ist, für sich betrachtet, mit Sünde behaftet. Von uns aus können wir ja gar nicht gut sein; nur der Glaube rettet uns aus der Verdammnis. „Denn eben darum ist er das höchste Werk, das er auch bleibt und diese täglichen Sünden tilgt, damit dass er nicht zweifelt, Gott sei dir günstig, dass er solchem täglichen Fall und Gebrechlichkeit durch die Finger sieht. Ja, ob auch schon ein tödlicher Fall geschehe (das doch denen, so im Glauben und Gottvertrauen leben, nimmer oder selten widerfährt), so steht doch der Glaube wieder auf und zweifelt nicht, seine Sünde sei schon dahin; wie 1. Joh. 2,1 steht: ‚Das schreibe ich euch, liebe Kinder, auf dass ihr nicht sündiget. So aber jemand fällt, so haben wir einen Fürsprecher vor Gott, Jesus Christus, der da ist eine Vergebung für alle unsere Sünden.’ ... Ja, diese Zuversicht und Glaube muss also hoch und stark sein, dass der Mensch weiß, dass alle sein Leben und Werke eitel verdammliche Sünden vor Gottes Gericht sind, wie geschrieben steht Psalm 143,2: ‚Es wird vor dir kein lebender Mensch gerechtfertigt erfunden.’ Man muss an seinen Werken so verzweifeln, dass sie nicht anders gut sein können als durch diesen Glauben, der sich keines Gerichts, sondern lauter Gnade, Gunst, Huld und Barmherzigkeit versieht.“ (ebd. S. 20 f.) Nur aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit werden also die Werke des Christen angenommen. „Siehe also aus Barmherzigkeit und Gnade Gottes, nicht aus ihrer Natur sind die Werke ohne Schuld vergeben und gut um des Glaubens willen, der sich auf dieselbe Barmherzigkeit verlässt. Also müssen wir der Werke halber uns fürchten, aber der Gnade Gottes halber uns trösten, wie geschrieben steht Psalm 147,11: ‚Gott hat einen gnädigen Wohlgefallen über die, so sich vor ihm fürchten und doch trauen auf seine Barmherzigkeit.’ Also beten wir mit ganzer Zuversicht ‚Vater unser’, und bitten doch: ‚vergib uns unsere Schuld’; sind Kinder und doch Sünder; sind angenehm und tun doch nicht genug. Das macht alles der Glaube, in Gottes Huld befestigt.“ (ebd. S. 21)

Der Glaube kommt also nicht aus den Werken, aus eigenem Verdienst, sondern allein aus Christus. „Darum hebt der Glaube nicht an den Werken an; sie machen ihn auch nicht, sondern er muss aus dem Blut, Wunden und Sterben Christi quellen und fließen.“ (ebd. S. 22) Wir haben aber Christus nur in der Bibel, nur durch das Wort des Evangeliums – darum kommt der Glaube aus dem Wort. „Also lesen wir noch nie, dass jemandem der heilige Geist gegeben sei, wenn er gewirkt hat; aber allezeit, wenn sie das Evangelium von Christus und die Barmherzigkeit Gottes gehört haben. Aus demselben Wort muss auch noch heute und allezeit der Glaube, und sonst nirgend, herkommen.“ (ebd.)

Die Werke sollen alle zu Gottes Ehre und zum Lob seines Namens sein. Aber unter sich verglichen, sind die Werke allerdings unterschiedlich gewichtet. So ist auch das erste Gebot von allen das wichtigste. Das zweite Gebot soll den Glauben stärken, es geht um die Ehre Gottes im Herzen. „Ebenso wird auch im zweiten Gebote geboten, wir sollen seinen Namen nicht unnütz gebrauchen. Doch will das nicht genug sein, sondern es wird darunter auch geboten, wir sollen seinen Namen ehren, anrufen, preisen, predigen und loben. Und zwar ist es nicht möglich, dass Gottes Namen nicht verunehrt werden sollte, wo er nicht recht geehrt wird. Denn ob er schon mit dem Munde Kniebeugen, Küssen und andern Gebärden geehrt wird, so das nicht im Herzen durch den Glauben an Gottes Huld und Zuversicht geschieht, so ist es doch nichts anderes als ein Schein und Farbe der Gleisnerei. (ebd. S. 23) Alles in unserem Leben soll uns dazu anreizen, anleiten, Gottes Namen zu loben. „Daher kommt das wunderliche und rechte Urteil Gottes, dass zuweilen ein armer Mensch, den niemand ansehen mag, viele und große Werke bei sich selbst in seinem Hause tut, Gott fröhlich lobt, wenn es ihm wohlgeht, oder mit ganzer Zuversicht anruft, so ihm etwas anstößt, und damit ein größeres und angenehmeres Werk tut als ein anderer, der viel fastet, betet, Kirchen stiftet, wallfahret und hier und da sich mit großen Taten bemüht.“ (ebd. S. 24) Dagegen sollen wir alle eigene Ehre weit wegschieben, auch nicht danach trachten, Ehre und Ansehen bei Menschen zu erwerben. „Darum ist das andere Werk dieses Gebotes, sich zu hüten, fliehen und zu meiden alle zeitliche Ehre und Lob, und nicht zu suchen seinen Namen, Gerücht und große Geschrei, dass jedermann von ihm singe und sage, welches gar eine gefährliche und doch die allergemeinste Sünde ist, und leider wenig beachtet. Es will jedermann etwas gesehen werden und nicht der Geringste sein, wie gering er auch immer ist. So tief ist die Natur in ihre eigenen Gutdünken und in ihr eigenes Vertrauen wider diese zwei ersten Gebote verböset.“ (ebd. S. 26)

Es geht also in diesem zweiten Gebot gerade auch um die Selbstverleugnung. Die heidnische Literatur sucht immer das Eigenlob zu fördern, Menschen zu verherrlichen. So soll es bei Christen nicht sein. Wer immer noch meint, hoch von sich halten zu müssen, der kann schnell von Gott in schwere Sünde fallen gelassen werden, damit er merkt, was wirklich in ihm drin ist – aber selbst damit will der Herr nur aufhelfen, bessern, wie wir an Petrus sehen.

Wenn wir nun wirklich die Gebote Gottes tun wollen, so haben wir damit mehr als genug zu tun. „Denn wir haben mehr als genug und zu viel zu schaffen, wenn wir Gottes Gebote allein genug tun sollen. Er hat uns solche Gebote gegeben, welche, so wir es verstehen, fürwahr keinen Augenblick müßig gehen dürfen und aller anderen Werke wohl vergessen machen könnten.“ (ebd. S. 30)

Gottes Namen heiligen heißt auch, ihn in deer Not anrufen. „Denn das achtet Gott als seinen Namen heiligen und groß ehren, so wir ihn in der Anfechtung und Not nennen und anrufen. Auch ist das die Ursache, warum er uns viel Not, Leiden, Anfechtung, auch den Tod zufügt, dazu noch in vielen bösen, sündigen Neigungen leben lässt, damit er dadurch den Menschen dringe und große Ursache gebe zu ihm zu laufen, zu schreien, seinen heiligen Namen anzurufen und also dies Werk des zweiten Gebots zu eerfüllen, wie er sagt Psalm 50,15: ‚Rufe mich an in deiner Not, so will ich dir helfen, so sollst du mich ehren; denn ein Opfer des Lobes will ich haben. Und dieses ist der Weg, dadurch du zu der Seligkeit kommen kannst.’“ (ebd.) Es geht, dass wir so täglich die Große Gottes in unserem Leben erfahren. Damit richet sich dieses Gebot auch gegen das Anrufen von Heiligen, gegen Beschwören, Zauberei und dergleichen, das ja alles Gottes Namen verunehrt. „Hier handeln nun die törichten Menschen gefährlich und besonders die eigenwerkischen Heiligen und was etwas besonderes sein will. Da lehren sie sich segnen; der verwahrt sich mit Briefen, der läuft zu den Weissagern; einer sucht dies, der andere das, damit sie nur dem Unfall entlaufen und sicher seien. Es ist nicht zu erzählen, was für ein teuflisches Gespenst in diesem Spiel regiert mit Zaubern, Beschwören, Missglauben. Alles geschieht darum, dass sie nur Gottes Namen nicht bedürfen und ihm nichts vertrauen. Hier geschieht dem Namen Gottes und beiden ersten Geboten große Unehre, dass man das bei dem Teufel, Menschen oder Kreaturen sucht, was allein bei Gott durch einen reinen, bloßen Glauben, Zuversicht und fröhliches Erwägen und Anrufen seines heiligen Namens gesucht und gefunden werden sollte.“ (ebd. S. 31 f.) So sündigt auch der gegen dieses Gebot, der auf seinen Reichtum sich verlässt.

Die Anfechtungen, die wir erleiden, sind vielfältig, nämlich von unserem Fleisch, das Lust haben will und auch wieder Ruhe; von der Welt, die uns Gut, Gunst, Ansehen, aber auch Gewalt und Ehre vor die Augen hält; und vor allem vom Teufel, der mit Hoffart, Ruhm, eigenem Wohlgefallen, Hochmut gegen andere Menschen kommt. All diese Anfechtungen lassen sich nur überwinden durch das Anrufen Gottes, nicht aber durch eigene Werke. „Denn die Sünde hat uns mit dreierlei starkem großen Heere umlagert. Das erste ist unser eigen Fleisch, das andere die Welt, das dritte der böse Geist. Durch diese werden wir ohne Unterlass getrieben und angefochten, damit uns Gott Ursache gibt ohne Unterlass, gute Werke zu tun, nämlich mit den Feinden und Sünden zu streiten. Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die welt sucht Gut, Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigen Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung. Diese Stücke sind allesamt so mächtig, dass ein jegliches für sich selbst genug ist, einen Menschen zu bestreiten. Wir können sie doch in keiner Weise überwinden als allein mit Anrufen des heiligen Gottes Namen in einem festen Glauben, wie Salomo Sprüche 18,10 sagt: ‚Der Name Gottes ist ein fester Turm, der Gläubige flieht dahin und wird über alles erhaben,.’“ (ebd. S. 33)

Und wir sollen auch nicht mit Gottes Namen schwören, fluchen, lügen, trügen, zaubern. Vor allem aber: Es geht um die Wahrheit und gegen das Unrecht, das durch die Gewaltigen viele leiden müssen. Da sollen und dürfen wir auch nicht schweigen. Gott will vielmehr durch uns und mit uns Gutes tun. „Er will, dass wir mit ihm wirken, und tut uns die Ehre, dass er mit uns und durch uns sein Werk wirken will. Und ob wir solche Ehre nicht gebrauchen wollen, so wird er es doch allein ausrichten, den Armen helfen; und die ihn nicht haben wollen und die große Ehre seines Werkes verschmühen, wird er samt den Ungerechten verdammen, weil sie es mit dem Ungerechten gehalten haben.“ (ebd. S. 36) Dahin gehört auch, dass wir um Gottes Namen willen der Irrlehre widerstehen sollen. „Dieses Werkes Arbeit ist es auch, zu widerstreben allen falschen, verführerischen, irrigen, ketzerischen Lehren, allem Missbrauch geistlicher Gewalt.“ (ebd.)

Im dritten Gebot geht es nun darum, wie wir uns gegenüber Gott in den Werken verhalten sollen. „Im ersten ist geboten, wie sich unser Herz gegen Gott halten soll mit Gedanken; im zweiten, wie sich der Mund mit Worten. In diesem dritten wird geboten, wie wir uns gegen Gott halten sollen in Werken.“ (ebd. S. 38) Es geht dabei darum, dass wir nicht nur allgemein, äußerlich die Predigt hören, also im Gottesdienst körperlich anwesend sind, sondern dass wir zu unserer Besserung hören. Auch beim Abendmahl geht es darum, dass wir mit dem Herzen dabei sind. „In der Messe ist es not, dass wir auch mit dem Herzen dabei sind. Dann sind wir aber dabei, wenn wir den Glabuen im Herzen üben. Hier müssen wir die Worte Christi erzählen, da eer die Messe einsetzt und spricht: ‚Nehmet hin und esset, das ist mein Leichnam [Leib], der für euch gegeben wird.’ Desselbengleichen über den Kelch: ‚Nehmet hin und trinket alle daraus. Das ist ein neues, ewiges Testament in meinem Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Das sollt ihr tun, so oft ihr es tut zu meinem Gedächtnis.’ In diesen Worten hat Christus sich ein Begehen oder Jahrtag gemacht, täglich ihm nach zu halten in aller Christenheit und hat ein herrliches, reiches, großes Testament dazu gemacht, darinnen nicht Zins, Geld oder zeitliches Gut beschieden und verordnet ist, sondern Vergebung aller Sünden, Gnade und Barmherzigkeit zum ewigen Leben, dass alle, die zu diesem Begehen kommen, dasselbe Testament haben sollen, und er ist darauf gestorben, dadurch solches Testament beständig und unwiderruflich geworden ist. Hiervon zum Zeichen und Urkunde anstatt Briefes und Siegel, hat er seinen eigenen Leichnam [Leib] und Blut unter dem Brot und Wein hier gelassen.“ (ebd. S. 39 f.) Und wir sollen hören und essen und trinken und glauben ohne zu zweifeln, gewiss sein, dass Christus uns auch im Abendmahl Vergebung der Sünden schenkt.

Die Predigt, wenn sie recht ist, ist Verkündigung des Testamentes, in Gesetz und Evangelium. Das Ziel ist, dass die Sünden uns leid werden und wir begierig werden nach dem Schatz, den Christus uns erworben hat. Bei dem Gebet geht es nicht um viele Worte, sondern dass wir von Herzen unsere tägliche Not zu Gott bringen und dabei gewiss sein, dass er uns erhört. „Man soll beten, nicht wie die Gewohnheit ist, viel Blätter oder Körnlein zählen, sondern man soll etliche anliegende Not vornehmen, dieselben mit ganzem Ernst begehren und darin den Glauben und die Zuversicht zu Gott also üben, dass wir nicht daran zweifeln, erhört zu werden.“ (ebd. S. 42) Rechtes Gebet ist daher immer getragen vom Glauben, also geprägt vom ersten Gebot. Das heißt auch: Gott keine Vorschriften machen, wann und wie er erhören soll – sondern es alles ihm überlassen. „Also sehen wir, dass dies Gebot gleich wie das zweite nichts anders sein soll, als Übung und Treiben des ersten Gebots, das ist des Glaubens, der Treue, Zuversicht, Hoffnung und Liebe zu Gott, damit das erste Gebot in allen Geboten der Hauptmann und der Glaube das Hauptwerk und das Leben aller anderen Werke sei, ohne welchen (wie gesagt) sie nicht gut sein können.“ (ebd. S. 44). Das Gebet muss also aus Glauben geschehen – und das ist die größte Arbeit, das höchste Werk. „Lass sie das Beten allein vor sich nehmen und sich im Glauben recht üben, so werden sie finden, dass er wahr sei, wie die heiligen Väter gesagt haben, dass es keine größere Arbeit gebe als das Beten ist. Mummeln mit dem Munde ist leicht, aber mit Ernst des Herzens den Worten folgen, in gründlicher Andacht es zu tun, das ist mit Begierde und Glauben, dass man ernstlich begehre, was die Worte sagen und nicht zu zweifeln, es werde erhöret: Das ist eine große Tat vor Gottes Augen.“ (ebd. S. 45)

Dieser Glaube kann immer wieder sehr angefochten werden. Und doch sollen wir darauf gerichtet sein, dass Gott erhören wird. Und gewiss sein: Ich darf alles bringen, was immer mich auch bedrückt. „Um meiner Würdigkeit willen fange ich nichts an, um meiner Unwürdigkeit willen lasse ich nichts nach, ich bitte und wirke allein darum, weil Gott aus seiner bloßen Güte allen Unwürdigen Erhörung und Gnade zugesagt hat, ja nicht allein zugesagt, sondern er hat auch aufs strengste bei seiner ewigen Ungnade und Zorn zu beten, zu vertrauen und zu nehmen geboten.“ (ebd. S. 46)

Es ist ja so wichtig, dass wir immer wieder zu Gott kommen, weil wir Sünder sind. Gerade unser eigener geistlicher Schade wie auch der Schade der Kirche und des Volkes überhaupt sollen uns ins Gebet treiben, besonders, wenn wir alles bedenken anhand der zehn Gebote. „Wo unermesslich größere Not ist und ewiger Schaden, willst du nicht eher um Glauben, Hoffnung, Liebe, Demut, Gehorsam, Keuschheit, Sanftmütigkeit, Friede, Gerechtigkeit bitten, du seiest denn vorher ohne allen Unglauben, Zweifel, Hoffart, Ungehorsam, Unkeuschheit, Zorn, Geiz und Ungerechtigkeit. Je mehr du dich in diesen Stücken gebrechlich findest, je mehr und fleißiger sollst du beten oder schreien. ... Dieses soll geschehen für die Sammlung der ganzen Christenheit, für alle Not aller Menschen, von Feind und Freund, sonderlich für die Not einer jeglichen Pfarre oder Bistum.“ (ebd. S. 48)

Die Fürbitte ist also eine wichtige Sache. Und das gemeinsame Gebet, etwa im Gottesdienst, soll ja gerade eben ein Gebet sein nicht für sich selbst, sondern für andere. Und dieses gemeinsame Gebet ist die größte Kraft der Kirche. „Denn fürwahr, die christliche Kirche auf Erden hat keine größere Macht noch Werk als solches gemeinsame Gebet wider alles, was sie anstoßen mag. Das weiß der böse Geist wohl, darum tut er auch alles, was er vermag, dies Gebet zu verhindern.“ (ebd. S. 50) Darum ist die Fürbitte auch das wichtigste Werk, was du dem Nächsten tun kannst, besonders dann, wenn er geistliche Not leidet.

Was hat es nun mit dem Ruhen im dritten Gebot zu tun? Dieses Ruhen ist keineswegs absolut geboten, es geht vielmehr darum, Zeit zu haben für den Gottesdienst. „Die leibliche Feier oder Ruhe ist die, davon oben gesagt ist, dass wir unser Hauptwerk und Arbeit anstehen lassen, auf dass wir zur Kirche uns sammeln, Messe sehen, Gottes Wort hören und insgemein einträchtiglich bitten. Diese Feier ist wohl leiblich und in der Christenheit nicht von Gott geboten, wie der Apostel Kol. 2,16 sagt: ‚Lasst euch von niemand verpflichten zu irgendeinem Feiertage, denn dieselben sind vor Zeiten Figur [Schatten des Zukünftigen] gewesen.’ Nun aber ist die Wahrheit erfüllt, dass auch alle Tage Feiertage sind, wie Jesaja 66,23 sagt: ‚Es wird ein Feiertag am anderen sein; wiederum alle Tage Werktage.’ ... Die geistliche Feier, die Gott in diesem Gebot vornehmlich meint, ist, dass wir nicht allein die Arbeit und das Handwerk anstehen lassen, sondern vielmehr, dass wir allein Gott in uns wirken lassen und nichts Eigenes mit allen unseren Kräften wirken.“ (ebd. S. 55.56) Es geht also darum, dass Gott ins Raum bekommt, dass Christus in uns lebt und wir streiten gegen die Sünde, die in unserem Fleisch sich immer wieder bemerkbar macht. Es geht also darum, Fleisch, Sinn, Willen, Gedanken immer wieder mithilfe von Gottes Wort reinigen zu lassen.

So hat auch das Fasten seinen Sinn darin, die groben, bösen Lüste des Fleisches zu töten. Dazu gehören auch wachen, arbeiten, alles, was der Körper nötig hat. „Darum lasse ichs geschehen, dass sich ein jeglicher den Tag, Speise und Menge zu fasten erwähle, wie er will, sofern dass er es nicht dabei bleiben lasse, sondern Achtung auf sein Fleisch habe. Wie viel dasselbe geil und mutwillig ist, so viel lege er an Fasten, Wachen und Arbeit darauf und nicht mehr, es mögen Papst, Kirche, Bischof, Beichtiger oder wer da will geboten haben. Denn Maß und Regel der Fasten, des Wachens, der Arbeit soll niemand an der Speise Menge oder an Tagen nehmen, sondern nach Abgang und Zugang der Lust und des Mutwillens des Fleisches, um welcher willen allein, sie zu töten und zu dämpfen, das Fasten, Wachen und Arbeiten eingesetzt ist.“ (ebd. S. 59) Es darf also kein Gesetz aus dem Fasten gemacht werden. „Wo nun jemand fände, dass von Fischen sich mehr Mutwillen in seinem Fleisch als von Eiern und Fleisch erhebe, soll er Fleisch und nicht Fisch essen; wiederum, so er fände, dass ihm der Kopf wüst und toll oder der Leib und Magen verderbt würde vom Fasten, oder es nicht Not ist seinen Mutwillen im Fleisch zu töten, soll er das Fasten ganz anstehen lassen und essen, schlafen, müßig gehen, so viel ihm zu der Gesundheit not ist, unangesehen, ob es gegen der Kirche Gebot oder Gesetzen von Orden und Ständen sei.

Denn kein Gebot der Kirche, kein Gesetz eines Ordens kann das Fasten, Wachen und Arbeiten höher setzen oder treiben, als so viel und so weil es dienet, das Fleisch und seine Lüste zu dämpfen oder zu töten. Wo dies Ziel übergangen wird, und das Fasten, Speisen, Schlafen, Wachen höher getrieben wird als das Fleisch leiden kann oder zur Tötung der Lust not ist, und damit die Natur verdorben, der Kopf zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, dass er gute Werke getan habe oder entschuldige sich mit der Kirche Gebot oder Ordensgesetz. Er wird geachtet werden als einer, der sich selbst verwahrlost, und so viel an ihm ist, ist er sein eigner Mörder geworden.“ (ebd.) Es geht ja beim Fasten nicht darum, das natürliche Leben zu töten, sondern den Mutwillen. Das ist auch der Grund, warum Gott in unser Leben das Kreuz, Leiden, Not aber auch Arbeit ordnet, nämlich um den alten Menschen, den Menschen der Sünde immer mehr zu ertöten. „Darum, um solche unsere Werke und den Adam zu töten, schickt und Gott viel Anstöße über den Hals, die uns zu Zorn bewegen, viel Leiden, die uns zu Ungeduld reizen, zuletzt auch den Tod und Schmach der Welt. Damit sucht er nichts anderes als dass er Zorn, Ungeduld und Unfrieden austreibe und zu seinem Werke, das ist zum Frieden in uns komme. Also spricht Jesaja 28: ‚Er nimmt sich eines fremden Werkes an, auf dass er zu seinem eigenen Werke komme.’ Was ist das? Er schickt Leiden und Unfrieden zu, auf dass er uns lehre Geduld und Frieden zu haben; er heißt sterben, auf dass er lebendig mache, so lange bis der Mensch es durchgeübt, so friedsam und still werde, dass er nicht bewegt werde, es gehe ihm wohl oder übel, er sterbe oder lebe, er werde geehrt oder geschändet. ... Damit zeigt er an, dass es nicht köstlichere Dinge gebe als leiden, sterben und allerlei Unglück. Denn sie sind ein Heiligtum und heiligen den Menschen von seinen Werken zu Gottes Werke, gleichwie eine Kirche von natürlichen Werken zu Gottesdiensten geweihet wird. Darum soll er sie auch für ein Heiligtum erkennen, froh werden und Gott danken, so sie ihm kommen. Dennwenn sie kommen, so machen sie ihn heilig, dass er dies Gebot erfüllt und selig wird, erlöst von seinen sündlichen Werken.“ (ebd. S. 61.62)

Wenn dies alles recht betrachtet wird, so erkennt man, dass die ersten drei Gebote in dem, was Gott darinnen gebietet, zusammenhängen. „Darum siehe, ein wie hübscher güldener Ring sich aus diesen frei Geboten und ihren Werken selber macht, und wie aus dem ersten Gebot und Glauben das zweite bis ins dritte fließt; das dritte wiederum durch das zweite bis ins erste treibt. Denn das erste Werk ist glauben, ein gutes Herz und Zuversicht zu Gott haben. Daraus fließt das zweite gute Werk, Gottes Namen preisen, seine Gnade bekennen, ihm alle Ehre allein geben. Danach folgt das dritte: Gottesdienst üben mit beten, Predigt hören, dichten und trachten nach Gottes Wohltat, dazu sich kasteien und sein Fleisch zwingen.“ (ebd. S. 63) Und auch im Vaterunser beten wir letztlich darum, dass wir in Gottes Gebot und Willen gehen. „Diese Ordnung der guten Werke bitten wir im Vaterunser. Das erste ist, dass wir sagen: ‚Vater unser, der du bist im Himmel.’ Dieses sind Worte des ersten Werkes des Glaubens, der laut des ersten Gebotes nicht zweifelt, er habe einen gnädigen Gott und Vater im Himmel. Das zweite: ‚dein Name sei heilig’, darin wird der Glaube begehrt, Gottes Namen, Lob und Ehre gepriesen und angerufen in aller Notdurft, wie das zweite Gebot lautet. Das dritte: ‚zu uns komme dein Reich’. Darin bitten wir um den rechten Sabbath und Feierstille, Ruhe von unseren Werken, damit allein Gottes Werk in uns sei und also Gott in uns als in seinem eigenen Reich regiere, wie er sagt: ‚Nehmet wahr, Gottes Reich ist nirgends als in euch selbst.’

Das vierte Gebet: ‚Dein Wille geschehe.’ Darin bitten wir, dass wir die sieben Gebote der anderen Tafel halten und haben, in welchen auch der Glaube gegen den Nächsten geübt wird, gleichwie er in diesen dreien in Werken allein gegen Gott geübt ist. Und das sind die Gebete, darin das Wörtlein Du, Dein steht, dass dieselben nur suchen, was Gott angehört; die andern sagen alle: Unser, Uns, Unsern usw., denn wir bitten da unsere Güter und Seligkeit.“ (ebd. S. 64)

Das vierte Gebot zeigt uns, dass es kein besseres Werk gibt als Gehorsam gegenüber denen, die über uns gesetzt sind. „Aus diesem Gebot lernen wir, dass nach den hohen Werken der ersten drei Gebote kein besseres Werk sei als Gehorsam und Dienst gegen alle die, welche uns zur Obrigkeit gesetzt sind. Darum ist auch Ungehorsam eine größere Sünde als Totschlag, Unkeuschheit, Stehlen, Betrügen und was darinnen mag begriffen werden.“ (ebd.) Es geht also in der zweiten Tafel um die Werke, die wir dem Nächsten tun sollen. „So lehren uns diese sieben Gebote, wie wir uns gegen den Menschen in guten Werken üben sollen und zum ersten gegen unsere Obersten. Das erste Werk ist, wir wollen unsern leiblichen Vater und Mutter ehren. Diese Ehre stehet nicht allein darin, dass man sie mit Gebärden erzeigt, sondern dass man ihnen gehorsam sei, ihre Worte und Werke vor Augen habe, groß achte und etwas darauf gebe, sie recht haben lasse, was sie vorgeben, stillschweigen und leiden, wie sie mit uns handeln, wo es nicht wider die ersten drei Gebote ist, dazu wo sie es bedürfen, sie mit Speise, Kleid und Haus versorgen.“ (ebd. S. 65) Hier geht es also um mehr als nur um lieben, hier geht es um ehren, und da ist immer Furcht mit dabei, Ehrfurcht. Und das bezieht sich nicht nur auf die leiblichen Eltern, sondern alle, die über uns gesetzt sind. „Was aber von den Eltern geboten und gesagt wird, soll auch, wenn die Eltern gestorben oder nicht gegenwärtig sind, von denen verstanden sein, die an ihrer Statt sind, als da sind Freunde, Gevattern, Paten, weltliche Herrn und geistliche Väter. Denn es muss ein jeglicher regiert werden und andern Menschen untertan sein.“ (ebd. S. 66)

Schlimm ist es daher, wenn einem Kind sein Wille gelassen wird, wenn es tun und lassen kann, was ihm gefällt. Dadurch verfällt es dann auf weltliche Ehre, Lust und Güter. Solch ein Kind lebt daher nicht mit dem lebendigen Gott, sondern dient seinen Abgöttern. Damit wendet Luther sich z.B. nicht gegen Schmuck, wenn jemand ihn tragen kann, ohne mit dem Herzen daran zu hängen (vgl. S. 66-68).

Die Eltern haben damit alle Hände voll zu tun, um durch die Erziehung ihrer Kinder sich in guten Werken zu üben. „Also ist’s wahr, wie man sagt, dass die Eltern, wenn sie auch sonst nichts zu tun hätten, an ihren eigenen Kindern die Seligkeit erlangen können; so sie diese recht zu Gottesdienst ziehen, haben sie fürwahr beide Hände voll guter Werke vor sich. Denn was gelten hier die Hungrigen, Durstigen, Nackten, Gefangenen, Kranken, Fremdlinge gegen deiner eigenen Kinder Seelen, mit welchen dir Gott aus deinem Hause ein Spital macht und dich ihnen zum Spitalmeister setzt, dass du ihrer warten sollst, sie mit guten Worten und Werken speisen und tränken, dass sie lernen Gott zu trauen, glauben und zu fürchten, ihre Hoffnung in ihn zu setzen, seinen Namen zu ehren, nicht zu schwören noch zu fluchen, sich zu kasteien mit beten, fasten, wachen, arbeiten, Gottesdienstes und Wortes warten und den Sabbath zu feiern, dass sie zeitliche Dinge verachten lernen, Unglück sanft tragen und den Tod nicht fürchten, dies Leben nicht lieb haben.

Siehe, welch große Lektionen das sind, wie viele gute Werke du für dich in deinem Hause hast an deinem Kind, das aller solcher Dinge bedarf, wie eine hungrige, durstige, bloße, arme, gefangene, kranke Seele. O welch eine selige Ehe und Haus wäre das, wo solche Eltern innen wären!“ (ebd. S. 68 f.) Diese Werke, als von Gott wahrhaftig geboten, sind besser als alle Wallfahrten, Heiligenerhebungen, Ablass und Jahrmarkt, was alles kein Wort Gottes für sich hat. Dieser Weg aber kann recht nur im Glauben gegangen werden. „Wie nun in den anderen Geboten gesagt ist, dass sie im Hauptwerk gehen sollen, also auch hier. Es soll niemand denken, dass seine Zucht und Lehre bei den Kindern selbst genugsam sei, es sei denn, dass es in Zuversicht und göttlicher Huld geschehe, dass der Mensch nicht daran zweifle, er gefalle Gott in den Werken wohl und lasse sich solche Werke nichts anderes sein als eine Ermahnung und Übung seines Glaubens, Gott zu trauen und sich Gutes zu ihm und gnädigen Willen zu versehen. Ohne diesen Glauben lebt kein Werk, noch ist es gut und angenehm. Denn viele Heiden haben ihre Kinder hübsch erzogen: Aber es ist alles verloren um des Unglaubens willen.“ (ebd. S. 70)

Dieses Gebot, das weist Luther weiter nach, spricht aber nicht nur von dem Verhältnis von Eltern und Kindern in der Familie, sondern es geht hier auch um die Obrigkeit, die über uns gesetzt ist im Staat. Hier beklagt er zunächst, dass die „geistliche Obrigkeit“ durch den kirchlichen Verfall abhanden gekommen ist, dass also ein wirklich geistliches Regiment in der Kirche nicht mehr vorhanden ist. (Heute sieht es vielfach sehr ähnlich aus, da Gottes Wort nicht mehr rein und lauter getrieben wird und die Kirchenleitungen gegen die Irrlehre nicht mehr vorgehen.) (vgl. S. 71)

Der Obrigkeit sind wir Gehorsam schuldig, aber nur so weit, wie sie nichts gegen Gottes Gebot gebietet. Wo sie aber gegen Gottes Gebot handelt und etwa gar noch unter dem Namen Gottes Böses verlangt, müssen wir ihr widerstehen, sei es in der Kirche oder im Staat. Die Gefahr, die von den Verführern in der Kirche ausgeht, ist dabei größer als die äußere Gefahr, die von den Landesfeinden droht, weil von den Irrlehrern die Christenheit verdorben wird. (vgl. S. 75) Wie Luther es dann in seinem Sendschreiben „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ noch ausführlicher behandelt hat, ruft er auch hier die Obrigkeit auf, sich für eine Reformation der Kirche einzusetzen, da von den Kirchenleitungen selbst sie nicht kommt. (Dabei ist zu bedenken, dass damals die Obrigkeiten noch aktive Glieder der Kirche waren und von daher Verantwortung trugen.) „Sondern das wäre das beste und das das einzige überbleibende Mittel, so König, Fürsten, Adel, Städte und Gemeinde selbst anfingen und der Sache ein Ende machten, auf dass die Bischöfe und Geistlichen (die sich jetzt fürchten) zu folgen Ursache hätten. Denn hier soll und muss man nichts anderes ansehen als Gottes erste drei Gebote, wider welche weder Rom, noch Himmel, noch Erde etwas gebieten oder wehren können. An dem Bann oder drohen liegt nichts, womit sie solches zu erwehren meinen, ebenso wie nichts daran liegt, ob ein toller Vater seinem Sohn droht, so er ihm wehrt oder fängt.“ (ebd. S. 75)

„Das dritte Werk dieses Gebots ist der weltlichen Obrigkeit gehorsam zu sein, wie Paulus Röm. 13 und Tit. 1 lehrt und Petrus 1. Petr. 2,13: ‚Seid untertan dem König als dem Obersten und den Fürsten als seinen Gesandten und allen Ordnungen weltlicher Gewalt.’“ (ebd.) Die Obrigkeit ihrerseits soll die Untertanen schützen, Dieberei, Räuberei, Ehebruch strafen. Auch derjenigen Obrigkeit, die Unrecht tut, sollen wir noch gehorsam sein (ohne aber selbst am Unrecht mitzuwirken). Ja, wir müssen sogar uns hüten, böse von der Obrigkeit zu reden, denn auch das ist Sünde. Etwas anderes ist es, wenn sie den Glauben angreift, da gilt es unbedingt zu widerstehen. Sonst wird alles in einem großen Unglück enden. Dies gilt auch wieder besonders im Blick auf die, die in der Kirche Verantwortung haben. „Aber die geistliche Gewalt schadet nicht allein, wenn sie Unrecht tut, sondern auch, wenn sie ihr Amt anstehen lässt und etwas anderes tut, wenn dasselbe auch gleich besser wäre als die allerbesten Werke der weltlichen Gewalt. Darum muss man sich wider sie sträuben, wenn sie nicht recht tut, und nicht wider die weltliche, ob sie gleich Unrecht tut.“ (ebd. S. 76) Eine schlechte Regierung, das betont Luther, ist eine der größten Plagen, Jes. 3,4, und bringt das Land ins Verderben an Leib, Gut, Ehre, Zucht, Tugend und der Sachen Seligkeit. (Das ist auch wieder zu merken am geistlichen, geistigen und moralischen Niedergang Deutschlands seit dem 18. Jahrhundert.) Eigentlich sollte die Geschichte mit ihren vielen Lebensbeispielen der beste Lehrmeister für die Herrschaft sein (übrigens auch die Kirchengeschichte für die Christen). „Darum wäre es das allernützlichste für die Herrschaften, dass sie von Jugend auf die Historien lesen oder sich vorlesen ließen, beide heilige und heidnische Bücher, darin sie mehr Beispiele und Kunst zu regieren fänden als in allen Rechtsbüchern; wie man liest, dass die Könige von Perserland getan haben, Esther 6. Denn Beispiel und Historien geben und lehren allezeit mehr als die Gesetze und das Recht; dort lehret die gewisse Erfahrung, hier lehren die unerfahrenen und ungewissen Worte.“ (ebd. S. 78) Aufgabe der Obrigkeit ist es, der öffentlichen Sünde, etwa der Hurerei, zu wehren.

In dieses vierte Gebot gehört auch der Gehorsam der Arbeitnehmer gegenüber den Vorgesetzten – und zwar aus Glauben gegenüber dem dreieinigen Gott. „Das vierte Werk dieses Gebotes ist der Gehorsam des Gesindes und der Werkleute gegen ihre Herren, Frauen, Meister und Meisterin. Davon sagt St. Paulus Tit. 2: ‚Du sollst den Knechten oder Dienern predigen, dass sie ihre Herren in allen Ehren halten, ihnen gehorsam seien, tun, was ihnen gefällt, sie nicht betrügen noch ihnen widerstreben, auch darum, weil sie damit der Lehre Christi und unserem Glauben einen guten Namen machen, dass die Heiden nicht über uns klagen können und sich ärgern.’ Auch St. Petrus 2,18 spricht: ‚Ihr Knechte sollt gehorsam sein euren Herren um der Gottesfurcht willen, nicht allein den gütigen und sanften, sondern auch den wunderlichen und unschlachtigen, denn das ist ein angenehmes Ding vor Gott, so jemand Unlust mit Unschuld leidet.’... Sie dürfen fürwahr nicht viel wallen, dies oder das tun, haben genug zu tun, wenn ihr Herz nur dahin gerichtet steht, dass sie gern tun und lassen, was ihren Herren und Frauen gefällig ist, und dasselbe alles in einem einfältigen Glauben, nicht dass sie durch die Werke groß verdienen wollten, sondern dass sie das alles in göttlicher Huld und Zuversicht (darin alle Verdienste stehen) lauter und umsonst tun aus Liebe und Gunst zu Gott. Aus solcher Zuversicht sollen solche Werke alle erwachsen und eine Übung und Vermahnung sein, solchen Glauben und Zuversicht immer mehr und mehr zu stärken. Denn wie nun vielmal gesagt ist: Dieser Glaube macht alle Werke gut; ja, er muss sie tun und der Werkmeister sein.“ (ebd. S. 80 f.) Die Vorgesetzten dagegen sollen nicht zu streng sein. „Alles, aber, was von diesen Werken gesagt ist, ist in den zweien begriffen: Gehorsam und Sorgfältigkeit. Gehorsam gebührt den Untertanen, Sorgfältigkeit den Oberherren, dass sie Fleiß haben, ihre Untertanen wohl zu regieren, lieblich mit ihnen zu handeln und alles zu tun, damit sie ihnen nützlich und hilfreich seien. Das ist ihr Weg zum Himmel und ihr bestes Werk, das sie auf Erden tun können.“ (ebd. S. 81)

Der Gehorsam aber findet da seine Grenze, wo etwas gegen Gottes Gebot angeordnet wird, denn Gott sollen wir mehr gehorchen als den Menschen. „Wo es aber käme, wie oft geschieht, dass weltliche Gewalt und Obrigkeit, wie sie heißen, einem Untertanen wider die Gebote Gottes dringen würden oder daran hindern, da geht der Gehorsam aus und ist die Pflicht schon aufgehoben. Hier muss man sagen, wie St. Petrus zu den Fürsten der Juden sagt: ‚Man muss Gott mehr gehorsam sein als den Menschen.’ Er sprach nicht: Man muss den Menschen nicht gehorsam sein, denn das wäre falsch, sondern Gott mehr als den Menschen. So wenn ein Fürst kriegen wolle, der eine öffentliche unrechte Sache hätte, dem soll man gar nicht folgen noch helfen, weil Gott geboten hat, wir sollen unseren Nächsten nicht töten noch Unrecht tun. Ebenso so er ein falsches Zeugnis geben hieße, rauben, lügen oder betrügen und desgleichen. Hier soll man eher Gut, Ehre, Leib und Leben fahren lassen, auf dass Gottes Gebot bleibe.“ (ebd. S. 83)

 

Während es in den ersten vier Geboten um die rechte Demut geht, so handeln die nachfolgenden von den Begierden und Wollüsten, die bekämpft werden sollen. „Diese vier vergangenen Gebote haben ihre Werke in der Vernunft, das heißt, dass sie den Menschen gefangen nehmen, regieren und untertan machen, auf dass er sich selbst nicht regiere, nicht sich gut dünke, nicht etwas von sich selbst halte, sondern sich demütig erkenne und führen lasse, damit die Hoffart erwehrt wird. Diese nachfolgenden Gebote handeln mit den Begierden und Wollüsten des Menschen, sie auch zu töten.“ (ebd.)

Im fünften Gebot geht es um das Werk der Sanftmut. Rechte Sanftmütigkeit ist nach Luther da, wo man auch dann im Frieden bleibt, wenn es einem selbst nicht gut geht. „Die andere Sanftmütigkeit ist gründlich gut. Sie zeigt sich gegen die Widersacher und Feinde; schadet denselben nichts, rächt sich nicht, flucht nicht, lästert nicht, redet nichts Übles nach, denkt nichts Übles wider sie, ob sie gleich Gut, Ehre, Leib, Freund und alles genommen hätten. Ja, wo sie mag, tut sie ihnen Gutes für das Böse, redet ihnen das beste nach, gedenkt ihrer am besten, bittet für sie. Davon sagt Christus Matth. 5,44: ‚Tut wohl denen, die euch Leid tun, bittet für eure Verfolger und Lästerer.’“ (ebd. S. 84) Mit den guten Werken an den Feinden hat eigentlich jeder Mensch mehr als genug zu tun. „Er nehme seinen Feind vor sich, bilde denselben stetig vor seines Herzens Auge zu solcher Übung, dass er sich daran breche und sein Herz gewöhne, freundlich von demselben zu denken, ihm das beste zu gönnen, für ihn zu sorgen und zu bitten; danach, wo die Zeit ist, wohl von ihm zu reden und wohlzutun.“ (ebd. S. 84 f.)

Die Sanftmütigkeit ist wichtig und gut, aber sie darf nicht dahin führen, dass die Obrigkeit meine, sie könne ihr Amt vernachlässigen. Denn bei ihr geht es um Gottes Ehre und Gebot und darum, Schaden und Unrecht, den der Nächste erleiden könnte, zu wehren.

Im sechsten Gebot geht es um die Reinigkeit der Keuschheit, womit allein wir schon genug zu tun haben, weil gerade in diesem Bereich das Laster, die Sünde sehr wütet. „Nun, wenn nicht mehr Werke geboten wären als die Keuschheit allein, wir hätten alle genug zu schaffen daran, so ein gefährlich wütendes Laster ist es. Denn es tobt in allen Gliedmaßen, im herzen mit Gedanken, in den Augen mit dem Gesicht, in den Ohren mit dem Hören, im Mund mit Worten, in den Händen, Füßen und ganzem Leib mit den Werken. Solches alles zu zwingen, will Arbeit und Mühe haben.“ (ebd. S. 86 f.)

Den Leib aber zu zwingen, das braucht sehr viel Mühe. Darum empfiehlt Luther dazu Fasten, Mäßigkeit in Essen und Trinken, dann wachen, arbeiten, viel Mühe, damit so die Unkeuschheit gedämpft werden kann. Er gibt sich dabei keiner Illusion hin, dass sie völlig ausgemerzt werden könne. Da sie in der gefallenen Natur darinnen liegt, ist das nicht möglich. Die stärksten Waffen gegen die Unkeuschheit sind Gottes Gebot und Wort. Welche Mittel die Person nun anwende, da muss jeder selbst prüfen, was für ihn richtig und hilfreich sei; denn was dem einen hilft, das kann dem anderen gar nicht helfen, vielleicht sogar schaden. Deshalb hat Luther die Fastengebote nicht für sinnvoll gehalten, so sehr er auch das Fasten als Waffe gegen die Unkeuschheit betonte – aber nicht jedem hilft es.

Das siebente Gebot wendet sich gegen den Geiz, Wucher, Überteuerung, gegen falsche Waren, falsche Maße und Gewichte. Denn der natürliche, gefallene Mensch sucht überall nur seinen Vorteil, und sei es zum Nachteil des Nächsten. „Das Gebot hat auch ein Werk, welches gar viele gute Werke in sich begreift und vielen Lastern zuwider ist. Es heißt auf Deutsch Milde. Das Werk ist, dass jedermann von seinem Gut zu helfen und zu dienen willig ist.“ (ebd. S. 89)

Die Haltung, um die es dabei geht, ist die, dass wir nicht uns ans Geld hängen – was übrigens auch eine Sünde gegen das erste Gebot wäre –, sondern unsere Zuversicht anstatt auf das Geld auf den dreieinigen Gott setzen. „Wie Hiob 31,24 sagt: ‚Ich habe noch nie aufs Geld mich verlassen und das Geld noch nie meinen Trost und Zuversicht sein lassen.’ Und Psalm 62,11: ‚So euch Reichtum zufließt, sollt ihr euer Herz nicht daran haften.’ So lehrt auch Christus Matth. 6,31: ‚Wir sollen nicht bedacht sein, was wir essen, trinken und wie wir uns kleiden, da Gott dafür sorgt und weiß, dass wir desselben bedürfen.’“ (ebd. S. 90)

Da könnte nun bei einigen die Haltung aufkommen: Dann brauche ich ja nicht mehr zu arbeiten. Das ist falsch. Arbeit ist Gottes Ordnung und Gebot für uns Menschen, schon im Paradies so gewesen und nach dem Sündenfall noch verstärkt, 1. Mose 3,19; Hiob 5,7. Wir sollen aber mit dem, was wir durch die Arbeit haben, ja, überhaupt, mit dem was wir haben, nicht zum Geiz uns neigen, auch nicht verzagen, wenn wir nur wenig haben. „Nun fliegen die Vögel ohne Sorge und Geiz, so sollen wir auch arbeiten ohne Sorge und Geiz. So du aber sorgst und geizig bist, auf dass dir das gebratene Huhn ins Maul fliege, so sorge und sei geizig und siehe, ob du Gottes Gebot erfüllen und selig werdest.“ (ebd. S. 90 f.) Gerade im Zusammenhang mit diesem Gebot zeigt es sich, ob wir wirklich alle Zuversicht allein auf den lebendigen Gott setzen. . „Fürwahr, in diesem Gebot kann man klar merken, wie alle Werke im Glauben gehen und geschehen müssen, denn hier empfindet ein jeglicher gewiss, dass des Geizes Ursache Misstrauen ist, der Milde Ursache aber der Glaube ist. Denn darum, dass er Gott trauet, ist er mild und zweifelt nicht, er habe immer genug; wiederum ist er darum geizig und voll Sorge, dass er Gott nicht trauet. Wie nun in diesem Gebot der Glaube der Werkmeister und Treiber des guten Werkes der Milde ist, also ist er’s auch in allen anderen Geboten. Ohne solchen Glauben ist die Milde nichts nütz, sondern eine unachtsame Verschüttung des Geldes.“ (ebd. S. 91) Diese Haltung, der Not der anderen steuern zu helfen, gilt auch gegenüber den Menschen, die unsere Feinde sind.

Im achten Gebot geht es gegen alle bösen Werke der Zunge. „Dies Gebot scheint klein und ist doch so groß, dass, wer es recht halten soll, der muss Leib und Leben, Gut und Ehre, Freund und alles, was er hat, wagen und daran setzen. Aber es begreift doch nicht mehr als das Werk des kleinen Gliedes, nämlich der Zunge, und heißt auf Deutsch: Die Wahrheit sagen und den Lügen widersprechen, wo es not ist. Darum werden viele böse Werke der Zungen hierin verboten.“ (ebd. S. 92) Dabei geht es nicht nur um die eigene Sache, die gerecht dargestellt werden soll, sondern ebenso auch um die des Nächsten. Es darf nicht sein, dass, etwa vor Gericht, die ungerechte eigene Sache so beschönigt wird, dass die (gerechte) Sache des andern dadurch verschlechtert wird. Ebenso wenig darf es sein, dass man sich gegen die Großen duckmäuserich und schmeichelnd verhält, gegen die anderen aber zu sieht, einen Vorteil zu bekommen. Auch fällt unter dieses Gebot die Sünde der Korruption, Bestechung, der Versuch, durch Geschenk und Gaben jemanden zum Schweigen zu bringen oder sich einen Vorteil zu verschaffen.

Vielmehr gilt es, für die Wahrheit – und besonders auch die Wahrheit des Evangeliums – unerschrocken einzutreten und dafür auch bereit zu sein, Gewalt und Verfolgung zu erleiden. Das ist sogar natürlich. „Denn es kann die Welt nicht leiden, was von Gott kommt.“ (ebd. S. 94) Christus selbst hat es uns angekündigt und hat es auch an sich selber erlitten.

Die Haltung dazu aber kommt allein aus dem Glauben. „Denn wo diese Zuversicht und Glauben ist, da ist ein mutiges, trotziges, unerschrockenes Herz, das hinansetzt und der Wahrheit beisteht, es gelte Hals oder Mantel, es sei wider Papst oder Könige, wie wir sehen, dass die lieben Märtyrer getan haben. Denn ein solches Herz lässt sich genügen und sanft tun, dass es einen gnädigen und günstigen Gott hat. Darum verachtet es Gunst, Gnade, Gut, Ehre von allen Menschen; lässt fahren und kommen, was nicht bleiben will.“ (ebd. S. 94 f.)

Ohne den Glauben kann also auch dieses Gebot nicht getan werden, wie bei allen anderen Geboten auch. „Denn gleichwie das Werk dieses Gebotes niemand tut, er sei denn fest und unerschrocken in göttlicher Huld, Zuversicht, also tut er auch kein Werk aller anderen Gebote ohne denselben Glauben, so dass aus diesem Gebot ein jeglicher leicht eine Probe und Gewicht nehmen kann, ob er ein Christ sei und an Christus recht glaube und also, ob er gute Werke tue oder nicht.“ (ebd. S. 95)

Das neunte und zehnte Gebot beschäftigen sich beide mit den bösen Begierden, verbieten sie, zusammen mit des Leibes Lust und den zeitlichen Gütern. Auch sie sind schwer zu erfüllen und bleibt auch in ihnen ein Kampf bis ans Grab. „Denn niemand ist so heilig, der nicht böse Neigung in sich gefühlt hätte, besonders wo die Ursache und Reizung gegenwärtig gewesen ist. Denn es ist die Erbsünde uns von Natur angeboten, die sich wohl dämpfen lässt, aber nicht ganz ausrotten als allein durch den leiblichen Tod, der auch um dessen willen nützlich und zu wünschen ist; das helfe uns Gott. Amen.“ (ebd. S. 96)

 

Die Werke also, die wir als Christen tun sollen, sind uns von Gott in den Geboten klar aufgezeigt. „Alle anderen Werke, die nicht geboten sind, sind gefährlich und leicht zu erkennen. Als da sind Kirchen bauen, zieren, wallfahrten und alles, was ind en geistlichen Rechten so mannigfaltig geschrieben ist, die Welt verführt und beschwert, verderbt, unruhige Gewissen gemacht, den Glauben verschwiegen und geschwächt hat, und wie der Mensch an den Geboten Gottes, ob er schon alles andere nachlässt, mit allen seinen Kräften genug zu schaffen hat und nimmermehr die guten Werke alle tun kann, die ihm geboten sind. Warum sucht er denn andere, die ihm nicht not noch geboten sind und lässt die nötigen und gebotenen nach?“ (ebd. S. 95 f.) So führt Luther durch alle Gebote hindurch aus, dass jedes Gebot allein im Glauben erfüllt werden kann, ja, für alle guten Werke der Glaube die unbedingte Voraussetzung ist, weshalb alle Gebote das erste Gebot zur Grundvoraussetzung haben. Ebenso macht er deutlich, dass es nicht ein Gebot gibt, das wir wirklich in diesem Leben vollständig erfüllen können, weshalb auch die Rede von den „überschüssigen Werken“ der Heiligen ein völlig falsches und irriges Geschwätz ist.