Beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet! Apg. 2,42

DER BEKENNTNIS-

LUTHERANER

 

Lutherisches Blatt für Bibelchristentum.

Mit Zustimmung der Lutherischen Kirchen der Reformation (Lutheran Churches of the Reformation, LCR) herausgegeben von Roland Sckerl,  Leopoldstr. 1, D-76448 Durmersheim; Tel.:07245/83062; Fax: 07245/913886

E-mail: Sckerl@web.de; Internet: www.lutherische-bekenntnisgemeinde.de

 

15. Jahrgang 2007  Heft 3/2007

 

 

 

 

 

 

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

 

 

UNTER LUTHERS KANZEL UND KATHEDER     1

Einführung.. 1

Luthers Stellung zu den Juden und zur Judenmission.. 2

UNTER BIBEL UND BEKENNTNIS... 5

Ist die Aufrichtung des Staates Israel eine Erfüllung prophetischer Weissagungen von einer Rückkehr des ganzen Volkes nach Kanaan?.. 5

Das leibliche und das geistliche Israel bei Paulus im Römerbrief  9

Exkurs II: Abraham, der Vater des Glaubens: 11

Was lehrt uns Paulus über unsere Haltung gegenüber dem Volk der Juden?   11

 

 

 

 

 

 

 

 

 

UNTER LUTHERS KANZEL UND KATHEDER

 

 

Einführung

 

Dieses Heft beschäftigt sich in besonderer Weise mit dem jüdischen Volk und Israel. Das sollte nicht verwunderlich sein, denn Gottes Heiliges Wort, die Bibel, berichtet uns im Alten wie im Neuen Testament über gerade dieses Volk – aber nicht nur. Dieses Thema aufzugreifen erscheint gerade heute, in einer Zeit, in der sich die Ereignisse um den heutigen Staat Israel zuspitzen – wie auch das aggressive Vorgehen des Islam sowohl gegen Israel wie das Christentum täglich deutlich vor die Augen tritt – besonders wichtig. Wie sollen wir als Christen uzum Volk der Juden und zu Israel stehen? Gerade im evangelikalen Bereich gibt es nicht wenige, besonders im deutschsprachigen Gebiet, die meinen, die Kirche habe sich an die Stelle Israels gesetzt und hätten somit Israel als Bundesvolk seiner Stellung beraubt, und das sei eine Fehlentwicklung, ja, es sei eine Wurzel des Antisemitismus (so Helge Stadelmann in seinem Schreiben an die Freunde der Freien Theologischen Akademie Anfang März 2002). Andere, wie der 1987 heimgegangene messianische Jude Paul Taine, behauptete gar, die frommen Juden würden gerettet, wenn sie nur auf den Messias hofften, ohne ihn darum in Jesus von Nazareth erkannt zu haben (siehe: Das Völkergericht. in: Sehet den Feigenbaum. Nr. 159. Januar/Februar 1989, S. 13). Chiliastische Irrlehren hat es schon in der frühen Kirche gegeben. Sie sind durch besonders durch den Pietismus und die Brüderbewegung weit verbreitet worden. In diesem Zusammenhang wird dann ja ein irdisches „Tausendjähriges Reich“ (aufgrund einer Fehlauslegung von Offenbarung 20) erwartet und eine große Zeit für das Volk Israel als ein Missionsvolk Jesu Christi. Große Teile des Alten Testamentes werden dann, besonders unter dem Einfluss der dispensationalistischen Lehre der Brüderbewegung, auf das irdische Volk Israel bezogen, nicht auf die Gemeinde Jesu Christi.

In diesem Heft soll versucht werden, aufgrund der Aussagen der Bibel darzulegen, wie wir als Christen zum jüdischen Volk und zu Israel stehen sollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Luthers Stellung zu den Juden und zur Judenmission

 

Von

Otto Hardeland

 

(entnommen aus: Geschichte der lutherischen Mission. Nach den Vorträgen von Prof. D. Plitt neu herausgegeben von Otto Hardeland. Bd. 2. Leipzig 1895. S. 237 ff.)

 

Wenn die Heidenkirche in der Ausbreitung des Reiches Gottes dem Beispiel ihres Gründers, des Heidenapostels, folgen wollte, so sah sie zuerst und vor allem sich auf die versprengten Reste des in ihrer Mitte lebenden Volkes Israel gewiesen. Denn wie oft Paulus auf von seinen Volksgenossen zurückgestoßen wurde, immer wieder wandte er sich an sie, wo er ihnen begegnete, und verkündigte ihnen zuerst, dass Jesus von Nazareth der Messias sei. Aber leider müssen wir sagen, dass die Kirche hierin zu allen Zeiten noch nicht das getan hat, was jenes großen Beispiels würdig war. Oft genug haben die Christen an denen, welche unter dem Kreuze das Blut ihres von ihnen verworfenen Messias auf sich und ihre Kinder herabriefen, gehandelt, als ob sie von Gott dazu bestellt seien, das Gericht zu vollziehen; die schwersten der Schläge, unter denen das verworfene Volk des alten Bundes seufzte, kamen aus der Hand von Christen. Zwar muss man, um gerecht zu sein, anerkennen, dass von der Zeit Gregors I. an die Päpste, und zwar gerade die bedeutendsten unter ihnen am entschiedensten, der bedrückten Juden sich angenommen und wiederholt mit edlen Worten es ausgesprochen haben, dass man christlich mit ihnen umgehen und nicht in des Erlösers Namen sie gewalttätig behandeln solle1. Aber ihre Worte fanden nicht überall Gehör und wurden nirgends lange befolgt. Die Massen der christlichen Völker hegten einen tiefen Widerwillen gegen die Juden, welcher ohne Zweifel zum guten Teil auf einer natürlichen nationalen Abneigung beruhte, die sich noch nicht vom Geiste christlicher Liebe überwinden ließ. Dieser Widerwille brach, zumal wenn niedere Geistliche und Mönche hetzten, nicht selten in wilder und blutiger Verfolgung hervor. Kurz, man darf das Mittelalter schon alseine Zeit schweren Druckes und harter Leiden für die Juden bezeichnen.

Und änderte hierin die Reformation, die ja sonst zum Heidenapostel zurücklenkte, nichts? Natürlich setzt sich diese Frage uns zugleich in die andere um: Wie stellte Luther sich zu den Juden? eine Frage, die aus seinen Schriften und aus seinem Leben sich mit hinreichender Bestimmtheit beantworten lässt.

Das Schicksal Israels musste früh seine Gedanken beschäftigen und ihn auf das Walten Gottes in der Geschichte aufmerksam machen. In dem furchtbaren Leiden dieses Volkes erkannte er die Wirkung des göttlichen Zornes, und wenn er es in seinem damaligen traurigen Zustand betrachtete, glaubte er „ein rechtes Bild der Hölle“ zu sehen. Da bewegte dann Mitleid sein Herz, und er äußerte Unwillen über die rohre Misshandlung, welche den Unglücklichen seitens des christlichen Haufens widerfuhr. Die Schrift schien ihm zu sagen, dass die Gnade in Abrahams Geblüt bis an den jüngsten Tag währen solle. Denn obwohl der große Haufe verstockt sei, so gebe es doch allezeit, wenn auch nur wenige, die zu Christus sich kehren und an ihn glauben. „Darum“, schrieb er 1521 in der seinem Fürsten gewidmeten Auslegung des marianischen Lobgesanges, „sollten wir die Juden nicht so unfreundlich behandeln, denn es sind noch Christen unter ihnen zukünftig und täglich werden; dazu haben sie allein, und nicht wir Heiden, solche Zusagung, dass allezeit in Abrahams Samen sollen Christen sein, die den gebenedeiten Samen erkennen. Unser Ding steht auf lauter Gnaden, ohne Zusagen Gottes, wer weiß, wie und wann. Wenn wir christlich lebten und sie mit Güte zu Christus brächten, wäre wohl die rechte Maß. Wer wollte Christ werden, so er siehet Christen so unchristlich mit Menschen umgehen? Nicht also, liebe Christen; man sage ihnen gütlich die Wahrheit; wollen sie nicht, lasst sie fahren. Wie viele sind Christen, die Christus nicht achten, hören sseine Worte auch nicht, ärger als Heiden und Juden; und wir lassen sie doch mit Frieden gehen, ja, fallen ihnen zu Fuß, beten sie schier für Abgötter an!“ – Er wollte die Juden wegen ihres Unglaubens nicht schärfer behandelt wissen als so viele Namenschristen, eine billige Gesinnung, in welcher ihm ähnlich einer seiner tüchtigsten Schüler, Eberlin von Günzburg, schon vorher geschrieben hatte: „Ob Missgläubige wollen unter uns wohnen, soll man ihnen nichts Leids tun, sondern freundlich halten wie unsere Bürger; doch soll man sie zu keiner bürgerlichen Ehre brauchen oder Amt, sie sollen auch unser Gesetz und Glauben nicht schmähen.“ Dass Israel im Ganzen bis zum Ende im Unglauben beharren werde, glaubte er allerdings nach der Schrift entnehmen zu müssen. „Christus spricht: Dies Geschlecht soll nicht vergehen bis ans Ende, das ist, Juden, die Christus gekreuzigt haben, müssen bleiben zum Wahrzeichen; und ob ihr schon viele bekehrt werden, so muss doch das Geschlecht und die Art überbleiben.“ Aber gerade diese Auffassung trieb ihn umso mehr, den einzelnen in Freundschaft sich zu nahen, um sie zu gewinnen.

Den lebendigsten Ausdruck fand dieses Streben 1523 in seiner Schrift „Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei“, eine Schrift, um deren willen man ihn nicht übel den ersten evangelischen Judenmissionar genannt hat. Er selbst sandte sie einem neubekehrten Juden zu, um diesen im Glauben zu stärken und durch ihn sie in die Hände anderer Juden zu bringen.

Die Veranlassung zu dieser Schrift gab ihm die Lüge seiner christlichen Gegner, er habe in Predigten und Büchern die Jungfrauschaft der Maria geleugnet. Die Gegner selbst waren ihm keiner Antwort wert, aber um anderer willen musste er antworten, und um dabei doch etwas Nützliches zu tun, beschloss er, aus der Schrift die Ursachen zu erzählen, die ihn bewegten zu glauben, dass Christus ein Jude sei, von einer Jungfrau geboren, ob er vielleicht auch der Juden etliche möchte zum Christenglauben reizen. Die bisherige Behandlung der Juden seitens der Christen sei eine derartige gewesen, dass man sich nicht wundern dürfe, wenn diese den Übertritt zur Kirche von sich gewiesen hätten. „Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen; haben nichts mehr tun gekonnt, als sie schelten und ihnen ihr Gut nehmen; wenn man sie getauft hat, keine christliche Lehre noch Leben hat man ihnen bewiesen, sondern nur der Päpsterei und Möncherei sie unterworfen. Wenn sie dann gesehen haben, dass der Juden Ding so starke Schrift für sich hat und der Christen Ding ein lauter Geschwätz gewesen ist ohne alle Schrift, wie haben sie doch mögen ihre Herzen stillen und rechte gute Christen werden? Ich habe selbst gehört von frommen getauften Juden, dass wenn sie nicht bei unserer Zeit das Evangelium gehört hätten, sie wären ihr Lebenlang Juden unter dem Christenmantel geblieben. Denn sie bekennen, dass sie noch nie etwas von Christus gehört haben bei ihren Täufern und Meistern. Ich hoffe, wenn man mit den Juden freundlich handelt und aus der heiligen Schrift sie säuberlich unterweist, es sollten ihrer viel rechte Christen werden und wieder zu ihrer Väter, der Patriarchen und Propheten, Glauben treten; davor sie nur weiter geschreckt werden, wenn man ihr Ding verwirft und so gar nichts will sein lassen und handelt nur mit Hochmut und Verachtung gegen sie. Wenn die Apostel, die auch Juden waren, also hätten mit uns Heiden gehandelt, wie wir Heiden mit den Juden, es wäre nie ein Christ unter den Heiden geworden. Haben sie denn mit uns Heiden so brüderlich gehandelt, so sollen wir wiederum brüderlich mit den Juden handeln, ob wir etliche bekehren möchten; denn wir sind auch selbst noch nicht alle hinan, geschweige denn hinüber. Und wenn wir gleich hoch uns rühmen, so sind wir dennoch Heiden und die Juden von dem Geblüt Christi; wir sind Schwäger und Fremdlinge, sie sind Blutsfreunde, Vettern und Brüder unseres Herrn.“

Wir fragen hier nicht, wie Luther den Beweis führt, „dass Maria eine reine Magd und Christus von Abrahams Samen ein wahrhaftiger Jude sei“, sondern wenden und gleich zum zweiten Teil des Schriftchens, den er selbst überschreibt: „Wie mit den Juden, sie zu bekehren, zu handeln“. Er beginnt: „Aber weil wir an dem sind, dass wir nicht allein den unnützen Lügnern antworten, so mich in diesen Stücken ausgetragen, sondern auch gerne den Juden dienen wollten, ob wir ihrer etliche möchten zu ihrem eignen rechten Glauben bringen, den ihre Väter gehabt haben: Wollen wir weiter mit ihnen handeln und denjenigen, so mit ihnen handeln wollen, ein Weise und Spruch vorlegen, den sie gegen sie gebrauchen sollen.“ Er beginnt mit dem Nachweis, dass der jetzige Glaube der Juden und ihr Harren auf des Messias Zukunft unrecht sei, und geht dafür auf den Segen Jakobs über Juda 1. Mose 49,10 zurück. Das Zepter ist von Juda genommen,das können sie nicht leugnen, daher muss auch der Messias schon gekommen sein. Hingegen stimmt Jesu Christi ewiges Königreich gar fein mit diesem Spruch. Aber solche Deutung werden die Juden nicht achten, bis sie zuvor herbeikommen und erkennen, dass Christus gekommen sein müsse nach diesem Spruche. Daher lässt er dies anstehen und weist auf ein anderes hin. Der Spruch sagt, dass diesem Silo sollen Völker zufallen und anhangne. Nun frage ich die Juden, wann je gewesen sei ein solcher Mann aus dem jüdischen Stamm, dem so viel Volks sei angehangen, als diesem Jesus Christus? Es ist Wunder, dass sie das nicht bewegt, an diesen Jesus, ihr eigen Blut und Fleisch, zu glauben, auf welchen die Sprüche der Schrift sich so mächtig und eben reimen, weil sie doch sehen, dass wir Heiden so viel, so hart, so fest an ihm halten, dass viel tausend um sseinetwillen ihr Blut vergossen haben.“

Luther kennt das nationale Selbstbewusstsein der Juden und wendet sich an dies, um in ihnen sozusagen zuerst Teilnahme für Jesus als ihren Volksgenossen zu erwecken, in der Hoffnung, dass sie dann unbefangener die Schrift prüfen werden und sich vielleicht auch zu ihm als dem Messias führen lassen.

Ferner erklärt er die Worte des Engels Gabriel im neunten Kapitel des Buches Daniel und zeigt, dass die rabbinische Auslegung derselben falsch sei. nach diesen Worten sei unwidersprechlich, dass der Messias, von dem Gabriel rede, vor der Zerstörung Jerusalems gekommen sein müsse. Er verweist auf Haggai 2,10 und Sacharja 8,23, meint aber: „Es wird zu lang, die alle klärlich und weit auszustreichen, und aufs erste Mal diese zwei vorigen Sprüche genug sind zum Anfangen.“ Nur einen Einwand will er noch berühren und dann mit abermaligen Bitten und freundlichen Worten schließen: „Ob die Juden würde ärgern, dass wir Jesus einen Menschen und doch wahren Gott bekennen, wollen wir mit der Zeit auch kräftig aus der Schrift bessern. Aber es zum Anfang zu hart. Lass sie zuvor Milch saugen und aufs Erste diesen Menschen Jesus für den rechten Messias erkennen; darnach sollen sei Wein trinken und auch lernen, wie er wahrhaftiger Gott sei: Denn sie sind zu tief und zu lange verführt, dass man muss säuberlich mit ihnen umgehen, als denen es ist allzusehr eingebildet, dass Gott nicht möge Mensch sein. Darum wäre meine Bitte und Rat, dass man säuberlich mit ihnen umginge und aus der Schrift sie unterrichtete, so möchten ihrer etliche herbeikommen. Aber nun wir sie mit Gewalt treiben und gehen mit Lügen um, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblut haben, dass sie nicht stinken, und weiß nicht, wes des Narrenwerks mehr ist, dass man sie gleich für Hunde hält; was sollten wir Gutes an ihnen schaffen? Ebenso, dass man ihnen verbietet, unter uns zu arbeiten, hantieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sie zu wuchern treibt: Wie sollte sie das bessern? Will man ihnen so helfen, so muss man nicht des Papsts, sondern christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben und sie freundlich annehmen, mit lassen werben und arbeiten, damit sei Ursache und Raum gewinnen bei und um uns zu sein, unsere christliche Lehre und Leben zu hören und zu sehen. Ob etliche halsstarrig sind, was liegt daran? Sind wir doch auch nicht alle gute Christen. Hier will ich’s diesmal lassen bleiben, bis ich sehe, was ich gewirkt habe. Gott gebe uns allen seine Gnade. Amen.“

Die letzten Worte zeigen, dass Luther damals die Hoffnung hegte, es werde mit der wiedererweckten Predigt des lauteren Evangeliums auch für die Juden eine neue Zeit beginnen und ihrer mehr als zuvor sich von der Wahrheit gewinnen lassen, eine Hoffnung, die er auch gegen einen neubekehrten Juden Bernhard aussprach. Er erkannte es für seine Christenpflicht, sich des bisher so arg bedrückten Volkes anzunehmen und erwartete, dass auch andere seinem Beispiel folgen würden. Die großen Hindernisse, welche gerade hier dem Bekehrungswerke im Wege standen, sah er wohl. Er brachte in Anschlag, dass die Christen selbst durch ihr Leben die unter ihnen Wohnenden nur zu sehr vom Christentum zurück stießen, und dass andererseits die Juden von Jugend auf durch ihre Erzieher und Lehrer zum Widerwillen gegen Jesus Christus und seine Kirche erzogen würden. Aber umso mehr wollte er Geduld haben und solchen Hass durch stärkere Liebe überwinden. Wie ein weiser Seelsorger verlangte er nicht zu viel auf einmal und wollte nicht zu schnell fortschreiten. Die tiefere Erkenntnis werde schon folgen, wenn nur erst der Zugang zum Herzen gefunden sei. „Die Freiheit wollte ich gebrauchen, wenn mir ein Jude vorkäme, der nicht vergiftet noch verstockt wäre, den ich wollte zu Christus bringen. Wie wohl es ein nötiger Artikel ist zu glauben, dass Christus Gottes Sohn sei, dennoch wollte ich davon zum Ersten schweigen und mich also gegen ihn lenken und schicken, dass er zuvor eine Liebe zum Herrn Christus gewinne, und sagen, dass er ein Mensch wäre wie ein anderer von Gott gesandt und was Gott durch ihn den Menschen für Wohltat getan häabe. Wenn ich ihm nun das ins Herz brächte, dass er brennte und Liebe und Lust zu Christus hätte, wollte ich ihn auch wohl weiter bringen, dass er glaubte, dass Christus Gott wäre. Also wollt ich mit ihm handeln um deswillen, dass ich ihn freundlich herzu brächte, an Christus zu glauben.“ – Dabei war seine Freudigkeit zur Arbeit unter den Juden keineswegs durch die Erwartung einer allgemeinen Bekehrung Israels in der Endzeit bedingt. Vielmehr leugnete er diese jetzt ebenso wie früher und dachte immer nur an einzelne. Das Volk als solches stehe unter dem Fluch und halte selbst an der Verstockung fest, mit der es belastet sei. Der Fluch habe es vergiftet und hänge ihm an wie ein Gewand. „Nicht dass gar kein Jude jemals zum Glauben kommen möge, denn es müssen noch etliche Brocken überbleiben und etliche einzelne bekehrt werden; sondern das Judentum, welches wir das jüdische Volk heißen, wird nicht bekehret. Es wird auch das Evangelium nicht unter sie gepredigt, auf dass dadurch der Geist Raum bei ihnen finde; sondermn wo sie beisammen sind und ihre Schulen sind, da bleiben sie bei ihrem Fluch und Gift, dass sie Christus verfluchen und ihr Gift für Heil und Fluch für Segen halten müssen. Aber nichtsdestoweniger springen zu Zeiten etliche von dem Haufen einzeln ab, auf dass Gott dennoch des Samens Abrahams Gott bleibe und sie nicht gar verstoße, wie St. Paulus spricht Römer 11.“

Es war die reine, barmherzige Liebe, welche Luther damals trieb, der Stammesgenossen seines Heilandes in so freundlicher Weise sich anzunehmen, und die ihn mit so fröhlichen Hoffnungen erfüllte. Woher kam es, dass dies in späteren Jahren seines Lebens anders ward, dass wenigstens seine Hoffnung sank und er eine andere Art der Behandlung für angemessen, ja, für geboten erachtete?

Dass der Grund seines härteren Auftretens in der Folgezeit nicht in einer anderen Anschauung von der Endgeschichte lag, bezeugen die zuletzt angeführten Worte. Zwar sprach Luther einmal klar und unzweideutig genug die Erwartung aus, dass zuletzt ganz Israel sich vor seinem Heilande beugen werde. Zu den Worten des Herrn: „Ich sage euch, ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprechet: Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn“, bemerkte er: „So ist’s nun gewiss, dass die Juden werden noch sagen zu Christus: Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Das hat auch Mose verkündigt Deuteron. 4: In den letzten Tagen wirst du dich bekehren zu dem Herrn, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchen. Denn der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott, er wird dich nicht lassen noch verderben, wird auch nicht vergessen des Bundes, den er deinen Vätern geschworen hat. Ebenso Hosea 3: Die Kinder Israel werden lange Zeit ohn König, ohn Fürsten, ohn Opfer, ohn Altar, ohn Leibroch und ohn Gottesdienst bleiben. Darnach werden sich die Kinder Israel bekehren und den Herrn, ihren Gott, und ihren König David suchen, und werden den Herrn und seine Gnade ehren in der letzten Zeit. Und Asarja 2. Chron. 15: Werdet ihr den Herrn verlassen, so wird er euch auch verlassen. Es werden aber viel Tage sein in Israel, dass kein rechter Gott, kein Priester, der da lehret, und kein Gesetz sein wird. Und wenn sie sich bekehren in ihrer Not zu dem Herrn, dem Gott Israels, und werden ihn suchen, so wird er sich finden lassen. Diese Sprüche mögen nicht verstanden werden, als von den jetzigen Juden; sie sind je zuvor noch niemals ohn Fürsten, ohn Propheten, ohn Priester, ohn Lehrer und ohn Gesetz gewesen. St. Paulus Röm. 11 stimet auch her und spricht: Blindheit ist Israel eines Teils widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden eingegangen sei und also das ganze Israel selig werde. Gott gebe, dass die Zeit nahebei sei, wie wir hoffen. Amen.“

Es sind schöne Worte über die Hoffnung Israels, aber sie stehen ziemlich einsam in Luthers Schriften und wurden in früher Zeit geschrieben2. In den Jahren, aus welchen wir jene liebevollen Ermahnungen zur Mission unter den Juden kennen lernten, begegneten wir schon wieder dem Worte: „Das Judentum, welches wir das jüdische Volk heißen, wird nicht bekehrt.“ Die Ursache, weshalb Luther allmählich anders über die Juden urteilte, war vielmehr die, dass er seine Hoffnungen von ihnen getäuscht sah. Er hatte erwartet, dass sie der evangelischen Predigt sich zugänglich erweisen und von ihr in größerer Anzahl und aufrichtig sich würden gewinnen lassen. Aber dies geschah nicht. Vielmehr glaubte er zu bemerken, dass seine Milde ihnen schade, indem sie durch dieselbe in ihren Irrtümern bestärkt würden. Daher erschien es ihm ihrer selbst wegen nötig, eine ernstere Sprache gegen sie anzunehmen. Wir sehen dies aus einem Brief des Jahres 1537, überschrieben: „Dem vorsichtigen Jesel, Juden zu Rosheim, meinem guten Freunde“. Dieser hatte um die Fürsprache des Reformators beim Kurfürsten nachgesucht, aber Luther schlug ihm dieselbe ab, indem er schrieb: „Mein lieber Jesel! Ich wollt wohl gern gegen meinen gnädigsten Herrn für euch handeln, beide mit Worten und Schriften, wie denn auch meine Schrift der ganzen Jüdischheit gar viel gedienet hat; aber dieweil die Euren solches meines Dienstes so schändlich missbrauchen und solche Ding vornehmen, die uns Christen von ihnen nicht zu leiden sind, haben sie selbst damit genommen alle Förderung, die ich sonst hätte bei Fürsten und Herren können tun. Denn mein Herz ja gewesen ist und noch, dass man die Juden sollt freundlich halten, der Meinung, ob sie Gott dermaleinst wollt gnädiglich ansehen und zu ihrem Messias bringen, und nicht der Meinung, dass sie sollten durch meine Gunst und Förderung in ihrem Irrtum gestärkt und ärger werden. Davon ich, so mir Gott Raum und Zeit gibt, will ein Büchlein schreiben, ob ich etliche könnt aus eurem väterlichen Stamm der heiligen Propheten und Patriarchen gewinnen und zu eurem verheißenen Messias bringen. Wiewohl es ganz fremde ist, dass wir euch sollen reizen und locken zu eurem natürlichen Herrn und Könige, wie denn vorhin euer Vorfahren, da Jerusalem noch stand, die Heiden gereizt und gelockt haben zu dem rechten Gott.“ Er bat ihn, sich zu bekehren und schloss mit den Worten: „Solches wollet von mir freundlich annehmen euch zu eurer Vermahnung. Denn ich um des gekreuzigten Juden willen, den mir niemand nehmen soll, euch Juden allen gern das Beste tujn wollte, ausgenommen, dass ihr meiner Gunst nicht zu eurer Verstockung gebrauchen sollt. Das wisset gar eben.“

Wenn Luther früher eine mildere Behandlung der Juden empfohlen hatte, so dachte er nicht daran, ihnen Religionsfreiheit im neueren Sinne des Wortes zuzugestehen. Ein Recht der Juden auf durchweg ungestörtes bürgerliches Leben und auf ganz unbeschränkte Religionsausübung inmitten der Christenheit kannte er nicht. „Man duldet die Juden nicht, als hätten sie Recht dazu, auch lässt man sie nicht öffentlich lästern, auch sind sie nicht von unser kirchlichen oder bürgerlichen Gemeinde, sondern Gefangene.“ Sie sind Christi und des Kaisers Feinde, stecken in ihrem letzten „römischen elende“, und wie ein Fürst einen Schalk muss im Kerker fluchen und lästern lassen, so wollen wir’s auch leiden, dass sie in ihren Synagogen verschlossen lästern, so lang sie wollen. Gnade verlangte er für die Juden, um deren Herzen dadurch zu erweichen und sie der Predigt zugänglich zu machen. Glaubte er dann zu erkennen, dass das Gegenteil der Erfolg davon war, so musste er von diesem Weg abgehen. Es ist die Frage, ob Luthers Beobachtung richtig war; aber da er sie für richtig hielt, so konnte er Gewissens halber nicht anders; er musste die Juden wieder strenger behandeln, um ihnen in Wahrheit, wie er wollte, zu dienen und an ihrem Heil zu arbeiten.

Dazu kam noch ein Weiteres. Er hörte, dass in den Ländern hin und wieder die Juden Christen verführten, sich beschneiden zu lassen und zu glauben, dass der Messias noch nicht gekommen sei und das Gesetz Moses ewiglich bleiben müsse. Besonders in Mähren sei dies vielfach geschehen und man nenne die judaisierten Christen dort mit einem neuen Namen Sabbater. Ein Freund benachrichtigte ihn 1538 von solchen Vorgängen und bat ihn um Unterweisung, wie solchen Verführungskünsten der Juden zu begegnen sei. Das war für ihn Anlass zu einem ausführlichen Brief, in welchem er zeigte, wie man den Juden nachzuweisen habe, dass der Messias längt gekommen sein müsse. Der Freund möge es sich auch nicht so zu Herzen nehmen, wenn er die Juden nicht bekehren könne; Gott habe das Volk verstockt.

Von nun an wurde seine Stimmung gegen die Juden von Jahr zu Jahr eine strengere. Die Gerüchte erhielten sich, dass Christen von ihnen herüber gezogen würden. Zu ihm selbst kamen drei gelehrte Juden, unter denen er zwei Rabbiner Schamarja und Jakob nennt, dadurch gelockt, dass man in Wittenberg anfing, mehr Hebräisch zu treiben; sie meinten, weil die Christen begännen, ihre Bücher zu lesen, sollte es bald besser werden, und machten sich selbst an Luther, um auch ihn zu gewinnen. Als er mit ihnen disputierte, hielten sie ihm ihre Glossen entgegen, und nötigte er sie zum Text zurück, so erklärten sie, sie müssten ihren Rabbinen glauben, wie die Christen dem Pastor und den Doktoren. So sah er, wodurch sie gefangen waren. Doch hatte er Barmherzigkeit mit ihnen und gab ihnen auf ihren Wunsch eine Fürbitte an die Geleitsleute, dass sie im Christi willen sie sollten frei ziehen lassen. Nachher aber erfuhr er, dass sie sein Geleitschreiben nicht hätten brauchen wollen, weil der Name des Thole, das heißt des Gekreuzigten, darin vorgekommen sei.

Diese Begegnung wirkte vollends ungünstig auf Luther. Er erklärte fortan oft, er wolle mit Juden nicht mehr disputieren und riet es auch anderen ab als ein ganz vergebliches Bemühen. Die Juden würden von Jugend an zum Hass gegen Jesus und das Christentum erzogen; sie sögen ihn wie ihre tägliche Nahrung ein. Dazu seien sie ganz in der Gewalt der Rabbinen und diese benützten ihre Macht, um sie von der Erkenntnis der Wahrheit fern zu halten. Die rabbinische Schriftauslegung sei eine von der Lüge beherrschte und versperre den Zugang zur Wahrheit, weshalb Luther auch Christen vor dieser Art der Schriftbehandlung warnte. Er hatte selbst Kommentare der Rabbinen gelesen und war seitdem von besonderem Zorn über diese Verführer der armen jüdischen Jugend, wie er die Rabbinen nannte, erfüllt. Und auch andere Schriften, teils von Juden,, bekehrten, unter welchen Luther selbst den 1522 in Wasserburg in Bayern getauften Antonius Margarita nennt, und unbekehrten, teils von Christen gegen Juden, kamen ihm jetzt in die Hände, aus denen er über die Anschauungen, die im Judentume von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt wurden, sich unterrichtete. Sie fluchen uns Gojim, sagte er, und wünschen uns in ihren Schulen und Gebeten alles Unglück. Sie speien täglich bei dem heiligen Namen Jesu aus und schimpfen ihn einen erhenkten Schächer. Sie hassen uns, seine Jünger, aufs bitterste. „Wisse, lieber Christ, und zweifle nichts daran, dass Du nächst dem Teufel keinen bittern, giftigern, heftigern Feind habest als einen rechten Juden, der mit Ernst ein Jude sein will.“ Er las ihre stolzen Gebete und erkannte daraus den fleischlichen Hochmut ihres Herzens. Und in dieser Stimmung glaubte er nun auch viele Anschuldigungen gegen die Juden, die er früher selbst als „Narrenwerk“ bezeichnet hatte. Es stimme ja dazu, dass Jesus selbst die Juden Schlangengezücht und Teufelskinder nenne. So etwas hebe er früher nicht gewusst und darum sie zu milde beurteilt.

Ferner sah er sie umgehen mit allerhand Geheimnistuerei, Zauberei und Goldmacherei, mit welcher letzeren sie z.B. den Kurfürsten von Brandenburg bestrickten. Dadurch wirkten sie schädlich auf das Volk. „So siehet man auch, wie gerne sie sich bei den Herrn und Edelleuten eindringen, geben Arznei für, ebenso Kunst mit Zeichen und Buchstaben wider allerlei Waffen und Eisen, damit sie die Christenheit erfüllt haben. Denn auch die Dorfpfarrer und Küster mit solcher Gäucherei umgingen, bei welchen wir in der Visitation viele Bücher gefunden von dem Namen Tetragrammaton, Ananisapata und viel seltsame Gebete, Zeichen, Namen der Engel und Teufel, die gewiss hebräisch sind. So haben wir auch erfahren, wie sie den Edelfrauen weidlich von den Krankheiten zum Kirchhof geholfen, des sie ohne Zweifel in die Faust gelacht haben.“

Endlich nahm er schweren Anstoß an der Hauptbeschäftigung der Juden, am Wucher. Er vergaß, was er einst selbst bemerkt hatte, dass die Juden durch die Christen hierzu genötigt wurden, indem diese sie an aller sonstigen Hantierung und anderweitigen ehrlichen Berufsarbeit hinderten. Das Geldgeschäft überhaupt, nicht bloß den Wucher im engeren Sinne, betrachtete er als Unrecht und sah nun doch, wie die Juden eben hierdurch, als die Geldherren, eine so bedeutende Macht über die Christen und ihre Fürsten gewannen. Dies empörte ihn nicht nur als Christen, sondern auch als Deutschen. Er sah sein Volk in dieser Beziehung durch die verachteten Fremdlinge geknechtet, deren wucherischen Erwerb er als offenen Diebstahl glaubte beurteilen zu müssen.

So kam gegen das Ende seines Lebens mancherlei zusammen, um ihn gegen die Juden aufzubringen und Anlass, seine Gedanken über die auszusprechen, erhielt er durch eine von einem Freunde ihm zugesandte Schrift, „darinnen ein Jude mit einem Christen Gespräch hat, der sich untersteht, die Sprüche der Schrift, so wir führen für unsern Glauben von unserm Herrn Christus und Maria, seiner Mutter, zu verkehren und weit anders zu deuten, damit er meint, unsers Glaubens Grund umzustoßen“. Als Antwort hierauf verfasste er 1543 zwei Bücher nicht an die Juden, sondern von den Juden, um der Christen Glauben zu stärken, die weitläufige: „Von den Juden und ihren Lügen“, und die kürzere: „Vom Schem Hamphoras und vom Geschlecht Christi“.

Hier nahm Luther förmlich zurück, was er früher über eine mildere Behandlung der Juden gesagt hatte. „Wir müssen, sagte er, mit Gebet und Gottesfurcht eine scharfe Barmherzigkeit üben, ob wir doch etliche aus der Flamme und Glut erretten könnten; rächen dürfen wir uns nicht, sie haben die Rache am Halse tausendmal ärger, denn wir ihnen wünschen mögen. Ich will meinen treuen Rat geben.“ Und war riet er?

„Da die Juden bei uns sind und wir solch Lügen, Lästern und Fluchen von ihnen wissen, so ist es uns nicht zu leiden, damit wir uns nicht aller ihrer Lügen, Flüche und Lästerung teilhaftig machen; auch können wir das unlöschliche Feuer des göttlichen Zornes nicht löschen noch sie bekehren. Daher soll man erstlich ihre Synagogen mit Feuer anstecken und sie gänzlich vernichten, unserm Herrn und der Christenheit zu Ehren, damit Gott sehe, dass wir Christen seien und solch öffentlich Fluchen, Lügen und Lästern seines Sohnes und seiner Christen wissentlich nicht geduldet noch gewilligt haben. Zum andern soll man auch ihre Häuser zerstören, denn sie treiben eben dasselbe darinnen, das sie in ihren Schulen treiben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeuner. Zum dritten, dass man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten, darinnen solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird. Zum vierten, dass man ihren Rabbinen bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren, denn diese Bösewichte sind Verführer ihres armen Volkes und halten es im Ungehorsam gegen Gott gefangen. Zum fünften, dass man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe, denen sie haben nichts auf dem Lande zu schaffen, weil sie nicht Herren noch Amtleute noch Händler oder desgleichen sind; sie sollen daheim bleiben. Zum sechsten, dass man ihnen den Wucher verbiete, und nehme ihnen alle Barschaft und Kleinod an Silber und Gold und lege es beseit zu verwahren, denn es ist uns gestohlen und geraubt durch ihren Wucher. Zum siebten, dass man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spjngel, und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Rasen, wie Adams Kindern aufgelegt ist.“

So Luthers Rat. Man wundert sich, wenn man solches liest; aber man hüte sich, den Reformator zu verurteilen, ehe man sich die Grundlagen und Bedingungen seiner Ratschläge völlig klar gemacht hat. Vor allem denke man nicht, dass er diese, die er im Angesicht des Todes wiederholte, etwa nur in einem Augenblick der Leidenschaft oder der Aufregung gegeben habe. Es war ihm keine Freude, jene beiden Bücher zu schreiben, und wenn er so harten Rat gab, so tat er es nur, um sein Gewissen zu entschuldigen. Mit Weh im Herzen dachte er an die Juden, an denen er die furchtbaren Folgen des göttlichen Zornes sah, und das tiefste Mitleid presste ihm den Gebetsseufzer aus: „Ach Gott, himmlischer Vater, wende dich und lasse deines Zornes über sie genug gewesen und ein Ende sein um deines lieben Sohnes willen. Amen.“ Ihr geistliches Elend sah er an, von diesem wünschte er sie zu befreien; dazu tauge aber, wie die Erfahrung zeige, keine Barmherzigkeit; die bestärke sie nur. Deshalb bat er die Oberherren, so Juden unter sich haben, dass sie eine „scharfe Barmherzigkeit“ wollten gegen diese elenden Leute üben, ob’s doch etwas, wiewohl es misslich ist, helfen wollte; wie die treuen Ärzte tun, wenn das heilige Feuer in die Beine gekommen ist, fahren sie mit Unbarmherzigkeit und schneiden, sägen, brennen Fleisch, Adern, Bein und Mark ab. Und er konnte keinen Augenblick daran zweifeln, dass die Obrigkeit zu solcher Schärfe berechtigt, ja verpflichtet sei: „Denn so sie unter uns Christen die Diebe, Räuber, Mörder, Lästerer und andere Laster straft, warum sollen die Juden frei sein, solches bei uns und wider uns zu üben?“ Sie können sich auch nicht beklagen, denn sie haben da, wo sie sich jetzt aufhalten, nicht das mindeste Recht. Als Fremdlinge und Ausländer leben sie unter dem deutschen Volk, als Ungläubige inmitten der Christenheit. Es wird ihnen also kein Recht genommen, wenn man sie als solche behandelt. Sie sind nur die Geduldeten, und sollen daher so leben, dass man sie auch ferner dulden kann. Wollen dagegen sie, die Gäste, ihre Hauswirte bedrücken, deren Glauben schmähen, deren Gott lästern, sie befeinden und befehden, wo sie können, so haben sie es nur sich selbst zuzuschreiben, wenn man mit strenger Zucht sie daran hindert und ihnen nötigenfalls das Land verbietet. – So beurteilte Luther die soziale Stellung der Juden, hierin ganz ein Sohn seiner Zeit.

Erst wenn man dies alles berücksichtigt, ist man im Stande, Luthers letzte Schriften über die Juden richtig zu beurteilen. Seine Stellung zur Judenmission bleibt darin die gleiche wie früher. Auch jetzt beharrt er dabei, dass das Volk als solches von Gott unter den Fluch dahingegeben ist und dass von ihm nichts gehofft werden kann. Wo er sagt, die Juden zu bekehren sei unmöglich, oder, es sei eben so möglich, wie den Teufel zu bekehren, meint er immer das Volk als Ganzes, wie er denn ausdrücklich und mit Beziehung auf Röm. 11 sagt: „Vom ganzen Haufen mag hoffen, wer da will, ich habe da keine Hoffnung, weiß auch davon keine Schrift.“ Aber mit eben solcher Bestimmtheit betonte er auch, dass allezeit etliche gerettet werden sollten, solche, die Gott besonders ziehe und von ihrem greulichen Verderben erlöse, wie er denn auch die beiden scharfen Schriften freundlich schloss, die eine mit dem Gebet: „Christus, unser lieber Herr, bekehre sie barmherziglich!“, und die andere mit dem Wunsche: „Welche sich bekehren wollen, da gebe Gott seine Gnade zu, dass sie doch etliche mit uns erkennen und loben Gott, den Vater, unsern Schöpfer, samt unserm Herrn Jesus Christus und dem heiligen Geist in Ewigkeit, Amen!“ Für sie und nur für sie wollte er das den anderen Juden abgenommene Wuchergeld aufbewahrt und verwendet wissen, „wo ein Jude sich ernstlich bekehrt, dass man ihm davon in die Hand gebe hundert, zweihundert, dreihundert Gulden nach Gelegenheit der Person, damit er eine Nahrung für sein arm Weib und Kindlein anfangen möge und die Alten und Gebrechlichen damit unterhalten.“

Das Ziel also, welches er verfolgte, blieb dasselbe, Bekehrung Einzelner aus Israel; aber in den Mitteln wechselte er. Mit Milde und Freundlichkeit gedachte er anfänglich sein Ziel zu erreichen. Aber bald glaubte er zu bemerken, dass solche Milde dem verhärteten Volk schade und die Errettung der Einzelnen erschwere statt sie zu erleichtern. Da trieb ihn ebenso Liebe zu den Juden wie der Wunsch, sein Volk vor der Beteiligung an den Sünden Israels zu bewahren, zur Strenge. Wie vorher in den freundlichen Worten sein ganzes Herz gesprochen hatte, so waren ihm später die harten Reden ernste Gewissenssache. Ob das letztgewählte Mittel das richtigere war, werden wir bezweifeln dürfen. Aber soviel steht fest: Luther blieb der Judenmission treu und arbeitete selbst bis zu seinem Ende in ihr. In ihm schlug trotz so scheinbarer Härte ein Herz voll viel wärmerer Liebe für Israel als in den vielen, die seitdem für die billige Entlastung des Volkes eingetreten sind. Aber dass dies der Fall war, sieht und begreift nur der, welcher, wie Luther, weiß, dass es unendlich viel wichtiger und wertvoller ist. die unsterbliche Seele zu erretten, als hier ein Leben in Freiheit, Ehre und Wohlstand zu führen.3

 

 

 

 

UNTER BIBEL UND BEKENNTNIS

 

 

Ist die Aufrichtung des Staates Israel eine Erfüllung prophetischer Weissagungen von einer Rückkehr des ganzen Volkes nach Kanaan?

 

Von Guillaume Wolff

(1905-1973)

 

1. Christus und sein Reich

 

Diese Frage kann nur richtig beantwortet werden, wenn wir die Grundwahrheit des Neuen Testamentes recht ins Auge fassen, dass nämlich Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria geboren, ist der den Juden verheißene König und Heiland, der die Gläubigen aus Juden und Heiden zu einem ewigen Königreich versammelt, zu einem Reich, das hier auf Erden unsichtbar und geistlich ist und fort und fort aus allen Völkern gesammelt wird, das aber am Jüngsten Tage in seiner ganzen sichtbaren Herrlichkeit erscheinen und ewig bleiben wird.

Christus ist der von den Propheten verheißene König Israels. So spricht der Engel Gabriel zu der Jungfrau Maria: „Siehe, du wirst schwanger werden im Leibe und einen Sohn gebären; des Name sollst du Jesus heißen. Der wird groß und ein Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Stuhl seines Vaters David geben; und er wird ein König sein über das Haus Jakob ewiglich, und seines Königreichs wird kein Ende sein.“ (Luk. 1,31-33) Hier verkündigt Gabriel die Erfüllung der Verheißung, die Gott einst dem David gegeben: „Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegst, will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leibe kommen soll; dem will ich sein Reich bestätigen, der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will den Stuhl seines Königreichs bestätigen ewiglich.“ (2. Sam. 7,12-13) Dasselbe besagt unter vielen andern Stellen auch Psalm 89: „Ich habe einen Bund gemacht mit meinem Auserwählten, ich habe, meinem Knecht geschworen: Ich will dir ewiglich Samen verschaffen und deinen Stuhl bauen für und für.“ (V. 4-5) Die Erfüllung dieser Weissagung bezeugen auch die ersten Jünger des Herrn. Andreas berichtet seinem Bruder Simon: „Wir haben den Messias gefunden (welches ist verdolmetschet: der Gesalbte).“ Und Philippus sagt zu Nathanael: „Wir haben den gefunden, von welchem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josephs Sohn, von Nazareth.“ Und Nathanael sagt zu Jesus: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel.“ (Joh. 1,41.45.49) Jesus selbst bezeugt vor Pilatus, dass er ein König sei: „Du sagst es, ich bin ein König“; zugleich bezeugt er aber auch, dass er nicht gekommen sei, ein irdisches, weltliches Königreich durch Waffengewalt aufzurichten. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, so würden meine Diener darob kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde ... Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit zeugen soll; wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.“ (Joh. 18,36-37) Jesus ist also  nicht gekommen, das irdische Reich Davids nur in größerer Herrlichkeit wieder herzustellen. Er hat auch später seine Apostel nicht dazu angeleitet, ein sichtbares Reich in Palästina aufzurichten, sondern er korrigiert die irrigen Meinungen, die sie, wie alle Juden, noch hatten, indem er zu ihnen sagt: „Also ist’s geschrieben und also musste Christus leiden und auferstehen von den Toten am dritten Tage und predigen lassen in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden unter allen Völkern und anheben zu Jerusalem.“ (Luk. 24,46-47) Und als die Jünger ihn fragten: „Herr, wirst du auf diese Zeit wieder aufrichten das Reich Israel?“ (sie konnten sich von dem Gedanken einer irdischen sichtbaren Herrschaft noch nicht losmachen), da antwortet der Herr: „Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apg. 1,8) Also ist das irdische Jerusalem nicht der Zielpunkt seines Reichwes, sondern vielmehr der Ausgangspunkt, von wo aus sein geistliches Gnadenreich durch die Predigt des Evangeliums unter allen Völkern ausgebreitet wird. Die Apostelgeschichte berichtet uns von den Missionsreisen des großen Heidenapostels Paulus: Wo immer er in eine Stadt kam, in welcher sich eine jüdische Synagoge befamnd, predigte er erst den Juden, dass Jesus von Nazareth der verheißene Christus und Messias sei, aber nie verlangte er von ihnen, dass sie nach Palästina zurückwandern müssten, als ob dort Christus und sein Heil die von Gott bestimmte Wohnstätte hätten.

 

 

2. Das Gesetz Moses und seine Bedeutung

 

Das Gesetz Moses war dem Volk Israel gegeben, um es als Gott geheiligtes Volk von allen Völkern abzusondern und so auf die dem Abraham gegebene Verheißung und deren Erfüllung vorzubereiten, damit alle Völker wüssten, dass der verheißene Heiland der Juden und Heiden aus diesem Volk hervorkommen werde, welches sich von da aus über die ganze Welt verbreiten werde. Viele Zeremoniendes Gesetzes, wie z.B. der Opferdienst, waren zugleich auch typische und vorbildliche Weissagungen des von Christus zu erwerbenden Heils. Auf jeden Fall hatte das Gesetz Moses, so wie es dem Volk Israel gegeben war, nur vorübegehende Geltung bis auf Christus, der es nun erfüllt und aufgehoben hat. Damit ist auch Israels gesonderte Stellung unter den Völkern aufgehoben, die ja auf dem Gesetz Moses beruhte, und damit ist auch sein Anrecht auf den Besitz des Landes Kanaan aufgehoben, da es nunmehr keine gesondere religiöse und nationale Gemeinschaft bilden soll, sondern mit den gläubigen Heiden zusammen ein geistliches Königreich bilden unter dem Regiment Christi und seines Evangeliums.

Das Neue Testament bezeugt klar und deutlich, dass das Gesetz nur vorübergehende Geltung, weissagende Bedeutung, hatte, und daher durch Christus erfüllt und aufgehoben ist. „Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit aber ist durch Jesus Christus geworden.“ (Joh. 1,17) „Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus, dass wir durch den Glauben gerecht würden; nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.“ (Gal. 3,24-25) „Denn damit (nämlich durch die Einsetzung Christi als des wahren Hohenpriesters) wird das vorige Gesetz aufgehoben, darum, dass es zu schwach und nicht nütz war; denn das Gesetz konnte nichts vollkommen machen und wird eingeführt eine bessere Hoffnung, durch welche wir zu Gott nahen.“ (Hebr. 7,18-19) Hebr. 10,1-2 (nach der Übersetzung Menges): „Denn weil das (mosaische) Gesetz nur das schattenhafte Abbild der zukünftigen Heilsgüter enthält (=darbietet), nicht aber die Gestalt der Dinge selbst (=d.h. die wirkliche Erscheinungsform der Dinge), so ist es nimmermehr im Stande, allejährlich durch dieselben Opfer, die man immer wieder darbringt, die an den Opfern Teilnehmenden ans Ziel (=zur Vollendung) zu bringen.“

Wir nennen einige wichtige Gesetzesverordnungen, die zur Grundlage des Volkes Israel gehörten, ohne welche das Volk Israel des Alten Bundes gar nicht als Gottes Volk existieren konnte und die nun im Neuen Testament hinfällig geworden sind. Hier wäre einmal zu nennen die Beschneidung. Paulus schreibt an die Galater: „Wo ihr euch beschneiden lasset, so ist euch Christus nichts nütze. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er noch das ganze Gesetz schuldig ist zu tun.“ (Gal. 5,2.3) Wenn die Juden daher heute die Beschneidung und andere Stücke des Gesetzes herausgreifen und sich verpflichtet halten, dieselben zu beobachten, so ist das ein Verstoß gegen das Gesetz; denn wenn das Gesetz noch gilt, so will es ganz beobachtet sein. „Ihr sollt nichts dazu tun, das ich euch gebiete, und sollt auch nichts davon tun, auf dass ihr bewahren möget die Gebote des Herrn, eures Gottes, die ich euch gebiete.“ (5. Mose 4,2) Wir erinnern an die Forderung, die auf dem Apostelkonzil von gläubigen Pharisäern betreffs der bekehrten Heiden erhoben wurde: „Man muss sie beschneiden und gebieten, zu halten das Gesetz Moses“ und an die Antwort, die ihnen Petrus erteilt: „Was versucht ihr denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf dir Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen?“ (Apg. 15)

Dass das Sabbathgebot sowie alle Gebote betreffs der Feiertage hingefallen sind, bezeugt Paulus in den bekannten Worten: „So lasset nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank oder über bestimmte Feiertage oder Neumonde oder Sabbather, welches isrt der Schatten von dem, das zukünftig ist, aber der Körper selbst ist in Christus.“ (Kol. 2,16) Und an die Galater schreibt er: „Wie wendet ihr euch denn um wieder zu den schwachen und dürftigen Satzungen, welchen ihr von neuem dienen wollet? Ihr haltet Tage und Monate und Feste und Jahrzeiten. Ich fürchte, dass ich nicht vielleicht umsonst habe an euch gearbeitet.“ (Gal. 4,9-11) Nebenbei bemerkt gilt auch die Wahrheit, dass der Sonntag nicht kraft göttlichen Gebotes an die Stelle des Sabbaths getreten ist. Das bemerkt auch unser lutherisches Bekenntnis, Augsburger Konfession, Artikel 28, Par. 58: Denn die es dafür achten, dass die Ordnung vom Sonntag für den Sabbath als nötig aufgerichtet sei, die irren sehr usw. ...

Vor allen Dingen müssen wir aber als abgetan ins Auge fassen, was im Zentrum des israelitischen Gottesdienstes stand, nämlich den ganzen Opferkultus, wozu ein besonderes erbliches Priestertum eingesetzt war aus dem Stamm Levi und ein Hohenpriestertum aus der Familie Aarons. Dazu wurde erst die Stiftshütte eingerichtet und später der Tempel Salomos erbaut. Hier sollte die heilige Stätte sein, wo Gott unter seinem Volk wohnen und sseine Opfer und Gebete annehmen wollte. Hier sollten durch beständige Sühnopfer die Sünden des Volkes gesühnt und das Volk geheiligt werden, damit der heilige Gott unter dem sündigen Volk wohnen könnte. Nur an dieser heiligen Stätte durfte Israel seine Opfer Gott darbringen. „Welcher Mensch aus dem Haus Israel oder auch ein Fremdling, der unter euch ist, der ein Opfer oder Brandopfer tut und bringts nicht vor die Tür der Hütte des Stifts, dass er’s dem Herrn tue, der soll ausgerottet werden von seinem Volk.“ (3. Mose 17,8-9) Durch diese Verordnung wollte Gott dem Eindringen heidnischen Götzendienstes wehren, da auch alle heidnischen Völker ihren Göttern Opfer brachten. Diese Sühnopfer wurden zu einem großen Teil gebracht zur Sühne für unabsichtliche Vergehen gegen die Zeremonialgesetze; für mutwillige und grobe Verbrechen, wie etwa Mord und Ehebruch, gab es keine Sühnopfer, sondern darauf stand die Todesstrafe. Der Hebräerbrief bemekrt: „Der Ochsen und der Böcke Blut und die Asche, von der Kuh gesprenget, heiliget die Unreinen zu der leiblichen Reinigkeit.“ (9,13) „Ein jeglicher Priester ist eingesetzt, dass er alle Tage Gottesdienst pflege und oftmals einerlei Opfer tue, welche nimmermehr können die Sünden abnehmen.“ (10,11) „Es ist unmöglich, durch Ochsen- und Bocksblut Sünden wegzunehmen.“ (10,4) Die Opfer verliehen dem Volk nur eine äußerliche leibliche symbolische Reinigkeit und waren nur ein Vorbild des echten und wahren Opfers des eigentlichen Hohenpriesters Christus und seines vollkommenen Sühnopfers und der dadurch bewirkten Reinigung und Sündentilgung. Von Christus heißt es: „Christus ist einmal geopfert, wegzunehmen vieler Sünden. Zum andernmal aber wird er erscheinen denen, die auf ihn warten, zur Seligkeit.“ (Hebr. 9,28) (Nebenbei: Also kommt er nicht mehr, um erst noch ein irdisches Reich auf Erden aufzurichten.) „Dieser aber, da er hat ein Opfer für die Sünden geopfert, das ewiglich gilt, sitzt er nun zur Rechten Gottes ... Denn mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiliget werden.“ (10,12.14) Ist nun der Opferdienst aufgehoben, so ist auch das den Juden gegebene Gesetz aufgehoben, das eine äußerliche Heiligkeit und Absonderung von den Heiden bewirken sollte und durch dessen Übertretung der ganze Kultus der Sühnopfer nötig war. Der Hebräerbrief zitiert die Weissagung Jeremias, Kapitel 31,31 ff.: „Es kommen die Tage, spricht der Herr, dass ich über das Haus Israel und das Haus Juda ein neues Testament (= einen neuen Bund) machen will; nicht nach dem Testament, das ich gemacht habe mit ihren Vätern an dem Tage, da ich ihre Hand ergriff, sie auszuführen aus Ägyptenland, usw. ...“ Und der Hebräerbrief bemerkt dazu: „Indem er sagt: ein Neues, macht er das Erste alt; was aber alt und überjahret ist, das ist nahe bei seinem Ende.“ (Hebr. 8,9-13)

Das der gesamte alttestamentliche Opferkultus dahingefallen ist, das zeigt Gott auch in der Tat und Wirklichkeit. Israels Geschlechtsregister sind verloren gegangen; niemand weiß, welches die Nachkommen aus dem Stamm Levi und aus dem Haus Aaron sind, welche allein das Anrecht auf das priesterliche Amt haben und die Opferhandlungen vollziehen dürfen. Die Aufrichtung des Opferkultus nach dem Gesetz Moses ist tatsächlich eine Unmöglichkeit.

Ist aber das ganze Gesetz Moses, Beschneidung, Sabbath, Opferdienst nebst allen zeremonialen Verordnungen hingefallen, so ist das hingefallen, das den Juden zum Juden macht, so sind die Grundordnungen hingefallen, auf denen die Existenz Israels als nationaler und religiöser von andern Völkern gesonderter Gemeinschaft nach göttlichem Befehl beruht. Israel hat keinen göttlichen Befehl, sich als besondere religiöse Gemeinschaft zu konstituieren1. Das bezeugt Paulus deutlich in seinem Brief an die Epheser. Er erinnert die Heidenchristen in Ephesus an ihren Zustand vor ihrer Bekehrung: „Ihr waret zu derselben Zeit ohne Christus, fremd und außer der Bürgerschaft Israels, und fremd von den Testamenten der Verheißung; daher ihr keine Hoffnung hattet und waret ohne Gott in der Welt. Nun aber, die ihr in Christus Jesus seid, und einst ferne gewesen, seid nun nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden (nämlich Juden und Heiden) eines hat gemacht, und hat abgebrochen den Zaun, der dazwischen war, in dem, dass er durch sein Fleisch wegnahm die Feindschaft, nämlich das Gesetz, so in Geboten gestellet war; auf dass er aus zweien einen neuen Menschen in ihm selber schaffte und Frieden machte, und dass er beide versöhnte mit Gott in einem Leibe, durch das Kreuz, und hat die Feinschaft getötet durch sich selbst, und ist gekommen, hat verkündigt im Evangelium den Frieden, euch, die ihr ferne waret, und denen, die nahe waren, denn durch ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geiste zum Vater.“ (Eph. 2,12-18)

Eine treffliche Erklärung dieser Stelle gibt Dr. G. Stöckhardt in seinem Kommentar zum Epheserbrief: „Das mosaische Gesetz mit allen seinen Institutionen war ein Zaun, ein Gehege um Israel her, durch welches dasselbe gesondert, in sich geschlossen war, in seiner Eigentümlichkeit bewahrt und geschützt wurde. Eben damit bildete aber das Gesetz zugleich eine Zwischenwand, eine Scheidewand zwischen Israel und dem außerisraelitischen Völkertum, den Völkern der Heiden. Und diese Zwischenwand hat Christus niedergerissen“ (S. 144 unten) ... „Nun aber hat Christus durch sein Leiden und Sterben im Fleisch, durch sein Blut dies Gesetz abgetan und damit auch den Zwiespalt, die Feindschaft zwischen Heiden und Juden beseitigt, zunächst objektiv beseitigt, indem er Grund und Ursache der Feindschaft hinwegräumte.“ ... „Die christliche Kirche ist de facto der Eine Mensch, der aus Juden und Heiden gebildet ist, und ist ein neuer Mensch, in welchem nicht mehr Jude und Grieche ist.“ (S. 146)

Ist aber nun das Gesetz aufgehoben, weil Christus dasselbe erfüllt und sämtliche Übertretungen gesühnt hat, ist die Scheidewand, die Juden und Heiden trennte, entfernt, so ist kein göttliches Gebot mehr vorhanden, dass die Juden eine gesonderte nationale und religiöse Gemeinschaft bilden sollen, sondern sie sollten durch den Glauben an Jesus Christus mit den Heiden zusammen Ein Königreich, Eine Gemeinschaft, Eine heilige christliche Kirche bilden. Damit ist aber auch die Verheißung hingefallen, dass die Juden das Land Kanaan zum Wohnsitz haben sollen. Denn wozu wurde den Vätern das Land Kanaan verheißen? Nicht nur, damit ihre Nachkommen, das Volk Israel, einen Wohnsitz habe, sondern weil Christus, der Juden und Heiden Heiland, daselbst geboren werden, daselbst sein Erlösungswwerk vollbringen und daselbst sein Reich aufzurichten anfangen könne, von wo aus es sich über die ganze Welt erstrecken werde. Alle Welt sollte wissen, aus welchem Volk und aus welchem Land das Heil aller Völker kommen werde. Jesus sagt der Samariterin: „Das Heil kommt von den Juden.“ Und als sie ihm ihre Hoffnung auf den künftigen Messias aussprach, antwortete er: „Ich bin’s, der mit dir redet.“ (Joh. 4,22.26) Das Heil ist nun von den Juden gekommen. Die Weissagungen sind erfüllt. Es ist erfüllt, was Jesaja sagt: „Von Zion wird das Gesetz ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.“ (Jes. 2,3) Dies ist erfüllt gemäß den Worten, die Jesus zu seinen Aposteln sagte bei seiner Himmelfahrt: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, welcher auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Erde.“ (Apg. 1,8)

 

 

3. Die Verheißungen an die Väter im Alten Testament und ihre Erfüllung in Christus

 

Den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob wurden zweierlei Verheißungen gegeben: 1. dass durch ihren Samen alle Völker der Erde sollten gesegnet werden, und 2. dass ihrem Samen das Land Kanaan zum Wohnsitz gegeben werden wollte. Paulus sagt in Bezug auf diese Verheißungen (wir zitieren nach der Übersetzung von Menge): „Nun aber sind die (göttlichen) Verheißungen dem Abraham und seinem Samen (Nachkommen) zugesprochen worden. Es heißt nicht: ‚und den Samen’ (= den Nachkommen) in der Mehrzahl (= als wären es mehrere), sondern mit Bezug auf einen Einzigen (= in der Einzahl) ‚und deinem Samen’ (= deinem Nachkommen), und das ist Christus.“ (Gal. 3,16) Mit anderen Worten: Nicht das Volk Israel an und für sich ist ein Segen für alle Völker, sondern der Eine Nachkomme Abrahams, Christus, der sich selbst für alle opferte, und Israel ist ein Segen nur, insofern es die Botschaft von Christus unter den Völkern ausbreitet. Und nicht dem Volk Israel an und für sich ist das Land Kanaan gegeben (vergl. 3. Mose 25,23: „Das Land ist mein und ihr seid Gäste und Fremdlinge vor mir“), sondern es ist dem Samen Abrahams, Christus, gegeben, damit er daselbst geboren werde, sein Heilswerk vollbringe, daselbst sein Reich aufrichte und von da aus über die ganze Welt ausbreite, wie es denn auch geschehen ist. Die in Kapitel 12,18; 22,26 und 28 von 1. Mose enthaltenen Verheißungen fasst Johann Gerhard trefflich zusammen: „Ideo posteritati tuae dabo terram Canaan, ut Messias, in quo et propter quem benedictio omnibus quentibus offeretur, certum nativitatis hospititum habeat et constet ex quo populo Messias sit expetandus.“ (Loci, Tom Ixp. 104 b) (Übersetzung des lateinischen Zitats von Joh. Gerhard: „Ich werde deshalb dienen Nachkommen das Land Kanaan geben, damit der Messias, in welchem und wegen welchem der Segen allen Völkern angeboten wird, eine bestimmte Herberge für seine Geburt habe und bekannt sei, aus welchem Volk der Messias zu erwarten sei.“)

Wenn es nun 1. Mose 13,15 in der dem Abraham gegebenen Verheißung lautet: „All das Land, das du siehst, will ich dir geben und deinem Samen ewiglich“, so kann unter dem Wort „ewiglich“ nicht die Ewigkeit im eigentlichen Sinne gmeint sein, sonst müsste ja die Welt ewig bestehen, sondern der hebräische Ausdruck bedeutet „auf immer“; das heißt also, dass das Land Kanaan den Nachkommen Abrahams auf immer zum Besitztum gegeben wird, so lange nämlich das Volk Israel als Volk existiert und ferner unter der Bedingung, dass es in dem Bunde bleibt, den Gott mit Abraham geschlossen hat, nämlich sein Heil bei dem verheißnen Abrahams-Samen, bei dem Messias, bei Christus, zu suchen. Für den Fall der Untreue hat ihm Mose die Vertrebiung aus dem Lande Kanaan und die Zerstreuung unter alle Völker angedroht, z.B. 5. Mose 28,63.64: Ihr „werdet verstöret werden von dem Lande, da du jetzt einziehst, es einzunehmen. Denn der Herr wird dich zerstreuen unter alle Völker von einem Ende der Welt bis ans andere.“ Wäre nun das ganze Volk Israel durch die Predigt der Apostel zu Jesus Christus bekehrt worden und hätte ihn als König und Heiland anerkannt, so wäre natürlich die Katastrophe nicht über Israel hereingebrochen, als im Jahr 70 die Römer das Land eroberten und Jerusalem zerstörten und Israel in Gefangenschaft führten und zerstreuten. Wie sich die politischen Verhältnisse im Falle der Bekehrung des ganzen Israels gestaltet hätten, ist schwer zu sagen, da es eben anders gekommen ist.

Die in Christus gegebene Heilsverheißung kommt aber nicht zu ihrer letzten Vollendung in dem irdischen Kanaan, überhaupt nicht auf dieser Welt, sondern auf der neuen Erde, wo alle Sünde und aller Tod völlig abgetan sein werden und Gott in seiner sichtbaren Herrlichkeit unter demVolk der seligen und verklärten auserwählten Kinder Gottes wohnen wird. Darum ist das irdische Kanaan in letzter Linie zugleich Unterpfand und Vorbild des himmlischen Kanaans, des ewigen Lebens in der Herrlichkeit Gottes und Christi. Darauf stand die Hoffnung der Erzväter, die eigentlich nie in den Besitz des irdischen Kanaans kamen. Der Hebräerbrief sagt von Abraham: „Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande als in einem fremden ... denn er wartete auf eine Stadt, die einen Grund hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ Ferner heißt es von den Erzvätern: „Diese alle sind gestorben im Glauben und haben die Verheißung (d.h. die Erfüllung derselben) nicht empfangen, sondern sie von fern gesehen und sich der vertröstet und wohl begüngen lassen und bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge sind auf Erden ... denn die solches sagen, geben zu verstehen, dass sie ein Vaterland suchen ... nun aber begehren sie eines besseren, nämlich eines himmlischen. Darum schämet sich Gott ihrer nicht, zu heißen ihr Gott, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.“ (Hebr. 11,9.10)

Der Hebräerbrief beweist noch auf eine andere Weise, dass das Wohnen in dem irdischen Kanaan nicht das letzte Ziel war, zu welchem Gott sein Volk führen wollte. Er weist hin auf Psalm 95, wo David die Israeliten seiner Zeit, die schon seit Jahrhunderten im Besitz des Landes Kanaan waren, davor warnt,d ass sie sich nicht gegen Gottes Stimme verstocken sollen, wie die Väter in der Wüste, die aus Ägypten zogen, aber um ihres Unglaubens willen nicht nach Kanaan gelangten. Im 95. Psalm heißt es: „Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht“, wie das Volk, das aus Ägypten auszog und 40 Jahre lang in der Wüste Gott widerstrebte, so dass Gott sagte: „Ich schwur in meinem Zorn, dass sie zu meiner Ruhe nicht sollten kommen.“ Daraus schließt der Verfasser des Hebräerbriefes: „So Josua sie hätte zur Ruhe gebracht, würde er nicht hernach von einem anderen Tage gesagt haben (nämlich im 95. Psalm, zur Zeit Davids: ‚Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht’): Darum ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volk Gottes.“

Das letzte Ziel, zu welchem Gott sein Volk hinführen wollte, ist also nicht die irdische Ruhe im irdischen Kanaan, sondern die Ruhe der ewigen Seligkeit, von der wir singen: Es ist noch eine Ruh vorhanden. Selbst wenn also das ganze Volk Israel sich um seinen König und Heiland Jesus Christus gesammelt hätte, wäre doch das Gesetz mit allen seinen Einrichtungen und damit auch die Verheißung des Wohnens im Lande Kanaan hinfällig geworden, denn Christi Reich ist ein geistliches und erstreckt sich nicht nur über Kanaan, sondern über alle Völker. (Ps. 72,8: Er wird herrschen von einem Meer bis ans andere, und von dem Wasser an bis zur Welt Ende.); das ganze jüdische Volk hätte in dem Falle in der Gemeinschaft mit allen gläubigen Heiden eine große über die ganze Welt sich erstreckende Gemeinschaft, ein geistliches Reich, Eine Kirche, eine wahre Ökumene gebildet.

 

 

4. Das Gericht der Verstockung über die Masse Israels und die Erlösung des Restes

 

Nun aber hat Israel je und je in seiner Mehrheit Gott Widerstand geleistet, sich des Abfalls von seinen Verheißungen und der Empörung gegen seinen Willen, der Selbstverstockung, schuldig gemacht. Schon Mose weissagt vor seinem Tode den Abfall des Volkes: „Ich weiß, dass ihr’s nach meinem Tode verderben werdet und aus dem Wege treten, den ich euch geboten habe. So wird euch dann Unglück begegnen hernach, darum dass ihr Übel getan habt vor den Augen des Herrn, dass ihr ihn erzürnet durch eurer Hände Werk.“ (5. Mose 31,29) „Ich kenne deinen Ungehorsam und deine Halsstarrigkeit. Siehe, weil ich noch heute mit euch lebe, seid ihr ungehorsam gewesen wider den Herrn, wie viel mehr nach meinem Tode.“ (5. Mose 31,27) Dieser fortgesetzte halsstarrige Widerstand, diese Selbstverstockung führte Israel schließlich in das Gericht Gottes, da Gott selbst ihr Herz verhärtete, dass es unempfänglich und unempfindlich wurde für Gottes Heilsverheißungen und Gebote, und in den Zustand geriet, dass es nicht mehr bekehrt werden konnte, weil Gott es nicht mehr bekehren wollte.

Jesaja, der größte der Schriftpropheten, der in kunstvoller und bilderreicher Sprache am herrlichsten von dem Heil in Christus geweissagt hat, wird von Gott geschickt mit dem Auftrag: „Gehe hin und sprich zu diesem Volk: Höret es und verstehet es nicht, sehet es und merket es nicht. Verstocke das Herz dieses Volkes und lass ihre Ohren dicke sein und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihrem Herzen und sich bekehren und genesen.“ (Jes. 6,9.10) Jesaja fügt aber noch hinzu: „Und wenn darin noch ein Zehntel ist, so wird es wiederum der Vertilgung anheimfallen; wie eine Terebinthe und Eiche, bei denen beim Fällen noch ein Wurzelstock bleibt, ein heiliger Same ist ihr Wurzelstock.“ (6,13) Dies ist hinfort die Botschaft des Propheten Jesaja: Israel gleicht einem abgehauenen Baum, von dem nur ein Wurzelstock übrig bleibt. Die Masse des Volks ist verstockt und geht verloren, aber unter dieser verderbten Masse bleibt ein heiliger Same, ein Rest von Auserwählten, der sich bekehrt und selig wird. Die sind das wahre Israel. Diese Wahrheit wiederholt Jesaja Kap. 10,22: „Denn wenn auch dein Volk, Israel, wäre wie der Sand am Meer, so wird (nur) ein Rest sich bekehren.“ Paulus führt diesen Ausspruch des Propheten an Röm. 9,27: „Jesaja aber schreibt für Israel: Wenn die Zahl der Kinder Israel würde sein wie der Sand am Meer, so wird doch (nur) das Übrige selig werden.“ (to hypoleimma soothesetai, hebr.: shear yashoub; zugleich der Name des Sohnes des Propheten: Ein Rest wird sich bekehren.) Also weder eine Verstockung des ganzen Israel, noch eine Bekehrung des ganzen Israel ist hier geweissagt. Stöckhardt bemerkt genau: „Nicht dass das verstockte Israel nach jenen schweren Gerichten sich schließlich doch noch bekehren und gerettet werden wird, ist hier geweissagt, wie neuere Ausleger meinen. Damit würde der Begriff der „Verstockung“ aufgehoben. Und es ist ja zuvor den Verstockten das Vertilgungsgericht angedroht. Die tröstliche Verheißung lautet vielmehr dahin, dass mitten in der „massa perdita“, welche rettungslos der Verstockung und Vertilgung anheimfällt, ein Rest, ein heiliger Same übrig bleibt, welcher also von dem Gericht der Verstockung und Vertilgung eximiert ist, welcher das Zorngericht, dem das ungläubige, verstockte Volk erliegt, überdauert und ewig bleibt. So wird also die Predigt des Jesaja, überhaupt das prophetische Wort und Zeugnis nicht ganz ohne Frucht bleiben. Wenn auch die Masse sich verstockt und verloren geht, so werden doch Etliche, die Übrigen, sich bekehren, der Predigt, der Verheißung Gottes glauben und gerettet werden. So ist es allewege. Die Predigt des Evangeliums kommt nie ganz leer wieder zurück. Wenn auch die meisten sich dagegen verstocken und schließlich verstockt und verdammt werden, so fallen doch immer etliche dem Evangelium zu und werden gerettet. Die Auserwählten wwerden gewonnen, kommen zum Glauben, beharren im Glauben und werden selig.“ (Kommentar zu Jesaja 1-12, Seite 74)

Dies Verstockungsgericht nahm seinen Anfang zur Zeit des Propheten Jesaja und erreicht seinen Höhepunkt zur Zeit Christi und der Apostel. Mitten in die Wirksamkeit Christi hinein stellen die Evangelisten und Apostel die Worte, die der Herr an den Propheten Jesaja richtete. So Matthäus, Kap. 13, wo Christus zu den Jüngern sagt: „Euch ist’s gegeben, dass ihr das Geheimnis des Himmelreichs vernehmet, diesen aber ist’s nicht gegeben... darum rede ich mit ihnen durch Gleichnisse, denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht, und über ihnen wird die Weissagung des Jesaja erfüllt, die da sagt: Mit den Ohren werdet ihr es hören und nicht verstehen, und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht vernehmen. Denn dieses Volkes Herz ist verstockt und ihre Ohren hören übel und ihre Augen schlummern, auf dass sie nicht dermaleinst mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, dass ich ihnen hülfe.“ (Matth. 13,13-15)

Auch Johannes stellt diese Worte von dem Verstockungsgericht mitten in den Höhepunkt der Wirksamkeit Jesu, nachdem er Lazarus auferweckt hatte und als König in Jerusalem eingezogen war: „Und ob er solche Zeichen vor ihnen tat, glaubten sie doch nicht an ihn, auf dass erfüllet würde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagt: „Herr, wer glaubet unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?“ Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja sagt abermals: „Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, dass sie mit den Augen nicht sehen, noch mit dem Herzen vernehmen und sich bekehren und ich ihnen hülfe.“ (Joh. 12,37-40).

Schließlich erwähnt der Apostel Paulus noch einmal die Worte des Jesaja von dem Verstockungsgericht, als er in Rom mit den Juden redete, und schließt dann mit den Worten: „So sei es euch kund getan, dass den Heiden gesandt ist das Heil Gottes, und sie werden es hören.“ (Apg. 28,28)

Der Apostel Paulus erklärt auch, wie Israel in das Gericht der Verstockung geriet, soweit das für unseren beschränkten Verstand, obwohl vom heiligen Geist erleuchtet, verständlich ist. „Heiden, die nicht nach der Gerechtigkeit trachteten, haben Gerechtigkeit erlangt, nämlich die Gerechtigkeit, die aus dem Glauben kommt. Israel dagegen, das nach der vom Gesetz geforderten Gerechtigkeit trachtete, hat das vom Gesetz gesteckte Ziel (der Rechtfertigung) nicht erreicht. (Luther: hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht überkommen). Warum nicht? Weil sie es nicht auf dem Glaubensweg, sondern es mit Werken haben erreichen wollen: Da haben sie sich am Stein des Anstoßes gestoßen, von dem geschrieben steht (Jes. 28,16; 8,14): „Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Felsen des Ärgernisses (oder des Strauchelns = zum Fallen), und wer auf ihn sein Vertrauen setzt (oder an ihn glaubt), wird nicht zuschanden (oder enttäuscht) werden.“ (Röm. 9,30-33 nach Menges Übersetzung). (Dasselbe 1. Petrus 2,6-8.) Paulus schreibt ferner: „Sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und trachten, ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind also der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan.“ (Röm. 10,3 nach Luthers Übersetzung).

An dem Volk Israel offenbart sich aufs deutlichste die Verderbtheit des menschlichen Herzens, welches die guten und heilsamen Gaben Gottes missbraucht, so dass sie ihm zu Verderben gereichen. Ähnlich schreibt Paulus vom Gesetz: „Die Sünde, auf dass sie erscheine, wie sie Sünde ist, hat sie mir durch das Gute (nämlich das Gesetz) den Tod gewirket, auf dass die Sünde würde überaus sündig durchs Gebot.“ (Römer 7,13) Je größer auch die Gnade ist, die einem Menschen oder Volk widerfährt, desto größer wird auch der damit getriebene Missbrauch und die Verachtung derselben und desto schrecklicher auch das Zorngericht Gottes über die missbrauchte und verachtete Gnade. Israel hat Gottes Gesetz und Verheißung zum Stolz und zur Selbstüberhebung missbraucht. Sie meinten, der Besitz des Gesetzes sei gleichbedeutend mit seiner Erfüllung und hielten sich wegen ihrer vermeintlichen Gesetzeserfüllung für Gottes auserwähltes Volk und verwandelten die Verheißung zu dem Sünderheiland in die Verheißung eines irdischen Königs, der Israel zu einem irdischen, mächtigen und herrlichen Königreich erheben und ihm die (irdische) Herrschaft über alle Völker geben werde. So geschah es, dass Israel des Heils verlustigt ging, während die Heiden des Heils teilhaftig wurden. Von den Heiden weissagt Jesaja: „Ich bin erfunden von denen, die mich nicht gesucht haben, und bin erschienen denen, die nicht nach mir gefragt haben.“ Von Israel aber sagt er: „Den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt zu dem Volk, das sich nicht sagen lässet und widerspricht.“ (Jesaja 65,1.2 – Römer 10,20.21)

Angesichts dieser Tastsache erhebt nun der Apostel die Frage: „Hat denn Gott sein Volk verstoßen?“ (Röm. 11,1) Angesichts der allgemeinen Feindschaft des Volkes Israel gegen das Evangelium von Christus und angesichts der Strafgerichte, die im alten und neuen Bund über das Volk verhängt worden sind, könnte es erscheinen, dass das ganze Volk Israel verworfen sei. Dem ist aber nicht so. Paulus antwortet: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor versehen (auserwählt) hat.“ (V. 2.) Hier bringt Paulus eine überaus wichtige und zum Verständnis der Geschichte Israels unentbehrliche Wahrheit ans Tageslicht, dass nämlich das Wort Israel in einem engeren und weiteren Sinn gebraucht werden kann. Im weiteren Sinn bezeichnet es das ganze aus den leiblichen Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs bestehende Volk, in einem engeren Sinne aber bezeichnet es nicht alle leiblichen Nachkommen Israels oder Jakobs, sondern nur das Volk der gläubigen Israeliten, die Gott zum Glauben und zur Seligkeit auserwählt und wirklich bekehrt hat. Paulus führt als Beispiel die Zustände an, die zur Zeit des Propheten Elia herrschten. Da hatte es den Anschein, und Elia meinte auch, dass das ganze leibliche Volk Israel, das von Abraham abstammte, von Gott abgefallen und dem Baalsdienst übergeben war und er sei allein als wahrer Diener Gottes übrig geblieben. Aber Gott antwortet ihm am Berg Horeb, dass nicht das ganze leibliche Volk Israel abgefallen war, sondern er habe noch übrig bleiben lassen 7000 Seelen in Israel, die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt hatten, sondern Gott treu geblieben waren. Und nun macht Paulus die Anwendung auf seine Zeit: „Also gehet’s auch zu dieser Zeit mit diesen Übriggebliebenen nach der Wahl der Gnaden (leimma kat’eklogen charitos). Wir treffen hier wieder den Begriff der Übriggebliebenen oder des Restes, von denen Jesaja 10,22 und Römer 9,27 schon die Rede war (to hypoleimma). Diese übriggebliebenen Auserwählten und Gläubigen sind das wahre Israel, das gewiss und in seiner ganzen Vollzahl selig wird. So sagt Paulus schon Römer 9,6-8. „Es sind nicht alle Israeliter, die von Israel sind, auch nicht alle, die Abrahams Same sind, sind darum auch Kinder, sondern in Isaak soll dir der Same genannt sein. Das ist, nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind, sondern die Kinder der Verheißung werden für Same gerechnet.“ Menge übersetzt V. 8: „Nicht die leiblichen Kinder (Abrahams) sind damit auch Gottes Kinder, sondern (nur) die Kinder der Verheißung werden als Nachkommenschaft (Abrahams) gerechnet.“ Stöckhardt: „Isaak ist kraft der Verheißung leiblicher Weise geboren, in das natürliche Leben eingetreten“ (und selbstverständlich ist er auch durch die Verheißung von dem künftigen Nachkommen Abrahams, durch den alle Völker gesegnet werden sollten, zum rechtfertigenden Glauben gelangt wie sein Vater Abraham). „Die Kinder der Verheißung, die der Apostel im Sinne hat, sind durch die Verheißung, durch das Evangelium geistlicher Weise geboren, in ein neues geistliches Leben und Wesen versetzt. Gott hat sie durch das Wort zum Glauben erweckt, durch den Glauben sind sie neugeboren.“ (Kommentar zum Römerbrief, Seite 425) Galater 4,28: „Wir aber, liebe Brüder, sind, Isaak nach, der Verheißung Kinder.“

Wenn es sich daher um die Bekehrung Israels handelt, so handelt es sich nicht um die Bekehrung sämtlicher leiblichen Nachkommen Abrahams, sondern um die Bekehrung der Übrigen, des Restes von Auserwählten, die unter der Masse der Verstockten verborgen liegen und die das wahre Israel bilden und des verheißenen Heils teilhaftig werden. „Das Israel sucht, das erlangt es nicht. Die Wahl aber erlangt es, die andern sind verstockt (he de ekloge epetuchen, hoi loipoi epooroothesan). Wie geschrieben steht: Gott hat ihnen gegebenen einen erbitterten Geist. Augen, dass sie nicht sehen, und Ohren, dass sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag. Und David spricht: Lass ihren Tisch zu einem Strick werden und zu einer Berückung und zum Ärgernis und ihnen zur Vergeltung. Verblende ihre Augen, dass sie nicht sehen, und beuge ihren Rücken allezeit.“ (Römer 11,7-10; Psalm 69,23.24)

Damit ist aber noch nicht alles gesagt, was über das Schicksal Israels gesagt werden muss. Paulus stellt nun die Frage: „Me eptaisan hina pesoosin?“ Luther: Sind sie darum angelaufen, dass sie fallen sollten? Menge: Sind sie etwa deshalb gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen (= ins Verderben fallen) sollten? Stöckhardt: Sie sind doch nicht gestrauchelt, um zu fallen. (Röm. 11,11) Lenski fasst das „hina“ in konsekutivem Sinne auf: Did they strike against (only with the result that they fell). Diese Auslegung scheint uns die richtige zu sein. Paulus will nicht etwa sagen, dass sie nach ihrem Fall wieder aufgerichtet werden, denn es handelt sich um die Israeliten, die sich gestoßen haben an dem Stein des Anstoßes und Fels des Ärgernisses und infolgedessen in das Verstockungsgericht geraten sind, das ins Verderben führt. Sondern er will sagen: Hat dieser Anstoß Israels gegen den Fels des Heils als einziges Resultat ihren Fall und ihr Verderben? Nein, dem ist nicht so, „sondern aus ihrem Fall ist den Heiden das Heil widerfahren“. (Röm. 11,11) Hier wird nun sichtbar Gottes wunderbare Fügung, seine unerforschlichen Wege und unbegreiflichen Gerichte. Durch Gottes wunderbare Fügung ist es nun geschehen, dass der Fall der Juden dieses heilsame Resultat hatte, dass den Heiden das Heil widerfahren ist. So sagen Paulus und Barnabas zu den Juden in Antiochien, die dem Evangelium widersprachen und lästerten: „Euch musste zuerst das Wort Gottes gesagt werden. Nun ihr es aber von euch stoßt und ahctet euch selbst nicht wert des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden.“ (Apg. 13,46)

Damit ist aber die Frage noch nicht endgültig beantwortet. Zu beachten ist nun der Zusatz, der erst recht Gottes wunderbare Wege ins hellste Licht stellt: „Auf dass sie denen nacheifern sollen.“ Was Paulus damit meint, erklärt er im Folgenden: „Dieweil ich er Heiden Apostel bin, will ich mein Amt preisen, ob ich möchte, die mein Fleisch sind (= meine jüdischen Volksgenossen) zu eifern reizen und ihrer etliche selig machen.“ (Rpöm. 11,13.14) (Menge: zur Nacheiferung reizen) Dass nun unter den Heiden das Evangelium von dem Heil in Christus verbreitet wird, hat nun wiederum den Zweck, die Juden zum Glauben zu locken, die noch von dem Heil fern sind. Am Anfang des neuen Testamentes waren es bekehrte, zum Glauben gebrachte Juden, z.B. die Apostel und ihre Mithelfer, die die Heilsbotschaft unter den Heiden verbreiteten, währen die Majorität ihres Volkes das Evangelium von Christus verwarf und seine Anhänger unter den Juden sogar verfolgte. Seither hat sich die Situation umgekehrt: Nun sind es Heiden, gläubige, bekehrte Heiden, die die Juden zu Christus bringen, den Rest, die Übrigen aus Israel, in Gottes Reich sammeln.

Dass es sich jedoch nicht um eine Bekehrung des ganzen leiblichen Israels, sämtlicher leiblicher Nachkommen Abrahams handeln kann, sagt der Apostel im Folgenden: „Ich will euch nicht verhalten, liebe Brüder, dieses Geheimnis, auf dass ihr nicht stolz seid: Blindheit ist Israel eines Teils (pooroosis apo merous) widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden eingegangen ist, und also das ganze Israel sselig werden wird, wie geschrieben stehet: ‚Es wird kommen aus Zion, der da erlöse und abwende das gottlose Wesen von Jakob.’“ (Röm. 11,25) Stöckhardt: „Israel ist zum Teil Verstockung widerfahren, bis die Vollzahl der Heiden eingegangen sein wird, und also wird ganz Israel errettet werden.“ Menge: „Verstockung ist über einen Teil der Israeliten gekommen bis zu der Zeit, da die Vollzahl der Heiden (in die Gemeinde Gottes) eingegangen sein wird, und auf diese Weise wird Israel in seiner Gesamtheit gerettet.“

Diese Worte des Apostels werden von vielen falsch gedeutet, als ob der Apostel erkläre, dass das Verstockungsgericht, das über Israel gekommen ist, nur so lange daure, bis die Fülle der Heiden in Gottes Reich eingegangen sei, dann werde dies Verstockungsgericht aufgehoben und es trete eine Bekehrung des ganzen leiblichen Israels, sämtlicher Nachkommen Abrahams, ein. Aber das sagt eben der Apostel nicht. Er sagt nicht, dass das Verstockungsgericht aufgehoben werde, eine Bekehrung Verstockter gibt es nicht, sondern er sagt, dass nur ein Teil des Volks Israel dem Verstockungsgericht anheimgefallen sei, dass also, so lange die Zeit der Heidenbekehrung dauere, solange das Evangelium unter den Heiden gepredigt werde, auch immer noch Juden bekehrt würden, der Rest aus Israel gesammelt werde. Und auf diese Weise werde das ganze Israel selig. Damit meint er nicht das ganze Israel nach dem Fleisch, sondern das Israel nach dem Geist, die Kinder der Verheißung, die Auserwählten, die unter der Masse der Verstockten verborgen liegen. Wenn man unter dem ganzen Israel sämtliche Nachkommen Abrahams verstehen wollte, müsste man behaupten, dass alle Juden, die je gelebt haben, selig werden, auch solche, die in offenbarem Unglauben gestorben sind, wie Saul, Judas, Kaiphas und andere. Und die Fülle der Heiden (plerooma) kann auch nicht sämtliche Heiden bedeuten, sondern die Vollzahl derer, die zum ewigen Leben erwählt sind (vergl. Apg. 13,48): „Es wurden gläubig (unter den Heiden), wie viele ihrer zum ewigen Leben verordnet waren.“ Sonst käme man auf die dem christlichen Glauben völlig zuwiderlaufende Irrlehre, dass schließlich alle Menschen selig werden, was dem Zeugnis der Schrift Alten und Neuen Testaments zuwider läuft. Der Apostel sagt also nicht: dann, nämlich wenn die Fülle der Heiden eingegangen ist, wird ganz Israel selig, sondern auf diese Weise, nämlich indem die Verstockung nur teilweise ist, indem während der Evangeliumspredigt unter den Heiden auch immer noch Übriggebliebene aus Israel zum Glauben kommen. Wenn dann sämtliche Auserwählten aus Juden und Heiden zu Christus bekehrt und in Gottes Reich gesammelt sind, dann wird Christus wiederkommen in Herrlichkeit, und die aus Juden und Heiden gesammelte Schar von Gläubigen und Auserwählten werden mit ihm ins ewige Leben eingehen, auf dem neuen Himmel und der neuen Erde, von welcher Jesaja, Petrus und Johannes weissagen, und wovon das alttestamentliche Kanaan, Jerusalem und Zion nur Schatten und symbolische Vorbilder sind. Das bezeugt auch Paulus mit den Worten: „Denn so ihr Fall der Welt Reichtum ist, und ihr Schade ist der Heiden Reichtum; wie vielmehr, wenn ihre Zahl voll würde!“ (Röm. 11,12) „Denn so ihr Verlust der Welt Versöhnung ist, was wird ihre Annahme sein als das Leben aus den Toten?“ (V. 15) „Wenn alle Übrigen aus Israel, die sich Gott von Anbeginn erwählt hat, bis auf die letzten für Christus gewonnen und von Gott zu Gnaden angenommen sind, dann folgt das selige, herrliche Ende. Und das ist nichts anderes als das Leben aus den Toten.“ „Wenn die Predigt des Evangeliums ihren Zweck in der Heidenwelt und in Israel erreicht hat, wenn die Auserwählten aus den Heidenvölkern und die Auserwählten aus Israel versöhnt und in die Gemeinschaft Gottes eingegangen sind, dann ist diese Weltzeit vorüber, dann wird ein neues Wesen und Leben Platz nehmen, das Leben der Verklärung, dann werden die bekehrten Heiden und Juden das Reich ererben, das ihnen bereitet ist von Anbeginn der Welt.“ (Stöckhardt, S. 518)

Wie sind nun die prophetischen Weissagungen aufzufassen, die von einer Rückkehr und Sammlung Israels reden im Lande, das Gott ihren Vätern verheißen hat? Es handelt sich hier nicht um die bestimmte Weissagung von der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft unter dem König Kores, wie sie geschrieben steht Jesaja 44,28 und 45,1, desgleichen Jeremia 25,11: „und sollen diese Völker dem Könige zu Babel dienen 70 Jahre“. Diese Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft betraf nur einen kleinen Teil des Volkes, einen Teil des Stammes Juda und ist berichtet am Ende des Buchs der Chronik und am Anfang des Buches Esra. Es gibt aber Weissagungen, die weit darüber hinaus gehen und von einer Sammlung Israels aus allen Völkern berichten, wozu auch die Heiden sich gesellen, und die im Lande geschehen soll, das Gott den Vätern verheißen hatte. Wir führen einige dieser Weissagungen an: Jeremia 23,5-6: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David ein gerecht Gewächs erwecken will, und soll ein König sein, der wohl regieren wird, und Recht und Gerechtigkeit auf Erden anrichten. Zu derselben Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen. Und dies wird sein Name sein, dass man ihn nennen wir: Herr, der unsere Gerechtigkeit ist.“ Dieselbe Weissagung ist wiederholt Jeremia 33,14 ff. Eine ähnliche Weissagung findet sich Hesekiel 34,23: „Und ich will ihnen einen einigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David; der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein.“ Desgleichen Hesekiel 37,24: „Und mein Knecht David soll ihr König und ihrer aller einiger Hirte sein. Und sollen wandeln in meinen Rechten und meine Gebote halten und darnach tun.“ Es handelt sich also hier um die Sammlung Israels unter dem König David; damit kann nicht buchstäblich der historische König David gemeint sein, sondern der verheißene Davidssohn, der Messias, um den sich die Gläubigen aus Israel sammeln. Und das Land, in welchem diese Sammlung geschieht, ist ebenfalls nicht das irdische, räumliche Land Kanaan, sondern das Land, wovon Kanaan einTypus oder Vorbild war, nämlich der geistliche Ort, da Christus über die Seinen herrscht, welche Herrschaft geistlich ist und sich über die ganze Erde erstreckt, ja, die Propheten ziehen oft das Reich Christi in seinem jetzigen geistlichen und unsichtbaren Zustand zusammen zu Einem Reich mit dem Reich der Herrlichkeit, wo Gott in sichtbarer Herrlichkeit unter den Seinen wohnt. Dass dies eine richtige Auslegung der prophetischen Weissagung ist, bestätigen die Apostel selbst. Auf dem Apostelkonzil zu Jerusalem handelte es sich um die Frage, ob man den zum Glauben an Christus bekehrten Heiden die Beschneidung und das Halten des Gesetzes Moses auferlegen sollte, welches dann allgemein verneint wurde. Dabei führt der Apostel Jakobus eine Stelle an aus dem Propheten Amos (9,11 ff.), wo geschrieben steht: „Danach will ich wieder kommen und will wieder bauen die Hütte Davids, die zerfallen ist, und ihre Lücken will ich wieder bauen, und will sie aufrichten, auf dass, was übrig ist von Menschen, nach dem Herrn frage, dazu alle Heiden, über welche mein Name genannt ist, spricht der Herr, der das alles tut.“ Keil bemerkt dazu in seinem Kommentar: „Die Aufrichtung der verfallenen Hütte Davids hat mit der Erscheinung Christi und der Gründung der christlichen Gemeinde durch die Apostel begonnen, und mit der Aufnahme der Heiden in das von Christus aufgerichtete Himmelreich hat auch die Besitznahme Edoms und aller übrigen Völker, über welche der Herr seinen Namen offenbart, ihre Anfang genommen. Die Gründung und der Bau dieses Reiches geht fort durch die Jahrhunderte der christlichen Kirche und wird vollendet werden, wenn dereinst die Fülle der Heiden (die Vollzahl der Auserwählten aus den Heiden) in das Reich Gottes eingegangen sein und auch das zur Zeit noch ungläubige Israel (das heißt, der Rest der Auserwählten aus Israel) sich zu Christus bekehrt haben wird. Das Land, das von Strömen göttlichen Segens fließen wird, ist nicht Palästina, sondern der Bereich der christlichen Kirche (d.h. die Gemeinde der Gläubigen) oder die Erde, soweit sie der Segnungen des Christentums teilhaftig geworden.“

Eine weitere Auslegung einer messianischen Weissagung aus dem Munde eines Apostels finden wir in der Pfingstpredigt des Apostels Petrus Apg. 2. Petrus erklärt den Zuhörern das Pfingstwunder, als die Jünger in fremden Sprachen die großen Taten Gottes redeten: „Das ist’s, das durch den Propheten Joel zuvor gesagt ist: Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Ältesten sollen Träume haben, und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in denselben Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“ Weissagung, Gesichte, Träume sind prophetisch, bildliche Ausdrücke für die Erkenntnis und Verkündigung des Heils in Christus, vom Heiligen Geist gewirkt, Erkenntnis der Dinge, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen sind. Diese Ausgießung des Geistes hat damals am ersten Pfingstfest ihren Anfang genommen und geht fort und fort durch die ganze Welt, wo immer das Evangelium gepredigt wird. Auf diese letzte große Heilstat Gottes folgt dann das Endgericht, wie es Joel daran anschließt, und er schließt mit den Worten: „Und soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll errettet werden. Denn auf dem Berge Zion und in Jerusalem werden Entronnene sein, wie Jahwe gesprochen, und unter den Übriggebliebenen werden sie, die Jahwe ruft.“ (nach der Übersetzung von Keil) Keil bemerkt dazu: „Der Berg Zion und Jerusalem kommen hierbei nicht als Hauptstadt des Reiches Juda in Betracht, sondern nach ihrer geistlichen Bedeutung als die Stätte, wo der Herr in seinem Heiligtum unter seinem Volk thronte, also als Zentralstätten des Reiches Gottes. Auch wird nicht dem ganzen Volk Juda als solchem Errettung verheißen..., sondern nur denen, die den Namen des Herrn anrufen, d.h. den wahren Verehrern Gottes, über welche der Geist Gottes ausgegossen ist.“

Aus dem Neuen Testament, aber auch zum Teil aus dem Alten Testament, geht deutlich hervor, dass die Ausdrücke: das Land, das den Vätern verheißen ist, die Stadt Jerusalem, der Berg Zion, in den Weissagungen von der messianischen Zeit  nicht räumliche geographische Orte auf Erden bezeichnen, sondern bildliche Bezeichnungen sind für den ort, wo Christus als König geistlicherweise durch sein Evangelium in den Herzen regiert. Johann Gerhard bemerkt: „Prophetis in more positum, benefica Messiae coelestia et spiritualia descirbere et adumbrare rebus corporalibus et umdanis, adeoque de rebus Novi Testamenti vaticinari verbis veteris Testamenti, sicut etiam de cultu spirituali loquuntur verbis ad legalem cultum pertinentibus“ (Loci IX, p. 106 b). (Die Propheten haben die Gewohnheit, die himmlischen und geistlichen Güter des Messias mit leiblichen und irdischen Dingen zu beschreiben und darzustellen, ja soar von den Dingen des Neuen Testaments zu weissagen mit Ausdrücken des Alten Testamentes, wie sie auch von dem geistlichen Gottesdienst mit Ausdrücken reden, die zu dem gesetzlichen alttestamentlichen Gottesdienst gehören.)

Keil schreibt ebenfalls in seinem Kommentar zu Hesekiel: „Diese Weise, den Zustand des wiederhergestellten und durch den Messias verherrlichten Israel, als ein friedliches Wohnen und ein an irdischen Gütern reich gesegnetes Leben im Lande der Väter zu schildern ... tritt uns mehr oder minder stark in den messianischen Schilderungen aller Propheten entgegen ... Daraus folgt, dass die Propheten die herrliche Wiederherstellung Israels unter Bildern, die sie von der Vergangenheit und Gegenwart des israelitischen Volkslebens entlehnten, geschildert haben, diese Schilderung also nicht buchstäblich, sondern typisch zu verstehen und keine wörtliche Erfüllung derselben zu erwarten ist.“ (S. 349; 1868)

Dabei verschmelzen die Propheten oft den Zustand des Reiches Christi hier auf Erden als geistliche Gemeinschaft, mit den Gaben des Geistes ausgestattet, aber immerhin noch in der Welt, die unter der Herrschaft der Sünde und des Todes liegt, zusammen mit dem Zustand des Reiches Christi in dem Zustand der himmlischen Verklärung und Herrlichkeit. Wenn bei Hesekiel Gott spricht: „Ich will unter ihnen wohnen und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein“ (37,24) und „mein Knecht David soll ewiglich ihr Fürst sein“, so kann das sowohl vom jetzigen Zustand des Reiches Christi gelten als auch von dem Zustand auf der neuen Erde, wovon Johannes in der Offenbarung schreibt: „Er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“ (Offenb. 21,3)

Das Land Kanaan, das dem Abraham und seinen Nachkommen verheißen ist, ist das Land, da Christus geboren ist, sein Heilswerk vollbracht hat und sein Reich angefangen, von wo aus es sich aber über die ganze Welt verbreitet hat. So wird der Ausdruck, das Land, darinnen eure Väter gewohnt haben (Hesekiel 37,25), zum Symbol des Reiches Christi, das sich über die ganze Welt erstreckt. Das deutet Paulus an, wenn er schreibt: „Die Verheißung, dass er sollte sein der Welt Erbe (kleeronomon einai kosmou) (Röm. 4,13), ist nicht geschehen Abraham oder seinem Samen durchs Gesetz, sondern durch die Gerechtigkeit des Glaubens.“ In wiefern ist Abraham oder sein Same der Welt Erbe? Es ist ihm verheißen: „Ich habe dich gesetzt zum Vater vieler Völker.“ (Röm. 4,17) Damit sind nicht nur die leiblichen Nachkommen Abrahams gemeint, sondern alle Gläubigen, alle, die zum Glauben an Christus, den verheißenen Samen Abrahams, gekommen sind und dadurch Abrahams Kinder geworden sind. Sie sind Erben der jetzigen und der zukünftigen Welt, wie Paulus sagt: „Es ist alles euer. Es sei Paulus oder Apollos, es sei Kephas oder die Welt, es sei das Leben oder der Tod, es sei das Gegenwärtige oder das Zukünftige, alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“ (1. Kor. 3,22.23). Matthäus 5,5: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“

So wird denn auch die Stadt Jerusalem und der Berg Zion zum Ausdruck für den geistlichen Ort, da Christus durch sein Evangelium in den Herzen herrscht, und verlieren ihre buchstäbliche Bedeutung als eines irdischen geographischen Raumes. Der Hebräerbrief schreibt an die gläubigen Israeliten (vermutlich in Rom): „Ihr seid gekommen zu dem Berge Zion und zu der Stadt des lebendigen Gottes zu dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge viel tausender Engel und zu der Gemeinde der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben ist.“ (Hebr. 12,22) Paulus redet auch von zweierlei Jerusalem, wenn er Galater 4,25 Hagar, die Sklavin, und Sarah, die Freie, miteinander vergleicht und darin eine allegorische Darstellung des Unterschiedes findet, zwischen denen, die unter dem Gesetz und denen, die unter der Gnade stehen. Wir zitieren nach der Übersetzung Menges: „Das Wort Hagar bedeutet nämlich den Berg Sinai in Arabien, und sie (d.h. die Hagar) entspricht dem heutigen Jerusalem; denn dieses befindet sich auch in Knechtschaft samt seinen Kindern. Das Jerusalem droben dagegen ist eine Freie und dies (Jerusalem) ist unsere Mutter.“ Paulus redet hier von zweierlei Jerusalem: das heutige Jerusalem (hee nun Hierousalem) bezeichnet das Judenvolk, welches Christus verworfen hat und in der Knechtschaft des Gesetzes sich befindet; das Jerusalem droben (hee anoo Hierousalem) bezeichnet die Gemeinschaft der Christusgläubigen, die von oben her geboren sind (Joh. 1,13: von Gott geboren) und in der Gemeinschaft Gottes und Christi sich befinden, von denen Paulus sagt: „Gott hat uns in Jesus Christus mitauferweckt und mit ihm in die Himmelswelt (oder: in die himmlischen Regionen) versetzt.“ Epheser 2,6 (nach Menge). Hier bedeutet Jerusalem die geistliche Gemeinschaft der Gläubigen oder das Reich oder die Kirche Christi in ihrem jetzigen Zustand. Bei Johannes finden wir das himmlische Jerusalem in seinem künftigen Zustand auf der neuen Erde: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine geschmückte Braut ihrem Manne.“ In der Folge beschreibt Johannes die Herrlichkeit des neuen Jerusalems, aber eben in Bildern, die von irdischen Gegenständen hergenommen sind. Denn es gibt keine Worte menschlicher Sprache, in welchen die künftige Herrlichkeit adequat und auf uns verständliche Weise dargestellt werden kann.

Auch Jesaja weissagt schon von dem neuen Jerusalem auf der zukünftigen Welt. „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken wird, noch zu Herzen nehmen. Sondern sie werden sich ewiglich freuen und fröhlich sein über dem, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem schaffen zur Wonne und ihr Volk zur Freude.“ (Jes. 65,17.18) Hier handelt es sich klar und eindeutig nicht um das irdische, sondern um das himmlische Jerusalem.

Was das irdische Jerusalem anbelangt, so hat es im Neuen Testament seine alttestamentliche Bedeutung als „heilige Stadt“, als Stadt, da Gott seinen Wohnsitz und sein Heiligtum hat, wo der rechte Gottesdienst stattfindet, völlig verloren. Selbst wenn die Juden Jesus als ihren Heiland und König angenommen hätten, würde doch das Wort des Herrn gelten, das er zu der samaritanischen Frau sprach: „Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge, noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten. ... Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, dass die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit.“ Das heißt, nicht durch die von Mose verordneten gesetzlichen Zeremonien, sondern in der Gnade und Wahrheit, die durch Jesus Christus geworden ist. Und gar von dem Jerusalem und dem jüdischen Volk, welches Christus und seiner Apostel Botschaft verworfen hat, gelten die Worte des Gerichtes: „Jerusalem wird zertreten werden von den Heiden, bis dass der Heiden Zeit erfüllet wird.“ (Luk. 21,24) „Siehe, euer Haus soll euch wüste gelassen werden.“ (Matth. 23,38) Es gilt das Wort des Apostels Paulus von den Juden: „Welche auch den Herrn Jesus getötet haben und ihre eigenen Propheten und haben uns verfolgt, und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen wider; wehren uns zu sagen den Heiden, damit sie selig würden, auf dass sie ihre Sünden erfüllen allewege; denn der Zorn ist schon endlich über sie gekommen“ (eis telos: bis zur Vollendung, Erfüllung, Endziel). Schon Jesaja unterscheidet zwischen dem Teil Israels, der selig wird und denen, die dem ewigen Verderben anheimfallen: „Siehe, meine Knechten sollen essen, ihr aber sollt hungern; siehe, meine Knechte sollen trinken, ihr aber sollt dürsten; siehe, meine Knechte sollen fröhlich sein, ihr aber sollt zuschanden werden; siehe, meine Knechte sollen vor gutem Mut jauchzen, ihr aber sollt vor Herzeleid schreien und vor Jammer heulen.“ (Jes. 65,13.14)

 

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist also folgende:

Auf keinen Fall ist die Aufrichtung des Staates Israel eine Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen. Der Heilsplan Gottes hat nicht sein Ziel in der Aufrichtung eines irdischen sichtbaren Reiches im Lande Kanaan, etwa mit Jerusalem als Hauptstadt. Das wäre ein Rückschritt ins Alte Testament, eine Zurückversetzung der freien Kinder Gottes in die Kinderschule unter den Zuchtmeister des Gesetzes (Galater 3,23.25) Das Heilsprogramm Christi, des Königs Israels, lautet vielmehr: „Es wir gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen.“ (Matthäus 24,14)

 

 

 

Das leibliche und das geistliche Israel bei Paulus im Römerbrief

 

Von

Roland Sckerl

 

In vielen evangelikalen Kreisen wird den aus der Reformation hervorgegangenen Konfessionen vorgeworfen, Israel sozusagen „enterbt“ zu haben, das (leibliche) Volk der Juden aus seiner ihm von Gott gegebenen Stellung verdrängt und ihm seine Verheißungen genommen zu haben. Solche Kreise meinen daher, die Bibel neu, anders, lesen zu müssen, etwa so, dass sie viele der Prophezeiungen des Alten Testamentes nicht mehr auf die Gemeinde Jesu Christi beziehen, sondern auf das leibliche Volk Israel und somit dem leiblichen Volk Israel und dem irdischen Land Kanaan eine heilsgeschichtliche Bedeutung beimessen, die weder dem Alten noch dem Neuen Testament entspricht. Was ist nun zu diesem Vorwurf wegen einer „Enterbung Israels“ zu sagen?

Die nachfolgenden Darlegungen stützen sich vor allem auf die Aussagen des Apostels Paulus im Brief an die Römer und beziehen Aussagen des gleichen Apostels in den Briefen an die Epheser und die Galater mit ein.

 

In Römer 2,25-29 heißt es: Die Beschneidung ist wohl nütz wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber  das Gesetz nicht, so ist deine Beschneidung schon eine Vorhaut worden. So nun die Vorhaut das Recht im Gesetz hält, meinest du nicht, daß seine  Vorhaut werde für eine Beschneidung gerechnet? Und wird also, was von Natur eine Vorhaut ist und das Gesetz vollbringet,  dich richten, der du unter dem Buchstaben und Beschneidung bist und das  Gesetz übertrittst. Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das  nicht eine Beschneidung, die auswendig im Fleisch geschieht, sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist, und die Beschneidung  des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben  geschieht, welches Lob ist nicht aus Menschen, sondern aus Gott. Was sagt Paulus hier? Er hebt gegenüber den Juden, die so stolz auf ihre Religion, insbesondere auf ihren Gesetzeseifer waren, hervor, dass die Beschneidung ihnen dann nichts nützt, wenn sie nicht mit dem Herzen, im Glauben, das Gesetz erfüllen. Ohne den Herzensglauben ist es so, dass sie, die äußerlich beschnitten sind, vor Gott wie Unbeschnittene, also Nichtjuden, Heiden, dastehen. Andererseits sind diejenigen, die, auch wenn sie äußerlich nicht beschnitten sind, aber dennoch aus dem Glauben heraus im Gesetz leben, vor Gott, geistlich, wie solche, die beschnitten sind, Juden sind, nämlich hier als Gottes Kinder gemeint.

Was drückt Paulus damit aus? Er betont hier, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem leiblichen Volk der Juden und der geistlichen Juden- oder Gotteskindschaft. Er bezieht sich dabei durchaus auf das Alte Testament, das diesen Unterschied ebenso bereits kannte, denken wir nur an den Aufruf zur Herzensbeschneidung (5. Mose 10,16; 30,6; Jer. 4,4; Hes. 16,20), an die Bußpredigten, die der Herr Israel durch die Propheten hielt, z.B. Jesaja 1 oder Jer. 2-5. Darum betont er Vers 28, dass vor Gott nicht derjenige als ein Jude (was hier gleichgesetzt wird mit Gotteskind) gilt, der äußerlich beschnitten wurde und doch nicht im Glauben an den Messias steht, sondern nur derjenige, dessen Herz beschnitten ist, der also in Buße und Glauben dem Messias Gottes nachfolgt.

Damit aber sagt Paulus, im Anschluss an das Alte Testament, aus, dass keineswegs das ganze leibliche Israel auch das geistliche Israel oder das geistliche Gottesvolk ist, sondern vielmehr nur diejenigen, die auch im rettenden Glauben stehen.

 

In Kapitel 3 greift er dann eine Frage auf, die daraus entstehen kann und auch heute noch ihre Bedeutung hat: Was haben denn die Juden für einen Vorteil, oder was nützt die Beschneidung? Diese Frage ergibt sich ja sozusagen zwangsläufig, wie auch heute die Frage immer wieder auftaucht, was es denn nützen soll, wenn die Menschen getauft sind, in die Kirche gehen, wenn sie doch nicht glauben? Zwar sehr viel. Zum erste, ihnen ist vertraut, was Gott geredet hat. Das leibliche jüdische Volk hatte, und hat bis heute, das Alte Testament, damit Gottes Wort in Gesetz und Verheißung, aus dem der Herr Jesus Christus und die Apostel einst gepredigt und den rettenden Glauben an den Messias verkündigt haben. Und die Menschen in den Kirchen haben die ganze Bibel, das vollständige Gotteswort. Das ist ihr wesentlicher Vorteil und Unterschied zu den Heiden, den Menschen, die nichts von Jesus Christus gehört haben, die Bibel nicht kennen. Aber auch hier gilt: Wem viel anvertraut ist, von dem wird Gott viel fordern (Lukas 12,48). Das heißt: Wenn die Menschen aus dem Bereich der Judenschaft und der (äußeren) Christenheit nicht zum Glauben an den Heiland der Welt, Jesus Christus kommen, so wird ihre Strafe in der Ewigkeit schlimmer sein als für die Heiden, die zwar um ihres Unglaubens willen auch verdammt werden, aber um ihrer Unwissenheit willen nicht so schwere Pein leiden müssen.

In Vers 9 ff. unterstreicht der Heilige Geist durch Paulus, dass es sehr wohl eine bedeutende Gemeinsamkeit zwischen Juden und Heiden gibt, eine Gemeinsamkeit, die also alle Menschen auf dieser Welt umfasst (eine Tatsache, die viele Juden damals, wie heute, nicht wahrhaben wollten und wollen): Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, dass beide, Juden und Griechen [Heiden], alle unter der Sünde sind, wie denn geschrieben steht: Da ist keiner, der gerecht sei, auch nicht einer. Natürlicherweise sind alle Menschen, aus der Juden-, wie aus der Heidenschaft, Sünder vor Gott und damit grundsätzlich verloren. Niemand kann aus eigener Kraft, mit eigenen Werken, durch eigenes Verdienst, vor Gott gerecht werden, darum, dass kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein mag (Vers 20). Beide, Menschen aus den Juden wie Menschen aus den Heiden, können allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst willen, allein durch den Glauben gerettet werden (Verse 21-25.38), es gibt also sowohl im Blick auf die Sündenverdorbenheit und –verlorenheit, wie auch im Blick auf die Errettung keinen Unterschied zwischen Menschen aus den Juden wie Menschen aus den Heiden.

 

Exkurs I: Die Gemeinde im Neuen Testament als Gemeinde aus Christusgläubigen aus den Juden und Christusgläubigen aus den Heiden

Im Epheserbrief greift der Apostel Paulus das Thema auf und zeigt, wie die Unterschiede, ja, der Zaun, der zwischen Juden und Heiden vorhanden war, in Christus überwunden sind: Darum gedenket daran, daß ihr, die ihr weiland nach dem Fleisch Heiden  gewesen seid und die Vorhaut genannt wurdet von denen, die genannt sind  die Beschneidung nach dem Fleisch, die mit der Hand geschieht, daß ihr zu derselbigen Zeit waret ohne Christum, fremd und außer der  Bürgerschaft Israels und fremd von den Testamenten der Verheißung; daher  ihr keine Hoffnung hattet und waret ohne Gott in der Welt. Nun aber, die ihr in Christo Jesu seid und weiland ferne gewesen, seid  nun nahe worden durch das Blut Christo. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins hat gemacht und hat  abgebrochen den Zaun, der dazwischen war, in dem, daß er durch sein  Fleisch wegnahm die Feindschaft, nämlich das Gesetz, so in Geboten gestellet war, auf daß er aus zweien  einen neuen Menschen in ihm selber schaffete und Frieden machete, und daß er beide versöhnete mit Gott in einem Leibe durch das Kreuz; und  hat die Feindschaft getötet durch sich selbst und ist kommen, hat verkündiget im Evangelium den Frieden euch, die ihr  ferne waret, und denen, die nahe waren. (Eph. 2,11-17)

Bevor das Evangelium zu den Heiden kommt, haben sie keinerlei Verheißung, waren daher auch denen entfremdet, die Gottes Wort hatten. Durch Christus aber, durch das Blut, das er für alle Menschen vergossen hat, sind beide, Menschen aus den Juden und Menschen aus den Heiden, einander nahe geworden (V. 13). Denn Christus ist der Friede, durch ihn sind wir, Menschen aus den Juden wie Menschen aus den Heiden, mit Gott versöhnt, so dass der Zaun, der zuvor zwischen beiden war, in Christus abgetan ist, so dass wir in Christus eins geworden sind: die Gemeinde Jesu Christi besteht aus Christusgläubigen aus der Judenschaft und Christusgläubigen aus der Heidenschaft (V. 14). Die Einheit, die im Glauben besteht, hat ihre Grundlage somit in Jesu Kreuz, an dem er für uns gestorben ist, sein Blut für alle Menschen vergossen und so Gott mit allen Menschen, mit der ganzen Welt, grundsätzlich versöhnt hat (s.a. 2. Kor. 5,17-21). Das Volk Gottes des Neuen Testamentes, das ist also die Gemeinde Jesu Christi, die aus den Christusgläubigen aus den Juden und denen aus den Heiden besteht.

 

Den Unterschied zwischen den leiblichen und dem geistlichen Israel entfaltet der Apostel im Römerbrief vor allem in den Kapiteln 9 bis 11. In 9,6 heißt es: Aber nicht sage ich solches, dass Gottes Wort darum aus sei [darum, weil der Großteil der Juden nicht an Jesus von Nazareth als den Messias glaubt]. Denn es sind nicht alle Israeliten die von Israel sind. Dieser Satz ist wichtig, denn damit unterstreicht der Apostel, dass geistlich gesehen eben keineswegs die leibliche Judenschaft mit dem geistlichen Israel identisch ist. Und dieser Tatbestand galt schon im Alten Testament, wie er an Isaak und Ismael, Jakob und Esau ausführt: Auch nicht alle, die Abrahams Same sind, sind darum auch Kinder, sondern: In Isaak soll dir der Same genannt sein. (V. 7) Das ist, nicht sind das Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind, sondern die Kinder der Verheißung werden für Samen gerechnet. Diese Unterscheidung wird ausgeblendet bei denen, die auf Israel fixiert sind, Israel einen besonderen Platz in der Heilsgeschichte des Neuen Testamentes einräumen wollen und das Alte Testament auf das leibliche Israel hin auslegen. Es ist also ein eindeutiger Unterschied zwischen denen, die leiblich Abrahams Nachkommen sind (und nicht einmal das gilt für alle heutigen Juden, da auch aus anderen Völkern Menschen zum Judentum hinzu gekommen sind), und denen, die es auch geistlich sind, also eins sind mit Abraham im Glauben.

Auch aus anderen Stellen des Alten Testamentes weist der Apostel dies nach. So, wenn er Jesaja zitiert: Wenn die Zahl der Kinder von Israel würde sein wie der Sand am Meer, so wird doch das Übrige selig werden. (V. 27) Das heißt doch: Israel mag leiblich wohl recht groß sein – aber schon in der alttestamentlichen Zeit war es so, dass nur wenige von ihnen auch wirklich geistlich errettet waren, nur ein Rest wirklich selig wurde.

Besonders wichtig dazu sind die Ausführungen in Kapitel 11. Hier wirft Paulus die alles entscheidende Frage auf: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Und wie antwortet er darauf? Das sei ferne! Denn ich bin auch ein Israelit von dem Samen Abrahams, aus dem Geschlecht Benjamin. (V. 1) Weit weist der Apostel diese Behauptung zurück. Aber mit welcher Begründung? Etwa der, dass schließlich doch alle Juden gerettet werden? Nein, keineswegs. Vielmehr weist er hin auf sich, als einem einzelnen Israeliten. Wenn Gottes Verheißung für sein Volk nicht mehr gelten würde, dann könnte keiner aus dem leiblichen Israel noch gerettet werden. Aber wenn er, Paulus, der aus der Judenschaft kommt, noch gerettet wurde, so gilt das auch für andere – aber damit keineswegs für alle Juden. Er untermalt das durch die Situation zur Zeit Elias. Gott hat sein Volk nicht verstoßen, welches er zuvor versehen hat. Oder  wisset ihr nicht, was die Schrift sagt von Elia, wie er tritt vor Gott  wider Israel und spricht: Herr, sie haben deine Propheten getötet und haben deine Altäre ausgegraben;  und ich bin allein überblieben, und sie stehen mir nach meinem Leben? Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? Ich habe mir lassen überbleiben  siebentausend Mann, die nicht haben ihre Kniee gebeuget vor dem Baal. (V. 2-4) Elia meinte ja, er sei allein übergeblieben. Gott aber machte ihn in seiner Not darauf aufmerksam, dass er noch 7000 hatte aus Israel, die an ihn glaubten. Sie waren das wahre, das geistliche Gottesvolk, das Volk, das Gott sich zuvor versehen hatte aus der Judenschaft jener Zeit. Nicht alle aus der leiblichen Judenschaft also, sondern nur eine bestimmte, von Ewigkeit her, vor Erschaffung der Welt, auserwählte Zahl aus dem leiblichen Israel.

Also gehet’s auch zu dieser Zeit mit diesen Übriggebliebenen nach der Wahl der Gnaden. (V. 5) Und so ist es auch „zu dieser Zeit“, also der Zeit des Neuen Testamentes. Auch jetzt werden, bis zum Jüngsten Tag, nicht alle aus der leiblichen Judenschaft selig, sondern nur diejenigen, die von Ewigkeit her zur Errettung durch den Glauben an Jesus Christus in Christus und der Heiligung des Geistes erwählt sind (die „Übriggebliebenen nach der Wahl der Gnaden“). Niemand anders ist mit dem „ganzen Israel“, V. 26, oder der „Vollzahl“ (pleeroma), V. 12, gemeint. Das erhärtet V. 7: Was Israel sucht, das erlangt es nicht; die Wahl aber erlangt es. Die andern sind verstockt. Im Blick auf das leibliche Israel müssen wir also zwei Gruppen unterscheiden: Die eine Gruppe, das sind diejenigen, die verstockt sind. Verstockung ist ein Teil des Gerichtes Gottes, das schon auf Erden beginnt und gewiss zur ewigen Verdammnis führt. Aus der Verstockung gibt es keine Umkehr. Die andere Gruppe dagegen, das sind diejenigen innerhalb des leiblichen Israel, die von Ewigkeit her erwählt sind zur Rettung durch den Glauben an Jesus Christus („die Wahl“). Sie sind in der Zeit zeitweilig noch verblendet (V. 25: Blindheit ist Israel zu einem Teil widerfahren), kommen aber schließlich auf die gleiche Art und Weise wie die Heiden zum Glauben an den Heiland, den Messias: und also das ganze Israel selig werde, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion, der da erlöse und abwende das gottlose Wesen von Jakob. (V. 26) Es ist falsch, zu behaupten, dass es einen Zeitraum in der neutestamentlichen Heilszeit für die Heiden gäbe und dann noch einen anderen Zeitraum für die Juden, um zum Glauben an den Messias zu kommen. Die Heilszeit, der Heilszeitraum ist für beide der gleiche: Es ist die Zeit, bis die Fülle (pleeroma) der Heiden eingegangen ist. Diese Fülle entspricht der Vollzahl (pleeroma, das gleiche Wort im Griechischen, in V. 12) der Juden oder dem „ganzen Israel“. Wann ist diese Zeit beendet? Dann, wenn das Ende dieser Welt gekommen ist, Matth. 24,14. Gerade die Endzeitrede Jesu im Matthäusevangelium verdeutlicht dies: Es gibt nur diese eine Heilszeit für alle Menschen auf dieser Erde. Und in dieser Heilszeit werden die Erwählten aus der Heidenschaft (Fülle der Heiden) und die Erwählten aus der Judenschaft (Vollzahl, das ganze Israel) zum rettenden Glauben an den Messias Jesus von Nazareth durch das Evangelium gebracht. So wenig, wie alle aus der leiblichen Heidenschaft errettet werden, so wenig alle aus der leiblichen Judenschaft. Beide Male ist es nur ein Teil – aber alle Erwählten (diese werden auch durch die 144.000 in Offenbarung 7 dargestellt, einer bildlichen Zahl).

Die Zahl, V. 12, wird voll, wenn alle Erwählten aus der leiblichen Judenschaft zum Glauben an Jesus Christus, dem Heiland der Welt, gekommen sind. Dann kommt der Jüngste Tag und mit ihm die Auferweckung der Toten, die leibliche Auferstehung und damit der Übergang in die Herrlichkeit für alle, die im Glauben an Jesus Christus entschlafen sind oder zu dem Zeitpunkt an ihm glaubten.

An dem Bild des Ölbaums führt der Apostel das näher aus (V. 17 ff.): Der Anbruch oder die Erstlinge, das ist ein Bild, das genommen ist aus dem alttestamentlichen Opferdienst, von den Erstlingen, die Gott geweiht waren. Das sind die Patriarchen und Erzväter, die wurzelten im Glauben an den Messias und durch diesen Glauben selig wurden. Aus dieser Wurzel und den Erstlingen ging der Ölbaum, das an den Messias gläubige alttestamentliche Gottesvolk (das geistliche Israel des Alten Testamentes) hervor. Aus diesem Ölbaum wurden dann diejenigen ausgebrochen, die zwar bevor Jesus Christus auf Erden kam messiasgläubig waren, dann aber, als der Messias wirklich da war, sich weigerten, Jesus von Nazareth als den Messias anzuerkennen. Nun wurden wilde Zweige eingepfropft, also solche, die aus der Heidenschaft zum Glauben an Jesus Christus kamen. Und es werden solche Zweige wieder eingepfropft, die aus dem leiblichen Israel zum Glauben an den Messias kommen. So ist der Ölbaum ein Bild für das geistliche Israel aller Zeiten.

 

Exkurs II: Abraham, der Vater des Glaubens:

Unter einem anderen Aspekt beschreibt der Heilige Geist durch den Apostel Paulus das Gleiche, wenn er von Abraham als dem Vater des Glaubens in Galater 3 spricht. Wer gehört zu Abrahams Kindern? Leiblich hat Abraham gewiss auch viele Kinder gehabt und hat sie noch, nämlich viele der heutigen Judenschaft und auch etliche, die nicht offiziell zur Judenschaft gehören. Aber viel wichtiger ist die geistliche Vaterschaft Abrahams. Und wer ist also geistlich zu den Kindern Abrahams zu rechnen? So erkennet ihr ja nun, dass, die des Glaubens sind, das sind Abrahams Kinder. (V. 7) Nur der Glaube an den Messias Jesus macht geistlicherweise zu einem Kind Abrahams. Keiner, der in seinem Judentum und damit in der Rebellion gegen Jesus Christus verharrt, kann zu den geistlichen Kindern Abrahams gerechnet werden. Alle Gläubigen des Alten Bundes sind messiasgläubig gewesen. Es hat seit dem Sündenfall keinen anderen rettenden Glauben gegeben als allein denjenigen an den verheißenen Heiland der Welt, den Messias, der damals noch kommen musste, in der Fülle der Zeit aber gekommen ist.

Zu diesen geistlichen Kindern Abrahams aber gehören damit nicht nur solche, die aus der Judenschaft zum Glauben an Jesus Christus kommen, sondern auch solche aus der Heidenschaft: Die Schrift aber hat es zuvor ersehen, dass Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündigte sie dem Abraham: In dir sollen alle Heiden gesegnet werden. (V. 8) Zu den Kindern Abrahams gehören also, geistlicherweise, die Christusgläubigen aus den Juden wie die Christusgläubigen aus den Heiden. Sie alle sind Abrahams Same, Abrahams geistliche Nachkommen: Seid ihr aber Christi, so seid ihr ja Abrahams Same und nach der Verheißung Erben. (V. 29)

 

Wenn wir also nochmals die Anfangsfrage aufgreifen: Was ist zu dem Vorwurf zu sagen, dass die „Kirche“ Israel enterbt habe? Dieser Vorwurf ist falsch. Hinter ihm steckt ein völlig falscher Begriff von dem, was Kirche ist. Darin wurden über Jahrhunderte vielfach nur die Heidenchristen gesehen. Das ist natürlich völlig schief und hat einer falschen Auffassung Vorschub geleistet. Es steckt hinter diesem Vorwuf aber auch ein falscher Begriff überhaupt von Gottes Volk. Es wird da nicht geistlich, sondern fleischlich, leiblich gesehen, nämlich mit dem leiblichen Israel identifiziert anstatt mit dem Geistlichen, ein Vorgang, der schon den Aussagen des Alten Testaments widerspricht. Gottes geistliches Volk war schon im Alten Testament nur der messiasgläubige Teil des leiblichen Israel, die Schar der von Ewigkeit her zur Rettung durch den Glauben an den Messias Erwählten jener Zeit. Die anderen, auch damals die Mehrzahl, gehörten zwar zum leiblichen Israel, aber nicht zum geistlichen Israel, dem geistlichen Gottesvolk. Und so ist es auch jetzt. Wenn die Gemeinde Jesu Christi, völlig berechtigt, sich als das neutestamentliche geistliche Israel ansieht, so hat sie völlig recht. Das gilt aber nur für die Gemeinde Jesu Christi im eigentlichen Sinne, also die verborgene Gemeinschaft des Glaubens an den Heiland Jesus Christus. Denn zur äußeren Versammlung um Wort und Sakrament gehören, wie zum leiblichen Israel im Alten Testament, Gläubige wie Ungläubige (Heuchler, Scheinchristen). Zur verborgenen Gemeinschaft des Glaubens aber gehören die Messias- oder Christusgläubigen aus der Juden- wie aus der Heidenschaft. Das geistliche Israel aller Zeiten als das wahre, das geistliche Gottesvolk, das sind immer nur die Messiasgläubigen gewesen, im Alten wie im Neuen Bund. Es ist daher ein (geistliches) Gottesvolk, von der Zeit Adams und Evas an bis zur Wiederkunft Jesu Christi am Jüngsten Tag, nämlich das Gottesvolk der an den Messias Jesus Gläubigen.

 

Wie aber sind dann das heutige Judenvolk und der heutige Staat Israel zu beurteilen? Jesus Christus hat in seiner Lehre deutlich gesagt, dass dies Geschlecht (das jüdische Volk) nicht vergehen wird, bis er wiederkommt. Das jüdische Volk ist also ein Zeichenvolk, wie es einst auch General Zieten dem gottlosen König Friedrich II. von Preußen gegenüber bezeugte. An diesem Volk sollen alle Völker, gerade auch die Menschen der äußeren, leiblichen Christenheit, Gottes Heiligkeit, Zorn, Gericht erkennen, wenn sie sehen, wie Gott die Rebellion Israels gegen den Messias gestraft hat. An diesem Volk können wir aber auch Gottes Gnade ablesen, dass er einem Teil dieses Volkes nun die Rückkehr in das einstige Land Kanaan gestattet hat, obwohl doch keinerlei Voraussetzungen von Seiten der Juden vorhanden sind. Denn die Rebellion der Juden gegen den Messias hält zu einem ganz überwiegenden Teil an. Der Staat Israel ist nicht auf messianischer Grundlage gebaut, sondern auch sozialistisch-marxistischer und jüdischer. Die Aggressivität gerade der sogenannten „orthodoxen“ Juden gegen die Gemeinde Jesu, besonders die messianischen Juden, ist furchtbar. Es liegt keinerlei Buße des größten Teils der Judenschaft vor, kein Gehorsam gegen Gottes Ordnung. Dass also ein Staat der Juden heute existiert, das hat nichts mit irgendwelchen Verheißungen in der Bibel zu tun, das ist ein purer Gnadenakt Gottes, dass er doch durch seinen Langmut etliche aus Israel wie aus den Heiden zum Glauben an den Messias reize.

 

 

Was lehrt uns Paulus über unsere Haltung gegenüber dem Volk der Juden?

 

Von

Roland Sckerl

 

Wie sollen wir uns als Christen zu dem heutigen Volk der Juden stellen? Auch dazu finden wir in der Heiligen Schrift Gottes Wegweisung, und zwar gerade durch den Apostel Paulus, der selbst aus dem jüdischen Volk stammte, von seinen eigenen Volksgenossen verfolgt wurde und immer wieder gerade auch unter ihnen missionierte, wie wir in der Apostelgeschichte lesen.

 

1. In 1. Thessalonicher 2,14-16 lesen wir: Denn ihr seid Nachfolger geworden, liebe Brüder, der Gemeinden Gottes in Judäa in Christus Jesus, dass ihr ebendasselbe erlitten habt von euren Blutsfreunden, das jene von den Juden, welche auch den Herrn Jesus getötet haben und ihre eigenen Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind gegen alle Menschen, wehren uns, zu sagen den Heiden, damit sie selig würden, auf dass sie ihre Sünden erfüllen allewege; denn der Zorn ist schon endlich über sie gekommen.

Diese Worte machen sehr deutlich: Paulus verschweigt nicht, wie die Juden zu Jesus Christus und der christlichen Gemeinde stehen. Er verschweigt nicht, dass sie Jesus Christus, ihren Messias und Heiland der ganzen Welt, umgebracht haben und ebenso auch die Propheten, die Gott ihnen gesandt hatte, sie zur Umkehr zu rufen. Und er verschweigt auch nicht, dass sie auch diejenigen, die zum Glauben an den Messias Jesus gekommen sind und die Heilsbotschaft auch den Heiden bringen wollen, bedrängen, verfolgen, sie zu hindern suchen, wo es nur geht. Und er macht auch deutlich, dass all dies Anzeichen sind, dass sie unter dem Zorn Gottes stehen.

Diese sehr ungeschminkten Worte des Apostels wollen uns bewahren vor einer falschen Glorifizierung des jüdischen Volkes, der jüdischen Geschichte, des heutigen Staates Israels. Gerade das geschieht ja sehr häufig in vielen christlichen Kreisen, besonders bei solchen, die der Irrlehre des Chiliasmus verfallen sind und von einer allgemeinen Judenbekehrung und einem irdischen tausendjährigen Friedensreich träumen. Als Christen aber sollten wir wahrhaftig sein und darum auch im Blick auf den Staat Israel und das jüdische Volk Falsches falsch und Sünde Sünde nennen. Wir dürfen vor allem nicht vergessen, dass das heutige Judentum sich grundlegend vom Judentum des Alten Testamentes unterscheidet, eben weil es in fortgesetzter Rebellion gegen seinen Messias, Jesus von Nazareth, den Heiland und Retter der Welt steht, und damit in Rebellion gegen den dreieinigen Gott. Das heißt auch: Wir müssen es deutlich bezeugen, dass es auch für Juden keinen anderen Weg zum Heil gibt als den, dass sie allein aus Gnaden, um Christi Verdienst willen, allein durch den Glauben an den Messias Jesus gerettet werden (siehe auch Römer 9,30-10,4). Jeder Versuch, die Mission unter Israel zu unterbinden, wie es etwa von den Landeskirchen geschieht, ist zutiefst unbiblisch und ein Angriff auf Christi Erlösungswerk.

 

2. In Römer 9,1-5 beschreibt uns der Apostel Paulus, wie sein Herz gegenüber seinem Volk gesonnen ist: Ich sage die Wahrheit in Christo und lüge nicht, des mir Zeugnis gibt  mein Gewissen in dem Heiligen Geist, daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen  habe. Ich habe gewünschet, verbannet zu sein von Christo für meine Brüder, die  meine Gefreundeten sind nach dem Fleisch, die da sind von Israel, welchen gehört die Kindschaft und die Herrlichkeit  und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißung; welcher auch sind die Väter, aus welchen Christus herkommt nach dem  Fleische, der da ist Gott über alles, gelobet in Ewigkeit! Amen.

Trotz der rebellischen Grundhaltung des jüdischen Volkes, trotz all dem, was er daher selbst von ihnen erlitten hatte, liebte der Apostel Paulus dennoch das jüdische Volk und hatte „große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass“ in seinem Herzen.

Seine brennende Liebe ging so weit, dass, sollte es möglich sein, was aber unmöglich ist, er sogar bereit gewesen wäre, für sesine Volksgenossen nach dem Fleisch von Christus verbannt zu werden, wenn sie dann zum rettenden Glauben an den Messias kämen. Äußerlich haben sie ja durch das Alte Testament alles, was als Voraussetzung nötig ist, um das Evangelium zu erfassen und an Jesus von Nazareth als den Messias zu glauben. Aber sie erfassen es nicht. Paulus vergisst dabei auch nicht, dass nur ein Überrest aus Israel schließlich doch noch zum Glauben kommt, der größere Teil aber verstockt ist und verloren gehen wird.

So sollen auch wir – neben der Liebe zu dem Volk, in das Gott uns hineingestellt hat, ihm das Evangelium zu bringen – auch Liebe gerade zu dem Volk der Juden haben, mit dessen Vorvätern wir eins sind im Glauben an den Messias, dem Volk, aus dem ja Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, einst Mensch geboren wurde. Unser Bestreben sollte es daher sein, Kontakte zu Juden zu bekommen, mit dem Ziel, ihnen das rettende Evangelium zu bringen. Gerade die Mission unter dem Volk der Juden ist Zeugnis der Liebe zu ihm; Verweigerung der Mission dagegen das Schrecklichste, was wir dem Volk der Juden antun können.

Unsere besondere Liebe sollte dabei den messianischen Juden gelten, also denen aus der Judenschaft, die zum Glauben an Jesus von Nazareth als dem Messias gekommen sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                                            

                                                                                                                                            

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



1 Mir ist nicht bekannt, welche Quellen O. Hardeland für diese Aussage zu Grunde lagen. Tatsache ist, dass Gregor VII. 1078 den Juden jegliche amtliche Stellung in christlichen Ländern verbot. (Nahum T. Gidal: Die Juden in Deutschland. Köln 1997. S. 34) Unter Innozenz III. schloss das 4. Laterankonzil 1215 die Juden von allen handwerklichen Berufen aus und drängte sie so in die Rolle von Pfandleihern, Geldwechslern und Zinsnehmern (a.a.O. S. 40) und verordnete ihnen (und den Moslems) eine Tracht, die sie deutlich von den Christen unrterscheiden sollte (a.a.O. S. 43) (was allerdings die weltliche Obrigkeit zumeist nicht durchführte). Der Talmud wurde 1553 und 1554 in Venedig auf Geheiß von Papst Julius III. verbrannt (a.a.O. S. 77). (Anm. d. Hrsg.)

2 Diese Worte Luthers widersprechen keineswegs, wie Hardeland meinte, den anderen Aussagen. Das „ganze Israel“, das Luther hier anführt, bezieht sich ja nicht auf das ganze fleischliche Israel, sondern vielmehr auf die Vollzahl der aus Israel erwählten. Und dieser Teil aus Israel ist es ja, der zwar auch mit Blindheit geschlagen ist, aber dessen Blindheit durch das Evangelium überwunden wird, der also zum Glauben an Jesus von Nazareth als den Messias kommt. Und dieses „ganze Israel“, das sind durch die Jahrhunderte hindurch die Einzelnen aus der Judenschaft, die zum Glauben kommen, so, wie Paulus selbst auch das Nichtverworfensein Israels damit begründet, dass er, der einzelne Jude, durch den Glauben an Jesus Christus gerettet wurde. (Anm. d. Hrsg.)

3 Diese Darlegung zeigt sehr deutlich, dass ein himmelweiter Unterschied zwischen Luther und seiner Stellung zu den Juden einerseits und den Nationalsozialisten und anderen Antisemiten andererseits besteht. Letztere sind von Feindseligkeit und Hass, dazu zumeist von Rassenwahn und Nationaldünkel getrieben. Luther dagegen war geprägt von christlicher Liebe und Ringen für die Juden, damit sie doch vor der ewigen Verdammnis bewahrt würden, zur Rettung und ewigem Heil in Jesus Christus kämen. Dass er dabei den früheren Weg verlassen, dass er das geduldige Ringen in Milde und gütiger Barmherzigkeit aufgegeben hat, das ist allerdings sehr zu bedauern; und es ist erfreulich, dass diesen späten Ratschlägen letztlich kein evangelischer Fürst gefolgt ist. Das tiefe Anliegen Luthers aber, mit dem er völlig eins war mit dem Apostel Paulus, dass doch Juden zum Glauben an den Messias Jesus von Nazareth kämen, ist in der lutherischen Kirche lebendig geblieben und hat, besonders seit Edzardi Ende des 17. Jahrhunderts, zu immer neuen Anstrengungen in der Missionsarbeit unter Juden geführt, bis zum heutigen Tag (etwa jetzt von der Finnischen Lutherischen Mission, der Dänischen und der Norwegischen Israelmission und dem Caspari-Institut in Jerusalem). (Anm. d. Hrsg.)

1 Damit ist nicht gemeint, dass Christen aus der Judenschaft nicht eigene messianische Gemeinden, auch eine eigene messianische Kirchengemeinschaft bilden dürften; das dürfen sie selbstverständlich, das steht ihnen völlig frei. Gemeint ist hier, dass Juden als jüdische Religionsgemeinschaft neben der Kirche Jesu Christi eine eigene Religionsgemeinschaft bilden und haben. (Anm. d. Hrsg.)