Beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet! Apg. 2,42

DER BEKENNTNIS-

LUTHERANER

 

Lutherisches Blatt für Bibelchristentum.

Mit Zustimmung der Lutherischen Kirchen der Reformation (Lutheran Churches of the Reformation, LCR) herausgegeben von Roland Sckerl,  Leopoldstr. 1, D-76448 Durmersheim; Tel.:07245/83062; Fax: 07245/913886

e-mail: Sckerl@web.de

14. Jahrgang 2006                                  Heft 3/2006

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

UNTER LUTHERS KANZEL UND KATHEDER     2

Die reformatorische Entwicklung bis zur Leipziger Disputation    2

Die Leipziger Disputation – wider die angemaßte Autorität Roms und des Papstes   2

UNTER BIBEL UND BEKENNTNIS    4

Von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben    4

Literaturhinweise   10

 

 

 

 

 

 

UNTER LUTHERS KANZEL UND KATHEDER

 

 

 

Die reformatorische Entwicklung bis zur Leipziger Disputation

 

Von

Roland Sckerl

 

Mit den 95 Thesen und deren Erklärungen war Luther noch nicht am Ende seiner biblisch-reformatorischen Entwicklung angekommen. Der Kern kristallisierte sich immer mehr heraus: Christus allein, Gnade allein, Glauben allein, die Schrift allein. Aber in vielem steckte noch römische Irrlehre drinnen, selbst die Gnadenlehre war noch nicht ganz eindeutig, ebensowenig diejenige über die Kirche, das Amt, die Sakramente. Gott führte es, dass er gerade durch die weiteren Auseinandersetzungen immer klarer, tiefer geführt wurde.

Rom selbst aber driftete in diesem Ringen immer mehr ab von der Bibel, verstieg sich in immer neue Irrlehren. So behauptete jetzt Prierias, das Papsttum sei die Kirche, beanspruchte damit auch absolute Autorität für das Papsttum, wie Luther ausdrückte: „Wer an einem Wort oder Werk der römischen Kirche zweifelt, ist ein Ketzer.“ (vgl. Heinrich Fausel: D. Martin Luther. Sein Leben und sein Werk. Bd. 1. S. 112.116) Dem stellte Luther gemäß der Schrift entgegen: Christus ist die Kirche; ein Konzil mag eine irdische Vertretung der Kirche sein, kann aber irren. (vgl. Fausel, Bd. 1, S. 113) Dies hatte sogleich Auswirkungen auf die Lehre vom Bann. Wenn Christus der Grund des rechtfertigenden Glaubens ist und das wahre Haupt der Kirche, so bestimmt er die Grenzen der Kirche – und damit kann ein ungerechtfertigter Bann nicht aus der Kirche als der verborgenen Gemeinschaft der Gläubigen, Heiligen ausschließen. (vgl. ebd.)

Die Verhandlungen mit Cajetan im Zusammenhang mit dem Augsburger Reichtstag 1518 brachten weitere Klärungen in der Gnadenlehre. Cajetan behauptete, die Gnade sei Besitz der Kirche (und damit letztlich des Papstes), ein Besitz, über den sie frei verfügen könne – und leugnete damit, dass die Gnade eine Gabe Gottes im Evangelium ist. (vgl. Fausel, Bd. 1, S. 115) Luther dagegen hob hervor, dass Christi Verdienst nicht der Schatz der Kirche ist, sondern nur das Mittel, das uns diesen Schatz, nämlich das Evangelium, die Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit, verdient hat. Der Schatz der Kirche ist das Evangelium von der freien Gnade in Jesus Christus. Das war es, was Luther schon in den Thesen 58 bis 62 dargelegt hatte. Damit machte Luther deutlich: Ein Widerruf ist völlig unmöglich. Widerruf wäre ein ein Widerrufen des Evangeliums und zudem gegen sein Gewissen. (vgl. Fausel, Bd. 1, S. 115.116)

In der Zeit nach dem Augsburger Reichstag wird es Luther immer deutlicher, „um was es geht in seinem Kampfe: Es ist keine Auseinandersetzung zwischen Orden und Fakultäten, Schulmeinungen und Kirchengruppen, nein, der Kampf zwischen Christus und Antichristus hat begonnen!“ (s. Fausel, Bd. 1, S. 123): „Ich werde dir mein Geschreibsel schicken, damit Du siehst, ob ich mit Recht ahne, dass der wahre Antichrist, auf den Paulus hinzielt (2. Tehss. 2,4), in der römischen Kurie herrscht. Heute schon glaube ich beweisen zu können, dass Rom schlimmer ist als der Türke.“ (s. Fausel, Bd. 1, S. 127) In diesen Kampf will Luther vor allem ziehen als der Mann der Heiligen Schrift, weshalb er in dieser Zeit sich besonders wieder der Auslegung der Heiligen Schrift widmet und den ersten Galaterbriefkommentar erarbeitet mit dem Jubel über die Freiheit der Erlösten: „Die menschliche Freiheit zeigt sich darin, dass die Gesetze geändert werden, aber die Menschen gleich bleiben; die christliche Freiheit zeigt sich darin, dass die Menschen andere werden, ohne dass die Gesetze geändert werden. Hier, im menschlichen Herzen, vollzieht sich die Entscheidung zwischen Freiheit und Knechtschaft!“ (s. Fausel, Bd. 1, S. 125)

 

 

Die Leipziger Disputation – wider die angemaßte Autorität Roms und des Papstes

 

Von

Roland Sckerl

 

Andreas Bodenstein-Karlstadt hatte im Mai 1518 die Theologie Luthers durch Thesen dargestellt und war dadurch in eine literarische Auseinandersetzung mit dem Ingolstädter Theologen Johann Eck verwickelt worden. Auf dem Augsburger Reichstag vermittelte Luther zwischen beiden eine Disputation über die Gnade und den freien Willen, die in Leipzig stattfinden sollte. Eck war aber kein selbständiger Bibeltheologe, seine Bibelkenntnis soll recht gering gewesen sein, sondern ein völlig der römischen Kirche und ihren Traditionen unterworfener Mann, der, nachdem der päpstliche Erlass gegen Luther vom November 1518 bekannt geworden war, sich völlig gegen Luther stellte. Seine Thesen, die er für das Streitgespräch herausgab, gingen daher auch gar nicht so sehr auf die Thesen Karlstadts ein, sondern vielmehr auf Luther direkt, dessen Lehre von Ablass, Buße, vom Schatz der Kirche und vom Fegfeuer. In diesem Zusammenhang geht Eck dann noch einen Schritt weiter und fordert Luther heraus, indem er nach dem Ursprung der Autorität des Papsttums fragt, nämlich ob das Papsttum göttlichen – wie die römischen Katholiken behaupten – oder menschlichen Ursprungs sei. Luther antwortet Eck in 13 Thesen und geht in der letzten auf die Frage nach dem Papsttum ein: „Dass die römische Kirche über allen anderen stehe, wird bewiesen aus den eiskalten päpstlichen Dekretalen, die erst in den letzten 400 Jahren aufgekommen sind. Gegen sie spricht die beglaubigte Geschichte von 11 Jahrhunderten, der Text der Heiligen Schrift und das Dekret des Konzils von Nizäa, des heiligsten von allen.“ (s. Fausel, Bd. 1, S. 130) Damit stellt Luthers erstmals öffentlich das Papsttum selbst in Frage.

In seinen schriftlichen Erläuterungen zu diesen Thesen vertieft Luther seine Aussagen noch, in welchen „er den historischen Nachweis für seine Behauptung führt, dem Papst nach Tradition und Rechtsstellung einen Ehrenvorrang und – nach menschlichem Recht – besondere Würde zugesteht, im übrigen aber erklärt, dass das Wesen der Kirche in der Bindung nicht an ein sichtbares Haupt, sondern an ihren unsichtbaren Herrn Christus besteht. Denn Kirche ist da – das wird von Luther erstmals öffentlich festgestellt –, wo das Wort Gottes gepredigt und geglaubt wird“. (s. Fausel, Bd. 1, S. 131) Zugleich vergrößert sich seine Befürchtung, es im Papsttum mit dem Antichristen zu tun zu haben: „Ich weiß nicht, ob der Papst der Antichrist selbst oder nur sein Apostel ist, so jammervoll wird Christus von ihm in seinen Dekreten – das ist die reine Wahrheit – geschändet und gekreuzigt.“ (Brief an Spalatin vom 13.03.1519; in: Fausel, ebd.) Damit ist Luther gerade in der Lehre von der Kirche zu wichtigen biblisch-reformatorischen Erkenntnissen gekommen: Die Kirche im eigentlichen Sinne ist nicht abhängig von irgendwelchen menschlichen Autoritäten oder Personen, sondern da vorhanden, wo Gottes Wort gepredigt wird und geglaubt. Das Wort des Evangeliums ist Samen und Grundlage der Kirche, wo Gottes Wort (und Sakrament) ist, da ist die Kirche. Der Glaube ist das, was eine Versammlung um Wort und Sakrament zur Kirche macht, gezeugt aber eben aus Wort und Sakrament. Und: Das Papsttum hat keinerlei göttliche Autorität, sondern ist eine rein menschliche Institution.

In der Auseinandersetzung in Leipzig selbst ging es Eck vor allem darum, Luther als Ketzer, als Hussiten abzustempeln, mit Hinweis unter anderem auf die Urteile des Konstanzer Konzils. Dies führt dazu, dass Luther seine Aussagen über das Papsttum und die menschlichen Autoritäten in der Kirche weiter vertieft und verbreitert: „Konzilien können irren, wie der Papst fehlen kann; menschlich geschichtliche Autoritäten haben für ihn keine unbedingte Gültigkeit.“ (s. Fausel, Bd. 1, S. 132)

Die Disputation selbst war zunächst überschattet von den parteiischen Machenschaften Ecks und der Leipziger, die keine Niederschrift zulassen wollten, dann, als Karlstadt darauf bestand, durchsetzten, dass die Schiedsrichter erst nachträglich benannt werden sollten. Dann wurde Karlstadt, der während der Disputation eifrig aus den Schriften der Kirchenväter zitierte und dadurch darlegte, dass Eck sie immer wieder falsch anführte, für sein Opponieren gegen Eck verboten, die Bücher zu benutzen. Am Schluss aber akzeptierte Eck dann plötzlich ziemlich alles, was Karlstadt vertreten hatte. „Am Schluss gab der heimtückische Bursche alles zu, was Karlstadt behauptete, obwohl er es so heftig gekämpft hatte, erklärte sein völliges Einverständnis mit ihm und rühmte sich noch, Karlstadt zu seiner eigenen Auffassung herübergezogen zu haben. Denn er verwarf Scotus samt den Scotisten und den Capreolus samt den Thomisten und behauptete, die übrigen Scholastiker hätten dasselbe gewusst und gelehrt [wie Karlstadt]. Damit waren Scotus und Capreolus gefallen, d.h. die zwei hochberühmten Parteien der Scotisten und Thomisten.“ (Luther: Bericht über die Leipziger Disputation. Brief aus Wittenberg an Hofprediger Spalatin vom 20. Juli 1519. in: Fausel, Bd 1, S. 135 f.)

Die Disputation zwischen Luther und Eck drehte sich in erster Linie über die Autorität des Papsttums, ob es also göttlichen Rechts sei, wie Rom behauptete und behauptet, oder ob es menschlicher Herkunft ist, wie Luther es in seinen Thesen dargelegt hatte. Obwohl er es schon ahnte, so ging Luther damals noch nicht so weit, im Papsttum eindeutig den Antichrist zu sehen. „Hier mag man auch bei meiner Sache sehen, wie schwer es ist, sich herauszuarbeiten und emporzuringen aus Irrtümern, die durch das Beispiel der ganzen Welt unantastbar und durch lange Gewohnheit gewissermaßen zur Natur geworden sind. Wie wahr ist das Sprichwort: „Schwer ist’s Gewohntes zu verlassen“ und „Gewohnheit ist die andere Natur“, und wie wahr sagt Augustin: „Die Gewohnheit, wenn man ihr nicht Widerstand leistet, wird zum Zwang.“ Ich selbst hatte damals die Heilige Schrift aufs sorgfältigste für mich persönlich und öffentlich gelesen und sieben Jahre lang gelehrt, so dass ich fast alles auswendig wusste; ich hatte ferner die ersten Anfänge der Erkenntnis und des Glaubens an Christus eingesogen, dass wir nämlich nicht durch Werke, sondern durch den Glauben an Christus gerecht und selig werden; endlich verteidigte ich das schon in der Öffentlichkeit, wovon eben die Rede ist, dass der Papst nicht nach göttlichem Recht das Haupt der Kirche sei. Und trotzdem sah ich nicht, was sich folgerichtig daraus ergab, dass nämlich der Papst dann notwendigerweise vom Teufel sei. Denn was nicht von Gott ist, das muss vom Teufel sein.“ (Aus der Vorrede zu Band 1 der Lateinischen Werke (1545). WA 54,183,1 ff. in: Fausel, Bd 1, S. 140 f.)

In seinem Brief an Spalatin vor der Disputation hatte Luther bereits deutlich dargelegt, worum es ihm in seiner 13. (12.) These ging: „Ich leugne, dass die römische Kirche höher ist als alle Kirchen.“ (Walch 2, Bd. XV, Sp. 833,5) Dies führt er zunächst historisch aus, indem er zeigt, dass die Ostkirchen nie unter dem Papst gewesen sind und weist ferner darauf hin, dass der nordafrikanische Bischof Cyprianus die afrikanischen Kirchen zu einem Konzil berief, ohne dazu sich erst von Rom autorisieren zu lassen (ebd., Par. 7).

Die These, um die es hauptsächlich ging, war die 13. und letzte aus der Thesenreihe Luthers gegen Eck: „Dass die römische Kirche höher sei als alle anderen, wird aus den ganz kalten [d.i. nichtssagenden] Dekreten der römischen Päpste, die in den letzten 400 Jahren aufgekommen sind, bewiesen; wider dieselben sind aber die bewähren Geschichten von 1100 Jahren, der Text der göttlichen Schrift und der Beschluss des Konzils zu Nizäa, welches von allen das heiligste ist.“ (Walch 2, Bd. XVIII, Sp. 721)

Zu dieser These, deren Bedeutung Luther wohl bewusst war, hat er dann auch eine breite Erläuterung geschrieben, in der er eine ausführliche Begründung dafür gibt, warum das Papsttum keine göttliche Ordnung ist. Dies ist gerade auch in der Zeit der Ökumene, in der der Antichrist noch einmal sein Haupt erhebt, sehr wichtig zu bedenken. Sehr deutlich hebt er darin hervor, dass die Kirche Christi keineswegs auf das Papsttum gegründet ist: „Die Kirche Christi ... ist fest gegründet auf den Fels des Glaubens.“ (Walch 2, Bd. XVIII, Sp. 725)

Was den Ursprung des Papsttums angeht, so bekräftigt Luther, „dass ... des römischen Papsts Gewalt durch menschlichen Beschluss eingesetzt ist“ (ebd. Sp. 728). Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang Luthers ausführliche exegetische Darlegung zu Matthäus 16, einer der Hauptstellen, auf die das Papsttum sich gründet. Hier hebt Luther hervor, dass Petrus keineswegs allein die Schlüsselgewalt versprochen wurde, sondern, wie dann auch die damit verbundene Stelle in Johannes 20,21-23 deutlich zeigt, der ganzen Kirche, allen, die den Heiligen Geist haben. (Walch 2, Bd. XVIII, Sp. 730) So hat auch die Alte Kirche diese Stellen verstanden: Nämlich dass, wenn Christus Petrus hier angeredet hat, er in ihm zu allen Aposteln gesprochen hat, da er ja auch alle Apostel gefragt hatte und Petrus das Bekenntnis im Namen aller Apostel abgelegt hatte. „Und sie werden dazu durch einen sehr starken Grund bewogen, welcher die Gegner unüberwindlich macht, nämlich durch diesen, dass Christus, wie auch der heilige Hieronymus an dieser Stelle erklärt, dem Petrus die Schlüssel nicht übergibt, sondern sie nur verspricht, daher müsse man auf eine solche Stelle zurückgehen, in welcher er die Schlüssel wirklich übergibt. Und dann wird die Stelle im [vor-]letzten Kapitel des Johannes [20,22 f.] eingeführt, dass er nicht zu Petrus, sondern zu allen sagt: Nehmet hin den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden erlasset usw. Aus diesen Worten erhellt nicht allein, wem er in [der Person des] Petrus die Schlüssel versprochen habe, nämlich der ganzen Kirche, sondern auch, was er unter den verheißenen Schlüsseln verstanden wissen wolle, nämlich Vergebung und Behaltung der Sünden.“ (ebd.) „Es bleibt also nur übrig, dass Christus die Antwort des Petrus nicht für Petrus allein angenommen habe, sondern für die ganze Gesellschaft der Apostel und Jünger. Sonst hätte er auch die anderen von neuem gefragt. Hieraus folgt weiter, dass, gleichwie Christus die Person des antwortenden Petrus für alle annimmt, er so auch in der Folge nicht zu Petrus allein, sondern zu allen, in deren Person Petrus redet, sage: „Du bist Petrus, dir will ich die Schlüssel geben“ usw. Sonst wird die Schrift nicht recht verstanden, wenn nicht das Vorhergehende und das Nachfolgende recht verglichen wird.“ (ebd., Sp. 732) „Ich bitte dich, was kann hier dawider auch nur erdichtet werden, was kann deutlicher gesagt werden, als dass Petrus in dieser Person nicht Pertrus ist, dass er nicht Fleisch und Blut ist? Sondern er ist der, dem der Vater offenbart. Petrus wird hier ganz und gar außerhalb des Menschen gesetzt, und ist nun nicht mehr irgendeine Person für sich, sondern der Hörer des offenbarenden Vaters. Nicht Simon, Jonas’ Sohn, antwortet dies, nicht Fleisch und Blut, sondern der Hörer der väterlichen Offenbarung. Kann denn hier noch irgendein Verleumder das Wort Christi auf den Menschen Petrus verdrehen? Was folgt also? Derjenige, welcher der Hörer der väterlichen Offenbarung ist, dem werden die Schlüssel gegeben, nicht dem Petrus, nicht dem Sohne des Jonas, nicht Fleisch und Blute. Wenn sich dies nun so verhält, so folgt bereits unausweichlich (pronum), dass die Schlüssel keiner Privatperson gegeben sind, sondern allein der Kirche; denn wir sind von keinem einzelnen (privato) Menschen gewiss, ob er die Offenbarung des Vaters habe oder nicht.“ (ebd., Sp. 732 f.) Luther wird nicht müde zu betonen, dass es, wie auch Matthäus 18,17 zeigt, um die ganze Kirche geht, die die Schlüssel ursprünglich und eigentlich als Inhaberin von Christus bekommen hat. „Ferner redet er Matth. 18,17 f. in der Mehrzahl (plurali numero) nicht zu Petrus, nicht zu den Aposteln, sondern zu der Kirche, indem er spricht: Höret er die Kirche nicht, so halte ihn als einen Heiden und Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein. Tritt nun her, wenn du willst, und vergleiche diese Stelle mit jener. Jene Stelle lautet so, als ob allein dem Petrus die Schlüssel gegeben worden wären; diese leugnet es und behauptet, sie seien ihm nicht allein gegeben. Wie kann nun beides bestehen? Es muss schlechterdings das eine Wort mit dem anderen in Übereinstimmung gebracht werden, denn derselbe Christus hat beide gesprochen. Wenn sie [die Schlüssel] allein dem Petrus übertragen sind, so ist es eine Lüge, was er hier sagt, sie seien allen gegeben. Wer sollte aber nicht sehen, dass diese letztere Stelle die erstere auslegt, und dass in dieser die Sache deutlich erklärt ist, dort aber die Einigkeit vieler in der Kirche an Petrus gepriesen sei? Es ist also klar, dass die Schlüssel der Kirche gegeben sind, und es ist nichts, was dieser Stelle entgegengesetzt werden könnte, da er sagt: „Sage es der Kirche; wenn er die Kirche nicht hört“; er sagt nicht: „Sage es dem Petrus; wenn er den Petrus nicht hört“ usw.“ (ebd., Sp. 734 f.) Diese Worte sind ganz wichtig auch für uns heute, denn sie lehren deutlich aus der Schrift die Grundlage des Priestertums aller Gläubigen, die Schlüsselgewalt der Gemeinde Christi und jedes einzelnen Christen. Dies ist auch gegen alle hochkirchlichen Bestrebungen festzuhalten, bei denen die Gemeinde gegenüber dem Pastor zurückgedrängt werden soll, etwa wenn es um die Beurteilung der Lehre geht.

Darum stellt Luther dann fest: Wo die Offenbarung des Vaters ist (also das Wort Gottes) und das Bekenntnis zu Christus, da sind auch die Schlüssel. Das ist es, was dann im Augsburgischen Bekenntnis im VII. Artikel klassisch ausgedrückt wurde, dass die Kirche Christi da ist, „wo das Evangelium rein und lauter gepredigt und die Sakramente gemäß Christi Einsetzung gereicht werden“. Und dies Bekenntnis ist in jeder Kirche. Auch der Zusammenhang macht deutlich, dass die Kirche eben nicht auf Petrus gegründet ist. „Damit Christus uns dies recht einprägte: Sogleich nach diesem herrlichen Lobe des Petrus, da Petrus ihm wehrte, dass er nicht sterben sollte, hat dieser hören müssen [Matth. 16,22 f.]: Gehe hinter mich, Satan; denn du meinest nicht, was Gottes ist. Was ist dies? Petrus meint nicht, was Gottes ist? Hat es der Vater ihm denn nicht offenbart? Wenn dies vor dem Lobe des Petrus geschehen wäre, so hätte das einige Bedeutung, dass Petrus für seine Person und die seiner Nachfolger oder einer Kirche gelobt worden wäre. Aber jetzt, da er nach dem Lobe getadelt wird als einer, der Gott nicht kennt, wird klar, dass jener frühere Petrus, der die Schlüssel empfingt, nicht Petrus, der Sohn Jonas’, gewesen sei, sondern die Kirche, die Tochter Gottes, welche gezeugt durch das Wort Gottes, das Wort Gottes hört und beständig bekennt bis an das Ende, die nicht bisweilen nicht meint, was Gottes ist, und der nicht befohlen wird, sich wegzuheben, wie dem Petrus.“ (ebd., Sp. 735 f.)

Dann wirft Luther die Frage auf, die auch in diesen Zusammenhang gehört, woher denn dann der Papst überhaupt die Schlüssel habe – denn auch dies erhellt, dass er nicht der ursprüngliche und eigentliche Inhaber sein kann. Hätte sie die Person nämlich von sich selbst, so hätte sie diese ja schon, bevor sie ins Amt gewählt wäre und wäre dann schon zuvor Papst. Bekommt die Person sie aber erst übertragen, so wird deutlich, dass die Kirche, die sie überträgt, diese Inhaberin der Schlüsselgewalt ist. Die Dekrete der römisch-katholischen Kirche sind damit also gegen das Evangelium Christi gerichtet. „Daher, glaube ich, ist es hinlänglich klar, da gewisse Dekrete diesen Text auf den römischen Stuhl und den Papst ziehen, dass sie das Wort Christi nicht nur ganz kalt (was ich gar bescheidentlich gesagt habe), sondern auch dem Sinne des Evangeliums zuwider behandeln.“ (ebd., Sp. 740)

Auch die oft von Rom angeführte Stelle aus Johannes 21,15 setzt tatsächlich Petrus nicht über alle Schafe, sondern nur über etliche, denn Christus sagt hier nicht: Weide alle meine Schafe, sondern nur: weide meine Schafe, also diejenigen, die er Petrus anvertraut, während er den anderen Aposteln andere anvertraut. Da, wo er alle meint, sagt Christus auch „alle“, wie etwa Markus 16,15: Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur. Petrus ist darum auch niemals Hirte oder Herr über alle Christen seiner Zeit gewesen, hat auch nicht andere ausgesandt, etwa zu den Heiden. Der Heidenapostel Paulus ist vielmehr von Christus völlig unabhängig von Petrus eingesetzt worden und stellt der Heilige Geist in der Schrift deutlich fest, dass Petrus der „Apostel der Beschneidung“ (Juden) sei, während Paulus derjenige der Heiden ist. Weiter macht Johannes 21 deutlich, dass es hier allein um das „Weiden“ geht, das in Liebe und mit dem Wort Gottes geschieht, keineswegs aber um Herrschen, um Oberhoheit. Höher sein aber, wie es der Papst sein will, ist kein evangelisches, geistliches Amt, sondern allein ein weltliches. (So hat Luther das Papstamt damals, zur Zeit der Leipziger Disputation, als er ja noch Glied der römisch-katholischen Kirche war, versucht aufzufassen, um es so noch irgendwie anerkennen zu können. Später dann hat er auch darinnen klarer gesehen, ist er von Gott zur völligen Klarheit geführt worden und hat es als völlig unmöglich erkannt und in ihm den in der Schrift geweissagten Antichristen begriffen. Aber schon damals, zur Zeit der Leipziger Disputation, stellt sich für Luther immer mehr die Frage, ob so etwas wie das Papsttum überhaupt berechtigt ist, auch als „weltliche“ Macht, oder nicht, und kommt mehr und mehr zu dem Schluss:) „Zum Schluss sage ich, dass ich nicht weiß, ob es der christliche Glaube leiden könne, dass auf Erden ein anderes allgemeines Haupt der Kirche aufgestellt werde als Christus. Es gibt Leute, welche Christus in die triumphierende Kirche zurückweisen, damit sie den römischen Papst als das Haupt der streitenden Kirche aufwerfen können, wider das ausdrückliche Evangelium Matthäi am letzten [28,20]: Siehe, ich bin bei euch bis ans Ende der Welt, und das Wort, Apg. 9,4: Saul, Saul, was verfolgest du mich? Denn deshalb wird die Kirche ein Reich des Glaubens genannt, weil unser König nicht gesehen, sondern geglaubt wird, wie es 1. Kor. 14,25.24 heißt: Er muss herrschen, bis dass er seine Feinde zum Schemel seiner Füße mache, und dann wird er das Reich Gott und dem Vater überantworten. Aber diese machen ein Reich der irdischen (praesentium) Dinge daraus, da sie ein sichtbares Haupt aufrichten. Denn auch wenn ein Papst gestorben ist, so ist doch die Kirche nicht ohne Haupt; warum wird also nicht bei Lebzeiten eines Papstes Christus allein für das Haupt gehalten? Oder tritt er etwa ab, wenn der Papst lebt, und folgt ihm, wenn er gestorben ist, gleichsam als eine Art abwechselnder Papst? Wenn er aber das Haupt ist, da der Papst lebt, warum stellen wir denn zwei Häupter in der Kirche auf? Ich schließe: Jeder Priester ist ein Bischof im Falle des Todes und der Not, er ist ein Papst und hat die größtmögliche Fülle der Gewalt über den, der da beichtet, wie die allgemeine Meinung der ganzen Kirche festhält und aus den Briefen des heiligen Cyprian klar bewiesen wird. Also ist aus göttlichem Rechte weder der Papst höher als die Bischöfe, noch die Bischöfe höher als die Ältesten. Diese Folgerung steht fest, denn das göttliche Recht ist unveränderlich, sowohl im Leben als auch im Tode.“ (ebd., Sp. 818 f.)

    Luther weist außerdem darauf hin, dass die Oberhoheit des Papstes durch die Konzilsbeschlüsse in Konstanz ad absurdum geführt wurde, setzte doch dieses Konzil zwei Päpste ab und stand somit über dem Papstamt (vgl. Walch 2, Bd. XVIII, Luthers Erläuterungen über sämtliche Thesen, Sp. 873)

 

 

 

UNTER BIBEL UND BEKENNTNIS

 

 

Von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben

 

Von

Georg Stöckhardt

 

(Fortsetzung)

 

Rechtfertigung ist gleichbedeutend mit Vergebung der Sünden

    So sagt Paulus, dass David den Menschen selig preise, welchem Gott die Gerechtigkeit ohne Werke zurechnet, und zwar mit den Worten: „Selig sind die, welchen ihre Sünden bedecket sind; selig ist der Mann, welchem Gott keine Sünde zurechnet.“ Röm 4,6.7 Darum heißt es in der Augsburgischen Konfession, „dass wir Vergebung der Sünden bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnaden“ usw. (Konkordienbuch S 28.) Und in der Apologie der Konfession: „Vergebung der Sünden erlangen und haben, dasselbige heißt vor Gott gerecht und fromm werden, wie der 32. Psalm sagt: Wohl dem, dem die Übertretung vergeben ist.“ (Konkordienbuch S. 76.) Die Vergebung der Sünden wird auch selbst oft Gnade genannt, eben deshalb, weil sie ein freies Geschenk der Liebe Gottes ist. Und wenn man nun sich so ausdrückt, dass wir Gnade oder Vergebung der Sünden bekommen aus Gnaden, so will das sagen, dass eben dies Gottes Tun und Werk ist, dass er Sünde vergibt, und dass er das von sich selber tut, aus freien Stücken, aus freier Gunst, um seiner selbst willen, dass also nichts, was außer ihm ist, nichts, was im Menschen ist, hierzu mitwirkt und mithilft.

    In diesem Sinn wird die Vergebung der Sünden gar oft in der Schrift gepriesen. Der Prophet Micha ruft aus: „Wo ist ein solcher Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt, und erlässt die Missetat den Übrigen seines Erbteiles? Der seinen Zorn nicht ewiglich behält, denn er ist barmherzig.“ Micha 7, 18 Das ist die unvergleichliche Größe Gottes, dass er Sünde vergibt und Missetat erlässt, und zwar allein aus dem Grund, weil er barmherzig ist, oder, wie es eigentlich heißt, „weil er Wohlgefallen hat an Barmherzigkeit“. Das ist Gottes Ruhm und Ehre. So verkündigte Gott einst seinen eigenen Ruhm. Als der HErr vor dem Angesicht Moses vorüberging, predigte er von dem Namen des Herrn und rief: „Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue, der du bewahrest Gnade in tausend Glied, und vergibst Missetat, Übertretung und Sünde.“ 2. Mose 34,5-7 Da er dem Mose diese hohe Offenbarung ankündigte, fügte er hinzu: „Wem ich aber gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, des erbarme ich mich.“ 2. Mose 33,19. Damit bezeugt Gott, dass seine Gnade und Erbarmen allein in ihm selbst, eben in seiner Gnade, in seinem Erbarmen, begründet ist. Gott ist gnädig und erbarmt sich der Sünder und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde eben darum, weil er gnädig und barmherzig ist. Durch den Propheten Jesaja spricht Gott: „Ich, ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht.“ Jes. 43,25 Gott tilgt die Übertretung und vergibt und vergisst die Sünde um seiner selbst willen, weil es ihm also wohlgefällt. Das ist sein Vorrecht, daran hat er seine Lust. Nach Jes. 1,18 geht der Herr mit seinem Volk in’s Gericht und ruft: „So kommt dann und lasst uns mit einander rechten, spricht der Herr. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.“ Im Namen Gottes hat der Prophet vorher das Volk seiner schweren Sünde und Missetat überführt. Nun steht das sündige Volk vor Gottes Gericht und erwartet den Urteilsspruch. Es kann nichts anderes erwarten, als das Urteil der Verdammnis. Aber wie wunderbar lautet das Urteil! Es lautet auf Rechtfertigung, statt auf Verdammnis. Die Sünde, die blutrote Schuld soll weiß, wie Schnee und Wolle, werden. Das ist Gottes wunderbare Macht und Gnade, dass er Rot in Weiß, Blutschuld in Unschuld verwandelt.

Und gerade diese letzte Stelle zeigt nun, wiefern der Glaube in diesem Handel von Belang ist. Der Prophet fährt fort: „Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen; weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden, denn der Mund des Herrn saget es.“ Jes. 1,19.20 Es heißt eigentlich: „Wenn ihr willig seid und höret, so“ usw. Darauf kommt es nun an, dass die Sünder jenes wunderbare Urteil Gottes, das sie von ihrer Sünde rein spricht, willig hören, sich gesagt sein lassen, dasselbe hinnehmen, annehmen, mit einem Wort, dass sie das glauben, was der Herr spricht. Wenn sie das hören und glauben, so sind sie eben rein von Sünden und werden den Segen ererben. Die sich aber jenes Urteils wehren, demselben widerstreben, die das nicht glauben, sondern zurückweisen, was der Herr sagt, die bleiben eben damit in ihren Sünden und also unter dem Zorn und werden schließlich um kommen. Das ist das unvergleichliche Werk Gottes, dass er Sünde vergibt, die Missetat erlässt, weil er barmherzig ist. Micha 7,18 Daran hält sich der Glaube und macht den Schluß: „Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Missetat dämpfen und alle unsere Sünde in die Tiefe des Meeres werfen.“ Micha 7,19

 

Der Glaube ergreift Gottes Gnade

    Also der Glaube sieht und erkennt dieses Werk Gottes, fasst und nimmt diese Gabe Gottes, die Vergebung der Sünden. Der Glaube sieht von dem eigenen Werk, der eigenen Person ganz ab und freut und tröstet sich dessen, was Gott tut, was Gott gibt, aus freier Gunst, um seiner selbst willen, tröstet sich dessen, daß Gott so über alle Maßen gnädig und barmherzig ist und Missetat, Übertretung und Sünde vergibt. Und eben deshalb macht der Glaube vor Gott fromm und gerecht, weil er die Vergebung der Sünden, die Vergebung Gottes hinnimmt und sich zueignet. Die Sache ist so schlicht und einfach, das sie jedes Christenkind fassen kann. Den ganzen Handel von der Rechtfertigung begreift der Katechismus in das Wort: „Ich glaube eine Vergebung der Sünden.“ Es gibt eine Vergebung der Sünden. Bei Gott ist viel Vergebung. Wer das glaubt und annimmt und auf sich bezieht, wer da von Herzen spricht: „Ich glaube eine Vergebung der Sünden“, der hat Vergebung, der ist vor Gott rein und gerecht.

    Was wir hier von Glaube und Rechtfertigung gesagt haben, wird noch durch einen Spruch des Paulus ins helle Licht gestellt. Römer 4,5 lesen wir: „Dem aber, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit.“ Der Apostel hebt hier nachdrücklich hervor, dass Gott der sei, der die Gottlosen gerecht macht. Der Mensch steht vor Gott als Sünder, als Gottloser, in seiner Schande und Blöße, ohne Decke und Hülle, und hat nichts, nichts, das er zu seiner Entschuldigung vorbringen könnte. Und was tut nun Gott? Statt dass er den Gottlosen verdammt, wie es das Recht erforderte, lässt er Gnade für Recht ergehen und macht den Gottlosen gerecht. Und das ist dann der rechte Glaube, dass man, wie Abraham, auf eben diesen Gott vertraut, der die Gottlosen gerecht macht. Wer glaubt, der spricht bei sich selbst also: Ich gehöre in die Zahl der Sünder, der Gottlosen. Daran ist kein Zweifel. Aber das ist nun Gottes Weise, dass er die Gottlosen gerecht macht. So bin ich also auch vor Gott gerecht. Die Sache ist einfach und leicht zu fassen. Gott ist ein solcher Gott, der die Gottlosen gerecht macht. Das glauben wir von Herzen und trösten uns dessen. Damit ist der Handel abgeschlossen. Dem, welcher an den Gott glaubt, der die Gottlosen gerecht macht, wird sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet, der gilt und ist vor Gott rein und gerecht, eben weil er die Gerechtigkeit ergreift, die Gott den Gottlosen zuspricht, weil er den Gott für seinen Gott hält der die Gottlosen gerecht macht.

    Ganz in der angegebenen Weise beschreibt nun auch unser Bekenntnis den rechtfertigenden Glauben. Die Apologie sagt, „dass niemand die Gnade mit Werken fassen könne, sondern allein durch den Glauben, dass der Glaube Gott dem Herrn kein Werk, kein eigen Verdienst bringe und schenke, sondern bloß auf lauter Gnade baue und sich nichts zu trösten noch zu verlassen wisse, denn allein auf Barmherzigkeit“, „dass wir allein durch den Glauben Vergebung der Sünden erlangen“, „dass der Glaube fromm und gerecht mache, nicht derhalben, dass unser Glauben ein solch köstlich rein Werk sei, sondern allein deshalb, dass wir durch Glauben und sonst mit keinen Dinge die angebotene Barmherzigkeit empfangen“. (Konkordienbuch S 71 77 78.) Die Konkordienformel gibt eine deutliche, genaue Erklärung vom Glauben, indem sie erklärt, „dass das Amt und die Eigenschaft des Glaubens allein bleibe, dass er allein und sonst nichts anders sei das Mittel oder Werkzeug, damit und dadurch Gottes Gnade empfangen, ergriffen, angenommen, uns appliziert und zugeeignet werde“. (Konkordienbuch S 422)

Alles, was hier von dem rechtfertigenden Glauben gesagt ist, das ist offenbar nichts als Trost für arme Sünder. Auch wir Christen können dieses Trostes nimmer entbehren. Wenn wir vor Gottes Gericht stehen, besonders in der letzten Not und Angst, schwindet aller Trost der eigenen Werke. Wir sehen und finden bei und in uns nichts Gutes, sondern nur Sünde, Missetat, Übertretung, Gottlosigkeit. Da sehen allein auf Gott, auf den Gott, welcher Missetat, Übertretung und Sünde vergibt, welcher alle unsere Sünden tilgt um seinetwillen, welcher frei, umsonst die Gottlosen gerecht macht. Diesem Gott werfen wir uns in die Arme und geben uns ganz und gar in seine Gnade und Barmherzigkeit dahin. Das ist der Glaube. So bestehen wir im Gericht.

 

Aus Gnaden und durch den Glauben

    Wir werden vor Gott gerecht „aus Gnaden um Christus willen durch den Glauben“. So heißt es in der Augsburgischen Konfession. Wie eng die zwei Stücke „aus Gnaden“ und „durch den Glauben“ zusammenhängen, davon haben wir zuletzt gehandelt. Ebenso unzertrennlich sind aber die zwei Stücke „um Christus willen“ und „durch den Glauben“ mit einander verbunden. Darum fügt die Augsburgische Konfession hinzu, dass wir gerecht werden, „so wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat, und dass uns um seinetwillen die Sünden vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird“. (Konkordienbuch S 28.) Die Schrift beschreibt kurzweg den rechtfertigenden Glauben als den Glauben an Christum. Nachdem Paulus das Beispiel des Glaubens Abrahams angeführt hat, macht er die Anwendung mit den Worten: „Das ist nicht geschrieben allein um seinetwillen, dass es ihm zugerechnet ist, sondern auch um unsertwillen, welchen es soll zugerechnet werden, so wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferwecket hat von den Toten, welcher ist um unserer Sünde willen dahin gegeben, und um unserer Gerechtigkeit willen auferwecket.“ Römer 4,23-25. Phil. 3,9 redet der Apostel von der Gerechtigkeit, „die durch den Glauben an Christum kommt“. Gal 2, 16 lesen wir: „Weil wir wissen, dass der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christ, so glauben wir auch an Christus Jesus, auf dass wir gerecht werden durch den Glauben an Christus, und nicht durch des Gesetzes Werke, denn durch des Gesetzes Werke wird kein Fleisch gerecht.“ Dreimal nennt der Apostel hier, wo er zeigt, wie wir vor Gott gerecht werden, den Glauben an Christus. Wenn wir das recht verstehen, so erkennen wir, in wiefern, warum der Glaube uns vor Gott fromm und gerecht macht.

    Nachdem der Apostel Gal 2, 16 dargelegt, dass wir allein durch den Glauben an Christus gerecht werden, fährt er fort: „Sollten wir aber, die da suchen durch Christus gerecht zu werden, auch noch selbst Sünder erfunden werden, so wäre Christus ein Sündendiener. Das sei ferne!“ Gal. 2,17. Die durch den Glauben an Christus Jesus gerecht werden wollen (Gal. 2,16), sind eben die, welche durch Christus gerecht zu werden suchen. Durch den Glauben an Christus gerecht werden, ist ganz dasselbe, wie durch Christus gerecht werden. Nicht dass wir es sind, die da glauben, nicht dass wir dieses Eine wenigstens leisten und an Christus glauben, sondern, dass Christus es ist, an den wir glauben, das macht uns gerecht. Oder mit einem Wort: Christus macht uns gerecht. An den glauben wir, so macht uns der Glaube an Christus gerecht. Römer 3,24.25 schreibt Paulus, dass „wir gerecht werden aus seiner (Gottes) Gnade, durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist, welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut“. Da erklärt er des Näheren, in wiefern, warum wir durch Christus gerecht werden. Christus hat uns erlöst, losgekauft von unsern Sünden. Das Lösegeld ist sein eigenes Blut. Das hat alle Schuld der Menschen bezahlt. Christus ist der neutestamentliche Gnadenstuhl, welcher vermöge seines eigenen Blutes unsere Sünden deckt und sühnt, welcher durch sein Leiden, Sterben, Bluten uns mit Gott versöhnt hat. Eben durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist, werden wir vor Gott gerecht. Dass Christus uns von unseren Sünden erlöst, unsere Sünden gesühnt, uns mit Gott versöhnt hat, das macht uns vor Gott gerecht. „Durch den Glauben“: diese Worte sind in diesen Zusammenhang eingefügt. Durch den Glauben werden wir gerecht, eben weil wir durch den Glauben Christus und sein Blut, Christus und seine Erlösung, die Sühne und Versöhnung, die Christus durch sein Blut erwirkt hat, uns zueignen. Der Glaube ergreift Christus und sein Blut und Verdienst, flieht zu Christus, dem Gnadenstuhl, tröstet sich der Erlösung und Versöhnung, so durch Christus Jesus geschehen ist. So kommt der Glaube hier in Betracht als das Mittel, dadurch Christus und seine Erlösung unser eigen wird. Haben wir Christus und seine Erlösung uns selbst, unserer Person zugewendet, nun so sind wir für unsere Person von Sünden rein, vor Gott rein und gerecht.

    In eben dieser Weise redet unser Bekenntnis von Christo und dem Glauben. Die Apologie lehrt und bekennt:

„Das Verdienst Christi aber ist der Schatz; denn es muss ja ein Schatz und edles Pfand sein, dadurch die Sünden aller Welt bezahlet sind“. Und im Folgenden heißt es: „Denn der Glaube nicht darum vor Gott fromm und gerecht macht, dass er an sich selbst unser Werk und unser ist, sondern allein darum, dass er die verheißene angebotene Gnade ohne Verdienst aus reichem Schatz geschenkt nimmt“. (Konkordienbuch S. 73)

Das Verdienst Christi ist der Schatz. Und eben darum macht der Glaube gerecht, weil er diesen reichen Schatz, dieses teuere Geschenk nimmt, nicht darum, weil er unser Werk oder unser ist. Nichts, was unser ist, nichts, was von uns und in uns ist, ist Grund der Rechtfertigung. Ferner:

„Nun wollen wir anzeigen, dass derselbige Glaube und sonst nichts uns vor Gott gerecht macht. Und erstlich will ich dieses hier den Leser verwarnen, gleichwie dieser Spruch muss und soll stehen bleiben, und kann ihn niemand umstoßen: Christus ist unser einiger Mittler; also kann auch diesen Spruch niemand umstoßen: Durch den Glauben werden wir rechtfertig ohne Werke. Denn wie will Christus der Mittler sein und bleiben, wenn wir nicht durch den Glauben uns an ihn halten als an den Mittler, und also Gott versöhnet werden, wenn wir nicht gewiss im Herzen halten, dass wir um seinetwillen vor Gott gerecht geschätzt werden? Das heißt nun glauben: also vertrauen, also sich trösten des Verdienstes Christi, dass um seinetwillen Gott gewiss uns wolle gnädig sein.“ (Konkordienbuch S. 75)

Also der Glaube hält sich an Christus, den einigen Mittler, und verlässt sich darauf, dass wir allein um seinetwillen vor Gott gerecht geschätzt werden. Die Konkordienformel betont auch hier, dass der Glaube „das Mittel und Werkzeug sei“, das Mittel, dadurch „Christi Verdienst empfangen, ergriffen, angenommen, uns applizieret und zugeeignet werde“. „Wenn man von dem Glauben redet, wie der gerecht mache, so ist des Paulus Lehre, dass der Glaube allein gerecht mache ohne Werke, indem er uns den Verdienst Christi, wie gesagt, applizieret und zueignet.“ (Konkordienbuch S 422) „Der Glaube macht gerecht, nicht darum und daher, dass er so ein gut Werk und schöne Tugend wäre, sondern weil er in der Verheißung des heiligen Evangeliums den Verdienst Christi ergreift und annimmt.“ (Konkordienbuch S 418) Das Bekenntnis legt den Nachdruck darauf, dass „der Gehorsam Christi“ oder „die Gerechtigkeit Christi“ „uns zur Gerechtigkeit zugerechnet wird“. (S 417 418) Der Glaube nimmt und ergreift den Gehorsam Christi. Und so wird der Glaube uns zur Gerechtigkeit zugerechnet.

    Wir haben erst davon gehandelt, dass der Glaube das Mittel sei, dadurch Gottes Gnade und Barmherzigkeit uns zugeeignet wird. Jetzt nennen wir den Glauben das Mittel, dadurch wir das Verdienst Christi uns aneignen. Das ist nun aber nicht so zu verstehen, als wären es zwei getrennte Dinge und Güter, welche der Glaube in Empfang nähme, als ob der Glaube erst das eine fasste und ergriffe, dann das andere. Nein, der Glaube fasst und nimmt beides zumal, das eine in und mit dem andern. Diese zwei Stücke, „Gottes Gnade“ und „Christi Verdienst“, liegen nicht nebeneinander, sondern ineinander. Die Konkordienformel drückt sich öfter so aus, dass die „Gerechtigkeit Christi“ oder „der Gehorsam Christi den armen Sündern aus lauter Gnaden zur Gerechtigkeit zugerechnet wird“. (Konkordienbuch S. 416.418) Das ist der Schrift gemäß. Es ist nach der Schrift lauter Gnade, dass Gott uns um Christi willen gerecht macht. Wenn der Apostel sagt, dass wir aus Gottes Gnade durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist usw., gerecht werden, Römer 3, 24 25, so fasst er alles, was er von der Erlösung sagt, unter „die Gnade Gottes“. Es ist lauter Gnade, dass Gott uns gerecht macht, die Sünden vergibt, und es ist lauter Gnade, dass Gott uns gerade auf diese Weise gerecht macht, um Christi willen, durch die Erlösung, so durch Christus Jesus geschehen ist. Es musste ja freilich, wie unser Bekenntnis sagt (Konkordienbuch S 425), „der wahren, unwandelbaren Gerechtigkeit Gottes, so im Gesetz geoffenbart, genug geschehen“. Gott wollte auch seine Gerechtigkeit, seine Strafgerechtigkeit, erwiesen. Gott wollte auch der sein, welcher allein gerecht ist und bleibt. Römer 3, 25 26. Darum musste Christus leiden und sterben und den Fluch tragen. Dass Gott aber an Christus statt an den Sündern die Sünde gestraft und verdammt und also die Sünder von Sünde und Strafe erlöst hat, das ist eitel Gnade und Erbarmen. Gott hat, aus freien Stücken, aus freier Gunst und Huld, um seiner selbst willen, Christus gesandt und Christus in den Tod dahingegeben und also durch Christus die Welt sich versöhnt. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber“. 2. Kor. 5, 19. Gott hat, „zu Lobe seiner herrlichen Gnade“, „durch diese seine Gnade“ „uns angenehm gemacht in dem Geliebten“. Eph. 1, 6. Und so fasst und ergreift, nimmt und empfängt der Glaube beides zumal, das eine in dem andern, Gottes Gnade in Christus, und macht eben damit uns vor Gott gerecht. „Der Glaube ergreifet Gottes Gnade in Christus, dadurch die Person gerechtfertigt wird.“ (Konkordienbuch S 422)

    Noch einen Punkt aber, der schon in dem vorhin Gesagten enthalten ist, müssen wir besonders hervorkehren. Wir lehren und bekennen, dass wir um Christi willen, um des Verdienstes Christi willen, welches wir im Glauben ergreifen, vor Gott gerecht werden. Das darf man jedoch nicht so verstehen, als wären Christi Verdienst, Gehorsam und unsere Gerechtigkeit, unsere Rechtfertigung getrennte, ganz verschiedene Dinge, als ergriffe der Glaube nur einseitig Christi Verdienst und Gehorsam und als würde durch solches Glauben und Ergreifen die Gerechtigkeit erst bewirkt und zu Stande gebracht. Nein Christi Verdienst und Gehorsam, eben das ist unsere Gerechtigkeit, eben das ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, in welcher wir vor Gott bestehen können. Und indem der Glaube Christus und sein Verdienst sich zueignet, eignet er sich eben damit die Gerechtigkeit zu, die vor Gott gilt. So geschieht’s, daß wir durch den Glauben vor Gott gerecht werden. Das ist die klare Lehre der Schrift und unseres Bekenntnisses.

    Unser Glaube hält sich daran, wie Paulus Römer 4,25 schreibt, dass Christus „um unserer Sünde willen dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen, um unserer Rechtfertigung willen, auferwecket ist“. Das heißt: Gott hat Christus in den Tod dahingegeben und von den Toten wieder auferwecket. Und eben damit ist unsere Sünde gesühnt und getilgt, und unsere Gerechtigkeit, unsere Rechtfertigung hergestellt. Dass dem so ist, das glauben wir. Darauf verlassen wir uns von ganzem Herzen. Das ist die ganze Sache. Es ist für den Apostel ganz gleichbedeutend, ob er sagt, dass „wir durch den Tod des Sohnes Gottes Gott versöhnet sind“, oder ob er sagt, dass „wir durch sein Blut gerecht worden sind“. Römer 5,9.10. Durch den Einen, Christum, durch den Gehorsam dieses Einen ist „die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen“. Römer 5,18. Und durch den Glauben „nehmen, empfangen“ wir nun „die Gabe der Gerechtigkeit“ oder „die Versöhnung“. Römer 5,17.11. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber, und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu“. 2. Kor. 5,19. Gott hat in Christus die Welt mit ihm selber versöhnt und hat eben damit der Welt, allen Sündern ihre Sünden vergeben. Es ist nur noch nötig, dass wir das glauben und uns also „mit Gott versöhnen lassen“, 2. Kor. 5, 20. Petrus bezeugt: „Von diesem zeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.“ Apg. 10,43. Alle, die an Christus, an seinen Namen glauben, nehmen und empfangen damit Vergebung der Sünden. Alle Gläubigen sprechen mit Paulus: „An welchem (Christus) wir haben die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden.“ Eph. 1, 7. Wir, die wir an Christus glauben, haben Christus und eben damit, an Christus, haben wir die Erlösung durch sein Blut oder, was dasselbe ist, die Vergebung der Sünden. Das ist der Gewinn, den wir an Christus haben, der in Christus beschlossen ist, der in und mit Christus gegeben wird, Vergebung der Sünden. Dieser „Jesus Christus ist uns von Gott gemacht zur Gerechtigkeit“. 1. Kor. 1,30. Also „wer an den glaubet, der ist gerecht“. Römer 10, 4.

    Mit der Schrift stimmt das Bekenntnis. Die Apologie bemerkt, „dass Gott uns anbietet Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit durch Christus. Und dieselbige Vergebung, Versöhnung und Gerechtigkeit wird durch den Glauben empfangen“. (Konkordienbuch S. 74) In der Konkordienformel heißt es: „Wir glauben, lehren und bekennen, dass allein der Glaube das Mittel und der Werkzeug sei, damit wir Christus und in Christus solche Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ergreifen.“ (Konkordienbuch S 362) Und weiterhin: „dass also die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben oder den gläubigen aus lauter Gnade zugerechnet wird, ist der Gehorsam, Leiden und Auferstehung Christi, da er für uns dem Gesetz genuggetan und für unsere Sünde bezahlt hat“. (Konkordienbuch S 418) „Weil aber der Gehorsam der ganzen Person ist, so ist er eine vollkommene Genugtuung und Versöhnung des menschlichen Geschlechts, ...und also unsere Gerechtigkeit, die vor Gott gilt ..., darauf sich der Glaube vor Gott verläßt.“ (Konkordienbuch S. 425) Also Leiden und Sterben Christi, der Gehorsam Christi ist die Versöhnung des menschlichen Geschlechts und ist also unsere Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Eben darauf verlässt sich der Glaube vor Gott. Und eben darum, weil der Glaube Christus und seine Gerechtigkeit, welche unsere Gerechtigkeit ist, ergreift, macht uns der Glaube vor Gott gerecht.

Es zeigt sich wiederum, dass die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben den armen Gewissen beständigen Trost gibt. Eben das, woran die natürliche Vernunft sich ärgert, dass wir durch eine fremde Gerechtigkeit, Christi Gerechtigkeit, vor Gott gerecht werden, ist für arme Sünder der einige Trost im Leben und Sterben. Mit unserer eigenen Gerechtigkeit können wir in Gottes Gericht nicht bestehen. Aber der Glaube greift über sich hinaus, ergreift den vollkommenen Gehorsam Christi, und das ist die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Der Glaube hält sich an Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Das ist eine gewisse Tatsache, dass Christus am Kreuze gestorben und dann wieder auferstanden ist von den Toten. Und eben damit sind wir von unsern Sünden erledigt und gerechtfertigt. Durch den Glauben fassen, halten und haben wir Christus. Und wenn wir nur Christus haben, dann haben wir alles, was wir brauchen. An Christus haben wir Vergebung der Sünden, und wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit.

 

Der Glaube hängt am Wort Gottes

    Aus Gnaden, um Christi willen wird der Sünder vor Gott gerecht. Und der Glaube fasst die Gnade Gottes in Christus und damit die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Und so macht uns der Glaube vor Gott fromm und gerecht. Davon haben wir geredet. Diese Güter, Gottes Gnade und Barmherzigkeit, die vor Gott gilt, werden uns aber dargeboten und mitgeteilt durch das Wort, durch das Evangelium. Und der Glaube hält sich an das Wort. Wenn wir recht bedenken, wie der Glaube am Worte hängt, wird es uns vollends klar, inwiefern und warum der Glaube uns rechtfertigt. Es sind geistliche, unsichtbare Güter, um welche es sich hier handelt, Gnade, Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit. Gott aber hat diese unsichtbaren Güter, damit die Menschen, welche Fleisch und Blut sind, derselben ja habhaft werden, in eine sinnliche, greifbare Hülle eingekleidet, in das Wort, in die Predigt des Evangeliums. Das Wort fällt in die Augen, in die Ohren. Wir lesen das Wort, das Evangelium mit unsern Augen, wir hören es mit unsern Ohren. Und so kommt nun Alles darauf an, dass wir das Wort, welches wir vor Augen haben, welches vor unsern Ohren schallt, auch zu Herzen fassen, in unser Herz aufnehmen. Das ist der rechte Glaube, dass man das Wort, das teuerwerte Wort von der Vergebung der Sünden, annimmt, aufnimmt. Dann hat man das zu eigen, was in das Wort beschlossen ist, dann hat man Vergebung der Sünden. Hier zeigt es sich recht deutlich, daß der Glaube im Artikel von der Rechtfertigung nicht als unser Werk, als etwas, was wir Gott leisten, sondern nur als das Mittel in Betracht kommt, durch welches wir die Gabe Gottes, die Gabe der Gerechtigkeit, nehmen, empfangen, uns zueignen.

Wir Christen wissen, was wir an dem Evangelium haben. Es ist „das Evangelium von Christus, dem Erlöser: Es ist „die Predigt von der Vergebung der Sünden““. Luk. 24,47. Das Evangelium sagt uns: Gott ist den Sündern gnädig. Gott vergibt Missetat, Übertretung und Sünde. Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu. Christus ist für die Sünder gestorben und hat alle Schuld mit seinem Blut bezahlt. Christus ist um unserer Sünde willen dahingegeben und um unserer Gerechtigkeit willen auferweckt. So ist den Sündern, die alles Ruhmes vor Gott mangeln, eine Gerechtigkeit erworben, die vor Gott gilt. So ist den verdammten Sündern die Seligkeit bereitet. Der Himmel steht ihnen offen. Und das ist nun der rechte Glaube, dass der Mensch für seine Person sich das gelten lässt, dem zustimmt, zu dem Ja und Amen sagt, das für gewiss hält, was das Evangelium sagt. Wer also dem Wort, dem Evangelium glaubt, von dem gilt das, was das Evangelium sagt, an dem hat sich das bewahrheitet, was das Evangelium aussagt und verkündigt, der hat einen gnädigen Gott, der hat Erlösung durch Christi Blut, der hat Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und damit Leben und Seligkeit, der ist also vor Gott gerecht und wird selig. Das Evangelium ist nicht nur Aussage, nicht nur einfache Belehrung, über Gott und Christus, über Gottes Gesinnung, Christi Werk, sondern diese Aussage ist zugleich Zusage. Das Evangelium ist und heißt oft in der Schrift „Verheißung“. Wenn Gott aber etwas verheißt, so ist das kein leeres Versprechen. Indem Gott dem Menschen etwas verheißt, gibt und schenkt er ihm eben damit das, was er verheißt. Das Evangelium wendet sich an die einzelnen Sünder und spricht zu ihnen: Hier schenke ich dir, was dir fehlt und wessen du so dringlich bedarfst. Hier hast du in Christus Gnade, Vergebung, Gerechtigkeit, Trost, Friede, Seligkeit. Nimm nur, was ich dir zusage, was ich dir gebe. Und das ist nun der rechte Glaube, dass der Mensch auf Gottes Zusage baut und vertraut und mit Dank und Freude das hinnimmt, was Gott aus lauter Gnade ihm verheißt und darreicht. Wer also dem Wort, dem Evangelium glaubt, an dem hat sich die Verheißung Gottes erfüllt und bestätigt, der ist im Besitz der Gabe Gottes, der ist vor Gott rein von Sünden, fromm und gerecht und schon selig in Hoffnung. Das Evangelium ist und heißt „das Evangelium Gottes“. Es ist Gottes Wort. In dem Evangelium vernehmen wir, so oft wir es hören, lesen, betrachten, die Stimme Gottes, das gnädige Urteil Gottes: Ich, ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht. Ob deine Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden. Und das ist nun der rechte Glaube, dass der Mensch sich dieses Worts und Urteils seines Gottes von Herzen freut und tröstet und Gottes Wort und Urteil dem Urteil, der Anklage seines eigenen Gewissens entgegensetzt. Wer also dem Wort, dem Evangelium glaubt, der steht für seine Person unter dem rechtfertigenden Urteil Gottes, der ist vor Gottes Augen, nach Gottes Urteil rein und gerecht.

 

Die Gnade der Rechtfertigung wird uns durch Gottes Wort zugeeignet

Ein Christ, der nur einigermaßen erkannt hat, aus der Schrift erkannt hat, was es um das Evangelium ist, der versteht auch den Artikel von der Rechtfertigung aus dem Glauben. Wir wollen nun aber wiederum einzelnen Schriftaussagen, eben denen, welche vor allem von der Rechtfertigung handeln, unser Augenmerk zuwenden. Diese Schriftstellen gehören ja zu den Kernsprüchen, den kräftigsten Trostsprüchen der Schrift, die ein Christ nicht oft genug hören und lesen, nicht fleißig genug bedenken und betrachten kann. Eben diese Schriftstellen zeigen uns, dass die Gnade der Rechtfertigung durch das Wort, durch das Evangelium, durch die Verheißung vermittelt, uns zugeeignet wird, dass Gott durch das Evangelium uns rechtfertigt, und wie eng Evangelium, Verheißung und Glaube zusammenhängen, lehren uns also, was das heißt, dass der Glaube uns vor Gott fromm und gerecht macht.

    Im ganzen ersten Teil des Römerbriefs, Kapitel 1-5, erörtert Paulus die Lehre von der Rechtfertigung und gibt Röm. 1,16.17 das Thema dieser Erörterung mit den Worten an: „Denn ich schäme mich des Evangeliums von Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig machet alle, die daran glauben, die Juden vornehmlich, und auch die Griechen; da darinnen geoffenbaret wird die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben, wie denn geschrieben stehet: Der Gerechte wird seines Glaubens leben“. Hier bezeugt der Apostel, dass die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die durch Christus bereitet ist, in dem Evangelium von Christus offenbart, den Menschen kund getan und dargeboten wird, weshalb eben das Evangelium eine Kraft Gottes zur Seligkeit ist. Diese Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, kommt aus dem Glauben, wird in Folge des Glaubens erlangt, ist für den Glauben bestimmt, dazu bestimmt, dass der Mensch sie im Glauben annehme. Und der Glaube holt sie also aus dem Evangelium heraus, welches sie ihm vorhält. Darum werden alle die selig, welche an das Evangelium glauben. Von Kap. 1,18 bis 3,20 weist Paulus nach, dass sie allzumal Sünder sind, Juden und Griechen, und keine eigene Gerechtigkeit vor Gott bringen können, dass niemand durch des Gesetzes Werke gerecht werden kann. Und indem er dann dazu übergeht, die Glaubensgerechtigkeit zu beschreiben, stellt er den Satz an die Spitze: „Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geoffenbaret, und bezeuget durch das Gesetz und die Propheten; ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christ zu allen und auf alle, die da glauben.“ Kap. 3,21.22. Da wiederholt und bekräftigt es der Apostel, dass die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die durch Jesus Christus den Sündern bereitet ist, jetzt geoffenbaret ist, seit das Evangelium Juden und Heiden verkündigt wird. Schon die Schrift des Alten Bundes, Gesetz und Propheten, zeugt von dieser Gerechtigkeit. Durch das Evangelium, das nun in aller Welt gepredigt wird, ist sie aber erst recht klar und deutlich offenbaret, den Sündern dargelegt und zur Annahme vorgelegt. Diese Gerechtigkeit vor Gott kommt durch den Glauben, zu allen und auf alle, die glauben, alle, die da glauben, werden derselben teilhaftig. Wer da glaubt, hört auf die Stimme Moses und der Propheten, des Evangeliums, erkennt aus dem Evangelium und ergreift in demselben die Gerechtigkeit, in der er vor Gott bestehen kann. Römer 9,30 ff. führt der Apostel aus, dass die von Israel die Gerechtigkeit nicht erlangt haben, weil sie dem Evangelium nicht gehorsam geworden sind 11,16.

An anderen Stellen nennt Paulus das Wort als das Mittel, dadurch die Gerechtigkeit den Menschen zugewendet und mitgeteilt wird, dadurch der Glaube die Gerechtigkeit erlangt. Er meint aber auch da nur das Wort des Evangeliums. So lesen wir Römer 10,5-8: „Mose aber schreibt wohl von der Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt: Welcher Mensch dies tut, der wird darinnen leben. Aber die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht also: Sprich nicht in deinem Herzen: Wer will hinauf gen Himmel fahren? Das ist nichts anders, denn Christus herab holen. Oder wer will hinab in die Tiefe fahren? Das ist nichts anders, denn Christus von den Toten holen. Aber was saget sie? Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen“. Hier stellt der Apostel die Gerechtigkeit aus dem Gesetz und die Glaubensgerechtigkeit einander gegenüber. Die erstere macht es dem Menschen schwer, ja unmöglich, die Gerechtigkeit zu erlangen. Denn wer da nicht alle Worte des Gesetzes hält, der kann nicht gerecht und selig werden. Die Glaubensgerechtigkeit dagegen macht es dem Menschen gar leicht, gerecht zu werden, bringt dem Menschen das Heil gar nahe. Man braucht Christus nicht weit herzuholen, nicht erst vom Himmel herab- oder aus der Tiefe heraufzuholen. Christus ist schon gekommen, vom Himmel auf die Erde herniedergekommen, ist gestorben und vom Tode wieder auferstanden, aus der Tiefe hervorgekommen und hat durch seine Menschwerdung, durch sein Leiden, Sterben, Auferstehen das Heil erworben, die Gerechtigkeit hergestellt, die vor Gott gilt. Und nun heißt es weiter: Das Wort ist dir nahe, in deinem Mund, in deinem Herzen, das Wort des Glaubens, das wir predigen. So spricht die Glaubensgerechtigkeit. Also Christus, das Heil, die Gerechtigkeit ist in das Wort gefasst und beschlossen. Das Wort ist allen nahe. Dies Wort wird gepredigt. Diesem Worte glauben wir, wir bewegen es in unserem Herzen, bekennen es mit unserem Mund. Und so ist Christus, das Heil, die Gerechtigkeit uns nahegekommen, unser eigen geworden. Ähnlich redet der Apostel 2. Kor. 5,19.20 von dem Wort. Nachdem er daran erinnert hat, dass Gott in Christus die Welt mit ihm selber versühnte und ihnen ihre Sünden nicht zurechnete, fährt er fort: „Und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott vermahnet durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott“. Die Versöhnung, die Gott in Christus gestiftet hat, die Vergebung der Sünden hat Gott in’s Wort hineingelegt, daher heißt es das Wort von der Versöhnung. Durch das Wort, das die Boten Gottes predigen, wird die Versöhnung, die Vergebung der Sünden in der Sünderwelt verbreitet. Gott vermahnt die Sünder durch die Prediger, dass sie dieses Wort annehmen, dem Worte glauben und also der Versöhnung, der Vergebung der Sünden teilhaftig werden.

Wo Paulus von der Rechtfertigung aus dem Glauben handelt, verbindet er öfter die zwei Stücke mit einander: die Verheißung und den Glauben. Und er hat, wenn er von der Verheißung redet, wiederum nichts anderes im Sinn, als das Wort des Evangeliums. So heißt es Römer 4,16: „Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass sie sei aus Gnaden, und die Verheißung fest bleibe allem Samen, nicht dem allein, der unter dem Gesetz ist, sondern auch dem, der des Glaubens Abrahams ist.“ Vorher hat er gesagt: „Denn wo die vom Gesetz Erben sind, so ist der Glaube nichts und die Verheißung ist ab.“ Röm. 4,14. Wenn der Mensch durch Werke des Gesetzes Gerechtigkeit und das Erbe erlangte, das ist die Meinung des Apostels, so würde beides dahinfallen, der Glaube und die Verheißung. Denn die Verheißung ist das Widerspiel des Gesetzes. Die Verheißung fordert nichts von dem Menschen, dass der Mensch etwas leiste, damit er gerecht und selig werde, wie das Gesetz, sondern hier verheißt Gott aus Gnaden, frei umsonst Gerechtigkeit und das Erbe. Was er von dem Menschen fordert, das ist nur der Glaube. Aber der Glaube ist eben kein Werk des Gesetzes, sondern der Mensch soll nur zugreifen und das hinnehmen, was Gott ihm verheißt. Nein, nicht durch das Gesetz, sondern allein durch den Glauben kommt die Gerechtigkeit und das Erbe. So bleibt auch die Verheißung fest und gewiss. So bleibt die Verheißung in ihrem Recht und Bestand, ja, so kommt die Verheißung erst zu ihrem Recht und Bestand, wenn der Mensch alle eigenen Werke bei Seite setzt, und einfältig das glaubt und nimmt, was Gott ihm aus Gnaden verheißt. Aller Same, der da glaubt, erlangt durch den Glauben die verheißene Gerechtigkeit, das verheißene Erbe. Demgemäß sagt der Apostel von Abraham, dass „er an die Verheißung glaubte und nicht zweifelte im Unglauben“. Römer 3,20. Im Galaterbrief redet Paulus 3,15ff. von dem Testament der Verheißung, welches älter ist als die Ordnung des Gesetzes. Die Verheißung lautet auf den Einen Samen, Christus, Kap. 3,16, die Gerechtigkeit, Kap. 3,21, das Erbe, Kap. 3,18. In diesem Zusammenhang heißt es: „Gott aber hat’s Abraham durch Verheißung frei geschenkt.“ Kap. 3,18. Also was Gott in Christus verheißt, Gerechtigkeit und das Erbe, das ewige Leben, das schenkt er eben damit, dass er es verheißt. Und dieses Geschenks wird der Mensch habhaft durch den Glauben. Die da glauben, sind nun im Besitz der Verheißung, der verheißenen Gabe, der Gerechtigkeit und Seligkeit. Das besagt der Schlußsatz: „Aber die Schrift hat es alles beschlossen unter die Sünde, auf dass die Verheißung käme durch den Glauben an Jesus Christus, gegeben denen, die da glauben.“ Kap. 3, 22.

 

Demgemäß lehrt auch das lutherische Bekenntnis

    Das lutherische Bekenntnis ist auch in diesem Stück nur ein treues Echo der Offenbarung Gottes. Die Augsburgische Konfession gedenkt im 5. Artikel, welcher mit dem 4. Artikel „Von der Rechtfertigung“ eng zusammenhängt, des Predigtamtes, des Evangeliums und bemerkt da nicht nur, dass Gott durch das Evangelium den Heiligen Geist gibt und den Glauben wirkt, sondern hebt auch hervor, dass das Evangelium „lehret, dass wir durch Christus Verdienst, nicht durch unser Verdienst, einen gnädigen Gott haben, so wir solches glauben“, dass also der Glaube auf das Evangelium gerichtet ist und im Evangelium einen gnädigen Gott findet. Die Apologie der Augsburgischen Konfession weist in der Erklärung des 4. Artikels „Von der Rechtfertigung“ nachdrücklich darauf hin, dass der Glaube an der göttlichen Verheißung hängt und haftet. „Dass aber der Glaube nicht allein sei die Historia wissen, sondern der da fest hält die göttlichen Verheißungen, zeigt Paulus genugsam an, der da sagt zu den Römern am 4, 16: Derhalben muss die Gerechtigkeit durch den Glauben kommen, auf dass die Verheißung fest bleibe. Da heftet und verbindet Paulus die zwei also zusammen, dass, wo Verheißung ist, da muss auch Glaube sein usw., und wiederum correlative, wo Verheißung ist, da fordert Gott auch Glauben.“ (Konkordienbuch, S. 72) „Darum muss das bestehen, dass zur Seligkeit die Verheißung Christi vonnöten ist. Dieselbe kann nun niemand fassen noch empfangen, denn allein durch den Glauben.“ (Konkordienbuch, S. 75) Die Apologie zeigt dann ferner, dass Gottes Gnade Christi Verdienst durch die göttliche Verheißung fasst und auf diese Weise den Menschen gerecht macht. „Derhalben so oft wir reden von dem Glauben, der gerecht macht, oder fide justificante, so sind allezeit diese drei Stücke oder objecta beieinander: erstlich, die göttliche Verheißung; zum andern dass dieselbige umsonst ohne Verdienst Gnade anbietet, für das dritte, dass Christi Blut und Verdienst der Schatz ist, durch welchen die Sünde bezahlet ist. Die Verheißung wird durch den Glauben empfangen“ usw. (Konkordienbuch, S 72) Das sind also die drei Stücke oder Objekte des Glaubens, die göttliche Verheißung, Gottes Gnade, Christi Blut und Verdienst. Diese drei Stücke sind aber allezeit beieinander. Der Glaube empfängt die Verheißung und empfängt damit das, wovon die Verheißung sagt, Gottes Gnade, Christi Verdienst, und machet damit den Menschen gerecht. Dasselbe besagt der andere Satz: „Die göttliche Zusage bietet uns an, als denjenigen, die von der Sünde und Tode überwältigt sind, Hilfe, Gnade und Versöhnung um Christus willen; welche Gnade niemand mit Werken fassen kann, sondern allein durch den Glauben an Christum.“ (Konkordienbuch, S. 71) Es ist mit einem Wort die Vergebung der Sünden, welche wir durch die göttliche Zusage und durch den Glauben an diese Zusage erlangen: „Damit stimmt Paulus zu den Galatern: Gott hat alles unter die Sünde beschlossen, dass die Verheißung aus dem Glauben Christi den Gläubigen widerfahre. Da stößt Paulus all unser Verdienst darnieder, denn er sagt: wir sind alle schuldig des Todes und unter der Sünde beschlossen; und gedenkt der göttlichen Zusage, dadurch wir allein Vergebung der Sünden erlangen, und setzt noch weiter dazu, wie wir der Verheißung teilhaftig werden, nämlich durch den Glauben.“ (Konkordienbuch, S 78)

    Die Konkordienformel zeigt im 3. Artikel „Von der Gerechtigkeit des Glaubens vor Gott“, dass diese Güter, Gottes Gnade, Verdienst Christi, Vergebung der Sünden, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, im Evangelium vorgetragen und durch den Glauben, welcher eben das Evangelium fasset, angenommen, uns zugeeignet werden. Sie lehrt, „dass Gott uns um solches ganzen Gehorsams willen, so er (Christus) im Tun und Leiden, im Leben und Sterben für uns seinem himmlischen Vater geleistet, die Sünde vergibt, uns für fromm und gerecht hält und ewig selig macht. Solche Gerechtigkeit wird durch’s Evangelium und in den Sakramenten von dem Heiligen Geist uns vorgetragen und durch den Glauben appliziert, zugeeignet und angenommen, daher die Gläubigen haben Versöhnung mit Gott, Vergebung der Sünden, Gottes Gnade, die Kindschaft und Erbschaft des ewigen Lebens.“ (Konkordienbuch S. 418) Die Konkordienformel bekennt, „dass die Gerechtigkeit des Glaubens allein stehe in Vergebung der Sünden, lauter aus Gnaden, allein um des Verdiensts Christi willen, welche Güter in der Verheißung des Evangeliums uns vorgetragen und allein durch den Glauben empfangen, angenommen, uns appliziert und zugeeignet werden.“ (Konkordienbuch S. 422) Und hieraus zieht dann die Konkordienformel den Schluss, dass der Glaube uns allein darum gerecht macht, weil er die Verheißung des Evangeliums und in der Verheißung des Evangeliums Gottes Gnade und Christi Verdienst (und das ist ja nach der Konkordienformel die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt), die Vergebung der Sünden ergreift. „Denn der Glaube macht gerecht nicht darum und daher, dass er so ein gut Werk und schöne Tugend, sondern weil er in der Verheißung des heiligen Evangeliums den Verdienst Christi ergreift und annimmt.“ (Konkordienbuch S. 418) „Denn der Glaube macht gerecht allein darum und daher, weil er Gottes Gnade und das Verdienst Christi in der Verheißung des Evangeliums als ein Mittel und Werkzeug ergreift und annimmt.“ (Konkordienbuch S. 423) „Der Glaube ist das einige Mittel und Werkzeug, damit und dadurch wir Gottes Gnade, das Verdienst Christi und Vergebung der Sünden, so uns in der Verheißung des Evangeliums vorgetragen werden, empfangen und annehmen können". (Konkordienbuch S. 420)

Wir erinnern schließlich noch an eine bekannte Stelle aus Luthers Schrift: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, welche hierher gehört: „Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unvermögen gelernt und empfunden hat, dass ihm nun Angst wird, wie er dem Gebot genug tue, da das Gebot muss erfüllet sein oder er muss verdammt sein: So ist er recht gedemütigt und zunichte geworden in seinen Augen, findet nichts in sich selbst, womit er kann fromm werden. Dann so kommt das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusagung, und spricht: Willst du alle Gebote erfüllen, deiner bösen Begierde und Sünde los werden, wie die Gebote zwingen und fordern; siehe da, glaub in Christus, in welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Friede und Freiheit, glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht. Denn das dir unmöglich ist mit allen Werken der Gebote, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe kürzlich in den Glauben gestellt alle Dinge, dass wer ihn hat, soll alle Dinge haben und selig sein; wer ihn nicht hat, soll nichts haben.“ (Erl. Ausg. 27,180)

 

Der große Trost dieser Lehre

    Welche tröstliche Lehre! Wir haben das Wort, das Evangelium. Das wird uns fort und fort gepredigt. Darin suchen und forschen wir täglich. Dies Wort ist uns nahe, vor unsern Ohren, vor unsern Augen, in unserm Mund, in unserm Herzen. Diesem Wort Glauben wir. Das halten wir fest, so lange wir leben. Das gibt uns das Geleit zum Tode. Und in diesem Wort haben wir also alles, was wir brauchen, womit wir im Leben und Sterben vor Gott bestehen können, Gottes Gnade, Christi Blut und Verdienst, die Vergebung der Sünden, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, das ewige Leben. Dieses Wort ist nicht unser eigen, nicht aus der Menschen Herzen und Gedanken hervorgegangen, es ist Gottes Wort, und was Gott im Wort uns sagt und verheißt, dass er uns gnädig sei, dass er uns für fromm und gerecht halte, diese teure Verheißung des Evangeliums bleibt also ewig fest stehen, wenn auch Teufel, Welt und unser eigenes Herz uns verklagt und verdammt. Dies Wort, Gottes Wort ist erhaben über alle Stimmungen und Wandlungen unsers innern Lebens, das Evangelium bleibt sich immer gleich; so oft wir zum Wort greifen, sei es auch mit betrübtem, verzagtem Herzen, sei es auch mit unlustigem Herzen, wir hören da immer dieselbe Stimme, die freundliche Stimme unseres Heilandes, das gnädige Urteil Gottes: Dir sind deine Sünden vergeben! Du bist mein liebes Kind! Dass wir uns darum fleißig im Worte üben und aus dem Worte unsern Glauben stärken, so werden wir dessen immer gewisser, wie wir zu Gott stehen, wie Gott zu uns steht, dass Gott nichts wider uns hat, dass wir bei Gott in Gnaden stehen.

    In den vorstehenden Artikeln haben wir uns nach allen Seiten klar und deutlich gemacht, was es um den rechtfertigenden Glauben ist. Der Glaube kommt in der Rechtfertigung als ein Mittel in Betracht, nur als ein Mittel, dadurch wir Gottes Gnade und Barmherzigkeit, dadurch wir Christi Verdienst, Gehorsam und Gerechtigkeit, dadurch wir die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, die Vergebung der Sünden, dadurch wir die Verheißung des Evangeliums, in welcher uns alle diese Güter vorgetragen und dargeboten werden, fassen, nehmen, uns zueignen. Nur darum, weil wir die Gerechtigkeit, die Gott uns darreicht, durch den Glauben nehmen und empfangen, macht der Glaube uns vor Gott fromm und gerecht. Wir wollen noch einmal in Kürze, was wir hierüber aus Schrift und Bekenntnis gelernt haben, überblicken und die eigentümliche Art und Natur des rechtfertigenden Glaubens uns vergegenwärtigen, den rechten Begriff vom Glauben uns fest einprägen.

 

Der rechte Begriff des Glaubens

    Der Glaube „macht nicht deshalb gerecht, weil er unser Werk und unser ist“. Der Glaube ist der Gegensatz zu allem Werk des Gesetzes. Das Gesetz fordert, dass der Mensch Gott etwas leiste, und fordert nicht nur äußerliche Werke, sondern der Mensch soll Gott fürchten und lieben, sein Herz Gott zum Opfer bringen. In dem Handel von der Rechtfertigung, von welchem das Evangelium sagt, handelt es sich um ganz andere Dinge. Gott fordert hier nichts vom Menschen. Nein, hier öffnet Gott dem Menschen, der Gottes Forderungen nicht erfüllt hat, der kein Verdienst der Werke aufweisen kann, aus freier Gunst und Liebe sein väterliches Herz, zeigt dem Sünder seine gnädige Gesinnung. Hier hat Gott den verlornen und verdammten Menschen Christus als Gnadenstuhl und Freistatt hingestellt. Hier verheißt und schenkt Gott in Christus Vergebung der Sünden, Leben, Seligkeit. Hier offenbart Gott die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Und der Mensch glaubt dem Wort, der Verheißung, glaubt und nimmt das, was Gott ihm darreicht. Er hat Gott nichts zuvor gegeben, dass ihm werde wieder vergolten, er wird zu keiner Gegenleistung von Gott verpflichtet, Gott stellt ihm keine Bedingung. Nein, der Sünder, der nichts hat und nichts leisten kann, was er vor Gott bringen könnte, der alles Ruhmes vor Gott mangelt, nimmt dankbar, mit Freuden, den Dienst an, den Gott ihm leistet. Gott ist es, der hier alles selber leistet, wirkt, tut, schenkt, verheißt. Und der Glaube hält sich an das, tröstet sich dessen, was Gott tut und gibt.

    Wohl, wir sagen: Das Evangelium fordert den Glauben. So heißt es öfter in der Apologie, dass die Verheißung den Glauben fordere. Der Glaube muss zum Evangelium, zur Verheißung hinzukommen, damit man derselben teilhaftig werde. Wer die Gabe Gottes nicht nimmt und empfängt, vielmehr verwirft, hat keinen Teil daran. Das ist Forderung Gottes jetzt in der Zeit des Neuen Testaments: Glaubet an das Evangelium! Es ist das der ernste Wille Gottes, dass wir glauben, an Christus glauben, dem Evangelium glauben. Aber das ist dennoch keine Forderung des Gesetzes, keine Forderung nach Art des fordernden Gesetzes. Diese Forderung, dass die Sünder glauben sollen, fließt aus dem Evangelium, ist selber Evangelium. Glaubet an den Herrn Jesus Christus! Glaubet dem Evangelium! Das ist die stärkste, tröstlichste Zusage und Verheißung, die sich denken lässt. Glaubet an Christus! Glaubet an das Evangelium! Damit sagt Gott nicht: Ich habe alles Übrige getan, nun tut ihr wenigstens dieses eine Werk und glaubet. Alle anderen Werke und Leistungen erlasse ich euch, ich bin zufrieden, wenn ihr glaubt. Das ist doch nicht zu viel verlangt, dass ihr mir nur dies Eine zu Liebe tut. Glaubet an Christus! Glaubet an das Evangelium! Damit sagt Gott vielmehr: Ich habe alles getan, ihr braucht nichts zu tun. Ich schenke euch frei, umsonst, was ihr mit keinem Werk erlangen und erwerben könnt, Gerechtigkeit, vollkommene Gerechtigkeit. Es ist alles bereit, ihr braucht nur zu nehmen und zuzugreifen. Hier habt ihr in Christus Gnade, Vergebung, Gerechtigkeit, Trost, Friede, Seligkeit. So nehmet doch, greifet zu, fasset zu mit beiden Händen, esset, trinket und werdet trunken! Das Heil ist vor der Tür, das ist euch so nahe, das Wort ist euch nahe, ihr habt es vor Augen, vor Ohren. So glaubet nur dem Worte! Wer von Herzen glaubt, wer mit dem Munde bekennt, der wird gerecht und selig. Wahrlich, das ist Evangelium, das ist kräftige Zusage, wenn Gott mit solchen Worten das Heil darbietet und den einfältigen Sündern so dringlich zuredet, dass sie doch nehmen und glauben.

    Gewiss, der Glaube, das Glauben und Nehmen, ist kein äußerliches Ding. Herz und Wille des Menschen ist dabei in Bewegung. Der rechtfertigende Glaube ist herzliches Vertrauen, eine gewisse Zuversicht. Aber doch ist dieses Vertrauen, diese Zuversicht kein Werk des Gesetzes, kein Werk, keine Gesinnung, wie solche das Gesetz erfordert. Wenn der Mensch ein Werk des Gesetzes vollbringt, so leistet er Gott, was er ihm schuldet. Auch Furcht und Liebe zu Gott, das vornehmste Stück des Gesetzesgehorsams, ist ein Opfer des Herzens, das der Mensch Gott darbringt. Wenn der Mensch dagegen dem Evangelium glaubt, so bringt er Gott kein Opfer, leistet Gott keinen schuldigen Dienst, nein, er öffnet vielmehr Gott sein Herz, nimmt Gott, Christus, Gottes Gabe und Gnade, Christi Verdienst und Gerechtigkeit in sein Herz auf. Der Glaube, diese feste, freudige Zuversicht des Herzens, ist kein selbstständiges Werk, das in sich Wert und Geltung hätte. Nein, der Glaube nimmt und fasst nur Gottes Werk, Gottes Geschenk, welches allein Wert und Geltung vor Gott hat. Wir vertrauen von Herzensgrund auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit, wir verlassen uns auf Christi Verdienst und Gehorsam, wir sind der gewissen Zuversicht, daß Gott in Christus uns alles vergeben hat und uns für gerecht hält, wir bauen auf Gottes Zusage und Verheißung. Das ist der Glaube. Sobald man aber das hinwegnimmt, woran der Glaube sich hält, sobald man Gott, Christus, Gottes Gnade, Christi Gerechtigkeit, die Vergebung der Sünden, das Evangelium hinwegtut, so fällt auch das Vertrauen, die Zuversicht hinweg, so ist es mit dem Glauben aus.

    Das Evangelium ermöglicht, macht und schafft erst den Glauben. Das Evangelium, welches uns die Gerechtigkeit offenbart, die vor Gott gilt, das Evangelium von der Vergebung der Sünden ist eine neue Lehre, eine neue Offenbarung, die mit der Lehre und Offenbarung des Gesetzes nichts zu schaffen hat, welche weit über das Gesetz hinaus liegt. Und so ist auch der Glaube, welcher das Evangelium und damit die Gerechtigkeit fasst, die vor Gott gilt, etwas Neues, Besonderes, etwas ganz anderes als irgend ein Werk des Gesetzes. Damit, dass das Evangelium in die Welt gekommen ist, ist auch der Glaube in die Welt gekommen. Indem Gott im Evangelium den Sündern seine Gnade offenbarte und darbot, hat er zugleich Weg und Mittel kundgetan, dadurch der Mensch dieser seiner Gnade habhaft und teilhaftig wird, den Glauben. Gott hat im Evangelium die Fülle seiner Gnade über die Sünderwelt ausgegossen und hat zugleich dafür gesorgt, dass dieser himmlische Segen ja nicht an den Sündern vorbeiginge, hat dafür gesorgt, dass ein Gefäß vorhanden wäre, welches die Fülle der göttlichen Gnade aufnähme, das ist der Glaube. So liegt der Glaube ganz im Bereich des Evangeliums. Der Glaube ist etwas Einziges in seiner Art, von allem sonstigen Verhalten, Werk, Dichten, Trachten des Menschen unterschieden. Die Apologie hebt öfter hervor, daß kein Werk sonst, sondern allein der Glaube die Verheißung fasse, an der Verheißung hafte. Luther schreibt „Wenn du gleich alle deine Werke zusammenflöchtest, ja, nähmest aller andern Werke dazu, dennoch hast du nicht Christus und wirst auch kein Christ davon genannt. Christus ist ein ander Ding und etwas Höheres, denn Gesetz und Menschengebot. Er ist Gottes Sohn, der allein zu geben und nicht zu nehmen bereit ist. Wenn ich so geschickt bin, dass ich von ihm nehme, so habe ich ihn: Habe ich denn ihn, so werde ich billig ein Christ genennet.“ (St Louiser Ausgabe, XI, Sp. 1838). Und dieses Nehmen ist eben der Glaube.

    Wo Paulus im Römerbrief von der Rechtfertigung handelt, beschreibt er an einer Stelle des Näheren die besondere Art und Eigenschaft des rechtfertigenden Glaubens, nämlich Röm. 4,18-22: „Und er (Abraham) hat geglaubt auf Hoffnung, da nichts zu hoffen war, auf dass er würde ein Vater vieler Heiden, wie denn zu ihm gesagt war: Also soll dein Same sein. Und er ward nicht schwach im Glauben, sah auch nicht an seinen eigenen Leib, welcher schon erstorben war, weil er fast hundertjährig war, auch nicht den erstorbenen Leib der Sarah. Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern ward stark im Glauben, und gab Gott die Ehre, und wusste aufs allergewisseste, dass, was Gott verheißet, das kann er auch tun. Darum ist es ihm auch zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Abraham hatte die Verheißung von Gott empfangen, sein Same sollte werden wie die Sterne des Himmels, wie der Sand des Meeres, er sollte ein Vater vieler Heiden werden. Von dieser zahlreichen, herrlichen Nachkommenschaft sah er zu der Zeit noch nicht die geringste Spur. Er hatte noch keinen Sohn. Und nach dem Lauf der Natur konnte er auch auf keinen Sohn mehr hoffen. Denn sein Leib war erstorben, wie auch der Leib der Sarah, beide waren hochbetagt. Aber das war nun der Glaube Abrahams, dass er wider Hoffnung auf Hoffnung glaubte, dass er seinen erstorbenen Leib und den der Sarah nicht ansah, von seinem Unvermögen, von seiner Person ganz absah, dass er dagegen seinen Blick stracks auf die Verheißung richtete, dass er steif und fest Gottes Verheißung ins Auge fasste, im Auge behielt, Herz, Sinne und Gedanken an das Wort der Verheißung heftete und fest überzeugt war und nicht zweifelte, dass Gott das auch tun könne und werde, was er verheißen. So gab Abraham durch den Glauben Gott die Ehre, indem er die eigene Wahrnehmung, das eigene Urteil ganz bei Seite setzte und Gott Recht gab in seinem Worte. Und so wurde ihm sein Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet, indem er Gott alles anheimgab, Gott wirken und walten ließ, Gottes Verheißung, die im letzten Grund auf Christus und das Heil in Christus lautete, frei gewähren ließ.

    Der Apostel bemerkt ausdrücklich, Röm. 4,23 usw., dass dies von Abraham geschrieben sei um unseretwillen, welchen auch der Glaube soll zugerechnet werden, die wir an Christus glauben, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Anhand Abrahams Beispiel sollen wir lernen, was es um den rechten Glauben sei. Das ist, wie Abrahams Beispiel zeigt, die Art des Glaubens überhaupt, dass man nicht zweifelt an dem, was man nicht sieht, dass man hoffet, wo nach dem Lauf der Natur nichts zu hoffen ist, dass man also diese sichtbare Welt ganz aus den Augen tut. Und das ist die Art des rechtfertigenden Glaubens, dass derselbe von der eigenen Person, dem eigenen Unvermögen, dem eigenen Unwert gänzlich absieht. Es ist ein eigenes, wunderbares Ding um den Glauben. Der Glaube haftet im eigenen Ich. Es ist eine Bewegung des eigenen Herzens, unseres Willens. Wir sind es, die da glauben. Aber wir verleugnen nun eben, indem wir glauben, uns selbst, unser eigenes Urteil, unsere eigene Erfahrung, unser eigenes Gewissen. Wir sehen und finden in uns nichts Gutes, eitel Schwachheit, Unvermögen, Sünde, Schuld und Übertretung. Wir können es ja nicht leugnen, dass wir täglich viel sündigen. Unser Gewissen verklagt uns. Die Erfahrung lehrt, dass wir untüchtig sind zu allem Guten. Aber darin erweist sich nun der rechte Glaube, dass wir die eigene Person nicht ansehen, dass wir, was sich in und an uns findet, was unser eigen ist, unsere Schwachheit, Sünde, Schuld, auch alle eigene Gerechtigkeit, weit aus den Augen setzen und unsern Blick woanders hin lenken. Der Glaube greift über sich selbst, über die eigene Person hinaus und hängt und klammert sich an einen Andern an.

    Der Glaube sieht aufwärts, wie wir von Abraham lernen, auf Gott, der die Verheißung gegeben hat, heftet sich und haftet an Gottes Wort und Verheißung, baut und traut, der Natur, der Vernunft, dem Zeugnis des eigenen Gewissens zuwider, auf die gnädige Zusage Gottes und gibt also Gott die Ehre. Es ist die Art des Glaubens überhaupt, dass er die Dinge der unsichtbaren Welt fasst und ergreift. Und es ist die Art des rechtfertigenden Glaubens, dass er sich nach Gott, der Gnade Gottes ausstreckt und die Verheißung der Gnade, das Evangelium von Christus umklammert und unter allen Umständen festhält. Das ist der rechte Glaube, dass wir uns, wie wir sind, ohne Scheu und Rückhalt der Gnade und Barmherzigkeit Gottes in die Arme werfen, uns mit der Gnade bedecken, als mit einem Schilde, von der Gnade leben, auf die Gnade leben und sterben. Das ist der rechte Glaube, dass wir Christus ergreifen, Christus in uns aufnehmen, unsere Seele ganz und gar in Christi Blut, Verdienst und Gerechtigkeit einhüllen, dass wir uns mit Christus als in Eine Person zusammenschließen, alles, was Christi ist, uns zueignen, so dass wir so rein und gerecht dastehen, wie Christus, so dass wir vor Gott so erscheinen, als wären wir Christus. Das ist der rechte Glaube, dass wir, wenn unsere Sünde uns sticht und schmerzt, zu dem Artikel von der Vergebung der Sünden unsere Zuflucht nehmen, das große Wort: „Ich glaube eine Vergebung der Sünden“ uns vor Augen setzen, ins Herz einprägen und damit das Gefühl und Bewußtsein der Sünde ersticken.

    Das ist der rechte Glaube, dass wir das Evangelium von Christus, die teuerwerten Verheißungen, die uns Gnade, Trost Friede, Seligkeit zusprechen, uns vorbilden, ins Herz einbilden, dass wir Herz, Sinnen und Gedanken gänzlich in dieses Wort versenken, so dass die Seele voll des Wortes wird, wie Luther sagt, ins Wort verwandelt, vom Wort und im Wort frei, fromm, gerecht, fröhlich, selig wird. Der Glaube geht also gleichsam ganz auf in dem Gegenstand, auf den er gerichtet ist. Wir werden durch den Glauben mit Gott, mit Christus, mit dem Wort, wie Luther öfter sich ausdrückt, Ein Teig, Ein Kuchen. Der Glaube ist eine ganz besondere, einzigartige Fähigkeit und Geschicklichkeit, besteht darin, dass wir, wie Luther sagt, geschickt sind, von Christus, von Gott zu nehmen. Das ist das besondere, Wunderbare an dem Glauben, dass wir das, was außer uns liegt, Gott, Christus, das Wort, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, eine fremde Gerechtigkeit, uns aneignen, zueignen, so dass es nun unser eigen, unser eigenster Besitz ist. So gibt der Glaube, wie die Schrift sagt, Gott die Ehre, indem er von nichts anderem wissen will, als von Gott, von Christus, von dem, was Gott in Christus getan hat und uns schenkt und verheißt. Auch dann, wenn der Mensch Gottes Gebot erfüllt, das tut, was Gott von ihm fordert, ehrt er Gott. In ganz anderem Sinn, in ganz anderer Weise aber geben wir Gott die Ehre, wenn wir glauben, wenn wir erkennen, anerkennen, das gutheißen, dessen uns freuen und trösten, was Gott tut, wirkt, uns darreicht. Und so wird der Glaube uns zur Gerechtigkeit gerechnet, so werden wir durch den Glauben gerecht, indem wir Gott, Gottes Gnade frei schalten und walten lassen und die Gerechtigkeit, die er uns in Christus, im Wort darbietet, von ihm hinnehmen.

    Dieser rechtfertigende Glaube, von dem wir geredet haben, welcher von der eigenen Person, dem eigenen Unwert, dem eigenen Tun und Werk absieht und Gott, Gottes Gnade und Gabe fasset, ist ein Wunderding. Der wächst nicht aus der eigenen Natur, dem eigenen Denken und Wollen heraus. Gott ist es, der hier alles in allem wirkt. Gott ist es auch, der selber den Glauben im Herzen wirkt durch das Evangelium. Diese Frage jedoch, woher der Glaube kommt, wie er entsteht, gehört in den Artikel von der Bekehrung.

    Hier im Artikel von der Rechtfertigung halten wir das eine fest, dass Gott es ist, der uns gerecht macht. Der Glaube macht uns gerecht. Aber das heißt, wie wir erkannt haben: Gott macht uns gerecht. Der Glaube nimmt von Gott die Gerechtigkeit, die er im Wort darreicht, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Wenn ein Armer, der nichts hat, Almosen nimmt, Tag für Tag sein Almosen empfängt, nur von Almosen lebt, so ist es der Wohltäter, der das Almosen darreicht, er allein, welcher den Armen am Leben erhält. Es wäre Hohn und Spott, wollte man sagen, dass der Arme doch auch etwas tue und, indem er das Almosen nimmt, etwas zu seinem Lebensunterhalt beitrage. Also stehen wir zu Gott. So bestehen wir vor Gott. Wir nehmen, als arme Sünder, von Gott Gnade um Gnade, Vergebung, Gerechtigkeit. Wahrlich, so ist alles eigene Mitwirken, aller eigene Ruhm ausgeschlossen. Gott ist es, der gerecht macht. Indem wir glauben und von Gott alles nehmen, sprechen wir: Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre um deine Gnade und Wahrheit!

 

 

 

Literaturhinweise

 

 

Hingewiesen sei auf das Faltblatt des Biblischen Arbeitskreises Kassel, Waldecker Str. 10, 34128 Kassel, Tel. und Fax: 0561-883502:

- Zeitspiegel Nr. 200. Thema: Warum nicht katholisch?

 

Vom Herausgeber ist erschienen:

- Pastor Emil Wacker: Wiedergeburt und Bekehrung in ihrem gegenseitigen Verhältnis nach der heiligen Schrift. (Faksimile-Ausgabe der Ausg. von 1893.) 92 S., geheftet, € 2,20. Emil Wacker, der geistliche Vater der nordschleswigschen lutherischen Erweckung legt in diesem wichtigen Heft die biblische Lehre von der Wiedergeburt und Bekehrung dar, in ihrer Beziehung auch zur Taufe, und betont dabei, wie wichtig es ist, dass jeder, der als Säugling getauft wurde, dann, wenn er zum Bewusstsein kommt, zur rechten Sündenerkenntnis und Christuserkenntnis kommen muss und die Gabe Gottes in der Taufe auch im bewussten Glauben für sich persönlich ergreifen. Er untermauert seine Ausführungen auch mit Darlegungen der Lehre der lutherischen Bekenntnisschriften. Eine bedeutsame Schrift für ein erweckliches, biblisch-reformatorisches Luthertum.