Die Gnadenordnung Gottes

 

Nach Henric Schartau und Bo Giertz

dargstellt von

Roland Sckerl

 

Inhalt

1. Ausgangspunkt: Der geistlich tote oder abgrundtief verdorbene Sünder. 1

2. Die heilige Taufe – Gottes Sakrament der Wiedergeburt 1

3. Die Berufung oder des Heiligen Geistes Wirken durch die vorlaufende Gnade. 2

3.1. Die Berufung im weiteren Sinne oder des Heiligen Geistes Wirken durch die einladende Gnade (allgemeine oder indirekte Berufung). 2

3.2. Die Berufung im engeren oder eigentlichen Sinne oder die Berufung durch das Wort 2

4. Die Erleuchtung durch das Gesetz (zerbrechende Gnade). 3

5. Die Erleuchtung durch das Evangelium (rettende oder bekehrende Gnade). 4

6. Die Rechtfertigung und neue Geburt 6

7. Die Heiligung – das tägliche Leben in der Nachfolge Jesu Christi (heiligende Gnade). 6

8. Die Gnadenwahl – Ausgangspunkt des Erlösungswerkes Gottes und Grundlage unserer Heilsgewissheit 8

Anhang. 8

Pastor Bengtssons Erklärung der Gnadenordnung an Pastor Torvik. 8

Pastor Bengtssons Passionspredigt 8

Gespräch zwischen Pastor Linder und dem Vikar Savonius. 9

Das seelsorgerliche Gespräch zwischen Katrina Filip und dem sterbenden Johannes. 9

Henric Schartaus Predigt: Jesus allein. 10

 

 

    Wie wird ein abgrundtief verdorbener Sünder gerettet? Wie kann es sein, dass ein Mensch, der aufgrund seiner Sünde unter dem Zorn Gottes steht, im Jüngsten Gericht doch als gerecht vor Gott erscheint? Dies ist nur möglich aufgrund des Erlösungswerkes Jesu Christi auf Golgatha, wodurch er Gott mit der Welt versöhnt hat, 2. Kor. 5,18, so dass in Christus Gott jedem Menschen die Sünden nicht zurechnet, sondern vergibt, 2. Kor. 5,19, und somit in Christus für jeden Menschen die Erlösung, die Vergebung der Sünden, kurz die Rechtfertigung und damit das ewige Leben schon vorhanden ist. Dennoch würde dies niemandem nutzen, wenn Gott der HERR es nicht auch dem Einzelnen durch die Gnadenmittel zueignen würde und der Heilige Geist im Menschen nicht durch das Evangelium den rettenden Glauben an Jesus Christus erwecken würde, Joh. 16,8-11.

    Dieses Rettungshandeln Gottes an dem einzelnen Sünder wird beschrieben durch die Gnaden- oder Heilsordnung Gottes. Hier geht es um „den unbestechlichen Ernst in der Frage der Erlösung“1, es geht um die Frage: „Wie findet der Mensch den Weg zu Gott?“2 „Zu allererst müssen wir uns klar machen, dass nicht der Mensch den Weg zu Gott findet, indem er sich allmählich zu ihm aufmacht. Es ist im Gegenteil Gott, der sich Zugang zu menschlichen Herzen sucht.“3

    Es geht dabei nicht darum, religiös zu werden, es geht auch nicht nur darum, erweckt zu werden, obwohl dies wichtig und nötig ist, aber man darf nicht dabei stehen bleiben, es geht also auch nicht nur darum, sich von dem gottlosen Wesen der Welt zu einer ernsten Anstrengung zur Gottseligkeit zu bekehren (denn dann bist du geistlich doch immer noch tot) – sondern darum, dass du wirklich ein in Christus freier, erretteter Mensch wirst.4

    Die verschiedenen Stadien sind dabei nicht als zeitliche Abfolge zu verstehen, sondern als eine logische Abfolge, die Gottes Gnadenhandeln am Sünder beschreibt, wobei die einzelnen Stadien zeitlich durchaus auch zusammenfallen können, bei Einzelnen auch tatsächlich eine gewisse zeitliche Abfolge vorhanden sein mag, wobei einzelne Stadien durchaus auch zeitlich mit anderen schon parallel laufen. Es ist aber wichtig, dass diese logischen Stadien tatsächlich auch bei dem einzelnen Sünder zum Zuge kommen, weil es sonst geschehen kann, dass jemand als wiedergeboren, bekehrt, errettet angesehen wird, der tatsächlich sich nur von der Welt zu frommer Eigenleistung bekehrt hat, aber in seiner Selbstgerechtigkeit durchaus noch ungebrochen ist und darum in Christus keineswegs seinen einzigen und alleinigen Heiland, Retter empfangen und ergriffen hat (so zumeist die Pharisäer). Oder es wird jemand als errettet angesehen und sieht sich auch selbst so an, der noch gar keine rechte Sünden- und Verdorbenheitserkenntnis hat und so auch gar keine rechte Christuserkenntnis, keinen rechten Glauben hat, noch keinen Frieden in Christi Versöhnungsblut gefunden hat. Ja, wir müssen sagen, dass die gesamte Heilsordnung  auch im Leben des Christen immer wieder zur Anwendung kommt, weil der Ruf Christi uns immer wieder erreicht, vielleicht dann ganz bestimmte Bereiche unseres Lebens betreffend, und weil ebenso wir täglich rechte Erkenntnis unserer Sünden benötigen, nie unsere abgrundtiefe Verdorbenheit und Verlorenheit ohne Jesus Christus vergessen dürfen, täglich so umkehren und die Vergebung ergreifen, täglich somit aus der Taufe, aus der Rechtfertigung leben, täglich den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen, der aus Christus lebt, anziehen und auf dem Weg der Nachfolge weitergehen.

 

    Gerade unsere heutige Zeit neigt dazu, die Erleuchtung durch das Gesetz zu umgehen oder zu verkürzen, und hat dadurch auch keine rechte Erleuchtung mehr durch das Evangelium und steht daher in der großen Gefahr, viele Scheinchristen hervorzubringen, die weder um die Sünde noch um die Gnade elementar, existentiell Bescheid wissen, weil sie sich selbst nie als wirklich abgrundtief verdorbene Sünder erkannt haben, nie wirklich durchs Gesetz zu zerbrochenen Sündern wurden und so auch nie die Gnade in Christus, die Rettung allein aus Gnaden, allein um Christi willen, empfangen im Glauben, geschmeckt haben. Dies kommt nicht zuletzt daher, weil die Gnaden- oder Heilsordnung in vielen Kreisen allmählich völlig unbekannt ist, umso mehr, wenn sie arminianisch, also von der Entscheidungstheologie, geprägt sind und meinen, dass jemand, der „sich für Jesus entschieden hat“, der „sein Leben Jesus übergeben hat“ bereits wiedergeboren sei. Das kann im Einzelfall durchaus so sein. Aber vielfach ist es nicht so, ist das vielmehr nur eine Wirkung des Heiligen Geistes durch die Berufung, so dass aus einem sicheren Sünder vielleicht ein erweckter Sünder wurde, zumindest soweit erweckt, dass er mit Gott leben will. Wenn er dann aber nicht weiter geführt wird zur Erleuchtung durch das Gesetz und zur Erleuchtung durch das Evangelium, und dann, als Frucht, zur Hingabe, zur Nachfolge, zur Heiligung, dann lebt er in der Illusion, wiedergeboren zu sein, weil man es ihm so suggeriert hat, und ist tatsächlich noch sehr weit vom Reich Gottes entfernt.

    Wenn nun die verschiedenen Stadien der Gnadenordnung Gottes betrachtet werden, so ist ganz wichtig, dass eines beachtet wird: Es gibt nur zwei große Gruppen von Menschen vor Gott: Wiedergeborene und Nichtwiedergeborene. Eine dritte Gruppe, die zwar noch nicht bekehrt ist, aber auch nicht mehr im Reich des Teufels wäre, gibt es nicht. So lange ein Mensch noch nicht durch das Gesetz zerbrochen wurde, die Mauern der Selbstgerechtigkeit noch nicht gestürmt wurden, und er seinen Trost, seine Rettung nicht allein in Jesu Blut gefunden hat, so lange ist ein Mensch noch nicht wiedergeboren, noch nicht vom Heiligen Geist bekehrt und damit noch geistlich tot, trotz der mancherlei Einwirkungen des Heiligen Geistes, der an ihm arbeitet und dabei auch mancherlei Wirkungen erzielen kann und will. Das heißt, dass in den einzelnen Stadien wir es oftmals also durchaus noch mit einem Nichtwiedergeborenen zu tun haben. Sobald aber das erste wahrhafte Sehnen nach der Gnade in Christus, der Rettung in Christus aus dem Herzen hervorbricht, weil der Sünder erkennt, dass er Gott nichts bringen kann, ist der Sünder wahrhaft bekehrt, auch wenn er sich dessen noch nicht gleich bewusst sein mag. Er muss aber auch zu einem bewussten, persönlichen Glauben kommen, sonst ist der Glaube schwach, krank, die Heiligung sehr behindert. Gesunder rettender Glaube ist, wenn der Mensch in seinem Bewusstsein lebt, bewusster Glaube.

 

1. Ausgangspunkt: Der geistlich tote oder abgrundtief verdorbene Sünder

    In Eph. 2,1-3 beschreibt der Heilige Geist durch Paulus den natürlichen Menschen: Und auch ihr, da ihr tot ward durch Übertretungen und Sünden, in welchen ihr einst gewandelt seid nach dem Lauf dieser Welt und nach dem Fürsten, der in der Luft herrscht, nämlich nach dem Geist, der zu dieser Zeit sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens, unter welchen wir auch alle einst unsern Wandel gehabt haben in den Lüsten unsers Fleisches, und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie auch die andern. Der natürliche Mensch, so wie er gezeugt und dann von seiner Mutter geboren wird, ist geistlich, also für Gott, tot. Das heißt: Er kann von sich aus geistlich gar nichts machen, kann von sich aus Gott nicht dienen, ihm nicht gehorchen, nicht an ihn glauben, ihn nicht lieben – er ist eben tot. Ein Toter kann ja nichts machen, gar nichts. Und so ist es geistlicherweise auch mit dem natürlichen Menschen. Er ist, wie unser HERR Jesus Christus es sagt, Fleisch, vom Fleisch geboren (Joh. 3,6) und bedarf daher der Wiedergeburt. Von sich aus kennt er den wahren Gott nicht, vernimmt auch nichts vom Geist Gottes, versteht nichts Geistliches, 1. Kor. 2,14, sondern der Heilige Geist muss es ihm verständlich machen, muss ihn erleuchten. „Dass der Mensch von Natur geistlich tot, zu Gottes Sachen ganz  untüchtig und ein Kind des Ungehorsams ist, zeigt sich besonders deutlich, wenn Gott in seinem Wort an ihn herantritt. Wenn Gott durch das Wort des Gesetzes seine Sünde straft, auch die böse Lust des Herzens als Missetat brandmarkt, dann wird die Lust erst recht rege und der Widerspruch gegen Gottes Willen nur verschärft, der Mensch murrt gegen die Forderung und gegen das Urteil des göttlichen Gesetzes. Vgl. Röm. 7,7-11. Wenn Gott dem natürlichen Menschen das Evangelium von Christus predigen lässt, so kann er dasselbe nicht fassen und in sich aufnehmen. Denn er ist eben, wie die Konkordienformel sich ausdrückt, a.a.O., S. 593, ‚wie eine Salzsäule, wie Lots Frau, ja wie Klotz und Stein, wie ein totes Bild, das weder Augen noch Mund, weder Sinn noch Herz braucht.’ ‚Alles Lehren und Predigen ist bei ihm verloren, ehe er durch den Heiligen Geist erleuchtet, bekehrt und wiedergeboren wird.’“5 Denn auch der Verstand des Menschen ist, was geistliche Dinge angeht, völlig verfinstert, Eph. 4,18, weshalb wir auch nach unserem natürlichen Menschen dem Leben, das Gott eigentlich für uns vorgesehen hat, entfremdet sind. Vor der Wiedergeburt, Bekehrung sind wir geistlich völlig blind, Eph. 4,18, und deshalb auch ganz und gar der Sünde ergeben, Eph. 4,19, ja, Kinder des Zorns von Natur, ganz unter der Herrschaft des Teufels, Eph. 2,2-3. „Die(se) anerschaffene Gerechtigkeit hat der Mensch durch den Sündenfall verloren. Das ist die Erbsünde, dass der Mensch ‚dadurch verloren habe diese Gaben: rechte Erkenntnis Gottes, rechte Liebe und Vertrauen gegen Gott und die Kraft, das Licht im Herzen, so ihm zu dem allem Liebe und Lust macht.’ Dieser Mangel, dieses Unvermögen ist der geistliche Tod. Es ist nichts von geistlichen Affekten und Bewegungen, von geistlichen Kräften im gefallenen Menschen zurück geblieben. Derselbe ist geistlicherweise, Gott gegenüber wirklich tot, nicht nur todkrank.“6 „Wenn der natürliche Mensch aus den Werken der Schöpfung und aus dem ins Herz und Gewissen eingeschriebenen Gesetz auch etwas von Gott, Gottes Allmacht, Gerechtigkeit, von Gottes Willen erkennen kann, so ist diese natürliche Gotteserkenntnis doch keine ‚rechte Erkenntnis Gottes’, kein helles, seliges Licht im Herzen. Der Mensch erkennt Gott nicht als seinen Gott, als den Gott und HERRN seines Lebens, dessen er sich freuen, dem er leben und dienen soll. Gott ist ihm eine ferne, unnahbare oder finstere Majestät, mit welcher er keine innere Berührung hat.“7

    Nichts ist an uns Menschen, das irgendwie noch Gott gefallen könnte. Da ist keiner, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist keiner, der verständig sei; da ist keiner, der nach Gott frage. Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig geworden; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer. Röm. 3,10-12.

    „Und wie der Verstand verfinstert ist, so ist der Wille des natürlichen Menschen verderbt, von Gott abgewandt. Die Furcht des HERRN, Liebe zu Gott, Gottvertrauen ist ihm fremd und unbekannt. Und da es hier keine Neutralität gibt, so ist der Gott entfremdete Wille zugleich Gott feind. Wir sind von Natur Kinder des Ungehorsams, haben vom Ungehorsam unsere sittliche Art und Bestimmtheit. Der natürliche Mensch widerstrebt Gott und dem Willen Gottes mit allen Kräften seiner Seele. Das besagt auch der Spruch Pauli Röm. 8,7: Fleischlich gesinnt sein, ist Feindschaft wider Gott. Diese angeborene böse Art, dieser schlimme sittliche Zustand tritt dann zutrage und wirkt sich aus in Sünden und Übertretungen aller Art, in Werken des Fleisches. Wenn der unbekehrte Mensch auch etlichermaßen äußerlich ehrbar zu leben vermag, so ist doch diese justitia civilis kein Gehorsam gegen Gott, hat keinen Wert vor Gott; denn es fehlt eben die rechte Gesinnung. Der in Sünden tote Mensch ist ganz unfähig und vermögend, irgendetwas Rechtes oder Gutes zu denken, zu reden und zu tun, und wird dazu noch durch seine Umgebung, durch die Welt um ihn her, durch den Zeitlauf, Zeitgeist und vom Teufel, dem Fürsten dieser Welt, in seinem bösen Wesen und Wandel festgehalten.“8

    Das macht deutlich, dass der natürliche Mensch so viel oder wenig zu seiner geistlichen Lebendigmachung beitragen kann, wie ein leiblich Toter dazu beitragen kann, leiblich wieder lebendig zu werden, nämlich eben gar nichts. Deshalb beschreibt Gottes Wort auch das Werk Gottes am Menschen als geistliche Lebendigmachung, nämlich dass Gott uns lebendig macht (Eph. 2,5), als Auferweckung (Eph. 2,6), als etwas, wodurch wir von Gott geboren werden (1. Joh. 4,1.4; Joh. 1,13). Das heißt: Unsere Errettung, unsere Erlösung, und zwar auch die jedes einzelnen Sünders, ist völlig und ganz allein Gottes Werk; keiner kann zu seiner Errettung irgendetwas beitragen. Es findet auch keine Kooperation zwischen Gott und dem Sünder dabei statt. Das ist auch ganz wichtig, im Auge zu behalten, wenn wir die Stadien der Gnadenordnung betrachten, dass wir nicht den falschen Eindruck gewinnen, als könnte der Mensch, sobald der Heilige Geist anfängt, auf ihn einzuwirken, mitwirken am Rettungshandeln Gottes. Das ist nicht der Fall. Solange der Mensch nicht bekehrt, wiedergeboren ist, kann er zwar aufgrund der Einwirkung des Heiligen Geistes etwas tun, eben das, was der Heilige Geist bewirkt, aber er kann nichts mitwirken, weil er noch nicht erneuert ist, denn er ist ja geistlich noch tot.

 

2. Die heilige Taufe – Gottes Sakrament der Wiedergeburt

    Jesus Christus hat vor seiner Himmelfahrt die heilige Taufe eingesetzt, damit durch taufen und lehren die Völker zu seinen Jüngern gemacht werden, Matth. 28,19-20, und hat mit der im Glauben empfangenen, ergriffenen Taufe auch die Verheißung der Rettung verknüpft, Mark. 16,15. Die Taufe geschieht, wie Petrus in der ersten Pfingstpredigt erläutert, zur Vergebung der Sünden, Apg. 2,34, in ihr werden, wie Ananias es Saulus-Paulus erklärt, die Sünden abgewaschen, Apg. 22,16. In der heiligen Taufe wird der alte Mensch mit Christus gekreuzigt, begraben in seinen Tod, um auch mit ihm auferweckt zu werden zu einem neuen Leben, Röm. 6,3-6; Kol. 2,11-13. Sie ist die neutestamentliche Beschneidung, das heißt, sie ist an die Stelle getreten, die die Beschneidung im Alten Bund einnahm, Kol. 2,11.

    Die Taufe ist, neben dem Wort, Gottes Mittel der Wiedergeburt, wobei ja in der Taufe immer das Wort Gottes an zentraler Stelle steht, ja, die Taufe ihre Kraft allein durch Gottes Wort hat, Joh. 3,3.5; Tit. 3,4-7. All das macht deutlich, dass die Taufe keine menschliche Handlung ist, kein menschliches Bekenntnis, kein menschlicher Gehorsamsakt, sondern ein Teil des Gnadenhandelns Gottes am Menschen ist, um die Wiedergeburt zu bewirken bzw. zu bekräftigen, zu stärken.

    Aus Mark. 10,13-16 wissen wir, dass es Christi Wille ist, dass die Kinder zu ihm gebracht werden – und zwar, wie das griechische Wort in Luk. 18,15 (breephos) hervorhebt, auch Säuglinge, Armkinder, also ganz kleine Kinder, die noch nicht zu ihrem Bewusstsein (Alter der Unterscheidung) gekommen sind. Und solchen Kindern spricht der HERR das Himmelreich zu, eben weil sie glauben, denn ohne Glauben ist es unmöglich, ins Reich Gottes zu kommen. Ja, Jesus Christus geht sogar noch einen Schritt weiter, nämlich er stellt den Erwachsenen den Glauben der Kinder als Vorbild hin: Wahrlich, ich sage euch, wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht hineinkommen. (Mark. 10,15), und fordert die Erwachsenen auf, umzukehren und zu werden wie die Kinder – eben so einfältig, so unmittelbar, so ungekünstelt und ohne Vorbehalte an ihn zu glauben, Matth. 18,3. In diesem Zusammenhang sagt er auch, dass sie an ihn glauben, Matth. 18,6, und dass es nicht der Wille des Vaters ist, dass jemand von diesen Kleinen verloren werde, Matth. 18,14.

    Wie aber können die Kleinstkinder, die Säuglinge, die doch auch Fleisch, vom Fleisch geboren sind, damit Sünder, unter dem Zorn Gottes, wie also können sie gerettet werden? Wie können sie ins Reich Gottes kommen? Nun, wie ist es im Alten Bund geschehen? Im Alten Bund war die Beschneidung eingesetzt worden, um die männlichen Säuglinge in Gottes Reich aufzunehmen. Die Taufe ist an ihre Stelle getreten. Und die mit der Taufe verbundene Verheißung gilt nicht nur den Erwachsenen, sondern auch ihren Kindern, Apg. 2,34-35. Die Völker sollen ja dadurch zu Jüngern gemacht werden, dass sie getauft und gelehrt werden. Zu den Völkern aber gehören nicht nur Erwachsene, sondern ebenso Kinder. Und so haben die Apostel auch ganze Häuser getauft, Apg. 16,15.33. Bei dem Kinderreichtum der damaligen Zeit und der Tatsache, dass ein „Haus“ damals, wie schon im Alten Bund (siehe Abraham und die Beschneidung) ja mehrere Generationen sowie alle Bediensteten mit ihren Familien umfasste, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch Kinder dabei waren.

    Darum tauft die Gemeinde Jesus Christi auch weiterhin diejenigen Kinder, die in ihrem Bereich geboren, also von christlichen Eltern zu ihr zur Taufe gebracht werden bzw. von solchen, die gläubig sind und für ihre Erziehung mit verantwortlich, dass sie auch, wenn sie heranwachsen, in Gottes Wort erzogen werden können (das Lehren aus Matth. 28,19). Wir glauben dabei, dass der HERR aufgrund seiner Verheißung um der Gebete der Gemeinde willen durch sein Wort in der Taufe bei dem Säugling den rettenden Glauben weckt, der allerdings noch ein unbewusster Glaube ist. Die Taufe ist hier wahrhaft das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung des Heiligen Geistes. Es ist zugleich aber auch der erste Ruf zum Glauben, zur Nachfolge Jesu Christi. Denn die Taufe gilt allerdings, wie Röm. 6,3-6; 1. Kor. 6,11; Eph. 5,25 zeigen, nicht nur für den Tauftag, sondern hat Bedeutung für unser ganzes weiteres Leben, denn es gilt ja, dass das, was in der Taufe durch Gott gewirkt, geschenkt wurde, dann auch im Alltag entfaltet wird. Das gilt sowohl für den Glauben als auch für die Heiligung. Darum, wenn das Kind heranwächst, muss es in der Bibel Gottes und im Katechismus unterwiesen werden, damit es lernt, wer Gott ist, wie Gott ist, woher wir Menschen kommen, wie wir Menschen waren und sind – und was Gott der HERR in seinem Sohn Jesus Christus getan hat, um uns Sünder, die wir natürlicherweise ja ferne von Gott sind, vom Fluch der Verdammnis zu erretten und wie er uns diese Versöhnung Gottes, die Vergebung der Sünden, den Freispruch im Jüngsten Gericht und damit das ewige Leben, das für jeden Menschen auf Golgatha teuer blutig erkauft und vom Vater mit der leiblichen Auferweckung seines Sohnes am dritten Tage öffentlich proklamiert wurde (allgemeine Rechtfertigung, siehe 2. Kor. 5,17-21; Röm. 4,25), wie er also das uns zueignet im Evangelium in Wort und Sakrament – und wie wir es uns persönlich aneignen im rechtfertigenden Glauben. Für das heranwachsende Kind ist es also wichtig, dass aus seinem einst unbewussten Glauben ein bewusster Glaube wird, dass es lernt, warum es getauft wurde, eben weil es als Fleisch vom Fleisch geboren wurde, tot in Übertretungen und Sünden, unter dem Zorn Gottes, und daher der Wiedergeburt, der Geburt von Gott, des neuen Lebens bedurfte. Es ist wichtig, dass es mehr und mehr die Sünde als Sünde erkennt und vor allem auch zu lebendiger Erkenntnis seiner eigenen Sündenverdorbenheit und damit auch Verlorenheit ohne Christus kommt und durch das Evangelium dann Christus als seinen einzigen Retter erkennt und nun auch im bewussten Glauben für sich persönlich empfängt und ergreift und so das, was es einst in der Taufe vom dreieinigen Gott zugeeignet bekam und im unbewussten Glauben empfing, nun sich im persönlichen Glauben bewusst aneignet – und um nun bewusst, willentlich täglich neu daraus zu leben, täglich neu den alten Menschen in den Tod zu geben, auszuziehen, also gegen die Sünde zu kämpfen in Buße, Umkehr, Vergebung, und den neuen Menschen täglich anzuziehen, täglich im Glauben neu aus der Vergebung zu leben und sich seinem Heiland zu weihen. Das ist das Leben aus der Taufe, das so fort geht bis zu unserem irdischen Tod, wenn nicht Jesus Christus zuvor wiederkommt. In diesem Leben entfaltet sich das, was wir dann auch weiter in der Gnadenordnung finden. Wie im Einzelnen Gott an einem Menschen arbeitet, darüber gibt es keine Vorschriften, keine Schemata. Das aber ist allerdings Gottes Ordnung und nötig, dass jeder, der natürlich geboren wurde, auch, um ewiges Leben zu erlangen, wiedergeboren werden muss aus Wasser und Geist. Darum ist es so nötig, dass das Wort Gottes den natürlichen Menschen, auch den Getauften, in eine Krise führt, zu einem Zusammenbruch seiner natürlichen Kräfte, seines alten Ich, und so zu rechter Sündenerkenntnis und Erkenntnis der Sündenverdorbenheit und so zum rechten, bewussten persönlichen Glauben an Jesus Christus als meinem Retter. Biblisches Christentum ist Bekehrungschristentum.9 Das heißt nicht, dass jeder Mensch irgendwann aus der Taufgnade fällt, sondern, dass jeder Mensch zu klarer Erkenntnis seiner Sünden, seiner Sündenverdorbenheit und Verlorenheit ohne Christus und so zu einem persönlichen Glauben an Jesus Christus kommen muss, der, wenn er gesund ist, auch bewusster Glaube ist. Ob man nun aus der Taufgnade gefallen ist, den Taufbund gebrochen hat, oder nicht, immer geht es darum, in Buße und Bekehrung zu leben, als gläubiger Christ, der aus der Taufe lebt, nämlich in der täglichen Bekehrung oder Buße, damit der Glaube bewahrt wird.10

    Und wenn der Mensch aus der Taufgnade gefallen ist, wenn er, als er aufwuchs, nicht die nötige Unterweisung erhielt oder trotz der Unterweisung sich immer weiter in die Sünde verstricken ließ, immer mehr sich von Gottes Wort und Gebet entfernte, immer mehr unter die Herrschaft der Sünde geriet? Ja, dann hat er das, was Gott der HERR ihm in der Taufe zugeeignet hatte, allerdings verloren. Aber von Gottes Seite her ist diese Geschenk durchaus noch gültig. Und so kann und soll die Taufe dann auch wieder ein Instrument der Berufung werden, des Rufs zur Umkehr, zur Rückkehr zu dem, was er verloren hat, wie wir es sehr plastisch beim verlorenen Sohn sehen, Luk. 15,11-32. Ja, der aus der Taufgnade Gefallene ist auf seine Taufe hin anzusprechen, sowohl auf den Taufbund, den er gebrochen hat, als auch auf Gottes Geschenk, das immer noch gültig ist, so lange er, der Täufling, noch in diesem Leben steht und es wieder sich aneignen kann.

    Für den aber, der im Glauben steht, heißt es, täglich das zu entfalten, umzusetzen, zu leben, was in der Taufe grundsätzlich schon geschehen ist: den alten Menschen in den Tod geben, damit täglich der neue Mensch hervorkomme, täglich der neue Mensch angezogen werde, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott lebt, Röm. 6,3-13; Eph. 4,22-24.

 

    Gott geht aber nicht nur denen nach, mit denen er einst in der heiligen Taufe seinen Bund gemacht hat. Nein, Gott geht allen Menschen nach, denn sie alle sind seine Geschöpfe, die natürlicherweise seit dem Sündenfall fern von ihm leben, ohne Hoffnung auf ewige Rettung, unter einer ihnen oft unbewussten Herrschaft der Sünde, im Reich Satans. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zu Erkenntnis der Wahrheit kommen. (1. Tim. 2,4.) Auch ihnen geht er daher nach, um sie zum rettenden Glaube und zur heiligen Taufe zu führen.

 

 

3. Die Berufung oder des Heiligen Geistes Wirken durch die vorlaufende Gnade

3.1. Die Berufung im weiteren Sinne oder des Heiligen Geistes Wirken durch die einladende Gnade (allgemeine oder indirekte Berufung)

        Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. 1. Tim. 2,4. Darum geht der HERR uns Menschen nach und hat vielfältige Weisen, wie er den sicheren Sünder anspricht, etwa auch den, der ganz ohne Gott lebt, und sucht ihn dort, wo er ist, in seinem Alltag, seiner Familie, seinem Freundeskreis, seiner Arbeit, seiner Freizeit. Im weiteren Sinne, also ohne direkte Einwirkung des Wortes Gottes, kann der Ruf Gottes an den Sünder dringen, wenn sein Gewissen ihn anklagt, Röm. 2,14-15, oder auch, wenn er etwas von der Größe, der Herrlichkeit, der Kraft der Majestät Gottes in der Natur, etwa der Bergwelt, dem Meer, erkennt oder auch aufgrund der Erkenntnisse der Naturwissenschaften, z.B. über den wunderbaren Aufbau des Menschen oder auch nur eines Organs, wie des Auges, s.a. Röm. 1,18-20.

    Der Ruf kann aber auch auf andere Weise an dich Sünder kommen, etwa durch eine Krankheit, vielleicht sogar eine schwere Krankheit, die dich ins Fragen bringt nach dem Sinn deines Lebens, nach der Existenz Gottes. Oder du hast mit einem Todesfall in deiner Familie, deiner Verwandtschaft oder Bekanntschaft zu kämpfen, der dir zu schaffen macht, oder du hast einen Unfall oder wirst in die Arbeitslosigkeit gestoßen. Durch all diese Ereignisse pocht der lebendige Gott bei dir an, um dich zur Besinnung zu bringen, dass du aufwachst aus der Gottesferne, dass dir deutlich wird, dass du doch ohne Gott nicht leben kannst. „Der treue Gott greift den Weltmenschen an, welcher in der Finsternis der Irrtümer und Laster überaus tief steckt, sicher in den Tag hinein lebt, und nicht im Geringsten an die Abscheulichkeit seiner Sünden noch an das Elend, dem er wegen derselben unterworfen ist, gedenkt; er schlägt an sein Herz und gibt ihm wider seinen Willen und Vermuten diese Gedanken ein: ‚Was machst du? Wo willst du hin? Willst du dich denn mit Fleiß und mit ganzer Gewalt in des Teufels Rachen stürzen? Willst du denn nicht einmal für deine Seele Sorge tragen? Willst du dir denn gar nicht wder die Gerechtigkeit noch die Barmherzigkeit Gottes einkommen lassen? Ach, was ist das für ein Unglück, dass es deinem Leibe auf eine kleine Zeit wohl geht, die Seele aber ewig verderben soll? Darum so schlage doch in dich und erwähle doch lieber die Seligkeit als die Verdammnis.’“11

    Aber dieser Ruf Gottes, wenn du ihn auch hörst, führt dich noch nicht viel weiter als dahin, dass du erkennst, dass es einen lebendigen Gott gibt. Wenn die Erkenntnis weit geht, so sagt sie dir, dass er allmächtig ist, allweise und gerecht – eben die natürliche Gotteserkenntnis, wie ein jeder Mensch sie haben sollte und haben kann ohne Umgang mit der Bibel. Damit aber weißt du noch nicht, wer dieser Gott ist, du weißt auch nicht, wie er zu dir steht, wie du vor ihm stehst. Wenn dieses erste Anpochen Gottes an dein Herz nicht dazu führt, dass du ernsthaft anfängst, nach Gott zu fragen, sein Wort zu lesen oder in den Gottesdienst zu gehen oder in eine Bibelstunde, dann kann es sein, dass du auch die natürliche Gotteserkenntnis bald wieder verlierst oder aber, dass du dich als ganz gut ansiehst, weil du doch an die Existenz Gottes glaubst. Übrigens: Einen solchen Glauben hat der Teufel auch und zittert und muss doch in den feurigen Pfuhl (Jak. 2,19). Darum ist es so wichtig, dass du unter das Wort kommst, sonst bleibst du weiter in der geistlichen Finsternis.

 

3.2. Die Berufung im engeren oder eigentlichen Sinne oder die Berufung durch das Wort

    Gott der HERR will dich aber weiter führen. Sein Ruf dringt auch auf andere, entscheidendere, herausforderndere Weise auf dich ein: Etwa dass ein Freund zum Glauben gekommen ist und dir erzählt, was mit ihm geschehen ist, dich vielleicht auch einlädt, doch mit ihm den Gottesdienst, die Bibelstunde, einen Hauskreis zu besuchen. Oder du bekommst ein christliches Buch geschenkt oder jemand überreicht dir ein christliches Faltblatt, Traktat oder spricht dich darauf an, was wohl nach dem Tod mit dir sein wird, ob du bekehrt bist, wie du zu Gott stehst und entfaltet vielleicht auch schon ein wenig Gottes Gesetz anhand der zehn Gebote, Gottes Gnade anhand des zweiten Glaubensartikels. So kommt der Ruf Gottes durch sein Wort, durch die Verkündigung an dich heran und ruft dich zur Umkehr, ruft dich heraus aus deiner bisherigen Gottesferne, Gleichgültigkeit. Diese Gottesferne muss dabei nicht einmal so finster sein, dass du die Existenz Gottes bisher geleugnet hast. O, vielleicht hast du ja schon an Gott geglaubt, vielleicht hast du auch die Grundlehren des Christentums für richtig erachtet, ohne aber für dich daraus irgendeine Konsequenz zu ziehen (historischer „Glaube“). Und nun will der HERR dich wachrütteln aus deinem frommen Schlaf, dass du doch unter sein Wort kommst, dass du doch regelmäßig sein Wort liest, dass du so dich aussetzt dem Reden des HERRN durch sein Wort. Wie wirst du reagieren? Kann der Heilige Geist das erste Hindernis bei dir überwinden, deine Abneigung dagegen, in Gottes Wort zu lesen, regelmäßig darin zu lesen, es auf dich anzuwenden, auch zu beten? Oder widerstrebst du schon hier? Wenn du widerstrebst, wenn du nicht willst, wird der Heilige Geist nicht weiter auf dich einzuwirken versuchen, und das, was du schon empfangen hast an Eindrücken, wird auch wieder verloren gehen.

    Es kann auch sein, du hast sonst ein gutes Erlebnis gehabt mit Christen, vielleicht habt ihr sogar zusammen in der Bibel gelesen. Und nun sagst du dir: Es wäre doch schön, wenn ich das auch hätte. Ich will auch ein Christ werden.  Und so fängst du an, mehr oder weniger regelmäßig in der Bibel zu lesen, auch in eine Gemeinde in den Gottesdienst zu gehen, zur Bibelstunde. All das sind Wirkungen des Heiligen Geistes von außen in dir, um so die Hindernisse in dir gegen Gott, sein Wort, den Glauben zu überwinden, damit er durch das Wort an dir wirken kann. Du meinst vielleicht sogar, du seist nun schon ein Christ, seist jetzt bekehrt, wiedergeboren. Und manche werden dich darin bestärken, weil sie meinen, dass du dich doch „für Jesus entschieden“ hättest. Nun kann so etwas tatsächlich der Fall sein, dann, wenn du schon so eine tiefe Sündenerkenntnis durch das Gesetz empfangen hast, dass du dich als abgrundtief verdorbenen Sünder erkannt hast, der Gott gar nichts bringen kann, Röm. 3,20; Gal. 2,16, und du darum dich sehnst nach der Erlösung durch die Gnade Christi. Aber das ist eher die Ausnahme. Zumeist ist es so, dass du erste, noch sehr schwache Eindrücke empfangen hast, die der Heilige Geist benutzt, um eine Basis zu schaffen, damit er weiter an dir arbeiten kann. Zumeist hast du noch nicht viel Erkenntnis über Sünde, wahrscheinlich praktisch gar keine über deine abgrundtiefe Sündenverdorbenheit und damit verbundenen Verlorenheit und deshalb auch gar keine Sehnsucht nach der rettenden Gnade in Jesus Christus. Damit bist du aber auch noch nicht wiedergeboren, bekehrt. Der Heilige Geist hat dir einige erste, schwache Eindrücke, Erkenntnisse gegeben, aber grundsätzlich ist dein Verstand geistlich noch verfinstert, bist du geistlich noch tot. So lange du noch nichts von der Sünde weißt, bist du sogar noch ein sicherer Sünder, obwohl der Heilige Geist angefangen hat, dich zu erwecken. All diese Wirkungen des Heiligen Geistes sind noch nicht die Bekehrung selbst; was du nun machst, kommt nicht aus einer dir innewohnenden Kraft, sondern das sind von außen von Gottes Geist bewirkte Vorgänge. Sein, des Heiligen Geistes, Werk ist es, dass du jetzt Interesse am Christentum hast. Und in den meisten Fällen ist es tatsächlich noch nicht mehr. Du bist jetzt erweckt, fängst an, dich zu interessieren, fängst dann an, auch Gottes Wort zu lesen, zu beten und in den Gottesdienst zu gehen.

    Nun ist es ganz wichtig, dass du den Einwirkungen des Heiligen Geistes nicht widerstrebst, sondern dass er Raum hat, dass du beständig wirst im Lesen von Gottes Wort, beständig wirst im Beten, beständig auch unter das Wort in der Predigt kommst, in den Bibelkreis zu gehen, damit so der Heilige Geist durch das Wort, und zwar das Gesetz, sein nächstes ganz wichtiges Werk an dir vollbringen kann: dich durch das Gesetz zu erleuchten über deine Sünde, deine Sündenverdorbenheit und Verlorenheit ohne Jesus Christus, Joh. 16,8-11. Wiewohl es falsch wäre zu sagen, dass jeder, der in der Bibel liest, bekehrt oder auch nur erweckt sei, so kann doch umgekehrt gesagt werden: Wer gar nicht oder nur sehr sporadisch in Gottes Wort liest, wer, wie es so heißt, keinen „Zug zum Wort“ hat, der ist allerdings gewiss nicht bekehrt, er ist auch nicht erweckt, er hat den Ruf Gottes nicht angenommen. Ein solcher mag zwar getauft sein, aber er ist längst aus der Taufgnade gefallen, wenn er ohne Gottes Wort, ohne Gebet, ohne den täglichen Kampf gegen die Sünde lebt.

 

    Alles, was du so schrittweise verstehst, ist ein Gnadenakt des Heiligen Geistes, mit dem Ziel, dir die geistlichen Augen zu öffnen – wenn du ihm nicht widerstrebst. Hier sehen wir auch, wie die verschiedenen Stadien der Heilsordnung, Berufung/Erweckung und Erleuchtung, ineinander übergehen, da sie ja zwar logisch, aber nicht unbedingt zeitlich zu unterscheiden sind. Und die Berufung bzw. Erweckung will ja zur Erleuchtung führen, die zunächst nur Ausrüstung ist mit buchstäblicher Erkenntnis, erst des Gesetzes, später des Evangeliums, was zu einer gradweisen Überzeugung des Gewissens von der Wahrheit führt. Dabei bleibt die Tätigkeit des Heiligen Geistes so lange eine Tätigkeit, bei der er von außen auf dich als Sünder einwirkt, bis du durch den von ihm gewirkten persönlichen Glauben an Jesus Christus diesen nicht nur als den wahrhaften Heiland, sondern als deinen Heiland erkannt und dir angeeignet hast. Erst das ist dann die vollständige Erleuchtung.12

 

    Da, wo ein Mensch in tiefen Sünden gesteckt hat, deren Greuel ihm dann plötzlich durch Gott ganz klar vor Augen stehen, da kann es durchaus sein, dass das Heilswirken des Heiligen Geistes, seine Berufung, die Erleuchtung durch das Gesetz und die durch das Evangelium faktisch zusammenfallen, dass hier die Bekehrung tatsächlich sozusagen in einer Kürze geschieht, ohne lange Vorarbeit.

    Aber sonst ist es so, dass es ein weiter Weg ist. Dieses erste Erwecken kann durchaus mit Gefühlen, Erlebnissen verbunden sein, muss es aber nicht. Gottes Geist verwendet so etwas, wenn dies dem Sünder hilfreich ist, die ersten Widerstände zu überwinden. „Und gerade hier begeht man oft Fehler. Bisweilen denkt man, dass gerade das starke Gefühl des Auftriebs, das gewöhnlich der großen Entdeckung folgt, dass Gott mich ruft, dasselbe ist wie Christentum und christliches Leben. So lebt man von seinen Gefühlen, ja man rechnet es sich sogar zum Verdienst an, nun eine ‚erlebte’ Religiosität zu besitzen. Aber da es ja etwas so Großes und Wichtiges um das ‚Erleben’ ist, betet man nur, wenn man einen starken inneren Drang danach verspürt. Man liest gelegentlich in seiner Bibel, bleibt aber bei gewissen Lieblingsstellen stehen und erwartet, dass die liebgewordenen Gefühle beim Lesen zurückkehren. Man geht versuchsweise in die Kirche mit der Hoffnung, wieder ergriffen zu werden und seine mehr oder weniger seligen Empfindungen wieder erleben zu dürfen.

    Dies alles ist eher ein Gottesgenießen als Gottesfurcht. Es hält auch nicht auf die Dauer an. Gefühle versiegen. Man hat keine neuen Erlebnisse zu verzeichnen. Man bleibt vielleicht eine Weile wie ein missvergnügter Einspänner innerhalb der Grenzsteine des Christentums stehen. Man fühlt sich erst enttäuscht, dann verärgert und schließlich des Ganzen überdrüssig. So ist man von Gott ebenso weit abgekommen, wie man es vorher war, oft noch ein Stück weiter. Man ist bitter geworden. Man meint, mit dem Christentum fertig zu sein. ‚Das ganze ist nur Einbildung, es sind alles nur Gefühle’, sagt man. ‚Ich habe es versucht.’ Die Wahrheit ist, dass man es eben nicht versucht hat. Gott hat hier den Versuch gemacht. Aber der gerufene Mensch hat es niemals über sich gebracht, es im Ernst zu versuchen. Er hat Gott als eine Möglichkeit zum Glück aufgefasst, als Erweiterung des Freudenkontos seines Lebens, aber er hat nie die Wege gehen wollen, die Gott ihm gewiesen hatte.“13 

    Aber es kann auch ganz ohne Gefühle gehen. Es ist daher verkehrt, wenn man erwartet, dass Menschen angeben können, wann sie den Ruf zuerst empfanden. Niemand muss das wissen. Wichtig ist nur, dass Gottes Sonne über deiner Seele aufgeht. Manche wachsen von Kindheit an auf in Gottes Wort und Gebet und kommen so Schritt für Schritt, gezogen und gewirkt vom Heiligen Geist, zu bewusstem Ja zu Gottes Wort, und durch das Wort zum Gebet, zu bewusster Sünden-, Verlorenheits- und Christuserkenntnis. Bei anderen geht Gottes Berufung über einen längeren Zeitraum, ohne dass du einen besonderen Augenblick angeben kannst, wann des Heiligen Geistes Rufen und Ziehen zu einem ersten Ziel bei dir gekommen ist. Das ist auch nicht nötig. Solche Erlebnisse bedeuten an sich nichts, man soll sie auch nicht erwarten.14 Und auf die Dauer muss es sowieso ohne sie gehen. Denn sie hören auf. Und es wäre ganz verkehrt, wenn du immer wieder nach solchen Gefühlen Ausschau hältst, sie immer wieder irgendwie zu erneuern versuchst und meinst, das wäre rechtes Christsein. Nein, der rechte Glaube gründet nicht auf Gefühlen, Erlebnissen, Erfahrungen, sondern allein auf den objektiven Tatsachen und Gnadenmitteln Gottes, also seinem Wort und Sakrament. „Kein Mensch darf daher seine Gewissheit, ein Christ zu sein, auf das gründen, was er einmal erlebt haben mag. Es ist meist ein Zeichen geistlicher Oberflächlichkeit, wenn Menschen immer wieder davon sprechen, wie sie einmal ‚zum Glauben kamen’. Was sie schildern, sind sehr oft nur Ereignisse und Erlebnisse, durch welche Gott sie gerufen hat, das heißt, der erste Beginn des Werkes, das Gott mit ihnen ausführen will. Derjenige, der sich nach seiner Berufung wirklich auf Gottes Weg hat weiterführen lassen, muss entdeckt haben, dass es mit der Umkehr nicht ganz so stand, wie er damals meinte.“15 „Denn sobald die Gefühle versiegen, sind es nur Gewohnheit und Wille, die mir weiterhelfen. Deshalb lautet der klassische Rat für einen gerufenen Menschen: Sieh zu, dass du deine Erwählung festigst! Das bedeutet: Sieh zu, dass du vollkommen unabhängig von allen Gefühlen festhältst an Gebet, Bibel und Gottesdienst. Tu dies alles mit dem festen Vorsatz, Gott Folge zu leisten und, soweit du seinen Willen erkennst, ihn auch zu tun. Halte klaren Kurs, auch wenn es etwas kostet. Denn die rechte Bekehrung, der rechte Glauben gründen nicht auf subjektiven Empfindungen, sondern allein auf Gottes objektiven Mitteln, Wort und Sakrament.“ 16

 

    Wenn du dich aber durch die rufende, erweckende Gnade nicht unter Gottes Wort ziehen lässt, darin treu zu werden – was ja alles auch noch im Bereich dessen liegt, was der natürliche Mensch etlichermaßen, also nur eingeschränkt, tun kann, nämlich die Bibel lesen, sich dazu entschließen, solches zu tun, auch sich entschließen, es konsequent zu tun – aber eben nur etlichermaßen, denn es bedarf dazu der vorlaufenden Gnade, dass du tatsächlich dazu angeregt wird, dass du tatsächlich dazu gezogen wird – wenn du dich also dazu nicht ziehen lässt durch Gottes Gnade, dann ist die Gefahr groß, dass die ersten rufenden, erweckenden Anregungen, die du bekommen hast, sehr schnell wieder umkippen, wie wir es bei König Agrippa und bei Felix sehen. „Denn es können die ersten Bewegungen, als denen man gar wohl widerstehen kann, unterdrückt werden, dass die fernere Gnade nicht darauf folgt und das angefangene Werk fortsetzt, eben wie es mit Felix ging Apg. 24,25.Denn auch dieser wurde voller Furcht, in seinem Gewissen getroffen, und erschrak, als Paulus predigte, und fing an, an seine Seligkeit zu denken, und ließ zu dem Ende Paulus etliche Male zu sich rufen; allein diese Gedanken wurden von anderen Gedanken bald erstickt und ausgelöscht: Denn er hoffte, es würde ihm Geld gegeben werden von Paulus, dass er ihn losgäbe. V. 26.“17 „Eine verscherzte Berufung ist immer etwas Ernstes. Gott kann den Menschen aufs Neue berufen. Aber man darf sich nicht einbilden, dass Gott eine Art Naturkraft ist, wie festgefügtes Gnadenbehältnis, aus dem ich zu geeigneter Zeit mir das Maß der Vergebung schöpfen kann, das ich heute nicht empfangen will. Gott ist der lebendige Gott. Er handelt mit uns Menschen, er greift ein, er ruft und befiehlt. Jede Menschenseele hat ihre verborgene Geschichte mit Gott, ihre eigene Handlung. Sie kann zu Ende gespielt sein, wenn es der Mensch am wenigsten ahnt. Niemand weiß, wann der letzte Ruf ausgegangen ist. Es scheint, als ob der Mensch es jedes Mal, wenn er die Berufung von sich gewiesen hat, schwerer haben sollte, sich zu entscheiden. Er wird geistlich schwerhörig und allmählich taub. Er selbst merkt das nicht.  … Darum gilt, von der Erfahrung von Jahrtausenden bekräftigt, mit eindringlichem Ernst der Rat, der schon in der Urgemeinde galt:

    Heute, so ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht!“18

 

4. Die Erleuchtung durch das Gesetz (zerbrechende Gnade)

    Wenn ein Mensch, der zuvor völlig gleichgültig war gegen Gott und sein Wort, oder der sogar ablehnend war, aber auch einer, der vielleicht nur ein Mitläufer war, ohne für sich persönlich sich intensiver mit Gott und seinem Wort zu beschäftigen, wenn also ein solcher Mensch getroffen wird von dem Ruf Christi und nun „ein Christ sein will“, so meinen viele, besonders im evangelikalen Umfeld, solch ein Mensch „habe sich bekehrt“, „habe sich für Christus entschieden“ und sei damit wiedergeboren, das heißt, zwischen einem solchen Menschen und Gott sei nun alles klar19. Und dies umso mehr, als er doch nun auch wieder anfängt zu beten, in der Bibel zu lesen, in den Gottesdienst geht, vielleicht auch in Gemeindekreise, unter Umständen auch in Gemeindekreisen aktiv mitarbeitet. Wenn du das von dir sagen kannst, so fühlst du dich auch glücklich, denn dein Leben ist so viel reicher, erfüllter geworden, als es zuvor war. Bist du nun wirklich schon ein Christ im Sinne der Bibel, also wiedergeboren aus Wasser und Geist, bekehrt? Hier liegt ein entscheidender Denkfehler, der oftmals dazu führt, dass solche Menschen nicht weitergeführt werden, dass sie in ihrer Entwicklung stecken bleiben, nie zu rechter Sünden- und Verlorenheitserkenntnis kommen und so auch nie recht Christus als ihren Sünderheiland persönlich im bewussten Glauben für sich empfangen und sich aneignen.20

    „Tatsächlich ist er gerade erst auf den Weg gelangt, der ihn zu einem wirklichen Christentum weiterführen kann. Der erste Akt der Handlung – die Berufung – ist glücklich überstanden. Das erste Hindernis ist weggeräumt. Jetzt kann Gott eigentlich anfangen zu wirken. Nun folgt der zweite Akt: Das Erkennen, der schwerste Schritt auf dem Wege zu Gott.

    So sei es genannt, weil der Mensch nun erst langsam verstehen lernt, was die Erlösung durch Christus eigentlich bedeutet. Wenn man den Menschen befragt, z.B. über die Versuchung, hat er nur sehr wenig zu sagen oder kommt mit erlernten Antworten. Das wirklich Große und Bedeutsame aber, um das sein ganzes Interesse kreist, ist, dass Gott Wirklichkeit geworden ist. Sein Glaube findet den natürlichen Halt im ersten Glaubensartikel. Der christliche Glaube ist indessen noch reicher. Darüber wird der Mensch allmählich aufgeklärt, wenn er Gott sprechen lässt.“21

    Wenn jemand, der in einem christlichen Umfeld aufgewachsen ist, nach langen Zeiten der Gleichgültigkeit oder des Mitläufertums anfängt, den Weg zu gehen, so hat er zwar oft eine recht umfangreiche theoretische Erkenntnis, aber damit weiß er doch kaum anfangsweise etwas von Sünde.

 

    Damit sind wir bei einem der wichtigsten Werke, das der Heilige Geist an dir ausführen muss, um deinen Herzensboden, den Acker deines Herzens zu bereiten für das Evangelium Jesu Christi: Dass er dich erleuchtet durch das Gesetz, um dich so zu rechter Sündenerkenntnis zu führen durch das Wort des Gesetzes, denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde (Röm. 3,20 b). Wahrscheinlich wirst du zunächst erst die eine oder andere Sünde in deinem Leben erkennen, etwa anhand der Zehn Gebote oder der Bergpredigt. Wie wirst du reagieren? Denn hier besteht allerdings die Gefahr, dass du ausweichst, abwehrst, Ausreden suchst – und keine neue Gelegenheit bekommst. „Es fällt vielleicht schwer, bis Gott mich dazu bringt, eine ganz bestimmte Sünde zu erkennen. So lange wie irgend möglich versuche ich, sie zu entschuldigen oder mich hinter dem Rücken anderer zu verbergen. Schließlich geht das nicht mehr. Ich muss dem Gewissen und dem Wort Gottes Recht geben. Weigere ich mich, so verwelkt mein gesamtes geistliches Leben. Hier gilt es nun, beim Lesen der Bibel wach und aufrichtig zu sein.“22 Wenn du aber dem Heiligen Geist nicht widerstehst, so wird er in dir wirken, dass du anfängst, gegen die erkannte Sünde zu kämpfen. Aus einem sicheren Sünder ist, wenn man es so nennen will, ein erweckter Sünder geworden, einer, der weiß, dass er Sünde hat, und dem das nicht gleichgültig ist. Und du wirst auch Erfolge haben in deinem Kampf. Ja, auch der natürliche Mensch kann mit seinen natürlichen Kräften, noch dazu angeregt durch den Heiligen Geist, allerdings auch die äußeren Auswirkungen der Sünde eindämmen. Auch deine Mitmenschen werden unter Umständen feststellen, dass du vielleicht nicht mehr so fluchst oder lügst oder vielleicht auch versuchst, gewissenhaft zu sein, nicht zu betrügen oder woran du nun arbeitest. Da ist es nun aber auch wichtig, dass du dran bleibst und den Heiligen Geist weiter wirken lässt.

    „Wer gerade eben den entscheidenden Schritt getan hat, hat eine ausgeprägt moralische und gesetzliche Auffassung vom Christentum. Es ist, als könnte er nur Gottes Gebote und Forderungen empfangen. Er hat größeres Interesse für das, was wir für Gott tun sollen, als für das, was Gott für uns in Jesus Christus getan hat. … Er will stählerne Predigten mit zündenden Aufrufen. Er will unerschrockenen Alarm zum Kampf gegen das Böse und gegen die Verleugnung. … Am liebsten singt er die Kampflieder der Christenheit.

    Entschlossen bekämpft er die Sünde in seinem eigenen Leben.“23

    Dieses Erkennen, wie schon oben ausgeführt, wird durch den Heiligen Geist durch das Wort, dann auch durch das Evangelium, bewirkt, und ist zunächst eine schrittweise Ausrüstung, eine zunächst Stück für Stück wachsende buchstäbliche Erkenntnis der biblischen Lehre. Der Heilige Geist wirkt dabei immer noch nur von außen auf dich Sünder ein – und in dem Moment, in dem du ihm widerstrebst, wird er auch sogleich aufhören, weiter auf dich einzuwirken. Nur wenn er weiter an dir wirken kann, wird es schließlich, durch das Evangelium, dahin kommen, dass du Jesus Christus als deinen persönlichen Heiland in dem vom Heiligen Geist gewirkten Glauben erkennst und ergreifst. Sofort mit dieser vollständigen Erleuchtung wohnt dann auch der Heilige Geist in dir Sünder als der Geist der Kindschaft, was dann auch identisch ist mit deiner Wiedergeburt, Bekehrung. Und dann wird auch dein Wille sogleich Gottes Wort untertan, was vorher noch nicht wirklich möglich ist.24

 

    Nun aber muss das Einwirken des Heiligen Geistes in der Erleuchtung durch das Gesetz unbedingt weitergehen. Denn du stehst allerdings in einer großen Gefahr: Nämlich in der Gefahr, dass du selbst dich bekehrst, und zwar von einem sicheren Sünder, der den Weg der Welt, den ganz breiten Weg geht, zu einem frommen Sünder, einem Menschen, der in eigener Anstrengung versucht, ein anständiges Leben zu führen und dabei dann meint, wie der Pharisäer Luk. 18,9-14, dass er so doch vor Gott etwas sich verdient habe, dass er so doch Gott etwas bringen könne, ja, dass Gott diese seine Bemühungen doch anerkennen müsse. Du wirst dich vielleicht sogar als einen guten Christen sehen, eben weil du dich jetzt so bemühst, anständig zu leben, Gottes Gesetz zu erfüllen, und auch den Eindruck hast, dass es dir doch leidlich gelingt. Es wäre furchtbar, wenn du in dieses Fahrwasser geraten würdest, weil du dir und anderen dann etwas vormachst, weil du dich selbst betrügst und in dem Wahn leben würdest, bekehrt zu sein, tatsächlich aber bist du immer noch in schrecklicher Finsternis, weil du die Tiefe und Furchtbarkeit der Sünde gar nicht erkannt hast, noch weniger aber Christus und seine Gnade, sein Erlösungswerk. Denn eigentlich brauchst du ja, nach deiner Haltung, Christus gar nicht.

    So muss der Heilige Geist, wenn er dich durch das Gesetz erleuchtet, nicht nur das zweite bedeutende Hindernis, den Widerwillen des natürlichen Menschen überwinden, seine Sünden zu erkennen, sich als Sünder zu sehen, sondern er muss auch  an deinem Herzen und Sinn in der Hinsicht arbeiten, dass du nicht in eine moralistisch-pharisäische Frömmigkeit verfällst und so letztlich zu einem Heuchler wirst und aus dem christlichen Glauben nur eine neue Moral, ein neues Gesetz machst, in dessem Zentrum dann eben nicht Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, 1. Kor. 2,2, steht, sondern tatsächlich du selbst mit deinen Anstrengungen.

    Darum ist es so wichtig, dass der Heilige Geist, nachdem er dich aus einem sicheren zu einem erweckten Sünder gemacht hat, der wirklich Sünde erkannt, nun weiter wirken kann, und zwar zunächst dahingehend, dass du die Sünde auch tatsächlich als solche anerkennst, also Reue, das ist Traurigkeit, Leid über die Sünde hast, nicht einfach über sie hinweg gehst. „Das zweite ist, über die Sünde Reue zu empfinden. Eine höfliche Entschuldigung reicht vor Gott  nicht aus. Reue ist stets wirkliche Traurigkeit darüber, dass ich Gott entgegen gehandelt habe. Es ist aber wichtig, sich bewusst zu werden, dass die Betrübnis über die Sünde bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Gestalt hat. Wenn man versucht, ein bestimmtes Maß an Kummer zu erzwingen, führt das nur zur Künstlichkeit und Unehrlichkeit. … Es ist ganz und gar nicht sicher, dass einer bekehrt ist, wenn er es fertig gebracht hat, Strömen von Tränen zu vergießen. Die Neigung, über die Sünde zu jammern, kann zudem eine gefährliche Form geistlicher Prahlsucht sein. Man gefällt sich in seiner Erbärmlichkeit, anstatt sie entschlossen zu bekämpfen.

    Das sicherste Zeichen aufrichtiger Reue ist nie allein die Traurigkeit über die Sünde ohne das starke Verlangen, von ihr befreit zu werden. Ein reuevoller Mensch vermeidet nicht nur die Sünde selbst, sondern auch das, was unsere Väter Gelegenheiten zur Sünde nannten, das heißt alles, was zu einer Versuchung an den Punkten werden kann, an denen ich aus Erfahrung meine Schwächen kenne: bestimmte Bekanntschaften, Lektüre, Vergnügungen oder Erwerbsquellen. Hier darf man nun nicht mit der Ausrede kommen, dass man auch eine missionarische Verpflichtung hat und unter die Menschen gehen muss. Man kann nämlich nicht in einer solchen Umgebung, wie sie hier gemeint ist, ohne den Glauben, der die Welt überwindet, Mission treiben – noch aber hat man diesen Glauben nicht.“25

    Dann aber muss der Heilige Geist an dir arbeiten, dass du in deinem Kampf gegen die Sünde mit ganzem Ernst dabei bist, damit du so mehr und mehr feststellen musst: Äußerlich kann ich der Sünde wohl in gewissen Schranken Einhalt gebieten, kann auch die Begierden in Zaum halten, aber eben: Diese Begierden, die bösen Lüste sind noch da. Im Herzen ist die Sünde immer noch vorhanden. Es rumort immer noch ganz kräftig in dir – denn die Wurzel der Sünde im Herzen kannst du nicht ausrotten. Du kannst zwar ihren äußeren Ausbruch verhindern, du kannst freundlich, gütig sein, kannst auch bestimmte Orte, Lektüren, Seiten im Internet usw. meiden – und doch bemerkst du einen bestimmten Zug zu diesen Dingen in deinem Herzen, mal stärker, mal schwächer, mal ist er für einige Zeit vielleicht gar nicht da, dann bricht er wieder stärker hervor. Welchen Bereich das betrifft, das ist bei den Menschen durchaus unterschiedlich. Es geht hier vor allem um die Charakter-, die Gewohnheits- und besonders die Schoß- oder Lieblingssünden. Gerade mit letzteren haben wir es besonders schwer. Einerseits wollen wir sie auch los sein, andererseits ist immer ein gewisser Hang zu ihnen da, ein gewisses Verlangen nach ihnen, selbst bis hin zu einer Freude an ihnen. Da begreifst du, dass Sünde nicht nur eine Tat ist, sondern auch schon die Begierde, die böse Lust – und ein Zustand. Du erkennst so immer deutlicher, dass die Sünde nicht etwas ist, das du wie einen Stecker herausziehen kannst. Du kannst sie nicht wie mit einem Tastendruck einfach löschen oder wie eine Festplatte dein Inneres wieder ganz leer machen. Nein, du erkennst vielmehr, wie tief die Sünde in dir drin steckt, dass sie tief in deinem Herzen verwurzelt ist, dass du nicht dagegen ankommst, sondern vielmehr durch und durch abgrundtief verdorben bist. Und so begreifst du, dass du selbst dich nicht wirklich bessern, zu einem neuen Menschen, machen kannst. Äußerlich schon, gewiss, aber nicht, was dein Herz angeht. Da ist der alte Mensch immer noch da (und wird auch dableiben, bis du stirbst; denn, wie auch Römer 7 anzeigt, auch der wiedergeborene Christ ist und bleibt Gerechter und Sünder zugleich (simul iustus et peccator)). „Ich will rein sein, absolut rein, aber ich entdecke, dass ein unreiner Geist in meinem Inneren wohnt, der mich verhöhnt und plagt und den ich nicht austreiben kann. … Er ist ein Teil meines eigenen Wesens, das ist die unheimliche Wahrheit.“26

    Und wenn du nun nicht widerstrebst, wenn du nun dich nicht gegen diesen allerdings sehr tiefgehenden Schnitt des Heiligen Geistes dich aufbäumst, sondern er dich auch hier überwinden und weiter an dir von außen wirken kann, wenn du so auch dem Wort Recht gibst, das dir sagt, dass auch diese böse Lust Sünde ist, nicht nur die Tat, sondern schon die Lust, der böse Gedanke, die Begierde – Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz. Denn ich wusste nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: Lass dich nicht gelüsten! Röm. 7,7, dann führt dich der Heilige Geist durch das Gesetz zu dem Punkt, an dem du erkennen musst: Ich bin ja nicht zu einem Sünder dadurch geworden, dass ich gesündigt habe, sondern vielmehr sündige ich, weil ich ein Sünder bin, seit meiner Zeugung. Wie David wirst du dann sprechen: Ich bin aus sündlichem Samen gezeugt, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen. Ps. 51,7. Und du wirst dann zustimmen, was der HERR nach der Sintflut über uns Menschen sagte, über einen jeden von uns: Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. 1. Mose 8,22; und wirst mit Hiob bekennen: Wer will einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist? (Hiob 14,4) Mit David wirst du dann beten: Gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht. (Ps. 143,2) „Wer nur seine Tatsünden, seine Sünden in Gedanken, Worten und Werken kennt, nur auf diese blickt, mit diesen ringt und nicht durch die Forderungen des Gesetzes in den unreinen Schlamm seiner Natur danieder sinkt und hierüber in Not gerät – der Mensch macht eine oberflächliche Heuchlerbekehrung – er bekehrt sich wohl, aber nur von einem freieren Weltwesen zu seiner eigenen Frömmigkeit und wird ein Pharisäer. Ja, wer zwar auch die Bosheit der Natur, des Herzens Verderben und Unreinigkeit kennt, aber nur zur Wachsamkeit, zum Gebet, zum Streite, zur Entsagung, zur Gottesfurcht flieht und nicht an alledem verzweifelt, sondern auf Sieg hofft und immer wieder hofft und sein Auge darauf richtet, seinen Trost und seine Zuversicht setzt, der wird auch nur ein Pharisäer.“27

    „Wir haben von dem eigentlichen Zweck des Gesetzes gesprochen, nämlich uns die Sünde zu zeigen und den Mund zu stopfen, so dass wir alle vor Gott schuldig dastehen. Trotzdem gibt es … unzählige Menschen, die das Gesetz zu einem Erlösungsweg machen und mit seiner Hilfe versuchen, gerecht und selig zu werden. Das kann nur unglücklich enden. Einige werden grobe Pharisäer, die man leicht erkennt. Andere werden Pharisäer der feineren Art.

    Diese wissen genau, dass man nicht gerecht wird durch die Werke des Gesetzes, wie Paulus sagt. Sie wollen auch gar nicht diesen Weg einschlagen. Und doch landen sie da. Als Erweckte fingen sie an, Errettung zu suchen, indem sie Gottes Wort lasen, beteten, der Welt und den Sünden entflohen. Sie merkten, dass sie anders wurden als früher und dankten Gott dafür. Sie hatten das unglückliche Glück, Trost und Frieden in ihrer Besserung zu finden. Wie konnte das geschehen?

    Vielleicht waren sie niemals in Wahrheit erweckt? Sie waren nur von der Gefahr überzeugt, auf dem breiten Weg zu wandern und da schlugen sie einen anderen ein. Wenn sie nur einen anderen Weg gingen als die Welt im Allgemeinen, meinten sie, dann wäre alles in Ordnung. Sie legten einige Sünden ab und änderten ihre Lebensweise, aber sie verstanden nicht, dass Gott das Herz ansieht. Sie verstanden auch nicht, was das ist, wiedergeboren zu sein, sondern sie begnügten sich damit, ihr Leben in gewissen Dingen zu ändern. Und wenn sie nicht recht zufrieden mit sich selbst waren, dachten sie: Die Christen haben auch ihre Fehler, und Gott ist ja gnädig.

    Hier und da fingen sie auch an, mit dem Gesetz zu feilschen: Gott kann  nicht das Unmögliche verlangen! Auf diese Weise steckten sie selbst den Weg ab und setzten das Ziel so niedrig, dass sie dem entgingen, ‚vor Gott schuldig zu sein’. … Das ist in kurzen Zügen die falsche Bekehrung. …

    Luther sagt in einer Predigt: ‚Die wahre Reue und Buße fängt an, wenn das Gewissen wirklich anfängt zu nagen und dich zu quälen, und das Herz gar ernstlich den Zorn und das Gericht Gottes fürchtet, nicht nur um der offenbaren groben Sünden willen, sondern auch wegen der starken Bande, die du an dir siehst und fühlst, nämlich eitel Unglaube, Verachtung und Ungehorsam gegen Gott … sie erstreckt sich über deine ganze Person und deines ganzen Lebens Wandel und Wesen, ja, über deine ganze Natur und zeiget dir, dass du unter Gottes Zorn liegst und zur Hölle verdammt bist.’“28 „Wenn ein Gesetz gegeben wäre, das da könnte lebendig machen, käme die Gerechtigkeit wahrhaftig aus dem Gesetz (Gal. 3,21) und dann wäre Christus vergeblich gestorben (Gal. 2,21). Wenn das Gesetz nicht dein Herz trifft, sondern nur dein äußeres Leben, dann kannst du in deinen und in anderen Augen wohl fromm werden. Aber das ist die Frömmigkeit des Pharisäers.“29 „Kommt er nicht, während es noch übel mit ihm bestellt ist, während er noch nicht den beabsichtigten Sieg gewonnen hat, sondern noch in seinem Elende danieder liegt – kommt er nicht, während er noch in diesem Elend ist, zu Christus, zur Gnade, zum Troste und zur Seligkeit, so wird er nie ein rechter Christ, sondern entweder ein betrogener Werkheiliger, der in seiner Bekehrung und Gottesfurcht Trost gefunden hat, oder auch ein ermüdeter Sklave, der alles aufgibt, in seine Sorglosigkeit zurückfällt oder in Verzweiflung und Verdammnis endet. … Der Fehler bei allen diesen ist der, dass sie sich nie sagen lassen – oder es wird ihnen nie recht gesagt -, was die rechte Bekehrung ist, was das rechte Werk des Gesetzes und dessen eigentlicher Endzweck und Absicht ist.30

 

    Wenn der Heilige Geist das bei dir erreicht hat, dass du die Sündenverdorbenheit deines Herzens erkannt hast, dann ist er mit dem Gesetz zu seinem großen Ziel gekommen: Du hast erkannt, dass du durch und durch Sünder bist, abgrundtief verdorben, dass du Gott wirklich nichts, gar nichts bringen kannst, sondern nur als ein Bettler vor ihm stehen kannst, Matth. 5,3. Damit aber hast du auch mit Schrecken festgestellt, dass du dann ja allerdings vor Gottes Gericht elendig verloren bist, gerechterweise unter Gottes Zorn und Verdammungsurteil stehst und dem nicht entkommen kannst. Denn das ist ja das Ziel der Erleuchtung des Gesetzes: Dass du nicht nur einzelne Sünden erkennst, sondern dich selbst als einen abgrundtief verdorbenen und verlorenen Sünder; dass so alle Mauern der Selbstgerechtigkeit, der Selbstliebe, der eigenen Kraft zerschlagen werden und so dein alter Mensch, dein altes stolzes Ich zerbrochen wird, du ein geängstetes und zerschlagenes Herz und Gemüt bekommst, Ps. 51,19; 34,19: Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten. … Der HERR ist nahe bei denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die zerschlagenes Gemüt haben.

    Dann ist aus dem erweckten Sünder, der Sünden in seinem Leben erkannt hat, ein verzweifelter, ein zerbrochener Sünder geworden, der seine abgrundtiefe Verdorbenheit und Verlorenheit erkannt hat – und nun verzweifelt und sehnsüchtig nach einem Retter Ausschau hält und dann mit dem Zöllner schreit: Gott, sei mir Sünder gnädig! (Luk. 18,13) Es ist ja normalerweise so, dass du ja nicht nur das Gesetz hörst, sondern auch das Evangelium von Jesus Christus. Und je stärker das Gesetz bei dir zum Ziel kommt, umso süßer und köstlicher wird dir, wenn du dem Heiligen Geist nicht widerstrebst, auch das Evangelium werden. Wenn nun das Gesetz sein Ziel erreicht hat und du zerbrochen bist unter seinen Hammerschlägen und lechzt nach der Gnade in Christus, so wisse: Schon die Sehnsucht nach der Gnade, dem Heil, der Rettung durch Jesus Christus ist der erste Funke des rechten Glauben, schon dann bist du tatsächlich neu geboren, bekehrt worden.

    Durch die Hammerschläge des Gesetzes, mit dem der Heilige Geist die Mauern der Selbstgerechtigkeit, der Selbstliebe, des Stolzes, des Eigenwillens zerschlägt, wird dir auch die Sünde recht sündig, dass heißt, du begreifst sie immer mehr in ihrer Scheußlichkeit, in ihrem Schmutz, bekommst immer mehr Abscheu vor ihr, willst sie gerne los sein, würdest gerne gereinigt werden, Ps. 51,4.9. Es ist dir mehr und mehr leid, was du getan hast, wie du bist, wie es in deinem Herzen aussieht. So wirkt der Heilige Geist in dir die Anfänge der Reue, des Leides über die Sünde, das, was wir auch mit Buße bezeichnen. Immer deutlicher wird dir, dass Gottes Zorn, Gottes Strafe über die Sünde völlig gerechtfertigt ist. Vor allem: Du erkennst, dass du Gott wirklich nichts, gar nichts, überhaupt nichts bringen kannst. Nichts, überhaupt nichts hast du, was vor ihm bestehen könnte, was du ihm vorbringen könntest. Nur mit Sünden beladen stehst du vor ihm.

    Ja, das ist ein furchtbarer Schlag, wenn so ganz und gar das alte Ich zertrümmert wird, wenn dein eigenes, altes Leben sterben soll. „Jetzt ist im Ernst die Krisenzeit für das Glaubensleben des Menschen eingetreten. Nun gehört wirklich Selbstüberwindung dazu, die Bibel zu lesen. Man glaubt ja, nur immer neue Beweise dafür zu finden, dass man nicht dazu taugt, ein Christ zu sein. Man schämt sich fast, zu Gott zu beten. Man hat doch so viele Male um Vergebung und Kraft zum Sieg gebeten, dass man es kaum über sich bringen kann, es noch einmal zu tun. Gleichzeitig sät der Versucher einen verborgenen Groll gegen Gott in das Herz, weil er mir nicht zum Siege verhilft, wo ich doch rein und gerade leben will. Es keimt in der Seele ein beginnendes Misstrauen gegen Gott, murrender Zweifel, ob er wirklich lebt und in das Leben eines Menschen eingreifen will.

    Gerade an diesem Punkt haben es viele suchende Menschen aufgegeben. … Es stellen sich Nachlässigkeit und Versäumnis beim Bibellesen und beim Gebet ein. Wenn die Stellung dann hinreichend unterminiert ist, stellt der Seelenfeind eine Falle, und ehe man recht versteht, wie es zugeht, hat man sich in einer offensichtlichen Sünde verstrickt. So ist man in völligem Dunkel gelandet und verwirft in voller Verzweiflung oder trotziger Bitterkeit das ganze Christentum. … Sie glauben, es mit dem Christentum versucht zu haben, und es ist nicht leicht, sie zur Einsicht zu bringen, dass das, womit sie es versucht haben, nicht Christentum, sondern der falsche Erlösungsweg der Werke ist, der für jeden ehrlichen Menschen enden muss, wie er für Paulus endete: Mit dem Notruf aus dem siebenten Kapitel des Römerbriefes.“31 (Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?)

    „Sie wissen, dass sie gänzlich versagt haben, aber sie wissen auch, dass das Christentum mit seinen Forderungen vollkommen recht hat. … Man will Christ sein, aber man kann es nicht. Es ist eine Qual für die Seele.“32

    „Allen solchen Menschen muss nun klar und eindringlich gesagt werden: Denke daran, dass auch das ein Teil des Werkes Gottes ist. Was du jetzt erlebst, haben alle wirklich bekehrten Christen vor dir durchmachen müssen. Unsere Väter nannten es Erweckung, und sie wussten haargenau, was für eine schwere Zeit das ist. Sie ist schwer – und doch hast du Grund, dich zu freuen. Hier kann ein Seelsorger mit Freude und Nachdruck sagen: Gott segne dich! Was mit dir geschehen ist, beweist, dass Gott wirklich bereit war, sein Werk an dir fortzuführen. Dass Freude, Auftrieb und Kraft, die du anfangs spürtest, nun gewichen sind und diesem demütigenden Erlebnis deines eigenen Unvermögens Platz gemacht haben, das ist kein Rückschritt in deinem Christentum, sondern ein großer Schritt vorwärts. Weil du wirklich auf die Berufung gehört hast und wirklich mit Gott etwas zu tun hast, deshalb musstest du das erleben. Nun hast du verstanden, was du sonst nie und nimmer gelernt hättest, nämlich was es heißt, ein Sklave unter der Sünde zu sein. Nun ahnst du vielleicht, dass wir wirklich erlöst werden müssen. Damit bist du tatsächlich bis vor die Pforte des Himmelreiches gekommen. … Wenn Gott dich gedemütigt hat und dich hat einsehen lassen, wie wenig du selbst vermagst, so deswegen, damit du endlich einmal erkennst, was Gott für uns getan hat. … Nun bete weiter und gebrauche das Schriftwort, lies aber nicht nur die letzten Kapitel bei Paulus und höre in der Predigt nicht nur die Appelle, sondern vertiefe dich endlich ernsthaft in die Botschaft von der Versöhnung. An ihr hängt letzten Endes alles für uns. … Schließlich wird dir klar werden, dass die Grundlage unseres Christentums, unseres Bundes, den der lebendige Gott mit uns in der Taufe geschlossen hat, wirklich nicht unsere Rechtfertigung, unsere Besserung oder unsere Erfüllung seiner heiligen Forderungen ist, sondern Gottes unbegreifliche Barmherzigkeit, seine unverdiente Gnade und die Versöhnungstat unseres Herrn Jesus Christus auf Golgatha.“33

    „Nun wissen wir, dass das Gesetz uns zum Schweigen bringen soll, um die ganze Welt als schuldig vor Gott zu entlarven.

    So fasst Paulus an der berühmten Stelle im Römerbrief (3,19) die Erfahrungen zusammen, zu welchen jeder ehrliche Christ während seiner fruchtlosen Bemühungen, vor Gott unschuldig zu bleiben, gelangt. Und er fügt hinzu: Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.

    Daran mag man sich erinnern, wenn man im schweren Kampf der Bekehrung steht. Es ist nicht nur Niederlage, wenn es mir misslingt, Gottes Gebote zu erfüllen. Es ist auch ein Stück von Gottes eigenem barmherzigen Werk. Er lässt das geschehen, um mich von meinem Hochmut zu heilen und um mir etwas Besseres als die prächtige pharisäische Eigengerechtigkeit zu schenken.“34

 

    Darum: Weiche nun nicht aus, rede dir nun nicht ein, dass Gott es schon nicht so schlimm betrachten werde, dass er schon nicht zu streng richten werde. Bedenke: Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen. (Hebr. 10,31) Meine auch nicht, dass du zwar einiges an Sünde hast, aber dass doch da andere seien, die wesentlich schlimmer seien. So arg würde es also gar nicht mit dir stehen. Vor allem: Verzweifle nun nicht in der Weise, dass du dir dann sagst: Wenn es wirklich so schlimm mit mir steht, dann lässt sich sowieso nichts mehr machen. Dann bin ich eben so – und lebst dann erst recht in Sünden dahin. All das, was der Heilige Geist schon an dir gewirkt hat, all das, was du schon an Erfahrungen mit seinem Reden und Handeln an dir gemacht hast, alles wäre dann umsonst gewesen, alles würde, so kurz vor dem Ziel, dahinfallen. Nein, beuge dich unter das Urteil der hohen Majestät Gottes, rebelliere nicht, sondern rufe mit dem Gefängniswärter in Philippi: Liebe Herren, was soll ich tun, damit ich gerettet werde? (Apg. 16,30) Dann wirst du das köstliche, befreiende Evangelium hören: Glaube an den HERRN Jesus Christus, so wirst du und dein Haus gerettet. (Apg. 16,31)

 

5. Die Erleuchtung durch das Evangelium (rettende oder bekehrende Gnade)

    Bei all dem, was bisher über das Gnadenwerk des Heiligen Geistes am Menschen gesagt wurde, über Berufung, Erweckung, Erleuchtung durch das Gesetz, dürfen wir eines nicht vergessen: Der Mensch, von dem wir sprechen, ist geistlich immer noch tot. Er mag zwar aus dem Sündenschlaf erwacht sein in sofern, dass er nun kein sicherer Sünder mehr ist, sondern ein erweckter Sünder wurde, schließlich hoffentlich auch ein verzweifelter oder zerbrochener Sünder – aber so lange er noch nicht wirklich durch das Evangelium bekehrt, wiedergeboren wurde, liegt er immer noch im geistlichen Todesschlaf. All das, was wir bisher betrachtet haben, sind Gnadenwirkungen, die auf die Bekehrung abzielen, eben dadurch, dass Gott durch sein Gesetz dem Menschen die Augen öffnet und ihm sein Verderben und seine Verdammlichkeit vor Augen stellt, ihn auch mit Schrecken vor Gottes Gericht und mit einer gewissen Betrübnis über seinen Sündenstand erfüllt. Es kann sogar sein, dass der Mensch schon mit dem Evangelium bekannt gemacht wurde und ein gewisses natürliches Wohlgefallen an ihm gefunden hat, vor allem an der Liebe Christi – aber all das ist noch nicht die Bekehrung, sondern zielt nur auf die Bekehrung ab. Wenn du also diese Wirkungen des Handelns Gottes an dir bemerkst, so freue dich, denn du bist dann einer, den Gott bekehren will. Aber vergiss zugleich nicht: All das, was du an dir bemerkst und verspürst, auch all dein Erschrecken über die Sünde, deine Traurigkeit über die Sünde, dein Kämpfen gegen die Sünde, sind wohl von außen, vom Heiligen Geist, gewirkte Bewegungen und Vorgänge, aber doch noch nicht Äußerungen eines neuen Lebens. Daher, so notwendig sie auch sind, vor Gott sind sie noch nichts geistlich Gutes, auch nicht etwas, das du aus innewohnender Kraft, Drang selbsttätig von dir her verrichten könntest, denn dazu wirst du erst fähig, wenn dir durch die Bekehrung geistlich wiedergeboren und dadurch mit neuem geistlichen Leben, göttlicher Liebe, göttlicher Reue und Traurigkeit, wie auch gottgewirktem Vertrauen auf die Erlösung in Christus ausgerüstet bist.35 Es darf bei dieser Betrachtung aber auch nicht vergessen werden, dass wir hier allein von logischen Aufeinanderfolgen sprechen. Es kann durchaus sein, dass im Zusammenhang mit der Erleuchtung durch das Gesetz, wenn wirklich die Mauern der Selbstgerechtigkeit gefallen sind, du auch Christus durch das Evangelium klar als deinen Retter schon erkannt und im herzlichen Glauben ergriffen hast. Auch die rechte Erweckung zielt ja schon auf die Bekehrung. Es geht bei der Erleuchtung durch das Gesetz auch nicht darum, dass die deine Sündenverdorbenheit in aller Tiefe und Breite schon erkennst, sondern in soweit, dass du erkennst, dass du Gott nichts, gar nichts bringen kannst, sondern völlig und ganz auf Gnade angewiesen bist. Auch der Christ wird in der Erkenntnis seiner Sünden und Sündenverdorbenheit weiter wachsen.

 

    Damit aber kommen wir nun zum Zentrum, zum Kern des Rettungshandelns Gottes an dir, nämlich zur frohen Botschaft, zum Evangelium von Jesus Christus, von dem auch der Apostel Paulus den Korinthern schrieb: Ich hielt mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch außer allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. (1. Kor. 2,2) Alles das, was wir bisher betrachtet haben, all diese Stadien sind die Vorbereitung darauf, damit dein Herz recht zubereitet, recht erweicht wurde, aufnahmefähig für diese Rettungsbotschaft, so, wie der Bauer den harten Boden erst pflügen muss, um ihn aufnahmefähig zu machen für den Samen, der ja sonst auf harten Boden fallen und zertreten werden würde.

    Darum ist es so notwendig, dass dein Herz zubereitet wurde, dass du dich recht als einen abgrundtiefen und daher verlorenen Sünder erkannt hast, der Gott nichts, aber auch gar nichts bringen kann. Wie köstlich, wie süß wird dann deinem Herzen die frohe Botschaft klingen, deinem Herzen, das sich so sehnt nach einem Ausweg aus dem Verderben, aus der Verdammnis. „Wer aber seine Sünde nicht erkennen lernt, kann auch keine Erlösung von ihr suchen, sondern wird schließlich ‚in seinen Sünden sterben’. Bei aller Erkenntnis und Klugheit und alles Glauben an Gottes Wort ist es unmöglich, dass jemand Jesus recht annehmen kann, ohne die Sünde so zu fühlen, dass er ‚durch das Gesetz getötet wird’. Erst dann kann er in Christus lebendig und ein neuer, aus Gott geborener Mensch werden.“36 „Den wahren Glauben – was nicht dasselbe wie ‚Glauben an Gott’ ist, auch nicht ein Vertrauen darauf, dass ich mich entschieden oder dass ich meine Sünden bekannt und mich gebessert habe, sondern ein Sich-Verlassen ganz allein auf den Erlöser, der sich selbst als Lösegeld für meine verlorene Seele dargebracht hat – diesen Glauben bekomme ich erst, wenn Gott alles Stück um Stück bei mir selbst zusammenbrechen ließ, woran ich von Natur aus lieber als an den Erlöser glauben würde.“37 So lange du aber noch Trost in dir selber hat und große Hoffnungen auf den Fortschrift deiner Besserung, so magst du zwar geistlich erweckt sein, magst auch geistliche Entdeckungen machen, geistliche Vorsätze haben – und doch ist es noch nicht der Glaube. Es fehlt noch der Tod des alten Ich, das Zerbrechen aller Selbstgerechtigkeit, aller eigenen Kraft, eigenen Anstrengung vor Gott.38  Und sobald du wahrhaft zu einem verzweifelten, einem durch das Gesetz zerbrochenen Sünder geworden bist, ist es ganz wichtig, dass du gleich das Evangelium hörst und es immer heller hineinleuchtet in dein Herz.39

    Was aber ist das Evangelium, die frohe Botschaft? Da geht es nicht um irgendwelche Gefühle, nicht um irgendwelche Erlebnisse, sondern es geht um die von Christus errungenen objektiven Tatsachen, die da sind, unumstößlich da sind – und bereit sind für jeden Menschen, der über diesen Erdboden geht. Es geht um das, was Jesus Christus für einen jeden Menschen, und damit auch für dich, getan hat. „Hier sehen wir, was das Evangelium ist. Viele glauben, das Evangelium sei ein Versprechen. Es ist aber die Nachricht von einem Versprechen, das schon eingelöst ist. Das Evangelium spricht nicht von dem, was geschehen soll, sondern von etwas, das schon geschehen ist, etwas, was da ist, ob wir es annehmen oder nicht.

    Es gibt viele, die denken, dass Gott versöhnt werden soll, und dass man versuchen muss, die Sünde zu beseitigen. Aber Gott ist versöhnt, die Sünde ist getilgt. Wenn wir nur glauben könnten, dass alle Sünden der Welt, auch die, die uns gerade jetzt plagen, in Christi Tod ausgelöst, durchgestrichen, in die Tiefe des Meeres versenkt sind! Gott ist schon versöhnt und die ewige Gerechtigkeit ist gekommen.“40 Bedenke: Er ist um unseretwillen, gerade auch um deinetwillen Mensch geworden, um für uns Menschen, auch für dich, dem Gesetz unterworfen zu werden, es für uns, auch für dich, stellvertretend zu erfüllen: Da aber die Zeit erfüllt ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste, dass wir die Kindschaft empfingen. (Gal. 4,4-5) Und er hat das Gesetz erfüllt, ganz und gar, ohne Ausnahmen, weshalb er auch seine Feinde, die Juden, fragen konnte: Wer unter euch kann mich einer Sünde zeihen? (Joh. 8,46) Und Petrus schreibt von ihm: Welcher keine Sünde getan hat. (1. Petr. 2,22) und Paulus: Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht. (2. Kor. 5,21).

    So hat Christus also durch seinen Gehorsam stellvertretend für einen jeden von uns das Gesetz erfüllt – stellvertretend, denn er selbst, der doch nicht Geschöpf ist, sondern der Schöpfer, wahrer Gott von Ewigkeit, Joh. 1,1-3, er brauchte das für sich nicht – so dass der Gesetzesforderung Gottes einmal für alle Genüge getan wurde. Denn was das Unvermögen des Gesetzes anlangt, dieweil es schwach war durch das Fleisch, so hat Gott, indem er seinen Sohn sandte in der Ähnlichkeit [Gestalt] des sündigen Fleisches und um der Sünde willen, die Sünde im Fleisch verurteilt, damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist. (Röm. 8,3, Übersetzung von Georg Stöckhardt, in: Commentar über den Brief Pauli an die Römer. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House. 1907. S. 348) Aber nicht nur das. Nein, er, der Reine, der Sündlose, der einzige, der jemals das Gesetz Gottes vollkommen erfüllt hat, er, der wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person ist, er ist auch das Lamm Gottes geworden, das der Welt Sünde trägt, Joh. 1,29. Die Sünde aller Menschen aller Zeiten, also auch die deine, hat er auf sich genommen, hat sie dann an seinem Leibe auf das Holz geopfert, das Kreuz, 1. Petr. 2,24. Dort hing er nicht um seinetwillen, da hätte er als wahrer Gott auch wieder herabsteigen können, niemand hätte ihn, den allmächtigen Gott, hindern können. Aber um unseretwillen hing er dort, weil er unsere Sünde trug und so für uns die Strafe erduldete, für uns bezahlte, für uns sein Blut vergoss, denn ohne Blutvergießen gibt es keine Vergebung der Sünden, Hebr. 9,22. So aber hat er durch seinen Gehorsam, sein Leiden und Sterben uns erlöst nicht mit vergänglichem Silber oder Gold von eurem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi, als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1. Petr. 1,18-19). Dadurch hat er jedem Menschen Gottes Versöhnung erworben, denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu (2. Kor. 5,19). In Christus also ist Gott bereits mit jedem Menschen versöhnt, in Christus hat Gott jedem Menschen die Sünden vergeben (allgemeine Rechtfertigung), in Christus ist somit für jeden Menschen der Freispruch im Jüngsten Gericht und das ewige Leben bereit. Das ist alles bereits geschehen. Christus, da wir noch schwach waren nach der Zeit, ist für uns Gottlose gestorben. … Darum preist Gott seine Liebe gegen uns, dass Christus für uns gestorben ist, da wir noch Sünder waren. (Röm. 5,6.8).

    Das ist das Evangelium, dass die Erlösung bereits geschehen ist, dass deine riesenhafte Sündenschuld, die du vor Gott hast, bereits vollständig abgetragen ist, bezahlt wurde durch Jesus Christus, deinen Retter. Und diese Rettung, dieses Heil, diese Rechtfertigungsgnade, die bietet Gott der HERR dir nun an, reicht sie dir dar, eignet sie dir zu frei, umsonst, ohne Vorleistung deinerseits, ohne Nachzahlung deinerseits. Du erlangst diese Gerechtigkeit Gottes, also die Gerechtigkeit, die du vor Gott brauchst, dadurch, dass Gott der HERR sie dir in Christus schenkt, indem er sie deinem Glauben an Jesus Christus zurechnet. Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die da glauben. … So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Röm. 3,21-22.28) Das heißt, du empfängst, erhältst die Gerechtigkeit Gottes frei umsonst, ohne dass du etwas dazutun müsstest, könntest. Denn selbst der Glaube, der allein sie empfängt, ergreift, auch der ist ja nicht dein Werk, ist nicht deine Bezahlung, rettet auch nicht als eine Tugend, ein Verdienst, das du Gott bringst, sondern ist Gottes Werk, etwas, das er in dir durch das Evangelium wirkt, und rettet ja nur als die Nehmehand, die das, was Gott dir darreicht, empfängt, ergreift, so, wie ein Bettler ein Brot, das du ihm gibst, mit seiner Hand ergreift und sich zum Mund führt. Denn aus Gnaden seid ihr gerettet worden durch den Glauben; und dasselbe nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme. (Eph. 2,8-9). Das ist Gottes Werk, dass ihr glaubt an den, den er gesandt hat. (Joh. 6,29) Darum: Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit. (Röm. 4,5).

    Das ist die frohe Botschaft, das Evangelium von der Rettung aus deinem Sündenelend, deiner Verdammnis. Durch sie erleuchtet der Heilige Geist dein Herz, beginnt damit normalerweise schon parallel zu deiner Erleuchtung durch das Gesetz, ja, zumeist schon in der Berufung. Und sie strahlt umso klarer, heller, je mehr die Erleuchtung durch das Gesetz zu seinem Ziel kommt, damit dann, wenn du wahrhaft durch das Gesetz ein zerbrochener, verzweifelter Sünder geworden bist, du das Heil, die Rettung in Christus, sogleich ergreifst. Denn durch diese frohe Botschaft entzündet der Heilige Geist ja in dir elenden, zerbrochenen Sünder den Glauben an deinen Retter, deinen Sünderheiland Jesus Christus, und macht aus dir verzweifelten, zerbrochenen Sünder den erretteten, wiedergeborenen Sünder.

    Darum: „Sieh auf das Kreuz! Hat Gott das getan, so gibt es nichts Unmögliches mehr,  nicht einmal für die so hoffnungslose Sache deines Heils. … Es ist seltsam mit uns Menschen: Wir wollen immer die Gnade verdienen. … Aber eines Tages führt mich Gott so weit, dass es nicht länger geht. Das kann sehr schnell kommen, aber es kann auch Jahre dauern, bevor ich in der Erweckung so weit gelange, dass ich erfahren darf, was wirkliche Schuld bedeutet: eine Schuld, bei der ich nur allzu deutlich sehe, dass ich sie nicht bezahlen kann. …

    Hier gibt es nun zwei Möglichkeiten: Verzweiflung oder Glauben. Verzweiflung, das war der Weg des Judas. Ihm sind viele auf diesem Weg gefolgt – bis zum körperlichen oder geistlichen Selbstmord. Auf diesen Weg gerät der Mensch unweigerlich, wenn er in der Erweckung die Verbindung mit der Kirche Christi fahren lässt und das Gebet und das Wort der Schrift verliert. Das einzige, was uns in dieser Not helfen kann, ist nämlich eine Aufklärung durch das Evangelium selbst, diese Botschaft Gottes, die mir entgegen allem gesunden Menschenverstand sagt, dass Gott mich mit meiner Sünde dennoch liebt, dass meine Schuld von meinem Herrn Christus gesühnt ist und dass ich an seine völlig unverdiente Liebe glauben soll. Es ist die Botschaft von der Treue des Erlösers, die durch all meine Untreue nicht um Haaresbreite von ihrem Platz gerückt wird. Auf Jesus allein und auf nichts anderes gründe ich mein Heil.

    Wenn ich das doch nur glauben könnte!

    Hier zeigt sich oft ein völlig neues und unerwartetes Hindernis. Während es vorher höchst selbstverständlich zu sein schien, dass Gott verzeiht, setzt nun die größte Schwierigkeit ein: Zu glauben, dass dies wirklich mir gilt. Ein geistlich oberflächlicher Mensch glaubt nur allzu gern, dass Gott die Liebe ist und mir ‚auf jeden Fall die Sünden vergeben wird’. Er wird, wie es die Alten nannten, ein Gnadendieb, und nur zu deutlich zeigt sich, dass er einen toten Glauben hat, der keineswegs in der Liebe wirksam ist. Mit einem wirklich reumütigen Menschen ist es zumeist umgekehrt: Es gibt nichts auf Erden, was ihm zu glauben so schwerfällt wie dies: Dass Gott wirklich aus lauter unverdienter Gnade ihm vergibt und auch seine innewohnende Verderbnis mit Christi Gerechtigkeit bedeckt. Er glaubt, nie ernst genug zu sein in seiner Reue oder seinem Vorsatz, sich zu bessern. Er meint, dass er niemals fest genug an seinen Erlöser glaubt. Diese Schwierigkeit ist so groß, dass die alten Lehrer aus guten Gründen den Unglauben – mein Unvermögen zu glauben, dass am Ende alles allein auf Jesus Christus beruht – als das dritte große Hindernis zur Seligkeit ansahen. Ich bekomme nämlich keinen Frieden mit Gott, solange ich auf mich selbst sehe und wenigstens ein kleines Stück meiner eigenen Gerechtigkeit retten möchte. Weder die Reue, das Bekenntnis, die Besserung noch der Glaube werden jemals so sein, wie sie nach meiner Meinung sein müssten. Die Folge aller meiner Anstrengungen, fromm zu sein, oder zumindest demütig oder zerknirscht, bleibt unwiderruflich die gleiche: Ich fühle, dass mir alles fehlt, was man ungeheucheltes und klares Christentum nennen könnte.“41

    Hier ist ganz wichtig, dass du das lernst und annimmst, dass du eben nicht an dich, nicht an deine Reue, nicht an deine Besserung glaubst, auch nicht an deinen Glauben. „Mancher glaubt und bekennt Christus als unsere Gerechtigkeit, Weisheit, Heiligung und Erlösung, weil er weiß, dass Christus dies alles sein soll, und dass man so glauben und bekennen muss, um ein vollständiger Christ zu sein. Mitten unter dem Glauben und dem Bekenntnis hat das Herz aber im geheimen seinen Trost und sein Vertrauen in etwas anderem, wie z.B. im Ernst der Bekehrung, in Reue, Gebet und Kampf. Wenn diese dann so sind, wie sie sein sollen, dann ist man so gläubig und getröstet – in Christus? Wenn es aber daran fehlt, kann man sich auch nicht Christi allein getrösten, dann bedeutet Er nichts. Das ist dann die schleichende Schlange der Eigengerechtigkeit, ein falscher Glaube, weil man nicht wirklich in Christus seinen ganzen Trost hat.“42 Es geht darum, dass du, wenn es um deine ewige Rettung, um die Vergebung deiner Sünden geht, in keiner Weise und in keiner Hinsicht auf dich siehst, sondern allein auf Jesus Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, deinen Retter. Du musst dich auch vorher gar nicht erst „bessern“. Nein, du kannst und sollst mit all dem Schutt, all dem Müll deines Lebens, mit all deinen Sünden zu ihm kommen, denn er hat sie ja alle längst getragen und für sie bezahlt. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. (Matth. 11,28.) Denke an den Gefängniswärter in Philippi, der sich in seiner Verzweiflung umbringen wollte und von Paulus und Silas zurückgehalten wurde. Ganz erschrocken und am Ende stößt er die Frage heraus: Was soll ich tun, damit ich gerettet werde? Und was bekommt er als Antwort? Nichts weiter als: Glaube an den HERRN Jesus Christus, so wirst du und dein Haus gerettet (selig). (Apg. 16,30-31). Und das gilt dir genauso. Denn Christus ist für uns gestorben, da wir noch Sünder waren. (Röm. 5,8.) Darinnen steht die Liebe, nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden. (1. Joh. 4,10.)

 

    Denke aber auch nicht nur an deine Bekehrung, den Glauben, die Versöhnung Gottes, während du sie immer wieder hinauszögerst, wartest, bis es schließlich zu spät ist.43 Es geht um den Glauben, um den rettenden persönlichen Glauben. Was ist das? „Du glaubst, dass es einen Gott gibt. Von einem solchen Glauben ist zu sagen, dass er richtig ist. Du tust recht daran, dass du so glaubst. Aber du solltest bedenken, dass dieser Glaube an und für sich nur ein Stück Wissen ist. Dieses Wissen hat sogar der Teufel. Aber das macht ihn  nicht zum Christen. Man ist nicht Christ, weil man glaubt, dass es einen Gott gibt. Man kommt nicht in den Himmel, weil man glaubt, dass es ein Leben nach diesem gibt. … Die andere Art von falschem Glauben an Gott beschreibt der Apostel Paulus im 10. Kapitel des Römerbriefes, wo er von den Juden sagt: … ‚Sie eifern um Gott.’ Das ist kein schlechtes Zeugnis, das Paulus hier seinen Landsleuten und in erster Linie den Pharisäern gibt. Es ist wohlverdient. Die Juden eifern wirklich um Gott, viel mehr als irgendein Volk in der Geschichte, sei es früher oder später. Gleichwohl war ihr Glaube falsch. Ihr ganzes religiöses Streben war verkehrt ausgerichtet. Sie standen unter dem Gesetz und wollten unter dem Gesetz stehen, da der Gesetzesgehorsam ihr Stolz war und die Gesetzeswerke ihr Kennzeichen, das ihnen ihren Wert gab und sie von anderen sündigen Menschen schied. Natürlich fehlte etwas in ihrem Gesetzesgehorsam, weil er zur Selbstzufriedenheit hatte führen können, statt zur Sündennot. … Diese Art Frömmigkeit beurteilt die Schrift nun als verfehlt. Sie führt nicht zu Gott hin, sondern von Gott weg. Sie schafft nicht wirklichen Glauben, sondern statt dessen Trotz gegen Gott, den Trotz des selbstgerechten Menschen, wenn er krampfhaft an dem Wenigen festhält, was er überhaupt zuwege zu bringen vermochte, und die Augen vor dem vielen verschließt, das noch immer fehlt, so dass er nicht ‚untertan sein will der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt’. Darum schließt sich der Mensch von der Erlösung aus. Wie viel besser er auch sein mag als seine Mitmenschen, er hat jedenfalls noch übergenug Sünden. … Er hat tausendmal verdient, von Gottes Angesicht verworfen zu werden, und wird auch verworfen, wenn er nicht zu Jesus kommt und an ihn glaubt. Der Glaube an Jesus … schließt ein, dass der Mensch an allem Anteil bekommt, was Jesus gehört, an allem was er durch seinen Opfertod gewonnen hat, und an allem, was er in Ewigkeit besitzt. … Darum ist das Entscheidende nicht, dass ich glaube, sondern, an wen ich glaube. Der seligmachende Glaube ist nicht der Glaube an irgendetwas Beliebiges, nicht einmal ein Glaube an Gott, sondern ein Glaube an den Erlöser, der meine Sünden durch seinen Tod gesühnt hat, und der gerade durch den Glauben mein ganzes Wesen und meine ganze Existenz in sich aufnimmt und mich an all dem teilnehmen lässt, was zu Leben und Seligkeit gehört. … Der seligmachende Glaube ist also Glaube an Jesus. Aber wir müssen noch ein kleines, wichtiges Wort hinzufügen: Der seligmachende Glaube ist ein Glaube an Jesus allein.“44

    „Nach der unverdienten Gnade, in Jesu Leiden um unseretwillen offenbart, richtet sich der wahre Glaube und greift nach ihr – trotz allem, was wir auf unserer Seite sehen. Zu dieser unverdienten Barmherzigkeit soll ein reuevoller Mensch sich nun auch flüchten und sie ergreifen, wenn er beim Umgang mit dem Wort Klarheit in der Sache seiner Erlösung sucht. Dann beginnt allmählich das Licht des Evangeliums ihm zu leuchten.“45

    „Dieses Werk vollendet Gott, wenn er auf den Ruinen unseres Selbstvertrauens und aller unserer Vorbehalte den Glauben an Jesus allein aufrichtet. Wenn die evangelische Erleuchtung vollendet ist, so dass der Mensch an seinen Erlöser glaubt als an seinen Erlöser (Hervorh. d. Verfasser) und Versöhner, dann ist die Bekehrung vollendet. Damit ist er in eine ganz neue Lage gekommen. Seine Stellung vor Gott46 und auch zu den Menschen ist verwandelt. Den Inhalt dieser Verwandlung fasst die alte Seelsorge in zwei Worte: Rechtfertigung und neue Geburt. … Sie beschreiben, was das Evangelium dem Menschen durch die Vergebung der Sünden um Christi willen schenkt.

    Man muss sich davor hüten, die Ordnung der Gnade im Sinne einer Treppe zu verstehen, auf der man stufenweise zu Gott aufsteigt. … Diese Ordnung ist kein Zwang und darf nie zu einem Gesetz gemacht werden. Gottes Gnade wirkt überall da, wo sie Gelegenheit dazu bekommt. Darum ist im Werk der Bekehrung alles miteinander verflochten. Schon in der Berufung kann ein tiefer Einblick in das Geheimnis des Kreuzes beschlossen sein. Jede Begegnung mit dem Gesetz und jedes neue Bekennen der Sünde pflegt mit einer neuen Offenbarung der Gnade verbunden zu sein. Und wenn schließlich der Glaube siegreich hervorbricht, ist die ‚Rechtfertigung’ und die ‚neue Geburt’ schon Wirklichkeit. Nur um all die mannigfaltigen Seiten des Werkes Gottes erfassen zu können, bedienen wir uns dieser verschiedenen Ausdrücke – ganz wie die Schrift selbst.“47

    Was also ist die Bekehrung? „Der Ausgangspunkt der Bekehrung ist also nach der Schrift der Stand der Sünde, in welchem der Mensch aller geistlich guten Kräfte bar in Blindheit des Herzens und Verkehrtheit des Willens als ein mit Gottes Zorn beladener (Eph. 2,3; 5,6; Röm. 1,18) Untertan des Satans, also abgekehrt und ferne von Gott und seinem Reich (Eph. 2,12) im Reich der Finsternis (Eph. 2,2.3) seinen Wandel hat. … Das Ziel der Bekehrung (terminus ad quem conversionis) ist nach der Schrift einesteils das Licht, der Stand des Glaubens (Apg. 26,18; Eph. 5,8.9 vgl. mit V. 6). … Andernteils ist das Ziel der Bekehrung auch Gott (Apg. 26,18; Luk. 1,16.17; Jer. 4,1; Hes. 12,7), auch Christus der Erzhirte (1. Petr. 2,25). Es ist also hiernach das Ziel der Bekehrung ein Stand, wo Gott dem Menschen sein Gott ist (Eph. 2,12.18.22; 1. Petr. 2,10), wo der Mensch unter der Gnade Gottes steht (1. Petr. 2,10; Röm. 9,25). … Das Wesen der Bekehrung wird richtig definiert als Versetzung eines Sünders aus dem Stand der Sünde und des Zorns in den Stand des Glaubens und der Gnade. Sobald also nur ein Fünklein des Glaubens vorhanden ist, so ist die Bekehrung geschehen, mag auch manche Frucht derselben noch fehlen.“48  „Die Möglichkeit der Bekehrung aber kann nur Gott in die Wirklichkeit treten lassen. Wir haben unverbrüchlich daran festzuhalten, dass der dreieinige Gott, und zwar speziell der heilige Geist, der alleinige Urheber der Wiedergeburt und der Bekehrung ist; sie geschieht aber aus Gnaden allein um Christi willen (Tit. 3,5; Eph. 2,8). Der Mensch kann sich selbst nicht bekehren, kann auch nicht zu seiner Bekehrung mitwirken, vielmehr verhält er sich vor und in der Bekehrung völlig leidend; er kann nur widerstreben. Darum ist es denn das nächste Ziel der bekehrenden Tätigkeit Gottes, dieses natürliche Widerstreben zu überwinden und den durch die Sünde gebundenen menschlichen Willen zur rechten Freiheit zurückzuführen, damit der nicht wollende Wille zu einem wollenden werde und sich wieder Gott und dem Guten zuwende.“49 „Die conversio activa ist die Versetzung des Menschen aus dem Stand des Zorns in den Stand der Gnade und die gnadenvolle Wirksamkeit des Heil. Geistes, wodurch er den unwiedergebornen Menschen vom Unglauben zum Glauben gekehrt. Dieselbe bezieht sich also auf Gottes Tun, nicht aber auf die Tätigkeit des Menschen. Die conversio passiva ist die durch Gottes Tun in dem Sünder gewirkte geistliche Veränderung nach Intellekt und Willen, die aber immer die conversio activa voraussetzt. … Der Mensch wirkt in keiner Weise mit vor vollendeter Bekehrung. Erst mit derselben ist er geistlich lebendig. Vorher ist er tot, wie sollte er da wirken können.“50 So gibt die Definition also Gottes Handeln an (conversio activa sive transitiva), die allem menschlichen Wirken vorangeht. In einem intransitiven Sinne wird dann die Wirkung der Wiedergeburt oder Bekehrung im Menschen beschrieben, dessen Willen und Verstand durch den Heiligen Geist bekehrt wurde und der nun, dadurch, sich wissentlich und willentlich von seinen bisherigen Sündenwegen abwendet und sich zugleich Gott hinkehrt, also eine wirkliche Veränderung im bewussten Willensleben eintritt. In sofern geht dann die intransitive Bekehrung über in die Hingabe, den Ausgangspunkt der Heiligung. Und diese Wiedergeburt und Bekehrung sind notwendig, weil der natürliche Mensch Gott völlig entfremdet ist, tot in Übertretungen und Sünden, und zurückgebracht werden soll in die Gottesgemeinschaft des Glaubens und der Gnade. Du musst als Sünder von deinen Sündenwegen umkehren und dich zu Gott zurückwenden (Matth. 18,3; Apg. 14,15), sonst bist du ewig verloren. Bekehrung, Umkehr und Rückkehr sollen von ganzem Herzen geschehen (1. Sam. 7,3). Auch an den, der als Säugling, als Unmündiger getauft wurde, tritt die Forderung der Bekehrung heran, damit er in der von Gott gewirkten Kraft die zuvor von Gott zugeeignete Taufgnade sich nun auch persönlich aneigne und so auch bewusst in der neuen Schöpfung lebe. Und doch ist es so, dass dieses Werk allein Gottes Werk ist, der den Willen des Menschen ändert, ihn in den Stand des Glaubens und der Gnade versetzt, so dass der Mensch aus dem Zustand der Untätigkeit in den der göttlichen Tätigkeit eintritt, wie oben beschrieben (transitive und intransitive Bekehrung). „Der neue Wille des Menschen ist hier nur das Instrument und Werkzeug Gottes, des heiligen Geistes, dass er nicht allein die Gnade annimmt, sondern auch in folgenden Werken des heiligen Geistes mitwirkt.“ „Denn wo Gottes Gnade ein Herz ergriffen hat und in demselben arbeitet, wo die Anfänge des neuen Lebens durch den heiligen Geist gewirkt sind, da kann es nicht an inwendigen Erfahrungen und Lebensregungen fehlen. … Da tun sich neue Lebensregungen und heilige Willensbewegungen kund.“51

    Wichtig ist nur, dass du das fest behältst: All dieses Werk deiner Rettung, dass du durch das Gesetz wie durch das Evangelium erleuchtet wirst, dass du Reue bekommst mit lebendiger Sündenerkenntnis, rechter Betrübnis über deine Sünde, rechten Willen, von der Sünde loszukommen, wie auch rechte Erkenntnis deiner Sündenverdorbenheit und Verloren, wie auch dies, dass du schließlich Jesus Christus als deinen Retter empfängst und im persönlichen Glauben dir aneignest als deinen Retter, der auch deine Sünden getragen, Gott auch mit dir versöhnt, auch dir den Freispruch im Jüngsten Gericht, die Vergebung der Sünden, das ewige Leben erworben hat – all das ist nicht dein Werk, weder ganz noch zu irgendeinem Teil, sondern einzig und allein und vollkommen Gottes Werk. Er beruft dich, er erleuchtet dich, zunächst durch das Gesetz, dann durch das Evangelium, er entzündet in dir den Glauben (und wisse: schon das herzliche Verlangen nach dem Retter ist Glaube, wenn auch nur ein schwacher Funke), er bekehrt dich. Darum bekennen wir auch mit Luther im Kleinen Katechismus: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen HERRN, glauben oder zu ihm kommen kann. Sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten einigen Glauben; in welcher Christenheit er mir und allen Gläubigen täglich alle Sünden reichlich vergibt und am Jüngsten Tage mich und alle Toten auferwecken wird und mir samt allen Gläubigen in Christus ein ewiges Leben geben wird. Das ist gewisslich wahr.“

    Mit deiner Bekehrung bist du, wenn du schon als Kind getauft wurdest, zurückgekehrt zu deiner Taufe. Das, was dir Gott darin einst zugeeignet hat, das hast du dir nun mit deiner Bekehrung angeeignet. Hattest du es durch die Taufe in einem unbewussten Glauben, so hast du es nun für dich persönlich ergriffen, was normalerweise im bewussten Glauben geschieht. Bist du aber noch nicht getauft worden, so ist jetzt die Zeit gekommen, dass du dich taufen lässt, damit der dreieinige Gott dir in deiner Taufe das bestätigt und versiegelt, was er dir in der Bekehrung oder Wiedergeburt geschenkt hat, nämlich dass dein alter Mensch in den Tod gegeben wurde und der neue Mensch hervorgekommen ist, der nun mit Christus und um Christi willen lebt und leben soll (Röm. 6,3 ff.)

 

6. Die Rechtfertigung und neue Geburt

    Gott der Heilige Geist selbst ist es ja, wie schon ausgeführt, der den rettenden, rechtfertigenden Glauben wirkt durch das Evangelium. Und dass du diesen Glauben empfängst, dass der Heilige Geist ihn in dir wirken, entzünden kann, da ist es nötig, dass du selbst, dein altes Ich, zu einem völligen Bankrott kommst, alle Selbstliebe, Selbstgerechtigkeit, Selbstverwirklichung, alles Kreisen um dich selbst du als Sünde erkennst und es zerbrochen wird unter den Hammerschlägen des Gesetzes. Du erkennst einerseits immer deutlicher, immer tiefer, immer lebendiger, dass du nicht so bist, wie du vor Gott sein sollst – und andererseits, dass Gott mit seinem Willen, seinen Forderungen Recht hat. Dann aber begreifst du auch immer mehr, was es heißt, dass Christus durch seinen Gehorsam, sein blutiges Leiden, Sterben und siegreiches Auferstehen Gott mit dir versöhnt hat. „Er empfängt schon mehr Strahlen des Lichtes, zeitweise so stark, dass er glaubt, nun die volle christliche Gewissheit und den Frieden erlangt zu haben. Aber dann verschwinden sie wieder. Man darf darüber nicht erschrecken. Gott hält den Menschen auf diese Weise unter seiner Zucht. Er will ihn lehren, dass auch seine Gefühle der Ergriffenheit vom Kreuz oder der Dankbarkeit für die Liebe des Erlösers nicht dazu taugen, um darauf zu bauen. Die Versuchung ist sonst nahe bei der Hand. Sie kann das ganze christliche Leben mit Sentimentalität versumpfen und zu einem endlosen Pendeln zwischen Gefühlsschwelgerei und undankbarer Verzagtheit führen. Man soll sich stattdessen klar darüber sein, dass der Glaube Glaube an Christus ist, Glaube an das Kreuz, das fest im Boden der Wirklichkeit verankert ist und nicht um Haaresbreite verrückt werden kann, was auch immer ich fühle oder auch nicht fühle. … hier gilt das Wort: Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Nun erst kann Gott dem Menschen den wahren Glauben schenken und ihn in die Fülle der Erlösung hineinführen.

    Wie geht das zu? Wie wird es erkannt?

    Anfangs wird es überhaupt nicht gespürt. Ich meine, dass mein geistliches Leben vollkommen still steht. Aber ich kann von Christus nicht lassen. Trotz allem halte ich fest am Wort und am Gebet. Ohne dass ich selbst weiß wie, richtet sich meine Zuversicht auf Christus. Ich weiß ja, dass die Sache verloren ist, wenn es auf mich ankommt. Aber ich habe die Hoffnung, dass Gott sich doch meiner erbarmen wird. Ich weiß, dass es einen einigen Grund für diese Hoffnung gibt: Jesus Christus. Ich beginne langsam, das große Wort auf mich zu beziehen: Für dich. Je mehr ich mich in die unverdiente Liebe vertiefe, die mir in Jesu Erlösungswerk entgegenströmt, desto gewisser wird das Wort für mich. Und eines Tages merke ich, dass die Gewissheit da ist, die große sichere Gewissheit, dass das Werk des Erlösers mir gilt und mir gelten soll, als ob ich der einzige Mensch auf Erden sei.“52

    Dann bist du nicht nur bekehrt, denn das geschah schon, als du das erste tiefe Sehnen nach dem Erlöser hattest, der erste Funke Glauben da war, vielleicht sogar unbewusst, nein, nun stehst du im bewussten Glauben, hast Heilsgewissheit. Das ist es, was die Bibel auch mit der Versiegelung mit dem Heiligen Geist oder mit der Salbung des Geistes bezeichnet (Eph. 1,13-14; 4,30; 2. Kor. 1,21-22; 1. Joh. 2,20.27).

    „Versucht der Mensch, sich diese Gewissheit zu nehmen, bevor Gott all sein Selbstvertrauen vernichtet hat, wird die Vergebung nur eine tote Theorie, mit der ich mein Gewissen betäube, während ich fortfahre, gegen besseres Wissen zu sündigen. Wenn ich aber auf Golgatha schon selbst verurteilt worden bin und gesehen habe, was die Versöhnung meiner Sünden Gott kostete, so bin ich gezeichnet und kann die Sünde nicht mehr leicht nehmen.“53

    „Selten kann man sagen, wann das geschah. Andere Zeitpunkte meiner geistlichen Geschichte kann ich wohl festlegen: Wann ich berufen wurde, wann es mir aufging, dass Gott Wirklichkeit ist, …, das kann ich vielleicht auf Tag und Stunde sagen. So etwas wird später oft als „Bekehrung“ angesehen. Wir haben gesehen dass es nur der Beginn der Bekehrung ist. Wann die wirkliche Bekehrung geschah und wann der Glaube aufflammte, ist dem Menschen zumeist verborgen. … so ist es vielleicht am besten. Könnte der Mensch auf einen bestimmten Tag weisen und auf einen bestimmten Augenblick zurückblicken, in dem er „zum Glauben kam“, so würde er sich zwangsläufig wieder auf das verlassen, was bei ihm selber geschah, anstatt sich auf Christus und nichts anderes zu verlassen. Glaubt man an seinen eigenen Glauben, so hat er aufgehört, Glaube an den Erlöser zu sein.“54

    „Der Mensch hat nun Frieden mit Gott gefunden. Damit sind nicht in erster Linie irgendwelche Gefühle oder Erlebnisse des Friedens und der Seligkeit gemeint, sondern eine äußere, objektive Wirklichkeit, die weit wichtiger und seliger ist: Dass Gott mir verzeiht, dass Gott, der zornig sein müsste, mir nunmehr gut ist und dass ich aufs Neue als sein Kind angenommen bin und an Christi Gerechtigkeit teilhabe. Das wird von alters her mit dem biblischen Wort ‚Rechtfertigung’ bezeichnet. Es ist gut, nichts von ‚Erlebnis’ dabei zu verspüren. Das tut Gott. Die Alten drückten das so aus: Die Rechtfertigung geschieht nicht im Herzen, sondern im Himmel bei Gott.

    Uns, die wir so durchdrungen vom Subjektivismus und dem Glauben an unsere eigenen Gefühle sind, kommt dies höchst unwirklich und bedeutungslos vor: Ich habe ja kein ‚persönliches Erlebnis’. In der Bekehrung wird mir endlich klar, dass gerade daran alles hängt und dass ich durch Gottes Wort wissen kann und auch daran glauben darf, was mit meiner Sache im Himmel vor Gott geschehen ist.“55

    Rechtfertigung – dieser Begriff beschreibt , wie es kommt, dass ich, der ich doch qualitativ allerdings ein Sünder, ein abgrundtief verdorbener, nach Gottes Gesetz daher auch verurteilter, verdammter, hoffnungslos verlorener Sünder bin, wie es also kommt, dass so jemand dennoch erlöst, gerettet wird, in den Augen Gottes trotzdem also als gerecht angesehen wird. Dieser Begriff macht zugleich deutlich, dass all das, was mit deiner Errettung für Zeit und Ewigkeit, deiner Erlösung, deinem ewigen Leben zusammenhängt, nichts mit irgendwelchen Aktivitäten deinerseits, irgendeinem Mittun, Verdienen, Leisten zu tun hat, sondern einzig und allein Gottes Werk ist.

    Wir sprechen da zunächst von der „allgemeinen Rechtfertigung“ und meinen damit das Versöhnungswerk Christi, dass der ganzen Welt und damit jedem einzelnen Menschen gilt: Nämlich dass Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch in einer Person, auf Golgatha durch seinen Gehorsam, sein blutiges Leiden und Sterben Gott versöhnt hat. Aber das alles von Gott, der uns mit ihm selber versöhnt hat durch Jesus Christus und das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. … Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. (2. Kor. 5,18-19.21.) In Jesus Christus ist Gott also grundsätzlich mit jedem Menschen auf dieser Welt versöhnt; in Christus rechnet Gott keinem hier auf Erden die Sünden zu, das heißt, in Christus ist die Vergebung der Sünden und damit der Freispruch im Jüngsten Gericht und das ewige Leben bereits da. Das muss nicht erst erwirkt, erarbeitet werden durch irgendwelche Aktivitäten deinerseits, nein, das ist schon da, grundsätzlich. Darum heißt es auch: Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen und auf alle, die da glauben. Denn es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhms, den sie an Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist. (Röm. 3,21-24.) Da liest du: Jegliches menschliche Mittun, all Werke des Gesetzes sind ausgeschlossen. Jesus Christus hat sie dir auf Golgatha erworben und der himmlische Vater hat sie angenommen und hat das durch die Auferweckung seines Sohnes am dritten Tag öffentlich proklamiert. Die leibliche Auferweckung Jesu Christi ist nicht nur Christi Gerechterklärung, sondern damit auch die derjenigen, für die er stellvertretend gelitten hat, gestorben ist. Denn er ist um unserer Sünden willen dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt. (Röm. 4,25.) Das ist die allgemeine Rechtfertigung, die die Grundlage ist für deinen rettenden Glauben.

    Denn das, was diese allgemeine Rechtfertigung ausmacht, das bietet der dreieinige Gott dir an, reicht er dir dar, eignet er dir zu durch das Evangelium, im Wort, in der Taufe und im heiligen Abendmahl, damit das, was Christus dir grundsätzlich ja schon erworben hat, damit das also auch tatsächlich dein eigen wird. Das bezeichnen wir dann als „persönliche Rechtfertigung“. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt; denn Gott ermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott! (2. Kor. 5,20.) Und das, was Christus dir durch die Gnadenmittel anbietet, darreicht, zueignet, das hast du nicht anders als eben durch den Glauben, dadurch, dass du das für dich persönlich empfängst, ergreifst, dir aneignest. Und auch dieser Glaube ist nicht dein Werk, nicht dein Anteil, sondern Gottes Werk in dir. Denn aus Gnaden seid ihr gerettet worden durch den Glauben, und dasselbe nicht aus euch, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme. (Eph. 2,8.9.) Keinerlei Mitarbeit, Bezahlung, Vorausbedingungen, nichts, was du erbringen musst, gehört da hinein, auch keine nachträgliche Bezahlung. Denn: Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welches Gesetz? Durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben. (Röm. 3,27-28.) Auch deine Sündenerkenntnis, auch deine Reue, dein Leid über die Sünde, dein Hass gegen die Sünde, dein Wunsch, doch von ihnen loszukommen, auch all das sind keine Vorbedingungen in dem Sinne, dass du das erst leisten musst. Nein, all dies wirkt ja der Heilige Geist durch das Gesetz in dir, um dich so bereit zu machen für das Evangelium, die frohe Botschaft deiner Errettung frei und umsonst. Nichts, gar nichts hast du zu bringen. Denn: Dem aber, der nicht mit Werken umgeht, glaubt aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit. (Röm. 4,5.)

    Die Rechtfertigung, das ist nun ganz wichtig, ist dabei aber auch keine qualitative Veränderung an dir, keine Gerechtmachung, sonst hinge deine Errettung ja wiederum von dir ab, sondern sie ist eine Gerechterklärung. Gott der HERR spricht dich gerecht um Christi Verdienst für dich willen. Du wirst für gerecht erklärt nicht deshalb, weil da doch noch etwas an dir gefunden worden wäre, sondern es ist eine fremde Gerechtigkeit, die dir zugesprochen wird. Nach welcher Weise auch David sagt, dass die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeiten vergeben sind, und welchen ihre Sünden bedeckt sind. Selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünde zurechnet. (Röm. 4,6-7.)

 

    Ein anderer Begriff, der das beschreibt, was Gott der HERR mit der Bekehrung schenkt, ist Wiedergeburt. Dieser Begriff wird in einem engeren Sinne verwendet und meint dann nichts anderes als die Bekehrung, oder auch in einem weiteren Sinne und schließt dann auch die Frucht der Rechtfertigung, die Erneuerung (renovatio) oder Heiligung mit ein. „Wiedergeburt“ (regeneratio) hängt, wie das Wort schon sagt, eng mit dem Begriff „Geburt“ zusammen. Und damit ist angezeigt, dass jeder Mensch nicht nur geboren werden muss, sondern, um ewiges Leben zu haben, nicht nur natürliches, wiedergeboren, von Gott geboren (Joh. 1,13; 1. Joh. 5,1.4), von neuem geboren (Joh. 3,3), geboren aus Wasser und Geist (Joh. 3,5) werden muss, gezeugt nach seinem Willen durch das Wort der Wahrheit (Jak. 1,18), wiederum geboren aus dem lebendigen Wort Gottes, das da ewiglich bleibt (1. Petr. 1,23).

    Wiedergeburt zeigt aber damit auch an, dass das vorige Leben, das „alte Leben“ vor Gott nicht recht ist, nicht recht sein kann. Das genau ist es ja auch, was die Erleuchtung durch das Gesetz hervorbringt, dass du erkennst, dass du in Sünden geboren bist (Ps. 51,7), dass keiner gerecht ist, auch du nicht, keiner nach Gott fragt, natürlicherweise, auch du nicht, keiner verständig ist, keiner Gutes tut, auch du nicht (Röm. 3,10-12) und darum alle Welt schuldig ist vor Gott, auch du, und niemand durch eigene Anstrengungen, durch Werke des Gesetzes, vor Gott gerecht werden kann (Röm. 3,19-20; Gal. 2,16). Darum muss dieses alte Leben sterben, dein alter Mensch muss in den Tod gegeben werden (die alten Väter nannten das „mortificatio“). Und genau das geschieht in der Taufe und in der Wiedergeburt oder Bekehrung. Wisset ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir je mit ihm gegraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. … unser alter Mensch ist samt ihm gekreuzigt, auf dass der sündliche Leib aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde. Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. … Also auch ihr, haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebet Gott in Christus Jesus, unserm HERRN. (Röm. 6,3-11.)

    Wiedergeburt heißt also: Der alte Mensch, der Mensch der Sünde stirbt, grundsätzlich, und ein neuer Mensch kommt hervor (Lebendigmachung, vivificatio, Eph. 2,5-6), du empfängst neues Leben, Leben aus Gott. Das weist dann auch darauf hin, dass es nicht nur auf den Anfang (Bekehrung, Wiedergeburt) ankommt, sondern dass es ja auch darum geht, nun als Christ, als Kind Gottes, als Nachfolger Jesu Christi täglich zu leben, eben den Tod des alten Menschen täglich umzusetzen, wie ebenso auch das Auferstandensein zu einem neuen Leben, einem Leben aus Christus, mit Christus, für Christus. Das werden wir bei dem Thema „Heiligung“ noch näher betrachten.

 

7. Die Heiligung – das tägliche Leben in der Nachfolge Jesu Christi (heiligende Gnade)

    Wie der Begriff der Wiedergeburt sagt, hast du mit der Bekehrung oder Wiedergeburt ein neues geistliches Leben bekommen. Und wie mit der natürlichen Geburt das natürliche Leben beginnt, so mit der Wiedergeburt das neue geistliche Leben aus Gott. Die Rechtfertigung oder Bekehrung oder Wiedergeburt ist also nicht ein Abschluss – höchstens in dem Sinne, dass Gottes Wirken zu deiner Umkehr zum Ziel gekommen ist –, sondern vielmehr ein Anfang, nämlich des neuen Lebens, des Lebens aus Gott. Es können da nun Fragen kommen wie diese: „Muss ich es mit dem Gesetz so genau nehmen, wo ich weiß, dass ich es doch nie erfüllen kann? Soll ich fortfahren, zu beten und regelmäßig in die Kirche zu gehen, wo doch alles auf Gnade beruht? Ja. Jesus ist nicht gekommen, um das Gesetz aufzulösen. Nicht zum Zeitvertreib hat er einen großen Teil seiner Unterweisung auf einfache, moralische Vorschriften gerichtet. Sie sind in der Tat als Befehle gemeint und gelten auch uns. Durch Jesu Tod und Auferstehung sind Gottes Forderungen auf keine Weise geändert oder ermäßigt worden. … Die Sünde bleibt immer verurteilt, mit einem Ernst, so erschütternd, dass es durch Mark und Bein dringt. … Das Gesetz … aber … hat aufgehört, die Grundlage für das Verhältnis zu Gott zu sein. … Aber diese Forderungen bleiben doch bestehen. Der Mensch, der an seinen Erlöser glaubt, nimmt sie auch in ihrer ganzen Schärfe auf sich und will nichts mehr, als sie ohne Kompromisse erfüllen.“56

    Wovon ist nun dieses neue Leben, das du empfangen hast, gekennzeichnet? Zunächst einmal davon, dass dein altes Ich, dein alter Mensch, der Mensch der Sünde, grundsätzlich in den Tod gegeben, grundsätzlich mit Christus gekreuzigt wurde. Wisset ihr nicht, dass alle, die wir in Jesus Christus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir je mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln. … Unser alter Mensch ist samt ihm gekreuzigt, auf dass der sündliche Leib aufhöre, dass wir hinfort der Sünde nicht dienen. (Röm. 6,3-4.6.) Durch Taufe und Bekehrung, Wiedergeburt, bist du grundsätzlich und rechtlich der Sünde gestorben, haben Teufel und Sünde kein Anrecht mehr an dir. Nun aber gilt es, dass du aus diesen neuen Tatsachen auch täglich lebst, dass du, wie es hier heißt, „in einem neuen Leben wandelst“, „hinfort der Sünde nicht dienst“. Also auch ihr, haltet euch dafür, dass ihr der Sünde gestorben seid und lebt Gott in Christus Jesus, unserm HERRN. So lasst nun die Sünde nicht herrschen in eurem sterblichen Leibe, ihm Gehorsam zu leisten in seinen Lüsten. Auch begebt nicht der Sünde eure Glieder zu Waffen der Ungerechtigkeit, sondern begebt euch selbst Gott, als die da aus den Toten lebendig sind, und eure Glieder Gott zu Waffen der Gerechtigkeit. (Röm. 6,11-13.)

    Was aber ist nun die Triebkraft dieses neuen Lebens, wodurch kannst du in diesem neuen Leben wandeln? Du hast die Kraft nicht in dir. Versuche nicht, aus eigener Kraft deinem Retter Jesus Christus nachzufolgen. Du erleidest unweigerlich Schiffbruch und kommst vor allem in ein ganz und gar gesetzliches Fahrwasser. Du wirst in einer verkrampften Frömmigkeit enden. „Voraussetzung für die Heiligung ist es, dass man im Gewissen frei ist vom Gesetz als Seligkeitsweg und daran festhält, dass Christi Gerechtigkeit vor Gott genug ist. Dann ist das Herz eines Christen warm, dankbar und willig, Gottes Willen zu tun. Nun denkt er mit reinem Sinn daran, Gott zu Gefallen zu leben und das Gesetz ist ihm dabei ein lieber Wegweiser. Es treibt, zwingt und bedroht ihn nicht. Es gibt ihm auch keine Kraft. Aber es zeigt ihm, was Gott will.“57 Dein Lebenselexier, die Triebkraft deines neuen Lebens, das ist niemand anders als der Christus für dich, die Rechtfertigung, das, was er für dich getan hat, die Liebe, mit der er dich geliebt hat. Denn die Liebe Christi dringt uns also, da wir halten, dass, weil einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben. Und er ist darum für alle gestorben, damit die, so da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. (2. Kor. 5,14-15.) Wenn in diesem Zusammenhang von der „heiligenden Gnade“ gesprochen wird, so drückt das aus, dass auch die Heiligung in erster Linie nicht dein Werk ist, sondern Christi Werk durch seinen Heiligen Geist. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied zur vorlaufenden, zerbrechenden und vor allem zur rettenden Gnade: Während bei allem, was zu deiner Errettung nötig ist, der Heilige Geist allein tätig ist (Monergismus), so gilt bei der Heiligung oder Erneuerung im eigentlichen Sinne, dass er dich mit hinein nimmt, dass du, wenn auch nur nachgeordnet, mitarbeitest.58

    Dass du nicht mehr dir selbst lebst, sondern dem, der für dich gestorben und auferstanden ist, das gilt es nun aber auch festzumachen. Nachfolge Jesu Christi ist eine verbindliche Sache, nichts, das so in der Schwebe bleibt. Jesus Christus ist dein Retter – nun will er daher auch dein HERR sein. Das Brandopfer im Alten Bund bestand aus zwei Teilen: zunächst kam das Sündopfer, für die begangenen Sünden, danach aber, als Antwort aus Dank für die Vergebung, kam das Ganzopfer oder Hingabeopfer, verbunden damit, dass der Opfernde sich neu Gott weihte. Und genau darum geht es auch für dich in deinem neuen Leben, nämlich dass du zunächst einmal grundsätzlich, weil du aus Gnaden erlöst bist, weil du errettet bist für Zeit und Ewigkeit, aus Dank in herzlicher Liebe dich deinem Heiland übergibst, ihm dein Leben weihst, ihm das ganz konkret sagst. Ich ermahne euch, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber begebt zu einem Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst. (Röm. 12,1.) Der Begriff, der im Griechischen da für Opfer steht ist genau derselbe, der im Alten Testament für das Brand- oder Ganzopfer steht. Bleibe also nicht im Ungefähren, was die Nachfolge angeht, das neue Leben mit Christus, sondern, wenn es noch nicht geschehen ist, so mache es nur gleich fest, übergebe dein Leben zu verbindlicher, uneingeschränkter Nachfolge deinem Retter und HERRN, sage ihm, dass er ganz konkret der HERR deines Lebens sein soll, der dich in allen Dingen leitet, regiert, korrigiert, führt.

    Nun aber musst du noch etwas wissen über dieses neue Leben, das mit der Wiedergeburt begonnen hat. Dein altes Ich, dein alter sündiger Mensch ist zwar grundsätzlich in den Tod gegeben, aber er ist nicht ausgelöscht. Paulus, der große Apostel, schreibt von sich, den Christus doch wunderbar bekehrt hat: Ich weiß nicht, was ich tue; denn ich tue nicht, was ich will, sondern was ich hasse, das tue ich.  … So tue nun ich dasselbe nicht, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das ist, in meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht. (Röm. 7,15.17-18.) Luther und die Väter haben gesagt, dass der alte Mensch ersäuft werden muss mit allen Lüsten und Begierden, dass aber dieser alte Mensch, der alte Adam, schwimmen kann. Darum hast du zwar einerseits das neue Leben, aber dein altes Ich ist auch noch da und will immer wieder an die Oberfläche kommen, will immer wieder durchbrechen, die Herrschaft erringen. Darum bist du auch weiter versuchlich. Noch mehr: Darum wirst du auch täglich vielfältig noch in Sünde fallen. Daher ist auch die fünfte Bitte des Vaterunsers – Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern – immer aktuell. Luther und die alten Väter haben unseren Zustand als Christen so beschrieben: Wir sind Gerechte und Sünder zugleich (simul iustus et peccator).  Die Sünde ist und bleibt auch für den wiedergeborenen Christen leider eine tägliche Plage, mit der er sich jeden Tag vielfältig auseinandersetzen muss. Das geistliche Leben ist und bleibt daher ein Kampfesleben bis zum Tod (oder der Wiederkunft Christi). Wandelt im Geist, so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen. Denn das Fleisch gelüstet wider den Geist und den Geist wider das Fleisch. Dieselben sind widereinander, dass ihr nicht tut, was ihr wollt. Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz. … Welche aber Christus angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. (Gal. 5,16-17.24.) Dass du das wahrhaft Gute, das vor Gott Gute willst, das zeigt ja an, dass du ein Gotteskind bist. Denn jemand, der ohne Gott lebt, der will das Gute gar nicht, der strebt gar nicht danach, ringt nicht darum. Aber es ist und bleibt ein Kampf, ein Kampf, in dem du täglich auch viel fällst, täglich daher die Vergebung benötigst, wie es unser Heiland auch unter dem Bild der Fußwaschung darstellte, als er Petrus sagte: Wer gewaschen ist, der bedarf nichts als die Füße waschen, sondern er ist ganz rein. (Joh. 13,10.) Petrus wollte ja eine Vollwäsche haben. Aber die hatte er, geistlich, nicht nötig, denn durch Gottes Wort, im Glauben empfangen, war er ja grundsätzlich rein. Aber die täglich neu anfallenden Sünden, die müssen abgewaschen werden. „Sündlos werden wir hier auf Erden niemals, und was wir jeden Tag vor allem von dem Leben, das uns von Christus zuströmt, empfangen müssen, ist Vergebung und Versöhung.“59

    Daher sei aufmerksam in deinem Leben, gehe nicht oberflächlich mit der Sünde um, sondern bekämpfe sie entschieden, bitte um eine immer klarere, tiefere Sündenerkenntnis. Sei radikal gegen den alten Menschen, gib ihm keinerlei Raum, mache ihm keinerlei Zugeständnisse. Er muss sterben, täglich ersäuft werden, wie es Luther im Blick auf das tägliche Leben aus der Taufe dargelegt hat (mortificatio). So legt nun von euch ab nach dem vorigen Wandel den alten Menschen, der durch Lüste in Irrtum sich verderbt. Erneuert euch aber im Geist eures Gemüts und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Eph. 4,22-24.) Diese Worte sind Christen geschrieben, also solchen, bei denen das grundsätzlich ja alles bereits geschehen ist in Taufe und Bekehrung. Aber ihnen gilt, daraus, aus der Taufe, auch täglich zu leben, es täglich umzusetzen, zu praktizieren, indem sie täglich in den Situationen ihres Lebens den alten Menschen in den Tod geben, seinen Forderungen in nichts nachgeben, täglich neu ein Ja haben zu Christus, seinem Wort, seinem Willen, seiner Prägung. Ebenso lebe dann täglich aus der Vergebung, aus der Gnade. Und darum erneuere auch täglich deine Hingabe, mache sie jeden Morgen neu fest, dass du entschieden und entschlossen in den Tag gehst.

    Du wirst dabei aber auch immer wieder entdecken, wie stark die Sünde noch in dir ist. Du wirst feststellen, dass in dir auch immer wieder die Freude an der einen oder anderen Sünde, ein gewisser Hang zu der einen oder anderen Sünde aufkommen. „Die Erfahrungen zeigen, dass die Stärksten die Schwächsten werden können. Sie können von der Sünde ‚gefangen genommen’, überrumpelt werden und fallen. Sie können sich ihr ganzes Leben mit einer gewissen Versuchung herumschleppen, so dass sie sich als Sklaven derselben fühlen. Dennoch sind sie ebenso gläubig und aufrichtig wie vorher. Sie sind vor Gott ebenso begnadigt und gerecht. Die Kraft liegt in Gottes Hand, und er entscheidet, wie viel Kraft er ihnen gibt. Und Gott führt die seinen wunderlich. Welche harten Kämpfe und jämmerlichen Erfahrungen haben wir nötig, damit die tiefe Einbildung einer eigenen Kraft und Gerechtigkeit in uns getötet werden.“60 Die Frage ist nur: Wie gehst du damit um? Lässt du das zu? Lässt du die Sünde wieder über dich Gewalt bekommen? Oder, wenn du merkst, dass eine Sünde dir angenehm ist, dass du einen Hang im Herzen zu ihr hast – erschüttert dich das, betrübt dich das, willst du davon los sein, kämpfst du dagegen an im Gebet, auch wenn du immer wieder fällst? Daran entscheidet es sich, ob die Sünde dich noch in ihrer Macht hat, trotz aller äußeren Frömmigkeit, oder ob sie, obwohl sie machtvoll erscheint, obwohl so viel in dir dich zu ihr zieht, dennoch dich nicht mehr beherrschen darf, sondern du dich, wenn vielleicht oft auch nur unter Tränen, traurig über deinen Hang zur Sünde, dennoch einzig an Jesus Christus als deinen Retter klammerst, der auch dir dann wieder Sieg geben wird. „Gegen das Gewissen und bessere Einsicht zu sündigen ist eine furchtbare Sünde. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass auch diese schweren Sünden im Blut des Lammes gesühnt und fortgenommen sind. Wenn du über deine Sünde traurig bist und wünschtest, sie wäre nicht geschehen, und wenn du mit ehrlichem Sinn Errettung im Blut des Lammes suchst, dann sollst du wissen, dass deine Sünden von Gott weggenommen und ganz vergessen sind. … Man kann nicht sagen, dass ein rechter Christ vorsätzlich sündigt. Wenn er wissentlich und absichtlich sündigt, ist er stets von der Versuchung überwältigt, von dem ‚Gesetz in seinen Gliedern’. Davon sagt Paulus: ‚Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt’ (Röm. 7,20). … Hier sprechen wir also nicht von denen, die vorsätzlich in der Sünde verbleiben wollen. Sie haben einen unbußfertigen Sinn, den Christus mit seinem ganzen Verdienst nie in Schutz nimmt.“61 „Merke, wie der Apostel redet: ‚Ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen’ – ich habe einen willigen Geist erhalten, so das ich das Gesetz Gottes herzlich liebe und gern seinem Willen gemäß handle. Ich brauche nicht mit Drohungen gezwungen oder mit Verheißungen gelockt zu werden. Nein, es ist ergangen, wie der Herr verheißen hat beim Propheten Jeremia 31: ‚Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben.’ Doch in meinen Gliedern sehe ich ein anderes Gesetz, ein Gesetz, ‚das mich gefangen nimm’, meinen Geist bindet und mich daran hindert, das Gute zu tun, das ich gerne will. Und was schlimmer ist: Dieses Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist, bekommt in gewissen Schwachheitszeiten eine solche Macht über mich, dass ich auch das Böse tue, das ich nicht tun will.

    Dies heißt indessen nicht, dass die Sünde und das Fleisch die herrschende Macht in mir sind. Es ist ihnen noch nicht gelungen, mich vom heiligen Weg des Herrn fortzuziehen. Noch habe ich kein Bündnis mit der Sünde geschlossen, aber ich kämpfe gegen sie. ‚Solange dieser Streit bei einem Menschen dauert’, sagt Arndt, ‚solange herrscht die Sünde nicht über ihn, denn derjenige, gegen den man ständig streitet, hat nicht die Überhand bekommen.’ Und Luther bemerkt, dass das Entscheidende in einem Krieg ist, wer zuletzt das Feld behält.

    Solange ich mich reuevoll an Gott wende, wenn mich die Sünde überrumpelt, und solange ich brünstig um Befreiung von der Sünde bitte – solange herrscht der Geist in mir.“62

    Dies ist der Zustand, in dem du als wiedergeborener Christ stehst: Dass du frei bist, freigemacht von Jesus Christus, und doch nicht ganz frei bist, sondern im täglichen Kampf stehst. „Hier sehen wir den geistlichen Zustand eines Christen in diesem Leben. Er ist frei und dennoch nicht ganz frei. Er liegt nicht wie so viele andere in der finsteren Höhle der Sünde und des Unglaubens, auch nicht in Moses Rathausgefängnis; nein, er geht frei unter dem schönen Himmel Gottes, der die Vergebung der Sünden heißt. Und dennoch ist er nicht ganz frei. Er muss sich mit seinem beschwerlichen Gefolge herumschleppen: Mit ‚dem Leib dieses Todes’, der Sünde Gesetz in den Gliedern und sodann mit einer ihm eigenen Versuchung, die ihm gleich einem Gefängniswärter auf den Fersen folgt. … Alle Gläubigen müssen also an der Eisenkette, d.h. dem ‚Leibe dieses Todes’ schleppen mit allem, was diese an Sünde und Schwachheit, Gleichgültigkeit und Unglauben, Versäumnis und Trägheit mit sich führt. Doch darüber hinaus hat ein jeglicher seine Last zu tragen, seine besondere Schwachheit und seine besondere Versuchung. … Inmitten solchen Jammers über die Sünde finden wir jetzt Christi Reich, ‚so dass in den Sündern sei keine Sünde’. Wir sind vor Gott gerecht und das deswegen, weil wir von Christi Gerechtigkeit umschlossen sind. Ist dies nicht das sonderbarste Reich, das man sich denken kann? Ja, es ist seinem Herrn gleich. In ihm war die Fülle der Gottheit, aber verborgen in Niedrigkeit und Verachtung.“63

    Wie kannst du aber bestehen in diesem täglichen Ringen mit der Sünde? Wie kannst du bestehen im rettenden Glauben, wachsen in der Liebe zu Christus und zum Nächsten? Einzig durch die Mittel, die Jesus Christus selbst eingesetzt hat: das Wort in Gesetz und Evangelium, die Taufe und das heilige Abendmahl. Die Mittel, durch die er dich zum rettenden Glauben gebracht, bekehrt hat, sind auch die gleichen, mit denen er dich im rechten Glauben lebendig erhält. Bleibe am Wort, lies täglich darinnen, auch wenn es Durststrecken gibt, in denen es scheint, als ob es dir nichts mehr sagt. Weil du von Kind auf die Heilige Schrift weißt, kann dich dieselbe unterweisen zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus. Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Strafe, zur Besserung, zur Züchtigung in der Gerechtigkeit, dass ein Mensch Gottes sei vollkommen, zu allem guten Werk geschickt. („. Tim. 3,15-17.) Durch sein Wort gibt er dir Korrektur, Züchtigung, aber auch Besserung, Hilfe, Stärkung. Was aber zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf dass wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben. (Röm. 15,4.) Auch das Gesetz hat im Leben des Christen noch eine Aufgabe. Aber es ist eine andere als zuvor. Als Christ lebst nicht mehr unter dem Zwang, unter der Drohung des Gesetzes, sondern das Gesetz ist dir durch den Heiligen Geist ins Herz geschrieben, das heißt, du willst von Herzen, gern und ganz und gleich, den Willen Gottes tun, aus Liebe zu deinem Heiland, Jer. 31,31-34; Hes. 36,26-27, und du fragst das Gesetz, um den Willen Gottes besser, genauer, konkreter zu erkennen. Und: Das Gesetz ist wichtig, wenn du über dein Leben wachst, nämlich dass es dir deine Sünden aufzeigt. „Wachen – das bedeutet: Auf sich selbst achtgeben, sich den Spiegel des Wortes vorhalten, wohl wissend, dass auf dem vergifteten Boden des Herzens Versuchungen hervor wachsen müssen und dass es gilt, sie zu entlarven, bevor sie blühen und Früchte hervorbringen. Hier geht es auch um das wache Auge für die notdürftig bemäntelte ‚christliche’ Schlechtigkeit, die durch eine Hintertür in die Seele hineinzuschlüpfen versucht.“64

    Als Christ leben, heißt von der Taufe her leben, aus der Kraft der Taufe, aus den Tatsachen, die Christus dort geschaffen hat, leben, eben dass dein alter Mensch in den Tod gegeben wurde, dass dein alter Mensch dort gekreuzigt wurde, dass du dort reingewaschen wurdest, dass du als ein neuer Mensch aus der Taufe hervorgekrochen bist. Das alles gilt es immer wieder neu für dich persönlich im Glauben dir anzueignen, zu ergreifen, nur dann hast du es auch wirklich.

    Vor allem aber hat Jesus Christus sein heiligen Abendmahl eingesetzt, dass er dich durch seinen Leib und sein Blut, das er dir dort unter Brot und Wein zum mündlichen Genuss reicht, stärkt, indem er dich der Vergebung deiner Sünden vergewissert, versichert, weil er dir dort eben den Leib reicht, den er für dich dahingegeben hat, das Blut, das er für dich vergossen hat. So lebe immer wieder aus der Stärkung, dem Trost, der dir aus dem heiligen Abendmahl kommt. Und lebe auch auf das Abendmahl hin: Lebe bewusst unter Gottes Wort, prüfe dich selbst immer wieder, wie es mit dir steht, etwa anhand der Zehn Gebote und Fragen, die diese näher erläutern. „Die Abendmahlsbereitschaft schärft die Wachsamkeit und treibt zu ernsterer Selbstprüfung, als wir es sonst gewöhnlich können. Wenn das Herz seinen Halt am Tisch des Abendmahls hat und wenn man weiß, dass man am nächsten Sonntag oder in einigen Wochen seinem Erlöser dort wieder begegnen wird, dann hat auch die Alltagsmoral ihren sicheren Grund gefunden. Dann steht es eindeutig vor Augen, was man darf und was man nicht darf.“65 So wird der HERR dich weiter führen in der Erneuerung, die er mit der Wiedergeburt begonnen hat. Weil du aber Gerechter und Sünder zugleich bist, weil du auch täglich viel sündigst und darum täglich vielfältig die Vergebung nötig hast, darum ist das Christenleben, ist auch die Heiligung, ein ständiges Hinstreben zu Christus in Sündenerkenntnis, Reue über die Sünde und Glauben an den Erlöser, der Glaube, der immer neu zu Christus flieht und die Vergebung ergreift. Und gerade dafür ist das heilige Abendmahl ja da, das auch ein „Tisch der Gnaden“ genannt wird. „Der Tisch der Gnaden ist für solche bestimmt, die Gnade brauchen. Und Gnade brauchen nur gerichtete Missetäter. Ehrliche und respektable Leute brauchen keine Gnade. Missetäter, die nicht entdeckt sind, brauchen keine Gnade. Gnade sucht allein der, der gerichtet ist. Schon das Wort ‚Tisch der Gnaden’ sagt uns also, dass das Abendmahl für Sünder gestiftet ist. Der Herr, der hier zu seinem Mahle lädt, ruft nicht Gerechte, sondern Sünder. … Wer sich recht prüft nach Gottes Wort, der muss sich als Sünder erkennen, der Gott nicht über alle Dinge und seinen Nächsten nicht wie sich selbst geliebt hat. Denn wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, so betrügen wir uns selber, und die Wahrheit ist nicht in uns. Also kommen wir zum Tisch der Gnaden nicht, weil wir gerecht sind, nicht, weil wir anders oder mehr als andere sind, sondern gerade deshalb, weil wir Sünder sind, wirkliche Sünder.“66 So haben die grundsätzliche Bekehrung und die tägliche Bekehrung den gleichen Inhalt.67 „Dem Sündenbekenntnis entwachse ich niemals, und Christus brauche ich ebenso ganz und gar als Erlöser und Sündenvergeber, wenn ich mit ihm50 Jahre lang gelebt habe, wie wenn ich zum ersten Male die Vergebung der Sünden aus seiner Hand empfing.“68

    Wenn dich aber eine Sünde besonders drückt? Bedenke, dass unser Retter seine Gemeinde, die Gemeinschaft der an ihn Gläubigen, ausgerüstet hat mit der Schlüsselgewalt, Sünden zu vergeben und Sünden zu behalten in seinem Namen. Um diese Vollmacht umzusetzen, hat die Kirche Christi seit alter Zeit die Einrichtung der Privatbeichte als ein Angebot an den Sünder. Da kannst du zu deinem Pastor, Prediger oder zu einem Bruder (die Schwester zu einer Schwester im Glauben) gehen, um in deren Gegenwart deine Schuld und Sünde, die dich drückt, vor Gott zu bekennen, um dann durch den Bruder (oder die Schwester) die Vergebung der Sünden zugesprochen zu bekommen. Und wenn das geschieht, so empfange, ergreife diese Lossprechung im wahren Glauben, dass Jesus Christus selbst hier durch den Bruder, die Schwester mit dir handelt. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein; und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein. (Matth. 18,18.) So wirst du immer wieder aufgerichtet, getröstet und gestärkt durch Christi Evangelium. So will er dich erhalten bis auf den Tag seiner Wiederkunft (oder deines leiblichen Todes, wenn der zuvor kommt), denn das gute Werk, das er in dir angefangen hat, das wird er auch vollenden (Phil. 1,6).

    „So ist das christliche Leben einerseits eine grenzenlose Gewissheit, ein unerschütterliches Vertrauen auf Christi Versöhnung, und auf der anderen Seite ein nie ruhender Kampf um die Heiligung. Man kann es darum auch als eine tägliche Bekehrung beschreiben. Das Wort verrichtet Tag für Tag das gleiche Werk, so wie es mich zum ersten Mal der Erlösung näher führte: Es zeigt mir meine Fehler, weckt meine Reue und treibt mich dazu, aufs neue zum Kreuz zu gehen, das allein das Tor in das Reich der Vergebung öffnet. … Gelegentlich muss ich lange Zeit einfach meiner Pflicht nachkommen, an der Verheißung des Wortes festhalten und darauf bauen, dass es eine Sonne gibt, wenn sie auch in die Wolken geglitten ist. Zu anderen Zeiten werden die Tore des Himmels aufs neue geöffnet, und ich meine vielleicht, dass ich die Grenzenlosigkeit der Liebe, die das Kreuz für mich offenbart, niemals vorher so tief geahnt habe.“69

    Heiligung, Erneuerung (renovatio) heißt aber nicht zuletzt auch, dass der dreieinige Gott bei dir einen christlichen Charakter heranbilden, prägen will. „Alles das, womit ich mich beschäftige, meine Arbeit und meine Freizeit, meine Erfahrungen und meine Erkenntnisse werden vor das Angesicht des Erlösers gebracht und immer mehr geläutert und gereinigt. Erst auf diesem Wege kann das Christentum ein Volk allmählich durchdringen: Dadurch, dass Christus Tag für Tag sein Wort zu allem sagen kann, was einem Menschen begegnet und womit er sich beschäftigt.“70 Es geht ja darum, dass du durch und durch verändert und erneuert wirst in deinem ganzen Sinnen und Trachten. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen möget, welches da sei der gute, der wohlgefällige und der vollkommene Gotteswille. (Röm. 12,2.) Es geht dir nicht mehr um deine Vorstellungen, deine Maßstäbe, deine Pläne, deine Ziele, deine Interessen. All das gehört zum alten Menschen, der in Taufe und Bekehrung gekreuzigt wurde. Nein, jetzt geht es dir um Gottes Willen, Gottes Ordnungen, Gottes Maßstäbe, Gottes Werte, Gottes Urteil über alle Bereiche unseres Lebens, es geht dir um seine Ziele, seine Führung. So werden dein Denken, dein Wollen, dein Fühlen, deine Interessen und Ziele immer mehr verändert, weil du alles am Wort Gottes prüfst, auch wenn du darin in diesem Leben nie vollkommen werden wirst, sondern auch über all dem immer wieder Vergebung brauchst. Jesus Christus wird dich vollenden am Jüngsten Tag, wenn er sie sich selbst darstellte als eine Gemeinde, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken oder Runzel oder des etwas, sondern dass sie heilig sei und unsträflich. (Eph. 5,27.) Dieses Werk deines Retters, das er in deiner Taufe und Bekehrung begonnen hat, das wird er vollenden am Jüngsten Tag und seine Braut, seine Gemeinde, in ihrer vollen, ungetrübten Schönheit und Herrlichkeit vor allen Augen darstellen, einer Herrlichkeit, in der sie dann für immer mit ihm leben wird.

 

8. Die Gnadenwahl – Ausgangspunkt des Erlösungswerkes Gottes und Grundlage unserer Heilsgewissheit

    Warum können wir Sünder getrost und gewiss sein, dass wir wahrhaft um Christi willen aus Gnaden, empfangen im Glauben, gerettet sind, Gott mit uns versöhnt ist, unsere Sünden vergeben und wir im Jüngsten Gericht nicht verurteilt werden? Gottes Wort sagt uns dies (z.B. Röm. 1,16-17; 3,21-28; 4,4-5; 5,1-11; Eph. 2,4-9; Tit. 2,11-14; 2. Kor. 5,16-21; 1. Petr. 1,18-19; Hebr. 10,10-18; 1. Joh. 1,7; 2,1-2; 4,9-10). Gott aber lehrt uns in seinem Wort noch mehr, was diese unsere Heilsgewiss noch vertiefen und besser gründen soll und verdeutlichen, dass unsere Errettung wirklich in keiner Weise an uns hängt, sondern von Anfang bis zum Ende völlig des heiligen dreieinigen Gottes alleiniges Werk ist, nämlich mit seiner Lehre von der Gnadenwahl.

    Sie besagt, dass Gott uns durch Jesus Christus erwählt hat, ehe der Welt Grund gelegt war (Eph. 1,4), also noch vor Erschaffung der Welt, lange bevor er Menschen erschaffen hat und wir geboren wurden. Das, was er in der Zeit ausführt, dass er also durch seinen Heiligen Geist mittels des Wortes uns beruft und bekehrt, wiedergebärt, errettet, das hat er vor der Zeit beschlossen und handelt also in der Zeit nach seinem Vorsatz und Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt (2. Tim. 1,9). Gottes Wahl ist also Wahl in Christus Jesus, nach seiner Gnade, mit dem Ziel unserer Errettung durch den Glauben an Jesus Christus, denn Gott hat uns erwählt von Anfang zur Seligkeit in der Heiligung des Geistes und im Glauben der Wahrheit (2. Thess. 2,13). Denn welche er zuvor versehen hat, die hat er auch verordnet, dass sie gleich sein sollten dem Ebenbilde seines Sohnes, auf dass derselbe der Erstgeborne sei unter vielen Brüdern. Welche er aber verordnet hat, die hat er auch berufen; welche er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; welche er aber hat gerecht gemacht, die hat er auch herrlich gemacht. (Röm. 8,29-30). So ist also Gottes gesamtes Gnadenhandeln eingeschlossen bereits in die Gnadenwahl – und unser gesamter geistlicher Lebenslauf ist Gottes Gnadenwerk in Ausführung dieses seines Gnadenrates, den er von Ewigkeit her beschlossen hat. Mit diesem Lehrartikel unterstreicht der HERR, dass alles, was mit unserer Errettung in Zeit und Ewigkeit zusammenhängt, ganz und allein vom HERRN kommt, unsere Errettung in jeglicher Hinsicht ganz sein Werk ist und in nichts und in keiner Weise an uns, unserem Handeln, irgendwelchen Vorbedingungen, die wir erst zu erfüllen hätten, irgendwelcher Bezahlung oder Nachzahlung unsererseits gebunden sei. Jegliche Mitwirkung unsererseits ist damit völlig ausgeschlossen. Die Gnadenwahl schließt, das darf nicht ausgeblendet werden, auch die Heiligung des Geistes mit ein, also auch unser Leben in der Nachfolge Jesu Christi, denn er uns erwählt hat … ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe (Eph. 1,4) und Frucht bringen und unsere Frucht bleibe (Joh. 15,16). Auch die Heiligung ist ja Gottes Werk, aber doch sind wir nun mit hineingenommen, dass wir, kraft des Heiligen Geistes, der durch das Wort mittels des Glaubens in uns wohnt, darin mitwirken. Sein Ziel ist ja, dass wir etwas seien zu Lob seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten (Eph. 1,6.12).

    Diese Gnadenwahl umschließt also, wen Gott wann, wodurch, auf welche Weise mittels des Evangeliums zum rettenden Glauben an Jesus Christus bringen und wie er ihn darin erhalten will zum ewigen Leben. Denn wen er erwählt hat, den macht er auch gewiss in Ewigkeit selig, selbst wenn ein solcher zeitweilig vom Glauben abfallen sollte und dann nach Gottes Ratschluss erneut bekehrt wird. Denn wer zu Gottes Erwählten gehört, die hat er versiegelt an ihrer Stirn, dass der Feind letztlich ihnen nichts anhaben kann (Offenb. 7,3).

    Einen Ratschluss, in dem Gott von Ewigkeit her festgelegt habe, wer in Ewigkeit verdammt wird, gibt es dagegen in der Schrift nicht. Wir stehen hier allerdings vor einem Geheimnis, da Gott doch will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Tim. 2,4), und er doch der allmächtige Gott ist, dem niemand widerstehen kann, und doch nichts auf dieser Welt geschieht, das letztlich nicht dem Willen Gottes entspricht. Das dürfen wir in keiner Weise abschwächen. Und doch müssen wir auch dies Paradoxon, diese Spannung belassen, dass einerseits jeder, der gerettet wird, allein aus Gottes Gnade ohne irgendein eigenes Dazutun gerettet wird, während andererseits jeder, der verloren geht, nicht aus Gottes Ratschluss, sondern aus eigener Schuld verloren geht: Israel, dass du verloren gehst, die Schuld ist dein; dass du errettet wirst, ist lauter meine Gnade. (Hos. 13,9) Darum sollen wir darüber auch nicht grübeln.

    Wie aber kannst du wissen, ob du erwählt bist zur Rettung durch den Glauben an Jesus Christus? Du kannst es nicht anders erkennen als mittels des Werkes, das der HERR eben durch das Evangelium in der Zeit an dir ausführt. Das heißt, du kannst deine Erwählung nur erkennen im Glauben an Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Er ist auch für dich gestorben, er hat Gott auch mit dir versöhnt, auch dir die Vergebung der Sünden und damit das ewige Leben erworben und bietet es dir an, reicht es dir dar, eignet es dir zu durch das Evangelium. Nicht anders kommt Gottes Erwählungshandeln zu dir, nicht anders kannst du gewiss sein, dass du sein bist und er dich von Ewigkeit gemeint hat, als angesichts des für dich Gekreuzigten und Auferstandenen.

 

 

 

Anhang

 

Pastor Bengtssons Erklärung der Gnadenordnung an Pastor Torvik (aus: Bo Giertz: Und etliches fiel auf den Fels. Wuppertal: R. Brockhaus Verlag. 1978. (R. Brockhaus Taschenbuch. Bd. 60.) S. 250-251)

    „Wenn ein Mensch durch die Macht des Wortes berufen ist – verstehst du, genau das, was hier rundherum in deiner Gemeinde geschehen ist – so wird er zuerst durch das Gesetz erleuchtet. Er begreift, dass es etwas gibt, das Sünde heißt und vor dem man sich hüten soll. Er wird gehorsam, verstehst du. Das ist die erste Erweckung. So weit ist wohl jeder in Ödesee gekommen. Aber dann kommt die zweite Erweckung durch das Gesetz, in der man das Elend in seinem Herzen sieht. Davon werde ich heute Abend predigen. Und da begreift man, dass man mit allen seinen Werken schwarz wie ein Schornsteinfeger ist und bleibt. Dann ist ernstliche Gefahr. Entweder sagt der Mensch dann: Wenn ich so schrecklich schwarz bin, so kann ich mich ebenso gut gleich ordentlich im Schmutz wälzen – und dann geht er hin und sündigt wieder. Oder er kann auch sagen: Jedenfalls sehe ich nicht so schwarz aus wie Karlsson und Lundström und die anderen Brüder, denn ich sündige wenigstens nicht absichtlich – und irgendeinen Unterschied muss ja der liebe Gott am Jüngsten Tag doch machen. Dann wird er ein selbstgerechter Pharisäer, und dann ist alles verloren. Oder es kann auch sein, dass er die Augen von seinem eigenen elenden Zustand weg wendet und den Herrn Jesus zu Gesicht bekommt, der für solche schwarzen Schächer gestorben ist. Und er bekommt zu hören, dass es der Glaube ist, der gerecht macht, und nicht die Werke. Das ist die Erleuchtung durch das Evangelium. Und nun hängt alles hier in Ödesee daran, ob du das Evangelium recht predigen und den Seelen auf den Weg zum Versöhner helfen kannst.“

 

Pastor Bengtssons Passionspredigt (aus: Bo Giertz, a.a.O., S. 269-274)

    „Der Hauptpastor stand am Rednerpult. Nach dem Gebet begann er zurückhaltend, als fürchte er, die Dämme würden gänzlich brechen, wenn er von der Leidenschaft, die ihn offensichtlich bis zum Bersten erfüllte, zu viel auf einmal freigäbe.

    Er ging von der Frage aus, wie Petrus seinen Heiland hatte verleugnen können. Auf dem Wege nach Gethsemane war er doch das schönste Muster von vollkommenem Gehorsam und ungeheuchelter Hingabe gewesen, das man sich wünschen konnte. Er war bereit gewesen, alles zu zerschlagen, um seines Meisters willen ins Gefängnis und in den Tod zu gehen. Da hatte Jesus etwas sehr Wunderliches gesagt: Wenn du dich dermaleinst bekehrst, so stärke deine Brüder. Ganz, als wäre dieser begeisterte Jünger nicht einmal bekehrt!

    In jener Nacht hatten Petrus und alle anderen Jünger erleben müssen, was alle ihre guten Vorsätze wert waren. Hätte es an ihrem Gehorsam gelegen und an ihrem Vermögen, Gottes Gebote zu erfüllen, so wären sie ewig verloren gewesen. Aber glücklicherweise gab es noch etwas mehr als, Gott, Seele und Gehorsam: Es gab einen Versöhner, der für seine unnützen Jünger starb. Und seine Versöhnung war das einzige, das etwas galt, wenn ein Sünder vor Gott gerecht werden sollte.

    In farbigen und drastischen Bildern begann er die Bekehrung zu malen: Wie Gott das Rettungsseil auswirft und die Seele erreicht, die wie ein Boot stromabwärts auf den großen Wasserfall zutreibt, wie er sich zuerst auf den festen Boden des Wortes zieht, indem er den Menschen lehrt, in die Kirche zu gehen, zu beten und auf das Evangelium zu hören; wie er dann mit dem Wort seine Unarten beschneidet und ihn lehrt, die Sünde zu fliehen und nach Unsträflichkeit zu streben.

    Er fuhr mit immer größerer Lebhaftigkeit fort.

    Dieser Kampf gegen die Sünde ist zu Beginn eine reine Freude für die erweckte Seele. Es ist, wie wenn der Eigenheimbesitzer anfängt, um sein neues Haus herum zu roden. Die Steine fliegen nur so, und der Spaten klingt in der Erde. Aber wenn der Mensch am Acker seines Herzens arbeitet, macht er allmählich die traurige Entdeckung, dass es mehr Steine werden, je tiefer er kommt. Er findet ständig neue Sünden bei sich, und sie lassen sich umso schwerer entfernen, je tief er sie in seinem Innern sitzen. Mit dem Alkoholmissbrauch und den Flüchen und der Feiertagsheiligung zu brechen, das ist an einem Abend möglich. Aber der Hochmut, die Lust, von sich selber zu reden oder Fehler bei anderen zu finden, die sind nach dem harten Bußkampf vieler Monate immer noch da ...

    Eines Tages dann, wenn der Mensch mit der Sünde kämpft und auf dem Acker des Herzens Steine bricht, dass der Schweiß trieft, in der Hoffnung, nun endlich die letzten Sündensteine loszuwerden und den Anfang ernstlichen Wachstums zu sehen, stößt er mit dem Spaten auf festes Gestein. Er geht umher, grabt rundum, schrammt den Fels und versucht es aufs neue. Da geht ihm die schreckliche Wahrheit auf: der ganze Untergrund ist aus Fels. Nun er Fuhre um Fuhre loser Steine herausgeholt und über den Zaun geworfen hat, hat er keinen Acker zustande gebracht, der anfangen kann, Frucht für Gott zu tragen; er hat eine Felsplatte aus Granit bloßgelegt, die nie, niemals einen nützlichen Baum tragen wird.

    Das ist der Fels, der auch Sündenverderbnis genannt wird. Es ist die verderbte Natur, die übrigbleibt, wenn der Mensch sich von allen seinen wissentlichen Sünden losgemacht hat. Der Fels im Herzen bewirkt, dass der Mensch der große Sünder vor Gott bleibt, auch nachdem er ihm alles gegeben hat, was ihm an Gehorsam und Hingabe zu Gebote steht.

    Wenn der Mensch auf solchem Felsengrund steht, hat er drei Möglichkeiten, zwischen denen er wählen muss. Er kann im Unglauben weggehen wie Judas. Das führt zum Tode. Er kann bei der Arbeit des Rodens sich selbst betrügen wie die Pharisäer. Dann liest man die Steine aus, die von den Leuten gesehen werden. Man wird nüchtern, ehrlich und strebsam. Dann schafft man etwas Humus von eigener Gerechtigkeit heran und pflanzt solche Blumen, die einem selbst lieblich in die Nase duften: Liebenswürdigkeit, Hilfsbereitschaft, große Gaben in die Missionskollekte, eifrige Arbeit für das Reich Gottes, Zeugnis und Predigt oder vielleicht eine übermäßige Strenge im Essen und Trinken. Dann geht man unter seinen Blumen umher und findet, die Arbeit sei fertig. Aber vor Gott liegt ja der Felsgrund bloß, und am Tage des Gerichts sind die Blumen längst verwelkt.

    Das ist die allergefährlichste Versuchung: Mit dem Maßstab zu mogeln. Gott hat seinen Heiligen Geist gesandt, um die Welt der Sünde zu überführen. Dieser Heilige Geist wohnt im Wort. Jesus sagt selbst, dass die Worte, die er gesprochen hat, Geist sind, und die ganze Christenheit bekennt, dass die Bibel die Schöpfung des Heiligen Geistes ist. Weicht man vom Wort, so wird man niemals der Sünde überführt, jedenfalls nicht der ganzen erschreckenden Tiefe der Sünde. Man stößt niemals auf den eigentlichen Fels. Es geht wie mit dem Bauern im Märchen, der eine Brücke bauen wollte und eine Leine als Maß mit in den Wald genommen hatte. Aber als er seine längsten Hö1zer nachmaß, waren sie doch noch zu kurz. Da hieb er ein Stück von der Messleine ab und erklärte die Hölzer seien lang genug. Auf dieselbe Weise betrügen sich die heiligsten und strengsten Eiferer des Gesetzes, wenn sie glauben, dass sie vor Gott kraft ihrer Gesetzeswerke einen einzigen Augenblick bestehen können. Sie haben ein Stück von dem Maß abgehauen. Sie haben sich eine eigene Messleine angeschafft, die wie ein Gummiband ist. Man nennt sie Gefühl oder Gewissen oder die eigene Erkenntnis des Willens Gottes. All das kann ausgedehnt oder zusammengezogen werden, bewusst oder unbewusst, so dass es überall passt. Es gibt zwei unverkennbar sichere Zeichen, dass man das Maß gefälscht hat. Das eine ist, wenn man sich selbst, seine Taten und sein Leben so gut findet, dass man vor Gott bestehen kann; das andere ist, wenn man das Recht nennt, was Gottes Wort Unrecht nennt.

    Nur wer Gottes Wort Recht gibt, ohne zu markten, und es ganz und gar als Gottes Wort annimmt, stößt auf den harten Felsgrund und entdeckt der Sünde Gesetz. welches ist in den Gliedern. Nur dieser Mensch begreift, dass er nicht bloß Besserung nötig hat, sondern Rettung. Aber gerade dies: Dass er begreift, er muss aus Gnaden gerettet werden, wenn er überhaupt gerettet werden soll, das ist ein Werk Gottes. Dahin wollte Gott die Seele führen, als er den Felsen bloßlegte.

    Der Hauptpastor machte plötzlich einen Gedankensprung und fing an, von etwas ganz anderem zu reden.

    Draußen vor Jerusalem liegt ein Felsen aus nacktem, gelbem Stein, hart und hässlich wie ein Totenschädel. In diesen Felsen bohre man vor langer Zeit ein Loch. Dort errichtete man ein Kreuz, und an dieses Kreuz hängten sie den einzigen des Menschengeschlechts, der gerecht war und das Gesetz erfüllt hatte. Das ließ Gott geschehen, denn nachdem die Sünde bisher geblieben war unter göttlicher Geduld, wollte er nun doch zeigen, dass er gerecht ist, dass der Sünde Fluch und Strafe folgen und dass er mit dem Maßstab der Heiligkeit nicht sich selbst betrügen lässt. Aber so wunderlich ist Gott, dass er den ganzen Fluch und die Strafe der Bosheit den Unschuldigen treffen ließ, der freiwillig in den Tod ging. Er ward ein Fluch für uns. So erkaufte er uns von dem Fluch des Gesetzes. Er ist für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Er hat unsere Sünden an seinem Leibe hinaufgetragen an das Hob, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

    Darum ist der Felsen von Golgatha der heiligste Ort der ganzen Welt. Der Weg des Gehorsams führt bis an seinen Fuß. Da steht man als ein Stümper, ganz wie Petrus am Karfreitag voller Scham und Verzweiflung sah, wie sie den Herrn kreuzigten, dem er nicht hatte folgen können. Dort wird offenbar, dass des Herrn beste Jünger seiner unwürdig sind. Sie sind alle Verräter und Abtrünnige, mitschuldig an seinem Tod. Aber dort wird auch offenbar, dass der Herr selbst die Versöhnung ist für ihre Sünden. Wo der Weg des Gehorsams am Fuße von Golgatha mit dem Gericht über uns endigt, da darf jeder, der glaubt, auf den Felsen der Versöhnung treten. Dort beginnt der Gnadenweg, der neue, heilige Weg durch den Vorhang, der eröffnet ist durch Sein Blut.

    Der Felsgrund im Herzen braucht deshalb nicht der Grund zu einem Gericht über uns zu werden. Er kann mit Jesu Blut besprengt werden, wie der Felsen Golgatha an jenem Tage, als die Blutstropfen vorn Kreuze fielen, aus einem Galgenberg zu einem Versöhnungsfelsen wurde. Da zeichnet Gott ein Kreuzeszeichen über den argen Grund und macht den Menschen gerecht in Christus. Der ganze Felsgrund wird auf den Versöhnungsfelsen hinübergehoben und ruht auf ihm. Er bleibt harter Stein. Der Mensch, wie er an sich selber ist, bleibt seinem Wesen nach ein Sünder. Aber die Schuld ist gesühnt, der Fluch ist aufgehoben, freudig wie ein Kind kann er vor Gottes Angesicht treten, und in der Dankbarkeit für das Wunder der Versöhnung beginnt der Mensch zur Ehre seines Versöhners zu leben. Da kommen die Früchte des Glaubens hervor. Ein neues Erdreich hat sich über das Gestein im Herzen gelegt; das ist die gute Erde des Glaubens, die von der Gnade bewässert wird. Da fängt langsam etwas zu wachsen an, das vorher niemals keimen wollte. So konnte der abtrünnige Petrus, nachdem auch er die große Gnade empfangen hatte, die dem Schächer auf Golgatha zuteil wurde, ein Apostelfürst und ein Glaubenszeuge werden, der nicht mehr von seinem Glauben zeugte, sondern vom Erlöser, und der endlich freudig das äußerste Opfer brachte, das seines eigenen Lebens, das er nicht hatte bringen können, als er von seinen eigenen Vorsätzen und seiner eigenen Gerechtigkeit lebte.

    Der Hauptpastor hielt einen Augenblick inne. Dann begann er eine neue Gedankenreihe. Es war zu merken, dass er aus dem Stegreif sprach.

    Der Felsgrund im Herzen und der Fels der Versöhnung auf Golgatha, das sind die beiden Felsen, an denen sich das Schicksal des Menschen entscheidet ... Bleibt er auf dem Felsgrund, so ist er verloren. Aber vom Felsgrund zum Versöhnungsfelsen führt nur ein Weg, eine feste Steinbrücke, ein für allemal gebaut, das ist das Wort. Wie nur das göttliche Wort den Menschen der Sünde überführen und seine Seele bis auf den heiligen Grund hinab bloßlegen kann, so kann nichts anderes als das Wort die Wahrheit über den Versöhner offenbaren. Das äußere Wort ist ebenso unerlässlich für das Evangelium wie für das Gesetz. Kein ernstlich erweckter Mensch würde je an die Vergebung seiner Sünden glauben können, wenn nicht Gott eine Brücke zum Felsen der Versöhnung hinüber gebaut hätte, deren Pfeiler Taufe, Abendmahl und Lossprechung heißen und deren Bögen von dem heiligen Wort mit seiner Botschaft von der Versöhnung geschlagen sind. Auf dieser Brücke kann ein Sünder vom Felsen im Herzen zum Felsen der Versöhnung gelangen. Aber lässt man einen einzigen Brückenbogen einstürzen, so ist der Mensch auf ewig verurteilt, als ein verzweifelter Sünder oder ein selbstgerechter Pharisäer unter dem. Fluch des Gesetzes zu bleiben.“

 

Gespräch zwischen Pastor Linder und dem Vikar Savonius (aus: Bo Giertz, a.a.O., S. 102-110)

    „Na - und wie geht es dir sonst?“

Danke gut, wollte Savonius antworten, bereute es aber und sagte stattdessen: „Elend, Linder. So schlecht bin ich wohl noch nie dran gewesen wie jetzt.“

    Soo! Was ist los?“

    „Ach ... nichts und alles“, sagte Savonius und ballte die Fäuste. „Ich wünschte, es wäre eine reelle Sünde, mit der ich den Kampf aufnehmen könnte. Aber es ist bloß eine teigige Masse von Erbärmlichkeit, die überquillt. Hoffart und Schmutz, Geldgier, Faulheit und Unlust zu allem Heiligen - ohne Anfang und ohne Ende. Ich kann es nicht einmal beichten. Versuche ich, es in den Mund zu nehmen und zu Gott davon zu sprechen, so ist es, wie wenn man das Meer mit einem Holzlöffel auszuschöpfen versuchte. Man erwischt hier ein Wellengeplätscher und da ein paar Tropfen, aber die große Tiefe bleibt.“

    Linder war plötzlich ganz ernst geworden. Nun pfiff er sachte.

    „Ach so, du auch, Henrik!“

    „Auch ... was meinst du? Sollte es mehr solche geben? Das darf nicht sein! Es ist schlimm genug, dass es einen gibt, dem so vollkommen misslungen ist, was er am liebsten auf der Welt wollte: ein wahrer Christ werden!“

    „Hier geht noch einer“, sagte Linder sehr ruhig und schlug sich an die Brust.

    „Linder, das ist nicht dein Ernst! Mit so ernsten Sachen darfst du nicht scherzen! Verstehst du nicht: Ich will demütig sein, aber ich suche nur meine eigene Ehre, ich denke daran, was die Bauern über mich sagen, ich bin eifersüchtig besorgt um meinen Ruf als Erweckungspfarrer. Ich will Gott allein dienen, aber habe ich ein paar kleine geistliche Gedichte in einem Kalender zum Druck gebracht, so überlege ich gleich, ob es Honorar geben wird. Habe ich Lob für eine Predigt oder Dank von einer bekümmerten Seele aus einer fremden Gemeinde geerntet, so denke ich gleich nach, ob mir das Ruhm und Berufung an eine gute Stelle verschaffen könne. Und werde ich zur Beerdigung gerufen, so fragt mein verworfenes Geldherz, ob es etwas extra für die Leiche geben wird. Und das ist bloß ein Zipfel des Elends! So bin ich!“

    „Und hier hast du deinen Doppelgänger!“ sagte der Freund ebenso unerschütterlich ruhig. Plötzlich wechselte er den Gesprächsstoff.

    „Mein kleiner Knabe ist gestern Henrik getauft worden. Nicht nach dir, du Kopfhänger, sondern nach dem neuen Gottesmann in Lund.“

    „In Lund?“ Savonius sah verwirrt aus. „Fare heißt doch wohl Wilhelm?“

    „Gewiss heißt er Wilhelm, und ein sonderlicher Gottesmann ist er auch nicht. Nein du, aber die haben da unten einen kleinen Mann, der ist Diakonus wie ich, doch ein Prophet Gottes, in der Lehre. Schartau* heißt er. Weihnachten wusste ich ebenso wenig von ihm wie du. Aber dann bekam. ich Post von Vetter Malkolm da unten. Er schickte mir die Abschrift einer Katechismusauslegung. Das war Pulver für ein Felsenherz und die Wundersalbe der Gnade für einen zu Tode Getroffenen. Gegen Winterende war ich in derselben segensreichen Not wie du. Man konnte mich nicht noch schlimmer schlagen, das ganze Haupt war krank, das ganze Herz war matt. Wo die Hoffart aufhörte, fing die Lust an, und wenn die Lust erstickt wurde, guckte die Selbstgerechtigkeit heraus. Nach Ostern war es rein nicht zum Aushalten. Da schrieb ich an Schartau und sprach über das ganze Elend. Und vor zwei Wochen kam die Antwort. In dem Brief war die Heilkraft Gottes. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.“

    „Henrik!“ rief er p1ötzlich und stand mit vorgestreckten Händen breitbeinig auf dem Weg. „Wir haben die Sache mit der Er1ösung noch nie begriffen, obwohl wir mitten in unseres Herrgotts Frühlingssturm gestanden haben. Wir haben die Leute in Bekehrte und Unbekehrte eingeteilt, wir haben jede Predigt: auf die Sicheren einerseits, die G1äubigen anderseits zugeschnitten, wir haben gemeint, wenn der Mensch zur Einsicht käme, so gälte es für ihn nur, seine Sünden zu sehen, sic zu bereuen und zu bekennen und sich im Glauben zu Christus zu flüchten, so würde er wiedergeboren. Und das alles machten wir in drei Tagen oder drei Wochen oder längstens drei Monaten ab. Nein, Junge, drei Jahre kann das dauern, oder manchmal dreißig! Da gehen die fröhlichen Jünger des Herrn daher und singen von der Erlösung, bloß weil sie aufgehört haben, in Rausch und Hurerei und Verachtung des Wortes Gottes zu leben und ein liebliches Rühren der Gnade an ihrem Herzen gespürt haben! Das nennt man in Lund den Zustand der Erwecktheit. Und das schlimmste Stück des Weges bleibt noch zurückzulegen. Hat Gottes Hammer einmal die äußere Sünde zerschlagen können, so dass man anfängt, ohne vorsätzliche Missetaten zu leben, so ist das nur das erste kleine Stück. Dann fällt der Schmiedehammer auf die Sündenverderbnis im Herzen, und da muss er lange zuschlagen, ehe man merkt, dass es eitel Fels ist, eitel grauer, harter Stein, der zu nichts Gutem taugt. Sünde ist nicht bloß Vö1lerei und Liederlichkeit und falsche Ware und Betrug, sondern das ist die Sündenverderbnis selbst, im Herzen . . .“

    Sie hatten den Weg an den Himbeeren entlang beschritten und waren bis zur äußersten Fliederhecke vor dem Rübenfeld gekommen. Hier, ganz unten im Garten, nach Osten zu, lag ein Birkendickicht, das mit seinen Steinblöcken und Schlehenbüschen wie eine Bastion in den Acker hinein stieg. Hier hatte der Propst einen kleinen runden Platz ausroden lassen und ein paar Bänke beschafft, von denen aus man eine reizvolle Aussicht über das abfallende Gelände hatte. Einige hundert Ellen tiefer ging die große Landstraße zwischen den schmalen Feldstreifen entlang, gegen Norden sah die dunkle Turmspitze der Kirche aus den Laubmassen hervor, und im Süden lag das Kirchdorf mit einem Gewirr von grauen Wirtschaftsgebäuden, Strohdiemen und roten Wohnhäusern. Savonius öffnete die kleine Pforte.

    „Komm, wir setzen uns hierher“, sagte er. „Meinst du, das mit der Sündenverderbnis ist bei allen Menschen gleich?“

    „Ja - ebenso wie es sicher ist, dass der Mensch in sich Herz und Leber und Lungen hat, ebenso sicher ist seine Sündenverderbnis. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, gehen heraus böse Gedanken, Ehebruch, Hurerei, Geiz, Schalkheit, List, Schalksauge und all das andere. Hast du nie daran gedacht, dass es so geschrieben steht?“

    „Und das sagst du, ruhig wie eine friesische Kuh! Verstehst du nicht, wie furchtbar das ist! Wenn ich allein mit all meinem Christentum Schiffbruch gelitten hätte, das ginge wohl an, aber alle die anderen! Da Satan aus der Dorfgemeinschaft zu treiben - und dabei hat er seinen Pferdefuß noch innerhalb unserer eigenen Herzenstüren! Wie soll es denn mit unserm ganzen geträumten Erneuerungswerk werden? Und was soll aus uns selbst werden? Verstehst du nicht, wie furchtbar das ist?“

    Linder saß zurückgelehnt, mit übergeschlagenen Beinen, den einen Arm über der Rückenlehne. Er sah durch das Birkenlaub empor und schien in den Anblick von etwas sehr Schönem und Fesselndem versunken.

    „Gewiss ist das furchtbar ... und doch kann ich nur jubeln und möchte die ganze Welt umarmen. Das ist das große Geheimnis der Versöhnung, verstehst du, dass Gott ein Kreuz quer über alles Sündenelend in der Welt gezeichnet hat, ob es nun außer oder in uns ist. Glaubst du, Jesus ist nur für die Sünden gestorben, die du begingst, ehe du zur Einsicht kamst? Für die hatte er wohl kaum zu sterben brauchen - die konntest du ja selber ablegen. Dass du deinen Tag mit der Bibel anfängst statt mit Molière, dass du dir am Samstagabend nicht einen Rausch von Likör zulegst und nicht galante Verse mit kleinen Zweideutigkeiten schreibst - all das sind ja nur lose Kletten am Rock. Die kannst du selbst abstreifen. Aber die Sündenverderbnis, die streifst du nicht ab. Dafür brauchst du einen Versöhner, einen, der an deiner Stelle leidet, sonst könntest du ebenso gut gleich jeden Gedanken an den Himmel aufgeben.“

    Savonius saß schweigend da.

    „Und nun verstehst du vielleicht, warum ich so froh bin, obwohl ich das Hoffnungslose in meiner Lage und in der Lage aller Menschen gesehen habe. Vor 1800 Jahren ist unsere Lage eine andere geworden: Also ist durch Eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.“

    Savonius schwieg immer noch.

    „Was mir eigentlich die Augen geöffnet hat“, fuhr nun Linder fort, „das war eine Stelle in dem Brief von Schartau, wo er zeigte, dass meine Verzweiflung bis jetzt ein Werk Gottes gewesen ist, aber dass sie eine Versuchung des Teufels werden würde, wenn ich darin stecken bliebe. Ein Werk des Heiligen Geistes ist während der Erweckung die Einsicht gewesen, dass viel mehr Sünde in meinem Herzen lebte, als je in meinen Werken zu der Zeit, da ich noch ein sicherer Sünder war. Ein Werk Gottes war es auch, dass ich hatte einsehen dürfen: Ich war so verderbt, dass ich nicht das Allergeringste tun konnte, um bekehrt zu werden. Aber eine Versuchung des Teufels war es, dass ich nun doch meine eigene Gerechtigkeit aufrichten wollte und insgeheim hoffte, mir selbst helfen zu können und nicht wie ein Schächer Gnade annehmen zu müssen. Und die allerschlimmste Versuchung bestand darin, dass ich versuchte, in denjenigen Punkten ein Werkheiliger zu werden, in denen es doch wenigstens so aussah, als ob ich siegen und selber etwas zustande bringen könnte. Deswegen wurde ich immer strenger in der Kleidungsfrage und so vorsichtig mit jedem Wort, dass ich mucksstill herumlief - während ich meinen Hochmut und meinen Widerwillen gegen Warbeck und all das andre nicht richtig erkennen wollte - aus Angst, meinen schönen Heiligenschein in den Schmutz fallen zu sehen!“

    „Aber“, sagte der Magister, „aber ... nun sprichst du ja doch bloß von der Sünde. Wie wurde dir geholfen?“

    „Mensch, begreifst du nicht, dass schon dies ein Evangelium. ist: zu sehen, dass man in die Verzweiflung hineingeführt wurde nicht durch die Sünde, nicht durch die Obermacht des Satans, sondern durch den Geist des gütigen Gottes, der meine arme Seele davor retten wollte, ein Werkheiliger und ein Pharisäer zu werden, und der immerfort nur daran gedacht hat, dass die ganze überwältigende Herrlichkeit Christi leuchtend hervorbrechen sollte! So stand es in dem Brief - ich kann ihm fast auswendig -: Wenn der Mensch nicht mehr um seiner Unwürdigkeit willen den Trost von sich weist, dass Jesus für alle seine Sünden bezahlt hat, wie viele es auch sein mögen, so ist dies schon Glaube; und dieser Glaube erweist sich darin, dass der Mensch die Gewissheit der Vergebung festhalten kann, ohne durch seine Reue Versöhnung erwirken zu wollen oder irgendein Verdienst durch seine Besserung im Herzen und im. Wandel. Dann wird ein Mensch aus Gnaden bei Gott zum Kinde angenommen - mit Sündenverderbnis und allem, verstehst du, Henrik.“

    Er legte seine Hand schwer auf das Knie des Freundes. Savonius beugte sich langsam vor und barg das Gesicht in den Händen. Hoch da oben brauste es in den Birken, die Sonne glitzerte in tanzenden Flecken zu seinen Füßen. Er sah es nicht, seine Gedanken waren weit fort im Petrushof im Dorfe Hyltamalen, in einer warmen Julinacht vor zwei Jahren. Er hatte gewünscht, Katrina aus Hersmalen wieder zu treffen, um Hilfe für sein Herz zu suchen. Nun hatte Gott ihm einen andern Helfer gesandt - aber die Hilfe war die gleiche. Es war, als sei er auf etwas Ewiges und Festes gestoßen, tief innen im Innersten des Daseins, etwas, das starker Fels war und doch so weich wie einer Mutter Hand.

    Als er wieder aufblickte, sah er wie im Traum auf dem Wege von Norden her eine Equipage anrollen. Der Kutscher hatte einen hohen schwarzblauen Hut mit gelber Kokarde. Das sind die Herrschaften aus Eksta, dachte er. Guter Gott, lass mich noch ein kleines Weilchen allein mit diesem deinem Freudenboten.

    „Dass man so blind gewesen sein kann“, sagte er leise.

    „Das habe ich auch gedacht ... und doch habe ich gemerkt, dass diese Blindheit schärfer sieht als ich es vorher konnte, da ich noch glaubte, Gottes Vergebung sei das Natürlichste von der Welt. Diese Verzweiflung über die Sünde ist ja ein Stück von der Erleuchtung des Heiligen Geistes. Tatsächlich sieht man die ganze Zeit klarer - obwohl der Blick nach unten gerichtet ist, auf die schwarzen Morast1öcher im Sündensumpf. Aber es ist nützlich, recht tief in sie hinunterzusehen - sonst glaubt man, dass man allein fertig wird und mit eigener Kraft auf die andere Seite hinüber gelangt. Dann springt man ein Stück weit vorwärts von Grasflecken zu Grasflecken und sitzt fest. Kommt es ganz schlimm, so wagt man nicht einmal zuzugeben, dass man festsitzt, sondern sagt, man sei schon angelangt, bloß weil man nicht mehr am Ufer bei den selbstsicheren Sündern steht. Das gibt dann eine eitle Zufriedenheit über die eigene Besserung und ein endloses Richten über die Kinder der Welt. Davon haben wir bei uns unter denen, die sich bekehrt haben, was zu merken bekommen . . ..

    „Bei uns auch“, sagte Savonius und dachte an den Besuch des Vortages.

    „Aber nun wollen wir aufwärts und vorwärts sehen. Licht . . . Versöhnung . . . Friede. Er ist unser Friede.“

    „Und dann - was soll nun kommen?“ fragte Savonius sacht.

    Die Kutsche aus Eksta hatte die Wegkreuzung am Kirchdorf hinter sich, und die wohlgestriegelten Pferde gingen in lebhaftem Schritt zur Propstei hinauf. Eine zweite Kutsche wurde unten im Kirchdorf sichtbar. Sie kam von Süden.

    Linder hatte schon wieder zu reden begonnen.

    „Ja, was soll nun kommen? Nun ist Justus Johan Linder zum Tode verurteilt und lebt als ein verlorener und verurteilter Sünder - Tag um Tag von seines Herrn Gnade. Wie ein Vogel sitzt er und pickt seinem Versöhner die Körner aus der Hand. Und zwischendurch singt er selig in der Sonne ... Henrik, wir müssen noch einmal von vorn anfangen. Wir haben gedonnert wie Gewitter, wir haben mit den gröbsten Mörsern des Gesetzes geschossen, um die Sündenmauern zu sprengen. Und wohl war es recht - ich lade noch immer mit meinem schwärzesten Pulver, wenn ich die Unbußfertigkeit aufs Korn nehme. Aber wir hätten wohl beinahe vergessen, die Sonne des Evangeliums durch die Gewitterwolken hindurchzulassen. Erst schießen wir all die fleischliche Sicherheit entzwei, dann lassen wir die Seelen etwas Neues aufbauen mit ihren eigenen Vorsätzen und ihrem redlichen Besserungseifer. Das wird niemals fertig, Henrik. Wir sind selber nicht fertig geworden. Nun habe ich stattdessen angefangen, von dem zu predigen, das fertig ist - von dem, das auf Golgatha gebaut wurde und eine feste Burg und Zuflucht ist, wenn das Unwetter über unsre sündigen Häupter geht. Und nun teile ich Gottes Wort immer nach drei Richtungen aus - nicht nur an die Sicheren einerseits und die G1äubigen andererseits, wie früher, sondern auch an die Aufgestörten, die Ängstlichen und Beladenen und an die geistlich Armen. Und mein eigenes elendes Herz stärke ich jeden Tag an der Quelle der Versöhnung.“

    Savonius dachte wieder an den gestrigen Tag, an seine Konfirmanden, an Johann vom. Mittelhof und an Gustavs schiefen Judasmund.

    „Und das Ergebnis, Bruder - siehst du einen Unterschied?“

    „Ich selber sehe Licht, wo ich vorher nur Dunkelheit sah. Das ist das erste. Licht ist in meinem Herzen - und Licht über der Gemeinde. Vorher war ich verzweifelt über meine Fröjerumer und ihre Unbußfertigkeit. Nun sehe ich, dass es daran lag, dass ich immer vor Augen hatte, was wir tun sollten, und wenn ich so wenig von der wahren Besserung und vom Sieg über die Sünde sah, kroch mir die Ohnmacht tief ins Herz. Ich rechnete und summierte alles zusammen, was sie taten - und es war nicht ein Prozent der Schuld, das bezahlt war! Aber nun sehe ich das, was getan ist und sehe, dass die ganze Schuld bezahlt ist; und jetzt gehe ich umher wie ein Amtsbote mit Gnadenbriefen für alle Missetäter in der Tasche. Und dann wunderst du dich, dass ich vor Freude singe? Nun sehe ich gleichsam alles im Sonnenglanz: Hat Gott schon so viel getan, so ist Hoffnung für das Übrige ...“

 

* Henrik Schartau, schwed. Theologe, lebte 1757-1825. Ein Zentralpunkt seiner Verkündigung war die Heilsgewissheit. Von ihm ging eine Erweckungsbewegung luth. Prägung aus, von der noch heute in Südwest-Schweden starke Nachwirkungen zu verspüren sind.

 

Das seelsorgerliche Gespräch zwischen Katrina Filip und dem sterbenden Johannes. (aus: Bo Giertz, a.a.O., S. 32-35)

    „Ist Johannes schon tot, Herr Pastor?“

    Savonius fuhr zusammen und sah auf. Es war eine ganz neue Stimme, eine Frauenstimme, ein warmer und tiefer Alt. Die Fremde musste von unten, vom Wege her, gekommen sein. Sie trug noch das Kopftuch über dem schwarzen, zurückgestrichenen Haar. Das Gesicht war mittleren Alters, klug, mit einem weichen und milden Zug unter der Sonnenbräune.

    Savonius' Gesicht musste seine Verwirrung ausgeplaudert haben, denn die Frau fuhr erklärend fort:

    „Ich bin Katrina Filip aus Hersmalen. Man hat mich gebeten zu kommen, weil es so schwer war. Wir sind früher Nachbarn gewesen. Aber nun ist er wohl schon heimgegangen?“

    Es lag eine ängstliche Frage im Tonfall und noch mehr in den kindlich klaren Augen. Savonius merkte, dass sie das eigenartige Benehmen des Pastors treuherzig als Trauer über Johannes' Tod gedeutet hatte. Hätte sie doch bei diesem Glauben bleiben können!

    „Johannes lebt“, sagte er heiser, „aber es steht schlecht mit ihm, sehr schlecht.“

    Die Frau nickte still und ging in das Haus. Der Magister blieb einen Augenblick lang unentschlossen sitzen. Dann erhob er sich und ging unsicheren und zögernden Schrittes hinterher. „Bin ich selber da, so reden sie wenigstens nicht schlecht über mich“, dachte er. Gleich an der Tür sank er auf einen Stuhl.

    Die fremde Frau stand schon am Bett. Petrus' Frau beugte sich hinab und rief dem Kranken ins Ohr:

    „Johannes, wach auf! Katrina ist hier! Die Katrina, hörst du!“

    Der Kranke war augenscheinlich wieder bei Bewusstsein.

    „Katrina ... wie lieb von dir ... du bist gut, Katrina. Gott wird dich belohnen. Und mich wird er bestrafen. So wird er erhöhet und wird gerecht erfunden in allen seinen Gerichten. Aber für mich wird es schlimm ... Katrina, warum ist es nicht wie einst? Weißt du noch, wie wir die Lieder Moses und des Lammes sangen? Da war mein Herz fröhlich in Gott. Aber es wurde niemals rein. Katrina, ich bin ein Sünder, ein großer Sünder!“

    „Ja, Johannes, das bist du. Aber Jesus ist ein noch größerer Erlöser.“

    Der Kranke atmete ein paar Züge, ehe er antwortete. Er schien über etwas nachzudenken.

    „Ja, er ist ein großer Erlöser für den, der sich erlösen lässt. Aber mein Herz ist nicht rein, mein Sinn ist böse, ich habe den neuen Sinn nicht.“

    „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Er ist nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“

    „Ja, zur Umkehr, stehet geschrieben, Katrina. Es ist die Umkehr, die mir fehlt.“

    „Dir fehlt nicht Umkehr, Johannes, sondern Glaube. Den Weg der Umkehr bist du dreißig Jahre lang gewandert.“

    „Und bin doch nicht ans Ziel gekommen.“

    „Johannes“, sagte die Frau beinahe streng. „Antworte mir auf eine Frage: möchtest du gerne, dass dein Herz rein wäre?“

    „Ja, bei Gott, Katrina, das möchte ich.“

    „Dann ist deine Umkehr auch so wahrhaftig, wie sie auf dieser Erde bei einem durch und durch verderbten Adamskinde sein kann. Mit der Umkehr hat es bei dir keine Not. Aber du hättest fast den Glauben verloren.“

    „Was soll ich denn glauben, Katrina?“

    „Du sollst dieses lebendige Gotteswort glauben: Dem, der nicht mit Werken umgeht, aber an den glaubt, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit. Bis zum heutigen Tag hast du an die Werke geglaubt und auf dein Herz gesehen - und hast nur Sünde und Elend gesehen, weil Gott deine Augen mit der Augensalbe des Geistes gesalbt hat, die Wahrheit zu sehen. Hast du Sünde in deinem Herzen, Johannes?“

    „Ja“, antwortete der Kranke scheu,  „viel Sünde, allzu viel . . .“

    „Schon daran siehst du klar, dass Gott dich nicht verlassen hat“, sagte die Frau fest. „So seine Sünde zu sehen vermag nur der, der den Heiligen Geist hat.“

    „Meinst du, Katrina, dass es ein Gotteswerk sein könnte, dass mein Herz unrein ist?“

    „Nicht dass dein Herz unrein ist - das ist das Werk der Sünde aber dass du das jetzt siehst, das ist Gottes Werk.“

    „Aber warum habe ich denn kein reines Herz bekommen?“

    „Damit du lernst, Jesus zu lieben“, sagte die Frau ebenso ruhig wie zuvor.

    In der Ecke hatte Savonius seinen schmerzenden Kopf gehoben. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte er dem Wortwechsel am Bett. Am Fußende stand nun Petrus, seine Frau war auf einen Stuhl gesunken, Katrina saß auf der Bettkante. Zu seinem Erstaunen sah der Magister, dass die Hände des Kranken zur Ruhe gekommen waren. Sie lagen breit und grob auf der Decke, ganz unbeweglich. Seine Augen hingen an den Lippen der Frau.

    „Was meinst du, Katrina?“

    „Ich meine so, Johannes: Wenn du ein reines Herz bekommen und auf diese Weise die Seligkeit hättest verdienen können – wozu hättest du dann den Heiland gebraucht? Wenn das Gesetz einen einzigen von uns erlösen könnte, dann hatte doch wohl Jesus nicht am Kreuz zu sterben brauchen? Aber nun richtet das Gesetz Zorn an, und Gott verstopft mit seinen heiligen Geboten jeden Mund, und lässt alle Welt mit der Schande dastehen.“

    Der Kranke war ganz still geworden. Seine Schwester wehrte ihm bisweilen die Fliegen vorn Gesicht, sonst rührte sich keiner.

    „Weißt du noch etwas zu sagen, Katrina?“

    „Ja, eins noch, Johannes: Siehe Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt.“

    Der Kranke lag eine Weile still.

    „Meinst du ... Meinst, dass er auch die Sünde trägt, die in meinem unreinen Herzen wohnt?“

    „Ja, all diese Sünde hat er gesühnt, als er an deiner Statt starb.“

    „Aber ich habe sie ja doch noch?“

    „Ja, so gewiss Paulus sie auch noch hatte. Hast du das niemals gelesen: Ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleische, wohnt nichts Gutes. Wollen habe ich wohl, aber vollbringen das Gute finde ich nicht.“

    „Ja, so ist es“, flüsterte Johannes.

    „So ist es immer gewesen, für uns und für alle anderen. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Er ist die Versöhnung für unsere Sünden und für die der ganzen Welt.“

    Der Kranke lag atemlos still. Dann flüsterte er:

    „Noch ein Wort, Katrina, ein festes - und ich glaube es.“

    Die Frau erhob sich ruhig, nahm die Bibel mit den Schließen, die auf dem Tisch lag, setzte sich wieder, öffnete sie und las: „Sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten; und werden ohne Verdienst gerecht, aus Gnade, durch die Erlösung, so durch Christus Jesus. geschehen ist.“

    „Amen. Ich glaube!“ sagte Johannes kaum hörbar.

    Katrina stand auf und legte die Bibel wieder hin.

    „Nun ist Gottes Werk geschehen. Nun wollen wir den Herrn Pastor bitten, dass er dir mit dem heiligen Sakrament dient.“

 

Henric Schartaus Predigt: Jesus allein (Aus dem Englischen übersetzt vom Herausgeber; der englische Text erschien in: S.G. Hagglund: Henric Schartau and the order of grace. Rock Island, IL: Augustana Book Concern. 1928)

 

Siebenter Sonntag nach Trinitatis

 

Einleitung

 

    Da sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Auf diese Weise schließt Matthäus seinen Bericht des einzigartigen Ereignisses, das er im 17. Kapitel beschreibt.

    Als Jesus einst mit etlichen seiner Jünger abseits ging auf einen Berg, geschah es, dass die „Gestalt eines Knechtes“, die er angenommen hatte, in die königliche Herrlichkeit verwandelt wurde, die ihm von jeher gehörte, seit er geboren war, um ein König zu sein. Die Jünger, die es gewohnt waren, Jesus in der Gesellschaft mit Sündern zu sehen, fanden ihn nun im Gespräch mit zweien der „Geister des Neuen Jerusalem“. Sie fanden sich selbst in eine Wolke eingehüllt und von großer Freude ergriffen, aber als sie wieder zu sich kamen und „ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein“.

    Wenn ein Sünder erstmals die Augen seines Verständnisses öffnet, so werden sie hinab gewendet auf seine unerlöste Seele und seinen verlorenen Zustand. Scham und Furcht sind verbunden mit niedergeschlagenen Augen. Esra beschreibt die Betrübnis einer erwachten Seele auf solche Weise: Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsere Missetat ist über unser Haupt gewachsen, und unsere Schuld ist groß bis in den Himmel.“ Das Gesetz bringt die Menschen dazu, besonders sich selbst zu betrachten. Es treibt sie dazu, ihre Verdorbenheit mit Gottes Heiligkeit, ihre Schuld mit seiner Gerechtigkeit zu vergleichen. Der Heilige Geist jedoch hebt dann die Augen ihres Verständnisses empor zu Jesus allein. Die Herrlichkeit Christi, die aus den Worten des Evangeliums hervorquillt, erleuchtet ihr Herz und zieht ihre Gedanken zu Jesus, während die Liebe Gottes, die in seinen Verheißungen sich offenbart, ihre geängsteten Herzen tröstet und ihnen Mut gibt, sich zu Jesus zu wenden.

    Es ist ein Segen, wenn eine gläubige Seele in der Schrift Jesus allein sucht. Er ist der Kern und wesentliche Teil des Wortes, und die Schrift zeugt von ihm. Wenn die Seele gelernt hat, alles im Wort Gottes zu betrachten als etwas, das zu Jesus führt oder von ihm herkommt, dann hat ihr Suchen den wahren Schatz und die köstliche Perle entdeckt.

    Es ist ein Segen, wenn die gläubige Seele im Gebet ihre Augen zu Jesus allein emporhebt, sich nicht umsieht nach ihren zerstreuten Gedanken, nicht zurück zu Satan, der mit der Behauptung droht, dass die Gebete keinen Zweck hätten, nicht in sich hinein auf die eigene Trägheit und laue Frömmigkeit, sondern hinauf zu Jesus, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.

    So, wie Jesus allein das Hauptthema der Predigten des Paulus war, so dass er nicht dafür hielt, dass er etwas wüsste als allein dasjenige, das verbunden ist mit dem Heiland, der einst gekreuzigt ward, so soll auch mein Hauptthema sein: Jesus allein. Möge er allein uns Erleuchtung in seinem Wort, Stärke und Rettung durch sein Wort schenken, und möge Gott uns hören, wenn wir darum um Jesu willen bitten. „Vater unser ...“

 

 

Gliederung

JESUS ALLEIN

 

I. In der Erweckung als ihr Ziel

II. In der Rechtfertigung und neuen Geburt als ihre Grundlage

III. In der Heiligung als ihre Kraft

 

 

Erster Teil

 

    Es ist Jesus allein, der dafür gesorgt hat, dass der Heilige Geist an einem sicheren Herzen zu dessen Erwachen arbeitet. Paulus sagt, dass das Erwachen stattfindet in der Beziehung auf Jesus, in Verbindung mit ihm und als ein Ergebnis seiner Erlösung, die vollendet wurde, als Gott Jesus von den Toten auferweckte. Das Blut Jesu wurde selbst für diejenigen vergossen, die es für eine unheilige Sache hielten, und erfleht auch für sie Gnade. Gott eifert für die Ehre seines Sohnes; er will zeigen, dass die Sühnung gültig ist und kraftvoll, und er erlaubt daher dem Heiligen Geist die schlafenden Gewissen zu wecken. Jesus gab sein Leben für die verirrten Schafe, und er sucht, was verloren ist. Es ist das Leiden Jesu, das um Erbarmen schreit. Es ist sein Gebet, das die Gnadenregungen in toten Herzen weckt, und es ist um seiner Verdienste willen, dass Gaben selbst für diejenigen bereitet sind, die abgefallen sind.

    Jesus allein ist die Grundlage für das Erwachen eines Sünders, aber er ist auch dessen Gegenstand, denn es ist die Aufgabe des Gesetzes, Sünder dahin zu treiben, die im Evangelium angebotene Gnade anzunehmen. Paulus lehrt, dass Christus und die Rechtfertigung durch den Glauben an Christus die Ziele des Gesetzes sind; Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht. Dann beschreibt er wieder das Ziel des Erwachens wie folgt: Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir durch den Glauben gerecht würden. So höre nun, o Mensch, dass das Gesetz Schmerzen verursacht, damit du begierig den Trost ergreifst, der im Evangelium verkündigt wird: dass Jesus für alle deine Sünden bezahlt hat. Das Gesetz erschreckt dich, bedroht dich mit ewiger Qual, damit du die Zuflucht, die dir in Jesus angeboten wird, annimmst. Wenn Gott in seinem Gesetz die Vollkommenheit in allen Dingen fordert, so ist sein wahres Ziel, dass du ein Teilhaber der Gerechtigkeit deines Erlösers wirst, der für dich das Gesetz erfüllt hat.

 

 

Zweiter Teil

 

    Ein Mensch wird gerechtfertigt allein durch den Glauben, aber Jesus allein ist die Grundlage des Glaubens. Er hat dafür gesorgt, dass ein erwachter Sünder zum Glauben kommen kann. Darum sagt ein Apostel, dass Jesus der Anfänger und Vollender unseres Glaubens ist. Jesus hat nicht nur für die Sünden gesühnt und Gerechtigkeit erworben, sondern er hat auch dafür gesorgt, dass ein Sünder ein Teilhaber dieser Gnade wird. Und da dies durch den Glauben geschieht, so hat Jesus auch dafür gesorgt, dass der Heilige Geist mit diesem Ziel wirkt und einen wahren Glauben schenkt, damit die Gnadenwerke vollendet werden mögen und jener Mensch die Früchte der Erlösung haben und genießen kann.

    Jesus ist die Grundlage des Glaubens, denn er ist es, von dem das Evangelium sagt, dass er all das Gute erworben hat, welches das Evangelium jenen anbietet, die recht erwacht sind. Nur durch das Evangelium kann ein Mensch zum Glauben kommen, denn das Evangelium spricht von Jesus, ja, über Jesus allein. Jegliche Lehre, die nicht von Jesus spricht, welche Erfahrung und Herrlichkeit sie auch immer verkünden mag, ist nicht das Evangelium. So ist Jesus im Wort. Sein Leiden, sein Blut, sein Gehorsam und Tod werden im Wort verkündigt, und das ist das einzige Mittel, um zum rechten Glauben zu kommen.

    Es ist Jesus allein, den der Glaube umfasst und auf den er sich bezieht. Wenn eine Person, nachdem sie die schrecklichen Untiefen ihres eigenen Elendes gesehen hat, einmal einen rechten Eindruck von Jesus bekommen hat, so kann sie ihre Gedanken nicht mehr von ihm wenden. Jesus wird alles für so jemanden, und alles andere wird für Schaden und Dreck geachtet. Er sucht nach Jesus, kommt zu ihm, sehnt sich nach seiner Gerechtigkeit, betet in seinem Namen und hofft auf ihn allein. Er drängt danach, Christus noch fester zu ergreifen und dass er ihm mit mehr Gewissheit und größerer Kühnheit trauen kann.

    Jesus allein ist die Grundlage und Hauptsache der Rechtfertigung. Jesus allein wird von Gott betrachtet, wenn er eine Person rechtfertigt. Gott sieht nur, dass der Sünder Christus angenommen hat und dass er in Christus ist, in Gemeinschaft mit ihm. Gott zählt nicht zornig die Sünden einer solchen Person, denn sie sind bedeckt mit dem Blut Jesu. Der Heiland ist sündlos, und ein gerechtfertigter Mensch wird ebenso frei von Schuld angesehen wie Jesus war, als er die ganze Strafe für die Sünden bezahlt hatte, und als so rein, frei vom Sündenverderben, wie es Jesus immer war. Ebenso wenig sieht Gott gnädig auf die guten Taten einer Person; nein, er sieht nur auf seinen geliebten Sohn. Wenn er auf unsere guten Werke sehen müsste, so würde er auch die Sünden sehen, mit denen diese guten Werke befleckt sind, und er müsste um seiner Gerechtigkeit willen strafen. Gott sieht nur auf seinen geliebten Sohn, damit er etwas Vollkommenes finden möge, auf dem seine Augen ruhen können. Die Sühnung und Gerechtigkeit Jesu allein werden dann von Gott dem gerechtfertigten Sünder zugerechnet. Nichts anderes wird einer erwachten Seele helfen und sie befriedigen. Nichts anderes genügt für unsere Errettung vom ewigen Feuer; keine andere Gerechtigkeit ist vor Gott gültig und wohlgefällig, als diejenige seines geliebten Sohnes, an dem er Wohlgefallen hat. Das ist der einzige Grund, warum Gott Sünden vergibt und uns in seine Kindschaft aufnimmt. Die Sünden sind vergeben, weil Jesus hat ausgetilgt die Handschrift, welche gegen uns war mit seiner durchbohrten, blutenden Hand; und um seines [Jesu] kindlichen Gehorsames willen wird jeder, der an ihn glaubt, ein Kind Gottes. Um Jesu willen wird jedes Kind Gott wie Jesus selbst angesehen, und ein ebensolches Urteil wird im Himmel bei jedem Akt der Rechtfertigung gesprochen, wie es im Hinblick auf Jesus verkündigt wurde bei seiner Verklärung: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.

    Jesus allein ist die Grundlage der neuen Geburt, denn allein der Glaube an ihn bringt die Erneuerung des Herzens. Paulus drückt dies in Epheser 2,6 aus und sagt: Gott hat uns samt ihm in das himmlische Wesen gesetzt in Christus Jesus. Wenn ein Mensch auf Jesus allein achtet und auf die Heiligkeit, die er erworben und vollendet hat als er seine Freude hatte am Gesetz des Herrn, empfängt er den Geist, der ihm die volle Erleuchtung im Wort Gottes schenkt. Der Gläubige wird dann Jesus gleich, wie er verklärt in sein Bild. Das Licht der Herrlichkeit Jesu erleuchtet die Seele, damit sie das himmlische Licht im Wort Gottes recht sieht und klar versteht, wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht und Gott Wohnung in der Seele macht. Gott schenkt dem Gläubigen dann auch einen neuen Sinn, den Sinn, der auch in Christus Jesus war. Sein Wille wird unser Wille, und wir wollen daher immer demütig sein wie Jesus, sanftmütig wie Jesus, gehorsam wie Jesus, ein reines Herz haben wie Jesus, und gelegentlich sind wir auch in der Lage, so zu sein, denn in der neuen Geburt haben wir ein reines Herz und einen gewissen Geist empfangen und einen Sinn wie den, der auch in Christus Jesus war.

 

 

Dritter Teil

 

    In der Heiligung zeigt sich die Kraft unseres Herrn Jesus Christus am besten, denn es ist Jesus, der für die Kraft sorgt, den alten Menschen abzulegen und den neuen anzuziehen. Wenn du frei werden willst von deinen üblen Gedanken, wenn du deine böse Lust stillen willst, wenn du erfolgreich deine alten sündigen Gewohnheiten überwinden willst, wahrlich, dann gibt es dafür im Himmel und auf Erden keine andere Hilfe als diejenige, für die Jesus allein gesorgt hat. Er hat die Sünde überwunden, und in dem allem überwinden wir weit um deswillen, der uns geliebt hat, denn er ist der Herr, der uns heiligt. Die Heiligung des Geistes ist ein gewisses Ergebnis seines Erlösungswerkes. Wenn du unfähig wärest, der Sünde zu widerstehen, wenn du dazu gezwungen wärest, wieder in sie zu fallen, dann wäre die Vergebung nutzlos und die Sühnung vergeblich. Aber sein Verdienst ist abgeschlossen und vollkommen; und er hat es so eingerichtet, dass das Verdienst, das dir sofort und unmittelbar in der Rechtfertigung zugerechnet wird, Stück für Stück in dir auch die Heiligung bewirkt. Jesus stand nicht nur an deiner Stelle als ein gerechter Mann, der sein Wohlgefallen hatte an Gottes Geboten und dessen Gerechtigkeit dir zugerechnet wird, so, als ob du immer gerecht gewesen wärest, sondern er hat es auch bewerkstelligt, dass du tatsächlich gerecht wirst und mehr und mehr Wohlgefallen an Gottes Gesetz bekommst nach deinem inneren Menschen.

    Je mehr eine Person im Glauben an den Herrn Jesus wächst, desto mehr wird sie auch wachsen in guten Werken. Du empfängst nicht, wie du vielleicht annimmst, mehr Glauben und Gnade von Gott aufgrund deiner Wachsamkeit, Sanftmut, Geduld und Frömmigkeit, sondern es ist tatsächlich umgekehrt. In dem Maße, in dem Jesus dir groß und herrlich wird, in dem Maße, in dem er dir unersetzlich wird, wirst du in all den Tugenden wachsen, die ihre Kraft von ihm haben. Je mehr der Glaube, der die Ursache der Liebe ist, wächst, umso mehr wird auch die Liebe, die die Frucht des Glaubens ist, wachsen.

    Liebe zu Jesus ist die Haupttriebfeder zur Heiligung in einer bekehrten Seele. Es ist die Liebe zu Jesus, die die Gläubigen demütig ihm gehorsam sein lässt in Trübsal und Leid, die sie befähigt, sein Kreuz zu tragen, wenn der Herr es für ihre Heiligung nötig erachtet. Paulus bezeichnet das Erkennen der Liebe Christi als den unmittelbarsten Grund dazu, erfüllt zu werden mit aller Gottesfülle. Gleicherweise ist es die Liebe zu Jesus, die auch die Sünden, die einem am meisten gefallen, abscheulich macht und die schwersten Pflichten leicht. Es ist die Liebe zu Jesus, die uns befähigt, alle Menschen zu lieben, denn er hat sie alle gewürdigt, Gegenstand seiner Liebe zu sein. Es ist die Liebe zu Jesus, die unser Herz öffnet, dass wir Vertrauen zu denen haben, die auch dafür bekannt sind, Teilhaber der gleichen Liebe Christi zu sein. Es ist die Liebe zu Jesus, die unseren Ärger stillt, wenn wir angegriffen werden, die den Hass tötet und den Gläubigen befähigt, seine Feinde zu lieben, weil Jesus sie auch geliebt hat, genauso, wie Jesus uns geliebt hat, als wir noch seine Feinde waren.

    Jesus ist das ausgezeichnetste und einzig vollkommene Vorbild, dem wir in der Heiligung folgen sollen. Bitte nicht darum, wie dieser oder jener zu werden, sondern bitte darum, dass du wie Jesus wirst. Versuche nicht, die Eigenschaften anderer nachzuahmen, ebenso wenig ihr Maß an Gnade, sondern gehe in den Fußstapfen deines Heilandes. Auf diesem Weg wirst du mehr und mehr das erreichen, wozu du bei deiner Erwählung berufen warst, nämlich dass du gleich wirst dem Ebenbilde seines Sohnes.

 

 

 

Anwendung

 

    Weißt du, o selbstsicherer Sünder, gegen wen du kämpfst, wen du verachtest? Das ist nicht der Diener, der die Botschaft verkündigt, der du widersprichst, nicht Menschen, über die du spottest wegen ihrer geistlichen Interessen, sondern Jesus allein, Jesus, dessen Worte zu dir gesagt werden und dessen Glieder diejenigen sind, die du schmähst. Sei versichert, dass Jesus allein in der Lage ist, deine Bosheit zu überwinden und dich zu richten und zu strafen. Wie schrecklich wird es für dich sein, wenn du auf deinem Sterbebett liegst am Ende des Weges und erkennen musst, dass der Zorn des Sohnes auf dir liegt! Wie furchtbar dann die bloße Erscheinung Jesu, wenn, in der Auferstehung, du dein Haupt aus dem Grab erhebst!

    Beachtet, was ihr gehört habt, o traurige Seelen, erinnert euch, dass Jesus allein das Ziel eures Erwachens ist. Trachtet daher nicht nach mehr Mitleid noch nach einer sofortigen Besserung auf eurem Lebensweg, sondern trachtet nach Jesus allein. Denn wo könntest du nach Erlösung suchen als allein bei deinem Heiland? Wo kannst du Rettung finden als allein bei ihm? Nirgendwo anders kann sie gefunden werden. Wenn du ihn und in ihm Gerechtigkeit und Stärke gefunden hast, wenn seine Gerechtigkeit deine Hilfe ist in Anfechtungen, wenn seine Macht deine Stärke ist, ja, dann hast du Genüge in ihm, denn dann hast du alles in ihm. Wenn es dann je geschehen sollte, dass du, wie die ersten Jünger, etwas von seiner Herrlichkeit sehen solltest und schmecken von der Kraft des zukünftigen Zeitalters, und wenn diese Herrlichkeit danach verschwinden sollte, dann halte nicht nach Mose oder Elia Ausschau, sondern sei zufrieden mit der Gnade, die jenen frühen Jüngern geschenkt wurde, von denen wir lesen: Da sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.

    Wenn der Friede Christi dir wieder Stärkung gebracht hat und seine Verheißungen dir Gewissheit der Gnade gegeben haben, dann wird es auch verordnet sein, wenn der Tod kommt, wenn deine Auge nicht länger die Dinge dieser Welt sehen können, dass dann der Blick deiner Seele geöffnet wird und erfüllt mit himmlischem Licht, um die große Herrlichkeit zu sehen, von Angesicht zu Angesicht, die nie aufhören wird – Jesus allein! Amen.

 



1 Bo Giertz: Mit der Kirche leben. Erlangen: Martin-Luther-Verlag; Fürth: Flacius-Verlag 1988. S. 18

2 ebd. S. 19

3 ebd.

4 vgl. Carl Olof Rosenius: Tägliches Seelenbrot. Aus dem Schwedischen übers. von Christian Bau. 8., neu durchges. Aufl. 1987. S. 263

5 Georg Stöckhardt: Kommentar über den Brief Pauli an die Epheser. St. Louis, Mo.: Concordia Publishing House. 1910. S. 129.

6 ebd. S. 128.

7 ebd.

8 ebd.

9 vgl. Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 57 f.

10 vgl. Bo Giertz: Die große Lüge und die große Wahrheit. Übers. aus dem Schwedischen: Günther Ruprecht. Moers, Bielefeld 1991. (Edition C: C. 308). S. 122

11 Johann Fecht: Tractat oder theologische Sätze von der Ordnung des Heils in Bekehrung des Menschen. Aus dem Lat. Übers. von Daniel Peucer. 2. Auf. Neuendettelsau 1864. S. 27 f.

12 vgl. Adolf Hoenecke: Ev.-Luth. Dogmatik. Bd. 3. Milwaukee, Wis. Northwestern Publishing House 1912. S. 254

13 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 23 f.

14 vgl. ebd. S. 26

15 ebd. S. 27

16 ebd. S. 25

17 Fecht, Tractat, a.a.O., S. 28

18 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 27 f.

19 Dieser Auffassung liegt u.a. die pelagianisch-arminianische Irrlehre zugrunde, dass der natürliche Mensch nicht abgrundtief verdorben, nicht geistlich wirklich tot sei, sondern dass er noch einen guten Rest in sich habe, der angesprochen werden könne, müsse. Das führt dann dazu, dass man durch entsprechende psychologische Maßnahmen, durch Ansprechen von Gefühl und Willen, versucht, den Menschen zu einer „Entscheidung“ zu führen (sogenannte „Entscheidungstheologie“, etwa bei Charles Finney, Billy Graham). Tatsächlich kennt die Bibel so etwas nicht, sondern den Ruf zur Entscheidung oder Hingabe oder Übergabe kennt sie nur für schon Glaubende im Blick auf die Heiligung. Vgl. dazu: Hans-Lutz Poetsch: Grundsätze evangelistischer Verkündigung. Groß Oesingen 1981. S. 18; ders.:  Theologie der Evangelisation. Bremen 1967. S. 36 ff.

20 vgl. Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 28 f.

21 ebd. S. 29

22 ebd. S. 31

23 ebd. S. 30

24 vgl. Hoenecke, a.a.O., S. 254 f.

25 Giertz: Mit der Kirche, a.a.O., S. 30-32

26 ebd. S. 32

27 Carl Olof Rosenius: Von dem Gesetz, der Bekehrung und der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. In: Geheimnisse in Gesetz und Evangelium. Dritter Teil. 2. Aufl. Flensburg: Lutherischer Missionsverein 1935. S. 205

28 Carl. Olof Rosenius: Wegweiser zum Frieden. Neuhausen-Stuttgart. o.J. S. 35 f.

29 ebd. S. 29

30 Rosenius, Geheimnisse …, a.a.O., S. 205 f.

31 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 34 f. Hier ist allerdings anzumerken, dass das 7. Kapitel des Römerbriefes, auf das sich Giertz hier bezieht, nicht vom noch zu bekehrenden Sünder spricht, sondern vom täglichen Heiligungskampf zu Wiedergeborenen. Ansonsten ist es allerdings so, dass, wie weiter unten angemerkt, diese Verzweiflung den Menschen dahin führen soll zu rufen: Was soll ich tun, damit ich gerettet werde?

32 ebd. S. 35

33 ebd. S. 35 f.

34 ebd. S. 38

35 vgl. Hoenecke, a.a.O., S. 277-279

36 Rosenius, Seelenbrot, a.a.O., S. 159

37 Giertz: Mit der Kirche, a.a.O., S. 45

38 vgl. Rosenius, Seelenbrot, a.a.O., S. 264

39 An dieser Stelle ist daher mit aller Entschiedenheit dem Pietismus Francke’scher Prägung zu widersprechen, wie er sich etwa auch bei Fresenius fand, dass man nicht zu schnell zum Evangelium eilen solle, sondern lange in dem Elend der Sündenverdorbenheit verbleiben, einen rechten „Bußkampf“ mit entsprechenden Empfindungen durchstehen müsse, bis es dann zum „Gnadendurchbruch“ komme. Nein, sobald klare Sünden-, Verdorbenheits- und Verlorenheitserkenntnis da ist, ist es unbedingte Zeit für das volle, unverkürzte köstliche Evangelium der Rettung allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst für uns willen, allein durch den Glauben.

40 Rosenius, Wegweiser, a.a.O., S. 45

41 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O.,. S. 40-42

42 Rosenius, Seelenbrot, a.a.O., S. 263

43 vgl. Rosenius, Seelenbrot, a.a.O., S. 438

44 Giertz: Die große Lüge. a.a.O., S. 106-108

45 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 43

46 Im Original steht „zu“ Gott. Aber das ist theologisch nicht korrekt. Denn in der Rechtfertigung geht es nicht um unsere Stellung zu Gott, sondern um Gottes Stellung zu uns. Es geht darum, wie Gott dich sieht und beurteilt. Und dieses Urteil Gottes, das hat sich geändert, denn er spricht dir die Rechtfertigung, den Freispruch im Jüngsten Gericht zu, den dein Heiland dir schon längst einst auf Golgatha erworben hat und der auch für dich damit schon bereit liegt.

47 Giertz: Mit der Kirche, a.a.O., S. 44 f.

48 Hoenecke, a.a.O., S. 269.270

49 Wilhelm Rohnert: Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche. Braunschweig und Leipzig: Verlag von Hellmuth Wollermann. 1902. S. 355

50 Hoenecke, a.a.O., S. 272. 287

51 vgl. ebd. S. 354. 353. 355 ff.

52 ebd. S. 46 f.

53 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 49

54 ebd. S. 47

55 ebd. S. 47 f.

56 ebd. S. 50

57 Rosenius, Wegweiser, a.a.O., S. 22

58 Bei der einladenden Gnade haben wir gesehen, dass Gott hier durch die natürliche Gotteserkenntnis vorarbeitet, um ein Interesse zu wecken, damit der Mensch offen wird für die Gnadenmittel. Bei der vorlaufenden oder rufenden Gnade dagegen wirkt der HERR schon durch die Mittel, auch wenn es noch Grenzbereiche gibt, etwa ob ein Mensch die Bibel liest oder nicht, ob er in den Gottesdienst geht oder nicht, bei denen es augenscheinlich den Anschein hat, als entscheide er hier aus freiem Willen, während tatsächlich die einladende Gnade am Wirken ist und ihn dazu bringt, dass er Gottes Wort liest oder es unter der Kanzel hört. Bei allem anderen, was also die zerbrechende und die rettende oder bekehrende Gnade angeht, wo es also um Gottes Wirken durch die Gnadenmittel an dem Sünder zur Bekehrung geht, da wirkt dann sowieso die Gnade allein.

59 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 49

60 Rosenius, Carl Olof: Die tägliche Plage der Sünde. Elmshorn: Lutherischer Missionsverein in Schleswig-Holstein. 1994. (C.O. Rosenius für unsere Zeit. Bd. 2.) S. 78 f.

61 Rosenius, Wegweiser, a.a.O., S. 77 f.

62 Rosenius, Die tägliche Plage …, a.a.O., S. 79 f.

63 ebd. S. 81. 83

64 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 52

65 ebd. S. 52 f.

66 Giertz, Die große Lüge, a.a.O., S. 162

67 vgl. ebd. S. 122

68 ebd. S. 127

69 Giertz, Mit der Kirche, a.a.O., S. 53

70 ebd. S. 53 f.