Beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet! Apg. 2,42

DER BEKENNTNIS-

LUTHERANER

 

Lutherisches Blatt für Bibelchristentum.

Mit Zustimmung der Lutherischen Kirchen der Reformation (Lutheran Churches of the Reformation, LCR) herausgegeben von Roland Sckerl,  Leopoldstr. 1, D-76448 Durmersheim; Tel.:07245/83062; Fax: 07245/913886

e-mail: Sckerl@web.de

 

11. Jahrgang 2004                                  Heft 1/2004

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

. 1

UNTER LUTHERS KANZEL UND KATHEDER     2

Vom Wort Gottes oder der heiligen Schrift 2

Was das Wort Gottes ist 2

Von wem es gegeben und geoffenbart sei 2

Alle Schrift deutet vornehmlich auf Christus. 2

Machet die Vernunft zur Närrin. 2

Bei dem Wort ist der Heilige Geist 2

BIBLISCHE LEHRE UND PRAXIS... 3

Inspiration, Irrtumslosigkeit und Unverbrüchlichkeit der Heiligen Schrift 3

. 6

Thesen und Antithesen zur Lehre von der Heiligen Schrift  7

Die Theologie des Ich und die dialektische Theologie. 8

Von der Auslegung des Wortes Gottes. 10

 

 

 

 

 

 

Vorwort

 

    Seit einiger Zeit ist die Bibel als Gottes Wort auch in den Kreisen, die sich im evangelikalen Bereich gerne als „Bibeltreue“ bezeichnen umstritten. Mit seiner „Hermeneutik der Demut“ hat Pfarrer Hempelmann genau diejenigen Dinge eingeführt, die im landeskirchlichen wie freikirchlichen Bereich schon vor bald fünf Jahrzehnten bei den Konservativen für Aufsehen, Aufregung und Verwirrung gesorgt haben, nämlich die Behauptung, dass doch Weltbilder in der Bibel enthalten seien, dass man doch den religionsgeschichtlichen Kontext berücksichtigen müsse und dass doch Jesus sich den Auffassungen seiner Zeit (und damit dem Irrtum, dem Falschen!) angepasst habe. Diese Auseinandersetzung hat bis heute keinen befriedigenden Abschluss gefunden, im Gegenteil. Der „Kompromiss“ stellt eine Akzeptanz dieser Irrlehre dar und soll zugleich deren Gegner hindern, sie als das, was sie ist, eben falsche Lehre, auch zu brandmarken. Ein sehr geschickter Schachzug.

    Dieses Heft soll daher in besonderem Maße der Lehre über die Heilige Schrift gewidmet sein und darlegen, was das bibel- und bekenntnistreue Luthertum von der Heiligen Schrift bekennt und lehrt.

 

 

 

UNTER LUTHERS KANZEL UND KATHEDER

 

 

Vom Wort Gottes oder der heiligen Schrift

 

Was das Wort Gottes ist

    Die heilige Schrift ist Gottes Wort, geschrieben und (dass ich’s also rede) gebuchstabet und in Buchstaben gebildet gleich wie Christus ist das ewige Gotteswort, in die Menschheit verhüllet. Und gleich wie Christus in der Welt gehalten und gehandelt ist, so gehet’s dem schriftlichen Gotteswort auch. Es ist ein Wurm und kein Buch, gegen andere Bücher gerechnet. Denn solche Ehre mit studieren, lesen, betrachten, behalten und gebrauchen geschiehet ihm nicvht, wie andern Menschenschriften; wird’s ihm gut, so liegt’s unter der Bank usw. Die andern zerreißen’s, kreuzigen’s, geißeln’s und legen ihm alle Marter an, bis sie es ihrer Ketzerei Sinn, Mutwillen deuten und dehnen, zuletzt gar verderben, töten und begraben, dass es aus der Welt gestoßen und vergessen wird. An seiner Statt aber sitze die Hure mit dem goldenen Kelche, Dekreten, Dekretalen und anderer Rottenbücher. Aber es muss doch bleiben und wieder aufkommen, da hilft kein hüten noch wehren. (Jenaer Ausg., Bd. 8, Fol. 312)

 

Von wem es gegeben und geoffenbart sei

    Die heilige Schrift ist nicht der Juden, nicht der Heiden, auch nicht der Engel, viel weniger der Teufel, sondern allein Gottes, der hat sie allein gesprochen und geschrieben, der soll sie auch allein deuten und auslegen, wo es not ist. Teufel und Menschen sollen Schüler und Zuhörer sein. (Jenaer Ausg. Bd. 8, Fol. 134)

 

Alle Schrift deutet vornehmlich auf Christus

    Der Prophet David hat die Schrift viel anders und mit christlichen Augen angesehen und uns auch also hingewiesen, dass wir sie lernen recht ansehen und verstehen, zeigt den rechten Griff, wohin alle Schrift vornehmlich deutet und zeiget, nämlich auf diesen verheißenen Christus. (Jenaer Ausg., Bd. 7, Fol. 337)

 

Machet die Vernunft zur Närrin

    Wenn’s die Vernunft auf’s Tiefste ansiehet, so ist’s doch eitel Narrenwerk und schier verdrieslich, dass man mit dem Buch soll umgehen und so viel davon halten, das doch nichts redet als von Ziegen und Schafen und von Kinderzeugen. Wie könnt er es doch närrischer vorlegen denn das ist? Sonderlich wenn es soll von heiligen Leuten geschrieben sein. Als diese sollen sein? Aber ich kann nicht dawider. Da liegt’s, wer es besser kann, der tue es, wir wollen zusehen. Wenn St. Hieronymus davon sollt schreiben, so würde eer sagen, man müsste nicht bei der schlichten Historie bleiben, sondern nur den geistlichen Verstand darin suchen, das wollen wir lassen. Ich habe also gesaget: Man sollt also lesen und hören, dass man in allen Gottes Werken nicht mehr ansehe als seinen Willen, Augen, Ohren und alle Sinne zutun und nicht weiter fragen. Ist es Gottes Werk und Wille, so bete es an und trage es auf den Händen. Er hätte auch gar wohl andere Dinge gewusst zu beschreiben, wenns ihm gefallen hätte. (Jenaer Ausg., Bd. 4, Fol. 164)

 

Bei dem Wort ist der Heilige Geist

    Denn er wird nicht von sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden. Hier macht er den Heiligen Geist zu einem Prediger, damit man nicht nach ihm hinauf gen Himmel gaffe (wie die Flattergeister und Schwärmer tun) und von dem mündlichen Wort oder Predigtamt scheide, sondern wisse und lerne, dass er bei und mit dem Wort sein will und durch dasselbe in alle Wahrheit uns leiten, dass wir den Glauben desselben haben und damit kämpfen und erhalten werden wider alle Lügen und Betrug des Teufels und in allen Anfechtungen überwinden. Denn es ist doch keine andere Weise noch Mittel, des Heiligen Geistes Trost und Kraft zu empfinden, wie ich oft aus der Schrift gezeiget und selbst erfahren habe. Denn ich bin auch ein halbgelehrter Doktor, damit ich mich nicht zu hoch rühme über die hohen Geister, die längst über alle Schrift hinauf in die Wolken gefahren und sich dem Heiligen Geist unter die Flügel gesetzt. Aber das hat mich die Erfahrung allzu oft gelehret, wenn mich der Teufel außerhalb der Schrift ergreifet, da ich anfange mit meinen Gedanken zu spazieren und auf gen Himmel zu flattern, so bringet er mich dazu, da ich nicht weiß, wo Gott oder ich bleibe. Also will er diese Wahrheit (so er im Herzen lehren soll) angebunden haben, dass man Vernunft und alle eigenen Gedanken und Fühlen hintan setze und allein an dem Wort hange und es für die einige Wahrheit halte. Regieret auch allein dadurch die christliche Kirche bis ans Ende.

    Will haben einfältige Schüler und den Meister und Offenbarer, den Heiligen Geist. (Hauspostille übers Evangelium am Ostermontag.) So sehe nur ein jeder zu, dass er ein einfältiger Schüler sei der Heiligen Schrift, denn weise Leute kommen nicht darein, die Schrift bleibet ihnen verschlossen. St. Augustinus klaget, dass er erstlich mit freier Vernunft in die Schrift gelaufen sei und neun ganze Jahre darinnen studieret, habe wollen die Schrift mit der Vernunft begreifen. Aber je mehr er darinnen sutdieret habe, je weniger habe er davon verstanden, bis er endlich mit seinem Schaden erfahren hat, dass man müsse der Vernunft die Augen ausstechen und sagen: Was die Schrift saget, das lasse ich mit der Vernunft ungeforschedt, sondern glaube es mit einfältigem Herzen. Wenn man das tut, so wird die Schrift hell und klar, die zuvor finster war. Also sagt auch St. Gregorius (dass mich wunder nimmt, wie der Mann zu dem guten Spruch gekommen ist): Scriptura sancta est fluvius, in quo agnus peditat et elephas natat. Die Heilige Schrift ist ein Wasser, darinnen ein Elephant schwimmet und ersäuft, aber ein Lamm gehet hindurch als durch einen seichten Bach. Zusammengefasst: Es tut’s nicht, wenn man die heilige Schrift mit der Vernunft lieset, aber wenn die Offenbarung dazu kommt, wie hier den Jüngern geschiehet, das tuts.

    Denn in dies Buch, das da heißt die heilige Schrift, gehöret kein kluger Meister noch Zänker. Gott hat andere Künste gegeben, Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Philosophie, Juristerei, Medizin. Da sei klug, zanke, forsche und frage, was recht und unrecht sei. Aber hier in der Heiligen Schrift und Gottes Wort lass das Zanken und Fragen anstehen und sprich: Das hat Gott geredet, darum glaub ich’s. Hier gilt es nicht disputieren und fragen, wie oder was? Sondern es heißt: Lass dich taufen und glaub an des Weibes Samen Jesus Christus, wahrhaftiger Gott und Mensch, dass du durch sein Sterben und Auferstehung habest Vergebung der Sünden und das ewige Leben. Frage nicht, warum und wie kann das sein? Tust du das, so wird dir dein Herz brennen und wirst Lust und Freude davon haben, willst du aber zanken und fragen, wie kann das sein, so bist du schon von der Wahrheit und dem Verstand der Schrift. Diese Jünger zanken und fragen nicht, sondern binden sich an des Herrn Christus Wort und hören, was er sagt. Da gehet ihnen auch das Wort mit aller Gewalt ein und wird ihr Herz also erleuchtet, dass sie keinen Zweifel daran haben, sind lustig, hitzig und fröhlich, als wären sie durch ein Feuer gegangen. (Jenaer Ausg., Bd. 7, Fol. 193)

 

 

BIBLISCHE LEHRE UND PRAXIS

 

 

Inspiration, Irrtumslosigkeit und Unverbrüchlichkeit der Heiligen Schrift

 

Von

Wallace H. MacLaughlin

 

Referat, gehalten auf der zweiten Jahresversammlung

der Orthodox Lutheran Conference (OLC)

im August 1952

 

1. Die Inspiration der Heiligen Schrift

 

    Die Heilige Schrift ist das Wort Gottes, denn sie ist göttlich inspiriert. Um diese These zu beweisen, ist nicht mehr erforderlich, als einfach das Formalprinzip der Christenheit auszuführen, nämlich dass die Schrift die einzige Quelle und Norm alleer Lehre ist, damit auch der Lehre über die Inspiration der Schrift. Drei Stellen sind vor allen anderen der Sitz der Lehre der Verbalinspiration. Wir geben sie in buchstäblicher Übersetzung wieder nach den besten Lesarten des griechischen Originals. 2 Timotheus 3,16: „Alle Schrift ist gottgehaucht.“ 2 Petrus 1,21: „Getrieben vom Heiligen Geist haben Männer aus Gott gesprochen.“ 1 Korinther 2,13: „Welche Dinge wir auch sagen, nicht in Worten, die menschliche Weisheit lehrt, sondern in (Worten), die der Geist lehrt und behandeln geistliche Dinge mit geistlichen Worten.“ Im Hinblick auf die erste Stelle, ist die extreme Einfachheit des Satzbaues zu beachten. Das erste prädikative Adjektiv des Satzes, „gottgehaucht“, sagt alles aus über das Subjekt, „Schrift“, oder das geschriebene Wort Gottes. Das zweite prädikative Adjektiv, „nütze, nützlich“, ist mit dem ersten verbunden durch das Bindewort „und“. Der arminianische reformierte Theologe Grotius und spätere Übersetzer und Ausleger, für die dogmatische Voraussetzungen mehr Gewicht haben als die griechische Grammatik, haben versucht, das verbale Adjektiv „gottgehaucht“ direkt mit dem Subjekt in einer attributiven Stellung zu lesen: „Alle gottgehauchte Schrift ist nützlich.“ und ließen so die Möglichkeit offen, dass manche Schrift nicht gottgehaucht und daher nicht nützlich wäre. Aber das „und“ verbietet diese Lesart, denn dieses Bindewort kann nicht das Subjekt mit dem Prädikat verbinden, wie es sein müsste, wenn „gottgehaucht“ als zum Subjekt und nicht zum Prädikat gehörend angesehen werden müsste. Dass Luther, der nicht von solch einer dogmatischen Voraussetzung herkam wie Grotius und andere, unglücklicherweise diesen Abschnitt in einer ähnlichen Weise übersetzte, ist vielleicht auf den Einfluss der lateinischen Vulgata zurückzuführen, der Bibel aus Luthers Jugend, die das „und“ nicht übersetzt, obwohl dieses Bindewort unzweifelhaft zum ursprünglichen griechischen Text gehört. 2 Timotheus 3,16 gibt klar an, dass nicht nur die Gedanken, sondern auch die geschriebenen Wörter und die Ordnung und Zusammenstellung der Wörter, all das, was die Schrift ausmacht, von Gott sind. Das „bewegt“ oder „getrieben“, wovon 2 Petrus 1,21 spricht, und das fachlich bekannt ist als „Impuls zum Schreiben“, umfasst beides, die innere Erleuchtung des Sinnes und das Eingeben solcher Dinge, die gesprochen oder geschrieben werden, wie auch die äußere Bewegung, so dass Zunge und Feder nicht weniger wie Sinn und Geist durch jenen Impuls machten, was immer sie machten, so dass nicht nur der Inhalt oder die Sache eingegeben wurden, sondern auch die Worte in den Mund gegeben oder in die Federn der Männer Gottes diktiert wurden, als seinen eigenen Gehilfen, durch den Heiligen Geist. Hier sei des weiteren angemerkt, dass das Partizip „bewegt“ odeer „getrieben“ den Menschen zugeschrieben werden kann, während „eingegeben“ oder „gottgehaucht“, wie es in 2 Timotheus 3,16 verwendet wird, nur von der Heiligen Schrift gesagt werden kann, von den Worten (gesprochen oder geschrieben), die sie „sprachen aus Gott“ Die Männer wurden „bewegt“, „gottgehauchte“ Wörter „aus Gott“ zu sprechen, und daher wird von ihnen als von „Männern, getrieben von dem Heiligen Geist“ gesprochen. In 1 Korinther 2,13, wo zwar das Subjekt die erste Person Plural („wir“) ist, wird die Eigenschaft „vom Geist gelehrt“ (die gewiss auch den Menschen zugeschrieben werden kann, ohne dem griechischen Ausdruck Gewalt anzutun) nichtsdestoweniger nicht direkt mit dem Subjekt verbunden (also z.B. „gelehrt vom Geist sprechen wir“), sondern mit den Wörtern, die das Subjekt verwendet: „welche Sachen wir auch reden ... in (Worten), die der Geist lehrt“.

 

    1. Verbalinspiration, nicht „Real-Inspiration“ noch „Personal-Inspiration“. Die Schrift, von der die Inspiration ausgesagt wird („alle Schrift ist von Gott eingegeben“ oder „gottgehaucht“) bestehen nicht aus Dingen (relia) oder Personen, sondern aus geschriebenen Wörtern. In 2 Petrus 1,21 haben die heiligen Männer Gottes, „getrieben von dem Heiligen Geist“, nicht nur Gedanken nachgedacht oder hervorgebracht, sondern sprachen oder brachten hervor Wörter, „sprachen aus Gott“. Dass dieses „Sprechen“ sich auf die geschriebenen Wörter der Heiligen Schrift bezieht, ist klar durch Vers 20, wo die Wörter, die sie aus Gott redeten, als „Weissagung der Schrift“ bezeichnet werden. Vergleiche dazu 1 Korinther 14,37: „Erkenne, dass die Dinge, die ich euch schreibe, die Gebote des Herrn sind.“ Daher sind die Objekte der Eingebung nicht die Schreiber (die ihre Werkzeuge sind), sondern Bücher, Geschriebenes, Wörter. Die Schrift sagt also, dass die Schrift (die aus Wörtern, verba, besteht) inspiriert ist. Was die Wörter im Einzelnen angeht, so vergleiche dazu 1 Korinther 2,13: „Welches wir auch reden, nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehret, und richten geistliche Sachen geistlich.“, was zeigt, dass es den Aposteln nicht überlassen wurde, die göttlichen Gedanken in ihren eigenen Wörtern auszudrücken, sondern dass ihnen die Wörter durch Gottes Geist gegeben wurden.In dieser Stelle werden die Wörter von den druch die Wörter mitgeteilten Sachen unterschieden.

    Das Verhältnis des Heiligen Geistes zu den Schreibern der Heiligen Schrift wird in der Heiligen Schrift sehr klar dargelegt, wenn gesagt wird, dass der Herr oder der Heilige Geist, „durch“ die menschlichen Schreiber sprach (Matth. 1,22 und 2,15; Apg. 1,16 und 4,25; Luk. 1,70), mit dem Ergebnis, dass diese durch Menschen gesprochenen Wörter nicht ihr Wort waren, sondern Gottes oder des Heiligen Geistes Wort („was Gott geredet hat“, Röm. 3,2). Paulus bezeugt sowohl von seiner geschriebenen wie von sseiner mündlichen Verkündigung, dass das Wort Gottes ist (1 Kor. 14,37; 1 Thess. 2,13). So waren die heiligen Schreiber die Organe oder Werkzeuge des Heiligen Geistes, um Sein Wort den Menschen in geschriebener Form mitzuteilen. Um diese Beziehung auszudrücken, die Beziehung nämlich einer bloßen Instrumentalität, wodurch sie nicht ihre eigenen sondern Gottes Wort schrieben, haben die Kirchenväter und die alten lutherischen Theologen in voller Übereinstimmung mit der Schriftlehre (vergleiche den Ausdruck „Mund“, verwendet in den obigen Zitaten, und „Stimme eines Predigers in der Wüste“, womit Johannes der Täufer sich selbst und seine Aufgabe beschreibt, Joh. 1,23; auch: „meine Zunge ist ein Griffel eines guten Schreibers“, Ps. 45,2, und: „Der Geist des Herrn hat durch mich geredet, und seine Rede ist durch meine Zunge geschehen.“ 2 Sam. 23,2) die Begriffe verwendet: „Helfer (amanuenses), Sekretäre, Hände, Griffel“. Im „Lutheran Witness“ vom 25. Juli 1950 schreibt Dr. Wm. Arndt, dass „solch ein bloßer Diktatprozess den ausdrücklichen Aussagen der Schrift Gewalt antue“, aber er war nicht in der lage, uns mitzuteilen, welchen Schriftaussagen durch solch eine Sprache der alten Kirchenväter, der alten lutherischen Theologen und vieler Theologen der Synodalkonferenz damit Gewalt angetan würde. Die oben gezeigten Zitate zeigen wilmehr, dass sie diese Weise, die Beziehung der heiligen Schreiber zu dem Heiligen Geist darzustellen, nämlich als seine Organe und Instrumente, um Sein Wort den Menschen in schriftlicher Form mitzuteilen, von ausdrücklichen Schriftaussagen lernten. „Indem er ihnen Worte in ihren Sinn gab“ (Katechismus, Frage 10) oder „die Schrift wurde durch Inspiration gegeben“ wird ganz passend auch „Diktat“ genannt. Es ist so zutreffend, das Geben von Worten in den Sinn ein Diktat zu nennen, wie es zutreffend ist, es ein Geschenk zu nennen, wenn wir jemanden etwas in seine Hand geben. Mit „Diktat“ ist nichts „Mechanisches“ verbunden, denn nur durch Auffassungsgabe kann ein Diktat aufgenommen und das Diktierte anderen intelligenten Wesen übermittelt werden. Moderne Diktiergeräte „nehmen“ kein „Diktat auf“, sondern geben nur die Stimme wieder. Aber Diktieren ist die Mitteilung von Wörtern an den Verstand; und warum soll solch eine Beschreibung (denn es ist nicht mehr als eine Beschreibung und kann nicht zu der fraglichen Würde eine „Diktattheorie“ erhoben werden; vgl. Lenski, Interpretation of Revelation, S. 93 und 94, über diesen Punkt) verworfen werden, wenn dadurch das hohe und unerforschliche Wunder Gottes, wodurch er Seine Worte einem menschlichen Sinn mitteilte, einem Kind klargemacht werden kann?

 

    Es ist nötig, dass ein weiteres Wort gesagt wird zu dem Verhältnis des Heiligen Geistes zu den menschlichen Schreibern, und zwar im Hinblick auf die feststellbare Tatsache, dass es große Unterschiede im Stil und der Anlage bei den verschiedenen Gehilfen gibt, die Gott eingesetzt hat. Eine „mechanische Theorie“ der Inspiration wäre auf die Notwendigkeit reduziert zu versuchen, diese feststellbare Tatsache hinweg zu erklären. Aber diejenigen lutherischen Dogmatiker, die die biblische Lehre der Verbalinspiration am entschiedensten festhalten, haben keine Schwierigkeit, diese Tatsache zuzugeben und ihr Rechnung zu tragen, ohne in irgendeiner Weise ihre kompromisslose Feststellung, dass allein der Heilige Geist der Verfasser ist, zu ändern. Da Johann Andreas Quenstedt, 1617-1688, oft von denen, die seine Werke nicht kennen, angeführt wird als einer der schlimmsten Vertreter der Anhänger der „mechanischen Theorie“, so werden wir zitieren, was dieser große Theologe zu sagen hat über die Herablassung des Heiligen Geistes, indem er sich selbst der persönlichen und individuellen literarischen Stile der heiligen Schreiber anpasste, so dass diese letzteren bewahrt wurden. „Es muss unterschieden werden zwischen der Art zu sprechen und den tatsächlichen Sätzen, Wörtern und Ausdrücken. Die Schreiber verdanken ihre Art zu sprechen dem alltäglichen Gebrauch und Herkommen, oder auch der Erziehung, und so kommt auch die Verschiedenheit gerade im prophetischen Stil auf.. Da sie nämlich erzogen und gewöhnt waren an eine mehr gehobene oder an einen mehr umgangssprachliche Weise zu sprechen und zu schreiben, so war der Heilige Geist gewillt, sich selbst anzupassen und ließ sich herab zu der Veranlagung der Menschen und sagte so dieselben Dinge einmal durch eine mehr vornehme, durch andere auf eine mehr einfache Weise; aber dass die heiligen Schreiber gerade diese und keine anderen Sätze schrieben, diese und keine anderen Wörter und Ausdrücke, das kommt allein durch die göttliche Anregung und Inspiration. Denn der Heilige Geist passte sich der Fähigkeit und Veranlagung der heiligen Schreiber an, so dass sie die Geheimnisse in der ihnen üblichen Weise zu sprechen wiedergaben. Deshalb gab der Heilige Geist solche Wörter den Gehilfen ein, die sie zu einer anderen Zeit, wenn sie sich selbst überlassen gewesen wären, verwendet hätten.“

    2. Mitteilen der Wörter, nicht nur Leitung, Beistand oder Führung. Als die Verfasser des „Gemeinsamen Bekenntnisses, Teil II“ entschieden, den Ausdruck „wörtlich eingegeben“ im Artikel über „Die Kirche und Erziehung“ zuzulassen, nachdem sie ihn absichtlich vom Lehrartikel über „Das Wort“ ausgeschlossen hatten, sahen sie dreihundert Jahre zurück, um eine Formulierung zu finden, die die Konservativen Missouris beruhigen und die ALC-Vertreter nicht zu einer Lehre verpflichten sollte, die ihr Kirchenkörper im Allgemeinen kaum bereit war anzunehmen. Aber als sie in das 17. Jahrhundert zurücksahen, lernten sie nicht von dem treuen Lutheraner Quenstedt, sondern vielmehr von dem unionistischen Theologen Calixt (+ 1656). Ich behaupte damit nicht, dass irgendein Mitglied dieses Kommitees sich bewusst war, dass er die Sichtweise von Calixt annahm, obwohl es ihnen sehr wohl durch Dr. M. Reu mitgeteilt worden sein könnte, der eine ähnliche Ansicht vertrat, sondern ich sage damit nur, dass die Lehre, die in Teil II des „Gemeinsamen Bekenntnisses“ vorgestellt wurde tatsächlich mit seiner Lehre übereinstimmt. Calixt war in seinem bewussten Eifer, einen Kompromiss mit den Römisch-Katholischen seiner Tage zu erarbeiten, mit dem Problem konfrontiert, eine Formulierung zu entwickeln, die festhielt, dass die Heilige Schrift irrtumslos ist, wie die römischen Theologen es lehrten, und dennoch die klare Lehre der Verbalinspiration vermied, die ihnen als eine spezifisch protestantische Lehrweise anstößig war und einen zu großen Unterschied setzte zwischen der geschriebenen Heiligen Schrift und der Tradition, von der sie behaupten, sie habe gleiche Autorität. Er fand solch eine Formulierung, indem er die Verbalinspiration als göttliche Leitung, Beistand oder Führung und Bewahrung vor Irrtum definierte. Was hier ausgelassen wurde, das ist allerdings gerade der wesentliche Punkt der biblischen Lehre von der „gottgehauchten Schrift“ oder den „geistgelehrten Worten“, nämlich dass Gott der Heilige Geist den Schreibern die Wörter, die sie schreiben sollten, mitteilte oder gab, oder, wie unser Katechismus lehrt, die Wörter den Schreibern in den Sinn gab. Das „Gemeinsame Bekenntnis“, Teil II, zeigt genau die gleiche Auslassung. Wir lesen dort: „Die Heilige Schrift ist Gottes wörtlich eingegebenes Wort, das ist, Gott bewegte die Männer zu schreiben, was er wollte, dass in den Worten wiedergegeben wurde, die er verwendet haben wollte.“ Das ist nichts anderes als die göttliche Leitungs- oder Führungstheorie der Inspiration wie bei Calixt. Gemäß dieser Lehre waren die Schreiber zwar gegen Irrtum behütet, aber was sie schrieben, das waren nicht die Worte Gottes, sondern die irrtumslosen Worte der Menschen unter göttlichem Beistand und Führung. Hier liegt bestimmt kein Diktat vor und auch kein wesentlicher Unterschied zwischen und rechtgläubigen und biblisch richtigen Wörtern menschlicher Lehrer und den Wörtern, die die Apostel und Propheten in der Heiligen Schrift wiedergaben. Wir können von Luthers Kleinem Katechismus sagen, dass Gott ihn bewegte, dieses köstliche kleine Buch zu schreiben, das Gott in den Worten wiedergegeben haben wollte, die er verwendet haben wollte, und dass wir keinen Irrtum, weder in der Substanz noch im Ausdruck in dem gesamten Buch finden können. Und dennoch ist Luthers Kleiner Katechismus nicht inspiriert, denn Gott gab ihm nicht die Wörter, die er hier wiedergab, sondern sie sind das Produkt seines eigenen, von Gott geleiteten, Verstandes; sie sind, abgesehen von den direkten Schriftworten, die dem Katechismus einverleibt wurden, „Worte, die menschliche Weisheit lehret“, eine menschliche Weisheit, die untertänig sich dem Dienste Gottes weihte und sich demütig den „geistgelehrten Worten“ von Gottes Buch unterwarf, gewiss, aber es sind dennoch die Worte Dr. Martin Luthers und nicht die Worte des Heiligen Geistes. Wir müssen von dem „Gemeinsamen Bekenntnis, Teil II“ sagen, was Quenstedt gegen Calixt sagte: „Ein Unterschied muss gemacht werden zwischen einer bloßem göttlichen Beistand und Leitung, wodurch die heiligen Schreiber nur bewahrt wurden davon, von der Wahrheit im Sprechen und Schreiben abzuirren, und demjengein göttlichen Beistand und Führung, die die Eingebung und Diktat durch den Heiligen Geist einschließt. Nicht das erstere, sondern das letztere macht die Schrift gottgehaucht.“ So ist also das Dilemma derjenigen, die das „Gemeinsame Bekenntnis“ zusammenstellten, dass, wenn sie das Diktat des Heiligen Geistes ausschlossen oder dass er die Wörter der Schrift mitteilte, sie durch ihre Definition von Inspiration von der biblischen Lehre, dass die Schrift „gottgehaucht“ ist abfallen; und wenn sie das Diktat durch den Heiligen Geist in ihrer Definition von Inspiration einschließen, oder dass er die Wörter der Schrift mitteilte, so wird die ALC das nicht annehmen. Was in Teil II des „Gemeinsamen Bekenntnisses“ angeboten wurde ist, wie in Teil I, „Personalinspiration“, nicht Wörterinspiration.

 

    3. Vollinspiration, nicht beschränkt auf das, was den Schreibern zuvor unbekannt war oder auf „religiöse Wahrheiten“. Die Inspiration bezieht sich nicht nur auf einen Teil (Haupt- oder wesentliche Sachen, Glaubenslehren, die zuvor den Schreibern unbekannt waren, usw.), sondern auf die „ganze Schrift“. Auch in diese Sache brachte Calixt Verwirrung hinein in die Theologie seines eigenen und späterer Zeitalter. Sein abgeschwächter Entwurf von Inspiration, wie er im vorigen Abschnitt beschrieben wurde, schien nicht annehmbar für solche Teile der Heiligen Schrift, die von den Geheimnissen des Glaubens handelten. Hier benötigten die heiligen Schreiber nicht nur göttlichen Beistand und Führung, um sie vor Irrtum zu bewahren, sondern sie benötigten eine himmlische Offenbarung solcher Dinge, die natürlicherweise den Menschenkindern unbekannt und ihnen nicht erfahrbar sind. Und Calixt unterschied nicht zwischen Offenbarung und Inspiration. Das, was nur durch eine besondere göttliche Offenbarung (im engsten Sinne des Wortes) bekannt sein konnte, das, so gestand er zu, war inspiriert, göttlich mitgeteilt. Menschliche Wesen konnte über solche Dinge nicht sprechen, bevor nicht Gott ihnen gesagt hatte, wie sie sprechen sollten. Aber in dem, was den heiligen Schreibern schon bekannt war, da erachtete er eine bloße göttliche Leitung für ausreichend, um sie davor zu bewahren, irgendetwas zu schreiben, das nicht wahr, schicklich, passend ist. In Übereinstimmung mit der Schriftlehre müssen wir aber bekennen, dass auch im letzteren Fall zwar keine besondere göttliche Offenbarung (im engsten Sinn des Wortes) notwendig war, um ihnen diese Dinge bekannt zu machen, dass sie aber dennoch inspiriert wurden, um diese Dinge wiederzugeben, oder (das Wort in einem weiteren Sinne gebracht, der der Eingebung entspricht) dass den Schreibern offenbart wurde, welche Wörter sie benutzen sollten und welche Umstände sie anführen sollten, wenn sie sie wiedergaben.

    Wie der Mantel des Calixt auf die Verfasser des „Gemeinsamen Bekenntnisses“ gefallen zu sein scheint, im Hinblick darauf, dass sie die göttliche Mitteilung der Wörter auslassen, wie im früheren Abschnitt bemerkt, so wurde sein Erbe völlig übernommen von den Theologen der ULCA und hat die Verfasser des „Vereinigten Zeugnisses von Glauben und Leben“ in der Amerikanischen Lutherischen Konferenz befallen, was die Leugnung der Vollinspiration angeht. Es würde uns zu weit von unserem Bereich wegführen, wenn ich zeigen wollte, wie die ULCA beständig ihre Beschränkung der Inspiration auf das, was sie „die religiösen Wahrheiten der Bibel“ oder „was Gottes Offenbarung und unsere Erlösung betrifft“ nennt, ausführt. Ich habe diesem besonderen Punkt sieben Seiten, als Exkurs III, in meinen Thesen über „Die Lehre der Verbalinspiration und ihre Bestreiter“ gewidmet. Aber es ist angebracht, den Einfluss dieses Irrtums auf die Verfasser desjenigen Dokumentes zu zeigen, das eine Basis für den organischen Zusammenschluss verschiedener Synoden der Amerikanischen Lutherischen Konferenz sein soll, einem Zusammenschluss, mit dem, wie ein Mitglied von Missouris Vereinigungskomitee uns bei der jüngsten Versammlung der Synodalkonferenz mitteilte, seine Synode fortfahren will, Vereinigungsverhandlungen zu führen. Dieses Dokument, überschrieben „Vereinigtes Zeugnis von Glauben und Leben“, gibt folgende Erklärung zur Heiligen Schrift: „Wir glauben, dass die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments das Wort Gottes ist, gegeben durch Inspiration des Heiligen Geistes zum Zweck der Erlösung der Menschen.“ Die Erklärung klingt gut, bis wir bemerken, wie der Zweck in die Definition des Wesens eingeführt wurde, um nämlich dadurch solchen, die die Möglichkeit eines Ausweges benutzen wollen, die Gelegenheit zu geben, vom inspirierten Wort Gottes alles das auszuschließen, was nach ihrer Meinung nicht direkt dem Zweck der Erlösung der Menschen dient. Diese Abschnitte können sie dann ganz bequem der „menschlichen Seite der Bibel“ zuschreiben, auf der in einem anderen Satz dieses Artikels des VZGL eindrücklich bestanden wird.

 

 

2. Die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift

 

    Jedem, der wahrhaftig und ernsthaft an die volle Verbalinspiration der Heiligen Schrift glaubt, muss ihre absolute Irrtumslosigkeit von vornherein feststehen. Eine einzige Erklärung wie diejenige von Titus 1,2, die besagt, dass „Gott nicht lügen kann“, wäre ausreichend, die absolute Irrtumslosigkeit der gesamten Heiligen Schrift zu beweisen, die völlig „gottgehaucht“ ist; denn für den allwissenden Gott gilt nicht wie bei fehlbaren Menschen die Unterscheidung zwischen Lüge und Fehler. Aber es gibt noch andere, spezifischere, Beweise für die Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift, der herausragendste ist das Wort unseres Herrn und Heilandes im Evangelium nach Johannes, Kapitel 10, Vers 35: „Und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.“ Da die Inspiration sich nicht nur auf einen Teil der Heiligen Schrift erstreckt sondern auf die gesamte Schrift, und da die Schrift nicht aus Personen oder Sachen, sondern aus Wörtern besteht, so folgt daraus, dass die Schrift in allen ihren Worten und in jedem ihrer Worte vollkommen irrtumslos ist. Beispiele, wie auf einem einzigen Wort oder der Form eines Wortes der Nachdruck gelegt wird, finden wir in Galater 3,16, verglichen mit 1 Mose 22,18; Matthäus 22,43.44, verglichen mit Psalm 110,1; Johannes 10,35, verglichen mit Psalm 82,6.

 

    Anstatt über den Punkt der Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift zu argumentieren, der doch so selbstverständlich ist für alle, die die Lehre der Schrift von ihrer Inspiration annehmen, wollen wir eine Anzahl von Zeugnissen zu dieser Eigenschaft des Gottesbuches anführen aus den Schriften des gottgebenen Reformators, Dr. Martin Luther, den selbst Sasse falsch darstellt, dass er in diesem Punkt „eine freiere Stellung“ einnehme, und wollen schließen mit zwei wohlbekannten Zitaten aus den Dogmatikern, eines von Quenstedt und das andere von Calov, die in ihrer klassischen Endgültigkeit doch nicht einen Punkt entschiedener sind in ihrem Zeugnis zu dieser Schriftwahrheit als Vater Luther.

 

    Das Zeugnis Luthers: „Die Heiligen können irren in ihren Schriften und können sündigen in ihrem Leben; die Schrift kann nicht irren.“ Walch 2, XIX, 1073.

    „Ich verwerfe sie nicht [die Lehrer der Kirche]; aber dieweil jedermann wohl weiß, dass sie zuweilen geirret haben, als Menschen, will ich ihnen nicht weiter Glauben geben, denn sofern sie mir Beweisung ihres Verstandes aus der Schrift tun, die noch nie geirret hat.“ Walch 2, XV, 1481.

    „Das hat den guten Mann Oecolampadius betrogen, dass Schrift, so wider einander sind, freilich müssen vertragen werden, und ein Teil einen Verstand nehmen, der sich mit dem andern leidet; weil das gewiss ist, dass die Schrift nicht mag mit ihr selbst uneins sein. Aber er merkte und bedachte nicht, dass er der Mann wäre, der solche Uneinigkeit der Schrift vorgäbe und beweisen sollte; sondern er nahm es an und trug’s vor, als wäre es gewiss und schon überweiset. Da fällt und fehlt er.

    Wenn sie aber sich bedächten zuvor und sähen zu, wie sie nichts reden wollten, denn Gottes Wort, wie St. Petrus lehrt, und ließen ihr eigen Sagen und Setzen daheim, so richteten sie nicht so viel Unglücks an. Dies Wort: „Schrift ist nicht wider einander“, hätte den Oecolampad nicht verführt, denn es ist in Gottes Wort gegründet, dass Gott nicht lügt, noch sein Wort nicht lügt.“ Walch 2, XX, 798.

    „Es ist unmöglich, dass die Schrift mit sich selbst uneins sein sollte, das kann nur bei den unsinnigen und verstockten Heuchlern stattfinden.“ Walch 2, IX, 356.

    „Ich selbst habe ein großes Missfallen an mir selbst, und hasse mich selbst, weil ich weiß, dass alles dasjenige, was die Schrift von Christus sagt, wahr sei; dass es nichts Größeres, nichts Wichtigeres, nichts Angenehmeres, nichts Fröhlicheres geben kann, das mich mit der höchsten Freude erfüllen sollte; weil ich sehe, dass die heilige Schrift in allen Stücken und durchweg übereinstimme, und in solcher Weise einerlei Rede führe, dass man an der Wahrheit und Gewissheit einer so großen Sache nicht im geringsten zweifeln kann: Und gleichwohl werde ich durch die Bosheit meines Fleisches gehindert, und durch das Gesetz der Sünde so gefangen genommen, dass ich diese Wohltat nicht in alle meine Glieder, in alle meine Gebeine, und selbst in das innerste Mark hineinbringen kann, wie ich wohl gerne wollte.“ Walch 2, VI, 177.

    „Also sind viel Sprüche in der Schrift, die nach dem Buchstaben wider einander sind, aber wo die Ursachen angezeigt werden, ist’s alles recht.“ Walch 2, XVI, 2185.

    „Wir haben die Artikel unseres Glaubens in der Schrift genugsam gegründet, da halte dich an, und lass dir es nicht mit Glossen drehen und nach der Vernunft deuten, wie sich’s reime oder nicht usw., sondern wenn man dir anderes nach der Vernunft und deinen Gedanken will hinanschmieren, so sprich: Hier habe ich das dürre Wort Gottes und meinen Glauben, da will ich bei bleiben, nicht weiter denken, fragen oder hören, noch klügeln, wie sich das oder dies reime, noch dich hören, ob du gleich einen andern Text oder Sprüche herbringst,als dem zuwider aus deinem Kopf gezogen, und deinen Geifer daran geschmiert. Denn die Schrift wird nicht wider sich selbst noch einigen Artikel des Glaubens sein, ob es wohl in deinem Kopf wider einander ist und sich nicht reimt.“ Walch 2, IX, 828.

    [Ich] „Bitte und warne treulich einen jeglichen frommen Chrsiten, dass er sich nicht stoße an der einfältigen Rede und Geschichte, so ihm oft begegnen wird, sondern zweifle nicht daran, wie schlecht es immer sich ansehen läßt, es seien eitel Worte, Werke, Gerichte und Geschicht der hohen göttlichen Majestät, Macht und Weisheit. Denn dies ist die Schrift, die alle Weisen und Klugen zu Narren macht und allein den Kleinen und Albernen offen steht, wie Christus sagt Matth. 11,25. Darum lass deinen Dünkel und Fühlen fahren und halte von dieser Schrift, als von dem allerhöchsten, edelsten Heiligtum, als von der allerreichsten Fundgrube, die nimmer genug ausgegründet werden mag, auf dass du die göttliche Weisheit finden mögest, welche Gott hieer so alber und schlicht vorlegt, dass er allen Hochmut dämpfe. Hier wirst du die Windeln und die Krippe finden, da Christus innen liegt, dahin auch der Engel die Hirten weist, Luk. 2,12. Schlichte und geringe Windeln sind es, aber teuer ist der Schatz, Christus, der drinnen liegt.“ Walch 2, XIV, 3.4

 

    Das Zeugnis von Quenstedt: „Die heilige kanonische Schrift ist in ihrem Original von unfehlbarer Wahrheit und frei von jeglichem Irrtum, oder, was das gleiche ist, in der heiligen kanonischen Schrift, da ist keine Unwahrheit, keine Unrichtigkeit, kein Irrtum, selbst nicht im Kleinsten, weder in Sachen noch in Worten; sondern alles, was immer dort hineingelegt wurde, ist völlig wahr, es sei nun dogmatisch oder moralisch oder historisch, chronologisch, topographisch, Namen betreffend: keine Unwissenheit, kein Übersehen oder Vergesslichkeit, kein Fehler in der Erinnerung kann oder sollte den Gehilfen des Heiligen Geistes im Überliefern der heiligen Schriften zugesprochen werden.“ (Quenstedt, I, 77)

 

    Das Zeugnis von Calov: „Kein Irrtum, selbst in den unwichtigen Sachen nicht, kein Gedächtnisfehler, gar nicht zu reden von Unwahrheit, kann irgendeinen Platz haben in der gesamten Heiligen Schrift.“ (Zitiert in Schmid, übers. [ins Englische] von Jacobs und Hay, S. 49)

 

    Das ist eine Position, die, in amerikanischen Kreisen, der späte Dr. M. Reu zum Beispiel, nicht festgehalten hat, und sie logischerweise auch nicht festhalten konnte, da er ja eine Sicht von der Inspiration annahm, die ähnlich derjenigen von Calixt war. Eine ähnliche Haltung wurde auch von Dr. Sasse eingenommen in verschiedenen seiner „Briefe an lutherische Pastoren“. Dr. Reu sagte nicht, dass es tatsächlich Irrümter in der Heiligen Schrift gäbe oder dass er irgendeinen Fehler darin gefunden hätte, aber er weigerte sich, a priori [von vornherein] die Unmöglichkeit vom Vorkommen von Irrtümern in der Bibel zu bekennen. Das war die einzig logische Position, die er auf der Grundlage seiner Lehre zur Inspiration einnehmen konnte. Diejenigen, die die Haltung von Dr. Reu und Dr. Sasse einnehmen, sind gewöhnlich bereit, von Verbalinspiration zu sprechen. Tatsächlich bestehen sie darauf, dass sie an der Verbalinspiration festhalten, „wenn sie recht verstanden wird“; aber mit diesem richtigen Verständnis meinen sie die Calixt’sche Theorie von Führung und Leitung, die direkte Wortmitteilung erlaubt in Dingen, die „Gottes Offenbarung und der Menschen Erlösung“ („teilte den heiligen Schreibern ... geeignete Worte“, G.B., Artikel V) betrifft, während andere Dinge dem „menschlichen Faktor in der Bibel“ zugesprochen werden, in in diesen kann die Möglichkeit eines Irrtums nicht absolut ausgeschlossen werden. Daher kann in den Kreisen der ULC. oder der ALC kein Dokument Anerkennung finden, das von der Heiligen Schrift bekennt, „dass sie vielmehr in allen ihren Teilen und Worten unverbrüchliche Wahrheit ist, auch in geschlichtlichen, geographischen und andern natürlichen Dingen, Joh. 10,35“, wie es unsere „Kurze Darlegung der Lehrstellung“ macht. Im Baltimore Convention der ULCA (Oktober 1938), in dem dieser Kirchenkörper sich einer Einigung mit der ALC in der Lehre von der Inspiration näherte, verwarf er ausdrücklich diese Worte der „Kurzen Darlegung der Lehrstellung“ als „nicht in Übereinstimmung mit unseren lutherischen Bekenntnissen und auch nicht mit der Schrift selbst“. Proceedings, Seite 468. Der unglückselige Versuch, die „Kurze Darlegung der Lehrstellung“ und die „Erklärung der ALC-Kommissionäre“ von 1938 miteinander in der „Lehrerklärung“ (Doctrinal Affirmation) zu verbinden, hat diese Aussage unserer „Kurzen Darlegung der Lehrstellung“ stark geschwächt und das meiste von ihr weggenommen, und hat doch beide verhandelnde Körper unzufrieden gelassen. Wenn sie sicher gehen wollen, wo jemand in der Inspirationslehre steht, bitten sie ihn nicht nur, einen Glauben an die „Verbalinspiration“ zu bestätigen, sondern bitten sie jene, diesen einen Satz aus der „Kurzen Darlegung der Lehrstellung“ so zu unterschreiben, wie er dasteht. Dann werden sie es herausfinden. Stellen sie sich solch einen Satz eingefügt entweder in Teil I oder Teil II des „Gemeinsamen Bekenntnisses“ vor!

 

 

3. Die Unverbrüchlichkeit der Heiligen Schrift

 

    Der Ausdruck „Unverbrüchlichkeit“ beschreibt diejenige göttliche Autorität der Heiligen Schrift, die es zu einem crimen laesae majestatis [Majestätsbeleidigung] macht, etwas vom dem gottgegebenen Inhalt und Zielpunkt wegzunehmen oder hinzuzutun. Von Franz Piepers „Unionismus“, Seiten 5 und 6, Walthers „Rechter Gestalt einer vom Staate unabhängigen evangelisch-lutherischen Ortsgemeinde“, Seiten 63 und 64, seinem „Die Evangelisch-Lutherische Kirche die wahre sichtbare Kirche gottes auf Erden“, Seite 60 und 104-108, und schließlich von seiner Pastorale, Seiten 90 ff., haben wir die folgende Liste von Beweisabschnitten, Warnungen, Drohungen gesammelten, die die Unverbrüchlichkeit der Heiligen Schrift bekennen und das göttliche Gericht gegen jegliche Abweichung von dem göttlichen Lehren, das es enthält: 5 Mose 4,2; 12,32; 13,1-10; Josua 23,6; Sprüche 30,5.6; Jesaja 8,20; 29,13 (vergleiche Matthäus 15,8.9); Jeremia 23,28.31.32; Matthäus 5,18.19; 28,20; Lukas 16,29; 2 Korinther 2,17; Offenbarung 22,18.19. In diesen Abschnitten hat Gott ausdrücklich verboten, dass in seiner Kirche irgendetwas gelehrt werden sollte als allein das, was er selbst befohlen hat und dass nichts von dem, was er befohlen hat, ausgelassen oder vernachlässigt werde; und er hat ausdrücklich erklärt, dass ihm nicht gedient wird mit den Geboten und Vorschriften von Menschen.

 

    In Dr. Walthers Buch über „Die lutherische Kirche, die wahre sichtbare Kirche“ lesen wir in These XVII Folgendes: „Die ev.-luth. Kirche nimmt das geschriebene Wort Gottes (als Gottes Wort) ganz an, achtet nichts darin Enthaltenes für überflüssig oder gering, sondern alles für notwendig und wichtig und nimmt auch die Lehren an, welche aus den Schriftworten notwendig folgen.“ Die fünf Zeugnisse unter dieser These, die den Schriften Luthers entnommen sind (vier von den fünf aus seiner Streitschrift über das Abendmahl), haben eine wichtige Bedeutung bei der Unverbrüchlichkeit der Heiligen Schrift, und wir geben sie daher vollständig wieder:

    „Es hilft sie (die Sakramentierer) auch nicht, dass sie wollten sagen: Sie hielten sonst allenthalben viel und groß von Gottes Worten und dem ganzen Evangelium, außer allein in diesem Stück (vom heil. Abendmahle). Lieber, Gottes Wort ist Gottes Wort, das darf nicht viel menkelns. Wer Gott in Einem Wort Lügen straft und lästert und spricht: Es sei geringe Ding, dass er gelästert und gelügenstraft wird, der lästert den ganzen Gott und acht geringe alle Lästerung Gottes. Es ist Ein Gott, der sich nicht teilen lässt, oder an einem Ort loben, am andern Ort schelten, an einem Ort ehren, am andern verachten. Die Juden glauben dem Alten Testament, und weil sie an Christus nicht glauben, hilft sie es nichts. Siehe, die Schneidung Abrahams ist doch nun ein alt, tot Ding und nun nicht not noch nütze; noch, wenn ich wollt sagen: Gott hätte sie zu der Zeit nicht geboten, hülfe mich nichts, ob ich gleich dem Evangelium glaubte.Das meinet St. Jakobus: Wer in Einem anstößt, der ist an allen Stücken schuldig. Jak .2,10.“ Walch 2, XX, 775.

    „Wenn sie nicht so leichtfertige Verächter wären der Schrift, so sollte sie ein klarer Spruch aus der Schrift so viel beweegen, als wäre die Welt voll Schrift; wie es denn wahr ist. Denn mir ist es also, dass mir ein jeglicher Spruch die Welt zu enge macht.“ Walch 2, XX, 788.

    „Gewiss ist’s, wer einen Artikel nicht recht glaubet oder nicht will (nachdem er ermahnet und unterrichtet ist), der glaubt gewisslich keinen mit Ernst und rechtem Glauben. Und wer so kühne ist, dass er darf [kann] Gott leugnen oder lügenstrafen an Einem Wort und tut solches mutwilliglich wider und über das, der darf [kann] auch (tut’s auch gewisslich) Gott in allen Worten leugnen und lügenstrafen. Darum heißt’s: rund und rein, ganz und alles geglaubt, oder nichts geglaubt. Der heil. Geist lässt sich nicht trennen noch teilen, dass er Ein stück sollte wahrhaftig und das andere sollte falsch lehren oder glauben lassen. Außer wo Schwache sind, die bereit sind, sich unterrichten zu lassen und nicht halsstarriglich zu widersprechen. Sonst, wo das sollte gelten, dass einem jeden ohne Schaden sein müsste, so er Einen Artikel möchte leugnen, [die]weil er die andern alle für recht hielte (wiewohl im Grund solches unmöglich ist), so würde kein Ketzer nimmermehr verdammt, würde auch kein Ketzer sein können auf Erden. Denn alle Ketzer sind dieser Art, dass sie erstlich allein an Einem Artikel anfangen, darnach müssen sie alle hernach und allesamt verleugnet sein; gleichwie der Ring, so er eine Borsten oder Ritz kriegt, taugt er ganz und gar nicht mehr, und wo die Glocke an einem Orte berstet, klingt sie auch nichts mehr und ist ganz untüchtig.“ Walch 2, XX, 1781.1782.

    Von dem ausgedehnten Zitat vom Kommentar zu St. Paulus Brief an die Galater, Kapitel 5, Verse 9-12, bringen wir nur den letzten Paragraphen in der Übersetzung von Erasmus Middleton, wie er bei Eerdmans 1930 veröffentlicht wurde (der allerdings in diesem Abschnitt ziemlich vollständig ist). Der gesamte Abschnitt, der einer der köstlichsten und belehrendsten Ausführungen in Luthers Werken ist, kann gelesen werden in Walch 2, IX, 642-656, oder in der Eerdmans Edition, Seiten 445-454.

    „Deshalb sollen wir lernen, die Majestät und das Ansehen des Wortes groß und herrlich zu machen. Denn es ist nicht etwas Geringes, wie die Schwärmer heutzutage meinen, sondern ein Tüttel ist größer als Himmel und Erde. Deshalb nehmen wir hier durchaus keine Rücksicht auf die Liebe oder christliche Einigkeit, sondern gebrauchen schlechterdings des Richterstuhls, das heißt, wir verfluchen und verdammen alle, die auch nur im Geringsten die Majestät des göttlichen Wortes verkehren oder verletzen, denn ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig. Wenn sie uns aber das Wort ganz und unverletzt lassen, so sind wir bereit, nicht allein Liebe und Einigkeit mit ihnen zu halten, sondern erbieten uns auch, dass wir ihre Knechte sein und alles tun wollen. Wollen sie dies aber nicht, so mögen sie untergehen und in die Hölle gestoßen werden, nicht allein sie, sondern auch die ganze Welt mit Frommen und Gottlossen, nur dass Gott bleibe. Wenn er bleibt, so bleibt auch Leben und Seligkeit, und es werden auch die Gottseligen bleiben.“ Walch 2, IX, 655.

    Unser letztes Zitat ist wiederum von der machtvollen Streitschrift „Dass diese Worte Christi, ‚Das ist mein Leib’ usw. noch feststehen wider die Schwarmgeister“: „Es hilft ihnen auch nicht, dass sie rühmen, wie sie Christus sonst in andern Stücken recht lehren und preisen. Denn wer Christus in Einem Stück oder Artikel mit Ernst leugnet, lästert und schändet, der kann ihn an keinem andern Ort recht lehren oder ehren, sonst es ist eitel Heuchelei und Trügerei, es gleiße, wie es wolle. Denn so heißt’s: Christus ganz verloren oder ganz behalten. Er stückt und teilt sich nicht; von ganzem Herzen, von ganzer Seele will er geliebt und geehrt sein.“ Walch 2, XX, 873.

    Der letzte Absatz aus Dr. Walthers These: „und nimmt auch alle die Lehren an, welche aus den Schriftworten notwendig folgen“, führt einen besonderen Punkt ein, der in der Betrachtung der Unverbrüchlichkeit der Schrift nicht übersehen werden darf. Quenstedt behandelt diesen Punkt sehr angemessen, wie Dr. Walther ihn zitiert: „Obgleich einige zum glauben gehörige Stücke nicht ausdrücklich, nach dem Buchstaben oder mit ebenso viel Worten in der Schrift enthalten sind, so ist es doch hinreichend, dass sie sich darin der Sache und der Meinung nach befinden, so dass sie vermittelst einer richtigen und einleuchtenden Schlussfolgerung daraus abgeleitet und geschlossen werden können. Daraus, dass man leugnet, dass alle notwendigen Dogmen dem Buchstaben nach ausgedrückt seien, gilt kein Schluss auf die Notwendigkeit der ungeschriebenen Überlieferungen. Denn richtig aus der Schrift gezogene Schlussfolgerungen sind Gottes Wort der Sache und dem Sinne nach, obwohl sie es nicht dem Buchstaben und Schall nach sind. ‚Was aus der Schrift’ (nämlich durch eine sich von selbst ergebende, ganz nahe liegende und rechtmäßige) ‚Folgerung geschlossen wird, ist dem gleich, was geschrieben ist’, wie Gregor von Nazianz in der 37. Rede in der 5. Frage von der Theologie sagt.“ Der Schriftbeweis für die oben angeführten Bekenntnisse ist ausreichend offenbar durch des Herrn Gebrauch von solch einer Folgerung aus der Schrift in Matthäus 22,29-32, wo, wie Johann Daniel Arcularius erklärt, „er geweiht und geadelt hat solch eine Folgerung mit dem Namen der Schrift“. Die Forderung, die zuweilen von Liberalen vorgebracht wird, dass alles, was als eine Schriftlehre gelehrt wird, in ihr expressis verbis enthalten sein muss, ist nicht eine Forderung der Schrift.

 

    Es gibt zweifellos keine Eigenschaft der Schrift, die mehr missachtet und gegen die mehr gesündigt wird, auch in neumissourischen Kreisen, als ihre Unverbrüchlichkeit. Der durchschnittliche Missourier wird nicht so leicht saygen, dass sich die Schrift in einem bestimmten Punkt irrt, aber er wird sagen, dass eine Schriftaussage ist nur „ein Detail der Lehre“, das nicht besonders wichtig ist, oder das nur „eine Frage des Begriffes“ ist, oder dass es „alles eine Sache der Auslegung“ sei, oder dass es „nicht trennend“ sei. Dass die Schrift unfehlbar sich selbst auslegt und dass der Schrift eigene Auslegung anzunehmen ist, und zwar unverändert durch irgendwelche von außen kommende Meinungen, die von der „Wissenschaft“ oder Erfahrung in die Schrift hineingelegt werden, ist ein Grundsatz, der größtenteils im modernen Missouri selbst von den strengsten Konservativen übersehen wurde. Dr. Pieper legt den Grundsatz in einem immer denkwürdigen und klassisch endgültigen Satz in seiner „Christlichen Dogmatik“ (I, S. 577) dar: „Es ist eines Christen unwürdig, die heilige Schrift, die er doch als Gottes eigenes Wort erkannt hat, nach menschlichen Meinungen (Hypothesen), also auch nicht nach dem sogenannten kopernikanischen Weltsystem, umzudeuten oder sich umdeuten zu lassen.“ Es ist gut ausgedrückt, das P. F.E. Pasches „Bibel und Astronomie“ den „Beweis“ liefert, „dass nicht ein einziger von etwa 60 Versen, in denen des von der Erde heißt, dass sie stillstehen soll, und von der Sonne und den Sternen gesagt wird, dass sie sich bewegen sollen, so ausgelegt werden könnte, als sei tatsächlich das Gegenteil der Fall.“ Solch eine „Auslegung“ ist nicht Exegese, sondern Eisegese. Sie bringt in die Schrift eine Weltsicht hinein, die niemand jemals in der Schrift gefunden hat, und die gemäß dieser fremden Einlegung die offenbare Bedeutung dessen, was die Schrift tatsächlich sagt, umkehrt. Die Begründung, dass die „Schrift sich selbst menschlichen Konzepten anpasse“, richtig verstanden, dass sie in einer verständlichen Sprache spricht, ist nicht richtig, wenn solche Konzepte mutmaßlich falschlehrend sind. Die Schrift passt sich niemals falschlehrenden menschlichen Konzepten an. Mose hätte die „kopernikanische“ Weltsicht den Menschen des 16. Jahrhunderts vor Christus ebenso verständlich machen können, wie sie Kopernikus den Menschen des 16. Jahrhunderts nach Christus verständlich machte, wenn nur diese Weltsicht den Tatsachen entspräche. Das eigentliche Ziel der Schrift ist es nicht, Geschichte, Geographie, Naturwissenschaft zu lehren, sondern ist in Johannes 5,39; 2. Tim. 3,15 ff.; 1 Johannes 1,4 usw. Angegeben. Wenn die Schrift jedoch beiläufig diese Dinge berührt, so bleibt sie immer noch die unverbrüchliche Wahrheit (Johannes 10,35), und die Aussagen der Schrift in diesen Dingen in Übereinstimmung mit mutmaßlichen Kenntnissen „auszulegen“, die von außerhalb der Schrift kommen (menschliche Hypothesen) heißt, das göttliche und sich selbst auslegende Wort zu entehren. Wir von der Orthodox Lutheran Conference, die wir ohne den Nutzen „des menschlichen Elements“ oder des „menschlichen Faktors“ in der Schrift arbeiten, werden, durch Gottes Gnade, nicht darauf aus sein, irgendeine andere Bedeutung aus der Schrift herauszuholen, als der Heilige Geist in sie hineingelegt hat. Daher beten wir:

 

„Gib, dass wir leb’n nach deinem Wort

und darauf ferner fahren fort

von hinnen aus dem Jammertal

zu dir in deinen Himmelssaal!“

 

 

 

 

Thesen und Antithesen zur Lehre von der Heiligen Schrift

 

Aufgestellt von Pastor Dr. Wilhelm Oesch im Jahr 1946

 

    1. Die ganze Heilige Schrift ist des Heiligen Geistes Buch, verpflichtet uns als Gottes Offenbarung und kann nirgends irren. 2. Petr. 1,21; 2. Tim. 3,16; 1. Kor. 2,13; Joh. 10,35.

    Verworfen wird jedes Auseinanderreißen, jeder bloße Unterschied, als sollte uns in der kanonischen Urschrift irgendetwas begegnen können, was nicht Gottes Wort wäre, wodurch nicht der Heilige Geist als der eigentliche Sprecher zu uns redet, selbst wenn er böser Menschen Rede referiert, was darum nicht unverbrüchlich und in der Form der Herablassung, in menschlicher Rede seine göttliche Wahrheit wäre; verworfen wird jede Verflüchtigung der in den angeführten sedes doctrinae von der ganzen Schrift ausgesagten Vollinspiration (Plenar- oder Verbalinspiration) und jede Abschwächung der göttlichen Autorität der Schrift, als könne Menschenmeinung gegenüber der Schrift bestehen. [Verworfen wird jeder Versuch, die Aussage und Autorität der Heiligen Schrift abzuschwächen, aufzulösen durch den Versuch, ihre Aussagen als durch die Umwelt, die religionsgeschichtlichen Umstände, die Gemeindeentwicklung bedingt zu erklären, was dann unter anderem zur Folge hat, dass man behauptet, Jesus Christus hätte sich den Auffassungen der damaligen Zeit angepasst. Ergänzung durch den Hrsg.]

 

    2. Die Kirche ist seit dem Ableben der Apostel und bis zum Jüngsten Tage an die Heilige Schrift als die einzige Quelle, Regel und Richtschnur der christlichen Lehre gebunden. Hebr. 1,1 ff.; Matth. 17,5; Joh. 17,20; Eph. 2,20; Offenb. 22,18.19.

    Verworfen wird für die in der christlichen Kirche maßgebende Lehre jede andere Quelle und Norm neben der Heiligen Schrift. Dies gilt besonders, wenn das Vorzeichen „christlich“ davorgestellt wird („christliches Ich“, „wiedergeborene Vernunft, Gefühl“, „christliche Erfahrung“ usw.) Auch ein Glaube, der subjektiver Richter über das Wort sein soll, an das er sich doch halten muss, Mark. 1,15, wird verworfen.

 

    3A. Das Wort Gottes zerfällt in Gesetz und Evangelium. Das Gesetz fordert von uns die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, das Evangelium schenkt sie uns um Christi willen, der in Leben und Leiden das ganze Gesetz für uns stellvertretend erfüllt und uns Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit erworben hat. Das Evangelium ist das eigentliche Wort Gottes, kann aber nur auf dem Hintergrund des Gesetzes erkannt werden. Ohne das geoffenbarte Sittengesetz, im Strafamt des Heiligen Geistes, dient die „natürliche Gotteserkenntnis“ nicht zum Verzagen vor Gott wegen der Sünde, sondern wird zur Panzerung gegen die Buße missbraucht; und das um Christi willen ohne Bedingung sittlicher Leistung freisprechende Evangelium kann nur aus der Offenbarung gelernt und allein durch Wirkung des Heiligen Geistes im Evangelium und im Blick auf das Evangelium geglaubt werden, wodurch allein denn auch Licht und Kraft, Christo im Halten des Gesetzes nachzufolgen, ins Herz einzieht.

    Verworfen wird die Rede, es gäbe keine natürliche Gottes- und Gesetzeserkenntnis und äußerliche Gerechtigkeit, gegen Röm. 1,19 f. und 2,14; Röm. 8,7.

    Verworfen wird, wenn vom Erkenntnisprinzip die Rede ist, zu sagen, Jesus sei das eine Wort Gottes, als ob Jesus auch das Gesetz wäre, das Gesetz im Evangelium eingeklammert wäre, auch in seinem bürgerlichen Bereich, oder als ob es keine Bedeutung hätte oder gar nicht da wäre.

    Verworfen wird erst recht die Irrlehre, als ob vom Gesetz her der natürliche Mensch irgendeinen Zugang zur seligmachenden Wahrheit des Evangeliums haben sollte.

    Verworfen wird, wenn erst Gnade, dann Sünde gepredigt wird, gegen Röm. 1-3 und Gal. 3, ferner, wenn gute Werke anders als „durch die Barmherzigkeit Gottes“, Röm. 12,1, hervorgerufen werden sollen, oder die Aufgabe der Kirche darein gestellt wird, durch den äußeren Gebrauch des Gesetzes, kurz, durch Gesetzlichkeit, die Welt besser zu machen.

    Verworfen wird von vornherein, wenn nicht gelehrt wird, dass der Mensch von Natur gänzlich in Sünden blind, tot und Gott feind ist, Eph. 2,1. Verworfen wird es, wenn dem Menschen die geringste Mitwirkung bei seiner Bekehrung zugeschrieben wird gegen Eph. 2,8.9, oder wenn die bekehrende Macht des Heiligen Geistes vom Evangelium getrennt wird, als ob entweder der Heilige Geist getrennt von den Gnadenmitteln den Glaube wirke oder Gesetz bzw. Evangelium ohne den Heiligen Geist durchdringende oder erhaltende Kraft hätten, und endlich, wenn der Bekehrte von seinem Existenzgrund abgelöst wird, so, als ob der Glaube nicht am Zuspruch des Evangeliums hange, die Kirche nicht auf dem Wort ruhe, Gesetz und Evangelium nicht auch dem Christen, der das Fleisch noch an sich hat, beständig gepredigt werden müssten.

    Verworfen wird es mit Nachdruck, wenn das in Christi Auftrag in der Kirche verkündigte Wort nicht voll und ganz Gottes Wort sein soll, oder wenn Mensch ein Wort, das sich irgendwie von der Schrift losgelöst hat, als Gottes Wort, viva vox Dei, in der Kirche auszugeben wagen.

 

    3B. Das äußerliche, mündliche, auch sichtbare Wort, viva vox, durch das der Heilige Geist in der Kirche Buße und Glauben oder auch durch beharrliches und mutwilliges Widerstreben herausgeforderte Verstockung wirkt, in dem Christus sich in seinen Wohltaten schenkend und lebendigmachend kommt, ist nichts anderes als der logos eksarkos und ensarkos oder der Propheten und Apostel Wort, in seinem Fortwirken im Heiligen Geist beständig aus der theopneustischen [gottgehauchten] Schrift geschöpft und an der theopneustischen Schrift normiert. Joh. 17,20; Eph. 2,20.

 

    4. Der Heilige Geist macht, eben wie den einzelnen Gläubigen, so die Gemeinde der Heiligen, die Kirche, der Lehre Gottes lebensvoll gewiss, so dass sie aufgrund der Schrift das Wort Gottes bekennt, ja, besonders durch ihr Amt inGottes Auftrag und Namen verkündigt darüber fröhlich leidet, was Gott will. Die ganze christliche Lehre hängt durch Gesetz und Evangelium zusammen, und von der Verbindlichkeit keiner geoffenbarten Lehre kann in der Kirche dispensiert werden, so wenig der Lehre etwas hinzugefügt werden kann. Grundsätzlicher Ungehorsam gegen Gottes Offenbarung in Christo, d.h. gegen die Lehre der Schrift, hebt die Kirchengemeinschaft auf, so gewiss Schwache zu tragen sind und alles in der Liebe geschehen soll. Joh. 16,13; 2 Kor. 1,18-20; Kol. 2,1-10; 1 Tim. 3,15; Matth. 10; 1 Petr. 2,9; Joh. 20,21-23; 2 Kor. 5,17-20; Joh. 1; Gal. 1; 2; 5; 6; Matth. 28,19 f.; Joh. 8,31 f.; 1. Tim. 6,3-5; Röm. 16,17; Tit. 3,10; Matth. 18,15-18; 2. Thess. 3,4-6. 14 ff.; Eph. 6,13-17.

    Verworfen wird alles Lehre und Glauben ohne Schriftgrund, alle Lehrgleichgültigkeit, Lehrungewissheit und alle Lehrvermischung, sowie jede Unterlassung des gottgebotenen Kampfes für Gottes Wahrheit sowie alle Lieblosigkeit, die dem gebotenen Kampf aus dem Fleisch beigefügt wird.

 

    5. Die lutherischen Bekenntnisschriften, das Ja der Una Sancta zu Gottes Wort, sind, weil mit der Schrift übereinstimmend, verbindliche Auslegung der Heiligen Schrift, und zwar sind sie dies in evangelischer Weise von dem Mittelpunkt derselben, Gesetz und Evangelium, kurz, von Christo her. Sie sind zur gegenwärtigen Darstellung der rechtgläubigen Kirche aller Zeiten und zum Schutz ihrer Gemeinden von allen berufenen Dienern am Wort mit einem „quia“, nicht mit „quatenus“, zu unterschreiben, müssen in der Kirche evangelisch leben, zugleich gegen alle Schwarmgeister lehrgesetzlich gelten. Augsb. Bek. VII; 1 Kor. 1,10; Konk.Formel S. 553, § 5; Augsb. Bek. X; Röm. 16,16 f.; Konk.Formel S. 698, § 5 u. 6 (Ausf. Darl. X).

    Zu verwerfen ist daher nicht nur die Union zwischen Glauben und Unglauben, wie sie in den Staatskirchen sich breit macht, auch nicht nur die in der preußischen Union zuerst zum Ausdruck gekommene Union zwischen lutherischer und reformierter Kirche, sondern auch der „lutherische“ Indifferentismus [Lehrgleichgültigkeit, Anm. d. Hrsg.] und Synkretismus [Religionsvermischung, Anm. d. Hrsg.], welcher bei grundsätzlicher Anerkennung der Alleinverbindlichkeit der Symbole [Bekenntnisse, Anm. d. Hrsg.] doch verschiedene Auslegungen der Symbole für gleichberechtigt hält oder zwischen kirchentrennenden und nicht kirchentrennenden Abweichungen in der Lehre einen bösen Unterschied macht.

 

    6. Alle Christen haben aufgrund von Schrift und Bekenntnis in der christlichen Kirche über Einheit und Reinheit der Lehre zu wachen, besonders aber die Gemeinden und Kirchen als solche unter ihren berufenen Dienern am Wort. Die Lehre muss vor und über dem Leben stehen (Luthers Auslegung der ersten Bitte: „Wie geschieht das?“). Kircheneinheit ohne Lehreinheit ist verboten, denn Einheit in der reinen Lehre des Evangeliums ist der eigentliche Ausdruck der Einheit der Kirche Gottes in Christo, dem Propheten, Hohenpriester und König, und will ständig erfleht und erkämpft sein als das größte Kleinod auf Erden und die Zuvordarstellung der zu schauenden Einheit des Reiches Gottes droben. Matth. 7,15; 1. Kor. 1,10; Eph. 4,15 f.; die Ermahnungen der Pastoralbriefe, bei dem Vorbild gesunder Lehre zu bleiben, Widersprecher zu strafen bzw. auszuschließen. Gal. 1,1.8-10; 5,9; 2. Joh. 9-11; Joh. 17.

    Verworfen wird alles, was falsche Einheit der Kirche Christi auf Erden ist oder rechte Einheit nicht pflegt.

 

 

Die Theologie des Ich und die dialektische Theologie

 

Von

Dr. Wilhelm Oesch

 

1. Die Theologie des Ich

 

    Dorner (1809-1884) schlägt in seinem „System der christlichen Glaubenslehre“ I, S. 155 ff. ein doppeltes proincipium cognescendi [Erkenntnisprinzip, Anm. d. Hrsg.] vor, nämlich 1. principium subiectivum: das christliche Subjekt, 2. principium obiectivum: die Heilige Schrift. (Er hätte sie auch weglassen können, wie er im Grunde weder Schrift noch Christus braucht.)

    Joh. Chr. Konr. v. Hofmann (1810-1877) heißt den Theologen sein Christentum auf seinen einfachten und allgemeinsten Ausdruck bringen, um von da aus auf dem Weg der Evolution das Ganze der systematischen Theologie (Dogmatik und Ethik) in einem zu gewinnen. Des Systems Einheitlichkeit und Ebenmäßigkeit biete die wissenschaftliche Bürgschaft für die Berechtigung der einzelnen Bestandteile desselben. (Nach Paul Ewald, Erlangen 1895, „Über das Verhältnis der systematischen Theologie zur Schriftwissenschaft“, S. 13 f. Ewald nimmt hier ausdrücklich Bezug auf v. Hofmanns „Enzyklopädie der Theologie“, herausgegeben von Bestmann, besonders S. 29 f. und 55). Hofmann sagt vom christlichen Bewusstsein, dass es „nicht von der Kirche abhängt noch von der Schrift, auf die sich die Kircheberuft, auch nicht in jener oder dieser die eigentliche und nächste Verbürgung seiner Wahrheit hat, sondern in sich selbst ruht und unmittelbar gewisse Wahrheit ist, von dem ihm selbst einwohnenden Geiste Gottes getragen und verbürgt“ (a.a.O. S. 11). Die Schrift ist v. Hofmann nur inspiriert als Urkunde sich entwickelnder heiliger Geschichte und als Ganzes (The Lutheran Cyclopedia by Jacobs Haas, Scribners, New York, 1899, p. 24 f), das heißt (nach W. Rohnert: „Inspiration der Heiligen Schrift und ihre Bestreiter“, Leipzig 1889): sie ist, wie jedes christliche Buch, Produkt von zwei Faktoren, einem selbständigen menschlichen und einem dazukommenden göttlichen, und darum sowohl dem Irrtum als der Kritik unterworfen.

    Franz Hermann Reinhold Frank (1827-1894) betont ausdrücklich, dass der exegetische Beweis, „streng genommen, nicht zu der eigentlichen Aufgabe der dogmatischen Disziplin als eines Teiles der Systematischen Theologie“ gehöre (System der christlichen Gewissheit I, 2. Aufl., S. 42). Er schreibt gegen Philippi: „Wer mir die objektive Versöhnungstat (Christi) und das Wort Gottes entgegenhält statt meines ‚subjektiven’ Standpunktes, mit dem vermag ich mich nicht auseinanderzusetzen, weil er die Fragestellung nicht verstanden hat.“ Ferner: „Auf den Heiligen Geist kann ich mich dabei in sofern nicht berufen, als ja erst in Frage steht, ob, was ich vernehme, Zeugnis des Heiligen Geistes sei, ebenso wie ich mich nicht auf den Heiligen Geist berufen kann, wenn in Frage steht, wie ich dazu komme, diese Schrift mir als heilige gelten zu lassen.“ (a.a.O. S. 115.143) Endlich schreibt er: “Wir haben es hier mit den zentralen und spezifischen Wehen der christlichen Gewissheit zu tun, wo keine eigentliche von außen kommende Autorität für sich, sondern das christliche Subjekt selbst und persönlich über den Grund und das Recht seiner Gewissheit entscheidet“ (a.a.O. S. 49).

    Zöckler (1833-1906) will in seinem „Handbuch der theologischen Wissenschaften“ III, 65, die Berufung der altprotestantischen Dogmatiker auf das testimonium Spiritus Sancti „nicht ganz verwerfen“, stellt es aber als die Sache nicht deckend hin und fügt hinzu: „Es gibt eine von uns selbst abhängige, unserer inneren Verantwortung anheimfallende freie Tat, eine moralisch notwendige, darum aber der Freiheit überlassene Konsequenz. Durch diese freie Tat erst schaffen wir selber die Gewissheit.

    Endlich lehrt R. Seeberg (s. Pieper, Dogmatik I, 368), die Schrift dürfe nicht als zweites Prinzip des Protestantismus dem rechtfertigenden Glauben koordiniert werden. Er will die Schrift zur norma normata machen, durch den Glauben normiert. Wir fragen: Durch welchen Glauben? Das erinnert an Robert Barklay, den Dogmatiker der Quäker: Die Schrift sei nicht als eine „adäquate erste Regel des Glaubens und Lebens“ anzusehen, sondern als „eine zweite, dem Geist untergeordnete Regel (regula scunda, subordinata Spiritui)“, vgl. M. Günther, Symbolik, § 1 f., 2 b.

    F.A. Philippi: „Die Quelle, aus der die Dogmatik zu schöpfen hat, ist also die durch die Offenbarung erleuchtete Vernunft des theologisierenden Subjekts. Die christliche Einzelpersönlichkeit weiß aber, dass die göttliche Offenbarung ihrem Inhalt und Zwecke entsprechend nicht nur einem einzelnen Subjekte gegeben, sondern für die ganze Menschheit bestimmt ist, sowie dass innerhalb der Menschheit sich eine Gemeinschaft derer vorfindet, an welchen diese göttliche Bestimmung der Heilsoffenbarung in Christo sich tatsächlich verwirklicht hat. Daher wird das dogmatisierende Subjekt das Bedürfnis fühlen, die Erleuchtung seiner Vernunft in Zusammenhang zu bringen mit der Erleuchtung der Christus-Gemeinschaft überhaupt, und die Übereinstimmung seines individuellen Bewusstseins mit dem christlichen Gesamtbewusstsein wird ihm eine Bestätigung der wahrheit deer ersten bieten... Um nun aber die Prüfung der verschiedenen kirchlichen Gemeinschaften richtig zu vollziehen und sich dann frei entscheiden zu können, bedarf es einer untrüglichen Regel und Richtschnur, nach welcher die Lehren dieser Gemeinschaften bemessen werden können. Diese Norm wird dann mit der Lehre der Einzelkirche auch die der Gesamtkirche zu unterwerfen sein, um der Voraussetzung ihrer Richtigkeit das unverbrüchliche Siegel unbedingter Gewissheit aufzuprägen ... Wir haben nun als Quelle, aus welcher die christliche Glaubenslehre ihren Stoff zu schöpfen hat, eine dreifache erkannt, nämlich die erleuchtete Vernunft des dogmatisierenden Subjekts, die Lehre der Kirche und die kanonische Schrift des Alten und Neuen Testaments ... Aus unserer ganzen bisherigen Entwicklung geht von selbst hervor, dass die Schriftlehre bei uns nicht, wie in der älteren Dogmatik, an den jedesmaligen Anfang, sondern an das jedesmalige Ende des dargelegten Glaubensartikels treten wird, weil wir die Schrift nicht als die erste Quelle, sondern als letzte Norm der dogmatischen Erkenntnis betrachten. (Kirchliche Glaubenslehre. Stuttgart 1854. I, S. 86-92; 226).

    Der [nach dem ersten Weltkrieg, Anm. d. Hrsg.] neueste Vertreter dieser Theologie ist R. Jelke, Heidelberg. Von ihm erschien 1929 bei Dörffling und Franke in Leipzig „Die Grunddogmen des Christentums“ mit dem Untertitel „Die Versöhnung und der Versöhner“. Dort heißt es S. 2 von der Aufgabe des Theologen, im Unterschied vom allgemeinen Religionswissenschaftler und Religionsphilosophen: „Worin besteht dieses Eigene (der Theologie, das ihr weder die allgemeine Religionswissenschaft selbst noch eine ihrer Sonderdisziplinen streitig machen kann)? Man hat gesehen in dem Rechte, die christliche Religion allein zu behandeln, oder wenigstens in dem Rechte, die Begründung der objektiven Wahrheit der christlichen Religion allein zu geben. In Wirklichkeit aber besitzt die Theologie weder das eine noch das andere Recht. Das Eigene liegt vielmehrt in dem beschlossen, dass die Theologie in der Wahrheitsbegründung der christlichen Religion auf ganz bestimmte Faktoren zurückzugehen imstande ist, auf Faktoren, die dem allgemeinen Religionswissenschaftler, also auch dem speziellen Religionsphilosophen als solchem eben nicht zur Verfügung stehen. Diese Faktoren liegen aber in der eigensten Erfahrung des christlichen Subjekts. Das individuell-persönliche Erlebnis, das den Christen wahrhaft zum Christen macht, in Rechnung zu stellen und zur Begründung der christlichen Wahrheit auszumerzen, das ist die eigenste Arbeit des Theologen. Er redet vom Standpunkt des Menschen aus, dem das Christentum persönlich zur Wahrheit geworden ist, und zeigt die Gründe auf, auf denen ein solcher Glaube ruht.“ (R. Jelke: Grunddogmen, S. 2).

 

 

2. Die dialektische Theolgie

 

    Nach Karl Barth, den man wohl eigentlich als den Vater dieser dialektischen Theologie wird bezeichnen können, ist die letzte Voraussetzung der Theologie die Überzeugung, dass die menschliche Existenz unter einem unbedingten Widerspruch steht, den die Vernunft nicht lösen kann. Die Frage nach Gott ist die Frage nach der Einheit über unserem Existenzwiderspruch. Soll aber das Wort Gottes die Antwort auf die Frage unserer Existenz als Ganzheit sein, so kann die Antwort niemals abgeschlossen sein. Von der Antwort, die das Wort Gottes gibt, können wir niemals als von einer fertigen Größe reden. Die Frage nach unserer Existenz ist in jedem Augenblick neu da; eben darum ist es unmöglich, dass das Wort eine ein für allemal geltende Erkenntnis bietet. Außer dem bereits genannten Karl Barth (Das Wort Gottes und die Theologie, Gesammelte Vorträge 1925; Dogmatik I (1927)) sind als führende dialektische Theologen zu nennen: Emil Brunner (Die Mystik und das Wort, 1922; Philosophie und Offenbarung, 1925; Religionsphilosophie und evangelische Theologie, 1926), Rudolf Bultmann (Die Geschichte der synoptischen Tradition, 1921; Jesus, 1926; als Aufsatz: Die Frage der dialektischen Theologie zwischen den Zeiten, 1926 und viele ähnliche Aufsätze), Friedrich Gogarten (Ich glaube an den dreieinigen Gott, 1926), Friedrich Karl Schumann (Der Gottesgedanke und der Zerfall der Moderne, 1929) und endlich Adolf Sannwald (Der Begriff der Dialektik und die Anthropologie, 1931). Von der Dialektik, der er mit seiner Schrift „Die gegenwärtige Geisteslage und die dialektische Theologie“, 1930, ziemlich nahe stand, rückte W. Koepp wieder ab in seiner „Einführung in die evangelische Dogmatik“, 1934.

 

    Aus Karl Barth: „Die Lehre vom Worte Gottes“, München 1927, S. 366: „Mit Worten, und zwar mit Menschenworten, haben wir auf der Linie zu tun bei dem, was da zu uns redet, von den Textworten bis zu den Worten, die aus der Notwendigkeit des ‚kairos’ beim Lesen oder Hören in mir selbst mitreden. Menschenworte als Gotteswort. Nicht Gott selber höre ich reden, sondern Menschenworte über und von Gott“ ... Die Heilige Schrift gibt sich uns „in Gestalt einer Sammlung antiker Religionsliteratur. In dieser Gestalt hat sie der Leser und Hörer zu verstehen und zu deuten, nachzudenken, mitzudenken, selber zu denken.“ (S. 342) „Sollte nicht dieser und jener mit gutem Recht behaupten dürfen, dass er durch seine fromme Mutter viel mehr empfangen habe als durch die ganze Bibel?“ Wie denn auch nach Horst Stephan (Glaubenslehre, S. 181) Schleiermachers Reden und Goethes Faust manchem ein mächtigeres Gotterleben vermitteln als die Predigt oder sogar die Lektüre der Bibel. (Barth, S. 385): „Sie (die Kirche) wird sich aber auch in der geistlichen Behauptung ihrer Autorität vor dem Gebrauch letzter Worte zu höten haben.“ Denn schließlich letzte und stärkste Autorität ist „das Gebot der Stunde“. Das ist wieder etwas Neues: Es ist das „innere Wort der Stunde, das letzte Wort meines bisherigen Daseins, das zugleich das erste meines zukünftigen ist.“ (S. 366.368) Es ist „das Wort der Stunde, das mir nicht erlauben will zu hören und anzunehmen, was mir passt, als ob ich im Jahre 1500 oder 500 lebte, sondern mir gebietet, zu hören und anzunehmen, was ich ale heute, als jetzt und hier Lebender annehmen muss.“

    Einerseits wird eingeräumt: Die Schrift ist fehlsames Mesnchenwort, Wahrheit und Dichtung. Der ganzen ungläubigen Bibelkritik wird die Bahn freigegeben (Barth: Kirchliche Dogmatik, I, 2, S. 562f.; 564 f.; 590; 580). Andererseits ist von der Heiligen Schrift geradezu die Verbalinspiration auszusagen (Dogmatik, S. 344; Kirchliche Dogmatik, I, 1, S. 105; I, 2, S. 572; 575). Durch Irrtum, durch lauter Anthropologie spricht Gott in jedem Wort, im ganzen heiligen Buch und allen seinen Teilen (Kirchliche Dogmatik I, 2, S. 584). Gottes Wort ist ja gerade fehlendes Menschenwort geworden, um zu uns zu sprechen (Dogmatik 1927, S. 343; 345 f.) Aber freilich, Gott spricht nur. Sofern er gehört wird. Er spricht nicht im Buch, sondern durch das Buch in dem Augenblick, wo ich höre, wo Gott, das heißt Jesus Christus mir Ereignis wird. Graphisch dargestellt: Der alte Glaube sagt: Die Bibel ist Gottes Wort. Der Liberale sagt: Die Bibel enthält Gottes Wort. Barth sagt: Die Bibel wird Gottes Wort, das heißt durch den Empfänger, durch den Heiligen Geist im Hörer (Kirchliche Dogmatik, I,1 S. 113). Die Bibel ist Papierkugel, wird aber in dem Augenblick, wo sie einschlägt, das heißt das rechte wagende, Kierkegardisch-Barthisch-schwärmerische Spannungsverhältnis zwischen Gott und Mensch herstellt, zur Kanonenkugel. Jesus Christus, oder besser der sprechende Gott in Christus, spricht durch das „Echo“ seines Sprechens, die „Zeichen“, „Hinweise“ erster Rangordnung in der Schrift. Oder er spricht auch nicht. Oder auch sonst? Sich offenbaren und zugleich verhüllen? Sich verhüllend und dadurch offenbarend?

 

    Karl Barth: Kirchliche Dogmatik, I, 2, S 587 f.: „Reden wir von einem Wunder, wenn wir sagen, dass die Bibel Gottes Wort ist, dann dürfen wir die Menschlichkeit ihrer Gestalt und die Möglichkeit des Anstoßes, den man an ihr nehmen kann, weder direkt noch indirekt in Abrede stellen. So gewiss Christus am Kreuz, so gewiss Lazarus Joh. 11 wirklich gestorben ist usw. – so gewiss waren auch die Apostel als solche, auch in ihrem Amt, auch in ihrer Funktion als Zeugen, auch im Akt der Niederschrift ihres Zeugnisses wirkliche, geschichtliche und also in ihrem Tun sündige und tatsächlich irrende Menschen wie wir alle ... Nach dem Zeugnis der Schrft vom Menschen, das auch von ihnen gilt, konnten sie in jedem Wort fehlen und haben sie auch in jedem Wort gefehlt. ...“ Vergleiche auch S. 564 ff. – Auch Barths System kommt darauf hinaus, dass die Bibel Gottes Wort nur „enthält“, wie er ausdrücklich sagt: „Das christliche Verständnis der Offenbarung“ (München 1948), S. 14 f.; 17. Denn die Bibel ist ihm ja nie Gottes Wort. Mag er sich auch Kirchliche Dogmatik I, 2, S. 590 gegen Auswahl wenden, er hat ja die Auswahlmethode des Liberalismus und der Vermittlungstheologie nicht nötig, weil ihm die ganze Schrift nur Menschenwort ist, bis sie durch den Geist der Stunde und den Glauben des Empfängers Gott Wort wird – ein Gotteswort natürlich, das sich mit dem Text keineswegs deckt! Spalten Liberale und „Positive“ vertikal, so spaltet K. Barth im Einschlagsaugenblick das sonst tote Gestein horizontal.

 

    Es versteht sich, dass die eigentliche Offenbarung bei Karl Barth jenes „Augenblicksereignis“ ist, dem die Schrift in ihrer Weisee, aber ebenso die mündliche Verkündigung Anlass gibt. Barth ersetzt „Was ist Gottes Wort?“ durch seine Fragestellung: „Wie ist Gottes Wort?“ (Kirchliche Dogmatik, I, 1, 194) und verfolgt dann eine „dreifache Gewalt“ in Verkündigung, Schrift und dahinterliegender, im Augenblick sich neusetzender Offenbarung (Kirchliche Dogmatik, I, 1, S. 120 ff.; 141 ff.; auch 90 ff.; 104 ff.; I, 2, S. 512; Vergleiche „Das christliche Verständnis der Offenbarung“). Auch die Inspiration „wird“. Es kommt zur Auseinandersetzung mit dem altkirchlichen Inspirationsbegriff unter Entstellung der Dogmatiker und falscher Anbiederung an die Reformatoren, Kirchliche Dogmatik, I, 2, S. 571 ff. Falsche Berufung auf die christologische Analogie, S 555; I, 1, S. 236; 143 f.; falsche Betonung der „Freiheit“ Gottes, Kirchliche Dogmatik I, 1, S. 143; 169 f. „Gottes Wort ist und bleibt immer Gottes Wort, nicht gebunden, nicht festzuhalten auf diese These und auf jene Antithese“, S. 170. Deshalb gibt es keine sedes doctrinae und Loci. Vergleiche auch I, 2, S. 569 f.; 585. Die „finitum non est capax infinitim“ – Distanz zum lutherischen „Est“ ist Barths letztes Wort, Kirchliche Dogmatik, I, 1, S. 250; „Das Wort Gottes und die Theologie“ S. 178.

 

 

3. Die dialektische Theologie – linker Flügel (Bultmann)

 

    Crimen laesae majestatis [Majestätsbeleidigung, Hrsg.] im höchsten Grade liegt vor in Rudolf Bultmanns „Entmythologisierung der Neuen Testaments“ (vergleiche Bultmanns programmatischen Aufsatz von Anfang 1942 in „Theologische Forschung. Kerygma und Mythos. Ein theologisches Gespräch. Herausgegeben von H.W. Bartsch. Hamburg 1948“ unter dem Titel „Neues Testament und Mythos“ S. 15-33. Ebenda Stellungnahme anderer S. 54 ff. Vergleiche ferner K. Barth „Kirchliche Dogmatik“ III, 2, S. 531-537).

 

    1. Bultmann vertritt in neuer existentialistischer Form den alten historisch-kritischen Liberalismus (den etwa die Schlagworte kennzeichnen: „Die Idee liebt es nicht, ihre Fülle in ein Individuum auszugießen“, „Zufällige Geschichtstatsachen können nicht Träger ewiger Vernunftwahrheiten sein“ – stets verwandt mit dem reformierten Schlagwort: „finitum non est capax infiniti“). Ausgangspunkt seines Denkens ist ein deterministisches Naturgeschehen, in das kein Gott und kein Teufel hineinwirken kann, und eine ebenso geschlossen aufgefasste Einheit des menschlichen Bewusstseins, das sich unabhängig entscheidet, obwohl es seine Bestimmung verfehlt und sich dessen auch bewusst ist. Er lehnt deshalb alle Wunder, auch die Menschwerdung des Sohnes Gottes, auch die Auferstehung als Mythologie, das heißt „Herabziehen des Ewigen ins Diesseitige“ ab. Er verwirft besonders die stellvertretende Genugtuung, die Vergebung der Sünden, den Heiligen Geist und sein Werk und alle Zukunftseschatologie.

    2. Das existentielle Seins- bzw. Lebensverständnis, das alle Sicherungen aufgibt und alles nur unter dem Vorbehalt des „als ob“ gebraucht, macht per se frei, selig und gütig. Obschon es nach den Prämissen irgendwo auch in dem seine Existenz verfehlenden Menschen vorhanden sein muss, und entschlossene Bultmannianer wie Wilhelm Kamlah („Christentum und Selbstbehauptung. Frankfurt am Main 1940“) deshalb der Religion den Abschied geben und die Philosophie als einzigen Heilsweg ausrufen, meint sein Marburger Meister (op.cit. S. 39): „Nach der Meinung des Neuen Testaments hat der Mensch die faktische Möglichkeit verloren, ja auch sein Wissen und seine Eigentlichkeit ist dadurch verfälscht, dass er mit der Meinung, ihrer mächtig zu sein, verbunden ist!“ Ein „Wort“, das mit dem toten Schriftwort nichts zu tun hat, aber an den historischen Jesus irgendwie anknüpft – weiß man wirklich etwas Zuverlässiges von ihm? – und das aus dem Christus-, Kreuz- und Auferstehungsmythos den Kern, die zuvorkommende Liebe des außerweltlichen Wesens, nimmt, befreit den Menschen zum existentiellen Verständnis seiner Selbst. Indem der Mensch zu sich selbst kommt und so aufersteht, ist der Auferstehungsmythos geschichtliche Wirklichkeit in Raum und Zeit. Bultmann ist sich wohl selbst nicht ganz klar darüber, warum er nicht auch den Gedanken, dass es einen Gott gibt, gleich mit entmythologisiert.

    3. Bultmann ist unerbittlicher Dogmatiker des beschriebenen Semi-Nihilismus in seiner Exegese. Sie ist gerade auch in der oben erwähnten Programmschrift so lächerlich, dass man sich schon als Deutscher schämt, solche abgeschmackte Eisegese in weiten akademischen Kreisen als neutestamentliche Wissenschaft gefeiert zu sehen. Als Christ ermisst man an dem Ansehen Bultmanns den Abfall der Theologenwelt.

    4. Am besten hat Julius Schniewind in dem erwähnten Gesprächsband (S. 85 ff) Bultmann geanwortet. Aber auch er macht noch Konzessionen und hält das Gespräch hin und her noch für möglich, was verfehlt ist. Das ganze Unterfangen Bultmanns ist gottlos. Form und Inhalt des Gotteswortes lassen sich nirgends scheiden, dieser nestorianische Versuch hebt stets den Inhalt auf. Das Christentum ist keine erhabene „Vernunftswahrheit“, der im Vorfeld der Form und Geschichte unnötige Klötze im Wege liegen. Deer wirkliche Anstoß für die Vernunft ist nicht der Ausdruck, sondern das Verkündigte, die Menschwerdung des ewigen Sohnes für völlig verlorene Sünder und das rettende Kreuz selbst, wofür im modernen Weltbild (= Weltanschauung), das heißt aber zugleich im natürlichen Menschen aller Zeiten und Zonen, kein Raum vorhanden ist. Dieser gefallene, sich selbst als Gott setzende Mensch muss in sesinem ganzen Selbst- und Weltverständnis und vor allem in seinem Willen durch Gesetz und Evangelium „entmythologisiert“ werden, 1 Kor. 1 und 2 (besonders Vers 14) und hat dann, wenn es gründlich geschieht, nicht mehr Lust oder Macht, im ganzen Wort des Alten Testaments und des Neuen Testaments auch nur ein Eckchen oder Fleckchen zu „entmythologisieren“, sondern spricht dann demütig und selig: „Rede, Herr, denn dein Knecht höret.“ – Über die Kondeszendenz Gottes in der Heiligen Schrift, der allein der eigentlich Redende ist, aber durch Menschen in menschlicher Weise redet, ist am anderen Ort genug gesagt worden. Bei „de Deo“ geben die Anthropomorphismen neue Veranlassung zur Behandlung dieses Themas. Bei „de creatione“ wird die zu allen Zeiten allgemeinverständliche „Kindlichkeit“ der erhabenen Sprache des Schöpfungsberichtes (im Gegensatz zu der ephemeren Diktion jedweder Wissenschaft) unsere Aufmerksamkeit beanspruchen. In beiden Fällen zieht Gott zugleich eine unendliche lebendige Sprache der Schulmeister vor, redet selbst diese Sprache durch die Heiligen Schreiber, und wir haben zu hören, nicht den heiligen Gott zu schulmeistern. – Die Aneignung und Verkündigung als eine Übersetzung des gewissen, unverbrüchlichen Wortes in die Gegenwart des Lesers bzw. der Hörer, ist keine Aufspaltung in „Form“ und „Inhalt“, hat mit „Entmythologisierung“ nicht das geringste zu tun, sondern gehört in das Werk des Heiligen Geistes, der das gegebene Wort der Schrift (verbum Dei in statu) beständig zum verbum Dei in actu macht infolge seiner immanentia in Scriptura Sacra und in ecclesia (2 Tim. 3,14-17; 1 Petr. 1,10-12; 1 Tim. 3,15 c).

 

 

Von der Auslegung des Wortes Gottes

 

Thesen zur Hermeneutik

Zusammengestellt von Roland Sckerl

 

I. Streitpunkte: Hinsichtlich dessen, wie die Heilige Schrift zu verstehen, auszulegen sei, ist die alte bibelgebundene Theologie angegriffen worden von den Neuerern, die die Wörterinspiration ablehnen und entweder die Philosophie oder irgendeine Wissenschaft (Naturwissenschaft, Psychologie, Linguistik, Religionswissenschaft) zur Voraussetzung des Schriftverständnisses machen, das heißt, die Schrift nach diesen äußeren Vorgaben auslegen; andere, die an der Bibel festhalten wollten, haben das „fromme Ich“ und seine Erfahrungen zum Ausgangspunkt ihres Schriftverständnisses gemacht; wieder andere haben von einem „Ganzen der Schrift“ gesprochen, das dem Verständnis der einzelnen Schriftstellen vorgeschaltet werden müsste, haben aber die Analogie des Glaubens, entnommen aus den hellen Schriftstellen, abgelehnt; wieder andere, die treu an der Schrift halten wollen, haben behauptet, die Lehre könne nicht ohne Exegese aus der Schrift entnommen werden, sondern es sei eine besondere Auslegung notwendig, um die biblische Lehre feststellen zu können; sie haben auch behauptet, aus dem, was Gott nicht verboten habe, ableiten zu können, dass dieses nicht Verbotene dann als Gottes Wille bezeichnet werden könne; andere haben behauptet, alles das sei eine offene Frage, die noch nicht in den Bekenntnisschriften erörtert worden sei; wieder andere erklärten, das sei eine offene Frage, über die die Kirche noch nicht auf einem Konzil oder einer Synode entschieden habe; etliche haben der Schrift ein von außen kommendes Korsett von sieben Haushaltungen übergestülpt, nach denen die Bibel auszulegen und verbindlich sei; etliche haben gesagt, man dürfe die Bibel nur zu den Themen nach der Seligkeit des Menschen und einem Gott wohlgefälligen Leben befragen, zu allen anderen Themen sei die Bibel nicht relevant; in diesem Zusammenhang haben etliche von einer „doppelten Wahrheit“ gesprochen, nämlich dass eine Aussage historisch falsch, aber theologisch richtig sein könne; etliche haben behauptet, dass viele Aussagen der Heiligen Schrift nur zeitbedingt oder aus ihrem historischen Umfeld her bedingt seien, aber nicht verbindlich für alle Zeiten, ohne dass die Schrift selbst dazu anleitet; etliche behaupten, die Schrift enthalte Weltbilder, Mythen, Anpassungen an den Zeitgeist, und diese Dinge müssten nun eliminiert oder in unser Weltbild übersetzt werden; etliche behaupten, das Verständnis der Schrift hänge jeweils vom Getroffensein des Lesers oder Hörers in seiner Situation ab.

 

II. Bekenntnis der biblischen Lehre:

     1. Grundlage allen Verstehens der Heiligen Schrift ist die Tatsache, dass sie ganz und gar geistgehauchtes Wort ist, also Wort Gottes, Gott ihr alleiniger Urheber, Autor, Verfasser ist, 2 Tim. 3,13-17; 2 Petr. 1,21, und sie daher in allen Aussagen, auch solche, die Geschichte, Geographie, Naturwissenschaften und anderes „Profane“ betreffen, absolut irrtumslos, absolut widerspruchslos ist, Joh. 10,35 und verschieden von allen anderen Büchern auf Erden und daher alleinige Quelle, Richtschnur und Meisterin in allen Sachen des Glaubens und der Lehre. Darum können parallele Berichte zur gegenseitigen Ergänzung und Harmonisierung herangezogen werden. Sollte eine Harmonisierung nicht erreicht werden können, so liegt dennoch kein Widerspruch oder Irrtum seitens der Heiligen Schrift vor, sondern ein Mangel an Verständnis der Schrift unsererseits.

    Mit der Geistgehauchtheit oder Inspiration ist nicht nur eine Inspiration des Inhaltes – die gleichzeitig die Inspiration des Buchstabens leugnet – gemeint, auch nicht nur eine Inspiration des Wortes, die gleichzeitig die Inspiration der Wörter leugnet, nicht bloß eine Inspiration des Schriftganzen, während diejenige der einzelnen Teile geleugnet wird, sondern jeder Buchstabe der Heiligen Schrift wird als göttlich inspiriert anerkannt (Buchstaben- oder Wörter- oder Vollinspiration), weshalb jede Fassung eines Satzes, jede Form der Darstellung ein göttlicher Fingerzeig auf den rechten Sinn für den Schriftausleger ist. (siehe auch: Eikmeier, These 1)

    Lutherische Schriftauslegung erfordert auch vor allem ein vom Heiligen Geist erleuchtetes, gläubiges Herz, da kein Ungläubiger die Schrift wirklich verstehen kann, sei er sonst noch so gelehrt, klug und scharfsinnig in allen anderen Dingen. Nicht menschliche Kunst und Weisheit wirkt rechte Schriftauslegung, sondern allein der Heilige Geist. Dabei soll nicht der rechte Gebrauch menschlicher Wissenschaft für die Auslegung der Heiligen Schrift verworfen werden; ebenso ist auch zu beachten, dass die Gaben des Geistes, auch die Gabe der Auslegung, unter den Christen unterschiedlich verteilt ist. Aber diese Gabe der Auslegung ist nicht außerhalb der Kirche, in den Unwiedergeborenen, denn sie ist ein in den Herzen der Frommen angezündetes Licht des Heiligen Geistes. (siehe auch: Eikmeier, Grundsätze lutherischer Schriftauslegung, These 1) Matth. 11,25-28; Joh. 1,5; 1 Kor. 2,14.10-12; 2 Kor. 4,6

    Weil die Heilige Schrift Gottes Wort ist, darum kann nur eine solche Auslegungsmethode anerkannt werden, die dieser Tatsache und den daraus folgenden Eigenschaften der Heiligen Schrift voll Rechnung trägt und entspricht.

    Die Methode der Schriftauslegung ist von der Theologie nicht zu trennen. Daher ist eine Methode, die die Verbalinspiration und Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift ablehnt und z. B. in der Folge davon Gottes Komposition durch Literatur-, Redaktions-, Form- und andere Kritiken auseinanderreißt, grundsätzlich abzulehnen. Ebenso ist jegliche Methode abzulehnen, die Axiome (Vorentscheidungen) in die Heilige Schrift hineinträgt, sei es durch die Philosophie, die Natur- oder andere Wissenschaften, die Ideologie.

    Wir glauben, lehren und bekennen den dreieinigen Gott, der nicht außerhalb unserer Welt verweilt, sich nicht zurückgezogen, die Welt, den Kosmos nicht sich selbst überlassen hat, sondern der der Herr des Kosmos, der Welt, der Geschichte und aller irdischen und außerirdischen Mächte ist und darum auch in dieser Welt wirkt, Kol. 1,16.17, und zwar  nicht nur auf natürliche, sondern auch auf wunderbare Weise.

    2. Weil die Bibel des heiligen Gottes Wort ist, so kann und darf ihr Verständnis keiner menschlichen Vernunft, Wissenschaft, Ideologie, Philosophie, Erfahrung, Tradition oder einem menschlichen Ausleger (z.B. Lehramt, Papsttum) unterworfen werden, sondern a) ist die Schrift in ihrem einen eindeutigen Sinn, dem sensus literalis, zu nehmen als dem einzig wahren Sinn, der nur einer ist; b) legt Schrift Schrift aus (Analogie des Glaubens, Röm. 12,7, dogmatische Auslegung) und ist die Vernunft gefangen zu nehmen unter den Gehorsam Christi, 2 Kor. 10,5, denn der Heilige Geist ist allein der rechte Ausleger der Schrift. Die Schrift legt die Schrift dabei entweder unmittelbar aus, nämlich indem sie die Erklärung selbst hinzufügt – und dann ist keine andere Auslegung anzuerkennen, oder mittelbar, wenn sie die Auslegungsmittel wie Ursprache, Vorhergehendes und Folgendes, Zweck, Parallelstellen, Analogie des Glaubens, allgemeiner Zweck der heiligen Schrift, historische Verhältnisse und Umstände darreicht, welche sich in der Schrift befinden, auch wenn der Gebrauch von außen hinzukommt.

    Soweit menschliche Wissenschaften, wie Archäologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, begleitend eingesetzt werden, können sie nur dienenden Charakter haben, niemals aber die Aussage der Schrift oder einer Stelle der Schrift beeinflussen oder festlegen.

    Der eigentliche buchstäbliche Sinn ist derjenige, welchen der Heilige Geist durch die eingegebenen Worte, mögen dieselben nun eigentlich oder bildlich zu nehmen sein, zunächst beabsichtigt; z.B die Aussage „Herodes ist ein Fuchs“ hat als buchstäblichen Sinn: Herodes ist einem Fuchs in List und Bosheit ähnlich. (Pfeiffer, in: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI C)

    Der buchstäbliche Sinn kann sowohl der eigentliche als der uneigentliche sein; von der eigentlichen Bedeutung eines Wortes oder Satzes ist aber nur abzugehen, wenn die Schrift selbst dazu zwingt, nämlich entweder die Umstände des Textes selbst oder eine Parallelstelle oder die Analogie des Glaubens. (siehe: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI F)

    Jede Stelle der Heiligen Schrift hat nur einen buchstäblichen Sinn, das heißt, jede hat einen bestimmten und durch die Worte, mögen sie nun eigentlich oder bildlich zu nehmen sein, vom Heiligen Geist zunächst beabsichtigten Sinn, welches eben der buchstäbliche ist. Allein dieser buchstäbliche Sinn ist beweiskräftig. (siehe: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI C; D)

    Wir wissen von keinem Geist Gottes und suchen keinen Geist Gottes außerhalb des Wortes und Buchstabens der Heiligen Schrift. (siehe: Eikmeier, These 6)

    Bei der Begründung jeder Lehre ist immer auf die vorhandenen klaren Hauptstellen, den eigentlichen Sitz der Lehre, zurückzugehen. (siehe auch: Eikmeier, These 5)

    Das Verständnis der Begriffe ergibt sich a) aus dem natürlichen Sprachgebrauch und ihrer eigentlichen und ursprünglichen Bedeutung, welche der Buchstabe oder die Grammatik und die natürliche Weise zu reden mitbringt und b) aus ihrem Gebrauch in der Heiligen Schrift, der daher nicht von der Sprachwissenschaft dominiert werden darf, sondern allein entscheidend ist. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI B; Pieper, Christliche Dogmatik, Bd 1, S. 441)

    Jede Auslegung, die nicht der Ähnlichkeit oder Analogie des Glaubens entspricht, Röm. 12,7; 2 Tim. 1,13, ist zu verwerfen. (Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI I) In diesem Zusammenhang gilt, dass die Grammatik der Dogmatik (Analogie des Glaubens) untergeordnet ist. Die Ähnlichkeit des Glaubens oder das Vorbild der heilsamen Worte ist die ganze Reihe oder Zusammenfassung der himmlischen Lehre von dem, was zu glauben ist oder von den Artikeln des Glaubens, welche aus solchen Schriftstellen entnommen ist, wo der Heilige Geist von denselben absichtlich oder doch nach aller Eingeständnis handelt, und zwar mit runden, einfachen, deutlichen und über alle Einwände erhabenen Worten. Über die Ähnlichkeit des Glaubens ist aus der Schrift und namentlich aus dem ursprünglichen und eigentlichen Sitz der Artikel in der Schrift zu urteilen. (Pfeiffer, in: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI I)

    3. Wir glauben, lehren und bekennen, dass die Heilige Schrift kein dunkles, unverständliches Buch ist, sondern unseren Füßen eine Leuchte und ein Licht auf unserem Wege, Ps. 119,105, also hell und klar, 2 Petr. 1,19; 2 Kor. 4,3.4. Jeder Lehrartikel ist zumindest an einer hellen Stelle deutlich gelehrt. Dunklere Stellen aber sind mit Hilfe der helleren Stellen auszulegen. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVI G) Es gibt aber Dunkelheiten in der Schrift, aufgrund unserer menschlichen Unzulänglichkeit, die wir nicht erklären können.

    „Die Grundlage aller exegetischen Tätigkeit, ob wir darunter im allgemeinen die Entfaltung des Schriftinhalts oder im besondern die Erklärung schwieriger Stellen verstehen, ist die Tatsache, dass die ganze christliche Lehre in solchen Schriftstellen geoffenbart vorliegt, zu welchen Gelehrten und Ungelehrten der Zugang gleicherweise offen steht, die also keiner Exegese im Sinne der Erklärung von Dunkelheiten bedürfen.“ (Pieper, Christliche Dogmatik, Bd 1, S. 434) „Daher besteht die eigentliche Aufgabe des Exegeten darin, den fahrigen Menschengeist beim einfältigen Schriftwort festzuhalten und, wo er bereits davon abgewichen ist, zu dem einfältigen Schriftwort zurückzuführen.“ (Pieper, a.a.O., S. 435)

    Die Lehrartikel mögen sich zuweilen für die Vernunft wie Paradoxa zueinander verhalten. Sie dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt oder geglättet werden (etwa das Gesetz gegen das Evangelium; Gottes Liebe gegen Gottes Heiligkeit).

    Jede Schriftstelle der Heiligen Schrift ist zu verstehen a) nach den Regeln der Grammatik, b) nach dem Sprachgebrauch; c) in ihrem engeren, d) in ihrem weiteren Zusammenhang; e) in ihrer Stellung in dem bestimmten Buch; f) in ihrer Stellung in der Heiligen Schrift; g) in ihrer lehrmäßigen Stellung; h) im Blick auf den Skopus des Abschnittes; i) im Blick auf den Skopus des Kontextes; j) im Blick auf den Skopus des Buches und der Heiligen Schrift insgesamt und die Beziehung der Stelle dazu; k) die geschichtlichen und anderen Verhältnisse und Umstände, die in der Schrift selbst enthalten sind; l) nach der Analogie des Glaubens. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ..., These XVI) Da es Gott gefallen hat, sich uns in menschlicher Sprache zu offenbaren und zu uns zu reden, so kann auch der buchstäbliche oder eigentliche Sinn dieser göttlichen Worte und Reden nicht anders gefasst und begriffen werden als nach den Regeln, denen überhaupt alle menschliche Sprache und deren Auslegung unterworfen ist. (siehe auch: Eikmier, These 7). Doch ist der Buchstabe immer der (aus den klaren Stellen der Heiligen Schrift geschöpften) Analogie des Glaubens unterzuordnen, daher ist in diesem Sinne die Dogmatik die Königin über die Grammatik. (siehe Eikmeier, These 8)

    Die Anordnung der Perikope, der Bau der Sätze, die Wortwahl und Wahl des Stiles sind dabei genau zu beobachten, denn alles steht so nach Gottes Willen und Plan und hat seine Bedeutung für die Aussage. Unterschiede in Wortwahl und Stil innerhalb eines Abschnittes oder Buches bedeuten nicht unterschiedliche Verfasser, sondern stehen im Zusammenhang mit den Aussagen und sind in dieser Beziehung zu beachten.

    4. Weil die Heilige Schrift als das geistgehauchte Gotteswort vollkommen ist, also alles enthält, was zur Seligkeit und einem Gott wohlgefälligen Leben nötig ist, 2 Tim. 3,14-17, darum bedarf sie auch keiner Ergänzung durch irgendeine Tradition, Wissenschaft, Philosophie oder sonstige Lehre von außerhalb.

    5. Wir glauben, lehren und bekennen, dass die Schrift nur dann recht verstanden werden kann, wenn Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Kern und Stern der Schrift Alten und Neuen Testamentes verstanden wird, 1 Kor. 2,2; 3,11; Luk. 24,27, und somit die Rechtfertigungslehre (Rechtfertigung allein aus Gnaden, allein um Christi Verdienst willen, allein durch den Glauben) als die Zentrallehre der Heiligen Schrift. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVIII A) Joh. 5,39; Luk. 24,27; Joh. 14,6; Apg. 4,12; 2 Kor. 1,20.

    Der Schlüssel zum Verstehen der Heiligen Schrift ist daher die rechte Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, 2 Tim. 2,15, ohne die die Aussagen der Schrift verdunkelt und verwirrt werden. (Zur ausführlichen Darlegung wird verwiesen auf die Abendvorträge von C.F.W. Walther über Gesetz und Evangelium. Und: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XVIII B)

     Die Heilige Schrift ist uns gegeben zur Lehre, zur Aufdeckung der Schuld, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, 2 Tim. 3,16, vorzüglich zur Unterweisung zur Seligkeit durch den Glauben an Jesus Christus, Joh. 20,21; 2 Tim. 3,15; 1 Joh. 5,13; uns zum Vorbild und zur Warnung, 1 Kor. 10,1-11; zur Vollkommenheit unserer Freude in dem Herrn, 1 Joh. 1,4; damit wir sicheren Grund unter den Füßen haben, Luk. 1,4. Sie will damit ein Zuchtmeister auf Christus sein, zur Sündenerkenntnis und Reue führen (2. Gebrauch des Gesetz, Röm. 7,7; Gal. 3,24), uns den Willen Gottes kundtun (3. Gebrauch des Gesetzes, Ps. 119; Röm. 3,31; 1 Joh. 2,5), vor allem aber die Absolution Gottes in Christus Jesus uns zueignen und den allein seligmachenden Glauben an Christus wirken (Evangelium, Joh. 6,63; Luk. 24,47; 1 Kor. 1-2; 2 Kor. 5,16-21). Sie ist kein leeres Wort, sondern ist Geist und ist Leben, Joh. 6,63, wirkkräftiges Gnadenmittel.

    Jeder Lehre des Wortes Gottes ist diejenige Stellung und Bedeutung zu geben, die dieselbe in Gottes Wort selbst hat.

    6. Wir glauben, lehren und bekennen, dass wir in der Heiligen Schrift nur zwei große Einheiten haben, die einander aber nicht widersprechen, sondern auf einander aufbauen, nämlich Altes und Neues Testament oder Alten und Neuen Bund, Jer. 31,31 f.; Hebr. 8,8 ff. Das Alte Testament führt hin auf das Neue Testament, ist vor allem auch Verheißung; das Neue Testament kommt vom Alten her, ist die Erfüllung und Vollendung. Das Alte Testament wird darum nur richtig verstanden, wenn es vom Neuen Testament her und damit christozentrisch verstanden wird, Luk. 24,23; Joh. 5,39.

    Viele Aussagen des Alten Testamentes sind direkte Prophetien auf Jesus Christus und daher auch so und nicht typologisch zu verstehen. Neben diesen direkten Prophetien (wie 2 Sam. 7), gibt es aber auch noch wirkliche typologische Prophetie, etwa in den Personen (Noah, Joseph, Mose, Josua, David, Salomo) oder den gottesdienstlichen Ordnungen (Opfer, Versöhnungsopfer, Leuchter, Schaubrote, Sabbath).

    Wir glauben, lehren und bekennen, dass das leibliche Israel in sofern eine Sonderstellung einnimmt, als es Gottes Zeichenvolk ist und bis zu Christi Wiederkunft bleiben wird (Matth. 24,34), das Volk, an dem der Herr sein Handeln in Gericht und Gnade allen anderen Völkern vor Augen führt. Das geistliche Israel oder geistliche Volk Gottes aber sind allein die an den Messias, den Heiland Jesus Christus, Gläubigen, die aus den Juden wie den Heiden kommen, Eph. 2,11 ff., und denen allein die Verheißungen des Alten und Neuen Testamentes gelten, Röm. 2,25-29.

    7. Wir glauben, lehren und bekennen, dass der lebendige, dreieinige Gott sich in der Geschichte offenbart hat, nämlich im Zusammenhang von Ereignissen in dieser Welt. Deshalb aber ist Gottes Wort, Gottes Lehre nicht zeitbedingt, sondern ewig unveränderlich, gleich für alle Zeiten, Völker, Kulturen, Rassen, Klassen, Ps. 119,89-91.

    Etliche Aussagen der Heiligen Schrift haben ihre unmittelbare Bedeutung nur für eine bestimmte Zeit (z.B. die Sozial- und Religionsgesetze des Alten Bundes), aber das geht eindeutig aus der Schrift selbst hervor. Das Sitten-, Moral- oder natürliche Gesetz gilt dagegen für alle Menschen aller Zeiten. Wir finden es im Alten Testament dort, wo Gott auch die Heiden darum straft, oder in solchen Anordnungen, die dann im Neuen Testament wiederholt werden.

    Einige Stellen sind, besonders bei prophetischen Texten, bildhafte Rede, die dann durch andere Stellen der Schrift auszulegen sind. Aber auch solche Stellen werden durch die Schrift selbst als Bildrede deutlich bezeichnet.

    8. Grundlegend für alle rechte Auslegung ist der Ur- oder Grundtext. Bei der Vergleichung der verschiedenen Handschriften ist a) vor allem ihre geistliche Herkunft wichtig; Handschriften rechtgläubiger Gemeinden sind denen von Häretikern vorzuziehen; b) zu untersuchen, wie viele Entstellungen biblischer Lehre und des Textes sich in einer Handschrift feststellen lassen (was ihren Wert reduziert); c) zu prüfen, wie groß die Anzahl der Zeugen einer Textform ist; d) die Kontinuität der Überlieferung zu beachten; e) zu prüfen, wie der Kontext zu der Textform steht; f) die Gesamtaussage der Zeugen der frühen Kirche zu berücksichtigen; g) zu prüfen, wie es um die anerkannte Verbreitung der Handschrift in der frühen Kirche stand.

    Ausgangspunkt ist dabei die Verheißung Jesu, dass wohl Himmel und Erde vergehen werden, seine Worte aber nicht, Luk. 21,33, weshalb auch tatsächlich der Urtext erhalten geblieben ist und von uns nur festgestellt werden muss.

    9. Was die Heilige Schrift selbst zu den Einleitungsfragen sagt – etwa über Schreiber, Abfassungszeitpunkt, -ort; -grund – ist biblische Lehre und damit verbindlich und keine bloß „literarische Frage“.

    10. Alles, was die Heilige Schrift lehrt, kann nicht offene Frage sein, sondern ist durch Gottes Wort schon entschieden. Zu allem aber, wozu die Heilige Schrift schweigt, muss die Theologie auch schweigen und darf keine eigene Lehre ohne Schriftgrund setzen. Solches sind dann echte offene Fragen und in dieser Welt auch nicht lösbar. Lehre in der Kirche kann nur sein, was als in Gottes Wort enthalten unwidersprechlich gewiss erwiesen ist. (siehe auch: Die evangelisch-lutherische Kirche, die wahre ... These XIX)

    Gottes Lehre, Gottes Ordnung und Gottes Mandat kann nur sein, was die Heilige Schrift tatsächlich lehrt. Wenn die Heilige Schrift keine Aussagen trifft, kann aus diesem Schweigen zwar gefolgert werden, dass in diesem Bereich eine christliche Freiheit gegeben ist, nicht aber, dass aus menschlicher Vereinbarung erfolgende Übereinkünfte, Ordnungen göttliches Recht sind.

    11. Die Behauptung, weil das alttestamentliche Zeremonialgesetz im Neuen Testament mit dem Neuen Bund aufgehoben ist, so könne es im Neuen Bund keine Ordnungen oder Mandate Gottes geben, ist eine philosophische und keine Schriftaussage und daher eine unbiblische Vorentscheidung, durch die die biblische Lehre verändert wird. Gottes Ordnungen und Mandate im Neuen Bund (zum Beispiel die Gnadenmittel, die örtliche Gemeinde, das heilige Predigtamt, die Kirchenzucht) sind allerdings keine Gesetze im alttestamentlichen Sinne, dass wir durch ihr Halten die Seligkeit gewinnen könnten, sondern sind evangelische Ordnungen und Mandate, deren sich Gott bedient, um uns das Heil in Jesus Christus anzubieten, darzureichen, zuzueignen.

    12. Nach evangelisch-lutherischen Grundsätzen ist die Übereinstimmung der rechtgläubigen Kirche, der Bekenntnisse und der Väter ein Zeugnis für die richtige Auslegung der Heiligen Schrift und ist darum für uns glaubensstärkend, in dem richtigen Verständnis der Heiligen Schrift uns fördernd, versichernd und befestigend, aber dasselbe kann an und für sich nicht maßgebend sein, sondern letzteres ist immer nur die heilige Schrift. (Eikmeier, These 10)

    „Ein Christ ist sich immer seiner eigenen großen Schwachheit bewusst, er ist immer bereit, von seiner eigenen Person, von seinen eigenen Gaben, von dem Maße seiner eigenen Erkenntnis das Geringste zu denken, weit entfernt darum, die Zeugnisse der Bekenntnisse und Väter gering zu schätzen, erkennt er, eingedenk dessen, was St. Paulus 1 Kor. 12,10.11 und 1 Thess. 5,20 sagt, in denselben vielmehr ein herrliches Mittel, welches nicht nur das rechte Verständnis der heiligen Schrift fördert, sondern auch das Herz fest und gewiss macht.“ (Eikmeier, These 10)

    „In Fällen aber, wo ein Christ in Sachen der Lehre oder auch der Auslegung einer Schriftstelle eine Meinungsverschiedenheit bei sich fände mit dem Zeugnis der alten Kirche oder auch eines der großen Lehrer derseslben, da müsste ihn das nur treiben, umso mehr anzuhalten mit Suchen und Forschen und um Erleuchtung des Heiligen Geistes zu bitten, bis er entweder sich von der Richtigkeit der Meinung und Lehre der alten Kirche und der Väter überzeugt hat; oder aber im andern Fall sich um so klarer, fester und gewisser geworden ist aus Gottes Wort, dass er den richtigen Sinn desselben erkannt, die alten Väter dagegen geirrt haben.“ (Eikmeier, These 10)

 

    Wir verwerfen als falsche Lehre bzw. Praxis: dass die Heilige Schrift Gottes- und Menschenwort sei; dass in der Heiligen Schrift Gottes- und Menschenwort unterschieden werden müssten; dass es in der Heiligen Schrift Anpassungen an den Zeitgeist, an menschliche Weltbilder und damit „Mythen“, Fehler, Irrtümer, Widersprüche gebe; dass die Heilige Schrift einem Vorverständnis der menschlichen Vernunft oder Philosophie oder Wissenschaft unterworfen wird (z.B. einem diesseitigen Weltbild, das Wunder und ein direktes Eingreifen Gottes ausschließt; oder dem Vorverständnis durch Naturwissenschaften, Psychologie, Soziologie, Linguistik oder anderen menschlichen Erkenntnissen); dass die Heilige Schrift nur in ihren „heilsmäßigen“ Aussagen irrtumslos sei; dass aus der Heiligen Schrift nur heilsmäßige Lehre gezogen werden dürfte, keine verbindlichen Aussagen in naturwissenschaftlichen, geographischen, historischen Dingen; dass die Aussagen der Heiligen Schrift zeitbedingt und daher je nach Kultur und Zeit veränderlich seien; dass alle Aussagen der Heiligen Schrift linear auf einer Ebene lägen und nicht um den Kern, den Jesus Christus für uns, in kleinerem oder größerem Abstand gruppiert und in der Unterscheidung von Gesetz und Evangelium zu verstehen sind; dass die Heilige Schrift in (sieben) verschiedene „Haushaltungen“ zu unterteilen sei, wobei die ihnen zugeordneten Abschnitte für andere Zeiten nur bedingte Bedeutung und Verbindlichkeit hätten; dass die Prophezeiungen des Alten Testamentes auf das Israel nach dem Fleisch, nicht nach dem Geist (Gemeinde Jesu Christi) gingen; dass es neben dem buchstäblichen Sinn noch andere schriftgemäße „Sinne“ geben könnte; dass es neben der Heiligen Schrift oder über ihr Autoritäten (Vernunft, Wissenschaft, Philosphie, Lehramt, Papsttum) geben könnte, die ihre Auslegung beeinflussen oder bestimmen; dass Zweifel an der Heiligen Schrift erlaubt und nicht Sünde wären; dass abgesehen wird von den objektiven Tatsachen, die Gott geschaffen hat, hingesehen dagegen auf subjektive „existentielle Getroffenheit“ heute; dass es nicht darum gehe, was die Schrift tatsächlich, objektiv, Aussage, sondern was sie mir heute sage; dass die Schrift dunkel sei und deshalb einer besonderen Auslegung durch ein angeblich von Gott geordnetes Lehramt oder Papsttum bedürfe; dass der Ausgangspunkt für die Theologie und das Schriftverständnis die Lage des Menschen, seine Wünsche, Bedürfnisse sein müsste; dass direkte christusbezogene Prophetie des Alten Testamentes typologisch verstanden wird; dass die Methode der Schriftauslegung neutral sei und daher jede Methode in der Theologie angewendet werden dürfte; dass die Grammatik auch gegenüber der Dogmatik (Analogie des Glaubens) bestimmend sei; dass die Aussage der Begriffe aus der Sprachwissenschaft anstatt aus der Bibel zu gewinnen sei; dass es im Neuen Testament keine göttlichen Ordnungen und Mandate gebe; dass auch dies aus göttlichem Recht gesetzt sein könne, worüber die Heilige Schrift tatsächlich gar nichts aussagt; dass die biblische Lehre nicht allein aus den hellen und klaren Schriftstellen zu gewinnen ist, sondern durch die Exegese oder gar eine besondere exegetische Methode erst ermittelt werden oder zumindest unzweifelhaft gemacht werden müsste; dass die Analogie des Glaubens nicht die aus den hellen Stellen der Schrift gewonnene Schriftlehre sei, sondern die Glaubenshaltung des frommen Ich oder ein „Ganzes der Schrift“ oder ein sonst nicht allein aus der Schrift gewonnenes Lehrsystem; dass die Kenntnis der Profangeschichte über ihre apologetische Bedeutung hinaus irgendeine Bedeutung für die Auslegung der Heiligen Schrift habe oder dafür sogar notwendig sei oder sie zumindest ergänze; dass deshalb die exegetische Arbeit die Grundlage der Theologie sei; dass es eine doppelte Wahrheit gebe, bei der die eigentliche Aussage der Bibel falsch sei, man aber dennoch theologische, „heilsmäßige“ Schlüsse daraus ziehen könnte; dass die Bibel Weltbilder, Mythen, Anpassungen an den Zeitgeist, Fehler, Irrtümer enthalte; dass die Schrift so zu verstehen sei, wie der Leser oder Hörer sie in seinem „Betroffensein“ auffasse.