Der Durchbruch der biblisch-reformatorischen lutherischen Erkenntnis

 

In einer Zeit, in der die konfessionellen Unterschiede, nicht nur unbewusst, sondern auch sehr bewusst, immer mehr eingeebnet oder schlicht geleugnet werden, in der insbesondere die klare Erkenntnis über die Irrtümer Roms immer mehr schwindet, ist es wichtig, sich neu vor Augen zu halten, worin die Erneuerung der biblisch-christlichen Theologie, des biblischen christlichen Glaubens durch die Reformation Martin Luthers bestand und wie es dazu kam. Dazu sollen die folgenden Ausführungen eine kleine Hilfe sein.

 

 

Das Umfeld, in dem Luther aufwuchs

 

Das Umfeld, in dem Luther als Mönch lebte, war, selbst in seinen edelsten Ausführungen, Gesetzesreligion. Das gilt auch für die Demutstheologie Augustinus’ (vgl. Heinrich Fausel: D. Martin Luther. 2. Aufl. Stuttgart 1996. Bd 1. S. 35), die in ihrer Haltung der Demut gegenüber Christus und dem dreieinigen, lebendigen Gott überhaupt so fromm klingt, menschlich gewiss edel war – aber eben dennoch der Versuch eines menschlichen Weges, sich für Gott zuzubereiten. Luther hat die römisch-katholische mittelalterliche Frömmigkeit gerade als Gesetzesfrömmigkeit erlebt. „Luther erstrebt im Kloster die Erfüllung des „vornehmsten und größten Gebots“: Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte zu lieben (Matth. 22,37 f.)“ (Fausel I, S. 40) Das war ja durchaus richtig, dass dieses Bestreben da war – aber es war eben – und ist es bis heute – der Grundfehler, dass die Kirche ihn und all die ihren in dem Wahn ließ, dass wir als Menschen dies erreichen oder zumindest dem sehr nah kommen könnten aus eigener Anstrengung.

Solch eine Form der Frömmigkeit erzeugte einen ungeheuren Druck auf die Menschen: „Gott will die ganze, ungeteilte Liebe – aber wieviel unruhige Begierde, wieviel Reiz zum Bösen, wieviel Eigendünkel und Eigenwille, wenn auch nur in der Form des natürlichen inneren Widerstandes gegen die schuldige Liebespflicht, ist noch im dunklen Raum der Seele!“ (Fausel I, S. 419 Gerade in seinem Ringen, Gottes Forderungen zu erfüllen, ihm wirklich von ganzem Herzen zu dienen, musste Luther immer mehr erkennen, dass dies völlig unmöglich war, und zwar wegen seiner Sünde, wegen der abgrundtiefen Sündenverdorbenheit der menschlichen Natur. So muss er immer mehr erkennen, dass er wegen seiner Sünde nicht zu Gott gelangen kann (vgl. Fausel I, S. 41).

Luther stellt der gesamten damaligen Theologie, auch William Occam, von dessen Theologie er zunächst manches lernte, ein vernichtendes Zeugnis aus: „... von Christus verstanden sie nichts, weil sie die Bibel verachteten und niemand die Bibel las zur Einübung [im Glauben], sondern zur [wissenschaftlichen] Erkenntnis wie ein geschichtliches Buch. (Tischreden, 4,5135 (August 1540), in: Fausel I, S. 43 f.). Und was ist das Ergebnis dieser Gesetzesfrömmigkeit? Sie führt dazu, „dass ich nicht auf Gott vertraute, sondern auf meine Gerechtigkeit“. Sie überlässt also den Menschen sich selbst, wirft ihn auf sich selbst zurück. Dies wird gerade auch deutlich in der römisch-katholischen Absolutionsformel bei der Beichte, die aus dem Evangelium ins Gesetz verkehrt wurde, auf menschliche Bedingungen gegründet: „ ‚Ich spreche dich los durch das Verdienst unsers Herrn Jesu Christi wegen der Reue des Herzens, des Mundes Bekenntnis, der Genugtuung deiner Werke und der Fürsprache der Heiligen usw.’ Die [von uns geforderte] Bedingung richtete alles Unglück an.“ (Tischreden 5,6017, in: Fausel I, S. 44) Hier wird es besonders deutlich: Christi Verdienst wird zwar erwähnt, aber dann kommt dazu, und tatsächlich wird es auch zum Schwerpunkt, was der Mensch alles an Vorleistung bringen muss – wie soll es da noch Heilsgewissheit geben? Wo bleiben da Gnade und Glauben?

Ist es ein Wunder, dass der Christus der Bibel in einer solchen Theologie und Frömmigkeit völlig unbekannt ist und bleiben muss? Wie hatte doch Luther ihn erfahren: „Denn ich kannte Christus nicht anders als einen strengen Richter, vor dem ich fliehen wollte und doch nicht entfliehen konnte.“ (Aus: Die kleine Antwort auf Herzog Georg nähestes Buch; WA 38,147,30 ff; in: Fausel I, S. 45)

Auch die andere Richtung der Frömmigkeit, die heute auch wieder so aktuell ist und auch in evangelischem und evangelikalem Raum so sehr eingedrungen ist, die Mystik, ist ein Irrweg, wie schon Luther erfahren hatte. „Die spekulative Wissenschaft der Theologen ist schlechthin nichtig.“ (Tischreden 1,644 (Herbst 1533); in: Fausel I, S. 45 f.) Und warum? Weil sie an dem fleischgewordenen Christus vorbei sieht, weil sie ohne Christus, an Christus vorbei eine Einheit der Seele mit Gott sucht. Dem gegenüber „ist die wahre Theologie praktisch, und ihr Fundament ist Christus, dessen Tod durch den Glauben ergriffen wird.“ (Tischreden 1,153; in: Fausel I, S. 45) Das muss gerade auch heute so deutlich betont werden gegenüber einer Frömmigkeit, die auf Erfahrungen, Erlebnisse, Gefühle setzt und nicht nach Gesetz und Evangelium, nicht nach dem fleischgewordenen Christus und wie er sich uns in der Bibel geoffenbart hat, nicht nach Gottes Heiligkeit und Gnade fragt.

Aber hat ihm denn nicht der römisch-katholische Theologe und Ordensmann Johann Staupitz zu Christus geholfen? Gewiss begegnen wir in Staupitz wohl einem der Vertreter der edelsten Weise römischer mittelalterlicher Frömmigkeit, der Luther allerdings viele Hinweise auf Christus gegeben hat, nämlich dass er von sich weg auf Christus sehen soll, anstatt den verborgenen Willen Gottes zu erforschen vielmehr die Wunden Christi betrachten solle (vgl. Fausel I, S. 48). „Man muss den Mann ansehen, der da Christus heißt.“ (Tischreden 1,526 (Frühjahr 1533); in: Fausel I, S. 52). Aber leider dennoch: Auch Staupitz kannte das wahre biblische Evangelium nicht und wandte sich daher später entschieden gegen Luther (vgl. Fausel I, S. 47, Anm. 55). Wohl liegt der Nachdruck bei ihm weit mehr auf der Gnade als auf den Werken – aber die Werke sind eben auch dabei; aufgrund der übernatürlichen eingegossenen sakramentalen Gnade soll der Mensch das Gute tun. Auch für ihn hat die Gnade also nur die Aufgabe, das menschliche Werk zu ermöglichen, damit er, der Mensch, diejenige Würdigkeit sich bei Gott erwerbe, die er für den Himmel benötige. (Das ist übrigens genau die Auffassung, die auch der derzeitige Papst Benedikt XVI. vertritt, der als Kardinal Ratzinger im Zusammenhang mit der Gemeinsamen Erklärung verdeutlichte, dass nach seiner Auffassung – im Gegensatz damit zu Römer 4 – Gott nicht den Gottlosen gerecht spreche, sondern den, der es verdient hat.) All das, was bei Staupitz so edel erscheint, das fromme Leben in der aufrichtigen Nachfolge Christi, die redliche Anstrengung in der Gnadentheologie, das gehorsame und gelassene Versinken in die Liebe Gottes – all das steht unter dem Gesichtspunkt des Verdienstes. Auch über seinem Weg steht also das Gesetz, das erfüllt werden muss – und das aber doch eben nicht erfüllt werden kann! (Es ist daher übrigens auch verheerend, dass Thomas a Kempis’ Buch „Nachfolge Christi“, das in etwa auch diese Frömmigkeitsrichtung vertritt, in evangelische Kreise solchen Eingang gefunden hat.) Staupitz hat also Luther gewiss gute Dienste getan – aber eine wirkliche Antwort auf dessen brennende Frage nach dem gnädigen Gott konnte er ihm nicht geben. (vgl. Fausel I, S. 49). „Im Jahr 1517 erklärte Staupitz ausdrücklich, es sei eine teuflische Anfechtung, wenn behauptet werde, der mensch werde allein aus Gnaden und nicht uns seiner Werke willen selig.“ (Fausel I, ebd.) So fromm also all diese Theologie auch klingt, tatsächlich schlägt sie Christus, seinem Gehorsam, Leiden und Sterben für uns ins Gesicht und ist damit Aufruhr gegen Gott.

 

 

Die biblisch-reformatorische Grunderkenntnis: Allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst willen, allein durch den Glauben

 

Was aber war dann die zentrale Erkenntnis Luthers, der Durchbruch zum biblischen Glauben? Es war dies, dass er erkannte, dass wir die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst willen, allein durch den Glauben erlangen. Im Anschluss an die römisch-katholische Lehre kannte Luther den Begriff „Gerechtigkeit Gottes“ bis dahin nur als eine Forderung Gottes an uns, als etwas, das wir Gott zu bringen hätten (vgl. Fausel I, S. 53). „Ich hasste nämlich dieses Wort ‚Gerechtigkeit Gottes’, weil ich – nach Brauch und Gewohnheit aller Kirchenlehrer -  unterwiesen worden war, es philosophisch zu verstehen von der sogenannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit, wonach Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft.“ (Vorrede zu Bd 1 der Lateinischen Werke (1545), WA 54,185,14 ff; in: Fausel I, S. 56) Gottes Gerechtigkeit als Ausdruck des Gesetzes musste ihm ja bedrohend, tötend, verdammend erscheinen. So wurde also das Evangelium, das von der Gerechtigkeit Gottes spricht, in solch einer Theologie zu einer Erscheinungsform des Gesetzes werden (und ist es bei Rom bis heute, etwa als „neues Gesetz“, ähnlich auch in der reformierten Theologie, die auch keine wirkliche Unterscheidung von Gesetz und Evangelium kennt und das Evangelium als vollendetes Gesetz versteht).

Was machte nun die bahnbrechende Grunderkenntnis Luthers anhand von Römer 1,16.17 aus? „Gottlob, als ich die Sache verstand und wusste, dass ‚Gerechtigkeit Gottes’ die Gerechtigkeit bedeutet, mit der er uns rechtfertigt durch die geschenkte Gerechtigkeit in Christus Jesus, da verstand ich die Grammatik, da schmeckte mir erst der Psalter.“ (Tischreden 5,5247 (September 1532); in: Fausel I, S. 54 f.) „... so wird sie nicht unser Verdienst, sondern die Barmherzigkeit Gottes sein. So wurde mein Geist aufgerichtet. Denn die Gerechtigkeit Gottes besteht darin, dass wir durch Christus gerechtfertigt und erlöst werden.“ (Tischreden 3,3232 c (Juni/Juli 1532); in: Fausel I, S. 55). Die Gerechtigkeit Gottes ist also nicht Gesetz, nicht etwas, das wir erbringen müssen, sondern sie ist Evangelium, ist Geschenk Gottes an uns durch Jesus Christus. Sie ist also gerade nicht eine eigene Gerechtigkeit, die wir haben müssten, verdienen müssten, um von Gott angenommen zu werden, sondern sie ist eine fremde Gerechtigkeit, Christi Gerechtigkeit, die uns um Christi Gehorsam, Leiden und Sterben willen zugesprochen wird, die daher der Glaube ergreift. „Der Gerechte lebt aus dem Glauben – da begann ich die Gerechtigkeit Gottes verstehen zu lernen als die Gerechtigkeit, in der der Gerechte durch Gottes Geschenk lebt, und zwar aus dem Glauben, und ich fing an zu verstehen, dass dies die Meinung ist, es werde durchs Evangelium die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt aus dem Glauben.““ (Vorrede zu Band 1 der lateinischen Werke (1545), WA 54,185,14 ff; in: Fausel I, S. 57).

Damit hängt aufs engste eine andere Grunderkenntnis Luthers zusammen, nämlich, wie die Heilige Schrift recht zu lesen, zu verstehen ist. Der Schlüssel zur Bibel ist die rechte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. „Ich lernte die Gerechtigkeit des Gesetzes von der Gerechtigkeit des Evangeliums unterscheiden. Es fehlte mir vorher nichts, als dass ich keinen Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium machte; ... Als ich aber den rechten Unterschied fand, dass nämlich Gesetz und Evangelium zweierlei sei, da riss ich durch.“ (Tischreden 5,5518 (Winter 1542/43); in: Fausel I, S. 56). Ohne diese Unterscheidung ist die Bibel allerdings ein dunkles Buch; mit der Unterscheidung aber wird sie hell und klar und erkennen wir Christus als den, der er wahrhaft ist: der Welt Heiland, Erlöser aller Menschen, derjenige, der Gott mit der Welt versöhnt hat.

 

Eng mit dieser grundlegenden reformatorischen Erkenntnis ist das neue Schriftverständnis. Dies beinhaltet eine völlig neue Stellung zur Schrift. Bis dahin – und leider heute in der von der historisch-kritischen Methode bestimmten Theologie wieder – war die Schrift Gottes dem Menschen und seineer Theologie unterworfen, jetzt aber sollte Gott selbst wieder durch sein Wort reden: „Jetzt ist ihm die wunderbare Gnade zuteil geworden, dass eer das Wort der Schrift aufnimmt als unmittelbar von Gottes Majestät selbst geredet.“ (Fausel I, S. 58) Der Christ und Theologe ist nicht mehr selbstmächtiger, sondern demütiger Ausleger. „Gott baut sein Werk, indem er unser Wesen zerstört.“ (Fausel I, ebd.) Das aber heißt: „Vor aller Auslegung kommt das Hören; die Heilsbotschaft hören kann aber nur der demütige, nicht der selbstmächtige Ausleger.“ (Fausel I, ebd.) Luther schreibt: „Das halte ich für die vornehmste Gnade und für eine wunderbare Gunst Gottes, wenn es einem gegeben ist, die Worte der Schrift so zu lesen und zu hören, gerade wie wenn er sie unmittelbar von Gott selbst hörte.“ (Aus der Psalmenvorlesung (1513/14). WA 3,342,26; in: Fausel I, S. 60 f.)

Durch die Schrift wurde daher auch die reformatorische Erkenntnis immer mehr erhärtet, besonders anhand des Römerbriefes, der ein gewaltiges Zeugnis gibt: „Christus allein ist unsere Gerechtigkeit.“ (Fausel I, S. 59) Es gibt gar nichts, was sich der Mensch verdienen kann, kein menschliches Werk kann der Würdigkeit dienen; vielmehr „Gott Gnade umspannt den ganzen Menschen bis zum Tode und erneuert unser Leben“. (Fausel I, ebd.) Der Mensch wird damit völlig durchgestrichen, denn wir können Gott gar nichts bringen. Dieser Zerbruch ist nötig und muss vollständig sein; Gottes Gottheit, seine Allmacht und Souveränität müssen wieder zum Zuge kommen in unserem Leben. „Es wird keine Gerechtigkeit Gottes in uns geben und es entsteht keine, wenn nicht vorher ganz und gar die Gerechtigkeit zu Fall kommt und unsere Gerechtigkeit vergeht.“ (Aus der Psalmenvorlesung (1513/14). WA 3,31,9; in: Fausel I, S. 61). Wir Menschen haben gar nichts, überhaupt nichts, was wir Gott bringen können. All unsere Gerechtigkeit, die wir meinen zu haben, ist nur ein unflätiges Kleid, ist nichts als Dreck, wie es Paulus im Philipperbrief schreibt. „Denn so möchte er selbst in Christus erfunden werden: als einer, der nicht seine Gerechtigkeit habe (Phil. 3,9)... Denn die Gnade und Gerechtigkeit Gottes ist umso mächtiger in uns, je mächtiger die Sünde ist (Röm. 5,20), d.h. je weniger Gerechtigkeit wir uns selbst zuschreiben, je mehr wir uns selbst richten und verwünschen und verabscheuen, desto mächtiger strömt die Gnade Gottes in uns ein.“ (Aus der Psalmenvorlesung (1513/14). WA 3,31,9 ff.; in: Fausel I, S. 61 f.) „Woher empfangen wir nun Gedanken, die uns rechtfertigen? Nur von Christus und in Christus. Denn wenn das [eigene] Herz des Christusgläubigen ihn tadelt und verklagt und gegen ihn zeugt von seinem bösen Werke, so wendet er sich alsbald ab und zu Christus hin und spricht: Er hat genug getan, Er ist gerecht, Er ist meine Verteidigung, Er ist für mich gestorben, Er hat seine Gerechtigkeit zu der meinigen und meine Sünde zu der seinigen gemacht. Hat Er nun meine Sünde zu der seinigen gemacht, so habe ich sie nicht mehr und bin frei. Hat Er seine Gerechtigkeit zu der meinigen gemacht, so bin ich gerecht durch dieselbe Gerechtigkeit wie er. Meine Sünde aber kann ihn nicht verschlingen, sondern sie wird verschlungen von dem unermesslichen Abgrund seiner Gerechtigkeit; denner selbst ist Gott, hochgelobt in Ewigkeit.“ (Aus der Römerbriefvorlesung (1515/16). Scholie zu Röm. 2,15 nach Ficker I, 2, Seite 43,31 ff.; in: Fausel I, S. 62) Es geht also, gegen all den humanistischen Trend auch der modernen Theologie, nicht um Selbstverwirklichung, Selbstliebe, Selbstachtung, eigene Gerechtigkeit – sondern darum, dass das alte Ich mit seiner Gerechtigkeit zerbrochen wird, ganz und gar, bis dahin, dass wir uns, wie Paulus es tat, als Sünder selbst verabscheuen und so Christi Gerechtigkeit voll Freude ergreifen.

Es ist unabdingbar nötig, dass wir uns als Sünder erkennen, akzeptieren, dass wir es sind, uns als solche mit nur mit Sünden beladenen Händen vor Christus hintreten, damit wir alles bei ihm abladen. „Unter Sündern wohnt Christus“ hat Luther schon 1515 betont (Fausel I, S. 66). Es ist nicht nur unmöglich, vor Gott im Schmuck irgendwelcher Tugenden und Verdienste da zu stehen – es ist auch äußerst gefährlich. „... lerne Christus kennen, und zwar den Gekreuzigten. Lerne, ihm zu lobsingen und – mitten aus der Verzweiflung über Dich selbst heraus – zu ihm zu sprechen: ‚Du, Herr Jesus, bist meine Gerechtigkeit, ich aber bin deine Sünde; du hast das Meine angenommen und mir das Deine geschenkt; du hast angenommen, was du nicht warst, und mir gegeben, was ich nicht war.’ Hüte Dich, je einmal nach solcher Makellosigkeit zu trachten, dass Du vor Dir selbst kein Sünder mehr scheinen oder gar kein Sünder mehr sein willst. Denn Christus wohnt nur unter Sündern. Dazu kam er ja vom Himmel, wo er unter Gerechten wohnt, damit er auch unter Sündern seine Wohnung habe. Diese seine Liebe bedenke unermüdlich, so wirst Du seinen allersüßesten Trost ersehen. Müssten wir durch unsere eigenen Mühen und Qualen zur Ruhe des Gewissens gelangen, - wozu ist der dann gestorben? Darum wirst Du nur ihn ihm, durch die getroste Verzweiflung an Dir und Deinen Werken, den Frieden finden; Du wirst überdies von ihm lernen, dass ebenso, wie er Dich aufnahm und Deine Sünde zu der seinen machte, eer auch seine Gerechtigkeit zu der Deinen gemacht hat.“ (Brief an Georg Spenlein 1516. Br. 1,35,4 ff; in: Fausel I, S. 68)

Zum Christenleben gehört dann aber auch das Kreuz. Der Friede Gottes ist nicht Ruhe vor Kreuz und Anfechtung, sondern „gerade in Kreuz und Anfechtung verborgen, das Marterholz des Kreuzes wird dem, der es willig trägt, zum Segensholz“ (vgl. Fausel I, S. 66 f.)

Das muss auch hinführen zu einer neuen, biblischen Auffassung von der Kirche: „Die rechte Kirche ist der Ort, da die Botschaft der Gnade verkündigt wird; sie wird nicht durch Buchstaben und Menschensatzung, sondern durch das Evangelium erbaut und allein durch das Wort Gottes erhalten.“ (Fausel I, ebd.) Es geht darum, dass „durch die Predigt dem Wort der Wahrheit zur Geburt geholfen wird.“ (Fausel I, S. 60) Deshalb müssen „die Geistlichen Überfluss haben am Wort der Wahrheit“. (Predigt über 1. Joh. 5,4 und 5 für Georg Mascov. WA 1,12.11; in: Fausel I, S. 64) Ja, das allein ist ja ihr Auftrag. Wenn es ihnen nicht darum geht, dass sie das Wort der Wahrheit bringen, „so werden sie gewiss nicht unter die Hirten, sondern unter die Wölfe gerechnet und vor Gott für Götzenbilder, nicht für Bischöfe gehalten werden.“ (ebd; in: Fausel I, S. 65)

 

Diese neue biblische Erkenntnis schlug sich auch nieder in einer Erneuerung der Theologie insgesamt, die auch in einer Reform der Universität mündete. Bis dahin stand auch die Theologie unter der Herrschaft des griechischen Philosophen Aristoteles. Zunächst schien es so, als ginge Luther mit seinem Angriff auf Aristoteles und seine Prinzipien durchaus mit dem Humanismus überein. Aber sehr schnell wurde deutlich, dass Humanismus und biblisches Christentum unvereinbar sind. Das Ideal des Humanismus war (und ist) die „freie, in sich selbst mächtige, zur Vollkommenheit durchgebildete Persönlichkeit (Fausel I, S. 74), wie das auch Erasmus von Rotterdam, das Haupt der Humanisten, vertrat. Es ging und geht dem Humanismus um das Menschliche, nicht um Gott. Der menschenverherrlichenden Auffassung des Humanismus musste Luther das biblische Menschenbild entgegensetzen: „Der sündige Mensch kann nur das Böse wollen und will selbst Gott sein; Gottesgesetz und Menschenwille stehen in unversöhnlichem Gegensatz; man kann nur ohne, nie aber mit Aristoteles Theologe werden.“ (Fausel I, S. 76) Mit der Bibel kann nur bezeugt werden, dass wir Menschen von unserer Natur her abgrundtief verdorben sind, unfähig zu allem Guten, unfähig damit auch, Gott zu lieben, seine Gebote zu halten, seinen Willen zu tun. Das hat der Humanismus nie zugegeben. Darum hat er auch nie wirklich die Gnade Gottes in Jesus Christus begriffen, nämlich dass wir ALLEIN aus Gnaden gerecht werden, ohne irgendein menschliches Zutun. „Denn anders ist das Urteil, wo einer dem Willen des Menschen noch etwas zuschreibt, anders, wo einer außer der Gnade nichts kennt.“ (Briefe, Weimarer Ausg. 1,90,15 ff., in: Fausel I, S. 77)

 

Wie lässt sich nun also zusammenfassend die grundlegende biblisch-reformatorische Entdeckung Luthers beschreiben? Zentral ist, dass unser Halt außerhalb von uns liegt, nämlich allein in der Gnade Gottes. Dieses Allein – allein aus Gnaden, allein um Christi willen, allein durch den Glauben – hat zu einem neuen Schriftverständnis geführt und das gesamte Fundament der römisch-katholischen Kirche umgestoßen und markiert bis heute den zentralen Gegensatz zwischen biblisch-reformatorischer lutherischer und römisch-katholischer Kirche. Nicht, dass Rom nicht auch von Gnade, von Christus, von Glauben spricht – aber es hat nicht das allein, sondern ersetzt es durch „und“, Gnade und ..., Christus und ..., Glaube und ...Und dieses „und“ weist immer auf den Menschen hin, setzt menschliches Mittun, menschliches Verdienst mit ein, das letztlich die Gnade Gottes erzwingt. Deshalb behauptet Rom auch einen natürlichen freien Willen, wenn auch nur eingeschränkt, dem die Gnade als eine eingegossene Kraft nur zu Hilfe kommen müsse. Das führt dazu, dass Rom die Notwendigkeit behauptet, sich die Gnade verdienen zu müssen. Neben Christus, neben den heiligen Gott tritt also immer das fromme Ich: „...; in ruheloser Eigengerechtigkeit strebt es [das fromme Ich] entweder darnach, durch gehäufte Werke, durch die Menge der Wallfahrten, Stiftungen, Messen, Ablässe und Beichten das für den Himmel erforderliche Maß zu erlangen, oder aber sucht es auf dem umgekehrten Wege durch Entsagung und Entwerdung, durch leidenschaftliche Selbstentäußerung und Abkehr von der Sinnenwelt sich des im Seelengrunde verborgenen Gottes zu bemächtigen. Beide Male verzehrt es sich in der peinigenden Ungewissheit, ob völlige Genugtuung, völlige Gottesgemeinschaft je erreicht werden kann.“ (Fausel, I, S. 78.79) Dieses Ungeheuer der Ungewissheit muss ja daraus folgen.

So hat Rom ein Nebeneinander von Offenbarung und Vernunft, von Gnade und Verdienst, von Gott und Mensch.

Luther aber setzt dem ALLEIN AUFGRUND DER SCHRIFT das ALLEIN DES EVANGELIUMS zur Seite. Und dies kann er umso wuchtiger, weil Gott selbst zu ihm eben durch die Schrift, in der Schrift, geredet hat. Und er weiß es daher gewiss: Nur in der Schrift ist der lebendige, dreieinige Gott zu hören, nicht in der Vernunft, nicht in irgendwelchen Erleuchtungen. ALLEIN DIE SCHRIFT IST DER OFFENBARUNGSORT GOTTES – ALLEIN DIE SCHRIFT IST GEWISS. „Nun hört Luther Gottes Stimme nirgends anders als in der Schrift. Nun hält er fest: Nicht die Vernunft, nicht die innere Erleuchtung, sondern die Schrift ist der Ort der Offenbarung. Und ihre Gewissheit ruht in ihr selber; die Sache selber überwindet den Hörer, nicht die natürliche Einsichtigkeit oder die übernatürliche Beglaubigung durch Träume und Gesichte, Ekstasen und Wunderzeichen. Nun deckt die Autorität der Schrift den angefochtenen Einzelnen; in der Gewissheit, auf der Schrift zu stehen, stellt sich Luther Paulus an die Seite, weiß er sich der ganzen Theologie seiner Zeit überlegen.“ (Fausel, I, S. 79)

Aus der Schrift schöpft Luther daher auch die Grundlage des biblisch-evangelischen Glauben: ALLEIN AUS GNADEN. Die Gerechtigkeit, durch die wir bei Gott gerecht werden, ist eine passive Gerechtigkeit. Sie ist nicht eine Gerechtigkeit, die wir tun, die wir verdienen, die wir Gott bringen, sondern vielmehr eine Gerechtigkeit, die wir erleiden, deren wir gar nicht würdig sind, weil wir ja als Sünder Gott gegenüber gar keine Rechte haben. Sie wird uns vielmehr ohne unser Verdienst, allein aus Gnaden zugesprochen. „Das Urteil über den Unwürdigen ist gefällt, aber es ist ein Gnadenurteil: Es reißt den Sünder, der im Bewusstsein seiner Unwürdigkeit auf Eigengericht und Selbstrechtfertigung verzichtet, aus der Mitte der Gottlosen heraus; es hat am Kreuze Chrsiti alle Menschenkraft zunichte gemacht, damit der Sünder stark und selig werde durch Gotteskraft. Der Richter bleibt der unbedingte Herr des Menschen, aber er urteilt nach seiner Barmherzigkeit, und sseine Gnade steht über dem Gesetz.“ (Fausel, I, S. 80)

„DIE RECHTFERTIGUNG DES SÜNDERS GESCHIEHT ALLEIN DURCH DEN GLAUBEN.“ (Fausel I, ebd.) Der Glaube steht dabei aller Seelenhaltung, die durch eine übernatürliche eingegossene Gnade geformt wurde, in der der Mensch Gott wohlgefällige Werke vollbringt, um dem Urteil Gottes zu entfliehen, und damit allem menschlichen Verdienst, allem Mitwirken an der Erlösung unbedingt entgegen. Glaube ist vielmehr „die Selbstauslieferung an Gottes Urteil auf Gnade und Ungnade: Der Glaubende bekennt seine Sünde, er rechtfertigt sich nicht, sondern klagt sich an; er hält dem Spruch, der ihn tötet und lebendig macht, stand, er stimmt dem Urteil Gottes zu; er glaubt, dass nicht bei ihm, sondern allein bei Gott Rechtfertigung, Vergebung der Sünden, Gnade und Barmherzigkeit zu finden ist, er traut darauf, dass ihm diese Gnade durch Christi Verdienst zugerechnet ist; er ist in seinen Augen ein Sünder und er ist gewiss, dass er in Gottes Augen gerecht ist.“ (Fausel, I, ebd.) Der Glaube ist also die bedingungslose Kapitulation, die Anerkennung, dass ich ein Sünder und als solchen natürlicherweise ewig verloren bin – und allein aus Gnaden gerechtfertigt werde, Vergebung empfangen kann, allein um Christi Verdienst willen: ICH BIN EIN SÜNDER – ABER UM CHRISTI WILLEN IN GOTTES AUGEN GERECHT.

Und diese Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnaden, allein um Christi Willen, allein durch den Glauben, sie ist das Zentrum der Heiligen Schrift und damit des christlichen Glaubens. „Die Rechtfertigungslehre ist die Mitte aller Theologie, der Herzpunkt jeder Glaubensaussage, das Zentrum der Verkündigung! Die Rechtfertigungslehre ist die Forn, in der Luther Christus begegnet ist. Gottes Gerechtigkeit erscheint in Jesus Christus. Darum verliert alle andere Gerechtigkeit ihren Wert.“ (Fausel, I, ebd.) Das hat aber dann auch eine radikale Folge: „Gott, der sich ganz in Christus offenbart, will auch den ganzen Menschen.“ (Fausel, I, ebd.) Dieser Anspruch folgt unbedingt daraus, dass Christus mein Erlöser ist – und nun auch mein Herr; denn er hat mich „erlöst, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels nicht mit Gold oder Silber, sondern durch sein unschuldiges Leiden und Sterben, auf dass ich sein eigen sei und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit“. (Kleiner Katechismus, Erklärung zum 2. Glaubensartikel)